— 31 — ——— den früheren Menschenstämmen nur für die Stammes— genossen galt, so gilt es in der Klassengesellschaft nur Klassengenossen gegenüber, und das nur, soweit es die Konkurrenz gestattet. Durch den Fortschritt der Technik, durch die Anhäu— fung von riesigen Reichtümern einerseits, von Scharen be— itzloser Proletarier andererseits wird in unserer Zeit der Klassenkampf zwischen Besihenden und Besitzlosen, Kapi— talisten und Arbeitern immer schärfer und heftiger In unseren Tagen kann also von einem Befolgen der höchsten sittlichen Gebote zwischen den Klassen untereinander je länger je weniger die Rede sein Im Gegenteil, die an— deren großen Triebe, die der Selbsterhaltung und der Sorge für die Nachkommenschaft, haben jeht in den Klassen bei weitem die Oberhand über die alten sozialen Tugenden gewonnen. Der Instinkt der Selbsterhaltung läßt die kapi— talistischen Klassen immer schroffer den Arbeitern das Not— wendige verweigern Sie fühlen, daß sie in nicht allzu ferner Zeit alles, all ihren Besitz, all ihre Macht werden ab— geben müssen, und aus Furcht, auch nur einen Schritt auf diesem Weg zu tun, werden sie immer widerwilliger, auch nur etwas zu geben. Und auch der Arbeiter fühlt gegen— über dem Kapitalisten keine Nächstenliebe, denn die Triebe der Selbsterhaltung und der Liebe für seine Kinder treiben ihn, die Kapitalisten niederzuringen und auf diese Weise eine herrliche, glückliche Zukunft zu erobern. Die Entwicklung der Technik, der gesellschaftliche Reich—⸗ tum, die Arbeitsteilung, sind so weit fortgeschrikten, die be— sitzenden und die besißlosen Klassen sind so weit vonein— ander getrennt, daß der Klassenkampf „zu der hauptsäch— lichsten, allgemeinsten, dauerhaftesten Form des Kampfes ums Dasein der Individuen in der Gesellschaft ge— vorden ist“. Mit der wachsenden Konkurrenz hat unser soziales Ge— fühl, unser Gefühl gegenüber den Mitgliedern unserer Ge⸗ sellschaft, das heißt unsere Sittlichkeit an Kraft abgenom⸗ men Mit dem Klassenkampf hat unser soziales Gefühl gegenüber den Mitgliedern anderer Klassen, das heißt un⸗ sere Sittlichkeit ihnen gegenüber gleichfalls abgenommen, aber desto kräftiger ist es gegenüber den Mitgliedern un— serer eigenen geworden Ja, so weit ist es mit dem Klassenkampf schon ge— lommen, daß für die Mitglieder der wichtigsten Klassen das Wohl hrer Klasse mit dem Gemeinwohl, dem Wohl der ganzen Gesellschaft gleichbedeutend geworden ist. Um des