XCIV Malerei. KUNSTGESCHICHTE: Veläxques.

eignisses in der vulgär-spanischen Auffassung von ‚Jos6 Leonaıdo, so
wird man auch die Überlegenheit des Menschen, die wahre Vornehmheit
 der Gesinnung spüren, Liese Szene des den Besiegten beglückwünschenden
 Siegers ist wie ein versöhnender Ausklang der
achtzigjährigen Völkerfeindschaft und des großen Krieges, der uns
hier so lebendig in kleinem Rahmen vorgeführt wird.
Nach seiner zweiten italienischen Reise (1649-51), zu
welcher er den Vorwand in den vom König gewünschten Gemäldeaukäufen
 fand, bemerkt man eine dritte Wandlung seiner Malweise.
 Mit noch feinerem Beobachtungsgeist sucht er der sichtbaren
Erscheinung beizukommen und den Gesamteindruck mit raschen
Pinsel, in jedem Zug das Ganze im Auge festhaltend, zu fixieren,
In der Familie Philipps IV. oder den Meninas (S. 71) hat er das Licht
eines fast dämmerigen tiefen Saales gewählt: das Auseinandergehen
der in verschiedenen und doch so nahen Plänen befindlichen Figuren
in fast stereoskopischer Rundung, die so bestimmte Versinnlichung
des Unbestimmten nach allen Graden, die Festhaltung eines Augenblicks,
 dies alles gibt dem Werke einen traumhaften Reiz — als sähen
wir durch ein Teleskop der Zeiten in das Interieur des vorletzten
Habsburgers hinein. Dagegen hat er in den Teppichwirkerinnen(S. 72),
wohl dem ersten Fabrikbild, die Wirkung des hellsten Lichtes, eines
Sonnenstrahls, im geschlossenen Raume, mit seinem farbenbelebenden
 Spiele auf reichen Stoffen, seinen Reflexen, Blendungen, Kontrasten
 darstellen wollen und Probleme gelöst, denen man erst in der
Gegenwart wieder nahegetreten ist. Luca Giordano nannte die Meninas
„die Theologie der Malerei“; Mengs sagte, die Hilanderas schienen
ohne Hilfe der Hand, bloß mit den Gedanken gemalt. — Die drei letztgenannten
 Gemälde gelten heute für das Non plus ultra der Malerei.
Veläzquez hat keine Schule gegründet; seine Kunst beruht auf
persönlichen Eigenschaften, die sich nicht lehren lassen: dem Blick
in die Natur, der stets wechselnden, improvisatorischen Eingebung
von Hand und Auge. Doch hat er sich Gehilfen herangezogen, unter
denen sein Schwiegersohn J. B, nz. Mazo (+ 1687) die erste Stelle
einnimmt. Mazo’s Bildnisse und Landschaften mit Staffage sind zuweilen
 nicht leicht von denen des Meisters zu unterscheiden; man
erkennt sie in der Regel an dem trüberen Tone, der verworrenen
Pinselführung und kleinen Fehlern der Zeichnung, Sein Talent lag
in der Landschaft, die er mythölogischen Szenen sinnreich anpaßte ;
einige erinnern an Salvator Rosa, Sein bestes Stück ist die Ansicht
von Saragossa, mit der Staffage von seinem Meister (S. 71). — Von
Veläzquez’ ehemaligem Sklaven Juan Parzsa (1606-70) ist nur ein
Gemälde im Museum, die Berufung des Matthäus (S, 75); ein anderes,
die Taufe Christi, ist in das Museum von Huesca verschlagen
worden (S, 207)

In der zweiten Hälfte des xvit, Jahrhunderts waren in
der Hauptstadt eine stattliche Anzahl geschickter Maler beisammen ;