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        <title>Dem Reichsverband der deutschen Volkswirte (R. D. V.) zur Feier seines 25jährigen Bestehens zu Berlin im Februar 1927 gewidmet von der Friedrich List-Gesellschaft</title>
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Dem Reichsverband

der

Deutschen Volkswirte

(R. D. V.)

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Feier seines 25]ährigen Bestehens

zu Berlin im Februar 1927

gewidmet von der

Friedrich List-Gesellschaft

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A:
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AITEILUNGEN

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Friedrich List-Gesellschaft e.V.

Inhalt: Über Aufgabe und Richtung der »Mitteilungen«, — Die Gründung der

Friedrich List-Gesellschaft. — Die Berliner Tagung am 28. und 29. Mai 1926. —

Nachrichten. — Salih: Zur Frage der Listschen Preisschriften, — Sommer:

Friedrich Lists Pariser Preisschrift von 1837, ihre Bedeutung und ihre Stellung
im Gesamtwerk Lists. — Aufruf.

Über Aufgabe und Richtung der »Mitteilungen«.
* viegrich List, in dessen Namen sich Vertreter der Wissenschaft,
der Wirtschaft und der Politik zu gemeinsamem Wirken zusammen-
zeschlossen haben, bestimmt den Inhalt und die Richtung auch dieser
Mitteilungen der List-Gesellschaft. Geplant als Organ, in dem die
wissenschaftliche Arbeit der List-Herausgeber ihren ersten Nieder-
schlag, neugefundenes Material stets seine erste Anzeige, oft seine
arste Veröffentlichung, bisweilen seine erste Auswertung findet —
zugleich gedacht als Organ der List-Gesellschaft, in dem fortlaufend
über ihre Entwicklung, ihre Sitzungen und Tagungen, ihre persön-
liche und sachliche Werbetätigkeit berichtet wird, erhalten. diese Mit-
teilungen einen zugleich einheitlichen und vielfältigen Inhalt, so wie
es der Person und dem Werke Lists und den Aufgaben der List-
Gesellschaft entspricht. Wie List Geschichte und Theorie, Wissen-
schaft und Politik, nationale und zwischennationale, Volks- und Welt-
wirtschaft. umgreift, so werden auch diese Blätter offen sein für
alle diese von List behandelten Gebiete und Probleme. Wie die List-
Gesellschaft Mitglieder zählt, deren einziges Ziel die endliche Ein-
lösung der deutschen Ehrenschuld: die Herausgabe von Lists Werken
ist, neben Anderen, denen ökonomische Wissenschaft und Politik im
Geiste Friedrich Lists zu durchforschen und handelnd zu bestimmen
gerade heute als lebendige Möglichkeit erscheint, und Dritten, denen
die menschliche Verbindung der allzu gesonderten Bereiche von Wis-
senschaft und Politik und Wirtschaft durch die Gemeinsamkeit der
Arbeit die wichtigste Aufgabe der List-Gesellschaft darstellt — so
werden auch die Mitteilungen je nach der Person des Mitarbeiters und
nach der Wahl des Themas Friedrich Lists vergangene, heutige und
künftige Bedeutung in stark verschiedenem Lichte sehen. Da nicht
List-Philologie das letzte Ziel der List-Ausgabe sein kann, mit solch
peinlicher, philologischer Sorgfalt auch gearbeitet werden muß -— da
nicht List-Orthodoxie der leitende Geist der List-Gesellschaft sein
kann, mit solch strenger Klarheit auch der wirkliche Inhalt und der
tatsächliche Sinn von Lists Gedanken und Forderungen heraus-
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        gearbeitet werden muß —, so wird von hier aus keinerlei sachliche
Beschränkung noch weltanschauliche Kritik an den Veröffentlichun-
gen und Beiträgen geübt; doch bildet die selbstverständliche Voraus-
setzung der Aufnahme wissenschaftlicher Abhandlungen jene heute
seltene, umfassende Kenntnis des Listschen Werkes und Gedanken-
gutes, der unsere Ausgabe zu dienen hat. Wie weit solch wirkliche
Vertiefung in den grundsätzlichen und methodischen Gehalt dieser
einzigartigen politischen Ökonomie die wissenschaftliche und die
politische Arbeit der Gegenwart zu befruchten, wie weit sie der Wis-
senschaft neue Wege zu zeigen, Geschichte und Theorie systematisch
wieder. zu binden, wie weit sie dem politischen Handeln neue Er-
kenntnis-Unterlagen zu schaffen vermag — dies ist nicht program-
matisch festzulegen und nicht vorschnell zu leisten oder zu ver-
sprechen, sondern kann nur im F ortgang unserer Arbeit sich er-
weisen und muß in Kraft und Fruchtbarkeit unserer Ergebnisse sich
bewähren.

Die Gründung der Friedrich List-Gesellschaft.
Eine Gesamtausgabe von Friedrich Lists Werken zu veranstalten,
war seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts der Wunsch leiten-
der Vertreter der Wissenschaft und der Wirtschaft. Schon Häußer
hat eine Ergänzung seiner bald nach Lists Tod erschienenen Auswahl-
bände geplant, Eheberg hat sich für eine Gesamtausgabe eingesetzt,
Joehlinger und Losch haben zusammen mit Goeser eine Ausgabe be-
reits bis in alle Einzelheiten vorbereitet. Der Zentralverband der In-
dustriellen hatte sich schon in den siebziger Jahren dieses Planes an-
genommen, der Volkswirtschaftliche Verband im Jahre 1909 sich
abermals in gleicher Richtung eingesetzt. Alle diese Pläne sind ge-
scheitert; die ersten, weil sie nicht genügend Widerhall in Deutsch-
land fanden — die letzten, weil Krieg und Inflation die F ortführung
des begonnenen Werkes unmöglich machten. Auch die Absicht, eine
Friedrich List-Gesellschaft zu gründen, wie sie während des Krieges
von führenden Kreisen der Wirtschaft gehegt war, konnte nicht ver-
wirklicht werden.

Im Jahre 1925 ließ die gleichgerichtete Beschäftigung mit den
Fragen der deutschen Theorie und der deutschen Politik in einigen
Gelehrten den Entschluß reifen, trotz der allgemeinen Ungunst der
Zeiten, jedoch gestützt auf die wachsende Bedeutung aller handels-
politischen Fragen und das hierdurch steigende Interesse weiterer
Kreise für Friedrich Lists Leben und Lehre, nunmehr die alten Pläne
aufzugreifen und durchzuführen. Dabei bestand Übereinstimmung
darüber, daß eine Gesamtausgabe der Listschen Werke, wenn sie
heute auf die gleich starke Beachtung von Wissenschaft, Politik und
Wirtschaft glaubt rechnen zu dürfen, so doch andererseits auch nur
durch einen großzügigen Zusammenschluß dieser Gebiete und durch
die tätige Zusammenarbeit ihrer namhaftesten Vertreter überhaupt
gesichert und einer fruchtbaren Wirkung teilhaftig werden kann. In
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        eingehender, monatelanger Vorbereitung wurde von den ersten Trä-
gern des Planes, den Herren Goeser-Stuttgart, Lenz-Gießen, Salin-
Heidelberg und Spiethoff-Bonn eine große Anzahl führender Ge-
lehrter, Politiker und Wirtschaftler gewonnen, so Staatsminister a. D.
Saemisch-Berlin, der seit seiner Studienzeit eine Neuverbindung von
Wissenschaft und Politik im Sinne Friedrich Lists erstrebt hatte, so
der Historiker Oncken-München, der die Deutsche Akademie für den
Plan zu interessieren wußte, so der Staatswissenschaftler Harms-Kiel,
der bereits in den Vereinigten Staaten, auf der Suche nach Spuren
von Lists amerikanischer Tätigkeit, das amerikanische Interesse für
Friedrich Lists amerikanisches Wirken neu erweckt hatte und sich
auch selbst mit dem Gedanken einer List-Ausgabe und einer List-
Gesellschaft trug.

Am 5. September 1925 fand im Europäischen Hof zu Heidelberg
die Gründungsversammlung der Friedrich List-Gesellschaft statt. Der
Entwurf einer ersten Werbeschrift wurde genehmigt und ein Plan
der Ausgabe aufgestellt, der für die in Aussicht genommenen sieben
Bände die Bearbeiter bestimmte:

Plan der Ausgabe.
I. Band .
Schriften des jungen List (1815—1825)
Herausgegeben von Dr. Karl Goeser, Stuttgart
II. Band
Die amerikanischen Schriften
Herausgegeben von Prof. Dr. William Notz, Washington
HL Band
Schriften zur Verkehrspolitik
Herausgegeben von Prof. Dr. Erwin v. Beckerath, Köln
IV. Band
Vorbereitungsschriften für das Nationale System
Bearbeitet von Dr. Artur Sommer, Heidelberg
V. Band
Das Nationale System der politischen Ökonomie
Bearbeitet von Dr. Artur Sommer, Heidelberg
VI. Band
Schriften der Spätzeit
Herausgegeben von Prof. Dr. Friedrich Lenz, Gießen
VII. Band
Nachlese. Persönliche Dokumente. Briefe von und an Fr. List.
Herausgegeben von Prof. Dr. Edgar Salin, Heidelberg
Als Ergänzungsband soll im Auftrage der Friedrich List-Gesell-
schaft und der deutschen Akademie von Prof. E. Salin eine:
Biographie Friedrich Lists
erscheinen.
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        In einer Mitgliederversammlung am 14. November 1925 in Berlin
wurden die endgültigen Statuten festgestellt und die Wahl des ge-
schäftsführenden Vorstandes vorgenommen. Gewählt wurden die
Herren: Prof. A. Spiethoff-Bonn, Vorsitzender; Direktor des
Statistischen Amts Dr. Goeser- Stuttgart, Schatzmeister; Prof.
Dr. Salin-Heidelberg, Schriftführer; Prof. E. v. Beckerath-
Köln; Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Duisberg-Leverkusen; Geh.
Rat Prof, Dr. Harms- Kiel; Prof. Dr. Fr. Lenz-Gießen; Leg.-
Rat. a.D. Dr. Nasse-Berlin; Geh. Hofrat Prof, Dr. Oncken-
München; Staatsminister a. D. Präsident des Rechnungshofes Sae-
m1sch - Potsdam.

Neben der Deutschen Akademie in München, die das Protektorat
der Ausgabe übernommen hat, gelang es, die Notgemeinschaft der
deutschen Wissenschaft für den Plan zu interessieren: ein Ankurbe-
lungskredit, den sie bei einer Besprechung am gleichen Tage in Aus-
sicht stellte, erlaubte es dem Vorstand, die sofortige Inangriffnahme
der beschlossenen Arbeiten (Band IV und Band II) zu verfügen.

Dem Wunsch der Gründer und dem Willen der nunmehr gefestig-

ten Gesellschaft entsprechend wurden in den Vorstand Vertreter der
Wissenschaft, Politik und Wirtschaft zugewählt. Von den gewählten
Herren lehnten wegen Arbeitsüberhäufung nur der Präsident der
Reichsbank Dr. Schacht und der Präsident des Hansabundes Geh.
Rat Dr. Rießer die Zuwahl ab. Folgende Herren traten dem Vorstand
bei: Geh. Rat Prof. Dr. G. v. Below (Historische Kommission),
Freiburg; Reichskanzler a. D. Gen.-Dir. Dr. Cuno (Hapag), Ham-
burg; Geh. Rat Prof. Dr. Diehl- Freiburg; Reichsminister a. D.
Hamm (Industrie- u. Handelstag), Berlin; Ministerjaldirektor Heil-
bron (Auswärtiges Amt), Berlin, jetzt Generalkonsul in Zürich;
Oberbürgermeister Dr. Hepp-BReutlingen; Geh. Rat. Prof. Dr.
Herkner (Verein f. Sozialpolitik), Berlin; Geh. Rat. Dr. Kastl
(Reichsverband der deutschen Industrie), Berlin; Generalkonsul Dr.
Kempner, Berlin; Kultusminister Graf Klebelsber g, Buda-
pest; Reichsminister a. D. Koeth (Weltwirtschaftl. Gesellschaft),
Berlin-Wilmersdorf; Gen.-Dir. Prof. Dr. Krüß (Staatsbibliothek),
Berlin; Prof. Dr. Landmann (Schweiz. Statist. Ges.), Basel; Prof,
Dr. Notz, Georgetown University, Washington; Ministerialdirektor
Prof. Dr. Richter (Preuß. Kultusministeriuum), Berlin; Prof. Dr.
Schumpeter, Bonn; Geh. Ministerialrat Dr. Schwoerer (Bad.
Kultusministerium), Karlsruhe; Geh. Rat Prof. Dr. Sering (Mit-
glied der Pr. Akad. d. Wiss.), Berlin; Prof. Dr. Sievekin g-Ham-
burg; Geh. Rat Dr. Siegismund (Notgemeinschaft der deutschen
Wissenschaft), Berlin; Reichsminister a. D. Dr. Simons, Präsident
des Reichsgerichts, Leipzig; Geh. Rat Prof. Dr. Sombart- Berlin;
Prof. Dr. Othmar Spann-Wien; Dr. v. Stauß (Deutsche Bank),
Berlin; Geh. Rat Prof. Dr. Stieda- Leipzig; Gen.-Dir, Stimming
(Nordd. Lloyd), Bremen; Staatssekretär Dr. Trendelenburg
(Reichswirtschaftsministerium), Berlin; Staatssekretär Zweigert
‘Reichsministerium des Innern), Berlin.
        <pb n="6" />
        Zu Ehrenmitgliedern der Gesellschaft wurden folgende um die
List-Forschung verdiente Herren gewählt:
Geh. Rat Prof. Dr. Eheberg- Erlangen,
Dr. Max Hoeltzel-Stuttgart,
Wirkl. Geh. Rat Prof. v. der Leyen- Berlin,
Präsident des Statistischen Amts Losch - Stuttgart.

Tagung der Friedrich List-Gesellschaft e. V.
in Berlin am 28. und 20. Mai 1926.

Freitag, den 28. Mai, vormittags ıo Uhr, trat im Sitzungs-
zimmer Wilhelmstr. 82—85 der geschäftsführende Vorstand zu einer
Sitzung zusammen. Anwesend waren die Herren Goeser, Harms, Lenz,
Saemisch, Salin, sowie als Gast Prof. Notz-Washington und Dr. Som-
mer-Heidelberg. An Stelle des durch Krankheit verhinderten ersten
Vorsitzenden übernahm Minister Saemisch den Vorsitz. In einge-
henden Beratungen, die sich von morgens 10 Uhr mit kurzer Unter-
brechung bis zum Abend hin erstreckten, wurden alle brennenden
Fragen erörtert, so vor allem die Editionsgrundsätze für das Ge-
samtwerk wie für Band IV im besonderen festgelegt, der Kassen-
bericht behandelt und über die Verwendung der zunächst zur Ver-
fügung stehenden Summen Beschluß gefaßt. Einstimmigkeit bestand
darüber, daß es notwendig sei, die Mitglieder-Werbung in weitere
Kreise vorzutragen. Zu ihrer Förderung wurde Herr Lenz mit der
Leitung der Werbetätigkeit für Deutschland, Minister Saemisch
für die Länder der ehemaligen Donaumonarchie und Prof. Notz
für die Vereinigten Staaten beauftragt. Ferner wurde die Versendung
von „Mitteilungen‘“ an die Mitglieder beschlossen und die baldige
Inangriffnahme der Studienreihe zur Geschichte der Staatswissen-
schaften festgelegt; die „Mitteilungen‘“ sollen in zwangloser Folge er-
scheinen und die Mitglieder über die Tätigkeit der Gesellschaft und
den Stand der wissenschaftlichen Arbeiten auf dem laufenden halten,
zugleich aber auch das Organ darstellen, in dem die Mitarbeiter die
Ergebnisse ihrer Forschungen niederlegen. Schließlich wurde eine
doppelte Ergänzung des Vorstandes ins Auge gefaßt: Im Inlande da-
hingehend, daß den namhaftesten Vertretern der Landwirtschaft der
Eintritt in den Vorstand anzutragen ist; im Ausland dahingehend,
daß nach Fühlungnahme mit den leitenden Stellen hervorragende
Vertreter der Vereinigten Staaten zum Eintritt aufzufordern sind.
Ihre Namen werden in diesen „Mitteilungen“ bekanntgegeben, sobald
durch persönliche Fühlungnahme das Einverständnis der in Aussicht
genommenen Herren festgestellt ist.

Samstag, den 29. Mai 1926, vormittags 1212 Uhr, fand in den
gleichen Räumen eine Sitzung des gesamten Vorstandes der Friedrich
List-Gesellschaft statt.

Anwesend die Herren: Goeser, Hamm. Harms, Herkner, Kastl,

5
        <pb n="7" />
        Lenz, Saemisch, Salin, Siegismund, Sombart, Trendelenburg, als Gast
die Herren Notz und Sommer, sowie als Vertreter des verhinderten
Ministerialdirektors Heilbron Herr Zimmermann.

Entschuldigt fehlen der Vorsitzende, dazu die Herren v. Beckerath,
Cuno, Duisberg, Heilbron, Kempner, Graf Klebelsberg, Koeth, Krüß,
Landmann, Nasse, Oncken, Richter, Sering, Simons, Stieda, Stimming
und Zweigert.

Unentschuldigt fehlen die Herren: v. Below, Diehl, Hepp, Schum-
peter, Schwoerer, Sieveking, Spann und yv. Stauß.

Minister Saemisch begrüßt die Anwesenden und bittet Herrn
Salin, an Stelle des verhinderten Vorsitzenden den Bericht über die
bisherigen Arbeiten der Gesellschaft zu erstatten. Herr Salin be-
handelt in eingehenden Ausführungen die Tätigkeit des Vorstandes
und der Mitarbeiter: Die Gesellschaft ist vom Glück begünstigt ge-
wesen, als sie beschloß, Band IV der Ausgabe zunächst in Angriff
zu nehmen. Der Bearbeiter, Dr. Sommer, konnte in Paris die ver-
schollen geglaubte Preisschrift Friedrich Lists aus dem Jahre 1838
auffinden, die an Bedeutung wenig hinter dem Nationalen System
zurücksteht; mit der Kommentierung der Preisschrift ist begonnen,
ihre Fertigstellung ist für November 1926 zu erwarten, so daß mit
dem Erscheinen dieses Bandes im zweiten Quartal 1927 gerechnet
werden kann. Als nächster Band ist in Vorbereitung Band II, der

die amerikanischen Schriften, dazu Band I, der die Jugendarbeiten
enthält; es steht zu hoffen, daß auch Band II noch im Jahre 1927,
spätestens jedoch anfangs 1928 erscheinen wird. Mit der Herausgabe
der übrigen Bände soll begonnen werden, sobald die dafür benötigten
Mittel zur Verfügung stehen. — Die F inanzlage der Gesellschaft ist
einigermaßen angespannt. Die Notgemeinschaft der Deutschen Wis-
senschaft hat zwar durch ihren einmaligen Ankurbelungsbeitrag es
ermöglicht, daß die Arbeiten im geschilderten Umfang aufgenommen
wurden, und die von der Deutschen Akademie in München, der Reichs-
bahn A.-G. und der Stadt Reutlingen überwiesenen Summen werden,
falls keine Druckzuschüsse geleistet werden müssen, die Beendigung
von Band IV und Band II erlauben. Indessen, für alle weiteren Ar-
beiten sind neue Mittel aufzubringen, eine für den geschäftsführen-
den Vorstand außerordentlich belastende Verpflichtung, zumal einige
der in Frage kommenden Stellen wohl ihre Hilfe auf mehrere Jahre
hinaus zu gewähren hoffen, jedoch aus etatsrechtlichen Gründen
keine schriftliche Bindung eingehen konnten. Da die List-Gesell-
schaft bisher in allen Kreisen weitestes Entgegenkommen fand — nur
der Magistrat der Stadt Frankfurt a. M. hat jede Unterstützung ab-
gelehnt —, glaubt sich jedoch der geschäftsführende Vorstand der
Hoffnung hingeben zu dürfen, daß die deutsche Öffentlichkeit das
einmal begonnene Werk nicht im Stiche lassen wird. Immerhin be-
steht zur Aufstellung und Einhaltung eines genauen Arbeitsplanes
die dringende Notwendigkeit, daß die seitens verschiedener Behörden
und seitens der Wirtschaftsverbände gesprächsweise in Aussicht ge-
stellten Unterstützungssummen nunmehr baldigst aufgebracht wer-
        <pb n="8" />
        den. Der Berichterstatter wendet sich an alle Anwesenden mit der
Bitte, in den ihnen nahestehenden Kreisen für die Ziele der Gesell-
schaft tatkräftig zu werben und zur Aufbringung der notwendigen
Mittel behilflich zu sein.

In der Aussprache über den Bericht weist Geheimrat Siegis-
mund darauf hin, daß es für eine größere Zahl von Interessenten
eine zu große Belastung darstellt, wenn ihnen gleichzeitig mit dem
Erwerb der Mitgliedschaft die Verpflichtung zur Subskription der
Ausgabe auferlegt wird; er rät zu einer Änderung von $ 5 Abs. 2 der
Satzungen, um der Gesellschaft eine Ausdehnung ihres Mitglieder-
standes zu ermöglichen. Staatsminister Saemisch erwidert ihm, daß
bereits vom geschäftsführenden Vorstand eine Trennung von Mitglied-
schaft und Subskription erwogen wurde, daß ferner, um das Inter-
esse der Mitglieder wachzuhalten, die Ausgabe von Mitteilungen in
zwangloser Folge geplant ist. Herr Siegismund begrüßt die „Mit-
teilungen‘“ besonders warm und verspricht sich hiervon eine wesent-
liche Förderung der Mitgliederwerbung. Es wird einstimmig beschlos-
sen, der nächsten Mitgliederversammlung eine Satzungsänderung vor-
zuschlagen, derart, daß der Erwerb der Mitgliedschaft zur Subskrip-
tion zwar berechtigt, jedoch nicht verpflichtet.

Der Vorsitzende schließt hierauf die Aussprache über den Vor-
standsbericht und erteilt das Wort Herrn Dr. Sommer - Heidelberg
zu einem Vortrag über „Die Bedeutung der Pariser Preis-
schrift Friedrich Lists“. Da der Vortrag in Nr. 3 dieser
„Mitteilungen‘“ in extenso erscheinen wird, muß hier auf eine Wie-
dergabe seines Inhalts verzichtet werden. Nur sei der außerordent-
lich starke Eindruck festgehalten, den sämtliche Anwesenden von dem
ihnen geschilderten Inhalt der Preisschrift und von dem ausgezeich-
neten Vortrag Dr. Sommers empfingen; die Überzeugung war all-
gemein, sowohl daß durch diesen Fund die List-Ausgabe eine ganz be-
sondere Bedeutung erhält, als auch daß die Bearbeitung in keine bes-
sere Hand hätte gelegt werden können.

Anschließend begaben sich um ı Uhr sämtliche Anwesenden zur
Berliner Universität, wo die alte Aula für die Friedrich List-Gesell-
schaft festlich hergerichtet war. Ein erlesenes Publikum hatte sich
eingefunden, um an der ersten öffentlichen Veranstaltung der Fried-
rich List-Gesellschaft teilzunehmen. Neben den Herren des Vorstan-
des bemerkte man Vertreter aller wichtigen Reichs- und Landesbehör-
den, so Ministerialdirektor Brecht als Vertreter des Reichsministers
des Innern, Ministerialdirektor Hoffmann als Vertreter des Reichs-
ministers für Ernährung und Landwirtschaft, Ministerialrat v. Rotten-
burg als Vertreter des preuß. Kultusministers, Staatssekretär Vogt als
Vertreter der Reichsbahngesellschaft, dazu Reichsbahndirektor Dr.
Kittel und Reichsbahndirektor Dr. Homberger; ferner namhafte Ver-
treter der Universität, der Handelshochschule und der technischen
Hochschule, der Berliner und der auswärtigen Presse; schließlich eine
große Zahl von Einzelpersonen, sowohl Studierende wie Angehörige
der Geschäftswelt.
        <pb n="9" />
        Die große Zahl der Erschienenen hieß Minister Saemisch mit
folgenden Worten willkommen:

Meine Damen und Herren!

Namens der Friedrich List-Gesellschaft habe ich die Ehre, Sie zu be-
zrüßen. Ich tue dies in Vertretung unseres leider durch Krankheit am
Erscheinen verhinderten, verehrten Vorsitzenden, des Herrn Prof. Dr.
Spiethoff in Bonn. Daß Sie in großer Zahl unserer Einladung ge-
folgt sind, verpflichtet uns zu aufrichtigem Dank. Ihr Erscheinen ist
ein Beweis dafür, daß der Name Friedrich List noch in den weitesten
Kreisen der Öffentlichkeit lebendig ist und eine Anziehungskraft auf alle
die ausübt, die der Volkswirtschaft und der Staatspolitik ein wissenschaft-
liches Interesse entgegenbringen.

Den Boden zu bereiten für eine neue Erweckung Listschen Geistes
ist die Aufgabe unserer Gesellschaft.

Wiederholt sind schon bisher Versuche unternommen worden, eine
wissenschaftliche List-Ausgabe herauszubringen. Sie sind indessen ohne
Erfolg geblieben angesichts der Größe und Schwierigkeit einer Gesamt-
edition der über die Alte und Neue Welt zerstreuten und vielfach ver-
borgenen Schriften Lists. Ebenso sind bisher alle Versuche gescheitert,
im Zeichen und Namen Lists wirtschaftspolitische Vereinigungen zu
gründen. Unsere Gesellschaft hat sich zum erstenmal insofern ein neues
Ziel gesteckt, als sie ausgehend von der zuerst erwähnten Aufgabe einer
Gesamtedition der Werke Lists damit zugleich die Idee verbindet, im
Geiste Friedrich Lists wirtschaftspolitische Gedankengänge wirksam zu
fördern. Dieses doppelte Ziel ist ein höchst lohnendes. Denn der Ideen-
und Arbeitskreis von Friedrich List berührt und umfaßt so recht die
Probleme gerade unserer Gegenwart.

Handelt es sich doch für uns wie für List um ein doppeltes Problem,
wenn es gilt, den Inhalt, die Mittel und die Ziele der politischen Öko-
nomie zu bestimmen: zunächst Aufbau der Nation und der nationalen
Wirtschaft, sodann und zugleich aber auch Einbau der nationalen Wirt-
schaft in die Weltwirtschaft. Dieses zweigeteilte Problem: die Heraus-
arbeitung der Grundlagen und Bedingungen für eine nationale Staats-
wirtschaft und zugleich der ganze Fragenkomplex zwischenstaatlicher
Wirtschaft in ihrer Wechselwirkung und Verknüpfung, ist indessen
— dies sei von mir nur angedeutet — nur eine der vielen An-
regungen, Fragen und Lehren, die aus dem unerschöpflichen und jeden-
falls zur Zeit noch völlig unerschöpften geistigen Reservoir der wissen-
schaftlichen und publizistischen Werke Fr. Lists entspringen.

Es ist ein besonderes Glück, daß unsere noch junge Gesellschaft bei
ihrer diesmaligen Tagung, mit der sie zum erstenmal werbend an eine
zewisse Öffentlichkeit hinaustritt, in der Lage ist, Ihnen aus berufenstem
Munde einen besonders interessanten und bedeutungsvollen Ausschnitt aus
dem Wirken Friedrich Lists schildern zu lassen.

Herr Prof. Dr. Notz von der Georgetown University in Washington,
der Mitglied unseres Vorstandes und Herausgeber der amerikanischen
Schriften Lists ist, hat die große Freundlichkeit, vor uns über „Friedrich
List in Amerika“ zu sprechen, Ich heiße ihn auch an dieser Stelle, wo
wir uns dank der Gastfreundschaft der Friedrich-Wilhelm-Universität zu-
sammengefunden haben, herzlich auf deutschem: Boden willkommen und
bitte ihn, nunmehr das Wort zu ergreifen.
        <pb n="10" />
        Von lebhaftem Beifall begrüßt, nahm nunmehr Prof. Dr. William

Notz- Washington das Wort zu seinem Festvortrag über

„Friedrich List in Amerika“.

Da auch dieser Vortrag in den „Mitteilungen‘“ ungekürzt erscheinen
wird (Nr. 2), sei auch hier nur die starke Wirkung verzeichnet, die
von dem zugleich klaren und tiefen Vortrag ausging, der von dem
Redner in meisterhaftem Deutsch verfaßt und gesprochen, allgemein
verständlich und eindrucksvoll war. Das von Herrn Notz neu aufge-
fundene und in einer klaren Darstellung verarbeitete Material zeigte die
amerikanische Tätigkeit Friedrich Lists in ihrem vollen Umfang und
ließ zum erstenmal erkennen, welch große politische Bedeutung der
aus der Heimat Vertriebene in kurzer Frist in den Vereinigten Staa-
ten gewann. Einzelne Ausführungen Lists über handelspolitische Fra-
gen wirkten wie ein Programm und eine Lösung für die Schwierig-
keiten unserer eigenen Gegenwart,

Ein großer Teil der Zuhörer begab sich nach dem Vortrag zu den
Räumen der Deutschen Gesellschaft, wo um 143 Uhr ein gemein-
sames Mittagessen die Mitglieder der Friedrich List-Gesellschaft mit
ihren Gästen vereinigte. Im Namen des Vorstands begrüßte Minister
Saemisch die große Zahl der Gäste in einer längeren Rede, die
wir ebenso wie die übrigen Tischreden am Schluß dieses Berichtes
folgen lassen. Zu Ehren des amerikanischen Redners, seines deut-
schen Stamm- und seines amerikanischen Vaterlandes sprach Geh. Rat
Harms, dessen Ausführungen für einen großen Teil der Anwesen-
den zum erstenmal die internationale Wichtigkeit Lists und der Aus-
gabe seiner Werke im Zeitalter der Weltwirtschaft zum Bewußtsein
brachten. Als Vertreter des Reichs-Ministers des Innern sprach Mi-
nisterialdirektor Dr. Brecht, als Vertreter des preuß. Kultus-
ministers Ministerialrat Dr. v. Rottenburg. Namens des Vor-
standes dankte Prof. Lenz den bisherigen Förderern des List-
Werkes. Ihnen allen brachte in tief empfundenen Worten Prof,
Notz seine herzliche Dankbarkeit zum Ausdruck; zuerst in deut-
scher, dann in englischer Rede sprach er von der großen Ehre, die
durch den freundlichen Empfang ihm und seinem Land zuteil werde
und schloß mit warmen Segenswünschen für die List-Ausgabe und
für die List-Gesellschaft als Trägerin eines zugleich nationalen und
Menschheitswerkes. Eine angeregie Unterhaltung hielt die Teilnehmer
bis nach 6 Uhr zusammen. So war es hier möglich, zum erstenmal
einen der wichtigsten Vereinszwecke zu verwirklichen: In persön-
lichem Austausch traten sich die Vertreter der verschiedensten Be-
rufe näher; es knüpften sich Verbindungen, die für das weitere
Schicksal der Friedrich List-Gesellschaft als besonders versprechend
und zukunftshaltig erscheinen, und alle. Teilnehmer trennten sich mit
dem vielfach ausgesprochenen Verlangen, daß die Friedrich List-Ge-
sellschaft in nicht zu großen Abständen solche Gelegenheit der per-
sönlichen Aussprache und Verbindung geben möge.
        <pb n="11" />
        Reden während des Festessens der Friedrich List-Gesellschaft.
(ungefährer Wortlaut)
ı, Rede des Staatsministers a. D. Präsidenten des Rechnungshofes
Saemisch-Berlin:

Hochansehnliche Versammlung!

Friedrich List, ein Name von tonreichstem Klang! Der Name eines
Mannes, der von einer unerhörten Vielseitigkeit wissenschaftlichen Ar-
beitens und praktischen Wirkens auf den verschwisterten Gebieten der
Nationalökonomie und Politik gewesen ist.. Zugleich der Name eines’ Man-
nes, der in seiner Zeit richtunggebend war für die tatsächliche Entwick-
lung eigenstaatlicher wie zwischenstaatlicher Wirtschaftsgebarung. Dann
aber leider auch der Name eines Mannes, der — wie es so herb nur einem
ganz Großen bestimmt sein konnte — dem schwersten Schicksal, dem des
Verkanntwerdens, den bittersten Tribut gezollt hat. Wir neigen uns vor
dem Genius und vor dem Schicksal Friedrich Lists.

Friedrich List zugleich aber auch ein Programm. Ein Programm zu-
nächst in dem unmittelbaren praktischen Sinn der Aufgabe unserer Ge-
sellschaft. Die längst angestrebte, bisher nie verwirklichte Gesamtausgabe
seiner Werke bedeutet indessen mehr, als der Wortlaut unseres Auf-
rufes und Einladungsschreibens besagt. Gewiß, es ist die Abtragung einer
Dankesschuld an den Mann, .der neben Arndt der früheste Vorkämpfer
deutscher Einheit war, der für die Vorbereitung der deutschen Zolleinheit
Entscheidendes geleistet, der die Wege der Selbstverwaltung wie die der
Bildung von Wirtschaftsverbänden gewiesen, der das Eisenbahnwesen wie
die Seegeltung praktisch aufs wirksamste gefördert hat. Unser Wirken
erstrebt aber mehr als die Abtragung einer Dankesschuld an Fr. List;
es umschließt zugleich den größten Dienst, den die Wissenschaft sowohl
sich selbst wie allen denjenigen leisten kann, die um die geisteswissen-
schaftliche Begründung für das ihnen obliegende praktische Handeln auf
dem Gebiete der Wirtschaftspolitik im weitesten Sinne des Wortes ringen.

Gewiß, die achtzig Jahre, die seit dem Tode Lists verstrichen sind,
haben in den Gegebenheiten des wirtschaftlichen Lebens gewaltige Ver-
schiebungen gebracht und haben auch Kräfte, Gesichtspunkte und Be-
trachtungsweisen gezeitigt, die damals noch im Hintergrund standen. Da-
durch ist aber der objektive Wert der Listschen Gedankengänge höch-
stens verschoben, nicht vermindert worden, und gerade die bisher nicht
veröffentlichten, neuen Schriften Friedrich Lists werden, — das ist un-
sere feste Überzeugung, — die starke Bedeutung Friedrich Lists für un-
sere Gegenwart und Zukunft erweisen.

So ist es nicht unfruchtbarer Historismus, sondern lebendiges Vor-
wärtsstreben, das uns veranlaßt hat, bei dieser Tagung erstmalig den Ruf
in weitere Kreise zu tragen: unterstützt mit allen Kräften den Plan un-
serer Gesellschaft. Daß Sie, meine hochverehrten Herren, diesem Rufe
gefolgt sind, ist ein Beweis, daß auch Sie die Dankesschuld mit uns emp-
finden und tragen wollen. Möge dieses festliche Zusammensein aber auch
insbesondere der Ausdruck dafür sein, daß wir Verständnis gefunden
haben mit unserer Auffassung von der Fruchtbarkeit und dem Segen,
der für Völker und Volksgemeinschaften aus dem unbeirrbaren Geiste
wissenschaftlicher Erforschung der wirtschaftlichen und politischen Le-
bensbedingungen und Lebensmöglichkeiten entspringt. In diesem Sinne
        <pb n="12" />
        und im Schatten der Manen eines der geistesgewaltigsten Söhne schwäbi-
schen Bodens, dem Deutschland und die Welt so viele Geistesheroen ver-
danken, heiße ich Sie herzlich willkommen.

2, Rede des Geh. Regierungsrats Prof, Dr. Harms- Kiel:
Meine sehr geehrten Herren!

Mir ist der ehrenvolle Auftrag zuteil geworden, unseren amerikanischen
Gast zu begrüßen. Herr Professor Notiz ist uns Deutschen kein Frem-
der. Wir kennen ihn in seiner Eigenschaft als führendes Mitglied der
Federal Trade Commission, deren tiefschürfende Arbeiten der deutschen
Wissenschaft viele Anregungen gegeben haben und deren mustergültiges
Enquetewesen gerade heute für uns von Bedeutung ist. Nicht minder
kennen wir Herrn Dr. Notz als Gelehrten und Professor der Georgetown
University, dessen zahlreiche. wissenschaftliche Schriften methodisch vor-
bildlich sind und sachlich wertvolle Erkenntnis vermitteln. Endlich
kennen wir unseren verehrten Gast als Dekan der School of Foreign
Service, einer besonderen Fakultät der Georgetown University, deren Auf-
gabe es ist, die Beamten des amerikanischen Außendienstes, insbesondere
die Konsulatsanwärter, auszubilden.

Nicht zuletzt ist uns Herr Professor Notz nahe gerückt und vertraut
geworden als Friedrich List-Forscher, Seit Jahren ist er bemüht, den Auf-
enthalt Lists in den Vereinigten Staaten, über den in der Literatur außer-
ordentlich wenig bekannt ist, aufzuhellen. Er hat sich auch bereit erklärt,
zu unserer großen Friedrich List-Ausgabe den zweiten Band beizusteuern,
der das Leben und Wirken Friedrich Lists in Amerika schildern soll.

Meine Herren, es ist eine alte Frage: was bestimmt den Gelehrten in
der Wahl des Gegenstandes seiner Forschung? Gewiß nicht rein verstandes-
mäßige Motive oder zufällige Ursachen! Viele Imponderabilien sind da
wirksam, nicht zuletzt Abstammung, Milieu und ein Inneres, das man
nicht definieren kann, das aber die Mitmenschen herausfühlen. Was hat Sie,
sehr geehrter Herr Professor Notz, zu Friedrich List geführt? Die Tat-
sache, daß die Wiege Ihrer Vorfahren in Schwaben
stand! Unter amerikanischem Gesichtswinkel lenkt dies die Gedanken in
eine bestimmte Richtung. Die Vereinigten Staaten haben im Laufe des
19. Jahrhunderts vor der größten Aufgabe gestanden, vor die ein Staat
überhaupt gestellt werden kann: aus einer Menschenmasse eine Nation
zu machen. Ungezählte Völker und Rassen sind in den amerikanischen
Schmelztiegel gelangt und konnten auf den Charakter der werdenden
Nation einwirken. So haben auch die mehr als fünf Millionen Menschen,
die während des ı9. Jahrhunderts aus Deutschland nach den Vereinigten
Staaten ausgewandert sind, maßgeblichen Einfluß ausgeübt. An dem Auf-
bau des Gewerbes und der Landwirtschaft haben sie ebenso ihren Anteil
wie an der Förderung des geistigen Lebens in der Union. Als junger
Predigtamtskandidat ist dereinst Ihr Vater, Herr Kollege Notz, über den
großen Ozean gezogen und hat sein späteres Leben vornehmlich der Wissen-
schaft gewidmet. Es war schwäbische Erbweisheit, die er in der neuen
Heimat zur Auswirkung brachte und auch auf seinen Sohn übertrug. So
darf man wohl eine abseits vom Zufälligen liegende Schicksalsfügung
darin sehen, daß es der Nachkomme eines Schwaben ist, der das amerika-
nische Erleben des großen Landsmannes seiner Voreltern der Welt er-
schließt.

Meine Herren, die Vereinigten Staaten haben im letzten Menschenalter
eine glänzende Entwicklung genommen. Als ich im Jahre 1923 zu einer
1]
        <pb n="13" />
        Fahrt in das gelobte Land rüstete, nahm ich einen Reiseführer aus den
neunziger Jahren zur Hand. In ihm stand ein Kapitel über das amerika-
aische Geldwesen, das in die Feststellung einmündete, der amerikanische
Dollar werde nunmehr zum Parikurs allgemein angenommen. Heute ist
der Dollar das Standardgeld der Welt, auf das sich die übrigen Wäh-
rungen einstellen. So ist es denn auch üblich geworden, die Vereinigten
Staaten vornehmlich vom wirtschaftlichen Standpunkt aus zu beurteilen,
ihre Leistungen auf diesem Gebiet anzustaunen und vom „amerikanischen
Wunder“ zu reden. Ein allgemeines Wandern von Kaufleuten, Technikern
und Gelehrten zu den Stätten amerikanischen Gewerbefleißes hat begon-
nen. Vor alldem habe auch ich Respekt, doch sehe ich darin nicht die
Hauptsache. Was mir in den Vereinigten Staaten den tiefsten und nach-
haltigsten Eindruck vermittelt hat, ist die Entwicklung ihrer geistigen
Kultur. Dies gilt zunächst für die Wissenschaft. Auf meinem engeren
Fachgebiet sind die Amerikaner führend geworden in der Theorie, in der
Konjunkturforschung und in der Statistik. Der geniale amerikanische
Staatssekretär und Leiter des Department of Commerce hat überdies ein
System weltwirtschaftlicher Zustandserkundung aufgebaut, das auch
vom wissenschaftlichen Standpunkt Bewunderung verdient. Es ist dank-
bar anzuerkennen, daß die wertvollen Arbeiten des genannten Depart-
ment in liberalster Weise der Welt zugänglich gemacht werden. Diese
und andere Verdienste sind für die Rechts- und Staatswissenschaftliche
Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Veranlassung ge-
wesen, Herbert Hoover die Würde eines Ehrendoktors zu verleihen:
die erste Ehrenpromotion dieser Fakultät nach siebenjähriger Pause.

Großen Ansehens in der internationalen Wissenschaft erfreuen sich
ferner die medizinischen Institute der Vereinigten Staaten, die vor allem
auf dem Gebiete der Bekämpfung von Infektionskrankheiten Vorbild-
liches leisten. Auch in der Geographie und Astronomie gehören die Ge-
lehrten der Neuen Welt zu den anerkannten Führern. Daß außerdem die
Vereinigten Staaten in der Fortbildung der technischen Wissenschaften
mit an der Spitze stehen, braucht nicht dargelegt zu werden.

Doch Wissenschaft im engeren Sinne macht nicht den Kern der gei-
stigen Kultur aus. In ihm sind die intellektuellen Werte mit solchen des
Gemüts verbunden. Zur Beurteilung der geistigen Kultur einer Nation
bedarf es daher insbesondere einer Kenntnis ihres weltanschaulichen Rin-
gens nach Form und Inhalt, seiner Auswirkung in Fragen praktischer
Lebensgestaltung und seines Niederschlags in der Philosophie des Landes.
Ich habe während meiner Reise durch die Vereinigten Staaten die Freude
gehabt, häufig mit Volksschullehrerinnen zusammenzukommen, denen be-
kanntlich eine besonders wichtige Rolle zukommt, weil der männliche
Lehrer in den Volksschulen Amerikas der Zahl nach durchaus zurücktritt.
Diese Bildnerinnen wecken und fördern in den jungen Seelen das
Nationalgefühl und helfen der heranwachsenden Jugend in der Erkenntnis
lebensanschaulicher Probleme und ihrer Lösung. Sie sind dazu in hohem
Maße berufen, denn sie stehen mitten drin in diesem gewaltigen Ringen
am den geistigen Inhalt der Nation. Und so überall, wohin man kommt.
Das heutige Amerika nd was sich in ihm vorbereitet, kann weder von
Wallstreet noch von den Kontoren des kaufmännischen und industriellen
Lebens her erfaßt werden. Man muß die Universitäten und Colleges und
die zahlreichen Zirkel der Intellektuellen aufsuchen und die einschlägige
Literatur und Publizistik studieren, um davon den richtigen Begriff zu
erhalten. Die amerikanische Nation tritt mit Europa auf der ganzen
Linie in Wettbewerb. nicht nur in der Wirtschaft. Ich begrüße dies.
        <pb n="14" />
        und zwar in beiderlei Begriff. Allerdings verschließe ich mich nicht der
Erkenninis, daß der wirtschaftliche Kampf auf dieser Erde Formen an-
nimmt, die neue politische Gefahren in sich bergen. Aber ich habe den
Glauben, daß der Gedanke der weltwirtschaftlichen Interessensolidarität,
der von den besten Köpfen der Union vertreten wird und auch in Europa
in einer geistigen Oberschicht an Boden gewinnt, uns vor neuen schweren
Erschütterungen bewahren wird. Was bei Machtkämpfen herauskommt,
hat der letzte Krieg gezeigt: Sieger und Besiegte befinden sich gleicher-
weise in Bedrängnis.

Es wird einem Deutschen nicht leicht, im Zusammenhang mit dem
Krieg des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten unbefangen zu ge-
denken. Manches hat sich in uns festgesetzt, was erst die Zeit überwinden
kann. Sie wird es aber überwinden! Ein Hindernis steht dem bis heute
allerdings noch im Wege: die mangelnde Erfüllung der vierzehn Punkte,
jener Verheißung, um derentwillen das deutsche Volk die Waffen nieder-
gelegt hat. Daß die fourteen Points erfüllt werden, ist ebensosehr eine
amerikanische wie eine deutsche Angelegenheit! Ich weiß auch, daß diese
Auffassung sich je länger desto mehr in den Vereinigten Staaten durch-
setzt.

Im übrigen vertraue ich auf jenen anderen Wetibewerb, der Deutsch-
Jand und die Vereinigten Staaten von Amerika zu gemeinsamem Dienst
an der Zivilisation verbindet, im Sinne höchster geistiger Kultur der
Menschheit, auf die es schließlich ankommt und die allein auch das wahre
Glück der Nationen bestimmt.

Meine Herren, wir ehren unseren Gast, indem wir einstimmen in den
Ruf: die Vereinigten Staaten von Amerika und die Beziehungen zwischen
Ihnen und unserem Vaterlande Hoch! Hoch! Hoch!

z. Rede des Ministerialdirektors Dr. Brecht vom Reichsministerium
des Innern, Berlin:
Meine Damen und Herren!

Wenn wir uns heute hier in dem Namen Friedrich Lists versammeln,
wenn wir sein Bild aus der Geschichte neu erstehen lassen, so kann man
als Vertreter einer deutschen Regierungsstelle dieser Veranstaltung nur
mit einer gewissen Wehmut beiwohnen. Als Herr Prof. Notz die er-
greifenden Aufzeichnungen Lists über Gespräche mit einfachen Land-
leuten nach seiner Ankunft in Amerika mitteilte, ging er über einige
Worte mit leiser Stimme hinweg. „Woher kommst du?“ „Vom Hohen-
asperg.“ Wenn man damals von Deutschland nach Amerika kam, so kam
man meist vom Hohenasperg, kam von einer Festung oder einem Ge-
fängnis, oder kam, um einer Festung oder einem Gefängnis zu entgehen.
Wir nehmen das aus Gewohnheit als selbstverständlich hin, und oft haben
die, die so gehandelt haben, ihren Schritt aus zeitlichem Abstand nach-
träglich selbst humorvoll und leicht beschrieben. Wenn man sich aber
einmal‘ in die persönliche und seelische Lage eines solchen Mannes da“
mals wirklich hineindenkt, so sieht sich dieser Schritt anders an, wenig
humorvoll und sehr bitter,

Welche innige heiße Vaterlandsliebe spricht aus allem, was uns Herr
Prof. Notz berichten konnte, — fast unbegreiflich die große Tatkraft
und Wirkung Lists in den wenigen Jahren seines Aufenthaltes in Amerika.
Dann kommt er zurück nach Deutschland, wirkt in eigenem Lande. Aber
die Zeit veht ihm zu langsam. er irrt ohne Anstellung von Staat zu Staat,
73
        <pb n="15" />
        und sucht endlich freiwillig ein Schicksal bitterer als das, dem er vor
Jahren vom Hohenasperg entrann.

Und heute? Ich sehe in diesem kleinen Kreise mehrere Staatssekre-
täre und Ministerialdirektoren von verschiedenen Ministerien des Reichs
und Preußens. Reichswirtschaftsministerium, Reichsernährungsministerium,
Reichsministerium des Innern, Auswärtiges Amt sind vertreten und meh-
rere Minister a. D. sind hier, der Kommissar des Reichs für wirtschaft-
liche Verwaltungsfragen führt den Vorsitz, und in der Aula der stolze-
sten deutschen Universität hörten wir einen illustren Gast zu Ehren Lists
sprechen.

Als Regierungsfunktionär kann man da nur still in seiner Brust wün-
schen, daß wir heute nicht wieder Menschen und Vorkämpfer vom Schlage
Lists einen so bitteren Lebensweg gehen lassen.

Aber ich will Sie mit so melancholischen Gedanken nicht weiter auf-
halten. Lassen Sie mich nur dem Ausdruck geben, was ich hier, auch ohne
Verabredung sicher zugleich im Namen meiner Kollegen von den Reichs-
ministerien, sagen kann. Wir danken Herrn Prof. Notz aufs herzlichste
für den tiefen und aufschlußreichen Vortrag, den er uns über Lists Leben
und Wirken in Amerika geboten hat, und für den Dienst, den er damit
dem Andenken Friedrich Lists und seinem Vaterlande getan hat. Wir
begrüßen die Friedrich List-Gesellschaft bei ihrer Gründung und ihrer
ersten gelungenen Veranstaltung und wünschen ihr Glück für ihre fer-
nere Arbeit.
4. Rede des Ministerialrats Dr. v. Rottenburg
vom Preuß. Kultusministerium., Berlin:
Meine Damen und Herren!

Der Herr preuß., Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung
hat mir den ehrenvollen Auftrag zuteil werden lassen, der Friedrich List-
Gesellschaft seine herzlichsten Grüße und Glückwünsche zu übermitteln
und ihr für die Durchführung der Aufgabe, die sie sich gesetzt hat, vollen
Erfolg zu wünschen. Diese Aufgabe, die Herausgabe der Werke Lists, die
Verbreitung der Kenntnis seiner Lehre, ist primär eine wissenschaftliche
und, man kann sogar sagen, eine volkspädagogische; es ist darum selbst-
verständlich, daß die preußische Unterrichtsverwaltung der Gesellschaft
das allerlebhafteste Interesse entgegenbringt.

Meine Damen und Herren! Wie gut könnten wir auch in unserer Zeit
einen solchen Feuerkopf gebrauchen, der, wie einst List den deutschen
Zollverein und die Schaffung eines Eisenbahnnetzes, so heute vielleicht
den europäischen Zollverein und den Ausbau des Luftverkehrs sich zur
Aufgabe setzen würde. Leider scheint es ein Gesetz zu sein, daß gerade
bahnbrechende Männer, geniale Entdecker von Neuland als Außenseiter
ihren Weg machen müssen. Das war so, und kann auch wieder so kom-
men, aber in dieser Hinsicht sollte Friedrich List für uns eine Warnung
und eine Mahnung bedeuten. Wir können die Vergangenheit nicht än-
dern, wir können nur versuchen, an dem Andenken Fr. Lists einiger-
maßen gutzumachen, was unsere „Kollegen“ von damals versäumt haben.
Und wir können noch etwas tun, was sicher weit mehr im Sinne Lists
liegt: seine Lehre in uns aufnehmen und würdigen und sie dem gesamten
Volke näherzubringen suchen. Ich glaube, diese Lehre ist gerade für un-
sere Zeit von besonderer Bedeutung, die wie die seinige durch Krisen
hindurch neue wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten sucht. Darum,
meine Damen und Herren, wünsche ich der Friedrich List-Gesellschaft
für ihre Arbeit weitestes Wirkungsfeld und reichsten Erfole.
F
        <pb n="16" />
        5. Rede von Professor Dr. Friedrich Lenz, Gießen:
Meine sehr verehrten Herren!

Der geschäftsführende Vorstand legt Wert darauf, das heutige Zu-
sammensein zu einer Gemeinschaft im Geiste Friedrich Lists auszubauen
und wird den Mitgliedern daher periodische „Mitteilungen“ über den Fort-
schritt der gemeinsamen Arbeit zugehen lassen. Dies ist um so wünschens-
werter, weil Lists literarisches Schicksal kaum weniger tragisch berührt,
als sein persönliches Geschick. Er ist in Wahrheit der zugleich bekannteste
und unbekannteste deutsche Volkswirt. Von seinen über 200 Schriften
ist eigentlich nur das „Nationale System“ allgemein bekannt geworden,
und selbst diesem fehlt bis heute ein wissenschaftlicher Kommentar. Wo-
her kommt dies? Überschätzen wir seine Gedanken und sind sie tatsäch-
lich unfruchtbar? In seinen persönlichen Schwächen, in seinem mangeln-
den Distanzgefühl für die politische Umwelt kann die Erklärung ebenso-
wenig gefunden werden, wie in seiner genialen Sorglosigkeit und per-
sönlichen Bescheidenheit. Der Grund liegt tiefer.

List spricht nicht nur als Autor zum Publikum, sondern als geniale
Persönlichkeit zur Nation und als Staatswissenschaftler zum Staatsmann.
Wer polilische Ökonomie in dem Sinne lehrt, daß alle Wirtschaft be-
grifflich wie tatsächlich eingeschlossen sei in Recht und Staat, in Ge-
schichte und Politik, dessen Lehre erprobt sich in einem ganz eigenen
Sinn an der Erscheinung. Denn diese politische Ökonomie schwebt nicht
gleichsam im leeren Raum, wie irgendwelche reine, das heißt mit fin-
gierten Annahmen arbeitende Wirtschaftstheorie; ihr Schwerpunkt liegt
auch nicht in irgendwelchen Tagesfragen, sondern sie greift über Zoll-
fragen und Eisenbahnpolitik hinaus, an die Grundfesten alles mensch-
lichen Daseins: an das Verhältnis der Nation zu ihrer Wirtschaft im Sinne
der Listschen Nationalwirtschaft, und an das Verhältnis der Nationen zu-
einander im Sinn einer wahrhaft internationalen Wirtschaft.

Damit steht eine solche Persönlichkeit aber mitten im Strom ihrer Zeit,
im Ablauf der geschichtlichen Konstellationen. Denn diese großen Lebens-
kreise sind in Wahrheit eins: Es gibt keine „Wirtschaft‘, die von den Ge-
setzen des nationalen Wachstums losgelöst sei, keine wirtschaftlichen Be-
ziehungen, die nicht den Tendenzen des Weltstaatensystems folgen. Am
Nichtvorhandensein des deutschen „Nationalkörpers‘ ist List gescheitert;
erst Bismarck hat dem „Nationalgeist‘ mit der staatlichen auch seine
wirtschaftliche Form gegeben. Als die Konstellation im neuen Reich den
Listschen Forderungen günstig wurde, hat man die harmonische Entfal-
tung aller produktiven Kräfte erneut verkündet. Während Eugen Düh-
rings feinsinnige Analyse der Listschen Hauptgedanken noch zu früh
kam, hat der damalige „Zentralverband der deutschen Industrie‘ im Jahre
1877 sich bereit erklärt, eine Volksausgabe der Listschen Werke zu unter-
stützen. Der „Reichsverband der deutschen Volkswirte‘“ hat diesen Ge-
danken 1909, nach einem Vortrag Gustav Schmollers, aufgegriffen. Zwei
Pläne einer Gesamtausgabe seiner Werke sind infolge des Krieges und
der ihm folgenden Inflation nnausgefüllt geblieben. Hier setzt unsere
Arbeit ein.

Was List dem heutigen Deutschland zu sagen hat, ist an dieser Stelle
nicht zu schildern. Ich erinnere nur an Lists grundlegende Theorien vom
Vorrang des Binnenmarktes, vom Ausgleich zwischen Landwirtschaft und
Industrie, an Lists vergessene Sozialpolitik, die produktionspolitisch aus-
gerichtet, und an seine Bevölkerungslehre, die durchaus innerhalb des
nationalen Raums gesehen ist. Diese Theorien betreffen brennende Fra-
(5
        <pb n="17" />
        gen unserer Gegenwart; infolge des unglücklichen Kriegsausganges sind
dagegen Lists koloniale und maritime Forderungen, sowie seine Gedan-
ken über Auslandsdeutschtum und Auswanderung leider zurückgetreten.

Während das Deutschland von Versailles dem Listschen Idealtypus einer
autonomen Volkswirtschaft nicht mehr genügt, ist Lists wahrhaft prophe-
tisches Bild der internationalen Wirtschaft um so mehr bestätigt worden.
Wenige große Imperialwirtschaften stehen im Vordergrund, unter denen
England die Wege nach Indien beherrscht, Rußland den Gegenpol zur
nordamerikanischen Wirtschaftsmacht bildet. Für unseren Wiederaufstieg
ist bemerkenswert, daß List unserem Vaterland zwar den Rang einer un-
abhängigen Nationalwirtschaft, nicht aber den einer Imperialwirtschaft
zuweist, Und wenn heute alle Welt sich industrialisieren will, auf Kosten
unseres alten Kontinents, so geht solch Streben sogar vielfach über List
hinaus, der nur den Großstaaten der gemäßigten Zone eine allseitige Ent-
faltung ihrer nationalen Kräfte zugestehen wollte. Seinem Sinne ent-
spricht es, wenn heute eine chinesische Übersetzung des „Nationalen Sy-
stems‘“ vorbereitet wird. Aber auch der Gedanke einer „Weltwirtschafts-
konferenz“ ist von ihm vorhergedacht, gleichwie er den Gedanken einer
„Internationalen Sozialpolitik“ 183g bereits faßte.

Solch reiche Schätze von nationalem und zugleich von internationalem
Werte gilt es zu heben, getreu Lists Wahlspruch: „Et la patrie et
l’humanite“ — der Weg zur Menschheit führt durch die Nationen. —

Der Redner schloß mit einem Wort des Dankes an alle jetzigen und
künftigen Förderer der Friedrich List-Gesellschaft, unter denen er nament-
lich hervorhob: die Deutsche Notgemeinschaft, die Reichseisenbahngesell-
schaft. die Deutsche Akademie und die Stadt Reutlingen.

Nachrichten.

Lists französische Preisschrift, die er im Gegensatz zum ‚Nationa-
len System“ als „Das natürliche System der politischen
Ökonomie‘ bezeichnet, ist im Dezember vergangenen Jahres von
dem Bearbeiter des IV. Bandes, Dr. Artur Sommer, Heidelberg, wie-
der aufgefunden worden. Über die Entstehung der Preisschrift und
über ihr Aussehen berichtet Dr. Sommer in einer kurzen Abhand-
lung, die in Schmollers Jahrbuch, Jahrgang 1926, Heft 5 erscheint.
Wir werden unseren Mitgliedern einen Abzug zugehen lassen. In Zu-
kunft werden alle derartigen Abhandlungen in diesen „Mitteilungen‘‘
zum Abdruck gelangen.

Der ständige Ausschuß des Deutschen Landwirtschafts-
rats hat in seiner Sitzung vom 5. Mai d. J. nach Anhörung eines
Referats von Prof. Friedrich Lenz-Gießen beschlossen, der Friedrich
List-Gesellschaft beizutreten und sämtliche deutsche Landwirtschafts-
kammern von den Bestrebungen der Friedrich List-Gesellschaft zu
unterrichten. Die Mehrzahl der deutschen Landwirtschaftskammern
hat daraufhin ihren Beitritt erklärt.
        <pb n="18" />
        Zur Frage der Listschen Preisschriften.
(Aus unveröffentlichten Briefen Friedrich Lists.) en
Von Edgar Salin
Dr. phil., Professor der. Staatswissenschaften an
der Universität Heidelbere.
M ehr als fünfundsiebzig Jahre mußten verstreichen, ehe deutsche
Gelehrte dem Werk ihres größten Ökonomen genug Beachtung
schenkten, um seinen mehrfachen Andeutungen nachzugehen und nach
jener Preisschrift zu forschen, die er zu Ende des Jahres 1837 ge-
schrieben und der Pariser Akademie eingereicht hat. Als der Neu-
entdecker und Bearbeiter dieses wichtigen Werkes, Dr. Sommer, dar-
an ging, die Geschichte seiner Abfassung, seiner Verborgenheit und
seiner Wiederauffindung zu schreiben!, ist es seiner gründlichen
Untersuchung aller Spuren und Erwähnungen aufgefallen, daß
Häusser? in seiner Biographie Lists von „zw e i nationalökonomischen
Preisaufgaben der Akademie‘ und an anderer Stelle von der Voll-
endung „beider“ Arbeiten spricht. Sommer nimmt mit hoher Wahr-
scheinlichkeit an, daß Häusser keinerlei Nachforschungen angestellt
hat und sein Wissen nur einem Briefe Lists an seine Gattin vom 1ı.
Januar 1838 entnimmt, den der Biograph auszugsweise zum Abdruck
bringt. In diesem Auszug steht von Lists Hoffnung „wenigstens einen
Preis zu bekommen“ und werden „meine Abhandlungen“; also der
Plural, genannt. Andrerseits enthält der Eingang des Häusserschen
Auszugs die Bemerkung Lists: „ich bin nämlich mit meiner Arbeit
fertig“ und wird in Häussers, von Lists Familie und Freunden unter-
stützter Lebensbeschreibung eine zweite Preisarbeit nirgends mehr er-
wähnt. Auf der Grundlage dieses geringfügigen und ungewichtigen
Materials mußte zwar weiterhin mit der Möglichkeit gerechnet wer-
den, daß außer der bereits gefundenen Arbeit noch eine zweite Preis-
schrift‘ Lists in den Archiven des Institut de France verborgen ist;
aber schon die äußere Arbeitsleistung Lists bei Fertigstellung des
einen Werkes von mehr als 300 Folioseiten in einer Spanne von sechs
Wochen ist so außerordentlich, daß man kaum noch eine zweite
Schrift als Frucht des gleichen Zeitraums tatsächlich erwarten durfte.
Wenn Dr. Sommer „dem Glück und der Zukunft‘ die Aufklärung
dieser Frage überlassen mußte, so war klar, daß überhaupt nur zwei
Lösungswege denkbar waren. Der eine Weg hieß Nachforschung in
den Akten des Instituts: sie hat stattgefunden, ohne daß bisher eine
zweite Schrift Lists zutage gekommen wäre; doch enthielt auch die-
ses negative Ergebnis so lange keinen schlüssigen Beweis, als es nicht
gelang, eine bekanntermaßen damals in den üblichen Formen (also
anonym, nur mit Motto) tatsächlich eingereichte, doch nicht preis-
gekrönte Lösung aus den Kisten der Akademie auszugraben und als
Werk eines anderen Autors zu enthüllen. Unter diesen Umständen
mußte alle Hoffnung auf den zweiten Weg gesetzt werden: daß es
neues Material beizuschaffen gelang, mit dessen Hilfe eine eindeutige
Entscheidung zu fällen war.
        <pb n="19" />
        Wenn wir überraschend schnell uns in die Lage gesetzt sehen, eine
wenn auch noch immer rätselvolle, so doch endgültige Lösung zu
geben, so verdanken wir dies der Freundlichkeit von Lists ältestem
Enkel, Herrn Friedrich Pacher von Theinburg, der mit Ausnahme von
drei Briefen, die er nach seiner Angabe „als zur Gebrauchnahme nicht
geeignet“ ausschied, sämtliche in seinem Besitz befindlichen Briefe
Lists an seine Familie uns zur Veröffentlichung zur Verfügung ge-
stellt hat. Schon die erste Durchsicht ergab, daß dieses Material alle
Zweifel an der Existenz auch der zweiten Preisschrift beseitigt; denn
es fand sich der von Häusser auszugsweise gebrachte Brief vom ı.
Januar 1 838, und es stellte sich wider alles Erwarten heraüs, daß
Häussers Auszug gerade die für uns wichtigsten Stellen unterdrückt
hat. Wir lassen aus diesem Brief hier die auf die Arbeiten bezüglichen
Absätze® in vollem Umfang folgen und heben die von Häusser ge-
strichenen bzw. geänderten Worte und Sätze durch Sperrdruck her-
vor:

„Wir haben hier die NeujahrsNacht flott gefeyert; wir sind erst
diesen Morgen um 4. Uhr zu Bette gekommen. Ich bin nämlich
mit meiner Arbeit fertig — zwey Preisfragen liegen
beantwortet da, u. was noch mehr ist, zu meiner
völligen Zufriedenheit% Von dieser Arbeit kannst Du
Dir einen Begriff machen, wenn ich Dir sage, daß sie zwey leid-
lich dike, gedrukte Bände füllen wird. Alles dieß ward in 6.
Wochen geschrieben, übersetzt u. mit Noten versehen. Ich
hatte dazu über 30. Bände Bücher zu lesen. Von
Morgens ı oder 2. Uhr arbeitet ich bis 10. Uhr — dann gings auf
die Bibliothek bis 3. Uhr, dann wieder zur Arbeit bis 51%. Uhr —
dann zu Tisch u. um 7. oder 8. Uhr zu Bett. In meinem Leben
ging mir die Arbeit nie besser von Statten, u. nie war ich ge-
sünder, In der letzten Zeit bin ich sogar häufig nicht zu Bette ge-
kommen u. habe nur einige Stunden geschlafen. Ich habe gute
Hoffnung zwey Preise oder5 wenigstens Einen zu be-
kommen. In diesem Fall könnte ich den Geldge-
winn, mit Inbegriff dessen was die Bücher beim
Buchhändler werth sind, auf 10.000 Franken

anschlagen; ja wenn sie unter den Fabrikanten
populär werden sollten, was sehr wahrscheinlich
ist, auf das dreyu. vierfache — im Fallsiemehre
Auflagen erleben sollten”. Inzwischen kann ich mich
in meinen Hoffnungen täuschen zumal da die Arbeit sehr schnell
gefertigt werden mußte. Es ist auch (sehr)® möglich, daß die-
jenigen, welche die Preise zuerkennen, (der Name wirderst
bekannt nach der Zuerkennung des Preises)5 mir
den Preis versagen, ungeachtet meine Abhandlungen die besten
sind. Ich habe nämlich ein neues System u. meine Richter sind
noch alten Glaubens. Jedenfalls aber sind meine Abhandlungen
so. daß ich sie druken lassen werde, u. daß ich mir davon den-
        <pb n="20" />
        selben Erfolg versprechen darf, wie in Amerika (—7828) dieß ist
genug u. muß auf irgend eine Weise zu einem guten Resultat
führen.

Während dieser Arbeit mußte ich alles suspendiren — König
— Minister — alte Bekannte — Briefwechsel jeder Art — alles
mußte verschoben werden; ich durfte keine Minute versäumen.
An Theater gehen, Zeitungen lesen u.s.w. war nicht zu denken;
ich weiß (seither)8 fast nicht, was seither in der Welt vorgegan-
gen. Nur hier und da speißte ich mit Emilie in
einer auswärtigen Restauration um mir u. ihr
einige Motion zu machen, durch das Hin u. Her-
gehen”. Jetzt aber will ich an Alles gehen. Diese Woche
noch sollen alle Briefe geschrieben, alle Be-
suche gemacht werden!.“

Dieser Brief enthält den unwiderleglichen Beweis, daß List tatsäch-
lich zwei Preisfragen bearbeitet, zwei Lösungen abgegeben hat.
Aber er stellt uns vor neue Rätsel; denn es zeigt sich, .daß Häusser
nicht nur eine der wichtigsten Stellen unterdrückt, sondern auch einige
andere, nicht minder wichtige und deutliche Sätze gerade dahin ab-
geändert hat, daß die klare Tatsache der zwei Preisaufgaben ver-
borgen wird. Was in aller Welt konnte einen Historiker von
Häussers Rang zu einem solchen, verfälschenden Auszug bewegen?

Ehe wir diese Frage zu beantworten und ihre Bedeutung für den
mutmaßlichen Inhalt der zweiten Preisschrift abzuwägen suchen, ge-
ben wir noch einige weitere Briefstellen, die geeignet sind, auf die
ganzen Wochen der Arbeit an den Preisaufgaben neues Licht zu wer-
fen. Zunächst enthält der sehr lange Brief vom ı. Januar noch eine
wichtige Nachschrift vom 13. Januar 1838 — sie ist wohl, da auf
der Rückseite befindlich, Häussers Aufmerksamkeit entgangen, ent-
hält jedoch eine äußerst bedeutsame Nachricht:

„Liebe Caroline d. 13. Jan 1838.

Dreyzehn Tagelang blieb dieser Brief liegen,
denichnocham ı. Jan fortschiken wollte.

Als wir nämlich das Manuskript der beyden
Preißfragen übergaben, erfuhren wir, daß ich
noch 8. Tage Zeit hätte Ich nahm also meine Ar-
beiten zurük um sie zu verbessern, u. so ging es
noch 8. Tage auf die alte Weise fort. Als die Ar-
beit am 8.ten d. übergeben war, hatte ich Ekel
vor allem Schreiben u. Arbeiten, u. so viele Be-
suche zu machen u. PrivatAngelegenheiten zu
besorgen, daß ich heute erst wieder ans Schrei-
ben komme.“
        <pb n="21" />
        Auch diese Notiz ist aufs höchste überraschend, — trägt doch der
Brief, der der Preisarbeit angeheftet ist und das Motto des Bewerbers
enthält, ebenso wieder Umschlag der Preisschrift selbst den Vermerk
des Sekretariates: „No. 6. 31 dec. 1837 8a und widerspricht doch die
angebliche Verlängerung des Ablieferungstermines durchaus den Ge-
pflogenheiten der Akademie. Dennoch: Lists Angaben in der Brief-
stelle sind unzweideutig — an der Tatsache, daß er die Arbeiten zu-
rückerhielt und umarbeitete, ist kein Zweifel möglich. Wenn trotz-
dem das Sekretariat das Datum des 31. Dezember und nicht das Ja-
nuardatum vermerkte, so liegt die Vermutung nahe, daß in der Rück-
gabe eine selbständige Handlungsweise eines unteren Beamten vorliegt,
der durch Einfügung des offiziellen Datums sich gegen den Vorwurf
der Pflichtverletzung sichern wollte. Doch muß die Kennzeichnung
der Arbeit als Nummer 6 stutzig machen; wenn Lists Arbeit, die
doch gewiß nach Lists Willen erst in letzter Minute abgegeben wer-
den sollte, dennoch unter 27 Bewerbungen die Nummer 6 erhielt, so
besteht die Wahrscheinlichkeit, daß die anderen Bewerber von der
Möglichkeit späterer Ablieferung vorher unterrichtet waren. Ob auch
ihre Arbeiten dann vordatiert wurden, kann nur neue Nachforschung
in den Archiven zeigen.

Durch die Tatsache, daß List seine beiden Schriften nochmals zu-
rückerhielt, findet eine von Dr. Sommer bemerkte Unstimmigkeit ihre
einfache Aufklärung. Sommer erwähnt eine von List auf der dritten
Umschlagsseite geschriebene, „in verzerrten, fast verkrampften
Schriftzügen in höchster Eile“ hingeworfene Entschuldigung, der-
zufolge er nicht die Zeit hatte, die zahlreichen Fehler des Abschrei-
bers zu verbessern und eine Menge von Anmerkungen zuzufügen. Die-
ser Angabe stellt er den aus der Analyse der Handschrift sich ergeben-
den Sachverhalt gegenüber, daß eine ganze Reihe nachträglicher Ein-
fügungen, Änderungen und Noten unzweifelhaft von List stammen.
Sommer weiß keinen andern Ausweg aus diesem Dilemma als die Ver-
mutung, daß List die Absicht hat, die zahlreichen, noch gebliebenen
Fehler und Flüchtigkeiten vor den Preisrichtern mit der Unzuläng-
lichkeit der Abschreiber zu entschuldigen. Hier bietet nun der Brief
eine sehr viel einfachere Erklärung, die zugleich Lists Haltung sehr
viel besser gerecht wird: Die „Entschuldigung“ gehört dem Dezem-
ber 1837 an?, die Einfügungen und Verbesserungen entstammen der
ersten Januarwoche. Dies ist von wesentlicher Bedeutung für unsre
gesamte Auffassung der ganzen Preisarbeit; denn wir dürfen nun-
mehr das Manuskript als die endgültige Darstellung von Lists
Gedanken in dieser Periode ansehen. Wenn auch noch einzelne Fehler
stehengeblieben sind, wenn auch einzelne Probleme bei einer weni-
ger überhasteten Ausarbeitung — vielleicht — eingehender behandelt
worden wären, so steht doch fest: die Preisschrift ist sachlich,

stilistisch undsprachlich von List in einem für ihn durch-
aus befriedigenden Zustand abgegeben worden; er hat sein Vorhaben
ausgeführt, das er als „mettre la substance de mon systeme‘ bezeich-
net!9, und er hat „das Wesentliche‘ seiner Ideen in einer von ihm
30
        <pb n="22" />
        gewählten und von ihm geprüften, — wahrscheinlich der bestmög-
lichen —, Form zum Ausdruck gebracht.

Wenn demnach die „Entschuldigung‘“ Lists hinfällig wird durch
die aus der Nachschrift vom 13. Januar 1838 sich ergebende Tat-
sache, daß List die Arbeit zurückerhielt und durchsehen und ergänzen
konnte, so wird damit auch die Basis für die Beurteilung der Hand-
schriften ganz wesentlich verändert. Sommer nimmt an, daß minde-
stens drei Schreiber am Werk gewesen sind. „Sicher ist,“ sagt er,
„daß die Übersetzung auf List und seine älteste Tochter zurückgeht.“
Von den Anmerkungen, die französische und englische Zitate zufügen,
vermutet er hingegen, daß sie „von einem der beiden uns nicht wei-
ter bekannten Schreiber sämtlich nach Fertigstellung des ganzen Tex-
tes niedergeschrieben‘“ wurden. „Diese Schreiber wechseln sich in klei-
nen Abschnitten des Manuskriptes ab, haben also gleichzeitig
gearbeitet, während List und Emilie die französische Fassung her-
stellten.“ Diese Gleichzeitigkeit wird durchaus fraglich, nachdem wir
wissen, daß List die Arbeit nachträglich überprüft hat. Es besteht
nunmehr die Gewißheit, daß zumindest ein Teil dieser Anmerkungen
nachträglich eingefügt wurde. Und mehr als dies: es tauchen
Zweifel auf, ob außer List und seiner Tochter Emilie noch zwei wei-
tere Schreiber bei der Fertigstellung überhaupt beteiligt sind. Zu-
mindest läßt die von uns abgedruckte Briefstelle nichts von irgend-
welcher fremden Mitarbeit erkennen, und es ist daher neu zu unter-
suchen, ob nicht etwa die ganze Arbeit von List und seiner Tochter
allein geleistet wurde.

Wir scheiden auch hier zweckmäßigerweise zwischen den Tatsachen,
die nunmehr als eindeutig feststehend gelten dürfen, und jenen an-
deren, bei denen wir noch immer auf Vermutungen angewiesen blei-
ben. Endgültig steht fest, daß die französische Übersetzung der Preis-
schriften von List selbst und seiner ältesten Tochter Emilie hergestellt
ist. Dieser Sachverhalt war bisher nur aus Handschrift, Sprache und
Stil zu erschließen — Emilie List, die an Häusser einen Bericht über
die Pariser Zeit schickt, hat diese Zusammenhänge mehr verdeckt als
erhellt, verschweigt sie doch ganz die Tatsache ihrer Mithilfe, viel-
leicht in der Annahme, daß sie Häusser aus den Briefen bekannt sei,
vielleicht in der ihr allzeit eigenen Bescheidenheit. Sie schreibt in
diesem Brief vom 2. Oktober 184711 ganz allgemein: „... durch
eine Preisaufgabe der academie des sciences angeregt entzog er seine
Tätigkeit für einige Zeit der Sache der Eisenbahnen, und begab sich
auf das Feld der National-Ökonomie‘; hieran schließt sie nur einen
Bericht über die Einteilung des Tages und der Arbeit, der mit der
Schilderung von Lists Neujahrsbrief übereinstimmt, vermutlich so-
gar auf sie zurückgeht.

Diesen Angaben tritt nun ergänzend, klärend, veranschaulichend
und vor allem Emiliens Mitarbeit bezeugend die ausführliche Be-
schreibung in einem Briefe Lists an seine Frau vom ı4. Nov. 1837
zur Seite. Wir bringen einen Teil (etwa ein Viertel) dieses Briefes
zum Abdruck, da er besonders geeignet ist, Lists Stellung in Paris,

2 7
        <pb n="23" />
        sein privates und öffentliches Leben in der französischen Hauptstadt
und seine besonders heitere und zuversichtliche Stimmung gerade in
diesen Wochen der schwersten Arbeit zu verdeutlichen!?:

Paris den 22 Nov. 1837
Liebe Caroline. Wir haben Dir seither nicht geschrieben, weil
wir erst die Audienz abwarten wollten. Seit 14 Tagen warteten wir
vergeblich auf eine Einladung und fürchteten schon die Sache
sey wieder in Vergessenheit gekommen, als vorgestern Abend eine
Einladung kam, mich für gestern Mittag halb ı2. Uhr zur
Audienz beim König in den Tuilerien einzufinden. Ich bin im
Ganzen sehr gut aufgenommen worden. Der König kam mir
entgegen, setzte mir denn einen Stuhl, lud mich ein zu sitzen u.
nach einigen Minuten war ich in voller Unterhaltung mit ihm be-
griffen. Er sprach von Deutschland, vorzüglich aber von Nord-
amerika u. über die deutschen Bauern in Pennsylvanien u. kam
dann auf meine Vorschläge, in welche er sich zwar nicht tief ein-
Leß, aber er versprach, sie zu prüfen u. mit den Ministern zu
sprechen, daß sie mit mir in Communication träten. Für das
erste Mal konnte ich kaum mehr erwarten. In der Hauptsache:
über die Nützlichkeit der Einführung eines Papiergeldes, ist er
mit mir einverstanden, nur fürchtet er, es dürfte hart halten, die
Vorurtheile welche von der Zeit der Assignaten her gegen die
Papiere in Frankreich besteht, zu überwinden, wogegen ich
meine vollkommene Überzeugung aussprach, daß ich glaube, daß
sich diese Vorurtheile überwinden ließen, was er gerne zu hören
schien. Sehr lieb war es mir, von ihm aus seinem eignen Munde
zu hören, daß der König von Belgien mich ihm empfohlen u.
ihm gesagt hätte, daß er mich achte u. ihn versichert hätte, daß
ich alles Zutrauen verdiene. Ich kann nicht anders denken als
daß ich einen Stein ins Brett bey ihm bekommen habe durch
diese Audienz, Er lachte u. scherzte u. war sehr freundlich u.
forderte mich dadurch heraus mich ganz ungenirt gegen ihn aus-
zusprechen. Es ward abwechselnd französisch, deutsch u. englisch
gesprochen, je nachdem von dem einen oder dem andern Lande
die Rede war. Besonders schienen ihm meine Ansichten über
Jackson &amp; van Buren zu gefallen. Einstweilen habe ich durch
diese Audienz so viel gewonnen, daß ich bey allen Ministern Zu-
tritt habe, u. daß keiner mich schnöde abweisen oder oben her-
unter behandeln kann, da keiner weiß, welchen Stein ich beim
König im Brett habe. Bisher konnte ich gar keine Besuche bey
den Ministern machen, da ich nicht riskiren wollte, schlecht
aufgenommen zu werden. Ferner kann ich nun bey dem Herzog
von Orleans u. Madame zur Audienz kommen. Das ist Alles so
viel, als ich vernünftigerweise erwarten konnte. Daß ich nicht
mißbraucht werde, im Fall meine Vorschläge angenommen wer-
den, dafür ist mir der König von Belgien Bürge, dem ich offen
u. frey zur Bedingung gemacht habe, daß ich 20.000 Fr. Gehalt
        <pb n="24" />
        bekommen müsse. Du siehst der ganze Plan durch Belgien einen
Fuß in Frankreich zu bekommen, war prächtig angelegt, u. ist
soweit aufs Beste gelungen; nur daß eben viele Zeit darüber hin-
gegangen ist u. noch viele darüber hingehen wird.
Lu B

Emilie ist Tag u. Nacht (stets)!4 in meiner Ge-
sellschaft. Ich diktire oder sie schreibt mir ab.
Sieschreibtschön u.korrektu.versteht die fran-
zösische Grammatik aus dem Grund, so daß wir
nun auch große französische Aufsätze zusam-
men machen. Wirhaben angefangen zwey Preis-
fragen zu beantworten die am ı. Jan des näch-
sten Jahres fertigsein müssen. Wennich gesund
bleibe, so komme ich damit zu Stande, u. wenn
ich damit zu Stande komme, so gewinne ich den
Preis /3000 u. 1500 Fr./ also 4500 Fr./ u wen
ich den Preiß gewinne, so feyereich über meine
Feindein Deutschland einen Triumph der noth-
wendig in Deutschland oder in Frankreich gute
Folgen für uns haben muß. Ich arbeite gegen-
wärtig nicht weniger als 15. Stunden im Tag.“

Auch von diesem Brief hat Häusser einen Auszug gebracht, aber
wieder: nur einen Auszug aus dem ersten und aus einigen, in unserm
Zusammenhang nicht wichtigen, rein-persönlichen späteren Absätzen,
wogegen die ganze, auf die zwei Preisaufgaben bezügliche Stelle von
ihm nicht berücksichtigt wurde. Dies obwohl kaum ein anderer Brief
so lebendig das überschäumende Temperament Lists zeigt, seine Art,
Hoffnungen als Tatsachen zu nehmen und auf ihrem schwanken
Grund ein hohes Gebäude zu errichten, Lists Frau, deren melancho-
lische Gemütsstimmung oft genug seine beste Schwungkraft lähmte,
hat den Zusammenbruch auch dieser Hoffnungen richtig voraus-
gesehen. Auf dem Neujahrsbrief finden sich einige Bleistiftnotizen
von ihrer Hand, darunter die Worte: „Der Morgen, an dem Du mir
wieder schreiben wolltest, hat noch immer anzubrechen — — — Ich
fürchte Du wirst Dich abermals täuschen — Man wird gewiß auch
dort gegen Dich unterminieren ...”

Auch aus einem Brief vom 4. Dezember 1837, in dem sich die
letzte Erwähnung der Preisschriften in Familienbriefen findet, hat
Häusser die entscheidende Stelle nicht berücksichtigt. Sie lautet:

„Einstweilen arbeite ich mit Emilie an der
Preißfrage. Daich mich wohlbefinde, u. die Ar-
beit mir von Statten geht, u. da ich aus Deinem
Jetzten Brief ersehe, daß Du u. die Kinder wohl
sind, so bin ich gutes Muthes. Wir arbeiten vom
frühen Morgen bis in die späte Nacht.

rz
        <pb n="25" />
        Diese letzte Briefstelle ist, soweit wir sehen, das einzige Mal, daß
List nur von „der“ Preisfrage spricht. Sie hat um so weniger Gewicht,
als dieser Brief vom 4. Dez. 37 auf der Rückseite jenes Briefes vom
22. Nov. 37 geschrieben ist, der am genauesten die Arbeit an den
„zwei“ Preisfragen schildert. Wir sagten früher, es stehe nach all
diesen Briefen fest, daß List und seine Tochter zusammen die Über-
setzung der Preisaufgaben vorgenommen haben. Wenn wir uns an
den genauen Wortlaut des Briefes vom 22. Nov. 37 halten und wenn
es bei einem solch sorgfältigen Berichterstatter wıe List erlaubt ist
aus seinem Schweigen Schlüsse zu ziehen, so muß darüber hinaus die
Vermutung ausgesprochen werden, daß List und seine Tochter auch
die ganze Arbeit des Abschreibens selbst geleistet haben. Wenn List
in der von Sommer aufgefundenen Preisschrift von Fehlern „des
Kopisten‘“ oder „der Kopisten‘“ spricht, so ist dies noch kein Gegen-
grund; es besteht durchaus die Möglichkeit, daß „der Kopist‘“ Emilie,
„die Kopisten“ List und Emilie sind. Auch hier kann Sicherheit nur
lurch einen neuen Handschriftenvergleich gewonnen werden; drei
photographische Aufnahmen von Manuskriptseiten, die sich im Be-
3itz der Friedrich List-Gesellschaft befinden, wurden geprüft, erwie-
sen sich jedoch als nicht ausreichende Grundlage der Urteilsbildung:
Lists Schrift ist gerade in diesen Wochen auch in den Briefen über-
aus wechselnd, sodann ist. seine offizielle, in Eingaben u. dgl. be-
nutzte „Schön-Schrift‘“ von seiner üblichen, absichtslosen, sehr viel
schöneren Schrift stark unterschieden, — es ist daher nicht ausge-
schlossen, daß auch anscheinend verschiedene Schriftzüge des Manu-
skripts dem gleichen Schreiber gehören, vielleicht die einen ın Er-
müdungszustand, die anderen in größerer Ruhe geschrieben, Gewiß-
heit kann nur neue Vergleichung des Originals geben.

Nur neue Nachforschung in den Pariser Archiven kann schließlich
auch die wichtige, von uns bisher zurückgestellte, nun noch zu be-
handelnde Frage klären: welcher Grund Häusser bewogen haben mag,
die Existenz der zweiten Preisschrift nur gelegentlich andeutend zu
erwähnen, im Ganzen jedoch ihre Existenz zu verbergen — und wel-
cher Grund vor allem List selbst ebenso wie seine Tochter be-
stimmt hat, von der zweiten Preisarbeit später völlig zu schweigen,
30 daß keine uns bekannte Stelle seiner Werke irgendeinen Hinweis
auf sie enthält. Zunächst: Wie kam Häusser zu seinem Verfahren?
Man könnte denken, daß er hier wie in vielen Punkten flüchtig ge-
arbeitet hat und daß er über die Briefstellen gerade darum hinweg-
zilte, weil List selbst in seinen Werken die zweite Schrift nicht mehr
nennt. Aber es geht kaum an, flüchtige Arbeit anzunehmen, nachdem
sich herausgestellt hat, daß Häusser nicht nur fast alle hier in Be-
tracht kommenden Sätze unterdrückt, sondern auch die beiden wich-
ügsten Angaben des Neujahrsbriefes verfälschend ändert, Bei einem
Historiker von Häussers Bedeutung kann hier nicht mehr sträfliche
Flüchtigkeit, sondern muß eine uns verborgene, bewußte Absicht an-
genommen werden, — Oder hat etwa Häusser die Briefe gar nicht im
Original gekannt? Diese Annahme erschien einen Augenblick lang
nicht unwahrscheinlich, als sich in seinem Nachlaß, den die Heidel-
        <pb n="26" />
        berger Universitätsbibliothek bewahrt, lange Berichte von Lists Toch-
ter an Häusser fanden, Berichte, die Auszüge aus Lists Briefen
enthalten; vielleicht also, schien es, hat die Tochter Lists dem Bio-
graphen ihres Vaters gerade diese Briefe und Stellen vorenthalten.
Aber diese Vermutung mußte schnell wieder aufgegeben werden; denn
erstens entstammen sämtliche Auszüge Briefen eines anderen Jahres
(184x1)15. Zweitens sagt Häusser im Vorwort (S. IV) ausdrücklich,
daß die Familie ihm alles Briefmaterial, die Tagebücher usw. „zur
Ereiesten Verfügung gestellt“ hat. Drittens besagt eine von Herrn
v. Pacher übermittelte Familientradition, daß Häusser die Briefe ge-
lesen, geordnet und numeriert hat, wodurch also Häussers Angaben
eine Bestätigung fänden. Diese Tradition konnte als richtig erwiesen
werden; denn es ergab sich, daß die alten Nummern auf den Original-
briefen mit dem gleichen Braunstift geschrieben sind, der auch in
Häussers Manuskripten aus dieser Zeit andauernd benutzt wird. Ja,
es fand sich weiter, daß Striche am Rand der Briefe von der gleichen
Hand und mit dem gleichen Braunstift gemacht sind. Und es stellte
sich schließlich heraus, daß nur und gerade die Briefstellen den Rand-
strich aufweisen, die Häussers Biographie zum Abdruck bringt. Zu
diesen angestrichenen Briefstellenaber gehörtder
von Häusserfalschabgedruckte Briefvom ı. Januar
838 und zu den numerierten Briefen gehören alle von uns hier
benutzten, von Häusser übergangenen oder für unseren Zusammen-
hang nicht ausgewerteten Briefe. Damit schließt sich der Ring: es
steht fest, daß Häusser alle in Betracht kommenden Briefe durch-
gesehen, daß er selbst die für den Abdruck bestimmten Stellen be-
zeichnet hat und daß er mithin selbst für die verfälschende Änderung
verantwortlich ist.

Ob er indessen auch selbst die Änderung veranlaßt hat, das wagen
wir nicht zu entscheiden. Denkbar wäre immer noch, daß die Tochter
Lists den Historiker bat, eine Tatsache zu verbergen, die ihr Vater
sein Leben lang verschwiegen hat. Was aber List dazu veranlaßte, das
ist kaum zu mutmaßen. Die zweite Preisaufgabe verlangte eine Er-
örterung der Folgen, die die Umwälzung des Transportwesens durch
die Eisenbahnen in der alten und der neuen Welt auf den Wohlstand
und das Staatsleben haben mußte — sie betraf also gerade jenes Ge-
biet, in dem List sich allezeit als Fachkenner auszeichnete. Vielleicht
war es List nicht erwünscht, wenn eine weitere Öffentlichkeit erfuhr,
daß auf diesem seinem Spezialgebiet die französische Akademie ihm
den Preis vorenthalten hatte. Wahrscheinlicher noch dünkt uns, daß
er diese zweite Arbeit selbst geringer wertete. Bei der ersten Preis-
aufgabe lockte ihn die Möglichkeit, sein System zum erstenmal um-
fassend darzustellen. Bei der zweiten mag allein schon die kurze Zeit-
spanne verhindert haben, daß er eine Leistung von gleicher originaler
Kraft verfaßte — es wird immer wunderbar genug bleiben, daß es
ihm überhaupt gelang, im Zeitraum von sieben Wochen beide Themen
zu behandeln und ein Werk von „zwei Bänden‘ zu schreiben. Dazu
hatte er gerade kurz zuvor seine Gedanken über das Eisenbahnwesen
für Rotteck-Welckers Staatslexikon systematisch zusammengefaßt —
25
        <pb n="27" />
        so mag ihm die zweite Aufgabe in einem wenig glücklichen Augen-
blick gekommen sein. Aber dies alles sind einstweilen nur Vermutun-
gen, die die Preisschrift selbst bestätigen und widerlegen kann. Das
Wichtigste ist: Es ist nun einwandfrei erwiesen, daß List auch die
zweite Arbeit geschrieben und abgegeben hat. So steht zu hoffen,
daß es neuer Nachforschung gelingt, auch diese Schrift bald zu fin-
den und alle hier aufgeworfenen Fragen zu lösen. Mag sein, daß
auch diese Arbeit gleich bedeutsame Überraschungen bringt, wie es
die erste Schrift in reichem Maß getan hat.

Anmerkungen.
1 Vgl. Dr. Artur Sommer, Mitteilung über ein bisher unbekanntes Werk
Friedrich Lists. Schmollers Jahrbuch, Jg. 50, S. 687ff. — (Ein Sonderabdruck
dieses Aufsatzes ist den Mitgliedern der F.L.G. zugegangen.)

2 Ludwig Häusser, Friedrich Lists gesammelte Schriften. Erster Teil. „Fried-
rich Lists Leben. Aus seinem Nachlasse bearbeitet.“ Stuttgart und Tübingen 1850.
S. 232 ££.

3 Dem hier abgedruckten: Absatz geht nur ein längerer Neujahrswunsch voraus,

4-Häusser hat den gesperrten‘ Satz. völlig unterdrückt, und, um nicht, hierdurch
eine: stilistische. Unebenheit. aufkommen zu. lassen, das Folgende geändert in: „Du
kannst dir davon einem Begriff” machen etc.“

5 Von Häusser unterdrückt.

6 Von List unterstrichen.

7 Auch dieser ganze Satz von H. unterdrückt — in diesem Falle unter Kenntlich-
machung der Auslassung durch zwei Gedankenstriche hzw. drei Pımkte.

8 Von List gestrichen.

8 Vgl. Sommer a. a. O0. S. 6g4.

9 Das müßte dann auch für die in der „Entschuldigung“ erwähnte, große An-
merkung von Blatt 17 ff. gelten — eine Annahme, die durch die Numerierung der
Blätter als zweifelsfrei zutreffend erwiesen wird.

10 Vgl. Sommera. a. O0. S. 691.

11 Heidelberger Univ.-Bibliothek. Faszikel Häusser 371,24 Blatt 268. Der Brief
trägt das Datum des 2. Okt., ohne Jahresangabe und Stempel; als Abfassungsiahr
kommen 1847 und 1848 gleicherweise in Frage.

12 Die auf die Preisschriften bezüglichen Sätze sind von uns gesperrt.

13 In der Lücke sind Mitteilungen über Lists Stellung in und zu Deutschland
(Leipzig!) enthalten, die, an sich wichtig, für unseren Zusammenhang keine Be-
deutung besitzen.

14 Von List gestrichen.

15 Es handelt sich hierbei um einen nach Emiliens Angaben nachträglich auf-
gefundenen Briefpack. Diese Briefe sind von Häusser nicht numeriert und nicht
angestrichen — von ihnen, aber nur von ihnen, hat er also trotz seiner oben
angeführten Behauptung vielleicht das Original nie vor Augen gehabt.
        <pb n="28" />
        Friedrich Lists Pariser Preisschrift von ı8 37.
Ihre Bedeutung und ihre Stellung im Gesamtwerke Lists. 1

Von Artur Sommer
Dr. phil., Heidelbere.
Il Vorbemerkungen.
N achdem an anderer Stelle? die Einzelheiten über die Geschichte der
Preisfrage der Pariser Akademie und über die äußere Geschichte des
am Ende des vorigen Jahres in Paris aufgefundenen Manuskriptes
dargelegt worden sind, soll im folgenden an einigen wichtigen Punk-
ten auf den Inhalt der Preisschrift und die Stellung und Bedeutung
eingegangen werden, welche ihr inmitten des gesamten wissenschaft-
lichen Werkes Lists zukommt.

Wir bahnen uns den Zugang zu einem solchen Verständnis durch
eine zweifache Berücksichtigung ihrer geistigen Entstehungsge-
schichte: zunächst geben wir einige Hinweise auf die wichtigsten
literarischen „Quellen“ im weitesten Sinne des Wortes, welche uns
Lists Art und Methode durch eine Einordnung in die von ihm ge-
kannte und benützte ökonomische und politische Literatur näher-
bringt. Obwohl dieses Thema nur kurz und in keiner Weise schon er-
schöpfend behandelt werden kann, ist eine vorläufige Erörterung un-
entbehrlich zur Korrektur der allzu einseitigen Richtung der bis-
herigen Forschung (Abschnitt II).

Sodann betrachten wir die Genesis der theoretischen Systematik,
wie sie aus der wirtschaftlichen Zeitlage, dem Leben Lists und be-
sonders aus seiner politischen Einstellung ihre begriffliche Gestalt
empfängt; während dabei sein dreifaches Schicksal: Privatmann ohne
öffentliche politische oder wirtschaftliche Funktion, Deutscher in
einer Zeit, da sein Land den englischen Vorsprung zu begreifen und
auszugleichen die Aufgabe hatte, endlich das Schicksal, nach dem
Entstehen der klassischen englischen Theorie ein deutsches System
der politischen Ökonomie zu schaffen, — die durchgehende Einheit
seiner Lehre als einer Theorie der produktiven Kräfte bestimmend
prägt, unterliegt Lists politischer Weltaspekt im Laufe seines Lebens
Veränderungen, deren Beachtung uns einen Strukturwandel auch der
ökonomischen Lehren zu erkennen und zu klären ermöglicht (Ab-
schnitt III).

Indem wir die Behandlung der „Theorie der produktiven Kräfte“
— diese Bezeichnung tritt in der Preisschrift sowohl innerhalb Lists
Werken als in der Literatur erstmalig auf — in diesem Aufsatz aus-
schalten, weil sie erst im deutschen Hauptwerke zur vollen Entfaltung
gelangt, legen wir das Hauptgewicht auf einen Überblick der systema-
tisch zu scheidenden Perioden im Schaffen Lists und bestimmen so
die Stellung und Artung der Preisschrift im Verhältnis zu den übrigen
größeren Werken.

Das gleiche Thema wird in den beiden Hauptteilen der Untersu-
2
        <pb n="29" />
        chung beibehalten und an konkreten Inhalten des Systems weiterver-
folgt. Der erste Hauptabschnitt ist der Stufenlehre gewidmet; die
Theorie der Wirtschaft als einer Systematik der wirtschaftlichen Pe-
rioden oder Stufen ist von List in der Pariser Schrift am breitesten
and klarsten entwickelt worden. Die Entstehung, die Reife, die Mo-
difikationen und das Wiederausscheiden der Stufentheorie, wird durch
alle Werke Lists hindurch verfolgt (Abschnitt IV bis VI).

Der zweite Hauptteil beschäftigt sich mit den verschiedenen
Begriffen. der „Nation“, welche neben resp. nacheinander in Lists
Schriften auftreten, sowie mit dem Begriff „Nationales System der
politischen Ökonomie‘, welcher gleichfalls in den letzten Lebensjah-
ren Lists eine veränderte Bedeutung erhält. Zur äußeren Orientie-
rung über das französische Hauptwerk Lists sei zuvor kurz folgen-
des wiederholt (Abschnitt VII).

Als List in der zweiten Hälfte des Oktobers 1837 von Deutschland
über Belgien nach Paris kam, fand er zwei Preisausschreiben der Aca-
demie des sciences morales et politiques vor, die ihn in gleicher
Weise interessierten: er hat beide Themen bearbeitet, obwohl die Ab-
lieferung bereits am 3ı. Dezember 1837 erfolgen mußte, und er zu
gleicher Zeit einen größeren Artikel für das Rottecksche Staatslexi-
kon fertigzustellen hatte. Das Manuskript des ersten Themas zur Frei-
handelsfrage ist im Institut de France erhalten und eine Abschrift
davon jetzt im Besitze der Friedrich List-Gesellschaft. Über die Tat-
sache einer zweiten Preisarbeit sind wir aus ungedruckten Briefen
Lists orientiert, welche durch Prof. Salin bei den Vorarbeiten zur
List-Biographie aufgefunden worden sind*. Das Thema der ersten Auf-
gabe der Academie, durch Häussers Lebensbeschreibung bereits be-
kannt, lautete „Lorsqu'une nation se propose d’etablir la liberte du
sommerce, ou de modifier sa legislation sur les douanes, quels sont
les faits, qu'elle doit prendre en consideration pour concilier de la
maniere la plus &amp;quitable les interets des producteurs nationaux et
seux de la masse des consommateurs?“

Der Titel, den List selbst diesem Werke zudachte, und den die
Preisschrift dreimal wiederholt, ist „Das natürliche System der po-
litischen Ökonomie“. „Nous donnons au systeme que nous avons de-
veloppe dans ce present traite le nom de systeme naturel etc.“ In
der Überschrift des Kapitels 34 erscheint der volle Name ‚Le Sy-
steme Naturel d’Economie Politique‘“.
mM. Quellen der Preisschrift.

Die Quellen, welche List verwendet und zitiert, sind zu einem Teil
durch die Situation in Paris und das Programm der Preisfrage be-
stimmt; aber List erfuhr hierdurch keine seinem Denken fremde Be-
einflussung, sondern vielmehr eine ausgesprochene Unterstützung sei-
ner eigensten wirtschaftspolitischen wie literarischen Einstellung.

Das Programm der Akademie war von Charles Dupin entworfen,
mit der klaren Tendenz, J. B. Says Freihandelslehre durch die natio-

Vgl. den ersten Aufsatz dieses Heftes der „Mitteilungen“.
        <pb n="30" />
        nalen Notwendigkeiten theoretisch einzuschränken, praktisch auszu-
schalten, was ganz und gar Lists dauerndem Streben entgegenkam. Da-
mit sind zwei Hauptquellen Lists bereits genannt. Dupins „Forces
productives et commerciales de la France‘ 182173, sie werden achtmal
zitiert; daneben steht Chaptals Werk „De l’industrie francaise‘“ 1819,
das seit Erscheinen List bekannt war und schon in den Outlines als
Hauptstütze des Schutzsystems genannt* und im Nationalen Svstem
ebenso ausführlich gerühmt wird?.

J. B. Says Werke aber lagen List bei der Ausarbeitung in allen
Auflagen, die er vergleichend benutzte, vor. Say wird nicht nur als
Gegner angegriffen, sondern auch oft sachlich positiv herangezogen.
Die Preisschrift bringt im Gegensatz zu den anderen Systemen viel
mehr direkte Zitate: List führt in Paris in weit höherem Maße als
beim Abfassen der Outlines und des Nationalen Systems ein Gelehrten-
leben und arbeitete, wie wir aus seinen Briefen wissen. täglich regel-
mäßig auf der Bibliotheque Nationale.

In starker Überschätzung nimmt List auch Joseph Droz’ „„Economie
politique“ (1829) als Parallele für seine Anschauungen in Anspruch.
Joseph Droz, ein streng katholischer Anhänger der Restauration und
eines der bekanntesten Mitglieder der Akademie, gibt in. seinen öko-
nomischen Ausführungen eine bloße, aber sehr gut geschriebene Re-
produktion der liberalen klassischen Theorie, zu der er nur in den
von List zitierten Einleitungs- und Schlußkapiteln eine eigene anti-
materielle Stellung einnimmt.

Indem wir die häufigen Anführungen aus Smith, Mac Culloch und
Cooper — letzterer Lists Hauptangriffsziel in den Outlines — ab-
sehen, weil sie wenig charakteristisch hervortreten, geben wir einige
Äußerungen Lists über die vier Hauptquellen, zu denen außer Montes-
quieu einige unwichtigere treten, die wir erwähnen werden.

List zitiert in allen Werken Chaptal als Kronzeugen für die Not-
wendigkeit und Nützlichkeit des französischen Schutzsystems und
nimmt aus ihm und Dupins Werk viele statistische Belege für die
Zollpolitik, besonders für den Nachweis der Schädlichkeit der Ge-
treide-, Vieh- und Fleischzölle. Im übrigen sind ihm aber Dupin und
in geringerem Grade Droz diejenigen Gelehrten, welche die geistigen
und politischen Werte und die Theorie der produktiven Kräfte am
vollkommensten erkannt und ausgebildet haben. Befremdend vielleicht
für bisherige Listforscher, die einen dahinweisenden Satz im Natio-
nalen System übersahen?, steht auch in diesen Materien J. B. Say,
nicht nur der im Nationalen System gerühmte Bruder Louis Say®, nur
in relativem, nicht prinzipiellem Abstand von Dupin, Droz und List:
„Say pressentait tres bien l’existence d’une thöorie speciale des forces
productives, mais il ne concut jamais une idee nette de la difference
de ces deux doctrines. Dans son premier ouvrage (Nouveau principe
d’&amp;conomie politique. Chap. 2) il distingue la haute politique et l’6co-
nomie politique. ‚La premiere, dit-il, avait pour objet de pourvoir aux
besoins intellectuels, la seconde de pourvoir aux besoins materiels.‘
Ce n’est que dans son second ouvrage (Traite d’&amp;conomie politique),
qu’il fait entrer dans son svsteme la production intellectuelle sous la
20
        <pb n="31" />
        denomination de biens immaterielles et industrie immaterielle . ..“
Dann fährt List fort: „M. le Baron Charles Dupin, dans son celebre
ouvrage les forces productives dela France, a le premier
represente les forces productives dans toute leur 6tendue, et sulvant
leur veritable valeur pratique; et M. Droz a dans son appendice ä son
ouyrage sur l’&amp;conomie politique, etabli des principes generaux Sur ces
forces. (Livre IV, Chap. IV.) ‚J-ai vu ä regret plusieurs 6crivains em-
ployer des expressions qui semblent materialiser tous nos interets‘ “9,

An einer anderen Stelle, wo Smith die Verkennung der geistigen
und produktiven Kräfte vorgeworfen wird, heißt es von seinem fran-
zösischen Anhänger: „J. B. Say a senti.cette insuffisance du systeme
de Smith et l’a refute sous ce rapport... Ce qu'il prouve qu’il n’a pas
connu ou du moins reconnu les forces productives dans toute leur ex-
tension ... ‘10, Damit soll natürlich die Gegnerschaft Lists zu Say und
Smith nicht geleugnet werden, wohl aber beweisen solche Sätze und
noch mehr die Lektüre von Say und von anderen französischen Wer-
ken, die List wirklich kannte, etwas gegen irrige Wege, auf denen
man unbezeugte Quellen für die Begriffe der geistigen Werte und
produktiven Kräfte suchen zu müssen glaubte.

Doch geben wir zunächst weitere Äußerungen Lists über die drei
Autoren, welche er selbst mit ausführlichen und von 1827 bis zum
Nationalen System sich wiederholenden Worten als geistesverwandt
anerkennt.

„L’extension de l’idee des forces productives est due aux vastes et
savants travaux de Chaptal, de Monsieur Charles Dupin et de M. J.
Droz qui ont approfondi la nature de l’&amp;conomie politique. Chaptal
s’est borne ä montrer quels progres la France a faits relativement ä
la richesse materielle sous l’influence de sa politique industrielle et
commerciale interieure et exterieure. M. Dupin seul a statistiquement
represente comme forces productives, outre ce que Say nomme indu-
strie, 1a morale, l’intelligence, l’education, les institutions et les eta-
blissements sociaux et politiques; de cette facon, tout en protestant
contre toute intention de vouloir crö&amp;er un systeme nouveau, M. Du-
pin a expose toutes les forces productives suivant leur action pra-
tique dans un ordre si complet et syst&amp;matique. qu’il d&amp;montre par
sa r6gularite, sa clarte, son ensemble parfait, plus que par la critique,
toute l’insuffisance du systeme cosmopolite. M. Droz, apres avoir ex-
pliqu@ avec une lucidit&amp; remarquable le systöme cosmopolite tel que
l’ont forme Smith et Say, a ajoute ä son traite un chapitre 6tendu et
riche en matieres, dans lequel la theorie des forces productives, con-
trairement ä ce systeme, est represent6 dans une esquisse ingenieuse
et spirituelle; ce chapitre plus developpe eut certainement suffi pour
former une th6orie plus conforme ä la nature‘“11,

An anderer Stelle heißt es: „L’excellent ouvrage de M, Charles Dupir
sur les forces productives de la France, quı fit pour la premiere
fois sentir la n6cessit&amp; d’examiner et de juger la question de l’Eco-
nomie politique et de la condition politique des nations au point de
vue des forces productives et son autre ouvrage de la Situation pro-
gressive de la France depuis 1814 avaient jet6 une si vive lumiere sur
3
        <pb n="32" />
        les progres que la France doit au systeme continental et au systöme
qu’a depuis adopte la Restauration, qu’aucun ministere francais, quel
qu'en fut le chef, n’eüt pu concevoir l’idee d’aneantir par un traite
ä la Methuen, cette ceuvre de quarante ann6es, si penible, si dispen-
dieuse et si feconde en belles esperances pour l’avenir“12,

List hat also selbst einige Autoren genannt, bei denen er den Begriff
der produktiven Kraft vorgefunden hat; es ist daher selbstver-
ständlich, daß eine historische Forschung über die Herkunft dieses
Begriffes an jenen schlechthin gesicherten Orten beginnen müßte1®,
Dupins Name und der Titel seines Werkes wird im Nationalen System
und in dem Aufsatz „Freiheit und Beschränkung des auswärtigen
Handels‘ von 183g erwähnt und ebenso in der bei Hirst veröffent-
lichten Rede in Philadelphia vom 3. November 1827, in welcher List
dieses Werk unmittelbar nach Erscheinen zum ersten Male benutzt14,
Demnach kann Dupin aber nicht die „Quelle“ des Terminus sein, den
List in den vorher erschienenen Outlines ebenso maßgebend verwendet
wie später!5, Ebensowenig kommt Droz in Frage, den List erst in
Paris flüchtig las.

Begegnet war der Begriff List in der württembergischen Zeit bei
Soden!®, dessen juristische Werke er studiert hat, aber in jenen Jahren
fehlt er bei List selbst, der damals die viel eher auf indirekten We-
gen von der Romantik stammenden Begriffe Urkraft, Gesamtkraft.
Nationalkraft verwendet!7,

Wir wissen aber, daß List in den letzten Jahren vor der Auswande-
rung nach Amerika viele französische Schriften zur Ökonomie, dar-
unter auch die Werke der Brüder Say, studiert hat; bei beiden aber
finden sich die Begriffe agents forces, und facult&amp;s productives!8,
und das Adjectif productif kommt in allen möglichen anderen Verbin-
dungen vor. Die oben angeführten Sätze über Say weisen uns auf
jeden Fall eine der richtigen Spuren1?: List findet productive power
und force productive als einen seit Smith bei den englischen und fran-
zösischen Schriftstellern überall gebrauchten Ausdruck20,

Ein systematischer Zentralbegriff ist er aber nur in Lists Werken;
das zeigt das sehr charakteristische Hineinlesen seiner eigenen An-
schauung in dem im Nationalen System zitierten Satz von Louis Say,
der nach Lists Meinung eine bessere Theorie als die Tauschwertslehre
seines Bruders gefunden hatte?1,

Eine der ältesten Vermutungen zur Herkunft der Listschen Lehre —
die von Karl Marx — wird jetzt durch das „Systeme Naturel‘““ und
eine Notiz im Reutlinger Archiv als tatsächlich bestehend erwiesen.

Marx erklärt in den „Studien über den Mehrwert“ (Bd. I, S. 339),
daß List aus Ferrier geschöpft habe. Wenn sich eine eingehen-
dere Bekanntschaft Lists mit Ferriers „Du Gouvernement dans ses
capports avec le commerce‘ (III. Aufl. 1822) erweisen ließe, so wür-
den daraus bedeutsame Folgen für die Entstehung mancher iheore-
tischen Lehren Lists zu ziehen sein. Doch ist dieser Komplex zur Zeit
noch nicht übersehbar und wird in der Einleitung der Ausgabe der
Preisschrift weiter zu behandeln sein.

Von besonderer Wichtigkeit sind ferner Kings „British Merchant“
31
        <pb n="33" />
        von 1721, Ustariz’ meisterhafte Schrift von 1724 und Ulloas Ergän-
zung von 1740. Erst die Heranziehung dieser Schriften neben dem
Geschichtswerk Andersons u. a., dazu Lists Verflechtung mit den fran-
zösischen Gegnern Smiths erlauben ein Urteil über Lists wirkliche
Beziehungen zum Merkantilismus. -

Wir zählen weiterhin nur auf die übrigen in dem systematischen
Teil der Preisschrift flüchtiger angeführten Schriftsteller: Priestley,
Condorcets Turgot-Biographie, Mignets Werk über die französische
Revolution, Child, Davenant und Storch; für die geschichtlichen Ka-
pitel benutzt List nur solche Unterlagen, die auch das erste Buch des
Nationalen Systems bringt. .

Als wirkliche Quelle für die Art des historischen Urteilens aber darf
Montesquieu nicht übergangen werden. Das Programm der Akademie
hatte die Bewerber ausdrücklich auf Montesquieu hingewiesen und
gefordert, eine ähnliche vergleichende Übersicht für die Handelsge-
schichte der größeren Nationen zu liefern; dem Hauptwerke des größ-
ten historischen Genies Frankreichs sollte in der Beantwortung der
Preisfrage ein „Esprit des lois commerciales‘“ zur Seite gestellt wer-
den! List studiert bei der Ausarbeitung den „Esprit des lois‘“ und
verwendet Teile davon??, Er hat seitdem für dieses Werk eine tiefe
Schätzung: „L’esprit penetrant de Montesquieu l’a fait voir trö&amp;s bien
sur le fond de la politique anglaise .. .“23 und später sagt List:
„Montesquieu, der wie keiner vor ihm und keiner nach ihm sich dar-
auf verstand, der Geschichte die Lehren abzuhorchen, welche sie dem
Gesetzgeber und Politiker erteilt . . .“24,

Damit schließen wir die kurzen Hinweise auf Lists Lektüre; nur
die näher behandelten Werke dürfte List in den wenigen Wochen,
in denen er das französische System schrieb, genauer gelesen haben,
alle anderen Zitate sind Erinnerungswissen aus früheren Jahren, wenn
wir absehen von der Lektüre einiger historischer Werke zur Handels-
geschichte der Völker. Doch ist die Stoffsammlung für die geschicht-
lichen Kapitel zum größten Teil in den Jahren nach der Rückkehr aus
Amerika geschehen, wofür einige Anhaltspunkte in den Notizbüchern
und Exzerpten des Reutlinger Archivs und im „Nationalmagazin‘‘, das
List 1834 redigierte, zu gewinnen sind.

Die literarischen Belege in der Preisschrift sind ein äußerer Hin-
weis, wie stark List seine begriffliche Basis in der Klassik und im
Geiste des 18. Jahrhunderts hat25, und sie zeigen andererseits, daß
er die ihm eigentümliche Richtung des Schauens und Denkens aus
leibhafter eigener Erfahrung und ursprünglichem Miterleben seiner
deutschen Zeitlage original erworben hat. Dupins Ziel des „tableau
des forces productives et commerciales de l’univers‘“ innerhalb einer
Statistiqgue comparee?6 war eben rein statisch, und sein Werk?? lie-
ferte List nur Sachmaterial, keine systematischen Gedankenanre-
gungen. Die große geistige und politische Autorität Dupins und Chap-
tals ist ihm aber eine moralische Stütze für seine eigene Überzeugung,
denn die beiden Männer vertraten auch als Politiker eine praktische
Zollpolitik, wie. List sie propagierte.

Das Thema der „Quellen“ Lists ist mit dem Gesagten nur angedeu-
x
        <pb n="34" />
        tet. Wir gaben die wichtigsten qualitativ begründeten Urteile Lists
über einige von ihm positiv geschätzten Schriftsteller wieder. Schon sie
sind hinreichend, die bisherigen Richtungen der Forschung zu ent-
werten: die Ableitung von der Romantik ist ein Irrweg; die einseitige
Verfolgung des Einflusses von Raymond ein unergiebiger Nebenpfad.
Daß Adam Müller List unbekannt war, ist an anderer Stelle belegt wor-
den. Daß eine Wandlung Lists vom Freihandel zum Schutzzoll durch
die nicht bedeutende Schrift Raymonds in der amerikanischen Zeit er-
folgt sei, wird niemand, der Chaptals Werk gelesen hat, mit Ernst
vertreten können. Ob eine nennenswerte Einwirkung von Hamiltons
Schriften anzunehmen ist, kann erst nach der vollständigen Publizie-
rung der amerikanischen Schriften Lists geklärt werden.

Zu. einer anderen gleich wichtigen Seite unseres Themas geben wir
hier nur einen vorläufigen kurzen Hinweis: Lists historisch-konkrete
Methode des Argumentierens ist von seinen Kritikern unter den deut-
schen Gelehrten als „Neuerung‘“ anerkannt worden, und Hildebrands
Wort, List habe die deutschen Nationalökonomen zum historischen
Studium hingedrängt, ist als Schlagwort allgemein bekannt geworden.
Aber weder Hildebrand noch Roscher oder Knies sind den von List
genannten Spuren nachgegangen, welche ihnen die geistige Heimat
dieser Methode gezeigt hätte.

In der Einleitung zum 4. Bande wird die Aufklärung dieser Fragen
wenigstens in Angriff genommen werden. Mit der Kenntnis von King
(1721), Ustariz (1724), UHNoa (1740) u. a. hat List eine breite Be-
rührung mit dem Geiste des 18. Jahrhunderts?®8, wo durchwegs hi-
storisch argumentiert wird, in der gleichen Art, die auch Chaptal
noch eigen ist. Überall finden wir die gleiche systematische und lehr-
hafte Art der Benutzung der Geschichte. Endlich wird die herrschende
Ansicht stark einzuschränken sein, daß Lists historische Bildung gänz-
lich laienhaft gewesen sei. Gewiß trieb er nicht geschichtliche Stu-
dien zum Zwecke einer unendlichen Erkenntnis des Vergangenen. Aber
er suchte und fand in den benutzten Werken, von denen noch An-
dersons und Macphersons Annalen zu erwähnen wären, die Gesetze und
Ordnungen der Gewerbe und des Handels, die Reden und Erlasse der
Könige und der großen Minister, und in diesen originalen Zeugnissen
erfaßte List die echten Züge des Wirtschaftsgeistes der früheren Jahr-
hunderte.

III. Lists Zeitschicksal als strukturgebender
Faktor seiner Lehre.
Unsere weiteren Ausführungen sollen sich dem Stoffe nach auf
Lists Stufenlehre und seine begrifflichen Bestimmungen der Nation
beschränken. Die Stufentheorie steht im Zentrum gerade der Preis-
schrift und vereint in sich Lists historisches, politisches und syste-
matisches Interesse; die Variationen dieser Theorie von der einen
Schaffensperiode Lists, in der sie nur als Rudiment auftaucht, über
eine solche der reifen Ausbildung bis zur Endperiode des Zollvereins-
23
        <pb n="35" />
        blatts, in welcher sie kein Bestandteil des Listschen Systems ist, er-
laubt eine Übersicht über Lists Schaffen und die Einordnung des
Pariser Systems. Wir übergehen die meisten Einzellehren Lists und
ebenso im weiteren den dynamischen Zentralbegriff der produktiven
Kräfte, der in allen Schriften in gleicher Weise strukturbildend ist,
aber: doch erst im Nationalen System seine größte Differenzierung
erreicht. *

Aus dem gleichen Motiv einer systematischen Periodisierung des
Lebenswerkes Lists wählen wir die Begriffe der Nation zum zweiten
Hauptthema; an ihrer nie voll beachteten Pluralität soll wiederum der
prinzipielle Unterschied der frühen, mittleren und späteren Lehren
Lists scharf herausgestellt und die Verankerung der einzelnen Werke
in den verschiedenen politischen Situationen, in welchen List schrieb,
aufgezeigt werden.

Diese beiden Themen führen in ihrem Ursprung zurück auf einen
Komplex zentraler Erlebnisse, die den lebendigen Untergrund aller
Lehren Lists bilden. Und das französische Werk, als die erste voll-
ständige Gestaltung der Gedankenwelt Lists, zeigt vielfach die ur-
sprünglichen Motive seines Denkens in größerer Klarheit als die spä-
teren Schriften und gibt uns besonders für die Stufentheorie die Mit-
tel zur richtigen Interpretation der späteren Varianten in die Hand.

Die grundlegenden Tatsachen für Lists Eigenart liegen überall
offen zutage, wenn wir nur direkt auf seine Werke hinblicken, wobei
für uns hier alles, was den persönlichen Charakter Lists betrifft,
außer acht bleibt.

List steht ganz und gar in der zu seiner Zeit aktuellen weltwirt-
schaftlichen Gesamtsituation. England ist die Vorgegebenheit,
durch welche sein ganzes Werk maßgeblich bestimmt ist; die politi-
sche Realität England, das Land, welches in Maschinenindustrie, Ko-
lonialbesitz, Kapital- und Flottenmacht allen Ländern voran ist —
und auf der anderen Seite Lists tiefes Erleben dieser Gegebenheit und
seine leidenschaftliche Liebe für Deutschland. Und wieder ist der
Charakter der Outlines im Unterschied zur Preisschrift und zum Na-
tionalen System als Einheit und zu den Schriften des Zollvereinsblatts
bestimmt durch die varlierende politische Stellungnahme Lists gegen-
über dieser Urgegebenheit,

Der politischen entspricht die geistige Situation: die klassische
Theorie ist da, fest gegründet wie die englische Nation selbst, un-
mittelbar auf dem einzigen Fundament gebaut, das die Neuzeit zur Ab-
leitung materialer Lehren bot, dem Deismus, der seit Newton in den
Einzelwissenschaften herrschend wird — und diese reine Theorie ist
die politische Ökonomie Englands. Das sieht List, und
dies und nichts anderes ist seine tiefste historische Erkenntnis, sie ge-
staltet seine ganze Lehre. Aber Deutschland ist nicht England; und zu
England allein gehört diese metaphysisch deduzierbare und ethisch
einsichtige Theorie als politische Lehre. „Wäre der Verfasser ein
Engländer, so hätte er schwerlich das Grundprinzip der Adam Smithi-
schen Theorie in Zweifel gezogen“29, sagt List wissend und ohne
Scheu, Das ist die Tücke der englischen Politik und, in der Erbitte-
A
        <pb n="36" />
        rung über das unpolitische Denken der deutschen Theoretiker, ins
psychologische gewendet selbst der Betrug Adam Smiths, daß seine,
in der Grundlage apolitische Lehre, so aufgestellt ist, daß sie in ihrer
Konsequenz zugleich Englands Vorteil und der Schaden der anderen
Länder ist. Sollte in Deutschland, Frankreich, Nordamerika neben dem
vorausgeeilten England eine gleichwertige Manufakturkraft aufkom-
men, so mußte zumindest für die Zeit des Versuchens und Neugrün-
dens das Freihandelsprinzip außer Geltung gesetzt sein. List sieht zu-
tiefst die Wahrheit der klassischen Lehre, und er sieht ihre volle theo--
retische und realpolitische Geltung für England und ihre anders-
artige politische Wirkung auf die England nicht gleichstehenden Na-
tionen. List kämpft an diesem zentralen Punkte — dem Ort seiner
innersten patriotischen wie wissenschaftlichen Leidenschaft — bis
zum vollen Siege in einer neuen Systematik, deren Quellpunkt damit
bezeichnet ist. Schon hier ist die Lösung ersichtlich: die Klassik, die
wahre und real gültige Lehre der vierten Wirtschaftsstufe und die für
die anderen größeren Nationen nach ihrem Entwicklungsstand ver-
schiedenen politisch - ökonomischen Lehren, zusammengefaßt in
einem gestuften Entwicklungssystem; Politik, Geschichte und Na-
tion sind die Mittel dieser ureigensten Schöpfung Lists.

Man darf und muß sehr wohl in vielen Einzelheiten Lists
Lehre berichtigen — zuvor aber sollte man ihren positiven Kern er-
fassen, der ihr Leben und ihre Lebendigkeit durch ein Jahrhundert
erhalten hat; und in diesem schöpferischen Urerlebnis hat List die
Wahrheit gesehen und mit Meisterhand gestaltet. Mit tiefem Instinkt
erfaßte er die Weltlage nach ihrer politischen wie nach ihrer geistigen
Seite. Zwar jeder seit Adam Müller erlebte die Realität England und
Smith. Machen wir uns aber klar, daß auch kein anderer Deutscher
die englische Lehre als Ganzes übernommen hat; es fand eine passive
Reception statt; man schied einen allgemeingültigen Teil ab und fügte,
auf entgegengesetzten ethischen Prinzipien errichtet, eine praktische,
nur national gültige Disziplin hinzu; Kant lieferte die Mittel mit sei-
ner Scheidung einer doppelten Wahrheit, einer theoretisch beweis-
baren und einer praktischen nur postulierten Wahrheit. Auf dieser
Grundlage wuchsen, wie List schon sah, nur „Lehrbücher“, kein wirk-
sames Nationalgut. In dieser Entscheidungsstunde der deutschen öko-
nomischen Wissenschaft hat List als einziger den Bruch produktiv
überwunden, List allein steht neben Smith. Konnte er nicht, wie der
Engländer in seinem Weltgefühl, die Interessen der Menschheit und
seines Landes identifizieren, so mußte die deutsche Theorie über
Menschheit und Nation erbaut werden.

War die klassische Möglichkeit einer reinen Theorie ohne ex pli-
zite Hereinnahme der Politik für das England nach Smith die zu-
gleich nützlich nationale Lehre3® — war diese Theorie in England aus
einem naiven Nationalgefühl erwachsen — ‘so muß List als Bürger
eines anderen Staates reflektieren auf die Tatsache der Mehrheit der
Nationen, und als Deutscher auf den verschiedenen Entwicklungs-
stand der Länder — und doch zugleich jene englische geistige und
wirtschaftliche Wirklichkeit bewahren und als Ideal des Manufaktur-
35
        <pb n="37" />
        staates und des endgültigen Freihandels in sein System einbauen?1.
So kommt List aus der Tiefe seines Zeitschicksals zur Politik und
Geschichte und zur Entwicklungsdynamik der produktiven Kräfte, und
kommt ebenso zur Struktur seines Systems als einer Systematik der
Stufenlehre der einzelnen Völker.

Lists Leben und Lehre ist in einem unerhörten Maße eine einzige
Ganzheit: Aus der bloßen räumlichen und zeitlichen Bestimmtheit
seines Daseins fließt die gesamte Grundstruktur seiner Lehre. Daher
ihre unerschöpfliche Ursprünglichkeit, welche die mannigfaltige wis-
senschaftliche Kritik, die an allen Außenseiten nagte, zu überleben
vermochte.

Das gezeichnete Grunderlebnis des Verhältnisses von England zu
Deutschland, Nordamerika u.a. findet seine begriffliche und struk-
turelle Ausprägung in den systematischen Schriften.

Und besonders die Preisschrift zeigt schon in ihrem äußeren Auf-
bau diese Struktur des Listschen Weltsehens und offenbart klarer als
die anderen Werke den Sinn der Hauptlehren seines ganzen Schaffens.
Das 6. Kapitel „De la nation predominante‘“ ist der Schlüssel des
Systems, und dazu gehört, „De l’opposition des Nations contre la na-
tion predominante‘‘, wie die Überschrift des 8. Kapitels lautet. Diese
Teilung zeigt den politischen Quellpunkt der Erfahrungen Lists, von
ihm aus organisieren sich alle Einzellehren.

Im Nationalen System entsprechen dem die Kapitel 33—35: „Die
Insularsuprematie und die Kontinentalmächte‘“, „Die Insularsupre-
matie und die deutsche Handelsunion“‘, „Die Kontinentalpolitik““32,

List schildert die Nation predominante nach allen Seiten als das
Ideal einer vollkommenen Nation, als sein eigenes Wunschbild?3, zu-
gleich als die Norm und das lockende Ziel für Frankreich, Deutsch-
land, Amerika. England ist das „zur Stadt erhobene Land‘, das alle
Welt mit Manufakturen versieht und die Rohstoffe aller Länder an-
saugt. Hier liegt die wirtschaftliche Gefahr: von einem Abwehrerleben
aus gestaltet sich List der Begriff der „berufenen Nation‘ (beachtet
sind zumeist nur Deutschland, Amerika, Frankreich), die fähig und
deshalb verpflichtet sind, den gleichen Weg wie England zu gehen,
d.h. nicht Rohstoff- und Lebensmittellieferanten zu bleiben?4. „Be-
rufene Nation“ — damit erhebt List die Interessen der besonderen
Staaten, für die er schreibt, in die logisch-begriffliche Sphäre; ebenso
durch die Stufenlehre überhaupt wird sein System formal eine all-
gemeingültige Wissenschaft und hebt sich damit wissenschaftstheore-
tisch klar ab von den deutschen Merkantilsystemen. „Berufene Natio-
nen“, „les nations de deuxieme et de troisieme ordre‘“ sind zusammen
mit der Suprematiemacht ein politischer Begriffskomplex; die „nach-
strebenden Nationen‘ sollen — als ein neues Kontinentalsystem —
politisch und handelspolitisch, besonders in der Kolonialpolitik, gegen
England zusammenstehen: „Was sie alle zur Zeit zu fürchten haben,
ist nur das Übergewicht von England35.

Und das 8. Kapitel beginnt: „De meme que de tout temps les na-
tions, les moins puissantes de l’Europe ont cherch6 par leur union ä
garantir leur existence des attaques de quelque nation predominante,
16
        <pb n="38" />
        ;e qu’on a nomm6 l’6quilibre europeen, de me&amp;me il s’est forme rela-
tivement A V’industrie et au commerce une opposition contre l’Angle-
verre‘“36, Und im Nationalen System heißt es7: „Daß die Idee des
Kontinentalsystems immer wiederkehren, daß die Notwendigkeit ihrer
Realisierung den Kontinentalnationen sich um so stärker aufdringen
wird, je höher Englands Übergewicht in Industrie, Reichtum und
Macht steigt, ist jetzt schon klar und wird immer noch klarer wer-
Jen.‘ Die ausführliche Behandlung im Nationalen System zeigt aber,
daß List keinen deutlichen Unterschied zwischen gleichgerichteten
Industrieinteressen und einem politischen Bunde machte, und das so
unbestimmte, „verbesserte napoleonische Kontinentalsystem“‘ ist in den
Systemen eine normative politische Wirklichkeit. Wir kommen auf
Jiesen wichtigen Punkt nochmals zu sprechen,

La nation predominante, die Suprematiemacht des nationalen Sy-
stems, und der Bund der zum gleichen Ziele berufenen Nationen ist die
begriffliche Formung der politischen Konstellation, in welcher List
seine beiden Hauptwerke schreibt; das spezifische Erlebnis „Nation“
bezieht sich auf die nacheifernden Nationen, zu denen ja vor allem
Deutschland gehört. Dieser politischen Gegenüberstellung entspricht
ersichtlich in der Wirtschaftstheorie die kosmopolitische und die po-
litisch-nationale Ökonomie, und in der Zolllehre die Freihandelsstufe
und die Stufe des Schutz- und Erziehungszolls. Die systematische Be-
wältigung dieser beiden Komponenten erfordert eine dynamische
Lehre, denn der Emporstieg der zweiten Gruppe der Nationen zur
Gleichstellung mit der Vormacht ist der spezifische Inhalt der Lehren
Lists.

Zum politischen Grunderlebnis tritt die Verankerung der Wirt-
schaftslehre in der ethischen Schicht, zu der manchmal eine Beziehung
auf die Religion („Ein Hirt und eine Herde‘) flüchtig hinzukommt.
Durch den vollen systematischen Ausbau und die fortlaufende be-
griffliche Beziehung aller ökonomischen Einzelforderungen, auf die
politische Konstellation und den Einbau beider in eine allgemeine
Ethik erhält Lists System seine wirkungsvolle Rationalität und die for-
male Bedeutsamkeit eines Kultursystems.

Die Ethik, die hinter allen Werken Lists steht, ist die der Aufklärung:
Wohlfahrt des ganzen Menschengeschlechts. In den beiden großen
Systemen erhält diese Ethik eine besondere Ausprägung. Sie schließt
sich an den Gegensatz der Suprematiemacht und der Nationen der
zweiten und dritten Ordnung an. Die Höchstentwicklung der Kultur
und der wirtschaftlichen Zivilisation, in welchen sich die allgemeine
Wohlfahrt erfüllt, kann nur dann erreicht werden, wenn „möglichst
viele Nationen gleichzeitig die gleiche Stufe der Ausbildung in Reich-
tum und Macht erlangen“. D. h. aber: Das lebendige wirtschaftliche
und politische Ziel Deutschlands, wie List es erlebte, wird mit der
Forderung der Menschheitsethik identifiziert. An dieser Notwendigkeit
der „Gleichstellung“ der berufenen Nationen hängt die ganze höhere
Motivierung und die kulturell-ethische Rechtfertigung des Schutz-
systems; es ist der „geistige‘“ Zentralbegriff der beiden Hauptsysteme.
Äher eindeutig und sozusagen experimentell erweisbar, bildet die
3m
        <pb n="39" />
        politische Schau: der Kontinent eingestellt gegen England, die tiefere
and primäre Begründungsschicht. Denn der Begriff der Gleichstellung
ist Konstruktion, taucht auf mit jener politischen Einstellung und
verschwindet, als List diese wechselt.

Die Bedeutung des. begrifflichen Gegensatzes nation predominante
und les nations de deuxieme ordre kann noch eine Schicht tiefer ge-
führt werden. Hier nur eine Andeutung: Es ließe sich durch genaue
Strukturanalysen erweisen — und die Verfolgung des Auftretens und
Verschwindens der Stufenlehre innerhalb der Werke Lists, die wir
im folgenden ‘geben, ist ein Beleg unserer These — daß List seine im
wesentlichen immer gleichbleibenden materialen Ziele nur auf der
Grundlage jener begrifflichen Scheidung seines politischen Grund-
&gt;rlebnisses in einem Lehrsystem ausprägen konnte. Die Gegen-
stellung England und Kontinent ist selbst das Kernmotiv der Stufen-
lehre; nur die Stufensystematik aber kann „. .. et la patrie et I’huma-
nit6‘“, kann politische und Menschheitsökonomie, kann endlich alle
Länder nach ihrer historischen Entwicklungshöhe begrifflich um-
fassen.‘

Und nun zeigt ein Überblick über Lists Schaffen in der Tat folgen-
den Bestand: Nach der innerpolitisch interessierten württembergischen
Zeit tritt in den Outlines (1827) die bezeichnete politische Sicht in
primitiver Form auf: England steht gegenüber Amerika, aber eben
ur diesem einen Staate gegenüber: entsprechend ist der Begriff pre-
dominant nation39 ausgebildet; eben weil diese Schrift unmittelbar
nur für ein Land geschrieben ist40, fehlt die volle begriffliche Aus-
prägung und systematische Verwertung der zweiten Komponente, keine
nations de deuxieme ordre, keine Kontinentalallianz ist im amerika-
nischen System enthalten. Und ebenso fehlt, wie wir zeigen werden,
der Kernteil des späteren Systems, welcher diese Schau in die Sphäre
logischer Allgemeingültigkeit hebt: die Stufenlehre.

Die Preisschrift und das Nationale System bringen mit der vollen
Ausbildung der politischen Einstellung den Fortschritt, daß auch die
zweite Komponente begrifflich geformt wird, in der Fassung „be-
rufene Nationen“, „Nationen des zweiten und dritten Grades“ USW.

Und nun die dritte Periode in Lists Lebenswerk: Seit 1843 oder
nach 1841 gibt List, wie wir sehen werden, die politische Einstel-
lung England gegen Deutschland und den Kontinent auf. Und damit
arleidet die gesamte Lehre eine Neuordnung: die Gleichstellung der
großen Nationen ist nicht mehr eine ethische und kulturelle Forde-
rung, der Begriff der berufenen nachstrebenden Nation fällt weg,
nachdem in einer später zu zeichnenden Weise Deutschland neben
England gesehen wird, damit fehlt endlich auch das schöpferische
Motiv der Stufenlehre. Welche durchgehende Abänderung zur glei-
chen Zeit durch die neue politische Konstellation die Listsche An-
schauung von Nation und seine Lehre der Wirtschafts- und Zollpoli-
tik erfährt, wird darzulegen sein.

Die größeren Arbeiten dieser letzten Jahre sind nicht mehr Teile
eines allgemeingültigen ökonomischen Systems, wie es die Aufsätze
in den dreißiger Jahren insgesamt sind.
        <pb n="40" />
        So hebt sich also ‚eine mittlere Schaffensperiode Lists auf der
Grundlage der politischen Sicht: La nation predominante gegen die
Kontinentalallianz in ihrer Gesamtstruktur als Einheit scharf her-
aus. Diese Zeit ist aber zugleich, wie angedeutet, die allein in vollem
Sinn systematische Epoche in Lists Schaffen,

Die beiden oder in weiterem Sinne die drei Gebäude der politischen
Ökonomie sind Wirtschaftssysteme, aufgestellt vom Standpunkt der
gegenüber England industriell tiefer stehenden Völker, denen als Ziel
die nation predominante vorgestellt wird, zu dessen Erreichung sie sich
befähigt fühlen — und dieses zielgerichtete Wollen zu stärken und
in der logisch möglichsten Weite und Begrifflichkeit und damit in der
größten Wirksamkeit zu prägen, ist Lists aktuell politische Lebenstat.

Damit ist in aller Schärfe Lists Zeitgebundenheit betont. Und hier
liegen die Schwierigkeiten einer direkten Beibehaltung und Fortent-
wicklung seines Systems. Dennoch: wer immer innerhalb eines: Wirt-
schaftssystems den Tatbestand der Mehrheit der Nationen und der da-
zu gehörigen politischen Bestände begrifflich berücksichtigen will,
wird auch hier schon an List nicht vorübergehen können.

Zudem ist aber zu beachten: Unsere ganze Darstellung, die sich auf
eine systematische Einteilung der Werke Lists und die Stellung der
Preisschrift innerhalb der übrigen Schriften beschränkt, läßt bewußt
außer acht den durchgehenden, dynamischen Kernbegriff der pro-
duktiven Kräfte; welche dauernde Bedeutung unter diesem Gesichts-
punkt Lists Lehre zukommt, dies, in der Abhebung von dem Gesamt
der heutigen Wirtschaftswissenschaft zu erkennen und zu klären, ist
aine gänzlich andere. noch nicht übersehbare Aufgabe.

IV. Die Stufenlehre in Lists Werken.
Es kann nicht Aufgabe einer kurzen Abhandlung sein, den Inhalt
der Preisschrift und ihre Bedeutung zu erschöpfen; dennoch soll in
den zwei schon genannten Hauptpunkten: der Stufenlehre*! und des
Nationbegriffes über eine allgemeine Charakteristik hinausgegangen
und eine prinzipiell erschöpfende Darstellung mit Heranziehung aller
wesentlichen Materialbelege gegeben werden; damit soll sich ein Ver-
gleich der Parallelen oder varlierenden Ausgestaltungen der gleichen
Themen in den anderen Hauptschriften Lists verbinden und so an
wichtigen Punkten die Stellung der Preisschrift in der Gesamtentwick-
jung Lists zur Anschauung gebracht werden.

Als Hauptstück des Pariser Systems bietet sich schon rein äußer-
lich die Theorie der Wirtschaftsstufen dar. Die Ausführung füllt vier
ganze Kapitel oder in weiterem Sinne acht Kapitel*?, In keinem ande-
ren Werke Lists findet sich eine hiermit irgendwie vergleichbare zu-
sammenhängende Durchführung dieses Themas. Die Stufenlehre ist
zwar auch im Nationalen System das Rückgrat des ganzen Aufbaus, die
direkte Darlegung aber findet sich nur in eingesprengten Abschnit-
ten, mehrfach ganz unverbunden mit den sie umgebenden Ausführun-
gen. Die Preisschrift bringt die Stufenlehre nicht nur in geschlosse-
30
        <pb n="41" />
        nem Zusammenhang, sie gibt uns, was wichtiger ist, zudem bedeutsame

Interpretationsmöglichkeiten für die Auffassung des im Nationalen

System Gebotenen.

War die besonders von den Vertretern der älteren historischen Schu-
len geübte Kritik, wie sich zeigen wird, bis zur Wertlosigkeit einseitig,
so soll hier durch Heranziehung aller Variationen eine umfassendere
historische Erkenntnis angebahnt werden. Gegen die erste Forderung
wissenschaftlicher Gerechtigkeit ist durchweg gefehlt worden; die
mehrfachen und durchaus von verschiedenen Gesichtspunkten aufge-
stellten. Ausprägungen auch nur des Nationalen Systems sind allen
Forschern verborgen geblieben!

Sodann ist niemand auf die naheliegende Spur verfallen, einmal
nachzusehen, ob List denn eigentlich jene Theorie der Stufen: Wilde,
Jäger, Hirten usw. in den historischen Kapiteln wohl selbst verwandt
hat. Die Tatsache, daß List an einer zentralen Stelle der Preisschrift
eine Stufenlehre vollständig durchgeführt hat, erlaubt uns, in ver-
gleichender Übersicht der drei Hauptwerke auch eine Ordnung der
Varianten nach ihrer Wichtigkeit vorzunehmen.

Die Basis für die Erkenntnis von Lists historischer Systematik
ist der Tatbestand, daß List Wirtschaftsstufen von mehreren Gesichts-
punkten aus aufgestellt hat.

ı. Wir beginnen mit der einfachsten Anordnung der Nationen nach
ihrer wirtschaftlichen und politischen Gesamtmacht. Die Preisschrift
unterscheidet: la nation predominante, auch nation du premier ordre
genannt, les nations du oder de deuxi&amp;me ordre und les nations du
troisieme ordre*®, Im Nationalen System lautet die entsprechende Ein-
teilung: Die Suprematiemacht als Bezeichnung für England und die
„Manufakturnation zweiter und dritter Klasse“ oder „zweiten und
dritten Ranges‘“44,

Die Outlines bringen entsprechend ihrem Gesamtcharakter, wie schon
erwähnt, zwar durchaus die gleiche sachliche Unterscheidung, noch
nicht aber die fertige begriffliche Prägung; nur das grundlegende
Glied des Schemas the predominant nation hat eine eigene begriffliche
Bezeichnung%,

2. Wir stellen jetzt das bekannte fünfstufige Schema dar, wie es
zunächst im Nationalen System sich in Wiederholungen und Varian-
ten findet: „In Beziehung auf die nationalökonomische Ausbildung
sind folgende Hauptentwicklungsgrade der Nationen%6 an-
zunehmen: Wilder Zustand, Hirtenstand, Agrikulturstand, Agrikultur-
manufakturstand, Agrikulturmanufakturhandelsstand““47, Die gleiche
Anordnung und Benennung von fünf „Entwicklungsstadien‘‘ wird im
Nationalen System noch einmal wiederholt*®. Die beiden letzten recht
künstlich gebildeten Termini finden sich außerhalb dieser beiden
Sätze nur selten und werden in den historischen Ausführungen nie-
mals benutzt.

So vermeidet List diese Ausdrücke auch in der Einleitung des Na-
‘ionalen Systems, wo er nachträglich behauptet, daß er die An-
regungen zur Stufentheorie ausschließlich in seinen Erfahrungen in
\merika gewonnen habe4?, Obwohl hier streng genommen nur vier
'
        <pb n="42" />
        Stufen unterschieden werden, darf diese Ausprägung doch als eine
bloße Variante des fünfstufigen Schemas aufgefaßt werden. Die
Stelle lautet59: „Es ist mir hier die stufenweise Entwicklung der
Volksökonomie51 klar geworden. Ein Prozeß, der Europa eine Reihe
von Jahrhunderten in Anspruch nimmt, geht hier unter unseren Au-
gen vor sich, — nämlich der Übergang aus dem wilden Zustand in den
der Viehzucht, aus diesem in den Agrikulturzustand und aus diesem
in den Manufaktur- und Handelsstand.‘“

Die Grenzen der Gültigkeit dieser fünfstufigen Schemata, welche
die Geschichte der Nationalökonomie bisher als die Listsche Stufen-
theorie hingestellt hat, können in mehrfacher Richtung gefunden
werden. Die erste mögliche Frage, nämlich die nach ihrer Verwen-
dung in den geschichtlich konkreten Urteilen, wird in einem spä-
teren Abschnitt beantwortet werden, Sodann wäre zu fragen: Fin-
den sich diese Stufen und Termini in den beiden anderen Hauptwer-
ken? Und drittens: Verwendet sie List in der ökonomischen Systema-
ük wenigstens des Nationalen Systems? Zur Beantwortung dieser letz-
ten Frage bringen wir in den beiden nächsten Abschnitten das hier-
her gehörige Material bei.

Zur zweiten Frage: Die Outlines enthalten aus Gründen, die schon
berührt, und die sich im Laufe unserer Erörterung weiter klären wer-
den, über die schon erwähnte Unterscheidung hinaus keine systema-
tische Stufenlehre, Auch die Preisschrift bringt kein Schema der oben
erwähnten Art. Hingegen belehrt sie uns in deutlicherer Weise als es
auch das Nationale System tut, über die geringe Bedeutung, welche
den beiden ersten Gliedern des fünfteiligen Schemas zukommt, und
weist uns auf den Kernpunkt der Stufentheorie hin. Auch in der Syste-
matik des Nationalen Systems spielen Wilde, Jäger und Hirten keine
nennenswerte Rolle; striche man die kurzen Bemerkungen an den zwei
Stellen des Nationalen Systems52, wo außerhalb der erwähnten Sche-
mata auf sie eingegangen wird, so würde Lists Lehre um nichts un-
vollständiger. Wir bringen diese Stellen im nächsten Abschnitt.

Die Preisschrift nun bestätigt diese Bewertung: Jäger und Hirten
werden hier zwar einmal erwähnt, stehen aber außerhalb der großen,
voll ausgebauten Stufentheorie; als bloße Präambel gehen sie der Dar-
legung der systembildenden Stufen vorher, ohne den geringsten Ein-
fluß auf die in der Preisschrift gegebene Entwicklungstheorie: „De
Vötat de chasseurs et de pasteurs les nations passent ä celui de l’Agri-
culture“53, Diese Wirtschaftszustände stehen hier als bloßes Orna-
ment, als eine Reminiszenz vielleicht aus der Lektüre Smiths54, fin-
den an keiner anderen Stelle eine weitere Erwähnung oder sachliche
Behandlung, und der rohe Ackerbau ist die Anfangsstufe der Svste-
matik.

3. Ein näheres Hinsehen auf die systematische Behandlung des
erwähnten Schemas im Nationalen System zeigt seine geringe Be-
deutung in Lists System. Der rohe Ackerbau ist dem Werte nach
auch hier die erste Stufe. Die erste Ausführung über diese erste An-
fangsstufe lautet55: „Der Übergang der Nation vom wilden Zustand
in den Hirtenstand und vom Hirtenstand in den Agrikulturstand und
AI
        <pb n="43" />
        die ersten Fortschritte in der Agrikultur werden am besten durch
freien Handel mit zivilisierten, d. h. mit Manufaktur- und Handels-
nationen bewirkt“. Für die systematische Lehre, so wäre zu inter-
pretieren, bilden die drei ersten Stufen dieses Schemas eine einzige
Einheit, da sie bezüglich des „internationalen Handels und der Han-
delspolitik‘“, wie das Thema des Nationalen Systems lautet, keiner
differenzierten Behandlung unterliegen.

Eine andere Stelle des Nationalen Systems bringt bei Erörterung
der Theorie der materiellen Kapitale und ihrer Vermehrung in den
verschiedenen Wirtschaftsstufen zwei von den früheren abweichende
Schemata, die uns einiges über den Wert der ersten wie auch der
letzten Stufe der erstgenannten Ordnung lehren. List unterscheidet
hier ı. roher Zustand, 2. Zustand des Jägers und Fischers, 3, Hirten-
stand, 4. Agrikulturvolk, 5. Stufe der „vollständigen Manufaktur-
kraft“. Und in der Zusammenfassung‘ der Kapitaltheorie werden ge-
nannt®?:; ı, Jägerstand, 2. Hirtenstand, 3. Agrikulturstand, 4. Manu-
fakturstand, Dabei werden für die Systematik der Kapitalvermehrung
im ersten Falle die beiden ersten Stufen als Einheit zusammengefaßt,
und erst der Hirtenstand stellt eine eigene Stufe der Kapitalbildung
dar; in der zweiten Erwähnung beginnt Lists theoretischer Ansatz erst
bei dem Übergang vom Jäger- zum Hirtenstand, also effektiv mit der
dritten Stufe, .

In beiden Anordnungen endlich fehlt die fünfte Stufe des früheren
Schemas, der Agrikultur-Manufaktur-Handelsstand. Lists Lehre hat
für diese Stufe keine von der vollentwickelten Manufaktur gesonder-
ten Prinzipien, Aber gerade an der angeblichen Setzung Lists, daß
der Handel sich erst nach dem Aufblühen der Manufakturen ent-
wickele, hat Hildebrand seine anscheinend exakt geführte Kritik an-
gesetzt°8, Ob dies wirklich Lists Ansicht ist, ist zumindest sehr frag-
lich; einige Äußerungen gehen in dieser Richtung, die wir später er-
wähnen werden, denen aber viele andere Aussagen gegenüberstehen.
Im ganzen ist zu sagen, was weiterhin noch klarer werden wird, daß
„das“ Stufenschema, welches im Nationalen System zweimal wieder-
holt wird, überschätzt worden ist. List hat sich niemals starr daran
gebunden und es, wie zu zeigen sein wird, den geschichtlichen Er-
örterungen nicht zugrunde gelegt. List hat kein „Lehrbuch“ geschrie-
ben, dessen durchgehende Ansicht aus einer einzigen Formulierung
abgelesen werden könnte.

Ein recht auffälliger Umstand hätte Hildebrand immerhin stutzig
machen sollen, nämlich daß die an die zweite Erwähnung des von ihm
herausgegriffenen Schemas anschließende Illustrierung der Stufen
durch die Industriegeschichte Englands bereits eine so weitgehende
Abweichung aufweist, daß es unerlaubt erscheinen mußte, eine prin-
zipiell gemeinte Widerlegung Lists auf jene abstrakte Aufzählung
allein zu stützen, ohne die direkt folgenden Sätze auch nur zu be-
achten.

Denn gerade auf die Industriegeschichte Englands weisend, unter-
scheidet List, indem er ausdrücklich einen Beleg (I) für das Schema
geben will, in der Entwicklung Englands folgende Stufen: ı. roher
19
        <pb n="44" />
        Zustand, 2. Viehzucht, 3. Agrikultur bis zu den ersten Anfängen ın
den Manufakturen und in der Schiffahrt (D, 4. vollständige Manu-
fakturkraft, Schiffahrt und Handel5%, So und nicht anders inter-
pretiert List selbst jenes Schema, welches nur eine für den Verstand
befriedigende aufgeraffte Zusammenstellung ist, an die sich weder
der Systematiker noch der in die Geschichte blickende List selbst
bindet.

Gewiß ist es Lists Lehre, daß „der Handel‘, sofern er dauernden
Bestand und kontinuierliche Entwicklung® haben soll, auf einer ein-
heimischen Manufakturkraft beruhen muß; aber auch hier ist hinter
die Worte auf das von ihm Gemeinte verstehend zu rekurrieren. So
stellt List dem hanseatischen, nicht national gegründeten Handel die
englische Entwicklung gegenüber%1 und sagt im Sinne der Kritiker:
„Alle diese Fehler wurden in England vermieden. Dort hatten Schiff-
fahrt und auswärtiger Handel die innere Agrikultur und Industrie zur
soliden Basis... .‘“ Daß aber dabei List nicht unbedingt an eine zeitliche
Aufeinanderfolge dachte, sondern die Entwicklung des Handels durch-
aus auch in der frühesten Stufe sah, zeigt der Satz%2: „Allerdings ist
das Agrikulturland selten ganz ohne auswärtigen Handel, und der aus-
wärtige Handel, soweit er geht, ersetzt auch die Stelle der inneren
Manufakturen in Beziehung auf die Kapitalvermehrung ; . .“

Und wie die spätere Entwicklung des Handels zu interpretieren
sei, lehrt das ganze 22. Kapitel, das die Beziehung von Manufaktur zu
Schiffahrt, Seemacht und Kolonisation zum Thema hat. Dort wird der
früheste Orienthandel mit dem gegenwärtigen Welthandel verglichen,
und soweit List die Ausbildung des Handels nach der der Manu-
fakturen ansetzt, hat diese Behauptung den primitiven unbestreitbaren
Sinn, daß konkret gesprochen erst das England der Gegenwart durch
die Massenfabrikation von Industriewaren eben erst jene quanti-
tative Ausdehnung des Austausches von Fabrikaten gegen Rohstoffe
und Kolonialwaren ermöglicht. „Bei weitem der größte Teil dieser
Produkte (Kolonialeinfuhr) wird mit Manufakturwaren bezahlt‘“6® —
das ist ein Hauptsatz der Lehre Lists. Vor der Entdeckung Amerikas
und des Kapweges war dieser Handel unbedeutend: „Was man daher
auch von der Wichtigkeit des orientalischen Handels in jenen Zeiten
lesen mag, immer ist derselbe nur relativ zu verstehen: er war nur
wichtig für jene Zeit, aber unbedeutend im Vergleich mit. dem, was
er jetzt istö*,” Dieser internationale Handel wuchs, als Europa mit
Gold die orientalischen Manufakturen kaufte. „Zu seiner jetzigen Be-
deutendheit“ gelangte er erst durch die europäische Kolonisation in
Amerika und durch Schaffung von Rohstoffgebieten im Orient. Und
in dem banalen Sinn, daß der gegenwärtige Umfang des internatio-
nalen Austausches erst durch die neuzeitliche Manufakturentwicklung
entstanden sei, ist Lists öftere nicht prinzipielle Ansetzung einer Auf-
einanderfolge von Manufakturen und Handel demnach zu verstehen®5,

Will man Lists Ansicht zu diesem Thema wirklich ergründen, so
wären auch alle Erörterungen über die Wirkung der Navigationsakte

in England und anderen Ländern heranzuziehen; sie ergäben ein Bild,
das vor der Kritik der historischen Schule im wesentlichen standhielte.
A3
        <pb n="45" />
        List hat einmal Englands Entwicklung in dieser Richtung prinzipiell
zusammengefaßt®6: „So hat England durch seine Politik seine See-
macht vergrößert und vermittelst seiner Seemacht seine Manufaktur-
und ’Handelskräfte vermehrt, und aus der Vermehrung der letzteren
sind ihm wieder neue Vergrößerungen seiner Seemacht und seines Ko-
lonialbesitzes erwachsen.‘ Durch solche Sätze wäre Hildebrands Ur-
teil, daß Lists Stufenlehre „aller Geschichte widerspräche‘‘, einzu-
schränken. Wir haben damit an diesem Punkte einen Anwendungsfall
der Stufenlehre vorweggenommen. Er zeigt, in welcher Richtung jene
rationale Ordnung zu interpretieren ist, und wie wenig das Schema:
Wilde usw. Lists Ansicht wirklich wiedergibt.

Unser Ziel, dem wir uns im F olgenden allmählich annähern, ist, zu
erweisen, wie das eben gegebene Beispiel schon zeigt, daß diese
Stufenlehre keineswegs ein Abbild der historischen Anschauung
Lists wiedergibt, sondern daß der Sinn der Stufenlehre ein politi-
scher und systematischer ist. Um dies zur Evidenz zu bringen,
muß man jene völlig anders geartete Stufenschemata im Nationalen
System und der Preisschrift hinzunehmen, welche in der Tat mit Lists
Gesamtlehre übereinstimmen, ja das ökonomische System direkt in
sich schließen. Nur der erstaunliche Mangel des Interesses an Lists
historischer Systematik in der folgenden Generation hat den Tat-
bestand im Dunkeln ruhen lassen.

4. Der einfache Wortlaut des folgenden vier teiligen Schemas zeigt,
wie diese Stufenlehre in der Tat das ganze Thema der ökonomischen
Lehre Lists material umfaßt®7, und in genialer Anordnung und Klar-
heit das dynamische Entwicklungssystem der politischen und natio-
nalen Ökonomie umfaßt: „In der nationalökonomischen Entwicklung
der Nationen, vermittelst des internationalen Handels, sind demnach
vier verschiedene Perioden erkennbar: in der ersten wird die in-
nere Agrikultur durch die Einfuhr fremder Manufakturwaren und

durch die Ausfuhr einheimischer Agrikulturprodukte und Rohstoffe
gehoben; in der zweiten erheben sich die inneren Manufakturen
neben der Einfuhr auswärtiger Manufakturwaren, in der dritten
versorgen die inländischen Manufakturen den inländischen Markt zum
größten Teil; in der vierten werden große Quantitäten inländischer
Manufakturwaren exportiert und fremde Rohstoffe und Agrikultur-
produkte importiert.“ Wir gehen auf die Bedeutung dieser Entwick-
lungslehre erst im folgenden Abschnitte ein; sie erweist sich als das
dauernde Rückgrat der Listschen Lehre auch in den Outlines und im
Nationalen System. Sie ist die am frühesten ausgebildete Stufenlehre,
zugleich ist sie die einzige Ordnung, die eine zusammenhängende
allseitige Durchführung erfahren hat. Dies ist in der Preisschrift ge-
schehen, und deshalb gehört eine Erörterung der Stufentheorie als
Hauptstück in eine Darlegung der Bedeutung des Pariser Systems.

Wir sahen, wie Teile des zuerst genannten fünfstufigen Schemas in
der Preisschrift als ein offenbar übernommenes Rudiment auftreten,
und wie andererseits dessen wirkliche Bedeutung im Nationalen Sy-
stem sich in der Hauptsache gleichfalls auf die Entwicklung der Agri-
kultur und der Manufaktur einschränkt, indem die erste und die
..
1
        <pb n="46" />
        letzte Stufe keinen besonderen begrifflichen Ausbau oder spezifische
Behandlung erfahren, und wir werden im letzten Abschnitt dieses
Kapitels sehen, daß auch in den historischen Teilen des Nationalen
Systems wie der Preisschrift diese Ordnung ohne Struktureinfluß
bleibt, dagegen die zuletzt erwähnte und im folgenden Abschnitt aus-
zuführende Ordnung auch hier vorherrscht.

5. Die Stufentheorie des Pariser Systems ist dem Inhalte nach mit
geringem Unterschied der Anordnung identisch mit dem Vierstufen-
schema, das im vorigen Abschnitt wiedergegeben ist. Nur ist es hier
entfaltet und gegliedert und wird auf etwa 50 Seiten des Manu-
skriptes ausgeführt; es bildet den Schwerpunkt und die organisierende
Mitte des ganzen Systems, dessen Teile immer wieder begrifflich dar-
auf zurückbezogen werden. Unexpliziert aber wirkt diese Ordnung
auch im Nationalen System, denn jede einzelne Satzung der Zoll-
politik, der Lehre von der Bevölkerung, der Produktion usw. ist im-
mer nur gültig für eine der Wirtschaftsstufen; und daß jedes Volk
im Laufe seiner Entwicklung die Wirtschaftspolitik wechseln müsse,
macht ja den zentralen Charakter des Listschen Systems aus.

In der Preisschrift werden im Unterschied zu den anderen Werken
neben den früher erwähnten Unterscheidungen der Nationen nach dem
ersten und zweiten und dritten Grade bei allen systematischen Aus-
führungen eindeutig in der ganzen Schrift die Termini des einen
Stufenschemas verwandt,

Am Ende der Ausführung faßt List in der Pariser Schrift den In-
halt der Stufenlehre in systematisch begrifflicher Form zusammen;
der Aufbau des Schemas ist dreifach gegliedert: Erst werden drei
Perioden des Ackerbaus angeführt, denen drei Stufen der Manufak-
turen entsprechen, und am Schlusse wird die vierte Stufe für Ackerbau
und Industrie gemeinsam formuliert. Der Text lautet: „Dans les pre-
c6dents chapitres, nous avons expose dejä trois neriodes de developne-
ment de l’agriculture, savoir:

r celle od V’agriculture, sans &amp;tre influencee par le commerce exX-
terieur, est 1isolee;

2 celle od l’agriculture est placee sous influence du commerce
exterieur;

3 celle od la force manufacturiere interieure et la force agricole
sont en 6quilibre et ot leurs produits sont du moins pour la plus
grande partie consommes ä Vinterieur®,

A ces trois periodes de d&amp;veloppement agricoles correspondent trois
periodes de developpement manufacturier, savoir:

r celle ou les agriculteurs et les proprietaires confectionnent eux-
möemes la plus grande partie des articles manufactures dont ils
ont besoin, et ou il n’existe que des metiers ordinaires:
celle ol des manufactures plus considerables s’6tablissent con-
currement avec le commerce exterieur ou par le commerce, en
tant qu’il leur est possible de soutenir la concurrence des fabri-
ques 6trangeres, soit par la modicit&amp; des salaires, soit par des
sonditions locales et particulieres; et

&gt;)

VA =
        <pb n="47" />
        3 celle ou les fabriques interieures fournissent le marche interieur,
sinon en totalite, du moins en presque totalite.
Mais il y a encore pour Il’une et l’autre branche d’industrie une qua-
trieme periode de developpement, savoir celle:
ou les matieres premieres ou une partie des matieres et les sub-
sistances sont importees des pays etrangers et oü les produits des
manufactures interieures sont, en change, exportös vers ces
pays68a_
Die geschlossene Ausführung der Stufentheorie liegt in den drei
Kapiteln über die Entwicklung des Ackerbaus®? und in der Erörterung
der vierten allgemeinen Entwicklungsperiode’%, Die Stufen der Manu-
fakturentwicklung gehen mit denen der Landwirtschaft parallel und
werden von List mit starken Wiederholungen im Zusammenhang mit
den Prinzipien der Prohibition und Protektion — der Terminus Er-
ziehungsschutzzoll ist noch nicht ausgebildet’! — und ferner mit der
Frage, ob durch die Förderung der Fabriken der Landwirtschaft Ka-
pital entzogen würde, ob die Masse der Konsumenten geschädigt würde
u. a. m. behandelt — kurz, die Entwicklung der Manufakturen durch-
zieht den größten Teil aller Ausführungen der Preisschrift. Wir be-
schränken uns daher auf die Erörterung der oben genannten Kapitel,
die die Entwicklung der Landwirtschaft in geschlossenem Zusammen-
hang geben.

Die erste Stufe.

Die erste Stufe der Landwirtschaft ist die „agriculture isolee“ oder
‚un pays exclusivement agricole‘‘; sie fehlt als besondere Stufe im letzt-
genannten Schema des Nationalen Systems. Hingegen stimmen beide
Schriften in dem prinzipiellen Gesichtspunkt der Aufstellung überein,
welche das Nationale System ausdrücklich angibt: „In der national-
ökonomischen Entwicklung der Nationen vermittelst des internatio-
nalen Handels . . .“72,

Entsprechend lautet die erste Bestimmung der Anfangsstufe in der
Preisschrift: „Sans commerce exterieur, la condition des pays agri-
coles est encore ä demi sauvage‘. In der agriculture isolee schildert
List keineswegs den historischen Zustand irgendeiner primitiven Volks-
wirtschaft; es findet sich im ganzen Werk keine dahingehende Aus-
sage, daß in der geschichtlichen Entwicklung alle Völker mit dieser
Stufe beginnen’3, Ihr liegt überhaupt keine Anschauung zugrunde,
die List aus historischen Studien gewonnen hätte, die agriculture isol&amp;e
ist ein systematischer abstrakter Begriff, die bloße logische gedank-
liche Ausgangsbasis für den folgenden Aufbau. List hat, während er
diese Stufe konstruiert, in seiner Anschauung vor sich die späteren
Stufen, die allein für sein System wichtig sind. Daher sind alle Prä-
dikate des pays exclusivement agricole bloße Negationen der Ideal-
stufe: c’est l’&amp;poque de la servitude, de Varistocratie’*, ein solches
Land hat keine Fabriken, keine großen Städte, keine Wissenschaften,
keine transports perfectionnes (I), dafür aber Hungersnöte und Epi-
demien und sogar Übervölkerung und Bodenzerstückelung; nach dieser
15
        <pb n="48" />
        Richtung ist die agriculture isolee eine radikalisierte Konstruktion aus
der Anschauung Lists von den Übelständen in industriearmen Landes-
teilen des südlichen Deutschlands; das was List in der Jugend als
württembergischer Beamter über die Not der Zwergbauern erfahren
hat, klingt mit an75, deren soziale Lage List später in dem Satz „Kar-
toffel bauen und Kartoffel essen‘ zusammengefaßt hat.

Daß Landbau ohne Fabriken eine condition miserable sei76, ist der
Sinn dieser Setzung; die erste Stufe steht außerhalb der eigentlichen
Entwicklungslehre, denn der bloße Ackerbau hat in sich selbst keine
Tendenz zum Fortschritt, ist nach List, wenn sich. selbst überlassen,
ein ewig gleichbleibender geschichtsloser Zustand. Mit der fehlenden
Freiheit der Individuen schlummert die geistige Entwicklung und so-
gar die moralischen Kräfte, die physische Gewalt allein herrscht77. Als
bloßer logischer Ansatzpunkt erweist sich die agriculture isolee auch
darin, daß dieser Stufe innerhalb einer Theorie von aufeinanderfol-
genden zollpolitischen Systemen selbst keinerlei Zollmaßregeln eignen.

Die zweite Stufe.
Sie zerfällt, wie schon gesagt, in zwei getrennte Hälften, die im
Nationalen System als zwei Stufen gezählt werden. Wie kommt es in
dem geschichtslosen, „rohen Landbau“ zur Entwicklung? Auch hier
darf man keine historische Schilderung einer Frühen wirtschaftlichen
Wirklichkeit erwarten, sondern ein erster rationaler Faktor tritt zur
agriculture isolee: der Außenhandel; und zwar in Gestalt der Handels-
verbindung mit einem idealen Manufakturland, das eine voll ausgebil-
dete moderne Industrie besitzt. Das gegenwärtige England tritt mit
einer gewerbslos gedachten Ostseeprovinz in Beziehung.

Das zweite Kapitel beginnt: „Tout change l’aspect dans l’agriculture
aussitöt que le commerce &amp;tranger apporte dans le pays les produits
manufactures et prend en Echange les productions du sol“.

Durch die Nachfrage nach Rohstoffen und Produkten entsteht im
Landbau eine lohnende Differenzierung der Kulturen, somit Arbeits-
teilung und höhere Gewinne, unterstützt durch Einfuhr von Maschi-
nen und Übernahme neuer Erfindungen und Techniken. Alle Schäden
der ersten Periode beginnen zu schwinden; durch den beiderseits ge-
winnbringenden Austausch nimmt die Kapitalbildung ihren Anfang
und durch die Konsumanreize der fremden Einfuhr entstehen die
ersten einfachen Gewerbe.

Völliger gegenseitiger Freihandel ist in der zweiten Periode Gebot,
es ist ein Zustand der Allianz zwischen dem Agrikulturlande und den
Manufakturen des Industrielandes. „C’est le temps ol tous les habi-
tants du pays, les agriculteurs est les manufacturiers comme les nego-
clants sont d’accord ä l’&amp;gard de la libert&amp; commerciale, c’est l’äge
d’or de Ja devise:

Laissez faire et laissez passer.“

Auch diese Stufe ist kein deskriptiver historischer Typenbegriff,
sondern eine aus dem Text deutlich zu erkennende normative Kon-
struktion (so die nach ihrer historischen Herkunft eindeutige For-
4
        <pb n="49" />
        derung, daß das Manufakturland auch seinerseits die landwirt-
schaftlichen Produkte frei hereinlassen muß u. a.). Es haften ihr
keinerlei geographische oder zeitlich konkrete Bestimmungen an und
in den historischen Urteilen Lists gibt es natürlich kein geschicht-
liches Anfangsstadium mit vollem Freihandel; überall gibt es Zünfte,
Privilegien, Verbote. Wohl aber soll nach Lists Lehre eine berufene
Nation im Anfangsstadium volle Verkehrsfreiheit im Inneren und
nach außen haben.

Sobald sich aber eine geringe Manufakturkraft entwickelt hat, wird
die Wirtschaft stationär, denn unter der überlegenen Konkurrenz des
Fabriklandes können die Gewerbe des Agrarlandes eine bestimmte
Entwicklungshöhe nicht überschreiten,

Ein zweiter rationaler Entwicklungsantrieb wird hier angeführt. Es
ist der Krieg; durch ihn schlägt der Freihandel in das systöme pro-
hibitif um7’8; das Manufakturland ist vom Agrarland getrennt, jedes
der beiden muß sich autark machen.

„Mais au retour de la paix ...‘“ hier erst beginnt die lebendige
Problematik Lists, sein wirtschaftliches Grunderlebnis: Das Schicksal
der in den napoleonischen Kriegen entstandenen kontinentalen, be-
sonders deutschen Fabriken. Der Krieg oder die Möglichkeit des Krie-
ges ist in allen Werken ein Hauptargument für die Notwendigkeit des
Schutzsystems; und aus jenem historischen Erleben entspringt die
Eigenart der Krisentheorie, der Geldlehre u. a. Der breit geschilderte
Kampf beider Länder endet mit der Einsicht der Landwirte der nach-
strebenden Nation, daß der Schutz, aber als Syst&amp;me protecteur, der
einzige Ausweg ist.

„C’est la marche de la nature ...‘“ so verteidigt List mehrfach”?
die Setzung des Manufakturschutzzolls. „L’Institution des douanes
n’entrave en rien la marche de la nature. Elle retablit au contraire la
nature dans ses droits .. .80,‘“ In diesem Sinne heißt, wie List in
einem eigenen Kapitel ausführt, die Preisschrift selbst le systöme
naturel®!, und in Erinnerung hieran überlegt List später, ob auch das
Nationale System das natürliche System der politischen Ökonomie
zu benennen sei®?, Natur ist in rein gedanklichen Zusammenhängen
stets die rationale Realität der reinen Theorie. Politik hat die „Natur“
verändert, Protektion stellt die natürliche Gesetzlichkeit wieder her.

Die dritte Stufe.
Die dritte Stufe hat zum Inhalt die gleichmäßige Ausbildung von
Ackerbau und Manufakturen, beide in einem politischen Körper ver-
einigt, bis zum vollen Gleichgewicht beider Zweige, so daß unter dem
Schutzsystem der gesamte Verbrauch an Manufakturen durch die eige-
nen Fabriken befriedigt wird.

Die Bedeutung des Begriffs der Zweiarmigkeit, der Harmonie der
Wirtschaftszweige, in welcher die landwirtschaftliche zur Industrie-
bevölkerung sich wie 1:1 verhält, wird durch das Schema der Preis-
schrift endgültig dahin geklärt, daß dieses (;leichgewicht das Ziel nur
der dritten Periode ist.
AR
        <pb n="50" />
        Die vierte Stufe.

Die vierte Periode wird nach dem vorher angeführten Text für
Manufaktur und Agrikultur gemeinsam aufgestellt. Sie gibt den end-
gültigen Idealzustand: Rohstoffe und Lebensmittel werden in mög-
lichst großem Umfange eingeführt und Fabrikate nach den Rohstoffe
und Kolonialwaren liefernden Ländern ausgeführt®. Der Industrie-
exportstaat im Sinne Dietzels8*,85 ist das unbestreitbare Ziel, welches
List allen berufenen Nationen der gemäßigten Zone aufgibt. Auch
die Landwirtschaft, wie ausführlich erörtert wird, erreicht erst jetzt
ihre höchst lukrative Stufe im Gemüsebau, Viehmast u. a.86; ihr
gegenüber wird der früher vorherrschende Getreidebau als agriculture
ordinaire®? abgehoben.

List gehört auch in der Konstruktion der Idealstufe zu den Ratio-
nalisten; sie ist wiederum ein geschichtloser Zustand; sie endet ohne
Störung, d. h. ohne Fehler in der Wirtschaftspolitik, von sich aus nie.
Keine dem widersprechende „organisch-historische‘ Analogie findet
sich bei List; kein „Greisenalter‘, wie zu gleicher Zeit schon bei
Roscher, kein natürliches Altwerden und Sterben des Staates.

(6. Das eben Gesagte gilt selbst für den einen Fall, wo List die
organischen Bilder der menschlichen Altersstufen zur Charakterisie-
rung seiner Wirtschaftsstufen benutzt. Diese Ausprägung der Lehre
sei hier als eine sechste Modifikation, der freilich keine besondere
systematische Bedeutung zukommt, der Vollständigkeit halber doch
hinzugefügt. List schreibt in einem Aufsatz von 183988: „La suite
de nos rechercher historiques nous fera voir qu'il faut que les peuples
parcourent leurs degrös de progres comme les individus. Dans 1’en-
Fance, ils-sont chasseurs et pecheurs; dans l’adolescence, pa-
steurs, puis agriculteurs; dans 1’äge viril ils unissent a l’agriculture
industrie et le commerce. Une nation qui reussit dans son sein l’agri-
sulture, les manufactures et le commerce est infiniment plus parfaite,
plus complete qu’une nation exclusivement agricole, qui recoit du com-
merce interieure, en echange de son excedant de matieres premieres les
articles manufactur&amp;s des pays etrangers. Cette difference est aussi
zrande qu'entre un peuple agricole et un peuple de pasteur, et entre
selui-ci et un peunle de sauvages.‘‘}

V. Die Stufenbegriffe in den historischen
Kapiteln.

Ehe wir die Problematik der vierten Wirtschaftsstufe weiter-
verfolgen, wollen wir hier den Gedankengang unterbrechen und die
Verwendung der Stufenbegriffe in den geschichtlichen Teilen der
beiden Systeme kennzeichnen.

Wir sahen in zwei bereits herangezogenen Beispielen, daß List in
der Verwendung der Stufenschemata nicht starr verfährt; der eine
Anwendungsfall zeigte, daß der Handel keineswegs in gesetzlicher
Ordnung der Entwicklung der Manufaktur nachfolgt; die anderen,
daß eine besondere wirtschaftspolitische Stufe des Handels nicht an-

49
        <pb n="51" />
        gesetzt wird. Dabei waren für List diese Fälle eine Exemplifizierung
des fünfstufigen Schemas. Wir schließen daraus: die Formulierung
jenes Schemas ist schärfer, als es Lists wirklicher Anschauung ent-
spricht.

Wie verfährt List in dem rein historischen Teil seiner Lehre?
Blicken wir zuerst auf das erste Buch des Nationalen Systems. Wir
stellen fest: die historische Beschreibung ist nicht ein bloßer Be-
richt, sondern in der Tat im hohen Grade durchdrungen und gestaltet
durch die Stufenbegriffe. Sie enthält so einen bestimmten rationalen
und systematischen Charakter. Niemals aber findet ganz oder auch
nur rudimentär jenes Schema: Wilde, Jäger, Hirten bis Agrikultur-
manufakturhandelsstaat Verwendung. Vielmehr treten fast in jedem
Kapitel, meist an den Stellen abschließender lehrhafter Betrachtung
dreistufige Wirtschaftsperioden auf, welche dem vierstufigen Schema
des Nationalen Systems und der Preisschrift entsprechen, indem stets
der Anfangsbegriff der agriculture isolee fehlt. Oftmals findet sich
auch die Verkürzung zu bloß zwei Stufen, welche eben Lists Haupt-
interesse beanspruchen und die der Lage Deutschlands gegenüber Eng-
land entsprechen: sachlich die Zeit des Schutzes und die Zeit der er-
langten Reife oder der Suprematie; hier hat diese Periode, die der
4. Stufe entspricht, stets Freihandel, oder richtiger: der Norm nach
sollten die Staaten nach der Reife Freihandel haben.

Gehen wir die Beispiele durch: Die Zusammenfassung am Ende des
ganzen historischen Teils des Nationalen Systems ist dem Gehalte nach
der Stufenlehre der Preisschrift am nächsten stehend®?: „Die Ge-
schichte lehrt uns endlich, wie Nationen, die mit allen zur Entstehung
des höchsten Grades von Reichtum und Macht erforderlichen Mitteln
von der Natur ausgestattet sind, ohne mit ihrem Bestreben in Wider-
spruch zu geraten, nach Maßgabe ihrer Fortschritte mit ihren Syste-
men wechseln können und müssen, indem sie durch freien Handel
mit weiter vorgerückten Nationen sich aus der Barbarei erheben und
ihren Ackerbau emporbringen, hierauf durch Beschränkungen das
Aufkommen ihrer Manufakturen, ihrer Fischereien, ihrer Schiffahrt
und ihres auswärtigen Handels befördern und endlich auf der höch-
sten Stufe des Reichtums und der Macht angelangt, durch allmähliche
Rückkehr zum Prinzip des freien Handels und der freien Konkurrenz
auf den eigenen wie auf den fremden Märkten, ihre Landwirte, Manu-
fakturisten und Kaufleute gegen Indolenz bewahren und sie anspor-
nen, das erlangte Übergewicht zu behaupten.“ Und in der Wieder-
holung gebraucht List die Bezeichnungen „erste Stufe“, ‚zweite
Stufe“, „letzte Stufe“. ;

Die zweite vollständige Anwendung der Stufen findet sich in der
Periodisierung der Schiffahrt®0, „Die freie Schiffahrt und der Trans-
porthandel der Fremden sind den Nationen nützlich und angenehm im
Anfangihrer Kultur®?!, solange sie weder ihren Ackerbau noch
ihre Manufakturen gehörig ausgebildet haben ... Später, nach-
dem sie ihre produktiven Kräfte bis auf einen gewissen Grad ent-
wickelt... erwächst ihre eigene Schiffahrt zu einer. Bedeutung, durch
welche sie sich in den Stand gesetzt fühlen. die Fremden davon aus-
30
        <pb n="52" />
        zuschließen ... Aber auf dem höchsten Grad der Ausbildung
tritt wieder ein anderer Zeitpunkt ein, von welchem schon Dr. Priestly
sagte: Es dürfe ebenso klug sein, die Navigationsbeschränkung aufzu-
heben, als es klug war, sie einzuführen.“

In der Anwendung auf Venedig wird begrifflich unterschieden??:
„Venedig im Aufstreben“ habe Schiffahrtsbeschränkungen not-
wendig gehabt; „zur Suprematie im Handel, Gewerbe und
Schiffahrt gelangt‘ hat es töricht gehandelt, sie beizubehalten.

An anderer Stelle: „In den ersten Zeiten des Aufschwungs‘‘, „als
sie eine gewisse Stufe der Macht und des Reichtums erreicht hatte“,
„zur Suprematie gelangt“ — jeder Stufe entspricht eine bestimmte
Zollpolitik.

Die englische Geschichte wird systematisiert?®:; 1. „Anfänglich der
freie Handel‘, 2. „durch den freien Handel auf eine gewisse Stufe
der Entwicklung gehoben“ (Restriktionen, Begünstigungen und Auf-
munterungen), 3. „die höchste Stufe der Kultur, der Macht und des
Reichtums.““

Damit sind die Beispiele für Anwendung von direkten Stufenfolgen
in den. geschichtlichen Kapiteln des Nationalen Systems erschöpft;
Verwendung der einzelnen Stufenbegriffe besonders des der Supre-
matie ist sehr häufig; die ganze Listsche Geschichtsbetrachtung er-
hält durch diese systematischen Rationalisierungen jene große Klar-
heit und Eindringlichkeit, die Roscher rühmt, und auf Grund deren
List sein Vorgehen als etwas Erstmaliges in der ökonomischen Litera-
tur erlebt und dahin ausspricht, er habe die kosmopolitische Schule
„zum ersten Male mit der Natur der Dinge und mit der Lehre der Ge-
schichte widerlegt‘“94,

Die Preisschrift hat bezüglich ihrer Durchdringung durch die Stu-
fenlehre einen vom Nationalen System abweichenden Charakter. In
den systematischen Teilen ist sie stärker und einheitlicher als das
deutsche Werk durch die Begrifflichkeit der genannten vier Zoll-
stufen gestaltet, besonders treten die Termini 3e und 4e periode häu-
fig auf, ebenso die Begriffe puissance manufacturiere de seconde et
de troisieme ordre. Anders in den historischen Kapiteln: Zwar ist der
Inhalt der beiden Systeme gerade hier in größeren Teilen fast der
gleiche, aber doch fehlt die ausdrückliche Beziehung der geschicht-
lichen Entwicklung auf die rationalen Entwicklungsstufen, wenn auch
die ganze Gestaltung und Gliederung der geschichtlichen Beschreibun-
gen im übrigen den gleichen Charakter aufweist, so daß aber doch im
Nationalen System eine höhere Stufe der begrifflichen Durchformung
des Stoffes festzustellen ist. Nur einzelne Stücke der Schemata, die das
Nationale System öfters geschlossen verwendet, treten auch hier häu-
fig auf. Eine Wiedergabe wäre nicht lohnend?5,

Dagegen ist die Absicht auf Lehrhaftigkeit in der Preisschrift be-
reits vollständig vorhanden; List will gegenüber der englischen Ge-
schichte „ne tirer de l’histoire commerciale de ce pays que les
faits olı nous pourrons puiser d’utiles lecons pour le present et
l’avenir‘96, „lhistoire nous enseigne . . .‘“, „elle nous demontre , . .“.
Li
        <pb n="53" />
        „+ + l’histoire nous apprend . . .‘“ usw. sind ebenso häufig zu finden
wie im Nationalen System.

Die der Preisschrift vorhergehende Gestaltung der Geschichte der
Handelspolitik in der Einleitung des „American Economist‘, dessen
historischer Teil 1830 in Druck gesetzt war??, ist, wie bereits bemerkt,
bisher nicht aufgefunden worden. In den Outlines endlich, dem bei
weitem kürzesten der drei Systeme, fehlt ein eigener historischer Teil.

Wir kehren nunmehr zur Erörterung der vierten Wirtschaftsstufe
zurück.

VI. Die Problematikdervierten Wirtschaftsstufe.
Es bleiben zwei Probleme zur Zollpolitik: Die Agrarzölle und die
Handelspolitik der vierten Stufe bezüglich der Manufakturen. Zum
ersten faßt List im Systeme Naturel zusammen: „La libert&amp; du com-
merce, entiere illimitee, entre toutes les nations relativement aux ma-
lieres premigres et aux produits agricoles, n’est pas seulement ex6cu-
table, mais elle est extrömement utile . . .“ Ein eigenes Kapitel XVIII
„Les Produits Agricoles ont-ils besoin pour eux-memes de la pro-
iection des douanes .. .?“ — beantwortet die Notwendigkeit des Pro-
duktenschutzes nach allen Seiten rein negativ. Mit allen statistischen
Mitteln, die Lists französische Kampfgenossen Chaptal und Dupin
ihm liefern, wird die Schädlichkeit der französischen Vieh- und
Fleischzölle und des weiteren in völliger Allgemeinheit der Unterschied
zwischen Manufaktur und Agrikultur in der Schutzzollfrage durch-
geführt. Die historische Tatsache, daß beide Hauptzweige der Wirt-
schaft tatsächlich meist zu gleicher Zeit geschützt werden, wird auf
eine bloße politische Taktik und auf die Tatsache zurückgeführt, daß
die Interessenten der Landrente in den Regierungen den Haupteinfluß
zu haben pflegen,

Es finden sich gegenüber der rational stets gelehrten völligen Frei-
heit im Produktenverkehr zwei Durchbrechungen; so sagt List zu Be-
ginn der Erörterung in der französischen Schrift: Der Agrarschutz
sei nicht nötig „ou tr&amp;s peu ou dans des cas extraordinaires“, Und im
Zollvereinsblatt vom 9. Dezember 1845: „daß in der Regel (denn
Ausnahmen geben wir zu, was wir im Nationalen System zu bemerken
unterließen) der unmittelbare Schutz der Agrikulturproduktion ein
Fehler sei“. Ich selbst bin geneigt, die Nebenbemerkungen beide Male
als Höflichkeit gegen französische Zustände zu interpretieren; der
letzte Satz steht in einer Diskussion mit Richelot, dessen weitgehende
Anerkennung für List als europäischen Wirkfaktor zur selben Zeit
im Zollvereinsblatt abgedruckt wird. Gehören so die Agrarzölle nicht
zur Lehre Lists, so beruht diese andererseits auf der selbstverständ-
lichen Annahme eines natürlichen Monopols der Landwirtschaft? auf
dem inneren Markte und läßt sich von hier aus indirekt eingrenzen.

Auch die umstrittenste Frage der Wirtschaftspolitik der vierten
Stufe, d. h. das Problem, ob List bei erwachsener Konkurrenzfähig-
keit volle Freiheit fordert, ob sein Schutzzoll wirklich ein „Er-
59
        <pb n="54" />
        ziehungszell“ ist, wird durch die präziseren F ormuhierungen der Preis-
schrift geklärt.

Im Kapitel XXV werden die fünf Fälle der Handelsfreiheit aufge-
führt. Es haben vollen Freihandel die unzivilisierten Völker, die Ko-
lonialländer und reinen Ackerbaustaaten, ferner hat die nation pre-
dominante und diejenigen Nationen zweiter Ordnung, die neben der
Suprematiemacht konkurrenzfähig sind, vollen Freihandel; also in der
rationalen Lehre ein Entscheid im Sinne der Interpretation Dietzels.
Verfolgen wir aber diesen Gedankengang weiter,

Die „Wege zur Handelsfreiheit“ erörtert das 26. Kapitel: Es sind
prinzipiell zwei Möglichkeiten da: die politische Vereinigung der Völ-
ker unter einer „Universalmonarchie‘“ oder gerechte Handelsverträge.
Für letztere tritt List und zwar in der umfassendsten Form eines
„Congres commercial universel‘“99 ein, der über alle Weltwirtschafts-
fragen beraten soll. Da sich die Beschlüsse zur Zeit hauptsächlich gegen
Englands Suprematie richten würden, konstituiert der Welthandels-
kongreß sich nach Lists Ansicht, die er schon in einem Konsulats-
berichte an die amerikanische Regierung kundtat, zunächst aus Ver-
tretern der Nationen der zweiten und dritten Ordnung.

Wir sehen also hier bis zu organisatorischen Vorschlägen den Weg,
den List für eine freihändlerische Zukunft der Nationen sieht, welche
die schutzzöllnerische „Erziehung“ hinter sich haben. Die Belege lie-
ßen sich häufen. Als in der vorigen Generation der Parteikampf für
und wider den Schutzzoll zumeist das Interesse an List bestimmte,
haben namhafte Gelehrte sich mit der Herausarbeitung dieser Ge-
danken in Lists Werken, die sie unvollständig heranzogen, begnügt;
da die Gegenpartei stofflich ebenso unvollständig auftrat, blieb. die
Frage unentschieden. Unser heutiges Interesse ist schlechthin unpar-
;elisch. List ist uns ein Objekt der historischen Erkenntnis, welche auch
mit den Mitteln der Philologie objektiv und umfassend zu leisten ist.

Dann ist zunächst festzustellen, daß die amerikanischen Briefe und
die Arbeiten des Zollvereinsblattes eine solche Lösung der Zukunft
nicht enthalten; auf das Zollvereinsblatt kommen wir erst im näch-
sten Abschnitt zurück. Die Outlines unterscheiden sich wesentlich von
den beiden anderen großen Systemen durch die Tatsache, daß sie
keine für alle Völker geltende Theorie darstellen; hierin den Mer-
kantillehren ähnlich, sind sie nur für Amerika und dessen Entwick-
lung geschrieben, deshalb streng und eindeutig „national‘. Die Preis-
schrift und das Nationale System stellen ihrerseits den Anspruch der
Allgemeingültigkeit und diese gewinnt List, indem er, immer lebend
in seinem nationalen Empfinden, zum Ausgangspunkt der Nation den
klassischen rationalen Menschheitshorizont hinzunimmt und aus bei-
den ein neues Ganzes aufbaut. Mit Hilfe der klassischen Begriffe ge-
staltet List also seine beiden Hauptwerke, und indem sein Blick auf
Frankreich und Deutschland ruht, ordnet er die politische Ökonomie
als die dynamische Stufenlehre, welche die Suprematiemacht wie die
nachstrebenden Nationen umfaßt; während die Outlines wie erwähnt
keine Stufentheorie enthalten, ist in den beiden größeren Systemen
lementsprechend auch die freihändlerische Denkrichtung ein inte-

53
        <pb n="55" />
        grierender Teil der Lehre. Während hier grundlegendes Axiom ist,
daß allgemeiner freier Weltverkehr, wenn er „unter den gegenwärti-
gen Verhältnissen“ ohne Vernichtung der schwächeren Länder möglich
wäre, die schlechthin vorteilhafteste Verfassung ist, so gilt es dem Ver-
fasser der Outlines als durchaus fraglich, ob das Ziel der höchsten
wirtschaftlichen Produktion nicht durch den ewigen Kampf der Inter-
essen der Nationen besser und schneller erreicht wird! Daher werden
hier keine technischen Wege zur Handelsfreiheit angegeben, sondern
diese ist nur erreichbar durch politische Unterwerfung unter Eng-
land, also durch die „Universalmonarchie‘‘. Napoleon würde diese
Aufgabe gern für England durchgeführt und den klassischen Grund-
satz der allgemeinen Handelsfreiheit in seinem Weltreich zur Verwirk-
\ichung gebracht haben. Handelsfreiheit ist hier für Amerika nur zu
realisieren als ein „general law of nations founded upon English
Power‘“100,

Vor allem Streit ist die Beschreibung der Lehren Lists in ihrer
Differenzierung zu leisten. Preisschrift und Nationales System sind
wie gezeigt über zwei gedanklichen Polen errichtet, von beiden füh-
ven rationale Denkströme durch das ganze Gebäude, welche ohne ge-
dankliche Vereinigung und ohne Sieg einer derselben neben einander
liegen. Das rationale Gedankensystem zerfiele ebensosehr ohne die
Grundlegung in der Wohlfahrt der Menschheit und der Welthandels-
freiheit wie durch Wegnahme der zweiten Basis: die Mehrzahl der
sxistierenden Nationen,

Die „nationale“ Sehrichtung bleibt also neben der zuerst gekenn-
zeichneten erhalten und zwar nicht nur für die Politik der Erziehungs-
stufen, sondern auch in der Wirtschaftspolitik der vierten Stufe,
welche in den rationalen Schemata freihändlerisch ist. Sieht nämlich
List auf konkrete Nationen oder spricht er als Zolltechniker, so lautet
auch für die Suprematiemacht seine Lehre anders: So am Schluß der
Preisschrift: wenn eine Nation in jeder Beziehung die Konkurrenz-
Fähigkeit besitzt, soll sie die Zölle nur soweit herabsetzen, daß eine
mäßige auswärtige Konkurrenz möglich ist!%l, Ferner: „Une fois le
marche interieur completement assuree au manufactures nationales on
ne la (concurrence) doit admettre qu’a partager avec les fabricants
interieurs ]e benefice de surcroit annuel des demandes. ..‘“; aber schon
bei einer superiorit&amp; momentane der auswärtigen Fabriken „... il faut
que le mouvement descendant de taux fix6s ... s’arröte jusqu’'a ce
que l’&amp;quilibre soit rötabli . ..“102,

Der fremde Import darf also, wie vorher genau angegeben ist, nur
einen Teil bisherigen Zuwachses der Nachfrage erhalten und bei jeder
auch nur momentan größeren Marktüberlegenheit soll ein einfacher
Ministerialerlaß stets und sofort die Zölle wieder erhöhen. Niemals
geht von hier ein Weg zu dem prinzipiellen Freihandel, der
sine Auslese der nationalen Industriezweige bringen würde.

Hundert andere Materialbelege würden nicht weiterführen: jeder
prinzipiellen Ansetzung der freihändlerischen Zukunft lassen sich
gleich viele entgegengesetzte Anschauungen gegenüberstellen.
5A
        <pb n="56" />
        Das ist kein Mangel in Lists Denken: es ist seine Ehrlichkeit und
sein Reichtum; er ist der vollständige Spiegel der Zeit. Die eine Hälfte
seiner Lehren konsequent durchzuführen, wäre ja einfach gewesen;
John Prince Smith, der von List oft verhöhnte, und auf der anderen
Seite Carey, dem viele nationale Historiker zur Seite zu stellen wären,
haben diese logische Konsequenz mühelos erreicht. Ist damit das tiefe
Problem der internationalen Gemeinschaft und des Widerstreites der
nationalen Interessen gelöst worden? Man lese Fichte, aber die ganze
Reihe seiner praktischen Schriften: bald Nation, bald Menschheit wird
wechselnd betont; oder Kants Gedanke eines Völkerbundes: welche
Macht soll ihn garantieren?” Herz und Vernunft sprechen noch heute
in den meisten von uns die gleiche doppelte Sprache. Das Problem
bleibt, denn es gehört zur geistigen Struktur der protestantischen Neu-
zeit103,

Faktisch hat das spätere 19. Jahrhundert einen Entscheid ge-
troffen, und die Wirtschaftspolitik ist ihm nach einer zeitweiligen
Annäherung an einen freieren Austausch gefolgt. List hat auch diese
Zukunft gesehen, und ihre Wirtschafislehre in radikaler Form aus-
gebaut. Damit berühren wir die dritte Periode seines Schaffens, die
nach dem Nationalen System liegt.

Man wird gegenüber Kant und Fichte auf Hegels philosophische
Lösung hinweisen — Hegels Schriften wie überhaupt alle philosophi-
schen Systeme waren List unbekannt — vielleicht kann man die Be-
hauptung wagen, wofür ich einen näheren Beweis zur Zeit nicht er-
bringen kann, daß der spätere List eine Wirtschaftslehre gegeben
hat, welche der philosophischen Richtung Hegels vergleichbar ist.
Wir kehren zu unserem Thema zurück.

Es gibt also noch einen weiteren Schritt der Lösung oder wenigstens
der faktischen Entwicklung der oben dargelegten Problematik der
vierten Wirtschaftsstufe in Lists Werken selbst, der von der For-
schung radikal übersehen worden ist!°4t, Wir verbinden aber die Er-
örterung dieses vergessenen Teils der Lehre!® aus sachlichen Grün-
den mit der Analyse des vierfachen Begriffes der Nation, welcher in
seiner Entfaltung nie klar beschrieben worden ist.

Damit erhalten wir zugleich, wenn auch nur kurz an einer einzigen
zentralen Idee, einen Überblick über den unterschiedlichen
Charakter der größeren Schriften Lists106,

VII. Der vierfache Begriff der Nation in
Lists Werken.

Ob zu allen Zeiten die nationalen Gewerbe in ihrer Totalıtät, wie
sie die angenommene lange Kriegszeit hervorgebracht hat, ohne Aus-
lese durch fremde Konkurrenz zu erhalten sei, hängt ersichtlich mit
der Frage zusammen, ob List die Nation als einen historischen Zwi-
schenzustand — „terme intermediaire‘“ der Preisschrift — auffaßt,
oder als eine ursprüngliche und dauernde Gegebenheit,
35
        <pb n="57" />
        Der erste Begriff.

Lists Systematik basiert zweifellos in einem unentbehrlichen Teile
auf der rationalen Ethik der Wohlfahrt der Menschheit, wie sie das
18. Jahrhundert ausgebildet hat. Der erste rationalistische Begriff der
Nation konstruiert diese als ein bloßes quantitatives Zwischenglied und
als einen zeitweiligen politischen Zustand zwischen individueller Ver-
einzelung und der Vereinigung der Menschheit. „Nous ne considerons
la nationalit6 que comme un degre pour arriver au cosmopolitisme““ 107,
Im siebenten Brief der Outlines wird selbst die schärfste Formulie-
rung der nationalen Absonderung ethisch gerechtfertigt mit dem Hin-
weis, daß der Universalstaat, der Ziel- und Quellpunkt des ersten Na-
‘jonbegriffes, und die allgemeine Wohlfahrt so am schnellsten erreicht
werden. Lists System zerfiele ohne diesen Endbegriff, und in der
Preisschrift verwahrt er sich ausdrücklich dagegen, daß das Pro-
ijektionssystem die Menschheit endgültig in feindliche Nationen spal-
}en wolle108, Mit fortschreitender geistiger Aufklärung würden sich
größere politische Gebilde als die gegenwärtigen Nationen bilden; oder
an deren Stelle: Wie infolge des Pulvers aus den Territorialstaaten
sich Nationen zusammengeschlossen haben, so würden neue technische
Erfindungen das Hervorgehen größerer politischer Einheiten erzwin-
gen10%, Die systematische Dynamik Lists bezieht ihre letzte Allgemein-
gültigkeit aus diesem rationalistischen Nationbegriffe und der dazu
gehörigen Wirtschaftslehre. Dieser Begriff tritt daher zurück und ist
prinzipiell entbehrlich, wo List auf die Allgemeingültigkeit in der
Aufstellung seiner Lehre verzichten kann — dies ist nach unseren
mehrfachen Ausführungen eben in den Outlines der Fall, nachdem
schon die Schriften des Handelsvereins den nationalen, im Prinzip
stets freihändlerischen Horizont in vollem Umfange verwertet hatten.
Sein Wiederauftreten in den beiden voll ausgeführten Systemen zeigt
seine unentbehrliche Funktion innerhalb der allgemeingültigen Syste-
matik; daß er für Lists persönliches „Erleben“ allerdings kaum eine
Rolle spielt, ließe sich durch Heranziehung des gesamten hierher ge-
hörigen Materials wohl erweisen.
Der zweite Begriff.

Neben dem rationalistischen Begriff der Nation steht der histori-
sche, der echt nationale in unserem Sinnell9: Nation als die ewige
Lebens- und Schicksalsgemeinschaft, jede für sich eine spezifische Ge-
gebenheit. List „lebt“ in diesem Komplex „Nation‘‘, aus ihm her-
aus fließt die Originalität seines Lebenswerkes, am reinsten und größ-
ten in den Eingaben des Handelsvereins und in den letzten großen Ar-
beiten des Zollvereinsblattes.

Wieder tritt Nation als schlechthin singulare Einmaligkeit beherr-
schend in den Outlines auf, Selbstbehauptung, Kampf und absolute
Unabhängigkeit sind die oberste Pflicht. List geht bis zur Behaup-
tung, daß allgemeine Gesetze der Wirtschaftspolitik bei der Ver-
schiedenheit des Landes unmöglich seien: „How wise man can apply
Ri
        <pb n="58" />
        general rules to these different bodies, I cannot conceive!‘“ und an
anderer Stelle: „Every country has its particular political economy‘ 111,

Wiederum bleiben beide Begriffe der Nation faktisch ohne Ent-
scheid einer Ordnung nebeneinander bestehen; nur entsprechend dem
früher Gesagten ist in der rationalistischen Denkschicht, aber auch
nur hier, für List der Vernunftbegriff der Nation dem Werte nach
der höhere, und der in einer utopischen Zeit endgültig herrschende.

Es wiederholt sich aber genau die Komplikation der vierten Stufe:
Der erste Begriff der Nation — „degre pour arriver au cosmo-
politisme‘ — erhält, wenn List auf das konkrete Verhalten wirklicher
Nationen schaut (ausgenommen England!), wieder eine den Konse-
quenzen ausweichende Erläuterung. Der begriffliche Denker und der
Mensch List fallen nicht zusammen. Die Begriffe des gedanklichen
Abschlusses Menschheit und Freihandel dürfen eben um keinen Preis
praktischen Einfluß auf das Verhalten der nachstrebenden
Nationen gewinnen, für deren Handelspolitik die beiden Systeme spe-
zifisch entworfen sind. So wird der reine Gegensatz: Nation als sou-
veräne ewige Machtform und Nation als ein „zur Zeit noch‘ bestehen-
der Zwischenzustand in dem ersten Gliede in allen konkreten Äuße-
rungen voll aufrecht erhalten. Das zweite Glied dagegen wird in der
praktischen Anwendung zu einem Kompromiß abgeschwächt; das Ziel,
sich der Universalunion anzunähern, wird zumindest eingeschränkt
durch das „soweit es die besonderen nationalen Interessen erlauben‘.

Daß dieser zweite Begriff der Nation fast ausschließlich und über-
all allein zitiert wird, ändert nichts an der Tatsache, daß er in der
Systematik der Werke Lists, im Gegensatz zu seinem persönlichen
Erleben. eine geringe Rolle spielt.

Der dritte Begriff.

Die Preisschrift und das Nationale System erhalten vielmehr ihre
Struktur durch einen dritten wiederum mehr rationalen Begriff der
Nation: die Normalnation. Es ist der begriffliche Reflex der
nation predominantel!2?, die auch in dieser Form das allgemeingültige
[deal aller berufenen Völker wird. Zu ihr gehört das große „wohl-
arrangierte Territorium“ 113, das eventuell durch einen legitimen Krieg
erst herzustellen ist, große Bevölkerung, reiche mannigfaltige Natur-
schätze, ein vollständiges Flußsystem (kleine Völker sollen sich zu-
sammenschließen oder anschließen), Landwirtschaft und Industrie
innerhalb des einheitlichen politischen Körpers.

Offenbar ist dieser Begriff der Nation gänzlich verschieden von den
beiden zuerst genannten Definitionen. Mit dem Bilde der „in sich
vollkommenen Nation“, „der zweiarmigen Nation“, wie die Normal-
nation auch genannt wird, durchleuchtet List die Geschichte; weil
lie italischen Städte, die Hansa, die Niederlande u. a. gegen dieses
Gesetz der Normalität fehlten, blieb ihnen die dauernde Entwicklung
versagt.

Gleichförmig ist das Ziel aller normalmäßigen Nationen der ge-
mäßigten Zone: .... daß eine Nation um so reicher und mächtiger

59
        <pb n="59" />
        ist, je mehr sie Manufakturprodukte exportiert, je mehr sie Roh-
stoffe importiert und je mehr sie an Produkten der heißen Zone kon-
sumiert‘“114, Es fehlt diesem Begriff jeder spezifisch nationale
Zug.

Die Systematik der mittleren Periode ist organisiert durch diesen
dritten. Begriff der Nation. Er ist die Norm für die politisch gemein-
sam gegen England gerichteten nachstrebenden Nationen. Die ganze
Lehre beruht also, wie wir im Beginn betonten, auf einer politisch ge-
schauten Konstellation: England, die nation predominante im Inter-
essenkonflikt mit allen weniger entwickelten, aber gleichstrebigen Na-
tionen. Es ist die begriffliche Form, in welcher das Ziel der vierten
Wirtschaftsstufe und das Sein und die Handelspolitik des gegenwärti-
gen Englands115 in das Svstem der Wirtschaftslehre hereingenommen
wird.

Der vierte Begriff: Das Imperium.

Der vierte Begriff der Nation in Lists Lehre liegt mit seinen Wur-
zeln bereits in der Preisschrift und im Nationalen System, insofern
er eine gedankliche Fortbildung ist aus den Forderungen der Normal-
nation und des ökonomischen Grundsatzes des direkten Verkehrs des
Manufakturlandes der gemäßigten Zone mit den südlichen Ländern.
welche ihm Kolonialwaren und Rohstoffe liefern.

Die Normalnation forderte grundsätzlich eine vollständige Ausbil-
dung aller Industrien gleichförmig für alle berufenen Länder der
nördlichen Zone; prinzipiell haben diese Nationen also kein Bedürfnis
gegenseitiger wirtschaftlicher Verbindung und Ergänzung; immer
wichtiger also wird wirtschaftspolitisch und auch politisch der Ver-
kehr mit den nicht industriellen Gebieten, und wir wissen, daß für
List ganz Asien und Afrika, Südamerika usw. „von Natur ewig“ zum
Ackerbau bestimmt sind. Dazu tritt nun immer schärfer die Einsicht,
daß damit die großen europäischen Nationen sich wirtschaftlich im-
mer mehr von einander absondern werden1!!6, Diese Einsicht war vor-
her durch den politischen Wunsch der Kontinentalallianz soweit ver-
deckt, daß sie keinen Einfluß auf die Organisation der Systeme er-
hielt.

Diese Gedanken sind in den beiden Systemen schon durchaus vor-
handen; im Zollvereinsblatt aber werden sie das maßgebende Struk-
turelement der Wirtschaftslehre. Die Normalnation bil-
detsich weiter zur Imperialnation. Doch sind weder lo-
gische noch wirtschaftliche Erwägungen die Motive für jene radikale
Änderung, die es notwendig macht, nach dem nationalen System eine
neue Periode in Lists Gesamtlehre anzusetzen.

Der Umschwung liegt vielmehr begründet in einer neuen politischen
Gesamtschau, durch sie erst wird eine neue Lehre geprägt.

Doch stellen wir zunächst fest, was die Beschreibung des Imperial-
begriffs der Nation innerhalb unserer Ausführungen leisten soll. Zu-
vörderst stellt die Imperialnation natürlich einen von den drei ge-
gebenen zu unterscheidenden Begriff der Nation dar. Er soll sodann
58
        <pb n="60" />
        dazu dienen, im kurzen Bild die entscheidenden Züge einer dritten
Periode der Listschen Lehre und damit einen Blick durch das Ge-
samtschaffen Lists zu geben. Eine solche Übersicht fehlt in der List-
literatur.

Drittens aber bringt dieser Abschnitt den endgültigen Beweis der
im Anfang aufgestellten These, daß das Strukturmotiv der drei Sy-
steme der mittleren Zeit in einer bestimmten politischen Schau
lag — wobei wir hier wie immer von der durchgehenden einheitlichen
Struktur alles Listschen Denkens als einer dynamischen Lehre der pro-
duktiven Kräfte absehen. Denn diese Stufensystematik, geformt aus
der politischen Konstellation: England im Gegensatz zu Deutschland,
Frankreich, Amerika, scheidet aus Lists Lehre aus in dem Augenblick,
wo er seine politische Haltung gegen England wechselt; List verläßt
jetzt die Stufenlehre, obwohl sein wirtschaftlicher Kampf und
Wetteifer gegenüber England in gleicher Weise und mit gesteigerter
Intensität andauert; das Motiv der Stufentheorie war demnach weder
in der ökonomischen Sphäre noch in einer historischen Erkenntnis
gelegen117, Viertens bringt die wirtschaftliche Lehre, die zur Imperial-
nation gehört, einen abschließenden Beitrag zu den Problemen, die
wir bei der Darlegung der vierten Wirtschaftsstufe der Preisschrifi
and des Nationalen Systems aufgezeigt haben. Das Imperium hat eine
eigene Zollpolitik, gerade diese Seite der Lehre hat List voll aus-
geführt, eine Zolllehre, die in der Alternative Freihandel oder Schutz-
zoll überhaupt nicht mehr begriffen werden kann. ;

Der Umschwung der Lehre, von der wir sprechen, kann auch von
einer anderen Seite betrachtet werden. Die politische Grundlage der
mittleren Zeit, eben die kontinentale Opposition gegen die nation
predominante, beruhte zu einem Teil auf einer Fiktion: List hatte
nach der Kontinentalsperre nur eine wirtschaftlich gleiche Lage
Deutschlands, Frankreichs, Amerikas gegenüber Englands wirklich er-
lebt. In den beiden Systemen tritt dieser Bestand — durch objektive
Täuschung — als politische Gemeinschaft auf, die ja nicht exi-
stierte. Alle Schriften zeigen Lists intensives Interesse gerade für Na-
poleon; sein Versuch, Europa oder einen noch größeren Teil der Welt
zur politischen Einheit zu bringen, und zwar gegen England zu eini-
gen, entsprach in der politischen Sphäre dem, was List in der wirt-
schaftlichen Schicht für Deutschlands Entwicklung wünschte. List
wollte die gleiche Einigung, eine napoleonische Tat — aber ohne die
Last der Übermacht Frankreichs!18, Diese Täuschung wird ausge-
glichen. Und wieder hatte List durch ein schärferes Hinsehen auf Eng-
land gelernt.

Mit immer tieferer Glut hat List in den letzten sechs Jahren seines
Lebens die englische Politik und den Kampf um die Korngesetze mit-
gelebt, dessen Bedeutung in fast unheimlicher Größe und Klarheit
vor seinen Augen stand!!?; beseelt, jener großen Zielstrebigkeit Peels
in Deutschland eine entsprechende Gegenleistung zur Seite zu stellen
— in dem noch nicht voll geeinten Deutschland gegen das historisch
festgefügte England — tritt er, List, der alleinstehende Privatmann
in einem nichtparlamentarischen Lande. gegen den Staatsmann Peel

5a
        <pb n="61" />
        auf — in diesem ungeheuerlichen Versuch eines gigantischen Kampfes
ist Friedrich List gestorben. Sein Lebenswille, gänzlich gerichtet auf die
Gleichstellung Deutschlands und Englands, brach, als er dies Ziel ver-
nichtet glaubte; seine Lehre lebt, weil ihr rationaler und systema-
‘scher Kern zugleich das tiefste Erleben der Person war.

Dieser .Kampf gibt dem Zollvereinsblatt den großen Zug einer dä-
monischen Leidenschaft, List ringt mit Peel, um jetzt, Person gegen
Person, neben ihm zu stehen: als Begründer der politischen
Verbindung beider Länder. Lists Sprache und Stil erreicht in diesen
Jahren die klassische Reife. Tiefgebeugt durch die lebenslängliche
geheime Verfolgung seitens Metternichs spannt sich sein Leben empor
bis zum Höhepunkt: der Überreichung des Bündnisvorschlags an den
großen, bewunderten Gegner — im ıinstinktiven Vorwissen der Ab-
lehnung gibt er sein Leben auf, ehe die kühlen schulmeisterlichen
Antworten Peels und Palmerstons eintrafen120,

Wie Lists Leben in jenen Jahren um Robert Peel zentriert ist, so
ändert sich unter dessen Einfluß Lists politische Sehrichtung und
damit die Gesamtstruktur seiner Lehre121,

List sieht die Unentrinnbarkeit der englischen Imperialentwicklung,
die er vorher durch die gemeinsame koloniale Wirtschaftspolitik der
nations du deuxieöme ordre vernichten wollte12?, Er sieht sie jetzt als
die reale Zukunft!2?®, Vor dieser historischen Realität zerfällt der Ge-
danke der Kontinentalallianz, und alle schon vorhandenen Teile der
Lehre ordnen sich neu, ohne daß List einen Bruch mit seiner früheren
Systematik erlebt.

Nicht gegen England, sondern im Bunde mit England soll Deutsch-
lands Entwicklung jetzt vor sich gehen. Dieser Aspekt ist notwendig und
tatsächlich zugleich mit dem Imperialbegriff der Nation da. Die Idee
dieses vierten Begriffs der Nation empfängt List, wie die meisten sei-
ner Anregungen, aus den Reden der Politiker in England, aber auch in
Frankreich und Amerika. Für alle Etappen seiner Entwicklung in den
letzten Jahren sind die bestimmten Daten in den Zeitungen und Zeit-
schriften zu verfolgen. Aber auch die entscheidende Buchquelle ist
genannt: „Principle of political Economy by Poulett Scrope, London
1833“, auch der Terminus „Kolonialsystem‘, den List meist ver-
wendet, ist aus Scrope genommen124,

Wir geben einige entscheidende Sätze für den Charakter des Ko-
lonialsystems: „Jemand hat unlängst England einen Weltteil für sich
allein genannt, und meinte damit etwas Großes zu sagen. Wir an un-
serem Teil sind der Meinung, er habe die Wichtigkeit des Inselreiches
bedeutend unterschätzt: England ist eine Welt für sich
allein und noch dazu eine Welt, die der übrigen Welt in Beziehung
auf Macht und Reichtum weit überlegen ist!25,‘““ „England, wie es
nach und nach aufhören wird, durch den internationalen Handel Roh-
stoffe und Lebensmittel zu beziehen, wird es auch nach und nach auf-
hören müssen, Fabrikate an andere Nationen abzusetzen . . .‘“ Kon-
sequenz: „Darüber kann kein Zweifel sein. Die fremden Nationen
werden und müssen mehr und mehr teils sich in sich selbst zurück-
x
JO
        <pb n="62" />
        ziehen, teils mit Ausschluß von England wechselseitige Verbindungen
‘gemeint ist Deutschland mit Brasilien u. a.) unter sich anknüpfen.“

Die übrigen Nationen sollen die gleiche Entwicklung einschlagen.
List bejaht jetzt diese Entwicklung, in der England aus seinen Kolo-
nien allein alle seine Rohstoffe und Nahrungsmittel bezieht und der
internationale Handel zwischen den Manufakturländern zusammen-
schrumpft. „Nur schade, daß diese Zustände nicht plötzlich eintreten
können .. .‘“126, List arbeitet auch aus innerpolitischem Interesse die-
sen Imperialweg so klar heraus, um in Deutschland prinzipiell die An-
sicht zu brechen, daß die Ausfuhr des norddeutschen Getreides u. a.
aach England in der deutschen Zollpolitik zu berücksichtigen und
England in Manufaktureneinfuhr Zugeständnisse zu machen seien.
Diesen Landwirten sagt List: England begünstigt durch Vorzugszölle
seine eigenen Kolonien, und bald wird es unabhängig sein von deut-
schem Getreide wie von amerikanischer Baumwolle, die es in Ägypten
und Indien anpflanzen wird. Deutschland soll ebenso die Produkte des
einheimischen Bodens zur Ernährung der wachsenden Fabrikbevölke-
rung verwenden und deshalb mit allen Kräften die Manufakturen
schützen und vermehren.

In der geforderten parallelen Entwicklung Deutschlands liegt der
systematische Ort für Lists publizistisches Eintreten für Handels-
verträge mit südamerikanischen Staaten, besonders mit Brasilien, und
für seine praktischen und theoretischen Bemühungen in Österreich
und Ungarn und für die Donaupolitik127; die germanisch-magyarische
Macht soll bis zur Donaumündung vordringen und das Gebiet in lang-
samen Etappen zur Zolleinheit vorbereiten!28 und dann ihren wirt-
schaftlichen Einfluß über die Türkei bis ans Rote Meer nach Basra
ausdehnen, Basra, auf das Lists Blick seit Beginn der dreißiger Jahre
intensiv gerichtet war!?9, Dieses quasi-Imperium soll England mili-
tärisch die Landverbindung mit Indien und Ägypten sichern; dafür
England ihm die wirtschaftliche Entwicklung ohne englische Manu-
fakturkonkurrenz zugestehen.

Diese Wirtschaftspolitik heißt nunmehr die „nationale“. Ihre Lehre
und Wirklichkeit „das Nationale System der politischen
Öökonomie‘1380, 131, Wie der weltpolitische Aspekt dieser Lehren
aussieht, zeigt am ausführlichsten Lists letzte größere Arbeit „Die
politisch-ökonomische Nationaleinheit der Deutschen“1832,

Zur Imperialnation gehört eine bestimmte Zollpolitik. Die litera-
rische Fehde über die Zollpolitik der vierten Stufe hat die Fundgrube
des Zollvereinsblattes völlig außer acht gelassen, obwohl hier quanti-
tativ vielleicht die Hälfte aller Listschriften enthalten sein dürfte.
Wir sahen die Zwiespältigkeit der Anschauung und Lehre Lists be-
züglich der Zollpolitik in der Zeit, in welcher die nationalen Manu-
fakturen. auf dem Weltmarkte konkurrenzfähig geworden sind. Die
rationale Lehre war eindeutig für völligen Wegfall aller Schutzzölle,
in der konkreien Anwendung dagegen wurde eindeutig nur England
diese Pflicht auferlegt. In der Preisschrift und im Nationalen System
findet sich keine dahingehende konkrete Forderung für Frank-

61
        <pb n="63" />
        reich oder Deutschland, sondern nur die einer bestimmten Ermäßi-
gung, wie dargelegt worden ist.

Die neue Situation, in welcher List seit 1843 schreibt, ist begründet
in dem Gedanken einer politischen Verbindung Englands und Deutsch-
lands; die Diskussion entspringt in englischen Parlamentsreden und
Schriften!33 und wird in den folgenden Jahren durch öffentliche Er-
örterungen in England und Frankreich aufrechterhalten; List greift
diese Gedanken auf und gestaltet sie in einer prinzipiellen Gesamt-
systematik, Wirtschaftlich sieht List zweierlei; die Überzeugung und
Voraussicht auf lange Frist ist: Nordamerika wird billiger als
Deutschland Getreide liefern!®4, Deutschlands Export nach England
wird also keinen Bestand haben135,

List bejaht die allgemeine imperiale Abschließungstendenz und be-
nutzt sie als Grundlage für den Neubau der deutschen Politik und
Wirtschaft, nachdem er das utopische Moment der Kontinentalallianz
fallen gelassen hatte!36, Für das anzustrebende „germanisch-magyari-
sche Mittelreich“ (die Verbindung Englands mit Indien) entwirft er sein
neues Differentialzollsystem, das technisch zunächst für
Deutschland einschließlich der Häfen Ostende und Antwerpen aus-
gearbeitet wird!®7, Dazu treten die fast endlosen Behandlungen des
Handelsvertrages mit Brasilien138, Das Prinzip der Sicherung des ein-
heimischen Marktes für die eigenen Fabrikate ist jetzt schlechthin
für alle Zeiten herrschender Grundsatz. Was früher eine der ratio-
nalen Gesamtlehre widersprechende, nicht prinzipiell auftretende Teil-
forderung war, ist jetzt das konstituierende Prinzip. Somit fällt aber
auch der Gedanke einer freihändlerischen Zukunft und fällt der
frühere Gegensatz zwischen Freihandel und Schutzzoll als gegen-
standslos weg. Lists Schlußwort zur Zollpolitik lautet: „„Angemessene
Schutz- und Differentialzölle! auf ihnen beruht die künftige politische
Größe, ja die Existenz Deutschlands1391“

Gewiß, List kann jetzt so frei sprechen, weil diese Aufsätze nicht
mehr Teile eines zusammenhängend ausgeführten Systems sind, das
er vorher als ein allgemeingültiges nur mit Hilfe der freihändlerischen
Zukunft der Menschheit errichtet hatte. Beide Ideen der Systeme,
Universalunion und Freihandel, fehlen in den letzten Jahren. Die

Spaltung der Welt in mehrere Imperien und ihre durch Preferenzzölle
angegliederten Einflußgebiete, das ist das letzte Bild der Zukunft.
Differentialzölle, auch als Mittel einer weiteren deutschen Einigung
und als ein Mittel, Deutschland feste Siedlungs- und Rohstoffgebiete
anzugliedern, das ist Lists letzte Sorge140,

Man muß diese Entwicklung der zollpolitischen Anschauungen Lists
übersehen, dann erst ist eine Stellungnahme zu Lists Zolllehre möglich
and erlaubt. Ob man danach vom Endpunkt her Lists Anschauungen
als einheitliche interpretiert, die nur durch die Smithsche und Say-
sche Einwirkung eine Zeitlang abgelenkt wurden, oder ob man — ein
durchaus möglicher Standpunkt — feststellt, daß Einzelabhandlungen
zur Zollpolitik und Weltpolitik, wenn auch in noch so großer Zahl
gegenüber den beiden geschlossenen Arbeiten der Preisschrift und
des Nationalen Systems nichts beweisen — bleibt zunächst durch Hin-
»
39
        <pb n="64" />
        weis auf Lists letzte Periode unentschieden. Jede weitere Lösung hat
eine umfassende Untersuchung über den Strukturunterschied klassi-
scher und nichtklassischer Systeme der Nationalökonomie und über
die Möglichkeit einer nichtklassischen Wirtschaftssystematik über-
haupt und in unserem Zeitalter zur Voraussetzung141,

Der vierte Begriff der Nation sollte uns auch endlich über die be-
dingte Stellung der Stufenlehre in Lists Gesamtwerk etwas beweisen.
Das ursprüngliche Motiv der Stufenlehre, der politische Gegensatz
zwischen Suprematiemacht und Nationen des zweiten Grades fällt mit
dem englisch-deutschen Allianzgedanken weg. Das Ziel der beiden
Systeme: Gleichstellung aller größeren Nationen in Reichtum und
Macht (zur Vorbereitung zum Eintritt in eine Universalunion) ist jetzt
auf dem gedanklichen Wege über das militärische Bündnis Englands
und Deutschlands und über den Komplex der „Donaupolitik““ in eine
Gleichstellung Englands und Deutschlands als gemeinsame Vormacht
der Welt übergeführt.

Statt Gleichstellung aller Völker (die „Normalnationen“‘), zieht sich
das neue System zurück auf das Interesse der imperialen Verbündeten;
wie die Outlines ein Wirtschaftssystem für ein Land waren, so ist
also die Imperiallehre wiederum ein politisches System für den Son-
derbund Deutschland und England; ein Zug der Allgemeingültigkeit
auch dieser Lehre liegt in dem Hinweis, daß die anderen Reiche
einen gleichen Weg verfolgen sollen. Diese Konstruktion ist aber nur
ein formaler Gedanke, denn England-Deutschland soll ‚für ewig“
das militärische Übergewicht haben.

So steht also für Lists Gefühl jetzt Deutschland neben England.
Dem Wegfall des politischen Gegensatzes entspricht die Tatsache, daß
kein Aufsatz des Zollvereinsblattes eine Wiederholung oder Anwen-
dung der Stufenlehre bringt. Das ist bedingt nur durch die neue poli-
tische Konstellation, da List auf wirtschaftlichem Gebiete jetzt so
wenig wie früher die Behauptung wagen kann, daß Deutschland die
vierte Wirtschaftsstufe erreicht habe, also an Reichtum und Macht
neben England zu ordnen seil4?,

Wir ziehen daraus den Schluß: Die Stufen der Wirtschaft sind für
List keine wissenschaftliche, geschichtliche Grundtatsache, die jeder
gedanklich ökonomischen Lehre vorhergeht. Sie war ihm nur das Mit-
tel, in einer politischen Konstellation eine dynamische und für alle
Völker, die wie Deutschland gegen England standen, eine Entwick-
lungslehre auszubilden. List denkt politisch -historisch wie King,
Ustariz usw., Hildebrand und die Späteren interpretieren ihn zu Un-
recht rein historisch.
VIII. Abschluß.

Friedrich List als Weltpolitiker sehen in den verschiedenen Situa-
tionen: als Befürworter eines strengen Nationalismus im amerika-
nischen System, als Vertreter der Kontinentalallianz in dem französi-
schen und deutschen Hauptwerk, als Bannerträger der englischen Im-
perialentwicklung, oder wie es seit den frühesten Jahren vielfach der
Fall war. als Anreger eines Welthandelskongresses143 — Lists Lehren

62
        <pb n="65" />
        von hier aus erwachsen sehen, heißt eine wesentliche Schicht im Ab-

lauf seines Lebenswerkes erfassen. Wir haben uns wegen des Mangels

einer solchen Übersicht über die Entwicklung Lists, und aus dem
praktischen Grunde der beschränkten Gelegenheit, dieser Grundlage
ausschließlich zugewandt.

Das Gesagte ließe sich unter anderem Gesichtspunkte ergänzen. List
hat seine literarische Laufbahn mit Schriften zur Staatsverfassung
und Verwaltung begonnen14*; und erst als die ökonomischen Begriffs-
systeme von Smith und Say seine Heimatländer zu einer falschen
Wirtschaftspolitik verführten, ist er langsam und allmählich, bis zur
größten Breite im Nationalen System, gegen die Theorie der Werte
mit seinem System der produktiven Kräfte und der nationalen Viel-
heiten in den Kampf getreten. Als Deutschlands Wirtschaft seit den
vierziger Jahren einen festeren Kurs hatte, zieht sich List in den
größeren Arbeiten wiederum mehr zu den politischen Problemen zu-
rück und dient daneben den handelspolitischen Tagesnotwendigkeiten,
während die Entwicklung der eigentlichen Theorie aufhört; und der
zweite Band des Nationalen Systems, den er plante, wäre eine „Politik
als Wissenschaft der Zukunft‘ geworden145, wie er sich 1818 eine
„Philosophie der Wirtschaft und Politik“ vorgesetzt hattel46, Die
letzte Wissenschaft der Politik soll wiederum, gestützt auf eine poli-
tische Ökonomie, eine Hilfsdisziplin zur Unterstützung der Staats-
männer sein, die für List stets das Zentrum wirtschaftspolitischen Han-
delns waren, und die sich ihm in den letzten Jahren immer stärker in
den preußischen Ministern und vor allem in Robert Peel verkörperten.

Mag eine solche Betrachtung des Ablaufes der Lehren Lists den
Geschichtsforscher und den Wirtschaftshistoriker interessieren, so
geht das Interesse der systematischen Wirtschaftstheorie mehr auf
eine andere Problemschicht, die außerhalb des Rahmens unseres The-
mas lag. Die Betrachtung der Stufenlehre und in höherem Maße der
Systematik Lists unter dem Gesichtspunkt der produktiven Kräfte
ließe vor uns erstehen die Frage nach dem Strukturverhältnis der Klas-
sik zu einer dynamisch-historischen Theorie und nach der Möglichkeit
der letzteren neben der ersten. Was List selbst dazu sagte, ist nicht
zureichend: ein einfaches Nebeneinanderstehen beider Disziplinen,
oder die gereinigte Tauschwertslehre als Theorie der Privatwirtschafi

und als untergeordneter Teil einer politischen Ökonomie. Das Problem
ist nirgends aufgegriffen worden, reine Wirtschaftsgeschichte und
veine, meist sogar psychologische Theorie trennten sich.

Eine Vorbedingung für die Aufnahme dieser sachlichen Diskussion
scheint heute, bei Beginn einer intensiveren List-Kenntnis, welche
durch die Akademieausgabe der Werke herbeigeführt werden dürfte,
als zeitgemäße Forderung vorzuliegen. Durch den psychologischen
Aspekt des Streites, wie List ihn führen mußte, ist durchzustoßen
zur Erörterung des sachlichen, systematischen Problems.

Die auffälligsten Verneinungen des Wertes der Theorie bis zum
Zweifel an Smiths und Says Ehrlichkeit!47, werden von List ausge-
sprochen in der Situation eines politisch nationalen Kampfes, Der
erste Brief der Outlines, der Beginn also der systematischen Abwehr.
34
        <pb n="66" />
        sagt es klar: „It is this theory, Sir, which fournishes to the opponents
of the American System the intellectual means of there opposition‘‘148,
Es ist eine „dangerous doctrine‘“ nämlich für die Amerikaner. Die
längste Erörterung ‚dieses Gegensatzes findet sich im Zollvereins-
blatt149:; „Da wir aber Deutsche sind, die vermittelst der Adam Smith-
schen Theorie in der Kindheit erhalten und der englischen National-
größe geopfert werden sollen, so kann es nur Schulmeisterköpfen bei-
kommen, uns einer Verletzung der A. Smithschen Schulmajestät an-
zuklagen, wenn wir ihr Idol rein vom Standpunkt des deutschen Poli-
tikers aus beurteilen und richten.“ Die fundamentale Anerkennung der
letztlichen Richtigkeit der „Theorie“ ist ja die faktische wie die logi-
sche Voraussetzung für die Vollendung des Stufensystems. Sie ist selbst
der Gipfel der Listschen Lehre, ohne die sein System als solches weder
geschlossen, noch überhaupt möglich wäre. „I believe :. . that the
fundamental principles of the science could only be discovered by his
Smiths) researches on the economy of individuals and of man-
kind150,“

An manchen anderen Stellen spricht List über die Nützlichkeit und
Brauchbarkeit der „Theorie“ zur Erkenntnis der Einzelheiten des wirt-
schaftlichen Kreislaufs!51, Sein Mißtrauen beginnt bei dem Problem
der Übertragbarkeit der in England entstandenen Theorien in anderen
Ländern; derselbe Wortlaut der Freihandelspropaganda in England
gegen die schädlichen Agrarzölle gerichtet, wird ın Deutschland fak-
tisch gegen den Industrieschutzzoll wirksam verwertet; und List sah
ebenso die praktische Auswirkung des englischen Freihandels in den
entferntesten östlichen Ländern152,

List als Parteizeugen für diese oder jene Zollpolitik heranzuziehen,
war in der Hauptsache die Art, in welcher sein Werk in den letzten
Generationen lebendig und wirksam geblieben ist.

Mit der Änderung der geistigen und wirtschaftlichen Probleme und
mit der solange vernachlässigten Verpflichtung, für jede Listforschung
das Gesamtwerk heranzuziehen, dürfte für unsere Generation eine
neue Phase der Wirksamkeit Friedrich Lists einsetzen. Es liegt zu-
nächst eine noch nicht geleistete reine Erkenntnisaufgabe vor; in ıhr ist
kein Raum für die Frage, ob List Freihändler oder Schutzzöllner war.

Vielmehr werden beide bisherigen „Parteien“ in der Strukturfor-
schung eine gemeinsame objektive Arbeitsbasis finden. Nicht „ob“
List für die eine oder die andere Ansicht in Anspruch zu nehmen sei,
kann das in dieser Form viel zu einfach gestellte Problem sein; son-
dern, wie die rationale Idee des freien Weltverkehrs neben der Idee
der Nation und neben der Schau auf die Geschichte der „wirklichen
Volkswirtschaften‘“153 in dem einzigartigen System der deutschen Wirt-
schaftswissenschaft als Aufbaufaktoren notwendig zusammen-
stehen, ist die neue und wichtige Frage. Vielleicht wird Friedrich
List in unserer Generation dann diejenige Wirkung zuteil, welche seit
Rau’s und Hildebrands vernichtendem Urteil über die produktiven
Kräfte radikal ausgeschaltet worden ist: ein Befruchter der
systematischen Theorie der Wirtschaft zu werden.

5
        <pb n="67" />
        Anmerkungen.

4 Vortrag, gehalten in der Vorstandssitzung der Friedrich List-Gesellschaft,
Berlin, den 29. Mai 1926. (Vgl. Nr. x dieser Mitteilungen.) Für die Veröffent-
lichung erweitert.

? Vgl. Schmollers Jahrbuch, Jahrgang 50, S. 689 ££.

3 Eine Exzerptsammlung aus diesem Werke befindet sich im Reutlinger Archiv.

} Vgl. „Outlines of American political economy“ ed. M. Hirst, London 1909,
S. 177.

5 Nat. Syst: 490 und 509, ebenda auch Dupins Lob.

6 Im „Allg. Anzeiger der Deutschen“, 1822, Nr. 269g, findet sich das früheste
bekannte Zitat aus Chaptal, im gleichen Jahre plante List eine Übersetzung des
Werkes (Reutlinger Archiv). .

7 Nat. Syst. S. 203, hier wird die Einleitung des Wealth of nations zitiert
zum Beweis, „wie klar Smith im allgemeinen eingesehen hat, daß der Zustand der
Nationen hauptsächlich durch die Summe ihrer produktiven Kräfte bestimmt ist“,
Smith aber sei von dem Begriff der Arbeitsteilung zu sehr beherrscht gewesen,

‚um die Idee ‚produktive Kraft“ zu verfolgen‘.

8 Nat. Syst. S. 484.

9 Preisschrift Blatt 15.

{0 Ebenda Bl. 160.

11 Ebenda.

12 Preisschrift Bl. 125.

13 List hat noch mehr getan: er hat aufs bestimmteste versichert, woher er. diese
Begriffe nicht habe; nämlich nicht von Ad. Müller. Er hat nach Brüggemanns
Beschuldigung des Plagiates an Müller, etwa 1843, die Elemente, die er vorher
niemals gelesen hatte, auf der Stuttgarter Bibliothek durchblättert und keine Ähn-
lichkeiten zwischen Müller und seiner Lehre entdecken können. Lists längere Aus-
lassung über diesen Tatbestand, die neben allen indirekten Beweisen das von Spann
und L. Baxa konstruierte Abhängigkeitsverhältnis widerlegen, werden im Januarheft
des Weltwirtschaftlichen Archivs 1927 aufs neue publiziert.

14 Nat. Syst. S. XXXI £., 128, 509g, 510. Outlines S. 282 und Hirsts Anmerkung
S, 286. Häusser II, S. 88. Hinzu kommen jetzt acht Erwähnungen in der Preis-
schrift.

15 Unmittelbar nach Empfang der auch separat erschienenen Einleitung des
Dupinschen Werkes sagt List in seiner Philadelphia-Rede: „But the days of the
laissez faire‘ theory are numbered even in France, since the celebrated scholar
Charles Dupin wrote his Situation Progressive des forces de la France depuis 1814
(Paris 18217). This excellent production was communicated to me by that early
zealous and meritorious defender of American manufactures, who presides over
your honorable society, long after my letters were printed, which it will be well
Lo remember, because Baron Dupin treats of the productive powers of France, and
coincides with me in one of those reformatory principles: which I exposed in my
3ssays as originating with me‘. William Notz, „Frederik List in America“ in „Ame-
rican Economic Review“ vol. XVI, June 1926.

16 Outlines S. 176 £. u. Nat. Syst. S. LI, hier ganz negativ beurteilt.

17 Vgl. Lenz, „Kleinere Schriften .. .“ S. 11, 69, 79, 139 u. a.

18 Z, B. in dem in der Preisschrift oft zitierten Preliminaire des Trait&amp; d’&amp;co-
nomie pol. S. LIX.

19 Solange die meisten amerikanischen Schriften Lists für uns unerreichbar sind,
läßt sich der Bildungsgang Lists und die Entwicklung dieser Begriffe, die in den
DJutlines fertig da sind, nicht wirklich übersehen. Vgl. hierzu W. Notz a. a. O0. und
derselbe im Weltwirtschaftl. Archiv 1925.

20 Vol. R. Maunier, „Les 6conomistes protectionistes en France de ı8ı4 3
a
        <pb n="68" />
        1848“ in Revue internationale de Sociologie 1911 und E. Ladenthin, „Zur Entwick-
lung der nationalökon, Ansichten Fr. Lists von 1820—1825“ in Grünbergs Studien
1912.

21 Nat. Syst. S. 484.

22 Der Name Montesquieu ist bereits ohne ein sachliches Zitat in der erwähnten
Philadelphia-Rede von 1827 genannt. Vgl. Hirst S. 299.

23 Preisschrift Bl. 160.

24 Nat. Syst. S. 3r1 und ebenso in „Die Freiheit und die Beschränkung usw.“
bei Häusser II, S. 64. Genaueres über Lists Beziehung zu Montesquieu wird die
Einleitung zu Bd. IV der Werke bringen.

25 Vgl. Frank Rümelin, „Schellings Naturphilosophie in ihrer Wirkung auf die
liberale Staatslehre‘“, I.-D. Gießen 1925. Der verdienstvolle Versuch, eine indirekte
Beziehung Lists zu Schelling über Soden oder die Tübinger Lehrer Lists auf-
zufinden, kommt zu einem negativen Ergebnis. Vgl. auch Fr. Lenz, „Fr. List und
der Liberalismus“ in Schmollers Jahrbuch 1924.

26 Dupin a. a. O. vol. I S. II.

27 Daß List andere von den etwa 200 Schriften Dupins gekannt hat, ist nicht
arweislich. Sicherlich waren ihm Kammerreden Dupins bekannt.

28 Nur W. Sombart hat eindrucksvoll auf die Verwandtschaft des Listschen
Geistes mit dieser frühen Zeit hingewiesen, ohne der tatsächlichen Benutzung dieser
Werke Erwähnung zu tun. Vgl. W. Sombart, „Der moderne Kapitalismus‘ 4. Aufl.,
1921, I, S. 914 £. und 919 £.

29 Nat. Syst. S. 13.

30 Preisschrift Bl. 160 »+ + + Un systeme qui procurerait et conserverait A leur
nation... l'empire du monde ,.. En effet, les interets en Angleterre sont en
harmonie avec la th6orie qui est utile A la nation, pröcisement en ce qu'elle est
Fausse est sans fondement . . .“

31 Der komplizierte Strukturzusammenhang zwischen der Listschen Lehre und
der klassischen Systematik kann nicht ohne breite Erörterung und methodische
Vorbereitung gegeben werden. Vgl. hierüber meine Ausführungen im Heft ı der
„Liststudien‘“. (Im Druck.)

32 Das Nationale System ist in politischer und ethischer Verankerung mit der
Preisschrift identisch; nur ist letztere durchsichtiger, systematischer, eben aus einem
Gusse von List hingeworfen, während das deutsche Werk keine der Strukturlinien
geschlossen durchführt. Dies gilt auch von den genannten Kapiteln.

33 Preisschrift Bl. 25 ff.; Nat. Syst. S. 495 ££. und 465: „Eine Suprematie,
wie die unserer Tage hat die Welt noch nicht gesehen .. .“

34 Nat. Syst. S. 543. So sind Dr. Bowrings Vorschläge „auf nichts Geringeres
gerichtet als auf den Umsturz des deutschen Schutzsystems, darauf, Deutschland in
den Stand einer englischen Agrarkolonie zurückzuwerfen‘‘.

35 Ähnlich in der Preisschrift Bl. 26 „Toutes les nations donc ont un interei
commun ä se garantir des prejudices et des dommages arbitraires, que pourrait
sauser &amp; leur industrie, la suprematie anglaise“,

36 Diese Öppositions- und Konkurrenzeinstellung zu England findet List in den
meisten von ihm gelesenen französischen Werken, am klarsten in Chaptals „De
l’industrie francaise‘; in Deutschland mußte List selbst seit 1820 die ; richtige
Erkenntnis der weltwirtschaftlichen Lage und der Aufgabe Deutschlands schaffen.

37 Nat. Syst. S. 569.

38 Ebenda S. 554 ££.

39 Outlines S. 168, 263.

40 Daher auch hier die Behauptung, die einer allgemeingültigen Lehre wider-
streitet: „Every nation has its particular political economy.‘ Ebenda S. 203.

41 Lists Stufenlehre hat nur eine gesonderte Behandlung gefunden in E. Salins
„Zur Methode und Aufgabe der Wirtschaftsgeschichte“‘, Schmollers Jahrbuch Bd. 45,
67
        <pb n="69" />
        1921. Dieser Aufsatz bringt die wertvollste Ergänzung zu unserer stofflichen Dar-
legung und unserer sysiematisch-polit. Würdigung, welche keineswegs Lists genialen
historischen Blick herabsetzen soll. Der genannte Aufsatz gibt die beste weil posi-
tivste Kritik der Stufentheorie Lists,

42 Nämlich Kapitel IX, X, XI, XVHI; dazu kommen für zolltechnische Pro-
dleme Kapitel XXII—XXV,

43 Preisschrift Bl. 27f., 32, 35, 63, 89, 102, 105, 106.

44 Nationales System S. 260, 267 u. a.

15 Outlines S. 165, vgl. auch S. 263 „Predominant political power“, S. 168.
‚English national Economy is predominant‘“, Die sachliche Unterscheidung der
Suprematiemacht von Amerika als nachstrebender Nation ebenda 166 ff.

Für den begrifflichen Stand der Outlines ist die Unterscheidung: „an old manu-
facturing country and an new country just entering into business“ charakteristisch.
Ebenda S. 226 u. a. .

46 Vergl. hierzu Salin a. a. O0, S. 6. ;

47 Nat. Syst. S. 197. :

18 Ebenda S. 260.

19 Ebenda S. 465 wird England als Agrikulturmanufakturhandelsstaat bezeich-
net. Tatsächlich geht es nicht an, diese Behauptung als vollgültige hinzunehmen.
Der Ursprung der Stufentheorie ist wie schon dargelegt in erster Linie in der poli-
‘schen Gesamtschau bedingt. Sodann ist sie eine systematische Denknotwendigkeit,
sie ist das einzige Mittel, auf Grund der politischen Schau ein System zu ent-
werfen, welches die klassische Theorie als nationale Lehre Englands und als all-
gemeines Ziel aller Länder bewahrend, zugleich eine dynamische Entwicklungslehre
Für die anderen Völker einschließt. Schließlich enthält, wie noch darzulegen sein
wird, die amerikanische Hauptschrift selbst nicht mehr als einen geringen Anfang
einer begrifflichen Stufentheorie. Damit soll die tiefe Einwirkung der amerikani-
schen Erlebnisse auf Lists wirtschaftliches Denken durchaus nicht geleugnet werden.

50 Nat. Syst. S. XVII.

51 Der Begriff steht hier in einer allgemeinen Bedeutung. „Volksökonomie“
nimmt List sonst als eine besondere systematische Disziplin. Vgl. Kapitel XVI
des Nationalen Systems.

52 Nat. Syst. S. 18, 325 £f.

53 Preisschrift Bl. 69.

54 Zur Geschichte der Stufenlehre vgl. Salin a. a. O. S. 7£., ferner: Hilde-
srand, „Die Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft usw.“ 1922, S. 3254£.

55 Nat. Syst. S. 18.

56 Nat. Syst. S. 325.

57 Nat. Syst. S. 329.

58 Hildebrand, Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft usw. Ed. Gehrig,
t922, S. 58 ff. S. 325.

59 Es ist wohl notwendig, die ganze Stelle hier folgen zu lassen: „In ökonomi-
scher Beziehung haben die Nationen folgende. Entwicklungsstadien zu durchlaufen:
Zustand der ursprünglichen Wildheit, Hirtenstand. Agrikulturstand, Agrikultur-
Manufaktur-Handelsstand.

Die Industriegeschichte der Nationen, und keine auf anschaulichere Weise als
die von England, beweist, daß der Übergang aus dem rohen Zustand zur Viehzucht,
von der Viehzucht zur Agrikultur und von der Agrikultur zu den ersten Anfängen
in den Manufakturen und in der Schiffahrt am schnellsten und vorteilhaftesten
durch den freien Handel mit weiter vorgerückten Städten und Ländern bewerk-
stelligt wird, daß aber eine vollständige Manufakturkraft, eine bedeutende Schiff-
fahrt und ein großartiger auswärtiger Handel nur vermittelst Einschreiten der
Stantsgewalt zu erlangen sind.“ Nat. Syst. S. 260.

60 Daß List einen hochentwickelten Handel ohne entsprechend entwickelte und
        <pb n="70" />
        quantitativ ausgedehnte Industrie: kennt, beweisen natürlich dıe Kapitel über die
italienischen Städte und die Hanse, was allein Hildebrands „Widerlegung‘“ als Bluff
zarweist.

61 Nat. Syst. S. 64.

62 Nat. Syst. S. 324.

63 Nat. Syst. S. 368.

64 Ebenda S. 369.

65 Vgl. Nat. Syst. S. 369/70.

66 Ehbenda S. go.

57 Vgl. Nat. Syst. S. 24, also 6 Seiten nach der 5stufigen Ordnung, findet sich
dieses übersehene Schema, mit einer Ausnahme, welche charakteristisch ist: der
Systematiker Rau behandelt in seiner 100 Seiten langen Kritik ausschließlich diese
systematische Anordnung. Archiv f£. Ök. u. Polizeiwissenschaft, 1843, S. 287, 361.

68 Vergleiche auch die Zusammenfassung der Agrikulturentwicklung. Preis-
schrift Bl. 43£.

68a Preisschrift Bl. 73.

69 Preisschrift Kapitel IX Des forces productives de l’agriculture premier periode
de son developpement. Kapitel X ... Deuxiöme periode . . . Kapitel XI...
Troisieme periode ... Kapitel XVIII quatrieme periode de developpement de
Vagriculture et des manufactures.

Der Terminus le periode heißt streng genommen Höhepunkt und im Nationalen
System S. 229 findet sich auch der entsprechende Ausdruck „Der Kulminations-
punkt“. Die Übersetzung erste Periode des Ackerbaus ist für den Titel der Kapitel
also ungenau. Im Text braucht List aber fast immer ohne Unterscheidung auch
la periode: vgl. oben „une quatrieöme periode de developpement“ und so oft. Daher
ist die Übersetzung Periode zulässig. Die Bezeichnung des Nationalen Systems
„Stufen“ als in der Mitte liegend die entsprechendste.

70 Preisschrift Bl. 34£.

71 Wohl aber finden sich die Erziehungsbeispiele und auch der Ausdruck lödu-
sation des peuples, vgl. Bl. 16, 80.

72 Nat. Syst. S. 24.

73 Während das im übrigen gleichgerichtete Schema des Nationalen Systems
mit einer von List geschichtlich-wirklich gemeinten Stufe beginnt.

74 Preisschrift „Democratie et industrie sont synonymes“

75 Vgl. Häusser I, S. 8.

76 Preisschrift Bl. 34, L’agriculture isolee est et demeure une condition mis&amp;-
rable. Vgl. Nat. Syst. S. 284 u. a.

77 Preisschrift Bl. 35; ‚„„Partout domine la force physique, nulle part la force
morale ne peut se faire jour et reussir.“

78 Vgl. Nat. Syst. S. 265 „Der Krieg‘ wirkt . .. wie ein Prohibitivsystem“,
ebenda 266 „Ein Krieg, der den Übergang des Agrikulturstaates in Agrikultur-
manufakturstaat befördert, ist daher ein Segen für die Nation . . .‘“ Ebenda 429
Der Krieg bewirkt ein „gezwungenes Prohibitivsystem“ usw.

79 Preisschrift Bl. 40.

30 Ebenda Bl. 14.

31 Preisschrift Bl. 162/3 bringt die ausführliche Begründung. „Nous donnons
au systeme que nous avons developpe dans le present trait&amp; le nom de systöme
naturel . . .“

82 Nat. Syst. S. IX.

83 Diese 4. Stufe findet ihre inhaltliche Veranschaulichung im Idealbild Eng-
lands, wie es, ohne den Fehler der Kornzölle, bereits in jener Zeit wirklich ge-
wesen wäre. Vgl. Nat. Syst. S. 497 ££., Preisschrift Bl. ır4.

84 „regardez en effet, autour de vous: quels sont les principaux soutiens de

59
        <pb n="71" />
        Vordre de choses actuellement 6tabli? les manufacturiers“ (List 1831 in Revue

ancyclopedique. tome L, S, 39).

85 Vgl. H. Dietzel, „Die Bedeutung des Nationalen Systems für die Vergangen-
heit und die Gegenwart“. 1925,.S. 3 und 33. Damit ist aber Dietzels These, daß
List der Mann sei, der den Weg vom Schutzzoll zum Freihandel weise, noch keines-
wegs bejaht.

Wir ziehen hier diese Schrift Dietzels heran, weil sie merkwürdigerweise mit
dem vermutlichen Inhalt der ihm natürlich unbekannten Pariser Preisschrift argu-
mentiert! Freilich indem er den Titel der französischen Preisfrage „Über die
zweckmäßigste Art des Überganges vom Schutzzoll zum Freihandel‘“ (so übersetzt
Dietzel) zugleich als den positiven Inhalt des Systems annimmt.

36 Nat. Syst. S. 203, Preisschrift 36.

$7 Nat. Syst. S. 304. „... Getreide, dem gewöhnlichen Stapelartikel roher
Agrikulturländer . . .“

38 Friedrich List: „L’&amp;conomie politique devant le Tribunal de V’histoire‘“ im
‚Supplement au Journal Le Constitutionnel“ vom 25. Sept. 183g, Paris.

$9 Nat. Syst. S. 180.

90 Ebenda S. 89.

91 Die Sperrungen sind von uns zur Verdeutlichung gesetzt.

92 Nat. Syst. S. go.

93 Ebenda S. 175.

94 Nat. Syst. S. XXXIX.

95 Vgl. die Zusammenfassung der hanseatischen Entwicklung, Preisschrift
3l. 130.

96 Preisschrift Bl. 136 £., 140 u.a.

97 Vgl. Nat. Syst. S. XXI und XXXII, ferner Notz a. a. 0. S. 248 £., 250.

98 Preisschrift Bl. 62, 69.

99 Vgl. Notz a. a. O. S. 281 ff. und Hirst a. a. 0. 5, 69 ££.: „a congress of
representatives of the principle nations . , . to discuss in common the hindrances
of the liberty of commerce . . .“ (Lists Brief vom g. 5. 35.) Vgl. Nat. Syst.
S. 191: In den Kongressen der großen Mächte besitzt Europa bereits den Embryo
aines künftigen Nationalkongresses.

Schon in der Wiener Denkschrift von 1820 vertritt List mit der Propaganda des
Zollvereins das gleiche Ziel: „Europa wird einen Handelskongreß zusammentreten
sehen, der die Fessel allmählich wieder löst, welche man sich so künstlich anzulegen
gewußt hat.“ So hat List von 1820 bis 1841 immer wieder den Gedanken von
Weltwirtschaftskongressen als feste Organisation nicht etwa nur in der F orm un-
verbindlicher „Conferenzen‘‘ vertreten, Lists Anregungen nach ihrem wirtschaft-
lichen und dem für ihn wichtigeren politischen Inhalt verdienten gerade heute
2ine spezielle Untersuchung. Vgl. Anmerkung 143.

100 Outlines S. 184. „Napoleon would have been very willing to charge himself
with the trouble of uniting the whole surface of the earth, and to procure to
Ihe human race the blessings of a general free intercourse, but the English, it
seems, did not like the prospect of such a general happiness. So the Americans.

I suppose, would never like to exchange their national independence and power
for a general law of nations founded upon English power — they would not like
‘he prospect.“

101 Preisschrift Bl. 165: „Si une nation est en possession d’une force manu-
facturiere qui doit lui assurer dans tous les cas la superiorit&amp; de concurrence,
möme avec la libert6 du commerce (I!) il faudra quelle diminue peu &amp; peu ses
droits d’entree, de manidre &amp; admettre une concurrence moderse des manufactures
9xterieures sur son march6 interieur.“

102 Ebenda Bl. 95.

103 Damit ist keineswegs ein Verzicht auf eine einheitliche Interpretation Lists
        <pb n="72" />
        ausgesprochen; die aber eben nicht einseitige Erkenntinisaufgabe beginnt erst nach
der Einsicht in die Komplexheit des Problems! .

104 Oder in den einzigen Aufsätzen L. Sevins einseitig dargestellt. Vgl. L. Sevin
in Schmollers Jahrbuch 1909 und 1910.

105 Nur Roscher hat das Zollvereinsblatt wenigstens für die empirische Entwick-
lung des Zollvereins herangezogen. Vgl. Geschichte der Nationalökonomik.

106 Die Einheit im Ablauf aller Werke Lists würde in einer parallelen Be-
handlung der Lehre von den produktiven Kräften zu leisten sein. Hier wäre eine
kontinuierlich ansteigende Höherentfaltung dieser Idee und damit von Lists geistiger
Entwicklung zu konstatieren.

107 Preisschrift Bl. 162, vgl. Bl. 4: „Les nations ne forment pas encore une
r6publique du globe ... Les temps ne sont pas encore venus . . .“ usw. USW.
Vgl. Nat. Syst. S. 14£., 189 £. usw.

108 „Ils ne nous reprocheront pas de vouloir &amp; jamais scinder l’humanite en
nations sans cesse hostiles entre elles, car nous ne considerons la nationalit&amp; que
somme un degre pour arriver au cosmopolitisme.“ Ebenda Bl. 162.

109 Vgl. Preisschrift Bl. ı2: „Il semble que nouvelles inventions materielles
encore inconnues doivent naitre pour rendre necessaire et possible l’&amp;tablissement
d’une legislation internationale, de meme que V’invention de la Poudre ä canon
Etendit &amp; des nation entieres l’Etat. de .paix des villes et des races isol&amp;es. Der
Gedanke stammt aus dem Academie-Programm Dupins zur zweiten Preisfrage über
die „Forces motrices“, Den. Beweis, daß List in Paris 1837 auch diese zweite Preis-
arbeit geschrieben hat, erbringen die von Prof. Salin publizierten Briefe Lists
über seine literarische Tätigkeit in Paris.

110 Preisschrift, Bl. ı1, Nat. Syst. S. 256 u. a.

111 Vgl. Outlines S. 219f., S. 165.

112 Preisschrift Bl. 26.

1183 Nat. Syst. S. 257: „Normalmäßige Nation“, und „Normale Nationalität“.
Die Preisschrift enthält keinen entsprechenden Terminus, aber die gleichen sach-
lichen Voraussetzungen für die Wirksamkeit des Schutzsystems werden gefordert.
Vgl. Bl. 22 £. Die Beschreibung Englands als nation predominante vgl. Bl. 25{f.,
doch sind in der Preisschrift die geographischen Voraussetzungen für die Normalität
nicht ausdrücklich angeführt; aber Kleinheit des Territoriums, des Binnenmarktes,
der Bevölkerung u. a. werden als Hindernisse aufgeführt; zudem sind kleine Staa-
ten von der Entwicklung zur vierten Stufe hier wie in den anderen Schriften aus-
geschlossen.

114 Nat. Syst. 5.24.

115 Nat. Syst. S. 36. Von den italienischen Städten heißt es: „Nur eines fehlte
dem Lande, um zu werden, was England in unseren Tagen gewor-
den ist, und weil es dieses Eine nicht besitzt, geht ihm alles andere wieder ver-
loren; es fehlt ihm die Nationaleinheit und die daraus entspringende Kraft.“

Vgl. Bruno Hildebrands Kritik, welche der gegebenen Auffassung des Nation-
begriffes als nicht-national und nicht-historisch beitritt. („Die Nationalökonomie der
Gegenwart und Zukunft“, Ausgabe 1922, S. 61): „Wer behauptet, daß alle Län-
der der gemäßigten Zone schon immer hätten danach streben sollen, das zu wer-
den, was England in unseren Tagen geworden ist, wer Italien im Mittelalter,
Deutschland zur Zeit der Seeherrschaft der Hanse, Holland, Frankreich usw. nach
demselben Maßstabe beurteilt, dessen Lehre muß nicht nur als durchaus unhistorisch,
sondern auch als ebenso kosmopolitisch bezeichnet werden wie das ganze
Smithische System.“

Hildehrand übertreibt; selbst das Nationale System hat andere echt historische
Prinzipien. Zudem kennt H. weder die Outlines noch, was einigermaßen (1848!)
überrascht, irgendwelche Arbeiten Lists aus den Jahren 1813—46.

116 Vgl. ZVBl. 1844, S. 126: „Alle großen Nationen alter Kultur haben ganz

a
        <pb n="73" />
        dasselbe Interesse wie Deutschland. England und Frankreich können und wollen
ihre ökonomischen Zustände, nur durch die Stoffverediung verbessern. Bei Frank-
reich machen nur die Weine eine Ausnahme. England dagegen hat seit dem
Methuenverirag keinen Handelsvertrag abgeschlossen oder abzuschließen versucht,
welchem nicht der Zweck einer .vermehrten Ausfuhr von Manufakturwaren gegen
Rohstoffe. und Lebensmittel zugrunde gelegen wäre , .. Weder mit England noch
mit Frankreich kann Deutschland vernünftigerweise einen Handelsvertrag ab-
schließen — erstens weil diese Nationen ihm keine entsprechenden Äquivalente bie-
ten können, zweitens weil sie das, was sie bieten können, auch ohne einen Handels-
vertrag... gewähren müssen.“

Die Idee, daß die Wirtschaftstendenz des 19. Jahrhunderts auf ein „Systöme
d’isolement“ zusteuere, findet sich, freilich ohne Bejahung und positive Gestaltung,
in einer der Hauptquellen Lists, in Chaptals „De industrie francaise‘“, 2 völs.
Paris 1819, Einleitung S. 47.

117 Um nochmals klarzustellen: Die Stufenlehre entspringt einer außenpoliti-
schen Motivation und ist zweitens Lists geniale Gedankenschöpfung, die allein ihm
ermöglicht, eine echt historisch fundierte Entwicklungss ystematik zu ge-
stalten. Aber Ursprung und praktisches Ziel der Systematik sind politisch.

118 Vgl. Nat. Syst. S. 5597.

119 ZVBl. 1843, S. 45: „. .. sind wir von jeher der Meinung gewesen, Eng-
land stehe erst jetzt am Eingang seiner Größe.“ Ebenda 1845 vom 30. Dezember:
„Die Stunde der englischen Korngesetze hat geschlagen, und von dem Tage, an
welchem sie fallen, wird sich eine neue Ära in der Geschichte der praktischen
Nationalökonomie des Inselreiches datieren.“ Mit gleicher Tiefe wie Cobden hat
List die Vorgänge jener Jahre mitgelebt, aber als Deutscher trat er ins Feld für
zeine Nation, um „den ihr drohenden Schlag abzuwenden“ (Die Verbilligung aller
anglischen Fabrikate).

120 Abgedruckt im ZVBl. 1847, S. 241 £.

121 Unzählig sind die Zeugnisse hierfür in den 4000 Seiten des ZVBls.

122 Der direkte Verkehr aller anderen Staaten nur mit den nicht von England
okkupierten Gebieten der östlichen und südlichen Welt sollte England zum Prinzip
der offenen Tür in allen nicht europäischen Ländern zwingen, so daß die Welt
handelspolitisch in zwei Einheiten zerfiele: die großen Industriestaaten und ihnen
gegenüber alle damals nicht industrialisierten Länder.

123 ZVBl. 1843, S. 486: „Wie ein mächtiger Fels mitten im weiten Meere ragt
aus der Wellenwüste jener heuchlerischen und sophistischen Argumente eine einzige
klare und wahre Idee aus Lord Stanleys Rede hervor, auf die er auch sichtlich los-
steuert, trotz seines konfusen mystischen Manövers; sie heißt: ‚Wir müssen
Canada zu einer englischen Grafschaft machen‘. Freilich, das
müßt ihr, dazu fordert euch die Natur der Dinge auf, ihr könnt nicht anders .,.
Kurz, mit dieser Canada-Kornbill tritt das Kolonialsystem ins Leben, wie wir es in
unserer ersten Nummer ausgeführt haben. Und wie es schon vor zehn Jahren dem
Poulett Scrope 1... vorgeschwebt hat.“ Für Deutschland wird gefordert „das
Dreifache, den deutschen Handel selbständig zu organisieren, die eigene Schiffahrt
zu hebeu und der eigenen Industrie einen überseeischen Markt zu erwerhen“, ZVBE.
1845, S. 302.

124 ZVBl. ebenda S. 487. List zitiert: „When a system of colonisation has
applied our agricultural skill, labour and capital to the cultivation of our own
zolonial soils, the dimished cost of raising corn within our own territory will
lower its price ... and the cornlaws may then be repealed without injury to any
one. Those who wish for a cheap bread should call for such measures as may anable
it to be raised cheaply by British industry from British soils.‘“ „Das heißt bei den
englischen Whigs Handelsfreiheit!‘“ Pag. 391. Über Scropes Werk vgl. die Be-
sprechung durch Mohl in Rau’s Archiv f.p.Ök. usw. Bd. IL, 8. 3m £.:; der volle
73
        <pb n="74" />
        Titel lautet: „Principles of Political Economy deduced from the natural laws of
social welfare, and applied to the present state of Britain. By G. Poulett Scrope.“
London 1833.

125 Das sind die ersten Sätze des ersten ZVBl.s von 1843, im Art. „Das Natio-
nale System der politischen Ökonomie in England und die deutsche Landwirtschaft“,
Die Datierung der politischen Sinnesänderung in Häussers Biographie und in den
genannten Aufsätzen L. Sevins erst auf Mitte 1845 ist -.hinfällig. In der ersten
Hälfte von 1845 trat nur in einer Richelot entgegenkommenden Diskussion ein
kurzer Rückschlag zum Gedanken der Kontinentalallianz ein. .

126 Ebenda S. 9.

127 Die Erörterungen beginnen ZVBl. 1843, S. 224: „Österreich und der Zoll-
verein‘. Vgl. S. 65, Anmerkung 2.

128 Ebenda S. 79, und Häusser II, S. 209: „Ungarn ist für Deutschland der
Schlüssel zur. Türkei und zur ganzen Levante“,

129 Artikel „Asien“ in Bd. I des Rotteck-Welckerschen Staatslexikons 1834
5. 704 £.

130 „Das Nationale System der politischen Ökonomie in England und die deut-
sche Landwirtschaft‘, ZVBl. 1843, S. ı, „Das Nationale System in England“, ebenda
S. 484, „Das Nationale System der politischen Ökonomie in Belgien“, ZVBl. 1844,
S. 83, ebenda 1843, S. ı0: „Daß das von uns hier entwickelte Kolonialsystem
Englands keine Schimäre, daß es bereits die Lieblingsidee aller weiterschauenden
Geister im Lande, daß es das nationale System der politischen Ökonomie Englands
sel...

131 Der Aufsatz „Die deutschen Handelssysteme von England, Holland und
Deutschland“ in der Allgemeinen Zeitung vom 8. April ££.‘ 1841 (!) bildet den
Übergang in der Sinnbedeutung des Begriffes „Nationales System“. Obwohl noch
das meiste mit dem deutschen Hauptwerk, dessen Entwurf ja größtenteils in
die Jahre vor dem Erscheinungsdatum zu setzen ist, übereinstimmt, wird die Ma-
xime: „Kolonialwaren oder Produkte, d. i. landwirtschaftliche Erzeugnisse der
heißen Zone, werden mit den Manufakturwaren der gemäßigten Zone bezahlt“,
gegenüber den anderen historischen Handelsregeln der Engländer als die haupt-
sächlichste herausgehoben. Die weiteren Ausführungen dieses Aufsatzes belegen
exakt unsere Behauptungen, daß die Ausbildung der ‚„Imperialnation“ während
oder sofort nach der Abfassung des Nationalen Systems beginnt. Nur ein „Über-
gang‘ aber ist diese Arbeit, weil zwar die direkten Handelsbeziehungen Englands,
Frankreichs und Hollands zu ihren Kolonien als die richtige Wirtschaftstendenz
dargelegt werden, aber die Idee der politischen Verbindung Deutschlands und Eng-
lands noch fehlt. Daher hier der Titel „Nationale Handelssysteme‘ ebenso genau
dem Tatbestande entspricht, wie die Bezeichnung „Nationales System der poli-
tischen Ökonomie“ wiederum Lists Anschauungen seit 1843 kennzeichnet. List ist
hier im Zollvereinsblatt zu einer neuen weltpolitisch begründeten Einheit einer
wirtschaftlichen Gesamtanschauung gekommen.

132 ZVBl. 1845/6, wieder abgedruckt bei Häusser II, S. 367.

133 Vgl. ZVBl. 1843: Der direkte Anstoß zur Überreichung der Allianzschrift
lag zuletzt in einer Rede Palmerstones über die Gefährdung Englands durch die
französische Flotte, 30. Juni 1845. ZVBl. 1845, S. 669.

134 ZVBl. 1843, S. „2 ff.

135 Dies ist der innerpolitische Grundgedanke des Zollvereinsblattes, in zahl-
losen Artikeln propagiert ist er ja zugleich eine wesentliche Grundlage für den Be-
weis der Notwendigkeit der deutschen Industrieentwicklung. ;

136 Vgl. „Bülow-Cummerow und die Handelsverträge des Zollvereins‘“, ZVBl.
1844, S. 125, 143, 155 u. a.

137 ZVBl. 1845 S. 141: „Durch Differenzialzölle. .. geht die Zukunft des deut-
schen Handels. Sie nur geben die Möglichkeit an die Hand, sich des englischen und
„3
        <pb n="75" />
        holländischen Zwischenhandels in Kolonialartikeln zu erledigen. Sie nur können die
iberseeischen Märkte, nach denen sich unsere Industrie sehnt, erwerben helfen;
ahne sie bleibt Deutschland ziemlich wehr- und machtlos fremden Anmaßungen
und Bedrückungen gegenüber, und entbehrt des Haupthebels seiner nationalen Schiff-
fahrt.“ Wieder wird der Artikel 19 der Bundesakte angerufen. Ebenda S. 143:
‚Daß die Nation beieinander stehe und immer mehr und enger verschmelze, ist bei
allem die Hauptsache . . .“

„Die verdächtige Partie des hamburger Handels ist der bisherige Zwischenhandel
Englands, Frankreichs und Hollands über Hamburg. Weil dem übrigen Deutsch-
and dabei fast alle Gelegenheit zum Gegenabsatz seiner Erzeugnisse entgeht, selbst
lie deutsche Schiffahrt den Frachtverdienst, der ihr rechtmäßig zukommt, ver-
.erb , . .“ .

„Weil vielleicht bis jetzt die einzigmögliche Weise, in der sich Österreich dem
übrigen deutschen Handelskörper anschließen kann, darin liegt, . . . Österreich
gewinnt für sich dabei das Ansehen und den Einfluß. den es seit der Gründung des
Zollvereins verloren hat.“ Ebenda S. 146.

Der Artikel 19 der Bundesakte wird nochmals angerufen. „Der Bundestag
nuß aus einer Diplomatenversammlung ein deutsches Parlament werden.‘ Eben-
da S. 147.

138 Hier gibt es auch für List Differenzzölle auf Rohstoffe und Seeprodukte,
wenn sie auf fremden Schiffen oder in indirekter Fahrt ins Zollgebiet kommen.
Der Zweck aber ist, die Einfuhr von Baumwolle u. a. über Liverpool und Le Havre
aufhören zu machen, so daß die direkt. eingeführten Rohstoffe unbelastet bleiben.
ZVBL. 1845, S. 323.

139 ZVBl. 1846, S. 16%.

140 Vgl. auch „Blicke in ‚die. Zukunft“. ZVBl. 1846, S. 20f£., 36ff.; bei
Häusser, Bd. II, S. 414, 430 und die Sätze über Österreichs Verhältnis zu Deutsch-
‚and in der obigen Anmerkung.

141 Im zweiten Teil der Abhandlung „Lists System der politischen Ökonomie‘
in „List-Studien‘“ Bd. I, 1927) werden die Strukturprobleme der Listschen und
der klassischen Lehre und die Bedeutung des Listschen Weltbildes der Jahre
1843—46 genauer und ausführlicher erforscht.

142 Dies trotz steigender Ausweitung des geschichtlichen Horizontes.
List studiert Eichhorn (Häusser II, S. ı55) und spricht selbst vom Domesday
Book (ebenda S. 171) und: behandelt die Wirtschaftsgeschichte der Antike (ZVBl.
1844, S. 522 ff.) und er vertieft in dem großen Aufsatz „Die politische und
5konomische Nationaleinheit der Deutschen“ seine Ansichten üher das Zeitalter der
Feudalität. (Häusser II, S. 394f£.).

143 Vgl. hierzu Häusser a.a. O. Bd. II, S. 42, ferner W. Notz, „Friedrich List
ın Amerika‘ in Weltwirtschaftl. Achiv Bd 22, S. 281. Lists Vorschlag an Jackson
für die Begründung eines Welthandelskongresses. Die beste Gestaltung dieses Pla-
aes, der in verschiedener Form immer wieder bei List auftaucht, bringt aber die
Preisschrift, Wir geben wegen des lebendigen Interesses noch für die Gegenwart
zinen längeren Teil des Textes wieder. Im Kap. 26 mit dem Titel „Des moyens les
plus propres ä favoriser et ä amener la libert&amp; commerciale“ heißt es unter an-
lerem: „Le meilleur moyen pour preparer et amener l’6tablissement de ces mesures
vienfaisantes entre deux ou plusieurs nations interess6es, ce serait d’instituer un
zongres commercial universel, ol toutes les nations delegueraient des
hommes experiment6s, competents et entendus dans la mati@re, congrös, qui n’aurait
Yautre mission ni d’autre but que de consulter et de deliberer sur les interö&amp;ts com-
mnuns et reciproques de toutes les nations, ou sur les inter@ts des nations manu-
Facturieres vis-A-vis des nations agricoles ou ä demi civilis&amp;es et des colonies
au sur les inte&amp;röts des puissances manufacturiöres et commercantes de second
a de troisieme ordre vis-A-vis de la nation. predominante, .. . La lumidre
        <pb n="76" />
        gu'un pareil congres, au moyen de ses deliberations livrees A la publicite, repan-
drait necessairement .parmi toutes les nations, non seulement porterait les gouverne-
ments et les corps l6gislatives ä adopter des mesures conformes et favorables A
l’interet general, mais les mettrait aussi 4 mö&amp;me de mieux motiver, vis-A-vis des
peuples, la n6cessite et l’activit&amp; de ces mesures, Ainsi, par exemple, il serait bien
plus facile au gouvernement anglais de faire adopter l’abrogation de ses lois sur les
cereales s’il pouvait motiver cette mesure par les deliberations d’un semblable
congres . .. Une telle discussion mettrait dans tout leur jour les avantages d'une
überte generale de commerce entre toutes les nations, relativement aux matieres
premieres et aux produits agricoles, les avantages de droits 6gaux pour toutes les
nations manufacturieres, les inconvenients du privilege que certaines nations se sont
acquis sur ces marches, les avantages de mesures generales et communes, concer-
aant le maintien de la tranquillite, de Vordre public, de la securite et de la pro-
pagande civilisatrice dans toutes les autres parties du monde. Mais elle contribuerait
surtout ä assurer la libert&amp; des mers, en s’efforcant d’6clairer sur leurs veritables
interets toutes les nations maritimes les moins puissantes, On peut &amp;tre fonde ä
sroire qu'une proposition de ce genre de la part de ces nations [Frankreichs und der
Vereinigten Staaten] trouverait de l’echo chez toutes les puissances continentales ...
Le principe important de: ‚libre vaisseau, libre marchandise‘ a
St6 6tabli dejä par l'imperatrice Cath6rine de Russie et par Washington . .. il est
evident . .. que... V’observation universelle de ce principe du droit international,
smpöcherait la plus grande partie des malheurs que la guerre entraine pour toutes
les branches de YVindustrie . . .“

144 Vgl. jetzt die Neuherausgabe der Jugendschriften im 10. Bd. der „Herd-
Jamme‘“ durch Friedrich Lenz.

145 ZVBl. 1846, S. 43, H. II, S. 434: „Etwas und vielleicht sehr viel da-
von wird aber eintreffen, und eines scheint uns jetzt schon gewiß: daß
man nämlich durch dergleichen Forschungen in die Zukunft, insoweit sie
auf unzweifelhafte wissenschaftliche Wahrheiten, auf richtige Kenntnisse der
gegenwärtigen Zustände, auf richtige Würdigung der Nationalcharaktere und auf
unzweifelhafie Erfahrungen der Vergangenheit gegründet sind, eine Masse von Weis-
heit und Wahrheit, den Regierungen wie den Völkern zum unverweilten Verbrauch,
ans Licht zu fördern vermag. Ja uns hat sogar die Ahnung beschlichen, es möchte
auf diesem Wege eine ganz neue Wissenschaft zu stiften sein, nämlich die W is-
senschaftder Zukunft, die zum mindesten so großen Nutzen leisten dürfte,
als die Wissenschaft der Vergangenheit. Die Politik war allerdings
bis jetzt ihrem Wesen nach eine Wissenschaft der Zukunft, allein da sie bisher von
den Wissenschaften der Gegenwart, der Statistik und Nationalökonomie, nicht zu-
reichend unterstützt war, so blieb sie bis auf die neueste Zeit nur eine schwache
and unzulängliche Krücke der Diplomatie. Da die Nationalökonomie nicht von der
Natur der Dinge ausging, und ein der Natur der Dinge widersprechendes Ziel vor
Augen hatte, nämlich die Welteinheit und den freien Handel, so war durch sie auf
dem wissenschaftlichen Weg ein weiter und sicherer Blick in die Zukunft nicht zu
gewinnen . . . Die Politik konnte unter diesen Umständen kaum zehn Schritte
weit sehen. Mit Hilfe der reformierten Nationalökonomie glauben wir aher. ihr
Blick könne mindestens zehnmal weiter tragen.“

146 Vgl. Häusser II, S. 8: „Aber es gibt eine allgemeine gültige Philosophie
lieser Wissenschaften, welche der Staatsmann erkennen muß, wenn er nicht das
Leben des . Staates an ‚seiner Wurzel gefährden. soll . . .“

147 List übernimmt diese Verunglimpfungen in abgeschwächter Form dem
Hauptwerk des Pariser Generalzolldirektors Ferrier, der in belustigender Form
Smith unter dem Gesichtspunkt eines Amtskollegen. der einen seiner Theorie wider-
streitenden Beruf, also unehrlich, innehat, sieht.

148 Qutlines S. 140, vel. auch S. 583.
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        149 Jahrgang 1843, S. 803.

150 Qutlines S. 155.

L51 Preisschrift Blatt 20: „Nous comprenons dans la th6orie des Valeurs tous
ces principes immuables et semblables chez tous les peuples et dans tous les
temps, en ce qui concerne la nature, et la composition des prix, des rentes, des
benefices et des salaires, des offres et des demandes, des capitaux et des interets, de
Vargent, ect., ect.“ Oder im Aufsatz über die Ackerverfassung, bei Häusser II,
S. 151: „Allerdings hat die Schule der Tauschwerttheorie vermittelst ihrer Zer-
seizungsoperationen die Bestandteile des Wertes (Rente, Profit, Tagelohn) gründ-
lich ermittelt, und unter ihrer Anleitung ist man leicht imstande, zu entscheiden,
welche Art des Gutsbesitzes, der große, mittlere oder kleine, oder die Zwergwirt-
schaft, den meisten Brutto- oder Reinertrag gewähre. Damit ist aber noch gar nicht
ins Lichi gestellt, welche Art des Besitztums den tüchtigsten und ehrenhaftesten
Bürger, den besten und dauerhaftesten Staat und die mächtigste und angesehenste
Nation produziere.“

152 So zitiert er ZVBl. 1844, S. 192 den „Freund von China“, eine englische
Zeitung in Singapore: „Es ist bei diesem Handel nicht zu vergessen, daß die
Chinesen selbst ein manufakturierendes Volk sind, daß sie selbst alle Artikel, die
wir an sie verkaufen wollen, sehr wohlfeil herstellen, so daß wir zuerst diejenigen
Manufakturzweige zu zerstören haben, für welche wir dort einen Markt schaffen
wollen. Indessen unterliegt es keinem Zweifel, daß uns dies infolge unserer Ma-
schinenkraft gelingen wird, zunächst wohl mit den Baumwolltüchern . . . die natür-
liche Folge der Einfuhr wird die sein, daß das Kapital der Chinesen in andere und
gewinnreichere Kanäle geleitet wird“ (d. h. statt Gewerbe der Anbau von. Reis
und Rohstoffen). List studiert sein Leben lang im größten Umfang ausländische
Zeitungen und Zeitschriften. Aber ob in diesem Fall nicht List selbst — der
„Freund von China“ ist? .

153 Vgl. E. Salin, „Zu Methode und Aufgabe der Wirtschaftsgeschichte“,
Schmollers Jahrbuch 1921.
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        Aufruf.

Wenn diese Mitteilungen, die der Regel nach nur den Mitgliedern
der Friedrich List-Gesellschaft zugehen, diesmal in die Hände einer
breiteren Öffentlichkeit gelangen, so leitet uns hierbei die Absicht,
noch einmal laut und vernehmlich auf das Werk der List-Gesell-
schaft hinzuweisen und um die Unterstützung weitester Kreise zu
werben. Nichts braucht mehr gesagt zu werden über die Bedeutung
Friedrich Lists und einer Gesamtausgabe seiner Werke. Daß List zu
den größten Deutschen gehört, die im 19. Jahrhundert handelnd und
leitend in unsre Geschicke eingegriffen haben, ist bereits wieder das
lebendige Bewußtsein der Mitlebenden; daß er als Politiker wie als
Wirtschafter wie als Wissenschafter, als Eisenbahn- wie als Zoll-
fachmann spezialistische Kenntnisse von seltenem Ausmaß und spezia-
listische Leistungen von bis heute nachwirkender Bedeutung aufwies,
ist dankbar anerkannt von den Fachvertretern der verschiedensten Ge-
biete; daß er in der Reinheit seines menschlichen und politischen
Wollens vorbildlich ist für alle tätige Mitarbeit auch an den heutigen
Fragen von Volk und Staat und Welt, macht ihn zum Helden und Vor-
bild neuer deutscher Jugend. Aber so sicher gegründet heute der Ruhm
seines Namens ist, so undeutlich im Einzelnen ist Lists‘ Bild in der
Geschichte, und nur die Gesamtausgabe seiner Schriften, Reden und
Briefe wird imstande sein, die ganze Fülle seines Geistes, seines Pla-
nens und Handelns, seiner glückhaften Einsichten und Programme
und seiner glücklosen Werke und Schöpfungen sichtbar zu machen.

Dieses ist der Plan der Gesamtausgabe, so wie er aus vorläufiger
Übersicht über den vorhandenen Stoff sich ergab:
I. Band
Schriften des jungen List (1815—1825)
Herausgegeben von Dr. Karl Goeser, Stuttgart
II. Band
Die amerikanischen Schriften
Herausgegeben von Prof. Dr. William Notz, Washington
III. Band
Schriften zur Verkehrspolitik
Herausgegeben von Prof. Dr. E. v. Beckerath, Köln
IV. Band
Vorbereitungsschriften für das Nationale System
Bearbeitet von Dr. Artur Sommer, Heidelberg
V. Band
Das Nationale System der politischen Ökonomie
Bearbeitet von Dr. Artur Sommer, Heidelberg
VI. Band .
Schriften der Spätzeit (1842—1846)
Herausgegeben von Prof. Dr. Friedrich Lenz, Gießen

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        VII. Band
Nachlese. Persönliche Dokumente. Briefe von
und an Friedrich List
Herausgegeben von Prof. Dr. Edgar Salin, Heidelberg
Als. Ergänzungsband wird im Auftrage der Friedrich List-Gesell-

schaft und der Deutschen Akademie von Prof. E. Salin eine
Biographie Friedrich Lists
erscheinen.

Reiche Ernte dürfen wir schon jetzt von unsrer Arbeit versprechen.
Eine Fülle unbekannten Materials ist in Amerika durch die hin-
gebungsvolle Arbeit von Prof. Notz zutage gekommen — sein Vor-
trag, der dieses Heft der „Mitteilungen“ einleitet, gibt eine erste Über-
sicht über die Bedeutung‘ dieses Stoffes, Wichtiger noch ist, daß es
Dr. Sommer gelang, in Paris jene Preisschrift aufzufinden, die
List im Jahre 1838 der Pariser Akademie eingereicht hat — sie ist
ein Werk, dessen Gehalt und Stärke kaum hinter dem ‚Nationalen
System‘ zurückbleibt. Band IV unsrer Ausgabe, den wir zu Beginn
des nächsten Jahres herauszubringen hoffen, wird dieses Listsche
Hauptwerk enthalten.

Aber unsre Ausgabe will und darf nicht totes Material bleiben; sie
will gelesen und verarbeitet werden und die Grundlage neuer wissen-
schaftlicher Erkenntnis und neuen politischen Handelns bilden. So er-
geht unser Ruf an alle Interessenten — und wer wäre nicht Interessent
an diesem großen Werk, sei er Politiker oder Gelehrter, Unternehmer
oder Ingenieur, Kaufmann oder Journalist, sei er Deutscher oder
Amerikaner, Österreicher oder Ungar oder zu welcher selbstbewußten
Nation auch immer gehörig: tretet der List-Gesellschaft bei und su b-
skribiert die Listschen Werke. Ebenso ergeht unsre Bitte
an alle, die noch List-Material besitzen oder den Zugang dazu uns
öffnen können (Zeitungen, Antiquariate): uns alles, in ihrem Besitz

befindliche Material zur Verfügung zu stellen und auf alles, ihnen
sonstwie bekannte Material uns aufmerksam zu machen, damit unsre
Ausgabe den höchstmöglichen Grad der Vollständigkeit erreicht.
Die Friedrich List-Ges. e.V.
ud. N.
Spiethoff.

Eine Karte zur Anmeldung der Mitgliedschaft liegt bei. Der Mindest-
Jahresbeitrag für persönliche Mitglieder beträgt Mk. 10.—, für körper-
schaftliche Mitglieder Mk. x00.—. Die Mitglieder erhalten diese Mit-
teilungen gratis, ferner die List-Ausgabe zu einem Subskriptionspreis von
70% des Ladenpreises. Nur die Mitglieder der F. L. G. haben das Recht
der verbilligten Subskription.

Alle Anfragen und Zuschriften sind zu richten an den Schriftführer der Friedrich
List-Gesellschaft e. V. Prof. Dr. Edeaar Salin, Mönchhofstr. 27, Heidelberg.
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        Druck von
Mänicke &amp; Jahn A.-G.
Rudolstadt
        <pb n="81" />
        Einführung in das Studium der Werke
Friedrich Lists
Für diejenigen Mitglieder des R, D. V., die sich vor dem
Erscheinen der Gesamt-Ausgabe über das Leben und das
Werk ihres großen Berufsgenossen eingehender zu unter-
richten wünschen, seien folgende neue Veröffentlichungen
hier genannt, deren Studium eine vertiefte Würdigung un-
seres größten deutschen Volkswirtes ermöglichen wird.
Das Nationale System der Politischen Ökonomie. Mit einer
ausführlichen Einleitung von Professor Dr. v. Eheberg
and mit einem Verzeichnis des List-Schrifttums von
Dr. Hoeltzel-Stuttgart. 8. Auflage.
Verlag Cotta, 1025.
Friedrich Lists Kleinere Schriften.
ı. Band: Zur Staatswissenschaft und Politischen Öko-
nomzte. Herausgegeben. und eingeleitet von Professor
Friedrich Lenz. 40 und 700 Seiten.
Verlag Gustav Fischer, 1026.
Dr. Artur Sommer, Lists System der Politischen Ökonomie.
ı. Band der »List- Studien«. Herausgegeben von der
Friedrich List-Gesellschaft.

Verlag Gustav Fischer, 1027.
Friedrich List und die Politische Ökonomie. Von Professor
Friedrich Lenz. (Aprilheft 192% des »Weltwirtschaflil.
Archivse.}\
Von den Veröffentlichungen der Friedrich List-Gesellschaft
liegen bisher Heft ı1—3 der »Mitteilungen« vor, aus
denen die vorliegende Broschüre eine Auswahl bietet.
Der ı. Band der Edition erscheintim LaufedesJahres 1027.
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sts Jetzte Periode unentschieden. Jede weitere Lösung hat
;sende Untersuchung über den Strukturunterschied klassi-
nichtklassischer Systeme der Nationalökonomie und über
hkeit einer nichtklassischen Wirtschaftssystematik über-
. In unserem Zeitalter zur Voraussetzung 141,
"te Begriff der Nation sollte uns auch endlich über die be-
Ulung der Stufenlehre in Lists Gesamtwerk etwas beweisen.
üngliche Motiv der Stufenlehre, der politische Gegensatz
3uprematiemacht und Nationen des zweiten Grades fällt mit
sch-deutschen Allianzgedanken weg. Das Ziel der beiden
Gleichstellung aller größeren Nationen in Reichtum und
r Vorbereitung zum Eintritt in eine Universalunion) ist jetzt
%edanklichen Wege über das militärische Bündnis Englands
chlands und über den Komplex der „Donaupolitik“ in eine
ung Englands und Deutschlands als gemeinsame Vormacht
ibergeführt.
eichstellung aller Völker (die „Normalnationen“‘), zieht sich
ystem zurück auf das Interesse der imperialen Verbündeten;
utlines ein Wirtschaftssystem für ein Land waren, so ist
nperiallehre wiederum ein politisches System für den Son-
)eutschland und England; ein Zug der Allgemeingültigkeit
r Lehre liegt in dem Hinweis, daß die anderen Reiche
hen Weg verfolgen sollen. Diese Konstruktion ist aber nur
ier Gedanke, denn England-Deutschland soll „für ewig“
ische Übergewicht haben.
also für Lists Gefühl jetzt Deutschland neben England.
‘all des politischen Gegensatzes entspricht die Tatsache, daß
ıtz des Zollvereinsblattes eine Wiederholung oder Anwen-
Stufenlehre bringt. Das ist bedingt nur durch die neue poli-
ıstellation, da List auf wirtschaftlichem Gebiete jetzt so
früher die Behauptung wagen kann, daß Deutschland die
tschaftsstufe erreicht habe, also an Reichtum und Macht
land zu ordnen seil#?,
ıen daraus den Schluß: Die Stufen der Wirtschaft sind für
wissenschaftliche, geschichtliche Grundtatsache, die jeder
ökonomischen Lehre vorhergeht. Sie war ihm nur das Mit-
‚er politischen Konstellation eine dynamische und für alle
a» wie Deutschland gegen England standen, eine Entwick-
auszubilden. List denkt politisch -historisch wie King,
n., Hildebrand und die Späteren interpretieren ihn zu Un-
n historisch.
VIIL. Abschluß.

h List als Weltpolitiker sehen in den verschiedenen Situa-
3 Befürworter eines strengen Nationalismus im amerika-
stem, als Vertreter der Kontinentalallianz in dem französi-
deutschen Hauptwerk, als Bannerträger der englischen Im-
‘Cklung, oder wie es seit den frühesten Jahren vielfach der
ıls Anreger eines Welthandelskongresses143 —. Lists Lehren

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