Auch in Sachsen, in München, in Stuttgart, in den thüringischen Städten, überall kam es zu impo$anten Bauernaufmärschen, deren Teilnehmerzahl die Landbundpresse mitunter auf 10 bis 20 000 angibt. Was war geschehen, daß die Bauern plötzlich so rebellisch wurden? War es nicht eigentümlich, daß ausgerechnet nach 3 jäh- riger Regierung der Rechts parteien sich der Bauernmassen, die doch in diesen Parteien von jeher ihre gegebene Vertretung erblickt hatten, eine solche Verzweiflungsstimmung bemächtigte? Oder fan- den die Demonstrationen gerade deshalb statt, weil diese Rechts- regierung jetzt kurz vor ihrem Abschied stand und man ihr noch einen heroischen Abgang sichern wollte? Zweifellos haben bei der .Landbundkampagne auch wahl- demagogische Gründe mitgespielt. Man wollte die Masse der kleinen Bauern und der Landarbeiter — diese nahmen in stattlicher Zahl, teilweise gepreßt, teilweise durch Versprechungen geködert. an den Demonstrationen teil — über die Tatsache hinwegtäuschen, daß der Bürgerblock keine einzige seiner vielen Wahlversprech- ungen gehalten hatte. Daher gab man den Demonstrationen, we- nigstens in Preußen, noch eine besondere Spitze gegen die preußi- sche Koalitionsregierung, die mit der Aufhebung der Gutsbezirke und der Reorganisation der Zentralgenossenschaftskasse (Preußen- kasse) den Zorn aller deutschnationalen Krautiunker auf sich ge- zogen hatte, Aber diese wahldemagogischen Gründe reichen aıcht aus, um die Stoßkraft und Massenhaftigkeit der bäuerlichen Bewegung zu erklären, die hier unter fast unbestrittener Führung des Landbundes, teilweise mit 'stark faschistischem Einschlag, vor sich ging. Es wäre auch falsch zu behaupten, alle diese Demonstrationen seien vom Landbund „gemacht“ worden. In den bäuerlichen Gegenden gewiß nicht. Hier nahm auch der gewerbliche Mittelstand daran teil, Die deutschnationalen Führer nützten zwar die Situation für ihre partei- politischen Zwecke außerordentlich geschickt aus, aber die Gärung war auch ohne diese parteipolitische Zwecksetzung gegeben und hätte sich sicher auch ohne die Landbündler spontan in irgendeiner Form durchgesetzt. Daß ein Teil der stürmisch erregten Klein- und Mittelbauern be- reit war, auf die Seite der klassenbewußten Arbeiterschaft zu treten, zeigt die Tatsache, daß eine Anzahl der vom linksradikalen Reichs- Bauernbund teils früher, teils gleichzeitig mit dem Landbund ein- berufene Kundgebungen, so in Ostpreußen, Pommern und im Erz- gebirge, über Erwarten zahlreich beschickt war. Auch die Tatsache, daß in den ersten Monaten des Jahres 1928 nicht weniger als drei neue „Bauernparteien‘“ ins Leben traten, illu- striert die allgemeine Unzufriedenheit‘ der werktätigen Bauern- massen mit dem herrschenden Regime. Diese neuen Bauernparteiea, wie sie vom Landbundpräsidenten Hepp und einigen bisher deutsch- nationalen und völkischen Führern in Hessen-Nassau, Thüringen,