KUNSTGESCHICHTE.

So würde also wohl den meisten Genuß von einer spanischen
Reise haben und der ideale Kunstreisende sein, wer Frankreich,
Flandern und Italien aus eigener Anschauung kennte, Es würden
ihm Aufregungen beschieden sein, etwa wie sie ein Sammler erlebt,
der das Werk seiner Lieblingsmeister komplett zu besitzen glaubte
und plötzlish an einen noch nicht abgesuchten, vergessenen Platz
käme, wo er, unter zahllosen Kopien und Pasticcios, auch eine
Anzahl noch nicht bekannter Originalblätter entdeckte, Doch ist
dieser Vergleich nicht ganz zutreffend,
Wer den Orient nicht kennt, dem steht ja hier etwas ganz Neues
bevor, für viele wohl der stärkste Anziehungspunkt: das, was Spanien
 vun den Kunstschöpfungen seiner Eroberer bewahrt hat, Die
arabisch-maurische Kunst ist hier von den ersten noch. abhängigen
Anfängen bis zu ihren originellsten und verfeinertsten Formen zu
verfolgen, und die Bauwerke sind bequemer zu studieren und zu genießen.
 als anderswo.
Alle jene importierten, von Fremden und in der Fremde gebildeten
 Spaniern ausgeübten Kunstweisen haben natürlich auch
eigenartige Nachahmung geweckt. An jede neue Erscheinung heftet
sich etwas wie eine Schule, deren Stil einen mehr oder weniger
scharfen Stich ins Spanische bekommt. Da fehlt es nicht an
fesselnden, durch den Stempel nationalen Geistes zu selbsteigenem
Charakter ausgeprägten Gebilden. Aber bei der Mehrzahl liegt doch
dieses spanische Gepräge weniger in eigentümlich künstlerischen
Werten, als in Gesinnung und Temperament. Die Behandlung ist
Äüchtiger, der Geschmack weniger fein, die Formen leerer, Diese
Schwäche in der Form wird aufgewogen durch einen Zug des Ernstes,
der Wahrhaftigkeit, eines starken echten Pathos. Daneben bemerkt
man freilich einen Hang zu Entzügelung der Phantasie, Übertreibungen
 bis zur Karikatur, zu massenhafter Auftürmung, zu
wunderlichen Mischungen von Gotik und Maurischem, Mittelalterlichem
 und Modernem.
Aber diesen akklimatisierten Stilformen war gelten eine lange
Lebensdauer beschieden. Inzwischen war im Auslande eine Erscheinung
 aufgetaucht, die den Nachahmungstrieb von neuem aufregte;
 ihre starke Welle schwemmt das Alte weg. Vor ihr verschwindet
 das, was kaum Wurzel gefaßt hatte, sofort und ohne
Widerstand, So fehlt in der spanischen Kunst die Stetigkeit der Entwicklung.
 Die Antriebe ihrer Wandlungen kommen von außen.
Es würde hier zu weit führen, diesen Mangel an Initiative und
schaffendem Geist aus Eigenschaften der Rasse, aus der politischen
Geschichte, aus dem alten sozialen Schaden, dem orientalischen
Vorurteil gegen die Arbeit, zu erklären, — Auch bet andern, den
zentralen Kulturherden der europäischen Völkerfamilie fernstehenden
Nationen bemerkt man noch heute diesen Eifer, den Zusammenhang
durch prompte Einführung ihrer Moden und Erfindungen zu bewahren,
 durch äußere Aneignung mit ihnen Schritt zu halten,