95 — Recht, Brüderlichkeit. Es scheint also, als ob das Ideal immer dasselbe sei. Bei genauerem Zusehen stellt sich als Ursache dieser Erscheinung heraus, daß, seitdem es eine Klassengesellschaft gibt, a lle herrschenden Klassen die Unfreiheit, die Un— gleichheit und das Unrecht in Schutz genommen haben, und a lLIe Beherrschten und Unterdrückten, sobald sie zum Be— wußtsein kamen und ihre Kraft sich zu regen begann, Recht, Freiheit und Gleichheit forderten. Weil es immer Unter drückung gab, gab es auch immer Sinn für Freiheit und Gleichheit. Wenn wir aber hinter die Losungen, hinter die Worte blicken, dann finden wir, daß die Gleichheit und Freiheit, die die einen forderten, eine ganz andere war als die, die die anderen verlangten, und daß der Unter— schied von den Klassen- oder Produktionsverhältnissen, in denen die verschiedenen Unterdrückten sich befanden, her— rührte. Wir haben das schon früher an den Beispielen des Christentums, der französischen Revolution und der So— zialdemokratie nachgewiesen und brauchen das also nicht nochmals zu beweisen. Auch das sittliche Ideal ist für verschiedene Zeiten und Klassen verschieden. Es lebt und entwickelt sich wie alle Ideen. Die ganze Sittlichkeit ist also, ebenso wie die Politik, das Recht und andere Geistesblüten, eine nmatürliche Erscheinung, die wir recht gut verstehen und in ihrer Entwicklung verfolgen können. Bemerkung Die Sittlichkeit ist nicht ein von den anderen ganz getrennter Bezirk des Geistes. Der Mensch ist nicht in enem Teil ein politisches Wesen, in einem anderen Teil ein juristisches Wesen, dann wieder gesondert ein sittliches, und in einei Teil ein religiöses Wesen. Der Mensch ist ein Ganzes, das wir nur, um es beser zu Derefen, in verschiedene Teile zerschneiden, damit wir jeden für sich besser betrachten können. In Wirklichkeit sind politische, sittliche, —J— religiöse Auffassungen eng miteinander berflochten und bilden zusammen einen Geistesinhalt. Es nimmt uns also kein Wunder, daß sie alle gegenseitig aufeinander einwirken, Die einmal gebildete politi— sche Ueberzeugung bekommt eigene Kraft und wirkt auf die uristischen Auffassungen und sittlichen Gefühle ein; die einmal gebildeten sittlichen Gefühle wirken auf die politi— schen und anderen Ueberzeugungen zurück Wir wollen das wieder an einem Beispiel dartun