LIV Baukunst, KUNSTGESCHICHTE. Spätgotik,

die feingegliederten Profilierungen, das komplizierte Maßwerk verleihen
 ihnen ein kosmopolitisches Wesen. Ein Zug nach Weiträumigkeit
 (espaciosidad, in Kontrakten empfohlen) zeigt sich in
den oktogonalen Anbauten des Chors (S. Ildefonso- und Santiago-Kapelle
 zu Toledo, S. 131; Condestable-Kapelle in Burgos, 8. 30).
Zu denen, die das Gedächtnis gern bewahrt, gehören: in Leö6n
die Kathedrale von Astorga (S. 170); -— in Kastilien S. Marfa
la Antigua und S, Benito in Valladolid (S. 38, 39), das Kloster
Parral in Segovia (S. 117) und die Pfarrkirche in Aranda de Duero
(S. 25); — in Aragonien die Kathedrale von Aueseca (S, 207) und
in Navarra, wo das französische Element herrscht, die Kathedrale
von Pamplona (S. 204). — Eins der vollendetsten und genialsten
Werke ist die Kathedrale von Barcelona (S. 230), von dem Mallorquiner
 Fabre. Damals erhielt Valencia den in seiner Art einzigen
Cimborio (S. 284): ein Glashaus aus zwei Reihen breiter Maßwerkfenster,
 leider ohne Helm,
Das xv. Jahrhundert wird eröffnet durch die Grundsteinlegung
seiner umfangreichsten Kathedrale, der zu Sevilla (S. 387): im
Flächenraum der alten Moschee, vielleicht ein Werk von Niederländern,
 von eiwas leerem Detail. Alle Bauten aus der Zeit der
„Katholischen Könige“ zeichnen sich aus durch Einheit des Gusses
und romantische Pracht; Inschriften sind nach dem Vorbild der
Araber als ornamentale Motive verwandt. Ein Prachtraum ohne
gleichen sollte in Toledo das Schiff von S. Juan de los Reyes (S. 139)
werden, das jene sich als Grutftkirche bestimmt hatten; ihm ebenbürtig
 ist der Kreuzgang. Noch in ihrem Auftrag begann Enrique
de Egas (S. zvnı) die großen Hospitäler zu Granada, Santiago und
Toledo. Der Schlußakt der spanischen Gotik war ihrer Vergangenheit
 nicht unwürdig: noch im xvz. Jahrhundert begannen JUAN und
RoDrıicOo GIL DE ONTANON die Kathedralen von Salamanca (8. 154;
1513) und Segovia (S. 115; 1523).
Einen eigenen Weg der Raumgestaltung fand man unter dem
Einfluß südfranzösischer Vorbilder (Toulouse, Carcassonne) in Katalonien.
 Man trachtete durch Steigerung der Pfeilerweite des Mittelschiffs
 nach Weite und Einfachheit der Innenwirkung, so in Manresa
 (S. 240), in Palma auf Mallorca (S. 265), in Barcelona (Santa
Maria del Mar, 8. 234), und kam schließlich, durch Reduktion der
Seitenschiffe auf abgeschlossene Kapellen, zu imposanten einschiffigen
 Hallen (Santa Marfa del Pino in Barcelona, S, 228:
Kathedrale von Gerona, S. 216).
Die Abwendung von der geometrischen Strenge der älteren Gotik,
der Geschmack an reichnaturalistischem Zierat, die Erweiterung
des Gesichtskreises, die Gärung infolge des Zusammenfließens so
verschiedener Stilarten, die technische Geschicklichkeit führten am
Ende des xv. Jahrhunderts zu einer Gruppe von Prachtbauten von
außerordentlicher Originalität und malerischem Reiz, In ihnen
spiegelt sich jener Aufschwung des Nationalzefühles infolge dicht