ZUR SPANISCHEN KUNSTGESCHICHTE
von Carl Justi,

Von der Reise in Spanien wird sich der Kunstfreund Eines gewiß
versprechen: ein neues Blatt im Buch seiner Erfahrungen... Eine
durch stürmische Meere und schroffe Gebirgszüge geschützte Halbinsel
 am Ende Europas, eine Geschichte, ganz verschieden von der
aller anderen abendländischen Nationen, ein Volk von starker Eigenart
 und stärkerem Selbstgefühl, von alters her fremde Einmischungen
Smpfindlich abwehrend, vom Alleinwert des Eigenen überzeugt, eine
Literatur, der das originellste Buch der Neueren. angehört —, wie
Zespannt muß man sein auf das, was uns als spanisches Wesen in
tektonischen und bildenden Künsten entgegentreten wird!
_ Wer zum erstenmal in den Labyrinthen altspanischer Städte
Seinen Weg zu finden sucht, wird dieses spanische Wesen nicht immer
Sofort entdecken. Was ist spanischer Stil, wo, in welchem Jahrhundert
 haben die natienalen Schulen ihren Sitz? Die Denkmäler,
in verwirrendem Reichtum auftauchend, bleiben auf solche Fragen
Stumm. Zuweilen scheint es, als ob sich hier alle Schulen Europas
sin Stelldichein gegeben hätten, dessen Kosten von spanischem Golde
bestritten wurden. Man könnte sich diese Prälaten und Granden,
diese Magistrate und Zünfte der Vorzeit vorstellen als Kunstfreunde
Von ‚sehr vorurteilslosem und wechselbedürftigem Geschmack, die
aber ihren Enthusiasmus, wie die Araber ihre Freude an der Tanzkunst,
 mehr im Zusehen gezeigt haben.
Ihre romanischen und spitzbogigen Kathedralen scheinen direkte
Ausstrahlungen des französischen Mittelalters; die Grabdenkmäler,
an Retablos des xıv. und xv. Jahrhunderts sind voll Erinnerungen
ve die Lombardei und Flandern; ihre Renaissance gleicht einem
do inten, üppig verwilderten italienischen Garten, Dann hat man
wand Cinquecento in aller Strenge Gefolgschaft geleistet, Raffael
for Michelangelo vergöttert und sich in den Ateliers römischa
 ischer Manieristen zu italienisieren gestrebt; auch die Vene-Nat
 N ben hier ihren Widerschein gefunden. Endlich kam der
a % ismus; aber diesen konnte man ja nur nachahmen,. wenn
Atze a8 Nachahmen aufgab, sich entschloß zu malen, was man vor
dien sah — die eigene Natur; so sind es die Italiener gewesen, die
Werden. an anleiteten, zum ersten- und zum letztenmale originell zu
Zurbari ijesem naturalistischen Impuls verdanken wir Veläzquez,
än, Murillo,
Bedekers Spanien u. Portugal, 4. Aud.