LXXXYVIN Malerei, KUNSTGESCHICHTE, Murillo.

gewesen, der schon seit dem Anfang des xvImt. Jahrhunderts seinen
Umzug durch Europa gehalten hat, Von seinen Werken sind so viele
(die Genrebilder fast alle) ins Ausland gekommen, daß man ihn
schon als Bekannten begrüßen wird. In Spanien sind seine Sachen
an wenigen Orten beisammen, die bedeutendsten in Sevilla, wo Sie
sich zum Teil sogar noch am ursprünglichen Platz erhalten haben
(Kathedrale, Caridad), und in Madrid, Auch das Bild in der Kapuzinerkirche
 zu Cädiz ist noch an seinem ursprünglichen Platze.
Es ist jetzt üblich geworden, Murillo gegen Veläizquez herabzusetzen,
 oft aus Widersprüchsgeist gegen den Laienbeifall, abeı
auch vom technisch-künstlerischen Standpunkt nicht ganz mit Recht.
Beide Meister sind nicht zu vergleichen: der eine hält der Natur
und dem Zeitalter den Spiegel vor, der andere zeigt uns, was hinteı
jenen Stirnen lag. Murillo, der in einer eifrig katholischen Provinzialstadt
 lebte, für Klosterkirchen, Sakristeien und Höspitäler
malte, hatte die Gegenstände der Zeitandacht darzustellen, wie die
damaligen Italiener: die unbefleckte Empfängnis, die Visionen deı
Mönchszelle, die Mysterien und Ekstasen des Asketismus. Er konnte
nicht der Wiedergabe des optischen Scheines seine ganze Geisteskraft
 zuwenden. Er hatte das Niegesehene darzustellen, sich z. B.
jahrelang mit dem Problem zu beschäftigen, wie man ein menschliches
 Angesicht auch auf glühendem Lichtgrund günstig malen könne,
Der aufmerksamen Betrachtung erschließt sich sogar ehie ungewöhnliche
 Beherrschung der Darstellungsmittel, In derer den italienischen
Akademikern mindestens gleichkommt. Man sagt, er wirke durch
den Stoff; doch diese Stoffe haben hundert Maler äußerlich ungefähr
ebenso dargestellt, und man hat sie vergessen und vergißt sie immer
aufs neue, Aber man spricht von dem h. Antonius-Murillos und
seiner Purfsima, als habe er diese Dinge erfunden, ein Beweis, daß
er eben nicht dem Stoff alles verdankt. Es scheint vielmehr, daß die
im Munde von Spaniern auch undankbare Geringschätzung in der
Abneigung der Modernen gegen die mystischen Stoffe ihren Grund
habe, Er hät Dinge dargestellt, bei denen dem Velizquez sein Vermögen
 EEE aber dem Niegesehenen Realität zu geben, ist auch
Kunst, Er hat das Wunderbare so naiv, so vertraulich erzählt, daß
es den Charakter des Phantastischen verliert; und selbst der Entkirchlichte
 kann seine Bilder liebgewinhnen und rein menschliche
Tdeen in sie hinein deuten, So einfach und empfunden sind sie.
Murillo war von Haus aus ebenso Realist wje Zurbarän und Velözquez.
 Man nehme seine Bildnisse geistlicher Herren, die in den
legendarischen Kompositionen so eigentümlich nüchtern berühren,
den h.‘ Hdefons (S. 73) und h. Bernhard (S. 74) in Madrid, oder jene
Kleriker der Kathedrale von Sevilla, die er als St, Leander und St,
Tsidor porträtiert hat (S. 989): ihre individuelle Wahrheit ist freier
von Schablone, unvermischter, zum Teil herber als die mancheı
gefeierten Bildnismaler des Jahrhunderts, Wo er bloß die Wirklichkeit
 zu geben hatte, wie in den Knabengruppen oder sonst in