Die Parole der „Industrialisierung der Landwirtschaft‘ wurde zu- erst wissenschaftlich von Professor Aereboe im Enqueteausschuß des- Reichstages im Sommer 1925 entwickelt. Sie ist eine Forde- rung der Großindustrie, insbesondere der landwirtschaftlichen Ma- schinenindustrie und der Düngemittelindustrie, Auf fast allen großen Tagungen der deutschen industriellen Verbände, insbesondere auf den Tagungen des Reichsverbandes der deutschen Industrie, des Langnamvereins und besonders nachdrücklich auf dem Eisenhütten- tag in Düsseldorf 1926 wurde diese Parole von den Führern der Finanzbourgeoisie vertreten, Die prominentesten Persönlichkeiten der Trustbourgeoisie wie die‘ Generaldirektoren Vögeler, Reusch, Duisberg, Silverberg oder der Syndikus der Berliner Metallindu- striellen Dr. Reichert nahmen‘ wiederholt in dieser Frage das Wort. Sie alle sprachen in irgendeiner Form das aus, was auch der „Verein deutscher Ingenieure” in der Zeitschrift „Technik in der Landwirt- schaft“ schon 1925 formulierte: „Wir wollen unseren Industriestaat nicht wieder zum Agrarstaat entwickeln, sondern wir wollen den Industriestaat weiter entwickeln, indem wir das bisher vorwiegend handwerklich ausgeübte größte deut- sche Gewerbe, die Landwirtschaft, industrialisieren.‘“ Auch die Bankiers machten sich diese Parole vollkommen zu eigen. Schon auf der Bankiertagung in Köln im März 1926 wurde die „Industrialisierung der Landwirtschaft“ vom Geschäftsinhaber der Discontgesellschaft, Solmssen, ausdrücklich unterstrichen und zur Vorbedingung für weitere Kapitalschübe an die Landwirt- schaft gemacht, Als wenige Wochen später der Reichsbankpräsident verschiedenen kapitalistischen Gruppen, und insbesondere zwischen Agrar- und Industriekapital vorhanden sind, handelt es sich überhaupt nicht um einen ernstlichen Kampf um die Staatsgewalt — diese ist längst fest in der Hand des großen Finanzkapitals — als um olfenbare „Wachstums- schwierigkeiten‘ der Stabilisierung, also um Streitigkeiten über die Beteili- gungsquote am Gesamtprofit und an den staatlichen Subventionen und Be- zünstigungen, Gewiß ruft die wachsende Hegemonie der „Rohstofftrusts” und Großbanken von Zeit zu Zeit Proteste und kleine Rebellionen der schwächeren Kapitalsgruppen hervor, (z. B. der Fertigfabrikanten nach dem deutsch-französischen Handelsvertrag, der Junker gegen die hohen Schuld- zinsen, gegen Preiserhöhungen bei Kohle und Kali oder jetzt eben wieder gegen die Tariferhöhungen der Reichsbahn!) aber das alles kräuselt doch Kur die Oberfläche, Im Innern ist die deutsche Bourgeoisie viel konsoli- dierter und einheitlicher als je zuvor, Ein Streit der Junker und Indu- striellen um das „Primat'” ist im gegenwärtigen Augenblick noch weniger vorhanden als vor 4 lahren, Leonid fragt: „Warum kommen sie nun auseinander?‘ Diese Frage ist grundfalsch! Noch nie, waren sie so ‘nahe zusammen (Bürgerblockregierung!) Leonid spricht von einem „Zolldiktat‘” des Rohstoffkapitals gegenüber den Junkern, und gerade in den Jahren 1925—27 hat das Trustkapital sein historisches Zollkompromiß mit dem Junkertum durchgeführt, Leonid begeht vor allem den schweren Fehler, vorübergehende Diffe- renzen, die zwischen Teilen der Agrarkapitalisten und Teilen der Indu- striellen auftreten, z, B, auf der Tagung württembergischer Industrieller im Referat Dr. August Webers, zu verallgemeinern und für die Gesamtlage als typisch und grundlegend zu erklären, während er ein so epochemachendes Kompromiß aller beteiligten Kapitalsgruppen wie das des „Notprogramms”