77 den, hätte jeder nur für sich gelebt, und hätte man nicht die Gemeinschaft über sich selbst gestellt, die Gesellschaft wäre unter den Angriffen der umgehenden Naturkräfte oder der feindlichen Tiere untergegangen. Wenn zum Beispiel in einem Rudel zusammenlebender Büffel micht jedes Indi— viduum sich für die Gemeinschaft hingibt, indem es stand— hält, wenn der Tiger die Herde an dem Punkte anfällt, wo es im Kreise seiner Kameraden steht, — wenn jedes Indi⸗ viduum zur Rettung seines eigenen Lebens flieht, ohne sich um die Gemeinschaft zu kümmern, dann geht diese Gesell— schaft zugrunde. Darum ist Selbstaufopferung der erste soziale Trieb, der bei einer solchen Tierart entstehen mußte. „Dann die Tapferkeit in der Verteidigung der gemeinsamen Interessen; die Treue gegen die Gemein— schaft; die Unterordnung unter den Willen der Gesamtheit, also Gehorsam oder Disziplin; Wahrhaftig— ke itt gegen die Gesellschaft, deren Sicherheit man gefähr— det oder deren Kräfte man vergeudet, wenn man sie irte— führt, etwa durch falsche Signale. Endlich Ehrgeiz, die Empfänglichkeit für Lob und Tadel der Gemeinschaft. Das alles sind soziale Triebe, die wir schon in tierischen Gesellschaften ausgeprägt finden, manche davon oft in hohem Maße. „Die sozialen Triebe sind aber nichts anderes als die erhabensten Tugenden, ihr Inbegriff das Sittengesetz. Höchstens fehlt unter ihnen noch die Gerechtigkeitsliebe, das ist der Drang nach Gleichheit. Für deren Entwicklung ist in den tierischen Gesellschaften freilich kein Platz, weil sie nur natürliche, individuelle, nicht aber durch gesellschaft— liche Verhältnisse hervorgerufene soziale Ungleichheiten kennen.“ Die Gerechtigkeitsliebe, der Drang nach sozialer Gleichheit ist deshalb etwas dem Menschen Eigen— tümliches.*) Das Sittengesetz ist ein Produkt der Tierwelt; es lebte schon im Menschen, als er noch ein Herdentier war; es ist uralt, denn solange der Mensch ein gesellschaftliches ) Wir können dem Leser, namentlich wenn er zur arbeitenden dlasse gehört, nicht genug die Lektüre von Kautskhs „Ethik und materialistische Geschichtsauffassung“ empfehlen, der wir hier vieles entleihen. Vie Ethik ist das leßte Bollwerk, hinter welches jene Leute, die den Arbeiter mit Hilfe der Religion in Unmündgkeit er— halten wollen, sich verschanzen. Wenn man den irdischen Ursprung der höchsten sitklichen Gebote durchschaut hat, dann werden vielé zeistige Fesseln wegfallen. Auch, wird die Solidarität gestärkt, benn man erkennt, daß sie in den ältesten Gefühlen des menschlichen Geschlechts wurzell.