<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Die Industrialisierung der deutschen Landwirtschaft, eine neue Phase kapitalistischer Monopolherrschaft</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Edwin</forname>
            <surname>Hoernle</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1761920847</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        <pb n="2" />
        “mx
AD
wg

Mi. 1—

NDUSTR. LS
OTD LANDW

NS
Wed

+
Lin

FINE NEUE PHASE KAPITALISTI-
SCHER MONODOLHKERRSCHAFT
        <pb n="3" />
        BROSCHÜREN

FÜR DIE
LANDAGITATION

Bauernnöte vor den Parlamenter
Mit einem Vorwort der kommunistischen Fral
tionen des Reichstages und der Landtage.

40 Seiten N Preis 10 Pfennü

Lohn- und. Arbeitszeitbewegun(
der Landarbeitler. .
Eine umfassende Schilderung ‘der Wirtschafts
kämpfe der Landarbeiterschaft und der Stellung
nahme der einzelnen Parteien.

28 Qaeiten + &amp;

Landarbeiter! Heraus aus Euren
Flend!
Eine Darstellung der Lage der Landarbeiter un
der Weg zu ihrer Befreiung.
24 Seiten‘

Preis 10 Pfennig

Internationaler Arbeiter - Verlag
Berlin C 925. Kleine Alexanderstraße 28
        <pb n="4" />
        Die Industrialisierung der
deutschen Landwirltschafi
eine neue Phase
kapitalistischer Monopolherrschafl

Von
EDWIN,HOERNLE

(b

Internationaler Arbeiter-Verlag, G. m. b. H.
Berlin C 25. Kleine Alexandersirabe 28
        <pb n="5" />
        VERANTWORTLICH FÜR INHALT UND VERLAG: PAUL MERKER, BERLIN
DRUCK: GENOSSENSCHAFTS -BUCHDRUCKEREL SOLINGEN
        <pb n="6" />
        I andbundoffensive und Bauernschaft
Mit einer überraschenden Heftigkeit und in bisher unerreichtem
Umfang setzte Anfang Januar 1928 die Demonstrationskampagne des
Landbundes ein. Alle Organe der Rechtsparteien, des Landbundes
und der Landwirtschaftskammern brachten wie auf Kommando fette
Ueberschriften über die „Katastrophe in der Landwirtschaft”, Hun-
derte von kleineren und größeren Tagungen fanden statt in den
Kreisen, Provinzen und Ländern, teils vom Landbund einberufen,
teils organisiert von den Landwirtschaftskammern, Ihren Gipfel-
punkt fanden sie in der Führertagung der nord- und
mitteldeutschen Landbünde Ende Januar in Berlin, die
ein ausführliches wirtschafts- und handelspolitisches Programm be-
schloß, in der großen Landbundkundgebung im Zirkus
Busch während der Grünen Woche und in der „Nottagun g”
des Deutschen Landwirtschaftsrates, an der außer
den wichtigsten Reichsministern auch Hindenburg in eigener Person
teilnahm.

Derselbe Landbund, der sonst nicht genug über die „Politik der
Straße‘ schelten konnte, rief in Dutzenden kleinen und mittleren
Städten die Bauern und Landarbeiter auf die Straße. Da wurden
flammende Reden gehalten, bei denen mit Worten wie „Unsere Ge-
duld ist zu Ende”, „Verweigert jede Zahlung aus der Substanz‘ und
sogar „Bauernrevolution” nur so herumgeworfen wurde. Der Hanno-
versche Landbundführer Herr von Hammers tein sprach von
der Zeit, wo „die weiße Armee bei Göttingen“ stehen werde, und
der Landbundvorsitzende für Mecklenburg-Schwerin v, Wend-
hausen erklärte frisch, fromm und frei: „Die innerpolitischen
Kämpfe werden viel. Blut kosten, jedoch werden die vaterländischen
Verbände siegen‘, Der Pommersche Landbund sandte eine Dele-

sation an die Preußenregierung, die, als der Ministerpräsident und
Sozialdemokrat Braun: sie nicht empfing, mit dem Marsch der pom-
merschen Bauern nach Berlin drohte. In Kyritz, einer kleinen
Stadt im westlichen Brandenburg warf man dem Finanzamt die
Scheiben ein, in Langenoels, im Kreise Nimptsch, Schlesien;
verhinderten etwa. 1500 Bauern einige Zwangsversteigerungen, wWO-
bei Landespolizei mit Gummiknüpneln und geladenen Maschinen-
pistolen vorging,
        <pb n="7" />
        Auch in Sachsen, in München, in Stuttgart, in den thüringischen
Städten, überall kam es zu impo$anten Bauernaufmärschen, deren
Teilnehmerzahl die Landbundpresse mitunter auf 10 bis 20 000
angibt.

Was war geschehen, daß die Bauern plötzlich so rebellisch
wurden? War es nicht eigentümlich, daß ausgerechnet nach 3 jäh-
riger Regierung der Rechts parteien sich der Bauernmassen, die
doch in diesen Parteien von jeher ihre gegebene Vertretung erblickt
hatten, eine solche Verzweiflungsstimmung bemächtigte? Oder fan-
den die Demonstrationen gerade deshalb statt, weil diese Rechts-
regierung jetzt kurz vor ihrem Abschied stand und man ihr noch
einen heroischen Abgang sichern wollte?

Zweifellos haben bei der .Landbundkampagne auch wahl-
demagogische Gründe mitgespielt. Man wollte die Masse der
kleinen Bauern und der Landarbeiter — diese nahmen in stattlicher
Zahl, teilweise gepreßt, teilweise durch Versprechungen geködert.
an den Demonstrationen teil — über die Tatsache hinwegtäuschen,
daß der Bürgerblock keine einzige seiner vielen Wahlversprech-
ungen gehalten hatte. Daher gab man den Demonstrationen, we-
nigstens in Preußen, noch eine besondere Spitze gegen die preußi-
sche Koalitionsregierung, die mit der Aufhebung der Gutsbezirke
und der Reorganisation der Zentralgenossenschaftskasse (Preußen-
kasse) den Zorn aller deutschnationalen Krautiunker auf sich ge-
zogen hatte,

Aber diese wahldemagogischen Gründe reichen aıcht aus, um
die Stoßkraft und Massenhaftigkeit der bäuerlichen Bewegung zu
erklären, die hier unter fast unbestrittener Führung des Landbundes,
teilweise mit 'stark faschistischem Einschlag, vor sich ging. Es wäre
auch falsch zu behaupten, alle diese Demonstrationen seien vom
Landbund „gemacht“ worden. In den bäuerlichen Gegenden gewiß
nicht. Hier nahm auch der gewerbliche Mittelstand daran teil, Die
deutschnationalen Führer nützten zwar die Situation für ihre partei-
politischen Zwecke außerordentlich geschickt aus, aber die Gärung
war auch ohne diese parteipolitische Zwecksetzung gegeben und
hätte sich sicher auch ohne die Landbündler spontan in irgendeiner
Form durchgesetzt.

Daß ein Teil der stürmisch erregten Klein- und Mittelbauern be-
reit war, auf die Seite der klassenbewußten Arbeiterschaft zu treten,
zeigt die Tatsache, daß eine Anzahl der vom linksradikalen Reichs-
Bauernbund teils früher, teils gleichzeitig mit dem Landbund ein-
berufene Kundgebungen, so in Ostpreußen, Pommern und im Erz-
gebirge, über Erwarten zahlreich beschickt war.

Auch die Tatsache, daß in den ersten Monaten des Jahres 1928
nicht weniger als drei neue „Bauernparteien‘“ ins Leben traten, illu-
striert die allgemeine Unzufriedenheit‘ der werktätigen Bauern-
massen mit dem herrschenden Regime. Diese neuen Bauernparteiea,
wie sie vom Landbundpräsidenten Hepp und einigen bisher deutsch-
nationalen und völkischen Führern in Hessen-Nassau, Thüringen,
        <pb n="8" />
        Hannover (Christlichnationale Bauernpartei) und durch den Führer
des Bayerischen Bauern- und Mittelstandsbundes, den bayerischen
Landwirtschaftsminister Fehr (Deutsche Bauernpartei) inauguriert
wurden, sind alle ausgesprochene Auffangorganisationen,
die‘ den befürchteten Linksabmarsch breiter Klein- und’ Mittel-
bauernmassen aufhalten und auf Umwegen ins reaktionäre Bett zu-
rückleiten sollen. Besonders typisch für die tiefe Mißstimmung klein-
bäuerlicher Kreise, die sich auch gegen die eigenen Führer wen-
deten, ist jener Ausspruch eines hessischen Bauern in einer, von
Hepp geleiteten Versammlung, der erklärte, seine Ortsgruppe werde
bei den kommenden Wahlen kommunistisch wählen, denn schlechter
als zur Zeit könne die Lage der Bauern nicht mehr werden.

Die Landbunddemonstrationen, die „radikalen‘ Redensarten, die
kraftmarkierenden Beschlüsse („Wir dulden keine Einfuhr von Er-
zeugnissen, die die deutsche Landwirtschaft selbst herstellen kann")
sind also von oben — vom Standpunkt der Großagrarier be-
trachtet, — der Kanal, durch den die angesammelte Hochflut der Un-
zufriedenheit der Bauernmassen in das Sammelbecken großagrari-
scher Macht- und Konzentrationspolitik abgeleitet wird, von un-
ten her gesehen aber der Ausdruck einer in weiten Kreisen der
werktätigen Bauern und des gewerblichen Mittelstandes vorhan-
denen ziemlich verzweifelten Stimmung. Der stark faschistische Ein-
schlag, vor allem in Brandenburg und Mecklenburg — in Schwerin
trug man eine schwarze Fahne voran! — ist die bekannte Begleit-
erscheinung solcher Stimmungen der von der Pröletarisierung be-
drohten Mittelschichten.,

Welche ökonomischen Vorgänge verbergen sich hinter diesen
politischen Erscheinungen? oder besser gesagt, welche technisch-
wirtschaftlichen Umwälzungsprozesse haben diese politischen Be-
wegungen ausgelöst? Die Beantwortung dieser Frage sowie die
Aufdeckung der politischen Demagogie des Landbundes wird er-
leichtert, wenn wir zunächst die Vorgeschichte des „Notprogramms“
betrachten, mit dem die Bürgerblockregierung im Auftrag des
Finanz- und Agrarkapitals auf die Demonstrationen des Landbundes
antwortete. Schon die Vorgeschichte dieses „Hilisprogramms für die
Landwirtschaft‘ zeigt ganz deutlich die Umrisse einer neuen
Phase der kapitalistischen Landwirtschaft in
Deutschland, einer Phase, die gekennzeichnet ist durch wac h-
sende Verschmelzung des Großagrar- und Fi-
nanzkapitals, durch die beschleunigte Industrialisie-
rung der Agrarbetriebe, durch die Schaffung agrar-
kapitalistischer Monopole mit starkem staatskapi-
talistischem Einschlag, durch die Verwandlung der
landwirtschaftlichen Genossenschaften in Herr-
schaftsorgane des verbündeten Finanz- und Agrarkapitals sowohl
über die Massen der „Konsumenten‘ wie über die Bauern selbst,
durch die zunehmende Verelendung der kleinen
Bauernschaft und die Bankkontrolle über Mittel-
und Großbauern.
        <pb n="9" />
        {l.
Das Bündnis
des Agrar- und Finanzkapitals
Gleich nachdem der Reichstag das „Notprogramm“” beschlossen
hatte, haben die großagrarischen Organisationen und Zeitungen
offen erklärt, daß sie dieses „Notprogramm” nur als einen „ersten
Anfang“, als eine „Abschlagszahlung“ für ihre viel weiter gehenden
Forderungen ansehen. Ihr eigentliches Ziel wurde in einem Antrage
der Bürgerblockparteien im preußischen Staatsrat folgendermaßen
knapp formuliert:

„Ein geschlossenes System innerlich aufeinander abgestimmter

Steuer-, Handels-, Sozial-, Verkehrs-, Kredit- und Kulturpolitik.“

Dieses System soll den politischen Ueberbau für die seit etwa
1924/25 planmäßig begonnene, jetzt im „Notprogramm‘” entscheidend
beschleunigte Umwälzung in der Technik, Organisation und Ge-
schäftsführung der kapitalistischen Landwirtschaft Deutschlands
bilden, die sich mehr und mehr „vom Boden befreit” und in eine
„‚agrarische Industrie‘ verwandelt,

In Deutschland hat dieser Prozeß, verglichen mit Nordamerika,
Holland und Dänemark, reichlich spät eingesetzt. Infolgedessen soll
er in verschärftem Eiltempo nachgeholt werden.

Das Problem der Rationalisierung und Industrialisierung der
landwirtschaftlichen Produktion wurde in Deutschland akut,
als sich herausstellte, daß mit der industriellen Rationalisierung
allein die Probleme der Währung, der Reparationszahlungen, der
Aktivisierung der Handelsbilanz nicht gelöst werden können. Die
Agrarkapitalisten sahen sich nach der Inflation fast vollständig von
Betriebskapital entblößt und vor die Frage gestellt, entweder zu ex-
tensivieren, d.h. alles bisher angelegte Boden- und Inventarkapital
verloren zu geben oder aber sich um neue Kapitalzufuhr, koste es
was wolle, bei den internationalen Großbanken zu bemühen, Auf
seiten des Finanzkapitals wuchsen aber zur selben Zeit die Ten-
lenzen, die ein Interesse an der „Entwicklung des Binnenmarktes”
hatten, Vergebens kämpfte ja die deutsche Industrie um die Zurück-
gewinnung der einstigen Vorkriegsabsatzmärkte. Die Handels- und
Zahlungsbilanz blieb passiv, und da kein Kapitalexport stattfand,
mußte das auf die Dauer zu einer Erschütterung der Währung führen.

So kam man denn in den Kreisen der Schwerindustrie und der
Großbanken zu der Parole der „Hebung der Kaufkraftder
Landwirtschaft”, was eben ihre Industrialisierung zur Vor-
aussetzung hatte, Die Parole wurde von den Agrarunternehmern
gierig‘ aufgegriffen. Auf beiden Seiten wurde das Problem in der
Presse, auf Tagungen und durch Besprechungen der Führer geklärt,
Das Ergebnis war schließlich ein immer festeres ökonomisch-politi-
sches Bündnis der ausschlaggebendsten kapitalistischen Schichten.
        <pb n="10" />
        wobei natürlich die Hegemonie in der Hand des Finanzkapitals, als
des stärkeren Partners blieb. ;

Die wichtigsten Marksteine dieser Entwicklung sind: Teilnahme
der Agrarkapitalisten an der Markstabilisierung 1923 durch Veber-
nahme der Grundschuldzinsen für die Rentenbank, wofür sie
selber mit rund 800 Millionen Mark Rentenbankkrediten belohnt
wurden; das Zollkompromiß 1925, dem eine Reihe Agrar-
zollerhöhungen 1926. und 1927 folgten; die Gründung der Renten-
bankkreditanstalt 1925 zum Zwecke der Beschaffung von
Auslandsanleihen für die Landwirtschaft; die Gründung der
Reichsgetreidehandelsgesellschaft unter Teilnahme
der Düngemittelindustrie und des Staates zwecks Stabilisierung des
Roggenpreises (Frühjahr 1926), die Finanzierung der Beschaffung
von Traktoren und Motorpflügen durch die Finanzierungsgesell-
schaft für Landkraftmaschinen und jetzt das „Notprogramm“‘ *) mit
der „Umschuldung“ und den Standardisierungskrediten im Mittel-
aunkt. Daneben hat das herrschende Finanzkapital fortlaufend z. B.
in der Steuerfrage, bei der Aufwertung, in der Kreditpolitik den
Agrariern wertvolle Konzessionen gemacht, Großindustrielle, wie
Rächling, Krupp, die Farben J. G. sitzen in agrarischen Banken und
Handelsgesellschaften, während umgekehrt Großagrarier in den Auf-
sichtsräten der großen D-Banken und Hypothekeninstitute zu finden
sind,

Natürlich war man sich im Anfang weder hüben noch drüben
über den Weg vollkommen klar, den man einschlagen wollte. Noch
im Herbst 1924 und Anfang 1925 lautete die allgemeine Parole:
‚Hebung der landwirtschaftlichen Produktion“,
unter welcher Parole sowohl die Steuerreform wie auch die Zoll-
gesetzgebung 1925 durchgeführt wurde, Nach dem starken Rück-
schlag, den die Getreideroherträge, die Viehproduktion, die
Schlachtgewichte, die Milchergiebigkeit während und nach dem
Kriege erlitten hatten, lag diese Intensivierungsparole auf der Hand.
Sie lag auch im Interesse der neuimperialistischen Machtbestre-
bungen. (Autarkie für den Kriegsfall!) Das Industriekapital war in-
folgedessen bereit, zu diesem Zwecke Agrarzölle zu bewilligen, und
das Bankkapital setzte sich für die Heranziehung amerikanischer An-
leihen ein;

Bald zeigte sich jedoch, daß diese Parole, wenn auch verbunden
mit Maßnahmen zur verschärften Ausbeutung der Landarbeiter-
*). Nach den Feststellungen des „Instituts für Konjunkturforschung‘ be-
irug die Neuverschuldung der deutschen Landwirtschaft ohne sogenannte
Schwimmkredite am 31, Dezember 1925 bereits 3195 Millionen Mark und
stieg bis zum 30, Juni 1927 auf 4916,5 Millionen Mark, Insgesamt beträgt
die Verschuldung der deutschen Landwirtschaft einschließlich der .aufge-
werteten Hypotheken (3 bis 4 Milliarden Mark), der Schwimmschulden
{1,8 Milliarden Mark) und der Rentenbankgrundschuldzinsen (kapitalisiert
2 Milliarden Mark) an die 13 Milliarden, also etwa ebenso viel wie vor dem
Kriege, Die Zinsbelastung ist jedoch größer, da die neuen Darlehen durch-
schnittlich zu einem Zinsfuß ‚on 10 bis 14 Prozent gegeben sind, was eine
Durchschnittsverzinsung aller Schulden einschließlich der Aufwertungsschuld
von 7 bis 8 Prozent bedeutet
        <pb n="11" />
        ‚chaft und zur Erhöhung der Agrarpreise den Profitinteressen der
zapitalistischen Agrarunternehmer nicht genügte. Sie verwiesen auf
die Preisschere zugunsten der Industrie, auf die viel höheren Indu-
striezölle, auf die starke Steuerbelastung des Grundvermögens und
die hohen, vom Bankkapital geforderten Schuldzinsen. Auch glaubte
man sich jetzt gegenüber dem Proletariat und dem Kleinbürgertum
stark genug, um auf das demagogische Element, das die Intensivie-
rungsparole immerhin enthielt („Ernährung aus eigener Scholle“)
verzichten zu können. Nicht mehr Intensivierung, sondern
„Wiederherstellung der‘ Rentabilität‘ wurde die
Sammelparole des Agrarkapitals, Sie rückten damit, echt kapita-
listisch, das Problem der Preisbildung in den Vordergrund.
Politisch drückte sich das darin aus, daß man die „Angleichung
der Agrarzölle an die Industriezölle‘‘, weitgehende Drosselung der
Lebensmitteleinfuhr, stärkere steuerliche Entlastung und ausgiebige,
Zinsverbilligungsaktionen vom Staate forderte, Eine wesentliche
Forderung der Großagrarier war auch der „Abbau der sozialen
Lasten‘. (Am radikalsten auf der Vertretertagung des Landbundes
in Berlin, Januar 1928!)

Bei der Forderung auf Erhöhung der Agrarzölle stieß jedoch das
Agrarkapital gegen zwei Schranken: a) gegen das Interesse der Ge-
samtbourgeoisie an günstigen Handelsverträgen, die
soweit Amerika, Frankreich, Italien, Spanien, Holland, Dänemark
und Polen in Betracht kamen, nur durch Entgegenkommen gegen-
über den spezifischen agrarischen Exportinteressen dieser Länder
erreicht werden konnten; b) gegen das Interesse der industriellen
Unternehmer an niederen Löhnen und ungestörter Ausnutzung der
sich durch die industrielle Rationalisierung allmählich ergebenden
besseren Konjunktur.

Aehnliche Schranken bestanden auch für die Forderungen der
Agrarkapitalisten in bezug auf staatliche Zuschüsse, Zinsverbilli-
sungen, Steuererleichterungen, Abbau der sozialen Lasten sowie Be-
seitigung des Koalitions- und Streikrechtes und der Freizügigkeit
der Landarbeiter. Auch in diesen Punkten konnte das Industrie-
kapital den Junkern nur bis zu einem bestimmten Punkte entgegen-
kommen, soweit es eben die eigenen Interessen und der Widerstand
in der Arbeiterschaft zugaben. Die Herabsetzung des Zinsfußes
und die Umwandlung der kurzfristigen Personalkredite in lang-
fristige Hypothekkredite, die von den Großagrariern stürmisch ge-
fordert wurden, konnte ebenfalls nur allmählich durchgeführt
werden. Das deutsche Bankkapital war selber von den Bedingungen
der ausländischen Kreditgeber abhängig und mußte den Erfolg der
Rationalisierung in der Industrie erst abwarten. Das Finanzkapital
kombinierte deshalb die agrarische Forderung der Rentabili-
tät durch Preiserhöhung mit der industriellen Forderung
der Erweiterung des Binnenmarktes durch Indu-
strialisierung, Die große Rede Solmssens, des Geschäfts-
führers der Discontgesellschaft, auf der 7. Bankiertagung in Köln
(September 1928), in der er das agrarwirtschaftliche Programm des
        <pb n="12" />
        Finanzkapitals entwickelte, kann in dem Schlagwort zusammengefaßt
werden: Rentabilität durch Industrialisierung, Ra-
tionalisierung und Standardisierung, wobei der
Staatshilfe nur eine vorübergehende Rolle zugedacht ist.

Aus diesen Tatsachen ergaben sich wiederholt Reibungen
zwischen den großagrarischen und industriellen Schichten der Bour-
geoisie, die mitunter auch zu Veränderungen in der Zusammen-
setzung der Parteien und Regierungen in Reich und Länder führ-
ten. *) Die Erhöhung der Agrarzölle konnte nur allmählich, schritt-
weise und in einem begrenzten Rahmen durchgeführt werden.

In den agrarischen Organisationen selbst kam es infolge dieser
Schwierigkeiten des Stabilisierungsprozesses wiederholt zu Kon-
flikten und Krisen. Der völkische Flügel im Landbund, der sich auf
die rückständigsten und kapitalschwachen Elemente der ostelbischen
Junkerschaft stützt, rebellierte mitunter gegen die mit Finanz- und
Industriekapital schon ziemlich verwachsene Führerschicht, (Grün-
dung völkischer Bauernschaften in Mecklenburg und Pommern 1924,
Magdeburger Tagung des völkischen Flügels des Landbundes,
Sommer 1926; Rücktritt des Freiherrn v. Richthofen aus dem Reichs-
tag, Führerkrise im Reichslandbund, Juli 1928.) Der völkische Flügel
verlangte die sogenannte „Anwendung gewerkschaftlicher Mittel” zur
Durchsetzung der Junkerforderungen, z. B. Demonstrationen, Liefer-
und Käuferstreiks, Steuerverweigerung, ev. Marsch nach Berlin und
erstrebte eine faschistische Junkerdiktatur auch über das „jüdische“
Finanzkapital. Selbst die Bürgerblockregierung der Marx-Keudell-
Schiele war ihm ‚„marxistisch-international‘ verseucht,

Auf der anderen Seite stehen die fortgeschritteneren Elemente
der vorwiegend mittel- und westdeutschen Agrarbourgeoisie, die mit
der Industrie und Bankbourgeoisie schon stark verwachsen sind.
Diese sind die Träger der Bündnispolitik, haben dem Dawesplan zu-
gestimmt, sich mit dem Locarnopakt abgefunden und sind stets auch
zu Kompromissen in der Handelspolitik bereit. Sie haben von An-
fang an den Eintritt deutschnationaler Minister in die Regierung be-
fürwortet. Es ist kein Zufall, daß der Wortführer dieser Richtung,
der Reichstagsabgeordnete He p p, jahrelang in der Deutschen Volks-
partei organisiert war. Als es galt, die mit der Landbundführung
unzufriedenen Bauernmassen bei der Stange zu halten, gründete er
zum größten Aerger der unentwegten Deutschnationalen eine
„Christlichnationalern Bauernpartei‘ (März 1928}. **]

*) (Vergl. Austritt der Deutschnationalen aus der Luther-Regierung im
Dit 1925, Zerfall der Marx-Stresemann-Keudell-Schiele-Regdierung An-
ang 1928,}
**) Das Bild, das Leonid in Heft 17 der „Internationale‘ (1, September
1928) vom „Kampf zwischen Industrie- und Agrarkapital” in seinem Ar-
tikel „Die fünf Hauptarmeen der deutschen Bourgeoisie‘‘ entwirft, scheint
mir reichlich schief und verkennt das Wesen des Prozesses, Es handelt sich
heute — in dem Sinne wie Leonid hier das Wort gebraucht — weder um
eine „labile‘ noch um eine „akute Krise‘ innerhalb der deutschen Bour-
geoisie, deren Haus — trotz Leonids „unzweifelhaft“ — Jeider nicht im ge-
ringsten in Flammen steht". Soweit heute Auseinandersetzungen zwischen
        <pb n="13" />
        Die Parole der „Industrialisierung der Landwirtschaft‘ wurde zu-
erst wissenschaftlich von Professor Aereboe im Enqueteausschuß
des- Reichstages im Sommer 1925 entwickelt. Sie ist eine Forde-
rung der Großindustrie, insbesondere der landwirtschaftlichen Ma-
schinenindustrie und der Düngemittelindustrie, Auf fast allen großen
Tagungen der deutschen industriellen Verbände, insbesondere auf
den Tagungen des Reichsverbandes der deutschen Industrie, des
Langnamvereins und besonders nachdrücklich auf dem Eisenhütten-
tag in Düsseldorf 1926 wurde diese Parole von den Führern der
Finanzbourgeoisie vertreten, Die prominentesten Persönlichkeiten
der Trustbourgeoisie wie die‘ Generaldirektoren Vögeler, Reusch,
Duisberg, Silverberg oder der Syndikus der Berliner Metallindu-
striellen Dr. Reichert nahmen‘ wiederholt in dieser Frage das Wort.
Sie alle sprachen in irgendeiner Form das aus, was auch der „Verein
deutscher Ingenieure” in der Zeitschrift „Technik in der Landwirt-
schaft“ schon 1925 formulierte:
„Wir wollen unseren Industriestaat nicht wieder zum Agrarstaat
entwickeln, sondern wir wollen den Industriestaat weiter entwickeln,
indem wir das bisher vorwiegend handwerklich ausgeübte größte deut-
sche Gewerbe, die Landwirtschaft, industrialisieren.‘“

Auch die Bankiers machten sich diese Parole vollkommen zu
eigen. Schon auf der Bankiertagung in Köln im März 1926 wurde die
„Industrialisierung der Landwirtschaft“ vom Geschäftsinhaber der
Discontgesellschaft, Solmssen, ausdrücklich unterstrichen
und zur Vorbedingung für weitere Kapitalschübe an die Landwirt-
schaft gemacht, Als wenige Wochen später der Reichsbankpräsident

verschiedenen kapitalistischen Gruppen, und insbesondere zwischen Agrar-
und Industriekapital vorhanden sind, handelt es sich überhaupt nicht
um einen ernstlichen Kampf um die Staatsgewalt — diese ist längst fest in
der Hand des großen Finanzkapitals — als um olfenbare „Wachstums-
schwierigkeiten‘ der Stabilisierung, also um Streitigkeiten über die Beteili-
gungsquote am Gesamtprofit und an den staatlichen Subventionen und Be-
zünstigungen, Gewiß ruft die wachsende Hegemonie der „Rohstofftrusts”
und Großbanken von Zeit zu Zeit Proteste und kleine Rebellionen der
schwächeren Kapitalsgruppen hervor, (z. B. der Fertigfabrikanten nach dem
deutsch-französischen Handelsvertrag, der Junker gegen die hohen Schuld-
zinsen, gegen Preiserhöhungen bei Kohle und Kali oder jetzt eben wieder
gegen die Tariferhöhungen der Reichsbahn!) aber das alles kräuselt doch
Kur die Oberfläche, Im Innern ist die deutsche Bourgeoisie viel konsoli-
dierter und einheitlicher als je zuvor, Ein Streit der Junker und Indu-
striellen um das „Primat'” ist im gegenwärtigen Augenblick noch weniger
vorhanden als vor 4 lahren,

Leonid fragt: „Warum kommen sie nun auseinander?‘ Diese Frage ist
grundfalsch! Noch nie, waren sie so ‘nahe zusammen (Bürgerblockregierung!)
Leonid spricht von einem „Zolldiktat‘” des Rohstoffkapitals gegenüber den
Junkern, und gerade in den Jahren 1925—27 hat das Trustkapital sein
historisches Zollkompromiß mit dem Junkertum durchgeführt,

Leonid begeht vor allem den schweren Fehler, vorübergehende Diffe-
renzen, die zwischen Teilen der Agrarkapitalisten und Teilen der Indu-
striellen auftreten, z, B, auf der Tagung württembergischer Industrieller im
Referat Dr. August Webers, zu verallgemeinern und für die Gesamtlage
als typisch und grundlegend zu erklären, während er ein so epochemachendes
Kompromiß aller beteiligten Kapitalsgruppen wie das des „Notprogramms”
        <pb n="14" />
        Schacht auf der Tagung des deutschen Landwirtschaftsrats in
Darmstadt diesen letzten Punkt nachdrücklich unterstrich, erntete
er freilich stürmische Protestrufe der versammelten Junker, Diese
waren natürlich nicht gegen die Industrialisierung, wohl aber gegen
den Druck und die Kontrolle, die das Finanzkapital sich anmaßte,
Sie wehrten sich denn auch eine Zeitlang durch das „Einfrieren“
ihrer Wechsel, Am Ende freilich mußten sie sich der Bankkontrolle
unterordnen, die durch die Ausführungsbestimmungen zum Notpro-
sramm und die Reorganisation der Preußenkasse eine gesetzliche
Form erhalten hat,

Die Parole der „Industrialisierung der Landwirtschaft‘ ist be-
deutend umfassender als etwa die Parole der. Mechanisierung und
Motorisierung der Landwirtschaft, Besonders aufschlußreich ist der
Vortrag, den Generaldirektor Heinrich Päppelmannn, Augsburg, auf
der Hauptversammlung des Vereins deutscher Ingenieure am 10. Mai
1925 hielt. Die Parole umfaßt vor allem auch die Forderung der
Rationalisierung der Landwirtschaft, d, h der
streng kaufmännischen Betriebsführung, der Anwendung industrieller
Ausbeutungs- und Massenproduktionsmethoden, der ‘ Konjunktur-
beobachtung, der Anpassung an ‚den „Geschmack des Marktes“,
ferner die Forderung der Standardisierung nach dem Muster
der dänischen, holländischen, teilweise auch der amerikanischen
Landwirtschaft, Die Parole umfaßt auch die Umstellung der Betriebe
auf die sogenannte Veredlungswirtschaft, d, h. den
Uebergang vom. vorwiegenden Getreide- und Kartoffelbau zur
Fleisch- und Milch-, Obst- und Gemüseproduktion und die Verbin-
dung dieser landwirtschaftlichen Veredlungsindustrie mit weiter-
verarbeitenden Industrien zum Zweck des Exports
hochwertiger Ware,

vom März 1928 und die sonstigen zugunsten der Agrarier durchgeführten
Stützungsaktionen neuesten Datums einfach übersieht.

„Landbund kämpft gegen Eisenpreis”, ruft Leonid und schwatzt der
„Frankfurter Zeitung“ ihre Kassandrarufe vom „Käuferstreik‘ nach, Aber
er geht noch weiter als diese! „Ueber die Maschinenfabriken hinweg schlägt
der Stahltrust nach der Landwirtschaft, behauptet er und konstruiert aus
blauer Luit die Absicht des Landbundes* einen „Durchbruch der schwer-
industriellen  Zollfront‘“ zu erzwingen. Schiefer kann man das Bild über-
haupt nicht mehr zeichnen, zumal in dem Augenblick, wo innerhalb des
Landbundes der finanzkapitalistisch orientierte Flügel unter Hepp und
Schiele das verbohrte kleine Krautjunkertum unter Graf Kalckreuth end-
gültig an die Wand gedrückt hat. Nie hielt der „Burgfrieden
zwischen Schwerindustrie und Großagrarier dichter
als gerade jetzt, wo die Schwerindustrie sich direkt
an den Standardisierungs- und IndustriakisierungS-
bestrebungen der führenden Großagrarier beteiligt
und ihre Zollwünsche weitgehender als je befriedigt.
Die „Kampffront‘ läuft nicht, wie Leonid glaubt, vertikal zwischen Indu-
strie- und Agrarkapital hindurch, sondern horizontal durch beide Gruppen:
schwerindustrielle Trusts und Großagrarier oben — kleinere Fertig-
industrielle Trusts und Großagrarier unten, — Hier kann man von wirk-
‘ichen Interessengegensätzen reden, die aber auch nicht zu solchen kriege-
tischen Konseauenzen führen, wie Leonid gerne wahr haben möchte,
        <pb n="15" />
        Nicht. nur ökonomische Gründe und Gründe der Währungs- und
Finanzpolitik haben zur Schaffung des Bündnisses zwischen Finanz-
und Agrarkapital beigetragen, Ein wesentlicher Faktor der zur
raschen Verständigung der kapitalistischen Gruppen beigetragen
hat, war das gemeinsame Interesse aller Bourgeoisschichten an der
verschärften Ausbeutung und Unterdrückung des Proletariats, am
Kampfe gegen den „Marxismus”, Die Schwerindustriellen
haben nicht nur ein Interesse an der „Kaufkraft des Bauern‘ für
ihre Ware, sondern auch an der Gewinnung der mit den Junkern
versippten alten wilhelminischen Bürokratie und Generalität, deren
Hilfe sie um so weniger entbehren wollen, je kräftiger der neu-
deutsche Imperialismus sich entwickelt und ihre Appetite reizt,
Auch können die Industriekapitalisten ihre Ratioönalisierungspläne
gegen den Widerstand des Proletariats nur durchführen, wenn alle
Kräfte der Bourgoisie einheitlich zusammenge-
faßt werden. Sie sind deshalb immer wieder bereit, den
Junkern, die es ausgezeichnet verstehen, die breiten Bauern-
massen als Vorspann zu benutzen (Bauernnotkampagne im Winter
1925/26, Demonstrationen Januar/Februar 1928), über ihr spezifi-
sches Gewicht im ‚deutschen Gesamtkapitalismus hinaus größere
Konzessionen zu machen und das Tempo und Risiko der Um-
stellung der landwirtschaftlichen Betriebe für die Agrarkapitalisten
zu verringern.

Zu ‚den innenpolitischen Gründen kommen die außenpolitischen,
Der Aufbau des neudeutschen Imperialismus, der Kampf um die Re-
vision des Dawesplanes, die Beseitigung der „Kriegsschuldlüge”, die
Wiedergewinnung von Kolonien, die Umwandlung der Reichswehr
in eine kriegstüchtige Truppe — 'alle diese Betrebungen erfordern
eine Zusammenfassung aller bürgerlichen Kräfte und nicht zuletzt

Da Leonid diese entscheidenden Tatsachen im Hintergrund des Wirt-
schaftsprozesses übersieht, kommt er natürlich auch zu einer vollkommen
falschen Analyse der oben sichtbaren Gegensätze und spricht von einer
„Stickstoffoffensive des Chemie- und Montantrusts‘” gegen die „Landwirt-
schaft” ‚und von einem Abschwenken des Kalikapitals aus dem Lager des
Agrarkapitals in die industrielle Kampffront, Auch hier begeht Leonid den
Fehler, vorübergehende Differenzen und Druckmittel als bleibende und
grundlegende zu behandeln, ganz mechanisch und abstrakt Industriekapital
gegen Agrarkapital zu setzen, ohne den neuen Prozeß der Absorbierung
beider durch das Finanzkapital zu erkennen,

Nicht in der Auslösung grimmiger Machtkämpfe innerhalb des bour-
geoisen Lagers zeigt sich heute die Schwäche des deutschen Proletariats,
sondern umgekehrt in der fast reibungslosen Ruhe und Stetigkeit des Ver-
schmelzungs- und Vereinheitlichungsprozesses der verschiedenen groß-
kapitalitischen Gruppen unter Führung des Finanzkapitals. Die inner-
kapitalistischen Störungen sind während der letzten 4 Jahre in Deutschland
geringer, nicht größer, geworden, Gerade weil das deutsche Proletariat zur-
zeit kampfunfähig ist, können die führenden Kapitalsfruppen sich gegen-
seitig Konzessionen machen, kann z. B, die Schwerindustrie den Groß-
agrariern Zölle bewilligen, ohne die Lohnforderungen der Proletarier be-
fürchten zu müssen, Je energischer das Proletariat seine Klassenforde-
rungen der Bourgeoisie gegenüber vertritt, desto schwerer fällt dieser die
Stabilisierung und Konsolidierung ihrer eigenen Kräfte,
        <pb n="16" />
        eine Aussöhnung mit der alten, aus Junkerkreisen stammenden
Militärkaste. Die Industrialisierung der Landwirtschaft ist nicht zu-
letzt auch eine der modernen Formen verschleierter Kriegsrüstung.
Der Bau landwirtschaftlicher Schlepper für die Friedensarbeit und
der Bau leichter Tanks für den Krieg ist ein engverwandter In-
dustriezweig. In der Tat werden auch die Normungs- und Typi-
sierungsversuche für den landwirtschaftlichen Kraftfahrzeugbau in
Verbindung mit dem Reichswehrministerium geführt, Die engen Be-
ziehungen zwischen Stickstoffindustrie und Giftgasherstellung, sind
bekannt, in wenigen Stunden läßt sich die wichtigste Düngemittel-
industrie auf die Erzeugung von Giftgasen umstellen.

Kein Wunder also, daß trotz einiger widerstrebenden Tendenzen,
vor allem bei der verarbeitenden Industrie und dem Großhandel, wie
auch bei den kleineren Junkern, die beiden ausschlaggebenden
Schichten der deutschen Bourgeoisie, Trustkapital und Agrarkapital,
sich zu gemeinsamer Ausbeutung der arbeitenden Massen und ge-
meinsamer Verfolgung ihrer imperialisitischen Machtbestrebungen
zusammenfanden. - Die Bürgerblockregierung Marx - Stresemann -
Keudell-Schiele war der bisher stärkste politische Ausdruck dieses
neuen Bündnisses. Auch die gegenwärtige Agrarpolitik der SPD. und
vor allem der Koalitionsregierungen im Reich und in Preußen
spiegelt, wenn auch unvollkommener, das Bündnis der Agrar- und
Trustbourgeoisie. Die SPD. kann keine Agrarpolitik im Widerspruch
zur Trustbourgeoisie treiben.

Das Hilfsproaramm des Bürgerblocks

UL

Kurz vor dem Auseinandergehen des Reichstags Ende März 1928
ınd unter dem direkten Druck der Landbundoffensive brachte die
Bürgerblockregierung ihren Ergänzungsetat mit dem „Hilfspro-
gramm für die Landwirtschaft” vor das Haus, Dieses
‚Notprogramm” war in seinen Grundzügen nicht allein mit den Re-
Sierungsparteien, sondern auch mit Demokraten und Sozial-
demokraten vereinbart. Die letztgenannnte Partei ließ sowohl
im Ausschuß «wie im Plenum offiziell durch ihre Redner Hilfer-
ding und Tempel erklären, daß sie prinzipiell mit der Hilfsaktion
für das‘ Agrarkapital einverstanden sei und positiv an der „Ratio-
nalisierung der Landwirtschaft” mitarbeiten‘ wolle, Der demo-
kratische Redner im Plenum erinnerte unter dem lebhaften
Beifall seiner Fraktion und einiger Sozialdemokraten daran, daß die
Demokraten schon 1925 nicht Gegner der landwirtschaftlichen Zölle
gewesen seien, sondern nur eine Herabsetzung der Industriezölle
verlangt hätten, Es ist bemerkenswert, daß der später in das „Not-
programm“ der Regierung aufgenommene Vorschlag der Ausdeh-
aung des Einfuhrscheinsystems auf Schweine und
Schweinefleisch ursprünglich von den Demokraten — angeb-
        <pb n="17" />
        lich im Interesse der Senkung der Futtermittelpreise — ausging und
sofort von den Sozialdemokraten kritiklos nachgebetet worden war, *
Die Demokraten waren auch mit der Beseitigung des zoll-z
freien Gefrierfleisch-Kontingents einverstanden, *
wünschten nur einen von 45 Mark pro Doppelzentner auf 35 Mark
ermäßigten Zollsatz. Die Haltung der Demokraten erklärt sich leicht,
wenn man beachtet, daß der Vorschlag der Ausweitung der Einfuhr-
scheine auf Schweine zuerst von den nordwestdeutschen industri-
ellen Großschweinemästereien, von der Fleischwarenindustrie und
von dem Hamburger Getreidegroßhandel gemacht wurde,

Die neue Regierung Hermann Müller hat laut Regie-
rungserklärung die Aufgabe übernommen, alle Maßnahmen des „Not-
programms'’, wie sie der Bürgerblock beschlossen und Herr Schiele
eingeleitet hat, unverändert weiterzuführen. Da auch in Preußen alle
entscheidenden Punkte des Notprogramms von allen bürgerlichen Par-
teien mit Einschluß der Sozialdemokratie: gebilligt wurden und
Streit nur über Einzelheiten bestand, so kann festgestelt werden:
Die neuen Maßnahmen und die in ihnen verkörperte Tendenz der
agrarkapitalistischen Rationalisierung entsprechen den Interessen
des deutschen Gesamtkapitalismus, sie gliedern sich durchaus ein in
den allgemeinen Plan der kapitalistischen Rationalisierung.

Das „Hilfsprogramm“ für die Landwirtschaft stellt vier Gesichts-
punkte in den Vordergrund: 1. „Umschuldun g‘, d. h, Verwand-
jung kurzfristiger und hochverzinslicher Personalschulden in lang-
iristige -Realschulden mit etwas geringeren Zinsen; 2. „Stabilisie-
rung der Preise“, d, h. Preiserhöhung, z. B. durch Förderung
des Exports und Erschwerung der Einfuhr sowie durch Maßnahmen
zur „Entlastung“ überfüllter Märkte; 3, „Organisation des
Absatzes‘ durch Schaffung monopolistischer Verkaufsgesell-
schaften, Marktbeobachtung etc. Hierzu gehört auch die „Ratio-
nalisierung der landwirtschaftlichen Genossenschaften‘, die zwecks
Ausschaltung jeder Konkurrenz untereinander zu einem Einheits-
verband zusammengefaßt werden sollen; 4, „Verstär kungder
staatskapitalistischen Momente,” (Staatsbeteiligung,
Kreditkontrolle, Standardisierung unter Staatsaufsicht, halbstaatliche

Monopole.)

Einer sofortigen Preiserhöhung wurde mit folgenden handels-
politischen Maßnahmen zugestrebt: Verzögerung der deutsch-
polnischen Vertragsverhandlungen zur Verhinderung
der polnischen Schweineeinfuhr, Abbau des zollfreien Ge-
frierfleisch-Kontingents von 140000 auf 50000 Tonnen
im Jahr, Ausdehnung des Einfuhrscheinsystems auf
den Export von Schweinen und Schweinefleisch.

Der wichtigste Punkt ist aber die Regelung der Kapitalzufuhr:
a) Die Umschuldung
In dem vom Reichstag im März 1928 angenommenen Ergänzungs-
»tat wurde der Reichsfinanzminister ermächtigt, sich „zusammen mit
        <pb n="18" />
        Ländern und Gemeindeverbänden oder mit den von den Landes-
regierungen bezeichneten Stellen an einer Organisation zu beteiligen,
die die Aufgabe hat, inländische Kreditinstitute bei
der Durchführung der Umschuldung drückender
landwirtschaftlicher Schulden durch geeignete
Maßnahmen zuunterstützen, und dazu erforderlichenfalls
Grundstücke in der Zwangsversteigerung mittelbar oder unmittelbar
zu erwerben.“ Außerdem wurde er ermächtigt, „kurzfristige Vor-
schüsse bis zur Höhe von 200 Millionen Mark an Institute zu
geben, welche Kredite zur Umschuldung drückender Schulden an
landwirtschaftliche Betriebe gewähren wollen, deren rationelle
Fortführung bei Gewährung des Kredits zu erwarten ist,”

Das Wesentlichste an diesem Beschluß ist, daß Reich, Länder
ınd Gemeinden auf Kosten der breiten steuerzahlenden Massen dem
Bankkapital das Risiko für die Umschuldung‘ der überlasteten
landwirtschaftlichen Betriebe abnehmen und dadurch die Aktion in
Gang bringen. Die „Berliner Börsenzeitung” schrieb denn auch
Sanz richtig: „Die Umschuldungsaktion stellt in der Geschichte des
landwirtschaftlichen Kreditwesens ein Novum dar, als zum ersten
Male Reich, Staat und Kommunen sich entschlossen haben, lang-
iristige landwirtschaftliche Realkredite zu sichern, nachdem die
Landesbanken erklärt haben, ohne eine solche Sicherung sich an der
Aktion nicht beteiligen zu können.“

Außer der Kreditsicherung durch die „öffentliche Hand” er-
halten die Banken auch das Recht der Kontrolle der Sanie-
rungsfähigkeit ihrer Darlehensnehmer und der
Kreditverwendung. Nur „rationelle“ Betriebe werden sa-
niert! Dadurch gerät die gesamte landwirtschaftliche Produktion
unter die dauernde Kontrolle der Banken, Die öffentlich-rechtlichen
Landesbanken sind in diesem Falle nur die ausführenden Organe der
großen internationalen Finanzbourgeoisie, von denen sie die An-
leihen aufnehmen, und in deren Händen die Pfandbriefe dieser Ban-
ken sich befinden. Nicht die verschuldeten Landwirte, sondern die
kreditgebenden Banken erhalten die vom Reich bereitgestellten
Zwischenkredite,

Das im Landbund und den christlichen Bauernvereinen herr-
schende große Agrarkapital hat sich diesen Bedingungen des Fi-
nanzkapitals unterworfen mit dem Vorbehalt, daß mit der „Umschul-
dung‘ sofort begonnen, ein Absinken der Bodenpreise infolge zu
erwartender Bankrotterklärungen sanierungsunfähiger Betriebe
durch einen besonderen „Auffangapparat” verhindert wird. In den im
Laufe des April und Mai von der Reichsregierung ausgearbeiteten
vom Reichsrat und einem Sonderausschuß des Reichstages geneh-
migten Richtlinien tritt dieser bank- und agrarkapitalistische
Charakter der Aktion noch deutlicher zutage, Zusammen mit den
Landesregierungen und der Landesbankenzentrale stellt das Reich
fest, welche Kreditinstute zur Gewährung von Umschuldungs-
krediten auf Grund der Richtlinien bereit sind, und in welcher Höhe
sie das tun können. Die so vermittelten „Umschuldungs-
        <pb n="19" />
        kreditinstitute” müssen. sich ‚an den unter Führung der
Landesbankenzentrale aufzunehmenden Anleihen (Amerika-
Anleihe!) beteiligen und erhalten ihre Quoten zugemessen.

Zur Hilfeleistung an diese Umschuldungskreditinstitute, beileibe
nicht zur Hilfeleistung an die Landwirte selbst, isı die Gründung
ziner „Treuhandstelle” durch Reich, Länder und Gemeinden
vorgesehen. Diese Treuhandstelle wird im Falle von Zahlungs-
schwierigkeiten der umgeschuldeten Betriebe „entweder das Um-
schuldungskreditinstitut wegen seiner fälligen Ansprüche gegen Ab-
tretung dieser Forderungen befriedigen oder, falls dies nicht ge-
schieht, dem Umschuldungsinstitut anheimstellen, die Zwangsvoll-
streckung zu betreiben.“ Im Falle, daß das .Umschuldungskredit-
institut daraufhin die Zwangsvollstreckung betreibt, wird die Treu-
handstelle nicht etwa dem Schuldner beispringen, sondern dem Kre-
ditinstitut „zinslose Vorschüsse in Höhe der fälligen Beträge bis zur
Durchführung des Zwangsvollstreckungsverfahrens gewähren‘, Die
Treuhandstelle kann beim Versteigerungstermim mitbieten und das
Grundstück nötigenfalls erwerben. (Zur Stützung der Güterpreise!)
„Soweit infolge des Zwangsvollstreckungsverfahrens Verluste ent-
stehen, wird die Treuhandstelle das Umschuldungskreditinstitut
schadlos halten für Ausfälle an Kapital, rückständige Zinsen und
Kosten". Also nicht den Bauern vor der Zwangsversteigerung retten,
ist der Zweck des Gesetzes, sondern die Ansprüche des Gläubigers
befriedigen. Ist ein Bauer bankerott, so kommt eben ein anderer
an seine Stelle, bis auch dieser wieder bankerott ist.

Der um ein Darlehen bei den zugelassenen Umschuldungskredit-
Instituten nachsuchende Landwirt ist vollkommen von dem Wohl-
wollen und Gutdünken des Finanzkapitals abhängig. In den Richt-
linien heißt es: „Umschuldungskredite dürfen nur an die Inhaber
solcher landwirtschaftlicher Betriebe gewährt werden, die zu ihrer
rationellen Fortführung dieses Kredits bedürfen und
deren rationelle. Fortführung bei Gewährung des Umschuldungs-
kredits zu erwarten ist,‘ Die Kreditinstitute sind es, die prüfen, ob
diese Voraussetzungen zutreifen, Die Gewährung des Umschuldungs-
kredits wird „möglichst“ davon abhängig gemacht, ob „einzelne
Gläubiger im Interesse der Erhaltung des schuldnerischen Betriebes

gegebenenfalls auch für gewisse Teilforderungen z. zZ. hinsichtlich
der Zinsrückstände, der Zinshöhe usw. Nachlaß gewähren‘, Auch
die privaten Geldverleiher kommen also unter die Kontrolle der
Banken. Ferner sollen die Umschuldungsdarlehen möglichst an die
Gläubiger der Schuldner, nicht an den Landwirt
selber, zur Auszahlung gelangen

Bei den Umschuldungskreditinstituten wird von den Landes-
regierungen ein Kreditaussc huß gebildet, dem angehören
sollen: ein Beauftragter der Reichsregierung, ein Beauftragter der
Landesregierung, ein Beauftragter der Kommunalverbände, ein Ver-
treter des Umschuldungskreditinstituts, zwei bis drei von der Land-
wirtschaftskammer benannte Personen, darunter nur ein oder gar
kein Kleinbauer! — nach Bedarf zwei bis vier Vertreter der im Be-
        <pb n="20" />
        zirk ansässigen Kreditinstitute, die die Landwirte vorzugsweise ‚ver-
sorgen (Genossenschaften, Sparkassen, landw. Banken, Privatbanken,
usw.), je ein Vertreter der Handels- und der Handwerkskammer.
Die arbeitende Bauernschaft ist in diesen Ausschüssen so gut wie
überhaupt nicht vertreten. Dieser Kreditausschuß setzt die Grund-
sätze für die Gewährung des Umschuldungskredits auf Grund der
Reichsrichtlinien fest. Der Umschuldungskredit wird, abgesehen von
der Kreditgewährung an Kleinbauern, nur gegen hypothekarische
Sicherung gewährt und darf zusammen mit dem im Range vorher-
gehenden Belastungen 50—60 Proz, des Taxwertes nicht überschrei-
ten, in der Regel nicht mehr als 20 Proz, des Grundstückswertes be-
tragen,

An Kleinbauern können Umschuldungskredite ohne die
hypothekarische Sicherung gegen einfachen Schuldschein gegeben
werden, wenn hinreichende andere Sicherheiten,
insbesondere durch „persönliche Leistungsfähigkeit” geboten werden,
Die Schuld muß in bestimmten Jahresraten abgetragen werden.
Achnlich sind die Bestimmungen bei landwirtschaftlichen Pächtern,
Diese letzten Bestimmungen sind geradezu ein Hohn auf die Notlage
der Kleinbauern, Gewiß, von Eintragung einer Hypothek kann abge-
sehen werden, dafür müssen aber „hinreichende andere. Sicherheiten”
(welche?) insbesondere „persönliche Leistungsfähigkeit‘“ vorhanden
sein. Wie steht es nun mit Bauern, die als Kriegsbeschädigte, durch
Unfall oder Krankheit in ihrer Leistungsfähigkeit herabgemindert
sind? Die Zurückzahlung des Kredits nicht im Wege der üblichen
jährlichen Amortisation von 1 Prozent, sondern in Ratenzah-
lungen bedeutet, auch das letzte Mark aus den Knochen des ge-
plagten Kleinbauern heraussaugen. Faktisch wird durch diese Be-
stimmungen die große Mehrheit der verschuldeten kleinen Landwirte
einfach von der Umschuldung ausgeschaltet.

Auch der für die Einleitung des Umschuldungs-
verfahrens vorgesehene Weg zeigt drastisch, in welche skla-
vische Abhängigkeit vom staatlichen und privaten Finanzkapital der
Bauer gezwängt werden soll, Der Bewerber um ein Umschuldungs-
darlehen hat sich zunächst an die Bank, Genossenschaft oder Spar-
kasse zu wenden, bei der er am meisten verschuldet ist. Man nennt
das höflich „vorzugsweise in Geschäftsverbindungen steht”. Dieses
Kreditinstitut bereitet den Umschuldungsantrag vor, stellt die Grund-
buchverhältnisse und die vorhandenen Schulden des Landwirts fest
und entwirft einen Plan für die Neuregelung der Schuldverhältnisse,
Plan und Prüfungsergebnis wandern dann zum „Umschuldungs-
kreditinstitut‘“. Erst jetzt übernimmt das Umschuldungskreditinstitut
die Aufgabe, a) soweit möglich, noch eine erststellige Hypothek zu
beschaffen, b) zur Ablösung der Personalschulden, Läpperschulden
und Schulden an Arbeitslohn eine Umschuldungshypothek an zweiter
Stelle zu gewähren, c) gleichzeitig etwa besonders drückende hypo-
thekarische Roggenschulden, die den schwebenden Schulden gleich-
gestellt sind, abzulösen, d) Gläubiger zur Stundung oder Ermäßigung
ihrer Forderungen zu veranlassen. Der fertige Antrag wird dann
        <pb n="21" />
        vom Umschuldungskreditinstitut dem „Kreditausschuß‘ zur Genehmi-
gung vorgelegt. Wo in großen Bezirken „Unterausschüsse‘ des
Kreditausschusses gebildet sind, haben zunächst diese ihr Gutachten
abzugeben. Erheben die der Treuhandstelle angeschlossenen Kom-
munalverbände oder das Umschuldungskreditinstitut aus Gründen
der Sicherheit Widerspruch, so darf das Darlehen nicht gegeben
werden: es kommt dann zur Zwangsversteigerung, Und mit diesem
Gesetz in allen seinen einzelnen Teilen wie mit seinen Ausführungs-
bestimmungen haben sich die Führer des Landbundes und der
Bauernvereine einverstanden erklärt!!

Klarer, sollte man meinen, kann die Unterwerfung des Bauern
und kleineren  Agrarunternehmers unter die Diktatur des Finanz-
kapitals nicht zum Ausdruck kommen, Aber die Ausführungen und
Beschlüsse der Danziger Tagung des „Verbandes deutscher öffent-
lich-rechtlichen Kreditinstitute” (18, VI, 28) beweisen, daß das Bank-
kapital noch weitergehen und jede Kreditgewährung überhaupt an
die organisierte Kontrolle über den Schuldner und
seine Wirtschaft binden will, Dazu werden sogenannte
„Wirtschaftsberatungsstellen” eingerichtet, Jeder Be-
werber um ein Darlehen muß sich der Durchschnüffelung seiner Be-
triebsverhältnisse, nicht allein seines Schuldenkontos, unterwerfen.
Die Beratungsstellen sollen nach den Ausführungen des Referenten
Dr. Heusers die Gründe für die Verschuldung, ferner Art und
Grenzen der Verschuldung feststellen, „hoffnungslose Betriebe‘ aus-
merzen, Verständigung mit den übrigen Gläubigern herbeiführen und
„den Betriebsaufwand auf Kapitalgruppen mit möglichst kurzer Um-
laufzeit‘ konzentrieren, Das letzte bedeutet, die Art der Produktion
vorschreiben. Es wird also regelrecht die dauernde Produktions-
kontrolle der Banken über den Bauern organisiert. Die öffentlich-
rechtlichen Institute und Genossenschaftsinstitute, die durch ihre
„Wirtschaftsberatungsstellen‘‘ diese Kontrolle durchführen, sind
natürlich nichts anderes, als die Agenten des inländischen wie ameri-
kanischen großen Finanzkapitals, von denen ja die Anleihen auf-
genommen werden, die im Besitze der Pfandbriefe dieser Insti-
tute sind,

Nach einer Denkschrift des Reichsernährungsministers, die Mitte
Juli herauskam, ist es der Landesbankzentrale nicht gelungen, den
erstrebten Amerikakredit in voller Höhe zu bekommen. Sie hat
eine langfristige Anleihe von 105 Millionen Mark bei einem ameri-
kanischen Bankhause aufgenommen, Die Jahresleistung, die der
Landwirt aufbringen muß, beträgt 6% Proz. Zinsen und 0,75 Proz.
Verwaltungskostenbeitrag plus 1,17 Proz. jährliche Tilgungsquote
— 8,42 Prozent, Der Auszahlungskurs an den Kreditnehmer ist 93,
sodaß die Realverzinsung in Wirklichkeit fast 10 Prozent ausmacht,
Eine solche Belastung kann im besten Falle ein durchrationalisierter,
auf Spezialkulturen oder Erzeugung von Edelware umpgestellter
Großbetrieb aushalten. Dem Bauern ist damit höchstens eine kleine
Atempause gegeben, vorausgesetzt, daß er überhaupt zur „Umschul-
dung‘ zugelassen wird.
        <pb n="22" />
        b} Die „Förderung des Meliorationswesens“

Obwohl bei den Beratungen des Reichstages über das „Hilfs-
programm für die Landwirtschaft“ die Frage der Bodenmeliorationen
nicht Gegenstand der Gesetzgebung war, hat die Denkschrift des
Reichsernährungsministers doch die „Förderung des Meliorations-
wesens“ als ersten Punkt aufgestellt und behandelt, Dies entspricht
den jahrelangen Forderungen der Landbundführer, die mit beson-
derem Nachdruck vom Grafen Kalckreuth und später vom Frei-
herrn v, Richthofen-Boguslawitz, dem schlesischen Führer,
vertreten wurden. (Offener Brief an die Preußenregierung in der
„Deutschen Tageszeitung” vom 13. 12, 27.)

Als im Reichstag 1926 über die Verwendung der für die produk-
tive Erwerbslosenfürsorge bereitgestellten Mittel verhandelt wurde
und eine größere Anzahl Kanalbauprojekte auftauchten, führte der
Landbund eine heftige Kampagne unter dem Stichwort: „Nicht
Kanäle, sondern Meliorationen.” Nach den Aufstel-
lungen des Deutschen Landwirtschaftsrates umfassen die ent-
wässerungsbedürftigen Flächen Deutschlands,
abgesehen von den 2 Millionen Hektar Oed- und
Moorflächen, rund 8% Millionen Hektar. Von den
rund 8 Millionen Hektar Wiesen und Weiden in Deutschland sind
rund 2 Millionen Hektar schlecht bewirtschaftet, versumpft und
verunkrautet, Auf den Wiesen Deutschlands wird durchschnittlich
nicht mehr als 42 Doppelzentner je Hektar geerntet. Durch Melio-
rationen ‚könnte der Ertrag auf 60 bis 80 Doppelzentner gesteigert
werden. Mit etwa 4 Milliarden Reichsmark könnte eine Mehr-
arzeugung von Getreide-, Futter- und Zuckermitteln im Werte von
jährlich 1,5 Milliarden Reichsmark erzielt werden.

Noch weiter geht Richthofen in seinen Anfang des Jahres 1928
anläßlich einer Polemik mit dem preußischen Landwirtschafts-
minister Steiger gemachten Aufstellungen, Nach ihm könnte
eine umfassende Entwässerung die Produktion je’ Jahr um 3 bis
4 Milliarden Mark steigern, Bei Instandsetzungen der vorhandenen,
„großenteils verwahrlosten Anlagen“ um erheblich mehr! Nach
Richthofen sind „bestenfalls“ 40 Prozent der landwirtschaftlich ge-
nutzten Fläche in Deutschland gut entwässert, 30 Prozent weisen
infolge „grober Vernachlässigung der Anlagen” starke. Schwankungen
und Rückschläge auf, und 30 Prozent bringen „wegen vollkommener
Versauerung und großer Wasserschäden‘ weniger als eine halbe
Ernte, Bei Rüben und Getreide könnte nach Richthofen eine fach-
Männische Bodenentwässerung den Ertrag um 50 Prozent, bei Kar-
toffeln sogar um 100 Prozent steigern. Vor allem stellte Richthofen
lest: „Vieles könnte bald geändert werden, wenn die unteren Dienst-
stellen in stärkerem Maße angewiesen würden, alljährlich den Be-
Stimmungen des Wassergesetzes entsprechend die so wertvollen Ent-
wässerungsanlagen — Vorflutgräben, Wasserläufe dritter Ordnung —
zu schauen, Die Hilfslosigkeit besonders kleinerer Landwirte sei
        <pb n="23" />
        auch dem Minister bekannt! Die Instandsetzung und -haltung vor-
handener Anlagen erfordere nicht einmal hohe Aufwendungen.

In überraschender Weise wurde hier („Deutsche Tageszeitung”
vom‘ 18. 1. 28) aus dem Munde eines großagrarischen Landbund-
führers alles das bestätigt, was die Kommunisten im Reichstag und
Preußischen Landtag anläßlich der wiederholten schweren Mißernten,
Unwetterkatastrophen und Dauerüberschwemmungen in verschie-
denen Teilen Deutschlands im Interesse der arbeitenden Bauern-
schaft gesagt und gefordert haben. Die Kommunisten haben als
erste auf die verbrecherische Vernachlässigung und Verwahrlosung
der Stauanlagen, Voriflutgräben, Dämme und Deiche, Drainagen
hingewiesen und zugleich ausreichende Mittel für zinslose Darlehen
und verlorene Zuschüsse an bäuerliche Gemeinden, kleine Besitzer
und Pächter verlangt, sowie die staatliche Zwangsdurchtührung aller
notwendigen großen Entwässerungs- und Deicharbeiten unter Um-
legung der Kosten auf den kapitalistischen Großbesitz,

Die kapitalistischen Regierungen, Behörden und Organisationen
haben natürlich für diese Art der Meliorationen — die ja auch Richt-
hofen nur aus Demagogie in der Polemik gegen Steiger befürwortet —
kein Interesse. Ihr Augenmerk war jahrelang nur auf die sogenannte
„Oedlandkultivierung“ gerichtet, jener Heide- und Moorflächen also,
die fast ausschließlich in Privateigentum des großen Grundbesitzers
sind und zu deren Meliorierung durch eine besondere halbstaat-
liche Gesellschaft (Dökult) Jahr für Jahr ansehnliche Summen
hinausgeworfen wurden, Bereits 1926 waren aus den Mitteln der
liquidierten Reichsgetreidestelle 82,2 Millionen Mark als Dar-
lehen zu 4—4% Prozent für diese Art Meliorationen zur Verfügung
gestellt worden. Mit Hilfe dieser Mittel waren rund 300 000 Hektar
Moor- und Oedland in Kultur genommen bezw. wesentlich ver-
bessert worden. Die Meliorationen wurden und werden in der
Weise durchgeführt, daß Heide und Moor von der obengenannten
Gesellschaft urbar gemacht und dann an die Privateigentümer gegen
Eintragung einer Hypothek zurückgegeben werden. Nur ein kleiner
Teil wird für Siedlungszwecke verwandt,

Später beschloß der Reichstag, laufende Zuschüsse zur „Zinsver-
billigung‘“ zu geben, und zwar zunächst auf 5 Jahre, wofür im ganzen
30 Millionen Mark in Aussicht genommen sind, Die Raten von
je 6 Millionen Mark wurden erstmalig im Nachtragsgesetz 1927 und
lann im Etat 1928 angefordert. Man hofft damit, jöhrlich eine
Kreditsumme von 150—200 Millionen Mark so zu
verbilligen, daß der Meliorationsunternehmer an Zins- und Ver-
waltungskostenzuschlag nicht mehr als 4% vom Hundert zu zahlen
hat. Die Unternehmer (Wasser- und Meliorationsgenossenschalften,
Gemeinden, Deichverbände, Ööffentlich-rechtliche Siedlungsgesell-
schaften, aber auch. Privateigentümer) müssen ihre Pläne behördlich
nach meliorationstechnischen und landwirtschaftstechnischen Ge-
sichtspunkten prüfen lassen, Ausführung und Unterhaltung wird
behördlich überwacht. Die Rentenbankkreditanstalt ist beauftragt,
den Hauptteil der zu verbilligenden Kreditsumme im Auslande zu
        <pb n="24" />
        beschaffen. Inzwischen hat sie 6 Millionen Mark Zwischenkredite
gegeben. Alles das kommt selbstverständlich in erster Linie den
Großgrundbesitzern zugute, da sie es besser verstehen und leichter
haben, diese Kredite für sich flüssig zu machen,

Sehr bezeichnend für die „Bauernireundlichkeit‘ der kapita-
listischen Regierungen sind die im Januar 1928 veröffentlichten
preußischen Ausführungsbestimmungen. Selbst die „Deutsche Tages-
zeitung‘ muß feststellen, daß das Antragsverfahren für einen Meli-
orationskredit' außerordentlich kompliziert‘ ist, Kredit- und Kredit-
verbilligungsanträge müssen gesondert gestellt werden und gehen
zunächst zum Regierungspräsidenten (Landeskulturamtpräsidenten),
Der Regierungspräsident gibt sie weiter, und zwar den Kreditantrag
an die zuständige provinzielle Kreditanstalt (Landesbank) und den
Kreditverbilligungsantrag an das Landwirtschaftsministerium. Mit
dem kleinsten Dränageantrag müssen sich also vier höchste Instanzen
abquälen: Preußisches Landwirtschaftsministerium und Ernährungs-
ministerium einerseits wegen der Kreditverbilligungszuschüsse, die
Preußische Seehandlung und die Deutsche Rentenbankkreditanstalt
wegen der Kreditanträge. Das bedeutet nicht nur, wie die „Deutsche
Tageszeitung‘ mit Recht, sagt, Zeitverlust, nutzlose Schreibereien,
Vervielfachung von Besprechungen und Verhandlungen — es ist ja
möglich, daß die beiden Instanzenzüge widersprechende Beschlüsse
lassen — schließlich also Mehrkosten. Das bedeutet praktisch auch
die automatische Ausschaltung der kleinen und
kleinsten Landwirte, die mit ihren kleinen Anträgen und
Wünschen gar nicht bis oben durchdringen.

Eigene Meliorationskredite wurden von der Rentenbankkredit-
anstalt in Höhe von 15 Millionen Mark gegeben und durch die
Deutsche Bodenkultur A,-G. weitergeleitet,

Am 30. Juni fand eine Tagung des Verbandes Deutscher
Landeskulturgenossenschaften statt, auf der die „land-
wirtschaftlichen Bodenverbesserungen‘, insbesondere die Regelung
des Wasserhaushalts, sowie die erforderlichen Folgeeinrichtungen
das wichtigste Mittel genannt werden zur Erhaltung und
Steigerung der Roherträge. Sie seien zurzeit „die wichtigste Ratio-
nalisierungsmaßnahme der landwirtschaftlichen Betriebe‘, Man ver-
langte Erhöhung der staatlichen Beihilfen, langfristige und mäßig
verzinsliche Meliorationskredite und sofort auszahlbare ausreichende
Zwischenkredite.
c) Die Oraanisation des Absakes
Bedeutet die „Umschuldungsaktion‘ des Reiches die Stabilisie-
rung der Diktatur des Bankkapitals über die gesamte Landwirtschait,
So bedeutet die durch das ‚„Notprogramm’ eingeleitete „Organi-
Sation des Absatzes“ die planmäßige Förderung der
kapitalistischen Elemente innerhalb der Land-
Wirtschaft, Das Reich hat in seinem Hilfsprogramm zu diesem
Zwecke bereitgestellt:
        <pb n="25" />
        a) 8 Millionen RM. als Zuschuß und 22 Millionen RM, in Form
einer Reichsbürgschaft für die „Organisation und Förderung
des Absatzes von Schlachtvieh und Fleisch,”

30 Millionen RM. „zur Behebung der gegenwärtigen außer-
ordentlichen‘ Notstände in der Landwirtschaft“, An Stelle
dieser allgemeinen Zweckangabe formulierten später die
Richtlinien des Ministeriums: Zur Förderung des Absatzes
landwirtschaftlicher Erzeugnisse. -

Für die Geflügelzucht und ihre Erzeugnisse wurde noch
1 Million RM, eingesetzt,

Diese scheinbar kleinen Summen haben eine außerordentliche
Bedeutung, denn sie werden zum großen Teil — abgesehen von der
Staatsbürgschaft — als Zinsverbilligungszuschüsse ge-
geben, sind also zugleich ein Geschenk an die geldgebenden Banken,
Sie sollen das Hineinpumpen von einigen 100 Millionen Mark in die
landwirtschaftlichen Absatzorganisationen, Fleischfabriken etc. er-
möglichen.

Die Richtlinien für die Verwendung der unter a) genannten
Summen bestimmen, daß vorzugsweise Darlehen mit Reichsbürg-
schaft erhalten sollen Viehabsatzorganisationen, Fleischwaren-
fabriken, Schlächterorganisationen, wirtschaftliche Einrichtungen,
deren Tätigkeit auf den „unmittelbaren Absatz von Schlachtvieh und
Fleisch zwischen Vereinigungen der Erzeuger einerseits und Ver-
einigungen der Fleischer und Verbraucher andererseits gerichtet ist”,
ferner Einrichtungen, die der „Rationalisierung von Schweinezucht
und Viehmast dienen‘, Die Darlehen müssen „ausreichend ge-
sichert” sein (Hypothek, Bürgschaft, Wechsel, Sicherungsübereig-
nung, Haftsummen). Von der Sicherung kann aber aus-
nahmsweise abgesehen werden, „wenn die Bedeu-
tung des Unternehmens dies rechtfertigt und die
Stellung der Sicherheit nicht oder nur mit unverhältnismäßig großen
Kosten möglich ist. Die 8 Millionen Mark sollen als „Beihilfen”
offenbar also als „verlorener Zuschuß‘ gegeben werden, und zwar
als „einmalige Beihilfen‘ oder als „mehrjährige Beihilfen zur Ver-
billigungdes Zinssatzes von Darlehen”, oder als Rück-
lagen für Garantien, die das Reich übernimmt, Die Verteilung der
Mittel erfolgt nach einem einheitlichen Gesamtplan, bei dessen Auf-
stellung ein „Länderausschuß“ und ein „Sachverständigenausschuß”
mitwirken. Daß in dem „Sachverständigenausschuß‘ natürlich keine
Beauftragten der werktätigen Bauernschaft, sondern nur Vertreter
von Spitzenorganisationen sitzen, bedarf wohl keiner besonderen
Erwähnung.

Nach der offiziellen Denkschrift hat man bereits mit der Einrich-
tung zweier großer Wurst- und Fleischwaren-
fabriken in Königsberg und Schleswig begonnen, An
der ostpreußischen Fleischfabrik beteiligt sind die Eisen- und Kohlen-
industrie, der Farbentrust, die Düngerindustrie und eine Reihe Groß-
banken. Charakteristisch ist die Wahl dieser Gebiete... Nicht die
Llein- und mittelbäuerlichen Gebiete Süd- und Westdeutschlands
        <pb n="26" />
        werden bevorzugt, obwohl bekanntlich an der deutschen Schwein-
und Rindviehhaltung gerade die Kleinbetriebe am meisten beteiligt
sind, *) Man wählt Gebiete aus, in denen das Großagrarier- und
Großbauerntum vorzugsweise Viehmast treibt, Ihnen soll geholfen
werden, Das Bauernvieh kann weiterhin auf den überfüllten Vieh-
märkten in München und Stuttgart überständig bleiben. Bezeich-
nend ist ferner die Mitteilung, wonach die neue Wurstfabrik in
Schleswig den „direkten Absatz“ an die Verbraucher in der Art auf-
Eaßt, daß sie mit den großen westdeutschen Montan-
konzernen verhandelt, Die kapitalistischen Werkkonsumver-
eine sollen gegenüber den freien Arbeiterkonsumvereinen bevorzugt
werden,

Eine Produktionshilfe für den schweine- und rindvieh-
haltenden Kleinbauern ist überhaupt nicht vorgesehen. Und doch
beweist der wachsende Auftrieb von halbreifen. Schweinen und
Kälbern auf den Schlachthöfen, daß es gerade die kleinen Bauern
sind, die zu Notverkäufen gezwungen sind, weil sie mit Recht sich
scheuen, teure Kredite aufzunehmen. Nicht „Rationalisierung der
Schweinezucht und Viehmast‘“ im kapitalistischen Sinne
braucht heute der Bauer, sondern in erster Linie billige Futter-
mittel, billige Beihilfen für Einkauf von Zucht-
vieh, Verbesserung der Stallung, Bau von Grün-
futtersilos und Einsäuerungsanlagen, Förderung des
direkten Absatzes an mit Schlachtanlagen und Fleischver-
kaufsstellen versehene Konsumvereine.

Der bayerischen Viehverwertung München und der
Zentrale für genossenschaftliche Viehverwertung Hannover,’ Zweig-
stelle Mannheim, hat man zwecks „Entlastung überfüllter Märkte‘
eine Million Reichsmark gegeben. Allgemein wurden den Vieh-
absatz-Organisationen 280 000 000 Reichsmark gegeben. Zur Zins-
verbilligung für die mit Hilfe, der Reichsgarantie errichteten
Fleischwarenfabriken in Ostpreußen und Schleswig, sowie für die
großen zentralen Viehabsatzorganisationen wurden 2420 000
Reichsmark zugeschossen, Zur Unterstützung von Versuchs- und
Lehranstalten für Schweinezucht gab man 850000 Reichsmark.
Man hat jedoch keinen Pfennig ausgegeben für die in den Richt-
linien erwähnten direkten Geschäftsbeziehungen zwischen bäuer-
lichen Viehverwertungsgenossenschaften und Konsumvereinen, keinen
en Je Jahr und Hektar landwirtschaftlich genutzte Fläche werden er-
zeugt:
Summa
Betriebsgröße Kuhmilch Rindfleisch Schweinefleisch Schaffleisch‘ Fleisch
in Hektar in Liter in dz
0,5 99 520 196,4
2— 5 072 240 126,9
5— 20 "2 TI 00.6
20-—100 61 250
über 100 42 900
Reichs-
durchschnitt 67 035

Ci.
        <pb n="27" />
        Pfennig hat man ausgegeben für die Unterstützung der schweine-
mästenden Kleinlandwirte,

Zur Förderung der Milchverwertung hat man den ver-
schiedensten Absatzorganisationen Kredite und Zinsverbilligungs-
zuschüsse zum Bau von Sammellagern, Kühl- und Verpackungs-
räumen, Reifehäusern gegeben, Das erste große genossenschaftliche
Käsesammellager ist in Königsberg bereits geschaffen worden, Be-
sondere „Ausgleichstellen” haben darüber zu wachen, daß’ die
Märkte nicht überliefert werden. Die Schaffung einer zentralen
Ausgleichsstelle für das ganze Reich ist geplant. Vor allem soll auch
der Wirkungskreis der Allgäuer Butter- und Käsebörse erweitert
werden, Angestrebt wird „Qualitätsbezahlung‘ der Milch. Dies
alles bedeutet unter den heutigen Verhältnissen nicht etwa eine
Unterstützung der tüchtigen Landwirte, sondern eine Unterstützung
der kapitalistischen Landwirte, Nur der Agrarkapitalist
kann Qualitätsware, zum Beispiel markengeschützte Milch, in großen
einheitlichen Mengen regelmäßig liefern, Nur er hat also den Vor-
teil der Qualitätsbezahlung,

Auch die genossenschaftliche Eierverwertung soll zentra-
lisiert und standardisiert werden. Bereits hat der Deutsche Land-
wirtschaftsrat einen Organisationsplan entworfen und einen Einheits-
stempel „Deutsches Frischei‘ geschaffen, Dieser Einheitsstempel
wird nur jenen genossenschaftlichen Verwertungsstellen verliehen,
die sich gewissen Bedingungen in Bezug auf Größe, Qualität, Frische
und Kenntlichmachung der Eier unterwerfen,

Dieselbe Richtung nimmt die Entwicklung im Obst- und
Gemüsebau. Auch hier besteht bereits eine zentrale „Arbeits-
gemeinschaft der Ein- und Verkaufsorganisationen im Gartenbau”.
Die Geschäftsführung liegt in den Händen des Reichsverbandes des
deutschen Gartenbaues, Diese Arbeitsgemeinschaft soll die Auf-
stellung und Kontrolle des Standards im Benehmen mit den Land-
wirtschaftskammern regeln, Qualitätsmarken schaffen, geeignetes,
billiges und einheitliches Verpackungsmaterial bereitstellen, Verein-
barungen mit Handel und Industrie, zum Beispiel Anbauverträge, ab-
schließen. Das Schwergewicht wird hierbei auf die Errichtung neuer
und. den Ausbau bereits vorhandener Absatzorganisationen, nämlich
von Sammel-, Sortierungs- und Packerstellen, von Kühlhallen und
Kohlscheunen sowie von Versteigerungseinrichtungen gelegt.

Bei der Kartoffelverwertung richtet sich das Haupt-
interesse auf die Schaffung von Konservierungsmöglichkeiten, „um
das dringende Angebot im Herbst aufzufangen und den Verbrauch
zeitlich zu verteilen“. Zu diesem Zwecke sollen vor allem Trock-
nungsanlagen eingerichtet werden; für diese und die Stärkefabriken
sollen außerdem noch große Einkaufs- und Verkaufsorganisationen
ins Leben gerufen werden, Seit Mai 1928 besteht schon die Kar-
toffelflocken-Zentrale, Die Deutsche Stärkeverkaufs-
genossenschaft soll im Sinne eines Syndikats ausgebaut werden. Als
Bauzuschüsse {für Einsäuerungsanlagen. die sich auch der kleine
        <pb n="28" />
        Bauer eventuell anschaffen kann, sind aber nur 256 000 Mark v
gesehen.

Da der‘ Preis deutschen Saatguts für
bedeutend höher ist als der Auslandspreis, sollen
Absatzes an .inländischem Saatgut Preisve
zuschüsse gegeben werden. Besonders soll du.
schüsse der Uebergang vom Getreidebau zur sogenan:.
wirtschaft in den Gebirgsgegenden gefördert werden.

In ähnlicher Weise will die Regierung für Pferde- und
Zuchtviehabsatz sorgen, Es handelt sich hierbei um fast
lauter ausgesprochene Liebesgaben für die großagrarischen Pferde-.
Bullen- und Saatgutzüchter,

Ueber die Ziele der Absatzrationalisierung schreibt der bekannte
Professor Beckmann, Bonn, in der landwirtschaftlichen Sonder-
nummer des Organs des „Deutschen Industrie- und Handelstages',
in der „Deutschen Wirtschaftszeitung":

„Eines der wichtigsten Gegenwartsprobleme der deutschen Landwirt-
schaft ist seitdem die Organisierung und Rationalisierung des Absatzes
geworden. Zwei Tatsachen sind es in der Hauptsache, welche von dem
deutschen Landbau die Lösung dieser Probleme verlangen: Einmal ist es
die Konkurrenz der agraren Exportstaaten — wie U. S. A., Kanada,
Australien, Holland, Dänemark —, die ’es verstanden haben, mit Hilfe
neuer Absatzmethoden den deutschen Markt für ihre Erzeugnisse zu er-
obern und auf diesem die einheimischen Erzeugnisse zurückzudrängen;
zum andern sind es die großen Vorteile, welche die Absatzrationalisierung
an sich, auch ohne dieses Konkurrenzmoment, mit sich bringt,”

Mit diesen Worten, die der wissenschaftliche Vertreter des
Agrarkapitals an die Spitze seiner Ausführungen stellt, wird die
kapitalistische Rationalisierung der Landwirtschaft ziemlich klar
Sekennzeichnet, Nicht so sehr die Rationalisierung der technischen
Methoden als die „Rationalisierung des Absatzes‘ ist den Kapita-
listen die Hauptsache. Und diese wiederum ist weniger eine Ratio-
nalisierung als vielmehr eine Rationierung des Absatzes, Durch
den „Zusammenschluß zu großen Absatzorganisationen” soll der
Markt „beeinflußt“ d.h. beherrscht werden, Das Ziel ist, wie
derselbe Verfasser sich ausdrückt, die Zusammenfassung des „zer-
rissenen Angebots vieler Landwirte‘ zum „geschlossenen Angebot”
nach dem Vorbild des kanadischen Weizenpools und
der großen Industriesyndikate, Erst in zweiter Linie kommt Beck-
mann auf die „Qualitätsverbesserung” zu sprechen, Aber auch da
ist es ihm weniger um die Hebung der Qualität zu tun, als um die
Einheitlichkeit der Qualität, „In Deutschland‘, so meint
er, „ist die Streuung in der Qualität, in der Sorte, in der Rasse in-
folge der verschiedenen klimatischen und regionalen Verhältnisse,
infolge der verschiedenen Besitzgrößen, vor allem aber auch infolge
der verschiedenen Ausbildungen der Landwirte riesengroß.‘ Intolge-
dessen müsse sich die deutsche Landwirtschaft bei der Standardi-
sierung zunächst „von den natürlichen Produktionsbedingungen
befreien und loslösen‘”.

In der Tat, diese „Loslösung von den natürlichen Produktions-
bedingungen‘ ist eine Vorbedingung für die vollkommene Ein-

3

22

x
Da

-
        <pb n="29" />
        gliederung der Landwirtschaft in den kapitalistischen Wirtschafts-
prozeß, Der Kapitalismus aber kann diesen Prozeß nur durchführen
durch die gewalttätige und barbarische Vernichtung zahlloser bäuer-
licher Existenzen, und durch eine brutale Hunger- und Teuerungs-
politik gegenüber den proletarischen Massen, Die Industrialisierung
der Landwirtschaft geht mit derselben „naturwüchsigen Barbarei“
vor sich, von der Karl Marx bei der Darstellung der Entwicklung
der großen Industrie spricht. Nicht nur, daß die Millionenmassen
des Industrieproletariats diesen Prozeß mit hohen Lebensmittel-
preisen und die Landproletarier durch verschägfte Ausbeutung
bezahlen müssen, auch die Massen der arbeitenden Bauernschaft
werden durch ihn langsam aber sicher vom Markt verdrängt, in
immer hoffnungslosere Zins- und Steuersklaverei gestoßen, in immer
höherem Maße zu „unbezahlter Mehrarbeit‘ gezwungen. Die
Schichten der Agrarkapitalisten aber verwachsen immer besser mit
Industrie- und Bankkapital und gehen immer vollkommener im
monopolistischen Finanzkapital auf,

Diese Hervorkehrung der Absatz- und Verwertungsfragen ist
außerordentlich kennzeichnend für den agrar-kapitalistischen Cha-
rakter des „Notprogramms”. Für den Agrarkapitalisten, der in
erster Linie kapitalistischer Warenproduzent ist und
durch andauernde starke Kreditschübe schon seit 1924 instand gesetzt
wurde, seinen Betrieb rationell umzustellen, sind die Fragen des
marktmäßigen Absatzes: der Konjunkturbeobachtung, der Aus-
schaltung des Wettbewerbes, sowohl des inländischen wie des aus-
ländischen — des letzteren durch Zollerhöhungen —, der Standardi-
sierung, der fabrikmäßigen Weiterverarbeitung, der Lagerung und
Konservierung seiner Produkte die Hauptfragen, Für.den Klein-
bauern, der nur wenig auf den Markt bringt, der bisher weder
mechanisieren noch rationalisieren konnte, der oft nicht einmal die
Mittel hat, notwendiges Saatgut, Zuchtvieh, genügend Kunstdünger
zu kaufen, oder die dringendsten Reparaturen an Scheune, Stall und
Wohnhaus vorzunehmen, bestehen zunächst ganz andere Sorgen.
Wie soll er ohne ausgiebige staatliche Unterstützung und ohne plan-
mäßigen Uebergang zu genossenschaftlichen Produktionsformen
jemals in die Lage kommen, „Markenware‘ auf den Markt bzw. an
die Molkerei zu liefern?

Alle die vielerlei Maßnahmen, die die Richtlinien des Herrn
Schiele — Richtlinien, die notabene der Demokrat Dietrich, Baden, und
seine sozialdemokratischen Freunde heute widerspruchslos durch-
führen! — aufzählen, können nicht über die Tatsache  hinweg-
täuschen, daß sie erstens den Konsum in Deutschland
nicht heben, den Innenmarkt also nicht erweitern, zweitens
nur dem Bauern etwas nützen, der kapitalkräftig ist. Im Gegen-
teil; sie verstärken die Ueberlegenheit des Groß-
betriebs: gegenüber der Bauernwirtschaft, sie
bilden einen starken Anreiz für den Agrarunternehmer, die
fabrikmäßige Massenerzeugung bestimmter „standardisierter‘ Pro-
dukte zu steigern und damit die Ware des Bauern allmählich auch
        <pb n="30" />
        vom lokalen Markt der Kreisstadt zu vertreiben, Soweit der Bauer
aber an diesen Einrichtungen teilnimmt, „hört er auf, ein kleiner
König auf eigenem Grund“ zu sein, sondern muß nach der Pfeife
des kontrollierenden Agrar- und Bankkapitals und ihrer behörd-
lichen Agenten tanzen,.

Daß die Förderung der kapitalistischen Betriebe, nicht der
Bauernwirtschaft, die versteckte Absicht des „Notprogramms“ von
jeher gewesen ist, hat nach den Wahlen (!) die Berliner Börsen-
zeitung am 1. Juni mit zynischer Offenheit ausgesprochen, Sie
schrieb in einem Aufsatz, betitelt „Rationalisierung des landwirt-
schaftlichen Absatzes’:
„Abgesehen von diesen organisatorischen. Vorzügen (leichtere Mög-

lichkeit, Verkaufskartelle zu bilden, D, Red.) bieten die Großbetriebe
auch die besten natürlichen Vorbedingungen für die
Durchführung einer Rationalisierung des Absatzes.
Ohne Standardisierung der Erzeugnisse läßt sich die Absatzrationali-
sierung nicht durchführen, Die Standardisierung ist nun um so leichter,
je einheitlicher die zu standardisierenden Erzeugnisse von Natur aus sind,
Eine Einheitlichkeit und Hochwertigkeit der .angebauten Pflanzensorten
und der gehaltenen Tierrassen ist die natürliche Voraussetzung der
Standardisierung. Es ist klar, daß bei den heutigen Ver-
hältnissen diese Voraussetzung eher gegeben und
leichter zu schaffen ist auf den großen, einheitlich
bewirtschafteten Flächen der Großbetriebe, als in
den bäuerlichen Erzeugungsgebieten mit ihrem heillosen
Sortenwirrwarr und ihrer Zersplitterung. Ferner sind die persön-
lichen Vorbedingungen für die Rationalisierung der Erzeugnisse
im Großbetrieb bezeits weiter fortgeschritten als in
den bäuerlichen Gegenden, Denn einmal bedarf es beim Großbetrieb nur
der Umstellung weniger leitender Köpfe, um denselben Erfolg zu erzielen,
zu dem in bäuerlichen Gegenden die Beeinflussung zahlreicher Persön-
lichkeiten zur Erzielung einer einheitlichen Willensbindung nötig ist,
UÜeberdies ist der Großbetrieb in der Landwirtschaft viel stärker kauf-
männisch eingestellt. und von dem kapitalistischen Streben nach wirt-
schaftlichen Höchstleistungen erfaßt und vie leher auf die Markt-
produktion eingestellt als der noch stärker in den
überkommenen Ideen der Selbstversorgung und
Eigenbedarifsdeckung befangene bäuerliche Betrieb,
Bei der Dringlichkeit, welche die Aufgaben der Absatzrationalisierung mit
Hinblick auf die außerordentlich starke Passivität unserer Handelsbilanz
und die weitgehende Veberflutung des deutschen Marktes mit hoch-
wertigen ausländischen Agrarprodukten haben, sind wir auf schnelle
Erfolge angewiesen, Diese sind nach Lage der Dinge jedoch nur
dort zu erwarten, wo der Großbetrieb einigermaßen
den Einfluß hat,”

Mit dürren Worten wird hier also ausgesprochen: Die rund 100
Millionen Reichsmark, die auf Kosten der werktätigen Arbeiter und
Bauern zum Zwecke der „Organisation des Absatzes” landwirt-
schaftlicher Erzeugnisse, von Vieh und Fleisch, und zur „Rationali-
sierung der landwirtschaftlichen Genossenschaften” ausgeworfen
worden sind, sollen nicht verwendet werden, um den drei Millionen
kleiner und mittlerer Bauernwirtschaften auf die Beine zu helfen
und ihnen den Weg zur Verbesserung ihrer Produktion zu weisen,
sondern einzig und allein dazu, um die kapitalistischen Groß-
betriebe und Großbauernwirtschaften rentabel und gegenüber
        <pb n="31" />
        der Auslandskonkurrenz leistungsfähig zu machen. Heute werden
die bäuerlichen Produkte in Deutschland zum Teil durch Auslands-
produkte vom Markt verdrängt. Die Maßnahmen des Notprogramms
fügen zur Auslandskonkurrenz die überlegene Inlands-
konkurrenz der Großbetriebe hinzu.

Anfang Juli war über sämtliche Mittel des „Hilfsprogramms”.
soweit die „Förderung des Absatzes‘ in Frage kam. schon verfügt.
d) Die Rationalisierung der Genossenschaften
Das ganze Werk des „Notprogramms‘ wird gekrönt durch das
Bestreben zur Schaffung preisdiktierender Monopole,
sei es halbstaatlichen oder privaten Charakters, Die landwirt-
schaftlichen Genossenschaften sind die gegebenen In-
strumente für diesen Zweck. 25 Millionen Mark sind vom Reich zur
„Rationalisierung des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens”
bereitgestellt. In den Erläuterungen ist bemerkt:

„Das Jandwirtschaftliche Genossenschaftswesen muß in die Lage ver-
setzt werden, bei der gespannten Wirtschaftslage den Aufgaben der
Finanzierung des landwirtschaftlichen Personalkreditsbedarfs und des
Warenumsatzes in den dafür zweckmäßigsten Organistions-
formen gerecht zu werden, Die dringenden Probleme der Standardi-
sierung der landwirtschaftlichen Produkte, sowie der Organisation des
Absatzes der landwirtschaftlichen Erzeugnisse kann die deutsche Land-
wirtschaft nur mit Hilfe eines einheitlichen geschlossenen
Genossenschaftswesens erreichen,”

Natürlich spricht man nirgends von der Erhöhung der Preise, sondern
immer nur von der Stabilisierung der Preise oder einem
„Preisausgleich‘, Als Begründung wird angeführt, das fortwährende
starke Schwanken der Preise mache jede Kalkulation unmöglich, es
schade sowohl dem Produzenten wie dem Konsumenten, Dieses
starke Schwanken sei auch ein wesentlicher Grund der‘ hohen
Spannen zwischen Erzeuger- und Händlerpreisen, denn es erhöhe
das Risiko der Händler. Zweifellos haben die Befürworter des „Not-
programms'‘ mit dieser Argumentation bis zu einem gewissen Grade
recht. Sie verbergen aber geflissentlich die Tatsache, daß diese
Schwankungen ihren Grund nicht allein in dem Saisoncharakter der
Landwirtschaft und der Ungleichmäßigkeit der Ernten haben, sondern
in der wachsenden Beherrschung des internationalen Getreide-,
Fleisch- und Futtermittelmarktes durch die großen monopolartigen
Organisationen (Weizenpool!), Exportfirmen, Händlerringe, Mühlen-
konzerne, daß also durch die Verstärkung dieses privatmonopolisti-
schen Charakters der Absatzorganisationen die Schwankungen nicht
beseitigt, sondern nur auf erhöhter und erweiterter Grundlage
reproduziert werden. Die Bestrebungen der SPD., den staats-
kapitalistischen Charakter der Monopole (Reichsgetreidemonopol) zu
verstärken, ändern an dieser Tatsache nichts, da der Staatskapitalis-
mus in der Periode‘ des Imperialismus ja nur ein Werkzeug der Dik-
tatur des privaten Monopolkapitals ist.

Daß auch die staatskapitalistische „Preisstabilisierung‘ in einer

hochentwickelten kamnitalistischen Wirtschaft wie in Deutschland

zo
        <pb n="32" />
        nur nach oben, also auf Kosten der arbeitenden Massen, einschließ-
lich der kleinen Bauernschaft, stattfinden wird, beweist schlagend
die zweijährige Tätigkeit der im März 1926 mit 30 Millionen Mark
billigster Reichskredite gegründeten und unter Kontrolle. eines
„Reichskommissars‘“ fungierende Reichsgetreidehandels-
gesellschaft. In ihr ausschlaggebend sind die Düngemittel-
industrie und die „Bezugsvereinigung deutscher Landwirte‘, eine
Spitzenorganisation der landwirtschaftlichen Genossenschaften zu
Einkaufszwecken. Sie hat die Roggenpreise in Deutschland allmäh-
lich so stabilisiert, daß seit Oktober 1927 bis auf den heutigen Tag
der Roggen pro Tonne durchschnittlich 10 Mark höher im Preis
notiert als der Weizen, während er vor dem Kriege durchschnittlich
20 bis 30 Mark unter dem Weizen stand,

Angeblich soll die „Rationalisierung der Genossenschaften” die
starken Preisschwankungen auf dem Agrarmarkf
verringern, Da gerade der kleine Bauer unter diesen Konjunktur-
schwankungen, die seit dem Kriege stark zugenommen haben,
empfindlich leidet, ist er für diese Argumente besonders zugänglich.
Wie steht es damit?

Was die Saisonschwankungen auf dem Lebensmittel-
markte anbelangt, so ist ihre Bekämpfung vom Standpunkt der
arbeitenden Bauern nicht so sehr eine Frage der Marktbeobachtung,
Einrichtung von Sammellägern und Konservenfabriken, sondern
wesentlich eine Frage der verbesserten Produktionstechnik, also der
Meliorationen, Rassen- und Sortenzucht sowie der Berufsberatung und
der Wirtschaftsbeihilfe für die kleinen Landwirte: So lassen sich zum
Beispiel die saisonmäßig auftretenden sogenannten „Milch-
schwemmen“, aber auch die Perioden der Milchknapp-
heit durch planmäßige Verteilung der Kalbzeiten bei den Kühen,
sowie durch entsprechende Fütterung, Rassenauswahl und so weiter
auf ein Minimum reduzieren, Ebenso ist es möglich, die saison-
mäßigen Preisschwankungen auf dem Schweinemarkte, insbesondere
auch. den vom Institut für Konjunkturforschung festgestellten etwa
Vierjährigen Schweinepreiszyklus, durch geeignete Maßnahmen zu
beeinflussen, zum Beispiel dadurch, daß die Mittel des Notprogramms
den kleinen und kleinsten Schweinehaltern zugeführt werden, um
ihnen die Möglichkeit zu geben, durch Konservierung ihrer Kar-
toffeln (Einsäuerung) die Aufstellung von Schweinen über das Jahr
hin besser zu verteilen, Auch auf dem Eiermarkte lassen sich ge-
Wisse Erfolge durch Beeinflussung der Hühnerhaltung erzielen.

Aber den kapitalistischen Produzenten liegt an einer
Solchen Bekämpfung der saisonmäßigen Preisschwankungen außer-
ordentlich wenig, da das eine „Stabilisierung der Preise‘ nicht nur
zugunsten der Verkäufer, sondern auch der Käufer bedeuten würde.
Es würden nicht nur die Preisstürze gehemmt, sondern auch die
Preissteigerungen. Die kapitalistischen Produzenten haben ein viel
größeres Interesse daran, daß die Perioden der Knappheit beibe-
halten werden und das saisonmäßige Ueberangebot in Dauerware
verwandelt und exportiert wird. Das nennt, man dann „Entlastung
        <pb n="33" />
        des Marktes‘, Die Genossenschaftsverbände erweisen sich auch in
dieser . Beziehung nicht als Interessenvertretungen der werktätigen
Bauernschaft, sondern der kapitalistischen Agrarunternehmer,

Ein wichtiger Faktor für die „Ueberlastung der Märkte‘ ist üb-
rigens die Notlage der kleinen und kleinsten Landwirte, Auf dem
Viehzentralmarkt in München wie auch auf allen anderen großen
Viehmärkten sind es nicht die Schlachttiere erster Klasse, die
„überständig‘ bleiben, sondern die zweiter und dritter Klasse, also
das Vieh des kleineren und mittleren Bauern, Nicht der kapitalisti-
sche Großlandwirt, sondern der selbstarbeitende Kleinlandwirt ist
es, der im kapitalistischen Staate durch unzählige Steuer-, Pacht-
und Schuldzins-Verpflichtungen sowie Warenschulden gezwungen
ist, seine Ueberschüsse gleich nach der Ernte, also zur Zeit des nied-
rigsten Preisstandes, oder sein Schlachtvieh noch vor erzielter
Schlachtreife auf den Markt zu werfen. Ja, diese Notlage zwingt in
vielen Fällen sogar dazu, von den geringen Vorräten mehr zu ver-
kaufen, als der Bauer entbehren kann, so daß er im Frühjahr die-
selben Produkte, die er im Herbst verkaufte, zu Preisen zurück-
kaufen muß, die die Spekulation inzwischen hochgetrieben hat.
Steuersenkung, Herabsetzung der Pachtzinsen, wirklich billige und
langfristige Staatskredite, Versorgung mit verbilligten Produktions-
mitteln, zinslose Beleihung der bäuerlichen Erntevorräte und des
Viehstapels könnten hier ein wichtiges Mittel werden, um Ueber-
angebote auf dem Markte zu verhindern, Statt dessen führen die
großagrarischen Landwirtschaftskammern mit Hilfe der großen Ge-
nossenschaftsverbände den „Markenschutz‘ für Qualitätsware und
das System der „Qualitätsbezahlung“ ein, d, h, sie steigern die Diffe-
renzierung zwischen den Produkten der kapitalschwachen arbeiten-
den Landwirte und der kapitalstarken Großlandwirte.

Standardisierung ohne Produktionshilie für den kleinen Land-
wird bedeutet nur Erhöhung der Profite der Agrarkapitalisten,

Kapitalistische Standardisierung bringt auch den konsumierenden
Arbeitermassen keinerlei Vorteile, da die Standardware ja eben des-
halb eingeführt wird, um höhere Preise zu erzielen, die der Arbeiter
nicht bezahlen kann. Markenmilch, Markenbutter, Markenkäse,
„Deutsches Frischei” — sie alle sind für den zahlungskräf-
tigen Bourgeois bestimmt. Sehr bezeichnend ist der Hinweis
der Deutschen Ernährungsausstellung in Berlin; wonach in Däne-
mark, dem für die deutschen Agrarkapitalisten vorbildlichen Lande
der Standardproduktion, der Margarinekonsum viel höher als in
Deutschland ist, obwohl oder eben weil Dänemark der größte Butter-
exporteur der Welt ist. Auf Kosten der arbeitenden Massen in Däne-
mark wird die dänische Markenbutter ins Ausland exportiert, Die
Deutschen Landwirtschaftlichen Genossenschaftsverbände erstreben
planmäßig dasselbe System.

Die spekulativen Preisschwankungen -— zumindest auf dem
Inlandsmarkte — könnten weitgehend ausgeschaltet werden durch
Herstellung eines. umfassenden direkten Warenverkehrs
zwischen den bäuerlichen Genossenschaften und den pDroletarischen
        <pb n="34" />
        Konsumvereinen. Dieser Warenverkehr müßte auf festen sowohl ört-
lichen wie zentralen Lieferverträgen und Kreditabmachungen be-
tüuhen. Aber auch hier stehen die Interessen der Arbeiter und
kleinen Bauern im Widerspruch 'zu den Großagrarierinteressen.
In den ministeriellen Richtlinien für die Organisation des Absatzes
landwirtschaftlicher Erzeugnisse und von Schlachtvieh, wie auch in
den Richtlinien zur „Rationalisierung der Genossenschaften‘ sind
an Absätze enthalten, die die Verwendung der bereitgestellten
ittel
„auch zur Organisation und Förderung des direkten Absatzes
von Schlachtvieh und Fleisch zwischen Erzeuger- und Ver-
brauchergenossenschalten“
ermöglichen sollen, Diese Absätze stehen jedoch nur auf dem Pa-
Dier, Weder die reformistischen Konsumvereinsführer, noch die
Sroßagrarischen Genossenschaftsverbände haben irgend welche
Schritte eingeleitet, um Mittel für diese Zwecke anzufordern und
Verträge abzuschließen: Einzig und allein der Reichsbauern-
bund, eine dem Internationalen Bauernrat angeschlossene Organi-
sation kleinerer und mittlerer Landwirte, hat in einem ausführlichen
Manifest an die großen Genossenschaftstagungen, die vom 18.—20,
Juni 1928 in Königsberg und in München sattfanden, auf die hier
Skizzierten Probleme hingewiesen und entsprechende Forderungen
aufgestellt. Worauf die großagrarischen Genossenschaftsführer und
die bürgerlichen Regierungen Wert legen, ist das genaue Gegenteil;
Ausbau der landwirtschaitlichen Genossenschaiten zu preisdiktie-
tenden Monopolorganisationen, Vereinheitlichung des Einkaufs und
Verkaufs in zentralen Spitzenverbänden, Beherrschung der börsen-
mäßigen Spekulation an den großen Getreide- und Viehbörsen nach
dem Vorbild des kanadischen Weizenpools, Forcierung des

Exports, auch mit Mitteln der Schleuderausfuhr,

Alle bisher zur „Rationalisierung der landwirtschaftlichen Ge-
Nossenschaften‘‘ getroffenen Maßnahmen liegen in dieser Richtung,
So wurde. Mitte Juni 1928 in Berlin die Reichsviehverwer-
tung G, m. b. H, mit Mitteln des Notprogramms gegründet, Ihre
Aufgabe ist, die „Förderung und Zusammenfassung des :genossen-
schaftlichen Viehabsatzes durch Marktbeobachtung im In- und
Ausland, organisatorische Beratung und Einwirkung zur Verhütung
des Wettbewerbes auf den einzelnen Märkten‘, Die letzten Worte
sind das Entscheidende und zeigen das Ziell „Verhütung des
Wettbewerbes“ ist das Leitwort aller industriellen Kartelle
und Syndikate, ist heute auch die Parole der. vom großen Agrar-
kapital geführten landwirtschaftlichen Genossenschaftsverbände.
Für den Arbeiter bedeutet das Teuerung der Fleischpreise und zwar
Ohne daß dem kleinen Bauern damit geholfen wäre, dem der Kapi-
talist den kleinen Mehrerlös gleich wieder in Form erhöhter Futter-
Mittel. und Industriewarenpreise aus der Tasche zieht.

Wie die bürgerliche Presse Mitte Juli mitteilte, ist die Ver-
Schmelzung der Landbundgenossenschaiten mit dem Reichsverband
landwirtschaitlicher Genossenschaften so gut wie perfekt, (Von
721
        <pb n="35" />
        rund 40000 landwirtschaftlichen Genossenschaften umfaßt der
Reichsverband allein schon etwa 26000, der Landbund etwa
2000, der Raiffeisenverband rund 9000.) Das ist der zweite wichtige
Schritt zum agrarkapitalistischen Monopol. Die Eini-
gung ging um so.leichter, als der Fonds von 25 Millionen Mark alle
besonderen Ausgaben für die Liquidation der unhaltbar gewordenen
Einrichtungen und Anstalten, für Zusammenlegungen und Ausver-
käufe glatt deckt. Die Verschmelzung der Landbundgenossen-
schaften mit dem Reichsverband wurde schon vor Jahren ange-
strebt, Damals scheiterten die Verhandlungen an den, sagen wir
‚undurchsichtigen‘ Verhältnissen in den Landbundgenossenschaften.
Jubelnd teilt die „Deutsche Tageszeitung‘ mit, daß jetzt „die Ver-
hältnisse der Landbundgenossenschaften klarliegen”.

Zwischen dem Raiffeisenverband und dem Reichsverband be-
stehen offenbar noch ernste Differenzen, Auf den großen Tagungen
der beiden Körperschaften am 20, Juni in München und Königsberg-
Ostpreußen wurde mit keinem Wort auf die Verschmelzung hinge-
wiesen, Man begnügte sich, vor allem in München (Reichsverband)
mit einem Protest gegen staatliche Bevormundungsversuche, Man
möchte die bewilligsten Gelder nach eigenem Gutdünken ver-
brauchen. .
Insbesondere hat die Absicht des neuen Direktors der Preußen-
kasse, Klepper, eine schärfere Kontrolle über die kredit-
nehmenden Genossenschaften auszuüben,  verstimmt. Es besteht
aber kein Zweifel, daß der genossenschaftliche Einheitsverband auf
dem Marsche ist, zumal das große Finanzkapital, das die genossen-
schaftlichen Banken und Warenanstalten finanziert, darauf drängt.
Auch die Regensburger Zentralgenossenschaft des
Dr. Heim, die den Bayrischen Bauernvereinen und der Bayrischen
Volkspartei nahesteht, hat noch Einwendungen gegen den Einheits-
verband. Auf der Herbsttagung der Vereinigung deutscher Bauern-
vereine erklärte Dr. Heim, es müsse verlangt werden, daß der Betrag
zur Unterstützung der Genossenschaften, die im „Notprogramm” auf
25 Millionen Mark festgesetzt ist, auf 100 Millionen Mark erhöht
werde. Die Bauernvereine lehnten jedoch den Gedanken ab, die
Rationalisierung nur in einer Zentralisierung zu sehen. Es handelt
sich hierbei um den Konkurrenzneid der einzelnen Führer, die zwar
das Reichsgeld nehmen, sich aber nicht der Hegemonie des großen
Reichsverbandes, die im Einheitsverbande natürlich kommen müßte,
unterwerfen wollen.

Für die Arbeiterschaft und kleinen Bauern bedeutet das Lebens-
mittelmonopol der genossenschaftlichen Spitzenverbände, die ganz
und gar Organe des großen Agrarkapitals sind, nichts als steigende
Teuerung, Preisstabilisierung nach oben. Erst im revolutionären Ar-
beiter- und Bauernstaat wird der genossenschaitliche Einheits-
verband das große Mittel des ökonomischen Bündnisses der Arbeiter
und Bauern.
        <pb n="36" />
        e) Expansionspolitik des Agrarkapitals
Zum „Notprogramm' im weiteren Sinne gehören zwei Maß-
nahmen, von denen die eine ohne viel Aufsehen durch ein scheinbar
sehr nebensächliches Gesetzlein im Reichstag — nur die Kommu-
nisten hoben sofort die weittragende Bedeutung dieses Gesetzes her-
vor — getätigt wurde, die andere im preußischen Landtag und in
der Presse viel Staub aufwirbelte. Es handelt sich um das Gesetz
zur Erweiterung des Tätigkeitsbereichs der Ren-
tenbankkreditanstalt vom 31, März 1928 und um die Er -
höhung des Stammkapitals der Preußischen Zen-
tralgenossenschaftskasse (Preußenkasse) von 45 Millio-
hen auf 175 Millionen RM. Die „Preußenkasse‘ ist juristisch zwar
immer noch ein öffentlich-rechtliches Unternehmen für die landwirt-
schaftlichen und gewerblichen Genossenschaften Preußens, ist aber
in Wirklichkeit längst zum zentralen Kreditinstitut der landwirt-
schaftlichen Genossenschaften im ganzen Reich emporgewachsen.
Der erbitterte Streit, der einige Wochen lang zwischen Deutsch-
nationalen und Preußenregierung tobte, und in dem alle Hilfskräfte
der Junker, vom Deutschen Landwirtschaftsrat bis zum .Zentral-
verband der deutschen Bankiers und Bankeri mobilisiert wurden,
Sing nicht um die Frage der Anteilserhöhung — damit waren alle
Seiten einverstanden — sondern um die Art der Verwendung dieser
Gelder, d. h, um den Posten des Präsidenten der Preußenkasse, um die
Besetzung von Direktorium und Verwaltungsrat, um die sogenannten
„Minderheitsrechte‘“ der landwirtschaftlichen Genossenschaften, die
mit nur 15 Millionen Mark Anteilen den 160 Millionen der Preußen-
tegierung gegenüber ihre Lage als „hoffnungslos” schilderten. Hinzu
kam der Plan des neuen Präsidenten der Kasse, des früheren Leiters
der Preußischen Domänenbank, Klepper, der eine scharfe
Kontrolle der Darlehensgewährung und -Ver-
Wendung bis hinunter in die letzte Genossenschaftskasse und in
den einzelnen Betrieben organisieren wollte. Auch hier ging der
Streit weniger um das Prinzip der Kontrolle — das Finanzkapital
fordert diese Kontrolle kategorisch als Voraussetzung. weiterer Kre-
ditschübe — als um die Autonomie derGenossenschafts-
Verbände, die selber ‚diese Kontrolle ausüben wollen. Wie
vorauszusehen, schloß in letzter Stunde die Preußenregierung mit
den Rechtsparteien und dem Junkerkapital ein Kompromiß, wonach
an der Zusammensetzung des engeren und erweiterten Ausschusses
der Preußenkasse vorläufig nichts geändert wird, der maßgebende
Einfluß des Agrarkapitals also gesichert ist, dagegen die Verwaltung
nach kaufmännischen Prinzipien umgestellt wird, Damit wurden
Wichtige finanzielle Voraussetzungen der landwirtschaftlichen Ratio-
Nalisierung und Industrialisierung sowie der Entwicklung zum
agrarkapitalistischen Monopol geschaffen,‘ Der Widerstand der
Junker hatte zum vollen Erfolg geführt.
_ Sehr bald sollte sich der überraschten Oeffentlichkeit zeigen, wO-
hin das Agrarkapital hinaus wollte, und wofür nicht nur die Renten-
        <pb n="37" />
        bankkreditanstalt, sondern auch die von der preußischen Koa-
üitionsregierung so freigebig bedachte Preußenkasse benutzt werden
sollten. Die erste große Aktion, die die reorganisierte Preußenkasse
zusammen mit der in ihrem Tätigkeitsbereich erweiterten Rentenbank-
kreditanstalt unternommen hat, war der Ankauf der Getreide-Indu-
strie und Commissions A,G. des Scheuerkonzerns, Daß es sich
hierbei im Gegensatz zu den Behauptungen des „Vorwärts“ nicht um
zinen Akt der Staatskontrolle über die Mühlenindustrie, sondern im
wesentlichen um ein privates Geschäft des Agrarkapitals und der
mit ihnen verbündeten Großbanken handelt, geht aus der offi-
ziösen Notiz des neuen Reichsernährungsministers Dietrich-Baden
in der „Neuen Badischen Landeszeitung‘ klar hervor, Die „zustän-
dige Stelle“ stellt hier ausdrücklich fest, daß die Beteiligung der
Preußenkasse und der Rentenbankkreditanstalt als ein „privatwirt-
schaftliches Geschäft‘ der beiden Institute zu betrachten sei, „auf
das dem Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft ein
direkter Einfluß nicht zusteht,‘ Gewiß habe das Reich eine. „Auf-
sichtsbefugnis‘ über die Rentenbankkreditanstalt, allein der Reichs-
minister habe von dem ganzen Geschäft erst erfahren, als es un-
mittelbar vor dem Abschluß stand. Der Reichsminister erklärt, er
habe dann wenigstens noch dafür gesorgt, daß „bei der endgültigen
Abwickelung und der Gestaltung der Organisation einseitige In-
teressen hintangehalten wurden,“

Natürlich sucht der Minister, nachdem er seinem deutschnatio-
nalen Vorgänger diesen kleinen Seitenhieb verabreicht hat, die Ge-
lährlichkeit dieses agrarkapitalistischen Vorstoßes dadurch zu ver-
schleiern, daß er behauptet, jetzt sei durch den Uebergang der
Aktienmehrheit von den Großbanken auf die beiden halbamtlichen
Institute die Garantie geboten, „daß weder die Produzenten- noch
die Konsumenteninteressen allein zur Geltung kommen‘, Dies
letztere ist natürlich eine demokratische Fabel, die um so freudiger
von den Sozialdemokraten nachgebetet wird, als deren Preußen-
minister sich von den gerissenen Bankiers und Junkern haben glän-
zend übers Ohr hauen lassen,

Schon die Tatsache, daß der demokratische Minister die Ge-
treidegroßhändler beruhigen zu müssen glaubt, indem er ihnen ver-
sichert, daß auch der Handel nach wie vor bei der Belieferung der
Großmühlen herangezogen werden soll, beweist, daß es sich bei
diesem Geschäft um eine monopolistische Machtsteigerung des in
den landwirtschaftlichen Genossenschaftsverbänden und den ihnen
nahestehenden Bankinstituten konzentrierten Agrarkapitals handelt,
Der „Börsen-Courier” sprach denn auch am 11. Juli von einem
„geschlossenen Weg‘ für Getreide vom Erzeuger. bis zum Weiter-
verarbeiter, Er drückte zwar gleichzeitig die Hoffnung auf eine
„Stabilisierung‘ der Getreidepreise und ein Sinken der Einfuhr
aus, mußte aber zugestehen, daß verschiedene der Scheuergruppe
nicht angehörige Mühlen, vor allem im Westen, eine „Zwangs-
kontingentierung‘ als nächsten Schritt befürchteten.
        <pb n="38" />
        Sozialdemokratische Staatssozialisten und —deutschnationale
Junker sind anläßlich dieser Transaktion in eine eigentümliche Ein-
heitsfront geraten. Den Angriffen des Handelskapitals und der
örivaten Großmühlen gegenüber, die von „kalter Sozialisierung‘ und
„Uebergriffen der öffentlichen Hand‘ reden, verteidigen beide den
Aufkauf des Scheuer-Konzerns durch die Rentenbankkreditanstalt
und‘ die Preußenkasse. Während aber die Sozialdemokraten den
Erwerb als einen Akt staatssozialistischer Planwirtschaft preisen,
weisen die Deutschnationalen genau das Gegenteil nach, So schrieb
die „Deutsche Tageszeitung‘ vom 26, 9:

„Wenn die Rentenbankkreditanstalt als freie landwirtschaftliche

Zentralbank ein Geschäft eingeht, so wird.man ihr kaum sozialistische

Tendenzen unterschieben können.‘
Interessant ist die Tatsache, daß auch das Düngemittel-
Kapital an dem Mühlentrust beteiligt ist und man den Arbeiter-
konsumvereinen den Vorschlag gemacht hat, 20 Prozent der Aktien
zu übernehmen. Das soll nach reformistischer Ansicht wohl eine
Sicherung gegen einseitige Preispolitik der Agrarkapitalisten sein.
In Wirklichkeit soll eine solche Beteiligung der GEG-Hamburg
die proletarischen Konsumvereine für den Getreide- und Mehl-
wucher der Großagrarier mit verantwortlich machen,

Daß tatsächlich der „Agrartrust“ das letzte Ziel ist, dem auch
diese Aktion dient, plaudert die „Deutsche Tageszeitung‘ in ihrem
Leitartikel vom 10. Juli offen aus. Die Scheuergruppe beherrschte
allein rund 60 Prozent der deutschen Einfuhr von Auslandsgetreide,
Der Plan der Scheuergruppe sei auf ein großes deutsches Mühlen-
kartell gerichtet gewesen, das nicht nur die Mehl-, sondern auch
die Getreidepreise, sowie die Einfuhr von Auslandsgetreide souverän
bestimmen sollte. Dieser Plan scheiterte zunächst an dem Wider-
Stand einiger westdeutschen Großmühlen, Scheuer gründete dann
den größten deutschen Mühlenkonzern, die Deutsche Mühlen-
Vereinigung A.-G, Seine Getreideindustrie- und Kommissions-
AG, (Scheuerkonzern) besitzt heute die Majorität der Aktien
dieser „Deutschen Mühlenvereinigung‘”, Die Deutsche Mühlenver-
einigung wiederum besizt die Aktienmehrheit einer großen Anzahl
Westdeutscher Mühlen, Die Tagesleistung der „Deutschen Mühlen-
Vereinigung“ ist ungefähr ebenso groß wie die Tagesleistung aller
übrigen deutschen Mühlenkonzerne zusammengenommen. Wer also
die Deutsche Mühlenvereinigung beherrscht, beherrscht auch den
deutschen Getreide- und Mehlmarkt.
® Diese beherrschende Stellung hat sich aber das Agrarkapital mit
ilfe der „halbamtlichen‘“ Banken gesichert. Die „Deutsche Tages-
Zeitung“ schreibt darüber in dem oben erwähnten Artikel:

„Ein solcher Konzern, dessen Ausdehnungsdrang unverkennbar ist,
muß "schließlich zu einer Marktbeherrschung führen, die für die
deutsche Landwirtschaft von der größten Bedeutung werden müßte,

„. Schon lange haben die großagrarischen Landbundführer das
Werden und Wachsen des Scheuerkonzerns beobachtet. Sie hatten
        <pb n="39" />
        es verstanden, den Staatssekretär a, D., Hagedorn als ihren Ver-
trauensmann an eine führende Stelle innerhalb des Konzerns zu
bringen. Auch der Direktor des Konzerns selbst, Georg Scheuer,
stand dem Plan der Agrarkapitalisten sympathisierend gegenüber.
Agrarkapitalisten und Scheuergruppe arbeiteten seit 1926 in der
„Deutschen Getreidehandelsgesellschaft“ eng zusammen. Dort
scheint der Plan ausgeheckt worden zu sein,

Da aber die „Deutsche Getreidehandelsgesellschaft‘” in ihrer Be-
wegungsfreiheit durch Gesetzesparagraphen gebunden ist, konnte sie
nicht ohne weiteres zu einer marktbeherrschenden Monopolgesell-
schaft ausgebaut werden. Es mußte also ein neuer, rein privat-
wirtschaftlicher Weg gesucht werden. Dafür war es notwendig, daß
zunächst die Rentenbankkreditanstalt ermächtigt wurde, außerhalb
ihres früheren Tätigkeitsbereiches, die sich auf Kreditgewährung be-
schränkte, an geschäftlichen Unternehmungen „im Interesse der
Landwirtschaft” teilzunehmen. Im Zusammenhang mit dem Not-
programm wurde der Rentenbankkreditanstalt diese Ermächtigung
gewährt. Die Erhöhung des Stammkapitals der Preußenkasse lieferte
die notwendigen Mittel,

Sowohl die Mühlenvereinigung wie die durch die Rentenbank-
kreditanstalt und die Preußenkasse vertretenen landwirtschaftlichen
Genossenschaftsverbände erhoffen: von der neuen Regelung große
Vorteile. Die „Deutsche Tageszeitung‘ schreibt u. a,:
„Für die Mühlenvereinigung aber stellt es einen außerordent-
lich großen Erfolg dar, daß ihr nun eine so große Organisation,
wie es der genossenschaftliche Getreidehandel ist, mit seinen Lager-
räumen zur Verfügung steht, In landwirtschaftlichen Kreisen wird ‚es
jedoch nur begrüßt werden können, daß nun mit Hilfe einer so großen
getreideverarbeitenden Organisation sich neue Möglichkeiten für
die günstigste Getreideverwertung ergeben, daß man vor
allem nicht mehr auf den Handel und die Mühlen ganz angewiesen ist,
sondern nun der Landwirtschaft auch hier eine Hilfsstellung geschaffen
worderi ist, durch die vornehmlich das Problem der Lombardie-
rung leichter gelöst werden kann,”

Wenn schon die Deutsche Getreidehandelsgesellschaft trotz be-
schränkter Mittel es in den letzten Jahren fertig brachte, die
Roggenpreise für die Dauer von vielen Monaten, vielleicht für eine
ganze größere Periode über das Niveau der Weizenpreise zu heben,
um wieviel mehr wird der neue gewaltige Mühlentrust in engster
Verbindung mit den großen landwirtschaftlichen Genossenschafts-
verbänden imstande sein, die Getreidepreise hoch zu treiben!

Daß dies und nichts anderes beabsichtigt ist, geht auch aus den
Angriffen hervor, die die „Deutsche Tageszeitung“ gegen den Ge-
treidehandel schleudert. Nach ihrer Meinung haben die Getreide-
händler eine unverhältnismäßig hohe Gewinnspanne in die eigenen
Taschen geleitet, indem sie die Erzeugerpreise drückten und den
Einkaufspreis für die Mühlen verteuerten. Diese Gewinnspanne
soll jetzt in die Taschen der Agrarier fließen! Das Wichtigste aber
sei der „Einfluß auf den Getreideaußenhandel‘, d, h. die Möglich-
keit. die. Einfuhr billigen Auslandsgetreides zu stoppen. Dies ist
        <pb n="40" />
        jetzt möglich, da der Getreideaußenhandel in der Hand der Mühlen-
vereinigung und ihrer Getreideimportgesellschaft fast monopolisiert
ist, Nicht allein die Verarbeitung, sondern auch die Ein- und Aus-
uhr von Getreide geht jetzt, wie die „Deutsche Tageszeitung”
jubelnd bemerkt, „in die Hände vonder Landwirtschaft
lahestehenden Bankinstituten über”. Und unter Be-
zugnahme auf das Beispiel des großen kanadischen Weizenpools
Schreiht sie:
„Wenn jetzt bei einem so großen Mühlen- und Getreidehandelskonzern
die landwirtschaftlichen Kreise maßgebenden Einfluß erlangen, so ist
damit ein Zielerreicht, von dem sich Wegenach dem’ ver-
schiedensten Richtungen eröffnen.”

So ist denn also überraschend schnell zur Wahrheit geworden,
Was die Kommunisten schon vor zwei Jahren bei Gründung der
Deutschen Getreidehandelsgesellschaft vorausgesagt haben, Mit
Hilfe staatlicher Subventionen aus den Taschen der Steuerzahler
(Rentenbankkreditanstalt und Preußenkasse arbeiten in der Haupt-
sache mit öffentlichen Geldern) wird ein privatkapitalisti-
sches Monopol auf dem Getreide- und Mehlmarkt geschaffen,
ein Monopol, das ungehemmt die Brotpreise hochtreiben und die
Wwerktätigen Massen auswuchern kann, Und dieser organisierte Ge-
treidewucher geschieht mit Unterstützung sowohl der Preußenregie-
tung, als auch der neuen Reichsregierung, mit Unterstützung also
der Sozialdemokraten.

IV.
Der innere Prozeß der Rationalisierung
Die neue Phase der kapitalistischen Landwirtschaft in Deutsch-
land hat bereits eine Reihe charakteristischer Veränderungen sowohl
in‘ der Struktur der Betriebe, wie in der Organisätion der Wirtschaft
hervorgerufen. Man ist aus dem Stadium der Studienkommissionen
und Diskussionen, wie sie 1925 und 1926 lebhaft gepflegt wurden,
herausgekommen und hat neue Wege in der Praxis beschritten. Wir
können diese neuen Wege hier nur kurz andeuten,

a) Verschärfle Ausbeutung
Wie in der Industrie, so haben auch die Unternehmer in der Land-
Wirtschaft die „Rationalisierung“ mit der verschärften: A u s-
beutung der menschlichen Arbeitskräfte begonnen, Bei einer
außerordentlich geringen Steigerung der Nominallöhne um etwa
10 Prozent ist die Arbeitsleistung zum Teil, so auf vielen Gütern
Mitteldeutschlands, um 25—30 Prozent der Vorkriegsleistung .ge-
steigert worden. Diese erhöhte Arbeitsleistung wird erzielt weniger
durch Arbeitszeitverlängerung — die Landarbeitsordnung läßt schon
Seit 1919 10-—12stündige Arbeitszeiten im Sommer zu —. als
        <pb n="41" />
        durch die Einführung des Akkordsystems, der Prämien und
„Leistungs‘löhne, der Rohertragstantiemen, der Lohnabzüge für un-
genügende Leistung, der Anwendung der Stoppuhr bei bestimmten
maschinellen Tätigkeiten und des Kilometerzählers an der Drill-
maschine. Diese neuen industrialistischen Methoden werden mit
den alten rohen Methoden halber Leibeigenschaft, wie Hofgänger-
system, Familienzwangsarbeit, physischer Terror, organisch zu einem
Ganzen verbunden. Dazu kommt die sogenannte „Landarbeits-
forschung”, die genaue experimentelle Feststellung der geeignetsten
Werkzeuge, Maschinentypen und nicht zu vergessen der Körper-
bewegungen des Arbeiters. Es bedarf nur der Erwähnung, daß
Regierung, Parlamente, staatliche und kommunale Behörden mit
allen Mitteln der Ausnahmegesetzgebung und Ausnahmeverord-
nungen bestrebt sind, die landwirtschaftlichen Arbeiter zugunsten
der rationalisierenden Junker an’ die Scholle zu binden, Man nennt
das „Bekämpfung der Landflucht“. (Näheres siehe VI, Rationali-
sierung und Landarbeiterschaft!)
b) Mechanisierung
Die Mechanisierung und Motorisierung der Land-
wirtschaft wurde zunächst ziemlich planlos und übereilt mit Hilfe
der großen Rentenbankkredite in Angriff genommen. Nach dem Zu-
sammenbruch des Kahn-Konzerns, der auf Veranlassung des
Reichsernährungsministers Graf Kanitz Motorpflüge gegen Wechsel
geliefert hatte — die Wechsel wurden von den Junkern nicht ein-
gelöst —, beschritt man andere Wege. Im Sommer 1926 trat mit
Reichshilfe eine besondere „Finanzierunsgesellschaft
für Landkraftmaschinen A,-G,” (sog. Traktorbank) ins
Leben und. nach längeren Vorbereitungen Ende 1927 das Kura-
torium für Technik in der Landwirtschaft, das mit
Reichsmitteln eine besondere Versuchsanstalt zur Gewinnung von
Mustertypen — nur für Betriebe über 50 Hektar! — und eine Fahr-
schule in Zeesen bei Wusterhausen in der Nähe von Berlin unter-
hält. Solche Fahrschulen für landwirtschaftliche Motorführer sollen
mit der Zeit in jeder Provinz aufgemacht werden.

In welchem Ausmaß der Benzin- oder Leichtölmotor
menschliche oder tierische Arbeitskraft zu ersetzen vermag, zeigt
die Tatsache, daß ein einziger 5-Tonnen-Lastkraftwagen die Arbeit
von 5 schweren Pferdegespannen leistet. An Stelle von 5 Kutschern,
10 Pferden und 5 Wagen tritt ein Chauffeur, ein Mitfahrer und
ein Motorwagen, Die Verwendung von Motorlastwagen ist
in der deutschen Landwirtschaft noch verhältnismäßig gering, doch
stieg die Zahl im Jahre 1925/26 von 2230 auf 2430, also um rund
10 Prozent. Dabei ist zu bemerken, daß nur Betriebe mit mindestens
500 Morgen Fläche für solche Wagen in Betracht kommen und es
nur rund 16 000 solcher Betriebe in Deutschland gibt.

Auch die Elektrifizierung der Landwirtschait wurde zunächst
unsvstematisch und fehlerhaft in Angriff genommen. Es wurden
        <pb n="42" />
        massenhaft ländliche Elektrizitätsgenossenschaften ins Leben ge-
rufen, zum Teil mit eigenen kleinen Kraftanlagen, Viele gingen
wieder ein oder wurden zusammengelegt, Die Genossenschafts-
statistik gibt kein brauchbares Bild über diese Entwicklung. Einen
gewissen Anhalt gibt die Tatsache, daß 1926 in Brandenburg den
Elektrizitätsgenossenschaften bereits 21 000 Mitglieder angeschlossen
waren. Der Stromverbrauch stieg von 5018 979 Kilowattstunden in
1925 auf 6183 178 Kilowattstunden in 1926, also um 22. Prozent.

Im ganzen waren 1925 vorhanden 703237 Betriebe, welche
Kraftmaschinen (Antriebskraftmaschinen und Kraftfahrzeuge)
verwenden. Im Klein- und Mittelbetrieb bis zu 50 Hektar über-
wiegen die Elektromotoren {zum Dreschen, Häckselschneiden,
Pumpen) — also sogenannte Sekundärkraftmaschinen. (Ueber
600000 dieser Betriebe haben Elektromotoren.) In den Groß-
betrieben über 50 Hektar, vor allem in den Großbetrieben über
200 Hektar, werden die Dampfmasc hinen, daneben natürlich
auch Elektromotoren und Leichtkraftmaschinen und Elektrogenera-
toren verwendet. 59,9 Prozent aller Großbetriebe über 200 Hektar
benutzen Dampfmaschinen, Nicht mit Unrecht erklärte Brauer auf
der Tagung des Verbandes der Deutschen Landmaschinenindustrie in
Dortmund 1927; „Landwirtschaft ist in allen ihren Verrichtungen
Technik schlechthin.”

Die Entwicklung der Anwendung mechanischer Kraft
in der deutschen Landwirtschaft geht aus folgenden Zahlen hervor:
Betriebe mit: 1907 1925
Sämaschinen aller Art 257 463 543 705
Mähmaschinen ‚ ss 270 340 938 926
Kartoffelerntemaschinen 10.283 175 949
Hackmaschinen 13 404 135 388
Milchzentrifugen 304 595 ‚1419 847

Die Zahl der Dreschmaschinen verwendenden Betriebe ist mit
etwa 1,3 Millionen sich gleich geblieben. Die Zahl der Dampfpflüge
verwendenden Betriebe ist von 2239 auf 1618 zurückgegangen. dafür
werden aber mehr Motorpflüge verwandt.

In den bäuerlichen Klein- und Mittelbetrieben unter
20 Hektar hat die Verwendung von Sä-, Hack- und Mähmaschinen,
die durch tierische Kraft gezogen werden, in der genannten Zeit
wie folgt zugenommen: Während 1907 85 321 Sämaschinen in Klein-
betrieben verwendet wurden, betrug die Zahl 1925 317 357. Die
Steigerung war also 370 Prozent. Die Zahl der Hackmaschinen in
Kleinbetrieben stieg um 65273 auf 70128, also um. 1440 Prozent,
Die Zahl der Mähmaschinen in den Kleinbetrieben stieg um 448 220
auf 571 108, also um 460 Prozent. Die Zahl der Dreschmaschinen
Stieg von 313 609 auf 863 924, also um 160 Prozent, Die Zahlen be-
weisen, daß immer noch die große Mehrheit der etwa 2 Millionen
zählenden bäuerlichen Familienbetriebe ohne mechanische Kraft
sind. Insbesondere gilt dies für die Verwertung der Hackmaschinen.

Welche gewaltigen Ersparnisse der Großbetrieb durch die
richtige Verwertung mechanischer Kraft machen kann, zeigt die
        <pb n="43" />
        Tatsache, daß nach Aufstellungen von Dr, Ries die Kosten für
Jahresamortisation und Verzinsung einer Mähmaschine bereits ge-
deckt sind, wenn sie bei der Heuernte die bei verspätetem Schnitt
eintretenden Eiweißverluste auf zwei Hektar um 1 v, H, verringert,
Beim Trocknen des Heus kann vorzeitiger Regen Verluste von über
40 v. H, herbeiführen; erspart der Schwadenwender auf drei Hektar
nur 15 v. H.; so sind die Kosten für Amortisation und Verzinsung
gedeckt. Spart der Bindemäher auf 5 Hektar einen Körnerverlust
in Höhe der 1,5fachen Aussaat, so ist abzüglich der geringen Kosten
für Bedienung und Instandhaltung alle weitere Ersparnis reiner
Gewinn,

Nach den obenerwähnten Erfahrungen Brauers wird heute erst
ler fünfte Teil der deutschen Anbauflächen neu-
zeitlichen Forschungsergebnissen entsprechend bestellt. Daher
kommt es, daß Musterbetriebe um 50 v, H. über dem
landesüblichen Durchschnitt liegende Erträg-
nisse ergeben, So ist z. B, die in Reihen stehende Drillsaat heute
in noch nicht einem Zehntel der Betriebe üblich — von der Einzel-
korndrillsaat ganz zu schweigen. Sorgfältige Versuche ergeben bei
Rübenanbau auf maschinell gefrästem und gehacktem Boden um
80 Prozent höhere Erträgnisse als auf dem nach landesüblichem
Verfahren gepflügten Boden. Schon 1925 stellte der Schriftleiter
Zander der Zeitschrift „Technik in der Landwirtschaft‘ fest, daß die
Beschaffung einer Sämaschine und einer Hackmaschine im Werte
von zusammen 560,— Mark sich bereits in 2 Jahren bezahlt mache,
wobei ein Zinssatz für die geliehene Kaufsumme von 15 Prozent ein-
gerechnet wird, Das Kapital für neue Hackmaschinen mache sich
schon dann in: einem Jahre bezahlt, wenn nur 20 Prozent der
deutschen Erntewerte um ein Zehntel gesteigert werden,

Die auf der Landwirtschaftlichen Wanderausstellung der De ut-
schen Landwirtschaftsgesellschaft in Leipzig (Juni
1928) gezeigten amerikanischen „Mähdrescher‘ werden in den land-
wirtschaftlichen Zeitungen allgemein. als der „Höhepunkt der Ma-
schinisierung des Erntebetriebes‘“ gepriesen. In der „Deutschen
Tageszeitung‘ vom 16, Juni 1928 schrieb Dipl-Ing, Bruno Victor:
„Der Mähdrescher ist an und für sich geeignet, die Erntekosten
auf ein Minimum herunterzubringen.‘ Bereits hat das „Reichs-
kuratorium. für Technik in der Landwirtschaft” erhebliche Mittel
zum Studium der Frage ausgeworfen, inwieweit diese amerikani-
schen Konstruktionen sich für deutsche Verhältnisse eignen.

Neben den Fragen, die sich mit der geringeren oder größeren
Verwendbarkeit, Haltbarkeit, Rentabilität der verschiedensten
Maschinensorten und -konstruktionen beschäftigen (Stahl-‘ oder
Holzsilos für Grünfutterkonservierung, Pflug oder Bodenfräse,
mechanischer Höhenförderer oder Preßluftförderer, Steinschrotmühle
oder Hartgußschrotmühle, Saugstriegel etc,), erweckte das höchste
Interesse der Agrarindustriellen der von den Siemens-Schuckert-
Werken ausgestellte Elektrohof und vor allem der „Stahl-
gutshof” des Stahlwerksverbandes Düsseldorf, Die Dachkon-
        <pb n="44" />
        struktionen dieses Stahlgutshofes bestehen aus U-förmig gepreßten,
ineinander beliebig verschraubbaren Stahlschienen und lassen sich
in ganz kurzer Zeit in beliebiger Länge und Spannweite ausführen,
Sie sind absolut feuerfest und ermöglichen die denkbar größte Aus-
nutzung des Raumes. Auch „Stahlhäuser‘ für ländliche Siedlungen
von 6000,— Mark an wurden gezeigt,

Von noch größerer praktischer Bedeutung ist die fortschreitende
Normung und Typisierung landwirtschaftlicher
Geräte! Es sind z. B, zurzeit in Hamburg und Berlin allein
24 Arten von Spaten in Gebrauch, In ganz Deutschland zählt man
etwa 2900 Modelle von Spaten und Schaufeln, Jetzt will man die
Zahl auf etwa 10 beschränken. An Stelle der zurzeit vorhandenen
400 Arten von Messerklingen für Mähmaschinen soll zukünftig eine
einzige hergestellt werden, Ebenso will man nur noch einen. ein-
zigen Finger für Grasmäher an Stelle der heute vorhandenen 150
Sorten konstruieren. Nicht nur die Landwirte, sondern auch der
Handel ist an dieser Normung stark interessiert. bedeutet er doch
sine wesentliche Verringerung der Lagerhaltung.
c) Agararwissenschaft
Von größter Bedeutung für die: Rationalisierung der Landwirt-
schaft sind die großen Fortschritte der chemischen Industrie
und der Pflanzenbiologie., Die durch die modernen
Düngungs- und Saatbeizungsmethoden erzielten Materialersparnisse,
Ertragssteigerungen sowie die Kürzung der Produktionsperioden
rechtfertigen das optimistische Urteil, das bereits Karl Marx über
die unbegrenzte Steigerungsfähigkeit der agrarischen Produktivkräfte
Sesprochen hat.

Während in den Jahren nach dem Kriege bis etwa Ende der
Inflation fast die gesamte Propaganda für die Anwendung künst-
lichen Düngers unter dem Einfluß des Stickstoff- und des Kali-
syndikates stand, infolgedessen einer rein quantitativen Steigerung
der Düngeranwendung das Wort geredet wurde *), ist in den letzten
Jahren eine deutliche Bewegung bemerkbar, die weniger Wert legt
auf große Düngergaben, als auf das richtige Verhältnis der
einzelnen Düngemittel (Stickstoff, Kali, Phosphor, Kalk),
zueinander. Die „Düngerwissenschaft‘” hat ‘als ‚eine der Ursachen
der immer noch gegenüber der Vorkriegszeit rückständigen Roh-
erträge des Feldbaues den Mangel an Phosphorsäure-Dünger fest-
gestellt. In der Tat ging infolge der Abtrennung Lothringens die
Phosphorsäure-Düngung in Deutschland zunächst katastrophal zu-
rück, nämlich von 550 000 Tonnen 1913/14 auf 138 000 Tonnen 1919/20.
Im Jahre 1926 auf 1927 erreichte die Phosphorsäuredüngung wieder

. *) Die Verwendung von reinem Stickstoff in den verschiedenen Ver-
dindungen stieg von 185 000 Tonnen im Wirtschaftsjahre 1913/14 auf 400 000
Tonnen im Jahre 1926/27, von Kali von 490 000 Tonnen im Jahre 1913/14.
auf 717000 Tonnen in 1926/27.
        <pb n="45" />
        die Höhe von 474000 Tonnen. Die Schwerindustrie macht große
Anstrengungen, die Erzeugung von Thomasmehl im Zusammenhang
mit der Kohle- und Eisengewinnung zu steigern, Zwischen den
einzelnen Düngerindustrien, die selber in einen scharfen Rationali-
sierungs- und Konzentrierungsprozeß verwickelt sind, herrschen
augenblicklich scharfe Konkurrenzkämpfe, und zwar um die Her-
stellung des sogenannten „Mischdüngers“,

Die großen, rationell wirtschaftenden Agrarunternehmer lehnen
den „Mischdünger” der Schwerindustrie jedoch ab. Sie unter-
scheiden scherzhaft zwischen „Nitrophoskaner und intelligenten
Landwirten‘, Einer der fortgeschrittensten großen Agrarunter-
nehmer Deutschlands, Schurig-Zeestow, schätzte die Zahl
dieser „intelligenten Landwirte” auf kaum 5 Prozent, Nur diese sind
über den Nährstoffbedarf ihres Bodens wirklich unterrichtet, Es
sind natürlich ausschließlich .kapitalistische Agrarunternehmer!
Welchen Vorsprung ihnen das aber gewährt, zeigen die wachsenden
Erfolge des Schurigschen Gutes am deutlichsten (vgl, hierzu:. Nieder-
schrift der 74, Sitzung über allgemeine Düngerangelegenheiten im
preußischen Landwirtschaftsministerium am 10, Februar 1928).

Die rationalisierenden Großagrarier erkennen immer besser die
große Bedeutung der wissenschaftlichen Bodenunter-
suchung als Voraussetzung rationeller‘ Düngung, Bahn
brechend in dieser Beziehung ist das Agrikulturchemische Institut
der Hochschule Weihen-Stephan in München vorangegangen, Die
chemische Untersuchung der Böden wird durch die Gründung von
besonderen. Bodenuntersuchungsvereinen- (z. B. der
„Mitscherlich-Vereine”, so genannt nach dem Namen des Agrar-
wissenschaftlers) und im Zusammenhang mit der Bewegung für die
Schaffung von „Versuchsringen‘“ energisch betrieben. Teil-
weise besorgen die Landwirtschaftskammern die Bodenunter-
suchungen direkt; so hat z. B. in Bayern die Bezirksbauernkammer
Wallersdorf als erste, eine wissenschaftliche Bodenuntersuchung in
ihrem ganzen Bezirke vorgenommen, Reich und Länder haben für
diese Aufgabe Mittel zur Verfügung gestellt, 1927 schrieb das
bayrische Landwirtschaftsministerium in einer Anweisung:

„Die überwiegende Mehrzahl der Landwirte ist über das Dünge-
bedürfnis ihrer Böden sowie deren Kalk- und Säuregehalt nicht unter-
richtet, Art und Mengen der zu verabreichenden Düngergaben werden in
den allermeisten Fällen gefühlsmäßig in Anlehnung an gewisse Rezepte
und Erfahrungen festgelegt. Sehr oft wird deshalb mit einem Nähr-
stoff Verschwendung getrieben und ein anderer dafür in zu geringer Menge
dem Boden zugeführt, sodaß die Wirtschaftlichkeit der Düngungen nicht
gesichert ist.”
Neben der Düngung mit Stickstoff, Kali, Phosphorsäure und Kalk
werden zurzeit auch Versuche angestellt mit Kohlensäuredüngung
und Torfdüngung, * Auch von Versuchen mit Düngungen durch elek-
trischen Strom, der in die Erde geleitet wird, ist berichtet worden.

Von nicht geringerer Bedeutung als die Düngerlehre ist die in
den letzten Jahren stark entwickelte Lehre von der Notwendigkeit
der Bodenbakterien für das Wachstum der Pflanzen. Im
        <pb n="46" />
        engen Zusammenhang damit steht der -Uebergang vom Pflug zur
Bodenfräse, d. h. vom Tiefpflügen zum mehr oberflächlichen Ritzen
der Erdoberfläche. Bakterienarme Böden werden mit künstlich ge-
züchteten Bakterien regelrecht gedüngt.
d) Viehzucht
In der Viehwirtschaft spielen die modernen Fütterungs-
methoden und die Zusammensetzung des Vieh-
(utters eine wachsende Rolle. Die Zusammensetzung des Futters
ist verschieden, je nachdem man Mastvieh oder Milchvieh heran-
zieht, Besonderer Wert wird darauf gelegt, daß neben den Kohle-
hydraten auch Eiweißstoffe, Vitamine und Nährsalze im richtigen
Verhältnis gegeben sind. Lebertranmittel werden bei der
Aufzucht des Kalbes gereicht, wodurch man Vollmilch spart. Zu-
sätze von Jod werden zur Bekämpfung der Unfruchtbarkeit bei
hoher Milchleistung gegeben. Auch Beigaben von Kalk, Phosphor-
säure und Eisen zur Trockennahrung, Beigaben von vitaminhaltigen
Hackfrüchten kommen für eine rationelle Viehzucht in Frage. Auch
die Vermehrung der „Kunstweide n‘ im Zusammenhang mit der
„Grünlandbewegung” gehört hierher, Welche gewaltige
Steigerung der Milchproduktion durch eine wissenschaftlich  orien-
lierte Fütterungstechnik in Verbindung mit der sogenannten
Leistungszucht erreicht werden kann, zeigen die Angaben der
Milchkontrollvereine,

Angeregt durch das Beispiel Nordamerikas, hat Anfang 1926 die
Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft die Einführung von „Sonder-
leistungsprüfungen” beschlossen, zu welchem Zwecke das
‚Deutsche Rinderleistungsbuch‘ geschaffen wurde. Das
„Deutsche Rinderleistungsbuch‘ ist eine vollkommen selbständige
Organisation, in deren Vorstand die Tierzuchtinstitute der Universi-
täten und Landwirtschaftlichen Hochschulen, ferner das Reich, der
Staat Preußen und ‚die Züchtervereinigungen vertreten sind. In
dieses Buch werden nur die Tiere aufgenommen, die a} von einer
von der D.L.G. anerkannten Züchtervereinigung abstammen, b) eine
Mindestleistung aufweisen, die bei Tieren von 5 und mehr Jahren
300 kg Milchfett in 365 Tagen beträgt, Für jüngere Tiere und
Höhenschläge vermindert sich die Anforderung. Besondere
„Leistungsinspektoren‘” nehmen die Prüfungen vor. In eigenen Ver-
suchsstationen wird der Fettgehalt festgestellt, wobei der Besitzer
genaue Unterlagen über die Fütterung einreichen muß, Die Organi-
sation hat mit ihrer Arbeit am 1, Oktober 1926 begonnen. Im
Oktober 1927 waren erst 203 Tiere in das Buch eingetragen, da die
Prüfungsergebnisse bewiesen, daß die deutsche Milchproduktion
„Sehr in der Erwartung“ zurückblieb.‘ Die einzelnen Spitzen-
leistungen freilich übertrafen angeblich „die kühnsten Hoffnungen“
(Dr. Bäßmann von der D. L. G. im Landwirtschafts-Funk). So
wurden Ergebnisse festgestellt von 11372 kg Milch mit 454,9 kg Fett,
und von 12012 kg Milch mit 424,2 kg Fett pro Jahr.
        <pb n="47" />
        Diese Einstellung auf besondere Rekordleistungen ist typisch für
die kapitalistische Rationalisierung der Landwirtschaft. Nur die
kapitalstärksten Betriebe können an einer solchen Rationalisierung
teilnehmen, während die große Masse der kleineren und mittleren
Bauernbetriebe immer weiter zurückbleibt.

Ueber die Methoden der Rationalisierung der Milcherzeugung
sibt die Denkschrift des preußischen Landwirt-
schaftsministeriums eingehende Auskunft, Es handelt sich
hierbei vor allem um die Förderung der Milchkontrollvereine, um
Leistungsprüfungen und um die Errichtung von Melkerschulen; alles
Maßnahmen, die auch im Notprogramm des Reichstages vorgesehen
sind. Am 1. Januar 1927 kontrollierten in Preußen 1745 Milchvieh-
kontrollvereine 640 518: Milchkühe- Diese Zahl ist im Verhältnis zu
der großen Masse der vorhandenen Milchkühe (17,9 Millionen im
Reiche laut Betriebszählung vom 1. Dezember 1927) außerordentlich
klein, Natürlich sind die kontrollierten Kühe in erster Linie Tiere
sroßbäuerlicher oder großagrarischer Betriebe. Die Statistik meldet,
daß in den bäuerlichen Kleinbetrieben von‘ 2,5 ha 1922 nur
2,01 Prozent der Milchkühe kontrolliert wurden. gegen 8,64 Prozent
in den bäuerlichen Mittelbetrieben von 5—20 ha, und gegen 48,87
Prozent in den kapitalistischen Betrieben zwischen 20 und 100 ha,
Dabei entfällt der weitaus größte Teil des gesamten Milchvieh-
bestandes auf die kleinen und mittleren Bauernschaften unter 20 ha
(laut Betriebszählung von 1925 65,52 Prozent aller Milchkühe). Die
Großbetriebe über 100 ha haben nur 11,49 Prozent,

Auch die Einführung der amerikanischen Fütterungsmethode er-
höht die Leistungsfähigkeit der Tiere ganz bedeutend. An Stelle der
noch in Deutschland üblichen Gruppenfütterung wendet der
rationelle Unternehmer die Einzelfütterung an, Durch alle
diese Mittel, die kombiniert werden müssen, hofft man ‚die Durch-
schnittsleistungen von 1800-—2000 Liter pro Jahr, wie das heute der
Fall ist, in kurzer Zeit auf 3300 Liter pro Jahr zu erhöhen, was dem
in gut geleiteten Kontrollvereinen bisher erzielten Durchschnitt ent-
spricht. Nach den Mitteilungen des Staatssekretärs a. D. Hagedorn
auf dem Bankett des Reichsgrundbesitzerverbandes am 22. März 1928
haben‘ einzelne führende Wirtschaften auf Grund der BEinzel-
Fütterung im Gegensatz zur Gruppenfütterung sogar Leistungen von
58,3 Liter pro Tag erreicht. Auch hier wieder der Kult der Spitzen-
leistung!

Auch bei der Schweinemast ist auf Grund der neuen
Fütterungsmethoden in Verbindung mit der Leistungszucht gelungen,
die Mastzeit auf 6 Monate herabzudrücken, während sie bisher nor-
mal 8—10, in kleinbäuerlichen und in, Zwergbetrieben oft bis zu
12 Monate beträgt. Die Schlachtausbeute pro Schwein soll gegen-
über 1913 durchschnittlich um 5 kg gestiegen sein. Auch hier sind
es die Großbetriebe, die sich alle Vorteile der Rationalisierung an-
eignen, Schon die letzte Schweinezählung im Dezember 1927 hat
ergeben, daß die Schweinehaltung in Deutschland vom Westen nach
dem Osten abwandert. d. h. aus den vorwiegend klein- und mittel-
        <pb n="48" />
        bäuerlichen Gebieten nach den vorwiegend großagrarischen Gegenden.
Für die Großagrarier bedeutet die fabrikmäßige Schweinemast die
rationellste Methode der Verwertung ihrer Kartoffeln und teilweise
auch ihres Roggens; dies um so mehr, da der Schnapskonsum in
Deutschland zurückgegangen ist und der synthetische Motoren-
Spiritus unverhältnismäßig billiger herzustellen ist, als der Spiritus
aus Kartoffeln. Mit welchen Methoden das Großagrariertum die
fabrikmäßige Schweinehaltung auf seinen Gütern einrichtet, zeigt
ein Arbeitsvertrag des Rittergutes Wiesa, Kreis Lauban in Schlesien,
der vom Liegnitzer „Landboten” veröffentlicht wurde, Auf dem
Gute werden jährlich 600 Schweine aufgestellt... Der Vertrag besagt:
„F. M. übernimmt die gesamte Wartung, Pflege und Fütterung der

auf dem Gute Wiesar, Dominium, befindlichen Schweine. Soweit er mit
der Arbeit allein nicht fertig wird, hat er sich die dazu notwendigen
Hilfskräfte ‚selbst zu halten. Ich behalte mir jedoch das Recht der Be-
stimmung vor, ob und inwieweit mir die Hilfskräfte genehm sind, Irgend
welche Ueberstunden gibt es für F, M., nicht, er. hat vielmehr ohne be-
sondere Anrechnung so viele Stunden zu arbeiten — wenn notwendig, auch
nachts —, als notwendig sind, daß die Schweineställe sich dauernd in
tadelloser Verfassung befinden .,. Etwaige dem M, angebotene Trink-
gelder hat er anzunehmen, jedoch abzuliefern.”

Der Uebergang der agrarkapitalistischen Unternehmer zur
tationellen Milchvieh- und Schweinehaltung in großem Maßstabe
bedeutet eine vollkommene Umwälzung der bisher ‚traditionellen
Arbeitsteilung innerhalb der Landwirtschaft zwischen Groß- und
Kleinbetrieben.,
e) Feldbau
Ganz neue Methoden des Getreidebaues, sowie der
Bodenbearbeitung und Aussaat werden zurzeit auf verschiedenen
Versuchsbetrieben mit ungeahntem Erfolg ausprobiert, Durch
besondere Sortenzucht ist es gelungen, auch auf sogenanntem
Roggenboden rentable Weizensorten zu erzielen, So erzielte man
auf dem Gute Grabow der Majoratsherrschaft Tost auf leichtestem
Sandboden bei normaler Düngung Weizenerträge von 12,53 Zentner
durchschnittlich pro M ha gegen 11,67 Zentner Roggen durchschnitt-
lich. (Auf gutem Lehmboden werden in den besten Jahren 16—17
Zentner Weizen pro % ha erzielt.)

Diese Tatsache ist um so bedeutsamer, als die Gründung der
deutschen Getreidehandelsgesellschaft im Frühjahr
1926 mit Staatsmitteln von den bürgerlichen Parteien, insbesondere
den agrarischen Vertretern, damit begründet wurde, daß eine Um-
stellung vom Roggenbau auf Weizenbau im Osten Deutschlands ent-
weder gar nicht oder nur in ganz geringem Umfange nötig sei. Die
Kommunisten haben damals als einzige Partei auf Grund der For-
schungsergebnisse der staatlichen Versuchsanstalt in Dahlem und
anderer Versuchsanstalten nachgewiesen, daß sehr wohl ein Weizen-
anbau auf Roggenböden heute möglich sei; mindest bis zum Umfang
von % der bisher mit Roggen bebauten Böden, Kaum war der
Roggen „valorisiert‘, so gingen viele Unternehmer auch schon zum
Weizenhau über.
        <pb n="49" />
        Zur Rationalisierung der Agrarbetriebe gehört auch die Ein-
lührung moderner Konservierungs- und Trocknungs-
methoden, insbesondere für Futtermittel. Die amerikanische
Methode der Grünfutterkonservierung in Silos ist in den
letzten 2—3 Jahren in den größeren Betrieben Deutschlands stark
in Aufnahme gekommen, Man nennt die Silos die „Sparbüchsen”
des Landwirtes. Mit Hilfe des Notprogramms soll nun auch die
Einsäuerung der Futterkartoffeln und die Kar-
toffeltrocknung in größerem Ausmaße als bisher durch-
geführt werden. Man hat berechnet, daß durch diese Methoden
Milliardenwerte an Futterstoffen gespart werden, die sonst infolge
Witterungseinflüsse, Fäulnis und Schwund verloren gehen. {Bis zu
Us der Kartoffelernte gingen bisher infolge Schwundes, Erfrieren etc.
verloren.)

Ein weiterer Schritt in der Rationalisierung der Landwirtschaft
ist die Spezialisierung, d. h. der gleichmäßige Anbau großer
Flächen mit ein und denselben Gewächsen, die Anlegung von Hühner-
farmen und ähnliches. So entstehen je nach Bodenklima, Verkehrs-
lage und Industrienähe‘ besondere Kartoffelwirtschaften, Zucker-
rübenwirtschaften, Gemüsewirtschaften, Eierwirtschaften, Abmelke-
wirtschaften, Schweinemastanstalten etc, Nach holländischem Muster
sind unweit Berlin 1926 viele tausende Quadratmeter Gemüseland
als‘ Frühkulturen eingeglast worden, Mit Hilfe der preußischen
Regierung wird das Wiesmoor in Ostfriesland zu einem Haupt-
gebiet für die fabrikmäßige Produktion von Früh-
gemüse umgewandelt, Laut Mitteilung des Landwirtschaftlichen
Genossenschaftsblattes vom 15, April 1928 soll es im Frühjahr 1928
gelungen sein, mit deutschem Frühgemüse auf den großen Märkten
von Köln, Aachen, Essen, Düsseldorf, aber auch in Paris und London
noch vor der holländischen Konkurrenz aufzutreten,

Im Zusammenhang mit der Errichtung von Spezialkulturen für
Gemüse und Obst sowie für Hackfrüchte steht auch die Ausdehnung
der Beregnungstechnik,

Der Typus der gemischten. Wirtschaft, der bisher in Deutschland
nicht nur in Kleinbetrieben, sondern auch in den kapitalistischen
Betrieben vorherrschte, wird durch diesen Prozeß mehr und mehr
auf die bäuerlichen Familienbetriebe und auf industrieferne Gegenden
mit ungünstigen Bodenverhältnissen und kurzem Sommer, strengem
Winter zurückgedrängt, In dem ersten Thünenschen Ring, d, h. in
der Nähe der großen Absatzmärkte, hat sich denn auch die Land-
wirtschaft schon ganz und gar von den jeweiligen Naturbedingungen
unabhängig gemacht, Vor’ den Toren der Großstädte sind vielfach
Landwirte mit nur wenigen Hektar Besitz bereits ausgesprochene
Kapitalisten. Durch Düngung und Meliorationen verwandelt sich
hier der landwirtschaftlich genutzte Boden immer mehr in Boden-
kapital.

Als Spitzenbetriebe, in denen die innere Rationalisierung und
[ndustrialisierung aber auch die Verbindung des rein landwirtschaft-
lichen Betriebs mit verarhbeitender Industrie und kaufmännischen
        <pb n="50" />
        Absatzorganisationen eine bemerkenswerte Höhe erreicht hat, seien
hier‘ genannt: das 12000 Morgen große Mustergut des. Herrn
Schurig-Zeestow — 5000 Morgen Flachs mit Flachsfabrik,
3500 Morgen Gemüse, 2000 Morgen Rüben etc.! —; die Aktiengesell-
schaft Gut Bütowin Mecklenburg, die 15 000 Brote täglich
liefert; das Gut Blunk in Popiollen, Ostpreußen, mit
Ställen für 2000 Schweine. In allen drei Gütern ist die Mechani-
sierung der Arbeiten, einschließlich der Fütterung, des Melkens etc,
auf den Höchstpunkt der heutigen Technik gebracht. Feldbahnen,
laufendes Band — zur Getreidelagerung, Heranbringen des zu-
bereiteten Futters —, maschinelle Stallreinigung und Weiter-
verarbeitung der Produkte an Ort und Stelle, eigene Absatzorgani-
sationen, alles ist vorhanden, Und was vom kapitalistischen Stand-
punkt aus entscheidend ist: die Güter arbeiten rentabel, die Leistung
pro Kopf des Arbeiters ist gewaltig gesteigert,
N Zusammenschlukbestrebungen
Aber die Rationalisierung macht nicht Halt. bei dem Einzelbetrieb,
Die Unternehmungsformen ändern sich. An Stelle des Einzelunter-
nehmers treten Aktiengesellschaften, Interessengemeinschaften,
Konzerne. Bereits am 31. Oktober 1926 bestanden in Deutschland
84 land- und forstwirtschaftliche Aktiengesell-
Schaften mit 77 Millionen Mark Kapital, davon waren 11 mit
27 Millionen Mark Kapital in Konzernen vereinigt.

Die Frage landwirtschaftlicher Syndikate und
Trusts ist mit der Zuspitzung der Kreditkrise im Herbst 1927 und
dem immer schärferen Drängen des Finanzkapitals auf Kontrolle
der Kreditverwendung zu einer Angelegenheit öffentlicher Dis-
kussion geworden. Die Debatte wurde durch das amtliche Organ
der ostpreußischen Landwirtschaftskammer eröffnet, Es wurden
Verschiedene Vorschläge gemacht. Während Dr. Spiller über eine
Interessengemeinschaft zum gemeinsamen Ein- und Verkauf und
eine Zentralisation der Genossenschaften nicht hinauswollte, ent-
Wickelte einer der führenden ostdeutschen Agrargroßunternehmer,
G. v, Janson, den Plan eines regelrechten Konzerns von Großgütern
ünter maßgebender Beteiligung einer Großbank, Er verwies hierbei
auf die bekannte Zuckerfabrik Klein-Wanzleben, der 10 Güter mit
rund 26 000 Morgen Land angehören. Für alle diese Güter werden
„Fruchtfolgen, Bestellungspläne, Ein- und Verkäufe von der Zentral-
verwaltung geregelt‘,

‚Janson sieht in dieser Konzernbildung geradezu
die Rettung aus der Agrarkrise und schreibt bei der
Gelegenheit seinen ewig notschreienden Berufskoöllegen folgendes
ins Stammbuch:
„Es ist ein zurzeit etwas verbreiteter Irrtum, daß von den Groß-
betrieben die intensivsten zugleich die illiquidesten und am höchsten ver-
Schuldeten seien. Man kann im Gegenteil feststellen, daß moderne
Großwirtschaften, die den Risikoausgleich auf halbindustrielle Neben-
betriebe ausdehnen und dabei eine planmäßige Bevorzugung gewisser
        <pb n="51" />
        Hauptprodukte betreiben, bei intensiver Wirtschaft erheblich besser da-

stehen, als sogenannte Normalwirtschaften.”

Der Plan Jansons ist bereits in Erfüllung gegangen. Seit dem
L. Januar 1927 besteht in Ostpreußen tatsächlich ein Ring von
16 Betrieben mit einer Gesamtfläche von 184 000 Morgen. Noch
st eine einheitliche Bewirtschaftung aller 16 Güter nicht. durch-
geführt, aber Einkauf und Verkauf ist einheitlich organisiert, eine
zentrale Beratung und Kontrolle besteht. Kredite werden gemein-
sam beschafft, Viehbestände und Saatgut werden ausgetauscht,
Außerordentlich bemerkenswert ist die Erklärung Jansons, daß für
solche Konzernbildungen natürlich nur Güter mit „mehreren 1000
Morgen‘ in Betracht kommen. Ein ähnlicher Konzern, halb land-
wirtschaftlich, halb industriell, ist die „Süddeutsc heZucker-
AG. Mannheim“. Sie ist der größte landwirtschaftliche Betrieb
Süddeutschlands und erstreckt sich über Bayern, Württemberg und
Baden, In Baden allein bewirtschaftet sie 3500 ha in 16 gepachteten
Großgütern (davon 6 starke und 9 standesherrlich), Außer Zucker-
rüben baut die Gesellschaft Hülsenfrüchte, Raps, Kartoffeln, Acker-
[rüchte, Ihr Viehbestand in Baden allein umfaßt 200 Pferde, 800 bis
1000 Stück Rindvieh und 300 Schweine, Sie betreibt drei‘ Bren-
nereien.

Na
Die Standardisierung
Ist schon die technische Rationalisierung innerhalb der Betriebe
zu 90 Prozent eine Angelegenheit der Großbetriebe und Großbauern-
wirtschaften, so ist dies in fast noch höherem Maße bei, der
Rationalisierung der Produktenverwertung, bei
der sogenannten Standardisierung der Fall. Die Herstellung garan-
tiert‘ einheitlicher Markenware in großen Massen und in höchstens
3 oder 4 Qualitätsstufen (Standards) verschafften der amerikanischen
Getreidewirtschaft, wie auch der holländischen und dänischen
Molkereiwirtschaft und Gemüsekultur ihre unbestrittene Ueber-
legenheit auf dem Weltmarkt. „Die dänische Butter überspringt die
deutschen Zollgrenzen‘, klagte der Reichsernährungsminister Schiele
im Haushaltsausschuß anläßlich der Beratungen zum Notprogramm.
Unter dem Zwange dieser Tatsache mußten sogar die ostelbischen
Junker erkennen, daß die wachsende Einfuhr ausländischer Marken-
ware nach Deutschland weder mit nationalistischem Geschrei („Eßt
Roggenbrot!“ — „Trinkt deutschen Wein!“ — „Kauft nur deutsche
Butter!“), noch mit erhöhten Schutzzöllen allein bekämpft werden
kann. Man mußte auch in Deutschland versuchen, den großen Vor-
sprung des Auslandes auf diesem Gebiete nachzuholen. Schon 1924/25
wurden daher Studienkommissionen vom deutschen Landwirtschafts-
rat und der deutschen Landwirtschaftsgesellschaft mit Reichshilfe
nach Dänemark, Holland und die U, S, A. geschickt, um die Methoden
der Standardproduktion und der Absatzorganisation zu studieren,
        <pb n="52" />
        Als erste hat die Schleswig-Holsteinische Landwirtschaftskammer
1926 die Standardisierung der Milchproduktion nach
Jänischem Muster in die Hand genommen. Es wurde zunächst eine
amtliche Buttermarke eingeführt, und zwar mit dem Erfolg, daß
die schleswig-holsteinische Markenware in kurzer Zeit die dänische
Butter vom Hamburger Markte vertrieb, Im vergangenen Jahre hat
die Kammer auch Bestimmungen für die Produktion und Ablieferung
von Markenmilch herausgegeben, Markenmilch wird in zwei
Qualitäten als Vollmilch und als Vorzugs- oder Kindermilch auf den
Markt gebracht. Diese Markenmilch steht von der Gewinnung im
Stalle ab bis zur Abgabe an den Verbraucher unter amtlicher und
ärztlicher Kontrolle. Am 1. Januar 1928 waren bereits 6860 ‚Kühe
angeschlossen. Für weitere 4000 laufen zurzeit die Prüfungen, Auch
diese Zahlen beweisen jedoch, daß die Masse der Milchviehhalter,
d.h, die kleineren und mittleren Bauern, diese Kontrollmaßnahmen
nicht mitmachen können, Die kleinen Betriebe bringen laut eigenem
Eingeständnis der Landwirtschaftskammer die „nicht unwesentlichen
Beträge‘ für die als Voraussetzung der Gewährung der Schutzmarke
geforderten Verbesserungen des Stalles, für die Einrichtung von
Milchkammern und Kühlvorrichtungen, Beschaffung von Flaschen
and Spülmaschinen etc. nicht auf,

Heute haben bereits eine ganze Anzahl der wichtigsten Land-
wirtschaftskammern besondere Standards (Qualitätsstufen) und
Schutzmarken für die von ihnen kontrollierte Qualitätsware ein-
geführt, ‘ So hat die Landwirtschaftskammer Dresden Anfang
des Jahres eine amtliche Butterprüfungsstelle eingerichtet, Bei
jeder angeschlossenen Molkerei werden jährlich 12 Butterprüfungen
vorgenommen. Auch in der Rheinprovinz hat die Landwirt-
schaftskammer Anfang 1928 beschlossen, Milchmarken heraus-
zugeben. Diese werden nur an Landwirte oder Molkereien verliehen,
die „über entsprechende Betriebseinrichtungen verfügen‘, Auch
hier also das Privileg kapitalkräftiger Großbetriebe, denn es ist klar;
daß die kontrollierten Molkereien ihrerseits wieder ihren Lieferanten
bestimmte Anforderungen stellen müssen und die Kleinbauernmilch
nicht als vollwertig anerkennen und bezahlen können, Da aber
nichts geschieht, um die kleinbäuerliche Produktion zu heben, so
wirkt auch hier im kleinbäuerlichen Rheinland der Markenschutz als
Prämie für die Großbetriebe,

Laut. Mitteilung des Landwirtschaftlichen Genossenschaftsblattes
{Organ des Raiffeisenverbandes) vom 30. April 1928 hat die Jahres-
versammlung „Allgäuer Butter- und Käsebörse” ein-
stimmig beschlossen: a) die Schaffung einer Buttermarke zunächst
für das bayerische und württembergische Molkereigebiet; b) Einrich-
tung von öffentlichen Butterversteigerungen; c) Zusammenarbeit der
„Allgäuer Butter- und Käsebörse‘ als Versuchsorgan der staatlichen
Behörden für die Standardisierung mit den milchwirtschaftlichen
Untersuchungsanstalten in Kempten und Wangen; d) Ausdehnung
dieser Einrichtung auf ganz Bayern und Württemberg, sobald erst
die Buttermarke sich im Allgäu eingelebt hat, und e) Verleihung der
        <pb n="53" />
        Buttermarke nur für Qualitätsproduktion, ohne Rücksicht darauf, ob
die Butter von landwirtschaftlichen Genossenschaften, Einzel-
erzeugern oder Handelsfirmen hergestellt wird. .

Im preußischen Landwirtschaftsministerium
fand Ende März eine Besprechung mit sämtlichen preußischen Land-
wirtschaftskammern statt zwecks Verbesserung und Vereinfachung
der Tätigkeit der Milchkontrollvereine und der Milchleistungs-
prüfungen, Als Ziel setzte man sich die Leistungssteigerung um 300
bis 400 Kilogramm Milch pro Kuh, Damit hofft man die Einfuhr
vom Auslande, die 1927 sich auf einen Wert von 500 Millionen Mark
belief, überflüssig zu machen, Um auch die bäuerlichen Betriebe
für das Kontrollverfahren zu gewinnen, will man die „preußische
Einfachkontrolle‘ einführen. Damit gesteht das preußische Land-
wirtschaftsministerium, daß die bisherige Tätigkeit der Milchkontroll-
vereine fast ausschließlich dem Großbesitz zugute kam.

Auch auf dem Gebiete der Schweine mast sind Bestrebungen
im Gange, eine Kontrollmarke für Standardware einzuführen. Nach
den Mitteilungen des Landwirtschaftlichen Genossenschaftsblattes
sind daran in erster Linie die Fabrikanten von Dauer-
fleischwaren interessiert, denn der Fabrikant braucht festen,
kernigen Speck, trockenes und derbes Fleisch von dunkelroter Farbe,
um eine schnittfeste geräucherte Wurst herzustellen, Wie sehr die
Beschaffenheit des Fleisches von der Art der verabreichten Futter-
stoffe. abhängig ist, beweisen die von Professor Lehmann veröffent-
lichten Tabellen. Für kontrollierte Markenschweine sind die
Fabrikanten bereit, höhere Preise zu zahlen. Auch hier also: höhere
Preise für kontrollierte Qualitätsware, d. h. Prämien für die
kapitalistischen Betriebe. Weder die kleinen Schweine-
mäster noch die breiten Konsumentenmassen haben von diesen
Aktionen irgend welchen Vorteil, da. sowohl Markenmilch wie
Markenschwein zu Sonderpreisen verkauft werden, also nur für die
wohlhabende Bourgeoisiebevölkerung erschwinglich sind. Daraus
erklärt sich auch das Streben nach forciertem Export, evtl. unter
Anwendung von Dumping, Nach Mitteilungen der „Allgemeinen
Fleischerzeitung‘ hat neben Hannover auch die Landwirtschafts-
kammer Ostpreußen Vorbereitungen getroffen zur Einführung eines
„Einheitsschweines‘, ‚auch „ideales Modenschwein‘” oder „deutsches
Edelschwein‘ genannt! .

In Hannover haben am 22. Juni 1928 Vertreter der Landwirt-
schaftskammer und der Kartoffelproduzenten die Schaffung einer
hannoverschen „Markenkartoffel' beschlossen, Es wurde ein „Ver-
band Hannoverscher Markenkartoffel e. V.” be-
schlossen. Die Landwirtschaftskammer gibt eine eigene, gesetzlich
geschützte Kartoffelmarke heraus, deren Führung ausschließlich Mit-
gliedern des Verbandes zuerkannt wird, Als „Markenkartoffel‘ gilt
ausschließlich die Speisekartoffel vom Typ der Sorte „Industrie‘
und die aus ihr hervorgegangenen Staudenauslesen. Die Marken-
kartoffeln müssen bestimmte Anforderungen an Größe, Trocken-
heit. Reinheit erfüllen. Die Kontrolle wird durch Beamte des Ver-
        <pb n="54" />
        bandes ausgeführt. Der Verband besitzt bereits eigene Vertreter im
rheinisch-westfälischen Industriegebiet,
Auf dem Gebiete der Eierproduktion hat der deutsche Landwirt-
schaftsrat erst vor kurzem die Marke „Deutsches Frischei”
herausgegeben, die nach ähnlichen Grundsätzen verliehen wird.
Die Standardisierung des Saatgetreides ist eben-
falls im Laufe des Sommers 1928 in Angriff genommen worden,
Nachdem die Züchter von Original-Saatgetreide und von Original-
Feldhülsenfrüchten sich mit Hilfe der Danatbank (Darmstädter- und
Nationalbank) schon im vorigen Jahre zur „Gesellschaft zur
Förderung deutscher Pflanzenzucht“ (lies: Syndikat
zur Erhöhung der Saatgutpreise!) zusammengeschlossen hatten, haben
sie sich jetzt untereinander‘ verpflichtet, zunächst für die Dauer der
Anerkennungsperiode 1929, übereinstimmende. Verkaufs- und Liefer-
bedingungen durchzuführen, Dazu gehört vor allem der Schutz der
Sortennamen durch Warenzeichen, Absaaten dürfen den Sorten-
namen nur tragen, wenn der Nachbau von einer zur Arbeitsgemein-
Schaft für Saatgutanerkennungswesen beim deutschen Landwirt-
Schaftsrat gehörigen Stelle anerkannt („gekört‘) ist, wenn vor der
Anmeldung zur Körung die Zustimmung der Gesellschaft schriftlich
eingeholt und schriftlich erteilt ist, wenn vor dem Sortennamen die
Worte „anerkannte ., , Absaat von , , .” gesetzt sind, Dafür muß
eine Lizenzgebühr von 6 Mark je Hektar bezahlt werden. Jeder
Erwerber von Originalsaat unterwirft sich durch Abschluß des Kauf-
vertrages diesen Bedingungen, Die Vertragsstrafe beträgt das
Zwanzigfache des Kaufpreises,

Natürlich behaupten die saatgutzüchtenden Großagrarier,
daß diese Maßnahmen den saatgutkaufenden Landwirt gegen „un-
lautere Uebervorteilung‘“ schützen sollen, In Wirklichkeit bedeuten
Sie die vollkommene Diktatur der streng kartellierten Originalsaat-
Sutzüchter und der hinter ihnen stehenden Danatbank — ausschließ-
lich hochkapitalistische Betriebe — über die von ihnen abhängigen
kleineren Gutsbesitzer und die Bauernmassen, Erst im Zusammen-
hang mit dieser Maßnahme erhält die lebhafte Agitation der Land-
bundführer für Prohibitivzölle für Saatgut das rechte Licht.

Diese Maßnahmen der Originalsaatgutzüchter, hinter denen, wie
erwähnt, die rührigste der deutschen Großbanken steht, ist ein
klassisches Beispiel, wohin die kapitalistische‘ Rationalisierung und
Standardisierung treibt, nämlich zur Bildung zentraler Monopol-
absatzorganisationen, zur Verschmelzung von Bank- und Agrar-
kapital, zur Schaffung agrarischer Kartelle und Syndikate auf Kosten
der Arbeiter und Kleinbauernmassen.

_ Zur Standardisierung gehört natürlich auch die einheitliche
Verpackung, der sachgemäße Versand und die
"“ichtigeLagerunfg. Im Zusammenhang mit diesen Bestrebungen
beabsichtigt man, große Gemüseauktionen nach holländischem
Muster einzuführen. sogenannte Veilings, Die Standardisierung der
        <pb n="55" />
        Kartoffelproduktion steht in Verbindung mit der Errichtung beson-
derer Kartoffelbörsen im industriellen Westen, *)
VI
Agrarkapitalist und Bauer
ın der neuen Phase
„Die Rationalisierung der Agrikultur einerseits, die diese
zrst befähigt, gesellschaftlich betrieben zu werden, die Rück-
führung des Grundeigentums ad absurdum andererseits, dies
sind die großen Verdienste der kapitalistischen Produktions-
weise. Wie alle ihre‘ anderen historischen Fortschritte
erkaufte sie auch diesen zunächst durch die völlige Verelendung
der unmittelbaren Produzenten,“

Karl Marx, Kapital, Band IL.

Der Sozialdemokrat Dr. David hat bereits vor dem Kriege in
folgerichtiger Fortbildung des Bernsteinschen Revisionismus die
Lehre entwickelt, wonach das Gesetz der Konzentration, das die
Entwicklung der kapitalistischen Industrie beherrscht, für die Land-
wirtschaft keine Gültigkeit habe, Der orthodoxe marxistische Stand-
punkt Kautskys wurde abgelehnt. Im. Agrarprogramm der Sozial-
lemokratie Oesterreichs und im Kieler Agrarprogramm der SPD.
(1927) hat der Davidsche Standpunkt gesiegt, Man erkennt die
Notwendigkeit und Unentbehrlichkeit des landwirtschaftlichen
Großbetriebes an, jedoch sei die nichtkapitalistische Bauernwirt-
schaft neben der Gutswirtschaft durchaus lebensfähig, Zur Begrün-
dung verweist man auf eine gewisse „Arbeitsteilung“, die sich
historisch zwischen Groß- und Kleinbetrieb entwickelt habe, dort
vorwiegend Getreide- und Hackfruchtwirtschaft, nebenbei noch
Weidewirtschaft, hier vorwiegend Vieh- und Milchwirtschaft. Die
Vorzüge des Kleinbetriebes liegen angeblich in der .intensiveren
Ausnützung auch des kleinsten Feldstückchens, im gebietsweise
sartenmäßigen Anbau von sogenannten Handelsgewächsen, Gemüse
und Obst, in der Verwendung familieneigener Arbeitskräfte und ent-
sprechend dem relativ höheren Viehstand auch in der stärkeren
Anwendung von Stalldünger,

Im wesentlichen kamen die Sozialdemokraten mit dieser Hervor-
hebung zu denselben Resultaten wie die bürgerliche Wissen-
schaft, die aus durchsichtigen Gründen politischer Macht und
der Demagogie den Standpunkt „einer gesunden Mischung” vertritt.
Prof, Sering erklärte 1925, der Bauer habe im Gegensatz zum
Großbetrieb „die Agrarkrise siegreich überstanden“, In der
Steuerpolitik des kapitalistischen Staates wirkt sich diese An-
schauung natürlich zuungunsten des Bauern aus. Sein Ertrag wird
höher veranlasst. für die familieneigenen Kräfte werden ihm Steuner-
*) Siehe auch: „Die Qualitätskontrolle von Nahrungsmitteln und der
Schutz der Produktion durch eine amtliche nationale Warenmarke‘. Verlag
Ace Schweizerischen Bauernsekretariats, Brudg 1927.
        <pb n="56" />
        zuschläge gemacht. Die hohen Pachten, die gerade der Kleinbauer
für die Parzelle bezahlen muß, werden ebenfalls damit gerechtfertigt,
laß die Bauernarbeit einen höheren Ertrag erziele, Aehnlich steht
2s mit den Bodenpreisen für Kleinbetrieb und Parzelle. In Wirk-
lichkeit sind die höheren Pacht- und Bodenpreise, die der Kleinbauer
zahlt, nicht eine Folge des Mehrertrags seiner Arbeit, sondern das
Resultat der Tatsache, daß der kleine Bauer sowohl auf Bodenrente
wie auf Kapitalprofit verzichtet, ja oft genug sich mit einem ge-
ringeren „Arbeitslohn“ begnügt als der Proletarier, Die allge-
meine Bodennot trägt noch das ihre zur Steigerung der Pacht-
und -.Bodenpreise in kleinbäuerlichen Gebieten bei,

Damit haben wir den Schlüssel gefunden, der für uns Marxisten
den scheinbaren Widerspruch klärt, in dem die Entwicklung in
der Landwirtschaft zum Konzentrationsprozeß in der Industrie steht.
Zweifellos haben in den letzten 20 Jahren, vor allem in Deutschland,
die Kleinbetriebe sich nicht nur zahlenmäßig gehalten, sondern sogar
zugenommen. Diese Tatsache bleibt bestehen, auch wenn wir die
künstliche Bauernsiedlung in Ostdeutschland vor und nach dem Kriege
nicht in Anrechnung bringen. Die Betriebszählung vom Juni 1925
hat sogar eine beträchtliche Zunahme der Parzellenbetriebe, und nur
Seringe Schwankungen bei den übrigen Betriebsgrößen gebracht.

Die Zählebigkeit des bäuerlichen. Familienbetriebes erklärt sich
aur zum Teil aus den Besonderheiten der agrarischen Wirtschaft —
Abhängigkeit von Bodenverhältnissen, Klima, Jahreszeiten —, die den
Sroßkapitalistischen Tendenzen einen. gewissen Widerstand bieten,
sie erklärt sich vor allem aus der Tatsache, daß der Bauer die Rück-
Ständigkeit seines Kleinbetriebes dadurch ausgleicht, daß er seine
Arbeitszeit ins Ungemessene verlängert, sich selbst, seine Frau und
Seine Kinder bis zur Erschöpfung ausbeutet, seine Lebenshaltung
aufs äußerste einschränkt und auf alle Kulturbedürfnisse verzichtet,
Was aber weder Bürgertum noch Sozialdemokratie sehen wollen,
ist die Tatsache, daß Hunderttausende bäuerlicher Klein- und
Zwergbetriebe nur deshalb scheinbar lebensfähig geblieben sind,
weil die bäuerliche Familie Nebenerwerb in der Industrie hat, Die
Rentabilität der Kleinbetriebe rechnerisch. festzustellen, ist infolge
der fehlenden Buchführung unmöglich. Die Feststellungen des
Enqueteausschusses sind in dieser Beziehung wertlos, Karl Marx
hat vollkommen recht, wenn er im Kap. IIL Bd, schreibt; „Als abso-
lute Schranke für ihn (den Bauern) als kleinen Kapitalisten erscheint
Nichts als der Arbeitslohn, den er sich selbst zahlt, nach Abzug der
eigentlichen Kosten, Solange der Preis des Produkts ihm diesen
deckt, wird er sein Land bebauen, und dies oft bis zu einem phy-
Sischen Minimum des Arbeitslohnes,”

__ Die Krisis, in der sich die werktätige Bauernschaft heute befindet,
ist deshalb eine grundsätzlich andere als die Krisis der kapitalisti-
Schen Landwirtschaft, Aeußerlich betrachtet haben beide dieselben
Symptome: das Mißverhältnis zwischen Einnahmen und Ausgaben.
Aber die Ursachen dieses Mißverhältnisses und die Mittel der Be-
hebung sind grundverschieden, Der Bauer hat schon alle Mittel zur
        <pb n="57" />
        Senkung seiner Personalausgaben und zur Steigerung seiner Er-
träge, über die er als kleiner Besitzer verfügt, in Anwendung ge-
bracht. Er kann aus eigener Kraft nicht weiter, Die Mittel der ver-
schärften Ausbeutung, der Produktion von Standardware, der Me-
chanisierung, der Konjunkturanpassung, stehen ihm als einzelnem
nicht zur Verfügung, Im Gegenteil: seine Leistungen gehen infolge
sinkenden Düngerverbrauchs, Mangels an Barmitteln für Saatgut,
Zuchtvieh, Meliorationen, Gebäudereparaturen ständig, wenn auch
langsam zurück, Auch die monopolistische Marktbeherrschung nützt
ihm nichts, denn sie wendet sich ebenso sehr gegen ihn als Zukäufer
industrieller und agrarischer Produktionsmittel und Bedarfsartikel
wie gegen den Arbeiter. Die Periode der kapitalistischen Rationali-
sierung verbessert nicht, sondern verschlechtert seine Lage. Wo das
heute noch nicht der Fall ist, da wächst doch schon der Abstand
zwischen den Erträgnissen der bäuerlichen Kleinwirtschaft und der
rationalisierten Großbetriebe in raschem Tempo. Wie groß dieser
Abstand schon heute ist, zeigt das vom Staatssekretär a. D. Hagedorn
auf dem Bankett des Reichsgrundbesitzerverbandes Berlin am 22. März
angeführte Beispiel aus der Milchgewinnung. In Ostpreußen sind
in der Milchleistung vom Groß- und Kleinbetrieben Spannungen von
1119 Liter gegen 3040 Liter pro Kuh und Jahr; in Norddeutschland
finden wir Spannungen von 1498 Liter gegen 2726 Liter. Während
die Kuh in Deutschland pro Tag durchschnittlich 6 Liter Milch bringt,
und in gutgeleiteten Kontrollvereinen durchschnittlich 12 Liter pro
Kuh und Tag erzielt werden, haben schon bisher einzelne Groß-
betriebe Spitzenleistungen von 25 Liter erreicht. Auf Grund der
neuen amerikanischen Fütterungsmethoden hat man diesen Rekord
gebrochen und die Spitzenleistung von 58,3 Liter pro Kuh und Tag
also fast das Zehnfache der bisherigen Durchschnittsleistung erzielt,

Mit einem solchen Tempo der Entwicklung kommt der Klein-
bauer nicht mit. Da der Groß-Viehbesitz in der Kleinwirtschaft
heute fast doppelt so hoch ist wie im Großbetrieb (bis zu 107 oder
117 Stück Großvieh auf 100 Hektar im Kleinbesitz gegen 50 bis 60
Stück Großvieh pro 100 Hektar im Großbesitz), so müssen, da der
Reichsdurchschnitt 6 Liter beträgt, außerordentlich viele Kleinbe-
triebe. eine Milchleistung von weniger als 6 Liter pro Kuh und Tag
aufweisen. Das ist auch vollkommen erklärlich, da laut Viehzählung
vom 16. Juni 1925 rund 58 Prozent aller Kleinbetriebe das Rindvieh
auch als Spannvieh benutzen. Von 5501000 Milchkühen in bäuer-
lichen Betrieben von 2—20 Hektar werden 1860000 als Spannvieh
verwendet!

Was das Schlachtvieh anbetrifft, so ist das kleinbäuerliche Vieb
meist Vieh zweiter Klasse und erzielt entsprechend geringere Preise.
Während auf Grund der modernen Fütterungsmethoden und der
Leistungszucht der moderne kapitalistische Schweinemäster das
Schwein in durchschnittlich 6 Monaten schlachtreif macht, bedarf
der kleine Bauer meist 8 bis 10 Monate, mitunter weit darüber.

Aber nicht nur der Abstand in den Leistungen des bäuerlichen
Kleinhetriehes und des rationalisierten Großhetriebes wächst. Be-
        <pb n="58" />
        reits machen sich deutliche Anzeichen einer Umschichtung
der Produktion bemerkbar, Gemäß dem Industrialisierungs-
programm des Finanzkapitals, unter Ausnützung der steigenden
Schutzzölle auf „Veredlungsprodukte‘ sowie der Ausfuhrprämien
und staatlichen Valorisationsmaßnahmen, in engster Verbindung auch
mit den Agrarstoffe verarbeitenden Industrien gehen die Groß-
Betriebe mehr und mehr zur Schweine- und Milchproduktion (Grün-
landbewegung!) verbunden mit dem Anbau hochwertiger Handels-
pflanzen und Futtermittel über. Dies bedeutet, daß jene historische
„Arbeitsteilung“, auf der die Theorie Davids fußt, allmählich ver-
schwindet und die kapitalistische Konkurrenz dem deutschen Bauern
nicht mehr allein in Gestalt‘ der standardisierten Auslandsware,
sondern der im Inland fabrikmäßig hergestellten Veredlungsprodukte
auf den Leib rückt. Selbst der lokale Wochenmarkt und der Kunden-
absatz in den Kleinstädten werden dem Bauern streitig gemacht.
Der Bauer kann sich aber nicht dagegen wehren, denn alle Einkäufe,
die der kleine Bauer machen muß, werden teurer bezahlt, als die
Einkäufe des Großunternehmers, die Preise, die der kleine Bauer
erzielt, sind aber durchschnittlich geringer, es sei denn, daß sein Hof
sich im ersten Thünenschen Ring, in nächster Nähe eines Industrie-
zentrums befindet, -

Die Ergebnisse der Bodenbenutzungserhebung vom
Jahre 1927 lassen ebenfalls die beginnende Umschichtung in der Pro-
duktion schon deutlich erkennen, Nach Mitteilungen des Statisti-
schen Amtes ist die als Ackerland genutzte Fläche des Deutschen
Reiches 1927 gegen das letzte Vorkriegsjahr 1913 von 21,5 Mil-
lionen Hektar auf 20,7 Millionen Hektar zurückge-
Sangen. Der wesentlichste Rückgang entfällt auf Getrei de,
dessen Anbaufläche von 12 Millionen Hektar auf 11 Millionen
Hektar verringert ist. Innerhalb der Getreidearten ist insofern eine
Verschiebun g eingetreten, alsWeizen, Winterirucht im Jahre 1927
auf 1,60 gegenüber 1,49 Millionen Hektar im Jahre 1913 und Sommer-
frucht auf 0,16 gegen 0,21 Millionen Hektar gebaut wurde, während
die Anbaufläche für Roggen Winterfrucht auf
163 gegenüber 522 Millionen Hektar und für
Sommerfrucht auf 0,1 Millionen Hektar zurück-
Segangen ist, Auch die Haferanbaufläche zeigt mit 3,49 gegen-
über 3,93 Millionen Hektar eine Abnahme, Bei Gerste zeigt sich
für Winterfrucht eine Zunahme auf 0,17 (0,05) Millionen Hektar und
für Sommerfrucht eine Abnahme auf 1,31 gegenüber 1,38 Millionen
Hektar, Hülsenfrüchte wurden auf einer. Fläche von 0,58 (1913 0,50)
Millionen Hektar angebaut. Von der mit Hackfrüchten benutzten
Fläche von 4,29 (4,12) Millionen Hektar entfallen 2,81 Millionen
Hektar gegenüber 2,84 Millionen Hektar im letzten Vorkriegsjahr
auf Kartoffeln, 0,45 (0,48) Millionen auf Zuckerrüben und 0,7 1 (0,5 5)
Millionen Hektar auf Runkelrüben,. Für Gemüse
Wurden im Jahre 1927 0,13 Millionen Hektar gegenüber
d12 Hektar im Jahre 1913 benutzt. Mit Futterpflanzen
Waren 2.40 (2.27 Millionen Hektar bepflanzt. . Davon 1.39 (1.74)
        <pb n="59" />
        Millionen Hektar mit Klee, Für die Obstanlagen als Hauptnutzung
auf Aeckern, Wiesen und Viehweiden ergibt sich einschließlich der
3883 Hektar württembergische Baumäcker gegenüber dem letzten
Vorkriegsjahr mit 48 752 Hektar eine wesentliche Vergrößerung
der bebauten Flächen auf 85 138 Hektar,

Ziemlich klar erkennt man hier die Zunahme des Anbaues von
Futterpflanzen, Futtergetreide, Wiesengräsern und Sonderkulturen
auf Kosten des Brotgetreidebaues.

Wie in der Viehwirtschaft, zeigt sich die großbetriebliche
Ueberlegenheit auf allen anderen Gebieten, So wurde z, B. auf der
Hauptversammlung des Vereins deutscher Ingenieure am 10, 5, 25
folgender interessante Bericht über das vom Oberamtmann Schurig
bewirtschaftete Rittergut Markee bei Nauen (Provinz Brandenburg)
gegeben:
„Bei Verwendung von „Svalöfs-Panzerweizen” betrug in Markee die
Aussaat nur 56 kg/ha (Durchschnitt Provinz Brandenburg 165 kg/ha,
Ernteertrag 4,32 t/ha in Markee (Durchschnitt Brandenburg 2 t/ha), Der
Ernteertrag war also weit über 100 v, H, höher als der durch-
schnittliche Ernteertrag der Provinz Brandenburg, des besten
deutschen Getreidegebietes im Jahre 1924, Die Aussaatmenge betrug in
Markee nur 33 v. H. der durchschnittlichen Aussaatmenge in der Pro-
vinz Brandenburg“.

Neben einer wissenschaftlichen Düngung werden diese Erfolge
nn Markee hauptsächlich auf die Methoden der Aussaat mittels
Dünnsaat-Drillmaschine zurückgeführt. Eine wesentliche Neuerung
auf diesem Gebiet. ist auch die Einführung der Binzelsäe-
Maschine, die jedes Korn einzeln in gleichen Abständen in den
Boden steckt, Während der Kleinbetrieb, dem die Anwendung
dieser Maschine verschlossen ist, im Durchschnitt bei Getreide das
Zehnfache der ausgesäten Mengen erntet, wurden infolge Anwen-
dung dieser Maschine schon 113fache Erträge geerntet,

Wie rückständig heute schon der bäuerliche Kieinbetrieb in der
Getreidewirtschaft gegenüber dem Großbetrieb ist, beweist auch
die Erntestatistik, Trotz schlechter Bodenbeschaffenheit sind
die Erträge an Roggen, Weizen, Gerste und Hafer auf den Hektar
gerechnet in den Provinzen Brandenburg und Hannover
um rund 25 bis 40 Prozent höher als im Freistaate Bayern, Der
Verein deutscher Ingenieure führt das in der Hauptsache auf die
überwiegende Anwendung von Drillmaschinen in den beiden preu-
Bischen Provinzen, wo Großbesitz und Großbauerntum vorherrschen,
zurück. Dazu kommen natürlich bessere Bodenbearbeitung, Düngung
vermehrte Anwendung von Hackmaschinen. Ein starkes Hemmungs-
moment im Kleinbetrieb ist die Zerrissenheit und weite Streuung der
Ackerstücke, die in schmalen Streifen über die Markung verteilt
sind und oft noch Flurzwang nötig machen, (Hierzu vgl. Nachtrag S. 73.)

An der Mechanisierung und Standardisierung der Landwirtschaft
kann der kleine Bauer nur ganz beschränkten Anteil nehmen. Nicht
nur deshalb, weil ihm das Kapital fehlt, Der Umfang seiner Wirt-
schaft ist zu klein, um eine rationelle Verwertung des Maschinen-
kapitals zu erlauben. Kleine Maschinen für. den Kleinbetrieb
        <pb n="60" />
        kommen relativ teurer als große Maschinen für den Großbetrieb,
Wie soll aber der Kleinbauer an der „Standardisierung“ teilnehmen?
Die bisherige individualistische Wirtschaftsweise. hat eine solche
Maännigfaltigkeit in den Leistungen der einzelnen Wirtschaften her-
vorgerufen, daß die Erzeugung von Standardware nach holländi-
schem oder dänischem Muster nur noch unter sehr großen Schwie-
rigkeiten, und in einem längeren, mit Staatshilfe ge-
förderten Umerziehungsprozeß möglich erscheint, In-
zwischen aber kann der reorganisierte und modernisierte Groß-
betrieb den Kleinbauern völlig vom Markte, selbst vom lokalen
Markte vertreiben bezw. ihn zum’ Verschleudern seiner Ware
zwingen. (Der Hinweis, daß in Holland und Dänemark eine Standar-
disierung gerade der bäuerlichen Wirtschaft erfolgreich durchgeführt
wurde, muß hier ausschalten, weil hier eine ganz andere soziale
Struktur als in Deutschland herrscht. Es fehlt dort die erdrückende
Ueberlegenheit kapitalistischer Großbetriebe, ebenso wie die Masse
der halbproletarischen Zwerg- und Kleinbauern,)

Damit ist die Kernfrage des Verhältnisses von Agrarkapitalist
und Bauer in der neuen Phase der Landwirtschaft gestellt, Alle
bürgerlichen Maßnahmen zur Reorganisation und Industrialisierung
der Landwirtschaft — sowohl die privaten wie die staatlichen —
laufen nicht darauf hinaus den Abstand zwischen den Leistungen
des bäuerlichen Kleinbetriebes und des rationalisierten Groß-
betriebes zu verringern, sondern zu vergrößern, Die Mittel, die die
agrarischen Organisationen im Bündnis mit dem Industrie- und Bank-
kapital zur Beseitigung der „Agrarkrise‘ anfordern, und die der
bürgerliche Staat — gleichgültig ob Weimar-Koalition oder Bür-
gerblockregierung — bewilligt, sind nicht Mittel zur Rettung der
vorkapitalistischen Bauernwirtschaft, die in ihrer bisherigen indi-
vidualistischen Form gar nicht-zu retten ist, sondern zur Stärkung
der kapitalistischen Betriebe, Und die neuen Organisationsformen,
die jetzt im Verlaufe des Industrialisierungsprozesses in der Land-
wirtschaft eingeführt werden .(Vereinheitlichung der Genossen-
schaften, Schaffung zentraler Getreide- und Viehverwertungsgesell-
schaften; Zusammenfassung von Betrieben zu Konzernen und Inter-
essengemeinschaften, Zentralisierung des landwirtschaftlichen Bank-
wesens zunächst in zwei Spitzen: Rentenbankkreditansalt und
Preußenkasse), sind wiederum keine Organisationsformen zur He-
dung der Bauernwirtschaft über die veraltete individualistische
Stufe hinaus, es sind typische Herrschaftsorganisationen des sich
immer mehr monopolistisch entwickelnden Agrarkapitals und seiner
immer engeren Verschmelzung mit dem großen Finanzkapital. Die
landwirtschaftlichen Genossenschaften werden unter Leitung der
Agrarkapitalisten aus Dienern zu Herren des Bauern, aus Werk-
zeugen der Selbsthilfe zu Werkzeugen der wirtschaftlichen Er-
drosselung, Die Kreditgenossenschaften waren früher Organe zur
ausgleichenden. Verwertung des kleinen bäuerlichen Sparkapitals,
sie sind heute eingestandenermaßen. in erster Linie Kanäle des in
die Landwirtschaft hineingepumpten Leihkapitals der Banken und
        <pb n="61" />
        des Staates, Die zentralen Handels- und Verwertungsgesellschaften
sind gemischte Unternehmungen des Agrarkapitals (Bezugsvereini-
gung der deutschen Landwirte), des Industriekapitals (vor allem der
Stickstoff- und Maschinenindustrie), des Großhandels und der Groß-
mühlenkonzerne mit Staatsbeteiligung,

Auch die Siedlungspolitik des bürgerlichen Staates muß
unter diesem Gesichtspunkte betrachtet werden, Das Reich wirft
seit 1926 pro Jahr 50 Millionen Mark für Siedlungszwecke aus. Ab-
gesehen von der Tatsache, daß infolge der hohen Kaufgelder und
Bankzinsen nicht der wirklich bodenarme Kleinbauer, sondern. fast
ausschließlich der starke Mittelbauer siedeln kann, der auf diese
Weise seine nachgeborenen Söhne und Töchter unterzubringen
sucht, abgesehen weiter von dem Wucher, den die sogenannten
„Gemeinnützigen‘ Siedlungs- oder Landgesellschaften zu Lasten der
betrogenen Siedler treiben, bedeutet das Ansetzen bäuerlicher Fa-
milien im verkehrs- und industriearmen Osten nicht eine Verbesse-
rung der Lage der Bauern, sondern eine Verewigung der bäuerlichen
Armut und Ueberarbeit, Die Gründe: der Bourgeoisie für diese
Siedlungspolitik im Osten sind mannigfacher Natur: Stützung der
Bodenpreise durch Landkauf aus öffentlichen Mitteln, Abstoßung
schlecht rentabler Güter, Vorwerke und Parzellen durch die ratio-
nalisierenden Großgrundbesitzer, Erweiterung des Absatzmarktes
für die Baustoff- und landwirtschaftliche Maschinenindustrie, sowie
für die großen östlichen Futtermittelproduzenten, Sorten- und
Rassenzüchter, nationalchauvinistische Gründe der Germanisierung
des Grenzstriches, demagogische Beruhigung der unzufriedenen
Bauernmassen in Süd- und Westdeutschland. Beschaffung billiger,
an die Scholle. gebundener Arbeitskräfte für die Großgüter,

Der zuletzt erwähnte Grund ist auch maßgebend für das Inter-
esse der Landbundführer an der „Landarbeitersiedlung‘ und der
Ansetzung von Häuslern ohne ausreichende Ackernahrung, Es ist
für die kapitalistische Verlumpung der SPD, bezeichnend, daß sie
durch die Preußenregierung gerade diese Art der Siedlung wie auch
das System des Werkwohnungsbaues seit Jahren fördert. Um so
weniger geschieht, um die Anliegersiedlung zu fördern, d. h. die
Ergänzung der bodenarmen Betriebe in der Heimat auf eine „Acker-
nahrung‘, was eben weder im Interesse des verpachtenden und ver-
kaufenden Großlandbesitzes, noch im Interesse der die Lohnarbeit
der Bauernkinder ausbeutenden Unternehmer liegt,

Bleibt noch die Frage, ob der starke staatskapitalisti-
sche Einschlag in dem neuen Industrialisierungs- und Ratio-
nalisierungprozeß geeignet ist, dem bäuerlichen Familienbetrieb den
Uebergang zu modernen Formen der Produktion und Produkten-
verwertung zu erleichtern, SPD, und Demokraten wollen dem Bauern
das einreden. Allein schon die Zusammensetzung der leitenden Or-
gane der neuen Gesellschaften und Kreditanstalten lassen das
Gegenteil erkennen. In den Landwirtschaftskammern,
deren Bedeutung als beratende Organe der Regierung und Er-
ziehungsinstitutionen für den Landwirt in der Periode der Ratio-
        <pb n="62" />
        nalisierung und Standardisierung außerordentlich zunimmt, haben
die Klein- und Zwergbauern so gut wie nichts zu sagen. Sie sind
teilweise sogar vom. Wahlrecht ausgeschlossen. Im Verwaltungsrat
der Rentenbankkreditanstalt, der Preußenkasse,
der Reichsgetreidehandelsgesellschaft, der neuen
„Reichs-Viehverwertungsgesellschaft“, in den Treu-
handstellen für Umschuldung, ist neben dem Finanzkapital und der
hohen Bürokratie das Agrarkapital und der Großhandel vertreten,
nicht aber die werktätige Bauernschaft, Die Einrichtung parla-
mentarischer „Ueberwachungsausschüsse‘‘ nützt weder dem Ar-
beiter noch dem Bauern. Der Staatskapitalismus ist eben die zur
Kontrollierung und‘ Auswucherung der Masse der Arbeiter und
Bauern geeignetste Form der. Herrschaft des großen Monopol-
kapitals, dessen Organisationen mit den Staatsorganen mehr und
mehr verwachsen, (Vergl. Bucharin auf dem 6, Weltkongreß der KL.)

Die Erfahrungen mit den staatlichen Getreidemonopo len
in Norwegen und der Schweiz können nicht ohne weiteres — wie
das die SPD. tut — zum Vergleich herangezogen werden, da es sich
einerseits um außerordentliche Kriegs- und Nachkriegsmaßnahmen,
andererseits um vorwiegend kleinbürgerliche Länder handelt, außer-
dem um Länder, die im wesentlichen Einfuhrländer für Getreide
sind, Erst in einem proletarischen Staat, der sich stützt
auf die sozialisierte Großindustrie, wird das Staats-
monopol aus einem Mittel der verschärften Versklavung und Aus-
wucherung des kleinen Bauern zu einem Mittel der planmäßigen
Ueberführung der Bauernwirtschaft auf die höhere Stufe der kol-
lektiven Produktion, wodurch allein dem Bauern die Anwendung
rationeller Arbeits- und Absatzmethoden, moderner Technik und
Agrarwissenschaft möglich wird,
VIL
Rationalisierung
und Landarbeiterschaft
Karl Marx schreibt im „Kapital“ Bd, I: „Wie in der städtischen
Industrie wird in der modernen Agrikultur die gesteigerte Pro-
duktivkraft und größere Flüssigmachung der Arbeit erkauft durch
Verwüstung und Versiechung der Arbeitskraft selbst,”

Dieser Satz erhält heute in Deutschland seine volle Bestätigung

Wir haben in Deutschland rund 3 Millionen Landproletarier, dar-
unter etwa 400000 sogenannte Deputatarbeiter und etwa % Million
Gesinde. Der Prozeß der Rationalisierung und Industrialisierung
der Landwirtschaft verändert notwendigerweise ihre Arbeits- und
Lebensverhältnisse grundlegend. Die Handarbeit wird weitgehend
durch mechanische Arbeit ersetzt und mehr und mehr auf Ergän-
zungsarbeiten an der Maschine beschränkt, (Z, B, Mäh- und Garben-
bindemaschinen. Dreschmaschinen, . Melkmaschinen. Höhenförderer,
        <pb n="63" />
        Feld- und Stallbahnen usw.) Die Maschine ersetzt auch tierische
Arbeit; an die Stelle der Pferde- und Ochsengespanne treten Trak-
toren und Motorpflüge usw. Beide Prozesse stellen menschliche Ar-
beitskräfte frei, nur ein Teil der bisher verwendeten Kräfte findet
als Maschinenführer Verwendung, Die Zahl der gelernten ständigen
Landarbeiter wird dadurch zugunsten der Masse der Handlanger,
also der fluktuierenden Saisonarbeiter: verringert. Die fortschrei-
tende Spezialisierung der Landwirtschaft wirkt in derselben Rich-
tung. Der rationelle Agrarkapitalist verkauft nicht nur die Zugpferde
im Herbst, um im Frühjahr neue anzuschaffen, er entläßt auch den
Arbeiter nach der Ernte und stellt neue im Frühjahr ein,
Folgende Beispiele sollen die Auswirkung der Rationalisierung
auf die Beschäftigung. menschlicher Arbeitskraft in der Landwirt-
schaft illustrieren. Nach den Angaben der auf den hier aufgeführten
Gütern seßhaften Landarbeiter wirkte sich die Anschaffung von
Maschinen in Verbindung mit‘ den verschärften Ausbeutungs-
methoden wie folgt auf den Bestand der Arbeiter aus:
Name, Größe in Morgen - Arbeiter vor Arbeiter nach
Anschaffung. Anschaffung

80—90

50—60

45—50

27—30

Z0—RO

Groß-Salitz, etwa 5000
Schönwolde, 3000. .
Neuendorf, 1800
Alt-Steinbach, 780
Roggendorf, 4000
Hieraus ist deutlich zu erkennen, daß der Großgrundbesitz in
der Durchführung der Rationalisierung in erster Linie darauf be-
dacht ist, auf der Ausgabeseite seines Haushaltsplanes das Lohn-
konto, das’ er sicher übertriebenerweise mit 35 Prozent der gesamten
Wirtschaftskosten angibt, herabzudrücken, * Wie. ihm das dadurch
auch gelingt, zeigt die in folgender Tabelle errechnete Ersparnis
an Lohngeldern durch.die Einschränkung der beschäftigten Arbeiter.
Name des Gutes: früher
Mk.
Groß-Salitz 68 006
Schönwolde 48 000
Neuendorf 40 000
Alt-Steinbeck 32 000
Roggendorf 60 000
In der Feldwirtschaft, die im Rationalisierungsprozeß des Groß-
grundbesitzes die größte Rolle spielt, äußert sich die kauf-
männische Wirtschaftsform in der Befolgung von 2 Grundsätzen:
1. Planmäßige Durchführung : eines rationell durchdachten
Fruchtfolgeplanes, und )
2. grundsätzliche Erledigung jeder Arbeit in e inem Arbeits-
gang,

jetzt

{n der Befolgung dieser Grundsätze soll wiederum in erster Linie
sine. Freparnis in menschlicher Arbeitskraft erreicht werden. Der
        <pb n="64" />
        landwirtschaftliche Großbetrieb ersetzt die sogenannten „seßhaften“
durch sogenannte „freie” Landarbeiter, Das wäre ja an und für sich
für die Landarbeiter ein Vorteil, aber nur dann, wenn damit eine
Befreiung der „freien“ Landarbeiter von den mittelalterlichen
Sklavenbestimmungen der Deputatisten erfolgen würde, Das ist
aber nicht der Fall. Der in der Werkwohnung verbleibende „freie”
Landarbeiter wird zum Abschluß von Tarif- und Arbeitsverträgen
gezwungen, in denen Deputatentlohnung, Frauenpflichtarbeit, Hof-
jängergestellung usw. nach wie vor festgelegt sind. Das durch diese
Umstellung zu erreichende Ziel liegt nur im Interesse der Groß-
grundbesitzer. Während er nämlich den „seßhaften‘‘ Landarbeiter
das ganze Wirtschaftsjahr hindurch beschäftigen muß, gibt er dem
„freien Landarbeiter nur in den Monaten dringender Landarbeit
{Frühjahrsbestellung, Erntearbeit usw.) Beschäftigung und überläßt
"hn mit seiner Familie während der übrigen Zeit des Wirtschafts-
jahres seinem Schicksal,

Die Rationalisierung der Landwirtschaft überträgt der Maschine,
besonders im Hackfruchtbau, den wesentlichsten Teil ‘der
Arbeit, Der deutschnationale Abgeordnete und Großgrundbesitzer
Schlange -Schöningen schreibt über die dadurch erzielte Ein-
sparung menschlicher Arbeitskraft in seinem Buche „Rationalwirt-
schaft und Nationalwirtschaft‘ folgendes:
„Am augenfälligsten tritt die Menschersparnis durch die moderne
Technik in Erscheinung bei der Behandlung der Hackfrüchte, die heute
in einer modernen Wirtschaft nicht mehr wie früher die Möglichkeiten
einer Menschenbeschäftigung im großen Stile bietet. Am meisten zeigt
sich das im Kartoffelbau. Es ist heute doch schon so, daß in gut auf-
gezogenen Kartoffelwirtschaften größere Menschenmengen erst
zur Ernte die Kartoffelfelder betreten, und auch dann längst nicht
mehr in dem Maße, wie das früher der Fall gewesen ist. Die Pflanz-
lochmaschine hat bei der Kartoffelbestellung den
Menschenbedarf auf etwa % herabgedrückt; die ganze
Pflege der Kartoffelfelder ist nicht nur am leichtesten und billigsten, son-
dern auch am besten durch rechtzeitige Anwendung der Egge, des Häufe-
pfluges und mancher anderer neuerfundener Gerätschaften zu bewerk-
stelligen. Auch die Kartoffelernte erfordert einen sehr
viel geringeren Menschenbedarf, wenn man sich in den Be-
sitz ausreichender Kartoffelerntemaschinen gesetzt hat,

Den größten Personalaufwand beansprucht immer noch die Zucker-
rübenwirtschaft, aber auch sie längst nicht mehr in dem Maße wie früher,
In vergangenen Jahren rechnete man auf etwa 7 Morgen Zuckerrüben
eine Menschenkraft; heute können bei richtiger Organisation minde-
stens 12 Morgen durch einen Menschen fertig gemacht
werden. Es scheint mir dabei nur auf. zweierlei anzukommen: 1.. darauf,
Jaß man über eine genügende Menge brauchbarer Hackmaschinen
verfügt; 2., daß die einzelnen Schläge in gewissen zeitlichen Zwischen-
räumen bestellt werden, um die Arbeitsanforderungen auf einen längeren
Zeitraum zu verteilen. Mit der Hand wird nur einmal gehackt, und
zwar, nachdem die Rüben verzogen sind, Die Hauptanforderungen an
die Menschenarbeit stellt das Verziehen. Es ist die langwierigste Arbeit
und zugleich diejenige, welche am sorgfältigsten erledigt werden muß; es
ist aber auch die leichteste, für die Frauenund Kinder bei weitem
am besten geeignet sind, |

Hierbei scheint mir aber ein ganz besonderes Erfordernis zu Sein, ‚daß
auch die Schnitter — bei den eigenen Leuten ist das ja selbstverständ-
        <pb n="65" />
        lich — nicht in einer Kolonne arbeiten, bei der die besten Ar-
beiter sich nach den schlechtesten richten müssen, sondern daß die Schläge
morgenweise an einzelne kleine Kolonnen von 3 bis 5 Menschen auf-
geteilt werden.‘

Warum sich für die Arbeiten „am besten die Frauen und Kinder
eignen‘, ersieht man aus den Lohnunterschieden, die die Landwirt-
;chaft zwischen Männern, Frauen und Kindern macht, Die Gesamt-
;tundenlöhne betrugen im März 1928 für

Männer
36,66
40,80
43,48
43,61
38.77

Jugendliche
"e-1yen von 14 Jahren
7° 11,44 Pig.
13,75
15,53 „4
15,85 ,,
1250

in‘ Ostpreußen

in Pommern

in Mecklenburg-Schwerin

in Brandenburg .

in Schlesien 16,—
usw. Bei Kindern unter 14 Jahren zahlt der Großgrundbesitzer
Löhne nach eigenem Ermessen, Man kann sich nach‘ dem Studium
vorstehender Tabelle davon ein lebhaftes Bild machen,

Ueber die Erledigung aller Arbeiten in eine m Arbeitsgange sagt
in seinem Buche der Großgrundbesitzer Schlange - Schöningen in
bezug auf die Ausführung der Getreideerntearbeit:

„Ich meine das Ausdruschsystem während der Ernte, Schon
in den Anfangssätzen dieses Kapitels wies ich darauf hin, wie die Ge-
treideernte heute noch in einer großen Anzahl von Betrieben gehandhabt
wird, und ich zeichne dies Bild an dieser Stelle noch einmal, weil man
den Widersinn dieses Verfahrens gar nicht eindringlich genug darstellen
kann. Wochenlang werden mit Hilfe des gesamten Personals die Garben
hoch in. den Scheunen aufgestapelt, allenfalls Höhenförderer zu Hilfe ge-
aommen und, was schlimmer ist, das Getreide, für das der Scheunenraum
nicht ausreicht, wird in Mieten gefahren, und diese Mieten regnen dann
entweder ein oder ihr Ausdrusch nimmt einen großen Teil der verfügbaren
Leute weg, gerade in jener Zeit, wo Mensch und Pferd dringend gebraucht
werden sollten, um die Gespanne zwischen Beendigung der Getreide-
ernte und Beginn der Hackfruchternte mit Dungfahren auszunutzen, Und
dann wird fast den ganzen Winter über mit Winterschnittern die Ernte
wieder aus den Scheunen herausgeklappert, .

Nirgendwo scheint die sogenannte „Amerikanisierung” der Wirt-
schaft so notwendig, aber auch so leicht durchführbar wie hier. Mit
knapp demselben Personal, mit dem man das Getreide
in den Scheunen aufstapelte, kann man. es gleich aus-
dreschen und — auch das ist außerordentlich wesentlich — sowohl
das gedroschene Korn als auch Stroh und Spreu in einem Arbeitsgang an
den Platz bringen, an dem es lagern bezw. wo es verbraucht werden soll.”

Aus allen den hier aufgeführten Gründen erscheint auch das
immer stärker werdende Verlangen der Großgrundbesitzer nach
ausländischen „Saisonarbeitern‘ im richtigen Lichte.
Durch den zwischen Deutschland und Polen abgeschlossenen Vertrag
„über die Beschäftigung polnischer Wanderarbeiter in der deutschen
Landwirtschaft” müssen diese zwangsweise während der Winter-
monate: Deutschland verlassen. Damit werden die Wünsche der
Großgrundbesitzer in bezug auf Herabsetzung des Lohnkontos in
den „arbeitsarmen Wintermonaten“ erfüllt, Auf die lohndrückenden
Arbeitsbedingungen, die sich aus den für die ‚ausländischen land-
        <pb n="66" />
        wirtschaftlichen Arbeiter geltenden Arbeitsverträgen, die das Reich
durch die „Arbeiterzentrale" abschließt, für die einheimische
Arbeiterschaft ergeben, soll, obwohl für die Durchführung der Ratio-
nalisierung sehr interessant, aus Mangel an Raum nicht eingegangen
werden,

Zum Schluß soll noch eine andere Seite des landwirtschaftlichen
Rationalisierungsproblems angeschnitten werden, die besonders in
der neueren Zeit immer stärker in den Vordergrund gedrängt wird.
Das ist das sogenannte „Leistungslohnsystem“”. Es ist des-
wegen so bedeutungsvoll, weil nicht nur die „Arbeitgeber‘ sich
immer mehr anstrengen, es auf der ganzen Linie durchzusetzen,
sondern weil auch der DLV. sich nicht nur mit dieser Tatsache ab-
findet, ja diese Bestrebungen geradezu unterstützt. Beide Teile
versuchen in Wort und Schrift, mit Lichtbildern und anderen Publi-
kationsmethoden die Landarbeiter davon zu überzeugen, daß sie
durch das Leistungs- und Prämienlohnsystem ihre Lebens-
lage erheblich verbessern können. Der Landbund veranstaltet über-
all im Reiche sogenannte landwirtschaftliche „Wett-
arbeiten‘, Auf einem solchen, das am 16, Juni 1928 auf dem
Rittergut Barskewitz in Pommern stattgefunden hat, fand ein Wett-
mähen, Wettpflügen und Wettdungstreuen statt. „Der Reichsland-
arbeiterbund‘, das Organ der sogenannten Arbeitnehmergruppe des
Landhundes, schreibt darüber in seiner Nr, 13 vom 1, Juli 1928:
„Am 16. Juni kam dieser Gedanke nach eingehenden Vorbereitungen
zur Ausführung, Es war beschlossen worden, je eine Arbeitsgruppe unter
gleichen Bedingungen anzusetzen, Zu diesem Zweck waren den Männern
625 Quadratmeter große Stücke in einer Wiese abgemessen worden, Die
Pflüger wurden in zwei Untergruppen: geteilt, in Schwingpflüger und
Karrenpflüger, welche unter sich je 1250 Quadratmeter zu pflügen hatten,
Verlangt wurde dabei, daß in jedem Stücke 2 Rücken angetrieben, dann
das Stück umgepflügt und zum Schluß die Ausstrichfurchen ausgepflügt
und eingeebnet wurden. Die Dungstreuer hatten je 10 Haufen Stall-
dünger auf einer abgemessenen Fläche gleichmäßig zu verteilen, Nach
dem Punktsystem wurde beim
Mähen

beurteilt: 1, die Gleichmäßigkeit der Schwadenbreite, 2, die gleichmäßige
Höhe der Stoppeln, 3. der Gesamteindruck des Mähers,

Ausschlaggebend trat die erlangte Zeit hinzu, Zur Berechnung wurde
eine Stichzeit von 35 Minuten eingesetzt, das heißt die Zeit, die der
Mäher erreichen mußte, wenn er überhaupt zur Bewertung herangezogen
werden sollte, Alle diejenigen Mäher, welche diese Mindestzeit über-
schritten, kamen für eine Preisauszeichnung nicht mehr in Betracht, Jede
Minute, die weniger als 35 Minuten gemäht wurde, wurde bei der Gesamt-
beurteilung mit 4 Punkten berechnet, Bei den
Pflügern
sollte beurteilt werden: 1. Einhalten der vorschriftsmäßigen Tiefe (7 Zoll),
2. gleichmäßige Breite der Pflugiurche, 3. richtiges Auspflügen, 4 Ein-
und Aussetzen in den Vorgewenden (Grenzlinien), 5, richtiges Auspflügen,
6. gleichmäßige Gangart der Pferde, 7. Gesamteindruck des gepflügten
Ackers, 8. Gesamteindruck des Pflügers, 9, gebrauchte Zeit, Die Berech-
nung fand in derselben Weise statt wie beim Mähen, nur daß als Stichzeit
für die Karrenpflüger 75 Minuten und für die Schwingpflüger 70 Minuten
eingesetzt wurden. Bei den
        <pb n="67" />
        Dungstreuern
wurde beurteilt: 1, gleichmäßige Verteilung des Stalldüngers, 2. gerades
Streuen in den Reihen, 3. Gesamteindruck des Bewerbers, Die Stichzeit
war bei dieser Arbeit 43 Minuten.“
Hieran anschließend veröffentlicht die angeführte Zeitung einen
Jangen Schmus über den „herrlichen‘ Verlauf des „Festes der Wett-
arbeit” und das in der Landwirtschaft herrschende, segensreiche
„patriarchalische” Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeit-
nehmern, um schließlich mit der Verkündung der „Siegerliste” zu
enden.
In Wirklichkeit verschwinden mit der Rationalisierung auch die
etzten Reste der patriarchalischen Arbeitsverfassung auf den Guts-
und Großbauernhöfen. An Stelle der persönlichen Bindungen zwischen
„Bauer' und „Gesinde“ tritt der nackte Arbeitsvertrag, Da es sich
aber um eine Rationalisierung der Landwirtschaft in der imperia-
listisch-faschistischen Periode handelt, ist die wach-
sende Freizügigkeit und Auswechselbarkeit der Landarbeiter nicht
begleitet von rechtlichen und sozialpolitischen Verbesserungen etwa
in der Form der Annäherung an die arbeitsrechtlichen Verhältnisse,
Lohn- und Arbeitszeitbedingungen und an die sozialpolitischen Ein-
richtungen des. Industrieproletariats. Das moderne Agrarkapital
setzt vielmehr alle Hebel in Bewegung, um die alte Ausnahme-
gesetzgebung für Landarbeiter (Gesindeordnung bis
1918, Landarbeitsordnung seit 1919, Minderrechte in der Betriebs-
räte-, Arbeitszeit- und Arbeitslosengesetzgebung, keine Schutz-
bestimmungen für Frauen und Kinder), die früher in den halb-
patriarchalisch-feudalen Verhältnissen auf dem Lande verankert
waren, auch jetzt unter den ganz neuen und rein kapitalistischen
Verhältnissen beizubehalten, ja zu verschärfen (Arbeitsdienstpflicht,
Verbot der Arbeitsniederlegung in Saat- und Erntezeit, Entbindung
von den Beiträgen zur Arbeitslosenversicherung). Es ist gleichzeitig
ähnlich der Schwerindustrie bestrebt, die Differenzierung der
Arbeiterschaft, die schon bisher in hohem Grade bestand
(Gutsangestellte, Gutshandwerker und Schweizer, Deputat- und
Freiarbeiter, Schnitter], noch dadurch zu steigern, daß ein werk-
ireuer Arbeiterstamm von relativ besser bezahlten, ständigen
Qualitätsarbeitern der {fluktuierenden, schlechtentlohnten Hand-
langermasse gegenübergestellt wird. Diesen Bestrebungen dient
auch die Landarbeitersiedlung, wie sie vom Landbund

oropagiert und mit den Mitteln der produktiven Erwerbhslosenfür-
sorge durchgeführt wird,

Von diesem Gesichtspunkte der Züchtung einer werktreuen Ar-
beiteraristokratie aus interessiert sich das agrarische Unternehmer-
tum auch für die Berufsbildung der Landarbeiter, für die Einrichtung
von Maschinistenkursen und für die „Landarbeitslehre”, Mittel
hierzu werden jährlich im Etat des Reichslandwirtschaftsministers
angefordert,

Dem Versuche der Landarbeiterschaft, sich dem Elend des halb-
eklavischen Landlebens und den rohen Ausheutungsformen des
        <pb n="68" />
        Agrarkapitals durch Abwanderung in die Industrie zu entziehen,
der sogenannten Landflucht, wird mit den Mitteln der Aus-
nahmegesetzgebung und Ausnahmeverordnungen entgegengewirkt,
Es ist kein Zufall, daß im Frühjahr 1928 — trotz der nahe bevor-
stehenden Wahlen — der Reichsarbeitsminister Brauns sich be-
wogen fühlte, in einem Erlaß an die Landbehörden und ebenso in
einem Schreiben an die Arbeitgeberverbände zu
„geeigneten Schritten” zur Behebung des Arbeitermangels auf dem
Lande aufforderte. Er verwies dabei auf eine Anweisung des Präsi-
denten der Reichsanstalt {für Arbeitslosenversicherung und
auf das Vorgehen der bayerischen Regierung, Die An-
weisunsg der Reichsanstalt lautete wie folgt:
„Alle Arbeitsuchenden, bei denen es sich nach sorgfältiger Prüfung
ergibt, daß sie für Jandwirtschaftliche Arbeiten. geeignet sind, sind den
landwirtschaftlichen Betrieben zuzuführen, Die Arbeitsämter werden be-
sonders darauf aufmerksam gemacht, Arbeitslosen, die landwirtschaftliche
Arbeit ohne genügenden Grund ablehnen, die Unterstützung zu entziehen.
Diejenigen Berufsgruppen der Unterstützungsempfänger, unter denen sich
erfahrungsgemäß ehemalige Landarbeiter befinden, sollen besonders über-
prüft werden,”

Die bayerische Regierung ging in ihrer Anweisung noch weiter,
Sie verfügte, „daß in den öffentlichen Betrieben Arbeitskräfte, die
die nach ihrer Ausbildung und früheren Tätigkeit für die Landwirt-
schaft geeignet erscheinen, entlassen werden, und zwar Ledige
ohne weiteres, Verheiratete auf Anfordern der Arbeitsämter und
wenigstens für die Dauer der landwirtschaftlichen Bestellungs- und
Erntezeiten‘. Den Gemeinden wurde ein gleiches Vorgehen dringend
empfohlen. Und auf diese brutalen Scharfmacherverordnungen, die
das verfassungsmäßige Recht der Freizügigkeit für alle Arbeiter, die
„für landwirtschaftliche Arbeit geeignet erscheinen“, aufhebt, berief
sich der Zentrums-Arbeitsminister Brauns, derselbe, den wenige
Wochen später Hermann Müller himmelhoch anflehte, doch das
Ressort in seinem neuen Kabinett zu behalten.
VII.
Schlukfolgerungen
Welche Schlußfolgerungen muß die KPD. aus der Erkenntnis
dieser Entwicklungstatsachen ziehen?
1 In bezug auf das Landoroletariat
Der Rationalisierungsprozeß in der Landwirtschaft bedeutet, daß
das Agrarkapital in zunehmendem Maße seine halbfeudale Eigen-
art einbüßt, mit dem Industriekapital und dem Bankkapital ver-
wächst und immer vollkommener im monopolistischen Finanzkapital
aufgeht. Aus dem patriarchalischen Großbauern, aus ‚dem feudal-
despotischen Krautjunker von ehedem wird der moderne industrie-
kapitalistische Agrarunternehmer. landwirtschaftliche Kaufmann,
        <pb n="69" />
        Boden- und Getreidespekulant, Vieh-Börsianer, Aktionär oder Eigen-
tümer industrieller, die Agrarprodukte verarbeitenden Fabrik-
anlagen, Damit erweist sich auch die in Deutschland heute noch
vorherrschende Bodenverfassung als überlebt; Bauernhof und Ritter-
gut reichen als Wirtschaftsgrundlagen nicht mehr aus. Die Frage der
Schaffung landwirtschaftlicher Aktiengesellschaften, Konzerne und
Kartelle oder bäuerlicher Produktivgenossenschaften wird schon
lebhaft. diskutiert und zum Teil bereits durch die Praxis beantwortet.
Die landwirtschaftlichen Genossenschaften aber verwandeln sich
immer restloser in große marktbeherrschende Syndikate. Soweit
sie Kreditgenossenschaften sind, ändern sie ihre Funktionen, werden
aus Sparkassen vieler Einzellandwirte zu einer riesigen Röhrenleitung,
durch die das große Finanzkapital, meist. durch Vermittelung des
Staatsapparates, jene Milliardensummen _ in die Landwirtschaft
hineinpumpt, die zur beschleunigten Industrialisierung und Rationali-
sierung der Betriebe notwendig sind und wodurch es zum wahren
Eigentümer des Bodens und zum Einkassierer der Grundrente wird,

Entsprechend der geringen Konzentration des agrarischen
Kapitals nimmt ‚dieser Prozeß vielfach die Formen staats-
kapitalistischer Maßnahmen an, insbesondere auf dem
Gebiete der Kreditbeschaffung (Rentenbankkreditanstalt und Zentral-
genossenschaftskasse, Umschuldung unter Staatskontrolle mit staat-
licher Sicherung), auf dem Gebiete der Absatzorganisation (Reichs-
getreidehandelsgesellschaft, Kuratorium für Technik in der Landwirt-
schaft,  Reichsviehverwertungsgesellschaft, Standardisierung mit
Staatskontrolle}, und auf dem Gebiete der Weiterverarbeitung
agrarischer Produkte {staatlich subventionierte Fabriken), sowie der
Exportkreditversicherung und Lombardierung, Dies alles bedeutet
keineswegs etwa eine Umwandlung des reaktionären altpreußischen
Junkertyps in einen liberal-fortschrittlichen Unternehmertyp, wie
das sich die sozial-reformerischen Anhänger der. „Wirtschafts-
demokratisierung‘“ erträumen, sondern im Gegenteil die Verbindung
der barbarischen Ausbeutungsformen des halbfeudalen Hörigen-
systems mit den modernen Ausbeutungsformen des „Amerikanismus”.

Die durch die technische Revolution in der Landwirtschaft beschleu-
nigte Annäherung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse des Land-
proletariats an das Industrieproletariat, die wachsende Auswechsel-
barkeit von Industrie- und Landproletariern, die steigende Ver-
bindung der Agrarbetriebe mit industriellen Fabriken, wodurch der
Typus des gemischt agrarisch-industriellen Betriebes und des
abwechselnd in der Landwirtschaft und in der Fabrik arbeitenden
Landproletariers entsteht, sind für die Perspektive der proletarischen
Revolution von größter Bedeutung, Die KPD. muß alle Kräfte dran-
setzen, um diesen ‚Tendenzen der modernen Entwicklung zum
Durchbruch zu verhelfen, um die sich anbahnende Verschmelzung
von Land- und Industrieproletariat nach Kräften zu fördern, um dem
organisierten‘ Industrieproletariat seine Aufgabe der Organisierung
und politischen Schulung des noch rückständigen, in seiner Zer-
streuung wehrlosen Landproletariats klar zu machen, Aber nicht
        <pb n="70" />
        mit den Agrarkapitalisten werden sich die revolutionierenden
Tendenzen der Technik durchsetzen, sondern nur gegen die Agrar-
unternehmer, nicht in den Formen der Tarifgemeinschaft, der
positiven Mitarbeit an der kapitalistischen Rationalisierung der
Landwirtschaft und der demokratischen Gesetzgebung, sondern nur
im heftigsten Kämpfe. gegen die Tarifgemeinschaft, gegen die
kapitalistische Rationalisierung und gegen die bürgerliche Demo-
kratie, Die demokratische Gesetzgebung ist es ja gerade, die auf
Wunsch der ’Agrarkapitalisten die Sondergesetzgebung gegen die
Landarbeiter verewigt; die Schlichter der demokratischen Republik
sind es, die die Anpassung der Arbeitszeit und Lohnverhältnisse der
Landarbeiter an die der Industriearbeiter verhindern; die *„Land-
arbeitersiedlung‘ der Preußenkoalition bedeutet nicht, wie die SPD.
behauptet, eine Rückenstärkung der Landproleten gegen den Unter-
nehmer, sondern nur Bindung an die Scholle, also verschärfte
Abhängigkeit.

Wenn der DLV. in seiner jüngsten Denkschrift die Bauhilfs-
arbeiterlöhne‘ zum Vergleich mit den Landarbeiterlöhnen in den ver-
schiedenen Tarifgebieten heranzieht, so müssen wir Kommunisten
das zum Ausgangspunkt nehmen für die Forderung: Heran an die
Bauhilfsarbeiterlöhne! Die Einführung industrieller Ausbeutungs-
methoden in der Landwirtschaft sind für unsere. Agitation der Aus-
gangspunkt für die Forderung des Achtstundentages auch in der
kapitalistischen Landwirtschaft, Die „Umschuldung‘“ der Betriebe
mit öffentlichen Krediten und Garantien müssen für uns der Aus-
gangspunkt sein für die Forderungen: Nur unter der Bedingung
gleicher Betriebsräterechte mit dem Industrieproletariat, Erweiterung
der Betriebsräterechte über das bestehende Recht hinaus, Zahlung
von Tariflöhnen nach den Tarifen des DLV., Beseitigung aller Werk-
tarife, Einbeziehung der Landarbeiter in alle sozialpolitischen Ein-
richtungen des Industrieproletariats. Der agrarkapitalistischen For-
derung nach Beseitigung auch der letzten Schutzbestimmungen für
die Mieter-der Werkswohnungen und nach Hergabe immer neuer
Baudarlehen setzen wir entgegen die Forderung der Kommunali-
sierung der Landarbeiterwohnungen. Der zunehmenden Beschäftigung
von jugendlichen Arbeitern, Frauen und Kindern müssen wir ent-
gegensetzen die Forderung der Abschaffung des Hofgängerwesens,
Verbot der Frauen- und Kinderzwangsarbeit, der Familienakkorde.

Kurzum: Der Prozeß der beschleunigten Kapitalisierung der
Landwirtschaft muß von den Kommunisten ausgenützt werden, um
die letzten Reste halbfeudaler Hörigkeit zu beseitigen, die rechtliche
Gleichstellung der Land- und Industriearbeiter zu erkämpfen und die
Landarbeiter zusammen mit den Industriearbeitern für die
sozialistische Industrialisierung der Landwirtschaft durch eine
Arbeiter- und Bauernregierung zu mobilisieren, wobei wir den von
den Agrarkapitalisten mißbrauchten Begriff „Bauern“ leninistisch
erklären müssen.
        <pb n="71" />
        2. In bezug auf die Bauernschaft

Für die werktätige Bauernschaft, deren Massenaufmarsch wesent-
lich zum Kompromiß ‚zwischen Finanz- und Agrarkapital beitrug,
bedeutet die kapitalistische Rationalisierung, wie sie jetzt durch das
„Notprogramm“ des Bürgerblocks beschleunigt ins Werk gesetzt
wird, nicht nur keine Verbesserung ihrer materiellen Lage, sondern
im Gegenteil verschärfter Druck des großen Bank- und Agrarkapitals,
Gerade die staatskapitalistischen Formen dieser Rationalisierung
verschärfen die Diktatur des Großkapitals,

Die Zentralisation der Genossenschaften verwandelt den ‚„freien”
Bauern immer mehr in einen „Angestellten der Genossenschaften‘,
für deren geschäftliche Transaktionen er zwar mit seinem Gelde
haften muß, in deren Leitung er aber nicht im mindesten dreinreden
darf oder auch nur kann, Das Schreckgespenst, mit dem die Groß-
agrarier vor wenigen Jahren die Bauern vor den Bolschewiki grau-
lich machten, wird bittere kapitalistische Wirklichkeit. Auch die
Standardisierung, heute neben den Schutzzöllen den Bauern als die
Rettung gepriesen, steigert im kapitalistischen Wirtschaftssystem nur
die Ueberlegenheit des kapitalistischen Betriebes (Gutshof und Groß-
bauernhof} gegenüber dem „Familienbetrieb‘, der nicht imstande
ist, große Massen einheitlicher Qualitätsware auf den Markt zu
werten.

[nnerhailb der Bauernwirtschaft wächst die Polarisierung nach
oben und nach unten. Während die stärkeren Mittelbetriebe den
Anschluß an die kapitalistische Produktion und ihre Organisation
gewinnen, an der Mechanisierung, Standardisierung, Spezialisierung
und kaufmännischen Rationalisierung teilnehmen, sinkt die Masse
der schwächeren Mittelbetriebe und die Kleinbetriebe in eine immer
hoffnungslosere Situation. Dabei wächst ununterbrochen die Zahl
der Klein- und Kleinstbetriebe mit halbproletarischem Charakter,
wenigstens in allen mit Industrie durchsetzten Gebieten, Die Zahl
der im Industriebetrieb lohnarbeitenden Kleinbauern nimmt zu, der
Druck dieser proletarisierten und noch klassenunbewußten, mit der
kleinbürgerlichen Besitzerideologie behafteten ländlichen Arbeits-
konkurrenten auf das freigewerkschaftlich organisierte Industrie-
proletariat wächst, Die Unternehmer nützen dies aus, um die
lohnarbeitenden Bauern in den christlichen und gelben Gewerk-
schaften, im Stahlhelm und in Kriegervereinen, in Werksportvereinen
etc, gegen das klassenbewußte Proletariat zu kehren.

Andererseits wirken alle Schwankungen der industriellen Kon-
junktur in verstärktem Maße auf die Kleinbauernschaft zurück, ihr
Interesse an Lohn- und Arbeitszeitiragen, an Erwerbslosenfürsorge,
Sozialversicherung, Arbeitsrecht etc, wächst, Die sozialen Schranken
zwischen „Besitzer‘ und Proletarier werden verwischt. Die prole-
tarische Ideologie und proletarischen Organisationen dringen auf
diesem Wege weit hinaus aufs. flache Land. Für die revolutionäre
Arbeiterpartei ist die Beseitigung der traditionellen Gegensätze
zwischen lohnarbeitendem Bauer und reinem Industrieproletarier.
        <pb n="72" />
        wie sie im Betrieb von den reformistischen Gewerkschaftsführern
aus eng zünftlerischer Einstellung heraus kultiviert werden, in der
jetzigen Zeit eine Hauptaufgabe.

Die skizzierte Entwicklung macht auch jeden kleinbürgerlich-
reformistischen Versuch eines „Bauernschutzes” im Rahmen der
kapitalistischen Rationalisierung und Industrialisierung der Land-
wirtschaft von vornherein aussichtslos. Der isolierte, individualistische
bäuerliche „Familienbetrieb‘”, wie ihn der junge Kapitalismus, sei es
als Pacht-, sei es als Eigenbetrieb, ins Leben rief, ist unrettbar dem
Untergang geweiht. Alle Theorien Davids und der demokratischen
Bodenreformer können die langsame Auflösung dieser überholten
Wirtschaftsweise nicht aus der Welt disputieren. Recht haben sie
nur insofern, als diese Auflösung nicht in genau denselben Formen
wie in der Industrie, und vor allem weder in demselben Tempo, noch
mit derselben Gleichmäßigkeit in den verschiedenen geographischen
Gebieten vor sich geht, Die kapitalistische Rationalisierung der
Landwirtschaft kann sich in den Gebirgsgegenden Mittel- und Süd-
deutschlands nicht so durchsetzen wie in den breiten Ebenen und
fruchtbaren Talniederungen. In industrienahen Gebieten verwandeln
sich viele bäuerliche Familienbetriebe durch die besondere Gunst
der Absatzverhältnisse und Bodenpreise in hochintensive kapita-
listische Kleinbetriebe. Vor allem wird die Masse der Kleinbetriebe
nicht einfach vom Großbetrieb aufgesogen oder stillgelegt; ihre
Enteignung geht indirekt und auf Umwegen vor sich, wie das bereits
Friedrich Engels und Karl Marx vor mehr als zwei Menschenaltern
im Prinzip nachgewiesen haben,

Diese Erkenntnis ist für die KPD, deshalb von ungeheurer Be-
deutung, weil sie eine scharfe Abgrenzung der kommunistischen
Bauernpolitik von der opportunistischen Gelegenheitspolitik der
verschiedensten oppositionellen Klein- und Mittelbauernverbände,
und vor allem von der sozialdemokratischen Bauernpolitik notwendig
macht. Die sozialdemokratische Bauernpolitik befindet sich in einem
unlösbaren, nichtdialektischen Widerspruch, Sie ist aus „staats-
Politischen‘ Gründen für die kapitalistische Rationalisierung, und
aus wahldemagogischen Gründen für den Schutz der. bäuerlichen
Kleinbetriebe. Sie macht im Prinzip also dasselbe, was jede kapita-
listische Partei heute macht: Reale Geschenke an die Großagrarier
und Scheinkonzessionen an die werktätigen Bauern, Sie unter-
scheidet sich von den Deutschnationalen nur dadurch, daß sie die
Geschenke an das Agrarkapital mit demokratischen Attrappen
versieht, womit auch das Zentrum und die Demokraten einverstanden
sind (Ueberwachungsausschuß, verstärkter staatskapitalistischer Ein-
Schlag). Den Bauern muß sie infolgedessen vorflunkern, daß diese
Staatskapitalistische Rationalisierung — eine demokratische Regie-
rung vorausgesetzt — ihre Situation verbessern werde, In Wirklich-
keit lehnt die SPD. zusammen mit allen bürgerlichen Parteien mit der
Begründung, gerade die Bauernwirtschaft habe die Agrarkrise „sieg-
reich‘ überstanden‘ (Prof. Sering!), jede Forderung ab, die die staat-
lichen Mittel für den einzig möglichen .„Bauernschutz‘ verwenden
        <pb n="73" />
        will, nämlich für die allmähliche Ueberführung der individualistischen
Bauernwirtschaft in. die neuen Formen genossenschaftlicher und
kollektiver Produktion.

Die Tagesforderungen und parlamentarischen Anträge der KPD,
müssen sich deshalb gleichzeitig gegen die Demagogie der groß-
agrarischen Parteien wie der SPD. richten, und den Kurs auf die
sozialistische Industrialisierung und Rationalisierung auch der
Bauernwirtschaft nach dem Vorbild Sowjetrußlands richten, Dies
bedeutet Betonung der Unrettbarkeit der bäuerlichen Existenz inner-
halb der kapitalistischen Ordnung, die Aufklärung der. Bauernmassen
über den Betrug des Landbundes wie der SPD,, keine Abdämpfung
der revolutionären Zielpropaganda auf dem Lande, sondern Auf-
zeigung der Halbheiten der oppositionellen Verbände und organische
Verbindung der kleinbäuerlichen Tageslosungen mit den kommu-
nistischen Endzielen, Die Agrarresolution des Essener Parteitages
muß strikter als bisher zur Richtschnur unserer „Landagitation”
werden, die Partei muß schneller und zielklarer in die Bauern-
bewegungen eingreifen und um die Führung kämpfen.
3. In bezug auf das Gesamtproletarialt
In der Partei darf keine Unklarheit darüber herrschen, daß die
Rationalisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft und die
zunehmende Verschmelzung des Agrar- und Finanzkapitals, gerade
auch in ihren staatskapitalistischen Formen, eine gewaltige Stärkung
der Positionen der Bourgeoisie gegenüber dem Proletariat bedeutet,

Das vom Reichstag angenommene „Notprogramm” wird zusammen
mit den agrarpolitischen Maßnahmen der Preußenregierung eine
steile Teuerungstendenz auf dem Lebensmittel-
markt hervorrufen. Genau wie bei der Rationalisierung in der
[ndustrie behaupten Bürgerliche und Sozialdemokraten gemeinsam
das Gegenteil, Durch die „Umschuldung” und die Wiederherstellung
der „Rentabilität“ werde die Produktion vermehrt und eine eventuel!
vorübergehend eingetretene Teuerung bald wieder ausgeglichen
werden; Genau das Gegenteil wird der Fall sein, Schon jetzt
beweisen die monatlichen, sicher gefärbten, Erntevorratsziffern des
Deutschen Landwirtschaftsrats eine zunehmende Tendenz
zur Zurückhaltung der Vorräte,

Die Preise für Roggen, Kartoffeln, Vieh und Milchprodukte haben,
von Saisonschwankungen abgesehen, eine durchaus ansteigende
Tendenz. Soweit eine „Befreiung von den Schwankungen des Welt-
marktes‘“ eingetreten, ist, wie beim Roggen, hat diese Stabilisierung
durchweg den Charakter der Ueberschneidung der Weltmarktpreise,
Die infolge der reichen Welternte 1928 einsetzende Weizenbaisse
hat nach wenigen Wochen — auch infolge Eingreifens der Deutschen
Getreidehandelsgesellschaft — einem langsamen Wiederanstieg Platz
gemacht. Der niedrige Stand der Schweinepreise, der im Winter
1927/28 den Vorwand für die Stützungsaktionen im „Notprogramm“”
abgab. ist bereits im Mai 1928 einem.ständigen Preisauftrieb gewichen.
        <pb n="74" />
        Da die Angleichung der Agrarpreise an die Industriepreise zugegebe-
nermaßen — Minister Schiele verlangte im Reichstag Valorisation der
Preise für Agrarprodukte auf 150 % der Vorkriegspreise! — das Ziel
der Rationalisierung und der zukünftigen Handelspolitik sein soll, ist
eine Senkung der Preise in absehbarer Zukunft nicht zu „befürchten“,
Die Zinsverbilligung durch die Umschuldung wird die Teuerungs-
tendenz nicht mildern, sondern stärken, und der Uebergang zur
agrarischen Exportindustrie mit Hilfe der „Organisation des Ab-
satzes’” durch Bildung von monopolistischen Gesellschaften wird
eine auch nur saisonweise Ueberschwemmung lokaler Märkte aus-
Schalten. Schon heute müssen also die Lohnpolitik der Gewerk-
Schalten, die sozial- und wirtschaftspolitischen Forderungen des
Proletariats von dieser Perspektive geleitet werden, Darüber
hinaus muß die Losung lauten: Keine Subventionen für
das Agrarkapital! Billiges Brotfürdie Arbeiter!
Fort mit den Agrar- und Industriezöllen! Nieder mit der Ausnahme-
Sesetzgebung gegen die Landarbeiter! Staatshilfe für die bäuerlichen
Klein- und Mittelbetriebe! Direkter Warenverkehr zwischen land-
wirtschaftlichen Genossenschaften einerseits, Konsumvereinen und
Gemeinden andererseits!

Aber das ist nur eine Seite der Auswirkungen, Das Bündnis des
Industrie- und Agrarkapitals, die wachsende Einordnung des Agrar-
kapitals in das Gesamtsystem des monopolistischen Kapitalismus
bedeutet innerpolitisch einen verschärften reaktionären Kurs und
außenpolitisch-. eine bedeutende Stärkung. der imperialistischen
Tendenzen. Dieser Prozeß war bisher. schon ein wesentlicher
Faktor bei der Bildung des Bürgerblocks, Der alte Streit, ob
Monarchie oder Republik, der jahrelang die ideologische. Ver-
kleidung der Gegensätze zwischen Agrar- und Industriekapital war,
verliert jede praktische Bedeutung gegenüber so aktuellen Fragen
wie „Revision des Dawesplanes', Rheinlandräumung, Neuregelung
der Ostgrenze, Erweiterung der Kriegsrüstungen, Kolonialmandaten.,
Die mit der Junkerschaft versippte hohe monarchistische Bürokratie
verschmilzt mit der neuen republikanischen Bürokratie, worüber
die Absetzung einiger allzu borniert-reaktionären Landräte durch
die Preußenregierung nicht hinwegtäuschen darf,

Ueberhaupt bedeutet die Ersetzung der Bürgerblockregierung im
Reiche durch eine Koalition der „Linksparteien‘ keine prinzipielle
Aenderung des Bürgerblockkurses und vor allem nicht der Macht-
verhältnisse zwischen Bourgeoisie und Proletariat, ;

Wie der Austritt der Deutschnationalen aus der Regierung im
Herbst 1925 nicht der Anfang einer neuen Aera, sondern nur die
verdeckte Vorbereitung des neuen Bürgerblocks für den Januar 1927
bedeutete, so ist auch Ersetzung der Bürgerblockregierung durch
das „Kabinett der Köpfe” nur die Vorbereitung für eine neue er-
Wweiterte und gekräftigte Stufe der Bürgerblockpolitik. In dieser
neuen Phase der Bürgerblockpolitik wird die „rationalisierte Land-
wirtschaft‘, d. bh. das auf einer höheren technischen Basis reorgani-
Sierte Agsrarkapital, eine noch bedeutsamere Rolle als bisher spielen.
        <pb n="75" />
        Was sich heute vor unseren Augen vollzieht, ist die Einbeziehung
der kapitalistischen Landwirtschaft in den Gesamtprozeß der kapita-
listischen Rationalisierung, ihre Verwandlung in eine agrarische
Industrie, ihre teilweise Befreiung aus der‘ bisherigen Ge-
bundenheit an Boden, Lage, Jahreszeiten und Klima, ihre Um-
stellung auf Spezialisierung und Export und ihre Unterordnung unter
das Diktat des großen Monopolkapitals. Das Junkerkapital wird
mit. dem großen Finanzkapital verschmolzen, die Grenzen zwischen
{ndustrie und Landwirtschaft werden verwischt und fließend, Die
Bauernwirtschaft verteidigt inzwischen noch krampfhaft ihre
Existenz, und zwar um den Preis der „Verelendung auf der
Scholle“. Der vom Finanzkapital geleitete „Staatskapitalismus”
in der Landwirtschaft wird die Ausbeutung der Landarbeiter
ungeheuer verschärfen, die Proletarisierung der Bauernschaft
beschleunigen und damit auch die Gefahr faschistischer Bewegungen,
aber auch die Möglichkeit der Gewinnung der breiten ländlichen
Massen für den revolutionären Kampf verstärken, Das Industrie-
proletariat wird die Kosten in Form steigender Teuerung bezahlen
müssen. Für die KPD, bedeutet diese Entwicklung die dringende
Mahnung, sich der drei Millionen Landarbeiter und der sieben
Millionen erwachsenen Mitglieder der bäuerlichen Klein- und
Mittelbetriebe mit allen Kräften anzunehmen; sie in die proletarische
Abwehrfront einzugliedern. Die jetzige Situation muß aus-
genutzt werden, um auf dem Lande feste Stützpunkte und Ver-
bindungen der revolutionären Einheitsfront zu schaffen.
        <pb n="76" />
        Nachlrag

Während der Drucklegung hat der Enquete-Ausschuß des Reichs-
tages den zweiten Materialband seiner „Untersuchungen zur Lage der
Landwirtschaft‘ herausgegeben, Obwohl bei diesen Untersuchungen
nur eine außerordentlich geringe Anzahl von Betrieben herangezogen
wurde, und bei den Kleinbetrieben nur diejenigen, die ausnahms-
weise einer Buchstelle angeschlossen waren, so zeigen doch auch die
Ergebnisse dieser Rundirage den starken Abstand zwischen der
landwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität im Kleinbetrieb zur Pro-
duktivität in Großbetrieben. Folgende Tabelle, die aus der Statistik
des Enquete-Ausschusses für die Zeitspanne 1924—1927 ausge-
zogen ist, beweist das aufs deutlichste:

Betriebsgröße Getreide Kartolfeln
dz vro ha dz pro ha
IL. Ostpreußen:
a] Getreidewirtschaften mit mittlerem Boden
10 bis 50ha . ,. . 10,9 103
über 100 ha , .'. 156 114
Futterbauwirtschaften auf mittlerem Boden
10 bis 20 ha . . . 14/7 132
100 bis 200 ha. , . 16,8 114
über 400 ha . . . 188 139

1544
2086

1612
3009
397252
IL, Schlesien;

a] Hackfruchtwirtschaften mit überwiegendem Kartoffelbau
5 bis 20 ha . , . 20,1 149 1911
100 bis 200 ha. - - 204 143 2699
Getreidewirtschaften auf mittlerem Boden
5 bis 20 ha . . . 17,1 134
100 bis 200 ha. . . 205 134

c} Futterbauwirtschaften auf mittlerem Boden
5 bis 20ha . . . 182 115 1659
100 bis 200 ha, . . 18.9 119 2817

b}

IL Norddeutschland:
a) Hackfruchtwirtschaften mit überwiegendem Kartoffelbau
5 bis 20 ha . . . 146 114 1626
100 bis 200 ha. . . 191: ‚164 2528
über 400 ha 21.4 173 2790
        <pb n="77" />
        Betriebsgröße - Getreide Kartoifeln Milch
dz pro ha dz pro ha Itpro Kuh u. Jahr

b) Getreidewirtschaften auf mittlerem Boden
5 bis 20 ha . . . 145 128
100 bis 200 ha. . , 22,0 i 157
Fuütterwirtschaften auf geringem Boden
5 bis 20 ha . . . 125 114 1789
100 bis 200 ha, . . 162 154 3009

IV, Mitteldeutschland:

a) Hackfruchtwirtschaften mit überwiegendem Kartoffelbau
5 bis 20 ha . . . 21,8 152 2249
100 bis 200 ha. . , 221 143 2515

5) Getreidewirtschaften auf mittlerem Boden
5 bis 20 ha . . . 188 126
100 bis 200 ha, .. - 235 145
Futterbauwirtschaften auf mittlerem Boden
5 bis 20 ha... . , 19,9 128
530 bis 100 ha ‚, . . 22,3 159
über 200 ha . . . 197 122

„}

V. Nordwestdeutschland:
a} Getreidewirtschaften auf mittlerem Boden
5 bis 20 ha . . . 20,3 165
100 bis 400 ha. . . 232 139 .
b) Futterbauwirtschaften auf mittlerem Boden
5 bis 20 ha . . . 241,1 155 2164
100 his 200 ha. .. = . 21.7 122 3022

2158
2618

Die Untersuchungen in den Wirtschaftsgebieten Westdeutsch-
land, Südwestdeutschland und Bayern unterscheiden
nicht zwischen Klein- und Großbetrieben. Sind also für unsern
Zweck unbrauchbar.
        <pb n="78" />
        INHALTSVERZEICHNIS

I. Landbundoffensive und Bauernschaft . ‚000. Seite 3
2. Das Bündnis. des Agrar- und Finanzkapilals ....
3. Das Hilfsprogramm des Bürgerblocks

a) Die Umschuldung . . . -

b) Die „Förderung des Meliorationswesens‘*

c) Die Organisation des Absabes .....

d) Die Rationalisierung der Genossenschaften

e) Expansionspolitik des Agrarkapitals  . .
4..Der innere Prozeß der Rationalisierung

a) Verschärfie Ausbeutung

b) Mechanisierung . .

c) Agrarwissenschaft

qq) Viehzucht ...

e) Feldbau ...

f) Zusammenschlußbestrebungen
5. Die Standardisierung . ;
6. Agrarkapitalist und Bauer in der neuen Phase
7. Rationalisierung und Landarbeiterschaft
8. Schlußfolgerungen .

Il. In bezug auf das Landproletariat

2. In bezug auf die Bauernschaft . .

3. In bezug auf das Gesamtproletariat

14
19
21

28
35
37
37
38
41

43
45
47T
48
52
59
65
65
65
70

is

Nachtrag

7%
        <pb n="79" />
        HALLO!
ET

EC
|
al

CF

Senosse, Kollege!
Zum 10. Jahrestag der Deutschen Revolution erscheint
amehben die
Illustrierte Geschichte
der Deutschen Revolution!

Auch‘ Du brauchst dieses Geschichtswerk, Es stellt zum
arsten Male‘ im Zusammenhang die Revolutionsereignisse
marxistisch dar. Tatsachen reihen sich nicht nur an Tat-
sachen, es werden die Gesetze ihrer Bewegung, ihre Not-
wendigkeit, ihre Ursachen aufgezeigt Darüber hinaus enthält
dieses Geschichtswerk die Geschichte Deiner Klasse, .

Arbeiter waren es, die das Banner der Revolution entfalteten.
Arbeiter, die es mit ihren Leibern verteidigten.

Arbeiter waren es, deren Biut in Bremen, Hamburg, Halle,

Berlin und Leipzig floss.
Arbeiter, die im Ruhrgebiet und anderen Städten starben.

Genosse, Kollege!
_ies dieses Werk. 16 Teillieferungen ä 32 Seiten zum Preise
‚on je 50 Pfennig ermöglichen die Anschaffung.
Jeberall erhältlich!

Internationaler Arbeiter-Verlag, Berlin C 25,
Kleine Alexanderstraße 28.
        <pb n="80" />
        Dorfgespräche

Feiertag — an. der Schwelle eines Bauernhauses sitzen drei
3auern und ein Pope. Der Pope hat soeben in.einer fast
eeren Kirche gepredigt und klagt über die gotllosen Zeiten.
Er ist erbittert und gibt seinem Zorn. auf die kommunistische
Dorfzelle Ausdruck : „Nun also Revolution, und was hat man
davon? Alles ist teuer. Die gute alte Zeit werden die Kom-
munisten nie wiederbringen!“ Die Bauern erwidern, der
Lehrer der Dorfzelle gibt dem Popen Antwort, es eritspinnt
sich eine interessante Diskussion über all das, was die Bauern
durch die Revolution gewonnen haben, und’ der Leser ge-
winnt dadurch Einblicke in die Verhälinisse der Bauernschaft,

Zu beziehen durch alle Literaturobleute, Kolporteure und
Buchhandlungen.
24 Seiten
Preis 20 Pig.

Internationaler Arbeiter-Verlag G.m.b.4.
Berlin € 25, Kleine Alexanderstraße 28

Die

We m
GbF Ye?
Ce
ssische

Diese kleine Broschüre zeigt an Hand
reichhaltigen Materials und vieler Zahlen,
vas die Oktoberrevolution den russischen
Bauern gebracht hat, Sie zeigt die Er-
‘ungenschaften, die nur erreicht werden
connten durch den engen Zusammen-
schluß der Arbeiter und Bauern. Sie muß
den ungläubigsten Landwirt überzeugen.
or

Zu beziehen durch alle Literaturobleute, Kolporteure,
Buchhandlungen und direkt durch
47 Seiten
Preis 10 Pig.
Internationaler Arbeiter-Verlag c.m.b.u.
Berlin € 25, Kleine Alexandersiraße 28
        <pb n="81" />
        NTERMATIONALER-ARBEITER- VERLAG-BFRUNG 25 _
        <pb n="82" />
        <pb n="83" />
        nuf.
x
wd P
Er)
lad 4,
dul *
de
ZOg-Fs

A

©
&amp;
© ©
OO
D
oo ©
OÖ &amp;
E
a
oo A
&lt; ©
vv
 £
m &gt;

©
©

Bi
&lt;T

&gt;
Oo

[nd
OO

v—
ce

N
[m]

I
CC

SD
D

7

Nachlrag

r Drucklegung hat der Enquete-Ausschuß des Reichs-
en Materialband seiner „Untersuchungen zur Lage der
herausgegeben, Obwohl bei diesen Untersuchungen
rdentlich geringe Anzahl von Betrieben herangezogen
ü den Kleinbetrieben nur diejenigen, die ausnahms-
hstelle angeschlossen waren, so zeigen doch auch die
jer Rundfrage den starken Abstand zwischen der
°hen Arbeitsproduktivität im Kleinbetrieb zur Pro-
oßbetrieben. Folgende Tabelle, die aus der Statistik
isschusses für die Zeitspanne 1924—1927 ausge-
st das aufs deutlichste:
töße Getreide Kartoffeln Milch
dz pro ha dz pro ha Itpro Kuh u. Jahr

wirtschaften mit mittlerem Boden
ha. ., 10,9 103
ha , .'. 156 114
‚wirtschaften auf mittlerem Boden
ha. ., 14,7 132
Oha, . . 16,8 114
ha . . , 188 139

1544
2986

1612
3009
3252
IL

UL

we
am

co

bin

OO
_

2
a

ıtwirtschaften mit überwiegendem Kartoffelbau
ha . , . 201 149 1911
Oha, . , 20,4 143 2699
virtschaften auf mittlerem Boden

ha... 17,1 134

Oha. , , 205 134

wirtschaften auf mittlerem Boden

ha . ., 182 115 1659
Oha, . . 18,9 119 2817
and:
itwirtschaften mit überwiegendem Kartoffelbau
ha... 146 114 1626
Dha. . , 191 „164 2528
ha . 21.4 173 2790

tr
x

‘
Y}
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
