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        <title>Bedarf und Absatzmöglichkeiten in Sowjetrußland</title>
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      <div>
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        A060

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IN STI} TUTS
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U 1681

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AD p
Ce ZA
        <pb n="2" />
        Inh &amp; ll 6

Bedarf und Absatzmöglichkeiten in Sowjet-
russland. 1926.

2 Binovic,L.E: Moskovskoe nerodnoe chozjajst-
VO 1926 .

34

Kolotilov,I.M: Purspektivy razvitija cell-
juloznogo proizvodstya na severe.
1926.
. N
Litosenko,L.N: Emkost" krest*janskogo
rynka. 1927,

"itrofanov,A.Ch: Kolchoznoe Avizenie,
2927, 4
6 Pjatrovit,Ja.A: Adnoulenaja Belarus!'.1925

Pr

SnabZenie gorodov zdorovym molokom. 1927.

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komissarov BSSR ot 10 murta 1927
goda. 1927.

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1? Vojtinski),1.S: Trudovoe Dravo,. 1927

1
otersen,Nis: Tas russische Cenossen-
schaftswesen in seiner Bedeutung
für Volkswirtschaft und Welthan-
iel. 1920,
        <pb n="3" />
        Bedarf
und
.‚möglichKeiten
in Sowjetrr and

Herausgegeben
von der Zeitschrift
OST-EXPORT

1926
VERLAG A. O. SCHLÜCHTERER -
BERLIN W357
        <pb n="4" />
        Bedarf
and AbsatzmöglichKeiten
in Sowjetrussland

Herausgegeben
von der Zeitschrift
OST-EXPORT

\

1926
VERLAG A. OO. SCHLÜCHTERER
BERLIN W557
        <pb n="5" />
        INHALTS-VERZELILCHNIS

Seite
Absatzmöglichkeiten für die deutsche Industrie
in Russland , ......

Die sowjetrussische Textilindustrie .

Zur Frage der Versorgung der russischen Land-
wirtschaft mit Maschinen und Geräten . .

Die sowjetrussische Kohlenindustrie und die
eisenschaffende Industrie .‚ ..... . 26

Juerschnitt der sowjetrussischen Wirtschaft ., 34

Die Bearbeitung des russischen Marktes. . . 46

A
33
=
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AZ

\

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        VA

YO
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Cr

Absatzmöglichkeiten für die deutsche
Industrie in Russland
Ueber kein wirtschaftliches Gebiet herrscht grössere
Unklarheit in den Kreisen der Exportindustrie, als über die
Möglichkeiten des Absatzes nach Sowjet-Russland. Ein
grosser Teil der Firmen, die früher bedeutende Umsätze mit
Russland getätigt haben, erwarten ungeduldig den Augen-
blick, wo die Vorkriegsbeziehungen und die Vorkriegs-
absätze wieder beginnen können. Es ist notwendig, immer
wieder darauf hinzuweisen, dass das Vorkriegsrussland
nicht mehr existiert und dass nicht die geringste Möglich-
keit besteht, Geschäfte in der Form und im Umfange wie
vor dem Kriege im Laufe der nächsten Jahre wieder auf-
zunehmen. Die wohlhabende Schicht und der. grösste Teil
der Intelligenz sind verschwunden, ausgewandert, ausge-
votftet; alles, was für diese Schicht früher importiert wurde,
wird heute und in nächster Zeit gar nicht oder in einem
so geringfügigen Umfange benötigt, dass es nicht der Rede
wert ist. Aber die gesamte russische Industrie ist herunter-
gewirtschaftet und braucht dringend eine Erneuerung ihres
Maschinenparks, eine Modernisierung ihrer Anlagen, ferner
Rohstoffe und Halbfabrikate; die Landwirtschaft braucht
Maschinen und Geräte in bedeutend grösserem. Umfange
wie früher, da die Inlandproduktion seit Jahren gegenüber
ler Vorkriegszeit zurückgegangen ist und auch die Einfuhr
nicht mit dem Bedarf Schritt hielt. Alle Arten von. Fertig-
fabrikaten für den kleinen Konsumenten werden in be-
jeutenden Mengen gebraucht und eingekauft — in dem
Augenblick, wo die Einkaufsmöglichkeiten
vorhanden sind.

Diese Einkaufsmöglichkeiten sind zurzeit behindert in
erster Linie durch Geldmangel. Die Zeitschrift „Ost-Export“
hat schon in der Nummer vom 10. Februar 1920 darauf
hingewiesen, dass Russland den Konsum neu verteilt, aber
für die Produktion keinen Anreiz gefunden. hat. So ist es
auch heute noch, Der Bauer liefert nur soviel von seinem
        <pb n="7" />
        Getreide ab, wie er unbedingt zur Deckung der Steuern
und der wenigen Fabrikate benötigt, die ihm die Sowjet-
Regierung liefern kann. Er hat kein Vertrauen zum rTussi-
zchen Geld und behält lieber seine Produkte für spätere
Zeiten. Er gewinnt und verarbeitet Flachs und Wolle für
seine Kleidung selbst, und was er ausserdem an Dingen
benötigt, die er bekommen kann, wie einige Nähnadeln,
Nägel und AErsatzteile für seine Geräte, ist ein Be-
darf, der so geringfügig ist, dass er bald gedeckt
ist. Den anderen Bedarf muss er schon deswegen zurück-
stellen, weil niemand da ist, der ihn decken könnte. Er
verschmäht es, der Sowjet-Regierung das überschüssige
Getreide abzuliefern; die Sowjet-Regierung hat es ausser-
lem nicht verstanden, die Getreideablieferung, Speicherung
und Verfrachtung so zu organisieren, dass ein regelrechter
Export im früheren Umfang wiederhergestellt werden
xönnte. Damit sind die Pläne zur Finanzierung von Aus-
landseinkäufen mit Hilfe von Getreide und anderen Export-
waren zusammengebrochen.
Das grösste Hindernis für die Sanierung dieser Ver-
hältnisse besteht also in dem Mangel an Vertrauen der
russischen. Bauern zum Geld des eigenen Staates.. Dadurch
ıst die Sowjet-Regierung verhindert, die Kapitalien zu
schaffen, die sie benötigt zur Durchführung ihrer Einfuhr-
pläne, zur Ingangsetzung der Industrie, zur ordnungsmässi-
gen. Aufrechterhaltung der gesamten Wirtschaft. Die vielen
Experimente, die seit der neuen ökonomischen Politik
(N.E.P.) Lenins gemacht wurden, sind allgemein bekannt;
sie haben zu nichts geführt, als dass immer weiteren Kreisen
offenbar wurde, dass mit der Zwangswirtschaft, mit dem
staatlichen‘ Aussenhandelsmonopol und mit der staatlichen
Bewirtschaftung der Industrie die russische Wirtschaft
nicht in Ordnung zu bringen ist. Immer mehr. werden die
Fesseln- gelockert, die dieser Wirtschaft angelegt sind, und
es ist deshalb gar nicht möglich, über den Stand der Ab-
satzverhältnisse für deutsche Industriewaren in Russland
genaue Angaben zu machen, Ca sie im Augenblick der Druck-
legung bereits überholt sind. Zurzeit, da diese Zeilen
geschrieben werden, ist mit dem Tode Dsershinskis und dem
unmittelbar darauf folgenden Sturz Sinowjeffs der Anfang
gegeben, um grundlegende Aenderungen im Sowjet-Regime
herbeizuführen. Neue Organisationen sind begründet, die
mit dem Einkauf bestimmter Produkte im Ausland betraut
sind; die ausländischen Handelsvertretungen werden immer
        <pb n="8" />
        mehr abgebaut, der ganze ungeheure bürokratische Apparat,
den das Aussenhandelsmonopol erforderlich machte, wird
verringert und umgestellt. Alle diese Einzelheiten werden
im Laufe der nächsten Zeit in mannigfaltiger Form sich
wiederholen und immer weiter auf das hindrängen, was
allein der russischen Wirtschaft helfen kann: Freigabe der
Wirtschaft im Innen- und Aussenhandel und in der
Industrie.

Langsam drängt sich eine neue Schicht in die Kreise
hinein, die die russischen Geschicke lenken. Der Gross-
bauer, der bereits seit längerer Zeit auch die Ländereien
ler kleineren Bauern mit bewirtschaftet, da diese hierzu
ausserstande sind, hat schon lange eingesehen, dass bei
dem gegenwärtigen Regime seine Interessen vernachlässigt
werden, dass er wohl sein eigenes Auskommen findet, soweit
er selbst alles produziert, dass er aber für seine Mehrarbeit
nicht diejenigen Industrieprodukte eintauschen kann, die er
zur Herbeiführung eines ge.ingen Wohlstandes und besserer
Lebenshaltung benötigt.
        <pb n="9" />
        &gt;
VEN

\ on

Die sowjetrussische Textilindustrie
Von Dr. Melkich, Dozent am Russischen Wissen-
&amp;chaftlichen Institut, Berlin.
Die Textilindustrie in Sowjetrussland gehört zu
Jer Zahl derjenigen Zweige der Volkswirtschaft, die auf
jede Veränderung des Marktes mit besonderer Empfindlich-
keit reagieren. Da die Textilindustrie Massenverbrauchs-
ware herstellt, steht ihr Entwicklungsgang mit der Ent-
wicklung des Wohlstandes der breiten Massen der Bevölke-
rung in engstem Zusammenhang. Jeder nach Befriedigung
der dringendsten Bedürfnisse verbleibende Einkommensüber-
schuss wird in erster Linie zum Einkauf von Wäsche, Klei-
Adungsgegenständen und Schuhwerk verwendet. Aus diesem
(irunde rollt die jetzt beobachtete fortschreitende Wieder
herstellung der sowjetrussischen Bauernwirtschaft die Frage
einer damit Schritt haltenden Wiederherstellung der Textil-
industrie in ihrer ganzen Bedeutung und Dringlichkeit auf,

Die Leiter der Sowjetwirtschaft weisen der Textil-
industrie als ganz spezielle Aufgabe die Stabilhaltung der
Währung zu; ferner soll sie die sogenannte „Smytschka.“
(wirtschaftlicher Kontakt zwischen Stadt und Land) festi-
gen; und schliesslich soll vermittelst der in der Textil-
industrie erzielten Gewinne die Schwerindustrie gTOSS-
gezogen werden, ohne welche, nach dem Ausspruch Lenins,
die Sowjetunion dem Untergang geweiht ist. — Ohne auf
liese speziellen Aufgaben näher einzugehen, da .sie der
durch die Sowjetleute aufgestellten allgemeinen These ent-
springen, dass die Volkswirtschaft ein Klavier sei, auf dem
ein kunstfertiger Spieler jede gewünschte Symphonie her-
vorbringen kann, muss man doch zugeben, dass für die
Wiederaufrichtung und Entwicklung der sowjetrussischen
Textilindustrie so ausserordentlich günstige Bedingungen
        <pb n="10" />
        aut dem für sie ausschlaggebenden Binnenmarkte bestehen,
wie für keinen anderen Industriezweig. Lässt. sich auch
der gegenwärtig in Russland beobachtete Manufäkturwaren-
hunger nicht ausschliesslich durch unzureichende Erzeu-
gung von Textilwaren erklären, so ist andererseits doch
nicht zu leugnen, dass diese Produktion in ganz geringem
Grade der Konsumfähigkeit der Bevölkerung und den ge-
stellten Anforderungen entspricht; denn der derzeitige Ver-
brauch von Baumwollgeweben, die von der Industrie
stammen, erreicht nur 11,5 m pro Kopf, während sich
derselbe vor dem Kriege auf 16,5 m. belief und nach
manchen Schätzungen sogar bis auf 20,6 m pro Kopf.
Die Tuchindustrie, welche im Wirtschaftsjahre 1924/25
(1. Oktober 1924 bis 30. September 1925) 55,4% der Vor-
kriegsmenge produzierte, konnte im Vergleich zur Vorkriegs-
zeit insgesamt nur 300% des Bedarfs decken. Dagegen
ist das Einkommen in der Landwirtschaft — wenn man
der Sowjetstatistik einigen Glauben schenken darf —
von 62,26 Tscherwonzen-Rubel pro Kopf im Wirtschafts-
jahre 1923/24 auf 103,33 Tscherwonzen-Rubel im Wirtr
schaftsjahre 1925/26 gestiegen, d. h. um 65,5%. Die Zahl
der Industriearbeiterschaft erhöhte sich während der Wirt-
schaftsjahre 1922/23 bis 1924/25 um 28,3% und deren
Verdienst von 1162000 Rubel auf 3860000 Rubel d. h.
um 232,2%. .

Alle diese Umstände machen die in letzter Zeit in
Sowjetrussland oft debattierte Frage der Wiederherstellung
und Entwicklung der Textilindustrie akut. Es bedarf keiner
Betonung, dass diese Frage nicht nur von rein theoretischem
Interesse ist für diejenigen Kreise, denen die Aufgabe er-
wächst, die Handelsbeziehungen mit Russland zu ent-
wickeln. Die mögliche Wiederherstellung und Entwick-
lung der Textilindustrie wird jedoch nicht allein durch
lie bestehenden Absatzverhältnisse vorgeschrieben, sondern
sie hängt in hohem Grade von einer Reihe von Produktions-
laktoren ab, wie z. B. von dem Zustande der maschinellen
Ausrüstung, - verfügbarem technischen Personal und quali-
fizierter Arbeiterschaft, Versorgung mit Rohstoffen, Brenn-
material, Hilfsmaschinen usw. Nur die Berücksichtigung
aller dieser Voraussetzungen vermittelt eine richtige Vor-
stellung .der Perspektiven, welche sich der Textilindustrie
im Zusammenhange mit der rapide steigenden Nachfrage
sach ihren Erzeugnissen eröffnen. An dieser Stelle erscheint
es nicht überflüssig, im Rahmen des verfügbaren Raumes
        <pb n="11" />
        die gegenwärtige Struktur der sowjetrussischen Textil-
industrie sowie die Bedeutung der einzelnen Zweige der-
selben zu skizzieren. Folgende Zahlen zeigen die Bedeu-
tung einzelner Zweige der Textilindustrie in der Vorkriegs-
zeit, und zwar sind die Werte der im Jahre 1912 erzeugten
Waren aufgeführt von Unternehmungen, die auf dem Terri-
torium des gegenwärtigen Russlands existieren, sowie die
Zahl der seinerzeit beschäftigten Arbeiter.

Baumwollindustrie .
Tuchindustrie. , . ..
Leinenindustrie , , ..
Seidenfabrikation . . .
Aanfgewebefabrikation
Wirk- u. Striekwarenfahr.

a

zusammen

Wert der er-
zeugten Waren

Arbeiter-
zahl

%
708,0 Mill. Rubel
17,6 „

54,0 »” '„ö

54,4 ” ”„

17,8 ”„ ”

38

73,7
12,2
5,6
5,7
10

427 699
73 229
58 653
30 248
15 388

5 960
981,6 Mill. Rubel [100,0 | 611 172
Die Bedeutung dieser Zweige hat sich im Vergleich zu
der Vorkriegszeit jetzt stark verändert, wovon man sich
leicht überzeugen kann, wenn man die Menge der erzeugten
Fertigwaren in den drei Hauptzweigen von 1912 denen von
1924/25 gegenüberstellt.

Baumwollindustrie. . .
Tuchindustrie . ...
Leinenindustrie . .

1912
Aill.Meter
2275,2
54,4
107.2

0%

1924/25 ' %, gegen
Mill.Meter 1912
LO0 , 1489,2 65,4
100 | 49,2 | 94,4
100 143,3 133.6
Alle Veränderungen, die sich innerhalb der Tenxtil-
industrie vollzogen, vermochten selbstverständlich die über-
ragende Stellung der Baumwollfabrikation nicht zu er-
schüttern, da letztere die von der Bevölkerung am meisten
zefragte und ihr am ehesten zugängliche Ware‘ erzeugt.
Nachstehende Tabelle veranschaulicht die Produktion der
drei hauptsächlichen Zweige der Textilindustrie in den
letzten zwei Jahren.

Im Februar dieses Jahres haben gearbeitet: in der
Baumwollindustrie, bei Umrechnung auf eine Schicht,
        <pb n="12" />
        11675000; in der Tuchindustrie, bei Umrechnung auf eine

Schicht, 429000; in der Leinenindustrie, bei Umrechnung

auf eine Schicht, 548 000 Spindeln.
Baumwollindustrie.

Arbeiter-
zahl in
Tausend

in Betrieb befind-
lich,auf eine Schicht
umgerechnet
Spin- Web-
dem stühle
in Tausend -

Produktion
Jahr

Garne Webgut
{in (in Million.
Tonnen) | Meter) |

|Fertigwaren
{in Million.
Meter)
1924/25
1928/24

362,2 | 8390,0| 209,2
251,8 | 4710,8 | 124,7

185 974
101 893

1.595,5
878,9

ı 14892
|. 895,5

Tuchindustrie.

(Tausend
Meter)

(Tausend
Meter)
1924/25 | 60,5 | 482,7| 12,4 | 27662,7
1923/24 | 55,1 366,3 9,2 | 19305,6

52 564,4
32 521,8

49 214,9
29 142.4

Leinenindustrie,

Gewebe {in
Tausd. am)

Säcke (in
Tausend)
1924/25} 71,1
1928/24 | 70,0 |

355,3 | 18,5
320,5 11,6

49 788,1
89 087,7

143 867,7 | 42 153,2
114 056,6 36 791,5

Produziert wurden
im ersten Halbjahr 1925/26:

Garne (in
Tausend tons’)

Webgut (in
Milionen in

Fertigwaren (in
Millionen Meter
Baumwollindustrie . . .
Tuchindustrie . . .:. |
Leinenindustrie . . ..

122,4 - | 1062,2 998,3
17,4 33,4 81,2
81.9 82,2 Millionen qm
Die Zahı der in der Textilindustrie beschäftigten Ar-
beiter betrug im Februar d. J. 636 000.

Was nun die gegenwärtige Organisation der Terxtil-
industrie anbelangt, so beruht dieselbe hauptsächlich auf
dem Prinzip der Zusammenfassung einzelner Fabrikunter-
nebmungen mit besonderen Verwaltungen, Truste genannt,
Jie aber keineswegs den gleichnamigen Gebilden in Europa
und U.S.A. ähnlich sind. Diese Truste treten als juristische
Personen auf, unterstehen jedoch dem Obersten Volkswirt-
schaftsrat und dem Zwischenglied, der Zentralverwaltung
der staatlichen Industrie (ZUPG) oder dem Gouvernements-
        <pb n="13" />
        Volkswirtschaftsrat (GSNH). Der Einkauf der benötigten
Rohstoffe und der Verkauf der erzeugten Fertigwaren wer-
den durch das zu diesem Zweck geschaffene Allrussische
Textilsyndikat besorgt. — Die staatliche Baumwollindustrie
umfaßt folgende Truste:
Truste der ganzen Union:
(Unter der Leitung der Zentralverwaltung der staatl. Ind.)
1. Bogorodsko-Schelkowski ‘7. Orechowo-Sujewski
2%. Wladimirski. ©... 8. Presnenski
3. Jegorjewo-Ramenski 9. Sserpuchowski
4. Iwanowo-Wosnessenski : 10. Twerskoi
5. Kowrowski 11. Jaroslawski
6. Moskowski “ 12. Leningradtextil.
Truste der Ein zelrepubliken:
13. Gusjewski (Gus-Chrustalnij, Wladimirer Gouvern.).
. Lokale Truste: .
14. Osjorskı 17. Mostrikob
15. Obnowlennoje Wolokno 18. Technotkan

(Die erneuerte Faser) 19. Iwtextil
16. Petrotkan ; (Iwanowo-Bosnessenski).

Die bedeutendere Rolle in der Produktion spielen die
ersten zwölf Truste, deren Unternehmungen hauptsächlich
in dem zentralen Industriegebiet liegen (mit Ausnahme von
Leningradtextil). N

Von der Gesamtzahl. der bei Umrechnung auf eine
Schicht im ersten Halbjahre 1924/25 in Betrieb befindlichen
7,5 Millionen Spindeln jund 188100 Webstühle arbeiteten
in den Unternehmungen des zentralen Industriebezirks über
5 Millionen Spindeln und mehr als; 152 000 Webstühle. Die
Standorte der Unternehmungen dieser 11 Truste sind auf
der hier eingezeichneten Karte des zentralen Industrie-
bezirks angegeben. . .

Die in diesem Verzeichnis aufgeführten Truste um-
fassen nicht sämtliche Unternehmungen der Baumwoll-
industrie; wir sind jedoch, des Raummangels wegen nicht in
der Lage, hier die gesamten Unternehmungen aufzuzählen,
die in diesen Trusts vereinigt sind*). Ausser den in den auf-
zeführten. Trusten vereinigten besteht noch, eine Reihe
kleinerer Unternehmungen, wie z. B. die Saratower Fabrik,
die für den Bedarf der Wolgadeutschen arbeitet; ferner die
*) Genaue: Einzelheiten stellt der Verlag Interessenten
auf Wunsch zur Verfügung. . i
        <pb n="14" />
        Saraisker Fabrik im Rjasaner Gouvernement, welche der
Bucharischen Republik übereignet ist, sowie die Aserbeid-
shaner Manufaktur, die Dagestaner Manufaktur und eine
Reihe von Heim- oder Halbheimindustrie-Unternehmungen,
die durch Heimindustrie-Genossenschaften und Privatpächter
gepachtet werden. Zu der Zahl solcher Heimindustrie-
Pächtergenossenschaften gehören zwei Organisationen, in
denen sich die‘ Wolgadeutschen zusammengeschlossen haben
zwecks Produktion der sogenannten Sapinka—Ssarpinsojus
und Ssarpintrust.

Erwähnenswert ist eine von den Sowjetwirtschaftlern
angestellte Untersuchung, derzufolge die Gesamtzahl der für
das Baumwollgewerbe arbeitenden Heimarbeiter etwa 85 000
bis 90000 beträgt; das sind etwa 230% der Belegschaft der
staatlichen Textilindustrie im Wirtschaftsjahre 1924/25. Die
Produktion der Heimarbeiter beträgt etwa 4% der Pro-
duktion der Staatsindustrie, sie wäre bedeutend grösser,
wenn eine ausreichende Belieferung mit Garn erfolgte,
Die Organisation der staatlichen Tuchindustrie ist die
gleiche wie bei der Baumwollindustrie.

Die Feintuchindustrie ist zusammengeschlossen haupt-
sächlich in drei Trusten:‘

1. Mossukno ‘. . . 92000 Spindeln und 2390 Webstühle,
2. Klinzowski , . . 27500 3 » 490 ”

3. Leningradski . . 26700 » „390 »
(Hier wie auch weiterhin ist nur die im ersten Halbjahr
1924/25 tatsächlich arbeitende Zahl von Spindeln und. Web-
stühlen angegeben.)

Die Produktion von Kammgarngeweben im Kammgarn-
trust mit 164 000 Spindeln und 4790 Webstühlen, sowie die
Herstellung grober Tuche liegt in der Hand einer Reihe ver-
hältnismässig kleiner, in ganz Russland verstreuter Ver-
einigungen, von welchen besonders hervorzuheben sind?
der Tambower Trust mit 46000 Spindeln und 1100 Web-
stühlen, der Uljanowski (Simbirsker) Trust mit 30400
Spindeln und 670 Webstühlen und der Pensenski Trust mit
29 300 Spindeln und 680 Webstühlen.
Die staatliche Leinenindustrie hat zwei Truste gebildet:

l. Erste Lnoprawlenije, 96 200 Spindeln und. 4700 Web-
stühle (Kostromski-Jaroslawski),

2. Zweite Lnoprawlenije, 86 900 Spindeln und 2900 Web-
stühle (Wjasniko-Muromski).
        <pb n="15" />
        Diese beiden Zusammenschlüsse, welche die bedeu-
tendsten Unternehmungen, wie z. B. die Gesellschaft Melen-
kower Manufaktur, Tretjakoff und Konschin und andere,
vereinigen, besitzen etwa 53% der Spindeln und Webstühle,
über die die gesamte staatliche Leinenindustrie verfügt.
Sie erzeugen etwa die Hälfte der gesamten Leinengarne und
.gewebe.

So stellt sich in kurzen Zügen die gegenwärtige Organi-
sation der sowjetrussischen Textilindustrie dar. — Man
muss zugeben, dass diese Organisation in mancher Hin-
sicht die Wiederherstellung und Entwicklung der Textil-
industrie erleichtern kann. Das trifft hauptsächlich auf die
Fragen der Versorgung der Unternehmungen mit Rohstoffen,
Brennmaterial und anderen Materialien zu, und besonders
auf die Frage der Erlangung von Krediten, welche letzteren
den vereinigten Unternehmungen, unter der . Voraussetzung
ihrer Lebensfähigkeit, stets eher zugänglich sind als ein-
zelnen. von ihnen. Die Organisation an und für sich jedoch
leidet durch die Methode der Leitung der Unternehmungen
an einem dem ganzen Sowjetregime eigenen Defekt —
Bürokratismus. Infolge dieses Fehlers bildet die bis jetzt
nicht ganz geregelte Frage hinsichtlich der Wechselbeziehun-
gen zwischen den Verwaltungen der Truste und den Ver-
waltungen der Fabriken eines der ernstesten Probleme der
sowjetrussischen Industrie. Die angestrebte Ausweitung der
Produktion der Textilindustrie stösst zurzeit auf derartige
Schwierigkeiten, dass mit einer Verwirklichung dieser Idee
in absehbarer Zeit kaum zu rechnen ist. ;

Ohne auf die Besonderheiten des Sowjetregimes und; die
Arbeitergesetzgebung näher einzugehen, die jetzt nicht selten
selbst von den Sowjetprominenten als erschwerend für die

normale Entwicklung des Wirtschaftslebens bezeichnet wer-
den, und ohne jene Hindernisse erschöpfend zu untersuchen,
die sich der Erweiterung der Textilindustrie entgegenstellen,
wollen wir nur auf zwei besonders wichtige Umstände hin-
weisen. Das ist die. ausserordentliche Ab-
nutzung der Fabrikausrüstungen und der
Mangelan technischem Personal und quali-
fizierten Arbeitern. Die tiefgehende Reformbedürf-
tigkeit der Fabrikanlagen macht jede Produktionssteigerung:
fast zur Unmöglichkeit, selbst bei intensivster Ausnützung:
derselben durch Einführung von zwei und drei Schichten.
Daher sieht das Wirtschaftsprogramm der Sowjetregierung,
das infolge der wachsenden wirtschaftlichen und finan-
        <pb n="16" />
        KARTE
des Baumweo Neindustric
gebiets
Zentral-Ausslands

Bezeichnungen.

Fabriken:

Wladimir-Alexandrow-
Trust.
2. Kowrow-Trust.

3. Jegoriew-Ramenskoje-
Trust,
Bogorodsk-Tschelkowo-
Trust. ..

5. Jaroslawl-Trust.

5. Twer-Trust.

7. Iwanowo - Woznessensk-
Trust,

8. Moskau-Trust.

9. Orjechowo-Zujewo-
Trust.

0. Sserpuchow-Trust.
1. Pressnenskv-Trust.
        <pb n="17" />
        ziellen Schwierigkeiten in diesem Jahre um 14 bis 17%
reduziert wurde, nunmehr erhebliche Summen zur Wieder-
herstellung der vorhandenen Fabrikanlagen und für Neu-
bauten vor. Einem am 7. März 1926 in den „Iswestiga
Textilnoj Promyschlennosti i Torgowli“ (Nachrichten für
Textilindustrie und Handel) erschienenen Artikel „Die Per-
spektiven des Textilmaschinenbaues“ von A. Fedotoff zufolge
sollen die diesem Zwecke dienenden Ausgaben von 125 Mil-
lionen Rubel pro Jahr innerhalb. des nächsten. Jahrfünfts
erfolgen; dabei entfallen auf Anschaffungen von Maschinen
für die drei Hauptzweige der Textilindustrie folgende jähr-
liche. Ausgaben:

Baumwollindustrie . 50,0 Mill. Rubel,

Tuchindustrie . . . 140 , »

Leinenindustrie . . . 15,6 »

insgesamt . 79,6 Mill. Rubel.
Bei der jetzigen gespannten finanziellen Lage Sowjet-
russlands sind solche Ausgaben nur denkbar unter dem be-
fruchtenden Einfluss ausländischer Kredite; inwieweit die-
selben aber der Sowjetregierung zugänglich sind, zeigt zur
Genüge die Geschichte mit dem deutschen 300-Millionen-
Kredit.

Der Mangel an qualifizierten Arbeitern
and genügend geschultem technischen Per-
sonal ist eine Tatsache, die nicht gering zu
schätzen ist; sie macht sich so unangenehm fühlbar,
dass bei allem zur Schau getragenen Optimismus die Leiter
der Sowjetwirtschaft nicht verbergen können, „dass die
Textilindustrie nur dann aufgebaut werden kann, wenn
jeder einzelne Meister seiner Sache sein wird“. („Iswestija
Textilnoj Promyschlennosti i Torgowli“ Nr. 48—49 vom De-
zember 1925, Artikel „Organisation der Produktion“.) Die
Schwierigkeiten beschränken sich nicht allein auf diesen
virculus vitiosus, in welchem die Sowjetindustrie hoffnungs-
los kämpft, sondern der ausgesprochene Mangel an Roh-
stoffen, insbesondere an Baumwolle (der HErnteertrag in
diesem Jahre blieb um 2 Millionen Pud (1 Pud = 16,38 kg)
gegen die erwarteten Mengen zurück und die ungelöste Be-
wässerungsfrage auf den Baumwollpflanzungen meldet auch
für die nächste Ernte keinen guten Ertrag an), Mangel an
Brennmaterial, und der empfindlichste von allen, Mangel an
finanziellen Mitteln, verschärfen weiter die gedrückte Lage,
in der sich ungeachtet der günstigen Absatzbedingungen zur-
        <pb n="18" />
        zeit die sowjetrussische Textilindustrie befindet. Die all-
gemeine Weisung zum Sparen an Rohstoffen, zu vollständi-
zer Ausnutzung von Webereiabfällen, Übergang zur Ver-
arbeitung von feineren Garnen und Herstellung leichterer
Gewebearten, sowie endlich auch die teilweise Stillegung
von Fabriken, das sind diejenigen Massnahmen, von denen
man eine HErleichterung dieser schwierigen Lage erhofft.
Die Frage der Überwindung des Manufakturwarenhungers
jedoch werden sie selbstverständlich nicht lösen können.
        <pb n="19" />
        I

- =
N zes
Ef Lem

Zur Frage der Versorgung der russischen
Landwirtschaft mit Maschinen und Geräten
Von Dipl.-Ing. W. A. Burg, Berlin.
Die Einnahmen der staatlichen Grossindustrie im Wirt-
schaftsjahre 1925 ergaben 70 Mill. Rubel, denen. jedoch an
Ausgaben 115,6 Mill. Rubel gegenüberstanden, und die
Verschuldung der Industrie an. die Banken. wuchs progressiv
(1. Okt. 1923 = 162,4 Mill. Rubel, 1. Okt. 1924 = 436,7
Mill. Rubel, 1. Okt. 1925 = 962,1 Mill. Rubel), wobei der
Bankkredit nur durch verstärkte Emission von Banknoten
ermöglicht wurde, denn die Steigerung des Notenumlaufs
geht parallel mit der Zunahme der Verschuldung der In-
dustrie an die Banken (Notenumlauf am 1. Okt. 1923 =
207,3 Mill. Rubel, 1. Okt. 1924 = 346,4 Mill. Rubel,
l. Okt. 1925 = 651,9 Mill. Rubel, 1. April 1926 = 1222
Mill. Rubel; für das Jahr 1926 waren die Kreditforderungen
der staatlichen Grossindustrie mit 600 Mill. Rubel an-
gemeldet). Zu diesen unerfreulichen Tatsachen gesellt sich
die äusserst niedrige Leistungsfähigkeit der russischen Tech-
nik (nach den Untersuchungen des Prof. Schlesinger von
der Technischen Hochschule in Charlottenburg bedarf es auf
den. Putilow-Werken zum Bau eines Traktors 320 Manntage,
während bei Ford nur 6 Manntage notwendig sind; zum
Bau eines Oelmotors braucht man 200 Manntage, wogegen
die’ amerikanische Automobilfirma Pakkard einen 80 PS
Automobilmotor in einem Manntage baut, d. h. die
Leistungsfähigkeit des russischen Arbeiters wird durch die
Rückständigkeit der Ausrüstung der Putilow-Werke auf den
200. Teil reduziert, gemessen. an der Leistungsfähigkeit des
amerikanischen Arbeiters in der nach dem letzten Wort
der Technik ausgerüsteten amerikanischen Industrie. Die
Gestehungskosten für einen auf dem Kolomna-Werk ge-
bauten Traktor betragen 6250 Tscherwonzen-Rubel, davon
entfallen. allein auf den Arbeitslohn 1300 Rubel, wogeren
        <pb n="20" />
        der amerikanische Traktor Fordson nur 1000 Rubel kostet.*)
Die Produktion der staatlichen Grossindustrie betrug im
Wirtschaftsjahre 1924/25 nur 4 Milliarden Rubel, die Pro-
Juktion. der Landwirtschaft aber, die 20 Millionen Wirt-
schaften. mit etwa 120 Millionen Menschen umfasst, brachte
sinen Ertrag von 9 Milliarden Rubel. Die Sowjetstatistik
weist aus, dass das Einkommen in der Landwirtschaft von
52,26 Tscherwonzen-Rubel pro Kopf im Wirtschaftsjahre
1923/24 auf 103,33 Tscherwonzen-Rubel im Jahre 1925/26
gestiegen ist, d. h. um 65,50%.) :

Wenn man nun alle diese Tatsachen gleichsam in einen
Brennpunkt sammelt, so sieht man mit aller Deutlichkeit,
dass das Bestreben der Kommunistischen Partei, das Land
zu industrialisieren und durch das Vebergewicht der ge-
schaffenen industriellen Armee die Diktatur über dieses
Agrarland auszuüben, misslungen ist. Im Dorfe hat
sich wirtschaftliche Macht angesammelt,
and der von der Bauernschaft ausgehende
planmässige wirtschaftliche Druck — es sei
hier nur auf die Tatsache verwiesen, dass
im Zeitraum vom 1. Okt. 1925 bis 1. April
1926 infolge der Zurückhaltung der Ge-
Sreidevorräte auf jedem Pud (16,38 kg) Ge-
breide, das vom Aussenhandelskommisgsariat
exportiert wurde, eine Verlustrate von
22 Kop. auf Roggen, 4 Kop. auf Weizen,
8 Kop. auf Gerste ruhte — zielt darauf hin,
lie Leiter der Sowjetwirtschaft zu zwin-
gen, die bäuerlichen Lebensinteressen zu
berücksichtigen und den durch das politi-
sche Regime behinderten Verkehr des russi-
schen Wirtschaftskomplexes mit dem Welt-
markt wiederherzustellen, damit der Bauer
sich für seine exportierten Produkte alles
das beschaffen kann, was die Skala seiner
persönlichen Bedürfnisse enthält und was
er zur Intensivierung der Landwirtschaft
an Maschinen und Geräten braucht. Diese
Forderung der Bauern wurzelt auch darin,
dass die Einfuhr von Landmaschinen in dem
Vorkriegsrussland mit seinen hohen Schutz-
zöllen Zollfreiheit genoss.
*) Sozialistitscheskoje Chosjaistwo' Band V 1925.
        <pb n="21" />
        Der Bauer verkauft sein Getreide nicht, weil er dasselbe
für eine viel wertbeständigere Währung hält als den Tscher-
wonzen, für den er nur teure und minderwertige inländi-
sche Fabrikate kaufen kann. Daher musste die Regierung
endgültig auf die Getreideausfuhr verzichten, was wiederum
ungünstig auf die Währung wirkt; denn die Erschütterung
des Tscherwonzen von der Handelsbilanz her, die für Russ-
land auch gleichzeitig eine Zahlungsbilanz ist, geht aus der
Tatsache hervor, dass der russische Aussenhandel im Wirt-
schaftsjahre 1924/25 mit einem Passivsaldo von 150 Mill.
Rubel schloss und in den ersten fünf Monaten des Wirt-
schaftsjahres 1925/26 (1. Okt. 1925 bis 1. März 1926). mit
einem Passivsaldo von 68,7 Mill. Der Bestand der Staats-
dank an Devisen und KEdelmetallen verringerte sich vom
l. Okt. 1925 bis 1. März 1926 von 289,1 Mill. auf 244,6
Mill. Rubel. Die Notendeckung dagegen ist von 266,8 Mill.
Rubel am 1. Jan, 1926 auf 230,1 Mill. am 1. April 1926
zurückgegangen.

Es soll hier die Aufnahmefähigkeit des russischen Mark-
tes für Landmaschinen gezeigt werden. In der Zeit von
1910 bis 1914, als der russische Markt pro Jahr für rund
125 Mill. Rubel landwirtschaftliche Maschinen und Geräte
aufnahm, von denen durchschnittlich für 55 Mill Rubel
importiert wurden, ergab die vom Zentralstatistischen Ko-
mitee des Ministeriums des Innern angestellte Untersuchung
bezüglich des Grades der Versorgung der russischen Land-
wirtschaft mit landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten
folgendes Resultat:

Es wurden registriert:
Ackergeräte.

Im Jahre 1910 waren eiserne Pflüge und
andere moderne Ackergeräte vorhanden
den folgenden vier Jahren wurden
durchschnittlich pro Jahr verkauft .
Beginn des Jahres 1915 wurden fest-
gestellt... .

zu

Eggen.

Im Jahre 1910 waren eiserne Eggen und
andere moderne Geräte zur Auflocke-
rung des Bodens vorhanden . . ..
den folgenden vier Jahren fanden durch-
schnittlich 290000 Stück pro Jahr Ab-
satz = . .

in

6500 000 Stück
3600000
10100000 ,,

1160000 Stück

1 160 000
        <pb n="22" />
        zu Beginn des Jahres 1915 wurden also
zusammen... ..
gezählt,
Sämaschinen.
1910 wurden festgestellt . . . .
in den nächsten vier Jahren wurden dem
Markte durchschnittlich 100000 Stück
pro Jahr zugeführt, also zusammen. .,
Beginn des Jahres 1915 waren dem-
ZeEMÄSS 2.1 4 44 750000 ,,
vorhanden, und es kam eine Sämaschine auf 32 Wirt,
schaften.
Erntemaschinen.
Ihre Zahl belief sich im Jahre 1910 auf .
in. den „folgenden vier‘ Jahren wurden
durchschnittlich pro Jahr 155000
Stück abgesetzt = . 2... 0...
insgesamt waren zu Beginn des Jahres
1915 vorhanden ....... . . 1431000 »
es kam also eine Erntemaschine auf 16 Wirtschaften.

2320 000 Stück

000 Stück

zu

811 000 Stück

Dreschmaschinen.
Davon waren 1910 vorhanden . . ..
12,3% mit Handantrieb, 83,50% mit
Göpelantrieb, 4,2% mit Dampfantrieb.
In den folgenden vier Jahren wurden ver-
kaufß 1
zu Beginn des Jahres 1915 wurden also
gezählt ....0.00+00000+.. 898000 ,
so dass eine Dreschmaschine auf 25 Bauernwirtschaf-
ten. kam.

658 000 Stück

Getreideschwingen

Im Jahre 1910 wurden gezählt . . ..
der grösste Teil bestand aus solchen
einfacher Bauart; Sortiermaschi-
nen und moderne Getreide-
schwingen machten einen
zanz geringen Prozentsatz
aus.

[n. den folgenden vier Jahren wurden dem
Markte zugeführt ........
davon 3% moderne komplizierte Ma-
schinen.

2.000 000 Stück

360 000
        <pb n="23" />
        Zu Beginn des Jahres waren also Vor-:
handen . 2 360 000 . Stück
Grasmäher und Pferderechen.
Grasmäher Pferderechen
1910 vorhanden . ...... . 200000 250000 Stück
in den nächsten 4 Jahren abgesetzt 240000 240000 ,,
‘insgesamt 1915 vorhanden . . . . 440000 490 000
so dass durchschnittlich ein Pferderechen oder ein Gras-
mäher auf 50 Wirtschaften entfiel.

Will man hiernach den gegenwärtigen Bedarf an land-
wirtschaftlichen Maschinen und Geräten in der Sowjet-
union richtig abschätzen, so ist in Betracht zu ziehen, dass
1914 die gesamte Ackerfläche 108 Mill. Desjatinen, Wiesen-
land rund 36 Mill. Desjatinen umfasste und die Anzahl
der Bauernwirtschaften 22,4 Mill. betrug, während das
Ackerland jetzt 90% der Vorkriegsfläche umfasst, also
etwa 97 Mill. Desjatinen. Des weiteren muss man wissen,
dass im Jahre 1924 nur etwa 77% der Vorkriegsanbaufläche
bestellt wurden, also im ganzen etwa 75 Mill. Desjatinen.
Durch die Lostrennung der Randstaaten, die in bezug
auf landwirtschaftliches Inventar immerhin besser gestellt.
waren, gestaltete sich die Versorgung 1915 auf dem Ge-
biete, das den jetzigen Grenzen der Union entspricht,
folgendermassen:

I

Pflüge u. Hackpflüge
Diverse Eggen . .
Sämaschinen . .
Erntemaschinen .
Dreschmaschinen
Grasmaschinen .

Anzahl
rund

18600000
20500000,
840000)
1200000:
760000:
390000

Anzahl der
Jesjatinen,
auf die ein
Gerät ent-
fällt

du

ir“

3)
94

Anzahl der
Wirtschaf-
‚en, auf die
ein Gerät
kommt

55

Bemer-
kungen

Die Gesamt-
anbaufläche
wurde ange-
nommen mit
37 Mill.Desj. m.
34 Mill. Wiese u..
Zahl d. Bauern-
Wirtschaften
mit 20 Mill.
Mit Ausbruch des Weltkrieges ging die Inlandsproduk-
tion. erheblich zurück. Die einheimischen Werke erzeugten:
1915 für 30 120 000 Rubel oder 50% der Vorkriegsproduktion,
1916 für 12 286 000 Rubel oder 20% der Vorkriegsproduktion,
1917 für 10 000 000 Rubel oder 15%o der Vorkriegsproduktion,
insgesamt also für 52406000 Rubel oder 85% der Vor-
kriegsproduktion.
        <pb n="24" />
        Während der Zeit von 1918 bis 1921 lag der Bau. von
Landmaschinen still; denn in den Gebieten, wo sich die
Hauptwerke des Landmaschinenbaues befanden. (Südruss-
land und Ukraine), wütete der Bürgerkrieg. Die Bauern-
schaft erhielt zu jener Zeit aus requirierten Beständen oder
von aufgelösten Besitztümern landwirtschaftliches Inven-
tar, das einen Wert von 45516039 Rubel repräsentierte.
Von 1915 bis Ende 1921, innerhalb sieben Jahren, wurden
der Bauernschaft also soviel landwirtschaftliche Maschi-
nen und Geräte geliefert, wie diese Wirtschaften in einem
Vorkriegsjahr aufnahmen.

1922 und 1923 machte dıe Sowjetregierung alle An-
strengungen, die Landmaschinenbauanstalten in Gang zu
bringen, ausserdem wurden landwirtschaftliche Maschinen
aus dem Auslande importiert.
Die Bauernschaft erhielt
im Wirtschaftsjahre 1921—1922 (1. 10. 21
bis 30. 9. 22) von inländischer Pro-
duktion für . . 0.00.0000. 4 4 44
im Wirtschaftsjahre 1922—1923 (1. 10. 22
bis 30. 9. 23) . . 2... + + ++ 11700000 ,,
insgesamt für . . . 18550000 Rubel
importiert wurden in diesen 2 Jahren für 10000000 ,,
zusammen. . . . 28 550 000 Rubel.
Dieser Betrag zusammen mit dem Wert des landwirtschaft-
lichen. Inventars, das den Bauernwirtschaften während der
Jahre 1915—1921 zur Verfügung gestellt wurde, ergibt
zusammen 126472039 Rubel; also in neun Jahren,
von 1915 bis 1923, erreichte der Wert eine
solche Höhe, dass die jährliche Amorti-
sation nicht gedeckt werden könnte; denn
nach knappen Berechnungen betrug zu Beginn des Jahres
L915 der Gesamtwert der im Besitz der Bauernschaft  be-
findlichen landwirtschaftlichen Maschinen und Geräte
1000000000 Vorkriegsrubel, und wenn. eine durchschnitt-
liche Dienstleistung der Landmaschinen von 15 Jahren zu-
grunde gelegt wird, so ergibt sich eine jährliche
Amortisation von 66 Millionen Rubel. Da je:
doch infolge der Bildung der Randstaaten etwa 15% des
Wertes zu streichen. sind, ist das landwirtschaftliche In-
ventar von 1915 auf der jetzigen Fläche der Sowjetunion
mit 850 Mill. Rubel anzunehmen, und die jährliche Kr-
gänzungslieferung müsste 55 Mill. Rubel betragen, das sind
21
        <pb n="25" />
        innerhalb neun Jahren für 495 Mill, Rubel. Bekommen hat
die Bauernschaft in der Zeit von 1915 bis 1923, also in neun
Jahren, nur für 126 Mill., weshalb die nicht gelieferte Menge
im Werte von 369 Mill. Rubel (495 — 126) von dem abge-
nutzten landwirtschaftlichen Inventar (850 Mill. Rubel)
abzurechnen ist. Das im Wirtschaftsjahre 1923/24 vor-
handen gewesene landwirtschaftliche Inventar kann man
also mit etwa 500 Mill. Rubel ansetzen. Da dieses In-
ventar sich in ziemlich abgewirtschaftetem
Zustande befindet, müssen mindestens 10%
Abnutzungswert berechnet werden. Infolge-
dessen müsste, um das landwirtschaftliche
Inventar auf der gleichen Höhe der Lei-
stungsfähigkeit zu erhalten wie 1923/24, das-
selbe jährlich mit mindestens etwa 50 Mill
Rubel ergänzt werden. Darüber hinausgehende An-
schaffungen würden. schon eine Vergrösserung des landwirt-
schaftlichen Inventars bedeuten.

1923/24 wurden auf den staatlichen
Fabriken für rund .. . . . .. 4 . 16400000 Rubel
zebaut, auf den übrigen für. ..... 1600000

zusammen für rund . . . 18000000 Rubel
importiert wurden im Wirtschaftsjahre
1923/24 für ° ..0.'..00.00.0... 5000000 ,
Die Bauernschaft erhielt also insgesamt für
a „ „ . 23000 000 Rubel.

Im Wirtschaftsjahre 1924/25 wurde auf
den staatlichen Fabriken ohne Traktoren-
bau für. . .0.0..0.0....0.0. 0.0 +. , 38000000 Rubel
hergestellt, auf den übrigen für. . . .,4000000
insgesamt für ........ . . . 42000000 Rubel
Zusammen mit dem geplanten Import von 20000000 ,,
sollte also für. ..........62000000 ,
land wirtschaftliches Inventar geliefert werden.

In den beiden Wirtschaftsjahren 1923/24 und 1924/25
sollten Inlandproduktion und Import zusammen etwa 85 Mill.
Rubel betragen, d. h. so viel, wie zur Ergänzung des abge-
nutzten Inventars erforderlich wäre. Eine Vergrösserung
des vorhandenen Bestandes kam daher nicht in Frage.

Selbstverständlich bleibt auch gegenwärtig das Angebot
weit hinter der Nachfrage zurück, obwohl der ursprüngliche
Importplan für 1925/26 bedeutend erweitert worden ist und
        <pb n="26" />
        Firma

Rheinmetall
R. Bächer
R. Bächer
Sack
Eckert
Krupp
Intern. Erntemasch,
Fabr. (U.S. A.)

Gegenstand

Pflug S.P. 6
Kultivator „Planet“ Nr. 8
Kultivator „Planet“ Nr. 12
Pflug UW 7
Pflug WPRS5
Srasmäher 4!/2 Fuß

Grasmäher 8!/, Fuß

Preis in
Dollar
franko

Werk

5,20
9,25
4,80
13,50
9,82
59 —

59,50

Preis in
Rubel

10,40
18,50
9,60
27,—
19,64
124.—

119.—

Aufschläge:
Handels-
zertretung
8%
Versiche-
rung 1%
Fracht- u.
Zollspesen
Zollab-
Fertigungs-
Spesen usw.

2,67 Rub.
5,27
218 „
7,75
3,24
33,98
3498

Aufschläge in
9% für Aus-
zleichsabgaben
Organisations-
spesen, Ver-
sicherung des
Rubels gegen
Kursschwan-
kungen, Ka-
italverzinsung
unvorher-
gesehene
Spesen usw.

11%
11%
11%
11%
11%

99%

L0%/Z

Einkaufs-
preis franko
russischer
Hafen ein-
schliesslich
83% Gewinn

für
Gostorg

in Rubel
15,80
28,50
14,—
11,75
27,50

186,:—

182,—
        <pb n="27" />
        die Absicht bestand, der Bauernschaft für 25 Mill. Land-
maschinen ausländischen Ursprungs zu liefern, dazu kam die
mit 76 Mill. Rubel veranschlagte Inlandsproduktion, so dass
die Bauernschaft insgesamt für 131 Mill. Rubel erhalten.
sollte. Doch auch dieses Programm entsprach nicht der
Nachfrage; denn der Aufstellung dieses Planes hatte man
die Nachfrage des Jahres 1924 zugrunde gelegt, nicht
aber die im Jahre 1925 infolge der guten Ernte eingetretene
Steigerung. So entsprach z. B. die Bereitstellung von
20000 Traktoren im Werte von 26 Mill. Rubel, die einen
Teil des erwähnten Plans bildete, nur den seitens der
Bauern im Herbst 1924 und im Frühjahr 1925 erfolgten,
Anmeldungen. Von 5500 vom Sselskosojus (Verband land-
wirtschaftlicher Genossenschaften) angeforderten Traktoren
konnten nur 300, d. h. 5,5%, geliefert werden (Bericht der
„Prawda“ von 15. Oktober 1925). Die Nachfrage nach
Pflügen konnte im Jahre 1924 mit 65% gedeckt werden und
etwa 30% der verlangten Menge Sensen wurden geliefert.
Ueber den Verkauf der vorhandenen Mähmaschinen ent-
3chied das Los,

Den zentralen und lokalen Vertrieb von landwirtschaft-
lichen Maschinen und Geräten bewerkstelligen folgende Ur-
ganisationen, die vollständig unabhängig voneinander sind:
Gosselssklad, Sselmasch, Sselskosojus und Gostorg. Gos-
selssklad ist eine Organisation des Landwirtschaftlichen
Kommissariats, Sselmasch eine Organisation des Obersten
Volkswirtschaftsrates, Sselskosojus eine kooperative ‚Organi-
sation und Gostorg untersteht dem Aussenhandelskom-
missariat.

Die Kalkulation der durch den Gostorg im Wirtschafts-
jahre 1924/25 importierten Landmaschinen zeigt neben-
stehende Tabelle.

Wie die Vebersicht zeigt, erhöhen sich die Preise für
die importierten Landmaschinen infolge der Planwirtschaft
um etwa 50%. Ueber die Aufschläge, die noch hinzu-
kommen, bevor die Maschinen den letzten Verbraucher er-
reichen, kann nichts Bestimmtes gesagt werden; da die
Preisstellung — wie dies selbstverständlich ist, wenn die
auf den Markt kommenden Maschinen Raritätenwert be-
sitzen. — willkürlich erfolgt. Dabei nähern sich die Preise
für Maschinen inländischer Fabrikation stark den Preisen
für die entsprechenden importierten Maschinen.

Unter dem geschilderten wirtschaftlichen Druck, der
von der Bauernschaft ausgeht, und der den gesamten Aus-
        <pb n="28" />
        fuhrplan zunichte gemacht hat, wird sich das. unerschütter-
lichste Bollwerk kommunistischer Wirtschaft, das Aussen-
handelsmonopol, eine kräftige Wandlung gefallen lassen
müssen, und wenn nicht alle Anzeichen trügen, wird die
Sowjetregierung genötigt sein, der russischen Bauernschaft
endlich die Möglichkeit zu geben, durch ihre Konsum-
genossenschaften ihren Bedarf im Auslande selbst ein-
zukaufen; denn die Befreiung der russischen Bauernschaft
von der staatlichen Bevormundung ist der einzige Ausweg
aus der verzweifelten Lage, in der sich die russische Volks-
wirtschaft befindet, und die dadurch gekennzeichnet wird,
dass sogar in der privilegierten staatlichen Grossindustrie
die Produktion im Mai dieses Jahres gegenüber dem April
um 11,4% zurückgegangen ist.
        <pb n="29" />
        a
\
VINDRRS

Die sowjetrussische Kohlenindustrie und
die eisenschaffende Industrie

Von Dr. Melkich, Dozent am Russischen Wissen-

schaftlichen Institut, Berlin.

Eisen und Kohle bilden die Grundlagen des modernen
Industriestaates, und da der sozialistische Staat dem
Leninismus zufolge nur ein industrieller Staat sein kann, so
ist es verständlich, dass der Kohlenbergbau und die eisen-
schaffende Industrie Gegenstand der Sorgen der Sowjet-
wirtschafter sind. „Ohne die Rettung der Schwerindustrie“
— sagte Lenin auf dem Kongress des Komintern im
Dezember 1922 — „ohne ihre Wiederherstellung können. wir
keine Industrie aufbauen. Ohne sie werden wir überhaupt
aufhören, ein unabhängiges Land zu sein. Wir alle wissen,
dass Russland nicht nur eine gute Ernte in der Landwirt-
achaft braucht, und nicht nur der Produktionsapparat der
Leichtindustrie muss sich in gutem Zustande befinden,
dass der Bauer mit dem Nötigen versorgt wird, das wäre
ja wenig, aber wir brauchen eine Schwerindustrie. Die
Schwerindustrie jedoch benötigt staatliche Subventionen;
bringen wir dieselben nicht auf, so werden wir als zivilisier-
ter Staat — ich spreche schon nicht von einem sozialisti-
schen — nicht bestehen können.“ (Siehe gesammelte Werke
Lenins Band 18 Seite 95.)

Als Testamentsvollstrecker Lenins scheuen die Leiter
der sowjetrussischen Wirtschaftspolitik weder Mühe noch
Kosten zur Wiederherstellung der Schwerindustrie. In
Jiesem Zusammenhang genügt es, auf die Tatsache zu
verweisen, dass im Staatsbudget für das Jahr 1925/26
Subventionen in Höhe von 109 Mill. Rubel vorgesehen sind,
während im vorhergehenden Jahre die Subventionen für die
gesamte Industrie 99 Mill. Rubel nicht überstiegen. Aber
die Erfolge der Wiederherstellung sind nicht so auffallend,
dass einerseits die Theoretiker des Leninismus, die von
        <pb n="30" />
        der „Amerikanisierung“ Russlands träumen, von ihnen ent-
zückt wären und sie andererseits auch den gewöhnlichen
Sterblichen erfreuten, der an keine Amerikanisierung denkt.
Weit schmerzlicher als die Lenker der Schicksale des mo-
dernen Russlands empfindet die Wirtschaft die Teuerung
und den Mangel an den allernotwendigsten Gebrauchs-
gegenständen, der auf die unzureichende Gewinnung von
Metallen und Brennstoffen zurückzuführen ist. Nach den
Berechnungen der Bevollmächtigten Kommission des Rates
für Arbeit und Verteidigung, in deren Händen die Regu-
lierung des Marktes für Baumaterialien ruht, fehlen z. B.
für Häuserbau und Reparaturen etwa eine Million Pud
Tafelblech und eine Million Pud Fassoneisen. Noch emp-
findlicher macht sich der Mangel an Kleineisenerzeugnissen
bemerkbar, die von der Bauernschaft sehr gefragt sind,
Der ganze Umfang dieses Mangels lässt sich ziffernmässig
nicht feststellen, jedenfalls aber vermitteln nachstehende
Zahlen über die gegenwärtige Steinkohlengewinnung‘ und
Erzeugung von Eisen im Vergleich zur Vorkriegszeit eine
ziemlich deutliche Vorstellung von dem herrschenden Brenn-
stoff- und Metallhunger, welcher nach der Meinung Lenins
selbst Russland nicht nur als sozialistischen, sondern‘ sogar
als zivilisierten Staat dem Untergange preisgibt. :
In 1000 Tonnen:

Jahr

Steinkohlengewinnung Roheisengewinnung
absolute | in % absolute 7 in %
Zahlen zu 1918 Zahlen zu 1918
1918 29.055 100 4.206 100
(920/21 7.738 27 116 2,7
921/22 10.185 35 172 4,1
1922/28 11.989 41 300 7,1
1923 /24 15.778 54 681 | 15,7
1924/25 16.057 55 1.304 31.0

Jahr |

Martinstahlerzeugung
absolute | in 9%
Zahlen zu 1912

Walzwerkserzeugnisse
absolute | in %
Zahlen zu 1913
1918 4.277
1920/21 172
1921/22 818
1922/28 615
1928,24 993 |
1924,25 1.864

100 3.509
4.1 158
7,5 259
14,5 474
28,4 | 690
44.0 1.334 |

100
4,3
7,4

18,5

19,7

38.0
        <pb n="31" />
        Die „Ekonomitscheskaja Shisn“ stellt unterm 13. Juni
1926 in Nr. 134 mit Befriedigung fest, dass die Schwer-
industrie im Wachstum die anderen Industriezweige über-
holt, und sieht in dem ‚„vorauseilenden Wachstum der
eisenschaffenden Industrie das wichtigste Merkmal dafür,
dass das Land sich wirklich erholt und allmählich ein
neues wirtschaftliches Gebäude auf sicherer Grundlage er-
cichtet wird.“ — Es erscheint uns doch recht bedenklich,
aus den voraufgeführten, einer Halbmonatsschrift der Han-
delsvertretung „Die Volkswirtschaft der Sozialistischen
Sowjet-Republiken“ (Nr. 9 bis 10) entnommenen Zahlen
Solche in höchstem Grade optimistischen Schlüsse zu ziehen.
Im übrigen neigen die sowjetrussischen Publizisten sehr
dazu, Zukunftspläne zum Ausgangspunkt ihrer Betrach-
tungen zu machen, die dann von ihnen schlechtweg als
reale Tatsachen hingenommen werden. Sehen wir uns
einmal im folgenden diese Pläne näher an:

1925 28
1926/27
1927/28
1928/29 |
1929/80

Jahr

Steinkohlen-! Roheisen-
gewinnung gewinnung

Rohstahl-
gewinnung

ause "on
25.200 2.811 2.950
30.300 8.115 | 8.582
35.100 - 3.964 | 8.797
39 300 —
43.500

Walzwerks-
erzeugnisse

BB
2.197
2.623
3.0°6

Es ist hier zu fragen, ob diese Pläne sogar in der
nächsten Zukunft von Bestand sein werden; denn z. B.
wurde der Produktionsplan von Jugostal (Südstahltrust)
für das laufende Jahr dreimal geändert, als Folge dessen
sich eine Verminderung der Roheisenerzeugung um 7,5%,
Rohstahlgewinnung um 6,5% und Walzwerkserzeugnisse um
9,2% zeigte. Unter solchen Verhältnissen erscheint es zum
mindesten verfrüht, mit vorweggenommenen pPlanmässigen
Zahlen wie mit realen Tatsachen zu operieren. Eine Unter-
suchung jener Bedingungen, unter denen gegenwärtig und
wahrscheinlich noch auf lange Zeit hinaus der Stein-
kohlenbergbau und die eisenschaffende Industrie der Union
werden arbeiten müssen, überzeugt nur noch mehr davon,
mit welcher Vorsicht die Prognose der sowjetrussischen
Publizisten aufzunehmen. ist.

Das Programm des Aufbaues der Steinkohlenindustrie
nach dem Voranschlag des ‚„Gosplan“ (Staatl. Plankom-
        <pb n="32" />
        mission) umfasst vornehmlich das Donezbecken, welches
auch vor dem Kriege der Hauptlieferant von Steinkohle war:
Im Jahre 1916 erreichte die Förderung dort 300 Mill. Tonnen.
Das Programm für das Jahr 1925/26 sieht eine Produktion
von 1197 Mill. Pud vor, d. h. 19,6 Mill. Tonnen Steinkohle,
also das Maximum dessen, was sich bei dem jetzigen Zu-
stande der Grubenausrüstung und den derzeitigen Vor-
bereitungsarbeiten .aus dem Donezbecken herausholen lässt.
Die weitere Steigerung der Förderungsleistung verlangt
jedoch die Erschliessung neuer Gruben, wobei wiederum
die Frage des Baues von Bergarbeiterwohnungen ‚auftaucht
und die Notwendigkeit der Anlegung von Anschlussgleisen
usw. In welchem Grade der Plan des Aufbaues der Stein-
kohlenindustrie im Donezbecken auf der Anlegung neuer
Gruben fusst, geht aus folgenden Zahlen hervor:

Die Gewinnung von Steinkohle nach dem Voranschlag
des Gosplan; in Mill. Pud (1 Pud = 16,88 kg):
Jahr

}

1926,27
927 28
1928,29 |
1929/80

Gesamtgewinnung

1.560
1.840
2.060
9 950

Gewinnung auf den alten
Gruben

1.234
1.389
1.418
1.438

Das Bestreben der Leiter der Sowjetwirtschaft, die
Förderleistung der Steinkohlenzechen zu steigern, wird durch
keine Vervollkommnung der mechanischen Hilfsmittel unter-
stützt; der grösste Teil der Produktion soll auf den speziell
nur zur Verbreiterung der Basis angelegten primitiven
Gruben durchgeführt werden. Es ist beabsichtigt, die Aus-
rüstung dieser Gruben aus früheren, teilweise stillgelegten
Gruben zusammenzustellen. Von solchen primitiven Gruben
arbeiten bereits beim „Donugol“ (Donkohle) 125 und bei
„Jugostal“ 9. Selbstverständlich liefern diese Gruben vor-
wiegend. schlechte, tertiäre Kohle, die für die Hütten-
industrie nicht verwendbar ist, und auch in quantitativer
Hinsicht wird eine befriedigende Leistung nicht erzielt,
Zur Durchführung des ins Auge gefassten
Programms und sogar um die Förderung von
Steinkohle auf der jetzigen Höhe zu erhal-
ten, ist die Anlegung neuer, modern aus-
gerüsteter Gruben notwendig, eine Mass-
X)
        <pb n="33" />
        nahme, die seit Aufrichtung der Sowjet-
regierung in Russland unterblieben ist. In-
des verlangt die Inbetriebsetzung solcher
Gruben nach den Berechnungen der Brenn-
stoffsektion des Gosplans sehr erhebliche
Kapitalinvestitionen, und zwar im Zeit-
raum von 1926/28 insgesamt bis 377,9 Mill.
Rubel, von denen etwa 158,9 Mill Rubel zum
Bau von Bergarbeiterwohnungen erforder-
lich wären. Es ist kaum anzunehmen, dass
die Sowjetregierung derartige Summen aus
eigenen Ressourcen aufbringen wird; ob es
ihr gelingen wird, ausländische Kredite in
der gewünschten Höhe zu erhalten, mag da-
hingestellt bleiben.

Das Programm der Steinkohlenförderung in anderen
Bezirken, wie Submoskauer, Uraler und Kusnetzki-Bezirk,
ist für die nächste Zukunft ohne Bedeutung. Der Sub-
moskauer Bezirk, vornehmlich Braunkohle liefernd, ebenso
der Uraler, haben nur lokale Bedeutung; sie können nur
die Nachfrage nach Donkohle teilweise ablenken. Die Ent-
wicklung der Kohlengewinnung im Submoskauer Bezirk,
welche man bis auf 62 Mill. Pud zu steigern hofft, wird
kompliziert durch einen Umstand, der für die Sowjetwirt-
schaft sehr charakteristisch ist: es ist nämlich noch kürz-
lich in diesem Gebiet infolge des Ueberflusses an Don-
kohle eine Reduzierung der Produktion durchgeführt wor-
den. Was nun den Uralbezirk anbelangt, so werden auch
hier nicht die Sorten gewonnen, welche die Hüttenindustrie
braucht, der eine Liefermenge von 81 Mill. Pud Roheisen
vorgeschrieben. ist. Ein derartiger Umfang der Hütten-
produktion schliesst natürlich die Verwendung von Holz-
feuerung vollkommen aus; denn einesteils ist die Be-
schaffung der erforderlichen Holzmengen laut „Ekonomi-
tscheskaja Shisn“ Nr. 121/1926 kaum zu verwirklichen in-
folge der Erschöpfung der Holzvorräte (Südural), anderer-

seits aber wegen der in allen Zweigen des Wirtschaftslebens
der Union herrschenden Unordnung. Der ganze Plan der
sowjetrussischen Wirtschafter baut daher auf fortschreiten-
der Entwicklung der Steinkohlengewinnung in dem kohlen-
reichen Kusnetzki-Becken im südlichen Teil des Tomsker
Gouvernements, bezüglich dessen. seit langem eine Ver-
bindung mit den Hüttenwerken des Urals beabsichtigt ist.
Man darf jedoch nicht übersehen, dass das Kusnetzki-
        <pb n="34" />
        Becken. in keiner Weise zur Exploitierung vorbereitet ist,
weshalb auch eine Kohlengewinnung von 130 bis 140 Mill.
Pud, wie für das Wirtschaftsjahr 1926/27 geplant, voll-
ständig undurchführbar ist. Die Entwicklung der Stein-
kohlengewinnung im Kusnetzki-Becken, entsprechend sei-
nen gewaltigen Reichtümern, ist Zukunftsmusik, — Auf
diese Weise stellt sich der Durchführung des vorberegten
Programms der Wiederherstellung und Entwicklung. der
Hüttenindustrie allein in der ungelösten Brennstoffrage
ein ernstes Hindernis entgegen. Aber auch innerhalb der
Hüttenindustrie selbst sind recht bedenkliche Erscheinungen
festzustellen, die ihrer weiteren Entwicklung im Wege stehen
und die den Sowjetwirtschaftern einen Strich durch die
Rechnung machen. Wie sich nämlich her&amp;usstellt, musste
das Programm der eisenschaffenden Industrie schon im
November vorigen Jahres wegen der gespannten. finanziellen
Lage der Union bedeutend reduziert werden; das Programm
wurde im ersten Halbjahre dieses Wirtschaftsjahres nur
in einem Umfange von 85% durchgeführt, und der Wert
der Ausbeute pro Mann, der sich programmgemäss auf
158 Vorkriegsrubel belaufen sollte, betrug in Wirklichkeit
nur 129,93 Rubel oder 820% des Programms. Die pro-
grammässige Belegschaft von 344900 Mann dagegen er-
reichte im 2. Quartal 354560 Mann. Der Arbeitslohn
von 57 Rubel im Monat, laut Programm, erreichte 57,17
Rubel (siehe „Ekonomitscheskaja Shisn‘“ Nr. 134 vom
13. Juni 1926) *). — Auf den einzelnen Werken zeigt sich
eine weit stärkere Abweichung vom Programm, insbesondere
in bezug auf die Selbstkosten der Produkte. So beträgt
z. B. auf den Uraler Werken die Steigerung der Kohlen-
gewinnungskosten im Vergleich zum Voranschlag 41,1%,
und gegenüber dem vorhergehenden Jahre 29,6%. Auf
dem Kramatorski-Werk beträgt die Steigerung der Selbst-
kosten im Vergleich zum Programm bei Martinroheisen
10,8%, Martinstahl 5,2%, Fassoneisen 15,8%. Beim Jugo-
stal stiegen die Selbstkosten für Schienen im Vergleich zum
Programm um 22%, für Martinroheisen um 7,1%, für
Martinstahl um 80%, für Fassoneisen um 14,7%. (Siehe
„Ekonomitscheskaja Shisn“ Nr. 111 vom 16. Mai 1926.)
*) Aus diesen Zahlen geht hervor, dass dem Wert der
Ausbeute pro Mann in einem halben Jahre von 129,93 Rubel
ein Arbeitslohn von 57,17 X 6 = 3438 Rubel gegenübersteht;
Wir geben diese Zahlen unter Vorbehalt wieder.

Die Schriftleitung.
31
        <pb n="35" />
        Mit einem Wort, das Programm der eisenschaffenden
Industrie blieb — selbst in den Grenzen des ersten Halb-
jahres — unausgeführt, aber die sowjetrussischen Wirt-
schaftsführer glauben trotzalledem, dass sich die Entwick-
lung der sowjetrussischen Hüttenindustrie den von ihnen
aufgestellten Plänen entsprechend gestalten wird. Hier
scheint der Wunsch der Vater des Gedankens zu sein. Wie
selbst die „Ekonomitscheskaja Shisn“ konstatiert (Nr. 137
vom 17. Juni 1926), „ist die eisenschaffende Industrie
in diesem Jahre bereits bis an die Grenze ihrer Leistungs-
fähigkeit belastet, und die weitere Produktionssteigerungt
und Schaffung der notwendigen Reserven ‚erfordert be-
deutende Kapitalinvestitionen.“ Nach der Erklärung Dser-
shinskys auf der Sitzung der Verwaltung des Jugostali
sollen die Mittel hierzu „innerhalb der Trusts aufgebracht
werden, denn auf neue Assignationen ist nicht zu rechnen“.
(„Ekonomitscheskaja Shisn“ Nr. 118 vom 25. Juni 1926.)

Woher sollen aber die Mittel „innerhalb der Trusts“
genommen werden, wenn deren Arbeit überhaupt wenig
produktiv ist, was ganz eindeutig festgestellt wurde durch
eine besondere Kommission, die zwecks Untersuchung der
Tätigkeit des Jugostaltrusts. eingesetzt wurde. Wir be-
ziehen uns in diesem Falle auf das Zeugnis des Vor-
sitzenden dieser Kommission, Meschlauk, und der Werks
direktion, die seinen Bericht ergänzt hat. („Ekonom. Shisn“
Nr. 113, 118, 122/1926.)

Nach ihrer Aussage sprechen‘ bei der Nichterfüllung]
des Programms des laufenden Jahres ausser der Reform-
vedürftigkeit der Werksausrüstung, der verzögerten Liefe-
rung der bestellten Ausrüstung und der unvorhergesehenen
Steigerung der Materialkosten und allgemeinen Handlungs-
unkosten noch Gründe anderer Art mit, wie z. B. die Steige-
rung der Verbrauchsnormen, wie sie sich bei der Ge-
winnung von Roheisen zeigt. Anstatt 1,2 Pud, wie das
Programm vorsieht, wurde 1,3 Pud Koks verbraucht; ferner
‚ässt die Disziplin innerhalb der Arbeiterschaft nach, woraus
sich allerlei Uebelstände ergeben, zu denen auch das will-
kürliche Fernbleiben von der Arbeitsstätte gehört oder das
Erscheinen in angetrunkenem Zustande usw. — Die schwer-
wiegendsten Umstände jedoch, zumal solche, die organisch
verbunden sind mit dem gesamten Sowjetregime und des-
halb am schwersten zu beseitigen, sind: Bürokratismus der
Verwaltungen, Mangel an qualifizierten Arbeitern und tech-
nischem Personal, letzterer beläuft sich allein für Jugostal
        <pb n="36" />
        auf 150 Ingenieure, endlich Veberlastung der Werks-
yerwaltungen mit unfruchtbarer Rechnungslegung und En-
queten aller möglichen Art, die das technische Personal
seiner wirklichen Aufgabe entziehen. Die Rechnungs-
legung des Stalinschen Kombinats wog nicht weniger als
22 Pud!

Die Konsequenzen dieser Verhältnisse liegen auf der
Hand; es besteht keine Aussicht, die papiernen Projekte,
die die sowjetrussischen Wirtschaftsführer urbi et orbi
bekanntmachten, auf irgendeine Weise zu verwirklichen.
Daran wird auch die kürzlich erlassene Verfügung des
Rates für Arbeit und Verteidigung vom 18. Februar 1926
über „Steigerung der Arbeitsleistung“ nichts ändern, die
Massnahmen zur „Hebung der Disziplin der Arbeiterschaft“,
„Beseitigung der wahllosen Versetzung und Entlassung der
Angestellten“, „Hebung der Autorität des untergeordneten
technischen Personals“ usw. empfiehlt. Es bleibt nur übrig,
zu konstatieren, dass, wenn Lenin mit seiner Prophezeiung,
dass Russland ohne Schwerindustrie nicht nur als sozialisti-
scher, sondern auch als zivilisierter Staat verkümmern
müsse, recht behielte, diese Gefahr ungeachtet aller Be-
mühungen der Leiter der Sowjetwirtschaft bis jetzt keines-
wegs abgewendet ist.
        <pb n="37" />
        DC

'

N ZN

Querschnitt der sowjetrussischen Wirtschaft
Von Dipl-Ing. W. A. Burg, Berlin.
Der russischen Planwirtschaft ist es noch immer nicht
gelungen, die Warenzirkulation in Sowjetrussland in Fluss
zu bringen, denn es türmen sich die Hindernisse in Gestalt
äbermässig hoher Preise für Industrieprodukte, minder-
wertiger Qualität derselben und unzureichender Erzeugung,
Unfähigkeit des staatlichen Handelsapparates, die von der
staatlichen Industrie hergestellten Güter dem Verbraucher
zuzuführen und die Bauernschaft zur Hergabe der land-
wirtschaftlichen Produkte zu veranlassen. Dieser Schwierig-
keiten kann man nicht Herr werden, ganz abgesehen von den
bei den staatlichen Handelsorganisationen und Kooperativen
herrschenden. Missbräuchen, ‚zufolge deren die schon in der
Produktion zu teuren Waren mit weiteren exorbitant hohen
Spesen belastet werden und so einen Verkaufspreis von
phantastischer Höhe erklimmen. Die „Handels- und In-
düustrie-Zeitung“, das Organ des Obersten Volkswirtschafts-
rates, schreibt in Nr. 158 vom 14. Juli 1926: „Durch
spezielle Untersuchung des Handelskommissariats wurden
zahlreiche Fälle des Verkaufs aus dem Auslande importierter
Waren an Privatpersonen festgestellt, welche letzteren ihrer-
zeits wieder diese Waren an staatliche Organisationen mit
bedeutenden Aufschlägen verkaufen. So hat das Samarer
Kontor des Awtopromtorg für 40000 Rubel Metallwaren an
Privathändler abgegeben, welche schliesslich wieder bei den
staatlichen kooperativen Organisationen mit einem Aufschlag
        <pb n="38" />
        von 100% landeten. Ferner hat die. Leningrader Arbeiter-
Kooperative einen Teil ihres Bestandes an Metallwaren und
Werkzeugen an Privathändler mit einem Aufschlag von 100
bis‘ 150% verkauft usw.“ Die gleiche Zeitung berichtet in
Nr. 160 vom 16. Juli 1926: „Eine Untersuchung der Handels-
organisation der Ukraine ergab, dass der grösste Teil der
Konsumgenossenschaften an Privathändler verkauft und bei
Abgabe einzelner knapper Wa.engattungen bedeutende Auf-
schläge erfolgen. Dieselben betragen bei Blechtafeln, Tafel-
glas, Sohlenleder und Manufakturwaren 50 bis 60% der Ein-
standskosten.. Z. B. wurde von der Bezirkskooperation
Tafelglas bei einem Grundpreise von 51 Rubel pro Kiste
plus 50% Aufschlag durch die vorhergehenden Engros- und
Engros-Detail-Organisationen mit 90 Rubel, Sohlenleder bei
einem Selbstkostenpreise von 2,42 Rubel pro kg mit 3,20
bis 4,33 Rubel gehandelt. Bis die Waren die Dorfkoopera,-
tiven erreichten, hatten sie sich noch weiter nach oben ver-
ändert. Beispielsweise wurde Tafelglas, wofür der Trust
einen Lieferungspreis von 51 Rubel berechnete, im Dorfe
mit 125 Rubel verkauft. Bei manchen Warengattungen er-
reichte die Abweichung vom Trustpreise 40000.“

Laut „Ekonomitscheskaja Shisn“ (offizielles Organ des
Rates für Arbeit und Verteidigung) Nr. 164 vom 20. Juni
1926 erfolgen in den entlegenen Bezirken des Nordkaukasus
seitens der staatlichen Handelsorganisationen folgende: Auf-
schläge auf die Trustlieferungspreise: Bei Manufakturwaren
10%, Kurzwaren 190%, Schreibwaren 270%. HErklärt wer-
den diese. aussengewöhnlichen Aufschläge u. @. auch durch
den langen Weg, den die Ware vom Erzeuger bis zum Ver-
braucher zurücklegt. Zitz läuft vom Trust bis zum Ver-
braucher durchschnittlich 127 Tage, Zwirn 178 Tage, Tuch
257 Tage, Wagenschmiere 676 Tage; dazu kommt, dass der
Privatdiskontsatz in Russland laut „Ekonomitscheskaja
Shisn“ Nr. 54 vom 4. März 1926 sich gegen 20% monat-
lich- beläuft. — In der „Ekonomitscheskaja Shisn“ Nr. 152
vom 6, Juli 1926 ist der Weg des Sonnenblumenöls bis
zum Verbraucher beschrieben: Oelmühle, Südöstlicher Fett-
Trust, Fettsyndikat, Industriebank, Kommunalbank, Be-
zirkskooperative, Dorfkooperative, Verbraucher. Die Auf-
Schläge bei Vermeidung jedes Missbrauchs betragen min-
destens 500%.
Nach dieser Kennzeichnung des sowjetrussischen
Handelsapparates wollen wir einen Blick auf die sowjet-

3E
        <pb n="39" />
        russische Industrie werfen, um ihren technischen Zustand
sowie auch: die Preise der Erzeugnisse festzustellen. In
einem Artikel „Der technische Zustand und die Produktions-
kosten der sowjetrussischen. Industrie“, gedruckt in der
Zeitschrift „Sozialistitscheskoje Chosjaistwo“, Band V/1925,
zieht Herr S. Moltschanoff folgenden Vergleich zwischen
russischen und ausländischen Industrieprodukten zu An-
‘ang des Jahres 1925:
1. Metallindustrie.

Giesserei-
roheisen

Fassoneisen

Walz- | Draht-
draht 1 nägel

Sowjetrussland , .
England‘ , ....
Verein. Staaten . .
Belgien, .. ..
Frankreich . ..
Deutschland . .

in Ruhr
1,05 | 2.10 -
0,60—0,65 | 1,44-—1,75
0,71 1,65
0,56 —0,57 | 1,10—1,20
0,55 0,87 —
0,56 0,90 | 106 |

3,75
2,11
1,94

A

Bauindustrie.

Mauersteine
ro 1000 Stück

j

Portlandzement
pro Pud (16,38 kg)

Moskau .
London .
Paris...
Berlin .
Warschau

Rubeln-
58—57 0,70
838,41 0,40—0,47
18,90 — 21,0 0,34
15,97 0,36
18,44— 19,57 0,831

en

Chemische Industrie
Sowjet-
russland | England

| Deutschland

Salpetersäure .
Salzsäure . .
Vitriolöl . .
caust. Soda
Kupfervitriol
Chlorkalk .
Bleiweiss

in
9,28
1,45
1,82
3,55
8,50
5,50
19.—

Rubeln pın
83,12
0,40

rud
2,28
0,30
0,46
2,82
2,88
1,05
7,74:

2,49
3,70
58,29 ]
        <pb n="40" />
        . Textilindustrie.
Sowjet-
russland

England

Ende des Jahres 1924 in
Tscherwonzen-Rubel
pro Pud

ägypt. Baumwollgarn, Kette, Nr. 60 98,10 63,87
ägypt. Baumwollgarn, Schuss. . . . 119,25 61,98
amerikan. Baumwollgarn, Kette, Nr. 20 38,26 28,15
amerikan. Baumwollgarn, Schuss, Nr. 32 40,54 81,67
Schirting ... . . . . . pro Meter | 0,60 0,22
Diese Ziffern zeigen die geringe Leistungsfähigkeit der
russischen Industrie, wobei nicht ausser acht zu lassen ist,
dass die zu abnorm hohen Preisen gelieferten Fabrikate
durch aussergewöhnlich schlechte Qualität auffallen. —
Der Uraler Korrespondent der ‚„„Ekonomitscheskaja Shisn“
schreibt in Nr. 164 vom 20. Juli 1926 folgendes: „Die
spisch-ruhigen Berichte der Bezirkskommission, die sich
über die Qualität der landwirtschaftlichen Maschinen äussern
sollte, stellen fest, dass die Erntemaschinen der Werke
„Perwomaiski Sawod‘“ und „Kommunar“, die Pflüge des
„Nitwenski Sawod‘“, Typ BK, Pflüge und AErntemäh-
maschinen. der Werke vorm. Hurwitz &amp; Fuchs in bezug auf
Qualität unter aller Kritik ausfallen.“

Die Sowjetregierung entfernt sich ungewollt immer
mehr von ihrem Ziel, den binnenwirtschaftlichen Absatz zu
heben; denn der Weg hierzu führt nur über Verbilligung
der Sachgüter, die sich jedoch bei der beispiellosen Rück-
ständigkeit und Reparaturbedürftigkeit der Werksanlagen.
sowohl der Schwerindustrie als auch der Leichtindustrie
nicht erreichen lässt. — Innerhalb der russischen Stein-
kohlenindustrie ist die Mechanisierung nur in ganz
geringem Umfange durchgeführt. Im Donezbecken ging die
Gewinnung mittels Schrämmaschinen im Jahre 1924 nicht
über 3 bis 4% der Gesamtgewinnung hinaus, die Verladung
der Steinkohle auf die Förderwagen erfolgt von Hand. Dem-
gegenüber belief sich in Amerika im Jahre 1921 der Anteil
der maschinellen Gewinnung auf etwa 65,6%. der Gesamt-
gewinnung. Da in Russland die Arbeiten hauptsächlich von
Hand ausgeführt werden, ergibt sich im Vergleich zu
anderen Ländern natürlich eine ausserordentlich geringe
Förderleistung. Z. B. entfällt auf ginen Bergarbeiter eine
Jahresausbeute von 9500 Pud, wogegen in England die
m
        <pb n="41" />
        Jahresausbeute pro Mann 16000 Pud, in Amerika 42000
Pud beträgt. Die Gestehungskosten für 1 Pud Kohle be-
liefen sich im Donezbecken im Wirtschaftsjahre 1924/25
(1. Oktober 1924 bis 30. September 1925) auf 17,7 Kop., in
England ergab sich im Jahre 1923 ein Selbstkostenpreis
von 12,4 Kop. bei einem Schichtlohn von 4,25 Rubel für
den. englischen Arbeiter und 1,20 Rubel für den russischen.
Bei gleich hoher Entlohnung des russischen Arbeiters wie
des. englischen würde sich ein Gestehungspreis ‚von etwa
30 ..Kop. pro Pud Donezkohle ergeben.

Die gleiche Rückständigkeit in technischer Beziehung
Änden wir in der russischen Naphthaindustrie.
Während im Bezirk Baku eine Bohrung von 10 Arbeitern
bedient wird, bedient in Amerika ein Arbeiter 3 bis
17 Bohrungen; die Selbstkosten für 1 Faden (etwa 2 m)
Bohrung . sind dementsprechend: in Baku 700 Rubel, in
Amerika 106 Rubel,

In der Steinkohlen- sowie auch in der Naphthaindustrie
lässt sich die Senkung der Gestehungskosten sowie die
unbedingt notwendige Steigerung der Ausbeute nur durch-
führen, wenn sehr grosse Summen für Neuausrüstungen auf-
gewendet werden.

Die eisenschaffende Industrie. Bei Unter-
suchung dieses Industriezweiges wollen wir uns nur auf
den Süden beschränken, da der Ural mit seinerl gänzlich
veralteten und abgenutzten Anlagen (im Jahre 1909 entfiel
auf einen südrussischen Arbeiter eine maschinelle Energie
von 3,23 PS, im Ural 0,33 PS, und von den im Jahre 1913
in ganz Russland zusammen erzeugten 264 Mill. Pud Roh-
eisen waren die südrussischen Werke mit 186 Mill. Pud,
der Ural nur mit 52 Mill. Pud, das zentralrussische Gebiet
mit 10,5 Mill. Pud beteiligt) und infolge der ziemlichen Er-
schöpfung‘ der dort befindlichen Erzlagerstätten sowie des
Mangels an nahegelegenen, für die Abholzung in Betracht
kommenden Wäldern — die Heranschaffung von Kohle ist
bei den grossen Entfernungen der Kohlenvorkommen un.

lohnend — in Zukunft kaum irgendwelche Bedeutung haben
dürfte. — Die Kommission des Ukrainischen Obersten Volks-
wirtschaftsrates, welche im Jahre 1922 eine Untersuchung
der wichtigsten Hüttenwerke Südrusslands einleitete, gab
einen Bericht heraus, dem wir folgendes entnehmen: „Unter
den in Augenschein genommenen zehn Hüttenwerken be-
{inden ‚sich einige, wie z. B. „Taganroger“ und „Prowidanz“
        <pb n="42" />
        bei Mariupol, mit deren Ausschaltung wegen einer ganzen
Reihe tiefliegender Gründe gerechnet werden muss. Die
hauptsächlichsten sind: mangelhafte Ausrüstung, unge-
nügende Mechanisierung, verhältnismässig schwache Elektri-
fizierung. Ausserdem besteht die Notwendigkeit der Wieder-
herstellung der Kertschener Eisenwerke, deren Erze die
genannten Werke früher verhütteten. Die Werke „Pe-
trowski“ und „Jusowski‘“ gehören. zu der Gruppe solcher
Werke, deren Ausrüstung derart abgewirtschaftet ist, dass
eine einigermassen regelmässige Arbeit unmöglich erscheint,
solange durchgreifende Reparaturen und KErneuerungen
nicht vorgenommen werden; denn die Kraftanlagen ‘auf
Petrowski Sawod bestehen zu 60% aus Gasmotoren ‚vers
schiedenen Typs, von denen nur wenige arbeiten. . Durch
Maschinendefekte verursachte Betriebsstörungen, :die den
gänzlichen Stillstand der Werke auf längere Zeit zur Folge
haben, sind durchaus nicht selten. Die Werke kommen auch
zum Stillstand wegen nicht rechtzeitigen Eintreffens der
notwendigen Materialien, Fehiens von Rohstoffen und
Heizmaterialien, ferner auch infolge „nicht richtiger Dis-
ponierung der Produktion“, wie es in der Sowjetsprache
heisst. Auf dem Petrowski Sawod waren z. B. . von
661 Stunden des Stillstandes 296 Stunden auf Abnutzung
der Ausrüstung zurückzulühren; 480 Stunden Betriebsstill-
stand der Bessemer-Abteilung‘ des „Dneprowski Sawod“
rührten davon her, dass nicht genügend Stahlblöcke vor-
handen waren. Auf einem zum südrussischen Stahltrust
„Jugostal‘“ gehörigen Unternehmen fanden im ersten Viertel:
jahre. des Wirtschaftsjahres 1925/26 30 grosse Betriebs-
störungen. statt; in der Walzwerksabteilung des „Stalinski
Sawod“ standen mehrere Maschinen 1700 Stunden still. —
Reparaturen von alten Maschinen stellen sich meistens
teurer als der Ankauf neuer Maschinen.

Die Elektrifizierung des Petrowski Sawod erreicht kaum
140%. Die Kraftanlage im Jusowski-Werk befindet sich in
sehr bedenklichem Zustande. Die elektrische Station ist
nicht imstande, die zur Speisung der vorhandenen Elektro-
Motoren notwendige Energie zu erzeugen. ‘ Der Stand
lieser Werke hat sich im Laufe der letzten drei Jahre nur
ganz unwesentlich gebessert, was sich daraus ergibt, dass
man in Südrussland für die Erzeugung von 1000 Pud Metall
im Laufe eines Monats 13 bis 15 Arbeiter braucht, während
im Auslande für dieselbe Leistung 'nur zwei bis drei Mann
notwendig sind. Der Verbrauch von Feuerungsmaterial zur

20
        <pb n="43" />
        Erzeugung von 1 Pud Metall beläuft sich in Sowjetrussland
zuf 1,7. Pud, im Auslande beträgt die Relation 0,3 Puda.

Die Baumwollindustrie. Aehnlich liegen die
Verhältnisse in der Baumwollindustrie, Ueber die gänzlich
veraltete und abgewirtschaftete Ausrüstung vermitteln fol-
gende Zahlen einen Begriff: 50,6% sind 25 Jahre alt,
30,9% 25 bis 35 Jahre, 18% 35 bis 70.Jahre. Von den
im Iwanowo-Wosnessenski-Trust vorhandenen Spinnmaschi-
nen sind 50% vollständig abgenutzt und verlangen dringend
Ersatz. Auf der Fabrik „Krassnij Textilschik“, die zum
Serpuchowski-Trust gehört, hat die Abnutzung der Ma-
schinen einen Umfang von 45 bis 50%, der Schaftmaschinen
50 bis 80%, Kammgarnspinnmaschinen 60%, Schermaschi-
nen 40 bis 50%, Schlichtmaschinen 35 bis 800% ange-
nommen; bei den untersuchten 169 Maschinen in den
Färbereien und Appreturanstalten erwiesen sich 91 als
ıbgenutzt. In der Kattundruckerei müssen von den vor-
handenen 408 Maschinen 228 ausrangiert werden.

Die Glasindustrie. In ganz ungenügendem Zu-
stande befindet sich die technische Ausrüstung der Glas-
‘ndustrie; denn hier kann nicht von einer Erneuerung des
Vorhandenen gesprochen werden, sondern vom Bau ganz
neuer Fabriken. Sämtliche Fabriken haben gänzlich ver-
altete und abgenutzte Wärmekraftanlagen. Die Mechani-
sierung hat einen ganz minimalen Umfang, sie macht kaum
L0% aus. Die aufgestellten Berechnungen ergaben, dass
durch Mechanisierung der Preis für eine Kiste Glas von
55 auf 24 Rubel gesenkt werden könnte, und die Leistungs-
Jähigkeit der Arbeiter würde sich um 200% heben. Der
Preis pro Flasche liesse sich von 6 Kop. auf 3,75 Kop.
senken.

Die elektrotechnische Industrie. Insge-
samt wurden durch die elektrischen Zentraler in Sowjet-
russland im Jahre 1923/24 3,5 Milliarden Kwstd. ge-
leistet, während U.S.A. 1924 bei einer um 25% Kleineren
Bevölkerungszahl 54 Milliarden Kwstd. erzeugte, d. h.
fünfzehnmal mehr. *Das beste Zeichen für die Rückständig-
zeit Sowjetrusslands auf diesem Gebiete sind die Mengen
der Energie, die pro Kopf der Bevölkerung entfallen:
Schweiz 700 Kwstd., Norwegen 493, U.S.A. 472, Schweden.
364, Frankreich 147, Sowjetrussland 19,5.. Sowejtrussland
oleibt hinter den anderen Ländern in bezug auf die Elektri-
fikation zurück nicht nur hinsichtlich der Quantität, sondern.
auch in bezug auf die Grösse der vorhandenen elektrischen
        <pb n="44" />
        Zentralen. Die sowjetrussische Elektrowirtschaft hat über-
wiegend elektrische Stationen kleiner Leistung. Die durch.
schnittliche Leistung der elektrischen Zentralen stellte sich
nach den Angaben des „Glawelektro“ zu Beginn des Jahres
1925 folgendermassen: Städtische Zentralen 750 KW, In-
dustriezentralen 258, Dorfzentralen 210, Eisenbahnzentralen
L06, Zentralen der Postverwaltung 23; so dass die durch-
schnittliche Leistung der elektrischen Zentralen 8300 KW
nicht übersteigt. Von den 693 städtischen Zentralen waren
nur sieben mit einer Leistung von 5000 bis 10000 KW ver-
treten und nur ll erzeugten über 10000 KW, während in
Deutschland die normale Leistung einer städtischen Zentrale
200 000 KW beträgt. Naturgemäss stellt sich der Preis für
lie in solchen kleinen, veralteten Zentralen gewonnene
Energie bedeutend teurer als im Auslande. — Der Be-
leuchtungstarif stand 1925 in Leningrad auf 20 und in
Moskau auf 15 Kop. pro Kwstd.

Die Rückständigkeit der russischen Elektroindustrie
wirkt sich selbstverständlich in sehr hohen Preisen für ihre
Erzeugnisse aus. So liegen die russischen Preise für Trans-
formatoren um 200%, Dieselmotoren 222%, Sparlampen
170%, Halbwattlampen 36500, Wechselstrommaschinen bis
100 KVYA um 170% über den deutschen Preisen. Die Liefe-
mungen werden nicht nur äusserst unpünktlich ausgeführt,
sondern auch die Qualität der Erzeugnisse ist sehr minder-
wertig.
In der Zeitschrift „Planowoje Chosjai-
stwo“ (Die Planwirtschaft) Nr. 4 vom Jahre
1925 schätzt Professor Strumilin den Wert
der Ausrüstung der gesamten russischen In-
dustrie im Jahre 1913 auf 2365 Mill. Rubel,
wovon bereits damals etwa 33% abgenutzt
waren, d. h. der Wert der betriebsfähigen
Ausrüstung Fepräsentierte einen Wert von
nicht mehr als 1590 Mill Rubel. — Unge-
achtet der bedeutenden Kapitalinvestio-
nen bei der russischen Industrie während
der Kriegszeit (etwa 565 Mill. Rubel wur-
den allein für die Ausrüstung ausgegeben)
ergabsich infolgeder Abnutzung und unter-
lassenen Erneuerung während der Revo-
Lution und später gegen. Ende des Jahres
        <pb n="45" />
        1925 ein Wert von nicht mehr als 66% des
Vorkriegswertes, d. h. etwa 1050 Mill. Rubel,
so dass, um die russische Industrie auf den
Vorkriegsstand zu bringen, eine Investi-
tion von nicht weniger als 540 Mill. Rubel
erforderlich wäre, und zwar gilt dies unter
Einschluss der in den abgetretenen polni-
schen Gebieten und in den Randstaaten ge-
legenen Industrie.

Derart veraltete, nach Ausrangierung schreiende In-
dustrieanlagen. schliessen selbstverständlich eine reguläre
Produktion aus. Die „Ekonomitscheskaja Shisn“ bringt
staunenswerte Beispiele für den gestörten Arbeitsprozess.
Nr. 151 vom 4. Juli 1926: Der Stillstand der Fabrik auf
dem „Slatoustinski Hüttenwerk“ (im Uralgebiet) dehnte
sich im ersten Halbjahre 1925/26 bis zu 20,5% der Ar-
beitszeit aus, was für das Werk allein in bezug auf Ar-
beitslohn einen Schaden von 180000 Rubel nach sich zog.
Nr. 146 vom 29. Juni 1926: In dem Werk „Kaslinski Sawod“
ist die Ausrüstung derart veraltet, dass bei der Guss-
erzeugung etwa 39% Brack entfallen; eine zweckmässige
Belastung ist absolut unmöglich. — Indessen wird der Gang
der Produktion nicht nur durch die Abnutzung der maschi-
nellen Anlagen gehemmt, sondern bedeutende Schwierig-
keiten gehen von der Arbeiterschaft aus. Der Krieg und
der nachfolgende Bürgerkrieg im Zusammenhang mit den
Entbehrungen, die die russischen Arbeiter in dieser Zeit
durchgemacht haben (1919 und 1920 machte der legale
Monatsverdienst 6,7 Rubel aus, der illegale — erworben
durch Erzeugung aller möglichen Waren aus den Werks-
materialien für den Verkauf, wie z. B. Feuerzeuge —
1,70 Rubel, so dass der Gesamtmonatsverdienst auf
3,4 Warenrubel kam, d. h. etwa 340% des Vorkriegsver-
lienstes) haben den Arbeiter physisch erschöpft und ihn
demoralisiert. Der schwunghafte staatliche Schnapshandel,
der im Jahre 1923/24 893440 Eimer Spiritus verschlang
ınd im ersten Halbjahre 1924/25 1903723 Eimer*), übte
andererseits nicht geringen Einfluss auf die Arbeitsfähigkeit
and Arbeitsfreudiekeit des Arbeiters aus.

*) „Die Staatsindustrie der S.S.R. im ersten Halbjahre
1924/25“ von L..B. Kaffenhaus.
        <pb n="46" />
        Die ‚„„Ekonomitscheskaja Shisn‘“ berichtet in Nr. 158
vom 13. Juli 1926, dass auf dem Werk des Trusts für Land-
maschinenbau „Krasnaja Swesda‘“ die Zahl der willkür-
lichen Arbeitsversäumnisse ständig zunimmt; innerhalb fünf
Monaten, von Januar bis Juni 1926, haben 1598 Arbeiter
11364 Arbeitstage versäumt. Auf dem „Dnepropetrowski
Sawod“, früher Jekaterinoslawski Sawod, fehlten, der „In-
dustrie- und Handelszeitung“ vom 15. Juli 1926, Nr. 159,
zufolge, von 15760 Arbeitern täglich 20 bis 25%, und in
einigen Abteilungen, z. B. in der ‚Transportabteilung, bis
36%. Die Lohnabrechnung für durchschnittlich 4000
fehlende Arbeiter erfordert einen grossen Stab von Ange-
stellten, dazu wechselt die Arbeiterschaft fortwährend. In
ler Zeit vom‘ 1. Oktober 1925 bis 1. Juli 1926 wurden
5642 Arbeiter neueingestellt und 5524 entlassen.
Hält man sich die Tatsache vor Augen, dass der durch-
schnittliche Monatsverdienst der Arbeiter in der staatlichen
Industrie sich von 50,75 Tscherwonzenrubel im Oktober 1925
auf 49,86 im März senkte, was einem Reallohn in Waren-
rubeln von 29,38 bzw. 25,06 entspricht („„Westnik Promysch-
lennostij, Torgowli i Transporta“ Nr. 22 vom 7. Juni, 1926)
and dass die ausserordentlich schwierige finanzielle Lage
der Industrie selbst bei einer Leistungssteigerung der Ar-
beiterschaft eine Aufbesserung des Arbeitslohnes nicht zu-
lässt, und wenn man ferner nicht verkennt, dass ein
hungriger Arbeiter ein minderwertiger Arbeiter ist, so be-
steht absolut keine Veranlassung, sich vagen Hoffnungen
auf Produktionssteigerung der . Industrie hinzugeben. —
Die Sowjetprominenten, die für die trostloseste Lage noch
immer einen Trost bereit hatten, waren bisher von dem
Gedanken imprägniert, dass der Warenhunger auf dem
tussischen Markte durch die russische Industrie zu kurieren
sei, und dass es gelingen wird, genügend landwirtschaftliche
Produkte von der Bauernschaft herauszuholen und für den
Export bereitzustellen. Sie werden eines Besseren belehrt
durch die andauernde Verringerung der Aussenhandels-
amsätze (die Ausfuhr aus Sowjetrussland im März 1926
betrug 57,4 Mill. Rubel, im April 48,9 Mill, im Mai
38,3 Mill. — Die Einfuhr betrug im 1. Quartal 1925/26
90,9 Mill. Rubel, im 2. Quartal 74,9 Mill. Rubel, so dass
das erste Halbjahr ‚des Wirtschaftsjahres 1925/26 einen
Passivsaldo von 68,7 Mill. Rubel ergab, anstatt dem. Plan
gemäss einen Aktivsaldo von 18 Mill. Rubel).
        <pb n="47" />
        Auch der von Deutschland zur Verfügung gestellte 300-
Millionen-Kredit, dessen Ausnutzung durch Sowjetrussland
in höchstem Masse zweifelhaft erscheint, wird an der
Sache nichts ändern und nicht imstande sein, die Waren-
zirkulation in Sowjetrussland in Gang zu setzen. Die
russische Wirtschaft lässt sich nur auf die Beine stellen
durch Einfuhr einer grossen Menge von Waren, deren die
Bauernschaft bedarf; ferner durch bedeutende Kapital-
‘hvestitionen bei der Industrie. Das alles lässt sich jedoch
aur mit Hilfe einer grossen Auslandsanleihe ermöglichen,
wofür nur der angelsächsische Kapitalmarkt in Frage
zommt, welcher, wie der Verlauf aller möglichen Versuche
der Sowjetregierung bis jetzt gezeigt hat, nicht günstig
gestimmt ist, solange das Aussenhandelsmonopol besteht,
solange keine neue Situation geschaffen. wird ‚durch Be-
seitigung der bürokratischen Verwaltung der Industrie und
der sogenannten Planwirtschaft, deren Zweckmässigkeit am
vesten durch folgenden Ausspruch Dsershinskis illustriert
wird: „Wir haben das uns von der Bourgeoisie hinterlassene
Anlagekapital verbraucht, wir erdulden den allerschlimmsten
Warenhunger, alle Reserven an qualifizierter Arbeiterschaft
und technischem Personal sind erschöpft“, und‘ durch die
Tatsache, dass die Plankommission beim Rate für Arbeit
and Verteidigung die Direktiven für die Wirtschaftspolitik
betreffs des 2. Halbjahrs 1925/26 (1. April 1926 bis 30. Sep-
jember 1926) erst am 26. Juni 1926 herausgegeben hat,
also etwa drei Monate vor Schluss des Jahres, und diese
verspäteten Direktiven wurden aufgestellt auf Grund von
Kontrollzahlen, die Dsershinski als „völlig aus der Luft
gegriffen“ bezeichnete.

Ohne Einräumung weitestgehender Konzessionen an das
ausländische und das inländische Kapital, ohne Befreiung,
d. h. ohne Denationalisierung der Industrie, ohne Schaffung
rechtlicher Normen, wie sie die moderne kapitalistische
Wirtschaft erfordert, (während der Zeit ihres achtjährigen
Bestehens konnte die Sowjetregierung bekanntlich keine
kommunistische Wirtschaftsordnung schaffen), wird es
nicht möglich sein, den Absterbeprozess (6 Mill. Arbeitslose
in Stadt und Land, während in der ganzen staatlichen
Industrie die Zahl der beschäftigten Arbeiter im März 1926
aur. 1952000 Mann betrug) aufzuhalten, und wir werden
zweifelsohne in nächster Zukunft erleben, dass’ die Sowjet-
regierung nicht nur dem ausländischen sondern auch dem
.nländischen Kapital weitreichende Konzessionen macht.
        <pb n="48" />
        Denn das letzte Ziel aller Wirtschaftspolitik — auch die
sowjetrussischen Wirtschaftsführer haben sich nach der
sinnlosen Verschleuderung des vom bürgerlich-feudalen Russ-
land hinterlassenen Kapitals dazu bekannt — ist die Hebung
der produktiven Krafte der Nation. Diese kann jedoch
nur in stetem Zusammenhange mit der Weltwirtschaft
arreicht werden.
        <pb n="49" />
        nn
PP

Die Bearbeitung des russischen Marktes

Wie aus den vorstehenden Aufsätzen hervorgeht, ist
unter den gegenwärtigen Verhältnissen die Bearbeitung von
Sowjet-Russland in einer ganz anderen Weise notwendig,
als dies vor dem Kriege der Fall war oder wie dies heute
bei anderen Ländern mit normaler Wirtschaft möglich ist.
Auf der anderen Seite aber ist die Tatsache nicht zu be-
streiten, dass innerhalb der nächsten Zeit, nämlich inner-
halb 6 Monaten oder innerhalb 6 Jahren,
Russland als der bedeutendste Käufer auf dem Weltmarkt
auftreten wird, und zwar für Industrie- und Landwirt-
schaftsmaschinen und -Geräte, für Bedarfsartikel der breiten
Bauernmasse, Fertigprodukte und Halbfabrikate, Rohstoffe
and Kleidung. Es ist deswegen für die deutsche Industrie un-
bedingt erforderlich, diesen Markt im Auge zu hehalten und
sich weiter zu orientieren über die Absatzverhältnisse und
die ganze wirtschaftliche Struktur des Landes. Es ist
ferner notwendig, dass die Fühlung zwischen der deutschen
Industrie und dem russischen Abnehmer, Händler sowohl
als Fabrikanten, angebahnt und aufrechterhalten wird.

Aus dieser Erkenntnis heraus wurde die Zeitschrift
„Ost-Export“, die ja dem Handel zwischen Deutschland
und sämtlichen osteuropäischen Ländern, wie Skandinavien,
Randstaaten, Polen, Mitteleuropa und Balkan dient, seit
1920 auch an ein ständig ergänztes Adressenmaterial in
Sowjetrussland versandt, und zwar an alle behörd-
lichen. Stellen, Trusts, Genossenschaften, Industriewerke,
also an alle diejenigen Kreise, die überhaupt als jetzige
oder spätere Abnehmer deutscher Industrieprodukte in Be-
tracht kommen. Die technischen Aufsätze über deutsche
Maschinen und Spezialerzeugnisse, die in dieser Zeitschrift
in. russischer Sprache erschienen sind, haben in Russland
besonderes Interesse erweekt.
        <pb n="50" />
        Eine Reihe von Blättern hat der deutschen Industrie be-
deutende Beträge abgenommen für Inserate in Zeitschriften,
die ausschliesslich nach Russland gelangen. und unter den
bisherigen Verhältnissen gar keinen Erfolg haben konnten.
Bei der heutigen deutschen Wirtschaftslage braucht wohl
kaum besonders betont zu werden, dass die deutsche
Industrie nicht in der Lage ist, für eine so ungewisse
Angelegenheit bedeutende Summen zu opfern, und dass
es notwendig ist, einen Weg zu finden, der das gewünschte
Ziel erreicht, ohne Ausgaben zu verursachen, die unter
den heutigen Verhältnissen sich nicht bezahlt machen.
Es fällt ausserhalb des Rahmens dieser Broschüre, die
nur über die Absatzverhältnisse in Sowjet-Russland orien-
tieren. soll, hierauf näher einzugehen; der Verlag ist jedoch
gern bereit, für Interessenten, die den russischen Markt
in irgendeiner Form bearbeiten wollen, bestimmte hierzu
dienende Pläne auszuarbeiten.
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        DASS &amp; GARLEB A.G, BERLIN W57
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ken in keiner Weise zur Exploitierung vorbereitet ist,
halb auch eine Kohlengewinnung von 130 bis 140 Mill,
lL, wie für das Wirtschaftsjahr 1926/27 geplant, voll-
ıdig undurchführbar ist. Die Entwicklung der Stein-
Jengewinnung im Kusnetzki-Becken, entsprechend sei-
x. gewaltigen Reichtümern, ist Zukunftsmusik. — Auf
T3e Weise stellt sich der Durchführung des vorberegten.
gramms der Wiederherstellung und Entwicklung. der
tenindustrie allein. in der ungelösten Brennstoffrage
ernstes Hindernis entgegen. Aber auch innerhalb der
;tenindustrie selbst sind recht bedenkliche Erscheinungen
zustellen, die ihrer weiteren. Entwicklung im Wege stehen
die den Sowjetwirtschaftern. einen Strich durch die
hnung machen. Wie sich nämlich heräusstellt, musste
Programm der eisenschaffenden. Industrie schon im
; /ember vorigen Jahres wegen der gespannten. finanziellen
je der Union bedeutend reduziert werden; das Programm
"de im ersten Halbjahre dieses Wirtschaftsjahres nur
sinem Umfange von 850% durchgeführt, und der Wert
Ausbeute pro Mann, der sich programmgemäss auf
Vorkriegsrubel belaufen sollte, betrug in Wirklichkeit
129,93 Rubel oder 82% des Programms. Die pro-
amässige Belegschaft von 344900 Mann dagegen er-
„‚hte im 2. Quartal 354560 Mann. Der Arbeitslohn
te 57 Rubel im Monat, laut Programm, erreichte 57,17
"el (siehe „Ekonomitscheskaja Shisn“ Nr. 134 vom
Juni 1926) %. — Auf den. einzelnen Werken zeigt sich
+ weit stärkere Abweichung vom Programm, insbesondere
bezug auf die Selbstkosten der Produkte. So beträgt
3. auf den Uraler Werken die Steigerung der Kohlen-
innungskosten im Vergleich zum Voranschlag 41,10%
gegenüber dem vorhergehenden Jahre 29,6%. Auf
Kramatorski-Werk beträgt die Steigerung der Selbst-
en im Vergleich zum Programm bei Martinroheisen,
%, Martinstahl 5,2%, Fassoneisen 15,8%. Beim Jugo-
stiegen die Selbstkosten für Schienen im Vergleich zum
3TAMM um 220%, für Martinroheisen um 7,1%, für
tinstahl- um 80%, für Fassoneisen um 14,7%. (Siehe
onomitscheskaja Shisn“ Nr. 111 vom 16. Mai 1926.)
*) Aus diesen Zahlen geht hervor, dass dem Wert der
beute pro Mann in einem halben Jahre von 129,93 Rubel
Arbeitslohn von 57,17 x 6 — 343 Rubel gegenübersteht.
geben. diese Zahlen unter Vorbehalt wieder.
Die Schriftleitung.
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