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        <title>Wege zur Rationalisierung</title>
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        Frankfurter Zeitung
und Handelsblatt
Täglich 3 Ausgaben - 6 regelmäßige Beilagen
DAS TECHNISCHE BLATT
beschreibt populär und kritisch beurteilend
Fortschritte auf allen Gebieten der Technik
und vermittelt die Kenntnis der neuesten
Erzeugnisse der großen Industriefirmen.
BADER-BLATT
Bedeutende Schriftsteller erzählen ‚von
ihren Reiseeindrücken. Vorschläge für Rei-
zen zu Wasser und zu Lande, Ausführliche
Angaben über führende Hotels aller Länder.
FRAU

Die Tiefdruckbeilage ist den schönen und
wertvollen Dingen von Kunst und Mode
gewidmet,

DER SPORT

dient dem lebendigen Interesse aller mo-
dernen Sportbetätigung, Er bringt schnell
und zuverlässig die neuesten Ergebnisse
aller wichtigen in- und ausländischen Sport-
zeranstaltungen.

FÜR DIE

FÜR HOCHSCHULE UND JUGEND
Bekannte Hochschullehrer und Führer der
Jugendbewegung berichten über aktuelle
akademische Fragen und die Entwicklung
der neuen Jugendbestrebungen,

LITERATURBLATT
ist ein Spiegel der gesamten wissenschaft-
lichen und schöngeistigen Buchproduktion
des In- und Auslandes. Bibliographie der
Neuerscheinungen,

Preis monatlich Mk. 6.— zuzüglich Bestellgeld
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        ‚wege Ze.
Rationalisierung

Sonderabdruck aus der
Irankfurter Zeitung

Frankfurt am Main 1927
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DRUCK DER FRANKFURTER SOCIETÄTS-DRUCKEREI G., M, B, H.,, FRANKFURT AM MAIN
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        INHALT
VORWORT . .. „$
RATIONALISIERUNG KLEINER UND MITTLERER BETRIEBE
VON PROF, DR.-ING, HEIDEBROEK (DARMSTADT) . . .. ‚7
RATIONALISIERUNG DES BAUWESENS / von STADTRAT ERNST
MAY (FRANKFURT AM MAIN). . . . . : = 33
BETRIEBSRATIONALISIERUNG AUF PSYCHOTECHNISCHER
GRUNDLAGE / von PROF, DR. W. MOEDE (BERLIN] . . . . 19
ARBEITSPHYSIOLOGIE UND RATIONALISIERUNG / von ProF.
DR, EDGAR ATZLER (BERLIN). . 20.000000... . 26
RATIONALISIERUNG DES DETAILHANDELS / von ALFRED
LEONHARD TIETZ (KÖLN) + 2 HM
RATIONALISIERUNG DER LANDWIRTSCHAFT / von x.
SCHNEIDER-KLEEBERG (NIEDERWALLUF)] , . 0. 0.0.0.0.0.. 37
RATIONALISIERUNG DES BÜROBETRIEBES / von DR. HE.
HALBERSTAEDTER (UNIVERSITÄT KÖLN) . . 2... .. 44
RATIONALISIERUNG IM BUCHGEWERBE UND IM BUCH-
HANDEL / vON DR. WALTHER LOHMEYER (ZÜRICH) . . , . 49
RATIONALISIERUNG IM GROSSHANDEL / VON DR. LEON
ZEITLIN, M, D. R. W. R. (BERLIN). , . . ‚0. 56
RATIONALISIERUNG IM HANDWERK / VON OBER-REGIERUNGS-
RAT WALTER BUCCERIUS (KARLSRUHE) . ........ 61
EIN PRAKTISCHER VERSUCH UND SEIN ERTRAG / VON DR.-
ING, HERMANN HAEBERLE (GÖPPINGEN]}] . . . 1000... 67
INTERNATIONALE NORMUNG UND RATIONALISIERUNG
VON DR.-ING, OTTO KIENZLE (BERLIN-SÜDENDE) . ..... 74
RATIONALISIERUNG DES HAUSHALTS / von DR. ERNA MEYER
(MÜNCHEN). . .. 0.0. 78
ARBEIT UND ERMÜDUNG, RATIONALISIERUNG ALS MEDIZINISCHE
AUFGABE / VON DR. HEINRICH BRIEGER [MARBURG A. L.). . . 84
ORGANISATION DER RATIONALISIERUNGS - BEWEGUNG
VON HE. HINNENTHAL {BERLIN] . . . . „88
        <pb n="7" />
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        VO RW ORT
Die Parole „Rationalisierung‘ ist in aller Munde, aber
man konnte manchmal das Gefühl haben, daß diese Parole
für viele schon wieder zum Schlagwort abgenutzt und
entleert zu werden droht, das sie dann wegwerfen, ohne
wirklich etwas Ernsthaftes dafür versucht zu haben, Von
diesen vielen wird das Wort zerredet, nicht zur Tat ge-
macht, Andere, nicht minder zahlreiche aber stehen ihm
hilflos gegenüber. Sie möchten gerne rationalisieren, aber
sie wissen nicht, wie und wo sie anfangen sollen,

Daran mitzuhelfen, daß eine vernünftige Rationa-
lisierung in der deutschen Wirtschaft in einer vernünftigen
und ihr ökonomisch und sozial gemäßen Form zur Wirk-
lichkeit wird, erschien darum als eine Aufgabe von hoher
Wichtigkeit, Die Redaktion der „Frankfurter Zeitung‘ hat
sich zu diesem Zweck im Frühjahr 1926 an eine Reihe
erster Autoritäten auf den verschiedenen in Betracht
kommenden Gebieten gewandt, um sie zu bitten, aus ihrem
Arbeitsfeld dasjenige in der „Frankfurter Zeitung“ zu
sagen, was ihnen selbst zur Belehrung des Publikums als
das Wichtigste erschien, Dabei kam es ihr in erster Linie
auf die praktische Erfahrung an, auf konkrete Hinweise,
auf sachliche Direktiven, die dann weiterwirken konnten,

Praktiker und Gelehrte sollten in diesen Aufsätzen zu
ihren Lesern sprechen, Techniker und Industrielle, Ver-
treter der Arbeitsphysiologie und -psychologie, Pioniere
der Betriebs- und der Handels-Organisation.

Diese Anregung fiel auf einen überaus günstigen Boden,
Die ersten Aufsätze resgten weitere Mitarbeiter an, die

5
        <pb n="9" />
        aus ihrem Sonderwissen heraus ihr Teil beizutragen sich
meldeten: so wuchs die Zahl der Aufsätze zu einem Bilde
von bunter Mannigfaltigkeit an, das von dem Rationa-
lisierungsstreben in Deutschland ein eindrucksvolles und
den einzelnen mahnendes Zeugnis ablegt. Auf der anderen
Seite begegneten die Aufsätze gerade in dieser Mannig-
altigkeit einem ganz außerordentlichen Interesse der Leser.
[mmer wieder wurden die Artikel begehrt, immer wieder
ihre Sammlung erbeten, So soll mit diesem Sonderabdruck
diesem Bedürfnis entsprochen werden, Die Aufsätze er-
scheinen hier in derselben Form, in derselben Reihenfolge,
wie sie in der Zeit vom April bis Dezember 1926 in der
„Frankfurter Zeitung‘ veröffentlicht worden sind, Jede
Aenderung und nochmalige Ueberarbeitung wurde mit
Absicht unterlassen: um die Aufsätze in der Frische und
unmittelbaren Aktualität des Zeitungsaufsatzes auch in
diesem Sonderabdruck wirken zu lassen.

Frankfurter Zeitung
und Handelsblatt

3
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Rationalisierung 5} Kie\*
kleiner und mittlerer Betriebe
VON PROFESSOR DR.-ING, HEIDEBROEK (DARMSTADYI!)}
FRANKFURTER ZEITUNG
I. MORGENBLATT VOM 11, APRIL 1926
Die Erhaltung einer möglichst breiten Schicht mittlerer und
kleiner industrieller Betriebe ist eine Lebensirage für die
deutsche Wirtschaft und für eine vernünftige soziale Gliederung
des Volkes, Die modernen Bestrebungen zur Verbesserung der
Wirtschaftlichkeit unserer Produktion — mit dem Schlagwort
„Rationalisierung' in jedermanns Munde — sind unter dem
Eindruck der amerikanischen Riesenziffern viel zu sehr auf die
Probleme und Aufgaben des Großbetriebes zugeschnitten, zum
Teil auf Produktionsziffern, wie sie für deutsche Verhältnisse
gar nicht denkbar sind, deren Erörterung auch gar nicht so
wichtig ist wie die Frage, was mit den kleinen und mittleren
Betrieben geschehen muß, um sie am Leben zu erhalten,
Diese waren vornehmlich in der vergangenen Periode unserer
industriellen Blüte die Träger der Qualitäts-Arbeit,
Nur diese wird auch in Zukunft unsere Stellung auf dem Welt-
markt stützen können, Veredelung in weitestem Umfang.
Unsere Rohstoffe sind dürftig und — nicht zum wenigsten als
Folge einer kurzsichtigen Zollpolitik — stark verteuert, Geist,
technische Idee, Arbeitsfertigkeit und Leistung sind unver-
zollbar und in genügender Menge vorhandene Inlandsprodukte.
Je mehr wir von diesen den Rohstoffen zusetzen, das heißt in je
höherem Prozentsatz die Erzeugnisse unseres Gewerbes diese
Bestandteile gegenüber dem Rohstoff enthalten, desto größer
ist der Ertrag für unsere Volkswirtschaft, beim Export wie beim
Inlandsabsatz. Das ist in wenigen Worten die wirtschaftliche
Aufgabe der nächsten Zukunft.
DIE MATERIALBEHANDLUNG
Die Erkenntnisse der modernen Betriebswirtschaftslehre sind
aun keineswegs nur für den Großbetrieb anwendbar, sondern
        <pb n="11" />
        in weitestem Umfang auch für den kleinen und mittleren Be-
trieb, Ausgangspunkt bleibt hier wie dort die strengste Durch-
bildung der Selbstkostenrechnung, Unkenntnis der
wirklichen Selbstkosten verhindert jeden technischen und wirt-
schaftlichen Fortschritt, Werkstoffkosten, Fertigungslöhne und
Unkosten sind die drei Angelpunkte,

im Materialwesen: möglichste Einschränkung der
Materialbestände, auch an halbfertigen Fabrikaten, dafür mög-
lichste Ausnutzung der Handelslager. Diese kann um so eher
erfolgen, je mehr man sich an normale Sorten und Ab-
messungen der Vorprodukte gewöhnt und den Handel wieder
zu pünktlicher und schneller Lieferung erzieht, Unter Um-
ständen kann ein Zusammenschluß gleichartiger Betriebe auf
der gleichen horizontalen Produktionsstule zu gemeinsamem
Materialeinkauf oder gemeinsamerLagerhaltung von
großem Nutzen sein. Größte Durchlaufgeschwindig-
keit des Materials von Anfang bis Ende der Fertigung ist an-
zustreben, daher kein unnützes Ansammeln von Halbfabrikaten
in sogenannten Zwischenlagern,

Sorgfältigste Materialkontrolle, der Qualität nach,
gegenüber dem Vorlieferanten ist aus erzieherischen Gründen
allgemein geboten, Die schwierige Geschäftslage zwingt die
Rohstofferzeuger von selbst zu größerer Vorsicht als in den
verflossenen Jahren, Auch der kleine Betrieb sollte sich die
technischen Methoden der Materialprüfmaschinen, der metallo-
graphischen und einfachen chemischen Untersuchungen zunutze
machen. Einrichtungen dazu sind heute zu erschwinglichen
Preisen zu haben; gegebenenfalls bediene man sich der staat-
lichen und städtischen Anstalten. Die Handhabung kann viel-
fach durch angelernte Hilfskräfte erfolgen, auch ohne daß ein
wissenschaftliches Laboratorium eingerichtet zu werden braucht,

Die Kontrolle des tatsächlichen Materialverbrauchs
läßt noch in vielen Betrieben zu wünschen übrig. Keine Material-
ausgabe ohne Materialschein, kein Materiallager ohne Verschluß
und genaue Materialkartei, Größte Ordnung in den Magazinen
mit gleichlautender Kartenregistrierung in der Materialver-
waltung, durch Stichproben laufend geprüft, spart enorm an
Betriebskapital und erleichtert vernünftige Dispositionen beim
Einkauf, Je geschickter die Magazinverwaltung gehandhabt
wird, desto kürzer die Liefertermine, desto kleiner die Material-
verluste, desto kleiner an Zahl das erforderliche Hilfspersonal.
Q
        <pb n="12" />
        QUALITÄTSARBEIT UND LOHNWESEN

Der Erfolg der eigentlichen Fertigung, der Veredelungs-
arbeit, baut sich auf der Leistung der einzelnen Arbeitszelle,
des Arbeiters oder der Einzelmaschine, auf, In Geld ausgedrückt:
auf dem Verhältnis der tatsächlichen produktiven Leistung zu
dem dafür gezahlten Lohnaufwand, Nur diese gegenseitige
Beziehung ist ausschlaggebend, nicht die absolute Lohnhöhe,
gemessen an Durchschnittstarifen usw. Die große Massen-
fertigung muß ihre Lohnsätze auf den Durchschnitt abstellen,
der kleine und mittlere Betrieb muß den Vorteil seiner größeren
Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit wahrnehmen. Darum
ist gerade für diese der Qualitätsarbeiter, der Höchst-
leistungen liefert, heranzuziehen und nicht der billigsten Arbeits-
kraft unter allen Umständen der Vorzug zu geben. Hohe Löhne
bedeuten gerade hier sehr häufig niedrige Produktionskosten,
wenn der Arbeitseffekt ihnen entspricht.

Der Zeitlohn mag bei besonderen Qualitätsarbeiten fein-
mechanischer, kunstgewerblicher oder ähnlicher Art noch seine
Berechtigung haben. Aber in der Regel ist der Zeitakkord
in seiner heutigen Entwicklung das gegebene Lohnverfahren,
Der Zeitakkord, das heißt die Festsetzung aller vorgegebenen
Akkorde in Zeiteinheiten -— nicht in festen Geld-
beträgen —, zwingt Arbeitnehmer und Betriebsleiter zur exakten
Ermittelung der Zeitelemente und damit zur Ausmerzung un-
nützer Verlustzeiten, von denen niemand etwas hat, Auch
der kleine und mittlere Betrieb kann heute auf Grund der
vorliegenden Erfahrungen Zeitstudien zu Akkordfestsetzungen
machen, Die ausgezeichneten, in leicht faßlicher Form dar-
gestellten Vordrucke und Tabellen des Refa (Reichsausschuß
für Arbeitszeitermittelung beim Verein Deutscher Ingenieure,
Berlin, Beuth-Verlag), die ständig erweitert und ergänzt werden,
sollten in keinem Betrieb fehlen; die überall eingerichteten Aus-
bildungskurse müssen dazu führen, daß die hier entwickelten
Methoden Gemeingut aller Lohnkalkulatoren werden, Der Er-
lolg ist zunächst eine weitgehende „Versachlichung" der
Lohnberechnung, das heißt eine Verminderung der subjektiven
Streitpunkte und Fehlgriffe, Die wissenschaftliche Zeitstudie mit
allen Hilfsmitteln der Psychotechnik usw. ist wohl nur für die
große Reihenfertigung durchführbar, Vieles davon ist aber durch
eine gute technische Schulung des Facharbeiters von
vornherein zu ersetzen. Nirgends ist der gute Qualitätsarbeiter

Ö
        <pb n="13" />
        so am Platze wie in kleinen und mittleren Betrieben. Nicht der
für eine einseitige Verrichtung notdürftig angelernte Aller-
weltsarbeiter. Der mittlere Betrieb muß seine Leute heute hier
und morgen dort verwenden können, Der Wechsel der Arbeit
verlangt anpassungsfähige Leute mit vielseitigen Fachkennt-
nissen, nicht ausgesprochene Spezialisten.

Die Ausbildung eines guten Facharbeiter-Nachwuchses
darf daher vor allem in der kleinen und mittleren Industrie
nicht vernachlässigt werden, Die vorzüglichen Lehrlingsschulen
mancher Großbetriebe locken heute bereits vielfach das beste
Material an diese heran, Demgegenüber müssen die anderen
Betriebe sich zwecks gemeinsamer Lehrlingsausbildung zu-
sammenschließen, vielleicht zu mehreren eine Lehrlingswerk-
statt und -schule ins Leben rufen, auf den Ausbildungsgang der
Fortbildungsschulen Einfluß nehmen, Noch viel zu wenig wird
von dem ausgezeichneten Lehrmaterial Gebrauch gemacht, das
der Deutsche Ausschußfür Technisches Schul-
wesen (Datsch) in seinen Lehrgängen für Schmiede, Schlosser,
Former usw. zur Verfügung stellt und mit dessen Hilfe auch im
kleinen Rahmen ein erfolgreicher Unterricht aufgezogen werden
kann. Gemeinnützige Denkweise ist hier mehr vonnöten, als
man bisher für angebracht hielt; sie ist aber auch letzten Endes
wirtschaftlich das Richtige.
DAS WERKZEUG
Kostspielige Umbauten und Modernisierungsarbeiten ver-
bietet heute vielfach die schwierige Kapitallrage, Darum muß
der technische Fortschritt beim kleinen Element einsetzen: beim
Werkzeug, Moderne Werkzeuge sind jedem Betrieb zu-
gänglich; durch sie ist der technische Fortschritt überall, auch
im kleinsten Betrieb möglich, In der Hand des geschickten Fach-
arbeiters kann ein technisch vollendetes Werkzeug (Schweiß-
apparat, elektrischer Einzelantrieb und dergleichen) die Mög-
lichkeit absoluter Konkurrenzfähigkeit sicherstellen, ja geradezu
die Ueberlegenheit des kleinen gegenüber dem großen Betrieb
herbeiführen, Ein geschickter Werkzeugmacher spart mehr an
Arbeitslöhnen und Zeit durch ein vollkommenes Werkzeug als
die beste maschinelle Einrichtung, Es liegt hier ein sehr ernst-
haft zu erwägendes Problem der modernen Werkstattechnik vor.
Die Entwicklung des Großbetriebes hat — immer im Hinblick
auf die großen Produktionsziffern — mehr und mehr zur Ein-
10
        <pb n="14" />
        führung der automatisch arbeitenden Maschine geführt, die be-
liebig multipliziert werden kann. Diese Maschinen erfordern
sehr hohen Kapitalaufwand in der Anlage; sie belasten die
Produktion mit hohen Unkosten für Kapitaldienst, Reparaturen,
Kraftverbrauch usw, Was sie an Löhnen ersparen, erscheint in
höheren Unkostenzuschlägen wieder. Diese wachsen rapide, so-
bald der Beschäftigungsgrad sinkt, Setzt man an Stelle eines
kostspieligen und komplizierten Automaten heute die einfache,
von Hand zu betätigende, aber modern ausgebildete und mit
modernem Werkzeug ausgestattete Kleinmaschine in ent-
sprechender Anzahl, so wird man oft eine überraschend günstige
Fertigungsbasis feststellen können. Hier die Möglichkeiten ge-
schickt herauszuarbeiten, ist die technische Gegenwartsaufgabe
des kleinen Betriebes!

DIE KALKULATION
Um dies genau zu erkennen, ist eine eingehende Befassung
mit den „Unkosten‘ im Gesamtbilde der Selbstkosten dringend
notwendig. Einfache Methoden der sogenannten „Zuschlags-
kalkulation‘ sind in jedem Betrieb durchführbar; das heißt mög-
lichste Unterteilung in getrennte Verrechnungsabteilungen und
getrennte Ermittelung der Unkosten nach diesen Abteilungen
zur Ermittelung genau differenzierter Zuschläge auf die einzelne
Lohnstunde. Noch besser die Aufteilung der Unkosten auf den
zinzelnen Arbeitsplatz: die Platzkosten, die sofort
erkennen lassen, mit welchem Zuschlag jede einzelne Lohn-
stunde an diesem oder jenem Arbeitsplatz behaftet ist, unter
Einbeziehung aller Kosten für Abschreibungen, Werterneuerung,
Werkzeugverbrauch und dergleichen. Ein solches System ge-
stattet Durchblick bis in’'die letzten Winkel des Betriebes und
eine sichere Beherrschung der Einzelelemente,

Je größer der Anteil der „festen Kosten an der Gestaltung
ist (Kapitalkosten, Abschreibungen, Verwaltung, Leerlauf) gegen-
über den „beweglichen‘ (Materialverbrauch, Löhne für Fertigung
u, s, W.), desto undurchsichtiger wird die Kalkulation, desto
schwerfälliger der Apparat, desto abhängiger die Selbstkosten
von dem Stand der Beschäftigung. Der kleine und mittlere Be-
trieb muß sich auf den Arbeitsgebieten, die nicht ausschließlich
der Großfabrikation vorbehalten bleiben müssen, von unnötigem
mechanischen Ballast freimachen, sich beweglich und anpassungs-
fähig erhalien und dadurch erreichen, daß er mit kürzeren
11
        <pb n="15" />
        Lieferzeiten aufwartet, seinen Fabrikationsapparat nach der
Konjunktur einrichtet, den großen Vorzug der viel besseren
Anpassungsfähigkeit des Menschen gegenüber
dem starren mechanischen Apparat ausnutzt. Hier kann noch
die Initiative des Leiters, seine Intellisenz, sein anfeuernder
Wille bis zur letzten schaffenden Hand spürbar werden und so
jenen Kontakt zwischen leitender Idee und ausführender Praxis
herbeiführen, aus dem allein die wirklichen Qualitätsarbeiten
geboren werden.

£2
        <pb n="16" />
        Rationalisierung des Bauwesens
VON STADTRAT ERNST MAY (FRANKFURT AM MAIN)
FRANKFURTER ZEITUNG
1, MORGENBLATT VOM 14, APRIL 1926
Die Rationalisierung ist so alt wie das Menschengeschlecht,
Die Entwicklung menschlicher Behausung von der Höhlen-
wohnung, der Erdhütte bis zum modernen Bürgerhaus stellt eine
fortschreitende Rationalisierung dar. Vollzog sich diese Ent-
wicklung früher auf dem Gebiete des Bauwesens, ohne .daß
davon besonderes Aufheben gemacht wurde, so setzte nach
Beendigung des Weltkrieges bei uns wie anderswo, angeregt
durch die Erfahrungen, die auf dem Gebiete der Rationalisierung
auf den verschiedensten Wirtschaftsgebieten im Kriege, er-
zwungen durch die Knappheit der Rohmaterialien, gemacht
worden waren, eine systematische Bewegung mit dem Ziele der
Intensivierung des Bauwesens ein.

Die Rationalisierung ist von größter Bedeutung dort, wo es
sich um Erzeugung von Massenartikeln handelt, denn dort
rentieren sich am sichersten die erheblichen Ausgaben, die die
Durcharbeitung eines Systems rationeller Erzeugung verursacht
(Kleider, Schuhwerk, Uhren, Nähmaschinen, Autos usw.). Zweifel-
los gibt es im Bauwesen zahlreiche Gattungen von Gebäuden,
die als Massenerzeugnisse nicht anzusprechen sind, weil sie
entweder für Sonderzwecke errichtet werden, die verhältnis-
mäßig selten vorliegen, oder weil fortgesetzte Umwälzungen
des Programms einer Rationalisierung hindernd im Wege stehen.
Trotzdem hat die Rationalisierung des Bauwesens im letzten
Jahrzehnt erhebliche Fortschritte gemacht. Die immer wieder-
kehrende gleichartige Problemstellung beim Bau von Hoch-
häusern hat zum Beispiel bei uns, besonders aber in Amerika
zu einer außerordentlich rationell durchgearbeiteten Stahl-
fachwerkbauweise geführt. Auch auf dem Gebiete des
Betonbaues sind die ersten primitiven Methoden durch
rationelle Systeme der Erzeugung ersetzt worden, An Stelle der
Handmischung der Betonmasse trat die Maschinenmischung, an
13
        <pb n="17" />
        Stelle der improvisierten Schalung die hölzerne oder schmiede-
eiserne Dauerwandschalung, an Stelle der Karren- und später
Lorenverteilung des Rohmaterials das moderne System der Beton-
elevatoren und Verteiler, die die Mischmasse in einem Stahlfach-
werkturm zu großer Höhe emporheben, um sie von dort aus durch
schwenkbare Verteilerrohre im Umkreis von fünfzig bis hundert
Meter an die Verwendungsstelle zu leiten, Das Betonspritz-
verfahren ist so weit ausgebildet worden, daß man heute schon
große Spannweiten in einfacher Weise dadurch überbrücken
kann, daß man Drahtgewölbe herstellt, die, durch Spritzkanonen
mit Beton ummantelt, in eine nur wenige Zentimeter starke,
äußerst tragfähige Schale verwandelt werden, Auch die Guß-
verfahren sind bereits wesentlich vervollkommnet worden, War
seither die Erzeugung von Betongußteilen mit langen Abbinde-
zeiten der fertigen Stücke belastet, so hat man jetzt bereits
praktische Ergebnisse mit Stahlblechformen mit Hohlwänden
gemacht, durch die heißer Dampf geleitet wird, der die Abbinde-
zeit von mehreren Wochen auf wenige Stunden zusammendrängt,

Alle diese Rationalisierungsmethoden befaßten sich seither
mit der Verbesserung einzelner Baumethoden
in dem Bestreben, menschliche Arbeit weitestgehend durch
Maschinenarbeit zu ersetzen, da sie etwa zehnfach so teuer ist
wie maschinelle Leistung. Auch auf dem Gebiete der Bau-
stofferzeugung sind in den letzten Jahren bereits erheb-
liche Fortschritte gemacht worden, die die Erzeugungszeit für
zahlreiche Baustoffe auf einen Bruchteil des Zeitbedarfes bei
Handerzeugung herabsetzten (maschinelle Ziegeleien, moderne
Kalk- und Zementfabriken usw.). Auch die Normierung
von Bauteilen hat neuerdings erhebliche Fortschritte auf-
zuweisen, Beschränkte sich der Normenausschuß der Deutschen
Industrie zunächst auf Normung von Maschinenteilen, so dehnte
er sehr bald sein Arbeitsgebiet auf die Normung solcher Bau-
teile aus, die als Massenbedarfsartikel des Wohnungsbaues
bezeichnet werden können, Balken und Dachhölzer, Fenster,
Treppen, Baubeschläge, Türen und dergleichen wurden normiert
und haben bereits in großem Umfange Verwendung im deutschen
Siedlungsbau der Nachkriegszeit gefunden, Die gleichen Be-
strebungen vertritt in Amerika das „Bureau of Standards“ in
Washington, das sich Vereinfachungen in der Praxis auf den
verschiedensten Gebieten der Technik zur Aufgabe gestellt hat.
Die Folge weitgehender Normalisierung im Bauwesen ist die

14
        <pb n="18" />
        technische Vervollkommnung zahlreicher Bauteile
bis zu einem Grade, der naturgemäß nur erreicht werden kann
durchInvestierungeinerFüllegeistiger Arbeit
in verhältnismäßig bescheidene Probleme, wie sie bei fort-
gesetztem Wechsel der Bauformen nie rentieren könnte, Die
Normalisierung hat aber neben der technischen Vervollkomm-
nung des bearbeiteten Gegenstandes, neben seiner Verbilligung
durch Massenerzeugung noch den großen Vorteil, daß sie Vor-
ratsarbeit in stillen Zeiten gestattet, ohne daß der Unternehmer,
wie dies bei großer Variation der Einzelformen seither der Fall
war, riskieren muß, auf seinen Lagern sitzen zu bleiben, Ueberall
wird an der Beseitigung der Leerläufe im Wirtschaftsleben als
einer der Hauptursachen der Unrentabilität zahlreicher wirt-
schaftlicher Einrichtungen gearbeitet, Das Baugewerbe liegt
aber fast den ganzen Winter brach, ohne daß bisher ernstliche
Versuche in größerem Umfange gemacht worden wären. diesen
Krebsschaden zu beseitigen,

Die Normalisierung auf dem Gebiete des Bauwesens ist
einer der ersten Schritte zur Umwandlung des Bau-
gewerbes aus einem Saisongewerbe in ein
Dauergewerbe., (Die Stadt Frankfurt hat in den letzten
Monaten, in denen die Bautätigkeit stark daniederlag, umfang-
reiche Aufträge an Normenteilen an das hiesige Tischlerei-
gewerbe vergeben.)

Eine natürliche Folge der Erzeugung von Normenbauteilen
in größerem Umfange ist natürlich die Rationalisierung der
Herstellungsmethoden. Und wenn in Deutschland wie
im Auslande zunächst ein scharfer Kampf, besonders der Hand-
werker, gegen die Verwendung von Normen einsetzte, so ist
dieser im wesentlichen darauf zurückzuführen, daß der Klein-
betrieb, dessen Stärke häufig in der schnelien Umstellungs-
möglichkeit auf die verschiedensten Einzelformen bestand, sich
nunmehr vor die Notwendigkeit gestellt sah, sich von der Er-
zeugung verhältnismäßig weniger, aber verschiedener Einzel-
stücke umzustellen auf die Massenerzeugung weniger Normal-
formen, Zweifellos wird immer ein Teil des höchstqualifizierten
Handwerks für Modellarbeit und die Durchbildung von hoch-
wertigen Einzelstücken benötigt werden, andererseits kann aber
kein Zweifel darüber herrschen, daß die wirtschaftliche Ent-
wicklung auch das Handwerk zur Spezialisierung und Rationa-
lisierung der Erzeugungsmethoden drängt, und daß es nur dann

15
        <pb n="19" />
        stark und lebenskräftig bleiben wird, wenn es diese Notwendig-
keit erkennt und daraus die Konsequenzen zieht,

Wie sich die Idee der Normalisierung allmählich durchsetzt,
so hat sich auch der Gedanke, ganze Baukategorien auf wenige
typische Formen zu reduzieren, um diese dann nach rationellen
Arbeitsnrethoden in Massenherstellung zu erzeugen, in der Nach-
kriegszeit Bahn gebrochen. Die Typisierung, wie dieser
Zweig der Rationalisierung genannt wird, ist an sich so selbst-
verständlich, daß die Opposition gegen dieses Elementargesetz
wirtschaftlicher Erzeugung kaum verständlich erscheint, Der
Gedanke ist auch keineswegs neu, sondern der menschlichen
Natur tief eingewurzelt. Die Gleichartigkeit der Problem-
stellung im Wohnungsbau, die Verwendung bestimmter
bodenständiger Materialien in den verschiedensten Ländern hat
von alters her zum Typenbau gedrängt. Das Eskimohaus wie
die rumänischen Bardei, das westfälische Haus wie das Schwarz-
waldhaus stellen ja alle Typen dar. 85 Prozent unserer Be-
völkerung wohnen in Kleinwohnungen. Millionen von Menschen
haben in den zivilisierten Ländern genau das gleiche Wohn-
bedürfnis (Küche und zwei bis drei Stuben), trotzdem werden
die elementaren Aufgaben der Wohnungsproduktion tausend-
fach neu behandelt und auf diese Weise ungeheure Summen
ganz unnötigerweise der Volkswirtschaft entzogen und ver-
geudet, Keinem Menschen fiele es ein, sich einen Wecker oder
ein Fahrrad nach Entwurf. herstellen zu lassen. Anders aber,
sobald es sich um den Massenbedarfsartikel „Wohnung“ handelt.
Dann wird noch immer das tausendfach gelöste Problem neu
bearbeitet, die Vergebung des Baues neu ausgeschrieben und
das Haus in altväterischer Weise ausgeführt. Wir klagen über
eine furchtbare Wohnungsnot, aber wir fürchten uns, den Schritt
zu tun, der am ehesten zu ihrer Beseitigung führen muß, den
der Rationalisierung des Wohnungsbaues,

Der Gedanke der Typisierung von Wohnungsbauten setzt
sich wie alle wirtschaftlichen Notwendigkeiten durch, Viele
Zehntausende von Wohnungen der Nachkriegszeit sind als
Typenbauten erstellt und auch das Wohnungsbauprogramm der
Stadt Frankfurt ist auf der Typisierung aufgebaut,

Es steht fest, daß der Teil der Rationalisierung des Bau-
wesens, den wir als Typisierung umrissen haben, wesentliche
Ersparnisse im Gefolge hat, Trotzdem bedeutet auch er noch
nicht den letzten und konsequentesten Schritt zur Rationa-
16
        <pb n="20" />
        lisierung. Dieser liegt vielmehr in der Mechanisierung
der Bauerzeugung. Solange wir unsere Typenbauten
nach Methoden erstellen, wie sie vor fünfhundert Jahren bereits
üblich waren, solange wir nicht der Maschine die ihr gebührende
Bedeutung im Wohnungsbau zugewiesen haben, solange wir
nicht die zahlreichen Leerläufe baugewerblicher Produktion ziel-
bewußt ausgeschaltet haben, so lange sind wir von wirtschaft-
lichster Bauerzeugung noch weit entfernt. In der chemischen
Industrie, in der Schwerindustrie hat sich die vertikale Groß-
organisation vom Rohstoff zum Fertigfabrikat durchgesetzt. In
der Bauproduktion erleben wir heute erst die Geburtswehen
einer solchen Entwicklung, Vor mir liegt der Katalog einer
amerikanischen Firma, die sechzig verschiedene Typen von
Holzhäusertn mit kompletter Einrichtung zu erstaunlich niedrigen
Preisen offeriert, Die Bauten sind in der Fabrik fertig mit allen
Teilen hergestellt und werden dem Besteller per Waggon zu-
gesandt und in wenigen Tagen oder Wochen an der Baustelle
errichtet. Diese mechanisierte Art der Bauerzeugung hat noch
den Fehler, daß sie, was die Fabrikation anbelangt, sich auf be-
stimmte Formen festlegt und im übrigen in der architektonischen
Qualität ihrer Erzeugnisse erheblich zu wünschen übrig läßt, Nicht
die Bauform, sondern die Baumethode muß mechanisiert
werden, damit sie in rationellster Weise unter Verwendung
gleicher Einheiten eine größere Zahl von Typen durchzuführen
gestattet, Die Bauteile müssen so beweglich sein, daß sie ohne
komplizierte maschinelle Vorrichtungen leicht bewegt werden
können. Die in letzter Zeit auch in Deutschland an einer Stelle
durchgeführte Erzeugung ganzer Hauswände an der Baustelle
kann nicht als geeigneter Weg zur Mechanisierung bezeichnet
werden, da sie das Problem der Verlegung der Bauteilerzeugung
von der Baustelle in die Werkstatt und damit die Ausschaltung
der Behinderung durch Witterungseinflüsse sowie die Umstellung
der Saisonarbeit in den Dauerbetrieb unberücksichtigt läßt.
Voraussetzung für den Erfolg eines groß angelegten Ver-
suches zur Mechanisierung des Bauwesens, insbesondere des
Wohnungsbaues, wird reifste Durcharbeitung der Methode, dann
aber Stetigkeit der Erzeugung sein. Die Mißerfolge
einer großen Anzahl technisch brauchbarer Erfindungen auf
dem Gebiete der Rationalisierung des Bauwesens aus der Nach-
kriegszeit sind in erster Linie begründet in dem Mangel an
Stetigkeit in der Erzeugung, die ihrerseits wieder bedingt
17
        <pb n="21" />
        wurde durch die Unstetigkeit der Auftraggeber, Ford hätte
seine Erfolge nie erzielt, wenn er alle sechs Wochen eine neue
Technik versucht hätte. Sein Sieg ist begründet in seinem zähen
Festhalten an seinem einmal als richtig erkannten Prinzip.

Ein Argument wird mit besonderer Heftigkeit gegen die
Rationalisierung des Bauwesens ins Feld geführt: man befürchtet
eine Verödung unserer Städtebilder. Zweifellos wird das
Stadtbild durch Rationalisierung des Bauwesens oder wenigstens
einiger Kategorien desselben wesentlich verändert gegenüber
dem heutigen Zustande, An Stelle endloser Variationen, die
ihrerseits wieder zu unruhiger städtebaulicher Wirkung führen,
tritt eine weitgehende Ruhe, eine zurückhaltende Gleichartig-
keit der Straßenzeilen, Betrachtet man unvoreingenommen die-
jenigen Teile unserer deutschen Städte, die auf Grund be-
sonderer Entwicklungsverhältnisse einheitliche Straßenbilder in
größerem Umfange aus früheren Zeiten aufweisen, zum Beispiel
Karlsruhe, Karlshafen, Kassel, Frankfurt a. M., so wird man
unbedingt zugeben müssen, daß diese ruhigen und gleichmäßigen
Häuserzeilen ästhetisch wesentlich mehr befriedigen als die un-
ruhigen Häuserzeilen des letzten halben Jahrhunderts, Die homo-
genen Stadtviertel, wie sie als Folge weitgetriebener Rationa-
lisierung des Bauwesens erstehen werden, werden, wie seit
Jahrhunderten nicht mehr, erst wieder Möglichkeiten für die
städtebauliche Hervorhebung von Monumentalgebäuden ergeben.

Die gesamte Einstellung, die davon ausgeht, die bauliche
Gestaltung unserer Städte für die Zukunft auf den Gesetzen
aufbauen zu wollen, auf Grund deren unser Städtebau sich in
vergangenen Zeiten entwickelte, muß als eklektisch bezeichnet
werden. Es gab vor hundert oder vor tausend Jahren weder
Autos noch Flugzeuge noch zahlreiche andere technische Er-
rungenschaften, die den Charakter unserer heutigen Städte
maßgebend beeinflussen, deshalb müssen wir für unsere neuen
Städte und Stadtteile auch neue Gestaltungsgesetze entwickeln,
die der ganz veränderten Problemstellung Rechnung tragen.
Die größten Kunstwerke der Architektur sind als letzte Blüte
einer weitgehenden Vereinheitlichung zu betrachten, Was ist
der griechische Tempel, die römische Basilika, der gotische
Dom anderes als letzter Ausdruck typischer Gestaltung von
Baugattungen? Gerade die Typisierung in rationellster Form
wird uns am ehesten aus der Stillosigkeit zu einem neuen,

universellen Stile führen!
19
        <pb n="22" />
        Betriebsrationalisierung
auf psychotechnischer Grundlage
VON PROFESSOR DR. W. MOEDE
Leiter des Instituts für industrielle Psychotechnik der
Technischen Hochschule zu Berlin
FRANKFURTER ZEITUNG
1L_MORGENBLATT VOM 22, APRIL 1926
Die psychotechnische Rationalisierung umfaßt drei Teile:
i, Eignungsprüfung, 2, Anlernung, 3. Studium
der Arbeitsplätze und Arbeitsverfahren zum
Zwecke der Leistungssteigerung.,

Die Eignungsfeststellung kann teils experimentell, teils durch
andere Betriebsmaßnahmen der Leitung durchgeführt werden,
Die Betriebsleitung kann auf der Grundlage von Betriebs-
beobachtungen und Akkordziffern eine Umgruppierung ihrer
Belegschaft vornehmen, um an den einzelnen Plätzen nur die
bestgeeigneten Leute zu beschäftigen, Sie kann weiter darauf
dringen, daß bei Verteilung der Arbeiten die dem Betrieb be-
kannte Eignung des Arbeiters stets berücksichtigt werden muß,
Beim Aufstieg der Betriebsangehörigen wird die Beobachtung
und Verwertung der Betriebsleistungen stets eine bedeutsame
Rolle spielen.

Schwierigkeiten stehen dieser individuellen Arbeitszuteilung
natürlich im Betriebe entgegen, und es ist Sache einer guten
Betriebsführung, die Auftragszuweisung zentral und zweckmäßig
zu regeln,

Die Eignungsprüfung wird am besten in einer Prüf-
stelle ausgeführt, die dem Einstellungsbüro unterstellt ist. Ihre
Aufgabe ist es, dem Betrieb die bestgeeigneten Arbeitskräfte
zu sichern, wobei das Vorhandensein eines hinreichenden Ange-
botes von Arbeitswilligen und Geeigneten Voraussetzung ist,
Mitunter ist es zweckmäßig, sich durch Prüfung eine Reserve
zukünftiger Arbeiter zu sichern, wenn die Seßhalftigkeit der
19
        <pb n="23" />
        Belegschait diese Maßnahme rentabel erscheinen läßt, Setzt
dann plötzlich die Konjunktur ein, etwa bei der Mode, so ver-
fügt der Betrieb über eine Kandidatenliste, nach der er an-
fordern kann,

Die Eignungsprüfungen können recht beträchtliche Leistungs-
steigerungen bedingen; sind doch nach den bisherigen Er-
fahrungen 12 bis 14 Prozent Mehrleistung nachweisbar.

Die Anlernung auf industriell-pädagogischer Grundlage
hat zum Ziel, den Neuling schnell zu Bestleistungen zu er-
ziehen und ihm diejenige Arbeitsmethode anzueignen, die auf
Grund der Arbeitsstudien und Betriebserfahrungen als Best-
methode gilt, Das frühere Verfahren, den Neuling sich selbst zu
überlassen oder ihn irgendwo im Betrieb unterzubringen, da-
mit er von den alten Kollegen die Griffe absieht oder auch
gelegentlich diese und jene Unterweisung erhält, ist recht ver-
besserungsbedürftig. Die Anlernstelle soll abseits vom
Arbeitssaal eingerichtet werden, damit keinerlei Beeinflussung
der Neulinge durch die alten Betriebsangehörigen eintritt. Ein
pädagogisch befähigter Anlernmeister nebst geeigneten Vor-
arbeitern soll diese Anlernstelle leiten. Eine Ueberführung der
Neulinge in den Arbeitssaal ist erst dann zweckmäßig, wenn
Arbeitstempo und Geschicklichkeit die erforderliche Höhe
erreicht haben und eine ausreichende Uebungsfestigkeit vorliegt,

Der Schwerpunkt der psychotechnischen Arbeitsrationali-
sierung liegt in der Verbesserung der Geräte, Arbeits-
plätze und Arbeitsverfahren, Es ist keineswegs
nötig, daß Standardisierung der Fabrik auf einen oder zwei
Artikel erforderlich ist, um Verbesserung der Grifftechnik
durchzuführen, Gerade die Kunst des Organisators ist
es, trotz kleinerer und wechselnder Aufiräge
Mehrleistung gegenüber den bisherigen Arbeitsmethoden
zu erzielen, ohne daß eine größere Ermüdung des Arbeiters
eintritt,

Die psychotechnische Arbeitsplatzstudie ist das
Grundhilfsmittel für Rationalisierung, Sie muß zunächst unter
allen Umständen im Betrieb durchgeführt werden, Ihre Haupt-
hilfsmittel sind Betriebsstatistik, Beobachtung, Feststellung der
Belastung der einzelnen Arbeitsfunktionen, Zeitmessungen. Mit
gutem Nutzen wird man die Studien an eine Ausschußstatistik
anschließen. Im Ausschuß erkennt man am besten, welche
Mängel den bisherigen Arbeitsverfahren anhaften. Sache der
20
        <pb n="24" />
        Verbesserung der Arbeitstechnik ist es, die Mängel abzustellen,
soweit im Arbeiter und seinen Fehlleistungen die Ursachen für
den Ausschuß oder die Mängel des Fabrikates gelegen sind,
Ueber das Tempo und die Zweckmäßigkeit der Ausschuß nicht
herbeiführenden Griffleistungen des Arbeiters gibt die Mängel-
kontrolle naturgemäß keine Auskunft, Hier setzt die Ar be its-
studie ein.
Durch eingehende Zergliederung der Arbeitsverrichtungen
vom psychologischen Standpunkt aus schält man die Arbeits-
funktionen heraus. Man stellt fest, welcher Art diese Arbeits-
funktionen sind, wie groß ihre Belastung ist, welche von ihnen
beeinflußbar sind durch Umstellung der Arbeitsmethoden und
wie hoch der zu erwartende Nutzen im Verhältnis zu den Un-
kosten der Aenderung des Verfahrens angesetzt werden kann.
Die Versuche der Abänderung werden zunächst ‚in der
arbeitstechnischen Versuchsstelle durchgeführt,
die in den Hauptrichtlinien die neue Grifftechnik auf Zweck-
mäßigkeit hin untersucht. Zur Erprobung der neuen Methodik
sind die alten Arbeiter keineswegs immer geeignet, da sie oft
Hemmungen haben, Schwierigkeiten in der Umstellung der
jahrzehntelangen Grifftechnik. Mit gutem Erfolg kann man
dagegen Lehrlinge oder Neulinge, die Begabung für die spezielle
Arbeit haben, als Versuchspersonen benutzen, Nach dem
Laboratoriumsversuch kommt der Betriebsversuch an
die Reihe. Man wird zunächst mit der Umstellung des Verfahrens
bei einem geeigneten Arbeiter beginnen, Bewährt sich die neue
Technik auch unter den erschwerten Bedingungen des Arbeits-
saales, so stellt man allmählich mehrere Plätze um, bis schließ-
lich der gesamte Saal über die neue Arbeitstechnik verfügt.
Als Arbeitsfunktionen, die teils beeinflußbar sind, teils nicht,
kommen in Frage: 1, Sinnesleistungen, 2. Aufmerksamkeit,
3, Bewegungen, die nach Zeit, Kraft und Form zu unter-
suchen sind, 4, intellektuelle Funktionen, 5. Gefühlsfaktoren,
6. Charakter und Weltanschauung des Arbeiters.

Zunächst versucht man, die Arbeitsfunktionen zu
entlasten. Sind die Bedingungen des Sehens, Hörens,
Tastens unzweckmäßig, so gilt es, günstigere Arbeits-
bedingungen zu schaffen, Die Beleuchtung ist oft zu
ändern, Mit Verstärkung allein ist es meist nicht getan, Glatte
Flächen sollen dem Auge anders erscheinen wie etwa Fäden,
die am besten plastisch gesehen werden. Gegenstände mit
21
        <pb n="25" />
        Glanz, die bearbeitet werden müssen, verlangen andere Be-
leuchtungsform als stumpfe, rauhe Oberflächen, deren Beob-
achtung und Beurteilung nach den verschiedensten Gesichts-
punkten arbeitswichtig sein kann. Das Blickfeld des Auges ist
zu untersuchen, Haltepunkte sind festzulegen, zweckmäßige
Blickebenen einzurichten, kurz: die Arbeitsfunktionen des
Auges werden in sehr vielen Fällen verbessert werden können.

Wo immer Entlastungen eintreten können, muß man die
Arbeitsfunktionen entlasten. Schwierige Augenmaßleistungen
werden durch Lehren und Anschläge erleichtert, Aufmerksam-
keitsentlastung ist durch Selbstkontrolle, Selbstregelung und
Selbstausschaltung möglich. Bewegungserleichterung nach Zeit-
verbrauch, Kraft und Form kann fast immer erzielt werden.
Die intellektuellen Funktionen vor allem müssen genau beachtet
werden, da man grundsätzlich versuchen muß, an Stelle der
produktiven Denkleistungen reproduktive Arbeit
zu setzen, Es soll nicht immer bei jeder Gelegenheit der
Arbeiter neue Kombinationen versuchen, sich Vorrichtungen
selbst herrichten, die er dann wieder auseinanderreißt, er soll
Arbeitsvorschriften erhalten, Anweisungen, die die Erfahrung
des Betriebes widerspiegeln und die zu lesen und zu befolgen
sind, um eigene Denkleistungen, die zu Fehlzielen führen
können, auszuschalten. Die Spezialisten der Handgeschicklich-
keit sollen nicht mit sinnender oder Denkarbeit belastet werden.

Die Sinnesarbeitsfunktionen bilden einen Teil unserer
Arbeitsstudien, Die Aufmerksamkeitsbeachtung ist fast stets
außerordentlich wichtig. Mit einem Blick sollen alle arbeits-
wichtigen Umstände, Werkzeuge aufgefaßt werden können.
Fehlleistungen der Aufmerksamkeit sind durch geeignete Kon-
trolleinrichtungen unmöglich zu machen, Durch Sonderstudien
ist festzustellen, wieviel Merkmale die Arbeit der Aufmerk-
samkeit zu erfassen hat, damit man entsprechend die Auf-
merksamkeitsarbeit durchgliedert.

Ein Hauptteil der Arbeitsstudien liegt in der Verbesse-
rung der Grifftechnik, Fast durchweg ist der Anteil
der Nebenzeiten zum Anfassen, Zurechtlegen, Wegsetzen des
Stückes, sowie zur Ausführung sonstiger Nebenverrichtungen
viel zu groß, wenn man diese Nebenzeiten in Beziehung zur
eigentlichen Hauptzeit setzt, die die eigentliche Geschicklich-
keitsleistung des Arbeiters kennzeichnet. Der Arbeiter, der ein
Stück bohrt, wird für das Bohren bezahlt und ist besonders
22
        <pb n="26" />
        geschickt dafür. Er ergreift aber meistens zunächst das Stück,
jegt es zurecht, hält es beim Bohren fest, dreht es dann’ um und
legt es danach weg, Ist die Hauptleistung das Bohren, so muß
dieser eigentliche Geschicklichkeitsleistungsakt nach Möglich-
keit verstärkt werden, Man muß die Leistung verdichten, im
Erfolg steigern, was durch die verschiedensten Hilfsmittel ge-
schehen kann: Mehrstückarbeit, Mehrfachfunktionen u, a. m.
Die Nebenarbeiten sind nach Möglichkeit herabzudrücken, was
ebenfalls auf die verschiedenste Weise durchführbar ist und sich
je nach den örtlichen Umständen zu richten hat, Ist der Anteil
der Hauptleistung im Verhältnis zu den Nebenzeiten günstiger
geworden, so muß man auch nach anderen Richtungen die Be-
wegungsausführung zu erleichtern versuchen, Jeder unnötige
Energieverbrauch muß unterbleiben, indem man besonders bei
statischer Beanspruchung der Muskeln durch geeignete
Vorrichtungen Abhilfe schafft, Man muß weiter bestrebt sein, die
Arbeit den großen Muskeln abzunehmen und sie auf die kleinen
Muskeln umzusteuern. Hinsichtlich der Form der Bewegung sind
mannigfache Regeln erprobt. Jede Bewegungshemmung ist zu
vermeiden. Mit Richtungswechsel in der Bewegung ist sparsam
umzugehen. Einförmigkeit und Mechanisierbarkeit der Haupt-
griffe ist zu erstreben. Kreislaufbewegungen sind zu erwägen,
Zeit, Kraft und. Form der Bewegung in ihrer mannigfachen
Wechselwirkung stellen fast immer wertvolle Gesichtspunkte
{ür die Rationalisierung des einzelnen Arbeitsaktes dar, Die
Serie der Leistungen im praktischen Betriebe bedingt die Be-
achtung neuer Gesichtspunkte. Der Leistungsablauf der einzelnen
Stunden und Tage zeigt Schwankungen, die von Konzentrations-
schwankungen der Aufmerksamkeit herrühren. Stets findet ein
allmählicher Anstieg der Leistungen statt von der ersten zur
zweiten Arbeitsstunde, was auf das Einüben und das Warm-
werden bei der Arbeit zurückgeht. Jede Arbeit von hinreichen-
der Intensität und hinreichender Dauer untersteht Ermüdungs-
einflüssen, Diese Ermüdungseinflüsse können durch geeignete
Pausen neutralisiert werden, Anzahl, Dauer und Lage der Pausen
im Betriebe sollen arbeitstechnisch genau studiert werden, Mit-
unter kann man Leistungssteigerung von 8 bis 10 Prozent
erzielen durch Einlegung von Kurzpausen, die zu den üblichen
Pausen hinzukommen,
Die Arbeit des Arbeitstechnikers ist dann abgeschlossen,
wenn er das Ideal eines stetigen Leistungsablaufes größter
23
        <pb n="27" />
        Leistungsdichte erreicht hat, der eine optimale Intensität auf-
weist und bei dem die Beanspruchung aller Arbeitsfunktionen
beim Minimum liegt,

Die bisherigen Betriebserfahrungen ergeben, daß die Be-
mühungen psychotechnischer Arbeitsrationalisierung mitunter
zu 300 Prozent Leistungssteigerung geführt haben und daß
Leistungsverbesserungen von 30 bis 40 Prozent keineswegs
selten.sind. (Vgl. die Monatsschrift „ändustriellePsycho-
technik“, Bd. I ff) Die Schwankungen der Erfolge der
Rationalisierungsbemühungen hängen natürlich von der Art der
jeweils studierten Arbeit ab. Ist der Anteil der Geschicklichkeit
des Menschen sowie seiner Griffzeiten an Ausfall und Kosten
des Produktes bedeutsam, so werden sich größere Erfolge in
Aussicht stellen lassen als dann, wenn die Arbeit beinahe
ganz von der Maschine ausgeführt wird, wo der Mensch nur
einfache Zureich- und Wegnehmbewegungen ausführen muß,
Selbstverständlich ist der Erfolg abhängig von der Schulung des
Arbeitstechnikers, der die Grundsätze psychologischer Arbeits-
rationalisierung beherrscht und über eine hinreichende Anzahl
von Ideen und Einfällen verfügt, damit er nach Festlegung der
Mängel im Arbeitsablauf auch geeignete Besserungsvorschläge
macht. Gerade der arbeitstechnische Sachverständige, der nicht
die Scheuklappe des in einer bestimmten Tradition groß-
gewordenen Fachmannes besitzt, wird leichter und gewandter
zweckmäßige Neuerungen in Vorschlag bringen können, da er
in keiner Weise gehemmt ist und nur das eine Ziel vor Augen
hat, den Leistungsablauf günstig zu gestalten. Der Fachsach-
verständige des Betriebes möge die Betriebsversuche kon-
trollieren und zu ihrem Ergebnis Stellung nehmen. Sache der
Leitung ist es, mit Geschick, Diplomatie, Autorität und Energie
die Einführung der neuen Arbeitsverfahren in die Hand zu
nehmen, zu überwachen und zu kontrollieren, Nur durch die
Wechselwirkung zwischen der Tätigkeit des Betriebssachver-
ständigen und der des arbeitstechnischen Sachverständigen sowie
durch ein gutes Zusammenarbeiten der werktätigen Belegschaft
mit den Vorgesetzten und der Leitung kann schnell eine
Leistungsaufbesserung erzielt werden, Diese ist in einem manch-
mal erstaunlichen Umfange deswegen sehr oft möglich, weil
man sich bisher mit den Fragen einer Rationalisierung der
Grifftechnik vom arbeitspsychologischen Standpunkt aus fast
nie systematisch beschäftigt hat. Man überließ es vielmehr der
24
        <pb n="28" />
        Tradition, eine bestimmte Arbeitstechnik zu entwickeln, man
gab oft Vorschlägen des Meisters nach, benutzte Anregungen
des Arbeiters, verwertete die Gedanken des Betriebsingenieurs,
doch fast nirgends besteht in den Betrieben eine arbeits-
technische Versuchsstelle, wo die Griffe eingehend auf Zweck-
mäßigkeit hin studiert werden, damit vor Einführung der neuen
Arbeitstechnik in den Betrieben das neue Verfahren nach allen
Seiten hin arbeitstechnisch und fachtechnisch erprobt werden
kann,

+
        <pb n="29" />
        Arbeitsphysiologie
und Rationalisierung
VON PROFESSOR DR. EDGAR ATZLER (BERLIN)
Mitglied des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Arbeitsphysiologie
FRANKFURTER ZEITUNG i
1. MORGENBLATT VOM 28. APRIL 1926
Seit den grundlegenden Arbeiten des genialen amerikanischen
Ingenieurs Taylor hat sich die Erkenntnis immer stärker durch-
gerungen, daß bei allen Rationalisierungsbestrebungen auch der
Eigenart des Menschen Rechnung getragen werden muß. Man
darf sich nicht damit begnügen, die Konstruktion der Maschine
und die Organisation des Betriebes zu verbessern, sondern man
muß auch der physischen und psychischen Eigenart des Arbeiters
Rechnung tragen, wenn die Rationalisierung vollständig sein soll.
Krieg, Hungerblockade, Not und Elend haben die körperliche
Widerstandskraft weitester Volkskreise untergraben. Es gilt
also hauszuhalten mit dem Rest der uns verbliebenen Menschen-
kraft, die unser köstlichstes Besitztum darstellt, Wohl müssen
wir alle Kräfte anspannen, aber die Gesundung unserer Wirt-
schaft darf nicht mit dem Ruin unserer physischen Volkskraft
erkauft werden. Wenn wir auch darauf sehen müssen, daß jeder
einzelne möglichst viel produktive Arbeit leistet, so müssen wir
doch aus Gründen der Menschlichkeit und der Klugheit danach
trachten, einer vorzeitigen Abnutzung vorzubeugen; wir müssen
die individuelle Leistungsfähigkeit möglichst lange erhalten.

Die Arbeitsphysiologie löst diese Aufgabe, indem sie jeden
im praktischen Leben vorkommenden Arbeitsprozeß so zu ge-
stalten sucht, daß unter einem Minimum von Energieaufwand
Maximalleistungen erzielt werden, Diese junge Wissenschaft
fahndet also nach Optimalleistungen; sie steht damit
im Gegensatz zum Taylorsystem, das Maximalleistungen ohne
Rücksicht auf die Höhe des Energieverbrauchs fordert.

Nicht jede Mehrleistung bedeutet Rationalisierung im physio-
logischen Sinne. Wird die Produktionserhöhung durch ver-
26
        <pb n="30" />
        mehrten Einsatz von Arbeitskraft, durch Erhöhung der Arbeits-
geschwindigkeit oder durch Verlängerung der Arbeitszeit
erzielt, so sprechen wir von Intensivierung, Nur wenn
wir bei gleichbleibendem Effekt einer Arbeit den hierfür nötigen
Energieaufwand verringern, dürfen wir von einer
Rationalisierung der Arbeit sprechen, ;

Wie aber mißt man den Energieverbrauch eines Arbeiters?
Um die Verbrennungsprozesse in unserem Körper zu unterhalten,
atmen wir Sauerstoff ein; das Endprodukt der Verbrennung, die
Kohlensäure, atmen wir aus, Bestimmen wir mit Hilfe eines
Respirationsapparates die Mengen dieser beiden Gase, so
können wir daraus Natur und Menge der verbrannten Stoffe
exakt angeben. Da bekannt ist, wieviel Energie bei der Ver-
brennung eines Grammes der in Frage kommenden Stoffe frei
wird, so können wir aus der Größe des Sauerstoffverbrauchs
und der Kohlensäureabgabe genau berechnen, wieviel Energie
während einer Arbeitsleistung freigeworden ist, Ziehen wir
hiervon noch den Betrag derjenigen Energiemenge ab, die der
Mensch auch in der Ruhe braucht, um die Herz-, Atmungs- und
Darmarbeit zu leisten, so verbleibt als Rest die für die Arbeit
verbrauchte Energie,

Man könnte nun daran denken, den Energieverbrauch bei
den verschiedenen Arbeiten im Fabriksaal zu bestimmen und
durch Herumprobieren die besten Arbeitsformen ausfindig zu
machen. Solche Versuche sind gelegentlich unternommen worden,
ohne daß sie uns wesentlich weitergeführt haben. Es liegt klar
auf der Hand, daß wir bei den außerordentlich zahlreichen
Arbeitsformen auf diesem Wege das Ziel einer physiologischen
Rationalisierung der Arbeit selbst im Laufe von Jahrzehnten
nicht erreichen werden, Ich habe deshalb gemeinsam mit meinen
Mitarbeitern, den Herren Dr. Herbst, Dr. Lehmann und
Dr. Müller, einen Weg eingeschlagen, der sich als aussichts-
reich erwiesen hat,

Alle industriellen und landwirtschaftlichen Arbeiten lassen
sich in eine relativ kleine Zahl von Elementarbe-
wegungen zerlegen. Man gewinnt auf diese Weise 30 bis 40
Elemente, aus denen man jede noch so komplizierte Bewegungs-
form zusammensetzen kann, Als Beispiele solcher Arbeits-
elemente seien genannt das Drehen einer Kurbel, das Heben

von Lasten, das Ziehen und Stoßen mit der Hand in senkrechter
oder wagerechter Richtung, das Ziehen und Schieben von Lasten
27
        <pb n="31" />
        und Karren, Jedes dieser Elemente wird nach allen praktisch
in Frage kommenden Richtungen auf die Optimalbedingungen
hin durchuntersucht, Man wechselt zum Beispiel bei der Kurbel
die pro Kurbelumdrehung geleistete äußere Arbeit, also die
Kurbelbelastung, ferner variiert man die Achsenhöhe, den
Radius der Kurbel und die Drehgeschwindigkeit, Die von der
Versuchsperson pro Kurbelumdrehung geleistete äußere Arbeit
wird nach den üblichen technischen Prinzipien gemessen, Der
für die‘ Arbeit erforderliche Energieaulwand wird mit Hilfe des
Respirationsapparates bestimmt,

Energieaufwand auf der einen und geleistete äußere Arbeit
auf der anderen Seite vermitteln uns einen klaren Einblick in
die Oekonomie der betreffenden Arbeitsform, Dividiert man die
äußere Arbeit (mkg} durch den ebenfalls in Meterkilogramm
ausgedrückten Energieaufwand, so erhält man den Gesamt-
wirkungsgrad des belebten Motors für die jeweilige Arbeits-
art. Unter den verschiedenen oben erwähnten Variationen eines
Arbeitselementes ist diejenige Arbeitsbedingung die günstigste,
bei der eine gegebene äußere Arbeit, sagen wir 1 mkg, unter
dem geringsten Energieverbrauch vom Körper ausgeführt wird;
dann arbeitet unser Organismus mit einem optimalen
Wirkungsgrad,

An einem Beispiel möge das Gesagte erläutert werden. Um
die optimalen Bedingungen des Drehens einer Kurbel mit beiden
Händen zu erforschen, wurde die Höhe der Achse, die Größe
des Kurbelradius und die pro Umdrehung geleistete äußere

Höhe der Kurbelachse
über dem Boden
cm
553 ‚..

827 200004

1143 2.0. 0 +

162.2 „1...

ss
Radius der
Kurbel |
cm

Z dd

Energieverbrauch bei:
Arbeit ia mkg pro Umdrehung
6.5 | 130 19.5 | 26.0 | 32,5
19.4

28.4

36.6

19.4

28.4

36.6.

19,4 ı | 183 | 20.1

28.4 7 125| 14.3

36.6 Sn 121

19.4 14.5 35 289 —
28.4 | 203 - | 19.0 | 22:6 | 33.5
36.6 22.0 | 18.4 | 18.5 | 29.5 | 22.2

15,8
14,5
16.5

16.5 12.7
132 | 13.3
1328 |! 14.4

23.3
17.1
16,5
26,0
15.7
14.65

4

175
14.2

=
.
a
        <pb n="32" />
        Arbeit variiert. In einer besonderen Versuchsreihe, über die
wir hier aus Raummangel nicht berichten können, wurde der
Einfluß der Drehgeschwindigkeit auf die Oekonomie untersucht.
Die Versuche sind in der vorstehenden Tabelle zusammengestellt.
Die Kurbelachse war also in vier verschiedenen Höhen über
dem Boden ange*racht. Unter Kolumne 2 sind die für jeden
Versuch verwandten Kurbelradien angegeben. Aus dem Kopfe
der Kolumne 3 ist die bei einer Umdrehung geleistete Arbeit
in Meterkilogramm angegeben. Die Arbeit wurde in den Grenzen
von 6.5 bis 32,5 mkg variiert. Die Zahlen unter dem Kopfe von
Kolumne 3 bedeuten den Energieverbrauch des Arbeiters unter
den verschiedenen Arbeitsbedingungen für 1 mkg Arbeit in
kleinen Kalorien. Bei einem mittleren Radius und einer Höhe
einer Kurbelachse von 114.3 cm über dem Boden werden also
für eine Arbeit von 13 mkg pro Kurbelumdrehung 11,7 Kalorien
pro 1 mkg verbraucht, Der Verbrauch steigt auf das annähernd
Dreifache, wenn die Kurbelachse höher liegt und die Arbeit auf
32.5 mkg pro Umdrehung erhöht wird. Für unsere Versuchs-
person liegt der absolut günstigste Wert bei einer Höhe der
Kurbelachse von 114.3 cm über dem Boden, einem Kurbelradius
von 28.4 cm und einer Arbeit von 13 mkg pro Umdrehung der
Kurbel.

Von den untersuchten Höhen ist im allgemeinen die Höhe
von 114,3 am günstigsten, Dieser Wert entspricht ungefähr der
Höhe der Ellbogeniuge über dem Boden, Bei der Höhe 82.7 sind
die Kalorienwerte für 1 mkg äußere Arbeit bereits wesentlich
höher, sie sind aber annähernd von der gleichen Größenordnung
wie die bei der Höhe 55.3 gewonnenen. Sehr wesentlich höher
liegen sie im Durchschnitt bei der Höhe von 162,2 cm, Durch
einfache Analyse der Zahlen der Tabelle 1 haben wir eine Reihe
von Tabellen ausgearbeitet, die für den praktischen Gebrauch
bestimmt sind,
Nur selten lautet in der Praxis die Frage: Welche Höhe,
Radius und Belastung sind am günstigsten? Diese Frage ist
bereits beantwortet, Für unsere Versuchsperson ist es die Höhe
114.3, Radius 28,4 und Arbeit 13 mkg pro Umdrehung. Meist
wird die Frage anders lauten. Es ist zum Beispiel die Höhe der
Kurbel gegeben, und man will wissen, welches der günstigste
Radius und die günstigste Belastung ist, Auf solche Fragen soll
die jetzt zu besprechende Tabelle Auskunft geben,
"nm
        <pb n="33" />
        Optimale Belastung, ausgedrückt in Meter-
kilogrammen Arbeit pro Kurbelumdrehung

Höhe über dem Boden
82.7 2000000000
1143.
62.2 ..

* 19.4

Radius
28.4

366
. 21.1
25,9) . (13.6)
145 \o 24.4
(14.3) 2,5) (13.4)
10.4 ‚43 23.2
(13.8) 111.6) (12.0)
40 16.3 16.2
(14,0) | (18,8) | (18,3)
Bei einem vorgeschriebenen Radius von 28.4 cm und einer
Kurbelachsenhöhe von 82.7 cm über dem Boden soll man also
die Belastung so wählen, daß pro Kurbelumdrehung 19.5 mkg
Arbeit geleistet werden. Die unter den fettgedruckten Zahlen
befindlichen Zahlen bedeuten den jeweiligen Energieaufwand in
Kalorien pro 1 mkg äußere Arbeit. Je kleiner dieser Energie-
aufwand ist, um so besser ist die Arbeitsbedingung dem mensch-
lichen Motor angepaßt. Analoge Tabellen wurden über die
optimale Achsenhöhe sowie über den optimalen Radius aus-
gearbeitet,

Hat man in dieser Weise sämtliche Arbeitselemente syste-
matisch durchuntersucht, so sind die Grundlagen gegeben, um
in unseren Betrieben Höchstleistungen ohne die Gefahr eines
vorzeitigen Kräfteverbrauches zu erzielen. Durch die An-
passung der Arbeitsbedingungen an die Eigenart
des menschlichen Organismus ist erreicht, daß der Eintritt der
Ermüdung auf die denkbar natürlichste Weise hinausgeschoben
wird. Aber es fehlen noch wissenschaftlich fundierte Angaben
über das tägliche Arbeitsquantum, das wir bei
den einzelnen Berufsarten fordern dürfen, ohne eine Ueber-
anstrengung befürchten zu müssen, Es erwächst somit der
Arbeitsphysiologie die weitere Aufgabe, den Grad festzustellen,
bis zu dem eine in der geschilderten Weise rationalisierte Arbeit
intensiviert werden darf, ohne daß Raubbau an der mensch-
lichen Arbeitskraft getrieben wird. Die Arbeiten in dieser
Richtung sind in vollem Gange,

1
        <pb n="34" />
        Rationalisierung des Detailhandels
VON ALFRED LEONHARD TIETZ (KÖLN)

FRANKFURTER ZEITUNG
[. MORGENBLATT VOM 5, MAI 1926
[m Laufe der letzten Jahre ist in der deutschen Wirtschaft
die Forderung nach „Rationalisierung“ immer energischer
gestellt worden, Man war zu der Erkenntnis gelangt, daß die
bisherige Organisationsform der deutschen Wirtschaft den An-
forderungen des Marktes, das heißt der Leistungsfähigkeit aus-
ländischer Konkurrenz einerseits, der Kaufkraft des Inland-
marktes andererseits, nicht mehr zu genügen vermochte. Aber
beinahe neun Zehntel aller Literatur darüber beschränkten ihr
Untersuchungsgebiet auf die Rationalisierung der Produktion,
und zwar sowohl der landwirtschaftlichen wie der industriellen.
Und doch darf man nicht übersehen, daß für die Gesundung der
Gesamtwirtschaft eine Rationalisierung aller Wirtschafts-
stufen unbedingt notwendig und — je mehr sie sich bei allen
gleichzeitig vollzieht — um so eher tatsächlich zu erreichen ist,
Von den sich langsam aus der Vielheit von Reorganisations-
plänen für die Produktion herausschälenden Grundlinien sind
viele ihrer Prinzipien auf die Rationalisierung der Betriebsvor-
gänge im Handel, kraft ihrer Allgemeingültigkeit, sehr wohl
zu übertragen, Ich denke hier beispielsweise an das „Prinzip
der größten Uebersicht und Kontrolle‘ oder das „Prinzip der
geringsten Transportkosten” oder das „Prinzip der gemein-
samen bzw. geringsten Benutzung‘. Es kommt nur darauf an,
auch ein Handelsunternehmen in seinen wesentlichsten Betriebs-
vorgängen so zu zergliedern und kritisch zu untersuchen, daß
man die Einschaltung dieser und anderer betriebswissenschalft-
licher Prinzipien überhaupt erwägen kann,

Zweifellos haben viele Handelsunternehmungen schon seit
Jahren ihre Organisation in dieser Richtung durchgearbeitet;
für diese Rationalisierung war nicht erst der Zwang der heutigen
Verhältnisse notwendig, sondern man nahm sie auf Grund des
231
        <pb n="35" />
        Erfolgsstrebens an sich vor. Zugegeben werden muß allerdings,
daß der Zwang und das Streben nach derartiger Rationalisierung
in der Nachkriegszeit noch viel größer geworden ist. Besonders
die Großbetriebe der letzten gewerblichen Wirtschaftsgruppe
zwischen Produzent und Konsument, die Warenhäuser,
gingen hierin voran. Zweifellos ist ihr Erfolg und ihr rasches
Aufblühen seit der Jahrhundertwende neben der Werbekraft
ihrer Warenschau einer Mehrleistung an rationeller Organisation
auf teilweise ganz neuen Wegen zuzuschreiben, Wegen, die für
den damaligen Stand der Organisation im Einzelhandel bahn-
brechend wirkten, Da haben wir zunächst den durch die Waren-
häuser in erster Linie eingeführten Verkauf „nur gegen bar”,
Er brachte eine Minderung der Kalkulation durch Fortfall des
Kreditrisikos; die damit ermöglichte Senkung der Preise be-
wirkte ihrerseits eine Steigerung der Umsätze und erhöhte da-
mit die Rentabilität nochmals. Wenn dieser Gesichtspunkt schon
unter den Friedensverhältnissen gültig war, um wieviel mehr
heute, wo die Zinsraten ein Mehrfaches der Vorkriegssätze aus-
machen und die Einschaltung eines Kreditrisikos durch Verkauf
gegen Ziel an Private die Waren notwendigerweise erheblich
verteuern müßte, Daher liegt es durchaus nicht im Interesse
der Allgemeinwirtschaft, der Organisation der Abzahlungs-
geschäfte nach amerikanischem Beispiel in größerem Maß-
stabe das Wort zu reden, denn wesentlich niedrigere Zinssätze,
bedeutend schärferes Scheck- und Schuldrecht mindern drüben
das Risiko zu einem Bruchteil des bei uns in Rechnung zu
stellenden,

Neben dem Streben der Vertriebsverbilligung durch Aus-
schaltung des Kreditrisikos folgte bald ein zweites Ziel, das in
Deutschland mit besonderem Erfolg erstrebt wurde: Verbilligung
des Einkaufs durch weitestmögliche Ausschaltung des Zwischen-
handels vermittels der Konzentration im Einkauf,
Natürlich wurde dieses Ziel nicht auf einmal und nicht sehr
leicht erreicht. Zunächst suchte man seine Einkaufskraft da-
durch zu stärken, daß man mehrere ähnlich geartete Betriebe
in verschiedenen Städten errichtete und für diese gemeinsam
einkaufte, Der gemeinsame Bedarf war bald so groß, daß man in
der Lage war, erst für einzelne, dann für immer weitere Artikel
(zumeist Stapelartikel) den Zwischenhandel auszuschalten.
Nachdem man diesen Versuch zunächst einmal bei den Textil-
waren gemacht hatte, gliederte man den Textilwarenabteilungen
2
        <pb n="36" />
        Haushaltswaren und sonstige Abteilungen an, bei. denen man
nach und nach das gleiche System mit gleichem Erfolg an-
wandte. Es entstanden die für Deutschland typischen Filial-
betriebe, die durch immer größere Konzentration des Ein-
kaufs eine immer intensivere Verbilligung der Preise zu erzielen
suchten, Diese Preisverbilligung kam wiederum dem Konsumenten
zugute; man huldigte dem Grundsatz: „Großer Umsatz, kleiner
Nutzen", verstärkte so die Rentabilität und war einen ge-
wichtigen Schritt weiter auf dem Wege der Rationalisierung,
Aber man beschränkte sich nicht nur darauf, den Zwischen-
handel, soweit er überflüssig geworden war, auszuschalten und
direkt beim Fabrikanten zu kaufen, sondern man fing schon
bald an, den Fabrikanten in Fabrikationsstätten aufzusuchen,

Nach und nach ging man weiter; man nahm in den Artikeln,

die in größeren und größten Mengen benötigt wurden, Sub-
missionen vor, bei denen die Muster der verschiedenen
Fabrikanten durch erprobte Fachleute untereinander verglichen
wurden und man die Aufträge denjenigen Lieferanten übertrug,
die auf Grund sorgfältigster Prüfung sich als die billigsten und
besten erwiesen. Ganz zum Schluß, das heißt eigentlich erst in
den letzten Jahren vor dem Kriege und dann auch in den
ersten Jahren der Nachkriegszeit, ging man dazu über, für die
Waren, für die man einen Bedarf hatte, der weit über die
Produktionskraft einer einzelnen Fabrik hinausging, zwecks
Versorgung eines Teiles des Bedarfs Fabriken zu er-
werben, Die Meinungen über den Vorteil dieser letzten Art
der Vertriebsverbilligung durch vertikale Konzentration sind
allerdings auch heute noch stark geteilt,

Eine ähnliche Entwicklung wie die mir nahestehenden
Warenhäuser zeigte auch eine ganze Menge anderer Spezial-
geschäfte, Und dort, wo die Konsumkraft des einzelnen nicht
sroß genug war oder wo es sich nicht um Filialbetriebe handelte,
deren verschiedene Stätten in einer Hand vereinigt waren,
schloß man sich zu Einkaufsvereinigungen von
Firmen gleicher Art zusammen, um durch Kumulierung des Be-
darfs und Konzentration des Einkaufs die größtmöglichen Vor-
teile zu erringen,

Je größer die Betriebe wurden, je „kapitalistischer‘ sie sich
entwickelten, um so mehr mußten sie lernen, mit dem wichtigsten
Hilfsmittel, dem „Kapital‘, hauszuhalten, je stärker der Druck
der Zinsen geworden ist. Der größere Betrieb konnte nicht wie
33
        <pb n="37" />
        der kleine Einzelhändler gefühlsmäßig einkaufen und den Bedarf
auf Grund seiner Erfahrungen einschätzen; er mußte genaue
Unterlagen haben. Aus diesem Grunde errechnete er sich an
Hand seiner langjährigen Erfahrungen den genauen Ein-
kaufsßedarf für jede einzelne Warengattung, Jede einzelne
Warenabteilung wurde nicht erst für die Einkäufe in dem Augen-
blick intern belastet, wenn die Ware einging oder gar erst,
wenn sie bezahlt werden mußte, sondern in dem Moment, wenn
die Bestellung an den Fabrikanten hinausging, Um nun das
Kapital, das für irgendeinen Betrieb oder für irgendeine Ab-
teilung zur Verfügung stand, nicht einseitig zu vertun, mußte
sich jeder moderne Einzelhandelsbetrieb einen ganz detaillierten
Voranschlag ausarbeiten, aus dem hervorging, welche Waren-
einkäufe er sich bei einem unter ungünstigsten Verhältnissen zu
erwartenden Mindestumsatz leisten konnte. Stiegen dann die
Umsätze im Laufe des Jahres, so war es ein leichtes, dem ver-
mehrten Warenbedarf durch nachträgliche Wareneinkäufe nach-
zukommen. Jedenfalls war der Einzelhandelsbetrieb, der sich
an seinen Voranschlag hielt, vor Ueberraschungen aller Art ge-
sichert. Es ist typisch, daß heutzutage die Einzelhandelsbetriebe,
die man als kapitalistisch bezeichnet, meistens mit einem im
Verhältnis zum Warenumschlag geringeren Warenlager (also
Kapital) auskommen als die kleinen und kleinsten Einzel-
handelsbetriebe, Auch diese müssen, wenn sie mit den Groß-
betrieben konkurrieren wollen, lernen, mit ihrem Kapital
hauszuhalten, ihr Warenlager klein zu halten und die
Auswahl auf die in Betrieben ihrer Art gängigsten Artikel zu
beschränken.
Neben der Rationalisierung im Einkauf durch Konzentrierung
des Bedarfs und durch dessen genaue Etatisierung schreitet die
Rationalisierung des Verkaufs einher durch genaue Beob-
achtung der Verkaufsunkosten vermittels der Statistik. Ein
modern aufgebauter Einzelhandelsbetrieb ist heute undenkbar,
ohne daß man die Unkosten allmonatlich genau in ihre
einzelnen Sparten zerlegt. Ein Studium dieser stark detaillierten
Unkostenstatistik liefert die besten und deutlichsten Hinweise
dafür, wo gespart werden muß, Und dieses Studium ist um so
erfolgreicher, je mehr Betriebe es umfaßt. Großeinzelhandels-
unternehmungen mit vielen Filialen haben in dieser Beziehung
einen großen Vorsprung, Aus diesem Grunde ist es dringend im
Interesse der Gesundung der deutschen Wirtschaft zu fordern,
34
        <pb n="38" />
        daß sich die kleineren Detailleure, ähnlich wie sie
sich zu Einkaufsgenossenschaften zusammengetan haben, auch
statistisch vereinigen, um ihre Zahlen auszutauschen,
Voraussetzung hierfür ist allerdings, daß man in Deutschland
die Scheu aufgibt, seine Zahlen dem Konkurrenten bzw. Kollegen
gegenüber offenzulegen, eine Scheu, die um so unbegreiflicher
ist, als man das viel wichtigere Moment — die Einkaufspreise
und Einkaufsvorteile — schon längst auszutauschen pflegt.
[nteressant ist übrigens, daß man in Amerika diesen Austausch
der statistischen Zahlen schon längst durchführte, bevor man zu
Einkaufsgenossenschaften sich zusammentat, während man in
Deutschland nunmehr den umgekehrten Weg gehen muß.

Mit diesem Offenlegen der Zahlen dem Kollegen gegenüber
geht auch ein Offenlegen der Zahlen dem Angestellten gegen-
über Hand in Hand, Der Angestellte in Deutschland muß viel
mehr Mitarbeiter werden als bisher, Zu diesem Zweck ist es
nicht nötig, daß ihm alle Ziffern zugänglich gemacht werden,
die den Gesamtbetrieb betreffen, aber er muß erkennen lernen,
was er seinem Betrieb kostet und was er für seinen Betrieb
leistet. Wir müssen nach ausländischem Muster viel mehr
noch als bisher dazu übergehen, Umsatzbeteiligung der
Angestellten in der Art durchzuführen, daß sie einen Prozent-
satz von allen erzielten Verkäufen erhalten, sobald dieselben
ein (je nach der Art der Ware verschiedenes) xfaches ihres
festen Salärs überschritten haben. Es mag zugegeben werden,
daß dieses System in der einen oder anderen Form schon vor
dem Kriege teilweise in Deutschland eingeführt worden war
und auch nach der Inflationszeit erneut zur Einführung gelangt
ist, aber ich glaube, daß dieses System noch viel mehr als bisher
in unseren Detailbetrieben angewandt und durchgearbeitet
werden muß,
Als die meines Erachtens einzige Art der Typisierung im
Detailhandel kommt das Einheitspreis-System in Be-
tracht. Bei einzelnen Artikeln kannte man es schon früher; ich
erinnere an die Schuhwarenläden, die in ganz Deutschland die
gleichen Waren zu gleichen Preisen verkauften, Die Notwendig-
keit, dieses System einzuführen, war darin begründet, daß die
Gefahr bestand, bei zu vielen Preislagen in jedem Betrieb ein
allzugroßes Lager führen zu müssen, Diese Gefahr war durch
das Einheitspreissystem und dadurch, daß dieselben Formen in
allen Läden geführt wurden, vermieden und die einzelnen Lager
35
        <pb n="39" />
        waren dank den Zentrallagern imstande, bei verhältnismäßig
kleinen. Beständen in der einen Preislage ihrer Kundschaft ein
verhältnismäßig großes Nummern- und Formensortiment zu
bieten, ,

Etwas Aehnliches wie bei Schuhwaren hatte man auch schon
bei manchen anderen Waren vor dem Kriege mit mehr oder
minder großem Erfolg versucht, Während des Krieges wandte
man dieses System in Amerika für die bekannten Chain-stores
an, in denen Waren aller Art zu zwei oder drei bestimmten
Preislagen feilgeboten werden. Dadurch, daß der Einkauf bei
jedem Artikel auf eine bestimmte Preislage konzentriert wird,
und dadurch, daß er für eine ganz große, immer wachsende
Anzahl gleichartiger Läden gleichzeitig getätigt wird, erreicht
man es, daß die einzelnen Quantitäten, die bestellt werden,
einen bis dahin ganz unbekannten Umfang annehmen, Es werden
ganze Fabriken mit der Herstellung eines und desselben Artikels
für mehrere Monate, wenn nicht für das ganze Jahr beschäftigt,
Die Fabriken sparen Vertreterspesen, sonstige Kosten der Ab-
satzorganisation; sie können das Risiko, teilweise nicht be-
schäftigt zu sein, ausschalten und sind so in der Lage, bei der
ihnen auferlegten Typisierung viel billiger zu produzieren, als
wenn sie wie bisher Dutzende von Modellen herstellen.

Was in dem durch den Krieg reich gewordenen Amerika
möglich ist, scheint mir für das verarmte Deutschland not-
wendig zu sein, Wir müssen versuchen, auch diesen Weg der
Typisierung zu beschreiten, um bei gewissen Artikeln und bei
gewissen Preislagen eine relativ gute Qualität zu denkbar
billigsten Preisen zu bieten, Die ersten Versuche zu diesem
Chain-store werden jetzt gemacht; die Zukunft wird uns be-
tehren müssen, ob dieser Weg der intensivsten Rationalisierung
auch für Deutschland angebracht ist,

Ich bin mir klar darüber, daß diese Idee, selbst wenn sie in
einem noch so großen Rahmen durchgeführt werden sollte, nur
einen Teil des deutschen Konsums erfassen wird, Der boden-
ständige Einzelhandel, sei es in der Form des Warenhauses, sei
es in der Form des Spezialgeschäfts, wird sich behaupten,
vorausgesetzt, daß er in noch stärkerem Maße als bisher ver-
sucht, sich den veränderten Zeitverhältnissen anzupassen und
sich noch mehr auf den oben gekennzeichneten Wegen zu
rationalisieren als bisher.

146
        <pb n="40" />
        Rationalisierung der Land-
wirtschaft
VON K. SCHNEIDER-KLEEBERG (NIEDERWALLUF)
FRANKFURTER ZEITUNG
L. MORGENBLATT VOM 7. MAI 1926
Auch für die Landwirtschaft ist die Not zu allen Zeiten der
beste Lehrmeister gewesen. Sie zwingt den Menschen, nach
Mitteln der Selbsthilfe Umschau zu halten, Sie ist der wirk-
samste Hebel des Fortschrittes. Aus der Notlage der Landwirt-
schaft entsprangen in der Neuzeit die Landarbeitsforschung und
Landarbeitslehre als neue Wissensgebiete, Sie stehen, durch die
Agrarkrise bedingt, als verheißungsvolle Zweige der landwirt-
schaftlichen Betriebswissenschaft heute im Vordergrund des
Interesses, Auch in den Kreisen der Hochschutzzöllner beginnt
man einzusehen, daß die jetzige Agrarkrise letzten Endes nur
durch eine planmäßige Rationalisierung auf allen Arbeitsgebieten
der Landwirtschaft zu überwinden ist. Nicht zum wenigsten
haben zu dieser neuen Erkenntnis die Berichte der landwirt-
schaftlichen Sachverständigen beigetragen, die im verflossenen
Jahre Amerika im Auftrage von Regierungen und Hochschulen
bereisten und die nun dem Landwirt in Wort, Schrift und Film
klar machten, wie weit wir in den agrarischen Produktions-
methoden hinter unseren Konkurrenten zurückgeblieben sind.
Verbilligung der Erzeugung, Standardisierung, Herstellung von
einheitlichen Qualitätsmarken, Normung und Typung,
Verkürzung des Weges vom Erzeuger zum Verbraucher, Zu-
sammenschluß in Produktivgenossenschaften usw. sind plötzlich
die wichtigsten Aufsaben unserer Landwirtschaft geworden.
Früher hatte die Landwirtschaftswissenschaft den großen
Fehler gemacht, daß sie den Menschen als solchen nicht ge-
aügend beachtete, Mit der Feststellung menschlicher Leistungen
beschäftigte man sich viel zu spät. Dadurch sind wir gegenüber
unseren stärksten Auslandskonkurrenten verhängnisvoll ins
Hintertreffen geraten. Die Erziehung sowohl des landwirt-
schaftlichen Betriebsleiters als auch des Landarbeiters muß in
37
        <pb n="41" />
        Zukunit eingehender werden. Die neue Landarbeitslehre hat den
in der Landwirtschaft tätigen Menschen in den Mittelpunkt
ihrer Betrachtung zu rücken und soll die Arbeitsmittel
vornehmlich unter dem Gesichtspunkt der möglichst weitgehen-
den Nutzbarmachung der geistigen und körperlichen Fähigkeiten
dieser Menschen betrachten, Die alte Betriebslehre machte es
umgekehrt: sie stellte das Landgut mit seinen Inventarbeständen
in den Vordergrund und betrachtete den Menschen nur vom
Standpunkt der Nutzbarmachung dieser Dinge aus. Mehr Licht
in den Köpfen zu verbreiten ist die wichtigste Vorarbeit auf
dem Wege zur Rationalisierung der Landwirtschaft, Mehr Licht
in den Köpfen ist das beste Mittel zur notwendigen Neu-
gestaltung, zur Beseitigung der Notlage der Landwirtschaft.

Die neue Landarbeitsforschung hat sich folgende Aufgaben
zu stellen:

1, Alle in der Landwirtschaft arbeitenden Menschen sollen
eine gute und gründliche Ausbildung durchmachen; sie sollen
dabei zum Nachdenken, Beobachten, wirtschaftlichen Rechnen
erzogen werden, damit nur wirklich tüchtige Leute in diesem
Beruf tätig sind, welche das Ansehen ihres Standes heben.

2. Sie will dem Landarbeiter die Arbeit angenehm und leicht
machen dadurch, daß sie ihn auf praktische Handgriffe auf-
merksam macht und ihm gutes praktisches Handwerkszeug in
die Hand gibt, welches jede unnütze Anstrengung beseitigt.

3. Sie will durch Bekanntgabe und Einführung richtiger
Löhnungsmethoden darauf hinwirken, daß jeder Arbeiter nach
seiner Leistung bezahlt wird und daß der tüchtige Arbeiter auch
seinen entsprechenden Lohn erhält,

Forschungsinstitute für Landarbeitslehre arbeiten bereits mit
großem Erfolg in Pommritz (Sachsen) und Landsberg (Warthe).
Es ist zu wünschen, daß sich allmählich ein ganzes Netz solcher
Anstalten über Deutschland ausbreitet,

Die Landarbeit ist nach der Volksmeinung körperlich sehr
anstrengend, wenig lohnend und gilt fälschlicherweise als das
Reservat für ungelernte Arbeiter. Die Zeiten sind aber
vorbei, daß ein unbegabter, beschränkter und körperlich un-
geschickter Mensch zur Landarbeit gerade noch gut genug ist,
vielmehr kann die Landwirtschaft in Zukunft nur noch ge-
lernte Arbeiter, Angestellte und Betriebsleiter brauchen, Nur
dann ist eine fortschreitende Rationalisierung möglich, Wo sich
Betriebsleiter und Arbeiter in einer Person vereinigen, wie
38
        <pb n="42" />
        beim Arbeitsbauer, werden die größten Schwierigkeiten zu
überwinden sein. Bei diesem muß erst der Geist mobilisiert
werden, damit er begreift, daß die Hauptursache seiner heutigen
Notlage in ihm selbst, im Festhalten an überlebten Betriebs-
formen liegt, und daß er sich dadurch in der Konkurrenz selbst
ausschaltet. Soll hierin eine durchgreifende Aenderung der
Psyche des Bauernstandes eintreten, so ist dies nur möglich
durch systematische Hebung der Allgemeinbildung auf dem
Lande, wie es Dänemark und andere Bauernstaaten durch ihre
Bauernhochschulen erreicht haben. Nicht Fachbildung allein
bringt den Landmann auf neue Wege, sondern die Fachbildung
soll sich auf einer besseren Allgemeinbildung aufbauen, In den
Bauernhochschulen wird den Landbewohnern beider Geschlechter
eine staatsbürgerliche Erziehung, geschichtliches Denken, Welt-
anschauung, ein Ueberblick über das Geistes- und Wirtschafts-
leben der Völker, ein Einblick in die Zusammenhänge der Welt-
wirtschaft und dergleichen mehr vermittelt, so daß die Besucher
später befähigt sind, an den Fortschritten wahrer Kultur teil-
zunehmen und solche um sich zu verbreiten, An Führern
fehlt es auf den Dörfern, deshalb kommen wir so langsam voran,
Führernaturen, welche der neuen Zeit auf dem Lande die Bahn
brechen, müssen geweckt werden,

Der Anfang mit der Errichtung solcher Bauernhochschulen
ist seit Kriegsende auch in Deutschland gemacht, wir brauchen
aber mindestens noch zweitausend solcher Anstalten, um den
Bildungsgrad anderer Bauernländer einzuholen, Die landwirt-
schaftlichen Fachschulen werden später mit einer aufgeweckten
Bauernjugend ganz andere Erfolge erzielen als seither.

Da in Mittel-, Süd- und Westdeutschland der kleinbäuer-
liche Betrieb vorherrscht und der Grundbesitz infolge der alt-
hergebrachten Realerbteilung außerordentlich zersplittert ist,
stellen sich hier der Rationalisierung fast unüberwindliche
Hemmnisse in den Weg. Denn der Grundbesitz eines Bauern
liegt in vielen kleinen Parzellen über eine Gemarkung weit
verstreut, Es ist dies gleichbedeutend mit einem enormen
Leerlauf, denn wenn der Bauer einmal mit der Stoppuhr
während eines Jahres die Summe seiner unproduktiven Wege
feststellen würde, käme er zum Resultat, daß er fast die Hälfte
seiner Zeit mit Leerlauf zubringt, Seit hundert Jahren arbeiten
die Landeskulturbehörden an der sogenannten Flurbereinigung,
und doch gibt es weite Gegenden, wo noch kein Anfang damit
39
        <pb n="43" />
        gemacht ist, wo Gemenglage mit Wenderecht und Tretrecht
jeden Fortschritt in der Bodenkultur und Anwendung von
Maschinen ganz unmöglich macht, Während man in Nord-
deutschlahd, wo das Anerbenrecht üblich ist, bei der sogenannten
Separation die Bauerngüter zusammengelegt hat, beließ man es
bei der Flurbereinigung in Süddeutschland bei der Parzellierung.

Es muß auch dem Nichtfachmann ohne weiteres einleuchten,
daß eine großzügige Reform der Grundbesitzver-
teilung in den Gegenden mit Realerbteilung in die Wege
geleitet werden muß derart, daß mit der Flurbereinigung eine
Zusammenlegung in nur wenige Feldpläne erfolgt. Wohl gibt es
keinen Fortschritt ohne den erbittertsten Widerstand eines
Teiles der Bauernschaft, aber hier gibt es nur die Wahl zwischen
allmählichem Untergang oder Wiederaufstieg,

Aehnlich liegen die Verhältnisse auf dem Gebiete des
Meliorationswesens in bäuerlichen Gemarkungen mit
Gemenglage, wo Entwässerungen, Wegeverbesserungen, Wiesen-
Be- und -Entwässerung an dem Unverstand vieler scheitern,
Generationen von Bauern plagen sich auf nassem, saurem Boden
und bringen nicht den Gemeinsinn auf, sich mit ihren Nachbarn
zu gemeinsamer Beseitigung des VUebelstandes zusammen-
zuschließen, Die Bauerngegenden Westfalens, Hannovers,
Sachsens usw, mit arrondiertem Grundbesitz wenden alle Er-
rungenschaften der Neuzeit mit Intelligenz an und sind dem
Großbetrieb heute in mancher Hinsicht überlegen. Hieraus ist
zu ersehen, welche Rolle die Art der Grundbesitzverteilung auf
dem Wege zur Rationalisierung spielt,

Neue Wege sind auf dem Gebiete des landwirtschaftlichen
Bauwesens anzubahnen. Man hat früher in der Landwirt-
schaft häufig zu kostspielig und unpraktisch gebaut. Namentlich
in Bauernhöfen wurde früher ein viel zu großes Kapital in Ge-
bäuden investiert. Die Viehställe, Scheunen, Speicher, Keller
und andere Lagerräume wurden meist ohne Rücksicht auf den
zu ihrer Benutzung erforderlichen Arbeitsaufwand errichtet.
Namentlich in der arbeitsreichen Erntezeit und beim Ausdrusch
der Ernte sind zu viel menschliche Arbeitskräfte erforderlich.
Neuerdings findet der Sparhof immer mehr Beachtung, Bei
dieser Bauweise werden alle Momente berücksichtigt, welche
zur Ersparung menschlicher Arbeitskräfte dienen, also rationelle
Lage der Gebäude zueinander, einfache Baukonstruktion, Einbau
aller möglichen Transportvorrichtungen wie Schienengleise,

’n
        <pb n="44" />
        Hängebahnen, Höhenförderer, Elevatoren, Gebläse, Aufzüge,
Transportbänder usw, Schon gibt es große Dreschanlagen,
welche nur noch drei Personen gegenüber früher zwölf bis fünf-
zehn zur Bedienung erfordern.

Auch bei der Einrichtung der Viehställe ist die Arbeit
durch zweckmäßige Anlage von Transportvorrichtungen für den
Zutransport des Futters und Streumaterials und Abtransport
des Düngers nach der Dungstäite wesentlich zu erleichtern,
Die Kosten für Wartung und Pflege der. Haustiere ermäßigen
sich dadurch bedeutend und das Personal bleibt länger auf
derselben Arbeitsstelle, Wird, bei der Anlage und Einrichtung
auf die Stallhygiene nach unseren heutigen Erkenntnissen
Rücksicht genommen, so vermindert sich dadurch das Risiko
in der Viehhaltung, und die Qualität der tierischen Produkte
wie Milch, Butter, Käse kann sehr gehoben werden, Ver-
wendung von Zement in Viehställen hat sich für die Gesundheit
der Tiere als sehr schädlich erwiesen, Für Schweine ist man
mit Recht zu den primitiven Ställen aus Holz zurückgekehrt.

Durch die Auslandskonkurrenz in tierischen Erzeugnissen
wie Milch, Butter, Käse, Fleisch usw. wird uns immer deutlicher
zum Bewußtsein gebracht, wieviel noch auf dem Gebiete der
Qualitätsverbesserung zu tun ist. Da Geschmack,
Haltbarkeit und gesundheitlich einwandfreie Beschaffenheit
aller Lebensmittel tierischer Erzeugnisse von einer Menge
wichtiger Faktoren der Produktionsstätte abhängen,
wobei die Ausschaltung der Lebensmöglichkeit schädlicher
Mikroorganismen von ausschlaggebender Bedeutung ist, muß in
Zukunft die gemeinnützige Kontrolle an den Anfang des
Produktionsprozesses und nicht wie seither an das Ende des-
selben gelegt werden. Also weitgehende Stallkontrolle und Be-
lehrung im Stalle ist der erste Schritt, wenn z. B. deutsche
Milch und Milchprodukte guten Absatz und befriedigende
Preise sich erringen sollen, Die kürzlich in Mannheim abge-
haltene milchwirtschaftliche Tagung legte ein beredtes Zeugnis
für diese Forderung ab. Es ist Sache der landwirtschaftlichen
Interessenvertretungen und nicht des Staates, solche Aufgaben
zu lösen, Voraussetzung zum Erfolg einer Milchpropaganda nach
amerikanischem Vorbild ist zunächst die Herstellung absolut
einwandfreier Qualitätsmilch,

Auch auf dem Gebiet der Pflanzenzucht muß eine
Rationalisierung eintreten, damit endlich in großen Gebieten
41
        <pb n="45" />
        einheitliche Marken angebaut werden. Die deutsche Landwirt-
schaft baut zuviel verschiedene Sorten der einzelnen Kultur-
pflanzen, Es ist ein Unding und erschwert unsern Absatz, daß
wir mehr‘ als 2000 Kartoffelsorten, mehrere hundert Getreide-
sorten — um nur diese wichtigsten Feldfrüchte herauszugreifen
— anbauen, Wir müssen allmählich zu einer Beschränkung auf
nur einige gute Züchtungen kommen, wenn die Landwirte nicht
weiter zusehen wollen, daß Auslandsware zu höheren Preisen
bevorzugt wird. Aehnliche Rückständigkeiten sind auf dem Ge-
biete des Obstbaues zu überwinden: zu vielerlei Sorten, unvor-
sichtige Erntemethoden, mangelhafte Verpackung bei uns öffnen
der Auslandsmarke Tür und Tor, Auch die Aufmachung seiner
Produkte für den Markt muß der deutsche Landwirt noch lernen,

In der Elektrisierung, Motorisierung und Technisierung hat
im letzten Jahrzehnt unsere Landwirtschaft zweifellos große
Fortschritte gemacht, aber in bezug auf die Normung der
Maschinen und Geräte ist noch fast alles zu tun. Wir haben
nicht einmal eine einheitliche Spurweite bei dem Ackerwagen
in Deutschland, keine einheitlichen Wagenachsen, so daß es
vorkommt, daß auf einem Gutshofe zwanzig Ackerwagen be-
nutzt werden, wovon jeder ein anderes Achsenmodell hat. Ein
Auswechseln von Rädern ist natürlich dann nicht möglich, Der
Maschinenpark eines Gutshofes krankt meist an der Viel-
gestaltigkeit der vorhandenen Modelle, so daß die Beschaffung
von Ersatzteilen den Betrieb sehr erschwert. Wir hatten bis
vor kurzem etwa vierzig Motorpflugsysteme in Deutschland,
von denen sich schließlich nur wenige behaupten konnten, Auf
solche Weise kann natürlich die motorische Feldbestellung
keine Fortschritte machen, Erst dann, wenn die Industrie Ein-
heitstypen in Massenfabrikation herstellt, werden die. Preise
für die Landwirtschaft tragbar und an Absatz wird es dann
nicht fehlen. Mit Recht klagt die Landwirtschaft darüber, daß
die Maschinen und Geräte zu teuer sind, Nur durch die Typi-
sierung wird sich daher die Industrie den inneren Absatzmarkt
in der Landwirtschaft erobern können.

Auf einen anderen sehr wichtigen Punkt der Landwirt-
schafts-Technik sei hingewiesen, Die Arbeitsleistungen in der
Bodenkultur können erheblich gesteigert werden, wenn der
Landmann bei der Feldarbeit nicht zu Fuß laufen muß, sondern
Sitzgelegenheit auf seinen Ackergeräten und Maschinen hat.
Die Arbeitszeit auf dem Feld ist eine Betätigung für die Ge-
42
        <pb n="46" />
        spanne, soll hingegen ein Ausruhen für den Landwirt sein,
während die Ruhezeit der Gespanne auf dem Hofe die Zeit
der Betätigung für den Landwirt darstellen soll, Es muß bald
etwas Durchgreifendes für die Vereinfachung der kleinbäuer-
lichen: Arbeit geschehen; denn wenn der Landmann ermüdet
vom Felde heimkommt, ist er gar nicht mehr in der Lage, seine
Hofarbeiten gründlich zu erledigen. Und die schwere körper-
liche Arbeit des Bauern hindert nun einmal jeden geistigen
Fortschritt, ohne welchen eine Rationalisierung nicht möglich
ist. In Amerika ist auf jedem Ackergerät und jeder Land-
maschine, selbst auf den Pflügen und Eggen, ein Führersitz
angebracht oder mit Sitzvorkarren verbunden, Der Arbeiter
ruht 'aber nicht bloß aus bei der Feldarbeit, sondern die Ge-
spanne gehen in flotterem Tempo und der Kleiderverschleiß der
Arbeiter ist bedeutend geringer,

So hat die Landarbeitsforschung nicht nur das Problem
zu lösen, auf welche Weise die Landarbeit vereinfacht und
verbilligt werden kann, sondern vor allem auch, wie die
Arbeitszeit verkürzt werden kann, damit Zeit genug frei
wird für die geistige Fortbildung des Bauern und Landarbeiters.
Mehr Licht läßt sich in den Köpfen nur verbreiten, wenn die
erforderliche körperliche und geistige Frische dazu vorhanden
ist. Darum kann man voraussagen, daß die fortschreitende
Rationalisierung der Landwirtschaft das seitherige entsagungs-
volle Leben des Landmannes von Grund aus umgestalten wird,

A
        <pb n="47" />
        Rationalisierung des Büro-
betriebes
VON DR. H, HALBERSTAEDTER (UNIVERSITÄT KÖLN)
FRANKFURTER ZEITUNG

I. MORGENBLATT VOM 19. MAI 1926

Rationalisierung des Bürobetriebes besteht nicht im Kauf
von Büromaschinen, Rationalisierung ist eine Idee, Wenn heute
in allen Zweigen des Wirtschaftslebens eine Rationalisierung
verlangt wird, so ist damit nicht an eine Verbesserung der
Methoden, an technischen Fortschritt im allgemeinen gedacht,
Das Besondere, was dieser Idee der Rationalisierung anhaltet,
ist die planmäßige Untersuchung und Beobach-
tung des Betriebes, um die Arbeit in allen ihren Teilen wirt-
schaftlich zu gestalten, Das kann — für den Bürobetrieb — in
vielen Fällen zur Büromaschine führen, braucht es aber nicht.
Das Wesen der Rationalisierung liegt in dieser planmäßigen Durch-
arbeitung, durch die jede notwendige Arbeit so zweckmäßig wie
möglich gestaltet und jede überflüssige ausgemerzt wird, In
diesem Sinne ist Rationalisierung möglich und notwendig
für jeden Bürobetrieb, für den kleinen wie für den
großen, den mit viel wechselnder Arbeit wie den, der zu einer
weitgehenden Mechanisierung die Voraussetzungen in sich trägt.
Gerade bei den kaufmännischen Unternehmungen ist die
Verbesserung der Wirtschaftlichkeit nicht
immer einseitig in einer Verringerung der Verwaltungskosten
zu suchen, Das Ziel muß stets die Hebung der Wirtschalftlichkeit
des ganzen Unternehmens sein. Wir haben noch unendlich
viel Betriebe in Deutschland, die nicht an zu viel, sondern an
zu wenig Verwaltung kranken, Durch bessere Organisation,
die ein fehlerfreieres Arbeiten des Betriebes gewährleistet,
durch weiteren Ausbau der Selbstkostenrechnung und Statistik,
der eine größere Klarheit über die Vorgänge im Betrieb und
die wirtschaftlichen Zusammenhänge schafft, kann oft die
Rentabilität eines Unternehmens in ungeahntem Maße gesteigert
werden, Die Verbesserung der Verwaltungsleistung

A
        <pb n="48" />
        ist eine ebenso wichtige Rationalisierungsmaßnahme wie die
Verringerung der Verwaltungskosten. Es ist mir bei den Firmen,
die ich organisiert habe, mehr als einmal begegnet, daß es sich
als wirtschaftlich herausgestellt hat, die Ausgaben für Ver-
waltungszwecke im ganzen genommen sogar noch zuerhöhen.,
Das, worauf es ankommt, ist — und das ist allerdings eines der
schwierigsten Probleme, das damit dem Organisator gestellt
wird —, den besten Wirkungsgrad des Betriebes zu er-
zielen. Wo dieser Punkt des günstigsten Wirkungsgrades liegt,
hängt völlig von den besonderen Voraussetzungen des Betriebes
ab. Es kann das eine Mal eine Verminderung, das andere Mal
eine Erhöhung der Bürokosten bedingen,

Wie geht nun eine solche Durcharbeitung eines Büro-
betriebes, die eine Erhöhung seiner Wirtschaftlichkeit zum
Ziel hat, vor sich? Es mag dabei noch ganz besonders betont
sein, daß die gleichen Grundsätze für jede Art von Bürobetrieb
gelten, mag es sich um einen Fabrikbetrieb handeln oder um
ein Versicherungsunternehmen, um eine Bank oder um eine
kommunale Behörde, einen Warenhandelsbetrieh oder einen
Zweig der öffentlichen Verwaltung,

Wenn die Rationalisierung wirklich durchgreifend sein soll,
so ist es als erstes notwendig, die Organisation des Be-
triebes neu zu gestalten, Man muß sich darüber klar werden,
welche Aufgaben erfüllt werden sollen, (In welchem Betriebe
werden nicht immer noch Arbeiten mitgeschleppt, die früher
vielleicht einmal notwendig, heute längst sinnlos geworden
sind?) Es ist zu prüfen, ob das, was gewünscht wurde, durch
die bisherigen Arbeitsmethoden wirklich erreicht wird. (Wie
oft findet man es, daß Buchhaltung oder Lagerkartei nicht auf
dem laufenden sind, und daß jede Anfrage erst beantwortet
werden kann, wenn ein Stoß unerledigter Belege durchgesehen,
Bücher gewälzt, lange Zahlenkolonnen aufaddiert worden sind,
wie oft, daß eine unzweckmäßige Anordnung der Registratur
dauernd unnütze Mehrarbeit verursacht!) Schließlich muß über-
legt werden, ob alles so einfach wie möglich gestaltet, ob
nicht an zwei Stellen des Betriebes die gleiche Arbeit getan
wird, nicht überflüssige Zwischenstufen eingeschaltet sind. die
fortfallen können.

Ist so das Arbeitspensum, das geschafft werden muß, fest-
gelegt, so gilt es, zu untersuchen, ob jede Ar beitskraft
voll und ihren Kräften entsprechend ausgenutzt ist. Ein
45
        <pb n="49" />
        wichtiges Prinzip, das sich in zunehmendem Maße durchsetzt,
ist es, die hochwertigen, teuer bezahlten Angestellten von jeder
untergeordneten Tätigkeit zu entlasten und alle solche Arbeiten
auf billigere Hilfskräfte abzuwälzen. Wie bei der Produktion
wird auch im Bürobetrieb die Trennung zwischen geistiger und
mechanischer Arbeit immer mehr durchgeführt.

Die Wichtigkeit einer solchen grundlegenden Durcharbeitung
des ganzen‘ Aufgabengebietes wird heute noch oft verkannt, ja
vielfach wird diese Aufgabe überhaupt nicht gesehen, Allzuoft
beginnt man und begnügt man sich damit, an irgendeiner Stelle
ein einzelnes Arbeitsverfahren zu rationalisieren. Gewiß, eine
solche Verbesserung der Arbeitsverfahren — etwa die
Zusammenfassung mehrfacher gleicher Schreibarbeit zu einem
Arbeitsgang mittels Durchschrift- oder Umdruckverfahrens, die
Arbeitsvereinfachung durch Verwendung zweckmäßiger Vor-
drucke, die Ersetzung unübersichtlicher Bücher durch ein Lose-
blatt- oder Karteisystem — ist sicher eine der wichtigsten
Maßnahmen zur Rationalisierung des Bürobetriebes; es mag
ganz besonders darauf hingewiesen sein, daß hier auch weite
Möglichkeiten für den.kleinen und mittleren Betrieb
vorliegen, da für eine solche Umgestaltung der Arbeit keine er-
heblichen Aufwendungen notwendig werden, Aber ich möchte auf
das nachdrücklichste betonen, daß alle solche Maßnahmen erst
die zweite Stufe der Rationalisierungsarbeit sein können, sich
erst fruchtbar auswirken, wenn sie nicht zufällige, vereinzelte
Maßnahmen bleiben, sondern wenn der ganze Arbeitsgang in ein
geschlossenes, wohldurchdachtes System gebracht worden ist.

Ganz ähnlich steht es mit der Verwendung von Büro-
maschinen und anderen technischen Hilfsmitteln. Die
moderne Technik hat eine Unzahl neuer Hilfsmittel in den
Dienst des Bürobetriebes gestellt: Schreibmaschinen und
Diktierapparate, Vervielfältigungs- und Adressiermaschinen,
Maschinen und Hilfsmittel für das Verschließen und Frankieren
der ausgehenden Briefe, Rechen- und Buchhaltungsmaschinen
und vieles andere mehr, Hilfsmittel, die die Arbeitsleistung des
einzelnen um ein Vielfaches zu steigern vermögen und die trotz
ihrer teilweise erheblichen Anschaffungskosten die Kosten der
Büroarbeit oft beträchtlich vermindern, Ihr Wert für die Ratio-
nalisierung des Bürobetriebes wird in immer weiteren Kreisen
erkannt, und ihre Verbreitung ist in dauerndem Steigen be-
griffen. Aber auch hier ist es mit der Anschaffung und Auf-
46
        <pb n="50" />
        stellung der Maschinen allein nicht getan. Es müssen erst durch
die Organisation die Voraussetzungen für ihre Einführung ge-
schaffen werden,

Die richtige Eingliederung der Maschinen und der
anderen technischen Hilfsmittel verlangt eine gründliche organi-
satorische Vorarbeit. Viellach wird es notwendig, die ganze
Arbeit anders zu gliedern, gleichartige Arbeiten aus den ver-
schiedensten Abteilungen des Betriebes zusammenzufassen,
z. B. zentrale Rechenbüros zu schaffen, in denen Berufsrechner
an Maschinen die rechnerischen Aufgaben des ganzen Betriebes
lösen. Die oft recht teuren Anschaffungskosten und die hohen
Zinssätze verlangen eine möglichst gute Ausnutzung aller
Maschinen. Dies bedingt eine weitgehende Entlastung des
Maschinenbedieners von allen Nebenarbeiten, So wird man in
einer Maschinenbuchhaltung die Arbeit des Heraussuchens der
Kontenkarten und des Zurechtlegens der Belege einer anderen
Kraft übertragen, damit an den Maschinen ununterbrochen
gearbeitet werden kann,

Hier liegen wichtige Aufgaben, die leider von den Leitern
vieler Betriebe noch nicht zur Genüge erkannt sind, vor allem
vielleicht infolge einer vielfach mißbräuchlichen Benutzung des
Wortes „Organisation‘, das von Büromaschinen- und Büro-
möbelhändlern allzu oft gleichbedeutend mit „Verwendung
bürotechnischer Hilfsmittel‘ gebraucht wird, Ein Bürobetrieb
ist noch nicht organisiert, geschweige denn rationalisiert, wenn
er eine Kartei und eine Rechenmaschine benutzt. Die großen
Unterschiede in der Leistung, die in den verschiedenen Be-
trieben bei gleichen Maschinen erzielt wird, zeigen, wieviel
hier im allgemeinen noch im argen liegt,

Eine Reihe von Maßnahmen mag hier noch erwähnt werden,
deren Sinn es ist, die Leistungsfähigkeit der einzelnen
Angestellten zu heben. Richtige Unterweisung, Anleitung
und Fortbildung der Angestellten verursacht keine teuren An-
schaffungskosten, sondern verlangt nur etwas von der Zeit und
Arbeitskraft dessen, der sich damit beschäftigt, und wird doch
in vielen Fällen erreichen können, daß der einzelne ein erheblich
größeres Arbeitspensum schaffen kann als zuvor, Noch wichtiger
sind oft die Bedingungen, unter. denen die Arbeit verrichtet
wird, Stetigkeit, Pünktlichkeit, Ordnung, Uebersichtlichkeit
müssen die Grundlagen jeder Büroarbeit bilden. Wieviel wird
gerade gegen diese Grundsätze gesündigt! Die Angestellten
47
        <pb n="51" />
        bekommen ihre Arbeitsunterlagen heute um 10 Uhr vormittags,
morgen um 3 Uhr nachmittags zugestellt, sie werden mitten in
ihrer Arbeit durch Sonderaufträge gestört oder durch stunden-
langes unnützes Herumsitzen und Warten ermüdet, so daß sie,
wenn die Arbeit endlich einsetzt, gar nicht mehr frisch genug
für eine brauchbare Leistung sind, Man versuche einmal, alle
diese kleinen Untugenden radikal aus dem Betrieb zu entfernen,
und man wird staunen, wieviel mehr mit dem gleichen Personal
sich bei geordnetem Betrieb leisten läßt!

Auch die äußeren Bedingungen der Arbeit lassen,
obwohl in vielen Betrieben gerade auf diesem Gebiete Muster-
gültiges geschaffen wurde, in anderen oft noch reichlich zu
wünschen übrig. Unzweckmäßige Ausgestaltung des Arbeits-
platzes, schlechte Beleuchtung, ungenügende Ausstattung mit
Ablagemitteln, die es dem Bearbeiter unmöglich macht, die
richtige Uebersicht über seine Arbeit zu behalten, zu enge
Räume kosten manchen Betrieb mehr Geld, als er ahnt!

Die vornehmste Kunst des Kaufmanns ist die Kunst der
Menschenbehandlung, durch die er im Verkauf wie
im Einkauf seine Erfolge erzielt. Es ist nicht das unwichtigste
Mittel der Rationalisierung des Bürobetriebes, diese Kunst auch
seinem Personal gegenüber anzuwenden, die psychologischen
Voraussetzungen zu schaffen für eine gesteigerte und dennoch
gute Leistung, seine Angestellten anzuspornen, mitzureißen und
sie zu interessierten Mitarbeitern zu machen. Denn letzten
Endes sind alle Maßnahmen zur Steigerung der Leistungsfähig-
keit zwecklos, wenn sie nicht auf einen geeigneten Boden fallen,

So rundet sich uns das Bild: Die Wege der Rationalisierung
des Bürobetriebes der kaufmännischen Unternehmungen wie der
staatlichen und kommunalen Behörden liegen in der plan-
mäßigen, auf eine Hebung der Wirtschaftlichkeit hinzielenden
organisatorischen Durcharbeitung des ganzen Verwaltungs-
apparates. Es gilt, die gewünschte Verwaltungsleistung mit
einem Minimum von Verwaltungsarbeit zu erreichen, die zweck-
mäßigsten Arbeitsverfahren in den Dienst der einzelnen Auf-
gabe zu stellen, die ganze Arbeit so zu gestalten, daß eine
weitgehende Mechanisierung ermöglicht wird, und die ange-
wandten technischen Hilfsmittel in vollem Maß auszunutzen,
andererseits die Arbeitskraft jedes einzelnen Angestellten zur
vollen Entfaltung zu bringen, um so mit den geringsten Personal-
kosten das ganze einmal gesetzte Arbeitspensum zu schaffen.

zn
4
        <pb n="52" />
        Rationalisierung im Buchgewerbe
und im Buchhandel
VON DR. WALTHER LOHMEYER (ZÜRICH)
FRANKFURTER ZEITUNG
I MORGENBLATT VOM 3. JUNI 1926
Wer einem deutschen Verleger oder Buchhändler noch vor
einem halben Jahr von Planarbeit hätte sprechen wollen,
wäre überlegener Ironie oder heftigem Kopfschütteln begegnet,
Buch und Rationalisierung — eine contradictio in adjecto;
Persönlichkeiten haben ihm seine Stellung geschaffen, die Viel-
gestalt unseres Geisteslebens fordert individuelle Form und freie
Mittler. Dieser Idealismus kämpft heute auf dem rauhen Boden
neuer wirtschaftlicher Tatsachen um sein Leben. Er erkannte
zu spät das Wesen der Abbaukrisis, die Tragweite des Wett-
bewerbs der neuen Anregungs- und Belehrungsmittel und die
mangelnde Anpassungsfähigkeit seiner alten Zunftverfassung.
Seine Ueber-Erzeugung suchte er durch Steigerung der
Buchhändlerrabatte und der Propaganda abzusetzen zu immer
höher getriebenen Preisen, Die Stockung auf dem Buchmarkt
übertrifit alles anderwärts Erlebte; wirtschaftliche Ratlosigkeit
droht das Unheil zu vergrößern,

Die Mißstimmung des Publikums nützten ein paar freie
Verlage zu einem Ueberraschungserfolg, indem sie einige Zeit-
forderungen erfüllten: Organisation der Käufer durch das
Abonnement; Umsatz- und Gelderleichterung durch Teilzahlung,
Anpassung der Erzeugung an die sicher erfaßbare Kaufkrait,
Beschränkung auf die effektivsten Werbemittel, Vereinfachung
_— hier sogar Versuch der Ausschaltung des Zwischenhandels.
Die sogenannten Buchgemeinscha ften vermochten bei
sicherer Gewinnrechnung den Buchpreis unter die Hälfte zu
drücken und von der entlliehenden Kaufkraft im letzten Jahre
mindestens dreißig Millionen Mark für sich abzufangen.
AO
        <pb n="53" />
        Dieses Menetekel, unterstrichen durch öffentliche Aeuße-
rungen pessimistischer Volkswirtschafter, die Verlag und Buch-
handel ihr Ende in zwei oder drei Riesenkonzernen voraussagten,
führte zy wirtschaftlichem Nachdenken. Zweierlei Preise
sollen helfen; eine Reihe schönwissenschaftlicher Verleger will
ihren älteren Verlag vorübergehend herabsetzen, für die neueren
Erscheinungen aber an den hohen Preisen festhalten, bis sich
das Publikum an: diese gewöhnt hätte.

Gegen diesen Einfall erhebt sich die volkswirtschaftliche
Vernunft. Seither spricht man von Rationalisierung, und das
Wort kann hier in seinem einfachsten Sinn aufgefaßt werden,
ohne den megaphonen Metallklang des Schlagworts. Bei gründ-
licher Untersuchung der wirtschaftlichen Tatbestände im Buch-
gewerbe stößt man auf so zahlreiche Quellen der Vergeudung
von Kraft, Zeit und Stoff und der betriebstechnischen Rück-
ständigkeit — allesamt der Ueberbetonung der individuellen
Arbeit entflossen — daß hier vieles schon einen Fortschritt
bedeutet, was in anderen Wirtschaftszweigen eine Selbstver-
ständlichkeit war, ehe man dort von Rationalisierung sprach.
Ein Studium dieser Art führt zu Einsichten, die ebenso viel
Forderungen darstellen, Reihen wir sie in schlichter Kette auf:

Die hohen Bücherpreise, verglichen mit den unverhältnis-
mäßig billigeren Angeboten der Buchgemeinschaften und anderer
Massenbüchereien, haben das Publikum nicht nur der materiellen
Möglichkeit zu kaufen beraubt, sondern auch des Vertrauens in
den kaufmännischen Sinn, wo nicht Anstand des Verlegers und
Buchhändlers, Die Herabsetzung der Preise für einen Teil der
vorhandenen Verlagserzeugnisse kann dies Vertrauen nicht
wieder herstellen, sondern nur noch mehr erschüttern, Die erste
Aufgabe ist also Schaffung eines neuen einheitlichen
Preisstandes, der zu den Preisen der billigen Massen-
herstellung keinen größeren Abstand bestehen läßt, als ihn die
Vorteile der freien Wahl und der persönlichen Beratung im
Laden rechtfertigen,

Der Buchpreis setzt sich aus so mannigfaltigen Komponenten
zusammen, daß das Ziel nur durch gleichzeitige Wahrnehmung
aller Vorteile in Herstellung, Werbung, Lieferung und Finanzierung
zu erreichen ist. Der einzelne vermag da wenig, Zusammen-
schlüsse viel. Nur die Ausnützung kollektiver Arbeits-
methoden kann die mittleren Unternehmungen erhalten — und
das sind volkswirtschaftlich betrachtet auch die meisten „Groß-
50
        <pb n="54" />
        verlage‘ —, und nur so sind die freie Initiative und die persön-
liche Arbeit des Verlagsgeschäftes wie des Sortimentsbuch-
handels zu retten, In keinem anderen Gewerbe aber wird sich
ein Grundgedanke der Rationalisierung schöner erfüllen: daß in
der kommenden Wirtschaftsperiode der Mittelbetrieb vor dem
Großbetrieb einen Vorsprung erlangen kann dank der größeren
Beweglichkeit und der leichteren Anpassung an die allgemeine
Geschäftslage. Allerdings, der Zweckverband darf nicht der
Lebensrettung veralteter oder überschuldeter Betriebe dienen,
sondern muß gebildet sein aus unentbehrlichen, lebensfähigen
und erprobten Firmen, Was vermag er?

Beginnen wir mit dem Papier, Hunderte von Sorten
(Größen, Güten, Stärken, Tönungen usw.) wurden bisher für
die deutschen Buchverleger gefertigt, Dabei ist ihr Gesamtbedarf
im Vergleich zu dem der Zeitschriften, der illustrierten Zeitungen
und gar der Tagespresse sehr bescheiden, Hausformate kennt,
wenn man von Reihenunternehmungen wie Klassiker- und
Romanbücherreihen absieht, kaum ein Dutzend Verleger in
Deutschland, Ein Bild von dem Unmaß der Formatspielereien:
Ich gehe in eine mittlere Buchhandlung; aus einem Gestell, auf
dem erzählende Literatur der letzten beiden Jahre steht, noch
nicht tausend Bände, hole ich in wenigen Minuten vierzig ver-
schiedene Formate heraus, zum Teil mit Unterschieden von
wenigen Millimetern, Vierzig Romanformate, wo zwei voll-
kommen ausreichen! Einigung auf wenige bevorzugte Formate,
und der erste Schritt zum verbilligten „Typenbuch‘ ist getan,
auch wenn man sich mehr nach den beliebten Buchformen richtet
als bei den „Dinormformaten‘, die der Normenausschuß der
deutschen Industrie empfiehlt. Immerhin ist der Vorteil ver-
schiedener Teilbarkeit eines Großbogens nicht zu übersehen;
unsere Papiermacher erzeugen Rollenbreiten, deren Verschnitt
durch hälitige oder anders proportionierte Teilung drei bis vier
Druckbogenformate ergeben kann, Mit drei geschickt gewählten
Großbogenformaten, vier Stärken, davon die beiden mittleren
bevorzugt, drei Qualitäten, zwei Färbungen und zwei Ober-
flächen: maschinenglatt oder scharf satiniert, ist der‘ ganze
Normalbedarf des deutschen Verlags an Werkdruckpapier zu
decken, Gemeinsame Anfertigung oder gemeinsamer Einkauf in
diesen Grundtypen sichert Großhandelssätze, die gegenüber den
heute bezahlten Durchschnittspreisen eine fortschreitende Ver-
billigung von zehn zu zehn Prozent bedeuten,
51
        <pb n="55" />
        In Satz und Druck wirkt sich der Vorteil der Typen-
formate ziffernmäßig nicht so stark aus; hier kommt es auf die
Verteilung der Aufträge an. Damit rührt man an heikle Fragen
des inferen Betriebs. Es ist bis heute eine juristische Doktor-
frage, ob der Buchverlag als Handelsgeschäft oder als Fabrikation
zu gelten habe — Fabrikation ähnlich den Industrien, die Heim-
arbeit vergeben. Jedenfalls vertragen sich in ihm die beiden
Seelen des Verfertigers und des Verkäufers gewöhnlich recht
schlecht. Die Herstellungsarbeiten drängen sich auch in großen
Häusern zu Saisonschüben zusammen, was durch die Bedeutung
des Weihnachtsgeschäfts psychologisch erklärt, aber nicht wirt-
schaftlich gerechtfertigt werden kann. Ein Gewerbe, das seiner
Natur nach weitgehend „auf Lager” arbeitet, dürlte den Leerlauf
seiner Hilfsindustrien in solchem Maß nicht dulden, Hier wird
sich die Vereinigung als Erziehungsmittel bewähren: je gleich-
mäßiger die einzelnen Teilnehmer ihre Druckarbeiten im eigenen
Hause einteilen, desto leichter vermag sie diese auf einige
leistungsfähige Großdruckereien so zu verteilen, daß dort ein
verhältnismäßig fester Beschäftigungsgrad erreicht wird. Dieser
ermöglicht rationelle Betriebsführung und rechnerische Ver-
günstigungen, die wieder eine steigende Verbilligungsquote in
die Herstellungsrechnung einführen,

Zu voller Geltung kommen die Vorteile des Typenbuches
beim Einband, Bei einem Buch in mittlerem Umfang und
mittlerer Auflage beansprucht er heute die Hälfte der Selbst-
kosten, mit anderen Worten, so viel wie Papier, Satz und Druck
zusammen, Die Einheitsformate bedeuten: Reihenfertigung, die
alle Vorteile der Massenauflage bringt; gleichmäßigen Beschnitt
von Buchblock und Pappen, wo bisher Unterschiede von
Millimetern zeitraubende Maschinenumstellungen verlangten;
fast volle Ausnützung der Leinenstücke, wo sonst Abfälle bis
zu 15 Prozent einzurechnen waren. Der Großbezug bestimmter
Einbandstoffe in immer noch reichlicher Farbenauswahl und die
Verteilung der Aufträge ähnlich wie beim Druck helfen mit, die
heutigen Bindepreise stufenweise um 20 bis 30 Prozent zum
Sinken zu bringen, Der Zusammenschluß einiger Leipziger Groß-
buchbindereien, der sich anbahnt, kommt der Entwicklung schon
entgegen und wird sie fördern,

Sind schon die augenblicklich greifbaren Vorteile groß, so
sind die Wirkungen für die weitere Zukunft kaum zu schätzen,
Man denke an die Maschinenindustrie, an die Verminderung
_
32
        <pb n="56" />
        der Typen für Druck-, Papier- und Bindereigewerbe. Billige
Anschaffung neuer Grundtypen erleichtert den Betrieben die
ohnehin unerläßliche Abschreibung der älteren unwirtschaft-
lichen Einrichtungsstücke. Es ist unendlich wichtig, daß nicht
die Schundpreise fallreifer Firmen des Buchgewerbes dem Ver-
leger den Blick für die Notwendigkeit trüben, dessen gesunden
Kern für die künftige Leistung zu stärken. Die Selbstbehauptung
fordert es; die Behauptung der errungenen Leistungs- und
Qualitätsstufe nicht minder.

Der Anstoß zu jeder Rationalisierung im technischen Buch-
gewerbe muß von den Bestellern, also von den Verlegern
kommen, Eine Vermittlungsstelle mit kleinem Apparat
bewältigt diese Aufgaben, dazu die allgemeinere und wichtigste:
die Erlangung von Zeitgewinnen aller Art. Uebergangshemm-
nisse (z. B. festgelegte Serienformate) lassen sich bei gutem
Willen rechnerisch ausgleichen. Die äußere Erscheinung des
Buches wird das Geheimnis seiner Herstellung nicht verraten;
die Wahl der Schrift, die Satzanordnung und die Behandlung
des Einbands bezeugen nach wie vor den Geschmack seines
technischen Schöpfers.

Es würde den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen, wollte
ich die Arbeitsvergeudung im buchhändlerischen Liefer-
wesen schildern, Die Lieferungsbedingungen schwanken nach
dem Zutrauen des Veriegers zum einzelnen Buch und nach seinen
Beziehungen zum einzelnen Buchhändler, Eine Unsumme über-
flüssiger Schreib- und Rechenarbeit; nach vorsichtiger Berech-
nung eines amerikanischen Sachverständigen lassen sich die
Auslieferungsspesen des Verlags auf die Hälfte verringern durch
eine neuzeitlich eingerichtete Lieferungszentrale in Leipzig und
durch einen einheitlichen Lieferungsvertrag mit dem Sortiment,
der nur noch drei bis vier Rabattstufen setzt. Die Unkosten für
Lieferung und Inkasso betragen heute mindestens zehn Prozent
vom Umsatz; der Unterschied wäre schon eine kleine Dividende,
Nur angedeutet sei, daß die Umsatzverpflichtungen der Buch-
händler gegen die Vereinigung, die den Rabattstufen zugrunde
liegen, die Kreditbeschaffung zur Erleichterung des
Zahlungsverkehrs ermöglichen.

Auf dem gleichen Weg liegt die Schalfung gemeinsamer,
billiger und wirksamer Werbemitte 1. Die Zersplitterung
der buchhändlerischen Propaganda, die Höhe der Werbekosten
im Verhältnis zu den Umsatzmöglichkeiten sind ohne Seiten-
53
        <pb n="57" />
        stück in unserem Wirtschaftsleben, Die ewige Frage des Bücher-
treundes: Wo kann ich mich gleichmäßig und regelmäßig über
alle Neuerscheinungen meines Interessengebietes unterrichten?
ist bis heute nicht befriedigend beantwortet. Die gutgeleitete
kostenlose Werbezeitschrift der Vereinigung, ein „Publikums-
börsenblatt‘, wird zur Organisation von Kundenkreisen (Buch-
abonnement) helfen,
Und wenn nun trotz aller Vernunit in Herstellung, Lieferung
und Vertrieb kaum zehn Prozent aller Bücher künftig ihr Er-
scheinungsjahr überleben, wie es uns die Kulturpessimisten und
die Amerikagläubigen versichern? An den hier erörterten wirt-
schaftlichen Aufgaben ändert das nichts, Die Verminderung der
Unkosten erlaubt dem Verleger die notwendige Vorsicht und
Zurückhaltung in der Produktion. Aber er wird, schon im Hin-
blick auf die vorhandenen Lager, das Problem des Ausver-
kaufs lösen müssen. Der Gedanke offener, von Verlag und
Buchhandel vorbereiteter Saisonausverkäufe, wie sie das Aus-
land längst kennt, verdient, vollends in dieser Notzeit, alle Be-
achtung, jedenfalls den Vorzug vor einem ‘stillen Dauerausver-
kauf, der die Neuproduktion erstickt, Gewiß, die frühere starre
Auffassung vom festen Ladenpreis erfährt dadurch eine
Lockerung, Aber das beschleunigte Lebenstempo und das wirt-
schaftliche Gebot schnellen Umsatzes, das die Kapitalver-
armung aulfstellt, verwerfen das Dogma von der Langlebigkeit
des Buches, zumal des belletristischen,

Zusammenschlüsse solcher Art werden heute in Verleger-
kreisen ernsthaft erwogen, und sie werden zustande kommen,
weil es keinen anderen Weg gibt, der zugleich durch die Nöte
der Gegenwart und in eine gesicherte Zukunft führt. Mögen da
und dort glückliche Zufälle noch die Erkenntnis verzögern oder
Kurzsichtige dabei nur an vorübergehende Notstandsmaßnahmen
denken, die Hauptsache ist, daß der Weg beschritten wird; dann
wird der Gleichfluß mit der allgemeinen Wirtschaftsentwicklung
zwangsläufig wirken, Es genügt zu wissen, daß die kräftige und
sachliche Durchführung rationeller Methoden einen Preis-
abbau um fünfundzwanzig bis dreißig Prozent rechtfertigt
und daß sie eine Ueberschwemmung des Marktes mit Edel-
ramsch verhütet, Hier beginnt das öffentliche Interesse. Es ver-
langt die zeitgemäße Organisation eines für unsere Kultur
lebenswichtigen Gewerbes, verbietet eine weitere Proletari-
sierung der Schriftsteller, die zur Radikalisierung, Korruption
54
        <pb n="58" />
        oder Verödung des geistigen Nachwuchses führt, und bangt um
das Schicksal des deutschen Buches im Ausland.

Nur Wirtschaftlichkeit kann den Idealismus retten; die Ratio-
nalisierung erhält dem deutschen Buchgewerbe seine schöpfe-
rische  Vielgestaltigkeit. Dann werden das allbeherrschende
Massenbuch mit seinem Stielbruder, dem teuren (subskribierten)
Edelbuch, und das Großkaufhaus für Bücher eine Utopie derer
sein, die sonst nicht zu den Utopisten zählen.

DS
        <pb n="59" />
        Rationalisierung im Großhandel
VON DR. LEON ZEITULIN, M. D, R.W. R. (BERLIN)

FRANKFURTER ZEITUNG
I. MORGENBLATT VOM 17. JUNI 1926
Rationalisierung der deutschen Wirtschaft hat sinngemäß
ihrem organischen Werden und Wachsen Rechnung zu tragen.

Für sie ist, wie es in dem Aufsatz von Prof, Heydebroek
durchaus zutreffend heißt, die Erhaltung einer möglichst breiten
Schicht mittlerer und kleinerer industrieller Betriebe eine
Lebensfrage. Damit ist von vornherein der grundsätzliche Stand-
punkt zu dem Problem der Rationalisierung solcher Betriebe
gewonnen, deren volkswirtschaftliche Funktion nicht in der
Erzeugung von Gütern, sondern in der Ueberleitung zum Ver-
brauch, das heißt in Vermittlung und Verteilung besteht. Allein
während diese Funktion bei dem Einzelhandel als gegeben und
unbestritten anerkannt wird, so daß sich Alfred Leonhard
Tietz in seinen Ausführungen über Rationalisierung des
Detailhandels ausschließlich mit der Erörterung der Frage be-
schäftigen konnte, wie lassen sich die Betriebsvorgänge des
Einzelhandels rationalisieren, hat sich der Großhandel erst
noch mit denen auseinanderzusetzen, die in seiner völligen oder
wesentlichen Ausschaltung überhaupt eine der wichtigsten Vor-
bedingungen für eine Rationalisierung der Wirtschaft erblicken.

Hierzu läßt sich ganz allgemein folgendes sagen: Wenn man
sich auf den Boden der Heydebroekschen Auffassung stellt, der-
zufolge die Erhaltung einer möglichst breiten Schicht mittlerer
und kleinerer industrieller Betriebe nicht nur im Interesse einer
möglichst günstigen sozialen Schichtung der Bevölkerung not-
wendig ist, sondern auch weil ein derartiger Aufbau der
industriellen Gütererzeugung allein die Gewähr für Qualitäts-
leistung und damit für Fortschritte auf den Gebieten materieller
Kultur bietet, dann scheidet die Frage der Zweckmäßigkeit der
Ausschaltung des Großhandels als einer wünschenswerten
7
        <pb n="60" />
        Rationalisierungsmaßnahme von vornherein aus. Kleinere und
mittlere Industriebetriebe sind eben nicht in der Lage, sich eine
den praktischen Bedürfnissen des letzten Verbrauchers ent-
sprechende Verteilungs- und Verkaufsorganisation anzugliedern,
denn die Erfahrung zeigt, daß derartige Handelsabteilungen,
wenn sie sich lediglich auf Spezialfabrikate stützen, die keine
Massenartikel sind, den Verteilungsprozeß kostspieliger und um-
ständlicher gestalten, als wenn man sich der Vermittlung des
Großhandels bedient,
Aus dieser Feststellung lassen sich allerdings Erkenntnisse
gewinnen, die für die mögliche und notwendige Rationalisierung
der Betriebsvorgänge innerhalb des Großhandels bedeutsam
sind. Man wird mit einer gewissen Zwangsläufigkeit zu rechnen
haben, der sich auch der Großhandel fügen muß, sofern er sich
nicht in bewußten Gegensatz zu bestimmten Entwicklungs-
tendenzen der industriellen Produktion stellen will, Auch in
einer Volkswirtschaft, in der sich der Konsum auf zahlreichen
Gebieten des täglichen Bedarfs an verhältnismäßig wenige
normierte Stapelartikel und auch bei gehobenen Ansprüchen an
Befriedigung durch Markenartikel gewöhnt hat, findet der Groß-
handel, der seine Funktionen als Lagerhalter und Kredit-
gewährer auszuüben vermag, genügend Raum zu volkswirt-
schaftlich unentbehrlicher und nützlicher Betätigung, Je kleiner
allerdings die Sortimente werden, die vom Großhandel zur Ver-
fügung der Verarbeitung oder des Wiederverkaufs gehalten
werden müssen, je mehr sich die große Masse der Verbraucher
daran gewöhnt, immer wieder den gleichen Artikel und die
gleiche Marke zu verlangen, desto mehr wird sich die Funktion
des Großhandels von individueller Anregung, also Qualitäts-
leistung zu ordnender Verteilungstätigkeit, also Quantitäts-
leistung wandeln. Darin liegt kein Werturteil, sondern es handelt
sich zunächst um eine Feststellung, die zu der Erkenntnis führt,
daß in solchen Fällen dem Großhandel gar nichts anderes übrig
bleibt, als sich zu rationalisieren. Das heißt, der Großhandel
muß — sofern er sich nicht resigniert auf das Tätigkeitsgebiet
des Kommissionärs oder Agenten zurückziehen will — entweder

Generallagerhalter der Fabrik auf eigene Rechnung oder Be-
teiligter eines zu gemeinsamer Lagerhaltung verbundenen Groß-
handelskonsortiums am gleichen Ort oder Mitglied einer Groß-
händlersozietät werden, die an den Hauptabsatzplätzen den
57
        <pb n="61" />
        gleichen Artikel führt, Alle diese Formen würden bis zu einem
gewissen Grade Risikominderungen bedeuten und demzufolge
auch die Forderung nach einer Revision der Verdienstspanne
rechtfertigen, Ebenso würde sich in diesem Falle der Groß-
handelsbetrieb stark vereinfachen: Wegfall von Reisenden,
Verkleinerung des Verkäuferpersonals am Lager, Vereinfachung
der Buchführung und der Statistik sowie der Propaganda. Da in
der deutschen Industrie zweifellos starke Neigung zu bestehen
scheint, mit Hilfe von Normung und Typisierung der grassieren-
den Unrentabilität der Betriebe Herr zu werden, so wird der
Großhandel, der nicht abdanken will, gut tun, sich auf diese
Entwicklung einzustellen, die der des Verkehrs parallel läuft
und bei der er Erfahrungen, Fähigkeiten und Mittel für die
Lagerhaltung mitbringt, Die in diesem Zusammenhang gemachte
Bemerkung, daß sich der Großhandel einer derartigen Entwick-
lung immer schon anzupassen verstand, ohne durch Propaganda
für Rationalisierung dazu veranlaßt zu werden, bedeutet weder
einen Gemeinplatz noch eine Verbeugung vor einer besonderen
Intelligenz des Großhandels, Sie soll nur in Erinnerung bringen,
was vielfach übersehen wird, daß es nämlich nicht nur im Wesen
des Großhandels liegt, sondern für ihn auch mit verhältnismäßig
geringen wirtschaftlichen Opfern möglich ist, sich den Ver-
änderungen anzupassen, die sich aus technischen und organisa-
torischen Umwälzungen ergeben. Bei der Industrie liegen die
Dinge ungünstiger, Die Kostspieligkeit industrieller Umstellungen
bringt es mit sich, daß auch dringend notwendige Verbesserungen
des Betriebes oft zu lange hinausgeschoben werden und in ihren
Ergebnissen daher als starker Kontrast gegenüber dem bis-
herigen Zustande erscheinen,

Man kann sich die Rationalisierung des Großhandels freilich
auch so denken, daß seine Funktion als Kreditgewährer
stärker in den Vordergrund tritt, daß er seinen Lieferanten oder
seinen Abnehmer oder beide finanziert und die für kauf-
männische Betätigung im eigentlichen Sinne des Wortes un-
interessant gewordene Lagerhaltung weniger und gleichbleibender
Stapel- und Markenartikel in den Hintergrund treten läßt, Nach
derartigen mehr bankmäßig betriebenen Großhandelsgeschäften,
die sich durch den fachmännischen Charakter der Geschälts-
führung zweifellos besonders gut zur Vermittlung zwischen
kleineren und mittleren, auf Qualitätsleistung abgestellten
5Q
A
        <pb n="62" />
        Industriebetrieben einerseits und den trotz Waren- und Kauf-
häusern unentbehrlich bleibenden Spezialgeschäften anderer-
seits eignen würden, besteht innerhalb der deutschen Wirtschaft
zweifellos ein starkes Bedürfnis, Die Kapitalverluste, die gerade
infolge der Inflation den Großhandel aufs schwerste geschädigt
haben, lassen jedoch befürchten, daß auf eine Rationalisierung
des Großhandels in dieser Richtung in erheblichem Umfange
kaum gehofft werden darf,

Schon dieses nur skizzenhaft angedeutete Programm von
Rationalisierungsmöglichkeiten im Großhandel zeigt indes deut-
lich, daß es in dieser Frage für den Großhandel nicht allein Auf-
gabe sein kann, sich darum zu kümmern, welche privatwirt-
schaftlich - technischen Rationalisierungsvorgänge für ihn in
Betracht kommen, sondern ebenso sehr das andere im Auge zu
behalten, was im Interesse einer rationalisierten, das heißt
prosperierenden und rentablen deutschen Volkswirtschaft als
wirkliche, für uns passende Rationalisierung anzusehen sei,
Kann das Ideal „amerikanischer' Wirtschaftsführung für uns ein
kulturelles und ein volkswirtschaftliches Ideal sein? Gewiß wird
man jeden, der es gut meint mit deutscher Kultur, auf der Seite
derer finden, die uns von sinnlosem Schund, törichtem Luxus
und modischen Extravaganzen befreien wollen, Die bunte
Mannigfaltigkeit und den rhythmischen Wechsel in den Gütern
materieller Kultur durch die öde Einförmigkeit von Standard-
typen ersetzen zu wollen, deren Zahl man auf ein Minimum zu
bringen sucht, ist kein kulturelles Ideal für unsere Lebens-
führung, Allein daß es auch keines im Sinne der Mehrung volks-
wirtschaftlichen Wohlstandes ist, darauf hinzuweisen hat der
Großhandel vor allen Dingen ein Recht, Lag nicht gerade das
Geheimnis der Erfolge, welche die deutsche Wirtschaft vor dem
Kriege durch den deutschen Handel auf den Aus-
landsmärkten erzielte, mit darin, daß wir jedes individuelle
Bedürfnis zu befriedigen suchten und zu befriedigen verstanden?
Wenn also für die soziale und wirtschaftliche Schichtung des
deutschen Volkes der Fortbestand einer möglichst breiten
Schicht kleinerer und mittlerer Betriebe auch als die Forderung
des kommenden Tages erscheint, wenn der volkswirtschatft-
liche Wert dieser Betriebe sich in Qualitätsleistung individuell-
geschmacklicher Prägung auswirken soll, dann sind den Rationa-
lisierungsmethoden, die unter dem überwältigenden Eindruck
59
        <pb n="63" />
        der durch amerikanische Organisationen und Technik erzeugten
industriellen Massenleistungen propagiert werden, für Deutsch-
land Grenzen gezogen. Auf diese Grenzen hinzuweisen und
ihre Ueberschreitung zu verhindern, das ist daher eine Auf-
gabe, die dem deutschen Großhandel auf dem Wege zu ver-
nünftiger Rationalisierung der deutschen Wirtschaft ebenso
obliegt wie die Pflicht, sich nach Zahl und Betriebsform einer
den Erfordernissen arbeitsteiliger Weltwirtschaft angepaßten
Organisation unserer Volkswirtschaft ein- und unterzuordnen.

4
        <pb n="64" />
        Rationalisierung im Handwerk
VON OBER-REGIERUNGS-RAT WALTER BUCCERIUS
Direktor des badischen Landesgewerbeamtes in Karlsruhe
FRANKFURTER ZEITUNG
L MORGENBLATT VOM 9. JULI 1926
Das Handwerk von heute ist nicht mehr das alte Handwerk,
auch nicht mehr das zur Zeit unserer Väter. Es sind andere
Kräfte, die dem heutigen Handwerk dienen, und andere Voraus-
setzungen, unter denen es sein technisches und wirtschaftliches
Schaffen entfalten muß. Nicht immer gern und ireudig, olt ge-
zwungen von den Mächten der technischen Entwicklung und der
modernen Wirtschaft hat sich ein neues Handwerk gebildet.
Das moderne Handwerk hat sich vor allem die Vorteile, die
in dem Ersatz der Handarbeit durch Maschinen-
arbeit liegen, in den letzten . Zeiten immer mehr zunutze
gemacht, besonders seitdem durch den Elektromotor eine ge-
eignete Kraftquelle für den Handwerksbetrieb geboten ward
und die elektrische Energieerzeugung es auch dem kleinsten
Betrieb in dem fern vom Verkehr gelegenen Landstädtchen er-
möglicht hat, sich des Maschinenbetriebes zu bedienen. Aber es
besteht trotzdem ein wesentlicher Unterschied zwischen dem
Zweck, den das Handwerk mit der Verwendung von Maschinen
verfolgt, und dem, der die Industrie bei der Mechanisierung
der Produktion bestimmt. Der Handwerker will die Maschinen
vorwiegend als Ersatz der Werkzeuge durch ein verbessertes
Produktionsmittel benutzen, Die Maschinen sind für ihn ge-
wissermaßen ein vervollkommnetes Handwerkszeug, mit dem
die Arbeiten leichter, genauer und natürlich auch schneller
ausgeführt werden können. Die Grundlage des handwerklichen
Schaffens bildet immer die Handarbeit, sie beherrscht das
Arbeitsgebiet, Daher hat auch heute noch die Ausbildung im
handwerklichen Können, in den Handfertigkeiten und allen
anderen technischen Fähigkeiten ausschlaggebende Bedeutung,
Sie hildet gewissermaßen den Lebensnerv des Handwerks,
61
        <pb n="65" />
        Bei der Rationalisierung im Handwerk ergibt sich von vorn-
herein die Schwierigkeit, daß der Handwerksmeister sowohl die
technische wie auch die kaufmännische Leitung seines Betriebes
selbst ‚besorgen soll, und daß er so eine Reihe von Obliegen-
heiten zu erfüllen hat, für die in der Industrie Spezialabteilungen
mit Spezialbeamten zur Verfügung stehen. Der Handwerks-
meister sollte nicht nur ein tüchtiger Praktiker, sondern auch
ein guter technischer und kaufmännischer Betriebsleiter sein.
Es ist sicher nicht leicht, die hierfür nötigen Eigenschaften in
wünschenswerter Weise in einer Person zu vereinigen. Der ver-
hältnismäßig geringe Zeitraum, der dem Handwerker für die
Erledigung der kaufmännischen Geschäfte zur Verfügung
steht, erfordert es, die Methoden der kaufmännischen Betriebs-
führung, besonders die der Buchhaltung und der Kalkulation,
diesen Voraussetzungen anzupassen, eine Aufgabe, der sich die
kaufmännische Abteilung des Forschungsinstituts für rationelle
Betriebsführung im Handwerk, die in Verbindung mit der
Handelshochschule Mannheim steht, besonders widmet. ;

Wirtschaftliche Betriebsführung im Handwerk ist nicht etwa,
wie vielfach angenommen wird, gleichbedeutend mit der Ver-
wendung von Maschinen oder der Einführung neuer technischer
Hilfsmittel. Auch der am besten eingerichtete Betrieb kann
unwirtschaftlich arbeiten. Gerade im Handwerk ist nicht selten
der Fall eingetreten, daß die Anschaffung einer an und für sich
technisch guten Einrichtung dem Betrieb verderblich wurde,
weil sie nicht dazu diente, die aufzuwendenden Kosten zu
vermindern, sondern sie erhöhte, Selbstverständlich kann man
auch mit einer veralteten, vernachlässigten Einrichtung keine
Wirtschaftlichkeit erzielen, Wirtschaftliche Betriebsführung ist
vielmehr die aufs beste unter dem Gesichtspunkt der Aufwands-
verminderung herbeigeführte Ausnutzung der vorhandenen Ein-
richtung und alles dessen, was irgendwie bei der Produktion
mitwirkt, Immer und überall ist daher die Frage zu stellen: was
muß geschehen, um bei allem, was im Betrieb und bei der
Produktion Kosten verursacht, zu sparen ? Dazu muß sich
der Handwerker darauf einstellen, alles, was Aufwendungen
verursachen kann, auch als Kostenquelle kritisch zu betrachten,
nicht nur die tatsächlichen Geldausgaben, zum Beispiel für
Materialien, Löhne, Strom, Gas, sondern auch alles andere, zum
Beispiel was durch Abnützung verbraucht wird, Arbeitspausen,
Zeitverluste, Unordnung in der Werkstatt, Materialmängel, vor
62
        <pb n="66" />
        allem jede Verschwendung und vieles, was oft als gänzlich
nebensächlich gar nicht beachtet wird. Der Handwerker muß
sich daran gewöhnen, kostenmäßig zu denken, Gerade die Er-
mittelung und Beseitigung der Verlustquellen ist im Handwerks-
betrieb oft eines der ergiebigsten Mittel, die Wirtschaftlichkeit
zu erhöhen, Aufwand vermindern bedeutet nicht etwa klein-
liches, geiziges Sparen, sondern die mit Ueberlegung planvoll
herbeigeführte Verringerung der Kosten, ohne daß die Güte
der Arbeit leidet. Es ist aber auch nicht richtig, etwa nun überall
und an jedem Platze sparen zu wollen — dabei würde wahr-
scheinlich gar nichts herauskommen als ein großes Durchein-
ander —, sondern man muß Schritt für Schritt vorgehen und da
anfangen, wo das Sparen am leichtesten und sichersten zu er-
reichen ist.
In den meisten Handwerksbetrieben machen die Lohnkosten,
also der Zeitaufwand, den größten Teil der Produktions-
kosten aus, Hier liegt eine der aussichtsreichsten Gelegenheiten,
die Produktionskosten zu vermindern, Wieviel Zeit wird doch
noch oft unnütz ohne produktive Leistung vertan! Jeder Hand-
werker, der sich die Mühe macht, einmal den Zeitverbrauch
auf sein wirklich notwendiges Maß zu kontrollieren, wird auf
wirklich und unschwer vermeidbaren Zeitaufwand stoßen. Be-
sonders tritt dies bei der Arbeit außerhalb der Werkstätte in
Erscheinung, und nicht selten entstehen ja gerade hierdurch
Differenzen zwischen dem Kunden und dem Handwerker. Es
fehlt am planmäßigen Vorgehen, an der nötigen umsichtigen
Arbeitsvorbereitung, bald fehlt das notwendige Werkzeug, oder
die Materialien sind nicht so bereitgestellt, wie es sein sollte,
die für eine glatte Erledigung nötigen Anweisungen sind nicht
gegeben und anderes mehr. Technische Betriebsleitung muß, um
Zeitaufwand zu sparen, planmäßig geschehen, Sie wird es, wenn
sie nach den Leitsätzen geschieht, die als „Vorbedachte
Betriebsführung‘ bezeichnet werden. Diese Leitsätze
verlangen folgendes:

1 Die Arbeiten sind vor ihrer Ausführung vollständig
durchzudenken und zu zerlegen, so daß alle einzelnen
Teilarbeiten, aus denen sich das ganze Fertigungsver-
fahren zusammensetzt, ermittelt werden (Fertigungs-
zerlegung).

Es ist zu ermitteln, wie die einzelnen Verrichtungen
(Arbeitsgänge, Arbeitsstufen) und das ganze Fertigungs-

2

63
        <pb n="67" />
        verfahren durchzuführen sind, damit bei möglichst geringem
Aufwand möglichst große und vollkommene Leistungzn
erzielt werden (Fertigungsplan).

Es ist anzuordnen und zu überwachen, daß die Aus-
führung der Arbeiten auch so eingehalten wird und ge-
schieht, wie sie als wirtschaftlichste ermittelt wurde
Fertigungsanweisung und Ueberwachung).

Die Leitsätze mögen auf den ersten Blick etwas Selbstver-
ständliches sagen, denn ein sogenanntes Zurechtlegen der Arbeit
vor der Inangriffnahme wird ja wohl immer geschehen, aber der
wertvolle Gedanke in diesen Leitsätzen ist das möglichst voll-
ständige Durchdenken in der Absicht, alle Einzelheiten im vor-
aus zu beachten und den Verlauf der Arbeit so zu gestalten, daß
höchste Wirtschaftlichkeit erreicht wird. Dazu gehört allerdings
ein nicht geringes Maß von betriebstechnischen Kenntnissen
und Erfahrungen, Schließlich aber muß dann auch dafür gesorgt
werden, daß die Ausführung der Arbeit in der Art geschieht,
die als wirtschaftlich beste ermittelt wurde, durch entsprechend
sorgfältige Arbeitsvorbereitung und vor allem eine Ueber-
wachung der Ausführung.

Die Vervollkommnung der Werkzeuge bietet im allge-
meinen im Handwerk nicht in dem Maße die Möglichkeit, Er-
sparnisse herbeizuführen, wie man das wohl annehmen möchte;
sie haben im Laufe der jahrhundertelangen Entwicklung eine
Gestaltung erfahren, die als wirtschaftlich zweckmäßig anzu-
sehen ist. Von den technischen Neuerungen, die auf den Markt
kommen, bieten nur wenige solche Vorteile, daß ihre allgemeine
Einführung erfolgen würde. Der Fall, daß gänzlich neue, wirt-
schaftlich vorteilhafte Arbeitsmittel im Handwerk zur Ein-
führung gelangen, wie das bei der autogznen Schweißeinrichtung
in letzter Zeit der Fall war, ist verhältnismäßig selten, Eine
häufig anzutreffende Verlustquelle und Ursache von unnötigen
Aufwendungen bilden die Maschinenanlagen, die Kraft-
maschinen ebenso wie die Kraftübertragungseinrichtungen und
die Arbeitsmaschinen. Bald haben die Motoren eine viel zu
große Leistung und verursachen unnötigen Eigenstromver-
brauch, oder die Transmissionen befinden sich in derartig ver-
nachlässigtem Zustand, daß ihr Kraftverbrauch auf das Mehr-
fache des Normalen ansteigt. Immer mehr geht man trotz der
höheren Anschaffungskosten zum Einzelantrieb über, der ge-
rade im Handwerk bei der wechselnden Inanspruchnahme des
54
        <pb n="68" />
        Maschinenbetriebes große wirtschaftliche Vorteile bietet, abge-
sehen davon, daß er es gestattet, die Maschinen viel leichter
in einer dem Produktionsvorgang Rechnung tragenden Weise in
der Werkstätte aufzustellen und anzuordnen. Bei der An-
schaffung von Arbeitsmaschinen ist vor allem die Frage zu
beantworten: lohnt es sich überhaupt, die Maschinen anzu-
schaffen, oder ist das für die Maschine nötige Arbeitsquantum
vorhanden, damit die Maschinenarbeit für den betreffenden
Betrieb billiger wird als die Handarbeit? Durch wirtschaftlichen
Vergleich und Ermittelung der Kosten für Hand- und Maschinen-
arbeit läßt sich zahlenmäßig ziemlich genau angeben, welches
Arbeitsquantum mindestens für die Maschine vorhanden sein
muß, wenn sie sich rentieren soll. Dadurch aber wird das oft so
schädliche spekulative Vorgehen bei der Maschinenbeschaffung
beseitigt und an seiner Stelle eine leicht zu beurteilende Grund-
lage für die Frage der Wirtschaftlichkeit bei der Anschaffung
von Maschinen gegeben.
Planmäßige Betriebsleitung wird. zur Erhöhung der Wirt-
schaitlichkeit besonders auch einen folgerichtigen Ablauf
des Produktionsganges von der Rohstoffentnahme bis
zum fertigen Arbeitsstück herbeizuführen suchen, Es ist ja der
Sinn der Fließarbeit, der sich heute in der Industrie so viel
Interesse zuwendet, der hiermit gemeint wird, Fließarbeit ist
nichts anderes als die Herbeiführung eines folgerichtigen Ab-
laufes des Produktionsvorganges unter Vermeidung aller Zeit-
verluste, es ist die in vorher bestimmter Reihenfolge durch-
geführte Fertigung, Diese kann auch das Handwerk verwirk-
lichen, wenn es seine Betriebsanlagen und deren Einrichtungen
für planmäßige Fertigung anordnet und im übrigen alles tut,
was zur Verminderung des Zeitaufwandes dient, vor allem
Beschränkung der Transportzeiten auf ein Mindestmaß, Voraus-
setzung hierfür ist wieder eine geeignete Anordnung der Betriebs-
räume, der Werkstätten, und die für einen glatten Durchlauf
der Arbeitsstücke vom Materiallager bis zum Verkaufslager
herbeizuführende Aufstellung der technischen Einrichtungen,
der Werkbänke, der Maschinen und Ar-eitsplätze in den
Betriebsräumen. Wieviel Zeit wird oft verbraucht und wieviel
Kraft vergeudet, weil dieAnordnung undAufstellung
unpraktisch ist, und die Werkstücke bald von einem zum andern
Ende hin und her, kreuz und quer transportiert werden müssen,
Alle diese und noch viele andere, hier nicht erwähnte Maß-
65
        <pb n="69" />
        nahmen müssen sich schließlich in einer Steigerung des Wertes
der von jedem Arbeiter hervorgebrachten Leistung, einer Er-
höhung der Produktionsleistung pro Arbeitskraft oder allgemein
pro Kopf auswirken. In dieser Werterhöhu ng pro
Arbeitskralft liegt in der Tat das besondere Ziel unserer
Wirtschaft, Bei dem verhältnismäßig geringen eigenen Besitz
an Rohstoffen und der daraus sich ergebenden Notwendigkeit,
bedeutende Rohstoffmengen aus dem Auslande einzuführen,
müssen wir uns bemühen, aus diesen Rohstoffen möglichst hoch-
wertige Erzeugnisse hervorzubringen, damit wir recht viel von
unseren Fähigkeiten und Fertigkeiten nutzbar und gewinn-
bringend zur Wirkung bringen, Dieser Gesichtspunkt wird bei
uns noch wenig beachtet, obwohl er der richtige ist, denn er
schließt ebenso die Forderung der Qualitätsarbeit ein wie die
einer Verminderung der Produktionskosten und sagt, daß wir
mit derselben Arbeitskraft höhere Werte oder dieselben Werte
mit weniger Arbeitskräften produzieren sollen,

Schließlich wäre noch darauf hinzuweisen, daß der Gedanke,
die Wirtschaftlichkeit durch Heruntersetzen der Lohnhöhe zu
steigern, nicht den Rationalisierungsbestrebungen dient. Diese
wollen vielmehr die Einkommen der Arbeiter steigern, damit
im Interesse der Gesundheit und Lebenskraft unserer Be-
völkerung die Lebenshaltung erhöht werden kann. Die Kunst der
Rationalisierung besteht vielmehr darin, trotz guter Löhne
niedrige Herstellungskosten herbeizuführen.

Vorüber sind die Zeiten, in denen der Handwerker ohne
große Sorgen und Anstrengungen seinen Betrieb ertragreich
Führen konnte, Er ist heute in den Strom des Hastens und
Jagens mit hineingezogen und muß das Tempo des Fortschrittes
einhalten, wenn er nicht zugrunde gehen will, Aber er braucht
nur seiner Kräfte und Fähigkeiten sich recht bewußt zu werden
und erfüllt zu sein von dem Muß, das uns alle vorwärtstreibt,
Dieses Muß aber ist die Steigerung der Wirtschaftlichkeit aller
gewerblichen Tätigkeit, es wird für uns zu einer gern getanen
Pflicht, wenn wir‘ daran denken, daß die glückliche Zukunift
unseres Volkes es von uns fordert.

56
        <pb n="70" />
        Ein praktischer Versuch
und sein Ertrag
VON DR.-ING. HERMANN HAEBERLE
Technischer Direktor der Firma Carl Gentner in Göppingen
FRANKFURTER ZEITUNG
[L. MORGENBLATT VOM 31. AUGUST 1926

Der Meinung entgegenzutreten, wissenschaftliche Betriebs-
führung sei für die Gesamtheit der Industrie ungeeignet und
komme nur für einige wenige besondere Fälle in Frage, soll der
Zweck nachfolgender Zeilen sein. Sie sollen die Umorganisation
eines Industriewerkes und ihre Ergebnisse schildern.

Es soll gleich vorweggenommen werden, daß die Betriebs-
rationalisierung eine Leistungssteigerung von nahezu
zweihundert Prozent ergab, mit der natürlichen Folge, daß die
Arbeiterschaft auf ein Drittel ihres früheren Standes sank, ohne
daß die absolute Produktionshöhe sich verringert hätte, Gleich-
zeitig ermöglichte sie eine Reduzierung der Arbeitszeit von
fünfzig auf zweiundvierzig Wochenstunden und ergab ferner die
Möglichkeit, den Arbeitern einen wesentlich über den orts-
üblichen Sätzen liegenden Tagesverdienst zu gewähren, Leicht
könnte nun die Vermutung entstehen, daß sich das Arbeitstempo
in einem die Gesundheit des Arbeiters schädigenden Maße er-
höht habe. Tatsächlich ist dies aber keineswegs der Fall, das
Arbeitstempo ist zwar ein lebhaftes und gegen früher erhöhtes,
ist aber durchaus nicht so forciert, daß ein vorzeitiger Kräfte-
verbrauch des Arbeiters zu befürchten ist. Die Methoden, durch
welche die genannte Leistungssteigerung erzielt werden konnte,
sollen im folgenden kurz näher erläutert werden.

L. Arbeitsteilung: Früher zusammenhängende Arbeiten
sind in kleine Einzeloperationen zerlegt worden, die von einem
und demselben Arbeiter fortgesetzt durchgeführt werden. Diese
Arbeitsteilung bis zum äußersten Extrem zu betreiben, wurde
jedoch mit voller Absicht vermieden; jede einzelne Arbeit be-
steht immerhin noch aus einer Reihe zusammenhängender Hand-
griffe und führt jedesmal zu einem gewissen Abschluß,
A
        <pb n="71" />
        2, Fließarbeit: Maschinen und Arbeitsplätze sind in
ihrer natürlichen Folge aneinandergereiht, so daß die Produkte
vom Rohstoff zur Fertigware den möglichst kurzen Weg zu
durchlaufen haben, In sämtlichen Arbeitssälen besteht daher ein
kontinuierlicher Arbeitsfluß in der Richtung zur Versand-
abteilung, Im Rahmen der Fließarbeit hatte der Versuch, ge-
wisse Sorten von Schuhcreme am laufenden Bande abfüllen und
verpacken zu lassen, gute Erfolge, so daß der Plan besteht,
dieses Verfahren weiter auszubauen, Fließarbeit liegt aber durch-
aus nicht nur im Falle der Anwendung eines laufenden Bandes
vor, Auch durch richtige Reihenfolge der Arbeitsplätze, kürzeste
Zwischenräume und gleichmäßigen, unbehinderten Transport der
Einzelstücke von einem Arbeitsplatz zum andern kommen die
Vorteile der Fließarbeit zur Wirkung.

3, Arbeitsplatzstudien: Für jede einzelne Teil-
arbeit bestehen besonders durchgebildete Arbeitsplätze, an
denen nur diese eine Arbeit durchgeführt werden kann. Kein
Arbeiter hat es notwendig, sich jemals von seinem Platz zu ent-
fernen, weder zum Herbeischaffen von Materialien noch zum
Abtransport von Halb- und Fertigware, vielmehr findet er die
zur Ausführung der betreffenden Arbeit notwendigen Hilfsmittel
so um den Arbeitsplatz herum angeordnet, daß ein Handgriff
genügt, um sie zu erreichen, Dasselbe gilt natürlich auch, wenn
es sich um keinen einfachen Arbeitsplatz, sondern um eine
Maschine handelt, Die Durchbildung der Arbeitsplätze erfolgte
auf Grund von Zeit-, Bewegungs- und Ermüdungsstudien.

4, Zwischenlager: Bewegt sich die Produktionsmenge
in sehr mäßigen Grenzen, so ist das Prinzip des Zwischenlagers
ein gangbarer Ausweg. Es beruht darauf, daß halbfertige Waren
zunächst in unbeweglichen oder beweglichen Lagern unter-
gebracht werden und ihre Weiterverarbeitung jeweils nach
Bedarf unabhängig von der vorhergehenden Herstellungsgruppe
erfolgt. Bedingung hierfür ist allerdings, daß Auffüllung und Ent-
leerung dieses Lagers durch einfache Handgriffe und ohne
großen Zeitaufwand bewerkstelligt werden können.

5. Neuorganisation des Transportwesens:
Sämtliche Transporte obliegen einer Spezialtruppe von Arbeitern,
welche die Aufgabe haben, Rohstoffe und Verpackungs-
materialien den Arbeitsstellen zuzuführen, und zwar zu ganz
bestimmten Zeiten und in ganz bestimmt vorgeschriebenen
Mengen, Des weiteren haben sie die Aufgabe, unter Verwendung
58
        <pb n="72" />
        von Spezialtransportwagen, Aufzügen, Elevatoren und Gleit-
bahnen die Fertigprodukte nach der Versandabteilung zu be-
fördern.

6. Das Prinzip der Normallager: Die Lager von
Zwischenprodukten und Fertigwaren haben normalisierte Größe,
d. h. sie sind durch Hilfsmittel wie Fächer, Leisten auf dem
Fußboden, Wände und dergl. auf ein Höchstmaß beschränkt,
über dessen Auffüllung die Fertigung der Waren nicht hinaus-
gehen darf. Der Grad ihrer Auffüllung bildet die Grundlage der
Arbeitszuweisungen für den nächsten Tag. Welchen Einfluß
diese Maßnahme auf das Verhalten der Arbeiter und die Arbeits-
zeit hat, wird aus einem der folgenden Abschnitte hervorgehen,

7 Arbeitsvorbereitung: Die Arbeit für den
nächsten Tag wird am Abend vorher nach Geschäftsschluß oder
vor Beginn der Arbeitszeit durch Spezialarbeiter so vorbereitet,
daß ohne weiteres und ohne Störung pünktlich mit den Arbeiten
begonnen werden kann, Wie schon oben betont, sind natürlich
auch alle Rohstoffe und Verpackungsmaterialien rechtzeitig zur
Stelle. Kann dies aus irgend einem Grunde nicht der Fall sein,
so ist man in der Lage, die Arbeitsanweisung rechtzeitig rück-
gängig zu machen und dem betreffenden Arbeiter für diesen
Tag, während die Störung behoben wird, andere, störungsfreie

Arbeiten zuzuweisen,

8. Untersuchung der Arbeitsmethoden: Bei
genauer Prüfung der einzelnen Handgriffe ergibt sich fast stets,
daß diese mehr oder weniger verbesserungsbedürftig sind, Meist
gelingt es, eine ganze Anzahl überflüssiger Handgriffe auszu-
schalten oder andere zu verkürzen, Auch können durch das
Prinzip der Zweihandarbeit nicht unerhebliche Leistungssteige-
rungen erzielt werden, doch sind eingehende und zeitraubende
Zeit- und Bewegungsstudien hierbei nicht zu umgehen,

9, Normalisierung: Es gelang, unter der Anzahl ver-
schiedener Größen und Qualitäten der Artikel weniger gangbare
auszuschalten, auch war es möglich, gewisse Verpackungs-
materialien auf gleiches Format zu bringen, wodurch sich der
Arbeitsprozeß sehr vereinfachte,

10. ErsatzvonHandarbeitdurch Maschinen:
Allzu häufig wird diesem Punkte eine zu große Bedeutung zu-
gemessen, Selbstverständlich wäre es unklug, eine rentabel
arbeitende Maschine nicht aufzustellen, wenn sie Handarbeit
69
        <pb n="73" />
        zu ersetzen gut imstande ist, Bei Einführung wissenschalftlicher
Betriebsführung wird man jedoch nicht selten die Wahrnehmung
machen, daß nach der dadurch erzielten Leistungssteigerung
viele Maschinen zu teuer sind und nach den neuen Arbeits-
methollen von Hand billiger hergestellt werden, Es soll damit
der häufig anzutreffenden Meinung begegnet werden, ein Werk
sei rationalisiert, wenn einige Maschinen angeschafft oder ver-
altete durch neue ersetzt worden sind,

11. Allgemeine Einführung des Akkord- und
Prämiensystems: Von der gesamten Belegschaft ver-
richten heute nur noch vier oder fünf Arbeiter ihr Werk im
Taglohn, und es besteht die Absicht, im Laufe der Zeit auch
diese noch nach dem Akkordsystem zu entlohnen. Sämtliche
Arbeiten, auch Transporte, Ent- und Beladen von Waggons,
Reinigungsarbeiten und ähnliches sind im Stücklohn vergeben,
Als Grundlage der Akkordberechnung dienten wieder mit der
Stoppuhr durchgeführte Zeitstudien,

Die Tatsache, daß die ganze Belegschaft im
Akkord arbeitet, bietet nicht nur den bekannten Vorteil,
den Arbeiter an seiner Leistung zu interessieren, sondern gibt
dem Unternehmen die Möglichkeit, das Verhältnis von Lohn-
kosten zum Umsatz dauernd konstant zu halten. Es ist eine
bekannte Tatsache, daß bei sinkendem Absatz weder sofort
Arbeiter entlassen werden, noch daß sofort verkürzte Arbeits-
zeit eingeführt werden kann, Meist verstehen es die Arbeiter,
rechtzeitig die Arbeit in die Länge zu ziehen, um sich vor Nach-
teilen zu schützen, In dem hier beschriebenen Betriebe paßt
sich Arbeitszeit und Arbeiterzahl automatisch der Wirtschafts-
lage an; es besteht die Vorschrift, daß nur die Normallager
völlig aufzufüllen sind. Ist dies geschehen, so tritt automatisch
Kurzarbeit, bei längerem Anhalten schlechter Konjunktur auch
Entlassung von Arbeitern ein. Dasselbe gilt im umgekehrten
Falle: nimmt der Bestand des Normallagers über die zulässige
Menge ab, so wird gewissermaßen selbsttätig die Arbeitszeit
verlängert, werden bei längerem Anhalten der günstigen Kon-
junktur Arbeiter eingestellt, Der Vorteil dieser Methode liegt
auch darin, daß Belegschaft und Arbeitervertretung am Stand
des Lagers sich jeweils von der Notwendigkeit von Kurzarbeit,
Ueberzeitarbeit, Einstellung und Entlassung überzeugen und

daher auch schon Tage vorher über die kommenden Maßnahmen
sich ein Bild machen können,
nn
        <pb n="74" />
        12, Schriftliche Arbeitsanweisungen: Jeder
Arbeiter erhält täglich sein genau umschriebenes Arbeits-
quantum schriftlich ausgehändigt; er darf keine andere Arbeit
als die dort bezeichnete durchführen. Diese Arbeitsanweisungen
wiederum werden ausgearbeitet auf Grund von schriftlichen
Meldungen, welche teils von der Verkaufsabteilung des Büros,
teils von den Leitern der einzelnen Fabrikabteilungen täglich
auf Vordrucken gemacht werden, Die gesamte Organisation und
Leitung des Betriebs läuft in diesem Arbeitsbüro zusammen, das
es in der Hand hat, die Arbeiten jedes einzelnen so zu regeln,
daß keine Stockung im Fluß der Arbeit entsteht und daß jeder
mit der vorhergehenden und nachfolgenden Arbeitsgruppe Hand
in Hand arbeitet. Keineswegs bedeutet, wie man vielleicht ver-
muten könnte, die Ausfüllung der Arbeitsanweisungen eine Be-
lastung des Betriebs mit Schreibarbeit, vielmehr ist es durch
besondere Einteilungen und Anordnungen gelungen, die Arbeits-
teilung in die Hand eines einzigen Beamten zu legen.

13. Besserstellung der Arbeiter: Die durch die
verringerte Arbeiterzahl erzielten Ersparnisse haben es ermög-
licht, wesentlich höhere Löhne zu zahlen als früher, Männliche
Arbeiter verdienen 35 bis 40 Prozent über den üblichen Lohnsatz,
weibliche 70 bis 80 darüber. Die Möglichkeit, einen hohen
Tagesverdienst zu erzielen, ohne Gefahr zu laufen, daß die
Lohnsätze später erniedrigt werden, wirkt auf den Arbeiter
außerordentlich anspornend und erhöht seine Leistungsfähigkeit.

14. Verkürzung der Arbeitszeit: Die Verkürzung
von 50 auf 42 Wochenstunden bietet dem Unternehmen nicht zu
unterschätzende Vorteile. Quantitative Messungen, allerdings
vorerst nur einzelner Abteilungen, haben erkennen lassen, daß
etwa sechs bis acht Wochen nach Verkürzung der Arbeitszeit
die Leistung pro Zeiteinheit nicht unerheblich st ieg und
daß in den in Frage kommenden Abteilungen heute tatsächlich
in 42 Stunden nahezu dieselben Arbeitsleistungen erzielt werden
wie vorher in 50 Wochenstunden, Die tägliche Arbeitszeit be-
trägt etwas über acht Stunden, der Sonnabend bleibt ganz
frei, Außer verringerter Ermüdung und dadurch konstanterer
Leistungsfähigkeit des Arbeiters bedeutet die Verkürzung der
Arbeitszeit eine Ersparnis an Kraft und Licht, ferner können
größere Reparaturen jeweils am Sonnabend vorgenommen
werden. Nicht zu vergessen ist auch die Möglichkeit, plötzlich
eintretende Umsatzsteigerungen, wie sie in einem Betrieb für
71
        <pb n="75" />
        Saisonartikel die Regel sind, durch vorübergehende Erhöhung
der Arbeitszeit auszugleichen, ohne neue und ungelernte Arbeiter
einstellen zu müssen,

15,Eine Reihe anderer Maßnahmen, wie Neu-
organisation des Meisterwesens, Vereinfachung der Lohnver-
rechnung, Aufrechterhaltung peinlichster Ordnung und Sauber-
keit im Betrieb u. a., möge nur der Vollständigkeit halber
erwähnt sein,

16, Die Durchführung psychotechnischer
Eignungsprüfungen, die es ermöglichen sollen, den
rechten Mann an den rechten Platz zu stellen, befindet sich in
Vorbereitung, was weitere Ersparnisse in Aussicht stellt.

In ihrer Gesamtauswirkunfg ergeben diese Faktoren
zusammen, wie eingangs erwähnt, eine erstaunliche Ver-
besserung der Rentabilität des Betriebs, so daß sich die für
die Neuorganisation aufgewandten Kosten schon nach wenigen
Monaten amortisierten, Besonders hervorzuheben ist die Tat-
sache, daß hohe und gerechte Entlohnung, kürzere Arbeitszeit
und bequemeres Arbeiten, kurz angenehmere Arbeits-
bedingungen sich psychologisch und physiologisch aufs
vorteilhafteste ausgewirkt haben, Die Ermüdung,
am Tage sowohl als auch im Laufe der Woche, hat sich ver-
mindert, und die materielle Besserstellung des Arbeiters hat
sicher einen Teil seiner häuslichen Sorgen aus der Fabrik ver-
bannt, was rückwirkend wiederum mit ein Grund für erhöhte
Leistungsfähigkeit gewesen sein dürfte,

In maßgebenden industriellen Kreisen ist es leider viel zu
wenig bekannt, daß eine Besserstellung des Arbeiters einen
notwendigen Bestandteil wissenschaftlicher Betriebsführung
bildet. Viele Schwierigkeiten, die die Arbeiter ihrer Durch-
führung bereiten könnten, fallen dadurch weg; manche Ent-
täuschungen, von denen dann und wann auf diesem Gebiet zu
hören ist, dürften .darin ihre Erklärung finden. Hier kam es
schließlich so, daß Arbeiter an die Leitung mit dem Ersuchen
herantraten, doch nunmehr auch bei ihnen mittelst Stoppuhr
Zeitaufnahmen durchzuführen, und daß sie neuerdings selbst
begannen, Organisationsverbesserungen vor-
zuschlagen; sie erkannten, daß jede Verbesserung auch
ihnen zugute kommt, Auch das Verhältnis der Leitung zu Beleg-
schaft und Betriebsrat ist ein so gutes geworden, daß kürzlich
ein Antrag der ersteren, die Lohnauszahlungen zwecks Er-
72
        <pb n="76" />
        sparnis von Büroarbeiten nicht mehr wöchentlich, sondern
vierzehntägig vorzunehmen, mit großer Mehrheit ohne weiteres
angenommen wurde, ein Fall, welcher noch vor Jahresfrist
undenkbar gewesen wäre, Es ist zu bedauern, daß die Not-
wendigkeit, wissenschaftliche Betriebsführung in der gesamten
Industrie einzuführen, immer noch nicht so deutlich erkannt
worden ist, wie es im Interesse sowohl der privaten Wirtschaft
als auch der Volkswirtschaft notwendig wäre. Freilich ist
zuzugeben, daß diese Erkenntnis und der gute Wille allein noch
nicht genügen, bei dem häufig anzutreffenden Kapitalmangel
immer die erstrebenswerten Maßnahmen durchzuführen, Auch
gehört große Erfahrung dazu, eine durchgreifende Umwälzung
im laufenden Betriebe durchzuführen, nicht zuletzt auch im
Hinblick auf die Stellungnahme der Arbeiterschaft. Daß aber
die Prinzipien wissenschaftlicher Betriebsführung für die ge-
samte Industrie richtig und durchführbar sind, ergibt sich wohl
daraus, daß sie im vorliegenden Falle nunmehr auch auf die
Büroarbeiten angewandt werden und dort schon recht
schöne Erfolge gezeitigt haben. Bereits arbeiten Buchhaltung,
Teile des Mahnwesens und Registratur an Spezialarbeits-
plätzen und werden im Akkord bezahlt, Die dort bis heute
erzielten Leistungssteigerungen bewegen sich zwischen 70 und
120 Prozent, so daß die begründete Aussicht besteht, daß auch
die Rationalisierung der Büroarbeiten zur Verbilligung des
Betriebs nicht unerheblich beitragen wird,

"x
        <pb n="77" />
        Internationale
Normung und Rationalisierung
VON DR.-ING. OTTO KIENZLE (BERLIN-SÜDENDE]
FRANKFURTER ZEITUNG
I. MORGENBLATT VOM 26. SEPTEMBER 1926
Im gleichen Maße, in dem die wirtschaftsschädigenden Er-
scheinungen der Nachkriegsperiode zurückzutreten beginnen,
entwickelt sich auch die Verflechtung der Wirtschaftsbe-
ziehungen zwischen den Nationen. Zwölf Jahre sind verflossen,
seitdem der Ausbruch des Weltkrieges die Fäden zerriß, und
wenn sie sich nun wieder spinnen, so geschieht dies unter völlig
veränderten Verhältnissen, Die Welt um uns ist nicht stehen
geblieben, der Krieg und die Not der Nachjahre, angefüllt von
den Fortschritten der Fabrikationstechnik, waren es, die die
Bedeutung technisch gleichlaufender Maßnahmen für das inter-
nationale Wirtschaftsleben immer stärker in den Vordergrund
treten ließen. Am glücklichsten konnte sich in dieser Beziehung
das kriegsferne Amerika entwickeln.

Rationalisierung in Erzeugung, Handel und Verbrauch ist
in der ganzen Welt ein Schlagwort, an vielen Stellen schon
eine Tatsache geworden. Glücklicherweise ist in den Rationa-
lisierungsbestrebungen nicht nur ein Wettlauf zwischen einzelnen
Unternehmungen oder gleichen Industrien der verschiedenen
Länder, sondern auch ein gewisses Maß von Zusammenarbeit
festzustellen, Dieser Wettstreit bezieht sich naturgemäß zunächst
weniger auf den Austausch von Erfahrungen im Fabrikations-
prozeß als vielmehr auf die einheitliche Festlegung technischer
Maßnahmen, an denen alle Beteiligten gleichmäßig interessiert
sind, Dies hat sich nun so weit entwickelt, daß in der im Aprild, J,

in New York stattgehabten Internationalen Normen-
Konferenz beschlossen wurde, eine Organisation zur Zu-
sammenfassung derNormungsbestrebungen zu
schaffen.
74
        <pb n="78" />
        Weitblickende Fabrikleiter hatten schon vor einem Viertel-
jahrhundert die Normung in den Dienst ihrer Erzeugung gestellt.
Sie bestand hauptsächlich in der Vereinheitlichung gewisser
Einzelteile und Werkzeuge, so daß die einzelnen Teile in großen
Mengen auf Vorrat hergestellt und an den verschiedensten
Stellen verwendet werden konnten, Arbeitsteilung und Spezia-
lisierung ließen es mehr und mehr wünschenswert erscheinen,
daß die Normen der Firmen insoweit übereinstimmen, als sie
sich auf Dinge beziehen, die zweckmäßigerweise von außer-
halb bezogen werden. Die Normung wuchs also über das
Einzelunternehmen in dem Augenblick heraus, in dem der
Fabrikationsrahmen gesprengt und die Fabrikation nach
Spezialfabriken aufgeteilt wurde, die den Hauptfabriken Spezial-
teile zulieferten, Dazu kam ein anderer Gesichtspunkt, nämlich
das Interesse des Handels und des Verbrauchs, die aus der
Normung den Vorteil ziehen, gleichartige und gleichwertige Er-
zeugnisse von verschiedenen Stellen beziehen zu können, Aus-
nutzung der Konkurrenz, des bequemsten Lieferortes, Verteilung
großen Bedarfes auf verschiedene Lieferanten spielen dabei eine
Rolle. Genau das gleiche geht vor, wenn der Rahmen der
nationalen Wirtschaft gesprengt wird und sie sich der, Pro-
duktionsverteilung auf andere Länder bedient. Genau wie es
innerhalb eines Landes für die verschiedenen Fabrikationen
natürliche Standorte gibt, trifft dies auch für die
Weltwirtschaft zu, sei es, daß Naturschätze oder besondere
wirtschaftliche Bedingungen oder besondere Geschicklichkeit
der Bewohner einem Standort den Vorzug vor anderen geben,
Nehmen wir nun an, es gäbe für irgendein Erzeugnis praktisch
mehrere Erzeugerländer, so haben die Verbraucherländer ein
natürliches Interesse daran, bei diesen nach gleichmäßigen
Lieferbedingungen bestellen zu können und gleichmäßige Ware
zu erhalten, Soll z. B. in Südamerika eine elektrische Anlage
gebaut werden, so sind die Angebote veschiedener Länder nur
dann wirksam vergleichbar, wenn sie auf denselben technischen
Bedingungen, wie Spannung, Isolationsfestigkeit, Sicherheits-
vorschriften, Zulässigkeit der Belastungen und dergleichen auf-
gebaut sind. Umgekehrt haben die Erzeugerländer, die nach
den verschiedensten Staaten liefern, ein Interesse daran, daß
ihnen auch von diesen gleichmäßige Lieferbedingungen gestellt
werden, so daß die gleiche Maschinentype der Forderung jedes
Landes gerecht zu werden vermag. Beiderlei Interessen liegen
75
        <pb n="79" />
        in der gleichen Richtung und verlangen gebieterisch eine
Normung, Wie stark auch Deutschland hieran interessiert ist,
liegt auf der Hand. So vermag die Norm ung ein wichtiges
Instrument der Weltwirtschaft zu werden, Be-
sonders klar hat dies England erkannt, von dem auch die
Anregung zu der oben erwähnten Konferenz ausging, Es liegt
an uns, die im Normenausschuß der Deutschen Industrie ge-
schaffene Organisation zu benutzen, um die Interessen, die der
deutsche Handel und die deutsche Industrie an einer inter-
nationalen Durchführung der Normung haben, hinlänglich zum.
Ausdruck zu bringen, Soweit es sich um die Organisation handelt,
wurde der deutsche Standpunkt durch den Verfasser, der als
deutscher Delegierter der Konferenz beiwohnte, in allen wesent-
lichen Punkten zur Annahme geführt. Es zeigt sich darin die
Anerkennung der gründlichen technischen Vorarbeit, die Deutsch-
land auf diesem Gebiet bereits geleistet hat und deren Ergeb-
nisse es in weitgehendem Maße anderen Ländern zur Verfügung
stellt,

Sehr hemmend für die Einführung der internationalen
Normung ist es, daß sich noch zwei verschiedenartige Maß-
systeme, nämlich das metrische und das zöllige, gegen-
überstehen. Noch vor wenigen Jahren war die Zahl dieser
unterschiedlichen Systeme größer, da z. B. Rußland und Japan
ihre eigenen Maßsysteme hatten, Beide Länder haben aber aus
eigener Erkenntnis die Bedeutung des Weltnormungsgedankens
so stark empfunden, daß sie sich entschlossen haben, ihre Maß-
systeme zugunsten des metrischen aufzugeben. Die deutschen
Normen, die auf dem metrischen System aufgebaut sind, werden
also in diesen Ländern größere und schnellere Bedeutung er-
langen als die zölligen. Da Deutschland von allen metrischen
Ländern diese Normen am weitesten fortentwickelt hat, zeigt
sich auch hier das maßgebende Interesse, das Deutschland an
einer offiziellen internationalen Zusammenarbeit auf diesem
Gebiete hat.

Trotz der Gegensätzlichkeit der Maßsysteme werden aber
gewisse technische Gebiete eine Vereinheitlichung auf der
ganzen Linie gebieterisch erfordern, Besonders gilt dies für das
Verkehrswesen, also im Festlandverkehr für Eisenbahn
und Kraftwagen, im Ueberseeverkehr für Schiff und Flugzeug,
Beschaffungsmöglichkeit der wichtigsten Ersatzteile, einheitliche
Voraussetzungen für die Unterbringung von Passagieren, Post
76
        <pb n="80" />
        und Frachtgütern, gleichmäßige Versicherungsbedingungen sind
unbedingt erforderlich, wenn der Verkehr von seinen ihm jetzt
anhaftenden Hemmungen befreit werden soll,

Auf dem Gebiet der Fertigerzeugnisse ist es besonders die
Elektrotechnik, die heute ganz deutlich die oben erwähnte
Standortstrennung erkennen läßt; auf deren Gebiet hat sich die
internationale Normung schon vor dem Kriege herausgebildet
und eine Reihe einheitlicher Festlegungen ergeben. In vieler
Hinsicht kann auch sie zum Verkehr gerechnet werden; neben
Post, Telegraph, Funkverkehr ist auch die Fernübertragung
hochgespannter Elektrizitätsmengen von einem Lande zum
anderen in Betracht zu ziehen, Deutschland als zentrales Ver-
kehrsland Europas und als Heimat der bedeutendsten Elektro-
technik des Festlandes hat auch in dieser Beziehung ein vitales
Interesse an der internationalen Normung,

Auch die technische Wissenschaft ist als solche
an einer internationalen Normung interessiert. Durch Zusammen-
arbeit vermeidet sie viele kostspielige Eigenarbeiten und be-
schleunigt ihren eigenen Fortschritt, indem technische Ergebnisse
in gemeinsamer Beratung und Bearbeitung zu einer gewissen
Reife und zu einer normgemäßen Festlegung von technischen
Gesetzen geführt werden,

Kurz möge noch angedeutet werden, wie man sich die Durch-
führung der internationalen Normenarbeit denkt, Es wird die
„International Standards Association‘ mit einem Zentralbüro
gegründet, das die Normenausschüsse aller Länder über die im
Gange befindlichen Arbeiten unterrichtet, die gegenseitigen
Erfahrungen austauscht und ferner die Ausbildung inter-
nationaler Normen fördert, indem es die daran interessierten
Länder zu gemeinsamen Beratungen einlädt, deren Ergebnisse
bekanntgibt und schließlich solche Normen festlegt. Es eröffnet
sich hierfür ein außerordentlich weites Arbeitsfeld, dessen
künftige Ergebnisse in der Gegenwart kaum abgeschätzt werden

können,

77
        <pb n="81" />
        Rationalisierung des Haushalts
VON DR, ERNA MEYER (MÜNCHEN)
FRANKFURTER ZEITUNG
I. MORGENBLATT VOM 31, OKTOBER 1926
Immer mehr bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß der
unrationellste aller unserer Betriebe der „Kleinbetrieb der Ver-
brauchswirtschaft”, der Einzelhaushalt, ist. Wie bedeutungsvoll
dieser Mangel des Einzelbetriebes nicht nur für den einzelnen,
sondern für die gesamte Volkswirtschaft ist, erhellt aus der etwa
15 Millionen betragenden Zahl der Einzelhaushalte, die mehr als
die Hälfte des Volkseinkommens in ihrem Verbrauch umsetzen.
Wenn nun auch die Wichtigkeit dieser Tatsache in immer
weiteren Kreisen anerkannt und der Ruf nach Rationalisierung
dieses Kleinstbetriebes täglich lauter wird, so sind wir vorläufig
doch noch recht weit von einer Verbesserung der Hausführung
im Sinne einer Verminderung der für sie aufgewendeten Energien
entfernt,

Zwar hat die eine Seite der Sache, die Verbesserung des
Wirkungsgrades durch Verminderung des Materialaulf-
wandes, infolge der Lehren des letzten Jahrzehnts schon
wesentliche Fortschritte gemacht, — wenn auch da noch genug
zu tun übrig bleibt, z. B, auf wärmewirtschaftlichem Gebiet.
So gut wie nichts ist aber bisher geschehen für die Verbesserung
der Betriebstechnik, dieRationalisierungder Arbeit,
Daß man in unserer durch Technik und Verkehr völlig ver-
änderten Zeit auch im Haushalt nicht mehr die Arbeitsmethoden
früherer Jahrhunderte verwenden sollte, beginnt man wohl
allmählich zu begreifen, Nicht klar genug aber sieht man an-
scheinend den Weg, der einzuschlagen ist, um eine rasche und

gründliche Umgestaltung der Hausarbeit für die
große Masse der Einzelhaushaltungen zu erreichen, so daß
täglich weiter indirekt Millionenwerte verschleudert werden.

Um im Haushalt eine Rationalisierung der Arbeit zu er-
reichen, müssen wir auf drei den Arbeitserfols beeinflussende
78
        <pb n="82" />
        Faktoren unser Augenmerk richten: die Arbeitsstätte,
das Handwerkszeug und die Arbeitsweise,

Ueber die Gestaltungder Arbeitsweise im Haus-
halt, die in erster Linie die Hausfrau selbst angeht, kann hier
nicht näher gesprochen werden, Wie es sich ermöglichen läßt,
mit erheblich geringeren Aufwendungen an Zeit (Wegen) und
Kraft die tägliche Arbeit zu verrichten, wie jede Frau nur mit
gutem Willen durch die wenigstens teilweise Umgestaltung ihrer
Umgebung, durch Anwendung der wissenschaftlichen Erkennt-
nisse auf allen Gebieten (besonders der Technik, der Arbeits-
hygiene, sogar der Erziehung) die Möglichkeit hat, sofort durch-
greifende Maßnahmen zur Umstellung ihres Haushalts zu treffen
und also den Wirkungsgrad ihres gesamten Hausbetriebes
wesentlich zu verbessern, habe ich auf Grund der bisherigen
Ergebnisse der Praxis versucht in meinem Buch „Der neue
Haushalt‘ (Stuttgart 1926) darzulegen. Wenn nun die junge
Wissenschaft der Arbeitsphysiologie sich diesem Gebiet intensiv
zuwenden wird, was seitens des Kaiser-Wilhelm-Instituts für
Arbeitsphysiologie, Berlin bereits in Aussicht gestellt worden
ist, so werden wir allmählich für alle täglich vorkommenden
Hausarbeiten „optimale Bedingungen" schaffen lernen, d, h, wir
werden wissen, unter welchen Umständen der gleiche Arbeits-
erfolg mit den geringstmöglichen Energieaufwendungen erreicht
werden kann, Sind solche Erkenntnisse einmal auf wissen-
schafltlichem Wege gewonnen, so wird die Grundlage für die
Schaffung einer systematischen Betriebslehre vor-
handen und es nach deren Ausarbeitung Aufgabe vor allem der
Schulen und der Hausfrauenorganisationen sein, diese Ergebnisse
so rasch wie möglich in der Masse des Volkes bekannt und
anwendbar zu machen, — auch dann noch ein Problem, dem sich
in der Durchführung zweifellos nicht geringe Schwierigkeiten
entgegenstellen werden,

Während die Verbesserung der Arbeitsweise schon heute
weitgehend in der Macht der einzelnen Hausfrau liegt, sind
ihrem Einfluß die beiden anderen Faktoren, Arbeitsstätte und
Handwerkszeug bisher fast ganz entzogen. Bleiben wir zunächst
bei der Arbeitsstätte, d. h. der Wohnung, Ihre Ge-
staltung ist für die Rationalisierung der Hausführung von aller-
größter, man kann sagen, grundlegender Bedeutung. Die Lösung
des Wohnproblems hat zwei Seiten, Augenblicklich noch im
Vordergrund des Interesses stehen als die eine alle Maßnahmen
79
        <pb n="83" />
        zur raschen und möglichst billigen Erstellung großer Mengen
von Wohnungen, und mit der Lösung dieser Frage kommen wir
auch in der Rationalisierung des Haushalts einen Schritt voran,
weil damit die Dichte der Bewohner in der einzelnen Wohnung
abnimmt, Die jetzt häufig außerordentlich erschwerte und über-
mäßige Reibungsflächen bietende Hausführung würde dadurch
wesentlich vereinfacht und erleichtert werden,

Die andere Seite des Problems ist die Beschaffenheit
der neu zu erstellenden Wohnungen, Sie beginnt
gerade mit Rücksicht auf die Frage der Hausführung allgemein
an Teilnahme zu gewinnen, Leuchtet es doch ein, daß nur
zweckmäßigste Gestaltung der Wohnung den darin hausenden
Menschen eine rationelle Hausführung ermöglicht. Trotzdem
wird leider bisher von den offiziellen Stellen recht wenig dafür
gesorgt, daß die Wohnung ein in rationeller Haus-
führung wirklich verwendbarer Gebrauchs-
gegenstand wird. Das wirkt als um so größere Unter-
lassung, je intensiver die Rationalisierung des Bauwesens selbst
betrieben wird, die nicht zur Auswirkung gelangt, wenn ihr
Endergebnis, die Wohnung, ein völlig unrationelles Gebilde
bleibt.

Will man erst einmal ernsthaft daran gehen, die entstehenden
Wohnungen dem Leben und Arbeiten der in ihnen hausznden
Menschen zweckmäßig anzupassen, dann kann das zweifellos
nicht anders erreicht werden als durch planmäßige Zu-
sammenarbeitdes Architekten bzw. Bauherrn m it
der Hausfrau, Wenn die unermüdliche Werbearbeit durch
die Hausfrauenberufsorganisation auch schon manches in dieser
Beziehung durchgesetzt hat, so bleibt doch noch genug zu tun
übrig, Allgemeine Aufnahme von geeigneten Frauenin
die Baukommissionen wäre ein erster Schritt, die Ge-
winnung von Grundsätzen für die Beschaffenheit der
Wohnungseinzelheiten — Türen, Fenster, Fußböden, Wände,
Gestaltung der Küche und Wirtschaftsräume, Raumverteilung
u.s. w. — hätte der zweite zu sein. Daß alle diese Dinge nicht
ohne starke Beteiligung der Frau ihre Lösung finden können,
wird kaum bezweifelt werden, Gerade die Stadt Frankfurt hat
(meines Wissens) als erste dem durch Aufnahme einer beratenden
Architektin Rechnung getragen und wird wohl bald an ihren
Neubauten die erzielten Erfolge vorweisen können. Weiter wird
der aus solcher Zusammenarbeit erwachsende Gewinn neben
80
        <pb n="84" />
        anderen, für die Entwicklung der Baugestaltung bedeutungs-
vollen Errungenschaften besonders eindringlich von der Stutt-
garter Werkbundausstellung „Die Wohnung‘ 1927 vor Augen
geführt werden, da hier die Ausstellungsleitung in weitsichtiger
Berücksichtigung des Corbusierschen Grundsatzes „Der Grund-
riß muß von innen nach außen wachsen‘ Frauen zur Mitarbeit
in bedeutendem Umfange herangezogen hat. Für die Aufstellung
allgemeingültiger, beim Bau der Zukunft zu berücksichtigender
Grundsätze wird diese sich auf die wichtigsten Wohntypen er-
streckende Ausstellung zweifellos bedeutsames Material liefern.
Darf man hoffen, daß die Gestaltung der Arbeitsstätte der
Hausfrau in gleichem Maße wie die Lösung des Wohnungs-
problems überhaupt voranschreitet, so liegen die Dinge in bezug
auf das Handwerkszeug noch mehr im argen. Freilich sind
auch hier erfreuliche Ansätze zu verzeichnen: die Arbeiten des
noch jungen Hausfrauenausschusses beim Reichskuratorium für
Wirtschaftlichkeit, die Inangriffnahme der Normung für Einmach-
gläser und Kochgeschirre beim Normenausschuß der deutschen
Industrie, die Leistungen der Hausfrauenberufsorganisation be-
sonders in ihrer „praktisch-wissenschaftlichen Versuchsstelle”
in Leipzig und vor allem als praktisch Wichtigstes: die Prüfung
hauswirtschalftlicher Geräte bei der Deutschen Landwirtschafts-
gesellschaft, Gerade diese verdienen als vorbildlich und richtung-
gebend für die Zukunft bezeichnet zu werden, Denn wenn wir
endlich dazu kommen werden, das Handwerkszeug der Hausfrau
auf seine Zweckmäßigkeit hin planmäßig durchzuprüfen, werden
wir uns an die bei der Prüfung von Waschmaschinen und Staub-
saugern beachteten Grundsätze anlehnen können, mit denen
die Geräteprüfstelle der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft
ein höchsten Anforderungen gerecht werdendes Ergebnis erzielt
hat. Es wurden da beispielsweise bei Waschmaschinen für
Kraft- und Handbetrieb folgende Eigenschaften der fünfzehn
am Wettbewerb beteiligten Maschinen beurteilt: Schonung der
Wäsche, Güte der Reinigung, Dauer des Waschvorgangs,
Reinigungsmöglichkeit der Maschine, Verbrauch an Kohlen,
Kraft, Wasser und Waschmitteln, Preis, mutmaßliche Dauer-
haftigkeit, Einfachheit der Handhabung und Betriebssicherheit.
Schon diese Aufzählung läßt ahnen, ein wie großer Aufwand
an Geld und Arbeit zu einer solchen Prüfung notwendig ist,
und daraus erhellt das Haupthindernis, das solchen exakten
81
        <pb n="85" />
        Prüfungen vorläufig noch entgegensteht, Dennoch ist es gerade
dies, was wir mit allergrößtem Nachdruck fordern müssen, Denn
das gesamte Handwerkszeug der Hausfrau, nicht nur die Haus-
haltmaschinen, sondern vor allem die Arbeitsgeräte vom
Küchenmesser bis zum Küchenmöbel lassen nicht nur in der
Erfüllung ihres besonderen Zweckes, sondern vor allem auch
in bezug auf die Leichtigkeit ihrer Handhabung und Reinigungs-
fähigkeit, ihre Dauerhaftigkeit und Billigkeit so viel zu wünschen
äbrig, daß auch beim besten Willen und ehrlichsten Streben
des einzelnen eine im strengen Sinne als rationell zu be-
zeichnende Hausführung vorläufig unmöglich ist, Solange wir
eine alljährlich nach Tausenden von „Schlagern‘ zählende
Ueberschwemmung mit Haushaltartikeln von
mehr oder minder krasser Sinnlosigkeit haben, solange die
selbstverständlichsten Dinge des täglichen Gebrauchs in zahl-
losen Beziehungen unzweckmäßig sind — wer hätte nicht
Kaffeekannen, die nicht gießen oder umkippen, Möbel, die zehn-
fach überflüssige Staubwischarbeit verursachen (verschnörkelte
Eisenfüße der Nähmaschine!), Töpfe, die sich nur mit größten
Schwierigkeiten reinigen lassen, Holzlöffel, die zum Festhalten
des Teiges bedeutend geeigneter als zum Rühren sind usw. 1.1. —,
so lange können wir zu keiner Rationalisierung des Haushalts
kommen.

Dabei wäre es an sich nicht schwierig, die Erzeugung
des Zweckmäßigen an die Stelle der planlosen Zufalls-
produktion treten zu lassen, Die in Betracht kommende
Industrie müßte nur einmal die ungeheuren Vorteile er-
kennen, die sich ergeben würden, wenn der längst durch ihre
bisherigen, schlechten Erfahrungen kaufmüde gewordenen Haus-
frau wirklich brauchbare und billige Gegenstände geboten
würden. Einmal hierüber im klaren, wird es der Industrie nicht
schwer fallen, die Mittel aufzubringen, um die zum Ziel führen-
den Schritte einzuleiten, nämlich: 1. gründliche, das heißt
nach modernsten wissenschaftlichen Grundsätzen arbeitende
Prüfung aller hauswirtschaftlichen Geräte
und Maschinen unter Beteiligung von Fachleuten und Haus-
‘rauen: 2. Ausnutzung der dabei gewonnenen Ergebnisse zu
weitgehender Normung und Typisierung; 3 durch-
greifende, mit allen Mitteln arbeitende Au fklärung einer-
seits der Erzeuger selbst, die ihre Produktion, andererseits des
Zwischenhandels und der Käufermassen, die Verkauf und Ein-
82
        <pb n="86" />
        kauf den Prüfungs- bzw. Normungsergebnissen entsprechend
umzustellen hätten,

Welchen Weg, man einschlägt, um diese Forderungen zu er-
füllen, ob man, wie ich es bereits im Jahre 1922 („Technik und
Wirtschaft“, 15, Jahrgang, Heft 2) vorschlug, eine unter Be-
teiligung der in Betracht kommenden Kreise ganz objektiv
arbeitende Stelle schafft, die die planmäßige Prüfung der
Gegenstände bei vorhandenen wissenschaftlichen Instituten ver-
anlaßt, im Notfall selbst prüfend einspringt, die Prüfungsergeb-
nisse bekannt macht, zugleich alles übrige den Haushalt be-
treffende Material sammelt, Auskünfte erteilt und Anregungen
gibt, — oder ob man auf andere Weise vorgeht, ist wenig
wichtig. Bedeutungsvoll bleibt nur, daß mit klarer Zielsetzung
Nachdrückliches geschieht, daß es rasch geschieht und daß es
mit reinster Sachlichkeit, also ungetrübt durch irgendwelche
einseitige Interessen durchgeführt wird,

Zusammenfassend ist also zu sagen: Die für unsere Volks-
wirtschaft dringend notwendige Rationalisierung des Haushalts
wird sich ermöglichen lassen, wenn das ganze Gebiet in Zu-
sammenarbeit von Hausfrauen, Architekten bzw. Bauherren
(Staat und Städte) und Industrie planmäßig durchgearbeitet, die
erforderlichen Hilfsmittel für diese Arbeit beschafft bzw. bereit-
gestellt werden, und wenn dann ein erheblicher Apparat zur
Aufklärung der Massen in Bewegung gesetzt wird, der die An-
wendung der einmal gewonnenen Erkenntnis in weitesten Volks-
kreisen durchsetzt.

33
        <pb n="87" />
        Arbeit und Ermüdung
Rationalisierung als medizinische Aufgabe
VON DR. HEINRICH BRIEGER (MARBURG A. L.)

FRANKFURTER ZEITUNG
1, MORGENBLATT VOM 5. DEZEMBER 1926
Die rein technische Betrachtungsweise des Rationalisierungs-
problems, wie sie den Pionieren der wissenschaftlichen Betriebs-
führung (Taylor und seinen Mitarbeitern) eignete, ist heute der
ökonomisch gerichteten untergeordnet, Des Grundproblems
komplexe Natur wird‘ also erkannt und gewürdigt, Die Viel-
fältigkeit der technischen Aufgaben jedoch, die Fülle ihrer
Beziehungen zu den verschiedensten Forschungszweigen wird
in der Praxis der Betriebe auch heute noch vielfach ungenügend
berücksichtigt. Nachdem die Arbeit des Menschen in den
Rationalisierungsprozeß einbezogen worden ist, gehören nun
auch die Kenner der menschlichen Natur, Physiologe. und
Psychologe, ebenso wie die Techniker zu den eigentlich Sach-
verständigen. Voraussetzung dafür ist freilich, daß sie sich über
die Anwendung der menschlichen Fähigkeiten im Produktions-
gang unterrichten.

Rationalisierung zielt auf höchste Leistungssteigerung hin.
Wie es aber schon bei der Maschine nicht möglich ist, allein
durch stärkste Beanspruchung den wirklich vollen Wirkungs-
grad dauernd zu erhalten, so ist das bei der menschlichen
Arbeitsmaschine mit ihren besonderen Arbeitsbedingungen erst
recht unmöglich, Denn wenn bereits die Maschine weitgehende
Rücksicht auf ihre Abnutzung fordert, so ist die Maschine
Mensch, die ihre Betriebskraft selbst bildet, dabei ihren Stoff
verbraucht und deren Beeinflußbarkeit und Abnutzungsgrad
ganz unvergleichlich größer ist, ein noch weit empfindlicheres
Werkzeug der Technik. Mit anderen Worten: größte An-
strengung (Intensität) ist durchaus nicht gleichbedeutend mit
größter Ergiebigkeit der Arbeit (Produktivität). Wozu sollte
auch stärkere und billigere Erzeugung mit allen ihren günstigen
84
        <pb n="88" />
        wirtschaftlichen Folgen dienen, wozu Mehrlohn, wenn der
Genuß des erhöhten Lebensstandards durch eine allzu inten-
sive Arbeit verhindert wird? Wie könnte sich die Wirkung
einer verbesserten Lebenshaltung gegen die Folgen einer zwar
einträglichen, aber‘ gesundheitlich schädigenden Arbeitsweise
durchsetzen? Es liegt durchaus in der Richtung der technischen
Entwicklung, die ja vorwiegend eine Maschinenentwicklung
gewesen ist, den Anteil der menschlichen Arbeit zu verkleinern
und zu erleichtern, nicht nur die Leistungszilfer zu erhöhen,
sondern vor allem auch die Leistungsfähigkeit zu
erhalten, So vermögen z. B. Arbeiter an automatischen
Webstühlen bis zum sechzigsten Lebensjahr einen gleichmäßig
hohen Lohn zu erzielen, während die Lohnkurven von Webern,
die in primitiver ausgestatteten Betrieben arbeiten, bereits im
zweiunddreißigsten Jahr stark abzufallen beginnen, Die Ab-
nutzung ist die chronische und späte Wirkung der Arbeit, ihre
akute und frühe ist Ermüdung, Diese ist denn auch das
Kriterium für die Zumessung einer Arbeit nach Art und Dauer
und aus diesem Grunde steht die Ermüdungsforschung
im Mittelpunkt psycho-physiologischer Arbeitswissenschalft,
Ermüdung ist ein komplexer Begriff, der die verschieden-
artigsten Vorgänge im menschlichen Organismus einschließt.
Denn die Angriffspunkte der einzelnen Arbeitsarten sind ver-
schieden, und ebenso unterscheiden sich die Reaktionsweisen
dieser verschiedenen Angriffspunkte (Körpergewebe) grund-
sätzlich voneinander, Der Entstehungsmechanismus der Muskel-
ermüdung ist in den letzten Jahren näher bekannt geworden,
die anderen Ermüdungsvorgänge dagegen sind noch ungeklärt,
In der Wirklichkeit aber erstreckt sich die Ermüdung, auch
wenn sie nur von einem Teil des Körpers, etwa einem Muskel-
gebiet, ausgeht, schließlich auf seine sämtlichen Teile, Ist also
die wissenschaftliche Erkenntnis der Ermüdungsvorgänge im
Organismus noch höchst unvollkommen, so gibt es doch für die
Praxis eine Reihe wichtiger Ergebnisse der Ermüdungsforschung.
Gewisse Aeußerungen der menschlichen Natur zeigen nämlich
mehr oder minder frühzeitig den Eintritt der Ermüdung an und
diese Erscheinungen hat man zu Ermüdungsprüfungen (Er-
müdungstests) zu verwenden gesucht. Hat Taylor, der Nur-
Techniker, die Ermüdung wie überhaupt den ganzen „mensch-
lichen Faktor‘ in seine sonst so feinen Rechnungen nicht
eingesetzt, so wurde dem Ermüdungsproblem doch. schon von
835
        <pb n="89" />
        seinem Zeitgenossen Gilbreth besondere Beachtung ge-
schenkt. Gilbreth hat in Zusammenarbeit mit dem bekannten
Psychologen Münsterberg Methoden zur Erfassung der
psychischen Ermüdungserscheinungen ermittelt wie andere zur
Erfassung der körperlichen, Von diesen wird auch heute noch
die eine oder die andere versuchsweise angewandt. Aus
physiologischen Instituten stammt eine Reihe anderer Versuchs-
anordnungen, welche die Abnahme der Muskelkraft und den
Einsatz von Hilfsmuskulatur bei eintretender Ermüdung früh-
zeitig anzeigen sollen (Ergographie, Dynamometrie usw.).
Weitere physiologische Untersuchungsmethoden wie Blutdruck-
messung, Bestimmung des Herzschlagvolumens usw. machen die
Ausdehnung des Ermüdungsprozesses auf den Gesamtorganis-
mus deutlich. Die neueste und aussichtsreichste Methode ist die
Bestimmungder Sauerstoffmenge, die der Mensch
zur Unterhaltung der durch die Arbeit bedingten Verbrennungs-
vorgänge benötigt, Für die geistigen und seelischen Funktionen
gibt es eine Unzahl von Ermüdungstests, für die eigentlichen
Sinnesiunktionen weniger,

Die praktische Anwendbarkeit der physiologischen Methoden
ist auf der letzten Tagung der Deutschen Gesellschaft für
Gewerbehygiene, die dem Thema: „Arbeit und Ermüdung‘
gewidmet war, teilweise sehr kritisch beurteilt worden, Dennoch
lassen sich heute schon weit exakter, als es etwa Gilbreth
möglich war, rein oder überwiegend körperliche Arbeiten durch
die Bestimmung des Sauerstoffbedarfs wirklich rationell ge-
stalten. Gewisse grundsätzlich unphysiologische und unproduk-
tive Arbeitsformen, wie z. B. die am Hebelarm, andererseits
beste Haltungsformen der Arbeitenden, die besten Arten von
Lage, Form und Gewicht des Arbeitsmaterials und der Werk-
zeuge und das auf die Dauer günstigste Tempo der Arbeits-
bewegungen lassen sich so exakt ermitteln, Dies ist im Hinblick
auf die moderne Fließarbeit von besonderer Wichtigkeit und
ein Beweis dafür, daß selbst dort, wo der Anteil der mensch-
lichen Arbeit nach Art und Maß stark zusammengeschrumpft
ist, die Mitarbeit des Physiologen nicht entbehrt werden kann.
Besitzen wir erst für die Praxis geeignetere Methoden, dann
werden sich auch Normalarbeitszeiten feststellen lassen, die
nicht nur vom medizinisch-hygienischen, sondern auch vom
ökonomischen und kulturellen Standpunkt aus betrachtet
optimal zu nennen sind, Was jetzt schon mit wissenschaftlichen
RG
        <pb n="90" />
        Methoden erzielt werden kann, zeigen z, B. die Errechnung und
Einführung günstigst gelegener und günstigst ‚bemessener
Arbeitspausen in englischen Betrieben, Sie: hatten eine deut-
liche Steigerung der Produktivität zur Folge.‘Ebenso wird mit
diesen oder ähnlichen Methoden die Abhängigkeit der Er-
müdung von den eigentlich gewerbehygienischen ‚Umständen
der Arbeitsstätte zahlenmäßig genau bestimmt werden. können,
Aus einem soeben in deutscher Sprache erschienenen amerika-
nischen Buche (M. Luckiesh: Licht und Arbeit) erfahren wir
zum Beispiel, daß die bei uns gebräuchlichen Lichtintensitäten
etwa nur die Hälfte der in Amerika üblichen betragen, wo-
bei sie ungefähr vier Fünftel hinter der wissenschaftlich
als wünschenswert ermittelten Lichtintensität zurückbleiben.
Schließlich wird die Bedeutung einer Reihe anderer Umstände
als Ermüdungsfaktoren nicht mehr bloß geschätzt, sondern
exakt berechnet werden können, z. B, die Nichteignung zu
einem Beruf, schlechte Lebenshaltung, insbesondere unrichtige
Ernährungsweise, Alkoholmißbrauch, weiter Weg zur Arbeits-
stätte usw. Auch für die Erforschung des Sports als Mittel zum
Ermüdungsausgleich ergeben sich neue Möglichkeiten,

Gewiß trifft die bisherigen Methoden mit Recht der Vorwurf,
daß sie vorwiegend Laboratoriumsmethoden sind, die nicht ohne
weiteres in der Praxis verwendet werden können, Aber der in
der Praxis beliebteste. Ermüdungstest, der Leistungs-
abfall, ist von so vielen Umständen abhängig, daß man ihn
keinesfalls als objektiv richtigen Maßstab bezeichnen kann,
Es bedarf also des weiteren Ausbaus der wissenschaftlichen
Methoden unter verstärkter Berücksichtigung der prak-
tischen Ziele, Dieser Ausbau kann, wie das Beispiel Amerikas
lehrt, nur durch die Zusammenarbeit von Technikern, Aerzten
und Psychologen vollzogen werden. Wenn jetzt in Frankfurt,
dessen industrielle Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich stets
besonders verständnisvoll gegenüber derartigen Bestrebungen
gezeigt haben, eine solche Stätte der Zusammenarbeit (Institut
für Arbeitsforschung) geschaffen werden soll, darf wohl mit
Sicherheit auf die Unterstützung aller beteiligten Stellen ge-
rechnet werden. Letzten Endes ist aber jedermann an der
Lösung dieser Probleme interessiert.

a

3
        <pb n="91" />
        Organisation der
Rationalisierungs-Bewegung
VON H. HINNENTHAL
Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Reichskuratoriums
für Wirtschaftlichkeit, Berlin
FRANKFURTER ZEITUNG
[. MORGENBLATT VOM 22. DEZEMBER 1926
Wer die in der Artikelserie der „Frankfurter Zeitung"
gekennzeichneten und vorgeschlagenen „Wege zur Rationa-
lisierung‘‘ in ihrer Gesamtheit betrachtet, wird erkennen, daß
zwar die Ziele dieser Wege — die Anwendungsgebiete der
Rationalisierung — verschieden sind, nicht aber die Wege selbst.
Ob es sich um Klein- oder Großhandel, Handwerks- oder Groß-
betrieb, Landwirtschaft oder Bauwesen, Büro- oder Fabrik-
arbeit handelt, der Weg zur Rationalisierung geht immer über
Normung, das heißt Festlegung von Maß, Zahl und Form —
Typung, das heißt Festlegung von Arten und Sorten — Liefer-
vereinbarungen, das heißt Festlegung des Leistungsinhaltes —
Lösung von Fertigungsproblemen, das heißt Festlegung wirt-
schaftlicher Herstellungsverfahren, und endlich Abrechnung,
das heißt mit möglichst geringem Zeitabstand kontrollierende
Erfassung geschäftlicher Vorgänge.

Versteht man unter „Rationalisierung” nichts anderes als
Methodenverbesserung in der Erzeugung, Verwaltung und Ver-
teilung von Gütern, so ist Rationalisierung ein Schlagwort, das
im Grunde nichts Neues bedeutet, Denn die Geschichte der
Wirtschaft ist zugleich die ihrer nie stillstehenden fortschritt-
lichen Entwicklung,

Mit dieser Deutung ist aber das große Interesse, das die
gesamte wirtschaftliche Welt seit einiger Zeit für „Rationali-
sierung” bekundet, nicht zu erklären. Es müssen neue Momente,
Beweggründe und Ideen in der Sache stecken, die zwischen
Verbesserung und Rationalisierung einen Unterschied machen.
Dieser besteht m. E, darin, daß eine Methodenverbesserung
dann als „Rationalisierung‘ angesprochen werden kann, wenn
AH
u
        <pb n="92" />
        ihre Auswirkungen der gesamten Wirtschaft zu gute
kommen, das heißt nicht nur dem Vorteil des Produzenten,
sondern auch dem des Konsumenten dienen, oder mit anderen
Worten, wenn mit. der Verbesserung auch eine entsprechende
Preissenkung verbunden ist, die den Erzeuger nicht
schädigt und die Kaufkraft des Verbrauchers hebt, Es werden
hiernach manche wirtschaftlichen Maßnahmen, die heute als
„Rationalisierung‘“ bezeichnet werden, nicht als solche aner-
kannt werden können,

In diesem Zusammenhang ist es kennzeichnend, daß man von
Rationalisierung erst seit dem Kriege spricht, also seitdem
ganze Volkswirtschaften in ihrer Existenz bedroht waren. Der
Krieg hat einen engen Zusammenschluß der nationalen wirt-
schaftlichen Kräfte ausgelöst und zu einer planmäßigen Ge-
meinschaftsarbeit geführt, die einer der wichtigsten
Träger der Rationalisierung geworden ist.

In dem wirtschaftlichen Kampf, den der eine gegen den
anderen durch Verbesserung seiner Methoden und Erzeugnisse
austrug, war bis zum Kriege jeder mehr oder weniger auf sich
allein angewiesen, Das gilt natürlich auch heute noch, aber es
ist eine neue Bewegung entstanden, die, ohne die Initiative
des einzelnen zu beeinträchtigen, den Problemen noch von einer
anderen Seite beizukommen versucht, War früher Geheimnis-
krämerei und Wahrung des Fabrikgeheimnisses höchstes Gebot,
so gilt heute weitgehender Erfahrungsaustausch als
selbstverständlich. Neben den Zusammenschlüssen, die die
Interessen einer bestimmten wirtschaftlichen Gruppe oder
Klasse wahrnehmen, sind neue Vereinigungen entstanden, die
planmäßig der Förderung der Gesamtwirtschaft dienen
sollen, In ihnen vereinigen sich Vertreter aller Gruppen, um
eine Art wirtschaftlicher Verfassung aufzustellen, einer Ver-
Fassung allerdings, die selbst immer wieder fortschrittlich sich
wandeln muß,

Wenn zum Beispiel der Normenausschuß der Deutschen
Industrie Maßnormen für die zahllosen Elemente aufstellt, aus
denen Gegenstände des menschlichen Bedarfes gefertigt werden
— der Reichsausschuß für Lieferbedingungen für die täglich
sich millionenfach vollziehenden Käufe und Verkäufe allgemein
gültige Unterlagen herausarbeitet — der Ausschuß für wirt-
schaftliche Fertigung Grundsätze für die Arbeitsvorbereitung
und Arbeitsausführung entwickelt — der Ausschuß für wirt-
Q9
        <pb n="93" />
        schaftliche Verwaltung anstrebt, die Bewertung der Leistungen
einheitlich zu gestalten — wenn in anderen Zusammenschlüssen
Vereinbarungen über Sorten- und Typenfestlegungen erfolgen,
so ist alles dies nichts anderes als die Erkennung wirtschaft-
licher Möglichkeiten und die daraus abgeleitete Formulierung
von Richtlinien, deren Befolgung dem Allgemeinwohl und
damit jedem einzelnen dienen soll, Niemand ist gezwungen, sie
anzuwenden, aber kennzeichnend für unsere Zeit ist, daß ihre
Herausarbeitung zu einem dringenden Bedürfnis wurde und sich
ihnen niemand entziehen kann, ohne sich selber zu schädigen.

Man muß, um die Rationalisierung zu verstehen, die Ent-
wicklung erkennen, die gekennzeichnet wird durch die Stufen:
freie Konstruktion und Fertigung für den jeweils vorliegenden
Zweck, Schaffung von Werksnormen, die für ein Unternehmen
gelten, und endlich Aufstellung von für die ganze Wirtschaft
gültigen Normen oder die Entwicklung, die von der wahllosen
Befriedigung jedes Konsumentenwunsches zu der plan-
mäßigen Beschränkung der Typen und Sorten über-
geht, um durch Massenherstellung billigere Preise zu erzielen.

Wirtschaftliche Regeln und Gesetze können nur in großer,
uneigennütziger Gemeinschaftsarbeit aller Wirtschaltskreise
entstehen. Die Mitarbeit daran ist nicht nur Recht und Pflicht
jedes einzelnen, sondern auch des Staates, Ihm bieten sich
hierfür zwei Wege: entweder die Leitung der Bewegung selbst
in die Hand zu nehmen und sie behördlich - bürokratisch ein-
zuspannen oder ihr innerhalb der Wirtschaft freieste Entwick-
lung zu lassen und sich auf weitgehende Unterstützun g
zu beschränken. In Deutschland hat man bewußt diesen zweiten
Weg gewählt, und aus dieser Wahl heraus ist das „Reichs-
kuratorium für Wirtschaftlichkeit entstanden als eine Ver-
einigung von behördlichen und wirtschaftlichen Vertretern unter
Selbstverwaltung als Zentralstelle für alle Rationali-
sierungsbestrebungen in Deutschland und Träger der vom Reich
für ihre Förderung zur Verfügung gestellten öffentlichen Mittel.

Eine solche Zentralstelle ist ein unbedingtes Erfordernis: in
Amerika (Hoover — Handelsministerium) hat man damit die besten
Erfahrungen gemacht, Ein amerikanischer Wirtschaftsführer,
der seit Jahren die wirtschaftlich wichtigsten europäischen
Länder bereist, vertrat bei seinem diesjährigen Besuch die Auf-
fassung, daß Deutschland durch die Schaffung des Reichs-
kuratoriums für Wirtschaftlichkeit einen großen Vorsprung vor
95
        <pb n="94" />
        allen anderen europäischen Ländern habe; nur in Deutschland
sei es ihm möglich gewesen, sich an einer Stelle über den
Stand der Rationalisierung zu unterrichten, und der von
amerikanischen Wirtschaftskreisen propagierte internationale
Austausch der Erfahrungen finde durch eine solche Zentral-
stelle eine außerordentliche Erleichterung,

Die Gemeinschaftsarbeit als Vorarbeit für die Rationali-
sierung vollzieht sich in Deutschland im allgemeinen so, daß
eine bestimmte Interessentengruppe einen Ausschuß oder eine
Körperschaft bildet, die nun Träger dieser ‚Arbeit wird, Sie
stellt für eine zu schaffende Norm eine Lielerungsvorschrift,
ein Fertigungsverfahren, eine Vereinheitlichung, einen ersten
Entwurf auf, Dieser Entwurf wird in den breitesten Kreisen zur
öffentlichen Kritik gestellt, löst Widerspruch und Gegenentwurf
aus, bis schließlich eine Vereinbarung entsteht, die allgemeine
Anerkennung finden kann, Auf diesem Wege sind zum Beispiel
die Normen des Normenausschusses der Deutschen Industrie
entstanden, Jeder Zwang muß bei der Entstehung solcher Ver-
einbarungen von vornherein ausgeschaltet sein; nur aus dem
Bedürfnis der Interessenkreise heraus können vereinheitlichende
Bindungen entstehen. Für eine Zentralstelle, wie es das Reichs-
kuratorium für Wirtschaiftlichkeit ist, ergibt sich hieraus ganz
von selbst, daß es die eigentliche Facharbeit uneingeschränkt
diesen berufenen Ausschüssen und Körperschaften überlassen
muß, Jeder Versuch, von einer Zentralstelle aus Vorschriften
aufzustellen, nach denen in der Praxis gearbeitet werden soll,
ist aussichtslos. Infolgedessen hat das Reichskuratorium auch
als einen seiner wichtigsten Grundsätze herausgestellt, daß es
keinerlei Facharbeit leistet,

Dagegen fällt dem Reichskuratorium die sehr wichtige Auf-
gabe zu, etwa als eine Art Dachgesellschaft unter den be-
stehenden zahlreichen Ausschüssen und Körperschaften eine
ordnende Vermittlung und Verbindung herzustellen. Denn je
größer die Zahl der Ausschüsse wird, desto größer ist die Gefahr,
daß Doppelarbeit geleistet wird, und desto wichtiger ist es, daß
die Ausschüsse untereinander eine gute Verbindung haben, die
nur durch eine Zentralstelle, die über alle Arbeiten unter-
richtet ist, hergestellt werden kann.

Damit ist die Aufgabe des Reichskuratoriums aber noch
nicht erschöpft. Da es als Zentralstelle die größte Uebersicht
über die Arbeiten aller Ausschüsse und Körperschaften sich
91
        <pb n="95" />
        verschaffen kann, wird es auch ein sicheres Urteil darüber
haben, welche Aufgaben vor anderen dringlich sind,
Die ihnf vom Reich zur Verfügung gestellten öffentlichen Mittel
ermöglichen es dem Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit,
den Arbeiten der Ausschüsse eine gewisse Richtung zu geben,
indem es ihnen bestimmte Aufgaben stellen und ihnen gleich-
zeitig für die Lösung die nötigen Mittel zur Verfügung stellen
kann, Es hat somit die Möglichkeit, die Lösung gewisser Auf-
gaben zu beschleunigen oder Rationalisierungsgebiete aufzu-
schließen, auf denen bislang wenig oder gar nichts geschehen ist.

Die Idee einer solchen Zentralstelle hat heute bereits in
Deutschland allgemeinen Anklang gefunden, und eine große
Anzahl von Ausschüssen, die sich mit Rationalisierungsfragen
aller Art beschäftigen, hat mit dem Reichskuratorium für Wirt-
schaftlichkeit enge Verbindung aufgenommen, ohne daß hier-
durch die Frage einer Ueber- oder Unterordnung angeschnitten
worden wäre.

Ebenso wie das Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit den
einzelnen Körperschaften bei ihren Arbeiten die größte Frei-
heit läßt, hat auch der Staat das gleiche dem Reichskuratorium
gegenüber getan. Die Verwendung der, ihm vom Staat zur Ver-
fügung gestellten Mittel und die Kontrolle ihrer Verwendung
erfolgt nicht durch staatliche Behörden, sondern durch den Vor-
stand und Finanzausschuß des Reichskuratoriums, Diese groß-
zügige Organisation, die, soweit mir bekannt ist, nirgends ihres-
gleichen hat, legt dem Reichskuratorium die Verpflichtung auf,
die aus der gesamten Volksgemeinschaft stammenden Mittel
der Volkswirtschaft in Form von gemeinnütziger Arbeit unter
Wahrung größter Objektivität nach allen Seiten wieder zu-
kommen zu lassen.

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Die Rationalisierung als Konjunkturproblem
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dient der Beobachtung der Entwicklung der wirtschaft-
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sie dem Ablauf der Konjunktur, Sie arbeitet nach wissen-
schaftlichen Methoden, aber sie bringt die Ergebnisse der
Untersuchungen im anschaulicher und vor allem den
Bedürfnissen der Praktiker dienender Form zur Dar-
stellung. Die Bewegung der Warenpreise, der Löhne, des
Beschäftigungsgrades, die Kursgestaltung an den Börsen,
die Bewegung der Zinssätze, die Entwicklung des Außen-
handels, der Produktion und der Umsatztätigkeit sind
die Hauptgebiete, über die regelmäßig statistisches Ma-
terial veröffentlicht und in graphischen Darstellungen
verarbeitet wird. Die Konzentration und Expansion der
deutschen Unternehmungen wird chronologisch verfolgt
und durch graphische Darstellung der Großkonzerne
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schaftskurve die Aufgabe gestellt, die deutsche Wirt-
schaftsentwicklung in den Rahmen der Weltwirtschafts-
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planen wir die Herausgabe von
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schaftszweige Die heutige Organi-
sation und die Umlagerung der Ver-
hältnisse in den letzten Jahren in
Deutschland und den wichtigsten
Wirtschaftsländern bedingen eine
eingehende Prüfung von den ver-
schiedensten Seiten; erste Fach-
leute sind als Mitarbeiter gewonnen

Da diese Arbeit den Rahmen einer
Zeitung als einer auf den Tag ge-
stellten Publikation mitihrem jeweils
begrenzten Raum und ihren viel-
seitigen anderen nachrichtlichen
und kritischen Aufgaben übersteigt,
werden die Aufsätze gesammelt als
WIRTSCHAFTSHEFTE DER
Frankfurter Beifung
arscheinen. Das erste Heft be-
handelt: CHEMIE, das zweite Heft
behandelt: ELEKTRIZITÄT. Jeder
Abonnentwird diese Hefte kostenlos
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Spezialtransportwagen, Aufzügen, Elevatoren und Gleit-
nen die Fertigprodukte nach der Versandabteilung zu be-
lern,

6. Das Prinzip der Normallager: Die Lager von
ischenprodukten und Fertigwaren haben normalisierte Größe,
h. sie sind durch Hilfsmittel wie Fächer, Leisten auf dem
boden, Wände und dergl. auf ein Höchstmaß beschränkt,
zr dessen Auffüllung die Fertigung der Waren nicht hinaus-
ıen darf, Der Grad ihrer Auffüllung bildet die Grundlage der
beitszuweisungen für den nächsten Tag, Welchen Einfluß
‚se Maßnahme auf das Verhalten der Arbeiter und die Arbeits-
‘+ hat, wird aus einem der folgenden Abschnitte hervorgehen.

71. Arbeitsvorbereitung: Die Arbeit für den
chsten Tag wird am Abend vorher nach Geschäftsschluß oder
r Beginn der Arbeitszeit durch Spezialarbeiter so vorbereitet,
ß ohne weiteres und ohne Störung pünktlich mit den Arbeiten
sonnen werden kann, Wie schon oben betont, sind natürlich
‚ch alle Rohstoffe und Verpackungsmaterialien rechtzeitig zur
‘elle. Kann dies aus irgend einem Grunde nicht der Fall sein,
; ist man in der Lage, die Arbeitsanweisung rechtzeitig rück-
insig zu machen und dem betreffenden Arbeiter für diesen
ag, während die Störung behoben wird, andere, störungsfreie
rbeiten zuzuweisen.

8, Untersuchung der Arbeitsmethoden:; Bei
enauer Prüfung der einzelnen Handgritfe ergibt sich fast stets,
aß diese mehr oder weniger verbesserungsbedürftig sind, Meist
elingt es, eine ganze Anzahl überflüssiger Handgriffe auszu-

schalten oder andere zu verkürzen, Auch können durch das
'rinzip der Zweihandarbeit nicht unerhebliche Leistungssteige-
ungen erzielt werden, doch sind eingehende und zeitraubende
7eit- und Bewegungsstudien hierbei nicht zu umgehen.

9, Normalisierung: Es gelang, unter der Anzahl ver-
ichiedener Größen und Qualitäten der Artikel weniger gangbare
zuszuschalten, auch war es möglich, gewisse Verpackungs-
naterialien auf gleiches Format zu bringen, wodurch sich der
Arbeitsprozeß sehr vereinfachte.

10. Ersatzvon Handarbeitdurch Maschinen:
Allzu häufig wird diesem Punkte eine zu große Bedeutung zu-
gemessen, Selbstverständlich wäre es unklug, eine rentabel
srheitende Maschine nicht aufzustellen, wenn sie Handarbeit

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