Gotik, KUNSTGESCHICHTE, Baukunst, LI
diesen edelsten Bauschöpfungen, wo altertümlich kirchliches Empfinden
 sich mit technisch kühner Aneignung des Neuesten gesellt,
mutet uns die Solidität, der Ernst feierlicher Raumwirkung,;, eine
gewisse Einfalt und Schwere noch romanisch an, während doch das
Wölbungssystem, die Kühnheit der Sektionen, die zunehmende Betonung
 der Höhendimension und der Lichtdurchbrechung eine neue
Sprache reden. Sie scheinen mit der Absicht auf ewige Dauer
ersonnen; bezeichnend ist, daß man die alte Kathedrale der Uni-Versitätsstadt
 neben dem prunkvollen Neubau des xvI, Jahrhunderts
stehen gelassen hat, mit dem sie eine Langseitenwand friedlich teilt
(8. 154, 155).
Aber noch während man an diesen Werken baute, wurde anf
Antrieb gereister Prälaten und stolzer Erobererfürsten der vollendete
 Kathedralenstil der französischen Kronlande, und zwar in
den drei Hauptstädten der Reiche Alt- und Neukastilien und Leön,
durch fremde Meister eingeführt. Burgos eröffnet den Reigen,
Toledo und Le6n folgen rasch. In diesen dreien ist kaum eine Bei-Mischung
 einheimischer Elemente zu entdecken.
An der Kathedrale von Burgos (S. 28; von Bischof Mauricius
und Ferdinand dem Heiligen, 1221) kann man alle Nuancen des
Stils dreier Jahrhunderte in einträchtigem Zusammenwirken be-Obachten;
 hier allein ist die Fassade mit dem normannischen
Turmpaar in imrosanter Weise zur Durchführung gekommen. Aber
diese malerische Silhouette und den Ruhm der schönsten Kirche
Spaniens verdankte sie dem Meister Hans von Köln, dem Urheber
 der durchbrochenen Helme und des Cimborio. Von seinem
Sohne Sıxon stammen die Condestable- Kapelle (S, 30) und das
Kloster Miraflores (S. 35). Diese Kölner beherrschten die Diözese
Urgos.
In der ähnlich geplanten Kathedrale von Toledo (1227; 8. 126)
Srscheint die neue Art ganz unvermittelt zwischen den zahl-Teichen
 noch halb maurischen und mudejaren Tempeln, „wie ein
Protest gegen die mohammedanische Architektur“. Im Flächen-Tann
 wird sie nur von Sevilla übertroffen, Die Verdoppelung der
Seitenschiffe durch Einfügung einer Kapellenreihe zwischen den
Rbepfeilern gibt dem Aufriß die beliebte ununterbrochene
Ogenlinie,
Um die Mitte des Jahrhunderts folgte Ledn (S, 148; bis 1305)
da seinem reichen Maßwerk und allen Glorien der Glasmalerei,
\6sem treibenden Prinzip der Weiterbildung der Gotik.
Ai In Avila (S, 41) wurde das gewaltige Rund der Chorhaube in
De gTanitene Schale der zinnenbekrönten Stadtmauer aufgenommen.
an x doppelte Umgang steht auf überschlanken Säulenschäften: der
Yergnatische Kapellenkranz hat in keinem Land so viel Anklang
Sefunden,
‚In den Bauten des xıv. und xv. Jahrhunderts verlieren sich
Jene strengen nationalen Züge, und der Prunk der plastischen Flora,