berger Universitätsbibliothek bewahrt, lange Berichte von Lists Toch- ter an Häusser fanden, Berichte, die Auszüge aus Lists Briefen enthalten; vielleicht also, schien es, hat die Tochter Lists dem Bio- graphen ihres Vaters gerade diese Briefe und Stellen vorenthalten. Aber diese Vermutung mußte schnell wieder aufgegeben werden; denn erstens entstammen sämtliche Auszüge Briefen eines anderen Jahres (184x1)15. Zweitens sagt Häusser im Vorwort (S. IV) ausdrücklich, daß die Familie ihm alles Briefmaterial, die Tagebücher usw. „zur Ereiesten Verfügung gestellt“ hat. Drittens besagt eine von Herrn v. Pacher übermittelte Familientradition, daß Häusser die Briefe ge- lesen, geordnet und numeriert hat, wodurch also Häussers Angaben eine Bestätigung fänden. Diese Tradition konnte als richtig erwiesen werden; denn es ergab sich, daß die alten Nummern auf den Original- briefen mit dem gleichen Braunstift geschrieben sind, der auch in Häussers Manuskripten aus dieser Zeit andauernd benutzt wird. Ja, es fand sich weiter, daß Striche am Rand der Briefe von der gleichen Hand und mit dem gleichen Braunstift gemacht sind. Und es stellte sich schließlich heraus, daß nur und gerade die Briefstellen den Rand- strich aufweisen, die Häussers Biographie zum Abdruck bringt. Zu diesen angestrichenen Briefstellenaber gehörtder von Häusserfalschabgedruckte Briefvom ı. Januar 838 und zu den numerierten Briefen gehören alle von uns hier benutzten, von Häusser übergangenen oder für unseren Zusammen- hang nicht ausgewerteten Briefe. Damit schließt sich der Ring: es steht fest, daß Häusser alle in Betracht kommenden Briefe durch- gesehen, daß er selbst die für den Abdruck bestimmten Stellen be- zeichnet hat und daß er mithin selbst für die verfälschende Änderung verantwortlich ist. Ob er indessen auch selbst die Änderung veranlaßt hat, das wagen wir nicht zu entscheiden. Denkbar wäre immer noch, daß die Tochter Lists den Historiker bat, eine Tatsache zu verbergen, die ihr Vater sein Leben lang verschwiegen hat. Was aber List dazu veranlaßte, das ist kaum zu mutmaßen. Die zweite Preisaufgabe verlangte eine Er- örterung der Folgen, die die Umwälzung des Transportwesens durch die Eisenbahnen in der alten und der neuen Welt auf den Wohlstand und das Staatsleben haben mußte — sie betraf also gerade jenes Ge- biet, in dem List sich allezeit als Fachkenner auszeichnete. Vielleicht war es List nicht erwünscht, wenn eine weitere Öffentlichkeit erfuhr, daß auf diesem seinem Spezialgebiet die französische Akademie ihm den Preis vorenthalten hatte. Wahrscheinlicher noch dünkt uns, daß er diese zweite Arbeit selbst geringer wertete. Bei der ersten Preis- aufgabe lockte ihn die Möglichkeit, sein System zum erstenmal um- fassend darzustellen. Bei der zweiten mag allein schon die kurze Zeit- spanne verhindert haben, daß er eine Leistung von gleicher originaler Kraft verfaßte — es wird immer wunderbar genug bleiben, daß es ihm überhaupt gelang, im Zeitraum von sieben Wochen beide Themen zu behandeln und ein Werk von „zwei Bänden‘ zu schreiben. Dazu hatte er gerade kurz zuvor seine Gedanken über das Eisenbahnwesen für Rotteck-Welckers Staatslexikon systematisch zusammengefaßt — 25