89 — offen ist. Es ist nicht möglich, zu gleicher Zeit einander den Markt, die Stellung, die Arbeit im Konkurrenzkampf zu nehmen und zugleich der inneren Stimme zu gehoörchen, die uns von der Urzeit her zuflüstert, zu unseren Mit— menschen zu stehen, da zwei staͤrker sind als einer. Es ist unmöglich, und jede Lehre, die da sagt, so kann und soll es sein, führt zur Heuchelei. In seiner Analyse der Waren, der Kapitalproduktion hat Marx aufgedeckt, wie der Charakter solcher Menschen, die unabhängig voneinander ihre Produkte als Waren produzieren, notwendig werden muß: feindselig und ent— fremdet, nicht mehr im Verhältnis von Menschen zuein— ander, sondern wie Dinge, wie Stücke Leinwand, Ballen Kaffee, Tonnen Erz, Haufen Geld; so hat Marx das wirk— liche Verhältnis der Menschen zueinander aufgezeigt, das tatsächliche Verhältnis und nicht jenes, das nur in der Phantasie der Dichter oder in den Predigten der Priester besteht. Zweitens aber hat die Entwicklung der Technik und die Arbeitsteilung Menschengruppen erzeugt, deren Mit— glieder, obgleich untereinander oft in Konkurernzkampf be— griffen, dennoch anderen Gruppen gegenüber diefelben Interessen haben, mit anderen Worten, die gesellschaftlichen Klassen. Die Grundbesitzer haben den Industriellen, die Unternehmer den Arbeitern gegenüber dieselben Inter— essen, und umgekehrt. Mögen sie sich auf dem Markté auch gegenseitig Abbruch tun, im Kampfe für die Getreidezölle haben alle Grundbesitzer, im Kampfe für Schutzzölle auf Industrieprodukte alle Industriellen, im Kampfe gegen gute Arbeiterschutzgesetze alle Unternehmer dasselbe Interesse. Der Klassenkampf tötet also auch ein gut Teil der Sittlichkeit, denn das sittliche Gebot kaun nicht einer Klasse zegenüber gelten, die die unsere zu vernichten oder zu schwächen versucht, und jene Klasse kann auch der unseren gegenüber keine Selbstaufopferung und Treue empfinden Nur innerhalb der Klasse kann auf den Gebielen des Klassenkampfes noch von irgend einem sittlichen Gebot die Rede sein; der anderen Klasse gegenüber gilt das höchste sittliche Gebot ebensowenig wie dem Feinde gegenübet So wenig man im Kriege daran denkt, sich für den Feind zu opfern, so wenig fällt es jemand ein, dem Mitglied der gegnerischen Klasse, als sohch em, beizustehen Gleich— wie bei einigen Tieren das sittliche Gebot nur den Mi— zliedern derselben Herde gegenüber gilt, gleichwie es bei