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        <title>Der historische Materialismus</title>
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            <forname>Herman</forname>
            <surname>Gorter</surname>
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        ZB
Deusche Zentrasiblone
für MirtschaftsVssenschaften

1958 4743
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        9

vistoxische
Katerialismus

Fur Arheuler erllart don
Hermann Gorter

HAille bedeulend vermehrie Ausgahe
*

7
—8
— 9 7 — ——

——

* —
—
—— 9

—

s
4

Berlin 1928
Buchhaudlung für Arbeiterliteratur
Berlin 609 36, Lausitzer Plat 13
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        D0
fürd

—

2

8 —
77 —
        <pb n="5" />
        Vorwort zur 2. Auflage

Diese zweite Auflage ist dadurch erweitert
worden, daß ich überall, wo möglich, das
Beispiel der russischen und deutschen Revo—
lution als Beweis für den historischen Mate—
rialismus herangezogen habe.

Da das Büchlein in zahlreiche Sprachen
übersetzt worden ist, bitte ich bei eventuellen
neuen Auflagen Rücksicht auf diese zweite
Ausgabe zu nehmen.

Berlin, Dezember 10921.

H. Gorter

—— — —

Die dritte Auflage ist erweitert worden
durch die Ergänzungen über Religion und
die Einsteinsche Theorie, die Hermann
Gorter im Jahre 1928 geschrieben hat.
Berlin, im Nodember 1928.
(D. Herausgeber der 3. Auflage.)
        <pb n="6" />
        — —

Vorwort zur 3. Auflage

Im Jahre 1909 erschien „Der historische Materialis—
mus“ von H. Gorter aus dem Holländischen ins Deutsche
übersetzt von Anna Pannekoek. Das Schriftchen, für Ar—
beiter geschrieben, hat die Hergen und Hirne von Tausen—
den don Proletariern befruchtet Seine einfache Form, die
troh aller Popularisierung der Gefahr der Vulgarisierung
entging, sicherten dem Büchlein einen schnellen Wsatz Nur
wenige von gleichem Umfange zeigten der Arbeiterklasse so
sinnfaͤllig die Bedeutung der materialistischen Geschichts⸗
auffassung für die Erkennung und Ueberwindung der bür—
gerlichen Welt.
Im Dezember 1921 erschien die längst verlangte
2. Auflage von Gorters Schriftchen. Wie grundverschieden
war ihre Geburtsstunde von der Auflage Damals der
Kapitalismus in voller Kraft. Der Imperialismus teilte
die Welt auf, aber am Horizonte wetterleuchtet es von
drohendem Zusammenstoß. Die Arbeiterparkei war äußer⸗
lich noch einig, aber in ihr begann die Auflhsung und
Bildung eines linken marxistischen Flügels

Jetzt zitterte die Erde in weltrevolutionärer Erschütte
rung Der Weltkrieg hatte die Weltrevolution geboren
Die 2 Internationale war mit fliegenden Fahnen zur
        <pb n="7" />
        9
A
Konterrevolution übergegangen und verteidigte gegenüber
dem Ansturm der Revbolution das kapitalistische Privat⸗
eigentum Die alten herrschenden Klassen ließen durch die
sozialdemokratische Gironde das rebolutionäre Proletariat
niederkartätschen, um ihre Herrschaft wieder zu befestigen.
Die 3 Internationale unter Lenins Führung entschied
sich durch den Druck der Millionen Bauern und dem Maun—
gel revolulionaͤrer Unterstützung durch das internationale
Proletariat für den Rückzug In diesem Sturm und Drang
erschien die 2 Auflage. Die aktive Teilnahme Gorters an
den Kämpfen hatten eine eingehende Durchsicht verhindert.
Wie der Verfasser im Vorwort schrieb, war sie dadurch er—
weitert worden, daß er „überall, wo möglich das Beispiel
der russischen und deutschen Revolution als Beweis für den
historischen Materialismus herangezogen habe.“
Nun tritt das Schriftchen in neuem Gewande zum
drittenmale den Weg an Zehn Jahre sind vergangen, seit
dem der Kriegswahnsinn auf den Schlachtfeldern zusam—
menbrach und die Revolution ihr Haupt erhob. Zehn
Jahre, reich an heroischen Kämpfen und Niederlagen des
Proletariats, aber auch reich an Erfahrungen. Mag auch
die Revolution an ihren Ausgangspunkt zurückgeworfen
sein, so ist doch die materialistische Geschichtsauffassung die
Quelle, aus der die Mbeiterklasse die Erkenntnis zum end⸗
gültigen Siege schöpft

Leider trifft die 3 Auflage seinen Verfasser nicht
mehr unter den Lebenden. Der Tod hat ihm die Feder
aus der Hand geschlagen, nachdem er selbst noch einige Ka—
        <pb n="8" />
        pitel erweitert und die Durchsicht eben beendet hatte. In
dem Kampf gegen den Kapitalismus und seine bürgerlichen
und kleinbürgerlichen Helfershelfer ist „der historische Ma—
terialismus“ ein wertvolles Vermächtnis Hermann Gorters
an die Arbeiterklasse. Es wird in der Hand des denkenden
Arbeiters eine scharfe unentbehrliche Waffe im Dienste der
proletarischen Klassenbefreiung sein. Deun auch die Theorie
wird zur Gewalt, wenn sie die Massen ergreift.

Berlin, November 1928

D Herausgeber
        <pb n="9" />
        — — —

Der historische Materialismus

Die Aufgabe der Schrift.
Der Kommunismus umsaßt nicht nur das Bestreben,
das Privateigentum an den Produktionsmitteln, das heißt
an Naturkräften, Werkzeugen und am Boden, in gemein—
sames Eigentum zu verwandeln, und zwar mittels des
politischen Kampfes, der Eroberung der Staatsgewalt,
der Kommunismus umfaßt nicht nur einen politischen
umd bkonomischen Kampf, nein, er ist mehr, er umfaßt auch
den gegen die besitzenden Klassen geführten ideellen
Kampf um eine Weltanschauung

Der Arbeiter, der helfen will, die Bourgeoisie zu be—
siegen, und der seine Klasse zur Herrschaft bringen will,
muß in seinem Kopfe die bürgerlichen Gedanken, die ihm
von Jugend an von Staat und Kirche eingeflößt worden
sind, überwinden Es genügt nicht, daß er der Betriebs—
organisation und der politischen Partei angehört. Er wird
nie mit ihnen siegen können, wenn er sich nicht selbst inner—
lich zu einem anderen Meuschen macht, als wozu ihn die
Herrfcher gemacht haben. Es gibt eine gewisse Anschau—
ungsweise, eine Ueberzeugung, eine Philosohie könnte
man sagen, die die Bourgeoisie verwirft, die sich der Ar—
beiter anzueignen hat, will er die Bourgebssie besiegen
können.

Die Bourgeois wollen den Arbeitern einreden, der
Geist stehe über dem materiellen gesellschaftlichen Sein,
der Geist beherrsche und bilde aus sich heraus den Stoff.
Sie haben bis jeßzt selbst den Geist als Mittel zur Herr—
schaft gebraucht? sie verfügen über die Wissenschaft, über
das Geset, das Recht, die Politik, die Kunst, über die
Kirche, und mit alledem herrschen sie Nun möch—
ten sie gern den Arbeitern weismachen, daß dies
in der Natur der Sache liege, daß der Geist
von Natur aus das materielle gesellschaftliche Sein,
daß er die Arbeit des Arbeiters in der Fabrik, in
dem Bergwerk, auf dem Felde, auf der Eisenbahn und dem
Schiff beherrsche. Der Arbeiter, der das glaubt, der
        <pb n="10" />
        glaubt, der Geist erschaffe die Produktion aus sich heraus,
erzeuge die Arbeit und die gesellschaftlichen Klassen, der
wird sich der Bourgeoisie und ihren Helfershelfern, den
Priestern, Gelehrten usw unterwerfen, denn die Bour—
geoisie ha t den größten Teil der Wissenschaft, hat die
Kirche, ha kalso den Geist und muß, wenn dies Wahr—
heit ist, herrschen

Um ihre Macht zu behalten, macht dies die besitzende
Klasse den Arbeitern weis

Der Arbeiter jedoch, der frei werden will, der den
Staat in die Gewaͤlt seiner Klasse bringen und den
herrschenden Klasse die Produktionsmittel nehmen will,
der muß begreifen, daß die Bourgeoisie mit ihrer Dar—
stellungsweise die Sache auf den Kopf stellt und daß nicht
der Geist das Sein, sondern das gesellschaftliche Sein den
Geist bestimmt.

Begreift dies der Arbeiter, so wird er sich von dem
geistigen Regiment der besißenden Klassen frei machen,
hrer Denkart ein eigenes, stärkeres, richtigeres Denken
entgegenstellen.

Außerdem aber — weil sich die gesellschaftliche Ent—
wicklung, das gesellschaftliche Sein selbst in der Richtung
des Sozialismus bewegt, den Sozialismus vorbereitet,
darum wird der Arbeiter, der das versteht und auch ver—
steht, daß sein sozialistisches Denken aus dem gesellschaft—
lichen Sein hervorgeht, einsehen, daß, was in der mensch—
lichen Gesellschaft um ihn her stattfindet, die Ursache ist
von dem, was in seinem Kopfe vorgeht, daß der Sozialis—
mus in seinem Kopfe entsteht, weil er da draußen in der
Gesellschaft emporwächst. Er wird einsehen und fühlen,
daß er die Wahrheit über die Wirklichkeit besitzt; das
wird ihm den Mut und die Zuversicht geben, die für die
soziale Revolution nötig siind

Dieses Wissen ist also für den proletarischen Kampf
gerade so unen behrlich wie die Betriebsorganisation und
der politische Kampf; man darf sagen, daß der ökonomische
und der politische Kampf ohne dieses Wissen nicht voll—
kommen durchgekämpft werden kann Denn geistige
Sklaverei verhindert den Arbeiter, den materiellen Kampf
gut zu führen; das Bewußtsein, als armer Proletarier
geistig stärker als seine Beherrscher zu sein hebt ihn schon
über sie hinaus und gibt ihm die Kraft, sie auch tatsächlich
zu schlagen

Der historische Materialismus ist die Lehre, die er—
klärt, daß das gesellschaftliche Sein den Geist bestimmt,
        <pb n="11" />
        — —

das Denken in bestimmte Bahnen zwingt und über das
Wollen und Handeln von Personen und Klassen ent—
scheidet

Wir werden in dieser Schrift versuchen, so einfach
und klar als möglich den Arbeitern die Wahrheit dieset
Lehre zu zeigen.

IV.
Was der historische Materialismus nicht ist
Bevor wir jedoch dazu übergehen, klarzulegen, was
der historische Matkerialismus ist, wollen wir, um einige
Vorurteile zu beseitigen und Mißverständnissen vorzu—
beugen, zuvor sagen, was er nich dist. Es gibt namlich,
außer diesem historischen Materialismus, der die besondere
von Friedrich Engels und Karl Marx begründete Lehre
des Kommunismus ist, noch einen philosophischen Mate—
rialismus, vielleicht sogar mehrere Systeme dieser Art.
Und diese Systeme handeln nicht, wie der historische Mate
rialismus, von der Frage, wie der Geist durch das ge—
sellschaftliche Sein, durch die Produktionsweise,
die Technik, die Arbeit, gezwungen wird, sich in bestimmken
Bahnen zu bewegen, sondern von dem Zusa mmenhang von
Körper und Geist, Stoff und Seele, Gott und Welt usw.
Die anderen, nicht historischen, sondern allge—
meinphilosophischen Systeme versuchen eine
Antwort auf die Frage zu geben: Wie verhält sich das
Denken im allgemeinen zur Materie, oder wie ist das
Denken entstanden? Der historische Materialismus fragt
dagegen: Woher kommtes daß zu einer bé—
simmlten Zeitoundsogedacht pirde Der
allgemeine philosophische Materialismus wird zum Bei—
spiel sagen; der Stoff ist ewig, und aus ihm entsteht
unmter gewissen Umständen der Gesst, der wieder verschwin—
det, wenn seine Bedingungen nicht mehr vorhanden sind;
der historische Materialismus wird sagen; daß die Prole
tarier anders denken als die besihenden Klassen, ist eine
Folge dieser oder jener bestimmten Ursachen

Der allgemeine philosophische Materialismus fragt
nach dem Wesen des Denkens Der historische Mate
rialismus fragt nach der Ursache der Aeuderungen
im Denken Ersterer versucht den Ursprung, letzterer die
Entwicklung des Denkens zu erklären, Erstere ist philo—
sophisch, lekterer historisch Ersterer seßt emen Zustand
        <pb n="12" />
        — 1720 —

voraus, worin noch kein Denken, kein Geist besteht, letzterer
seht das Dasein des Geistes voraus. Man bemerkt den
großen Unterschied.

Wer die Lehre des Kommunismus untersuchen und
kennen lernen will, muß damit anfangen, daß er diesen
Unterschied gut beachtet. Denn die Gegner und vor allem
die Glaͤubigen gehen darauf aus, diese beiden zusammen—
zuwerfen und durch den Abscheu vor dem ersten bei den
gläubigen Arbeitern auch den zweiten in die Acht zu er—
klaären Die Seelenhirten der Gläubiger sagen: Der Ma—
terialismus verkündet, daß die ganze Welt nichts als me—
chanisch bewegter Stoff sei, daß Stoff und Kraft das einzig,
ewig und absolut Bestehende seten, daß das Denken bloß
eine Ausscheidung des Gehirns sei, wie die Galle der
Leber; sie sagen die Materialisten seien Stoffanbeter und
der histoxische Materialismus sei das nämliche wie der
phllosophische Materialismus. Viele Arbeiter, namentlich
katholischen Gegenden, denen noch die stlavische Au—
betung des Geistes anhaftet und von denen nur sehr wenige
die wirklichen Ansichten des Kommunismus über das
Wesen des Geistes kennen, so wie sie von Joseph Dietzgen
dargestellt wurden, glauben dieses Gerede und sie scheuen
sich, die kommunistischen Redner zu hören, die sie zur
Sloffanbetung und so zur ewigen Verdammnis führen
wollen.

Diese Behauptungen sind falsch Wir werden durch
eine Reihe von Beispielen beweisen, daß der historische
Materialismus nicht über das allgemeine Verhältnis von
Geist und Stoff, Seele und Materie, Gott und Welt,
Denken und Sein handelt, sondern daß er nur die durch die
gesellschaftlichen Aenderungen hervorgebrachten Aende—
rungen im Denken dartut.

Wir werden damit den christlichen Demagogen eine
mächtige Waffe aus den Händen schlagen.

Wenn wir jedoch dartun, daß der historische Mate—
rialismus nicht dasselbe ist wie der philosophische Mate—
rialismus, so wollen wir damit nicht sagen, daß der histo—
rische Materialismus nicht zu einer allgemeinen Weltan—
schauung führen könne Im Gegenteil, der historische
Malerialismus ist wie jede Erfchrungswissenschaft ein
Mittel, zu einer allgemeinen philosophischen Welt—
anschauung zu gelangen. Das ist eben auch ein wichtiger
Teil seiner Bedeutung für das Proletariat. Er führt uns
einer allgemeinen Vorstellung von der Welt näher. Diese
Vorstellung ist jedoch nicht die stofflich-⸗mechanische, gerade
        <pb n="13" />
        11 —

so wenig, wie sie die christlich-katholische oder die evan—
gelische oder die freistnnige ist, sie ist eine andere, neue
Auffassung, eine Anschauung von der Welt, die nur dem
Kommunismus eigen ist. Der historische Materialismus
ist nicht diese Weltanschauung selbst, er ist ein Weg, ein
Mittel, eins der vielen Mittel, dahin zu gelangen, wie
auch der Darwinismus, die ganze Naturwissenschaft, die
Lehre vom Kapital von Marx und die Vietzgensche Lehré
vom Geiste oder der Erkenntnis solche Mittel sind. Ein
einziges dieser Miltel genügt nicht, zu dieser Weltanschau—
ung zu gelangen, sondern alle zusammen führen erst dahin.

Wo wir in dieser Schrift nur den historischen Materia⸗
lismus erörtern, werden wir selbstverständlich über die
allgemein⸗philoso phische Weltanschauung des Kommunis—
mus nicht ausführlich sprechen. Bei einigen der Beispiele,
die wir zur Erläuterung unseres Gegenstandes anführen
werden, werden wir jedoch Gelegenheit finden, auf diese
allgemeine Weltanschauung hinzuweisen, damit auch dieses
Allgemeine, wovon der historische Materialismus mit so
vielen anderen Wissenschaften einen Teil bildet, den Le—
sern einigermaßen einleuchtet.

Inhalt der Lehre.
Was ist nun der allgemeine Inhalt unserer Lehre?
Bevor wir daran gehen, ihre Richtigkeit und Wahrheit zu
zeigen, werden wir den Lesern vorher einen allgemeinen
und klaren Ueberblick geben von dem, was zu beweisen ist.

Für jeden, der das gesellschaftliche Leben um sich her
beobachtet, ist es klar, daß die Mitglieder der Gesellschaft
in bestimmten Verhältnissen zueinander leben Gesellschaft—
lich sind sie einander nicht gleich, sondern sie stehen
rer und niedrigerer Stufe und in Gruppen oder Klassen
einander gegenüber Der oberflächliche Zuschauer könnte
meinen, daß diese Verhältnisse nur Eigentumsverhältnisse
seien; die einen besitzen Grund und Boden, die anderen
Fabriken oder Traͤusportmittel oder zum Verkauf be—
stimmte Waren, andere besitzen nichts. Der oberflächliche
Zuschauer könnte auch meinen, daß der Unterschied haupt—
sächlich ein politischer sei; einige Gruppen verfügen über
die Staatsgewalt, andere haben darauf keinen bder fast
keinen Einfluß Wer aber tiefer blickt, bemerkt, daß hinter
den Eigentums- und politischen Verhaltnissen Produfk—
        <pb n="14" />
        12 —
nana
tionsvperhältnisse stecken, das heißt Verhältnisse,
worin die Menschen zueinander stehen beim Produzieren
dessen, was die Gesellschaft braucht.

Arbeiter, Unternehmer, Reeder, Reutiers, Großgrund—
besitzer, Pächter, Großhändler und Krämer, sie sind das,
waͤs sie sind, durch den Platz, den sie in Produktions—
prozeß inderBegrbeitungunddergir—
dationderProdukte einnehmen Dieser Unterschied
ist noch ktiefer als der, daß der eine Geld hat und der an—
dere keins. Die Verarbeitung der Naturschätze ist ja die
Grundlage der Gesellschaft. Wir stehen zueinander in Ar—
beits⸗ in Produktionsverhältnissen

Worauf stüßen sich nun diese Arbeitsverhältnisse?
Schweben die Menschen als Kapitalisten und Arbeiter,
Großgrundbesißer, Paͤchter und Tagelöhner, und wie alle
die anderen Arten von Mitgliedern der Gesellschaft sonst
noch heißen mögen, nur so in der Luft?

Nein, sie stüßen sich auf die Technik, auf die Werk—
zeuge, womit sie in der Erde, in der Natur arbeiten. Die
Industriellen und die Proletarier stützen sich auf die Ma—
schine, sind von der Maschine abhängig. Wenn es keine
Maschinen gäbe, so gäbe es auch keine Industriellen und
keine Proletarier, jedenfalls nicht solche, wie sie jetzt sind

Her einfache Webstuhl erzeugte die Arbeit im Hause
durch die eigene Familie, der zusammengesetzte hölzerne
Webstuhl erzeugte eine Gesellschaft mit kleinen Meistern
und Gesellen, die große durch Dampf oder Elektrizität ge—
kriebene eiserne Webmaschine eine Gesellschaft mit Groß—
industriellen, Altidnären, Direktoren, Bankiers und Lohn—
arbeitern.

Die Produktionsverhaltnisse schweben nicht wie Rauch—
oder Dunststreifen in der Luft, sie bilden feste Rahmen,
wvorin die Menschen gefaßt sind Der Produktionsprozeß ist
ein materieller Proch die Werkzeuge sind wie die Eck—
und Stützpunkte der Raͤhmen, worin wir stehen

Die Technik, die Werkzeuge, die Produktivkräfte sind
der Unterbau der Gesellschaft, die eigentliche Grundlage,
worauf sich der ganze riesenhafte und so verwickelte Orga
nismus der Gesellschaft erhebt. Die nämlichen Menschen
jedoch, die ihre gesellschaftlichen Verhältnisse nach ihrer ma—
eriellen Produktionsweise bilden, bilden auch nach diesen
Verhältnissen ihre Ideen, ihre Vorstellungen, ihre Anschau—
ungen, ihre Grundsätze. Die Kapitalisten, die Arbeiter und
die anderen Klassen, die durch die Technik der Gesellschaft,
worin sie leben, gezwungen werden, in bestimmten Verhält—⸗
        <pb n="15" />
        issen — als Meister und Knecht, Eigentümer und Besiß—
loser, Grundbesitzer, Pächter und Tagelbhner zueinan—
der zu stehen, die nämlichen Kapitalisten und Arbeiter usw
denken auch als Kapitalisten, Arbeiter usp. Sie bilden
ihre Ideen, ihre Vorstellungen nicht als abstrakte Wesen,
sondern als die sehr konkreten wirklichen lebendigen Men
schen, die sie sind, als gesellschaftliche in einer bestimmten
Gesellschaft lebende Menschen

Also nicht nur unsere materiellen Verhaältnisse hängen
von der Technik ab, stützen sich auf die Arbeit, auf die Pro—
duktionskräfte; sondern, da wir innerhalb unserer materiel⸗
len Verhältnisse und unter diesen Verhältnissen denken,
hängen auch unsere Gedanken unmittelbar von diesen Ver—
hältnissen und also mittelbar von den Produktivkräften ab

Das moderne gesellschaftliche Sein des modernen Pro—
letarlats ist von der Maschine geschaffen worden Seine
gesellschaftlichen Gedanken, die dem Verhältnis entspringen,
worin er als Proletarier steht, stüßen sich also mittelbar
auf das moderne Maschinenwesen, hängen indirekt davon
ab UndsoistesmitallensKlassenderkapi—
talistischen Gesellschaft. Denn die Verhältnisse,
worin einzelne Menschen zueinander stehen, gelten nicht
für sie allein Gesellschaftlich steht der Meusch nicht in
einer besonderen, nur ihm eigenen Beziehung zu anderen;
er hat viele seinesgleichen, die in genau demselben Verhält
nis zu anderen stehen. Ein Arbeiter um beim naͤmlichen
Beispiel zu bleiben steht nicht a lIlein als Lohnarbelter
anderen Menschen gegenülber, er ist einer von vielen, er ist
Mitglied einer Klaͤsse von Millionen, die sich als Lohn⸗—
arbeiter in der nämlichen Lage befinden wie er Und so
ist es mit jedem Menschen in der zibilisterten Welt, jeder
gehört zu einer Gruppe, einer Klasse, deren Muglieder sich
zum Produktionsprozeß in der nämlichen Weise verhalten
Es ist also nicht nur wahr, daß ein Arbeiler, e in Kapi—
talist, e i n Bauer usw gesellschaftlich so denken wird, wie
die Arbeitsverhältnisse hhn deuken machen, sondern seine
Anschauungen, seine Ideen, seine Vorstellungen werden in
allgemeinen Zügen übereinstimmen mit denen von Hun—
derttausenden anderer, die sich in derselben Lage wie es be—
finden. Es gibt ein Klassendenken, wie es auch eine Klas—
senstellung im Arbeitsprozeß gibt

Die Form wir beschäftigen uns hier noch immer mit
der allgemeinen Uebersicht unserer Lehre — die Form, wo—
rin die Arbeitsverhältnisse der verschiedenen Klassen, der
Kapitalisten, der Unternehmer, der Arbeiter usww ans Licht
        <pb n="16" />
        treten, ist in der kapitalistischen und im allgemeinen in der
in Klaͤssen gespaltenen Gesellschaft zugleich ein Eigentums—
verhältnis Kapitalisten, Lohnarbeiter, Kaufleute, Bauern
haben nicht nur in der Peroduktion eine ihnen eigentüm—
liche Stellung inne, sondern auch in dem Besitz, in dem
Eigentum. Her Dividenden einstreichende Altionär spielt
im Produkkionsprozeß nicht nur die Rolle des Geldleihers
und des Schmarotzers, sondern er ist auch Miteigentümer
der Unternehmung, der Produktionsmittel, des Grund—
stücks, der Werkzeuge, der Rohstoffe, der Produkte. Der
Kaufinann ist nicht nur Austauscher, Zwischenperson, son—
dern auch Besißer der Kaufwaren und des Handelsgewinns.
Der Arbeiter ist nicht nur der Verfertiger von Gütern, son—
dern auch Besitzer seiner jedesmal von ihm verkauften Ar—
beitskraft und des dafür erhaltenen Preises. Mit anderen
Worten, Arbeitsverhältnisse sind in einer Gesellschaft, die
in Klassen geteilt ist, zugleich Eigentumsverhältnisse

Nicht immer war das so. In der primitiven kommu—
nistischen Gesellschaft waren Grund und Boden, das ge—
meinschaftlich gebaute Haus, die Viehherden, kurz, die
hauplsachlichsten Produktionsmittel, gemeinschaftliches
Eigenkum. Man verrichtete die hauptsaͤchlichsten gesell—
schaftlichen Arbeiten zusammen; man war, abgesehen von
dem Unterschied in Geschlecht und Alter, im Produktions—
prozeß einander gleich, und im Eigentum gab es keinen
oder nur einen geringen Unterschied.

Nachdem aber die Arbeitsteilung so groß geworden
war, daß besondere Berufsarten entstanden, und nachdem
durch bessere Technik und Arbeitsteilung ein Ueberschuß
über das für das Leben direkt Notwendige produziert
wurde, wußten einige durch Wissen oder Streitbarkeit her—
borragenden Berufe, wie der der Priester oder der Krieger,
sich diesen Ueberschuß und schließlich auch die Produktions—
mittel anzueignen. So sind die Klassen entstanden und ist
das Privateigentum die Form geworden, worin die Ar—
beitsverhältnisse ans Licht kreten.

„Durch die Entwicklung der Technik und durch die
Teilung der Arbeit sind also die Klassen entstanden. Klas—
senverhältnisse und Eigentumsverhältnisse beruhen auf der
Arbeit. Durch die Entwicklung der Technik, die einige
Berufe in den Stand setzte, sich der Produktionsmittel zu
bemächtigen, entstanden Besitzende und Besitzlose und ward
die große Menge des Volkes zu Sklaven, Leibeigenen,
Lohnarbeitern“

Und der Ueberschuß, den die Technik, die Arbeit über
        <pb n="17" />
        15 —

das unmittelbar Notwendige hinaus erzeugt, ist immer
größer geworden, und immer größer wurde also auch der
Reichtum der Besitzenden und immer schroffer wurde der
Klassengegensatz zu den Besitzlosen. In gleichem Maße
wuchs also auch der Klassenka mpf, der Kampf, den
die Klassen um den Besitz der Produkte und der Produk—
tionsmittel führen, und so wurde er zux allgemeinen Form
des Kampfes ums Dasein der Menschen in der Gesellschaft.
Die Arbeitsverhältnisse sind Eigentumsverhältnisse, und
Eigentumsverhältnisse sind Verhältnisse der miteinander
kampfenden Klassen; und alle zusammen beruhen sie auf
der Entwicklung der Arbeit, gehen sie hervor aus dem Ar—
beitsprozeß, aus der Technik

Aber die Technik steht nicht still. Sie ist in einer
rascheren oder langsameren Entwicklung und Bewegung be—
griffen, die Produktivkräfte wachsen, die Produktionsweise
aͤndert sich. Und wenn die Produktionsweise sich ändert,
müssen sich notwendig auch die Verhältnisse ändern, worin
die Meuschen im Arbeitsprozeß zueinander stehen. Das
Verhaltnis der früheren kleinen Meister zueinander und zu
ihren Gesellen ist ein ganz anderes, als jetzt das Verhältnis
der großen Unternehmer zueinander und zu dem Lohn—
proletariat. Die maschinenmäßige Produktion hat eine
Aenderung der alten Verhältnisse bewirkt. Und da in einer
Klassengesellschaft Produktionsverhältnisse zugleich Eigen—
tumsverhältnisse sind, werden mit den ersten auch die zwei—
ten umgewälzt. Und da die Auschauungen, Vorstellungen,
Ideen usw sich bilden innerhalb der Verhältnisse und nach
den Verhältnissen, worin die Menschen leben, ändert sich
ihr Bewußtsein auch, wenn die Arbeit, die Produktion und
das Eigentum sich ändern.

Arbeit und Denken sind in fortwährender Aenderung
und Entwicklung begriffen. Der Mensch verändert, indem
er durch seine Arbeit die Natur verändert, zugleich seine
eigne Natur“ Die Produktionsweise des materiellen Le—
bens bedingt das ganze gesellschaftliche Leben. „Es ist
nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern
umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein
bestimmt.“

Aber auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung ge—
raten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in
Widerspruch mit den vorhandenen Produktions und
Eigentumsverhältnissen Innerhalb der alten Verhältnisse
können sich die neuen Produktivkräfte nicht entwickeln, sich
nicht ausleben. Dann erhebt sich ein Kampf zwischen de
        <pb n="18" />
        16 —

——

nen, die an den alkten Produktions⸗ und Eigentumsverhäl—
nissen interessiert sind, und denen, die ein Interesse an der
Entwicklung der neuen Produktivkräfte haben. Es tritt
eine Epoche sozialer Revolution ein, bis die neuen Produk—
tivkrästse den Sieg erringen und die neuen Produktions—
und Eigentumsverhältnisse entstanden sind innerhalb deren
sie blühen können

Und durch diese Rebolution ändert sich auch das Den—
ken der Menschen, es ändert sich mit ihr und in ihr.

Dies ist kurz gefaßt der Inhalt unserer Lehre In an—
schaulicher Darstelung kann man sie in dolgender Weise
noch einmal übersehen:

Die Technik, die Pro dufttipkräfte bilden
die Basis der Gesellschaft.

Die Produktivkräfte bestimmen die Produktions—
derhaltuisse, die Verhältnisse, worin die Menschen
im Kroduktionsprozeß einander gegenüberstehen.

Die Produktionsberhältnisse ind zugleich Eigen—
tfumsverhältnilsse

Die Produktions und Eigentumsverhältnisse sind
nicht nur Verhältnisse von Versonen, sondern von
Klassen.

Diese Klassen⸗, Eigentums- und Produktionsverhält—
nisse (mit anderen Worten das gesellschaftliche Sein) be—
stimmen das Bewußtsein der Menschen, das heißt ihre An—
schauungen über Recht, Politik, Moral, Religion, Philo—
sophie, Kunst usw

2.Die Technik entwickelt sich sortwährend.

Die Produktivkräfte, die Produktionsweise, die Pro—
duktlonsverhaltnsse, die Eigenkums⸗, die Klassenverhält—
nisse andern sich demnach ununterbrochen

Das Bewußtsein der Menschen, ihre Anschauungen
und Vorstellungen über Recht, Politik, Moral, Religion,
Philosophie, Kunst usw ändern sich also auch mit den Pro—
duktionsverhältnissen und den Produktipkräften.

3. Die neue Technik gerät auf einer gewissen Stufe
hrer Entwicklung in Widerspruch mit den alten Produk—
tions⸗ und Eigentumsverhältnissen.

Schließlich siegt die neue Technik.

Der bkonomische Kampf zwischen den konservativen
Schichten, die an den alten Formen, und den sortschritt—
lichen Schichten, die an den neuen Kräften interessiert sind,
kommt ihnen in juristischen, politischen, religiösen, philo
sophischen und künstlerischen Formen zum Bewußtsein
        <pb n="19" />
        Wir wollen jetzt versuchen, die Richtigkeit dieser Sätze
darzutun. Wir werden den kausalen Zusammenhang
zwischen der Aenderung im Denken uud der Aenderung der
menschlichen Technik in einer Reihe von Beispielen bewei⸗
sen. Gelingt uns dies, so haben wir uen wichtigen
Grundpfeiler untergraben, worauf sich die Macht der Kapi⸗
talisten über die Arbeiter stützt Deun dammu bate bete
sen, daß keine göttliche Vorsehung oder geistige Uebermacht
von Menschen die Arbeiter von der Herrschaft über die
Welt zurückhalten kann, wenn die Technik sie zu den stoff⸗
lichen und geistigen Beherrschern der Well macht.

v
Unsere Beispiele.
Die Beispiele, die wir geben werden, sollen in erster
Linie sehr einfach sein Sie sollen von Arbeitern, die üͤber
geringe historische Kenntnisse verfügen, verstanden werden
können Darum müssen sie durch ihre Klarheit überzeu⸗
gende Kraft haben. Wir werden also große, vielumfassende
Erscheinungen waͤhlen, deren Wirkung überall sichtbar

Wenn unsere Lehre richtig ist, dann muß sie selbstver
ständlich für die gange Geschichte Geltung haben

Jeden Klassenkampf, ebe Umwälzung im Denken der
Klassen, der Gesellschaft, muß sie ertlären bnnen

Es gehört jedoch ine große historische Kenntnis dazu,
um mittels unserer Lehre Beispiele aus borigen Jahrhun⸗
derten zu erklaͤrem Später werden wir noch darauf hin—
weisen, wie gefährlich es ist, unsere Lehre auf Zeiten oder
Umstände auwenden zu wollen, die man nicht oder nur
wenig kennt. Weder die Leser, noch der Verfasser dieses
Büchleins verfugen über große historische Kenntnisse
Wir werden also nicht nur ganz einfache Beispiele nehmen,
sondern wir werden sie hauptsächlich in unserer eigenen
Zeit suchen; große Erscheinuugen, die jeder Arbeitet aus
seiner eigenen Umgebung kennt ober keumen kann, Verun
derungen in gesellschaftlichen Verhältnissen und in gesell⸗
schaftlichen Denken, die jbem lebendigen Menschen die
Augen springen müssen Probleme überdies, die für die
Existenz der arbeitenden Klafse bom größten Interesse find
und nur vom Kommunismus in einet für diese Klasse be
friedigenden Weise geloöst werden können.

Damit machen wir dann zugleich noch gute Propa—
ganda.
        <pb n="20" />
        Es werden aber sehr wichtige und scheinbar kräftige
Argumente gegen unsere Lehre beigebracht.

Deshalbe werden wir bei jeder At geistiger Er—⸗
scheinungen, die wir besprechen, wie Veränderungen in po⸗
lischen Ideen, in religibsen Vorstellungen und dergleichen,
jedesmal eines der gewichtigsten Argumente unserer Geg⸗
ner aufmarschieren lassen und bekampfen, damit unsere
Lehre allmählich von allen Seilen betrachtet werden kann
In man ein gzutes Gesamtbild von ihr bekommt.

Die von der Aenderung der Technik bewirkten mate—
riellen Aenderungen sind am leichtesten zu erkennen. In
jedem Industriezweig, bei den Transporlmitteln und auch
n der Vandwurlschast, überall ändert sich die Technik, än⸗
dern sich die Produktivkräfte. Wir sehen es tagtäglich vor
unseren Augen geschehen.

Das Sehen der Lettern, die Verfertigung der Druck⸗
schrift geschah vor kurzem noch allgemein mit der Hand.
Wer der goctschritt der Technik brachte die Setzmaschine,
die der Hand des Maschinensetzers gehorchend die Lettern
gießt und sie an ihren Platz setzt.

Das Glasblasen geschah mit dem Munde. Die Tech—
nit erfindet Werkzeuge, die Fensterglas, Flaschen usw an⸗
fertigen

Das Bullern geschah mit der Hand. Man erfand eine
Maschine, die in kurzer Zeit große Mengen Milch verar⸗
belel die Maschine wird jetzt allgemein gebraucht

Der Teig wird im Keller des kleinen Bäckers mit der
Hand geknetet, die Maschine ut's in der Brotfabrik

Das Licht wurde in der altmodischen Haushaltung
von der Hausmutter produziert. Sie reinigte die Lampe,
füllte sie, sorgte für einen neuen Docht. Gas oder elektri⸗
scher Strom wird in der modernen Haushaltung von der
Maschine aus weiter Ferne geliefert.

Ueberall, wohin das Auge blickt, Veränderung der
Produktivkraft, in allen Industriezweigen, und stets
raschere Veränderung und Entwicklung. Handgriffe, die
man fur die Maschine unmöglich exachtete, gelingen ihr

Und mit den Produktivkräften ändern sich die Produk⸗
tionsvperhaͤltnisse, andert sich die Produktionsweise Wir
sprachen schon von der Webmaschine, wie diese andere Ver⸗
altnisse der Unternehmer unkere inander und zwischen
hnen und den Arbeitern herbeiführte Früher viel kleine
Meister mit sleinen Werkstätten nebenemander und ver—
nee wenig Lohnarbeitern Jetzt Hunderttausende
on sSohnardelern, verhältnismäßig wenig Fabrikbesitzer,
        <pb n="21" />
        wenig Unternehmer. Die Fabrikanten stehen einander als
große Herren gegenüber, den Arbeitern als asiatische
Despoten. Welch ein Umschwung in diesem Verhältnis!
Und doch ist das alles nur bon der Maschine bewirkt
Denn sie war es, die demjenigen, der sie anschaffen
konnte, Reichtümer brachte, ihn in den Stand seßzte, die
Konkurrenten zu besiegen, ein riesiges Kapital auf Kredit
zu bekommen vielleicht einen Trust zu bilden Und sie, die
Produktivkraft, war es, welche die leinen Besihßer um hren
Besitz brachte und Tausende zwang, in den Lohndienst zu
kfreken.
Und was bewirkt die neue Produktipkraft in der But—
terbereitung? Die Maschine, die Tausende Liter Milch in
Butter umsetzt, würde dem Durchschnittsbauer zu keuer sein,
er würde auch zu wenig Milch für sie haben. Veshalb wird
sie von hundert Bauern zusammen gekauft, die ihre Milch
nun gemeinschaftlich verarbeiten. Bie Produktivkraft hat
sich geändert, aber auch die Produktionsverhältnisse, die
ganze Art und Weise des Produzierens; wo früher hundert
getrennt arbeiteten, wo Frauen und Töchter des Bauern in
der Bauernwirtschaft die Butter machten, da wirken jeßt
hundert zusammen, indem sie für gemeinschaftliche Rech—
nung Lohnarbeiter arbeiten lassen Die Bauern, ihre
Frauen, ihre Töchter und eine Anzahl Proletarier sind in
neue Produktionsverhältnisse zueinander und zu der Ge—
sellschaft getreten

Die Oel⸗ oder Petroleumlampe in Ordnung zu halten,
war Sache der Hausfrau; Hunderttausende Frauen sorgten
in den Häusern für die Produklion des Lichtes Die Ge—
meinde baut jedoch eine Gasfabrik oder eine elektrische
Zentrale, die Produktionsperhaältnisse haben sich dadurch
geändert. Nicht der einzelne Mensch produziert, sondern
ein großes gesellschaftliches Organ: die Gemeinde Eine
neue Art Arbeiter, die früher selten waren, kommen zu
Tausenden auf: die Gemeindearbeiter, die in einem ganz
anderen Verhaͤltnis zur Gesellschaft stehen als der frühere
Lichtproduzent
Früher krochen die Frachtwagen, die Postkutsche durch
das Land. Die Technik erfand die Lokomotive und den
Telegraphen, und damit wurde es dem kapitalistischen
Staat möglich, den Transport von Gütern, Menschen und
Nachrichten an sich zu ziehen. Hunderttausende Arbeiler
und Beamte kamen in neue Produktionsverhältnisse Die
Menschenmassen, die in Gemeinde, Staat oder Reich
        <pb n="22" />
        —— *
einem direkten Produktionsverhältnis zur Gemeinschaft
stehen, sind viel größer als früher die bewaffneten Heere

Es gibt kein Gewerbe, in das die Technik nicht eine
neue Produktionsweise einführt. Von oben bis untken, von
der wissenschaftlichen chemischen Versuchsanstalt, vom La—
borator ium des Erfinders an bis zu der niedrigsten Arbeit,
der Beseitigung des Unrats in einer modernen Großstadt,
ündert sich sortwährend die Technik und die Art der Arbeit
In jedem Gewerbe finden Revbolutionen statt in der Art,
daß Ersindungen nicht mehr das Werk des Zufalls oder
genialer Menschen sind, sondern das Werk von absichtlich
dafür geschulten Leuten, die bewußt in einer vorher be—
stimmten Richtung suchen.

Ein Produktionszweig nach dem anderen wird geän—
dert oder auch ganz beseitigt Das bkonomische Leben eines
modernen kavitalistischen Landes ist einer modernen Stadt
ähnlich, in der an Stelle alter Häuser⸗ und Straßen—
komplexe Neubauten entstehen

Die neue Technik bildet das große Kapital, sie bildet
also auch das moderne Bank⸗ und Kreditwesen, das die
Kräfte des großen Kapitals noch vervielfacht.

Sie bildet den modernen Handel, sie bildet den Export
von Massengütern und von Kapitalien, wodurch die Meere
mit Schiffen bedeckt und ganze Weltteile dem Kapitalismus
zur Gewinnung von Mineralien oder Ackerbauprodukten
dienstbar gemacht werden

Sie bildet die großen kapitalistischen Interessen, die zu
verteidigen nur der Staat mächtig genug ist. Sie bildet in—
folgedessen den modernen Staat selbst mit seinem Militaris—
mus, seinem Marinismus, seiner Kolonialpolitik und seinem
Imperialismus, mit seinem Beamtenheer und seiner Bu—
reaukratie

Ist es nötig, daß wir mit diesen Beispielen an der
Hand die Arbeiler darauf aufmerksam machen, wie die
neuen Produktionsverhältnisse zugleich neue Eigentums—
verhältnisse ind? Die Zahl der Besitzer von Produktions—
mitteln hat im Deutschen Reich von 1895 bis 1907 bei
starker Bevblkerungszunahme in der Industrie um 84000,
in der Landwirtschaft um 68 000 abgenommen; dagegen
nahm die Zahl der Menschen, die vom Verkauf ihrer Ar—
beitskraft leben, in der Industrie um drei Millibnen, in
der Landwirtschaft um 1660 000 zu. Das ist eine Ver—
anderung nicht nur in den Produktions- sondern ebenso⸗—
sehr in den Eigentumsverhältnissen, die von der neuen
Technik herbeigeführt wurde, welche den Kleinbetrieb er—
        <pb n="23" />
        würgte und Hunderttausende von Kindern von Kleinbür—
gern und Kleinbauern zu Lohnarbeitern machte Und was
ist der sogen neue Mittelstand anders als eine Klasse mit
neuen Eigentumsverhältnissen? Der ungeheuer ange—
wachsene Beamtenstand, die Offiziere, die gelehrten Be—
rufe, die Intelligenz, die besser bezahlten Lehrer, die In⸗
genieure, die Chemitker, Rechtsanwälte, Aerzte, Künstler,
Inhaber von Geschäftsniederlagen, Geschäftsführer, Han—
delsreisende, die kleinen, vom Großkapital abhängigen
Ladenbesttzer, die alle von der Bourgeoste, entweder ditekt
oder indirekt mittels des Staates, irgendwelchen Lohn suür
ihre Dienste beziehen, dieser neue Mutelstand befindet ich
in einem anderen Eigentumsverhältnis als der alte selb⸗
ständige Mittelstand. Und die modernen Großkaplalisten,
die mit ihren Banken, Syndikaten, Trusts und Karltellen
die Welt und die Weltpolitik beherrschen, sie stehen zur Ge⸗
sellschaft in ganz anderen Eigentumsverhältnissen als die
Florentiner, die Venetianer, die hanseatischen oder die fl—
mischen, holländischen und englischen Kaufleute und In—
dustriellen früherer Jahrhundertee..
Danach sind Produktions- und Eigentumsverhaltnisse
nicht nur Personen-⸗, sondern Klassenverhaltnisse —
Die neue Technik schafft auf der einen Seile eine fort⸗
während schneller als die Bevblkerung wachsende Zahl von
Nichtbesitzern, die allmahlich die Mehrheit der Bevolkerung
bilden und von dem gesellschaftlichen Reichtum nahezu
nichts bekommen, und eine sehr große Anzahl Kleinbürger
und Kleinbauern, Beamte und Migeder de verschieden⸗
sten Berufsarten, die mit außerft wenig abgespeist werden.
Auf der anderen Seite aber schafft die Technst eine verhatt
nismäßig kleine Zahl von Kablalisten, die durch ihre dlo
nomische und politische Herrschaft den weilaus größlen Teil
des gesellschaftlichen Reichtums an sich reißen
Und was sie jedes Jahr an größeren Ueberschüssen
sammeln, wird aufs neue zur Ausbenung von Nicht⸗ und
Wenigbesitzenden, don Abe lern, Kleinbauern und Klein—
bürgern, von fremden Volkern uoch ucht kapitalistisch ent—
wickelter Lander gebraucht, so daß ine progressis steigende
Alkkumulation von Zinseszinsen, eine Verschaärfung des
Mangels einerseits, des Ueberflusses an gesellschaftlichem
Reichtum andererseits entstehh ——
Diee sortschreitende Technik schafft also nicht nur neue
Produktions⸗ und Eigentumsverhaäliuisse, sondern zugleich
geue Klassenverhältnisse, in unserem Fall eue größere
Trennung der Klassen, einen größeren Klassenkampe
        <pb n="24" />
        Das erkennt jeder, nicht wahr? Es ist wahrlich auch
nicht schwer zu erkennen. Die Klassen sind weiter von—
einander entfernt, der jetzige Klassenkampf ist een um⸗
fassender und liefer als vor fünfzig Jahren. Die Kluft hat
ich jedes Jahr erweitert und vertieft und wird immer
größer Und es ist klar und deutlich, daß die Ursache davon
die Technik ist.
Die materielle Seite der Sache, die wir erklären wol—

len, ist also leicht zu ersehen. Braucht man viel Worte, um
dem Sohn eines sachsischen oder westfälischen Bauern, der
Fabrikarbeiler wurde, zu erklären, daß er das durch die
Zechnik, durch die neue Produktionsweise werden mußte?
Daß es für b im Kleinbetrieb keine Aussichten gab, daß
der heutige Konkurrenzkampf zu schwer, das erforderliche
Kapllal zu groß war, daß nur noch wenige im Kleinbetrieb
Ersolg haben, die große Menge aber erfolglos wirtschaften
mußẽ Großes Kapital ist große Technik; wer ist imstande,
es mit der großen Technik aufzunehmen? Der moderne
Arbeiter suͤhlt ganz gut, daß die mäterielle Lage, die
durftige Nahrung, die schlechte Wohnung, die ärmliche
Kleidung für ihn für seine Klasse eine Folge der neuen
Produktonsverhaltnisse bilden, die durch die neue Technik
us den alten Produktionsverhältnissen herausgewachsen
sind Es st nicht schwer, das mater ie lle Sein aller
Klassen in deutlichem Zusammenhang mit den Eigentums—
und Produktionsberhenltnissen, also mit den Produktiv⸗
kraͤsten zu sehen. Niemand kaun länger die kosthare Klei⸗
dung, die gute Nahrung, die hochherrschaftliche Wohnung
des Fabrikanten eine Gabe Gottes nennen, denn es ist klar,
daß er sich sein Wohlleben und sein Vermögen durch Aus⸗
beutung erworben hat Niemand kann länger im Konkurs
des Kaufmanns oder des Spekulanten die Prädestination“
die „Vorherbeftimmung“ sehen, denn in der Produlkten—
und e laßl sich die Ursache finden, die seinen Fall
derurfachte Riemand kann mehr vom Zorn des Himmels
reden, wenn ein Arbeiter von monatelanger Arbeitslosig—
keit, bon Krankheit und fortwährendem Elend betroffen
wird, denn die natürlichen oder besser gesell—
schaf klichen Ursachen davon, die alle in der neuen
Tochnik wurzeln, sind, wenigstens dem Arbeiter, genügend
bekannt. Es geht auch nicht mehr an, daß man die per—
sonlichen Geistesgaben oder den Charakter des einzelnen
Ar Wohlfahrt oder Unglück verantwortlich macht, denn im
Mes vetdrangenden Großbetrieb können Millionen mit
den trefflichsten Gaben nicht emporkommen.
        <pb n="25" />
        Und die Revolution, die jetzt in 1918 nach und durch
den Weltkrieg entstanden ist, kann auch niemand mehr der
Schlechtigkeit der menschlichen Natur zuschreiben, jeßt, wo
die arbeutenden Klassen unter dem Kapitalismus keine Exi⸗—
stenz mehr haben.

Die Gesellschaft hat eine derartige Entwicklungshöhe
erreicht, daß die mate riellen Ursachen unseres mat e—
riellen Daseins ebenso wie in der Natur auch in der
Gesellschaft offen zutage liegen.

Ebensogut wie wir wissen, daß die Sonne die Quelle
alles na tuͤrlichen Lebens auf Erden ist, ebensogut
wissen wir, daß der Arbeilsprozeß und die Produktions—
verhältnisse die Ursachen davon sind, daß unser gesell—
schaftliches maäterielles Leben so ist, wie es ist

Der Arbeiter beobachte mit ruhigem festem Blick sein
eigenes materielles Dasein, das seiner Kameraden und der
über ihm stehenden Klassen, und er wird finden, daß das
Gesagte richtig ist. Das wird ihn schon von manchem Vor—
urteil und Aberglauben befreien.
Schwieriger wird die Frage erst, wenn es sich darum
handelt, den Zusammenhang zwischen materieller Arbeit,
Produktions⸗ und Eigentumsverhaltnissen und geisti—
gem Sein zu erkennen Die Seele, der Geist, das Gemüt,
die Vernunst, sie sind uns und unseren Vorfahren so lange
als das Eigentliche, das Bessere, das Allgewaltige (dann
und wann sogar als das Einzige) hingestellt worden!
Und dennoch wenn wir sagen: „Das gesellschaft—
liche Sein bestimmt das Bewußtsein“, so ist diese These in
ihrer allumfassenden Bedeukung zwar eine große neue
Wahrheit, aber schon bo r Eugels und Marx war sehr viel
gesagt und bewsefen und angenommen worden, was nach
derselben Richtung hinwies und die von ihnen gefundene
höhere Wahrheit vorbereitete
Glaubt, ja weiß jetzt zum Beispiel nicht jeder ge—
bildete Mensch und hatten nicht viele vo r Marx und
Engels schon klar bewiesen, daß Gewohnheit, Erfahrung,
Erziehung, Umgebung den Menschen auch geistig bil—
den? Und sind unsere Gewohnheiten nicht Produkte der
Gesellschaft? Sind die Menschen, die uns erziehen, nicht
selbst von der Gesellschaft erzogen worden, und geben sie
uns nicht eine gesellschaftliche Erziehung? Ist unsere Er—
fahrung nicht eine gesellschaftliche? Wir leben doch nicht
einsam wie Robinson? Unsere Umgebung ist doch in erster
Linie die Gesellschaft; erst mit unserer Gesellschaft leben
        <pb n="26" />
        wir in der Natur. Dies alles wird und wurde auch von
Nichtmarxisten, Nichtkommuniestn erkannt.

Der historische Materialismus geht aber weiter; er
faßt alle frühere Wissenschaft zusammen, geht aber zugleich
tiefer, indem er sagt: gesellschaftliche Erfahrung, gesellschaft⸗
liche Gewohnheit, Erziehung, Umgebung werden selbst
wieder durch die gesellschaftliche Ar bet und die gesell—
schaftlichen Produktionsverhältnisse bestimmt.
Diese bestimmen das ganze geistige Sein. Die Arbeit ist
die Wurzel des menschlichen Geistes Aus dieser Wurzel
wächst der Geist empor

Auf einem Gebiet des geistigen Lebens läßt sich dies
am leichtesten erkennen; darum werden wir nun damit an—
fangen, wo wir daran gehen, unsere Theorie durch Beispiele
zu beweisen.

Das gesellschaftliche Fein hessimm den Geift
A. Die Wissenschaft, das Wissen und das Lernen.

Die Wissenschaft ist ein wichtiges Gebiet des Geistes,
obgleich es ihn nicht ganz umfaßt. Auf welche Weise wird
sein Inhalt bestimmt?

Der Arbeiter soll beim Lesen erst mal auf sich selbst
achten. Woher kommt der Umfang und die Att des Wis—⸗
sens, das seinen Geist erfüllt?

Er hat —im allgemeinen gesprochen, denn wir reden
hier ja von einem gewoͤhnlichen Mutglied der Arbeiterklasse,
das sich in keiner Ausnahmelage befindet — er hat einige
Kenntnis vom Lesen, Schreiben und Rechnen. In seiner
Jugend hat er vielleicht noch etwas mehr gelernt, etwas
Geographie, etwas Geschichte, aber das ist verflogen. Wo—
her kommt es nun, daß er gerade diese kümmerliche Bildung
und keine andere hat?

Das wird vom Produktionsprozeß mit seinen Produk—
tionsverhältnissen bestimmt. Die Kapitalistenklasse, die in
den sogenannten zivilisierten Ländern herrscht, brauchte für
ihre Werkstätten Arbeiter, die nicht ganz und gar ungebil⸗
det waren Darum führte sie für die Proletarerkinder die
Volksschulen ein und sezte das Alter von 12 bis U Jahren
als die Grenze fest, bis zu der Unterricht gegeben wird Die
Bourgeoisie brauchte solche Arbeiter, nicht dümmer und
nicht gebildeter, im Produktionsprozeß Düm ser wären
        <pb n="27" />
        5—

sie nicht vorteilhaft genug, gebildeter zu teuer und zu an—
spruchsvoll gewesen. So wie der moderne Produktions—
prozeß bestimmter, sich immer schneller drehender und mehr
Produkte liefernder Maschinen bedarf, so bedarf er auch
einer bestimmten Art von Arbeitern, des modernen Prole—
tariats, das sich von früheren Arbeitern unterscheidet. Der
Produktionsprozeß zwingt der Gesellschaft dieses Bedürf—
nis auf, aus seiner Natur heraus schafft er dieses Bedürf⸗
nis. Im achtzehnten Jahrhundert zum Beispiel brauchte
er solche Arbeiter noch nicht

Und gerade so ist es auch mit dem Wissen der anderen
Klassen.

Die kapitalistische Großindustrie, der Verkehr und die
Landwirtschaft beruhen immer mehr auf der Naturwissen—
schaft. Der Produktionsprozeß ist ein bewußter wissen—
schaftlicher Prozeß. Die neue Technik hat selbst den Grund
zu der modernen Naturwissenschaft gelegt, indem sie Werk—
zeuge für sie erfand und ihr Verkehrsmittel verschaffte, die
ihr aus allen Ländern Material bringen. Die Produktion
wendet die Naturkräfte bewußt an Der Produktions—
prozeß bedarf also solcher Menschen, die die Naturwis—
senschaften, die Mechanik, die Chemie verstehen, denn nur
solche Leute können die Führung der Produktion überneh—
men und neue Methoden, neue Werkzeuge erfinden Und
deshalb, weil es ein gesellschaftliches Bedürfnis des Pro—
duktionsprozesses ist, werden Realschulen und Hochschulen
oft hauptsächlich für das Nakurstudium eingerichtet und
wird dort in denjenigen Wissenschaften unterrichtet, die zur
Führung und Ausdehnung des Produklionsprozesses not⸗
wendig sind

Das Wissen, die Kenntnisse all dieser Mecha—
niker, Schiffbauer, Ingenieure, landwirtschaftlichen Tech—
niker, Chemiker, Mathematiker, Lehrer der Nalurwissen-—
schaft werden also durch den Produktionsprozeß be—
stimmt.

Entnehmen wir aus denselben gesellschaftlichen Klas—
sen ein zweites Beispiel. Setzt die Taͤtigkeit der Rechts—
anwälte, der Professoren der Rechtswissenschaft und der
Oekonomie, der Richter, Notare usw nicht ein bestimmtes
Eigentumsrecht, bestmmte Eigentums-, das heißt, wie wir
oben gesehen haben, Produktionsverhältnisse boraus? Sind
Notare, Rechtsanwälte usw. nicht Leute, deren die kapita—
listische Gesellschaft bedarf, um ihre Eigentumsrechte auf⸗
rechtzuer halten und zu schützen? Ist ihnen ihre spezifische
Denkweise also nicht von der bürgerlichen Klasse eingegeben
        <pb n="28" />
        und entspringt ihr Denken nicht dem Produktionsprozeß,
der diese Klassen erzeugte?

Setzt nicht das Fürstentum, die Buregukratie, das
Parlament auf Produktionsverhältnisse gegründete Eigen—
tums⸗ oder Klasseninteressen voraus, die nach innen gegen
andere Klassen, nach außen gegen andere Völker geschützt
werden müssen? Ist nicht die Regierung der Zentralaus—
schuß der Bourgeoisie, der Eigentum und Interessen der
Bourgeoisie verleidigt? Sie selbst und das Wissen, die
Kenntnisse, die sie zu diesem Zweck besitzt, entspringen den
gesellschaftlichen Bedürfnissen, den Bedürfnissen des Pro—
duktionsprozesses und des Eigentums Die Kenntnisse ihrer
Mitglieder dienen zur Aufrechterhaltung der bestehenden
Produktions⸗ und Eigentumsverhältnisse

Und was ist die Rolle der Geistlichkeit, der Pfarrer
und Priester? Soweit sie reaktionär sind, dienen sie mit
ihrer Forderung, daß man sich den Dogmen der Kirche und
bestimmten sittlichen Geboten bedingungslos unterwerfe,
öffentlich dazu, die alte Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Do—
zu dient ihr Wissen dazu wurde es auf den Hochschulen
geformt; es besteht ein gesellschaftliches, ein Klassenbedürf—
nis nach Leuten, die diese Dinge predigen Soweit sie fort—
schrittlich sind, berkündigen sie die Herrschaft Gottes über
die Welt, die Herrschaft der Seele über die Sinne, des
Geistes über den Stoff, und so helfen sie der Bourgeoisie
—die sie dazu erzog — daß sie die Herrschaft über die
Arbeit behält.

Das Produktions⸗ und Eigentumssystem brauchte auf
einer gewissen Entwicklungshöhe Priester, Juristen, Phy—
siker, Technker Es erzeugte sie, und durch das gesellschaft—
liche Bedürfnis strbmen der Gesellschaft fortwaͤhrend die
Träger, die Darsteller dieser gesellschaftlichen Rollen zu—
Das Individuum bildet sich ein, daß es aus freiem Willen
einen dieser Berufe wähle, und daß die dort gehegten An—
schauungen „die eigentlichen bestimmenden Ursachen und
der Ausgangspunkt seiner Tätigkeit seien“ In der Wirk⸗
lichkeit werden diese Anschauungen und auch in erster Linie
seine Wahl, vom Produktionsprozeß bestimmt

Und um das letzte und beste Beispiel zu wählen;
Braucht das Proletariat jetzt 1919, nicht eine bestimmte
Kenntnis, die Kenntnis der Gesellschaft? Braucht es diese
nicht immer mehr, jeden Tag? Und wie kommt dies? Doch
durch den immer größeren Druck, unter welchem diese
Klasse jetzt liegt, durch den immer heftigeren Klassendruck,
durch die Revolution, die ausbricht, durch den Kommunis
        <pb n="29" />
        mus, der naht! Muß das Proletariat nicht fortwährend
sein Denken indern? Muß es nicht die Arbeiterräte, die
Diktatur des Proletariats in sein Venken, sein Wesen auf⸗
nehmen?

In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens“,
sagt Marx, gehen die Menschen bestimmte, notwendige,
bon ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produk—
tionsverhaltnisse“ Gewiß, dem ist so. Bie Verhältnisse
sind notwendig und von unserem Willen unabhängig Sie
waren schon da, bevor wir geboren wurden. Wir müssen
diese Verhältnisse eingehen; die Gesellschaft mit ihrem Pro—
duktionsprozeß, mit hren Klassen und Bedürfnissen hat
Gewalt über uns.

Und jede dieser Berufsarten braucht eine bestimmte
Menge und eine bestimmte Art von Kenntnissen, um ihre
Funklion in der Gesellschaft erfüllen zu können. Es ist also
klar, daß, gleich wie die Funktion selbst, auch die dafür er—
sorderlichen Kenntnisse vom gesellschaftlichen Produktions—
brozeß bestimmt werden
Erste EinwendungunsererGegner.
Wir haben in dieser ersten Eroörterung über das Wis⸗
sen etwas erwähnt, das in der Gesellschaft und also auch in
unferer Lehre, die der Gesellschaft wahrhaftes Abbild ist,
eine wichtige Rolle spielt und das wir also noch öfter er—
waͤhnen muͤssen. Es ist das Bedürfnis

Das Bedürfnis ist jedoch etwas Geistiges, es
wird enpfunden, waͤhrgenommen, gedacht, in der Seele,
dem Gemut, dem Geist, dem Gehirn des Menschen

Daraus schmieden die Gegner des Kommunismus eine
Waffe gegen uns

Sie sagen, wenn die Organe des Produktionsprozesses
durch ein Bedurfnis der Menschen erzeugt werden, dann ist
die UÜrsache in erster Reihe doch wieder geistig und nicht ge⸗
sellschaftlich⸗tofflich

Diese Einwendung ist leicht zu widerlegen Denn
woherkommen die Beduͤrfnisse? Entstehen sie
aus freiem Willen, beruhen sie auf einer Meinung? Sind
sie eine selbstandige Wirkung des Geistes? —Nein die Be—
csusse eulspringen der leiblichen Natur des Menschen.
Sie siud in erster Linie das Bedürfnis nach Nahrung nach
Kleidung, nach Obdach, ohne welche die Menschen elend
Zugrunde gehen würden. Die Beschaffung der Nahrung,
des Obdachs der Kleidung zur Produktion und Reproduf—
on des Lebens, ist das Ziel des Produktionsprozesses;
        <pb n="30" />
        28

— ⸗

wenn wir von der Produktion reden, so wird darunter
mer die Produktion der Artikel verstanden, die die Men—
schen zum Leben brauchen.

Wenn aber der Mensch das Bedürfnis nach Nahrung,
Kleidung, Obdach im allgemeinen hat, so bringt jede be—
stimmte jeweilige Produklionsweise ihre eigenen besonde—
ren Beduͤrfnisse mit sich Die bestimmken Bedürfnisse wur—
zeln fest un Produktionsprozeß. Die Produktion unseres
Lebeusbedarfs ist heute nur mittels der Großindustrie,
unter dem Schutze der Staatsgewalt möglich; sie braucht
deshalb eine hochentwickelte Wissenschaft, sie braucht Per—
sonen, die diese Wissenschaft kennen. Der Student zum
Beispiel hat das Bedürfnis nach Kenntnis der Mechanik,
der Jura, der Theologie, der Staatswissenschaft; g ber
wergabihm dieses Bedürfnis? Die Gesell—
schaft, seine Gesellschaft, mit ihrem bestimmten Produk—
bnsprozeß, die ohne diese Kenntnisse nicht bestehen, nicht
Lebeusmultel produͤzieren könnte In einer anderen Ge—
sellschaftsform hätte er jen e Kenntnisse vielleicht nicht be—
gehrt und nach ganz anderen verlangt.

Auch der Arbeiter empfindet das Bedürfnis nach Er—
kenntnis, und zwar nach Erkenntnis der Gesellschaft, nach
einer Kenntnis, wie wir sie ihm jetzt zu geben versuchen —
einer Erkenntnis ganz anderer Art als die, welche die re—
gierende Klasse ihm auf der Schule gibt — aber woher
kommt dieses Bebdürfnis? Aus dem Produktionsprozeß
Deun dieser macht die Arbeiter zum Mitglied einer nach
Millionen zählenden Klasse, die kämpfen muß und siegen
kann Wace dem nicht so, der Arbeiter würde diese Er—
kenntnisse nicht suchen. Im achtzehnten Jahrhundert suchte
er sie noch nicht, weil die Produktionsverhältnisse damals
noch anders waͤren und dieses Bedürfnis bei ihm nicht auf⸗
kommen ließen.

Und jetzt, da die Revolution, die Umwälzung des Ka—
pitalismus zum Kommunismus gekommen ist, jetzt, da der
Endkampf zwischen Kapital und Arbeit angefangen hat,
jetzt braucht der Arbeiter immer größere Kenntnis der Ge—
seülschaft, der Klassenverhältnisse, der Kampfbedingungen,
der Mitlel und des Zieles des Kampfes.

Und je näher das Ziel kommt, und je mehr er fühlt,
daß er siegen wird, desto größer wird sein Bedürfnis nach
vollkommenem Wissen, vollkommener Kenntnis der Gesell—
schaft und der Natur. Denn er fühlt, daß er jetzt der Herr
der Gesellschaft, der Meister beider wird. Und Meister
wird er sein, sobald der Kommunismus in seiner Vollkom—
        <pb n="31" />
        menheit da ist. Und wodurch dies alles? Durch die Ent—
wicklung der Industrie, der Produktionskräfte Durch das
materielle gesellschaftliche Sein.

Es ist also nur Sche in, wenn man glaubt, das Be—
dürfnis nach Wissen, das geistige Empfinden der Seele
leite uns. Bei tieferem Nachdenken sehen wir, daß dies
Bedürfnis uns durch die maäteriell-gesellschaftlichen Ver—
hältnisse eingeflößt wird

Nicht nur bei dem „höheren“ geistigen Bedürfnis nach
Erkenntnis trifft das zu, es ist auch der Fall bei viel
„niedrigeren“ Dingen; auch die materiellen Bedürfnisse
werden oft von der Technik, den Produktions⸗ und Eigen—
tumsverhältnissen bestimmt. Der Arbeiter zum Beispiel
bedarf wie jeder Mensch der Nahrung, aber bedarf er der
Margarine, bedarf er der Surogate für Nahrung, Klei—
dung, Komfort und Schönheit? Wahrhaftig nicht. Viel—
mehr könnte man sagen, daß der Mensch aus seiner Natur
heraus kräftige Nahrung und schöne warme Kleidung be—
gehrt. Aber das Produktions- und Eigentumssystem
braͤuchte billige Nahrung für die Arbeiter, es hatte das
Beduürfnis nach Absatz von Massenartikeln; es erzeugte sie,
und erst danach und dadurch entstand bei den Arbeitern das
Bedürfnis nach diesen billigeren und schlechten Massen—
artikeln
So hat niemand aus sich selbstheraus das Be—
dürfnis nach einer Produktion von hunderttausend Stück
oder einer Geschwindigkeit von hundert Kilometer pro
Stunde, der konkurierende Produzent aber braucht sie in—
folge des Produktionssystems; dieses erzeugt die Maschinen,
welche solche Schnelligkeit und solche Produktivität erreichen
und erst danach und dadurch wird das Bedürfnis von allen
Individuen der Gesellschaft gespürt.

So können wir Hunderte von Beispielen beibringen.
Leser wird sie leicht selbst finden, wenn er nur um sich

lickt
„Ist das System der Bedürfnisse in seiner Gesamtheit
auf die Meinung oder auf die gesamte Organisation der
Produktion begruͤndet? In den meisten Fällen entspringen
die Bedürfnisse aus der Produktion oder aus einem auf
die Produktion begründeten allgemeinen Zustand. Der
Welthandel dreht sich fast ausschließlich um Bedürfnisse
nicht der Einzelkonsumtion sondern der Produktion“
Und so entsteht auch das Wissen aus den Bedürfnissen der
Produktion
        <pb n="32" />
        30

—

Zweite Einwendung.
Aber es besteht, sagen unsere Gegner, ein allgemeiner,
allen Menschen eigener Drang nach Erkenntnis! Der
Drang nach einer bestimmten Erkenntnis möge zeitlich sein,
der allgemeine Drang ist ewig

Keineswegs Es gibt Völker, die gar keinen Drang
nach Erkenntuis haben, die durchaus zufrieden sind mit
r wengen, das ihre Vorfahren an Wissenschaft hinter⸗
ießen

In einer reichen tropischen Gegend, wo die Natur den
Einwohnern alles gibt, was sie brauchen, sind sie zufrieden,
wenn sie Sagopalmen pflanzen können, den Bau einer
Laubhutte und noch einige uralte überlieferte Beschäftigun⸗
gen verstehen In Ländern mit fruchtbarem Boden und
einer Bauernwirtschaft können die Einwohner Jahr⸗
hunderte hindurch in den gleichen Verhältnissen bleiben
Neue Kenntnisse suchen sie nicht, da die Produktionsverhält⸗
nisse sie nicht erfordern.

Ein einleuchtendes Beispiel, das wir noch zu erwähnen
vergaßen, bilden auch die Volker, die an großen, regelmäßig
dus retenden Flüssen Ackerbau trieben, dadurch eine Zeit⸗
rechnung brauchten und deshalb die Himmelskörper zu
studieren genötigt waren

Es baten die Einwohner von Aegypten, Mesopotamien
und Chia, die durch den Nil, den Euphrat und den Hoang⸗
Ho r Aftronomie kamen. Andere Völker, die die Not⸗
Hendigkeit dieser Kenntnis nicht empfanden, kamen nicht
dazu.

Es sind also die Produktionsverhältnisse, die zur Kennt⸗
ais draͤngen und die Menge und Art der Kenntnis be⸗
stimmen.

Um diese Wahrheit zu sehen, beachte der Arbeiter
wieder einmal genau seine Umgebung Welche Arbeiter
sind rührig, wißbegierig, des Dranges voll nach gesellschaft⸗
cher Entwicklungs Diejenigen Arbeiter, die durch den
Produfttionsprozeß die Rolle des Proletariats
verstehen lernen, das heißt die Arbeiter in der Stadt und
n der Großindustrie. Die Technik, die Maschine selbst sagt
ihnen, daß eine sozialistsche Gesellschaft möglich sei; der
ode Produktionsprozeß vor ihren Augen lehrt sie, daß
die len Produktionsberhältnisse für die Kräfte der Ma—
schine zu eug sind, Neue Verhältnisse müssen kommen; als
Gleichberechtigte sollt ihr selbst die Produktionsmittel be—
sihen das ist die Sprache, die die moderne Stadt ihnen
mruft. Und durch diese Sprache des Produktionsprozesses
        <pb n="33" />
        entsteht der Drang der städtischen Arbeiter nach Erkenntnis
viel stärker als beim Landarbeiter, der vorläufig die neuen
Produktivkräfte noch nicht in solcher Nähe sieht.
Wenn aber die Proletarier einmal den Sieg errungen
haben werden und der Kommunismus da sein wird, dann
werden Alle, weil der Produktionsprozeß die höchste Kennt—
us von allen fordert, den höchsten Wissensdrang empfinden
Bemerkung.

Aus dem Beispiel der tropischen Gegenden, wo der
Produktionsprozeß nischt zur Erkenntnis drängt, und der
großen Flüsse, wo er diesen Drang hervorruft, sieht der
aufmerksame Leset, daß der historische Matrialismus den
— nicht als al leinige Ursache der Ent—
ÿö kennt. Geographische Faktoren haben dabei eine
große Bedeutung. So hätte sich, um noch ein letztes wich—
ges Beispiel zu nennen, der Produktionsprozeß in Eüropa
nie so gewaltig und so rasch entwickelt, wenn das Klima
tropisch gewesen wäre und der Boden fast ohne Bearbeitung
Ueberfluß an Früchten gegeben hätte. Gerade die gemäßigte
Temperalur und der verhältnismäßig arme Boden haben
hier die Menschen zu schwerer Arbeit und dadurch zum
Kennenlernen der Natur gezwungen

Der Vorwurf, daß sür den Kommunisten der Pro—
duktionsprozeß die einzige unabhängige Triebkraft der Ent—
wicklung seintrifft also nicht zu Außer dem Klima und der
natürlichen Beschaffenheit des Landes, außer den Einflüssen
der Atmosphäre und des Bodens, werden wir im Laufe
nee Beweisführung noch mehrere Triebkräfte kennen

ernen

B. Die Ersindungen.
Es gibt ein Gebiet der Wissenschaft, das für sich allein
noch etwas ausführlicher erörtert werden muß. Es ist das
Gebiet der technischen Erfindungen

Wir saglen die Produltionsverhältnisse beruhen auf
der Technt Erkennen wir damit nicht an, daß die Pro—
duft sonsverhallnisse auch auf dem Geiste beruhen?

Gapiß das erkennen wir an. Die Technik ist die be—
wußte Erfudung aund Anwendung von Werkzeugen durch
den denkenden Menschen, und wenn die Vertreter des
hiflorischen Mate rialismus sagen, daß die ganze Gesellschaft
auf der Technik beruhe, dann sagen sie damit, daß die ganze
Gesellschaft auf stofflicher und geistiger Arbeit beruhe
        <pb n="34" />
        —9
Steht dies nun aber nicht im Widerspruch mit dem,
was wir behaupteten? Wird damit nicht wieder der Geist
zur ersten Triebkraft der gesellschaftlichen Entwicklung?

Wenn der Geist die Technik erzeugt und die Technik die
Gesellschaft, so ist ja doch der Geist der erste Schöpfer

Sehen wir uns die Sache noch etwas näher an.

Der historische Makerialismus leugnet durchaus nicht,
daß der Geist zur Technik gehöre. Wie wäre das auch mög—
lich? Die Technik ist Menschenwerk. Menschen sind denkende
Wesen. Produktionsverhältnisse, Eigentumsverhältnisse sind
Verhaältnisse von Menschen; es wird in diesen Verhält—
nissen gehandelt und gedacht Technik, Eigentums⸗ und Pro—
duktionsverhaältnisse ind sowohl geistig wie auch materiell.
Dies st es nicht, was wir leugnen

Wir leugnen nur das Selbständige, das
Eigenmachtige, das Freiwillaͤge, das Ueber—
nalürliché, das Unbegreifliche des Geistes und
seiner Tätigkeit Wir sagen weun der Geist eine neue
Wissenschaft, eine neue Technik erfindet, da un tut er
dasnichtdgus freien Stäcken, sondernaus
einemgesellschaftlichen Drangoder Be—
darnisheraus

Früher wurden die meisten technischen Erfindungen
gemacht von Menschen, die im Produktionsprozeß selbst
atig waren In ihnen lebte der Drang, die Arbeit besser,
rascher auszuführen, um reicher zu werden, oder alle zu—
sammen reicher zu machen!

Wie daun auch die Gesellschaft beschaffen sein mochte,
klein oder groß, noch Nomadenhorde oder Stamm, feudale
oder kapitalistische Gesellschaft, dieser Drang war gesellschaft—
lich entstand durch ein dkonomisches Bedürfnis In den
Gesellschaften mit gemeinsamem Besitz war es der soziale
Drang, etwas fur die Gemeinschaft zu tun — in den
Klassengesellschaften mit Privateigentum war es der gesell—
schaftuche Brang, etwas für das gesellschaftliche Indivi—
duͤum zu tun, fur den Privatbesitzer oder für die Klasse der
Privatbesitzer

Kein Wunder Da der Mensch ein gesellschaftliches
Wesen und die Arbeit der Menschen gesellschaftlich ist, ist
auch der Drang nach Verbesserung der Arbeit nicht etwas,
das aus dem eigenen Geist des Einzelmenschen, sondern
etwas, das aus seinen gesellschaftlichen Verhältnissen her—
borgeht. Der Drang nach verbesserter Technik, nach Er—
findungen, ist ein gesellschaftlicher Drang; er entsteht durch
gesellschaftliche Bedürfnisse
        <pb n="35" />
        33

Das ist es, was die Vertreter des historischen Mate—
rialismus sagen: sie leugnen die Selbständigkeit, die Eigen—
macht, die Obermacht des Geistes; sie sagen, daß das be—
stehende gesellschaftliche Bedürfnis den Geist in bestimmte
Gleise zwingt und daß auch das Bedürfnis von bestimmten
materiellen Produktionsverhältnissen erzeugt wird Sie
lengnen also auch hier, daß der Geist absoluter Herrscher sei—

Dieses, der Zusammenhang von Technik und Wissen—
schaft, ist so wichtig, daß wir wohl noch etwas länger dabei
verweilen dürfen, um ihn eingehender zu betrachten.

Wir geben noch ein paar ausführliche Beispiele.

Denken wir uns einen Handweber im Mittelalter. Der
Handwebstuhl genügt im allgemeinen den gesellschaftlichen
Bedürfnissen. Der Handel, der Verkehr, der ausländische
Markt haben sich noch nicht so weit entwickelt, daß neue
große Produktivkräfte nötig sind. Danach wird noch
kein Bedürfnis empfunden. Dennoch haftet der aufmerk
same Blick eines besonders scharfsinnigen Webers an seinem
Werkzeug, da er weiß, daß eine schnellere, bequemere Pro—
duktion für ihn persönlich einen Vorteil bedeutet Er er—
findet eine kleine Verbesserung und bringt sie an Inner—
halb seines Kreises wird sie bekannt und nachgeahmt. Dabet
bleibt es. Eine kleine, kaum fortschreitende Aenderung im
Produktiosprozeß, die vielleicht Jahrzehnte oder Jahrhun—
derte die einzige Aenderung bleibt Sie ist entstanden durch
das Bedürfnis eines Einzelmenschen.

Setzen wir jedoch voraus, daß Verkehr und Handel
(zum Beispiel im fünfzehnten, sechzehnten und siebenzehnten
Jahrhundert) sehr zugenommen haben, daß sich der aus—
ländische Markt ungemein ausgedehnt hat, daß Kolonien,
die Manufakturwaren aus dem Mutterlande verlangen, ge—
gründet sind, — dann wird das gesellschaftliche Bedürfnis
und der Drang nach verbesserter Technik, nach größerer
Produktivität der Arbeit allgemein, dann siunt nicht einer,
sondern hundert Menschen sinnen auf kechnische Verbesse—
rungen, dann entsteht durch viele sich rasch anhäufende kleine
Aenderungen ein neues Werkzeug.

Denken wir uns einen der früheren Erfinder der
Dampfmaschine, einen Papin zum Beispiel.

In vielen Menschen steckt eine besondere Begabung
und Liebe für die Technik; die Jahrmillionen der Mensch—
heitsentwicklung haben das auf uns vererbt; und in einigen
kommen diese Liebe und Begabung, wenn die Produktions—
verhältnisse mitwirken, wie große Flammen zum Vorschein
Die Gesellschaft, worin sie leben, hat schon eine entwickelte
        <pb n="36" />
        34 —

Technik; sie sinnen auf eine Verbesserung, die die gesell—
schaftliche Produktion noch verbessern könnte. Ihr nach
dieser Richtung hin gerichtetes gesellschaftliches Denken wird
auf die Kraft des zusammengepreßten Wasserdampfes auf⸗
merksam Sie denken sich auf der Basis alter, von Menschen,
Tieren, Wasser oder Wind bewegter Werkzeuge einen neuen
Apparaͤt aus Ihr soziales Empfinden ist so groß, ihre
Freude und ihr Verlangen, so etwas zu produzieren, ist so
slark, daß sie Zeit Gesundheit, Vermögen opfern, um es zu
bervollkommnen und einzuführen.

Das allgemeine Bedürfnis besteht jedoch noch
nicht, die ser Fortschritt der Technik ist zu groß, die
Koften sind vielleicht zu hoch. Die Erfindung wird nicht
eingeführt, die Versuche müssen eingestellt werden und ge—
raten in Vergessenheit. Der Erfinder stirbt oft als ein zu—
grunde gerichteter Mann. Er hat wohl das soziale Bedürf⸗
nis empfunden, aber die Gesellschaft empfand es noch nicht
oder jedenfalls nicht genügend; er kam etwas zu früh.

Nehmen wir jehzt einen Erfinder aus unserer eigenen
Zeit, einen Edison. Er ist Techniker, sein Leben ist ein
PDenken an die Technik. Aber er ist keine frühe Schwalbe,
die au das denkt, was noch nicht möglich ist. Die Gesell—
schaft, jedenfalls die besitzende, will dasselbe was er will.
Flr die Kapitalisten bedeutet verbesserte Technik kolossale
Sleigerung des Gewinns. Jede Erfindung, die schnellere
und billigere Produktion ermöglicht, wird sofort angenom—
men. Das flärkt seine Arbeitskraft und bewirkt, daß er sich
selbst seine Probleme stellen kann, daß er nicht mehr vom
Zufall, sondern von seinem eigenen Willen abhängig wird.

Der Erfindungsdrang eines Edison ist ein sozialer
Drang, seine Liebe zur Technik eine in der Gesellschaft und
durch ste entstandenẽ, eine gesellschaftliche Liebe; auch die
Basis, auf der er arbeitet, ist gesellschaftlich; daß er Erfolg
hat und daß er sich bewußt, im voraus, sein Ziel stecken
bann, verdankt er dieser Gesellschaft.

So kommt es gegenwärtig öfters vor, daß neue Ma—
schinen erfunden, diese aber nicht eingeführt werden, weil
sie zu teuer sind Fuür die Landwirtschaft zum Beispiel gibt
es ausgezeichnete Maschinen, die zum großen Teil noch gar
nicht oder nur spärlich augewandt werden. Die Pro—
duktionsverhältnisse sind noch zu beschränkt für diese neuen
Kräfte. Entsteht also eine Erfindung infolge eines vom
Individuum empfundenen gesellschaftlichen Bedürfnisses auf
der Grundlage einer schon besteheuden Technik, — so werden
doch nur diejenigen Erfindungen angenommen, welche die
        <pb n="37" />
        35

Gesellschaft praktisch braucht und die sie in ihren bestimmten
Verhältnissen einführen kann. Also sowohl der Ursprung
wie die Entwicklung des Werkzeugs ist gesellschaftlicher
Natur. Ihre Wurzeln sind nicht im Geist des Einzel—
menschen, sondern in der Gesellschaft zu suchen.

Zum Schlusse ein Beispiel aus der Zeit, als der Mensch
ae seine ersten Werkzeuge zu verfertigen anfing. Wir eut—
lehnen es Kautskys „Ethik und materialistische Geschichts—
auffassung“ Dort lesen wir (S. 83):

„Sobald der Urmensch den Speer besaß, war er instand
gesetzt, nach größeren Tieren zu jagen. Hatte bis dahin
seine Nahrung vorwiegend aus Baumfrüchten und Insekten
sowie Vogeleiern und jungen Vögeln bestanden, so konnte
er jetzt auch größere Tiere erlegen, das Fleisch wurde von
nun an für seine Ernährung wichtiger. Die meisten grö—
ßeren Tiere halten sich aber auf dem Erdboden auf, nicht in
den Bäumen; die Jagd zog ihn also aus seinen luftigen
Regionen auf die Erde herab. Noch mehr. Die jagdbarsten
Tiere, die Wiederkäuer, sind nur wenig im Urwald zu
kreffen; sie ziehen ihm weite Wiesenflächen, Prärien vor.
Je mehr der Mensch ein Jäger wurde, desto eher konnte er
aus dem tropischen Urwald heraus, in den der Urmensch
gebannt gewesen.“

„Diese Darstellung ist, wie gesagt, eine rein auf Ver—
mutungen gegründete. Der Entwicklungsgang kann auch
der umgekehrte gewesen sein. Ebensogut wie die Erfindung
des Werkzeugs und der Waffe den Menschen treiben konnte,
aus dem Urwald in freieres Grasland mit zerstreuterem
Baumwuchs hinauszuziehen, ebensogut können auch Ur—
sachen, die den Urmenschen aus seinen Ursitzen verdrängten,
der Anlaß zur Erfindung von Waffen und Werkzeugen ge—
worden sein Nehmen wir zum Beispiel an, daß die Menge
der Menschen über ihren Nahrungsspielraum hinaus
wuchs oder eine zunehmende Trockenheit des Klimas
immer mehr die Urwälder lichtete, in ihnen immer mehr
Grasland auftauchen ließ. In allen diesen Fällen wurde
der Urmensch gedrängt, seinem Baumleben zu entsagen und
sich mehr auf dem Erdboden zu bewegen; er mußte nun auch
mehr nach tierischer Nahrung suchen und konnte sich nicht
mehr in so hohem Grade von Baumfrüchten nähren. Die
neue Lebensweise veranlaßte ihn, öfters Steine und Stöcke
zu gebrauchen, und brachte ihm so die Erfindung der ersten
Werkzeuge und Waffen näher!“

„Welchen Entwicklungsgang man auch immer an—
nehmen mag, den ersten oder den zweiten — und beide
        <pb n="38" />
        36—

———
66

können unabhängig voneinander an verschiedenen Punkten
stattgefunden haben — aus jedem von ihnen erhellt deut—
lich die enge Wechselwirkung, die zwischen neuen Produk—
tionsmitteln und neuen Lebensweisen und Bedürfnissen be—
steht. Jeder dieser Faktoren erzeugt mit Naturnotwendig—
keit den anderen, jeder wird mit Notwendigkeit die Ursache
von Veränderungen, die dann ihrerseits wieder neue Ver—
anderungen in ihrem Schoße bergen. So erzeugt
dede Erftindung ünpermeidiicherweise
Wirkungen, die den Anstoß zuanderen
Erindungen und damitwieder zuneunen
Bedürftnissen und debensweisen geben,
de wieder nene rindungen eropor—
rufen usw. —eine Kette unendlicher Entwicklung, die
um so mannigsacher und rascher wird, je weiter sie fort—
schreitet und je mehr damit die Möglichkeit und Leichtigkeit
neuer Erfindungen wächst.“

Kautsky erzählt dann weiter, wie der Mensch, als er
einmal in die Grasebenen gekommen war, dort zum Acker—
bau, zum Bauen von Wohnungen, zum Gebrauch des Feuers
und zur Viehzucht kam, und wie danach „das ganze Leben
des Menschen, seine Bedürfnisse, seine Wohnsitze, seine Mit—
tel des Lebensunterhaltes geändert wurden und die
ene Grindung chlttereich zahbreiche
anderenach h zo derrsteinmno
emach ood de gverseltung des
Speeres oder der Axtgelungen war“

Und so wird einmal (um wieder ein Beispiel dem jetzt
in Rußland aufkommenden Kommunismus zu entnehmen),
wenn der Kommunismus vollkommen da sein wird, das
Bedürfnis nach Produktiovn und Glück so allgemein und
groß sein, in so vielen Hunderten von Millionen Menschen,
daß dies Bedürfnis nach Produktion und Glück so allge—
mein und groß sein, in so vielen Hunderten von Millionen
Menschen, daß dies Bedürfnis gewaltig zahlreiche und
große Erfindungen, und so ins Unendliche, so weit wir
sehen können.
———
Bemerkung.
Die Erfindung der neuen Technik, worauf, wie wir
gesehen haben, die Wissenschaft beruht, findet also durch
den gesellschaftlichen Drang und durch das im Individuum
wirkende gesellschaftliche Bedürfnis statt, und sie gelingt
erst volllommen, wenn das Bedürfnig allgemein gesell⸗
schaftlich ist. Bis jetzt konnte jedoch der Geist des Erfinders
        <pb n="39" />
        37
die möglichen Folgen der Erfindung meistens nicht
voraussehen.

Sahen die Erfinder der ä ᷑ö—a ja, sehen
sogar jeßzt die Erfinder der gewaltigen Technik unserer
Zeit den Klassenkampf zwischen Arbeit und Kapital, den
hre Erfindungen immer mächtiger entfesseln und immer
schärfer zuspißzken? Sehen sie die sozialistische Gesellschaft,
die mit durch ihre Erfindung entstehen muß? Der Wensch,
sogar der gemilste, blieb bis jeßt blind für das Werden
der Gesellschaft. Zu seinen Taten wird er durch gesellschaft—
liche Bedürfnisse gezwungen. Unter dem Kapitalismus
waren ihm diese Bedürfnisse, wenn auch unklar, so doch
bekannt, aber ex wußte nicht, wohin die Befriedigung der
Bedurfnisse die Gesellschaft führen würde. Er wurde von
den gesellschaftlichen Kraͤften beherrscht. Er lebte im Reich
der Notwendigkeit.

Erst in einer kommunistischen Gesellschaft, wenn die
Produklionsmittel gemeinsames Eigentum sind, wenn sie
bewußt angewandt und beherrscht werden, erst dann wird
der Rensch nicht nur die gesellschaftlichen, ihn zu seinem
Handeln zwingenden Kräfte und, Bedürfnisse erkennen,
ondern auch das Ziel, wohin sein Handeln ihn führt, und
die Folgen, die aus seinem Handeln hervorgehen. Jede
Verbesserung der Technik wird größeres Glück, mehr Frei⸗
heil fur die geistige und körperliche Entwicklung zur Folge
haben Keine neue Erfindung wird unvorhergesehene heil⸗
lose Drangsale herbeiführen, sondern jede wird den Indi⸗
biduen die Freiheit zur vollkommeneren Entwicklung brin⸗
gen und damit die Bedingung für das Glück aller Menschen
sortwährend vorvollkommnen.

Freilich, die Produktivkräfte, die materiellen Produk⸗
tionsberhallnisse drängen uns zum Kommunismus, und
auch in der kommunistischen Gesellschaft werden wir von
den Produktivkräften, von der kommunistischen Produk⸗
tionsweise abhängig sein Insofern wird immer das ge—
sellschaftlche SGein den Geist beherrschen, werden wir nie
e fein Aber wenn wir dies nicht mehr blind, passiv er⸗
leiden, wenn wir nicht mehr von der zügellosen Bewegung
der Techmt fortgerissen werden, nicht mehr gleich armen
Zerftreuten Momen“, sondern bewußt als ein Ganzes
rodugieren, wenun war die Folgenunserer ge—
ertfchaftlichen Taken voraussehen, dann
sind wir, un Vergleich zu jetzt, free i, dann sind wir aus
dem düsteren Reich des blinden Schicksals ins herrliche Licht
der Freiheit getreten. Die absolute Freiheit haben wir
        <pb n="40" />
        38

auch dann nicht — die besteht nur im Gehirn der Anar—
chisten und der mystischen Klerikalen oder Liberalen; wir
sind an die vorhandenen Produktivkräfte gebunden. Diese
können wir jedoch nach unserem gemeinsamen Willen, zu
unserem gemeinsamen Wohl anwenden. Und das ist alles,
was wir verlangen.

Zweite Bemerkung.

Selbstverständlich kann sich eine Wissenschaft, wenn
sie einmal durch ein gesellschaftliches Bedürfnis eutstanden
ist, auf einer bestimmten Entwicklungsstufe selbständig,
ohne unmittelbaren Zusammenhang mit dem gesell—
schaftlichen Bedürfnis weiter entwickeln. Obwohl die An—
fänge der Astronomie aus einer gesellschaftlichen Notwen—
digkeit hervorgegangen sind, hat sie sich jetzt auch außer—
halb des direkten Zusammenhanges mit den Bedürf—
aissen des gesellschaftlichen Lebens weiter entwickelt. Der
Zusammenhaug zwischen der selbständig gewordenen
Wissenschaft, der Technik und dem Bedürfnis ist jedoch
immer aufzufinden, wenn man nur nicht bei den äußersten
Aesten oder Blüten bleibt, sondern die Wurzel der Wissen—
schaft sucht.
C. Das Recht.
Das Recht handelt vom Mein und Dein. Das Recht
ist die allgemeine Auffassung einer Gesellschaft darüber,
was mir, was dir und was einem anderen gehbren darf,
Solange die Produktivkräfte und die Produktionsverhält⸗
nisse fest sind, stehen auch die Begriffe vom Eigentum fest.
Wenn jedoch jene zu wanken anfangen, wanken auch diese.
Kein Wunder. Produktionsverhältnisse sind ja zugleich
wie wir oben klar nachgewiesen

aben.

Wir werden einige großzügige, jedem bekannte Bei—
spiele für diese Aenderungen aus unserer eigenen Zeit
herbeibringen.

Es ist noch nicht lange her, daß in einer Großstadt
wie Amsterdam die allgemeine Meinung herrschte, die
Lieferung von Licht von Licht und Wasser und die Sorge
für den Personenverkehr sei eine Sache, womit Prival⸗—
personen Geld zu verdienen hätten; Gasanstalten, Wasser—
leitungen und Straßenbahnen sollten das Eigentum von
Privalpersonen sein. Jetzt hat sich das geändert. Ziemlich
allgemein wird jetzt angenommen, daß diese und noch manch
andere Erwerbszweige Gemeindeeigentum sein sollen. Das
        <pb n="41" />
        39

ist eine große Umwandlung in der Auffassung des Rechtes,
in dem Bereich des Geistes, der über Mein und Dein eine
Meinung, einée Ueberzeugung oder ein Vorturteil hat.

Woher kommt diese Aenderung?

Es ist nicht schwer darzutun, daß sie unmittelbar aus
einer Aenderung der Produktivkräfte herstammt.

Als Holland unter den Einfluß der Großindustrie und
des Welthandels kam, verschlimmerte sich die Lage des
Mittelstandes und der Arbeiterklasse Dies wurde noch
aͤrger nach 1870. Diese Klassen der Bevölkerung sannen
auf Mittel zur Abhilfe der Not. Dadurch entstand eine
Mutelstandspartei, der sich die Arbeiter anschlossen. So—
bald sie dazu die Macht haͤtten, führten sie die Gemeinde—
betriebe ein, um nicht mehr von den privaten Gesellschaften
geschröpft zu werden, die die Gasanstalt, die Wasserleitung
und die Straßenbahn ausbeuteten.

Das neue bkonomische Verhältnis zwischen Groß—
kapital einerseits und Kleinbetrieb und Handwerk anderer—
seits, das im Grunde das Verhältnis zwischen der großen
Maschine und dem kleinen Werkzeug ist, schuf für einen
Teil der Gesellschaft, für einige Klassen einen neuen Not—
stand. Es eutstand das Bedürfnis nach neuen Eigentums—
verhältnissen, wodurch die neuen Produktivkräfte weniger
verheerend wirken sollten. Es gelang den leidenden Klassen,
sich die Macht zu erobern, und sie fuͤhrten die neuen Eigen—
tumsverhältnisse ein.

Dies ist ein verhältnismäßig geringfügiges Beispiel.
denn obwohl Gemeinde- (und auch Staats?)betrieb wohl
eine ganz andere Eigentumsform ist als Privatbetrieb eines
oder mehrerer Kapitalisten, so weiß jedermann, daß die
jetzige Gemeinde oder der Staat kapitalistisch ind und daß
also für den geringen Mann die Vorteile des Gemeinde—
hHeltriebs oder Staatseigentums nicht sehr groß sein können.
Mag das Schröpfen der geringen Leute auch nicht mehr so
unverschämt wie von den Konzessionären betrieben werden,
geprellt, gerupft, geschoren werden sie vom Staat sowohl
wie von der Gemeinde.

Größer und besser ist das Beispiel unserer eigenen
Bewegung.

Der Sozialismus will die Produktionsmittel zu Ge—
meineigentum machen. Es gibt schon Millionen von Sozia⸗
listen, wo es vor einigen Jahrzehnten noch fast gar keine
gab. Wie konute eine so große Revolution im Denken, im
Bewußtlsein so vieler Menschen stattfinden? Wie hat sich
der Begriff dessen, was Reécht ist, so geändert?
        <pb n="42" />
        49

Die Antwort ist hier noch viel klarer als beim ersten
Beispiel.

Die Großindustrie hat Millionen Proletarier ge—
schaffen, die, solange das Privateigentum au Produktious
mitteln bestehen bleibt, nie zum Besitz und zur Wohlfahrt
gelangen können. Wenn aber das Privateigentum in ge—
meinsames Eigentum umgewandelt wird, dann steht ihnen
der Weg zur Wohlfahrt offen. Deshalb sind sie Sozia—
listen geworden

Außerdem haben Krisen und Ueberproduktion und in
letzter Zeit die Trusts mit ihrer alles verschlingenden Kon—
kurrenz und ihrer Einschränkung der Produktion — die
alle unmittelbar aus dem heutigen Privatbesitz der Pro—
duktionsmittel hervorgehen — so verhängnisvoll auf den
Mittelstand gewirkt, daß auch dort viele den Gemeinbesißz
als einzige Rettung aus der Not betrachten und Sozialisten
werden.

Im Sozialismus liegt der unmittelbare Zusammen—
hang zwischen der Aenderung der Produktivkräfte und
Produktionsverhältnisse und der Aenderung im Denken
klar auf der Hand.

Ist es ein Gott, der uns den Sozialismus in den
Kopf gesetzt hat? Ist es ein mystischer Funke, ein heiliger
Geist? Ein Licht, das Gott uns gezeigt hat, wie manche
christlichen Sozialisten uns wollen glauben machen?

Ist es unser eigener freier Geist, der uns diesen herr—
lichen Gedanken aus seiner eigenen Vortrefflichkeit heraus
erzeugt hat? Ist es unsere besonders erhabene Tugend,
eine geheimnisvolle Kraft in uns, der kategorische Impe—
rativ Kants?

Oder ist der Teufel, der uns die Begierde nach ge—
meinschaftlichem Besitz eingeflößt hat? Letzteres behaupten
wieder andere Chrisften

Nichts von alledem. Es ist die Not, die gesellschaft—
liche Not

Diese Not kommt daher, daß die neuen Produktiv—
kräfte innerhalb der Zwangsjacke der alten Eigentumsver—
hältnisse des früheren Kleinbetriebs verheerend in den
Kreisen der Arbeiter und der Kleinbürger wirken. Die
Lösung durch den Sozialismus findet sich von selbst, weil
jeder Arbeiter und mancher Kleinbürger fühlen und ver—
stehen kann, daß diese Verheerung aushören würde, wenn
wir gemeinsam die Produktionsmittel besäßen. Die Ar—
beit ist ja schon gemeinsam. Die Lösung der Schwierig—
keiten durch gemeinsamen Besitz liegt also auf der Hand.
        <pb n="43" />
        Und nun sage man nicht, daß doch auch in früheren
Jahrhunderten an den Sozialismus gedacht wurde, und
daß also der Sozialismus nicht ein Ausfluß der jeßt hert
schenden Produktivkräfte sein könne, sondern daß das Prin⸗
zip der Gleichheit aller Menschen ein ewiges Ideal sei, das
den Menschen zu allen Zeiten vorgeschwebt habe

Der Sozialismus, den die ersten Christen sich dachten,
war von dem Sozialismus, den die Arbéiterklasse jeht will,
ebenso verschieden, wie die Produktibkräfte und Klasfen—
verhältnisse jener Zeiten von den heutigen. Die ersten
Christen wollten einen gemeinsamen Konsum, die Reichen
sollten ihren Ueberfluß an Verbrauchs mittelnu ut
den Armen teilen. Nicht den Grund und Boden und die
Arbeitsmittel sollte man gemeinsam haben, sondern die
Produkte. Im Grunde also ein Bettlersozialismus:
die Armen sollten durch die Güte der Reichen die Produkte
mit ihnen teilen.

So predigte auch Jesus nie etwas anderes, als daß die
Reichen ihren Reichtum abtreten sollten. Die Reichen
sollten die Armen als Brusder lieben und umgekehrt

Der Sozialismus dagegen lehrt, daß die Nichtbesitzer
die Besitzer bekäm pfen und ihnen durch die politische
Macht die Produktionsmittel nehmen sollen; er will
nicht die Pro dukte gemeinsam besitzen — un Gegen
keil, was jeder an Produkt, an Verbrauchsgegenstanden be—
kommt, das wird sein eigen sein, das braucht er nicht zu
teilen — wohl aber die Produktiousmitteln

Die Produktionsverhältnisse aus den ersten Jahr—
hunderten des Christentums konnten unseren sozialistischen
Gedanken nicht aufkommen lassen, ebenso wenig wie unsere
Produktivkräfte uns veranlassen können, dem christlichen
Ideal nachzustreben. Als die Produktivkräfte noch so ge—
ring, so zersplittert und zerstreut waren, daß eine große
Gemeinschaft sie nicht beherrschen konnte, war die Philan—
thropie die einzige, wenn auch miserable und für noch kein
Tausendstel geuugende Löfung des Elends In einer Zeit,
wo die Arbeit immer mehr gesellschaftlich wird, st gefell
schaftlicher Besitz das einzige, aber jeht auch ausreichende
Mittel gegen das Elend

Ein anderes bedeutendes Beispiel bietet sich im Straf⸗
recht dar. Auch hier fand eine Rebolution in den Geistern
dieler Menschen statt; die sozialistischen Arbeiter glauben
nicht mehr an die persönliche Schuld des Verbrechers. Sie
glauben, daß die Ursachen des Verbrechens gesellschaftlich
und nicht persönlich sind.
        <pb n="44" />
        42

Wie sind sie zu diesem neuen Gedanken gekommen, zu
welchem sich weder das klerikale noch das liberale Christen—
tum hat emporarbeiten können?

Durch den Kampf gegen den Kapitalismus, der, wie
wir oben gesehen haben, auf dem Produktionsprozeß be—
ruht. Die sozialistischen Schriftsteller sind durch den Kampf,
durch hre Kritik der bestehenden Gesellschaftsordnung ge—
zwungen worden, den Ursachen des Verbrechens nachzu—
spuren, und sie haben gefunden, daß sie in der Gesellschaft
egen. Der Produktiousprozeß, der Klassenkampf hat
ihnen diese Einsicht aufgenötigt.

Dieses Bewußtsein dringt allmählich in die Köpfe
der sozialistisch geschulten Arbeiter ein.

Wir können im Rahmen dieser Schrift nicht tiefer
darauf eingehen, aber es zeigt aufs neue, welche Revolu⸗
on im Denken sich infolge der veränderten Produktions—
verhältnisse vollzieht. Denn welcher Unterschied! Vor noch
nicht langer Zeit glaubte jeder noch an Sündenfall, per—
sonliche Schuld, freien Willen, an Gottes und der Menschen
Rache, an Strafe, — jetzt sehen die Sozialisten — aber
auch nur sie — daß, wenn die „antisoziale Brutstätte des
Verbrecheus, die kapitalistische Gesellschaft vernichtet und
jedem der gesellschaftliche Raum für seine wesentliche
Lebensäußerung gegeben sein wird“, das soziale Ver—
brechen verschwindet.

Und als drittes und größtes Beispiel: In der Zeit
der Umwälzung vom Kapitalismus zum Kommunismus,
deren Anfang wir jetzt erleben, wird der Kampf ums
Recht, das heißt um Mein und Dein, ums Eigentum, der
besihenden und nichtbesitzenden Klassen immer heftiger und
nimmt endlich die Form des Bürgerkrieges aͤn

Und in der ersten Zeit, nachdem die Arbeiterklasse den
Sieg erreicht und den besitzenden Klassen ihren Besitz, ihren
Boden und hre Produktionsmittel genommen haben wird,
um sie in den Besitz des proletarischen kommunistischen
Slaates zu bringen, in jener Zeit, wenn der Reichtum
jenes Staͤgtes noch klein sein wird, wird jeder Arbeiter
Lohn nach Arbeit“ bekommen. Jeder wird dann Recht
auf ein gewisses Quantum Produkten haben, relativ zum
Quantum Arbeit, das er geleistet hat. Dies ist dann das
zffentliche Recht. Wenn jedoch, nach kurzer oder langer
Zeit, die kommunistische Gesellschaft durch ihre Produk—
onskräfte, durch die Arbeit aller, Ueberfluß hat, empfängt
jeder nicht mehr nach seiner Arbeit, sondern nach seinem
Bedürfnis. Das „Recht“ existiert dann eigentlich nicht
        <pb n="45" />
        —4J —

mehr. Denn das gemeinschaftliche Eigentum birgt keinen
Gegensatz in sich. Das Recht ist nicht mehr da, weil das
Unrecht nicht mehr da ist. Und auch der Kampf und das
Strafrecht sind verschwunden, weil doch das persönliche
Eigentum an den Prdouktionsmitteln, die Klassen und
das Recht verschwunden sind.

Dann hat wohl die gewaltigste Umwälzung im
Denken stattgefunden!

Das Eigentum der Produktionsmittel, das Recht,
der Kampf ums Eigentum der Personen und Klassen, die
jetzt den Geist aller Menschen erfuüllen, sind dann nicht mehr
darin, existieren dann überhaupt nicht mehr. — Und alleés
dies verursacht durch die Produktiouskräfte
Bemerkung.
Und hier, beim Besprechen dieser Beispiele des Wan—
dels im Denken über Recht uͤnd Eigentum, sehen jetzt zum
erstenmal sehr klar ein Entwicklungsgesetz des menschlichen
Denkens, worauf wir bis jetzt noch nicht scharf die Auf—
merksamkeit richten konnten.

Wir haben schon genügend gesehen, daß die Produktiv—
kräfte die Triebfeder, die Ursache sind, daß die Entwick—
lung im Denken stattfindet. Jetzt sehen wir, wie sie statt—
findet. Die Entwicklung im Denken findet statt im Kampfe,
im Klassentamp—

Das können wir mit den nämlichen Beispielen des
Gemeindebetriebs und der sozialistischen Auffassung über
Eigentum und Recht, die wir oben angeführt haben, sehr
klar machen.

Die Großindustrie machte die Lage der Kleinbürger
und der Arbeiter äußerst schwierig. Die bisher geduldeten
Gas- und Wasserleitungsmonopole wurden um so uner—
träglicher, je mehr die Großindustrie wuchs. Die Arbeiter
und Kleinbürger sahen in den Monopolisten ihre Feinde,
es wurde ihnen zum Lebensbedürfnis, sie von sich abzu—
schütteln. In ihren Köpfen entstand der Gedanke: es ist
Unrecht, was diese Menschen tun; Recht, höheres Recht ist
es, daß die Gemeinde diese Betriebszweige innehat. Wir,
die reenden asen massen deee
Parasitenbekämpfen. Die Parasiten dachten da—
gegen: es ist unser Recht, diese Fabriken zu besitzen, wir als
Klasse würden unseren ganzen Profit verlieren, wenn man
uns einen gewinnbringenden Betrieb nach dem anderen
nähme Wirmüssendie arbeitendenKlassen
bekämpfen
        <pb n="46" />
        44

Im Kampfe entwickelte sich also die neue Rechtsauf—
fassung. Die Entwicklung der neuen Produktivkräfte brachte
den neuen Klassenkampf, und dieser Kampf verbreitete
das neue Rechtsbewußtsein.

Und das Proletariat, das fühlt, daß es durch die
Großindustrie geistig, moralisch und körperlich zugrunde
geht, erkannte die Kapitalisten als seine Feinde Zuerst
dachte es: wir, die Arbeiter dieser Fabrik, werden ausge—
plündert, wir gehen zugrunde, unser Kapilalist ist unser
Feind; es ist Unrecht, daß er alle Profile bekommt und
wir nichts Wir müssen ihn bekämpfen. Und
dann dachte das Proletariat in e iner Stadt, in den
einzelnen Berufen dasselbe. Und dann das gesamte
Proletariat eines ganzen Landes und der ganzen Welt
Alle dachten: wir, als Klasse, müssen die Ka—
pitalistenklasse bekämpfen. Esist Recht,
daß alle Produktionsmittel in unsere Hände kommen.
Laßt uns kämpfen für unser Recht

Aber die Kapitalisten dachten, erst auch einzeln, dann
zusammen, organisiert und als Staat gerade das Gegen—
teil. Es ist Recht, daß wir behalten, was unser Eigemum
ist. Laßt uns diese revolutionären Gedanken zerschmettern.
Laßt uns zusammen als Klasse' kämpfen
fürunsernecht.
Und je mehr sich die Technik entwickelte, je mehr sie
die Produktivkräfte und die Reichtümer in den Haͤnden
der Kapitalisten immerfort vergkößerte und das Elend
unter dem stets wachsenden Proletariat tiefer, vielfältiger
und unerträglicher machte, desto stärker wuchs das Be—
dürfnis der Besitzenden, ihren größeren Reichtum zu
behalten, desto stärker auch das Bedürfnis der Besiß—
losen, sich der Produktionsmittel zu bemächtigen. Und in
demselben Maße wuchs auch der Kampf der beiden Klassen
und damit die Kraft dieser ihrer Idee von Recht und Un—
recht — bis der Bürgerkrieg ausbricht.
An diesem Beispiel sieht man also sehr klar, daß die
Auffassungen über Recht und Unrecht sich im Klassenkampf
und durch ihn entwickeln, und daß eine Klasse allmaählich
etwas, was ihr früher gerecht erschien, für Unrecht halten
und mit dem steigenden Klasseninteresse stets leidenschaft
licher etwas als Unrecht oder Recht empfinden kanm

Der materielle Kampf um die Produktionsmittel ist
also zugleich ein geistiger Kampf um Recht und Unrecht
Letzterer ist das geistige Spiegelbild des etsteren.
        <pb n="47" />
        —
29—

Zweite Bemerkung.
Es wird hier wohl nicht nötig sein, darzutun, daß in
diesem geistigen und materiellen Kampfe schließlich die—
jenige Klasse siegt, die durch die Entwicklung des Produk—
tionsprozesses zur mächtigsten, zur Besitzerin der größten
geistigen Kraft und Wahrheit wird, die Klasse, die durch
die aus ihrer Lage hervorgehenden Bedürfnisse dazu be—
rufen ist, die Widersprüche zwischen den neuen Produktiv—
kräften und den alten Produktionsverhältnissen zu lösen.
Wir werden am Schlusse unserer Ausführungen darauf
zurückkommen. Hier sei eine andere Bemerkung einge—
schoben, die einen Einwand unserer Gegner zuruͤck—
weisen soll.

Es gibt Mitglieder der besitzenden Klassen, die zu den
Besitzlosen überlausen. Ist das nicht ein Beweis dafür,
daß nicht das gesellschaftliche Sein über das Denken, son—
dern vielleicht etwas erhabenes Geistiges, etwas myste—
— Ane über unser gesellschaftliches Handeln ent—

eidet

Ein Ueberläufer aus dem kapitalistischen nach dem
proletarischen Lager kann das aus zweierlei Gründen tun,
die auch zusammen wirksam werden können, Er hat viel—
leicht eingesehen, daß die Zukunft dem Proletariat gehört.
Daun wird niemand leugnen, daß der Produktionsprozeß,
die bkonomischen Verhältnisse ihm diese Einsicht beigebracht
haben, und daß also nicht in der „Freiheit“ des Geistes,
sondern im gesellschaftlichen Sein die Triebfeder der Tat
gesucht werden muß. Oder sie kann in Gefühlsgründen
Hurzeln, weil er sich zum Beispiel lieber unter die Schwä—
cheren als unter die Unterdrücker schart. Wir werden bei
der Besprechung der Suttlich keit dartun, daß er auch
in diesem Falle durch Gefühle, deren Ursprung im sozial—
zkonomischen Leben der Menschen liegt, und nicht durch
etwas Mysteriöses, Uebernatürliches oder absolut Geistiges
bestimmt wird.
D. Die Politik.
Geben also die sozialistischen Auffassungen über das
Eigentum und das Verbrechen ein klares Beispiel, wie die
das Denken beeinflussen, wie der geistige

ampf der Klassen entsteht und zur Lösung kommen muß,
so finden wir noch viel klarere . in der Politik

Und auch hier müssen wir das, was die Sogzialisten
denken, als Beispiel nehmen, denn in ihren Köpfen wirken
die neuen Produktivkräfte am stärksten.
        <pb n="48" />
        46

Auch bei dem Großindustriellen, dem großen Bankier
oder Kaufmann, dem Reeder usw, wirken die neuen Pro⸗
duktivkräfte sehr stark auf den Geist ein. Er deukt
große Unternehmungen, enormen Gewinn, an Kaͤrtell
bildung, ausländische Märkte und Kolonien, au die
Schöpfung einer nationalen Flotte und einer mächtigen
Armee, um seinen Einfluß, seinen Reichtum, seine Naͤcht
zu vergrößern. Aber wie sehr sein Denken auch von dem
der Kapitalisten und herrschenden Klassen früherer Jahr
hunderte im Grad unterschieden sein mag, die Ar! sei—
sies Denkens ist die gleiche.
Die Köpfe des Mittelstandes denken auch anders als
früher. Das Wachsen der Produktivkräfte hat sie nach
einer gefährlichen Seite gedräängt, von wo sie ins Prole
tariat stürzen könnten. Wie dem zu entkommen, durch
Kredit, Staatshilfe, Genossenschaften, darüber denken sie
nach — ganz anders als ihre Väter dachten. In diesen
Köpfen sieht es jetzt anders aus als zum Beispiel im acht—
zehnten Jahrhundert. Dennoch bewegt sich dieses Denken
in der alten Richtung: Gewinn, Gewinn, Privatgewinn!
Der Geist des nichtsozialistischen Arbeiters ist auch mit
Inderem Inhalt gefüllt als der seines Kollegen zum Be—
spiel aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts
Höherer Lohn, kürzere Arbeitszeit, Staatshilfe, besseres
Leben, das summt ihm durch den Kopf; das geht wie in
einem Bienenostck, wie ein Mühlrad in diesen christlichen,
nichtsoziglistischen Organisationen. Es sumt und brummt,
und es klingt immer dasselbe Wort: Organisation, besse
ces Leben. Aber auch diese Menschen gehen noch die alten
Wege: sie wünschen größeren Vorteil vom Kapital, vom
Privatbesiz — auf dem Boden des Pritabesizes
In den Sozialisten dagegen, da lebt etwas anderes,
da lebt etwas ganz Neues, das in dieser Gestalt nie in der
Welt war, Sie wollen, selbst auf dem Boden des Privat—
besitzes stehend, die Aufhebung des Privatbesitzes; sie wol—
en, selbst im kapitalistischen Staate lebend, den Umsturz
des kapitalistischen Staates. Ihre Gedanken, in der Hülle
des Kapitalismus geboren und genährt, wollen diese Hülle
vegschaffen, ihre Gedanken selIbst wollen au dere Ge—
danken werden. Die Arbeiterklasse will den Ursprung
ihres eigenen Daseins, das Kapital und den Privatbesiß
an den Produktionsmitteln vernichten. Diese Wirkung
der Produktivkräfte ist hier ganz anders als bei den ande—
ren Klassen, viel größer, viel kiefer, viel radikaler; und des—
        <pb n="49" />
        47
halb ist das sozialistische Denken das beste Beispiel für den
Einfluß der Technik auf den Geist.

In der Politik tritt der Zusammenhang zwischen ge—
sellschaftlichem Sein und Denken auch deshalb viel klarer
zurage, weil die Politik das Wollen, das Begehren, das
Streben, das Denken, das Handeln im Staate, das ganze
moderne Staatsleben aller Klassen in sich faßt, weil der
Staatsbürger, der in unserem Staate politische Rechte be—
sitzt, über die ganze Gesellschaft und ihre Teile nachdenken
muß und also buchstäblich in seinem ganzen Geistesleben
von dem Wandel der Gesellschaft betroffen wird.

Welche politische Frage ist nun die wichtigste, die all—
gemeinste und kann uns deshalb am besten als Beispiel
dienen?

Es ist die so ziale Frage, die Frage des
Kampfes zwischen Arbeit und Kapital.

Diese Frage selbst ist durch das Kapital, das heißt
also durch die Entwicklung der Produktivkräfte entstanden.

Und aus der Art und Weise, wie die Menschen sich zu
dieser Frage stellen, kann man am besten erkennen, wie das
Wachstum der Technik sie zu anderem Denken zwingt.

Gab es zum Beispiel vor sechzig Jahren viele Leute,
die daran dachten, einen gesetzlichen Arbeitstag für die
Proletarier, oder Frauen- und Kinderschutz, oder eine Un—
fallversicherung einzuführen? Sie kamen nur vereinzelt
vor, und die daran dachten, hatten aus höher entwickelten
kapitalistischen Ländern Mittetlungen von solchem Arbeiter—
schutz erhallen. Vor hundert Jahren dachte wahrscheinlich
noch niemand daran.

Wie ist dieser schöne Gedanke, daß das Proletariat
bon der Gesellschaft geschützt werden muß, in die Geister
gekommen? — —

Christlicher Sinn kann ihn schwerlich eingeflößt haben,
denn auch bevor die Geister sich derart umwandelten, star—
ben Tausende und Abertausende von Arbeitern an Ueber—
anstrengung, Krankheit, Mangel und Unfällen, Tausende
und Abertausende hatten ein elendes Greisenalter. Und
dabei gab es Christen genug. Daß man damals nicht an
Staatshilfe dachte, muß also eine andere Ursache haben.

Und diese ist nicht schwer zu entdecken. Das Prole—
tariat hatte damals noch keine Macht, und konnte die
Besitzenden also noch zu nichts anderem zwingen als zur
privaͤten Wohltätigkeit und ein bißchen Amenpflege.

Daß es damals noch keine Macht besaß, lag am Pro⸗
duktionsprozeß, der die Arbeiter noch nicht organi—
        <pb n="50" />
        ——
8

sert hatte. Ihre Zahl war schon ziemlich groß, aber
sie waren in kleinen Betrieben zerstreut, und aus diesem
Grunde konnten sie wenig Kraft entfalten.

Als sie aber vom Produktionsprozeß gezwungen wur—
den in Werkstätten und Fabriken zu Hunderten zusammen—
zuarbeiten, begannen sie sich ihrer Kraft bewußt zu wer—
den und sich, ebenso wie sie zur Arbeit organisiert waren,
zum Kampfe zu organisieren Und dieser aus dem Pro—
duktionsprozeß entsprungene Kampf, dieses Hervortreten
hat die verschiedenen Klassen der Gesellschaft zum Denken
zgebracht und eine Revolution in ihrem Geiste erzeugt.

Zuerst natürlich in England und Frankreich, wo der
neue Produktionsprozeß zuerst auftrat. An diesen auslän—
dischen Beispielen gehen wir hier vorüber; wir wollen nur
darauf hinweisen, daß dort, üunter dem Drange der neuen
Verhältnisse, der utopische Sozialismus von Saint-Si—
mon, Fourier und Robert Owen entstand, und daß Fried—
rich Engels durch seine Kenntnisse der englischen Produk—
tionsverhältnisse und Karl Marx durch sein Studium der
französischen und englischen Politik zu der sozialistischen
Theorie, zu ihrem Denken kamen.

Aber auch in Deutschland zeigt sich die Wahrheit des⸗

was wir von der Politik sagen.

Die Arbeiter waren aus der Revolution von 1848
leer ausgegangen. Das preußische Dreiklassenwahlrecht
machte sie politisch einflußlos. Kein Gesetz schützte sie vor
den schlimmen Folgen der emporkommenden kapitalistschen
Ausbeutung.

Aber zu Anfang der sechziger Jahre begannen die Ar—
beiter sich zu organisieren. Von der Bourgeiosie zurück—
gestoßen, gründeten sie unter der Führung Lassalles den
Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein, der den Kampf für
das allgemeine gleiche Wahlrecht zu führen begann. Die
herrschende Junkerklasse wurde aufmerksam; die konser—
bativen Wortführer redeten über die hohe Mission des
Staates, die Bedrückten zu schüten.

Die Propaganda des Allgemeinen Deutschen Arbeiter—
vereins dehnte sich über das ganze Land aus. Bismarck
führte das allgemeine Wahlrecht ein, das er
bor dem österreichischen Krieg schon versprochen hatte, zu⸗
erst für den Norddeutschen Bund und dann für das neu—
gegründete Deutsche Reich.

Bebel, Liebknecht, Schweitzer, immer mehr Wortfüh—
rer des Proletariats zogen in den Reichstag ein. Gewerk—
schaften wurden gegründet. Die sozialistische Stimmenzahl
        <pb n="51" />
        stieg bei jeder Wahl. Die beiden Fraktionen der Sozial—
demokratie einigten sich in Gotha. Den herrschenden Klas⸗
sen wurde es bei der steigenden Macht des Sozialismus
immer unheimlicher und ängstlicher zumute. Bismarck
versuchte ihn mit dem Sozalistengeseß
zu knebeln.
Mit Gewalt allein war jedoch die Arbeiterklasse nicht
zu unterdrücken. Die Wahlen von 1881 zeigten die Wir—
kungslosigkeit des Gesetzes. Es mußte etwas getan werden,
die Unzufriedenheit einzudämmen. „Positide Förderung
der Arbeiter“ kündigte die kaiserliche Botschaft an. Ein
stümperhaftes Krankenverfsicherungsgesetz
wird 1882 dem Reichstag vorgelegt und 1884 fertig—
gestellt

Die sozialistische Bewegung schreitet, trotz des So—
zialistengeseßes, mächtig vorwärts Bei den Wahlen von
1884, 1887, 1890 steigt die Stimmenzahl von 50000
auf 760 000 und 1400 000. Das Sozialistengesetz bricht
zusammen; Bismarck fliegt. Die Februarerlasse von 1890
bersprechen Arbeiterschutz und gesetzliche Gleichberechtigung
für die Arbeiter

Welch ein riesiger Umschwung im Denken! In einem
ganzen Lande, bei allen Bevölkerungsklassen! Alle neh—
men zur sozialen Frage, das heißt zum Klassenkampf,
Stellung!

Und wie klar hängt das mit der Entwicklung der Tech—
nik zusammen! Die Statistik zeigt uns, wie gerade zu
Anfang der sechziger und der siebziger Jahre und am
Ende der achtziger Jahre die Industrie sich gewaltig ent⸗
wickelte, gerade zu der Zeit, wo der Sozialismus am
kräftigsten wuchs. Man könnte fast die Zahlen der
wachsenden Produktion und der wachsenden Armee der
proletarischen Kämpfer und daneben die politischen An⸗
schauungen der herrschenden Klassen als drei parallele Li—
nien nebeneinauderziehen. Das Wachstum der einen
Reihe entspricht dem der anderen; der Kampf der Klassen
geht augenfällig aus der Entwicklung der Technik hervor

Und wie klar zeigt sich der besondere Charakter dieser
Entwicklung: der Kampf! Nicht aus christlichem Sinn,
aber ebensowenig aus freiem Willen, oder durch die selbst⸗
herrliche ursprüngliche Wirkung der Vernunft oder durch
den Drang irgend eines mystischen Zeitgeistes kamen Kai—
ser und Kanzler, Minister und Politiker zu ihren neuen
Anschauungen. Die Arbeiter selbst, sich stützend auf ihre
Arbeit, waren es, die durch ihre Organisation, ihre Pto—
        <pb n="52" />
        *9

paganda, ihren Kampf die Bourgeoisie zwangen, den
Inhalt ihres Geistes zu ändern.

Alle Mystik kann hier verabschiedet werden. Der
wirkliche Zusammenhang der Dinge liegt so offen vor uns
wie die Bewegungen im Sonnensystem.

Die Entwicklung des Geistes der Arbeiter ging aus
der Technik hervor und die Entwicklung des Geistes der
besitzenden Klasse aus der Wirkung, die die zu Taten ge—
wordenen Gedanken der Arbeiter auf sie ausübten.

Und noch weiter tritt das in der weiteren Entwicklung
hervor. Die Arbeiter ließen sich durch die Versprechun—
zen der Regierung nicht davon abhalten, der Sozial—
zemokratie immer zahlreicher ihre Stimmen zu geben. Die
Herrscher sahen ein, daß zum Ködern einer so selbstbe—
vdußten Mbeiterschaft größere Reformen nötig seien, als
sie zu gewähren gewillt waren. Die Sozialreform ver—
langsamte sich. Bie Macht des Proletariats war bereits
zu groß geworden.

Die Gewerkschaften entwickelten sich in den neunziger
Jahren zu mächttgen Organisationen, die den Kapitalisten
nauchen Vorteil abtroßten. Die herrschenden Klassen
denken wieder an gewaltfsame Unterdrückung; Umstur z—
und Zuchthausporlagen werden eingeée—
bracht, aber der Mut fehlt, sie durchzusetzen.

So groß ist die Organisation, das Klassenbewußtsein,
die Einsicht, die Macht der Arbeiter geworden, daß die
herrschenden Klassen daran verzweifeln, sie entweder durch
Reformen einfangen oder sie durch Gewalt unterdrücken
u können. Sie legen sich auf die Befestigung der eigenen
Machtmittel, um zu dem Kampfe um die Herrschaft ge—
rüftel zu sein. Nirgends stehen sich die Klassen so scharf
vie hier, gegenüber. Und die Ursache? Nirgends in Eu—
ropa hal die Großindustrie einen solchen Aufschwung ge⸗
ommen, hat sie solche Reichtümer angehäuft, hat sich die
Techmtk o gewaltig entwickelt, wie in Deutschland in den
leßten Jahrzehnten.

Trotz der Gefahr, durch Ausführlichkeit zu langwei—
len, dringen wir doch noch etwas tiefer in diese Fragen
einz der Arbeiter hat zu viel Interesse daran, sie gründlich
bderstehen

Wir warfen bisher die besitzenden Klassen als eine
einzige Masse dem Proletariat gegenüber zusammen. Es
bestehen jedoch bedeutende Verschiedenheiten unter ihnen,
d e Eulwcklung der Technik wirkt nicht auf alle Be—
        <pb n="53" />
        51
sißzenden in der gleichen Weise Auf diese Unterschiede
müssen wir noch eingehen.
Die materielle Lage und die politischen Gedanken der
Klassen werden durch die Entwicklung der Technik in sehr
verschiedener Weise umgestaltet. Als Beispiele Kehmen wir
binerseits den Militgrismus und den Imperialismus, au
derseits die soziale Gesetzgebung.

Die scharfe internativnale Konkurrenz zwingt die
Großkapitalisten aller Länder zur Kolonialpoluik Hat ein
Staat bereits ein Kolonialgebiet in seiner Gewalt, so kön—
nen die Kapitalisten dieses Staates dort viel mehr Reich⸗
tümer holen als in fremden Kolonien. Sie driugen in
der eigenen Kolonie bon Aufang an besser ein; der eigene
Staat schiebr sie vorwärts, stützt und schützt sie am besten.
Eine Koloie ist vor allem Ausbeutungsobjekt für das
Mutkerland. Die Arbeitskraft ist billig, Gewalt und Kne—
belung sind erlaubt, die kolonialen e oft enorm.
Das im Mutterland überschüssige Kapital kann also ge—
winnbringend angelegt werden. Deshalb drängten zum
Beispiel die deutschen Großkapitalisten, die mit Neid die
riesigen Gewinne sahen, welche fremde Kapitalisten aus
den Kolonien holten, zur immer weiteren Ausdehnung
der Kolonialmacht.

Dazu sind aber militärische Rüstungen, besonders
Flottenrüstung nötig; nicht nur, um die Kolonien selbst zu
unterwerfen, sondern vor allem, um anderen Kolonial—
mächten, die dasselbe Ziel verfolgen, entgegenzutreten.
Deshalb fordern die Großkapitalisten Millionen für Armee
und Flotte
Aber noch einen anderen Zweck hat die Armee. Sie soll
die Besitzenden schützen gegen die drohend sich erhebende
Arbeiterklasse Wenn die Arbeiter, die Mehrheit der Bevöl—
kerung, sich fest organisieren und sich gegen die bestehende
Ordnung auflehnen, wie kann eine Minderheit von Herr—
schern sich dann anders behaupten, als dadurch, daß eine
gut bewaffnete, gut disziplinierte Armee durch Drill und
Furcht vor barbarischen Strafen den Befehlen der Vor—
gesetzten blindlings gehorcht? Die Furcht bor dem soßia⸗
listischen Proletariat bewirkt, daß die Bourgeoisie Hun—
derte von Millionen für die Armee bewilligt
Aber noch mehr. Die aufzubringenden Mittel sollen
möglichst schwach die wohlhabenden Klassen, möglichst start
die ärmeren Klassen belasten. Aus diesem Grunde fuͤhrten

Fdie hexrrschenden Klassen die indirektem Steuetu ein den
        <pb n="54" />
        —— ——

wesentlichen die kleinen Leute, die Bauern, Handwerker
und Arbeiter treffen.
Die soziale Gesetzgebung würde zweifellos sehr kost—
spielig sein, wenn sie allen billigen Anforderungen ent—
prechen sollte. Ganz zu vermeiden ist sie aus Furcht vor
dem Proletariat nicht. Mer zu teuer darf sie den besitzen⸗
den Klassen nicht werden, und deshalb muß sie notwen—
digerweise ungenügend sein und nebenbei die Arbeiter auch
noch mit einem Teil der Kosten belasten.

Dies war in Deutschland kurzgefaßt der Gedanken—
gang der großen Kapitalisten, der Bergwerks- und Hüt—
kenbesitzer, der Metallindustriellen, der Textilfabrikanten,
der großen Reeder und der Bankiers.
Jeder wird nunmehr berstehen, daß die Neigung die—
ser Klasse nach mehr Pauzerschiffen und Soldaten und nach
einer größeren Kolonialmacht und ihre Abneigung gegen
zute soziale Reformen sich um so stärker zeigten, je größer
die Inleressen dieser Klasse wurden. Ein starker Impe—
rialismus und Militarismus und ungenügende Sozial—
reform gehen also Hand in Hand.

Aehnlich verhielt sich die Junkerklasse zu diesen Fra—
gen. Alb bornierte Landjunker waren sie gegen Kolonial—
politik und Marinismus gleichgültig; nur soweit sie ihnen
neue Herrschaftsgebiete mit eintraͤglichen Verwaltungs—
posten boten, söhnten sie sich als regierende Partei damit
Almählich aus Dagegen war die Armee, in der sie alle
Offiziersstellen inne hatte, ihre ureigenste Domäne; als
Bebleter über die Armee waren sie der Bourgeoisie in
hrer Furcht vor dem Proletariat unentbehrlich,. Als
Militärstaat war Preußen emporgekommen; auf der
Armee beruhte seine Großmachtstellung, deshalb forderten
die Junker mmer neue Hunderte von Millionen für die
Armee.

Daß das dazu nötige Geld aus indirekten Steuern,
aus Zöllen aufgebracht werden sollte, versteht man um
o leichter, weil diese Zölle den Junkern persönlich noch
Millionen einbrachten; ohne die Zölle hätten sie schon
längst Bankrott gemacht.

Die Junker sind giftige Feinde der Arbeiterklasse und
die schlimmsten Gegner der Sozialreforme Die fruheren
Landbewohner, die sich dem junkerlichen Despotismus
durch die Flucht in die Stadt entzogen, betrachten sie als
ihre davongelaufenen Sklaven. Deren Lage verbessern
hieße die Landflucht fördern; und nur diese zwingt sie zu
        <pb n="55" />
        8

—2*

einiger Einschränkung im Mißhandeln der Landarbeiter,
weil diese sonst alle davonlaufen würden.
Anders stand die deutsche Mittelklasse zu diesen
Fragen.

Sie hatte an Armee und Flotte und namentlich an
den Kolonien gar nicht so große Interessen. Der Handel
mit den Kolonien war schwach, als Absatzgebiet für die
Industrie hatten sie nur geringe Bedeutung

Die Mittelklasse, bestehend aus Kleinindustriellen,
Kaufleuten, Handwerkern, Bauern, vermochte wohl aus
den nicht im eigenen Betrieb unterzubringenden Famlien—
angehörigen Beamte für den Staat und die Gemeinde,
für große industrielle und kaufmännische Unternehmungen
usw zu stellen, damit dürfte indes ihr erst in zweiter Rehe
stehendes Interesse an Armee, Floͤtte und Kolomen et—
schöpft sein
Dennoch folgte der größere Teil der Mittelklasse der
Politik der großen Herren, und wir sahen die parlamenta
rischen Vertreter der Geschäftsleute Uund Bauern, die Zen—
trumsleute und Freisinnigen, in der Regel für Festungen,
Panzerschiffe und Kolonialausgaben stimmen.

Liegt darin kein Widerspruch zu dem, was wir aus⸗
führten, daß nämlich die Entwicklung der Produktibkrafte
die Bedürfnisse der Menschen, der Klassen und damit ihre
Politik umwaͤlzt? Ein deutscher Bauer oder Kleinbürger
hatte doch nicht ein so großes Bedürfnis nach Kolonien
und Kriegsschiffen, daß er dafüür gern hohe Steuern zahlte?

Um diese Schwierigkeit erfolgreich zu 1sen, müssen
wir beachten, daß ein großer Teil des Mtelstandes völlig
vom Kapital abhängig ist. Nicht nur, weil er die Beam
ten für den privaten und den Staatsdienst liefert, son—
dern vor allem, weil er vom Kredit lebt. Namentlich
die Bauern und die kleinen Kaufleute. Ueberflüssig vor—
handenes Kapital bedeutet für sie billigen Kredit, eine
blühende Industrie und blühender Handel bringen Ueber—
fluß an Kapital. Also gilt für diesen Teil des Mittelstan—
des die Taktik: alles möglichst zu fördern, was Staat und
ine mächtig zu machen scheint: Armee, Flotte, Ko—
onien.

Ein großer Teil des Mittelstandes, wie die kleinen
Industriellen, die Gesellen beschäftigenden Handwerker,
die Knechte beschäftigenden Bauern und viele Ladeninhaber,
lebt außerdem direkt von der Ausbeutung der Abeiter
Die Ausbeutung der Mbeiter ist ihnen, das fühlen sie, mi
den Großkapitalisten gemeinsam; höhere Belastung für so—
        <pb n="56" />
        54

ziale Reformen würde ihre Existenz erschweren; deshalb
kämpfen sie gegen die Akbeiter.

Dicelt hatte also ein großer Teil des deutschen Mittel—
standes kein Interesse au Militarismus und Imperialis—
nus. Aber er hatte es indirekt. Und ein direktes In—
teresse hatte er an der Ausbeutung der Arbeiter.

So steht es mit jenem Teil des Mittelstandes, der
mehr Vorteile als Nachteile vom Kapitalismus hat. An—
ders mit dem Teil, der dem Proletariat näher steht. Der
dleinbauer, der Kleinpächter, der kleine Handwerker, der
kleine Ladenbesitzer, der Unterbeamte mit niedrigem Ein—
fommen, sie hängen alle auch vom Kapital ab, aber nur
nsofern, daß sie von ihm erdrückt werden. Kredit haben
sie nicht; dagegen sind sie dem Proletariat verwandt, von
dessen Kundschaft sie oft leben müssen. Sie sind also gegen
Militarismus und Imperialismus und, wenn auch nicht
so nachdrücklich wie die Arbeiter, für soziale Reformen.

Und in dem Maße, wie die Entwicklung der Technik
das Proletariat vergrößert, die Gefahr für die arme Mittel—
klasse, ins Proletariat abzustürzen, zunimmt und der Druck
oon Staat und Kapital schwerer wird, in dem Maße än—
dert sich auch das Denken dieser Schichten des Mittelstan—
vdes. ihr Wollen richtet sich immer mehr gegen das Ka—
pital.

Dieser Teil des Mittelstandes hat also kein direktes,
aber er hat ein indirektes Interesse an sozialen Reformen.

Weil daher die oberen Schichten des Mittelstandes
kein direktes Interesse am Großkapital, die unteren Schich—
ten kein direktes Interesse an sozialen Reformen haben,
ist das politische Denken aller dieser Schichten etwas un—
sicher und schwankend. Es kommt vor, daß bald die höhe—
ren Schichten etwas mehr zu den Arbeitern, bald die nie—
drigen etwas mehr zum kapitalistischen Interesse hinnei—
gen, freilich nicht auf längere Zeit. Auch werden diese
Schichten leicht ein Spielball für Emporkömmlinge und
Intriganten.

Die Wirkung der Produktions- und Eigentumsver—
hältnisse spiegelt sich hier klar wieder.

Die Arbeiterklasse — wir brauchen das kaum zu
sagen — hat weder direkt noch indirekt ein Interesse an
Imperialismus, Militarismus und Kolonialpolitik. Sie
beuten den Arbeiter aus und machen ernste soziale Refor—
men schwierig oder unmöglich. Krieg und nationale Eifer—
sucht brechen die internakionale Solidarität der Arbeiter,
die große Waffe, mit der sie, wie wir weiter noch zeigen
wollen, den Kapitalismus besiegen werden
        <pb n="57" />
        55 —

—5 —
—

Imperialismus und Militarismus sind die verhät—
schelten Lieblinge der Großbourgeoisie, die Todfeinde des
Prolekariats. Die Mittelklasse schwankt zwischen Liebe und
und ihr größter Teil läuft hinter den Mächtigen
einher

Radikale Sozialreform ist das Schreckgespenst für die
reichen Besitzenden, das Sprungbrett zur Maͤcht für die Ar—
beiter. Die Mittelklasse pendelt zwischen diesen beiden
Polen hin und her.

So spiegeln sich in den politischen Ideen der Klassen
die Produktions⸗- und Eigentumsverhältnisse wider. Denn
die moderne Technik bringt dem Großkapital das Mono—
pol, die großen Besitztümer; sie macht die Mittelklasse vom
Kapital abhängig oder läßt sie zwischen Besitztum und Ar—
mut schweben; sie raubt den Proletariern alles persönliche
Besitztum, alle persönliche Macht.

Das politische Denken der Klassen ist der geistige Re—
flex des Produktionsprozesses mit seinen Eigentumsver—
hältnissen.

Wir wollen jetzt auch hier die Revolution als Beispiel
hinzufügen. Einerseits die russische, andererseits die deut—
sche Revolution.

Und wir wollen auch auf den Unterschied zwischen
beiden als auf ein klares Beispiel, wie die wirtschaftlichen,
die Klassenverhältnisse die Politik beeinflussen, hinweisen

In Rußland gab es vor der Revolution von 1917
ein idustrielles Proletariat von sechs Millionen wirklich
im Produktionsprozeß tätigen Arbeitern. Multiplizieren
wir um die Zahl des ganzen industriellen Proletariats,
quch des nicht-arbeitenden, zu bekommen, mit 28, dann
erhalten wir 15 Millionen. Dies macht 8 Prozent der
damaligen Bevölkerung Rußlands (180 Millionen) aus.
Diese außerst kleine Schar stürzte in 1917 den Zarismus
und den Kaͤpitalismus, enteignete das Kapital und den
Großgrundbesitz und führte den Kommunismus in der In⸗
dustrie,z dem Transport und dem Handel ein. Wie war
das möglich? Wie konnte eine so kleine Macht eine so
zgewaltige Wirkung haben? Nur durch die eigentümlichen
Produt sons und Klassenverhältnisse Rußlands.

Der Kapitalismus war wenig entwickelt, und dazu
zum großten Teil noch durch ausländisches Kapital. Der
Zarismus, die Klasse der Großgrundbesier und die Büro—
kratlte waten (wie der schwache Kapitalismus) durch den
Krieg vollends erschüttert. Aber vor allem: Es gab eine
Klasse, die dem Proletariat Hilfe leistete, die armen
Bauern. Diese m Rußland überaus zahlreiche Klasse (die
        <pb n="58" />
        Zahl von 20 bis 25 Millionen wird angegeben), ein
Ueberbleibsel der Leibeigenschaft, wollte den Boden der
Großgrundbesitzer enteignen und unter sich verkeilen
Nur eine Partei wollte ihr darin helfen: die Bolschewiki—
Darum unterstützte sie diese. Nur durch die Hilfe der
armen Bauern wurde den wenigen industriellen Arbeitern
das scheinbar Unmögliche: die Errichtung des Kommunis—
mus, möglich. Die Oktoberrevolution selbst war sogar
schnell und leicht.

Erklären also die Klassenverhältnisse die russische Re—
volution selbst, nicht weniger erklären sie die Art der Re—
volution.

In Rußland waren die Arbeiter noch wenig ent—
wickelt, der Analphabetismus war ziemlich allgemein. Die
armen Bauern standen geistig noch tiefer als die Arbeiter
Dadurch, durch diese eigentuͤmlichen Klassenverhältnisse,
konnte von einer Klassendiktatur der Arbeiter und armen
Bauern nicht die Rede sein. Nur eine Parteidiktatur (der
Bolschewiken) konnte die Revolution führen, die Konter—
revolution im Zaume halten, die Arbeiter und armen
Bauern beherrschen, dem Ausland gegenüber auftreten,
den Kommunismus aufbauen

Das hätte nicht anders sein können. Die Produk—
tionsverhältnisse Rußlands machten Parteidiktatur, und
damit natürlich auch zu einem großen Teile Führerdiktatur
absolut notwendig.

Partei⸗ und Führerdiktatur und das Mitreißen
großer unentwickelter Massen wurden im russischen Denken
etwas Natürliches, etwas von selbst Werdendes, etwas,
das überall so sein mußte

Die Klassenverhältnisse hatten aber bald noch wieder

andere Auswirkung:

Als die Konterrevolution aufkam, die Revolution in
Westeuropa noch ausblieb, die Not durch die furchtbaren
Kriege gegen die Konterrebolution und das Ausland (trotz
dem Siege über diese Mächte) wuchs, da zeigte sich, daß
dieser von einer kleinen Arbeiterklasse und von einer Par—
teidiktatur mit Hilfe gewaltiger Bauernmassen gemächte
Kommunismus zu einem großen Teile doch nur Schein
war. Die Masse der Bauern, denen die Bolschewiki den
Boden gegeben hatten und die dadurch Privatbesitzer, keine
Kommunisten geworden waren, forderte jetzt den freien
Handel. Die Komunisten mußten ihn geben, dem aus—
ländischen Kapital Konzessionen, Minen, Petroleumquel⸗
len, Wälder überlassen, keilweise den Kapitalismus wieder
einführen. Dieselben Klassenverhältnisse (an erster Stelle

eine
        <pb n="59" />
        — 657 —

—*

—XE

das riesige Kleinbauerntum), die das kleine Proletariat in
den Stand gesetzt hatten, den Kommunismus zu errichten,
zwangen es, ihn teilweise wieder fahren zu lassen. Aber
nicht nur die russischen Klassenverhältnisse zwangen es
dazu, auch die Klassenverhältnisse der Well. Da das Welt⸗
proletariat noch nicht zum Aufstand kam, stand Rußland
allein. Und es zeigte sich, daß der Kommunismus nicht in
e inem Staate allein bleiben kann.

Also die Klassenverhältnisse Rußlands und der Welt
waren für den russischen Kommunismus zu mächtig. Die
kleine Klasse und die Partei⸗- oder Führerdiktakur waren
zu schwach, ihn zu halten.

Wenn das Weltproletariat dem russischen nicht mit
der Weltrevolution zu Hilfe kommt, wenn die Weltrevo—
lution ausbleibt, daun wird auch die russische Revolution
zu Grunde gehen.

Dann wird sich aber wieder der Einfluß, die Macht
der Produktivkräfte in wunderbarer, noch nie dagewese—
ner Weise zeigen.

Denn dann wird die proletarische Revolution von
1917 (die doch gewiß, trotz der ausschlaggebenden
Mitwirkung der Bauern, zum Teil eine kommunistische
war) duxch die Besiegung des Zarismus und des Feudal—⸗
Adels die russische Bourgeoisie und Demokratie zur Macht
gebracht haben. Sie wird also im Grunde eine bürgerliche
gewesen sein!

Ihre Früchte für das Proletariat werden freilich
enorme sein. Denn sie hat dem Weltproletariat den Weg
und die Mittel zur Eroberung der Macht, d. h. die Ar—
beiterräte und die Diktatur des Proletariats, gezeigt.

Aber die Produktionsverhältnisse und die Produktiv—
kräfte, das kleine Proletariat, die nur sehr geringe Groß—
Industrie, die vorherrschende Landwirtschaft, die gewal⸗
ge Zahl der sehr armen, nicht kommunistischen Bauern
usw werden dann, trotz den riesenhaften Versuchen des
russischen Proletariats, die russische Wirtschaft gezwungen
haben, den gewöhnlichen Weg vom Feudalismus zum mo—
dernen Kapitalismus und zur bürgerlichen Demokratie zu
gehen, um erst nach dieser Etappe zum Kommunismus
überzugehen. ——

Indem früher das Proletariat in den bürgerlichen
Revolutionen von der Bourgeoisie als Mittel gebraucht
wurde, den Feudalismus zu stürzen und den bürgerlichen
Staat zu errichten, würde jetzt das Proletariat selbst, auf
sich gestellt, den bürgerlichen Staat errichtet haben.
        <pb n="60" />
        I

Dies würde geschehen, wenn das Weltproletariat dem
russischen nicht noch zu Hilfe kommt.

Die alles beherrschende Macht der Produktivkräfte
und der Produktionsverhältnisse würde dann u wirklich
unerhörter Weise bewiesen sein

Und damit die unumstößliche Wahrheit des histori—

Materialismus.

Soweit das Beispiel der russischen Revolution.

Jetzt die deutsche.

In Deutschland gab es vor dem Krieg (spätere Zah—
len sind nicht bekannt) 14 Millionen induüftreller Prole—
tarier. Multiplizieren wir auch diese Zahl mit 28, daun
bekommen wir 35 Millionen für das ganze industrielle
Proletariat Deutschlands. Also auf eine Bebölkerung von
70 Millionen gerade die Hälfte, 80 Prozent.

Fügen wir die sechs Millionen Landarbeiter hinzu
und multiplizieren wir auch diese mit 28, dann betrug die
proletarische Beyblkerung Deutschlands sogar 50 Millibnen
oder 70 Prozent.

Und doch konnte, indem ein industrielles Proletariat
von nur 8 Prozent in Rußland einen Staat von 180 Mil—
lionen Menschen eroberte, in Deutschland ein industrielles
Proletariat von 50 Prozent den Kapitalismus am Ende
von 1918 unter den denkbar günstigsten Verhältnissen,
nach einer solchen Niederlage im Kriege, nicht nieder—
werfen.

Es ist wahr, das Proletariat Deutschlands hatte keine
andere Klasse, die ihm zum Kommunismus helfen würde.
Kleinbürger und Kleinbauern sind in Westeuropa vorläu—
fig Feinde des Kommunismus Aber dem steht gegenuüber,
daß das Proletariat im November 1918 die Macht in den
Händen hatte! — Es hat diese Macht aber nicht gebraucht,
sondern sie den Kapitalisten wieder zurückgegeben.

Was ist die Ursache dieser scheinbar so verwunder—
lichen Handlungsweise?

Auch sie liegt in den deutschen, den Klassenverhältnis—
sen der Welt verborgen.

Als der Krieg 1914 ausbrach, da zeigte sich, daß die
deutsche Arbeiterklasse, wie die Arbeiterklasse der ganzen
Welt, nicht auf Revolution vorbereitet war. Das ganze
Proletariat ergriff die Maffen, lehnte sich aber nicht auf
gegen den Kapitalismus, sondern ließ sich von ihm au die
Schlachtbank schleppen. Die Führer des Proletariats, sehr
wenige ausgenommen, liefen zum Imperialismus über,
in Deutschland erhob sich nur einer gegen ihn — Und
während des Krieges standen die Massen nicht auf, son—
        <pb n="61" />
        ——
——
59

——

dern ließen sich hinmetzeln — Und nach dem Kriege, als
in Deutschland die Rebolution ausbrach, wußten die deut
schen Massen sie nicht zu benutzen, sie jagken nur die Für⸗
sten weg, lieferten aber ihre Waffen uud die Macht wieder
den Kapitalisten aus.

Da zeigte sich in großartiger, furchtbarer Weise der
Einfluß der Produktivkrästel In der langen Blüte—
periode des Kapitalismus, die dem Weltkriege voranging,
hatten erstens die Arbeiter nur den Kampf für Refoctmen
gelernt. Der blühende Kapitalismus, der sich über die
ganze Erde verbrestete und immer neue Märkke eroberte,
schuf immer mehr Arbeitsgelegenheit und damit für die
Arbeiter die Möglichkeit der Besserung ihrer Lage Wohl
hatten der Imperialismus, der Militaxismus und die
Trustifizierung der Industrie in den letzten Jahren den
Kampf um Besserungen viel schwerer gemacht, ja ihn öfter
zum Stocken gebracht, aber die Lage trieb doch noch gar
nicht zur Revolution. Zwar riefen die radikalen Ar—
beiterführer, die Zukunft voraussehend, gegen den Mili—
tarismus, die Unternehmerperbände, die Trusts, zur Mas—
senaktion auf, aber die Massen hörten nicht. Die Massen,
ihre sozialistische Partei und ihre Gewerkschaften blieben
ganz und gar nur auf Reformen eingestellt. — Eine zweite
entscheidende Ursache der deutlich ans Tageslicht tretenden
Schwäche des Proletariats war folgende: In der Zeit der
Blüte des Kapitals, der Evolution, handelte das Proleta—
riat fast nie selbst. Seine Führer handelten. Im Par—
lament und in den Gewerkschaften unterhandelten sie mit
der Regierung, den bürgerlichen Parteien und den Unter—
nehmern über Reformen, die das einzige waren, was
das Proletariat verlangte Im Parlament und im Kon—
ferenzsaale können die Massen nicht auftreten Als nun
der Krieg kam und mit ihm die Revolution, da zeigte es
sich, daß die Arbeiter alle Aktionen ihren Führern über—
ließen. Sie waren daran gewöhnt. Sie hatten das Selbst—
handeln verlernt oder sogar nie gelernt. — —

Und schließlich beherrschte ein wahrscheinlich noch viel
stärkerer, wahrscheinlich der stärkste Einfluß der Produk⸗
tivkräfte das ganze westeuropäische Proletariat. Sein
Denken war buͤrgerlich! Die bürgerlichen Produktions—
verhältnisse sind hier seit vielen Jahrhunderten fest ge⸗—
wurzelt, ihnen ist der Geist seit Jahrhunderten unter—
worfen.

Dies ist der Unterschied mit Rußland. Dort hat der
moderne Kapitalismus äußerst wenig geschaffen. Einige
Eisenbahnen und etwas Großindustrie ist alles. Bildung
        <pb n="62" />
        des Volkes hat er nicht gebracht. Er hat nicht einmal
durch die wirkliche Befreiung der Bauern einen großen
inneren Mark schaffen können — In Westeuropa im Ge—
genteil ist eine riesige Entwicklung der Produktivkräfte das
Mark des Kapitalismus In jedem Dorf, jeder Stadt
sieht man sie. Eine gewisse Geistesbildung ist allgemein
Daher, durch diese gewaltige Macht der Produktivkräfte,
ist der Geist des Proletarials bürgerlich

Eine enorme Entwicklung, oder besser eine enorme
Revolution ist notwendig, um das Prolekariat zum Kom—
munismus zu bringen. Eine Revolution, unendlich größer
und tiefer als in Rußland

Diese drei historisch-materialistischen Ursachen: die
bürgerliche Ideologie, der lange Kampf um Reformen,
und das Nie⸗Selbsthandeln verhinderten vor, während und
nach dem Kriege vorläufig die Revolution in Deutschland
und in Westeuropa.

So weit über den Anfang der deutschen Revolution
1918 und 1919.

Jetzt über ihre Art, ihre Entwicklung und über den
Unterschied dieser mit der rüussischen.

Denn die Zerrüttung der Produktivkräfte des Kapi—
talismus ist nach dem Kriege so groß, und dadurch der
Zustand des deutschen Proletariats so fürchterlich, daß die
deutschen Arbeiter immer wieder zur Revolution kommen
müssen. Der Kapitalismus kann nur durch vollständige
Unterwerfung und Sklaverei der Arbeiter aufgebaut wer—
den. Sogar der Tod von Millionen jetzt überflüssiger
Arbeiter ist wahrscheinlich. Wiederherstellung der kapita—
listischen Produktionsverhältnisse bedeutet also für das
Proletariat Tod und Elend. Da werden die Arbeiter durch
diese historisch-⸗materialistischen Ursachen zur Revolution
gezwungen.

Wohlan, die Art, die Taktik der Revolution muß
durch die Produktionsverhältnisse eine andere sein als in
Rußland.

Da die allergrößte Ursache des Mißlingens am An—
fang der Revolution lag in der geistigen Unterwerfung
des Proletarigts unter die Bourgedisie, in seinem eigenen
bürgerlichen Geiste, da gilt es an erster Stelle, diesen Geist
zu befreien, die ganze bürgerliche Ideologie abzuwerfen.

Da die zweite Ursache das Hängen an Reformen war,
muß es jetzt die ganze Hoffnung, den ganzen Gedanken an
Reformen aufgeben. Wirklich gute Reformen sind jetzt eine
Illusion in Deutschland, der Kapitalismus kann sie nicht
mehr geben. Der ganze Reformismus, ob er von Soziaf—
        <pb n="63" />
        — —
demokraten oder von sogenannten Kommunisten gepredigt
wird, ist ein Betrug

Und drittens, da das Nicht-Selbsthandeln die Ursache
war der Schwäche des Proletariats, muß jetzt das Selbft⸗
handeln der Arbeiter das Ziel sein der Fanzen proleta—
rischen Taktik. Die alten parlamentarischen Partelen und
die alten Gewerkschaften, in welchen Fuͤhrer alles taten,
und die das Selbsthandeln der Arbeiler töteten, müssen
also vernichtet und ersetzt werden durch neue anti⸗parla—
mentarische Parteien und Betriebsorganisationen, in wel—
chen die Arbeiter selbst die Freiheit und Gelegenheit zur
Selbstbewußtse insentwicklung, und zum Handeln be—
kbommen

Die Befreiung der Arbeiter soll hier das Werk der
Arbeiter selbst sein Diese so lange leere und eitle Losung
soll nun endlich Wirklichkeit werden.

Dies ist die neue Taktik, die in Deutschland (wie in
ganz Westeuropa und Nord-Amerika) durch die Klassen—
verhältnisse notwendig ist.

Aber noch ein anderer Unterschied zwischen Rußland
einer⸗ und Deutschland mit Westeuropa und Nord⸗Amerika
anderseits ist da.

Wir sahen, daß durch die anderen Klassenverhältnisse
in Rußland Partei⸗ oder Führer⸗Diktatur notwendig war.
In Deutschland dagegen ist nicht Partei⸗ sondern Klassen—
diktatur notwendig Dies kann man durch den solgeuden
Gedankengang verstehen:

Eine kommunistische Partei kann nie eine Massen—
partei sein. Sie muß immer relativ klein sein. Denn sie
einigt die heldenmütigen und ganz klar sehenden Arbeiter.

Durch die eigentümlichen Klassenverhältnisse des Ka—
pitalismus sind solche Arbeiter, die den ganzen Kapitalis—
mus, national und international, die ganze wirtschaftliche
und politische Lage übersehen können, und zu gleicher Zeit
opferfreudige Kämpfer sind, selten. Die schlechte Nahrung,
die Exrziehung, das elende Leben die Ueberarbeit der Klasse
verursachen dies

Eine deutsche wirklich kommunistische Partei (und
dasselbe gilt für das ganze Westeuropa und Nord⸗Amerika)
bleibt also immer verhaltnismäßig klein Sie ist wedet
Sekte noch Masse.

Nun ist aber die deutsche Konterrevolution gewaltig
stark. Sie umfaßt alle Klassen außer den Proletariern
Denn vorläufig kommen die Kleinbürger und armen
Bauern nicht zum Kommunismus. Außerdem hat sie alle
Waffen und ist ausgezeichnet organisiert
        <pb n="64" />
        682—

Das Proletariat ist sehr zahlreich, 70 Prozent der
Bevölkerung; unter ihm sind aber sehr viele reaktionare
und zweifelhafte Elemente. Kann eine derartig kleiue
Partei zu gleicher Zeit die gewaltige Reaktivn baͤndigen
und das riesenhafte Proletariat führen und beherrschen,
den nationalen Kapitalismus vernichten, den Konmunis
mus errichten und den internationalen Feind besiegen?

Nein, das ist unmöglich. Die Zahlen, das heißt die
Klassenverhältnisse verhindern es Und noch weniger
können dies einzelne Fuͤhrer.

Die Partei und die Betriebsorganisationen zusam—
men, d. h. das organisierte Proletariat sollen also die
Diktatur in die Hände bekommen.

Parteidiktatur ist also unmöglich in Deutschland, West⸗
europa und, Nordamerika. Klassendiktatur ist notwendig.

Dies ist die notwendige Art der Revolution n
Deutschland, Westeuropa und Nordamerika, und dies der
Unterschied mit Rußland

Dieser Prozeß ist jetzt, da wir dies schreiben, in
Deutschland wie im ganzen Westeuropa in vollein Gauge
Durch die totale Zerrüttung der Produktivkräfte, durch
die Unmöglichkeit für das Proletariat, wieder unler den
alten Produktinosverhältnissen zu leben, das heißt also
durch die Notwendigkeit der Revolution, ändert sich der
Geist des Proletariats in der Richtung, die wir zeigen. —

Von dem Maße, in welchem das westeuropäische und
nordamerikanische Proletariat diese Selbstbewußtseinsent⸗
wicklung und dadurch diese neue Taktik durchzusetzen weiß,
hängt der Ausgang der deutschen und damit der Welt—
revolution (und indirekt der russischen) ab—

Gleichwie Marx 1871 vou der Pariser Commune
lernte, daß das Proletariat die bürgerliche Staatsmaschine
nicht einfach in seine Hand nehmen kann füͤr die Revolutlon,
sondern sie erst zerschmettern und durch eine andere ersetzen
muß, so muß das Weltproletariat aus der Revolution bon
1917 bis 1920 diese neue Taktik lernen.

Der Erfolg der Revolution hängt von dieser Aende⸗
rung im Geiste des Proletariats ab. Drängt der neue Ge—
danke, die neue Taktik nicht tief und weit genug durch,
dann siegt das Weltkapital Erfaßt der größte Teil der
Arbeiterklasse die neue Taktik, dann segt das Welt
proletariat.

Die Revolution bricht los, wenn die neuen Pro—
duktivkräfte in Streit geraten mit den alkten Produktibus—
verhältnissen Dies ist jetzt der Fall. Der Krieg hat die
Kraft des Kapitals zum großen Teile vernichtet, Die Pro—
        <pb n="65" />
        63

—5

duktivkräfte des Kapitals selbst haben durch die kapita—
listischen Produktionsverhältnisse (den Privatbesitz und die
Konkurrenz) zu seiner Vernichtung geführt. Es kann die
Produktion nicht wieder herstellen uͤnter dem alten Pro⸗
duktionsverhältnissen. Es könnte es nur unter Vernichtung
eines großen Teiles der Arbeiterschaft. Für das Prole
tariat kann also die Produktion nur wieder hergestellt
werden unter dem Kommunismus. Die Kapitalisten pollen
ihn nicht, die Arbeiter wollen ihn. Die Rvoluuton ist da.

Und jetzt zeichnet sich ploͤßlich alles klar ab m der
Politik. Die Kapitalisten verteidigen den kapitalistischen
Staat, das Bollwerk ihrer Politik, den Staat, der ihnen
die Ausbeutung sichert. Die Arbeiter wollen ihn vernichten
Und die Mittelklassen m üsssen jeßt wählen: Arbeil bder
Kapital, kapitalistischer oder sozialer Staat

Hell wie Kristall, vollkommen durchsichtig ist plötzlich
die Politik geworden. Nur durch den Kampf zwischen
Arbeit und Kapital ist eine Lösung möglich. Es gibt nur
zwei Möglichkeiten. Ein Zwischenweg st nicht da

So bringt der Kampf zwischen Produktionskräften
und Produktionsverhältnissen in der Zeit der Reboluton
allen Klassen das politische Denken.

Einwendung.

Es scheint sehr mechanisch, daß ganze Klassen denken—
der Menschen genbtigt seien, dasselbe zu denken Das wird
auch von den Gegnern eingewendet.

Wer aber nur einen Augenblick an die Tatsache denkt,
daß die Klassen von ihrem Inteéresse getrieben wer⸗
den, daß ihr Klassenintexesse für sie die Frage des Seins
oder des Nichtseins als Klasse ist, der wird sich nicht wun—
dern und sich aus diesem Einwand nichts machen. Denn
die raen verteden re e
selIbst. Wenn der einzelne schon alles aufwenden muß,
um seine Existenz zu erhalten, um so mehr eine Klasse, die
durch ihr Zusammenwirken und ihre gesellschaftliche Orga—
nisation tausendmal stärker ist als der einzelne

Aber jeder Mensch kämpft schließlich den politischen
Klassenkampf nach seinen Fähigkeiten. Der Arbeiter
braucht sich wiederum nur in seiner Umgebung umzusehen,
um inne zu werden, daß der helle, feurige Geist und das
warme Herz eher dem Rufe der entwickelten Technik folgt
als die Schlafmütze, der Kleinmütige, der Hasenfuß. Die
Revolution der Technik marschiert rasch, die Menschen
kommen etwas langsamer nach. Doch schließlich folgt die
Masse, schließlich folgen alle. Die Macht der gesellschaft—
ichen Produktiykräfte ist alggewgltggzgzz

—⏑ ⏑— ⏑⏑ ———⏑———
        <pb n="66" />
        64

——

Man sieht handgreiflich die Millionen Proletarier erst
langsam, dann immer rascher dem Rufe der modernen
Technik folgen und scharenweise zum Sozialismus über⸗
gehen Man sieht sie jetzt auch erst langsam, aber allmäh—
lich rascher zur Revolution übergehen.

Das Individuum hat also eine große Bedeu—
tung in der Entwicklung der Gesellschaft; die Energischen,
die Feurigen, die Empfindlichen, die Genialen, die Eifri—
gen beschleunigen den Gang einer Klasse, während die
Dummen, die Trägen und Gleichgültigen ihn verzögern;
aber kein Mensch, wie genial, eifrig oder feurig er auch sei,
kann der Gesellschaft eine der Eutwicklung der Technik ent—
gegengesetzte Richtung geben, und kein Dummkopf oder
Faulenzer oder Teilnahmsloser kann den Strom aufhal—
ten. Außerordentliche Individuen, die sogenannten
großen Männer“ spielen auf jedem Gebiet eine große
Rolle. Aber nur, wenn sie mit der Richtung der En—
wicklung gehen. Denn das gesellschaftliche Sein ist all—
mächtig. Das Indibiduum das ihm widersteht, wird zer—
schmettert, und selbst sein Widerstand wird duͤrch das ge—
sellschaftliche Sein bestimmt.

E. Sitte und Sittlichkeit.
Wir sind mit den sogenannten niederen Gebieten des
Geistes zu Ende und kommen jetzt zu den sogenannten
höheren zu der Sitte, der Sittlichkeit, der Region, der
Philosophie, der Kunst. Diese Gebiele werden von den
herrschenden Klassen über die ersteren gestelll, weil jene
noch zu viel mit der Materie zusammenhängen, wahrend
diese über allem Materiellen zu schweben scheinen Das
Recht, die Politik, die Naturwissenschaft, wenn sie geistig
auch noch so hoch stehen, behandeln doch nur das Irdische,
materielle, oft häßliche Dinge und Verhältnisse. Philo
sophie, Religivn, Moral, Kunst dagegen scheinen den
geistig, schön und himmlisch. Ein Rechtsanwalt, ein Par⸗
lamentsmitglied, ein Ingenieur oder Lehrer erscheinen we⸗
niger erhaben als ein Kunstler, ein Priester unß ein Phu
losoph.

Wir möchten uns dieser Einteilung nicht gern an—
schließen. Aber wahr ist es, daß auch fuͤr uns die Kunst,
die Philosophie, die und die Moral schwie—
rigere Gebiete sind Gerade dadurch, daß die herr⸗
schenden Klassen aus diesen Gebieten übernalürliche Be—
zirke gemacht haben, ohne Zusammenhang mit der Erde,
mit der Gesellschaft, rein geistig, und weil diese Meinung
        <pb n="67" />
        —

sich wie ein Vorurteil in alle Geister eingeschlichen hat,
deshalb ist es schwieriger, auch hier den Zusammenhang
zwischen Denken und gesellschaftlichem Sein darzutun
Wir werden uns zu doppelter Klarheit zwingen müssen,
gilt es hier doch in verdoppeltem Maße das Interesse der
Arbeiter. Das Erfassen der Wahrheit in diesem Punkte
macht kräftige Kämpfer.

Wir beginnen mit dem einfachsten dieser vier Gebiete:
der Sitte. Man muß hier scharf unterscheiden zwischen
Sitte und Sittlichkeit. Eine Sitte ist eine Vorschrift für
bestimmte Fälle, Sittlichkeit ist etwas Allgemeines. Bei
zivilisieren Völkern ist es zum Beispiel Sitte, nicht nackt
zu gehen, Sittlichkeit, seine Nächsten zu lieben wie sich
selbst. Das weniger Einfache, die Sittlichkeit, die Moral,
werden wir nach der Sitte behandeln.

Zwei klare, sehr allgemeine Beispiele aus unserer
eigenen Zeit, gus dem, was der Arbeiter tagtäglich vor
seinen Augen sieht, beweisen, wie sehr die Sitte durch die
Aenderung der Produktionsverhältnisse umgewandelt
wird.

Früher war es Sitte, daß die Arbeiterklasse sich nicht
um die öffentlichen Angelegenheiten kümmerte. Den Al—
beitern fehlte nicht nur jeder Einfluß auf die Regierung,
sondern die Gedanken der Arbeiter beschäftigten siich auch
nicht mit ihr. Nur zur Zeit großer Spannung, waͤhrend
eines Krieges mit dem Ausland oder wenn Hertscher, Für—
sten, Adel, Geistlichkeit und Bourgeoisie untereinander
kämpften, dann wurde ihre Aufmerktsamkeit geweckt; dann
wurde von jedem versucht, die Arbeiter für sich zu gewin—
nen; dann gab es Augenblicke, wo die Arbeiter fuͤhlten,
daß auch ihr Interesse auf dem Spiele stand; dann mach—
ten sie mit oder ließen sich gebrauchen. Aber von einem
andauernden politischen Leben war bei ihnen keine Rede.

Jetzt ist das alles ganz anders. Sehr viele Arbeiter
leben das politische Leben nicht nur mit, sondern in den
Ländern, wo der Sozialismus das Proletariat geschult
hat, ist das Proletariat zu der Klasse geworden, die am
stärksten an der Politik teilnimmt.

Früher war es gute Sitte, daß der Arbeiter am
Abend zu Hause war, jetzt ist es — und wird es immer
mehr —Sitte, daß der Akbbeiter abends in eine Versamm⸗
lung seiner Gewerkschaft, seiner Partei oder eines prole—
tarischen Bildungsvereins geht.

Diese Sitten entstehen infolge des Klasseninteresses,
das Klasseninteresse infolge der Eigentumsverhältnisse.
Früher war es außerdem auch das Interesse der herrschen—
        <pb n="68" />
        66

den Klassen, daß die Arbeiter sparsam, ruhig, bescheiden,
untertkänig waren und sich nur bei besonderen Anlässen
mit der Politik befaßten. Und weil die Abeiterklasse durch
die damalige Technik schwach war, ließ sie sich das von den
herrschenden Klassen aufzwingen. Die Priester, die Die—
ner der Herrscher, die Schulen und später auch die Zeitun—
gen predigten ihnen das vor.

Jetzt ist das Klasseninteresse der Arbeiter ein anderes
geworden; die Technik hat dies geändert, sie hat die Ar—
beiter zugleich stark genug gemacht, auf die Herren nicht
mehr zu hören. Durch das Klasseninteresse hat sich die
Sitle anders gestaltet: derjenige, der nicht organisiert ist,
ist jetzt ein stumpfer, gleichgültiger, ein schlechter Arbeiter;
der eisrige Organisationsmann aber ist der gute Arbeiter

Deun es ist jedem klar, nicht wahr? — je nach der
Sittke nennt man jemand gut oder schlecht.

Jetzt ist das Entgegengesetzte gut von dem, was früher
gut war. Hinaus, auf die Straße, in die Versammlung
oder zur Demonstration, das ist jetzt gut. Denn die Tech—
nit verspricht jeßzt der Arbeiterklasse den Sieg, und der
Sieg der Arbeiter ist gut für sie und gut für die ganze
Gesellschaft.

As einmal unsere Genossin Henriette Roland-Holst
davon sprach, daß die Begriffe von Gut und Böse Bäum—
chen wechselten“, wurde ihr das sehr verübelt. Wer aber
Slelle dieser billigen Entrüstung ruhig die Tatsachen
untersucht, wird bemerken, daß verschiedene Völker und
Klassen Doder ein Volk oder eine Klasse zu verschiedenen
Zenlen dieselben Dinge gut und schlecht genannt haben.
Die ganze Geschichte ist davon erfüllt. Wir weisen hier
nur hin auf die Sitten, welche das Verhältnis der beiden
Geschlechter und die Ehe regeln, die ja bei verschiedenen
Völkern und Klassen oder zu verschiedenen Zeiten verschie—
den sind

Wir nehmen jetzt noch ein anderes sehr allgemeines
Beispiel aus unserer eigenen Zeit. Außer der empor—
strebenden Arbeiterklasse sucht noch ein großer Teil der
Menschhheit die gesellschaftliche Bewegungsfreiheit: die
Frauen Woher kommt es, daß sie, die vor so kurzer
Zeit nur zu häuslicher Arbeit und zur Ehe erzogen wur—
den, jeht zu Hunderten noch ein anderes Ziel suchen: ein
Arbeitsfeld in der Gesellschaft?

Bei der proletarischen Frau kam das von der Groß—
industrie Die Arbeit an der Maschine ist oft so leicht —
wenn sie auch durch das lamge Arbeiten schwer wird —
daß Frauen und Mädchen sie ausführen können. Der Lohn
        <pb n="69" />
        — 33—

—577—
——

des Vaters reichte nicht aus; Frauen und Kiuder mußten
in die Fabrik ziehen, um durch ihren Verdienst den Lohn
für die Familie ausreichend zu machen. So kamen die
proletarischen Frauen in die Betriebe hinein, Hre Zahl
vergrößerte sich mehr und mehr.

Und dadurch änderte sich der Inhalt des Geistes die—
ser Frauen. Der sozialistische Gedanke, eine Bite der
Ar beit, die sie verrichten, ist auch u ihre Köpfe ge⸗
drungen. Die proletarischen Frauen sind in einigen Laͤn—
dern, wie in Deutschland, schon eine gute Strecke auf dem
Wege der sozialistischen Organisation fortgeschritten; in
allen kapitalistischen Ländern haben sie angefangen, die⸗
sen Weg zu gehen. Die Arbeiterfrau, die jügendliche Ar—
beiterin sind Mitkämpferinnen des Mannes in der politi⸗
schen Partei und in der Gewerkschaft geworden! Welcher
Unterschied gegen früher, als die Frau die Kleider flickte,
wusch, für den Haushalt und die Kinder sorgte und sonst
weiter nichts tat!

Und im Kopfe der sozialistischen Arbeiterfrau lebt auch
der Gedanke an eine Zeit, wo das Maͤdchen und die Freu
gesellschaftlich vö lIig seibstaändig, als Produzentin vo
lig frei dastehen wird. In der Gesellschaft der Zukunft
wird niemand, weder Frau noch Mann, einen Herrn
haben, weder in der Ehe, noch in der Werkstatt, nirgends
Als Freie und Gleiche werden die Individuen üeben—
einander stehen

Auch dieser Gedanke ist der Frau vom Produktions
prozeß eingegeben worden.

Auch die bürgerliche Frau strebt nach Befreiung. Und
auch bei ihr stammt dieser Gedanke aus dem Produktions—
prozeß. Denn als die Großin dustrie emporgekommen
war, verringerte sich erstens die Arbeit der Frau im Haus
halt Die Großindustrie produzierte die verschiedensten
Dinge, wie Licht, Wärme, Kleider, Lebensmittel, so billig,
daß man sie nicht mehr zu Hause machen oder bereiten
wollte; zweitens wurde die Konkurrenz so scharf, daß die
Frauen und Töchter aus dem Kleinbürgertum mitverdie
nen mußten und in der Schule, im Kontor, im Fernsprech—
amt, in der Apotheke usw. eine Stellung suchten; drtteus
hat unter der Bourgeoisie die Zahl der Ehen infolge des
heftigen Kampfes um die Existenz, infolge der höheren d
bensansprüche und der Sucht nach Genuß und Durus 46
genommen. Alles Folgen der modernen Produktious—
weise

Der Geist des bürgerlichen Mädchens ist dadurch auf
größere gesellschaftliche Bewegungsfréiheit gerichtet ihr
        <pb n="70" />
        — 6 —
Denken hat sich geändert. Mit ihrer Großmutter ver—
glichen ist sie ein neuer Mensch.

Während die proletarische Frau durch den Platz, den
sie im gesellschaftlichen Produktionsprozeß einnimmt, die
Befreiung des Proletariats und damit der ganzen Mensch⸗
heit im Sinne hat, denkt die bürgerliche Frauenrechtlerin
nur an die Befreiung der bürgerlichen Fraus Sie
will diese innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft zur Macht
bringen; sie will ihr kapitalstische Macht geben, was selbst⸗
verständlich nur möglich ist, wenn sie die Arbeiter gleich
stark ökonomisch und politisch unterdrückt, wie die mann
liche Bourgeoisie das jetzt tut

Die Frauenrechtlerin will die Frau „nicht vom Eigen—
kum befreien, sondern ihr die Freiheit des Eigentums der—
schaffen, sie nicht vom Schmuß des Geldgewinns befreien,
sondern ihr die Freiheit der Konkurrenz geben“. Die Ar—
beiterfrau will sich und alle Frauen und aͤlle Männer vom
Druck des Eigenlums und von der Konkurrenz befreten
und dadurch alle Menschen wirklich frei machen:

Obgleich der Inhalt der Köpfe dieser beiden ebenso⸗
sehr verschieden ist, wie ein Nachtlicht bom vollen Sonnen—
licht, gehen die Gedanken beider doch aus dem Produk—
tinoprsozeß hervor; sie unterscheiden sich nur durch die
verschiedenen Eigentumsverhältnisse, in welche die beiden
„Schwestern“ gestellt sind

Die völlige Befreiung der Frau, die Befreiung der
Arbeiter, die Befreiung der Menschheit, welche glühenden
Gefühle flößen sie uns ein! Welche Leidenschaft und Tat
kraft rufen sie bei Millionen hervor, welche Quellen der
Energie lassen sie in uns aufsprudelu! Und welche herr⸗
liche goldene und rosenrote Träume bringen sie uns in
Stunden der Ruhe nach dem Kampf! Danu kaun es
scheinen, als ob der Geist des Menschen eigenmächtig all
diese Energie, diese rasende Kampfeslust und diese ent—
zückenden Träume wachriefe! Laßt uns aber nie verges⸗
sen, liebe Freunde, daß dieser gewaltige Wille des Prole⸗
tariats, diese Seligkeit im Siege und diese gestählte Hoff—
nung nach der Niederlage, dieser riesige Idealismus der
Arbeiter — die höchste, umfassendste und herrlichste, ja bei
weitem herrlichste, weil die bewußteste und also tiefst ideli⸗
stische Geistesäußerung, die die Welt e gekannt gt
daß diese schönsten geistigen Erscheinungen mit der Arbeit,
dem Werkzeug verwachsen sind, die hretseits wiede fest
in der Erde wurzeln.

Diese beiden Beispiele beweisen an den zwei bedeu—
lendsten Umwandlungen der Sitten unserer Zeit, wie
        <pb n="71" />
        69

—

richtig unsere Lehre des historischen Materialismus sst.
Wir gehen jetzt zu der allgemeinen Sittlich keit über
Inzwischen nehmen wir, um den Uebergang dorthin
leichter und also das ganze Thema verständlicher zu
machen, zuerst noch ein Beispiel, das nicht mehr zu der
Sitte der Alltagsarbeit gehört, wie das Besuchen der M—
beiterversammlungen und die weibliche Bureauarbeit, das
aber auch noch nicht zu jenen angeblich allerhöchsten Ge—
bieten der Sittlichkeit gehört, wie die Nächstenliebe, die
Wahrheitsliebe usw.

Als Uebergang nehmen wir die Vaterlandsliebe, den
Patriotismus.

Auch in diesem Gefühle, in diesem Gedanken sehen
wir in unserer eigenen Zeit, wie eine gewaltige Umwand—
lung stattfindet und wiederum hauptsächlich, am aller—
meisten, bei den Arbeitern.

Früher, als die Arbeiterklasse noch fast gar keine selb—
ständige gesellschaftliche Macht darstellte, war fie patriotisch,
das heißt, sie wußte nichts Besseres zu tun, als den hert
schenden Klassen hres Landes in den Kampf gegen aus—
ländische Mächte zu folgen. Es ist zwar nicht wahrschein—
lich, daß die damaligen Proletarier und die Kinder des
damaligen Bauern- und Bürgerstandes, die sich für die
Armee oder die Flotte anwerben ließen, das aus glühender
Liebe zum Vaterland taten. Die meiestu taten es aus
Zwang und Not, aus Mangel an anderem besseren Ver—
dienst — aber die arbeitenden Klassen wußten damals nichts
anderes, als daß es sich so gehörte, wenigstens daß es so
sein mußte. Der Gedanke, daß sie sich als selbständige
Macht gegen den Krieg erklären und ihn verhindern
könnten, auch wenn die regierenden Klassen ihn wollten,
kam ihnen nicht in den Sinn, sie waren ja politisch und
ökonomisch ein Anhang dieser Klassen. Weder an Zahl,
noch durch Organisation waren sie stark genug, um einen
eigenen Gedanken über diesen Punkt zu haben, geschweige
denn ihn zur Tat werden zu lassen. Auch wenn sie für die
Aufrechterhaltung des Friedens kämpften, taten sie das ge—
wöhnlich als Gefolgschaft eines Teiles der herrschenden
Klassen, der mehr Vorteil im Frieden als im Kriege sah,
und unter der Losung, daß dies fürs Vaterland gut waͤre,
daß dieser Gedanke und diese Tat die echte Vaterlandsliebe
wären.
In Wirklichkeit war der Krieg und war solche Vater—
landsliebe im allgemeinen den arbeitenden Klaffen sicher
oft nicht nützlich oder vorteilhaft. Damals, ebenso wie jeht,
        <pb n="72" />
        70 —

————

haben sise oft mit ihrem Blut, ihrem Leben, ihrem kleinen
Besitz, der ihnen durch schwere Steuern gensmmen oder
durch den Krieg verwüsstet wurde, die Zeche begahlen muß
sen. Aber nichtsdestoweniger folgten sie in ihren Anschau⸗
ungen den herrschenden Klassen und übernahmen die bon
hnen gepredigten Losungen, wie Liebe für die Unabhängig—
keit des Landes, Liebe für das Vaterland oder das
Herrscherhaus, ohne daß sie dem etwas anderes Bestimmte—
gegenüberstellen.

Wie hat sich das geändert! In allen Ländern wächst
nit jedem Tag die Zahl der Arbeiter, die einsehen, daß
Kriege gegen zivilisierte und unzuvilifierte Voller bloß
um Vorteil der Bourgeoisie geführt werden; daß die
Bourgeoisie den Arbeitern die Vaterlandsliebe nur predigt,
um sie als willige Kriegswerkzeuge zu haben; daß Zweck
ind Resultat aller Kriege eine erhöhle Ausplünderung der
Arbeiterklasse oder die Ausdehnung der Ausbeutung auf
noch mehr Arbeiter ist; daß ein internationaler Kampf dar
Bölker für die Arbester des siegenden wie des bestegten
Landes eine Gefahr ist.

„Der Krieg“, so denkt der kommunistische Arbeiter,
liegt im Intéresse des Bourgeois Die Produktion
und das anzulegende Kapital sind so groß gewoͤrden, daß
er nach Märkten und Gebieten zur Anlage seines Geldes
ucht und durch den Krieg andere verdrängen oder fern⸗
halten will. Aber das kaunn er nur dadurch erzielen, daß
er noch höhere Steuern erhebt, mir weniger Lohn zahlt,
mich intensiver oder länger arbeiten läßt und mir keine
oder schlechte soziale Reformen bringt Für m ch dagegen
st es von Interesse, daß ich hohe Lhne, kurze Arbeitszeit,
zute soziale Gesehe, weder Lebensmittelzölle noch Ver—
brauchssteuern habe. Ich muß also gegen den Krieg sein.
Außerdem liegt es in meinem Interesse, daß auch mein
damerad jenseits der Grenze dieselben Vorteile genießt,
enn in diesem Falle kann der einheimischen Industre ken
Schleuderkonkurrenz durch Hungerlöhne gemacht werden;
dann wird die Betriebsorganisation dieser ausländischen
Arbeiter erstarken, und ich kann nach ihrem Muster meine
eigene stark machen und sie sogar zusammen zu einem inter⸗
tationalen Bunde verbinden Und wenn dork die politi⸗
sche Arbeiterpartei mächtig ist, dann ist das ein Mtrieb für
uns, auch die unsere stark zu machen, und wir bomen zu
ejnem internationalen Zusammenschluß aller politischen
Arbeiterparteien mit demselben Ziel und zur gegenseltigen
Unterstützung kommen. Wenn äber ein Krieg ausbricht,
        <pb n="73" />
        71
dann wird unsere und ihre ökonomische Kraft vernichtet
und die Bourgeoisie sät Haß zwischen uns.“

Die Entwicklung der Industrie und des Welthandels
hat die Arbeiter in eine selbständige Macht verwandelt, die
allein ihr Ziel zu erreichen imstande ist. Aber dieselbe
Entwicklung hat dadurch, daß sie das Kapital zu einer in
allen Ländern herrschenden überwältigend großen Macht
gestaltet hat, bewirkt, daß die Atbeiter das Kapital nur
nternational überwinden können. Es ist undenkbar, daß
die Arbeiter e in e s Landes die Kapiatlisten besiegen könn—
ten, ohne daß die Kapitalisten anderer Länder nicht alles
aufbieten sollten, um ihren Klassengenossen zu helfen Das
tritt schon jetzt in den internationalen Unternehmerverbän—
den klar zutage. Aus all diesen Ursachen und Gründen
haben die wirklich kommunistischen Arbeiter eingesehen,
daß Vaterlandsliebe keine Losung mehr für sie ist, sondern
daß die internationale Solidarikät der Arbeiter ihre Lo—
sung sein muß.“)

Die Technik, der Produktionsprozeß auf seiner gegen—
wärtigen Entwicklungshöhe, macht es für die Kapitalisten
eines Landes notwendig, entweder die Maärkte der Kolo—
nien zu monopolisieren oder einen möglichst großen Teil
davon für sich zu gewinnen.

Die Techmk, der Produktionsprozeß auf seiner gegen—
wärtigen Entwicklungshöhe, macht es für die kommunisti—
schen Arbeiter eines Landes notwendig, sich dem zu wider—
seßen, weil Krieg und Kolonialpolitik immer mit erhöhter
Ausbeutung des Proletariats zusammengehen.

Die Technik hat die Interessen aller Kapitalisten, ob—
gleich sie miteinander um die Maärkte kämpfen, ausgeglichen
da, wo es die Unterdrückung der Arbeiter gilt

Die Technik hat die kommunistischen Abeiter aller
Länder organ siert und ihnen gezeigt, daß das Interesse für
se alle eins ist da, wo es die Solidarität aller Arbeiter gilt.

Die Besitzenden sind also für Krieg und Unterdrückung
der Arbeiter, die kommunistischen Arbeiter für internatio—
nale Wohlfahrt und internationale Vereinigung der Ar—
beiter.

Die kommunistische Arbeiterklasse ist also gewiß nicht
patriotisch in dem Sinne der Bourgeoisie, in dem Sinne,
der unter dem Kapitalismus diesem Worte immer beigelegt
wurde und der bedeutet: Liebe bloß zum eigenen Lande,
) Wie klein die Zahl der wirklich kommunistischen Arbetter
och war hat der Krieg gezeigt. Man sehe zu dieser Stelle Seite 60
und fsolgende.
        <pb n="74" />
        72

echateng Abneigung oder Haß gegen das fremde
and.

Der moderne Kapitalismus ist ausschließlich patrio—
tisch aus Gewinnsucht. Er hält Vaterlandsliebe nicht
wirklich für eine Tugend, das Vaterland nicht für heilig,
denn er nimmt ja den Transvaalern, den Philippinern,
den Einwohnern von Englisch und Niederländisch Indien,
den Chinesen, den Marokkanern usw. ihr Vaterland. Er
führt Polen, Galizier, Kroaten, Chinesen ein, um die
Löhne der eigenen Landesgenossen, Kinder desselben Va—
terlandes, zu drücken.

Er fordert von der unterdrückten Klasse eine Vater—
landsliebe, die er selbst nicht empfindet. Die Vaterlands—
liebe der Bourgeosie ist Gewinnsucht und Heuchelei.

Solch eine Vaterlandsliebe ist dem kommunistischen
Proletariat sicher vollkommen fremd.

Selbstverständlich will der Arbeiter seine Sprache be—
halten, die einzige, womit er Arbeit finden kann. Aber das
ist nicht die Vaterlandsliebe, die die Bourgeoisie von ihm
oerlangt. Auch der kommunistische Arbeiter liebt die Na—
ur, das Klima, die Luft seines Landes, in denen er von
Kindheit an aufgewachsen ist. Aber auch das ist nicht die
Vaterlandsliebe, die die Bourgeoisie von ihm verlangt.
Die Vaterlandsliebe, die die Bourgeoisie dem Arbeiter
aufzwingen will, ist diese, daß er sich willig von ihr als
Kriegswerkzeug gebrauchen und sich für sie schlachten lasse,
wenn sie den eigenen Profit verteidigt oder den Profit an—
derer Kapitalisten oder das Eigentum wehrloser Völker
zu rauben versucht. Das ist die bürgerliche Vaterlands—
liebe, und diese ist den kommunistischen Arbeitern völlig
fremd. Im Sinne der Bourgeoisie hat der Arbeiter kein
Vaterland.

Der Arbeiter fragt bei allen internationalen Ver—
wicklungen: was ist das Arbeiterinteresse, und dies, dies
allein bestimmt sein Urteil

Und da nun das Klasseninteresse der Arbeiter im all—
gemeinen die Aufrechterhaltung des Friedens erfordert,
zeigt sich die Polstikder kommunistischen
Arbeiteralsdas Mittel,alleNatidnenzu
erhalten. Denn wenn der Friede fortbesteht und die
Arbeiterklasse in allen Ländern ans Ruder kommt, dann
gibt es keine Möglichkeit mehr, daß ein Land das andere
unterwirft; dann kann nur bon einem allmählichen Ver—
schwinden von Grenzen und Differenzen, auf organischem
Wege, ohne Gewalt, die Rede sein. Insoweit sichert nur
        <pb n="75" />
        der internationale Sozialismus die Existenz aller Natio—
nen.

Und auch in jenen, doch nur selten denkbaren Fällen,
daß das Proletariat einen Krieg gutheißen würde — zum
Beispiel um einen Despotismus, wie früher in Rußland, zu
vernichten — da würde es nicht von der Vaterlandsliebe
der Bourgeoisie, sondern von der Liebe zum internationa—
len Proletariat getrieben werden.

Die Arbeiterklasse, die zum Kommunismus durch—
gedrungen ist, kann dem chauvinistischen, nach schmutzigem
Gewinn zielenden Patriotismus der Bourgeoisie und ihren
heuchlerischen Friedenskombdien ruhig ihr Ziel gegenüber—
stellen: die internationale Einheit der Arbeiter und dadurch
die Einheit aller Menschen, den ewigen Frieden aller Völ—
ker. Das Ziel der Bourgeoisie ist beschränkt, so wie ein
Land oder Ländchen der Erde gegenüber beschränkt ist;
aber außerdem ist es falsch und unerreichbar, denn die kapi—
talistischen Beherrscher der Völker, die um die Beute
kämpfen, werden miteinander kämpfen, solange es Beute
gibt. Das Ziel des Kommunismus ist erhaben und makel—
los⸗herrlich, aber außerdem ist es wahrhaft erreichbar; die
Arbeiterklasse kann nichts anderes als Frieden zwischen den
Arbeitern wünschen, denn dieser Frieden ist ihr Interesse,
mehr noch, die Vorbedingung für ihren Sieg.

Die Revolution vom Kapitalismus zum Kommunis—
mus, die jetzt angefangen hat, zeigt schon, daß die Arbeiter
ihre Vaterlandsliebe wegwerfen, um dem internationalen
Proletariat treu zu sein.

Welch eine Umwälzung gegen früher! Der Arbeiter
von damals, der sklavisch die beschränkten Gedanken seiner
Meister nachdachte; der Arbeiter von heute, die Welt, die
ganze Menschheit umfassend, von seinen Meistern unab—
hängig und gegen sie kämpfend.

Und diese ganze Umwandlung wurde von der Ma—
schine herbeigeführt, ist ihr zu verdanken, die Millionen
Proletarier schuf und sie organisierte

Bemerkung.

Wir haben eben erörtert, daß früher die Vaterlands—
liebe der arbeitenden Klassen nicht unmittelbar ihrem eige—
nen Interesse entsprang, sondern dem Interesse der herr⸗
schenden Klassen, von denen sie abhängig war Das wird
man immer finden; solange eine Klasse nicht die Kraft hat,
hre wirklichen tiefsten eigenen Interessen zu verteidigen,
solange in letzter Instanz das Interesse einer anderen
Klasse ihr Inleresse ist, wird sie auch in einem großen Teile
        <pb n="76" />
        hres Denkens den herrschenden Klassen folgen. Davon
war der Patriotismus früher — und st er heute bei vielen
och ⸗ein llares Beispiel. Die herrschenden Ideen einer
Zeit“ sagt Marx, „waren immer die Ideen der herrscheu—
den Klassen.“ Sobald die unterdrückte Klasse aber eine Ge—
egenheit sieht, zum Beispiel in Zeiten einer Revolution,
kommt sie mit ihrem eigenen tiefsten Interesse zum Vor
chein, kehrt sie ihre tiefste Seele hervor und verwirft die
ihr von den Herrschenden aufgenötigten Ideen. Und in
dem Maße, wie eine Klasse allmählich stärker wird, so daß
sie ihre eigenen Interessen verteidigen kann, gelaugt ihre
Gefühls- und Gedankenwelt immer kräftiger un schließlich
kühn und offen ohne falsche Scham zum Ausdruck

Wir gehen jetzt zu den „höheren“ Gebieten der Sitt—
lichkeit über, Der Drang des Albeiters nach Entwicklung,
der Drang der Frau nach gesellschaftlicher Gleichberech—
tigung mit dem Manne, die Vaterlandsliebe, sie sind alle
nur niedere Empfindungen gegenüber der Uneigennützig⸗
keit, der Liebe zum Nächsten, der Selbstaufopferung, der
Treue, der Ehrlichkeit, der Gerechtigkeit

Diese Tugenden gehbren zu der höheren Sittlichkeit,
sie sind die Sittlichkeit selbst

Wie steht es mit diesen Tugenden? Woher kommen
sie? Sind sie ewig, leben immer die gleichen in der mensch—
lichen Brust, oder sind sie gerade so verändersich wie alle
die anderen geistigen Dinge, die wir kennen gelernt?

Diese Fragen sind Jahrhunderte lang, seitdem der
griechische Phildsoph Sokrates und seine Zeitgenossen sie
zu stellen anfingen, für die Menschen unlösbar geblieben.

Sie bieten auch eine eigentümliche Schwierigkeit

Es gibt nämlich eine Stimme in uns, die uns in vie—

Fällen unmittelbar sagt, was gut, was schlecht ist.

Taten der Nächstenliebe, der Selbstaufopferung ge—
schehen spontan, do n selbst, auf Geheiß dieser Stimme
Wahrheitsliebe, Treue, Ehrlichkeit, sie werden uns gebie—
terisch, von selbst von ihr vorgeschrieben. Unser Gespis—
en mahnt uns, wenn wir auf diese Stimme nicht hören.
Wir werden von Ssch am erfüllt, wenn wir, auch ohne daß
es jemand weiß, nicht gut gehandelt haben Das Sit
dengese tz, die Gebote der Pflich tleben in uns, ohne
daß die Erziehung und das eigene Lustgefühl sie ausreichend
exklären öönnen

sen

) Nur die Gewohnheit kann uns taub machen für diese
Stimme
        <pb n="77" />
        75 —

Dieser gebieterische und spontane Charakter ist speziell
der Ethik, der Sittenlehre eigen. Kein anderes Gebiet des
Geistes hat ihn, weder die Naturwissenschaft, noch das
Recht, noch die Politik, noch die Religion, noch die Philo—
sophie, die alle erlernt werden und auch anders sein
könnten.

Man hat versucht, das Sittengesetz aus der Erfahrung
des Individuums selbst, aus seiner Erziehung, seinen Ge—
wohnheiten, seinem Streben nach Glück, aus einem raffi—
nierten Eigennutz oder aus Sympathie für andere abzu—
leiten. Aber auf diese Weisé ist es weder gelungen,
den Ursprung des Gebieterischen in der Stimme,
die uns zur Nächstenliebe ruft, noch jenes Wunderbare zu
erklären, daß der Mensch, um die Existenz anderer zu ret—
ten, seine eigene wegwirft.

Da man also die Moral nicht aus der Wirklichkeit
ableiten konnte, blieb nichts übrig als der gewöhnliche Zu—
fluchtsort der Unwissenheit: die Religion. Da die Sut—
lichkeit nicht aus dem irdischen Leben exklärt werden konnte,
mußte ihr Ursprung im Uebernatürlichen liegen. Gott hat
dem Menschen den Sinn für das Gute, den Begriff des
Guten, anerschaffen; das Böse stammte aus des Menschen
fleischlicher Natur, aus der stofflichen Welt, aus der
Sünde

Die Unverständlichkeit des Ursprungs des Guten und
Bösen“ ist eine der Ursachen der Religkon. Bie Philoso—
phen Plato und Kant haben darauf eine übernatürliche
Welt aufgebaut. Und auch jetzt noch, wo die Natur so viel
besser verstanden wird, wo das Wesen der Gesellschaft für
die Menschen so viel klarer zutage liegt, auch jetzt ist noch
immer die Sittlichkeit, der Drang nach „dem Guten“, die
Abneigung von „dem Bösen“ für viele Menschen noch
etwas so Wunderbares, daß sie es nur mit Hilfe einer
Gottheit“ erklären können Wie viele moderne Menschen
gibt es nicht, die für eine Erklärung der Naturerscheinun—
zgen oder der Geschichte keinen Gott mehr brauchen, — die
aber für die „Befriedigung ihrer ethischen Bedürfnisse“
einen nötig zu haben behaupten. Und sie haben recht, sie
berstehen weder Ursprung noch Wesen der großen sittlichen
Gebote, und was man nicht versteht und doch für das Aller—
höchste hält, das vergöttlicht man

Und doch sind die höchsten sittlichen Gebote seit einem
halben Jahrhundert in ihrem Wesen und ihrer Wirkung
erklärt. Zwei Forschern ist dies zu verdanken: der eine
hat den Menschen in seinem tierischen Dasein, der andere
        <pb n="78" />
        70 —
in seinem gesellschaftlichen Sein studiert — Darwin und
Marx.

Darwin hat nachgewiesen, daß alle Organismen einen
Kampf ums Dasein gegen die ganze sie umgebende Natur
führen, daß nur die Organismen bestehen bleiben, die sich
die zweckmäßigsten besonderen Organe zum Schunßz e und
zur Ernährung erwerben, deren Organe die beste Ar—
beitsteilung aufweisen, die sich am besten der
Außenwelt anpassen. Eine große Gruppe aus der organi—
schen Welt, die Tiere, hat in dem Kampf ums Dasein und
durch ihn Eigenbewegung und Erkenntnis—
dermögen entwickelt. Zum Erkenntnisvermögen ge—
hören die Beobachtung der Einzelheiten der Um—
gebung, das Auffassen des Uebereinstimmenden und
des Verschiedenen darin und die Erinnerung des
früher Durchlebten. Durch den Kampf ums Dasein mußten
die Triebe der Selbsterhaltung und der Fort—
pflanzung, ebenso wie die Arbeitsteilung, die Eigen
bewegung und das Denken immer stärker werden. Damit
wuchs auch der Trieb der Mutterliebe. Beiden—
Jentsgen Treren dieum den Kampfum—
Dasein uübhren zu onnen inteneren
oder größeren Gesellschaften zusammen—
leben müssen — wie einige Raubtiere, viele Pflan—
zenfresser, darunter die Wiederkäuer, viele Affenarten —
werden die sozialen Triebe entwickelt. Zu die—
len Artengehbrtauch der Menschzauchder
Menschharsich nurgesellschaftlich, durch
das ZusammenlebeninGruppenodérHor—
den in der Naturerhalten nnen,undde—
durch haben sich auch bei ihm die sozialen
Trilebeenrtwcelt.

Welche sind aber die sozialen Triebe, die sich durch
den Kampf ums Dasein bei Mensch und Tier gebildet
haben und die durch die natürliche Zuchtwahl immer stär⸗
ker geworden sind? „Sie können je nach den verschiedenen
Lebensbedingungen der verschiedenen Arlen verschieden
sein, aber eine Reihe von Trieben bildet die Vorbedingung
für das Gedeihen je dex, Gesellschaft.“ Es gibt Triebe,
ohne welche keine Gesellschaft bestehen bleiben kann, und
diese müssen sich also bei jeder Art, die, um süch zu
erhalten, gesellschaftlich leben mu ßte wie der
Mensch — entwickelt haben. Welche sind diese Triebe?
„Vor allem die Selbstlosigkeit, die Hingebung
für die Allgemeinheit.“ Wäre dieser Trieb micht entstan
        <pb n="79" />
        77

den, hätte jeder nur für sich gelebt, und hätte man nicht die
Gemeinschaft über sich selbst gestellt, die Gesellschaft wäre
unter den Angriffen der umgehenden Naturkräfte oder der
feindlichen Tiere untergegangen. Wenn zum Beispiel in
einem Rudel zusammenlebender Büffel micht jedes Indi—
viduum sich für die Gemeinschaft hingibt, indem es stand—
hält, wenn der Tiger die Herde an dem Punkte anfällt, wo
es im Kreise seiner Kameraden steht, — wenn jedes Indi⸗
viduum zur Rettung seines eigenen Lebens flieht, ohne sich
um die Gemeinschaft zu kümmern, dann geht diese Gesell—
schaft zugrunde. Darum ist Selbstaufopferung der erste
soziale Trieb, der bei einer solchen Tierart entstehen mußte.

„Dann die Tapferkeit in der Verteidigung der
gemeinsamen Interessen; die Treue gegen die Gemein—
schaft; die Unterordnung unter den Willen der Gesamtheit,
also Gehorsam oder Disziplin; Wahrhaftig—
ke itt gegen die Gesellschaft, deren Sicherheit man gefähr—
det oder deren Kräfte man vergeudet, wenn man sie irte—
führt, etwa durch falsche Signale. Endlich Ehrgeiz,
die Empfänglichkeit für Lob und Tadel der Gemeinschaft.
Das alles sind soziale Triebe, die wir schon in tierischen
Gesellschaften ausgeprägt finden, manche davon oft in
hohem Maße.

„Die sozialen Triebe sind aber nichts anderes als die
erhabensten Tugenden, ihr Inbegriff das Sittengesetz.
Höchstens fehlt unter ihnen noch die Gerechtigkeitsliebe,
das ist der Drang nach Gleichheit. Für deren Entwicklung
ist in den tierischen Gesellschaften freilich kein Platz, weil
sie nur natürliche, individuelle, nicht aber durch gesellschaft—
liche Verhältnisse hervorgerufene soziale Ungleichheiten
kennen.“ Die Gerechtigkeitsliebe, der Drang nach sozialer
Gleichheit ist deshalb etwas dem Menschen Eigen—
tümliches.*)

Das Sittengesetz ist ein Produkt der Tierwelt; es
lebte schon im Menschen, als er noch ein Herdentier war;
es ist uralt, denn solange der Mensch ein gesellschaftliches

) Wir können dem Leser, namentlich wenn er zur arbeitenden
dlasse gehört, nicht genug die Lektüre von Kautskhs „Ethik und
materialistische Geschichtsauffassung“ empfehlen, der wir hier vieles
entleihen. Vie Ethik ist das leßte Bollwerk, hinter welches jene
Leute, die den Arbeiter mit Hilfe der Religion in Unmündgkeit er—
halten wollen, sich verschanzen. Wenn man den irdischen Ursprung
der höchsten sitklichen Gebote durchschaut hat, dann werden vielé
zeistige Fesseln wegfallen. Auch, wird die Solidarität gestärkt,
benn man erkennt, daß sie in den ältesten Gefühlen des menschlichen
Geschlechts wurzell.
        <pb n="80" />
        Wesen ist, das heißt solange er überhaupt besteht, hat es
im Menschen gelebt

Nur indem sie einander halfen, konnten die Menschen
die Natur besiegen. Diesem sittlichen Drange zum Helfen,
diesem Sittengesetßz, diesen sozialen Trieben verdanken die
Menschen also alles

Von ihrem Ursperung an sprach das Sittengeseß in
ihnen

„Daher seiner geheimnisvolle Natur, diese Stimme in
uns, die mit keinem äußerlichen Anstoß, keinem sichtbaren
Interesse zusammenhängt Sicher ein geheimnisvoller
Drang, aber nicht geheimnisvoller als die Geschlechtsliebe,
die Mutterliebe, der Selbsterhaltungstrieb, das Wesen des
Organismus überhaupt und so viele andere Dinge ,
die niemand als Produkte einer übersinnlichen Welt an—
sehen wird.

„Weil das Sittengesetz ein tierischer Trieb ist, der den
Trieben der Selbsterhaltung und Fortpflanzung eben—⸗
bürtig, deshalb seine Kraft, deshalb sein Drängen, dem wir
ohne Ueberlegen gehorchen, deshalb rasche Entscheidung in
einzelnen Fällen, ob eine Handlung gut oder böse, tugend—
haft oder lasterhaft; deshalb die Entschiedenheit und Ener—
gie unseres sittlichen Urteils, und deshalb die Schwierig—
keit, es zu begründen, wenn die Vernunft anfäugt, die
Handlungen zu zergliedern und nach ihren Gründen zu
fragen.“

Wir sehen auch klar, was das Gefühl der Pflicht,
was das Gewissen ist. Es ist die Stimme der sozialen
Triebe, die uns ruft. Mitunter ertönt dann zu derselben
Zeit die Stimme des Selbsterhaltungstriebbs oder des
Fortpflanzungstriebs, und daun geschieht es oft, daß diese
beiden in Widerstreit mit der Stimmeé des sozialen Triebes
geraten Wenn der Fortpflanzungs- und Selbsterhaltungs—
trieb nach einiger Zeit zum Schweigen kommen, weil sie
befriedigt sind, dann tönt der soizale Trieb oft noch fort,
aber jeßt als Reuse, Michts irriger, im Gewissen die
Stimme der Furcht vor den Genossen, ihrer Meinung oder
gar ihrem physischen Zwange zu sehen Es wirkt auch“, wie
wir schon gesagt haben, in bezug auf Handlungen, die
niemand erfahren hat, selbst nach Handlungen, die der Um
gebung sehr preiswürdig erscheinen, ja es kann auch wirken
als Abscheu vor Handlungen, die man aus Furcht vor den
Genossen und ihrer öffentlichen Meinung unternommen
hat Die öffentliche Meinung, Lob und Tadel, sind sicher
sehr einflußreiche Faktoren Aber ihre Wirkung setzt selbst
        <pb n="81" />
        —77 —
schon einen bestimmten Trieb, den Ehrgeiz voraus; sie
können die sozialen Triebe nicht erzeugen“

So sieht man, wie einfach dieses anscheinend so wunder—
bare Gebiet des Geistes zu erklären ist, das die höchsten Ge—
bote der Sittlichkeit umfaßt, wie falsch es ist, dafür zum
ebersinnlichen zu greifen, wie klat die Ursachen der Su
lichkeit in unserem eigenen menschlichen, tierischen, roschen
Dasein liegen.

Dies ist also das Wessen der Sittlichkeit; diese Ein—
sicht verdanken wir in erster Linie Darwin Aber woher
kommt es, daß die großen Tugenden zu verschiedenen
Zeiten so veränderlich sind? Wieso Ist die Wirkung
dieser soizalen Triebe jedesmal so verschieden?

Das hat Darwin nicht untersucht. Diese Keuntnisse
haben wir vor allem Marx zu verdanken. )

Marx war es, der die Hauptursachen der Verande
Lung in den Wirkungen der sozialen Triebe, für die
Jahrhunderte der geschriebenen Geschichte, für die Zeit des
Privateigentums, für die Zeit der Warenproduktiovn —
deckt hat.

Marx hat nachgewiesen, daß durch den Privatbesitz
der selbst wieder ein Produkt der Entwicklung der Technik,
der wachsenden Arbeitsteilung ist, durch die sch die Hand
werke von der Landwirtschaft loslösten Klaffenent—
standen sind, Besitzende und Nichtbesitzende, deren M—
glieder von Anfang an bis heute einen K a mpf um die
Produkte und Produktionsmittel mite inander führen Marx
hat nachgewiesen, daß aus der sich stets weiterenswickelnden
Technik ein sich stets weiterentwickelnder Kampf entspringt
Er hat damit die für die moderne Zeit wichtigste Ursache
der Veränderungen in der Wirkung der sutlichen Ge—
bote gezeigt.

Denn erstens entsteht zwischen den Privateigentümern,
auch wenn sie zur gleichen Klasse gehören, der Konkurrenz⸗
kampf. Und dieser wirkt mörderisch auf das höchste sittliche
Gebot ein, das besagt, daß man einander helfen, ja, daß
einer sich für den anderen aufopfern soll. Dieses Gebo
wird zu einem toten Buchstaben in einer Gesellschaft, die
auf Konkurrenz beruht. Es wird in einer solchen Gesell⸗
schaft, zu einer abstrakten Lehre nicht irdischen, ondern nur
himmlischen Ursprunges, die entzückend schön ist, aber nicht
befolgt wird, eine Lehre eigentlich nur für den Sonntag,
wo Handel und Fabrik doch stillstehen und bloß de
*) Kautsky hat, wenn wir nicht irren, als erst.
schafken beider verbunden als erster die Errungen-
        <pb n="82" />
        89 —

offen ist. Es ist nicht möglich, zu gleicher Zeit einander
den Markt, die Stellung, die Arbeit im Konkurrenzkampf
zu nehmen und zugleich der inneren Stimme zu gehoörchen,
die uns von der Urzeit her zuflüstert, zu unseren Mit—
menschen zu stehen, da zwei staͤrker sind als einer. Es ist
unmöglich, und jede Lehre, die da sagt, so kann und soll es
sein, führt zur Heuchelei.

In seiner Analyse der Waren, der Kapitalproduktion
hat Marx aufgedeckt, wie der Charakter solcher Menschen,
die unabhängig voneinander ihre Produkte als Waren
produzieren, notwendig werden muß: feindselig und ent—
fremdet, nicht mehr im Verhältnis von Menschen zuein—
ander, sondern wie Dinge, wie Stücke Leinwand, Ballen
Kaffee, Tonnen Erz, Haufen Geld; so hat Marx das wirk—
liche Verhältnis der Menschen zueinander aufgezeigt, das
tatsächliche Verhältnis und nicht jenes, das nur in der
Phantasie der Dichter oder in den Predigten der Priester
besteht.
Zweitens aber hat die Entwicklung der Technik und
die Arbeitsteilung Menschengruppen erzeugt, deren Mit—
glieder, obgleich untereinander oft in Konkurernzkampf be—
griffen, dennoch anderen Gruppen gegenüber diefelben
Interessen haben, mit anderen Worten, die gesellschaftlichen
Klassen. Die Grundbesitzer haben den Industriellen, die
Unternehmer den Arbeitern gegenüber dieselben Inter—
essen, und umgekehrt. Mögen sie sich auf dem Markté auch
gegenseitig Abbruch tun, im Kampfe für die Getreidezölle
haben alle Grundbesitzer, im Kampfe für Schutzzölle auf
Industrieprodukte alle Industriellen, im Kampfe gegen
gute Arbeiterschutzgesetze alle Unternehmer dasselbe
Interesse.

Der Klassenkampf tötet also auch ein gut Teil der
Sittlichkeit, denn das sittliche Gebot kaun nicht einer Klasse
zegenüber gelten, die die unsere zu vernichten oder zu
schwächen versucht, und jene Klasse kann auch der unseren
gegenüber keine Selbstaufopferung und Treue empfinden
Nur innerhalb der Klasse kann auf den Gebielen des
Klassenkampfes noch von irgend einem sittlichen Gebot die
Rede sein; der anderen Klasse gegenüber gilt das höchste
sittliche Gebot ebensowenig wie dem Feinde gegenübet So
wenig man im Kriege daran denkt, sich für den Feind zu
opfern, so wenig fällt es jemand ein, dem Mitglied der
gegnerischen Klasse, als sohch em, beizustehen Gleich—
wie bei einigen Tieren das sittliche Gebot nur den Mi—
zliedern derselben Herde gegenüber gilt, gleichwie es bei
        <pb n="83" />
        — 31 —

———

den früheren Menschenstämmen nur für die Stammes—
genossen galt, so gilt es in der Klassengesellschaft nur
Klassengenossen gegenüber, und das nur, soweit es die
Konkurrenz gestattet.

Durch den Fortschritt der Technik, durch die Anhäu—
fung von riesigen Reichtümern einerseits, von Scharen be—
itzloser Proletarier andererseits wird in unserer Zeit der
Klassenkampf zwischen Besihenden und Besitzlosen, Kapi—
talisten und Arbeitern immer schärfer und heftiger In
unseren Tagen kann also von einem Befolgen der höchsten
sittlichen Gebote zwischen den Klassen untereinander je
länger je weniger die Rede sein Im Gegenteil, die an—
deren großen Triebe, die der Selbsterhaltung und der
Sorge für die Nachkommenschaft, haben jeht in den Klassen
bei weitem die Oberhand über die alten sozialen Tugenden
gewonnen. Der Instinkt der Selbsterhaltung läßt die kapi—
talistischen Klassen immer schroffer den Arbeitern das Not—
wendige verweigern Sie fühlen, daß sie in nicht allzu
ferner Zeit alles, all ihren Besitz, all ihre Macht werden ab—
geben müssen, und aus Furcht, auch nur einen Schritt auf
diesem Weg zu tun, werden sie immer widerwilliger, auch
nur etwas zu geben. Und auch der Arbeiter fühlt gegen—
über dem Kapitalisten keine Nächstenliebe, denn die Triebe
der Selbsterhaltung und der Liebe für seine Kinder treiben
ihn, die Kapitalisten niederzuringen und auf diese Weise
eine herrliche, glückliche Zukunft zu erobern.

Die Entwicklung der Technik, der gesellschaftliche Reich—⸗
tum, die Arbeitsteilung, sind so weit fortgeschrikten, die be—
sitzenden und die besißlosen Klassen sind so weit vonein—
ander getrennt, daß der Klassenkampf „zu der hauptsäch—
lichsten, allgemeinsten, dauerhaftesten Form des Kampfes
ums Dasein der Individuen in der Gesellschaft ge—
vorden ist“.

Mit der wachsenden Konkurrenz hat unser soziales Ge—
fühl, unser Gefühl gegenüber den Mitgliedern unserer Ge⸗
sellschaft, das heißt unsere Sittlichkeit an Kraft abgenom⸗
men Mit dem Klassenkampf hat unser soziales Gefühl
gegenüber den Mitgliedern anderer Klassen, das heißt un⸗
sere Sittlichkeit ihnen gegenüber gleichfalls abgenommen,
aber desto kräftiger ist es gegenüber den Mitgliedern un—
serer eigenen geworden

Ja, so weit ist es mit dem Klassenkampf schon ge—
lommen, daß für die Mitglieder der wichtigsten Klassen das
Wohl hrer Klasse mit dem Gemeinwohl, dem Wohl der
ganzen Gesellschaft gleichbedeutend geworden ist. Um des
        <pb n="84" />
        —c
32
Gemeinwohls willen unterstützt man nur die Klassen—
genossen und zieht entschlossen gegen die fremde Klasse in
den Kampf.

Liegt also das Wesen der höchsten Sittlichkeit in
Selbstlosigkeit, Tapferkeit, Treue, Disziplin, Wahrheits—
liebe, Gerechtigkeitssinn und dem Streben nach Ehre und
Lob der Mitmenschen, so ändert sich die Wirkung dieser
Tugenden oder Triebe forlwährend, durch Eigentum, Krieg,
Konkurrenz und Klassentkampf.

Wenden wir, um die Sache möglichst klarzustellen, das,
was wir von Darwin und Marx gelernt haben, jetzt auf
ein individuelles Beispiel aus unserer eigenen Zeikt, aus
unserer eigenen unmittelbaren Umgebung an

Denken wir uns einen Unternehmer, Besitzer einer
Fabrik, die er in heftiger Konkurrenz gegen seine Klassen—
genossen betreibt. Kann dieser Mann gegenüber diesen
Klassengenossen, den Eigentümern der konkurrierenden Fa—
briken, die höchsten, nach der Bourgeoisie ewigen Gebote
der Sittlichteit befolgen? Nein, er muß versuchen, den
Markt für sich zu erhalten oder zu erobern. Er kann das
mit besseren oder schlechteren Mitteln tun, aber er muß es
tun. Vielleicht hat er von Natur aus viel soizales Ge—
fühl — es tut nichts zur Sache, das Gefühl wird durch
seinen Selbsterhaltungstrieb und die Sorge für seine Nach—
kommen überwunden In der Konkurrenz ist es eine
Lebensfrage, den Markt für sich zu behalten, die Kundschaft
auszudehnen. Stillstand ist dort schon der Anfang des
Rückschritts

In dem Maße, wie die Konkurrenz schärfer wird, das
heißt in dem Maße, wie die Technik und der Weltmarkt
sich entwickeln, in demselben Maße wird dieser Fabrikant
weniger sozial empfinden, wird er heftiger auf Selbsterhal⸗
tung, das heißt möglichst großen Gewinn bedacht sein.
Deun je schärfer die Konkurrenz, um so größer die Gefah
des Unterganges

Kann dieser Fabrikant die höchsten Gebote der Silt—
lichkeit seinen Arbeitern gegenüber befolgen? Die Frage
ist lächerlich Mag er von Natur aus ein guter Mensch
sein, mag er sogar besonders stark mit den Leidenden emp
finden, seinen Arbeitern wird er doch einen so niedrigen
Lohn geben müssen, daß seine Fabrik einen großen Gewinn
abwirft. Kein oder ein kleiner Gewinn bedeutel Stillstand.
Der Betrieb muß vergrößert, dann und wann erneuert
werden, sonst steht er in einigen Jahren hinter anderen zu—
ruck und ist nach zehn Jahren konkurrenzunfählg. Die Aus—
        <pb n="85" />
        35

—

beutung muß also stattfinden, und sogar die mildesten, für
die Arbeiter günstigsten Maßnahmen müssen doch solcher
Art sein, daß sie schließlich das Produkt, den Gewinn nicht
schmaͤlern. Mit Absicht führen wir einen Kapitalisten an,
der noch etwas für sein Personal fühlt; die meisten sind
nicht so, bei den meisten wird durch die Profitmacherei das
soziale Gefühl schon früh getötet, und diejenigen, die die
gunstigsten Maßnahmen treffen, tun das noch oft aus
Schlauheit, aus wohlverstandenem Eigennutz, um die Ar—
beiler noch fester an die Fabrik zu kelten und sie zu noch
ainträglicheren Sklaven zu machen
Gesetzt nun, daß die Klasse der Arbeiter gegen
diesen Kapitalisten und seine Klasse zu kämpfen beginnt,
daß Gewerkschaften entstehen und Streiks ausbrechen, daß
mmer heftiger bald diese, bald jene Forderung aufgestellt
wird, dann verschwindet bei dem Kapitalisten und seiner
Klasse allmählich alles sozigle Gefühl für jenen Teil seiner
Mitmenschen, der seine Arbeiterschaft ausmacht; daun er—
wacht bei ihnen der Klassenhaß gegen die Abeiter,
und es eutwickelt sich wo es den Kampf mit den Arbeitern
gill (also außerhalb der Konkurrenz, die bestehen bleibt),
die Klassensolüdarität mit den anderen Kapitalisten.

Und auch das ändert sich, diese geistige Atmosphäre
wird auders geladen, je weiter sich diese Technik entwickelt
und je hestiger der Klassenkampf dadurch wird.
Gesetzt dieser Fabrikant wird Mitglied eines Syndi⸗
kats, eines Trusts oder Kartells. Auch dies muß er oft
aus Selbsterhalung tun. Dann gerät er in die Stellung
eines Despoten seinen Arbeitern gegenüber, die, weil sein
Trust ein Monopol besitzt, nur bei ihm Arbeit finden kön—
den und also ganz von ihm abhängig sind. Dieser Kapi—
talist verfährt dann mit seinen Arbeitern, wie es das Syn—
ditat fordert. Wenn Einschränkung der Produktion not—
wendig ist, dann wird der Slave arbeitslos; kommt eine
quustige Konjunktur, dann wird er wieder in die Fabrik
Zerufen; von Selbstaufopferung, Nächstenliebe, ist keine
Rede, der Weltmarkt entscheidet. In dem Augenblick, wo
wir dies schreiben, findet vielleicht die Entlassung von
Arbeitern in dem größten je vorgekommenen Mäßstab
statt. Nach Hunderttkausenden werfen die amerikanischen
Trusts sie aufs Pflaster Und in Europa geht es den Ar—
beilern mcht besser Das soziale Gefühl gegenüber den
Arbeitern lebt in der Mehrzaähl dieser Kapitalisten nicht
mehr.
        <pb n="86" />
        — —
Nehmen wir nun als zweites Beispiel einen Politiker,
dem die kapitalistischen Klassen ihre Interessen in einem
Parlament anvertraut haben. Kaun dieser Mann die
höchste, angeblich ewige Sittlichkeit gegenüber der arbei—
tenden Klasse befolgen? Nein, auch dann nicht, wenn er
will. Denn ein Gebot der höchsten Sitktlichkeit ist die Ge—
rechtigkeit, das heißt das Streben, jedem gleiches Recht zu
geben Aber die kapitalistische Klasse geht als solche zu—
grunde, wenn sie den Arbeitern gleiche Rechte gibt Gleiche
Rechte, das heißt erstens gleiche politische Rechte, zweitens
gemeinsamen Besitz an Grund und Boden und den Pro—
duktionsmitteln Solange es das nicht gibt, gibt es kein
höchstes Recht keine höchste Gerechtigkeit. Kaunn ein bürger—
licher Politiker dazu gelangen? Nein, denn das wäre
Selbstmord an seiner Klasse. Er muß es verweigern

Und je heißer der Klassenkampf durch die Entwicklung
der Technik wird, je zahlreicher, kraͤftiger und besser orga—
nisiert die Arbeiter vordringen, je deutlicher sich die Mög-
lichkeit ihrer Uebermacht zeigt, um so eutschiedener muß
der bürgerliche Politiker sich weigern, etwas von Bedeu—
tung für die Arbeiter zu tun. Die bürgerlichen Politiker
müissen ihr soziales Gefühl für die Acbeuler verstummen
lassen und nur auf die Stimme der Selbsterhaltung hören.
Gerade wie für den einzelnen Kapitalisten, ist es auch für
die ganze Klasse eine Frage des Lebens oder des Todes

Aber in dem Maße, wie das soziale Gefühl für die
Arbeiter verschwindet, entsteht in diesem bürgerlichen
Politiker — Vertreter einer der besitzenden Klassen, vie
wir voraussetzen — ein Gefühl der Solidarität mit den
anderen besitzenden Klassen, während der Kampf und die
politische Konkurrenz in auderen Punkten mit hnen be—
stehen bleibt

Und dieser Klassenhaß wie diese Klassenliebe werden
in diesem Politiker stärker, je schroffer durch die Technik
der Gegensatz zwischen den besizenden und den besttlofen
Klassen wird

So erklärt es sich, daß Politiker, die, bevor sie in der
Praxis der Politik standen — zum Beispiel in einer Oppo—
sitionspartei oder in einer jungen bürgerlichen Partei
voll sozialen Gefühls für die Arbeiter waren, dieses abet
verlieren, sobald sie den praktischen Kampf gegen die A—
beiter zu führen haben Die Praxis kötet dieses Gefühl
und läßt die Klassensolidarität mit den Bestzenden auf
leben. Hervorstechende Beispiele dafür sind Kuhper in
        <pb n="87" />
        83 —
e Millerand, Briand und Clemenceau in Frank⸗
eiche
Nehmen wir jetzt als drittes Beispiel einen Arbeiter
Kann dieser seinem Unternehmer, dessen Klasse und
dessen Staat gegenüber das hohe Gebot der Selbstauf—
opferung befolgen? Nein, dabei würde er sich zu Tode
schinden, seine Frau und seine Kinder würden vor Elend
verkümmern. Armut, Krankheit und Arbeitslosigkeit wür—
den ihn und seine Klasse zugrunde richten. Dagegen
bäumen sich auch bei ihm die mächtigen Instinkte der Selbst⸗
erhaltung und des eeee mit all den ihnen
verwandten urkräftigen Gefühlen der Kinder- und der
Elternliebe auf. Er darf für den Kapitalisten, für den
Staat nicht aufopfernd sein, denn sie stürzen ihn, wenn
er sie unbehindert schalten laͤßt, ins Verderben, sie verur⸗
teilen ihn zur Sklaverei und vorzeitigem Tod. Die Ge—
schichte lehrt, daß, wenn die Arbeiter nicht für ein besseres
Los kämpfen, die Kapitalistenklasse sie aquf einen Punkt
bringt, wo sie weder leben noch sterben können, und daß
selbst die geringste Verbesserung Jahre der Austrengung
kostet. Die Existenz des Arbeiters ist oft so lieblos, die Ar—
beitslosigkeit, die Frauen⸗- und Kinderarbeit, die Krank—⸗
heitsfälle, die Konkurrenz unter den Arbeitern sind oft so
unerträglich, so bar aller geistigen und körperlichen Ge—
nüsse, deren Befriedigung doch so leicht möglich wäre, daß
Selbstaufopferung für die kapitalisiische Klasse und ihren
Staat nichts weniger als den Sturz von dem schmalen
Rand, worauf der Arbeiter steht, den Sturz in den Tod
bedeutet. Also kommt der Arbeiter gegenüber der Kapi—
talistenklasse zum Gegenteil des hohen Sittengesetzes (das
die Christen mit den Worten ausdrücken: liebe deinen
Nächsten wie dich selbst); er kommt zum Kampf gegen die
herrschende Klasse.
Zwei ä sind für den bürgerlichen Politikes
oder den Kapitalisten, der durch die Entwicklung der Technik und
der Produktlonsweise in Gegensatz zur Arbeikerklasse zu stehen
kommt, möglich Entweder erg esteht, daß er ihr gegenüber die
Gebole der hoöchsten Sittlichleit nicht besolgen kann uünd nicht be—
lgne Denn brd er hynisch er eerftickt mit einem es
gehl nicht· die Stimme, die ihm dagt, was er elbst als
Hut“ erkennt. Oder er sagt, daß er die hoöchste Sittlichkeit aner—
kennt und befolgl. Dann wird er zum Heuchler, dessen Worte und
Talen einander in scharfem Gegensatz stehen, der hinter klingen—
den Worten seine unsozialen Taten verbirgt. Und besonders wider⸗
lich wird die n wenn fich, wie bei Kuhper, Religlon und
Frömmigkeit zu ihr gesellen. — Solche Erscheinungen sind aber
keine e Sünden, sondern, wie wir nachwiesen, eine not⸗
wendige Folge der Entwicllung der Produktivkräfte
        <pb n="88" />
        86

Und je größer durch die Entwicklung der Technik der
Widerstand der Kapitalisten und je stärker ihre Organi—
satien in Unternehmerverbänden, Trusts und politischen
Parteien wird, um so schwäöcher wird im Herzen des Ar—
beiters der soziale Trieb der Kapitalistenklasse gegenüber;
er verwandelt sich ebenso wie bei dieser in Klassenhaß.

Denken wir uns nun weiter, daß dieser Arbeiter die
Produktions⸗ und Klassenverhältnisse so tief begreifen lernt,
daß er zum Sozialisten wird, dann werden seine höchsten
sittlichen Triebe für die Klasse der Besißzlosen immer wär—
mer werden und wachsen in demselben Maße, wie sie für
die Kapitalisten und ihre Gesellschaft abnehmen. Ist er
von Natur aus schon ein Mensch mit hohen sittlichen Ge—
fühlen, dann werden diese durch die Einsicht verstärkt wer—
den, daß er und seine Kinder und alle seine Kameraden nur
dann zum Glück gelangen können, wenn alle, also auch er
selbst, untereinander auf die Stimme hören, die zur Treue,
Wahrheitsliebe, Tapferkeit, Selbstaufopferung, Gerechtig—
keit ruft.
Und je höher die Not der Klassen steigt, das heißt je
größer durch die Entwicklung der Technik bei den Arbeitern
das Bedürfunis nach einer sozialistischen Gesellschaft und bei
den Besitzenden der Widerstand gegen sie wird, desto stär—
ker wird die Solidarität werden, desto lauter wird die
Sittlichkeit im Proletariat sprechen, desto mehr wird es
auf diese Stimme lauschen. Die Wirkung der Sittlichkeit
wird sich hier also auch fortwährend ändern.
AUnd setzen wir zum Schluß den Fall, daß dieser Ar—
beiter seinen Geist so weit zu entwickeln weiß, daß er *
klar fühlt, welch ein Glück die kommunistische Gesellschaft
allen Menschen bringt, welch ein Elend durch sie verschwin—
den wird, dann wird er durch seinen Haß gegen die Be—
sißenden und durch seine Solidarität mit den Besitzlosen
einen Weg für seine höchste sittliche Empfindung entdecken
Er fühlt, daß erst dann, wenn die Arbeiter siegen und die
kommunistische Gesellschaft verwirklicht ist, das Silleu—
gesetz in uns allen Menschen gegenüber gelten
kann. In dem eigenen Bestreben und dem seiner Klasse,
Privateigentum, Konkurrenz und Klassenkampf aufzuheben,
fühlt er daher im tiefsten Grunde seines Herzens etwas,
und wäre es auch nur ein Abglanz der ersten Morgenröte,
des höchsten Sittengesetzes gegen alle Menschen. Denn,
wenn die sozialistische Gesellschaft ein Segen für alle ist,
dann wird auch das Bestreben, sie herbeizuführen, schon
        <pb n="89" />
        87
etwas von der allgemeinen Menschenliebe enthalten, die
fich auf alle Nationen erstreckt.“)

An diesen Beispielen, die im wirklichen Leben jedem
Arbeiter aus seiner nächsten Umgebung bekannt sind, sieht
man also ganz klar, wie sich auch die Wirkung, der Inhalt,
die Daseinswéise in unseren Köpfen und Herzen, sogar der
sogenannten höchsten und ewigen Sittlichkeit oder Moral
andert, je nachdem der Klassenkampf, die Klassenverhält—
nisse, das heißt die Produktionsverhältnisse, also in letzter
Instanz die Produktion und die Technik sich ändern. Un—
deränderlich ist also auch die höchste Sittlichkeit nicht, sie
lebt, das heißt sie ändert sich

Und wenn wir jetzt, wie wir es in diesem Büchlein zu
tun gewöhnt sind, bedenken, wie alle diese Sitten und, im
allgemeinen, die Sittlichkeit sich äandern, wenn die Revo—
lutson vom Kapitalismus zum Sozialismus wirklich aus—
bricht, wie sie jeßt in 1917 durch die russische Revolution
wirklich ausgebrochen ist, dann sehen wir, daß dann, unter
dem Drange der Revolution, Aenderungen stattfinden von
so unendlichem ne und Wert, daß alle Aenderungen
aus der Zeit der Tangsamen Evolution, im Vergleich hier—
mit, fast verschwinden. Dann wird das Interesse für die
publike Sache, die Sache der Allgemeinheit, das heißt also
sur die Polittk, bei den Arbeitern allgemein, der Begriff
bon Sozalismus und Kommunismus breitet sich aus bei
Tausenden und Hunderttausenden, und der Kampf dafür
wird Pflicht Dann bekommt auch die proletarische Massen⸗
bewegung ihren wirklichen Inhalt.

Die Vaterlandsliebe verschwindet ganz und macht
Platz für nur Klassenkampf und Internationalismus.

Dann erst kommt die Tugend der Klasse gegenüber
zur vollen Bluͤte: es muß gestreikt und demonstriert wer—
den, es muß mit den Waffen gekämpft werden, der Bür—
gerkrieg entsteht. Die Uneigennutzigkeit, die Liebe zu den
Raͤchften, die Fapferkeit, die Selbstaufopferung, die Treue,

) Ebenso wie bei den Kapitalisten und ihren zolitischen Ver—
tretern find auch bei den Mbeitern und ihren Vertretern zwei
Heistesrichungen möglich Entweder der Arbeiter achtet nur guf
den tagtaäglichen Daun beschraͤukt sich sein sittliches Ge—
suͤhl auf inen engen Kreis, zum Beispiel nur auf seine Berufs⸗
enossen Oder er aͤchtet vor allem quch auf das Endziel, den Sozla⸗
ismus Vann dehm sich sein sittliches Gefühl auf das ganze Prole—
lariet dus und kaun darüber hinaus die ganze Menschheit umfassen.
een oder Heuchelei sind die beiden notwendigen allgemeinen

Ichein ungen be det herrschenden Klasse, nüchterne Beschränktheit
derolener Euthusiasmus bei der beherrschten Klasse. —
Bebeben ies natürlich viele Uebergänge.
        <pb n="90" />
        33

die Ehrlichkeit, die Wahrheitsliebe, der Ehrgeiz treten
plötzlich, wie ein Mai von Blumen, ans Tageslicht. Alle
diese Tugenden, die zusammen die Tugend selbst sind, die
solange schlummerten und verborgen waren in diesen
Millionen Unterdrückten, zeigen sich auf einmal wie
Flammen.

Die eigene Bewegung, die Erkenntnis, das Denken
des Allgemeinen nehmen durch den Kampf neue
Formen an.

Das Gefühl wird enorm viel größer, es zieht die
ganze Welt in seinen Kreis, es steigt hinab in die liefsten
Tiesen des meuschlichen Herzens, hinauf in die höchsten
Höhen Wie e ine Welle und ein Meer bewegt sich Ge⸗
fühl und Geist des Proletariats

Aber auch die besitzenden Klassen ändern ihren Geist
dem Proletariat gegeuüber. Sie wollen ihren schmutzigen
Gewinn behalten, und mit größter Wut, mut Haß und
Neid stützen sie sich auf das Proletariat. Mu verfeinerter
List erst, dann mit gIrbbestr Gewalt bersuchen sie es zu
spalten und dann zu zerschmettern

Dann kommt ans Licht, deutlicher, biel deutlicher al⸗
früher in der Zeit der ruhigen Evolutlon, der Unterschied
zwischen den Sitten der Arbeiter und den Kapitalisten,

Die Arbeiter kämpfen für die Freiheit und das Glüdk
ihrer Klasse und der Menschheit. Die Kapitalisten für die
Sklaverei und das Elend der Massen.

In Uebereinstimmung mit ihrem Ziel sind ihre Mittel,
ist ihre Sitte und Moral Die Arbeiter muüssen in der Re—
oolution oft kämpfen mit den Waffen und blen im Kampfe
ihre Gegner. Doch nach dem Siege sparen sie sie Ge⸗
winnen die Kapitalisten, dann kommt der weiße Terror
und schlachten sie die Arbeiter zu zehn⸗ zu hundertlausenden

Der rote Terror entsteht nur dann, wenn die Konter—
revolution wieder das Haupt erhebt, doch die Arbeiter ver—
suchen immer, ihn so viel wie möglich zu mäßigen

Die Ursache dieses Unterschiedes in Sillen zwischen
den beiden kämpfenden Klassen ist ihr verschiedenes Ziel:
Das Glück und die Freiheit der Menschheit der einen, das
Elend und die Sklaverei der anderen. Und dies verschie⸗
dene Ziel kommt aus den Produktionsverhältnissen von
Arbeitern und von Kapitalisten, aus der Entwicklung der
Produktionskräfte hervor

Wie wahr dies alles ist was wir hier schreiben, er⸗
hellt aus der Geschichte der Pariser Rommune ud der Re—
volution in Rußland, Ungarn, Bahern und Deutschland,
        <pb n="91" />
        8898

Finnland und den Baltischen Staaten Ueberall sind die
Arbeiter im allgemeinen nur dann mit Härte aufgetreten,
wenn es notwendig war gegen die Konterrevolution, die
Kapitalisten immer noch überall mit Grausamkeit, schlim—
mer als wilde Tiere)

Die Aufopferung, der Mut, die Treue sind auch immer,
durch dieselben Ursachen, bei den Arbeitern in der Revo—
lution viel größer wie bei den Kapitalisten —

Und wenn wir jetzt in die Zukunft sehen, in die voll⸗
kommen ausgewachsene kommunistische Gesellschaft, und
wir fragen uns, wie dann die Sitte und die Sittlichkeit
sein werden, dann finden wir —indem wir bleiben bei
denselben Beispielen, die wir gegeben haben — daß dann
das Interesse für und die Milarbeit an der allgemeinen
Sache allgemein sein wird, doch daß dies Interesse und
diese Mitarbeit nicht mehr das Recht und die Politik be—
rühren wird, sondern nur die Produktion, die geistige und
die stoffliche — die Arbeit. Die gemeinsame Arbeit ist
dann die erste Lebensbedingung und also auch die erste
Bedingung des Glückes, d h. der Sitte

Die Arbeit, die gemeinsame Arbeit wird dann die
ganze Sitte, die ganze Tugend bedingen

Die Liebe zum Vaterland ist dann ganz fort und ist
ersetzt durch die Liebe zum Menschen, zur Welt, zur
Menschheit

Bie größten Tugenden, die Uneigennützigkeit, die
Liebe zu den Nächsten, die Aufsopferung die Treue und
Ehrlichkeit, die Difziplin, die Wahrheitsliebe sind noch da,
sind sogar wahrscheinlich viel größer geworden, haben aber
einen ganz anderen Inhalt.

Denn der Konkurrenzkampf, der Klassenkampf und der
Krieg von Volk gegen Volk, Gruppe gegen Gruppe, sind
verschwunden, und in diesen Kämpfen, in welchen sie sich
jetzt besonders zeigen, können diese Tugenden nicht mehr
vorkommen

Die Gemeinschaft hat die Sorge für das Individuum
zu einem großen Teile übernommen, oder, besser gesagt,
sedes Ind viduum sorgt für die Gemeinschaft und dadurch
*) In der Paxiser Kommune toteten die Arbeiter einige
Geiseln aus Rache Die Kapitalisten töten 80 000 Gefangene In
nt tötete der rote Terxror einige Hunderte, die eine
Koöonterrebotutton versuchten; die weißen Garden
töteten 830 000 Arbeiter, e reree die nichte mehr
kun konnten. F gleicher Weise in den Landern,
Ungarn und Deutschland. — Wir reden hier naturlich nicht von
vpersonlichen Exzessen.
        <pb n="92" />
        — —
—22
99

diese für ihn. Sch u ß und Ernährung Aller ist Aufgabe
der Gemeinschaft, die beste Arbeitsteilung auch, und
gleicherweise die beste An passung jedes Individuums
an die Außenwelt.

Die freie Entwicklung eines jeden ist zur Bedingung
geworden der freien Entwicklung Aller

Die Uneigennützigkeit, die Liebe zu den Nächsten, die
Aufopferung, die Treue und Ehrlichkeit, die Disziplin, die
Wahrheitsliebe können sich also nicht mehr außern in einem
Kampfe gegen andere, so wie dieser früher war.

Sie gußern sich im Wettkampfe, im Wetteifer, um für
andere, für alle anderen, für die ganze Gesellschaft, die
ganze Menschheit zu arbeiten, mit dem Körper und mit
dem Geiste. In der Arbeit für das Gemeinwesen, darin
zeigte sich jene Tugend

Sie haben also wohl wirklich einen total anderen In—
halt und dadutch auch eine total andere Form be—
kommen. Denn früher richteten sie sich gegen andere, die
Vernichtung anderer war ihr Ziel; jeßit ihr Ziel das
Leben und das Wachstum aller anderen

Diese Tugenden haben jetzt, wenigstens in ihrer All⸗
gemeinheit, nichts Besonderes mehr, nichts Außerordent—
liches. Sie sind selbstredend, weil ihr Gegenteil nicht da
ist und weil sie allein in verschiedenem Grad, in berschie—
dener Dose vorkommen. Im Grade der Tugend liegt jeßt
das außerordentliche. Weil alle für alle arbeiken und die
Verhältnisse der Menschen zur Natur, in welcher sie ar⸗
heiten, und zueinander vollkommen klar und durchsichtg
sind, sind jene Tugenden die natürlichen Eigenschaften
eines jeden Ihr übernatürlicher Schein verschwindet ganz
und gar. Die gute Sitte, die gute Ethik ist etwas Gewöhn
liches, wie die körperliche Bewegung

Aber wie, so wird vielleicht ein Leser fragen, wie
znnen sie denn leben und wachsen, wenn der Kampf ver⸗
schwunden ist? Wir sahen ja doch, daß sie aus dem Kampfe,
dem sexuellen Kampf, dem Klassenkampf, dem Konkurrenz⸗
kampf, dem nationalen Kampf aufgewachsen sind!

Dies scheint in der Tat ein kräftiges Argument zu
sein, und es würde den Schein haben können, als ob diefe
Tugenden, weil der Kampf nicht mehr da ist, abschwächen
oder wenigstens nicht mehr wachsen werden

Dies ist aber nur Schein. Venn es bleibt ein Kampf,
ein Hampf eines jeden gegen alle, ein Kampf auch ums
Dasein, der Kampf nämlich um besser als alle audeten zu
sorgen für das Gemeinwesen, die Menschheit, um besser
        <pb n="93" />
        — 91 —

als alle anderen das höchste Ziel, das dann allen Menschen
vor Augen steht, zu erreichen: die Wohlfahrt, das Wachs—
tum, das Blühen des Gemeinwesens.

Dieser Kampf entsteht dann, in der ausgewachsenen
kommunistischen Gesellschaff, — und daß er entstehen und
immer größer werde, dafür sorgt ein sozialer
Trieb deryhrgen—

Dieser war auch im primitiven Kommunismus des
Stammes, aber damals natürlich auf andere Weise, der
mächtigste soziale Trieb.

Dieser Kampf ist es, der dann die total geänderte
Uneigennuß gre ebe zu denmVaächsten,
Anfsopsferung, Treueund Wahrhesebe
für das Gemeinwesen immer größer machen wird.

Und dieser Kampf, der Trieb, nun in diesen Tugenden
der Erste zu sein, wird dann auch die eigene Bewe—
gung des rpers das Ertenninisrper—
mbgen, das allgemeine Denken immer mäch—
tiger machen, so wie er auch den Selbsterhaltungs—
triebunddenGeschlechtstrieb immer kräftiger
und edler machen wird.

Und hier wird eine Wechselwirkung bestehen. Die
großen Tugenden werden alle diese natürlichen Kräfte und
Triebe staͤrken, und umgekehrt wieder diese Triebe und
Kräfte jene Tugenden.

Der Kampf, aber ein ganz anderer, wird also auch
dann die Quelle der Bewegung und der Entwicklung sein.
Aber die Sitten und die Triebe und Kräfte werden auch
dann fortwaͤhrend Inhalt und Form wechseln.
Einwendung
Wir erwahnten schon, mit welcher Wut die Gegner
der Sozialdemökratie über den Ausspruch von Henuriette
Roland Holst herfielen, daß die Begriffe Gut und Böse
Baumchen wehseln“ Unsete Genossin meinte damit, daß
Ihnlich vie die Kinder bei dem Spiele Verwechselt das
Baͤumchen“ hren Plaß wechseln, so auch in der Geschichte
die Begriffe Gut und Boͤse nicht immer bei denselben
Taten siehen, und daß „gut“ sich heute bei diesem Baum
findet, wo früher böse“ stand

daß dieser Ausspruch zutrifft, haben wir jetzt an viel⸗
umfassenden Beispielen bewie sen Die neuen Frauen—
ugenden, die neuen Arbeitertugenden, die Vaterlands—
lebe, die internationale Gesinnung, sie ändern sich: was
qut war, wird schlecht, und umgekehrt
        <pb n="94" />
        92

—

Unsere Gegner brüllen uns zu: es besteht eine ewige
underänderliche Moral, ihre höchsten Gebote sind immm
dieselben.

Wir antworten ruhig: beweist es. Nicht mit Pathos
und Rhetorik, nicht mil eigenmaͤchtiger Selbstüberhebung
und mit tönenden Verdamm ungsurteslen über uns, sondern
historisch, mit Tatsachen, die jeder kennen oder umer
suchen kann

Sie können es nicht

Wir dagegen haben, indem wir uns auf Darwin und
autsky stüßen, dargetau, daß erstens in der menschlichen
Brust ein Drang, anderen zu helfen, lebt, ein sittliches Ge
bot rein irdischen, ja tierischen Ursprungs, daß aber zwei—
tens durch den Kampf um das Eigentum, durch die Kon—⸗
kurrenz und den Klassenkampf die Aeußerung dieses Silten—
gesetzes immer verschieden ist, und daß gegenüber Klassen⸗
genossen das Sittengesetz ganz anders dautet als gegen⸗
über Klassengegnern.

Jeder weiß, daß dem so ist; jeder kann es tagtäglich
bei sich selbst und bei anderen beobachten. Wir haben also
Tatsachen gegen hohleée Behauptungen ge—
stellt.

Aus unseren Beweisen geht auch klar hervor, daß
gegenüber dem Feind, sei es des Stammes, des Sande,
oder der Klasse, die hohen Gebote der Moral nicht gelten,
daß im Gegenteil die Moral, die uns gebietet, unseren
Genossen zu helfen, uns damit zugleich zwingt, den Feind,
der ihnen nachstellt, zu vernichlen Daß also die Gebote
der Selbstaufopferung, der Solidarität, der Ehrlichkeit und
der Treue gegenüber dem Feind der Klaffe nmicht gelten.

Auch das finden unsere Geguer schauderhaft, daß wir
das sa gen, und sie derho hnen uns deswegen. Aber
ruhig kznnen wir wiederum darauf hinweisen, daß gerade
sie selbst, Konservative, Liberale, Kletitale und Dens
kraten, fortwährend nichts anderes zun deun sie ver—
veigern tagein, tagaus, jahrein, jahraus den Feinden
ihrer Klasse, den Arbeltern, * Notwendigste; sie
opfern nichts vom Besitz ihrer Klasse, außer was ihnen
durch die Angst vor der Macht der Arbeue abgerungen
wird; sie zeigen nicht die geringste Solidarität mit den

Arbeitern, sondern schlagen sie in Fesseln, wenn sie sich
zu regen versuchen, und maßregeln sie, wie bei dem hollan⸗
dischen Eisenbahnerstreik; se sind nicht ehrlich und treu
gegen sie, sondern sie machen ihnen regelmäßig bei der
Wahlurne Versprechungen, die sie nicht halten Umd
        <pb n="95" />
        — 28 —
mittlerweile predigen sie die Liebe zum Nächsten, zu allen
Nächsten!

Aber wenn die Arbeiter aufstehen, um sich die Freiheit
zu erobern, dann ermorden sie sie zu Hunderten, Tausen⸗
den und Zehntausenden durch ihre Bürgerwehr und weiße
Garden

Wir dagegen, wir erkennen aus der Geschichte, daß,
wenn dadurch der eigenen Klasse oder dem eigenen Volke
geholfen wurde, die hohen Gebote der Moral gegenüber
dem Feind nie galten, und wir gestehen rund heraus, daß
auch wir nicht aufopfernd, nicht solidarisch, nicht treu und
ehrlich gegenüber der feindlichen Klasse sein werden, wenn
das wirkliche Heil unserer Klasse uns das vorschreibt.)

Und daß wir, wenn nötig, mit den Waffen sie be—
kämpfen werden —

An dieser Stelle folgten nun in der ersten Ausgabe
dieses Büchleins noch einige Beispiele, die bewiesen, wie
der Klassenkampf Lüge, Betrug, Viebstahl usw gegenüber
dem Gegner vom Kaͤmpfer fordert, und wie die von den
Klassengenossen als Tugend geachtet und gefeiert werden
Ich lasse diese nun fort. In einer Zeit, die die proleta—
rische Revolution und den Bürgerkrieg gebracht hat, sind
sie überflüssig geworden.

Statt dessen will ich hier ein persönliches Erlebnis
ein flechten, das die große Kraft und Wahrheit des histo
rischen Materialismus in der Frage der Ethik beweist.

Nachdem ich dieses Büchlein geschrieben hatte, wurde
es von dem Führer der Konservativen in der holländischen
Kammer angefallen, eben darum, weil ich geschrieben halte,
daß Betrug, Lüge usw den feindlichen Klassen gegenüber
oft nicht nur erlaubt, sondern Pflicht ist und zur Tugend
wird. Troelstra, der Führer der Reformisten, fiel ihm bei
und verriet mich, seinen damaligen Parteigenossen Gorter,
sagte er, verstehe nichts von dieser Sache, stehe in der Inter—
nationale ganz allein, stehe sogar Marx selbst femdlich
gegenüber, der in den Statuten der ersten Internationale
geschrieben habe: „Die internationale Arbeiterorganisa—
kion, sowie alle Gewerkschaften und Individuen, die sich

——
) Unsere Gegner folgern hieraus mitunter, daß wir den Ka—
pitalisten gegenüber im mer alles für erlaubt erachten Das ist
falsch Wie vir oben sagkten, nur da nn, wenn das williche Heil
unserer Klasse dadurch gefördert wird Betrug, Lügen, Zerstörung
von Maschinen und Eigentum, Gewalt sind oft schablich für unsere
Klasse. Bie Anwendung dieser Mittel stände dann gerade im
Gegensatz zu der Moral, die uns gebietet, im Interesse unserer
Dlaͤsse zuͤ handeln
        <pb n="96" />
        — 72
94

ihr anschließen, erkennen Wahrheit, Gerechtigkeit und Sitt⸗
lichkeit als die Regel ihres Verhaltens zueinander und zu
allen Menschen an, ohne Rücksicht auf Farbe, Glauben oder
Nationalitäts“ Ich erwiderte darauf, daß Marx, trotzdem
die Statuten von ihm geschrieben sind, diesen Satz nicht
geschrieben haben könnte und ihn gewiß auch nicht ge—
schrieben habe Ich führte wohl noch einige Argumente an
(daß dieser Saß in dem „Verboten“ von Becker Genf,
—1866) in der deutschen Uebersetzung fehlt, — daß Proudho⸗—
nisten und Mazzinianer an den Statuten mitgearbeitet
hatten uswe), doch mein Hauptargument war: Marx hat
den Saztz nicht geschrieben.

Natürlich großes Geschrei von der Seite der Refor—
misten: Brutalität, Hochmut usw.

Der Kampf über diesen Punkt der Moral hörte all—
mählich auf, aber nach vielen Jahren wurden die Briefe
Marxens ausgegeben. Und da stand, in seiner eigenen
Schrift, daß er diesen Saßtz nicht geschrieben hat.

Man wird sich meine Freude vorstellen können!

Es wird wohl etwas sehr Seltenes sein, daß eine
solche Behauptung über einen Autor von ihm selbst so viele
Jahre nach seinem Tode bestätigt wird.“)

Ein schöner Beweis ist dieses Erlebnis für die Macht
und Kraft unserer Waffe, den historischen Materialismus
Denn es war nur durch ihn, daß ich so sicher war —

Auch hier, in dieser Frage der Moral, entscheide der
Arbeiter selbst, auf welche Seite er sich stellen will, auf die
Seite der Kapitalisten oder der Sozialisten

Eine Sache bedarf jedoch noch der Aufklärung, und
dann ist dieser schwierige Punkt erledigt.

Schwebt denn nicht, so fragt vielleicht ein aufmerk—
samer Leser, allen Menschen ein gleiches hochsittliches Ideal
vor den Augen, und mag auch die Sittlichkeit nicht ewig
und sich in hrex Wirkung nicht immer gleich sein, ist dann
nicht vielleicht das Ide al der Gleichheit, der allgemeinen
Nächstenliebe, des Glückes und der Gerechtigkeit bei allen
dasselbe?

Hierauf antwortet der Marxismus: Dem Anschein
nach ist das richtig; man findet immer die nämlichen Worte
in der Menschengeschichte wieder: Freiheit, Gleichheit,

) Die Auffindung dieser Stelle in Marxrens Briefwechsel ist
die Ursache, warum ich die Vorrede Kautskys zur ersten Ausgabe
des „Historischen Materialismus“ weggelassen habe Es hatte keinen
Zweck mehr, seine Verteidigung meiner Sache in dieser Frage der
Moôral aufzunehmen, nachdem Narx lselbst gesprochen hat
        <pb n="97" />
        95 —

Recht, Brüderlichkeit. Es scheint also, als ob das Ideal
immer dasselbe sei.

Bei genauerem Zusehen stellt sich als Ursache dieser
Erscheinung heraus, daß, seitdem es eine Klassengesellschaft
gibt, a lle herrschenden Klassen die Unfreiheit, die Un—
gleichheit und das Unrecht in Schutz genommen haben, und
a lLIe Beherrschten und Unterdrückten, sobald sie zum Be—
wußtsein kamen und ihre Kraft sich zu regen begann, Recht,
Freiheit und Gleichheit forderten. Weil es immer Unter
drückung gab, gab es auch immer Sinn für Freiheit und
Gleichheit. Wenn wir aber hinter die Losungen, hinter
die Worte blicken, dann finden wir, daß die Gleichheit und
Freiheit, die die einen forderten, eine ganz andere war
als die, die die anderen verlangten, und daß der Unter—
schied von den Klassen- oder Produktionsverhältnissen, in
denen die verschiedenen Unterdrückten sich befanden, her—
rührte. Wir haben das schon früher an den Beispielen des
Christentums, der französischen Revolution und der So—
zialdemokratie nachgewiesen und brauchen das also nicht
nochmals zu beweisen.

Auch das sittliche Ideal ist für verschiedene Zeiten und
Klassen verschieden. Es lebt und entwickelt sich wie alle
Ideen. Die ganze Sittlichkeit ist also, ebenso wie die
Politik, das Recht und andere Geistesblüten, eine
nmatürliche Erscheinung, die wir recht gut verstehen
und in ihrer Entwicklung verfolgen können.
Bemerkung

Die Sittlichkeit ist nicht ein von den anderen ganz
getrennter Bezirk des Geistes. Der Mensch ist nicht in
enem Teil ein politisches Wesen, in einem anderen Teil
ein juristisches Wesen, dann wieder gesondert ein sittliches,
und in einei Teil ein religiöses Wesen. Der Mensch ist ein
Ganzes, das wir nur, um es beser zu Derefen,
in verschiedene Teile zerschneiden, damit wir jeden für sich
besser betrachten können. In Wirklichkeit sind politische,
sittliche, —J— religiöse Auffassungen eng miteinander
berflochten und bilden zusammen einen Geistesinhalt.
Es nimmt uns also kein Wunder, daß sie alle gegenseitig
aufeinander einwirken, Die einmal gebildete politi—
sche Ueberzeugung bekommt eigene Kraft und wirkt auf die
uristischen Auffassungen und sittlichen Gefühle ein; die
einmal gebildeten sittlichen Gefühle wirken auf die politi—
schen und anderen Ueberzeugungen zurück

Wir wollen das wieder an einem Beispiel dartun
        <pb n="98" />
        — —
— ——77—
96

Bekanntlich führt das aus dem kapitalistischen System
hervorgehende Elend viele zum Mißbrauch des Alkohols
Der Kapitalismus bringt jedoch auch die Elenden zur
Organisation und zum Kampf und bildet dadurch
in ihnen die Sittlichkeit heran: Gefühle der Solidarität,
größere moralische Widerstandskraft, Tapferkeit, Stolz
usww Diese Sittlichkeit, diese sozialen Triebe führen zur
Enthaltung oder Mäßigung, und letztere bewirken, daß die
politischen Ueberzeugungen auch klarer und die politische
Kraft der früher so Elenden viel größer werden, Die Sitt—
lichkeit hat dann auf das Wissen, das Denken, auf die
Ideen üͤber Recht, Eigentum und Klassenkampf zurück—
gewirkt.

Es bleibt aber nichtsdestoweniger richtig, daß die Aen—
derung in der Sittlichkeit aus der Entwicklung der Produk—
tivkräfte herstammt — ohne diese wäre ja der Unglückliche
nie zur Organisation und zum Bewußtsein seiner Kraft ge—
kommen — aber es besteht eine Ruckwirkung, eine Wechsel—
wirkung zwischen allen diesen geistigen Gebieten, die, alle
in der gesellschaftlichen Arbeit wurzelnd, einander beein—
flussen.

Unsere Gegner wollen uns oft damit widerlegen, daß
sie auf die Wirkung der geistigen Ursachen, der Religion,
der Sittlichkeit, der Wissenschaft hinweisen. Der Kom—
munist wird sich dadurch nicht irreführen lassen Er wird
gern die Wirkung der geistigen Kräfte anerkennen —
wozu brächte er sonst selber die Geister so sehr in Aufruhr,
wenn er glaubte, daß sie nichts vermgen? — aber er wird
auch untersuchen, wodurch diese geistige Kraft, bevor sie
diese Wirkung ausübte, in Bewegung geriet. Und dann
wird er die Entwicklung der Produktion und der Produk—
tfionsverhältnisse als Ursache letzter Instanz dafür heraus—
finden

Wir haben schon früher bei der Besprechung der Po—
litik darauf hingewiesen, daß man sich den historischen Ma—
terialismus nicht mechanisiert, den Einfluß der Produk—
lionskräfte und Verhältnisse nicht bei einem jeden als ge—
nau dieselben vorstellen soll. So ist es auf jedem Gebiete
des Denkens und besonders bei der Ethik

Jede Klasse hat ihre eigene Sittlichkeit, sagt Engels,
aber auch jeder Mensch

Und nicht weniger schön sagt Labriola: „Wie sollte je
die allgemeine Moxral, die die Klassen und Individuen
aus hren Bedürfnissen heraus machen, eine ursprüngliche
Quelle ihrer Taten sein önnen?“
        <pb n="99" />
        — 7—

—

—
—— — ————
— —
—

Nein, es gibt in der Tat eine ursprüngliche Quelle der
Moxral. Sie ist die notwendige Zusammenarbeit der Meu—
sechn Aber wie diese wirkt, das wird durch die Arbeil und
die Arbeitsverhältnisse bestimmt. Und da diese sich fort—
während ändern, ändert die Moral sich auch fortwährend.
E. Religion und Philosophie
Jede Religion — es gab und es gibt davon Tausende
von Arten — jede reliigöse Sekte betrachtet sich selbst als
die wahre. Und doch ist nichts so sehr vdon der Entwicklung
der Technik abhängig, nichts andert sich so sehr mit ihr
wie die Religion. Wir werden das in einer kurzen Uebet
sicht nachweisen.

Die Religion entsteht im Menschen durch zwei Haupt⸗
ursachen. Erstens durch Unwissenheit, und, als Folge da—
oon, durch das Sich-Unterworsen-Fühlen, Diese Unwissen—
heit und das Gefühl von Unterworfenheit können sein Un—
wissenheit und Unterworfenheit der Natur gegenüber und
gegenüber der Gesellschaft. Die einen schließen die an—
dern ein.

Die zweite Ursache ist das im Menschen lebende Ge—
fühl, das für ihn ein absolutes Glück möglich wäre, wenn
er die Natur und die Gesellschaft kennte und beherrschte
Solange er dies selbst nicht kann, solange er dieses Heil
nicht erreichen kann, stellt er sich Wesen oder ein Wesen
vor, die dies können: Götter

Im allgemeinen kann man hier sagen: Nicht Gott hat
den Menschen nach seinem Bilde geschafsen, aber der
Mensch schafft sich selbst einen Gott, aus seinem eigenen
Zustande heraus und oft nach seinem eigenen Bilde Es
ist also nicht mehr als natürlich, daß er, je nachdem sein
Zustand anders ist, andere Götter erdenkt, und daß er, in
dem Maße wie sein eigenes gesellschaftliches Sein anders,
er selbst ein anderes gesellschaftliches Bild ist, sich auch au—
dere Götter nach seinem eignen Bild schafft.

Da das Verhältnis des Menschen zur Natur immer
von der Gesellschaft, in welcher er lebt, bestimmt wird, und
sein Verhältnis zur Gesellschaft natürlich auch, so wird in
edem Falle die Religion durch das gesellschaftliche Sein
bestimmt.
) Wir behandeln Philosophie und e zusammen, weil
bis jetzt die Philosophie fast immer mit Religion dermischt war
Außerdem würde die absonderliche Behandlung der Philosophie zu
langwierig und für die meilten Arbeiter zu swierig sein
        <pb n="100" />
        B—

—— — — — — — — —— — —
—

Da die Religion einerseits durch die Unwissenheit
imd die Machtlosigkeit der Menschen der Natur und der
Gesellschaft gegenüber, und anderseits aus dem Glauben
an ein mögliches Erkennen der Natur und eine mögliche
Macht über die Natur entsteht, kann man ruhig sagen, daß
sie aus dem großen allgemeinen Drang des Menschen zur
Selbsterhaltung hervorkommt, das heißt aus der Begierde
zu leben und mächtig und glücklich zu sein, und aus der
Furcht vor dem Tod und dem Unglück. Sie kommt also
aus nichts Ueberirdischem, Himmlischem, sondern aus dem
allergewöhnlichsten, festesten und ersten Prinzip alles Le—
hens hervor.
Dieser Drang zur Selbsterhaltung würde aber nicht
die Religion, das heißt der Glauben an lebende, höhere
und mächtigere Wesen hervorbringen, wenn nicht im Geiste
des Menschen drei Eigenschaften vorhanden wären, die
diesen Glauben möglich, ja notwendig machen.
Diese Ursachen sind erstens die Neigung des Menschen
den Dingen der Natur Persönlichkeit zuzuschreiben. Zwei—
tens der Glaube an den Dualismus des Menschen selbst
Drittens der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele

Daß alle Dinge leben ist der gewöhnliche Gedanke
der primitiven Völker und der Kinder. Sie fühlen alle
Dinge wie sich selbst und schreiben ihnen also Leben zu
Der Glaube, daß die Menschen selbst eine doppelte
Existenz haben, daß sie gespalten sind in Körper und Geist
Dualismus), kommt aus der Wahrhnehmung der Träume
und des Todes hervor. Die Träume, in denen der Geist
den Körper zu verlassen scheint, sagten dem primitiven
Menschen, daß sein Körper und sein Geist (oder seine
Seele) zwei Dinge sind, los von einander. Der Tod, den
er bei den andern sah, lehrte ihn, daß der Geist mit dem
Atkem den Körper verläßt.
Aber die Erscheinung der Toten in den Träumen der
Lebenden mußte, in Verbindung mit dem Glauben, daß
die Seele den Körper verlasse, den Glauben an die Unsterb—
sichkeit der Seele erwecken
Diese drei Meinungen haben dazu beigetragen, dem
Menschen die Religion zu geben. Der Drang zur Selbst—
erhaltung, der Wille zum Leben, die Furcht vor Tod und
Unglück brachten ihn dazu, infolge dieser drei Eigenschaf—
ten seines Geistes, Wesen zu verehren, denen er Leben.
Geist, oder sogar Unsterblichkeit zuschrieb, und von welchen
        <pb n="101" />
        —— ⏑ ——
er meinte, daß sie größere Macht hätten als er, —Macht
über ihn zum Bösen oder zum Guten.

Und wieder muß hier ausdrücklich betont werden: die
Frage, welche Dinge Macht über die Menschen haben, oder
welche Dinge sie meinen, daß sie Macht über sie haben, und
welche sie also als höheres Wesen ansehen, hängt ganz und
gar von den Produktionskräften ab, die sie in der Natur
anzuwenden im Stande sind, und von den Produktions—
verhältnissen, in welchen sie leben.

Aber bei der Untersuchung der Religion muß man in
ihr zwei Arten unterscheiden.

Die primitiven Menschen verehrten oft Dinge, von
denen sie sich einbildeten, daß sie Macht über sie hätten.
Gegenstände, von denen sie glaubten, daß sie auf ihr Los Ein—
fluß haͤtten, hielten sie für heilig, göttlich. Schon durch seine
Anwesenheit bei einem glücklichen oder unglücklichen Ereig—
nis, konnte ein Gegenstand diese Macht bekommen. Ganz
wie ein Kind ein Ding für lebend und mächtig hält, es
liebt oder haßt, es straft oder liebkost, so war es bei den
primitiven Menschen Ein Stein, ein Stuück Holz, ein
Baum, ein Tier, ein Berg bekamen in dieser Weise in
hrem Geiste göttliche Macht.

—EEV —o

Jene Art Religion ist nicht die Religion im engeren
Sinne. Sie muß von dieser unterschieden werden. Denn
jene Götter haben noch keine menschliche Gestalt, sie sind
auch nicht bleibend, nicht „ewig“ Sie sind wechselnd und
existieren nur zufällig.
Aber doch ist diese Verehruug schon Religion. Im
Gegenstande der Verehrung ist der Glaube an einen Stein
oder einen Berg von dem Glauben an einen menschlichen
Volt verschieden, aber im Wesen sind sie gleich. Der
Glaͤube des Wilden an einen Stein ist im Wesen von der—
sAben Att als der Glaube der Israeliten an einen himm—
lischen König, des Sokrates und des Plato an einen Gott,
der die Feeu schuf, der Christen an einen Vater, der katho⸗
lischen Kirche an eine außer der Welt sie beherrschende Drei—
einigkeit, des Spinoza an, einen Gott, der das Weltall
selbseest, des Kant an den Gott, den Schöpfer des sittlichen
Gebots, des Hegel an den göttlichen Geist, der sich in der
Wen derwirkuücht, usw. Der Boden aller dieser Glauben,
so wohl des Negers als des Christen, des Plato und des
Kant, Ist die Unkenntnis und die Machtlosigkeit der Natur
und der Gesellschaft gegenüber. Ihre Triebkraft ist der
Zelbsterhaltungstrieb, dem Leben und dem Tode gegen—
        <pb n="102" />
        — —
über,“) und die Ursache aller sind die drei großen Irr—
tümer der Menschen: der Glaube an die Persönlichkeit der
Dinge, an den Dualismus des Menschen, und an die Un—
sterblichkeit.

Daß der Wilde einen Stein, und daß Kant die Quelle
des kategorischen Imperativs für göttlich hält, kommt nur
aus den verschiedenen Produktionsberhältnissen, in welchen
beide leben, hervor

Und zweifellos wurde der Gottesdienst, auch schon bei
den Wilden wie bei den Späteren, von den Mächligen als
Mittel zur Unterwerfung und Unterdrückung der Schwä—
cheren gebraucht. Häuptlinge, Medizinmeister und Zaube—
rer haben damals gewiß schon so gehandelt wie später
Kirche und Staat.

Die Religion ist von Anfang an gewiß nicht nur der
Ausdruck der Unwissenheit und doer Machtlosigkeit, sondern
auch das Mittel zur Macht über andere Menschen gewesen.

Aber doch ist es gut jene Art der Religion, in welcher
Gegenstände, Pflanzen oder Tiere verehrt wurden, zwecks
der Klarheit der Untersuchung von derjenigen, in welchen
die Götter menschliche Geftalt hatten, zu unterscheiden.

Die ersten, oder besser die sehr rühen Gotteren enge⸗
ren Sinne, Götter in menschlicher Gestalt, scheinen nach den
neuesten Untersuchungen (u. gq. von Cunobo) die Geister der
Bestorbenen, der Ahuen, der Haupter bder Gründer de
Stämme gewesen zu sein: auch Gegenstände, Pflanzen
oder Tiere, die das Zeichen des Slamumes waren, und in
deren Gestalt der ursprüngliche Ahnherr erschienen war

Solange die Technik noch nicht oder mu wenig der
Naturkräfte Meister war, die Natur dagegen den Meuschen
fast völlig beherrschte, als er noch hauptsächlich dasjenige
als Werkzeug benutzen mußte, was er in der Nat bo
fand, und nür wenge Werkzeuge selbst anfertigen konnte,
solange er also gang oder zum allergrößten Teile von der
Natur abhängig war, war der Stamm, der Verbanb un
den Stammgenossen Hauptsache, das höchfte und wichtigste
für den Menschen. Er also schuf sich seinen Gott

In dem Maße aber, wie die Verarbeitung der Stoffe
mmer mehr zunimmt, die Werkzeuge sich mehren, die Ar—
beit in der Natur wächst und sich verbreitet, verschwindet
die Verehrung der Ahnen als solche allmaͤhlich manb
Etwas von dieser Religion haben auch die Tiexe. Sie fürch—
len zum Beispiel Schatten und ungewöhnliche Erscheinungen, sie
meiden Stellen, wo ihnen ein Ungluͤck pasfftert ist, und teilen also
Gegenständen eine Mächt zu, die diefe nicht haben. Sie sind, wie
die religibsen Menschen, aberglaäubisch
        <pb n="103" />
        — 101 —

gißt, daß sie Ahnen waren, sie gehen in Naturkräfte über,
und die Naturkräfte nehmen der Ahnen Gestalt an, die
Sonne, den Himmel, das Feuer, die Berge, die Flüsse,
die Bäume, je nachdem sie für den Stamm das wichtigste
sind
Sobald aber die Technik sich weiter entwickelt hatte,
die Landwirtschaft entstanden wär, Krieger und Priester
die Macht und den Ine an sich gezogen hatten, Herrscher
und Beherrschte, also Klassen entstanden waren, man also
nicht mehr so völlig der Natur unterworfen waär, sondern
der Mensch und rordtlem der donhge—
stelIte Mensch, Macht ausübte dieser Mensch ber—
ehrt und gleichsam he ilig wurde, wie früher der Ahn—
herr und die Naturkraft — verschwanden die echten Natur—
götter und wurden zu Wesen umgestaltet, die man sich jetzt
ganz und gar und nur als mächtige Menschen dachte.
Die Göttergestalten, die man bei dem alten griechischen
Dichter Homer findet, sind mächtige Fürsten und Fürstin—
nen, einer der vergöttlichte Mut, die andere die vergött—
lichte Weisheit, Schönheit, Liebe. Es sind Naturgötter, die
zu herrlichen Menschen geworden sind. Die Technik hatte
den Menschen Macht gegeben, die Götter wurden zu mäch—
tigen Menschen
Und auch jetzt wurde diese Religion
als Mittel gegen die Machtlosen gebraucht.

der Mächtigen
Als aber die Griechen infolge ihrer immer besseren
Technik ihr Land mit Verkehrsstraßen, das Meer mit
Schiffen und namentlich die Küste mit Städten bedeckt
hatten, als Handel und Industrie blühten, als mit einem
Wort die Warengesellschaft entstanden war, worin alles,
Land, Produkte, Werkzeuge, Schiffe und Wagen zu Kauf—
waren geworden waren, da war für diese Gesellschaͤft weder
die Sonne, noch das Feuer, noch das Meer oder der Berg
oder der Baum mehr das Wunderbare, Allerwichtigste,
Uebermächtige, geheimnisvoll Göttliche; dafür hatté man
die Natur schon zu sehr in seiner Gewalt. Auch war es
damals nicht mehr die menschliche Kraft oder die mensch—
liche Gewaudtheit, der Mut oder die Schönheit, wie zur
Zeit des Homer; diese körperlichen Eigenschaften hatten in
der auf Konkurrenz beruhenden Gesellschaft nicht mehr die
frühere Bedeutung. Aber etwas andereés kam, das in dieser
Gesellschaft als das Allerwichtigste, Allesbeherrschende,
Allerwunderbarste erschien und es für sie auch war. Das
war der Geist, der menschliche Geist
        <pb n="104" />
        — 177 —
In der Warengesellschaft ist der Geist der wichtigste
Faktor. Er berechnet, er macht Erfindungen, er wägt und
wiegt, er verkauft, er macht Gewinn, er uͤnterwirft, er be—
herrscht Menschen und Dinge. Der Geist steht in der
Warengesellschaft im Mittelpunlt des Lebens, wie die Sago
palme bei den Papuas und die Schönheit und Körperkraft
bei Homer Er ist das Maͤchtige.

Die ersten großen Pholisophen der griechischen Waren—
gesellschaft, Sokrates und Plato, sagen es offen, daß die
Natur sie nicht interessiert, sondern nur die Erscheinungen
des Denkens und der Seele.

Dieser Uebergang ist eine deutliche Folge der Ent—
wicklung der Technik, die die Warengesellschaft schuf.

Im menschlichen Geist waren viele sonderbare Er—
scheinungen, die man nicht verstand. Was waren die all—
gemeinen Begriffe, die man im Geiste antraf, woher kamen
sie? Was für eine wunderbare Macht war das Denken,
das so leicht und wunderbar mit diesen allgemeinen Be—
griffen operierte? Woher kam es?

Von der Erde konnte es nicht kommen, denn auf
Erden findet man nur besondere, keine allgemeinen Dinge!
Und was waren die sittlichen Gefühle, diese Begriffe des
Guten und des Bösen, die man in dem Geist antrifft, die
aber in der Warengesellschaft so schwer anzuwenden sind?
Denn dort ist, was für einen gut ist, schlecht für den an—
deren: des einen Tod ist des anderen Brot, und der Vor—
teil einer Privatperson bedeutet dort oft einen Nachteil
für die Gesamtheit.

Das waren alles Rätsel, die damals für die großen
Denker Plato, Sokrates, Aristoteles, Zeno und so viele
andere unlösbar waren, die aus der Natur und der Er—
fahrung nicht erklärt werden konnten und sie dazu führen
mußte, zu behaupten, der Geist sei göttlichen Ursprunges.

Die soziglen Triebe und Gefühle sind von so enormer
Bedeutung für den Menschen, daß, wenn sie durch die
Waxengesellschaft zerrissen werden, die Untersuchung, woher
sie stammen und wie sie wiederherzustellen sind, für die
Menschen notwendig wird. Sie sind auch so kraäftig und
herrlich und erhaben, nach ihnen zu handeln gibt einen
solchen Genuß und eine solche Erhohung der Kraft, daß,
wenn das Handeln nach ihnen unmöglich wird, ihre Hert
lichkeit einen idealen Glanz bekommt und es erscheint, als
müßten sie aus einer anderen höheren Welt herkommen

Zu ihrer Erklärung ist dann nicht meht wie für die
zahlreichen Naturerscheinungen ein Himmel mit vielen
        <pb n="105" />
        —— 10 —

Göttern notwendig, ein Gott genügt. Und da „Gut und
Böse“ geistige Begkiffe sind, wird dieser Gott dann leicht
als Gesst vorgestellt.

In der Warengesellschaft herrscht die geistige Arbeit
siber die Handarbeit. Die Regelung, die Verwaltung des
Betriebs und des Staates ist Sache des Kopfarbeiters; der
Handwerker ist, wenn nicht der Sklave, so doch der Unter—
Feordnete. Auch das führte dazu, im Geist das Göttliche
zu sehen, Gott als einen Geist zu betrachten.

Es kam hinzu, daß in der warenproduzierenden Ge—
sellschaft jeder Mensch ein Individuum für sich wird, das
n Konkurrenzkampf mit anderen steht. Jeder Mensch wird
dort zum allerwichtigsten Objekt für sich selbst und — weil
er in seinem Geist alles empfindet, überlegt, entscheidet —
wird sein Geist zum allerwichtigsten Teil dieses Objektes.
Das mußte die Menschen dieser Gesellschaft auch sehr ge⸗
eignet machen, den Geist als göttlich und Gott als einen
ndividualistischen, für sich selbst bestehenden Geist zu be—
trachten.

Auch die Unsicherheit des Loses des Menschen in der
Warengesellschaft trug dazu bei. Selbst beherrschte man
sein Leben nicht, doch berlangte und wollte man es. Darum
erdachte man sich einen Gott, der es täte.

Die Technik hatte den Menschen schon so weit gebracht,
daß er nicht mehr einen Stier vergöttlichte, oder eine Kattze,
einen Ibis, einen Baum oder die menschliche Körperkraft,
aber noch nicht so weit, daß er das Wesen des Denkens und
die Begriffe gut“ und „chlecht“ erstehen konnte. Des⸗
halb wurde damals dieses Geistig⸗Sittliche, das in jener
Gesellschaft übermächtig, aber unbegreiflich war, für gött—
lüch erklärt. Und so ist es in der Warengesellschaft bis zum
heutigen Tage geblieben. Gott ist ein Geist“, sagt man
aͤuch jetzt noch, und die sittlichen Begriffe haben auch jetzt
noch sür die meisten einen übernatürlichen Ursprung.
Und, wie immer, war dieses Götterbild der herrschen—
den, der denkenden Klasse eine Waffe in den Händen der
Herrscher gegen die arbeitenden Klassen.
Solange die damals bekanute Welt noch nicht ein
zkonomischeßs und politisches Ganzes, das heißt eine
große Warengesellschaft war, blieb in ihr natürlich noch
Raum sur mehrere Götter, auch noch für Naturgötter. Als
aber erst der Welthandel der Griechen, dann Mexander von
Mazedomen und schließlich die Roömer um das Mittellän⸗
dische Meer ein warenproduzierendes Weltreich schufen,
        <pb n="106" />
        — 10 —

genügte eim geistiger Gott, e in göttlicher Geist, um die
ganze bekannte Welt und alle in ihr beftehenden Schwie⸗
rigkeiten in ihr zu erklären und alle NAurgotter dann,
berschwinden zu lassen

Die überall durchdringende römische Tochn
der rbömische Haudel und Bertehr ddge—
römische Warengesellschaft drängten überall die Natun
zötter zurück. Und so findet man dem auch das Ein—
göttertum, den Monotheismus, in den zwei philosophischen
Weltanschauungen, die damals iun dem großen Weltreich
den Sieg davongetragen haben, — in der Lehre Plato
und dem Stoizismus.
„Und als eine bestimmte Art Monotheismus, die zu
dem allgemeinen riesigen bkonomischen Verfall, zu den
gesellschaftlichen Verhältnissen im römischen Reiche der
Kaiserzeit besonders baßte, der christliche Monotheismus,
in dieses Gebiet eindrang, fand et uberall den Boden be
reitet und brauchte er den griechischen Monotheismus mur
als Element in sich aufzunehmen.“

Die ganze Gesellschaft um das Mittelländische Meer
war zu einer warenproduzierenden Gesellschaft gewor⸗
den, die überall dieselben Rätfel und Widersprüche, uͤberall
gleichartige warenproduzierende Judibiduen aufwies.
Ueberall war der Geist das Maͤchtige, Wunderbare, Myste—
riöse Ueberall war der Geist: Gott,

Und in dem Maße, in dem die fremden Naturvölker,
wie die Gallier und die Germanen, iu die Warengesell⸗
schaft aufgenommen wurden, verloren auch sie allmaͤhlich
hre urspruüngliche Religion und wurden Mch sie für das
Christentum reif, das en em Geift afle Macht zuschreibt.)

Die christliche Religion ist aber nicht das geblieben,
was sie in den ersten Jahrhunderten war Aus der Rett
gion einer einzigen, der unterdrückten Klasse war sie zur
Religion aller Klasen geworden, während die Produktlion
wieder zur Naturalwirtschaft zurückging, also die große
Produktionsgemeinschaft, unter der ein Gott, e in Geist
zur Erklärung des Weltalls genügte, n uner Masse
kleiner, getrennter Produkttonseinheiten auf⸗
gelöst wuürde
— — —— —
)Auch jetzt noch werden Naturvölker, bei denen die Waren⸗
produktion eindringt, zum Monotheismus betehrt Ueber deu uür
sprung des Monotheismus und des Chriftenlums bei den Juden
lese man: „Der Ursprung des Christentums bon Ka ut
        <pb n="107" />
        — 105 —
In dem Maße, wie sich die mittelalterliche Gesellschaft ent⸗
wickelte, änderte sich wieder der Inhalt der Religion. Die
mittelalterliche Gesellschaft war die Gesellschaft des Grund—
besitzes, in der die Menschen stufenweise voneinander ab—
hängig waren und in der die Abhängigen das überschüssige
Produkt ihrer Handarbeit nicht berkauften, sondern ihrem
Herrn abgaben. Die Leibeigenen und Hörigen lieferten
ihren adligen und geistlichen Herren Naturprodukte. Die
mittelalterliche Gesellschaft war also in der Hauptsache nicht
mehr eine Warengesellschaft, sondern wieder eine, sei es
denn auch ganz andere, nämlich durch Leibeigenschaft ge—
formte Naturalwirtschaft. Und ihr Charakter war stufen—
weise Abhängigkeit.

—
Nach dieser Form änderte sich jetzt auch der
Gottesdiest. An der Spitze der weltlichen Ge—
sellschaft stand der Kaiser, unter ihm die Fürsten, unter
diesen die Lehnsherren, unter ihnen wieder der niedere
Adel und unter den Adligen die große Masse der Leib—
eigenen und Hörigen In der Kirche, die auch einen riesigen
Grundbesitz hatte, gab es ähnliche Verhältnisse Die Kirche
hatte sich von der alten dürftigen Gemmeinde, die kommu—
ntistisch konsumierte, zu einem ungeheuren Ausbeutungs—
institut entwickelt. An ihrer Spitze stand der Papsft, dann
folgten die verschiedensten hohen geistlichen Herren, die
stufenweise voneinander abhaͤngig waren, Kardinäle, Erz—
bischöfe, Bischöfe, Aebte und Abtissinnen, dann die niederen
Geistlichen, Mönche und Nonnen aller Art, schließlich kam
die große Volksmasse, die Gemeinde Zusammen bildeten
geistliche und weltliche Mächte also e ine große hier—
aͤrchische Gesellschaft, die sich in erster Linie auf die Liefe—
rung von Naturprodukten durch die Unterdrückten stützte
Und nach dem Bilde deer eeee—
mitdieser Produktionsweise hatte die christ—
liche Religion sich auch umgebildet. Nicht mehr ein Gott
allein wohnte im Himmel, sondern ein ganzes Volk gei⸗
stiger Maͤchte. Ueber allen thronte Gott, eins mit
seinem Sohn und dem Heiligen Geist, alles umgebend und
durchdringend Unter ihm stufenweise viele Arten von
Engeln nit verschiedenen Funktionen, auch gefallene Engel
oder Teufel, die für das Böse zu sorgen hatten. Weiter
Heilige, die, weil die Gesellschaft sich zum größten Teil auf
Lieferung von Naturprodukten, nicht von Kaufwaren,
ützte, alss von der Natur, von der Witterung zum Bei—
spiel, abhängig war, auch wieder zu einer Art neuer unter—
Feorbneter Naturgötter wurden, die auch alle ihre eigene
        <pb n="108" />
        100 —

—5
—

Funktion hatten: ein Heiliger für die Winzer, einer für die
Heuernte, eine Heilige, die bei Kindesnöten half uswp Gott
var also mit dieser Umgebung ein Abbild des Kaisers oder
des Papstes mit ihren untergeordneten weltlichen und
geistigen Mächten. Und unter all diesen Engeln und Hei—
ligen stehen die Menschen, lebende und tote: Ein Abbild
der irdischen Gemeinden und des irdischen Volkes. Die
Produktions- und Eigentumsverhältnisse auf Erden, die
hdersönliche Abhängigkeit der Fürsten, Adligen, Bischöfe,
Abte, Leibeigenen und des Volkes wurden von den herr—
schenden Klassen einfach als die Wirkung, die Schöpfung
Jjerade einer solchen himmlischen Gesellschaft dargestellt, die
war auch unbegreiflich war, aber gerade wegen ihrer Gött—
lichkeit nicht richtig begriffen zu werden brauchte. Und die
naiven Glaͤubigen nahmen in ihrem Drang, die Gesellschaft,
den geheimnisvollen Menschengeist und das „Gute“ und
das „Böse“ zu begreifen, diese Darstellung an.

Nie, zu keiner uns bekannten Zeit war die Religion
so deutlich die Widerspiegelung der Gesellschaft. Der Geist
schuf ein himmlisches Bild der irdischen Gesellschaft. Nie
war sie auch so sehr ein Mittel zur Unterdrückung als sie es
in der katholischen Kirche war und noch ist. Denn die Him—
melsordnung soll doch gewiß auch auf der Erde bestehen!

Dies änderte sich wiederum, als die Städte immer
mehr emporkamen.

Der Stadtbürger in Italien, Süddeutschland, den
Hansastädten, in Frankreich, Flandern, England, den
Niederlanden wurde durch Handel und Industrie mächtig
und selbständig. Er befreite sich aus den drückenden
Banden, worin der Adel ihn gefesselt hielt.

Der Besitz von Kapital, das nur ihm gehörte, womit
er tun konnte, was er wollte, machte ihn zu einem freien,
unabhängigen Individuum, das nicht mehr von der
Gnade eines Herrn abhängig war. Erstand der Ge—
sellschaft anders gegenuber adls der Hörige,
aus dessen Stand er oftmals hervorgegangen war, anders
auch als der Adlige oder der Geistliche

Weil er sich in der Gesellschaft anders fühlte, fühlte
er sich anders gegenüber der Welt. Und darum brauchte er
eine andere Religion, denn in der Religion drückten die
Menschen dasjenige aus, was sie als ihr Verhältnis zur
Welt empfanden.

Weil er mit seinem Kapital, das er sich mit seiner In—
dustrie, seiner Technik und seinem Handel erworben hatte,
in der Welt tun konnte, was er wollte, weil er ökonomisch
        <pb n="109" />
        — 107 —
—r—
keine Macht über sich anerkannte — auch politisch hatte er
sich freier gemacht —, weil er als Individuum, als Kapi—
kalist, als Händler der ganzen Welt frei gegenüberstand,
wollte er ebensowenig wie eine Zwischenperson zwischen sich
und der Welt, länger eine Zwischenperson zwischen sich und
Gott dulden Er protestierte gegen einen solchen
Zustand der Versklavung.

Er schaffte den Papst und die Heiligen ab, er wurde
zu seinem eigenen Priester. Jeder hatte seinen eigenen
Priester in sich selbst, jeder stand unmittelbor Gott gegen—
uͤber. Das lehrten Luther und Kalvin.

Das war die protestantische Religion, das bürgerliche
Selbstbewußtsein, das mit dem Emporkommen der mo—
dernen kapitalistischen Warenproduktion auf—
kam und in den Ländern, die sich bürgerlich entwickelten,
Frankreich, der Schweiz, Deutschland, Holland, England,
erstarkte.)

Auch hier ist wieder die Religion ein Bild des gesell—
schaftlichen Lebens. So individualistisch der Bürger, so in—
dividualistisch seine Religion; so einsam wie er, ist auch
sein Gott.

Je kräftiger, namentlich seit der Entdeckung Amerikas
und Indiens, der Kapitalismus wird, je rascher und stärker
Handel und Industrie wachsen und auf dem Lande die
Produktion für den eigenen Bedarf abnimmt, für den Ver—
kauf zunimmtt, je mehr alle Produkte zu Waren und alle
Menschen zu Warenproduzenten und zu Warenverkäufern
werden, je allgemeiner und schwerer durch immer bessereé
Werkzeuge und Verkehrsmittel der gesellschaftliche Kampf
aller gegen alle unter dem Kapitalismus wird, um so mehr
wird der Mensch im blonomischen Leben und also auch in
seinem Geist vereinsamt. Die, Menschen kommen mit der
Entwicklung des modernen Kapitalismus immer mehr
unter die Herrschaft ihrer Produkte; die Produkte bekom—
men gleichsam menschliche Macht über sie; sie selbst wer⸗
den behertscht, als ob sie Dinge wären, und alles bekommt
zu dem Gebtauchswert, den die Produkte für die Menschen
haben, einen abstrakten Tauschwert. Die Menschen in sol—
Hher Gesellschaft müssen, wie Maxx sagt, dazu kommen, ein—
ander als Abstraktivnen, als abstrakte Objekte des Tausch—
werls, anzusehen; ihr Gott muß zu einem abstrakten Be—
griff werden.
*) Nur die ninen Städte blieben
zkonomischer Ursachen. Die Herrschaft des
Herrschaft Italiens über die christliche Welt.

atholisch, auch infolge
Papstes bedeutete die
        <pb n="110" />
        ——

—

Die Gottheit ist dort das Bild des Kapitals selbst,
und der Menschheit, des Menschen, unter dem Kapital.

Außerdem wird das Elend mit dem wachsenden Ka—
pitalismus größer, die Gesellschaft wird immer verwickelter
und schwieriger zu durchschauen, und es wird immer un—
möglicher, herauszufinden, was wirklich gut, was wirklich
schlecht für alle ist. Insichgehen, Spekultatlon, Vergeisti
gung werden die einzigen Mittel, um inmitten des Kamp—
fes und des wütenden Treibens der Warenproduktion und
des Handels Gewißheit, Festigkeit, Glück zu finden.

So sehen wir auch das Bild Gottes immer mehr ver—
einsamen, sich immer mehr vergeistigen, immer abstrakter
werden. Bei den großen Philosophen des siebzehnten
Jahrhunderts, bei Descartes, Spinoza und Leibniz ist
Gott zu einem riesiigen Wesen geworden, außerhalb
dessen nichts ist. Bei Spinoza, der vielleicht das voll⸗
endteste philosophische System eutworfen hat — man hat
es gern mit einem vollkommen geschliffenen, makellofen
Diamanten verglichen —, bei Spinbza ist Gottein Riesen⸗
körper mit einem Riesengeist, außer dem nichts ist und der
sich immerfort für sich bewegt und denkt. Ein Bild des
individualistischen Menschen.

Auch wurde mit der Entwicklung der Technik und des
Kapitalismus die Erkenntnis der Natur immer größer;
die Natur wurde im siebzehnten und achtzehnten Jahrhun—
dert in ihrem wirklichen Zusammenhang schon so weit ver—
standen, daß das Unverfländliche, das Gbttliche aus ihr
derschwand. Der Geist dagegen, das Verstehen selbst, die
Algemeinen Begriffe des Guken und Bösen und die doge—
raunten geistigen Wissenschaften wurden noch nicht erfaßt.
Dadurch geriet in der Religion die Natur, die Malerie
immer mehr in den Hintergrund Gott wurde immer mehr
zu einem gespenstigen, abstrakten Geiste, weit von der Re—
Aität. Dazu trug die alte christliche Verachtung „des
Fleisches“ nicht wenig bei Und auch die Trennung der
Kopf⸗ und Handarbeit, die sich, je verwickelter die Technik
und je größer die Arbeitsteilung wurde, immer verkiefte,
und wobei die Kopfarbeit den besttzenden Klassen, die Haud
arbeit dem Proletariat zufiel, — auch diese Trennuug be—
wirkte, ebenso wie in der griechischen Welt, daß in der Re—
ligion die Materie gänzlich wegfiel. Aus allen diesen Ur—
sachen nannte der Philosoph Kant alle zeitlichen und
räumlichen Dinge bloß Erscheinungen, denen keine wirk—
liche Existenz zukam. Der Philosoph Fichte anerkaunte
nur ein geistiges Subjekt oder Ich, der Philosoph Hegel
        <pb n="111" />
        —— 100 —

sah einen absoluten Geist, der als Aeußerung seines Selbst
die Welt setzt, welche Welt schließlich zum Selbstbewußtsein
kommt und in das absolute geistige Sein zurückkehrt.

Soweit hatte die kapitalistische Gesellschaft das bür—
gerliche Individuum vereinsamt, vergeistigt und für sich
selbst unverständlich gemacht, daß die Philosophen des
achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts sich solch einen
einsamen, abstrakten und unverständlichen Gott schüfen!)

Brauchen wir noch hinzuzufügen, daß in dieser mo—
dernen bürgerlichen Gesellschaft, vdom Protfestantismus ab,
dieser kapitalistische Gottesdienst die Unterdrückten, an
erster Stelle jetzt die Lohnarbeiter, dumm hielt und mit
half, sie zu unterdrücken? Die herrschenden Ideen einer
Zeit sind die Ideen der herrschenden Klasse und es gibt
kein besseres Mittel, die Arbeiter zu unterdrucken, als ihnen
die Ideen ihrer Herrscher einzumpfen und sie damit zu
vergiften.

Inzwischen nahmen durch die Erfindung der Dampf—
maschine die Produktivkräfte, die Verkehrsmittel und in—
folgedessen das Kapital riesig zu. Die neue Technik ge—
stattete wieder eine bessere Erforschung der Natur, welche
sie selber ja brauchte. Die Natur bffnete sich dem Auge des
Menschen noch mehr, der gesetzliche Zusammenhang aller
Naturerscheinungen wurde noch weiter entdeckt, ein über—
natürliches Wesen wurde immer weiter aus der Natur zu—
rückgedrängt und verschwand schließlich völlig aus ihr

Und jetzt zum erstenmal vertiefte sich auch die Einsicht
in die Gesellschaft. Die prähistorische Geschichte wurde
besser verstanden, die Statistik kam auf, das Gesetzliche in
den Handlungen des Menschen wurde zum erstenmal er—
kannt. Und in dem Maße, wie das Naͤtürliche im Men—
schen besser wurde, verschwand aus dem Men—⸗
schen und der Gesellschaft wie aus der Natur das Ueber—
natürliche.

Die Technik, die Verkehrsmittel, die Produktions—
weise, das riesig sich anhäufende Kapital waren es, die zur
Erforschung der Natur den Autrieb und die Mittel gaben.
Die gewaltigen, aus dem Produktionsprozeß entstehenden
sozialen Fragen waren es, die den Geist der Menschen da⸗
zu anstachelten, die Gesellschaft zu ergründen. Die Technik
ermöglichte es, tiefe Erdschichten zu durchwühlen, ferne
Reisen zu primitiven Völkern zu machen, Material für Ge—
schichte und Statistik zu sammeln Die Produktionsweise,

Der Raum dieser Schrift gestattet natürlich nicht, alle philo—⸗
sophischen Systeme zu behandeln.
        <pb n="112" />
        — 110 —
die die Bedürfnisse schuf, schuf auch die Mittel zur Befrie—
digung dieser Bedürfnisse.
Die Klasse, die vor allem die neuen Wissenschaften
brauchte, um hre Technik und ihren Profit zu vergrößern
und die alten reaktionären Klassen der Grundbesitzer, des
Adels und der Geistlichkeit zu überwinden, also die indu—
striellen und Handelskapitalisten, die in der Politik die
Aberalen heißen — diese Klasse sah immer mehr das Ge—
setzliche und Natürliche aller Erscheinungen in der Natur
und der Gesellschaft ein; bei ihr verschwand die Religion
fast völlig. Was bei ihnen von der Religion übrig blieb,
var der irgendwo tief im Hintergrund ihres Bewußtseins
lebende Gedanke, der für die Praxis ohne Wert war, „viel—
leicht gibt es doch noch einen Gott“.
Die Modernen und Freireligibsen, die in der Religion
den Abexralen in der Politik entsprechen, brauchen Gott
nur noch dazu, die Begriffe „gut“ und „böse“ zu erklären,
oder, wie sie es nennen, ihren „sittlichen“ Bedürfnissen zu
genligen, und um den Geist, dessen Wesen ihnen auch jetzt
loch ein Rätsel ist, aus einer übernatürlichen Quellen ent—
springen lassen zu können Für die Natur und für einen
uten Teil des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens
brauchen sie schon keinen Gott mehr; die Wissenschaft, die
sich auf die Technik stützt, hat sie schon genug darüber auf—
geklärt.
Auf diese Weise hat der moderne Kapitalismus da—
durch, daß er die Welt immer besser verstehen ließ, seit den
Tagen Luthers und Kalvins die Religion immer mehr
verfeinert, mmer verschwommener, weltentrückter, unwirk—
licher gemacht. Man haͤt es mir in reaktionären, freisinni—
gen, sogar in sozialistischen Kreisen sehr verübelt, als ich
Anmal schrieb, daß die Religion wie ein feiges Gespenst
gesenkten Hauptes von der Erde flüchte. Und doch wurde
Zamit nur die Tatsache festgestellt: die religibsen Vor—
stellungen werden immer gespenstischer. Nur untergehende
Klasseu, wie die Kleinbürger und die Bauern, und reaktio—
naͤre Klassen, wie die Großgrundbesitzer mit ihren Ideolo—
gen, leben noch mit Ueberzeugung in Vorstellungen frühe—
er Jahrhunderte; der Mehrzahl der besitzenden Klassen und
hrex Inlelligenz ist nur noch ein Schatten der Religion
übriggeblieben, oder sie heucheln eine Religion, sei es, um
das Proletariat zu knebeln, sei es aus anderem Grunde.
Die durch die Entwicklung der kapitalistischen Produktion
geschaffenen Kenntnisse haben der Religion Fleisch und
        <pb n="113" />
        — 111 —
Bein genommen, ihr nur noch ein gespenstisches, ethisches
Dasein gelassen.

Dieselbe ökonomische Entwicklung jedoch, die der libe—
ralen Bourgeoisie einen großen Teil der Religion genom—
men hat, nimmt sie dem Proletariat ganz.

Wir stellen nur eine Tatsache fest, wenn wir behaupten,
daß das Proletariat immer mehr religionslos wird

Auch das ist ebenso gesellschaftlich-⸗natürlich wie alle
Aenderungen im religiösen Denken, die wir bis jetzt be—
handelt haben.

Wir fanden im allgemeinen als Ursache der Religion
die Herrschaft unverstandener Mächte. Die Naturkräfte,
die gesellschaftlichen Mächte, die man nicht versteht und von
denen man sich doch beherrscht fühlt, werden vergöttlicht.

Wie steht es nun in diesem Punkte mit dem modernen
Proletarier, namentlich mit dem industriellen Arbeiter aus
der Stadt, der inmitten des kapitalistischen Großbetriebs
lebt?

Daß die Naturkräfte keine unbegreiflichen Mächte dar—
stellen, führt ihm die Fabrik vor Augen. Der Mensch kennt
und beherrscht sie dort, er spielt mit ihnen, die ungezähmt
die gefaͤhrlichsten Kräfte sind. Mag der Arbeiter sie auch
theoretisch nicht kennen, praktisch werden sie von seiner
Hand gezähmt, und er weiß, daß man sie kennt.

Die gesellschaftlichen Kräfte dagegen, die die Ursache
seines Elends sind, versteht der moderne Proletarier völlig
Die kapitalistische Produktionsweise hat den Klassenkampf
entfesselt, an dem er sich beteiligt; und der Klassenkampf hat
ihn die kapitalistische Ausbeutung und den Privatbesitz als
die Ursachen seiner elenden Lage und den Sozialismus als
seine Rettung kennen gelehrt. Also gibt es für ihn weder
n der Natuxr noch in der Gesellschaft etwas Uebernatür—
liches. Er fühlt, daß es nichts in der Natur und der Ge—
sellschaft gibt, was er nicht verstehen ba nn, wenn auch
die Gesellschaft ihm vorläufig dazu die Gelegenheit porent—
hält. Er fühlt auch, daß das, was jetzt noch für ihn und
ur seine Klasse eine übermächtige Ursache des Elends ist,
es nicht immer bleiben wird. Er weiß, daß der Klassen—
kampf und die Organisation des Proletariats dem ein
Eude bereiten wird Wo aber das Gefühl einer unbegreif—
lüchen Uebermacht fehlt, da kommt die Religion nicht in ihm
auf, oder wenn er sie früher hatte, stirbt sie weg. Ver sozia—
listische Arbeiter ist daher auch nicht religionsfeindlich, son—
dern er ist religionslos, Atheist.

Wenn das schon für den „gewöhnlichen“ Arbeiter zu—
        <pb n="114" />
        — 112 —

—
——— *
— 57

trifft, der wenig Zeit, Lust oder Gelegenheit zum Studium
hat, wieviel mehr gilt das für den, der durch den Klassen—
kampf zu eigenen Studien angetrieben wird! Er kann, ge—
rade weil er Arbeiter ist, weil die Not des Proletariats n
zum Studium zwingt, die Gesellschaft besser verstehen
lernen wie zum Beispiel ein bürgerlicher Professor der
Natkonalökonomie. Der Bourgeois kann die Wahrheit
nicht sehen; er kann nicht zugeben, daß seine Klasse unter—
geht; sogar den Klassenkampf kann er nicht anerkennen, in
dem seine Klasse unterliegen muß. Der Geist des Arbeiters
dagegen, der alles von der Zukunft zu hoffen hat, ist für
die Wahrheit geschärft, wie der Jagdhund für das Wild

Und welche Quellen hat der Arbeiter! Vor mehr als
sechzig Jahren erklärte Marx dem Proletariat, wie Kapital
aus unbezahlter Arbeit entsteht.“) Vor sechzig Jahren
offenbarten Marx und Engels der Arbeiterklasse das Wesen
des Klassenkampfes.“) Und nachher entwickelte Marx im
Kapital“ das Wesen des ganzen kapitalistischen Produk—
tionsprozesses, das der Arbeiter auch in klarer, kürzerer
Form in Kautskys Marx' ökonomische Lehren“ und „Das
Erfurter Programm“ auseinandergesetzt findet. Ueber solche
Quellen gesellschaftlicher Erkenntnis verfügt die Bourge—
oisie nicht. Der Arbeiter, der seinen Durst an diesen
Quellen gestillt hat, wird in der Gesellschaft nichts Ueber—
natürliches mehr sehen. Es wird sich bei ihm nicht bloß
ein Negatives, ein Fehlen der Religion, sondern
qguch ein Posstives eine Uare, deste Weban
J

Und in den Werken von Marx, Engels, Kautsky,
Mehring und so vielen anderen hervorragenden Theore—
tikern wird er, wenn er zu lesen und nachzudenken fort—
fährt, be w esen finden, daß das Geistesleben der Men—
schen durch das ag Sein bestimmt wird, daß
Recht Klassenrecht, Politik Klassenpolitik ist, daß Gut und
Böse gesellschaftliche, wandelbare Begriffe sind, kurz, die
Wahrheit von alledem, was wir hier in dieser Schrift er—
zrtert haben und was der historische Materialismus lehrt.
Dann bersteht er auch die Aenderungen, die sich im Denken
bollziehen, dann versteht er sein eigenes Denken. Der
Mann, der die Gesellschaft praktisch, mit seinen Händen
schafft, durchschaut sie auch mit seinem Geiste immer besser,
Er versteht das Klassendenken, und wiederum bricht eine

*) Lohnarbeit und Kapital, von Karl Mart.
**) Das Kommunistische Manifest von Karl Marx und
Friedrich Engels
        <pb n="115" />
        — 113 —

—*

J
tütze der Religion, das metaphysische Denken, daß er zu
ause und in der Kirche lernte, zusammen

Und noch weiter kann der Proletarier eindringen, de
die oberflächliche Einsicht nicht genügt, die ihm die Fabrik,
er wirtschaftliche und der politische Kampf geben!

Hat nicht Joseph Dietzgen, der Philosoph des Prole—

ariats, wie er mit Recht genannt wird, und selber n
chüler von Marx, indem er sich auf die sozialistische

Wissenschaft stütte, das Proletariat gelehrt, wa s de

Geist ist? Hat er nicht das Rätsel, vor dem die Bour
eoisie noch verdutzt dasteht, das Wesen der mensch—
ichen Kopfarbeit, den Arbeitern erklärt? Er ha
ewiesen, daß auf keinem Gebiek beim Denken je etwa
nderes vor sich geht als das Zusammentreffen des Beson—
eren, der Erfahrung zum Allgemeinen Ver Geist kan

also nur über das Besondere, über die Erfahrung, übe

wahrgenommene Tatsachen denken. Er hat bewiesen, da
das und nichts anderes die Wirkung, die Natur de

Körpers, daß also das Denken an etwas Uebernatürliches
ls sei es etwas Wirkliches (Ding an sich, Gott, absolute

deee ewige Persönsichteit, absosuter Geist isd, ge⸗
ade so unmöglich, gerade so in Widerspruch zu dem Wesen
es Denkens stehl, wie die Vorstellung don übernan

ichem Blech“; daß der Geist wohl etwas außerordenuch
errliches und Maͤchtiges und Prachtvolles ist, aber nicht
eheimnisvoller und mysteribser als alle anderen Erschei⸗
ungen im Weltall, die man nicht vergöttlicht Dießgen
adargetan, d— der Geist begreiftich
st gerade deshalb, weil das Wesen des

efstes im Begrefen das e— *
Fehen des Allgemeinenbesteht?

9 Marx hat dargelegt, wie die Produktionsverhältnisse den
Inhalt des Denkens ändern, Das Denken selbst sedoch wird
don den burgerlichen Philosophen und Theologen als von Gott her⸗
stammend ecklärt Auch nach Marx; gritik des Inhalts de
eee z blieb also noch ein unerklärter Teil der Gedankenwel
üͤbrig, den die Bourgeoisie zur Erhebung ihrer selbst und zur Er—
medrlgung des Proletarlats verwenden bonnte. Diesen Teil ha
doseph Deßzgen untersucht. Während Marx die materielle Seile
ngebeckt halte, faßte er die Sache von der anderen, von der deel⸗
len Seite an, Wo Marx aufzeigte, was die gesellschaftliche Materi
n dem Geiste , zagt Dießgen, was der Gast elbst u Man
—*7 die Bourgeoisie oft sagen: Aber das Wesen der Dinge, das
ann doch keiner verstehen; das Wesen der Dinge Hegt bberhalb ode
außerhalb des Begriffs.“ Damit will sie das Uebernatürliche retten
ietzgen hat —— daß das Unbegreifliche für die Bour⸗
eoiste nicht im Wesen der Dinge, sondern im Begreifen liegt. Die
urgebife die Dcgerlichen Phllosophen und ologen begreifen
        <pb n="116" />
        — 114 —

Zweifellos hatte die Religion in der Entwicklungs—
geschichte der Menschen eine gewaltige Bedeutung

In der Zeit des Ahnenkultus, der Verehrung der
Naturkräfte in menschlicher Gestalt, bersuchte sie eine Deu—
tung, versuchte sie zu verstehen, als völliges Verstehen noch
unmöglich war. Sie sah schon, daß die Beherrschung det
Natur den Menschen das höchste Glück, das göttliche, ver—
bürgt.

In der Zeit des Monotheismus verstand sie schon, daß
die Welt ein Ganzes ist Sie verstand es in ideellen Sinne,
eben weil sie es nicht materiell verstand.

Im Christentum und in anderen großen monotheisti—
schen Religionen, die neben der Welkeinheit die Ethik zur
Basis ihrer Lehre machen, verkündet sie die notwendige
Einheit des Menschengeschlechts. Sie verkündet sie nur im
idealen Gefühl, eben weil sie sie in der wirklichen Arbeit
nicht verkünden konnte Auf den großen lebenden sozialen
Gefühlen fußend, die wir ausfuhrlich behandelt haben,
wollte sie darauf die Einheit der Menschen aufbauen, die
natürlich nur eine Gefühlseinheit, eine Einheit nur der
Liebe, also eine nicht wirklich bestehende Einheit werden
konnte, eben weil die wirkliche, materielle Einheit noch un—
möglich war. Sie wollte die Unterdrückten mit ihrem Zu—
stand, also mit der Klassenherrschaft versöhnen, und konnte
dies nur, indem sie eine ideelle Einheit annahm.

Die Religion hat also in den Jahrtausenden, in den
Millionen von Jahren, als die Natur noch nicht verstan—
den werden konnte und die Menschen noch nicht zusammen
arbeiten konnten, auf die Möglichkeit des Verständnisses,
und der Beherrschung der Natur und auf die Moͤglichkeil
des Zusammenarbeitens der Menschheit hingewiesen. Das
ist ihr gewaltiges Verdienst.
nicht, was Begreifen ist. Was Begreifen ist, das hat Dietzgen den
Arbeitern argemacht, und so ist durch Marx und Dießgen des
ganze Verhältnis des Denkens und des gesellschaftlichea Seins
klar geworden, indem der eine die Aenderungen im Denken der
andere das Wesen des Denkens untersuchte.

Marrx selbst hatte seine Kenntnisse der Gesellschaft aus dem
Klassenkampf des Proletariats geschöpft, den er in Englaͤnd und
Frankreich vor Augen sah. Dietzgen bildete seine Kenntuisse de—
Beistes aus Marx' Kenntnis der Gesellschaft Aus Mart' Schriften
lernte ex den historischen Materialismus kennen, und erst dadurch
konnte Dietzgen zu seiner klaren Lehre des Geistes gelangen. Beide
haben also hre Kenntnisse aus dem Klassenkampf des Proletariats
geschöpft. Vas Proletariat gab ihnen durch seine Arbeit, seine
Forderungen und seine Taten die Erfahrung, sie bildeten die Lehre,
die Theorie. Man kann sagen, daß sie hundertfach dem Proletarial
zurückgegeben haben, was dieses ihnen gab
        <pb n="117" />
        ——

115 —

Aber was braucht jetzt der Arbeiter die Religion, der
Arbeiter, der die Nalur und die Gesellschaft verstehen ler—
nen kann, und der für eine zusammenarbeitende Gesellschaft
kämpft? Und was braucht sie das kommunistische Proleta—
riat, die kommunistische Gesellschaft, die sich Natur und Ge—
sellschaft wirklich, d. h. materiell unterworfen hat, und die
das Zusammenarbeiten, d. h. die wirkliche, materielle Gin—
heit exreicht hat?

Sie brauchen sie nicht.

War doch die Relegion nur das falsche Bild des Be—
greifens, und die falsche Vorstellung der Einheit. Falsch,
unmd Bild, und Vorstellung eben nur, weil Einheit und Be—
greifen noch unmöglich waren.“)

Wer wirklich begreift und wirklich mit der Mensch—
heit eins ist, braucht keine falschen Bilder von Verstehen
uͤnd Einheit mehr. Der Arbeiter, der für den Kommunis—
mus kampft, und der Arbeiter der kommunistischen Gesell—
schaft dienen statt eines Gottes der Menschheit.

Wenn der nach Kenntnis hungernde und dürstende
Proletarier, aus Sehnsucht, sich und seine Klasse zu be—
freien, das verstanden hat, daun kann man ruhig sagen,
daß es keinen einzigen Platz in seinen Gedanken mehr gibt,
o die Religion wohnen könnte. Der kapitalistische Pro—
dukt onsprozeß, der ihm das Elend, die Not, das Bedürfnis
und den Draug nach Befreiung und schließlich das Wissen
gab, hat die Religiön in ihm absterben lassen. Der Ge—
danke an sie ist für immer verschwunden, man begehrt keine
Lampe mehr im vollen Sonnenlicht.

Die Revolution, die in diesem Augenblick durch die
Welt geht, mit der russischen angefangen, bringt in der Ar—
beulertlasse der Religion noch einen letzten Stoß bei. Denn
der Meser fühlt sich durch sie zum Beherrscher der Welt,
der Natur und der Gesellschaft wer den. Und weil er,
durch die kommuniistische Arbeit, selbst zum Herrscher wird,
braucht er keinen üͤberirdischen Meister mehr.

Wenn die sozialistische Gesellschaft einmal da ist, wird
die Natur noch viel besser erkannt werden. Und die Er—
forschung der Gesellschaft wird nicht mehr, wie jetzt, Mühe
und Schweiß kosten. Klar und durchsichtig wird sie vor
dem Auge liegen. Natur und Gesellschaft werden dann
dem Naschen unterworfen sein. Dann wird der Gedanke
88 ist sehr humoristisch zu sehen, wie nach dem Weltkrie
im allgemeinen Niedergang des Kapitalismus, das Bedürfnis
Religlon vieder zugenymmen hat. Sobald aber das „Geschäft“
wieder besser geht, verschwindet dies.
        <pb n="118" />
        —*

116 —
an Religion den Kindern nicht mehr beigebracht werden
An die Stelle Gottes wird die Menschheit gekommen sein,
an die Stelle der Religion der Dieust der Menschheit, an
die Stelle der Liebe zu Gott, die Liebe zur Menschheit und
zur Natur. Die gewöhnliche gemeinschäftliche tägliche Ar—
beit wird dies Alles bringen

Wir haben also jetzt nachgewiesen, daß die Anschauun—
gen üher die Religion, die einst eine so wichtige Rolle im
menschlichen Geistesleben spielte, sich mit den Produktions—
erhältnissen und durch se ändern. Welche Wandlung!
Der Glaube an einen Ahnherrn, einen Fetisch, einen
Baum, einen Fluß, ein Tier, eine Sonne, einen vergott
lichten schönen, kraftvollen, tapferen Menschen, einen Geist,
einen Vater, einen Herrscher, eine gespenstische Abstraktion,
und schließlich nichts Und doch sind alle diese Aende
rungen eine klare Folge der Aenderungen in der gesell⸗
schaftlichen Lage des Menschen, seiner geüͤnderten Verhalt⸗
nisse zur Natur und zu seinen Mitmenschen

Erste Einwendung.

Sind die gegebenen Darstellungen nicht im Wider—
pruch zur bekannten Regel der Kommunisten: „Religion
ist Privatsache?“, wird vielleicht jemand fragen Nein,
diese Regel besagt nur, daß jede Person in religiösen Din
gen ganz frei ist, und rie und nimmer vom Kommunismus
gezwungen werden wird. Sowie auch nach der russischen
Revolution in Rußland jeder hierin gang frei ist MWer
eben dadurch, wegen dieser vollkommenen Freihei, hat die
ommunistische Partei auch das Recht und die Pfucht,
thegretisch die Religion, die das geistige Bild sst der male
riellen Sklaverei, zu bekämpfen, und ihr jede Unterftuhung
zu enthalten Und dasselbe Recht und dieselbe Pflicht ha
auch der Kommunistische Staat

Zweite Einwendung

Woher kommt es aber, daß, wenn alte Produktions⸗
verhältnisse neuen weichen mußten, dennoch Möe Religio⸗
nen noch lange bestehen bleiben?

Diese Frage muß beantwortet werden, denn diese Tat⸗
sache wird von unseren Gegnern als Enwand gegen uns
benutzt. Die Antwort ist nicht schwierig

Erstens stirbt eine alte Produktsonsweise nie plößlich
ab In früheren Jahrhunderten saand das ußerst langsam
statt, und sogar jezt, während die Großinduftete so rasch
die alte Technik verdrängt, dauert es doch sehr lange, bis
der Kleinbetrieb verschwünden sein wird Es bleib also
noch lange Zeit Raum genug fur die alte Rgion
        <pb n="119" />
        17

Zweitens ist der Menschengeist träge. Auch wenn der
Körper schon in neuen Arbeitsverhältnissen ist, nimmt der
Gedanke nicht rasch neue Formen an. Die Tradition,
die Ueberlieferung drückt auf das Gehirn der Lebenden
Der Arbeiter kann das leicht in seiner eigenen Umgebung
beobachten: dort stehen in derselben Fabrik zwei Männer
nebeneinander, mit demselben Elend, derselben Not. Und
doch ist der eine ein Schwachkopf, der nicht kämpfen will,
kein freies Denken erlernen kann und in der Politik, der
Religion, der Gewerkschaft dem Pfarrer folgt. Der andere
ist voll Leben, alles an ihm ist Kampfeslust; immer redet,
immer propagiert, immer hetzt er; kein Gott und kein
Meisser, das ist seine Losung

Neben dem Unterschied im Temperament wirkt hier
die Tradition. Der Katholizismus, wie sehr er sich auch
neuen Formen anschmiegen mag, ist eine für alte Verhält—
nisse passende Religion. Infolge der Trägheit, die wie der
Materie auch den Gedanken anhaftet, hält er jedoch zähe
stand Lange nachdem eine Produktionsweise untergegan—
gen ist, kann man bisweilen noch ihre alten trockenen Blu—
men finden.

Drittens wirken die neu emporkommenden Klassen
und die bedrohten Klassen dahin, daß eine alte Denkart
noch lange bestehen bleibt. Früher, als der Klassenkampf
noch in keligiösen Formen, unter religibsen Losungen ge—
kampft wurde, hatte eine emporkommende Klasse, die an—
dere gesellschaftliche Verhältnisse erstrebte als die regie—
rende Klasse, auch oft eine neue Religion, die dem, wass re
nr gut, Zerecht und wahr hielt, entsprach. So war zum
Beispiel der Kalvinismus im Anfang eine Religion von
Aufruͤhrern. Aber wenn dann einmal die emporkommende
Klasse die alte verdrängt hatte und zur herrschenden
Klasse geworden war, dann machte sie auch ihre Religion
zur herrschenden Religion; dann zwang sie sie allen auf,
ber daun verwandelte sie auch den revolutionären Charak
ter der Religion in einen konservativen; dann brachte sie
auch in dieser Religion ihre eigenen meu en Verhältnisse
Zum Ausdruck. So wurde das Christentum — einst die
Religion der Armen und Besitzlosen, und zu dieser Zeit
noch aͤußerst einfach, bloß eine Religion der Liebe und der
gegenseitigen Hilfe — als offizielle Kirche zu einem sehr
dertrackten System von Dogmen, Zeremonien, Stellver—
kretern Goktes auf Erden, von Hierarchie und Ausbeutung,
das dem ersten Christentum sehr wenig ähnlich war. Die
Klasse, die zur Macht und in andere Verhältnisse kommt,
        <pb n="120" />
        — ———— 7
— 118 —
ändert einfach das Wesen der Religion und macht sie aus
einem Kampfesmittel zu einem Muͤtel der Unterdrückung.

Und das sehen wir auch in unseren Tagen

Ergebung, Demut und gelassenes Dulden, diesen Teil
der Lehre Jesu haben, seitdem das Christenlum ihre Reli—
gion wurde, die herrschenden Klassen, die für sich selbst das
Genießen in Anspruch nehmen, den Unterdrückten einge⸗
prägt und gegen die Unterdrückten angewendet. Als die
besitzenden Klassen selbst revolutionär waͤren, wie die Kalo—
nisten und andere Protestanten, predigten sie sich selbst nicht
das Dulden, sondern den Kampf. Jetzt aber, wo ei⸗
Klasse im Gegensa zu ihnen emporkommt, die nicht dul—
den, sondern kämpfen will bis sie siegt, da wird die alle
Religion des Duldens von allen, auch den früher revolutio—
nären Sekten wieder gebraucht, um wenigstens einen Teil
der emporkommenden Klassen vom Kampfe abzuhallen

Es nimmt uns also nicht wunder, daß durch die ber—
einte Wirkung der noch übriggebliebenen alten Produf—
tionsverhältnisse, der Tradition und der Klassenherrschaft
eine alte Religion noch lange ihr Dasein und ihre Kraft
behält. Daß sie aber dann kein reiches mneres Leben
mehr hat, sonden erher einem versteinerten Ueberrest ähnelt,
kann uns ebenfalls nicht verwundern, da wir jeßt wissen,
daß auch die Religion der Gesellschaft entsprungen is

Erste Bemerkung.

In diesem Gebiete der Religion sehen wir jetzt noch
eine allgemeine Erscheinung sehr deutlich, die wir noch nicht
erwähnt haben. Wenn eine neue Form in irgendeinem
Gebiete des Denkens entsteht, dann schwindet die alte nicht
ganz, sie geht in die neue auf, diese hat etwas vom Alten
in sich So behielt die proteftantische Religion ein Suͤc
des Katholizismus, die Lehre Spinoza's ein Suuck des
Protestantismus, die liberale Lehre etwas von Spinoza,
der Unglaube der Arbeiter etwas von der Lehre der
beralen. Dies ist auf jedem Gebiete des Denkeus der Fall.
Im Recht, in der Politik, der Kunst, der Philosophie, der
Wissenschaft. Gleichwie an erster Stelle auch die Techmt
ihre alte Formen in neuen Erfindungen gebraucht. Der
erste durch Dampf getriebene Webstuhl zum Beispiel war
dem alten Handwerkzeug noch sehr ähnlich. Wie scharf die
Ideen einander gegenüber zu stehen scheinen, in ihnen ist
doch immer ein stufenweiser Uebergang von der einen zur
anderen.

Ja, man kann dies sogar noch tiefer sehen: Jede neue
Gesellschaftsform, jedes neue Rechl, jede neue Politik und
        <pb n="121" />
        — 1109 —

Religion, jede neue Technik, Wissenschaft und Kunst hat
Teile alUler vorigen in sich, sogar der ältesten. Die
menschliche Kultur ist das Werk der ganzen Menschheit, die
neueste kommt nicht nur aus allen vorigen hervor, sondern
n der neuesten ist etwas von der ältesten bewahrt. Sehr
schön sagt Dietzgen: „Was die Geschichte ans Tageslicht
ordert, entwickelt sich historisch, wächst und vergeht, um in
erneuter Form ewig weiter zu leben.“

Recht und Politik jedoch werden einmal, wie wir
sahen, verschwinden, die Religion ist eine Wahnvorstellung
der Wirklichkeit, Kunst nur eine Nachbildung von ihr —
Mein die Abeit, das heißt also, die Technik und die Wis—
senschaft sind bletbend un d reell.

Daher besteht in der Technik und in der Wissenschaft,
im Großen gesehen, ein ewiger Fortschritt, ein immer tie—
seres Graben und ein immer höheres Steigen, eine immer
Deilexe Ausbreitung, weil alles, was sie gaben, von den
Spaͤleren gebraucht wird zum Neuen. Auf diesen zwei Ge—
bieten allein ist eine endlose Entwicklung.

Zweilte Bemerkung.

Wir wollen diesen Teil beenden mit einigen Sätzen
von MNarx selbst, in welchen er mit seinem immer bis zur
Wurzel durchdringenden Geiste das Wesen der Religion
erklärt

Der Anfang jeder Kritik der Religion lautet: Gott
schuf nicht den Menschen, sondern der Mensch schuf die
Gottheit.“

Die Aufhebung der Religion als des illusorischen
Glückß des Volkes ist die Forderung seines wirklichen
Glucks Die Forderung, die Illusion über seinem Zustand
aufzugeben, ist die Jorderung einen Zustand aufzugeben,
der der Ausionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also
n Keim die Kriu des Jammertales, dessen Heiligenschein
die Religion ist“

Die Religion ist das Selbstbewußtsein und das
Selbsigefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch
nicht erwotben oder schon wieder verloren hat.“

Die Religion ist nur die illusorische Sonne, die sich
um den Menschen bewegt, solange er sich nicht um sich
selbst bewegt.“

Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß
der Meusch das hoöchste Wesen für den Menschen sei, also
nn dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzu—⸗
werfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknech—
tetes, ein verlassenes, ein berachtliches Wesen ist.
        <pb n="122" />
        — 11f9 —
„Der religibsse Widerschein der wirklichen Welt kann
überhaupt nur verschwinden, sobald die Verhältnisse des
praktischen Werkeltaglebens den Menschen tagtäglich durch⸗
ichtig vernümftige Beziehungen zueinauder und zur Natur
darstellen“
Zum Schluß unserer Darstellungen über die Wirkung
der Produktionskräfte und Produktionsverhaltnisse auf das
Denken wollen wir die berühmte grundlegende Stelle a
führen, in welcher Marx selbst den historischen Mater alis
mus zeichnet und zu gleichetr Zeit de Cebun der neuen
ommunistischen Gesellschaft aus historisch⸗materialist schen
Bründen prophezeun
In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens
Jehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem
Willen unabhaͤngige Verhältnisse ein, Produktionsverhalt⸗
nisse, die einer bastimmn Entwicklungsstufe ihrer mate⸗
rellen Produktipkräfte entsprechen Die Gesamtheit dieser
Produktionsverhältusse bildet die ökonomische Struttu
der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer
und politischer Ueberbau erhebt, und welcher bestimmte ge⸗
ellschaftliche Bewußtseinssormen entsprechen. Die Produk—
tionsweise des mater ellen Sebeus bedingt den sozialen, po⸗
litischen und geistigen Lebensprozeß übechaupt 68 ist nicht
das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern un
gekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein be—
stimmt Auf einer gewissen Stufe ihret Entwicklung ge⸗
raten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in
Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsberhalt⸗
nissen, oder was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist,
mit den Eigentumsverhaͤltnisfen, innerhalb deren sie sich
bisher bewegt hatten Ms Entwicklungsformen der Pro
duktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fefseln derselben
um Es tritt dann eine Epoche sozialer Rebolution en
Mit der Veränderung der okonomischen Grundlage wãlzt
sich der ganze ungeheure Ueberbau langsamer oder rascher
um. In der Betrachtung solcher Umwaͤlzungen muß man
stets ünterscheiden zwischen der materiellen naturwissen
schaftlich dreu zu konstatierendn Umwälzung in den nd
mischen Produktionsbedingungen uud juristischen, po⸗
litischen, religibsen, künstlerischen oder Hhilosophischen, kurz;
deologischen Formen, vorin sich die Menschen dieses Kou—
fliktes bewußt werden und ihn ausfechten So wenig man
das, was ein Individuum ist, nach beurteilt, was e sich
selbst dünkt, ebensowenig kann man in solche Umwälzungs
epoche aus ihrem Bewpußtsein beurteilen, sondern muß
        <pb n="123" />
        ——121 —

—57
—2

vielmehr dies Bewußtsein aus den Widersprüchen des
materiellen Lebens, aus dem vorhandenen Konflikt zwischen
gesellschaftlichen Produktivkräften und Produktionsberhält—
nissen erklären. Eine Gesellschaftsformation geht nie unter,
bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit
genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten
nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingun—
gen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausge—
brütet worden sind. Daher stellt die Menschheit sich immer
nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn genaduer betrachtet,
wird sich stets finden, daß die Aufgabe selbst nur entspringt,
wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vor—
handen oder wenigstens im Prozeß ihres Werdens begriffen
sind. In großen Umrissen können afiatische, antike, seudale
und modern bürgerliche Produktionsweisen als progressive
Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformation bezeich—
net werden. Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind
die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Pro—
duktionsprozesses, antagonistisch nicht im Sinne von indi—
piduellem Antagonismus, sondern eines aus den gesell—
schaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervor—
wachsenden Antagonismus, aber die im Schoße der bür—
gerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte
schaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung
dieses Anfagouismus Mit dieser Gesellschaftsformation
schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesell⸗
schaft ab“
Wie schön mutet jetzt diese Stelle an, jetzt, da die
xussische Revolution den Kapitalismus zeitweilig schon be—
siegt hat und die Weltrevolution herannaht. Wie wahr ist
diese Theorie, wie ist sie durch die Wirklichkeit bewiesen!
Einen größeren, kräftigeren Beweis als die kommunistische
Revolution kann es nicht geben.
Und hier an dieser selben Stelle kann der Arbeiter
auch sehr deutlich sehen, was man unter „dialektischer Ent⸗
wicklung“ versteht Marx sagt: Die Produktionsverhält⸗
nisse entstehen aus den Produktivkräften. Solange diese
dieselben bleiben, fördern die aus ihnen entstandenen und
mit ihnen übereinstimmenden Produktionsverhältnisse die
Produktivkräfte. Auf einer bestimmten Stufe ihrer Ent—
wicklung werden die Verhältnisse aber zu Fesseln der Pro—
duktivkräfte und werden von diesen zerrissen So zerreißen
jetzt die Produktipkräfte des Kapitals, das heißt die Prole—
karier und die Goß Industrie, die alten Produktionsver—
        <pb n="124" />
        2

hältnisse des Kapitalisms und wälzen diese Produktions—
derhältnisse, d. h. den Privatbesitz, um in der Revolution.

Die Produktipkräfte schufen den Kapitalismus und die
Proletarier. Diese geraten miteinander in Kampf. Die
Proletarier siegen und heben den Kapitalismus und also
auch sich selbst als Proletarier auf. Und aus diesem Kampfe
und aus dieser Aufhebung entsteht das Neue: die kommu—
nistische Gesellschaft.

Ein Ding, das Kapital, der Privatbesitz, schafft sein
eigenes Gegenteil, seinen Gegner, seine Negation: den
Nichtbesitz, das Proletariat. Aus dem Kampfe, aus der
Vernichtung beider entsteht das Neue.

Dieser Kampf, den wir in Rußland vor unseren Augen
sehen und den wir bald sehen werden in der ganzen Welt,
diese Revolution ist ein sehr deutliches Beispiel der Ent—
wicklung, die man dialektische Entwicklung nennt-, der Ent—
wicklung durch Kampf und Vernichtung zweier Gegner.

Der historische Materialismus ist der geistige Inbe—
griff dieser Entwicklung

G. Die Kunst.
Dieses Gebiet des Geistes können wir nur kurz streifen,
veil leider der Proletarier dahin noch nicht vordringt.
Welcher Proletarier kennt, um nur die höchste Poesie zu
nennen, Homer, Aischylos, Dante, Shakespeare, Milton,
Shelley wirklich?

Daß aber hier, gerade hier, unsere Lehre Geltung
haben muß, mag durch folgende Betrachtung und an einem
einzigen Beispiel klar werden.

Kunst ist in Linie oder Farbe oder Tönen bildlich
dargestelltes Gefühlsleben Für nichts fühlt der
Mensch mehr als für Menschen. Darum muß sich gleich—
zeitig auch die Kunst ändern, wenn sich die Verhältnisse
des Menschen zum Menschen ändern.

Als Beispiel dafür mag folgendes dienen:

Das Individuum der bürgerlichen Gesellschaft steht
allein und wird von Produktion und Produkten beherrscht.
Das muß in seiner Kunst an den Tag treten; seit der
griechischen bürgerlichen Kunst aus dem fünften Jahrhun—
dert vor Christo bis auf heute tr itt das auch an den Tag.

Das Individuum der sozialistischen Gesellschaft fühlt
sich eins mit allen, hat Kraft durch alle und beherrscht
mit allen die Produktion und die Produkte Das
muß sich einst in seiner Kunst offenbaren; dieses Gefühl
der Herrschaft, der Freiheit, des Glückes mit a lLLen muß
        <pb n="125" />
        — 722

und wird sich dann äußern, so sicher, als dem gesellschaft—
lichen Menschen ein Drang zur Aeußerung innewohnt.
Aber diese Kunst wird von der bürgerlichen Kunst ebenso
sehr, das heißt himmelweit verschieden sein, wie das sozia—
listische Individuum vom bürgerlichen. Und dieser Unter—
schied wird dadurch verursacht — brauchen wir es noch zu
piederholen? —, daß die Produktionsverhältnisse, die jeßt
auf Privateigentum und Lohnarbeit gegründet siud, dann
auf Gemeineigenkum und gemeinsamer Arbeit beruhen
werden

IV.
Schluß.

—

— —
——

— —
— —7—

Wir haben hiermit die Aufgabe, die wir uns gestellt
hatten, gelöst. Uebersehen wir nun noch einmal, was sich
a hat. Nid

ir sahen, daß sich die Wissenschaft, das Recht, die
Poliut, die Silte, die Religion — die
Kunst durch die Aenderung der Produktionsverhältnisse
ändern, die selber wiederum durch die Entwicklung der
Technik geändert werden.

Wir fanden das an einer Reihe von ganz einfachen,
allgemein bekannten, aber sehr großzügigen Beispielen, die
Janze Klassen und Völker umfassen, bestätigt.

Selbstverständlich konnten wir nicht eine endlose Reihe
von Beweisen geben, und gewiß gibt es viele Abschnitte der
Geschichte, die, wenn sie uns zu einer historisch-materia—
sisuschen Erklärung vorgelegt würden, uns in Verlegen—
heit bringen würden, denn wir wissen nicht genug, um
Mes, was unseren Gegnern in den Sinn kommt, zu er⸗
klären. Aber gerade deshalb haben wir solche vielum—
fassende Beispiele genommen, weil, wenn sae in ihrem
großen Umfang zutreffen, die Richtigkeit der Theorie kaum
zu bezweifeln ist.

Außerdem ist der historische Materialismus von un—
seren Genossen, vor allem in, Deutschland, aber auch in
anderen Laudern, auf allen Gebieten der Geschichte mit
solchem glanzenden Erfolg angewandt worden, daß wir
ruhig sagen können: die Erfahrung hat die Richtigkeit
dieses Teiles der Marxschen Lehre bewiesen.

Wir haben weiter gesehen, daß der historische Materia—
lismus durchaus nicht als eine Form zu betrachten ist, in
die man die historischen Fragen nur hineinzupressen hat.
        <pb n="126" />
        — 124 —
Man muß mit dem Studium anfangen. Wenn man wissen
will, woher es kommt, daß eine Klasse, ein Volk in einer
bestimmten Weise denkt, dann sage man nicht: Wohlan,
die Produktionsweise war so und so, sie bewirkt also ein
solches Denken. Dann würde man oft betrogen sein, denn
oft erzeugt dieselbe Technik bei einem Volke ein ganz an—
deres Denken als bei dem anderen, wie sich denn auch ver—
schiedene Produktionsweisen bei verschiedenen Völkern auf
dieselbe Technik stüßen können. Auch andere Faktoren
müssen untersucht werden die politische Geschichte des Vol—
kes, das Klima, die geographische Lage, die alle neben der
Technik auch ihren Einfluß auf Produktionsweise und
Denken haben. Erst wenn man die anderen Faktoren
kennt, erst dann trilt der historische Materialismus, die
Wirkung der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse
in dieser Umgebung glänzend zutage

Wer die historischen Studien nicht machen kann, der
zebe sich mit der Betrachtung unserer eigenen Zeit zu—
rieden, mit dem Kampfe zwischen Kapual und Arbeit,
dessen Spiegelbild vor allem im Geiste der Abrester deut
lich sichtbar ist, und zu dessen Verstaͤndnis der Arbeler sich
durch gute Leklüre und das Besuchen guter Kurfe sehr wohl
emporarbeiten kann.

Wir haben weiter gesehen, daß die verschiedenen Be—
zirke des Geistes keine abgesperrten Raͤume sind Zusam⸗
men bilden sie e in Ganzes, alle wirken sie aufeinander,
die Politik auf die Oekonomie, die Sitte auf die Politik,
die Technik auf die Wissenschaft, und umgekehrt E gibt
eine Wechselwirkung, eine Ruckwirkung, ein selbständiges
Weiterleben des einmal aufgeblühlen geistigen Lebens.
Aber ihre Triebkraft ist die Arbeit, und die Kanale, in
welche die geistigen Ströme fließen, sind die Pobution—
verhältnisse

Auch die Tradition ist eine Macht, oft eine hemmende

Der ganze Prozeß ist, wie wir gesehen haben, ein
menschlicher Prozeß, der sich durch Menschen und
im Menschen vollzieht, das heißt also nich ein mecha⸗
nischer Prozeß. Wir haben wiederholt darauf hinweisen
können, daß die Grundlage alles Geschehens das mensch⸗
liche Bedürrfnis und die menschlichen Triebe sind,
der Trieb der Selbsterhaltung, der Fortpflanzungstrieb,
der soziale Trieb. Triebe und Bedürftuisse, das sind fsein
nurmechanischen, das sind auch geistige, das sind lebendige
Dinge s sud Gefuh de, ahso doch zaß chls feg
Mechanisches Wir sahen, daß nichts dͤmmer oder be
        <pb n="127" />
        räterischer ist, als den historischen Materialismus mit dem
mechanischen Materialismus zu verwechseln. Die Technik
selber ist nicht nur ein mechanischer, sie ist auch ein Denk—
prozeß.

Wir sahen auch, daß das große Mittel, dessen sich die
Natur zur Entwicklung des menschlichen Denkens bedient,
der Kampf, in unseren Tagen vor allem der Klassenkampf
ist. Wir sahen an zahlreichen Beispielen, daß die Technik
die Klassen in verschiedene Produklious und Eigentums—
verhältnisse versezt und daß dadurch ihre Ideen feindlich
aufeinanderstoßen; daß zwischen hnen ein Kampf um das
Eigentum entsteht, und damit zugleich ein deeller Kampf
um das Recht, die Politik, die Religion uswp daß der
materielle Sieg einer Klasse zugleich der Sieg ihrer
Ideen ist.

Das alles haben wir gesehen, und wir glauben ruhig
den Schluß ziehen zu können, daß das Deuken fortwäh—
rend wechselt, daß das Denken immer in Bewegung be—
griffen ist und daß es auf all diesen von uns behaundelten
Gebieten keine ewigen Wahrheiten gibt, daß das einzig
Ewige, Absolute, der Wechsel, die Entwicklung ist Vie
allerhöchsten, die herrlichsten, die scheinbar alles umfassen
den Ideen vergehen und machen Plaßt für oder besser
gehen über in neue Alle Ideen sind nur relativ wahr,
nämlich in Beziehung zu den Verhältnissen, in denen sie
lebten Mit den Geschlechtern der Menschen und ihren
Klassen sterben ihre Gedanken Die alte Lehre des Heraklei⸗
tos: Panta rei, alles strömt, lebt wieder auf Und das ist
gerade auch das Allgemeine, die große Wahrheit, die, wie
wir im Anfang sagten, sich, auch wenn wir sie nicht speziell
behandelten, gleichwohl aus unseren Ausführungen er—
geben würden

Der historische Materialismus, die Lehre der dialek
tischen Enlwicklung des Menschengeistes, ist ein Teil, viel⸗
leicht der für den Menschen wertvollste und best fundierte
Teil der großen Evolutionslehre, die auf das ganze Welt—
all angewandt werden kann. Diese lehrt, daß a es in
der Welt entsteht und bergeht, also sich bewegt und also
relativ ist, und daß deshalb über nischt s eine ewige
Wahrheit besteht.

Wie sollten wir auch die absolute Wahrheit kennen?
Unsere Sinnesorgane lehren uns die Außenwelt, unser
Geist sormt aus den Sinnesempfindungen, durch das
Wahrnehmen des Allgemeinen darin, die Wahrheit Aber
unsere Sinnesorgane sind nicht nur beschränkt, sie sind
        <pb n="128" />
        — 120

gewiß, gleich wie die Werkzeuge, durch welche wir die
Außenwelt kennen lernen, selbst auch in fortwährender Ent—
wicklung. Und auch die Außenwelt ist in Entwicklung. Und
neben diesem Inhalt unseres Geistes ist auch die Kraft un—
seres Geistes selbst, das Vermögen zur Abstraktion, in
Entwicklung begriffen. Wie könnte es dann eine absolute
oder ewige Wahrheit geben?

Man hat viel und lange gekämpft um die Quellen der
Wahrheit, der wahren Erkenntnis. Sind es angeborene
Ideen, Kaͤtegorien a priori, oder nur die Erfahrung? Eitler
Kampf! Allé Begriffe, sei es, daß sie a priori sind oder nur
aus der Erfahrung stammen, sind selbst vergänglich, in
Entwicklung begriffen, und beide Quellen also nicht ewig,
nicht absolut, nicht Quellen einer „reinen“ Erkenntnis.

Wir wollen hier diese Lehre der Veränderlichkeit, der
Relativität aller Dinge, noch mit einigen Beweisen aus
der allerletzten Zeit erhärten.

Die moderne Naturwissenschaft hat die Relativität
unendlich vieler Dinge, Formen, Bewegungen bewiesen.
Jede Bewegung, alle Bewegung hat sie als relativ gezeigt.
Es blieben in ihr aber noch immer einige absolute Größen
und Maße.

Newton glaubte an das Vorhandensein eines abso—
luten Raumes Und ebenso ist für ihn die Zeit eine absolute
Größe. Und bis in unsere Tage hinein sind seine Anschau—
ungen als ganz sicher betrachtet worden, namentlich seit
sie von Kant als Stützen einer Philosophie der Erkenntnis
gebraucht worden sind

„VBer absolute Raum bleibt vermöge seiner Natur
und ohne eine Beziehung auf einen äußeren Gegenstand
stets gleich und unbeweglich.“

„Die absolute, wahre und mathematische Zeit ver—
fließt an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und
ohne irgend eine Beziehung auf irgend einen äußeren
Gegenstand.“

So schrieb Newton in seinem grundlegenden Werk:
„Mathematische Grundlagen der Naturbetrachtung“
(1687), und dies ist seither allgemein als absolute Wahr—
heit angenommen worden. Und auch die Masse galt als
eine absolute Größe.

Nun hat Einstein nachgewiesen, daß Raum und Zeit
keine absolute, sondern relative Begriffe sind, deren Cha—
rakter und Maß sich mit den darin vorhandenen Gegen—
ständen und mit dem Bewegungszustand des Beobachters
ndern, so daß verschiedene Personen Entsernungen und
        <pb n="129" />
        — 177 —

—

Zeitabschnitte verschieden, und doch jeder für sich voll—
ommen richtig schäßzen. Und auch die Masse eines Kör—
pers ändert sich nach Einstein mit seiner Geschwindigkeit.

Die Einsteinsche Theorie, die neue Atomtheorie, die
neue Lehre des Weltalls bauen die Fundamente für die
kommende Weltanschauung, wie die Marxschen Theorien
sie schon so lange bauten

Alle diese Theorien bilden zusammen die Grundlage
dieser neuen kommenden Weltanschauung. Sie sind mit—
einander aufs engste verknüpft — Kein Wunder, denn
alle, die Einsteinsche, die Atom-, die Weltall- und die
Gesellschafts-Theorie kommen aus derselben Wurzel her—
vor, aus der Arbeit, der Technik, den Produktionskräften
dieser Uebergangsperiode vom Kapitalismus zum Kom—
munismus. *)

Diese neuen technischen Produktivkräfte und die neuen
ihnen entsprechenden Ideen bereiten zusammen die neue
Gesellschaft vor. —

Die neue kommunistische Ordnung und die ganze Welt—
anschauung, d. h. das ideelle Leben der reifen ausgewach—
senen kommunistischen Gesellschaft werden aus den sich
jetzt umwälzenden Produktionskräften und aus den sich
jeht umwälzenden Ideen emporwachsen.

Es scheint, daß Einstein der „Wahrheit“ sehr viel
näher gekommen ist als Newton, denn seine Beweise wer—
den von immer mehr Gelehrten als richtig anerkannt. Da—
durch daß seine Anschauungen sich in der Tat als richtig
herausstellen, sind auch die letzten Grundbegriffe der Na—
kur relativ, beweglich, veränderlich, d. h. lebend geworden.

Das soll dann nicht bedeuten, daß die Grundlagen der
Naturerkenntnis schwankend oder unsicher geworden sind.
Im Gegenteil, sie sind dann fester und sicherer gegründet
als je zuvor; die Erkenntnis ist tiefer geworden; nur der
alte Wahn der ewig-unveränderlichen, festgefrorenen
Grundformen der menschlichen Anschauung ist dann zurück—
gewiesen.

*) Die Einsteinsche Theorie beruht auf Beobachtungen in
Elektrody namit und Bput, die nur durch die Technik möglich
waren. Dasselbe gilt für die Atomtheorie und die
Ueber die Marxsche Gesebschaftstheorie braucht das nicht be—
— gesagt zu werden. Sie beruhen auf dem Ganzen der Groß⸗

ndustrie.

Ueber die Uebereinstimmung der Einsteinschen Relativttäts⸗
theorie mit der Lehre von Mart über den Histsrischen Materia⸗
usnus wird in Mem besonderen Auffatz von mir gehandelt
werden.
        <pb n="130" />
        —
128 —

——**

Und zu gleicher Zeit findet der Mensch jetzt auch in
anderen grundlegenen und für seine Weltanschauung aller
wichtigsten Fragen eine größere Festigkeit

Denn wie man weiß, ist man jetzt der Kenntnis des
Baues der Atome viel naͤher gekommen (Rutherford), und
auch der Bau des Weltalls wird viel klaret (Kapleyn)
Also den kleinen Teilen, aus denen alles zusammengeseht
ist, und dem Weltganzen ist man auf der Spur Und auch
Bau und Wachslum der Gesellschaft stehen ganz fest
(durch Marx). Ja, es mag scheinen, daß in derselben Zeit,
wo der Bau des Atoms und der Bau des Weltalls be—
kannt“ sein werden, auch der feste Bau der kommumistischen
Gesellschaft wie ein Brillant in der Wirklichkeit strahlen
wird. Dann wird wirklich die Welt klar, ductchsichtig und
herrlich sein!

Aus diesen Beispielen können wir sehen, daß Ver—
änderlichkeit und Festigkeit im Geiste zusammengehen

Die Festigkeit des Geistes besteht gerade in der Er—
keuntnis der Veränderlichkelt Die Veraͤnderlichkeit st das
Vleibende, Beherrschende All unsere Wissenschaft und ihr⸗
Grundbegriffe sind dem stetigen Wandel, der unaufhalt
samen Entwicklung, der jedesmaligen Erneuerung und Ver—
vpollkommnung unterworfen Auch unsere heutigen Au—
schauungen über Raum und Zeit, über Mom und Wellall
sind keine ewigen, endgültigen Wahrheiten, sondern wer—
den sich später zu noch vollkommeneren Wahrhesten um—
ändern, so wie auch die Gesellschaft sich zu mmer neuen
Formen weiter entwickeln wird —

Der historische Malerialismus also ist ein Teil der
großen Entwicklungslehre, der Lehre der vollkommenen
Relativität aller Dinge, wozu auch alle anderen Wissen⸗
schaften immer mehr kommen Marx i bis jetzt der größte
Verkünder dieser Lehre.

Sie ist nur zu einem kleinen Teile ausgearbeitet Ihre
ersten Entwicklungen sind nur noch in ihrein Aufang G
wiß wird sie noch eine sehr große Blüte erreichen

Sie ist selbst die Frucht unserer gesellschaftlichen Pro—
duktionskräfte und verhältnisse Legen diese doch die
tur und die Gesellschaft in nie geahntem Maße bloß sind
diese doch auch selbst in fortwährender, mie so flarf gewe⸗
sener Entwicklung. Kein Wunder, daß sie diese Sehte
zeugt haben!

Die zukünftige kommunistische Gesellschaft, die jetzt so
nahe ist, die wir schon fast sehen, wird geldiß diese Lehre
zur Vollko amenheit bringen, weil sie die Podull otale
        <pb n="131" />
        —— —

ins Unendliche steigert. Bis auch diese Wissenschaft sich in
eine noch viel umfassendere, tiefere iser “e —
neue, höhere umändert, von der wir jetzt natürlich keine
Annn e können.

leßgen lehrt uns, daß das Allgemeine, daß der Gei
über das Wahrgenommene denkt, “ Wahrhen * den
Diese Wahrheit ist nicht ewig und üicht absolut, sie
lann es nicht sein, weil die wahrgenommenen Dinge nicht
ewig sind, und weil unser Geist, unser Verstand nicht ewig
und nicht absolut ist. Sie ist also relatid, ste ist zeitlich, se
ist die seiende.

Der Leser wird bemerkt haben, daß wir dieses Resultat
nicht als ein voraus festgesetztes Dogma gegeben haben
sondern als ein Ergebnis der Taffaͤchen der utacen
historischen Erfahrung.
Die Kraft der Wahrheit.
Wir haben jedoch diese Auseinandersetzungen keines—
wegs gegeben, um die Arbeiter zu Philosophen qu
machen. Es hat gewiß seinen überaus großen Werl, weun
der Leser einsieht, daß der Geist, wie alle Diuge, ein wer—
den des, kein absolutes Ding ist; mag diese Einsicht auch,
als philosophische Wahrheit, eine überaus erfolgreiche Wir⸗
kung auf seineen Geist haben, so bleibt sie doch sur uns in
diesem Büchlein immer nur ein Nebenresultat

Wir steckten uns ein anderes Ziel, wir wollten die Ar—
beiter zu Käm pfern machen. Und zu Siegern Wah—
rend sie diese Ausführungen aufmerksam lasen, müssen sie
gewiß ihre innere Kraft haben wachsen fühlen

Deun was ergibt sich aus unserer Lehre und unseren
Beispielen?

Wenn die Technik sich derart andert, daß sie aus einer
unbedeutenden Klasse eine mächtige, aus einer Sklabin eine
Kaͤmpferin macht, dann müssen auch die Jdeen diefer Klafs⸗
aus unbedeutenden zu mächtigen, aus stlavischen zu erha—
benen werden Und wenn die Technik schließlich diefe Klasse
zur Siegerin macht, müssen ihre Ideen am Eude auch die
einzigwahren werden

Nalurlich nicht die absolut, sondern die relativ wahren.

Unsere Wsicht war, der Mbeiterklasse das Selbsther⸗
trauen zu geben, daß sie diese, die einzig mögliche Wahr—
heit besitz, das Selbstvertrauen also auf ihren Geist.

Die Technik bringt der Arbeiterklasse die Herrschaft
über die Erde. Sie macht die proletarische Klasse zahlreich
wie den Sand am Meer; sie organisiert sie, sie drängt sie
        <pb n="132" />
        — 130 —

— Aã— ——

zum Kampfe, sie macht sie geistig, moralisch und materiell
zur mächtigsten Klasse. Die alten Produktionsverhältnisse,
der Privatbesitz sind für die moderne Arbeit zu eng ge⸗
worden; die Arbeit ist gesellschaftlich geworden; nur dei
gesellschaftlichem Besitz kann sie verrichtet werden um sich
frei entfalten Die in den Ueberresten des Kleinbetriebs,
in Altiengsellschaften und Trusts eingeengte Technik for⸗
dert gemeinschaftlichen Besiß, um ihre Fluͤgel überall un—
gehindert ausbreiten zu können. Sie wull nicht bald künst⸗
lich aufgepeitscht, bald eingedämmt werden. Und die A—
beiter werden schließlich die Technik und die Produktions⸗
verhältnisse nach ihrem Willen äinrichten, gerade deshalb,
weil die Technik sie zur mächtigsten Klasse macht und hr
Willen die Forderung der Technik ausdruckt.

Ja, sie tun das schon jetzt durch die Revolution.

Aber deshalb sind auch die auf dieser Ueberzeugung
beruhenden Ideen der Arbeiter, insofern sie darauf
heruhen, alle wahr. Denn wenn die Wirklichkeit den M
beitern recht gibt und der Besitz an den Produktionsmitteln
gemeinschaftlich wird, dann sind auch alle hre darauf hin
zielenden Ideen, in so fern sie darauf hinzielen, richtig,
und die ihrer Geguner, die das nicht wollen, unrichtig
Wenn einmal der Grund und Boden und die Maschinen
allen gehören, dann ist es Recht, daß dem so ist, und die
Auffassung derer, die das wollten, ex wies sich als wahr
je mehr sich die Wirklichkeit diesem Zustand uahert, um so
wahrexund, richtiger ist die Idee des Proletariats
über Recht, um so falscher, um so meht mit der Wirklichke
im Widerspruch die Auffassung ihrer Gegner. Und so steht
es auch mit ihrer Politik. Wenn die Ärbeiter durch die
Technik zur stärksten Klasse au Zahl, an Organisatione, an
materieller Kraft werden müssen, dann sind hre politischen
Anschauungen, die das zum Ausdruck bringen, auch wahr,
und die der Gegner, die sich dem widerseben, falsch

Wenn der Sozialismus der Arbeiterklasse eine Forde—
rung der Technik ist, wenn ohne ihn die Produktion sich
nicht weiter entwickeln kann, sondern zum Stillstand kom—
men oder den größten Teil der Menschheit zur Sklaberei
und Untergang führen muß, wie sich jetzt, 1921, schon
deutlich herausstellt, dann ist auch die Sutlichkeit des Pro—
letariats, insofern sie sich auf dieses Ziel bezieht, die
richtige.

Weil der Sozialismus nur durch die gesellschaftliche
Entwicklung der Produktivkräfte und durch die Beherr⸗
schung der Naturkräfte kommen kann, weil die Krafte der
        <pb n="133" />
        ————— —

— J

— 1—

Natur und der Gesellschaft von der Arbeiterklasse begriffen
werden, dann hat sie auch recht, nichts Uebernatürliches
mehr anzuerkennen, wofür dann ja auch jeder Grund fehlt
dann sind all ihre Gegner, die einer Religion anhangen,
im Aberglauben befangen.

Und so ist es auf jedem Gebiet: die Entwicklung der
Technik bewirkt, daß eine Klasse nicht nur materiell, son—
dern auch geistig auf- oder absteigt. Wenn die Verhälknisse,
die eine Klasse will, zur Wirklichkeit werden, dann werden
auch ihre Gedanken, womit sie will, wahr. Kein Wunder,
denn der Gedanke ist ja nur Theorie, die Betrachtung, das
Zusammenfassen der Wirklichkeit in einen allgemeinen
Begriff.

Die soziale Revolution, deren Anfang wir jeßtzt er—
leben, macht also alle die Gedanken des Proletariats zur
Wahrheit.

Freilich, nicht zur absoluten. Denn auch die Arbeiter
sind nur Menschen, deren Sinnesorgane und deren Geist
keine vollkommene Wahrheit geben Auch sie sehen die Welt,
die Gesellschaft nur von einem bestimmten Punkte unter
einem bestimmten Winkel. Aber sie sehen sie besser, wahrer
als alle anderen Menschen.

Und deshalb haben wir den historischen Materialis
mus mit aller Kraft, die uns innewohut, den Arbeitern
klarzumachen gesucht. Denn im Geiste des Proletariats
muß die Kraft der Wahrheit leben.

Die Kraft des Individuums
Und dieser letzte Satz führt uns nun von selbst zu
einem guten Schlusse: Im Geist des Proletariats soll die
Kraft der Wahrheit leben

Gewiß, die Technik treibt zum Sozialismus. Wir
werden von der Technik zum Sozialismus getrieben. Wir
machen die Geschichte n icht aus freien Stücken

Die Mbeit wird gesellschaftlich“ „Die Produktions—
verhaͤltnisse müssen sozialistisch werden.“ „Die Eigentums
derhaältnisse fordern Vergesellschaftlichung.“

Gewiß. Die gesellschaftliche Materie ist mächtiger als
der Geist des Individuums. Das Individuum muß
folgen, wohin sie führt.

Aber — die Technik ist aus Maschinen und Men—
schen zusammengesetzt. Atbeit bedeutet in der Produktion
fich betäktigende Menschenhände, Menschengehirne und
Menschenherzen. Die Eigentumsverhältnisse sind jetzt Ver—
haltuisse vbon Eigentümern und Nichteigentümern—
        <pb n="134" />
        123
Nochmals: der Prozeß ist ein lebendiger Prozeß. Die
gesellschaftliche Macht, die ung treibt, ist kein totes Fatum,
kein ungefüglger Klumpen Materie Sa ist die Gesellschaft,
sie ist eine lebendige Kraft.

Freilich, wir m ü ssen in der Richtung gehen, die
sie geht. Der Arbeitsprozeß treibt uns ucne Richtung,
die wir nicht selber bestimmen Wir machen die Geschichte
nmicht ausfreien Stücken

Aber wir machen sie.

Ihr Arbeiter, ihr seid nicht vom blinden Schicksal,
sondern von der lebenden Gesellschaft dazu bestimmt, den
Sozialismus zu bringen

Ihr als Klasse bonnt nicht anders. Ihr müßt höhere
Wohlfahrt, ein glucklicheres Leben, mehr Ruhe wollen. Ihr
müßt euch orgastisieren Ihr müßt den Staͤat bekampfen,
ihr müßt die politische Macht erobern, ihr můßt den Kapi⸗
talismus vernichten und den Kommunismus errichten. Die
Produktion, die lebendige Arben will

Aber hängt es dann nicht auch von euch persönlich ab,
wise rasch, wie gut, wie rich tig es sich vollzieht?
Ist es nicht gerade deshalb, weil ihr als Ibenude Macht
es tun müßt, daß es von euch, lebenden Individuen, lebeu⸗
den Männern, Frauen und Kindern abhängt, nicht da ß
sondern wise es gehen wirdꝰ

Es hängt von eurem Geiste ab

Körperlich kräftige, geistig starke Proletarier werden
das Herrlichste, das Größte, was die Welt je sah, besser
vollbringen als schwache

Wir führten schon an, daß die Entwicklung der Ar—
beiterklasse, der sogalen Rebolution abhängt von jedem
individuellen Arbeiter, Jeder Mensch hat seine éigene
eigentümliche Begabung. Von der persönlichen geistigen
Kraft jedes Ind vidnuüms hängt der Kampf gegen den
Kapitalismus ab

Der Kommunismus will darum diese persönlichen
Kräfte der Arbeiterklasse zur höchsten Potenz eutwickelu

In der Gesellschaft der Zukuuft wird der höchste Kom⸗
munismus zusammengehen mit dem höchsten Individu⸗
alismus. Das vollkommene Wachstum der ind biduellen
Begabungen eines jeden, seiner natürlichen Anlagen, wird
die Frucht und der Boden sein des Kommunismus Der
von der Bourgeoisie erreichte Individualismus wird u
total neuer, mit Kommunsmus zusammengehender und
daraus wachsender Form auferstehen. Jedes Mitglied der

Kommune wird zu gleicher Zeit das höchst selbständige,
        <pb n="135" />
        — 133 7

eigentümlich⸗ absonderliche Individuum sein, mit freier
eigentümlicher Entwicklung, In Sitte, Wissenschaft, Atbeit
und Kunst. Die höchste Zusammenarbeit und Disziplin
werden die Wurzel sein der höchsten Entfaltung der digen—
tümlichen Kräfte eines jeden. So will der Konmunimus
auch jetzt schon, jetzt, da die soziale Revolution naher kommt,
die Kräfte jedes Arbeiters zur Entfaltung bringen für und
in dem Kampf der Massen, des ganzen Proletariats

Das Problem der Revolution in WestEuropa und
Nord⸗Amerika liegt eben hier.

Von seiner Lösung hängt die Rebolution vom Kapi⸗
talismus zum Kommunismus ab

Arbeiter, die Revolution hängt also von eurem indi—
viduellen Geiste ab —

Es ist ein eigentümlich Ding um den Geist. Das ge—
sellschaftliche Sein beherrscht ihn derart, daß er feige, matt,
zu Tode erschöpft werden kann, daß er keine eigene Bewe
gung mehr hat.

Laß aher die Technik ihn wecken, daß sie ihm am Hori⸗
zont einen Lichtpunkt zeigen, ein Glück, ein Ziel. Laß einer
Klasse durch das gesellschaftliche Sein den Sieg winken,
dann wird der Geist des Mitglieds dieser Klasse zu einem
Ding, das sich in Bewegung seßt; dann wird e entflammt,
dann lebt und strebt und wirkt er, dann wird das Wou
zur Wahrheit, daß der Geist den Körper beherrscht Dann
wird der Geist mehr als der Körper; mag auch der Körper
schwach, unterernährt, blutarm sein, in tausend Noͤten und
Sorgen, der Geist wird mächtig, der Geist wird frei

Arbeiter, Genosse, dir sei es gesagt, dein Geist kann
jetzt schon, unter dem Kapitalismus, frei werden. Der Pro—
duktionsprozeß kann dich jetzt schon geistig frei machen Du
kannst dich bvom geistigen Sklavenjoch der Bourgebisie be—
freien. Der historische Materialismus lehrt dich den Zu—
sammenhang bon Natur und Menschen Er lehrt dich, daß
die Zeit nahe ist, in der die Menschweit micht blos die Na—
tur, sondern auch sich selber beherrschen wird Er lehrt dich,
daß du dazu berufen bist, diese Zeit herbe zuführen Wer
das versteht und nach diesem Verständnis handelt, der ist
geistig frei Nur der kann mit seiner indivi—
duellen Kraft am besten dazu mithelfen,
daß seine Klasse die neue Gesellschaft
erreicht.
Der Geist muß revolutioniert werden. Das Vorurteil,
die Feigheit müssen ausgerottet werden Geistige Propa—
        <pb n="136" />
        ganda, das ist das Allerwichtigste. Wissen, geistige Macht
ist das Allererste, das Allernotwendigste

Wissen allein schafft eine gute Organisation, die rich—
tige Politik, die richtige Taktik zum Siege.

Wohlan, der schwere Kampf der Rebolution kann nur
gekämpft, der Sozialismus nur erreicht werden von
geistig Kraftvollen, die sich geistig befreit haben

urd den eigenen Geist und dann den Geist seiner
Kameraden stark und frei machen, darin besteht die große,
die einzige Kraft des Individuums, durch die es de Zu⸗
kunft rasch herbeiführen kann.

Versucht es, Arbeiter, Genossen. Schöpft aus der
Entwicklung der Produttipkraäfte die ihr vor Augen, ja in
euren Händen habt, das, was für euch darin zu finden ist:
die neue Wahrheit, die sozialistische Weltanschauung. Und
propagiert sie!

Berichtigung.

Im Vorwort ist hesagt daß Hermann Gorter seine
Ergänzungen über die eligion und die Einstein'sche
Theorie 1928 geschrieben habee Das ist ein Druckfehler.
Sie sind 1926 geschrieben. Genosse Gorter ist bereus 1027
gestorben.
        <pb n="137" />
        185

Verzeichnis der schwierigen Fremowoörter

Abstraktion — Gewinnung eines ichti i
— aus konkreten s. ee

Akkumulation — Anhäufung, Ansammlung

antagonistisch — feindlich, gegnerisch

a priori — das logische Schließen aus Vernunftsgründen

Atome — kleinstes Teilchen

Basis — Grundlage einer Sache

chauvinistisch — übertrieben patriotisch

Despoten Srücksichtslose Gewaltherrscher

Dialektik — Lehre von der Bewegung des Denkens

Dimension — Ausdehnung, Umfang

Dogma — Glaubenssatz

Dynamik Lehre von der Kraft

Empyreum — der Feuerhimmel, Sitz od. Wohnung der
Seligen

Ethik Sittenlehre

Fatum das Schicksal, Verhängnis

Hierarchie — ursprungliche Priesterherrschaft, feste Rang—
ordnung des staatlichen Beamtentums

historisch geschichtlich

Ideologie — die Vorstellungs⸗ und Gedankenwelt eines
einzelnen oder auch einer Klasse

Imperialismus — Streben nach der Weltherrschaft

Instinkt — natürlicher unbewußter Antrieb, Naturtrieb

Kartell — in der Industrie Vereinigung von Firmen des—
selben Produktionszweiges zw Vereinheitlichung
der Asatzbedingungen und Eindämmung der Kon⸗
kurrenz

Kaͤtegorie — Gattung, Klasse

kategorischer Imperativ — unbedingtes Vernunftsgebot

kausal —ursächlich

Kommune — die Stadt; die revolutionäre, sozialistisch
beeinflußte Bewegung der Pariser Arbeiter 1871
        <pb n="138" />
        — 136 —
Konjunktur Geschäfts⸗, Wirtschaftslage
konkret — sinnlich, faßbar, körperlich, wirklich (Gegensatz:
abstrakt)
konstant — beständig, unveränderlich
Krise S aus der Ueberproduktion entstehende Störung des
regelmäßigen Ganges der Produktion iud des Ab
sahes, Wendepunkt, schwierige Lage
Manufaktur — Werkstätten der stoffveredelnden Hand⸗
arbeit vor Einführung der Maschine
Nehr Inr körperliche Stoff, Urstoff, Inhalt, Gegen—
tan
Materialismus —Lehre, welche jedes selbständige Bestehen
des Geistes leugnet, alles geistige Leben als eine
bloße Wirkung der Materie betrachtet
materialistische Geschichtsauffassung — Zurückführung
aller Geschichte, auch der geistigen Bewegung, auf
wirtschaftliche Veränderungen und auf die Klas
senkaͤmpfe
Mechanik — Wissenschaft von den Gesetzen, Kräften und
Hilfsmitteln der Bewegung und de Gleichgewichts
Körper, die Bewehungs umd Gleichgewichts⸗
ehre
metaphysisch — übersinnlich
Molluske (Welt⸗) — Weichtier
Monopol —Ausschluß jeder Konkurrenz
Monotheismus Verehrung eines einzigen Gottes
mystisch — geheimnisvoll, dunkel, verborgen
Negation Verneinung, Ablehnung
ODekonomie — Wirtschaftskunde, Haushaltungs⸗ oder
Landwirtschaftswissenschafl, NRaliptalotomie
Volkswirtschaft
Parasit — Schmaroher
Pathos —Leidenschaft, Gemütsbewegung
Philantropie Menschenfreundlichkeit
Potenz —Macht, Gewalt, Kraft, Stärke
praehistorisch — vorgeschichtlich
Produktion Warenerzeugung; produktiß schöpferisch,
fruchtbar
progressid — fortschreitend, stufenmäßig
Realität — Wirklichkeit
Reflex Widerschein, Spiegelung

———
        <pb n="139" />
        ——137 —
relativ — verhältnismäßig; Relativität — Bezüglichkeit

Reproduktion — Wiedergabe, Vervielfältigung

Rhetorik — Redekunst

Stoizismus —⸗ Gleichmutslehre

Struktur — Aufbau, Schichtung, Zusammenhang

Syndikat — Firmenverband, Handelsring

Theorie S wissenschaftliche Betrachtung, die Lehre (Ent—
gegen Praxis)

These — Leitsatz, Lehrsatz, bes ein zu beweisender Satz

Trust S höchste Ausbildung der Unternehmervereinigung
in der Produktion

Ueberproduktion — mehr Angebot als Nachfrage. Folgen⸗
Krisen, s. d.

Zeremonien — feierliche Handlungen

Zynismus — Schamlosigkeit, Roheit

AF
        <pb n="140" />
        Eine weitere Arbeit von Hermann Gorter,
ist die bereits früher in deutscher Sprache
erschienene Schrift
ssener

fFaan
7
en Genossen Lenin

(Eine Antwort auf Lenins Broschüre:
„Der Radikalismus eine Kinderkrankheit
des Kommunismus“)

88 Seiten stark, brosch Mk. 050

Zu beziehen durch den Verlag:
Buchhandlung für Axbeiterliteratur
Derlag —— Sortiment A
Berlin 69 36, Lausitzer Platß 13
        <pb n="141" />
        —A
und
Organtsationsstatut
der
Komm. Arbeiter-Partei Deutschlands
Das Programm der KAP., eine gutausgestattete VBroschüre
von 48 Seiten, ist eine großzügige marrxistische Analyse des
Weltkapitalismus und der Weltarbeiterbewegung. Aus den
stlassenkümpfen des Proletariats sind die Erfahrungen zu⸗
sammengeschweißt zu einer scharfen geistigen Waffe zur
Niederringung der bürgerlichen Welt und zu einem geistigen
Rüstzeug für den Aufbau des Kommunismus. Da— Buch
dürfte in keiner Bibliothek eines denkenden Arbeiters fehlen.
Preis 50 Pfennig.
Die Theorie und die Politik der
3. Internationale und ihrer deutschen Sektion sind für das
Internationale Proletariat eine Fundgrube wichtigster Er—
jahrungen. Deshalb wurde eine Zusammenstellung der
wichtigsten Aeußerungen der APD.-Politik zu einem prak⸗
tischen Bedürsnis. Die Buchhandlung für Arbeiterliteratur,
die diesem Bedürfnis Rechnung getragen hat, gab unter dem
Titel: Die
KPD. im eigenen Spiegel

ein außerordentlich wertvolles geschichtliches Sammel⸗ und
Nachschlagwerk heraus. Die 176 Seiten starke Broschüre
bietet außerdem genügend Raum für besondere Notizen und
lostet broschiert M. 0,75, gebunden Mk. 1,75. Sie ist keine
Lektüre im üblichen Sinne, sie

ist eine Quelle zur Orientierung
über die theoretische, taltische, politische und organisatorische
Entwicklung der Komintern und ihrer deutschen Sektion. Die
Broschüre gehört in die Hand eines jeden klassenbewußten
Arbeiters.

——— *

Buchhondlunq für Arbeiterliterotur
Verlin SO 36, Lausitzer Platz 13
Verlag — Sortiment —

Antiquariat
        <pb n="142" />
        Kommumnistische
Axrbheiter⸗Zeitung

Organ der Kommunistischen Arbeiter⸗Partei
Deutschlands, erscheint wöchentlich. Die „K. A. g.“
beleuchtet alle politischen Fragen grundsätzlich vom
Standpunkt des revolutivnüren Marxismus und
zeigt die Heerstraße des proletarischen Klassen—
kampfes. Sie liefert dem Proletariat das wissen⸗
schaftliche Rüstzeug zu seinem Kampf und Sieg.

Bestellungen nimmt jede Postanstalt entgegen.
Probenummern kostenlos. Streifband⸗Abonnenten
beziehen durch die

Budhandiune
ür Arbeitereratur
Bern SO 36, Lausitzer Platæ 13
Postscheckkonto: Berlin Nwe82 842
        <pb n="143" />
        Unenthehrliche
hiteratur für das
Grundwissen der Arbeiterklosse

Balabanoff, Erziehung der Massen zum Marxismus
kart. 2,50, geb 8,50
Bienstock, Einführung in die Weltwirtschaft
kart. 250, geb 3,50
Engels, Herrn Dührings Umwälzung der Wissen—
schaft geb 5
Grundsätze des Kommunismus kart. 0,90
Der deutsche Bauernkrieg kart 2
LFeuerbach und der Ausgang der klassischen
Philosophie lein. geb. 2,50
Liebknecht, Reden und Auffätze geb. 450
Karl Liebknechts politischer Nachlaß geb 20
K. Liebknecht, Klassenkampf gegen den Krieg brosch. 0,50
Das Zuchthausurteil gegen Karl Liebknecht brosch. 0,60
Luxemburg, Rede zum Programm brosch. 0,25
— Sozialreform od. Revolution brosch. 0,40
Lenin, Staat und Revolution brosch. 1320
Lenin⸗Sinowjew, Gegen den Strom kart 4geb. 5,—
Marx, Klassenkämpfe in Frankreich brosch. 0,60
Der 18. Brumaire des B Bonaparte geb. 8
Das kommunistische Manifest brosch. 0,80
Engels Programmkritiken brosch. 1,20

Zu beziehen durch die
Buchhandlung für Arbeiterliteratur
Berlin 69 36, Lausitzer Platz 13
Postscheckkonto: Berlin NW82842
        <pb n="144" />
        rreidenber⸗
biferotfur
Der Pfaffenspiegel halbl. geb. 3,
Der Pfaffenspiegel ganzl. geb. 5,
Die Geißler ganzl. geb. 5,—
Die Kirche in der Karikatur ganzl. geb. 3,—
400 Jahre Schindluder ganzl. geb. 5,—
Die Geheimnisse der Inquisition gunzl. geb 4
Die Klöster der Christenheit halbl. geb. 4
Wider die Psaffenherrschaft (2 Bd) halbl. 8
Blut und Eisen (2 Bd.) halbl. geb. 8,—
Thron und Altar ohne Schminke kart. 1,50, halbl. 2
Die Ketzerbibel halbl. geb 2
Geschichte der Religionen (4 Bdy) geb. 3,80
Kommunismus und Christentum leinen geb. 3
Das Kirchentum leinen geb. 2,50
Freidenkertum brosch. 1
Die proletarische Freidenlerbewegung brosch. 0,60
Himmel⸗ Fimmel brosch. 0,30

—

Zu beziehen per Nachnahme oder Voreinsendung
des Betrages durch die
Buchhandlung für Arbeiter- hiteratur
Berlin 50 36, hausitzer Plaotz 13
Postscheckkonto: Berlin NWe82842
        <pb n="145" />
        Empfehlenswerte
Romdne, Eræahlungen
und JAugendschriften:
Babel, Reiterarmee kart 3,50, lein. geb 5,50
A. Berkmann, Die Tat kart. 6lein geb 8
Wera Figner, Nacht über Rußland lein. geb 8
Grusdew, Das Leben Gorkis kart. 8, , lein. geb 5,
M. Gorki, Erinnerungen kart 32lein geb 8

— Die Mutter kart. 3,lbein geb 5
Gladgow, Zement lein geb 5—
Frank Harris, Die Bombe lein geb 5
Kollontay, Wege der Liebe 3,50, lein. geb. 6,50
Kanehl, Straße frei, Neue Gedichte kart 1
Jack London, Die Eiserne Ferse lein. geb. 4,80
Putz, Die Insel der Nackten lein. geb. 4,50
Schweichel, Um die Freiheit lein geb 8
Tolstoi jeder Band lein. geb. 3,80
Welle⸗Strand, Möwenjunge ein geb 3
Hodann, Bub und Mädel kart. 260, geb. 420
Siemsen, Das Buch der Mädel geb. 2,50
Das freie Jugendbuch geb. 2,60
Friedrich, Proletarischer Kindergarten geb. 3
Gute Märchen- und Bilderbücher in billigen Preislagen.

Zu beziehen durch die
Buchhandlung für Axheiterliteratur
Bexlin 60 36, Lausitzer Platz 13
Postscheckkonto: Berlin NWe82 842
        <pb n="146" />
        hruckerei für Arbeéeiterliteratur, Wy Iszdonat, Berlin 0 17, Langestr. 70

ααα ανα

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        <pb n="147" />
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        <pb n="148" />
        7
790
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2

J

1198

— —
— 2

neue Technik, Wissenschaft und Kunst hat
vorigen in sich, sogar der ältesten. Die
iltur ist das Werk der ganzen Menschheit, die
nicht nur aus allen vorigen hervor, sondern
n ist etwas von der altesten bewahrt. Sehr
etzgen: „Was die Geschichte ans Tageslicht
celt sich historisch wächst und vergeht, um in
n ewig weiter zu leben⸗ ———
id Politik jedoch werden einmal, wie wir
inden, die Religion ist eine Wahnvorstellung
eit, Kunst nur eine Nachbildung von ——
eit, das heißt also, die Technik und die Wis—
bleibend und reeft
esteht in der Techmt uͤnd in der Wissenschaft,
esehen, ein ewiger Fortschritt, ein immer tie⸗
und ein immer höheres Steigen, eine immer
reitung, weil alles/ was sie gaben, von den
raucht wird zum Neuen Auf diesen zwei Ge⸗
ist eine endlose Entwicklung.
Bemern
len diesen Teil beenden mit einigen Sätzen
bost, in welchen er un seinem immer bis zur
dringenden Geiste das Wesen der Religion
fang jeder Kritik der Religion lautet: Gott
In Menschen, sondern der Mensch schuf die

*
7

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2

2
39

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9

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—39

2
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O
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——

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2
8

D
60

0

—53

fhebung der Religion als des illusorischen
Lolkes ist die Fotderung seines wirklichen
Forderung, die Illufivn übet seinem Zustand
st die Forderung cuen Zustand aufzugeben,
onen bedarf. Die Kritik der Religion ist also
Lritik des Jammertales, dessen Heiligenschein

ii

eligion ist das Selbstbewußtsein und das
des Menschen, der sich selbste ntweder m

mn oder schon wieder becloren hat
ligion ist nur die illusorische Sonne, die sich
schen bewegt, solange er sich aicht um i6
1
5
itik der Religion endet mit der Lehre, daß
as höchste Wesen für den Menschen sen als⸗
zorischen Imperatid, alle Verhallnmisse Umzu—
nen der Mensch ein erniedrigles, ein geknech—
lassenes, ein verächtliches Wesen ist“

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7—
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