Barockstil. KUNSTGESCHICHTE. Skulptur, LXXWV

zeleistet haben. Die Apparate Zur Bewegung des Kopfes, der Augen
und des Mundes, die mit wirklichen Gewändern und Perücken auszestatteten
 Holzpuppen, aR denen nur Kopf und Hände Arbeit des
Bildhauers sind, bezeichnen die letzte Stufe zu der die Plastik
herabsinken kann. Der „Trasparente“ in Toledo (8. 129) von NARCISO
Fox ist ein berüchtigtes Beispiel dreister Entweihung des erhabensten
 Tempels Spaniens durch ein Bühneneffektstück; Die Königsstatuen,
 die für das neue Bourbonenschloß in Madrid gearbeitet
waren, aber au andern Plätzen ihre Aufstellung gefunden habon (S. 98,
28, 80, 136), sind leere Theaterpuppen.
Indessen auch in dieser Zeit tanchen nicht selten Werke auf, die
beweisen, daß Charakter und Beruf selbst unter dem Druck eines
antarteten Geschmacks Echtes hervorbringen können, das ganz anders
denkenden Geschlechtern Sympathie abnötigt, Der Ernst spanischer
Devotion hat zuweilen der barocken Form einen von dem freisinnlichen
 und frivolen Wesen anderer Länder ganz verschiedenen Geist
singehaucht. Unter vielen mögen hier genannt werden: die Statue
jes h. Bruno von ManuEL PERRIRA (4 4667) in der Cartuja de Miraflores
 bei Burgos (3. 35) und in Madrid die des S. Isidro und der
zehn Santos Labradores in S. Isidro (8.103); die pathetisch-naturalistischen
 Gruppen des SALYVADOR CARMONA in Salamanca (8. 155); die
Statuen von Lursa RoLDAN (auch im Escoriat); die Skulpturen an
der Fassade der Kathedrale von Murcia (S. 308), wo die Künstler
ın benachbarten Vorbildern einen Halt fanden, Die Madonna über
lem Hochaltar von Cuenca (9. 299) ist ein plastisches Gemälde, Die
in Blei gegossenen Statuen in den Gärten von San Mdefonso (8. 119)
sind Werke einer Kolonie französischer Bildhauer.
Eine Hauptgestalt der Plastik gehört der ersten Hälfte des
xvir, Jahrhunderts an: Francisco Zarcillo (Salzillo; 1707-81), der
als Sohn eines Neapolitaners in Murcia geboren wurde und fast ausschließlich
 in seiner Vaterstadt tätig War, Er lohnt allein schon eine
Reise dorthin. Viele seiner Statuen mögen dem flüchtigen Reisenden
wohl wie gewöhnliche Barockware erscheinen. Aber man lasse sich
durch die verworrenen Gewandmotive und das aufgeregte Gebaren
nicht täuschen; dem aufmerksamen Blick geht hier eine seltene
Fülle dem Leben entnommener Realität auf, nicht ohne Tiefe der
Empfindung und Adel der Bewegung. So werden diese Passionsgruppen,
 eigentlich auf stark stoffliche Wirkung und oft auf Be-Irachtung
 in der Bewegung der Prozessionen berechnet, zum Range
wahrer Kunstwerke erhoben. Wer die Gruppen in der Ermita de
Jesüs (3, 308), den Retablo mit den Engeln in San Miguel (8. 309),
die Skulpturen von Santa Marta de Gracia in Cartagena (S. 341}
hicht gesehen hat, hat keins vollständige Vorstellung von spanischer
Skulptur. Gruppen wie das Gebet im Garten, der Judaskuß, können
Iunreh hinreißende Wahrheit und Innigkeit der ganz eigentümlichen
Auffassung alle sonst bekannten Darstellungen augenblicklich v6r-Aunkeln
 =— obgleich der Heiland einen zestickten Samtmantel trägt.