Murilto. KUNSTGESCHICHTE. Malerei, LXXXIX

Nebendingen, Tieren, toter Natur (z. B. Bibliotheksgegenstände,
Kirchengorät), erreicht er bei aller Breite des Pinsels volle Richtigkeit,
 Plastik und Zufälligkeit des Scheins. Seine künstlerische
Größe, das Geheimnis seines Erfolges liegt darin, daß er das eigenartige
 Wesen, den besonderen Zauber südspanischer Menschennatur
zuerst gesehen, ihr Palette und Pinselführung angepaßt und es gewagt
 hat, sie in die heiligen Bilder einzuführen. Das sind jene
jeichten ‚elastischen Gestalten von biegsamer Anmut des Körpers,
jene weichen Formen, die nicht für die Plastik, aber für die Malerei
zeschaffen sind, jenes tiefe Braun der großen Augen und der Haare,
neben einer warmen das Licht reflektierenden Haut. Das scheint
vielleicht nichts Besonderes; aber niemand hatte es bis dahin ge-Funden,
 niemand hat es ihm nachmachen können, Die älteren
Heiligen und Madonnen: spanischer Schule könnten ebensogut in
Neapel oder Flandern gemalt sein. Die Modelle zu kopieren, damit
ist es nicht getan; Zurbarän ist fremdartig und frostig geblieben.
Murillo hat das christ-katholische Gefühl mehr als andere getroffen :
ar erkannte mit dem Blick des Genies, wie Rembrandt, daß die
heilige Geschichte und die Legende am besten in dem Dialekt des
Volkes erzählt werden.
Aus Murillo’s ersten Anfängen, von jenen Pacotillasarbeiten für
Hie Feria und die Indienfahrer, ist in Sevilla nichts mehr zu finden.
Von dem Zyklus der Franziskanerlegenden, durch den. er nach seiner
Rückkehr von den späten Lehr- und Wanderjahren in Madrid (1645)
seine Nachbarn überraschte, sind nur zwei Stücke in Spanien geblieben,
 beide in der Akademie zu Madrid (3. 59): der himmlische
Geiger und die Sreisung des h. Diego, ein Bettlerstück, von allen
las unscheinbarste, dessen Wahrheit, Pathos und Humor man nur
dort empfinden kann. Die übrigen Stücke dieses Zyklus, in denen
3r sein Talent im Wundererzählen so ungeZWwungen, im bunten
Wechsel mannigfacher Darstellungsformen spielen ließ, sind in Paris,
Toulouse, New York und England zerstreut,
‚ Murillo wäre nicht geworden was er ist, wenn er, der Schüler
Sines gleichgültigen und stillosen Meisters wie Juan del Castillo,
Nicht auch jenes Bad der Reinigung von Phrase und Manier durch-Zemacht
 hätte, das der Naturalismus bot. Von seinem Studium
Sibera’s zeugt z. B. die Anbetung der Hirten (S. 73) und sein an-Ängliches
 System der Beleuchtung,
Viele seiner ersten Bilder (wie die Verkündigung, 3. 73) sind kalt
nf düster im Ton, trüb in der Farbe, schwarz in den Schatten,
a und trivial in Charakter und Ausdruck, Man nennt diesen
Alche en kalten (estilo frfo)— doch darf man solche Charakteristik
am DB antlech nehmen; in diese Jahre gehört z. B. auch Rebekka
de runnen (S. 73). Murillo ist nirgends anziehender als in Szenen
S Patriarchenlebens; seine Heimat war ja halber Orient.
mach folgen Bilder mit gesättigten Farben und starken Gegenen
 von Schatten ung Licht — aber schon wirklichem Licht. mit