LXXIV Skulptur, KUNSTGESCHICHTE. XVII u. X VLIL Jahrh.

geholt werden, — Die zahlreichen und umfangreichen Arbeiten seiner
Zeitgenossen und Nachahmer, wie PEDRO ROLDAN, DELGADO, JERÖNIMO
HERNÄNDEZ, wirken schon mehr stofflich,
Montafigs’ Schüler war in der Plastik ALONSO CANOo (8. LXXXVII),
dessen frühe Arbeiten (z. B. in Santa Paula, 8. 394) den seinigen
sehr ähnlich sind, nur um einen Grad wärmer und in Feinheit der
Arbeit und Bemalung unerreicht, Seine großen und kleinen Konzeptionen,
 z.B. in der Sakristei von Granada (S. 328), sind nur Vervielfältigungen
 eines Urbildes, Der Kopf des Paulus, die zwei Büsten
„Adam und Eva“ in der Capilla Mayor daselbst (S. 328), der h. Antonius
 in San Nicoläs in Murcia (S. 309) zeigen diese polychrome
Skulptur auf ihrer Höhe.
Cano fand fruchtbare Nachfolger in Granada, Jos DE MORA
(1638-1725) brachte nach der etwas allgemeinen und eintönigen
Ausdrucksweise des Montafhgs ein religiöses Pathos bis zu schmerzlicher
 Erregung in die plastischen Figuren: in einigen Stoffen mit
GHück, z. B. in den Dolorosen (S, 331), in der Statue des Juan de
Dios über dem Tor des Hospitals (S. 334); in vielen aber herrscht
ermüdender Manierismus: lange Gestalten mit kleinen Köpfen und
kläglichen Mienen, Alle überragt Pedro de Mena (+ 1693), aus
Granada, in Erfindung wie in Darstelluugskunst (am Convento del
Angel zu Granada, S. 330; Madonna in S. Domingo zu Mälaga, 8.
371). Die unbemalten Holzstatuetten im Coro der Kathedrale von
Mülaga (S, 372) gehören zu den eigentümlichsten und gediegensten
Werken der spanischen, ja der modernen Skulptur überhaupt. Es
ist ein ganzer Himmel der in Spanien vorzüglich gefeierten Heiligen
 und Ordensstifter. Je mehr man sie betrachtet, desto höher
steigt das Erstaunen, wie er für alle diese Namen solche aus ihrer
Geschichte geschöpfte, im höchsten Grade lebendige, selbsterfundene
und doch verständliche Personilikationen zu schaffen vermocht hat,
Ohne irgendwo an das Modell zu erinnern, und doch in Zügen,
Handlung und Ausdruck individualisiert, dabei immer wahr, immer
naiv, wie wahre Heilige, enthalten diese Statuetten wohl das letzte
Wort der spanischen Plastik im Charakteristischen, Von ihm ist auch
jener unheimliche Typus der Askese: der h, Franziskus der Kathe-Urale
 von Toledo (S. 133}, den man früher dem Cano zuschrieb.

Im letzten Drittel des xvır, Jahrhunderts dringt der Barockstil
juch in die iberische Halbinsel ein, Die überladene, wüste und
häßliche Ornamentik des Churriguera (1650-1723) ist dem Kunstfreunde
 noch besonders widerwärtig, weil sie eine Art Zerstörungstrieb
 gegen die alten Werke, nicht bloß der gotischen Zeit, entfesselte.
Sogar Werke des Montafies haben der Afterkunst gelegentlich weichen
müssen. Hand in Hand mit dieser Kirchenpest ging die Nachgiebigkeit
 der Geistlichen gegen den Volksdrang nach .gröbster Versinnlichung,
 dem die Modedevotionen der Gegenwart neuen Vorschub