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        <title>Die Frauenerwerbsarbeit in der Textilindustrie mit besonderer Berücksichtigung der Beschäftigung schwangerer Frauen</title>
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        EGEMVVM
des
1MSTIIUTIS
De
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B5E1

MIOTHEX

7 1550

111550
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        5

— — 22 d
        <pb n="3" />
        IGCE, CorI: DAS ECEXE GUF CXAISCBIIS VIG die
dSCUn CLUCArun., Staatsw.
3188. 19826.

. r öbar di, Lahrbinrsverbälbtnüässe im
LBVCBBH)&amp;amp;APDS. AnfSOB. Im APF. 1326,.

. Die FPruenararbesarbeit in dear Totilindustrie
m. bos. Paricksichtäg. d. Paschisticune
s32 — Frauen. 19206.

. hRSX. ALtur: Das Problem dar roarbesogieeké2it.
 1326.

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sSiIns it durc tabi lIsiarurue dar
. PpHi, Pss. 18945.

. -LECE, IIius: rauen—ο rnuen-—V.
 1893.

Im 3. 778234 — F *44 y
. Lin, 8.: Firsorge für — loss hbas.
. FEAGA PIBT αα. ν-ILBLOSIMAEGII.
 1004.

. , M rhard: D T stre ik —. d. Lohnancr
 e swilriäcean. 1925.

2.7 7 *
8 ͤ — — 5
8 7 34 2 7
17] I Irn
0:
A
— 7
2 —— 3
und6n
*
IV 1
426
A
226—

11. Sathior ⸗
CAhIPBE, V.: M— OLOMISALi *
— ——
        <pb n="4" />
        Aulhrtttuüteheuthhutnnsuehentn

Die

grauenerwerbsarbeit
in der Textilindustrie mit
esonderer Berücksichtigung
der Beschäftigung
schwangerer
Frauen

DuihpühühsssupsshhshübssciücsülüsdülühsytmpsOsüsldillJüüüüiicß

*
        <pb n="5" />
        Die Frauenerwerbsarbeit
in der Textilindustrie mit besonderer
Berücksichtigung der Beschäftigung
schwangerer Frauen
        <pb n="6" />
        ss
—

.
110446—2 060
5 ßiblioinsk —
—
* 9 123* p
*—
        <pb n="7" />
        Sen mehr als Jahresfrist hat der Deutsche Textilarbeiter—
verband immer von neuem die Forderung nach Erweite—
rung der gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze schwan—
gerer Arbeiterinnnen gestellt. Unter dem 1. April 1925 hat
er eine Eingabe an die Reichsregierung, die Landesregie—
cungen, den Reichstag und die Parlamente der Länder ge—
cichtet, in der eine lange Reihe Forderungen zum Schutze
der schwangeren Arbeiterinnen aufgestellt sind. In der
Begründung zu diesen Forderungen ist ganz besonders auf
die Verhältnisse in der Textilindustrie Bezug genommen.
In der Hauptsache stützt sich die Begründung auf ein Gut—
achten von Dr. Max Hirsch über die angebliche Schäd—
lichkeit der Frauenerwerbsarbeit im allgemeinen und der
Frauenerwerbsarbeit in der Textilindustrie im be—
sonderen. Dr. Hirsch hat später auch die Aus—
führungen seines Gutachtens in erweiterter Form
unter dem Titel: „Die Gefahren der Frauenerwerbsarbeit
für Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Kindesauf⸗
zucht mit besonderer Berücksichtigung der Textilindustrie“
als Broschüre herausgegeben. Der Deutsche Textilarbeiter⸗
verband hat ferner eine Reihe Bilder herausgebracht, die
die besonderen Gefahren und Beschwerden, denen schwan—
gere Arbeiterinnen angeblich in der Textilindustrie aus—
gesetzt sind, zeigen sollen. Dieses Bildmaterial ist auch in
die Broschüre von Dr. Max Hirsch übernommen worden.
Die von dem Textilarbeiterverband gelieferten Bilder
ind die dazu gegebenen Erläuterungen, wie auch seine Dar—
legungen in der Eingabe vom 1. April 1925 enthalten
zahlreiche tendenziöse Entstellungen und die Verhältnisse
üind nicht so dargestellt, wie sie wirklich sind. Aber auch die

Einleitung.

Falsche Darstellu
zen des Dentsch',
Textilarbeiter⸗Va
bandes.
        <pb n="8" />
        Eigene
Frhebungen.

Ausführungen von Dr. Hirsch lassen deutlich erkennen, daß
sie von einer bestimmten Absicht beherrscht sind und seine
Schilderungen der Arbeitsverhältnisse in der Textilindustrie
zeugen von wenig Sachkenntnis und müssen dem Laien ein
falsches Bild von der Tätigkeit der Arbeiterinnen in den
verschiedenen Textilbetrieben vermitteln.
Gegenüber diesen entstellenden Schilderungen der
Arbeitsverhältnisse in der Textilindustrie erscheint es not—
wendig, ein objektives Bild der Frauenarbeit in der Textil—
industrie und insbesondere des Einflusses dieser Arbeit auf
das Befinden schwangerer Arbeiterinnen zu geben. Es ist
dies um so mehr nötig, als die Eingabe des Textilarbeiter—
verbandes in verschiedenen Parlamenten der Länder zur
Erörterung gestanden hat, und dort Beschlüsse gefaßt wur—
den, die zeigen, wie wenig den Parlamentsmitgliedern die
wirkliche Lage der in der Textilindustrie beschäftigten
Frauen bekannt ist, und wie sehr sie sich durch die schwarz
gefärbten Schilderungen des Textilarbeiterverbandes und
des Hirschschen Gutachtens haben beeinflussen lassen.
Es ist selbstverständlich, daß man gerade der werden—
den Mutter das größte Interesse entgegenbringt und daß
man ihr weitestgehende Schonung angedeihen lassen will.
Niemand, er mag stehen in welchem Lager er will, wird
eugnen können, daß die schwangere Frau aus menschlichen,
sittlichen, wie auch bevölkerungspolitischen Gründen eines
weitgehenden Schutzes bedarf. Aber es ist falsch, diesen
Schutz auf einer Auffassung der Lage der schwangeren
Frauen aufbauen zu wollen, die nicht der Wirklichkeit ent—
spricht. So muß man leicht zu Maßnahmen kommen, die
nicht nur nichts nützen können, sondern den wohlverstande—
denen Interessen derer, die man schützen will, geradezu
ntgegenwirken.
Wir haben über die Frauenarbeit in der Tettil—
industrie und über die Lage der schwangeren Arbeiterinnen
umfangreiche Erhebungen veranstaltet, deren Ergebnisse in
den folgenden Darstellungen Verwendung gefunden haben.
Es erschien zweckmäßig, die Erhebungen auch auf die Jahre
        <pb n="9" />
        1913 und 1914 zu erstrecken, um das Zahlenmaterial der
letzten Vorkriegsjahre mit demjenigen des Teiles der Nach⸗
kriegszeit vergleichen zu können, in welchem nach Stabili—
sierung der Währung wieder einigermaßen normale Ver—
hältnisse eingetreten waren. Das mußte freilich zur Folge
haben, daß nur ein Teil der weiblichen Arbeitskräfte in der
Textilindustrie von der Erhebung erfaßt werden konnte, da
die erforderlichen Zahlen aus der Vorkriegszeit bei den Be—
—D — insbesondere
für die Zahlen über Erkrankungen, Fehlgeburten und der—
gleichen, die in der Regel überhaupt nur von den Betrieben
mit eigenen Betriebskrankenkassen zu erhalten waren.
Trotzdem zeigen die gewonnenen Zahlen deutlich soviel
Gesetzmäßigkeit, daß von Zufallsergebnissen nicht die Rede
sein kann.

In seinem Gutachten wie in seiner Broschüre weist
Dr. Max Hirsch darauf hin, daß nach den letzten Berufs⸗
und Gewerbezählungen im deutschen Reiche bis zum Jahre
1907 eine stetige Zunahme der Frauenerwerbsarbeit zu be⸗
obachten gewesen ist. Seitdem haben keine Zählungen
wieder stattgefunden. Die Ergebnisse der Zählung vom
Jahre 1925 liegen noch nicht vor. Es kann aber kaum
einem Zweifel unterliegen, daß, nachdem während des
Krieges eine ganz ungeahnte Ausdehnung der Frauen—
erwerbsarbeit stattgefunden hat, auch nach dem Kriege die
Zahl der im Erwerbsleben tätigen Frauen, gemessen an
der Zahl der Männer, erheblich größer sein wird als vor
dem Kriege. Es erklärt sich das daraus, daß die im Zuge
der Zeit liegende Aenderung der Anschauung über die
Frauenerwerbsarbeit durch die Kriegsverhältnisse eine
starke Förderung erfahren hat, zudem zwingt jetzt die Not
der Zeit viele Frauen, einem Erwerbe nachzugehen. die
früher gar nicht daran gedacht haben.
Betrachtet man dagegen die Verhältnisse in der Textil—
industrie, so ergibt sich ein wesentlich anderes Bild. Unsere
Umfrage über die Beteiligung der weiblichen Arbeitskräfte
in der Textilindustrie hat folgende Zahlen ergeben:

steine weseuntlioe
Zunahme des
ßundertsatzes d
weiblichen Arbei
nehmer in der
Textilind ustrie

3
        <pb n="10" />
        e Arbeit in der
Textilindustrie
irde von jeher
d überall durch
Franen aus—
geführt.

Gesamtzahl der er—⸗ Zahl der weiblichen
Jahr faßten Arbeiter Arbeiter

0/0

1918 52 61580
1914 54 885
1924 66 828
1925 68 565

30 916
32 956
40 205
41889

58,80
6065
60,62
61.09

Es zeigt sich hier, daß der Hundertsatz der in der Tex—
tilindustrie beschäftigten weiblichen Arbeitskräfte in den
Jahren 1924 und 1925 nicht wesentlich höher war als in
den letzten Jahren vor dem Kriege. Diese zunächst über—
raschende Erscheinung erklärt sich daraus, daß es eben in
der Textilindustrie schon vor dem Kriege üblich war, zu
allen Arbeiten, die sich zur Ausführung durch Frauen
eignen, weibliche Arbeitskräfte heranzuziehen. Da die
Entwicklung während des Krieges und in der Nachkriegs—
zeit keine wesentliche Aenderung der Arbeitsweise in der
Textilindustrie gebracht hat, war es auch nicht möglich,
nach dem Kriege die Zahl der weiblichen Arbeitskräfte im
Verhältnis zu der der Männer zu erhöhen. Der Umstand,
daß der Hundertsatz der in der Textilindustrie beschäftigten
Männer immerhin verhältnismäßig hoch ist, und daß er
auch nach dem Kriege gegenüber der Vorkriegszeit nicht
wesentlich gesunken ist, beweist aber ferner, daß auch in der
Textilindustrie alle Arbeiten, die sich wegen der dabei er—
forderlichen Körperkräfte oder aus anderen Gründen nicht
zur Ausführung durch Frauen eignen, von Männern aus—
geführt werden, und daß man auch in der Nachkriegszeit
trotz des stärkeren Angebots weiblicher Arbeitskräfte nicht
dazu übergegangen ist, derartige Arbeiten durch diese ver—
richten zu lassen.
Die Herstellung und Bearbeitung von Spinnstoffen
haben in allen Ländern und bei allen Völkern von jeher
als eine Domäne der Frau gegolten. Das beweist schon,
daß es sich hier um Arbeiten handelt, die sich zur Aus—
führung durch Frauen ganz besonders eignen und die dem
weiblichen Geschmack besonders zusagen. Nur nach Er—
        <pb n="11" />
        findung des Webstuhles war vorübergehend die Weberei
fast ganz auf die Männer übergegangen. Das erklärt sich,
daraus, daß die Bedienung der alten schwerfälligen Hand—
webstühle körperliche Anstrengungen erforderte, denen die
Frauen im allgemeinen nicht gewachsen waren. Nachdem
es aber gelungen war, die Webstühle so zu konstruieren,
daß ihr mechanischey Antrieb zunächst durch Wasserkräfte,
später durch Dampfkraft und neuerdings auf elektrischem
Wege möglich geworden ist, sind auch die Frauen in der
Weberei wieder erschienen.
Heute sind die meisten Textilmaschinen, allen voran
die wichtigsten, die Spinn- und Webstühle, so vervollkomm⸗
net, daß sie die Arbeit fast völlig automatisch verrichten.
Die Aufgabe der Spinnerin und Weberin beschränkt sich in
der Hauptsache darauf, den Gang der Maschine zu über—
wachen. Nur wenn ein Faden reißt oder eine Spule ab—
gelaufen ist, muß sie den Faden wieder anknüpfen und die
Spule ersetzen. Das sind Arbeiten, die keinerlei körperliche
Anstrengung erfordern, zu denen es vielmehr nur beson⸗
derer Fingerfertigkeit und eines feinen Gefühls in den
Fingern bedarf, die man bei Frauen häufiger findet und
die sich Frauen leichter aneignen als Männer.
Natürlich sind auch Arbeiten, die größere körperliche
Anstrengungen erfordern, selbst in der Textilindustrie nicht
oöllig ausgeschlossen. Aber sie kommen meist nur in ver—
hältnismäßig großen Zeitabständen vor, wie beispielsweise
das Herrichten der Webstühle oder das Abnehmen der fertig
gewebten Ware. Hierfür stehen dann in der Regel Männer
zur Verfügung, oder solche Arbeiten können von mehreren
Frauen gemeinsam ausgeführt werden, so daß die von der
einzelnen zu leistende Anstrengung auch nicht groß ist und
selbst die Kräfte einer schwächlichen Frau nicht übersteigt.
Wer freilich zum ersten Male in einen Spinn- oder
Websaal kommt und die sich mit großer Geschwindigkeit
drehenden Spindeln oder die hin- und hersausenden Schützen
sieht, wird leicht geneigt sein, sich ein falsches Bild von der
Schwieriakeit der Arbeiten in der Textilindustrie zu machen.

Für schwere Ar⸗
deiten männliche
Arbeiter.

Kein un mittel⸗
arer Einflußß der
Fourenzahl auf die
Arbeitsgeschwin—
digkeit.
        <pb n="12" />
        Der Textilarbeiterverband hat denn auch nicht verfehlt, in
seiner Eingabe auf die hohen Tourenzahlen hinzuweisen, die
hei Textilmaschinen vorkommen, um die Größe der Anforde—
rungen zu illustrieren, die angeblich an die Textilarbeite⸗
rinnen gestellt werden. Abgesehen davon, daß die in der
Eingabe genannten Tourenzahlen besonders hoch sind und
wenn überhaupt, nur ganz vereinzelt vorkommen dürften,
hat die Tourenzahl der Textilmaschinen im allgemeinen
teinen Einfluß auf die Arbeit der Textilarbeiterinnen. Es
muß ja ohne weiteres einleuchten, daß in eine in Gang be—
findliche Maschine, deren Räder und Teile in der Minute
Tausende von Umdrehungen machen, überhaupt nicht ein—
gegriffen werden kann. Ist ein Faden gerissen oder eine
Spule abgelaufen, so steht der Webstuhl oder die betreffende
Spindel still, bis die dadurch nötig gewordene Arbeit voll—
endet ist, erst dann werden sie wieder in Gang gesetzt. Aller—
dings kann es bei höherer Tourenzahl vorkommen, daß
öfter einmal ein Faden reißt und die Spulen schneller ab—
laufen, aber das bedeutet nur, daß die Zeit, in der die
Arbeiterinnen überhaupt nur den Gang der Maschine zu
zeobachten haben, ohne eigentliche Arbeit zu leisten, etwas
verkürzt wird. Außerdem wird durch häufige Fadenbrüche
die Arbeit verzögert, also die Produktion gemindert und
auch die Qualität der hergestellten Ware beeinträchtigt,
so daß schon deshalb die Tdurenzahl der Maschinen ent—
sprechend dem verarbeiteten Material so eingestellt wird,
daß häufige Fadenbrüche vermieden werden. Ebenso wird
dem schnelleren Gang der Maschinen dadurch Rech—
aung getragen, daß bei schnell laufenden Stüh—
len größere Spulen verwendet werden, so daß ein
häufigeres Auswechseln derselben auch nicht nötig
wird. Bei Stühlen mit automatischem Schußspulen—
wechsel bedarf es sogar überhaupt keiner Betätigung
der Weberin, wenn eine Spule abgelaufen ist. Die neue
Spule wird automatisch in das Schiffchen gepreßt. Nur der
Vorratsbehälter für die Schußspulen ist von Zeit zu Zeit
aufzufüllen, wozu aber eine Zeit gewählt werden kann, zu
        <pb n="13" />
        der die Weberin anderweit nicht beschäftigt ist. Letzten
Endes bleibt also die Arbeit der Weberin oder Spinnerin
auch bei höherer Tourenzahl annähernd die gleiche; im
Gegenteil handelt es sich bei den Maschinen mit hohen
Tourenzahlen in der Regel um leichte Stühle, an denen
uuch die Arbeit besonders leicht ist. Wie wenig die hohen
Tourenzahlen die Arbeitsgeschwindigkeit zu beeinflussen
vermögen, ergibt sich auch daraus, daß bei einem Selfaktor
mit 7000—10 000 Spindeltouren der Wagen je nach
Stärke des Garnes 224 Zug in der Minute macht. Es ist
klar, daß die Wagengeschwindigkeit durch Erhöhung der
Tourenzahl der Spindel kaum merklich verändert wird.
Von ihr allein aber wird die Arbeitsgeschwindigkeit der
Spinnerin in gewissem Grade beeinflußt.
Die Leichtigkeit der Arbeit in der Textilindustrie, wegen die Zeriugrve
deren sie als eine der wenigen Industriearbeiten angesehen gree
werden kann, die als Lebensberuf für Frauen in Betracht ————
kommt, hat auch zur Folge, daß die Textilindustrie auch das werden kann.
Sammelbecken für alle diejenigen Arbeitskräfte bildet, die
wegen geschwächter Gesundheit zu anderen Arbeiten nicht
fähig sind, und daß in ihr auch alte Arbeiter und Arbeite—
rinnen in verhältnismäßig großer Zahl noch tätig sein
können. Die von uns veranstaltete Erhebung über die Ver—
teilung der Textilarbeiterinnen auf die verschiedenen Alters—
klassen hat folgendes Bild ergeben:

Jahr,

1918
1914
1924
1925

Zahl der
erfaßten
Arbeite⸗
rinnen

bis 20 —
Jahre

202 80
Jahre

30 40
Jahre

über 40
Jahre

*
21098 651 26,81) 6 948 82,98 4 021 19,06 4 472 21,20
21111 6 708 27,04)1 6 950 82,981 1007 19,17) 4 411 20,89
34079 33 21,68112 325 86, 171 6 798 19,981 7 624 22,87
40 8339 18687 21.88114 89285, 681 8 oosl 20.06 9 167 22.78

*

9

p

Dr. Max Hirsch hat in seiner Broschüre über die
Frauenerwerbsarbeit die Behauptung aufgestellt. daß
        <pb n="14" />
        Frauen am Ausgang der dreißiger Jahre bereits so ziem⸗—
ich am Ende ihrer Erwerbsfähigkeit im Betriebe ständen.
Wäre diese Behauptung richtig, so würde sich aus obiger
Zusammenstellung ergeben, daß in der Textilindustrie die
Verhältnisse ganz besonders günstig liegen. Denn wenn
hier fast ein Viertel der beschäftigten Arbeiterinnen bereits
das 40. Lebensjahr überschritten hat, beweist das, daß durch
die Arbeit in der Textilindustrie die Leistungsfähigkeit der
Frauen auch bei fortschreitendem Alter verhältnismäßig
wenig gemindert wird.
So zeigt denn auch ein Vergleich der Altersbesetzung
in der Textilindustrie mit derjenigen anderer Industrien,
daß in der Textilindustrie die höchsten Altersstufen noch
berhältnismäßig sehr hoch besetzt sind. Das gilt für Männer
und Frauen in gleicher Weise, obwohl doch gerade in der
Textilindustrie, wie bereits erwähnt, in besonders großem
Umfange wenig widerstandsfähige Personen Aufnahme zu
inden pflegen. Wir geben nachstehend eine Uebersicht über
die Altersbesetzung verschiedener Industrien, die einem
Aufsatz von Landesgewerbearzt Dr. Telecky im Reichsar—
heitsblatt, Jahrgang 1924, nichtamtlicher Teil Nr. 19ff.
entnommen ist, und die auf einer Statistik der rheinischen
Krankenkassen von 1922 fußt:

Gewerbegruppe

Männe!
bis 21 bis 31 bis 41 bis
203. 3803. 403. 504.

Petallbearbeitung .............................
Chemische Industrie .... ..... ................ ...
Textilindustrie ........................... ...
Nahrungs- und Genußmittel-Industrie ......... ...
Bekleidung und Reinigung . ... ..................
Handelsgewerbe .................. .. . . . . . . . . ...
Verwaltungsdienst ............................
Personal für häusliche Dienste .........

25,2 28,0 168,5 16,0.
5,2 88,0 28,8 185,9
15,58 21,66 17,5 17,6
1883 28,6 208019,6

3011800 1683 12,11
1716 280 18534470*

Insgesamt*) 4 20,7 8015 17535 553

Dr. Telecky zieht aus diesen Ziffern und den sonstigen
Ergebnissen seiner Untersuchungen über die Textilindustrie
olgenden Schluß:

„Wir haben hier also eine Berufsgruppe vor uns
mit starker Besetzung der oberen Altersklassen, woraus
vohl zu folgern ist, daß der Beruf einerse itsseine
Arbeiter nicht rasch aufbraucht, andererseits
 auch schwächere, nicht Voll—
kräftige ihm obliegen können. Wir stellen
nun fest, daß der Gesundheitszustand der Textilarbeiter
so weit er in der Erkrankungshäufigkeit zum Ausdruck
kommt — ein besserer ist, als der des Durchschnitts der
Arbeiterschaft; dabei ist die Häufigkeit von Krankmel⸗
dungen wegen Tuberkulose — trotzdem sich ja auch
Zchwächliche ihm zuwenden — nicht größer als iri ande⸗
ren Berufen.“

Damit ist bereits angedeutet, daß der Gesundheitszu⸗
tand der Arbeiter in der Textilindustrie zum mindesten
nicht ungünstiger, meist sogar günstiger ist als es in den
anderen Industrien der Fall ist. Unsere eigenen Erhebun⸗
gen haben über die Krankheitsentwicklung in der Textil⸗
ndustrie folgendes Bild ergeben:

31 in über Summe
803. 60J.

Frauen
bis 21 bis 831 bis 41 n 51 bis über
σ 63.

Summe

9,225 8,78 124318
877 840127898
16,4 11,1 26 630
—W 5 229
7,24,8 12797
106 78 9327

37,6 8814 18,00 6,0. 65 19 909
61 7 0466300
32 84 —4— 108 o8ß 24 21 7
38,1 3 119 70 35 27 5 045
88 294 8 s 8 4466
38 800 99 46 21 09 18641
230 440 i 86 43 24 68898
33 85 un e s 3 24480
d 4,68 340 160 1 34,71 837,66 14883 “67 1a45 742

zünstiger Gesun
seitszustand d
rbeitnehmer
er Textilindustr

*) Einschließlich weiterer, nicht besonders aufgeführter Gewerbegruppen.
        <pb n="15" />
        Erhöhung der
drankenziffern
durch
NKrankfeiern“.

Jahr

Zahl der Arbeitnehmer
männlich weiblich

Zahl der Kran
männlich

0/0

1918 17 223 268 267 6 b381 68,25
1914 18 2200 21876 —E 8815
924 28 288 88 026 780 42 09
1925 22 677 84 424 10 445 46.05

Hieraus ergibt sich, daß einmal sowohl die Zahl der
Krankmeldungen, wie auch die durchschnittliche Dauer der
Erkrankungen bei den weiblichen Arbeitskräften nicht un—
beträchtlich größer ist, als bei den Männern, und daß fer—
ner sowohl Krankmeldungen und durchschnittliche Krank—
hJeitsdauer bei Männern und Frauen nach dem Kriege er⸗
heblich größer sind als in den letzten Friedensjahren. Diese
auf den ersten Blick zu Bedenken Anlaß gebenden Erschei—
nungen finden jedoch Erklärungen, die zeigen, daß von
einem schädigenden Einfluß der Industriearbeit nicht die
Rede sein kann.
Berücksichtigt man, daß das Reichsarbeitsministerium
in seiner Denkschrift über die Sozialversicherung 1924/25
oom 5. Dezember 1925 feststellt, daß erfahrungsgemäß in
der Industrie jeder zweite Arbeiter einmal im Jahre krank
ist und daß ein Krankheitsfall im Durchschnitt 20 Tage
dauert, so ergibt fich auch aus obiger Zusammenstellung,
daß die Gesundheitsverhältnisse der Arbeiter in der Textil⸗
industrie im allgemeinen günstiger sind als im Durchschnitt
der Industrie. Lediglich die Zahl der Krankmeldungen der
veiblichen Arbeitskräfte liegt in den Nachkriegsjahren
twas über diesem Durchschnitt.
Diese größere Krankheitshäufigkeit der Frauen ist
iber eine Erscheinung, die sich durchaus nicht auf die in der
Lextilindustrie beschäftigten Frauen beschränkt. Sie erklärt
sich ohne weiteres aus der schwächeren Konstitution des
weiblichen Körpers und dessen. geringerer Widerstands⸗
fähigkeit gegen gesundheitsschädigende Einflüsse. Bei den
wveiblichen Arbeitskräften der Textilindustrie spielt außer—

meldungen Zahl der Krankheitstage
weiblich männlich l weiblich
d/0 Durchschnitt!!

Durchschnitt

12 786
1741
21 456
311318

0 124588 279810 11
8 180784.. 7 201 244 11
— 240 808 10 647 188 18
51191 — 285 1381110 627 249 18

dem der Umstand eine nicht unbeträchtliche Rolle, daß sich
unter ihnen eine verhältnismäßig große Zahl verheirateter
Frauen befindet, die außer ihrer Fabrikarbeit noch ihr
dauswesen zu versehen haben. Es hat immer wieder die
Beobachtung gemacht werden können, daß diese Fraͤuen ge⸗
neigt sind, sich krank zu melden, um sich so die nötige Frei—
zeit zur Erledigung größerer Arbeiten in der Hauswirt⸗
schaft, wie Waschen der Wäsche, Reinigen der Wohnung
und dergleichen zu verschaffen. Ja, es ist sogar mehrfach
vorgekommen, daß bei schlechtem Geschäftsgang in anderen
Industrien und dadurch bedingter großer Arbeitslosigkeit
der dort beschäftigten Arbeiter die Frauen der erwerbslosen
Arbeiter Beschäftigung in der Textilindustrie suchen, jedoch
nur, um sich alsbald krank zu melden, sobald die vorge—
schriebene Wartezeit verflossen ist, und sie in den Bezug von
Krankengeld treten können. Es ist klar, daß durch der—
artige Machenschaften die Zahl der Krankmeldungen weit
über die der wirklichen Erkrankungen hinausgetrieben
vird.
Die Neigung zum, Krankfeiern“ ist es auch, aus der sich
die Zunahme der Krankmeldungen und der Krankheitsdauer
in den Nachkriegsjahren erklärt. Daß hier ein schädigender
Einfluß der Arbeit in der Textilindustrie überhaupt nicht
in Frage kommen kann, ergibt sich schon daraus, daß diese
Arbeit gegenüber der Vorkriegszeit keine wesentliche Ver—
inderung erfahren hat. Würde durch die Arbeit in den
Textilbetrieben der Gesundheitszustand der Arbeiter und
Arbeiterinnen irgendwie ungünstig beeinflußt, so hätte dies
in den Krankenziffern der Vorkriegsjahre schon ebenso zum
        <pb n="16" />
        Ausdruck kommen müssen, wie in denen der Nachkriegszeit.
Die Zunahme dieser Ziffern in den Jahren 1924 und 1925
ist also so nicht zu erklären.
Die Neigung zum Krankfeiern wird besonders durch
zwei Faktoren stark gefördert: die Höhe des Krankengeldes
und der Rückgang der Konjunktur mit seinen Folgen,
Uebergang zur Kurzarbeit und Entlassung von Arbeits—
kräften. Den engen Zusammenhang der Häufigkeit der
Krankmeldungen mit diesen beiden Faktoren hat besonders
Regierungsbaumeister a. D. Bolz in zwei Aufsätzen im
„Arbeitgeber“, Jahrgang 1925 Nr. 2 und 23 nachgewiesen.
Dort ist an Hand der Krankheitsentwicklung in einigen
Großbetrieben gezeigt, wie die Kurve der Krankheitshäufig—
keit mit der Höhe des Krankengeldes und derjenigen der
Erwerbslosigkeit im großen gesehen, fast völlig parallel
läuft. Es ist ja ohne weiteres klar, daß eine starke Er—
höhung des Krankengeldes, wie sie in der Nachkriegszeit
nach Stabilisierung der Währung eingetreten ist, an sich
schon einen starken Anreiz zum Krankfeiern geben muß.
Dieser wird aber noch erhöht, wenn bei rückgängiger Kon—
junktur zahlreiche Arbeiter der Erwerbslosenfürsorge an—
heimfallen oder infolge von Kurzarbeit nur noch knapp
ebensoviel oder gar noch weniger verdienen, als das Kran—
lengeld ausmacht.
Die Richtigkeit dieser Auffassung wird auch vom
Reichsarbeitsministerium bestätigt, das in seiner oben er—
wähnten Denkschrift folgendes ausführt:
„Es ist außerdem eine alte Erfahrung, daß bei
wirtschaftlichem Niedergange die Krankenversicherung
mit einer gewissen Zwangsläufigkeit zur Krisenversiche—
rung wird.“
und ferner:

„In der Krankenversicherung steht nach der Erfah—
rung die Mitgliederzahl im geraden, die Krankenziffer
im umgekehrten Verhältnis zum Beschäftigungsgrad auf
dem Arbeitsmarkte.“

14 —
        <pb n="17" />
        Ja, sogar die Gewerkschaften müssen die Richtigkeit
dieser Auffassung zugeben. In Nr. 48 der freigewerkschaft—
lichen „Deutschen Werkmeisterzeitung“ vom 5. Dezember
1924 wird in einem Aufsatz über „Die Belastung der
Krankenkassen durch die niedrigen Sätze der Erwerbslosen—
fürsorge“ folgendes ausgeführt:
„Dem Kurzarbeiter, der ja aus der Fürsorge ganz
herausfällt, blieb ebenso, wie dem Erwerbslosen, der
ausgesteuert war oder gar nicht bezugsberechtigt wurde,
weil er in den letzten zwölf Monaten vor seiner Arbeits—
losigkeit nicht drei Monate krankenversicherungspflichtige
Beschäftigung ausgeübt hat, oft gar keine andere Wahl,
als sich „krank“ zu melden, um so über die Krise hinweg—
zukommen. Daß es tatsächlich die Krankenkassen sind,
die eine große Masse der Erwerbslosen und Kurzarbeiter
unterstützen und durchhalten müssen, erhellt die Tatsache,
daß in den letzten Monaten und Wochen wiederholt die
Ausgaben für Krankengeld mehr als die Hälfte der
wöchentlichen Einnahmen der Krankenkassen verschlan—
gen.“

In welch hohem Maße die Krankenziffern der Kran—
lenkassen durch das Krankfeiern beeinflußt werden, zeigt
folgende Notiz über Nachuntersuchungen bei der Kranken—
lasse der Stadt Braunschweig, die wir der Sozialversiche⸗
rungskorrespondenz vom 31. August 1925 entnehmen:
„Von den in der Behandlung der Allgemein-(prak—
tischen) Aerzte stehenden Versicherten sind 1678 zur
Nachuntersuchung geladen worden. Auf Grund dieser
Ladung haben sich selbst 642 sofort als arbeitsfähig be—
zeichnet. Von den Vertrauensärzten wurden 552 als
arbeitsfähig erklärt und 484 als weiter arbeitsunfähig.
Es sind mithin nur 28,96 v. H. zur Nachuntersuchung
Geladene als weiter arbeitsunfähig anerkannt, worden.
Diese Zahlen sprechen für sich.“
Ganz ähnliche Meldungen liegen auch aus anderen
Bezirken vor, wo gleichfalls 2/3 bis 84 der zur Nachunter—

3
        <pb n="18" />
        suchung geladenen Kasfenmitglieder gesund geschrieben wer—
den konnten. Es handelt sich also bei den in Braunschweig
gemachten Erfahrungen keineswegs nur um einen verein—
zelten Fall, der nicht verallgemeinert werden dürfte. Im
Gegenteil kann angenommen werden, daß die Verhältnisse
bei anderen Krankenkassen zum mindesten ganz ähnlich
liegen.

Keine schädliche
A

Es ergibt sich also, daß die Gesundheitsverhältnisse in
der Textilindustrie nicht ungünstiger, eher sogar wesent⸗
lich besser sind als in den meisten anderen Industrien und
im Durchschnitt der Industrie überhaupt, und das, obwohl
in der Textilindustrie zahlreiche Arbeitet Aufnahme finden,
die wegen ihrer Schwächlichkeit und geringen körperlichen
Widerstandsfähigkeit in anderen Industrien überhaupt
nicht beschäftigt werden können. Dieses Ergebnis dedt sich
mit dem, was Dr. Telecky an der oben wiedergegebenen
Stelle seiner Arbeit bezüglich der Textilindustrie feststellt.
Wenn Dr. Telecky außerdem betont, daß auch Erkrankun—
gen an Tuberkulose in der Textilindustrie nicht häufiger
sind als im allgemeinen Durchschnitt der Industrien, so
zeigt dies noch besonders deutlich, daß von einem besonde—
ren gesundheitsschädlichen Einfluß der Arbeit in der Textil—
industrie nicht die Rede sein kann.
Es wird behauptet, daß die Staubentwicklung, die be—
sonders bei den Vorbereitungsarbeiten in der Spinnerei
auftreten soll, eine nachteilige Wirkung auf die Gesundheit
der in der Textilindustrie beschäftigten Arbeiter ausübe.
Hierauf ist zu erwidern, daß es zu erheblicher Staub—
entwicklung heute in der Textilindustrie überhaupt kaum
kommt. Ueberall dort, wo eine größere Staubentwicklung
stattfinden kann, ist durch entsprechende Absaugevorrichtun⸗
gen für die sofortige Entfernung des Staubes in reichem
Maße gesorgt. Dabei handelt es sich heute nicht nur um
eine Entfernung und Erneuerung der stauberfüllten Luft,
sondern die Staubentwicklung selbst wird verhindert, in⸗
dem der Staub unmittelbar von den Maschinen, noch bevor
er in die Luft übertreten kann, abgesaugt wird. So sind

—4
        <pb n="19" />
        insbesondere für die Entstaubung der stark staubentwickeln—
den Karden Apparate konstruiert worden, die durch an
einer Laufstange hin und her wandernde Düsen den Staub
unmittelbar von dem Fließ abnehmen.
Die Gesundheitsschädlichkeit der Einatmung von Tex—
tilstaub wird zudem meist in hohem Maße überschätzt. Der
Stadtarzt Dr. Heckenrath in M.Gladbach hat auf Grund
seiner in der dortigen Textilindustrie gemachten Erfahrun—
gen in einem auf Veranlassung des Deutschen Textilarbeiter—
verbandes eingeforderten Gutachten hierüber folgendes
ausgeführt:

Kein schädlicher
Einflußz auf die
Lunge.

„Im übrigen ist die Textilarbeit nicht so schädlich
für die Lunge, wie allgemein angenommenwird. Speziell
für die Lungentuberkulose resultiert die hohe Zahl an Er—
krankungen und Anfälligkeit nicht aus der „Staubarbeit“,
sondern ist eben auf die Familienansteckung zu—
rückzuführen. In ähnlicher Weise verhält es sich mit
den anderen Erkrankungen der Atmungsorgane. Die
bisher angestellten Untersuchungen haben auch bei jahr—
zehntelanger Arbeit in der Textilindustrie keine ernst—
lichen krankhaften Lungenveränderungen ergeben, wohl
jedoch einen gewissen Reizzustand, der sich in leichter bis
mittelschwerer Luftröhrenentzündung oder als Lungen⸗
blähung, aber auch nicht schweren Grades, zeigt.“
In einem Vortrag auf der ersten Jahreshauptver—
sammlung der Deutschen Gesellschaft für Gewerbehygiene,
der die Beziehungen zwischen Staubeinatmung und Lun—
gentuberkulose behandelt, kommt Dr. Engel zu folgendem
Ergebnis:

„Sicher erkennbar ist bisher eine Beziehung zwischen
Staubeinatmung und Lungentuberkulose nur bei solchen
Staubarten, welche leicht und häufig ausgesprochen in—
durative Staublungenveränderungen machen.“
Er stellt aber vorher fest, daß organischer Staub, und
das gilt besonders von dem weichen Staub, wie er allein
bei den verschiedenartigen in der Textilindustrie verwand—

17
        <pb n="20" />
        len Fasern vorkommt, indurative Staublungenveränderun⸗
gen überhaupt nicht hervorruft.
So kommt er denn bezüglich des Einflusses der Ein—
atmung organischen Staubes auf die Tuberkuloseanfällig⸗
keit lediglich zu folgender Feststellung:
„Am schwierigsten zu beurteilen ist bisher die Tu—
berkulosegefährdung durch die Einatmung organischer
Staubarten. Eine erhöhte Tuberkulosesterblichkeit ist
war in einer Reihe derartiger Berufe erwiesen, es han⸗
delt sich aber dabei vorwiegend um Berufe, die in be—
sonders hohem Maße durch ungünstige Einflüsse der Be—
rufsauslese belastet sind.·

unter 20 Jahren
der Lodesfalle
Arbeite⸗ Amwesh
rinnen

Jahr

20 80 Jahre
—
Zahl der
Arbeite⸗ Todesfälle
cinnen 4

9

1918
1914
1924
1925

5897 19 0,85
5 398 10 0,18
7588 12 015
3770 10 0.11

6 116 20 082
— 20 0588
11 828 29 0,24
13 668 88 19035

Allgem. Dt.
Sterbetafel
1901 - 1910
1910 - 1911

— — ss
— — 088

* — 33
— — 0.47

Ein schädigender Einfluß der Einatmung organischen
Staubes auf die Tuberkuloseanfälligkeit und Tuberkulose⸗
entwicklung hat sich also bisher nicht feststellen lassen. Be—
stände ein solcher Einfluß in einigermaßen bedeutenderem
Umfang, so wäre ein derartiger Nachweis sicher möglich
gewesen. Den einzigen Anhaltspunkt bietet eine erhöhte
Tuberkulosesterblichkeit. Da Dr. Telecky, wie bereits oben
erwähnt, aber für die Textilindustrie feststellt, daß bei den
bei ihr beschäftigten Arbeitskräften Tuberkuloseerkrankun—
gen auch nicht häufiger sind als im allgemeinen Durch⸗

Zahl der
Arbeite⸗
rinner

299
8 051
6 968
7 ga⸗

schnitt der Industrien, so trifft dieses Argument für die
Textilindustrie auch nicht zu.
In Baden, dessen Textilindustrie zu den bedeutendsten
Industriezweigen des Landes zählt, konnte ein Rückgang
der Lungentuberkulose seit 1914 um 25 Proz. festgestellt
werden. Die Regierung führt nach ihrer im Haushaltungs—
ausschuß des dortigen Landtages abgegebenen Erklärung
diese Erscheinung auf die zunehmende Industrialisierung
des Landes zurück.
Wie es mit der Sterblichkeit der in der Textilindustrie
beschäftigten weiblichen Arbeitskräfte im allgemeinen steht.
zeigt folgende Zusammenstellung:

O Jahre
Todesfälle

über 40 Jahre
Zahl der Fodesfälle
Arbeite⸗
rinnen

Zahl der
Arbeite⸗
cinnen

insgesamt J
Todesfälle

7

9

9

1u60,58
is 0
2681
sz6

3466825050772
8 487 37 1,07
7591 67 0,89
8919 —60946

17975 80 O,44
17 881 85 0.47
g3 958 180 0,88
39 3358 1449 037

o,66 — — 7,88 — — *
261 — — 7,72 — — —

Wir haben hier den für vier Altersklassen der weib—
lichen Arbeitskräfte in der Textilindustrie für die Jahre
1913, 1914, 1924 und 1925 errechneten Sterblichkeits—
ziffern die für Frauen geltenden Sterblichkeitszahlen der
deutschen Gesamtbevölkerung nach der allgemeinen deut⸗
schen Sterbetafel 1901 —1910 und 1910 - 1911 gegenüber—
gestellt. Wenn auch zuzugeben ist, daß die für die Textil—
arbeiterinnen festgestellten Prozentzahlen bei den wenigen
auf die einzelnen Altersklassen entfallenden Todesfällen
nicht frei sind von Zufälligkeiten, so lassen die Ziffern im

Guünstige Ster
ichkeit der in
dextilindustrie
chäftigten Frau

— —
        <pb n="21" />
        ganzen betrachtet, doch eine Gesetzmäßigkeit erkennen, die
nicht auf Zufall beruht. Deshalb ist ein Vergleich der für
die Textilarbeiterinnen errechneten Zahlen mit den Sterb—
lichkeitsziffern der allgemeinen deutschen Sterbetafel durch—
aus berechtigt. Dieser Vergleich zeigt, daß die Sterblich⸗
keitskurve der Textilarbeiterinnen bis zum 40. Lebensjahr
mit der der allgemeinen Sterbetafel so ziemlich parallel
verläuft. Nur ist die für die Textilarbeiterinnen festge⸗
stellte Sterblichkeit erheblich geringer als die durchschnitt⸗
liche Sterblichkeit aller deutscher Frauen. In der Alters—
klasse über 40 Jahre ist dieser Unterschied noch wesentlich
größer als für die vorausgehenden Altersklassen. Das mag
sich daraus erklären, daß mit fortschreitendem Alter viele
Textilarbeiterinnen ihre Beschäftigung in den Betrieben
aufgeben. Berücksichtigt man jedoch, daß, wie bereits oben
gezeigt wurde, immerhin noch Vß bis aller Textilarbeite—
rinnen der Altersklasse über 40 Jahre angehören, so müssen
auch die für diese Altersklasse festgestellten Sterblichkeits—
zahlen sehr gering erschienen, selbst wenn man einen un—
mittelbaren Vergleich mit der Ziffer der allgemeinen deut⸗
schen Sterbetafel für diese Klasse nicht mehr für zulässig
hält.

Es ergibt sich also, daß die Sterblichkeit unter den
Textilarbeiterinnen durchaus günstig ist, und es macht sich
sogar in den Nachkriegsjahren deutlich noch eine Besserung
gegenüber den letzten Friedensjahren bemerkbar.
Wenn sonach sich ergeben hat, daß die Arbeit in der
Textilindustrie ihrer ganzen Art nach, wie besonders wegen
ihrer Leichtigkeit ganz besonders für Frauen geeignet und
sogar als eine der wenigen Industriearbeiten angesprochen
werden kann, die als Lebensberuf für Frauen in Betracht
kommen kann, und daß sie keinerlei nachteilige Wirkungen
auf die Gesundheit der in ihr beschäftigten Frauen ausübt,
daß vielmehr die Gesundheitsverhältnisse und Sterblichkeit
in der Textilindustrie besonders günstig sind, obwohl sich
ihr zahlreiche schwächliche Personen zuwenden, so muß es
eigentlich schon ohne weiteres einleuchten, daß die Arbeit in
        <pb n="22" />
        der Textilindustrie auch für schwangere Arbeiterinnen kaum
von besonderem Nachteil sein kann und daß es eine maßlose
Uebertreibung ist, wenn der Textilarbeiterverband in seiner
erwähnten Eingabe die Arbeit schwangerer Textilarbeite—
rinnen als eine ununterbrochene neun Monate andauernde
Qual bezeichnet.
Die schädliche Wirkung der Arbeiten in der Textil—
industrie auf schwangere Arbeiterinnen soll vor allem da—
von ausgehen, daß viele dieser Arbeiten ein dauerndes
Gehen und Stehen erfordern. An sich ist es richtig, daß
bestimmte Arbeiten in der Textilindustrie, darunter die wich⸗
tigsten, das Spinnen und Weben im allgemeinen nur im
Gehen und Stehen verrichtet werden können. Das gilt viel—
leicht besonders vom Spinnen, aber dieses und mehr das
Weben gestattet es doch den Arbeiterinnen eher, sich auch
während der Arbeit einmal kurze Zeit zu setzen. Hiervon
machen die Arbeiterinnen, wenn sie ermüdet sind, auch
wohl Gebrauch, und es wird ihnen dies, wenn sie ihre Ar—
beit darüber nicht vernachlässigen, auch ohne weiteres ge—
stattet.

die bei der Arbe
n der Textilindu
trie nötigen Bewe
jungen sind nich
nachteilig für de
Verlauf der
Schwangerschaft

Es ist bereits oben dargelegt, daß die Spinn- und
Webstühle fast völlig automatisch arbeiten, so daß die Ar—
beiterin an sich nur den fehlerfreien Gang der Maschine zu
überwachen hat und vor allem dann eingreifen muß, wenn
ein Faden gerissen ist. Bei Spinnmaschinen mit ihrer
großen Zahl von Spindeln ist dies jedoch im allgemeinen
nur im Stehen möglich, da so nur die ganze Maschine über—
sehen werden kann. Da jedoch die tägliche Arbeitszeit durch
ausreichende — wie weiter unten noch näher darzulegen
sein wird, gesetzlich geregelte — Pausen unterbrochen wird,
dedeutet auch dieses Gehen und Stehen während der Ar—
beit leine übermäßige Anstrengung. Besonders wichtig ist
dabei, daß es sich weder um ein dauerndes Stehen, noch
um ein dauerndes Gehen handelt, sondern beides immer
wieder miteinander abwechselt. Hierdurch werden die
Muskeln in Bewegung gehalten, so daß Blutstockungen, die
nachteilig wirken könnten, vermieden werden, während

21
        <pb n="23" />
        andererseits doch auch die Muskeln Zeit zur Entspannung
und zum Ausruhen finden. Ein schädlicher Einfluß dieses
Gehens und Stehens auf den Gesundheitszustand oder auch
nur das Wohlbefinden der schwangeren Arbeiterinnen
braucht daher nicht befürchtet zu werden, auch die Bildung
von Krampfadern, die ja während der Schwangerschaft
leicht eintritt, wird bei diesem Wechsel von Gehen und
Stehen längst nicht so gefördert, wie etwa bei einer Arbeit,
die stehend an Tischen oder Pulten ohne ausreichende Be—
wegung der Beine verrichtet werden muß.
Ferner ist behauptet worden, die schwangeren Arbeite—
rinnen müßten sich in der Textilindustrie stark bücken oder
strecken, sie müßten schwer heben und ihren schwangeren
Leib stark gegen die Maschine pressen. Es wurde bereits
oben darauf hingewiesen, daß Arbeiten, die eine größere
körperliche Anstrengung erfordern, in der Textilindustrie im
allgemeinen nur vereinzelt vorkommen, und daß dafür ent⸗
weder männliche Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, oder
die Arbeiten von mehreren Arbeiterinnen gemeinsam aus—
geführt werden können. Außerdem wird selbstverständlich
auf den Zustand schwangerer Arbeiterinnen, soweit es
irgend die Betriebsverhältnisse gestatten, Rücksicht genom—
men, und auch die Arbeitskolleginnen der Schwangeren
werden stets gern bereit sein, ihr eine Arbeit abzunehmen,
deren Ausführung ihr wegen ihres Zustandes schwer fällt.
Im übrigen sind sicher die Arbeiten in der Textilin—
dustrie nicht schwerer als die Arbeiten, welche eine schwan—
gere Hausfrau verrichten muß und von jeher hat verrichten
müssen, ohne daß darum eine besondere Gefährdung von
Mutter und Kind befürchtet wurde. Frau Dr. med.
Lützenkirchen schreibt in einem Aufsatz in Nr. 1 der Gesund—
heitswacht, Jahrgang 1926 folgendes:
„Im allgemeinen wird die hoffende Frau die vielen
Einzelarbeiten, aus denen die Hausarbeit besteht, gut er—
ledigen können, etwas anderes ist es mit der schweren
körperlichen Arbeit, wie das Tragen von Kohlen- und
Abfalleimern, das Schleppen schwerer Waschkörbe oder
        <pb n="24" />
        Kartoffelsäcke oder das Bürsten von Parkettböden. Hier
solltedie werdende Mutterindenersten
drei Monaten Rücksicht auf ihren Zu—
stand nehmen, und zwar besonders in den Tagen,
an denen sie normalerweise die Wiederkehr der Periode
erwartet hätte. Eine plötzlich einsetzende starke Muskel—
anspannung, wie das Heben und Tragen schwerer Lasten
kann zur Unterbrechung der Schwangerschaft, d. h. zu
Blutungen und nachfolgender Frühgeburt führen. In
den späteren Monaten der Schwanger—
schaft besteht im allgemeinen diese Ge—
fahr nicht mehr. Allerdings wird in den letzten
acht Wochen vor der Geburt durch den Hochstand des
Zwerchfelles die Atmung erschwert und aus diesem
Grunde die Ausführung schwerer körperlicher Arbeit nur
selten möglich sein. Die Furcht, das beim Hinaufreichen
in die Höhe, z. B. auf Schränke oder beim Aufhängen
von Gardinen eine l ee eintreten
könnte, die das Kind bei der Geburt in Gefahr brächte,
ist unbegründet.“
Also nur in den ersten Monaten der Schwangerschaft
können schwere körperliche Arbeiten eine Gefahr für die
werdende Mutter bedeuten. In dieser Zeit muß es aber
Aufgabe der Schwangeren selbst sein, die nötige Vorsicht
obwalten zu lassen.
Die eigene Rücksichtnahme auf ihren Zustand ist es
aber gerade, woran es die schwangeren Arbeiteriunen
vielfach fehlen lassen. In dem bereits erwähnten Bild—
material, daß der Deutsche Textilarbeiterverband über die
Tätigkeit der schwangeren Textilarbeiterinnen beigebracht
hat, werden verschiedene Manipulationen gezeigt, die wegen
des damit verbundenen Streckens oder Bückeus für die
schwangeren Arbeiterinnen besonders nachteilig sein sollen.
Viele der gezeigten Handgriffe können jedoch auch anders in
einer Weise ausgeführt werden, daß jedes übermäßige
Strecken oder Bücken vermieden wird. Es steht also ganz
bei den Schwangeren selbst, Bewegungen zu vermeiden, die
        <pb n="25" />
        ihnen bei ihrem Zustand schwer fallen oder gar nachteilig
sein könnten. Das gilt ebenso vom Heben größerer Lasten
wie überhaupt von Arbeiten, die eine große, ihnen unzu⸗
trägliche körperliche Anstrengung erfordern. Es wurde be—
reits darauf hingewiesen, daß hierfür männliche Hilfskräfte
zur Verfügung stehen oder die Arbeit mit einer Arbeits—
kollegtn unschwer ausgeführt werden kann. Freilich kann
die Hilfe nicht jedesmal, wenn sie einmal benötigt wird,
schon bereit stehen. Die schwangere Arbeiterin muß sie,
statt die Arbeit selbst oder allein auszuführen, heranrufen.

Nehmen die Schwangeren selbst auf ihren Zustand die
nötige Rücksicht, so sind die Arbeiten in der Textilindustrie
und die damit verbundenen Bewegungen — selbstverständlich
 einen normalen Verlauf der Schwangerschaft voraus⸗
gesetzt — ihnen in keiner Weise nachteilig. Es mag sein,
daß bei fortgeschrittener Schwangerschaft ihre Bewegun—
gen schwerfällig und ungeschickt aussehen, das gestattet aber
nicht ohne weiteres den Schluß, daß sie ihnen besonders
beschwerlich seien, geschweige denn, daß sie ihnen nachteilig
wären. In einem uns vorliegenden Gutachten des Direk—
tors der rheinischen Provinzial-Hebammenlehranstalt und
Frauenklinik, Professor Ed. Martin, das wir dieser Ab⸗
handlung als Anlage beifügen, ist darüber folgendes ge⸗
sagt:.

„Soweit alles im physiologischen Rahmen verläuft,
besitzt der weibliche Körper eine ungeahnte Anpassungsfähigkeit
 auch an die regelmäßige Tätigkeit unter außer—
gewöhnlichen Bedingungen. Gewiß gibt es genug
Frauen, welche in der Schwangerschaft unter der ge⸗
wohnten Arbeitslast außerordentlich leiden. Hier be—
stehen aber stets irgendwelche Erkrankungen.“
Im Gegenteil ist nach ärztlicher Ansicht körperliche
Bewegung für Schwangere vorteilhaft und insbesondere
für den glatten Verlauf der Geburt förderlich. Frau Dr.
med. Lützenkirchen schließt ihren oben erwähnten Aufsatz
in der Gesundheitswacht mit folgenden Ausführungen:
        <pb n="26" />
        „Werden die angeführten Regeln beachtet, so bringt,
abgesehen von den eingangs erwähnten Einschränkun—
gen, körperliche Arbeit in der Schwangerschaft der wer—
denden Mutter nicht Schaden, sondern Nutzen, da sie die
Beweglichkeit des Körpers erhält, der sich einschleichen—
den Schwerfälligkeit entgegenwirkt und damit günstige
Vorbedingungen für eine gute Entbindung schafft.“
Im gleichen Sinne spricht sich Dr. med. Preu in
Reichenbach in Schlesien aus, der als Frauenarzt im schle—
sischen Textilbezirk in 30jähriger Praxis reiche Erfahrun—
gen über die Wirkung der Arbeiten in der Textilindustrie
auf den Gesundheitszustand schwangerer Arbeiterinnen hat
sammeln können. Er sagt in einem uns vorliegenden,
gleichfalls als Anlage beigefügten, Gutachten folgendes:
„Es kann leicht die Anschauung geweckt werden,
daß nun völlige Enthaltsamkeit von jeder Arbeit ratsam
ei. Daß damit aber gleichzeitig eine Erschlaffung der
Bebärmuttermuskeln und eine Erschwerung der Ge—
ourtstätigkeit verknüpft ist, muß unterstrichen werden ...
Der alte Rat, die gewohnte Arbeit
möglichst lange, d. h. bis in die letzten
Wochen der Schwangerschaft fortzu—
setzen, hat sich bewährkundiist vom ärzt—
bichen Standpunktaus geboten.“
So kann denn auch immer wieder die Beobachtung
gemacht werden, daß die schwangeren Arbeiterinnen in den
Textilindustrie selbst bestrebt sind, so lange als irgend mög—
lich bei ihrer gewohnten Arbeit zu bleiben. Häufig ver—
heimlichen sie sogar geflissentlich möglichst lange ihren Zu—
stand, um ihre Arbeit nicht aufgeben zu müssen, und
wiederholt haben schwangere Arbeiterinnen von der Arbeit
fortgeschickt werden müssen, um zu verhüten, daß sie bei
der Arbeit von der Geburt überrascht wurden. Dabei be—
rufen sie sich vielfach auf den Rat ihres Arztes, der ihnen
die möglichst lange Fortsetzung der gewohnten Arbeit emp—
fohlen habe. Wie lange schwangere Arbeilerinnen die Ac—
beit fortzusetzen pflegen, zeigt folgende Zusammenstellung:

S

Die Arbeiterinn
wollen selbst ih
Arbeit bis kurz v
der Niederkunf—
nicht aufgeben.
        <pb n="27" />
        s*s arbeiteten bis . . . . . Tac

Jahr!

Zahl der
erfaßten
Irheiterinnen

Zahl
der Geburten
—

Bis zur
Niederkunft
9

Bis Bis
1 Tag — 2 Tage
o

—1918
1914
924
1925

21888 320 3,. 66 424,98 687,00
28 741 855 10832, 81417 4088 56 688 165648
80 187 9— —3— 852 181 I— 76 5.77
35 576 14861 6.60) 816 21127 245 16491 76 511

Hieraus ersehen wir, daß auch in den Nachkriegs—
ahren noch rund M aller schwangeren Textilarbeiterinnen
chrer gewohnten Beschäftigung bis zum Tage der Nieder—
kunft treu zu bleiben pflegen, und daß mehr als die Hälfte
die Arbeit erst innerhalb der letzten fünf Tage vor der
Niederkunft aufgibt. Diese Erscheinung läßt sich nicht da—
mit begründen, daß die Arbeiterinnen wegen ihrer finan—
ziellen Lage ihren Arbeitsverdienst nicht entbehren können
und deshalb gezwungen wären, solange als irgend möglich
die Arbeit fortzusetzen. Es wird noch unten näher darzulegen
sein, daß den Arbeiterinnen auf Grund der gesetzlichen Be—
stimmungen über die Wochenhilfe recht erhebliche Mittel
von der Krankenkasse zufließen. Insbesondere erhalten sie
ein Wochengeld in Höhe des ihnen zustehenden Kranken—
zeldes für 10 Wochen, wovon 4 Wochen auf die Zeit vor
der Niederkunft gerechnet sind. Die Schwangeren können
also in der Regel ohne erhebliche finanzielle Einbuße ihre
Arbeit mindestens 4 Wochen vor der Niederkunft aufgeben.
Wir haben oben bei der Erklärung der Zunahme der
Krankmeldungen in der Nachkriegszeit darauf hinweisen
nüssen, daß sich infolge des hohen Krankengeldes eine starke
Neigung zum Krankfeiern geltend macht. Auch den
Schwangeren ist mindestens für die letzten Wochen vor der
Niederkunft die Möglichkeit gegeben, sich von der Arbeit zu
befreien und sich die gleichen Kassenleistungen zu sichern
wie im Krankheitsfall. Wenn sie in so weitem Umfange
von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch machen, so beweist
das schlagend, daß ihnen ihre Arbeit keinerlei besondere
Beschwerden verursacht.

or der Niederkunft: ——
3285 Tage — 6185 Tage 16 30 Tage — 31 60 Tage 60- 90 Tage üb. 90 Tage

— * 2
i Toss 7.38388
79 92867 1784
95 72BIA1IILIGC
l04 7001170 11.544.

3 *
on 11,24 81 86571275
— 804 83 386 18 uBe
i82 10,481 56 4,18 25 1,90
148 de 4s 28884229
In den bereits wiedergegebenen Ausführungen der
Frau Dr. Lützenkirchen ist gesagt, daß der Schwangeren in
den letzten 8 Wochen vor der Niederkunft infolge Hochstand
des Zwerchfelles die Atmung erschwert ist, so daß sich
chwere körperliche Arbeiten von selbst verbieten. Es han—
delt sich hier also nicht nur um die Erschwerung körperlicher
Arbeiten, sondern um die physische Unmöglichkeit ihrer
Verrichtung. Wenn trotzdem die schwangeren Textilarbeite—
rinnen in großer Zahl ihre Arbeit bis zum Tage der Nie—
derkunft oder bis kurz vorher fortzusetzen vermögen, so
zeigt auch dies, daß mit dieser Arbeit erhebliche körperliche
Anstrengungen nicht verbunden sein können.
Der Textilarbeiterverband hat in seiner mehrfach er⸗
wähnten Eingabe auf Grund einer von ihm veranstalteten,
damals allerdings noch gar nicht abgeschlossenen, Erhebung
die Behauptung aufgestellt, daß bei 72,16 Proz. aller
chwangeren Textilarbeiterinnen die Geburt der Kinder
unter den größten Schwierigkeiten und unter den entsetz—
lichsten Qualen erfolge. Auch diese Behauptung trägt den
Stempel maßloser Uebertreibung an der Stirn. Im Hin⸗
blick auf die vorstehenden Darlegungen muß die Richtigkeit
der angegebenen Prozentzahl über die Häufigkeit anor—
maler Geburten den stärksten Zweifeln begegnen. Offenbar
heruht die Statistik des Textilarbeiterverbandes einfach auf
einer Befragung seiner weiblichen Mitglieder. Schwangere
Frauen, und zwar insbesondere Erstgebärende, werden
aber leicht geneigt sein, die mit Schwangerschaft und Ge—
zurt unvermeidlich verbundenen Beschwerden und Schmer—
zen bereits als Zeichen eines anormalen Verlaufes der

keine besondert
zäufigkeit anvr
naler Geburten
ei den Textil
arbeiterinnen.“
        <pb n="28" />
        Schwangerschaft anzusehen. Ein sicheres Urteil darüber,
ob der Verlauf der Schwangerschaft oder Geburt noch als
ioxmal zu betrachten ist, vermag nur der Arzt oder allen⸗
'alls die Hebamme abzugeben. Unsere eigenen auf An—
gaben der Betriebskrankenkassen beruhenden Feststellungen
über die Häufigkeit anormaler Geburten bei Textilarbeite—
rinnen geben ein wesentlich anderes Bild

Jahr

Zahl der
BSeburten

on den Gebärenden
waren verheiratet

Frühgeburt — Berhe
Fehlgeburt

9

4

97.

918
914
924
925

1810 1117 61,71 10 055
2170 1166 88,68 17 0,78
2319 156 66,28 38 1,64
2457 162566.14 160665

88 4,5
72 382
279 1208
281 940

Selbst, wenn man alle Früh- und Fehlgeburten den
anormalen Geburten zurechnet, ergibt sich nicht entfernt
eine so hohe Zahl, wie sie der Textilarbeiterverband ge—
aannt hat. Das gilt gleichermaßen für alle vier Jahre,
für die die Erhebung veranstaltet wurde, gewiß ein Zeichen
dafür, daß es sich hier nicht um Zufallsergebnisse handeln
kann.
Wenn sich nach obiger Statistik eine beträchtliche Zu—
nahme der anormalen Geburten, insbesondere der Früh⸗
geburten in der Nachkriegszeit zeigt, so muß, wie bereits
geschehen, im Hinblick auf die Zunahme der Krankmeldun—
gen in der Nachkriegszeit auch hier wieder betont werden,
daß die Arbeiten in der Textilindustrie gegenüber den
Jahren 1913 und 1914 keine wesentliche Veränderung er⸗
fahren haben. Deshalb kann auch die Zunahme der anor—⸗
malen Geburten nicht auf nachteiliger Wirkung der Textil⸗
arbeit beruhen, da sich diese ja vor dem Kriege ebenso hätte
zeigen müssen wie nach dem Kriege.
Die wahre Ursache dieser Erscheinung wird vielmehr
in dem Sinken der Moral, insbesondere in der Häufigkeit
der Abtreibungen, außerdem aber auch in der größeren
Verbreitung der Syphilis zu suchen sein.

Auf der Barmer sozialen Woche im Oktober 1925 hat
Dr. med. Hoffa in einem Vortrag ausgeführt, daß schon
im Jahre 1921 nach vorsichtiger Schätzung die Zahl der in
Deutschland künstlich herbeigeführten Fehlgeburten auf
100 000 beziffert werden müsse, und für 1925 glaubt er sie
auf eine Million schätzen zu können. Dr. Preu teilt in
einem bereits oben erwähnten Gutachten mit, daß von

ä tete
Anormal. Geburten

Frühgeburt
*.

Ledige
Fehlgeburt

¶Anorm Geb
*

7.

7

25
9
24
29

1,88 60,88 388
,41 14 0,66 56
1,08 24 1,08 171
.14 36 147 171106

2,10
258 6
B314
6.95128

70,88
o a8
o60
098

autoritativer Seite errechnet wird, daß von 100 Fehlge⸗
burten 80 und mehr auf künstliche Eingriffe zurückzuführen
sind. Betrachtet man diese Zahlen, so ist ohne weiteres
flar, daß die Industriearbeit für die Zunahme der anor—⸗
malen, insbesondere der Fehlgeburten nicht verantwortlich
gemacht werden kann.
In seiner Broschüre über die Gefahren der Frauen—
erwerbsarbeit weist Dr. med. Hirsch auch auf folgende
Statistik der Ortskrankenkasse Leipzig über die Zahl der
Früh- und Fehlgeburtem hin

g bei Pflicht⸗ bei freiwilligen
Früh- und Fehlaeburten — Mitglieden
ꝛei Arbeiterinnen in Wollkämmereien
und Spinnereien .............
zei Arbeiterinnen in Webereien und
Stickereien ...................5 18,4 3,2
zei Arbeiterinnen in Kürschnereien .. 18,0 4,8
vei Dienstpersonal ............3 20,1 4,1
dei Büro- und Kontorpersonal .. ... 34,4 8,6
bei Verkäuferinnen Cadenpersonal)... 28.1 3,8
Aus der wesentlich größeren Häufigkeit der Früh-⸗ und
Fehlgeburten bei Vflichtmitgliedern glaubten gauf die
        <pb n="29" />
        richende ge⸗
che Bestime⸗
ugen zum
ze schwange⸗
rbeiterinnen
hen bereits.

Schädlichkeit der Arbeit im Betrieb schließen zu können.
Dieser Schluß ist aber nicht gerechtfertigt. Die freiwilligen
Mitglieder der Ortskrankenkassen sind doch in der Haupt—
sache solche, die eine krankenversicherungspflichtige Be—
schäftigung überhauͤpt nicht mehr ausüben, ihre Zuteilung
an bestimmte Berufsgruppen ist daher gar nicht angängig.
Vermutlich ist die Aufteilung der freiwilligen Mitglieder
in die einzelnen Berufsgruppen danach erfolgt, welchem
Berufszweig sie angehörten, als sie noch eine versicherungs—
pflichtige Tätigkeit ausübten. Dann ist aber zu berücksichti—
gen, daß gerade in der Textilindustrie, wie oben nachge—
wiesen wurde, die Arbeiterinnen länger als anderswo im
Betriebe zu bleiben pflegen. Es kann deshalb angenommen
werden, daß die Textilarbeiterinnen zum größeren Teil aus
der Versicherungspflicht erst ausscheiden, wenn sie das ge—
bärfähige Alter bereits überschritten haben. Es ist klar,
daß dann die Häufigkeit von Früh- und Fehlgeburten bei
den freiwilligen Mitgliedern außerordentlich gering sein
muß, so daß diese mit der Häufigkeit bei den Pflichtmit—
gliedern gar nicht verglichen werden kann.
Eher könnte noch ein Vergleich der für die Pflichtmit—
glieder der verschiedenen Berufsgruppen festgestellten Zah—
len untereinander stattfinden. Daraus würde sich aber er—
geben, daß gerade die Arbeit in der Textilindustrie viel
weniger schädlich wäre, als die Arbeit in anderen Berufen,
insbesondere im Büro und Kontor, obwohl doch gerade
hier von den weiblichen Arbeitskräften die geringsten kör—
perlichen Anstrengungen gefordert werden. Richtiger frei—
lich wird es sein, aus den Zahlen den Schluß zu
ziehen, daß ein Zusammenhang zwischen der Berufsarbeit
und der Häufigkeit der Früh- und Fehlgeburten überhaupt
nicht besteht, daß diese vielmehr durch Faktoren beeinflußt
wird, die ganz außerhalb der beruflichen Tätigkeit liegen.
Kann sonach von einer ernstlichen Gefährdung der
schwangeren Arbeiterinnen in der Textilindustrie durch
ihre Berufsarbeit kaum die Rede sein, so muß außerdem
berücksichtigt werden, daß in Deutschland der Schutz der

I
        <pb n="30" />
        erwerbstätigen Frauen und die Fürsorge für die schwange—
ren Arbeiterinnen eine weitgehende gesetzliche Regelung
gefunden hat.
Durch 8 137 GO. ist die Arbeitszeit der weiblichen
Arbeitskräfte hinsichtlich Dauer, Beginn und Ende, wie
auch besonders hinsichtlich der Ruhepausen besonderen über
die allgemeine Arbeitszeitregelung hinausgehenden Be—
stimmungen unterworfen. Insbesondere ist für aus—
reichende Pausen gesorgt, die es auch den Textilarbeite—
rinnen, welche ihre Arbeit im Gehen und Stehen verrich—
ten müssen, gestattet, sich auszuruhen und zu erholen. Frei—
lich wünschen die Textilarbeiterinnen häufig diese Arbeitspausen
 gar nicht und drängen auf möglichste Abkürzung
derselben. Da diese aber nur mit der Genehmigung der
Gewerbeaufsichtsbehörde erfolgen kann, muß angenommen
werden, daß in jedem Falle einer Abkürzung der vorge—
schriebenen Pausen zuvor eine einwandfreie und unpar—
teiische Prüfung stattgefunden hat, daß im Hinblick auf die
Art und Leichtigkeit der in Betracht kommenden Arbeit die
Kürzung der Pausen unbedenklich ist.
Durch die Bestimmungen der 88 1200 ff. GO. ist aber
weiter für weitgehenden Schutz gegen gesundheitliche oder
sittliche Gefährdung der Arbeiterinnen gesorgt. Nicht nur,
daß alle Maschinen, soweit irgend möglich, mit Schutzvor—
richtungen versehen sein müssen, um jede von ihnen aus—
gehende Gefahr für die an ihnen beschäftigten Arbeite—
rinnen auszuschließen, auch für genügend Licht und Luft,
für ausreichenden Luftwechsel und für Beseitigung von
Staub, Gasen oder Dünsten muß Vorsorge getroffen sein.
Diese Bestimmungen- finden noch ihre Ergänzung durch
Anordnungen, die nach 8 120 der GO. durch die Gewerbe—
polizeibehörde und nach g8 848 ff. RVO. durch die Berufs—
genossenschaften zur Beseitigung besonderer Gefährdung der
Arbeiter durch einzelne Berufsarten oder Betriebseinrich—
tungen und zur Unfallverhütung getroffen werden können.
Hierher gehören auch die Vorschriften, die jeden größeren
Betrieb zwingen, zur ersten Hilfe bei Unfällen und plötz—

31
        <pb n="31" />
        lichen Erkrankungen einen Arzneikasten mit den nötigsten
Heilmitteln bereit zu halten. Diese Einrichtung hat gerade
auch für schwangere Arbeiterinnen besondere Bedeutung,
da bei ihnen Uebelkeit oder Schwächeanfälle häufiger auf—
zutreten pflegen. Sie können hier sofort bei solchen Zu—
fällen die gebräuchlichen Heil- und Linderungsmittel er—
— D
so ist die Zuziehung des Arztes erforderlich, der dann auch
die nötigen Arzneien verschreibt, die die Kranke dann auf
Kosten der Krankenkasse durch die Apotheke erhält. Eine
unmittelbare Abgabe solcher Arzneien im Betriebe ist nicht
möglich und auch gar nicht gesetzlich zulässig.

Zugunsten der schwangeren Arbeiterinnen bestimmt
3137 Abs. 6 GO., daß sie während 8 Wochen, von denen
mindestens 6 nach der Niederkunft liegen müssen, nicht be—
schäftigt werden dürfen. Außerdem ist durch die 88 195aff.
RVO. vorgesehen, daß krankenversicherungspflichtige
Schwangere außer freier ärztlicher Behandlung einen ein—
maligen Entbindungsbeitrag von 25 RM., ferner für die
Dauer von mindestens 4 Wochen vor und 6 Wochen nach
der Niederkunft ein Wochengeld in Höhe des Kranken—
geldes, und für die Zeit des Stillens des Kindes ein täg—
liches Stillgeld von 25RPfg. bis zur Dauer von 12Wochen
erhalten. Die auf Grund dieser Bestimmungen den Schwan—
geren zufließenden Beträge sind recht erheblich, sie sind für
eine Betriebskrankenkasse je nach der in Betracht kommen—
den Lohnstufe, ohne etwa nötig werdende Arztkosten, auf
398,20 RM. und 491,50 RM. berechnet worden. Das sind
Beträge, wie sie in vielen Haushaltungen zur Bestreitung
der besonderen durch die Geburt eines Kindes verursachten
Kosten nicht zur Verfügung stehen werden.
Daß zahlreiche große Betriebe darüber hinaus durch
Schaffung vorbildlich eingerichteter eigener Entbindungs—
anstalten und Wöchnerinnenheime eine viel weitergehende
Fürsorge für ihre schwangeren Arbeiterinnen eingerichtet
haben, sei nur nebenbei bemerkt.
        <pb n="32" />
        Betrachtet man demgegenüber die in anderen Staaten
zum Schutze schwangerer Arbeiterinnen bestehenden Vor—
schriften, so ergibt sich, daß diese meist nicht so weit gehen,
wie dies in Deutschland der Fall ist. Nur einzelne Staaten
haben etwa einen gleichen gesetzlichen Schwangerenschutz
wie Deutschland und nur in Einzelheiten kommen Be—
stimmungen vor, die über die deutschen Vorschriften hin—
ausgehen.

In den mei
anderen Ste
nicht so weitge
der Schutz ich
gerer Arbeit
nen.

Ein Verbot der Beschäftigung von Wöchnerinnen be—
steht in England, Frankreich, Dänemark und Belgien nur
für 4 Wochen nach der Niederkunft. In Italien beträgt es
einen Monat, in Schweden, Norwegen, Spanien, Oester—
reich, der Tschechossowakei und der Schweiz 6 Wochen und
nur in Holland ist, wie in Deutschland, die Beschäftigung
für 8 Wochen verboten, wobei auch 2 Wochen vor der Nie⸗
derkunft liegen können. In Schweden, Frankreich und der
Schweiz ist daneben noch bestimmt, daß die Schwangeren
bereits vor der Niederkunft mit Rücksicht auf ihren Zu—
stand die Arbeit aufgeben dürfen, ohne daß daraus ein
Grund zur Kündigung des Arbeitsverhältnisses herge—
leitet werden darf. Bezeichnend ist, daß man in der Schweiz
das Verbot der Beschäftigung Schwangerer auch vor der
Niederkunft, das früher bestand, wieder aufgehoben hat,
weil es sich als undurchführbar erwiesen hat.

In England und Italien erhalten die Schwangeren
nur eine einmalige Entbindungshilfe, in Schweden über—
haupt keine Unterstützung, und in. Dänemark sind sie
auf staatliche Unterstützung angewiesen, die nach Art der
Armenunterstützung gewährt wird, ohne jedoch als solche
zu gelten. Im übrigen wird meist ein Wochengeld in Höhe
des Krankengeldes für eine beschränkte Dauer gezahlt. In
Oesterreich und der Tschechossowakei beträgt diese Dauer
ß Wochen vor und 6 Wochen nach der Niederkunft, wobei
jedoch das Wochengeld vor der Niederkunft nur solange ge—
währt wird, als die Schwangeren mit Rücksicht auf ihren
Zustand ihrer Berufsarbeit fernbleiben.

33
        <pb n="33" />
        lußbetrachtung. Damit sind wir am Schlusse unserer Darlegungen an—
gelangt. Ihr Ergebnis läßt sich in folgende Sätze zusam—
menfassen:

Die Arbeit in der Textilindustrie ist ihrer ganzen Art
nach und wegen ihrer Leichtigkeit in großem Umfange zur
Ausführung durch Frauen besonders geeignet. Sie ist des—
halb in allen Ländern und zu fast allen Zeiten von Frauen
verrichtet worden und sie ist die wichtigste Industriegarbeit,
die als Lebensberuf der Frau angesprochen werden kann.
Der Gesundheitszustand der Arbeiter und Arbeite—
rinnen in der Textilindustrie ist, obwohl in ihr besonders
viel schwächliche Personen Beschäftigung finden, mindestens
nicht ungünstiger, vielfach erheblich günstiger als bei an⸗
deren Industrien. Besondere Gesundheitsschädigungen
gehen von der Textilarbeit nicht aus.
Auch Schwangere können die Arbeit in der Textilin⸗
dustrie ohne Schaden oder Beschwerden verrichten und bei
genügender eigener Rücksichtnahme auf ihren Zustand bis
lkurz vor der Niederkunft fortsetzen. Die mit der Arbeit in
der Textilindustrie verbundene Bewegung ist von Vorteil
für einen glatten Verlauf der Geburt, weshalb eine mög—
lichst lange Fortsetzung der gewohnten Arbeit sich empfiehlt.
Es besteht in Deutschland bereits ein völlig aus⸗
reichender gesetzlicher Schwangerenschutz, der weiter geht
als der der meisten anderen europäischen Staaten.
        <pb n="34" />
        Anlage 1.

Die Arbeitsleistung in der Textilindustrie und
ihre Schädlichkeit für Schwangere.

Von Professor Ed. Martin,
Direktor der Rhein. Provinzial-Hebammen-Lehranstalt
und Frauenklinik.

Der Deutsche Textilarbeiterverband hat an die
Deutsche Regierung, den Reichstag und die Landtage eine
Eingabe gesandt, in welcher er nachhaltigen und wirksamen
Schutz der in der Erwerbsarbeit tätigen schwangeren
Frauen und Mödchen fordert. Der Verband hält Erwerbs⸗
arbeit und Schwangerschaft für unvereinbar. Die Beseiti
gung dieser Erwerbsarbeit erscheint ihm aus sittlichen,
menschlichen und bevölkerungspolitischen Gesichtspunkten
geboten.
In der Eingabe heißt es:
„Bis zur vollständigen Loslösung der schwangeren
Frauen und Mädchen von der Erwerbsarbeit ist als
Uebergangsbestimmung auszusprechen:
Verbot der Erwerbsarbeit der schwangeren Per—
sonen für die letzten 3 Monate der Schwanger—
schaft,
Beschränkung der Erwerbsarbeit schwangerer Per⸗
sonen im 5. und 6. Monat der Schwangerschaft
auf höchstens 4 Stunden pro Tag,
Vergütung des entgehenden Arbeitsverdienstes
aus Mitteln des Staates oder einer zu schaffenden
obligatorischen Kollektivversicherung.“

5
        <pb n="35" />
        Im Anschluß werden noch eine Reihe von Einrich—
lungen in den Betrieben auf dem Wege durch die Gesetz—
gebung gefordert.
Die Eingabe wird begründet durch Ausführungen des
Vorstandes des Deutschen Textilarbeiter-Verbandes und
durch ein „vorläufiges Gutachten“ von M. Hir sch, Ber—
lin, sowie von Frau Dr. Dietrich.
Der Arbeitgeberverband der Deutschen Textilindustrie,
Berlin, hat mich gebeten, diese Eingabe und insonder—
heit das Gutachten von M. Hirsch „Die Gefahren der
Frauenerwerbsarbeit für Schwangerschaft, Geburt,
Wochenbett und Kindesaufzucht mit besonderer Berück—
sichtigung der Verhältnisse in der Textilindustrie“, vom
ärztlichen Standpunkt einer Besprechung zu unterziehen.

1I1J.

Zunächst habe ich mir die Arbeitsleistungen der Tex—
tilarbeiterinnen genau angesehen. Ich habe Gelegenheit
gehabt, alle Einzelheiten der weiblichen Berufstätigkeit in
mehreren Betrieben der Tuch- wie Bandweberei zu beob—
achten. Die ruhige Beobachtung der arbeitenden Frauen
mitten im Betriebe kann allein die richtige Vorstellung von
der Arbeitsleistung geben. Wenn M. Hirsch nur von
„bildlichen Darstellungen“ spricht, so kann diese Unterlage
nicht als genügend bezeichnet werden.
Will man eine Arbeitsleistung beschreiben, so muß
man sie mit einer feststehenden und bekannten Leistung
vergleichen. Bei der Maschine nimmt man „PS“. Bei
der Frauenarbeit ist die Leistung, welche eine Hausfrau
verrichtet, um ohne Hilfe für den Haushalt, Kinder
und Mann zu sorgen, allgegenwärtig. Bei der Be—
obachtung der arbeitenden Frauen habe ich an die Leistun—
gen gedacht, welche die Hausfrau nicht nur 8—10 Stun—
den lang und oft ohne Rast und vielfach ohne ständige
Nachtruhe vollbringen muß. Namentlich in bezug auf die
schädliche Wirkung bei vorhandener Schwangerschaft kommt
es nicht darauf an, wo die Arbeit geleistet wird. Aun Lärm

—
        <pb n="36" />
        und Geräusche, in welchen der Mensch sich berufsmäßig
dauernd aufhält, gewöhnt der einzelne sich so, daß hiervon
kein schädlicher Einfluß zu erwarten ist. Die Art, die Summe
der Muskelarbeit ist ausschlaggebend. Somit ist auch der
Vergleich zwischen der Tätigkeit einer allein sorgenden Haus—
frau und einer Textilarbeiterin gestattet und zutreffend.
Ist es zunächst „unsittlich, unmenschlich und unbe—
völkerungspolitisch“, daß Hausfrauen auch in der Schwan—
gerschaft ihr Hauswesen, ihre Kinder und den Mann ver—
sorgen? Soweit alles im physiologischen Rahmen verläuft,
besitzt der weibliche Körper eine ungeahnte Anpassungs⸗
fähigleit auch an die regelmäßige Tätigkeit unter außerge⸗
wöhnlichen Bedingungen. Gewiß gibt es genug Frauen,
welche in der Schwangerschaft unter der gewohnten Ar—
beitslast außerordentlich leiden. Hier bestehen aber
stets irgendwelche Erkrankungen. Für den
Vergleich bei regelmäßiger Tätigkeit kommen diese Fälle
nicht in Betracht.
Wird eine Arbeitsleistung im allgemeinen als für die
Schwangere, Gebärende, für die Wöchnerin oder für das
Kind als schädlich bezeichnet so muß sie auch schwerer, un—
günstiger oder beschwerlicher sein, als die Tätigkeit einer
schwangeren Hausfrau.
Die Arbeitsleistung der Frauen und Mädchen in den
von mir studierten Betrieben kann kurz folgendermaßen
gekennzeichnet werden: In den Maschinenhallen steht
zwischen je zwei Maschinen je eine Arbeiterin. Sie bewegt
sich zwischen den beiden „Stühlen“ hin und her. Vor—
schriftsmäßig dürfen die Handreichungen nur soweit aus⸗
gedehnt werden, als die Arbeiterin sie durch Ausstrecken der
Arme nach oben, nach vorn mit vorgebeugtem Körper oder
nach unten verrichten kann. Für Arbeiten, welche nicht
vom Fußboden aus geleistet werden können oder für welche
die Körperkraft der Arbeiterin nicht ausreicht, stehen
Meister oder männliche Hilfen zur Verfügung. Die
schwerer zu bedienenden Maschinen werden in die Hand
eines Arbeiters gegeben.
        <pb n="37" />
        Welcher schwangeren Hausfrau steht eine derartige
Hilfe zur Verfügung, wenn die Arbeit sauer wird. In
welchem Haushalt handelt es sich lediglich um eine der—
artige Arbeit, welche nie und nimmer als eine schwere
körperliche Anstrengung bezeichnet werden kann.
In anderen Teilen der Betriebe sitzen die Frauen oder
liegen mit dem Oberkörper mehr oder weniger auf einem
Tisch.
Sind Arbeiterinnen vorübergehend, wie in der
Schwangerschaft, nicht in der Lage, wegen ihrer körper⸗
lichen Unbeholfenheit, wegen anderer Schwangerschaftsbe—
schwerden die gewohnten Verrichtungen zu erledigen, so be—
steht die Möglichkeit, sie vorübergehend in anderen Teilen
des Betriebes unterzubringen. Ein Druck auf den Bauch
einer schwangeren Frau hat auf die Frucht keinen nach—⸗
haltigen Einfluß. Das Kind schwimmt in einem allseitig
fest abgeschlossenen Wasserbade frei. Eine schädliche Druck⸗
wirkung ist, welcher Art sie auch sein mag, ausgeschlossen.
Keineswegs soll und kann geleugnet werden, daß auch
der Beruf einer Textilarbeiterin seine Anstrengungen birgt.
Das ist die Eigenart eines jeden Berufes. Auch das
„Nichtstun“ kann zu einer Anstrengung werden. 82510
Stunden lang den Lärm der Maschinen zu hören, hin
und her zu gehen, fortgesetzt die Glieder zu bewegen und zu—
gleich gespannt aufzupassen, ermüdet gewiß. Man kann
aber nicht sagen, daß diese Tätigkeit der Arbeitsleistung
einer Hausfrau gleichkommt.
Wie es Frauen gibt, welche bei auch nur geringer
häuslicher Tätigkeit durch Schwangerschaft, Geburt und
Wochenbett so leiden, daß sie sich schon nach dem ersten
Kinde kaum erholen und die Arbeitsfähigleit wie auch eine
nur geringe Lebensfreude kaum wieder erlangen, so wird
es auch Textilarbeiterinnen geben, welchen die Berufs—
tätigkeit an sich schon schwer wird, und welche durch eine
Schwangerschaft völlig zusammenfallen.
In beiden Fällen wird man von einem „Versuch am
untauglichen Objekt“ sprechen müssen. Diese Fälle dürfen

—
        <pb n="38" />
        nicht als Schulbeispiele herangezogen werden. Die Be—
rufswahl war falsch.
Die Ehe zu versagen, ist erfahrungsgemäß stets ein
erfolgloser Kampf. Mit der Auswahl der Erwerbstätigkeit
 ist es anders. Hier haben diejenigen anzusetzen, wel—
hen die Zahl derjenigen zu groß ist, die unter Berufser⸗
krankungen leiden. Der Vergleich mit der Leistungsfähig—
keit der schwangeren Hausfrauen läßt ohne weiteres den
Schluß zu: ist ein weibliches Wesen der von ihr geforderten
ꝛeruflichen Arbeitsleistung gewachsen, so wird der an—
vassungsfähige weibliche Organismus im schwangeren Zu—
tande ebenfalls mit dieser Arbeit fertig.
Sind die Mädchen auch jetzt noch tatsächlich so vielfach
ein Opfer ihrer Erwerbstätigkeit, so kommt es auf die
Prüfung der Frage an: war die Berufswahl richtigꝰ Hier—
über sind, soweit mir die Literatur zur Verfügung steht,
noch keine eingehenden Untersuchungen angestellt worden.
Sodann aber ist ins Gewicht fallend, daß wenigstens früher
die Mädchen in keiner Weise so, wie die Knaben, systema⸗
tisch — man kann hinzufügen: auch automatisch — zur
körperlichen Erwerbsarbeit erzogen worden sind. Gerade
hierin hat die Jetztzeit erfreulichen Wandel geschaffen.
Haben die Mädchen versagt, so hat nicht die Arbeitsleistung
an sich schuld, sondern vielmehr die mangelhafte körperliche
Vorbereitung und die falsche Berufswahl.
Auf Grund meiner Beobachtungen kann ich die Tätig—
keit einer schwangeren, schwer und rastlos bis zum Augen—
zlick der Geburt arbeitenden Hausfrau und einer Textil—
arbeiterin nur dahin vergleichen, daß ein gesunder Körper
einer Textilarbeiterin bei einer im physiologischen Rahmen
sich abspielenden Schwangerschaft die angeforderte Arbeits—
leistung ohne weiteres erledigen kann. Ihr stehen Erleich—
terungen durch männliche Hilfe sowie durch Austausch der
Arbeitsstätte zur Verfügung, der Hausfrau nicht. Das
Bewußtsein der Hilfe erleichtert allein schon die Arbeit, das
Bewußtsein des Fehlens erschwert, vergrämt. Die ein—
gangs wiedergegebenen Forderungen sind unberechtigt.
        <pb n="39" />
        III.
Nach dieser allgemeinen Kennzeichnung der Arbeits—
leistung einer Textilarbeiterin unter besonderer Berücksich—
tigung der Schwangerschaft gehe ich auf die ärztlichen Gut—
achten ein.
1. Soll der Einfluß einer Arbeitsleistung unter beson—
derer Berücksichtigung der Schwangerschaft usw. begut—
achtet werden, so ist es mißlich, zum Vergleich Männer—
arbeit und -leistung heranzuziehen.
2. Die zahlenmäßigen Zusammenstellungen stammen
aus dem Jahre 1907 und aus einem Teilgebiete Deutsch-—
lands, in welchem die geburtshilflichen Schwierigkeiten in
erheblich höherem Prozentsatz auftreten, als in anderen
Gebieten. Aus diesem Grunde dürfen die angeführten Zah—
len auch nicht verallgemeinert werden.
3. Die berufliche körperliche Vorbereitung ist zur Zeit
erheblich besser als früher. Heute gewonnene Zahlen wür—
den ganz anders lauten.
4. Zum Beweise für die Schädlichkeit der Frauener—
werbsarbeit gibt M. Hir sch eine Zusammenstellung über
die Sterblichkeitsverhältnisse der erwerbstätigen Frauen
im Vergleich zu den nicht erwerbstätigen Frauen und
denen der Männer. Es werden die Zahlen der allgemeinen
deutschen Sterbetafel und der Ortskrankenkasse Leipzig her—
angezogen, berechnet auf je 100 Männer. Die deutsche
Sterbetafel gibt große Durchschnittswerte wieder, die
Ortskrankenkasse Leipzig Einzelwerte. Derartige Zahlen
können nur mit Zroßer Vorsicht verglichen werden; Unter—
schiede von 104 und 133 im höchsten Falle sagen zudem
nicht viel. Man müßte vor allen Dingen
wäissen, wie die Sterbetafel der weib—
lbichen BevölkerungLeipzigsimallgemei—
nen ist.
5. In einer weiteren Zusammenstellung soll wieder
auf Grund der in der Leipziger Ortskrankenkasse gesam—
melten Erfahrungen nachgewiesen werden, daß die weib—
lichen Arbeiter schneller erschöpft und ermüdet sind als die

4J4 2
        <pb n="40" />
        nännlichen und die weiblichen Erwerbstätigen auch un—
gleich früher als die nichterwerbstätigen Frauen. Für die
setztere Behauptung fehlt die Unterlage. M. Hir ssch führt
an, daß die weiblichen Kräfte nur O,6 bis 0,7 der männ—
lichen ausmachen. Dafür sind aber auch die Anforderun⸗
gen an die Frauen im allgemeinen erheblich geringer als
an die Männer. Man müßte zunächst die Zahlen für die
Frauen zergliedern. Wieviele haben außer ihrer erwerbs—
tätigen Leistung auch noch für Haushalt und Kinder zu
sorgen! Diese Einwirkungen sind unter allen Umständen
auszuschalten, wenn Männer- und Frauenarbeit verglichen
werden. Solange weiter die berufliche, rein körperliche
Vorbereitung bei den Geschlechtern nicht die gleiche ist,
geben derartige Zahlen stets ein schiefes Bild. Einen Wert
kann man dieser Zusammenstellung also kaum beilegen.
Zie blendet.
6. Es solgen zwei vergleichende Zahlenreihen, welche
dartun sollen, daß Allgemeinerkrankungen, Entwicklungs—
krankheiten, Blutarmut, Krankheiten der Verdauungs—
organe, der Harn- und Geschlechtsorgane bei der Frau be—
deutend überwiegen.
Da bei der Besprechung der besonderen Gefahren der
Textilarbeiterinnen darauf zurückgegriffen wird, so müssen
wir hier einen Augenblick stehen bleiben, zumal in diesen
Zätzen der Schwerpunkt des Gutachtens liegt. Aus ihnen
verden die besonderen Gefahren dieser Arbeitsleistungen
für die Schwangerschaft usw. gefolgert.
Unter den Berufsschäden, welche durch die oben ge⸗
kennzeichnete Tätigkeit hervorgerufen werden, spielen nach
M. Hirsch „Anomalien der Beckenknochen, Lageverände—
rungen, Vorfälle, Entzündungen“ eine hervorstechende Rolle.
„Neben diesen anatomischen Störungen der Unter—
leibsorgane ist eine außerordentliche Beeinträchtigung
ihrer Leistungen festzustellen, welche in Fehl-, Früh- und
Totgeburten, in Störungen der Geburt und des Wochen⸗
bettes und Vermehrung der Säuglings- und Kindersterb—
lichkeit zum Ausdruck kommt.“
        <pb n="41" />
        „Bei jugendlichen Arbeiterinnen führt das anhaltende
Stehen zu Entwicklungshemmungen und Verbildungen der
Beckenknochen, mit dem Ergebnis des platten und engen
Beckens.“

Die körperlichen Bewegungen sowie das ständige
Sausen und der Lärm der Maschinen erzeugen also auf der
einen Seite Wehen und führen zur Frühgeburt, auf der
anderen Seite wirken sie ermüdend auf die Muskeln, ver—
ursachen sie Wehenschwäche in der Geburt und lebenbe—
drohende Blutungen.
Durch folgende an sich gewiß richtige, aber im vor—
liegenden Zusammenhang nicht beweisende Zusammen—
stellung stützt M. Hirssch seine Ausführungen:
Die Ortskrankenkasse Leipzig verzeichnet auf 100
Wochenbetten:

Fehlgeburten .............
Frühgeburten ............
Schwangerschaftskrankheiten.
Todesfälle im Wochenbeft..

der freiwilligen

2,80
2,80
2,10
0.25

der Pflichtmitglieder

15,60
uꝛo
5.50
082

Fehlgeburten und Frühgeburten werden in hohem
Prozentsatz durch kriminellen Eingriff und durch Syphilis
verursacht. Zunächst hat beides nichts mit der Arbeit einer
Textilarbeiterin an sich zu tun. Solange diese angeführten
Zahlen nicht eingehend gesondert sind, beweisen sie also
nichts.

Die auf kriminelle Eingriffe zurückzuführenden Fehl—
geburten schätzt man auf ungefähr 80—90 Proz. Die
Zahlen für Syphilis schwanken zwischen 9 und 18 Proz.
Es wäre außerordentlich wenig, wenn von 100 er—
werbstätigen Frauen nur 5,50 an Schwangerschaftskrank—⸗
heiten leiden. Auch hier kann der Geburtshelfer sich nur
ein klares Bild über den Einfluß der Arbeitsleistung ver—
schaffen, wenn die Krankheiten einzeln aufgezählt werden

*
        <pb n="42" />
        Sind zu den Todesfällen im Wochenbett auch die Fol—
gen der verbrecherischen Eingriffe gezählt? Infektionen bei
der Geburt durch unsaubere Hände können kaum als Fol—
gen der Erwerbstätigkeit angesehen werden.
Die geringe Zahl der Frühgeburten bei den arbeiten—
den Frauen beweist, daß die Arbeit nicht schadet.
Ueber die Umbildung des Beckens in die von M. Hirsch
bezeichneten Formen lehrt die Wissenschaft folgendes:
Platte und allgemein verengte Becken sind im wesent—
lichen auf Rachitis zurückzuführen. Die Entstehung der
cachitischen Beckenform erfolgt in der Mitte des ersten
Lebensjahres. In einem geringeren Prozentsatz der Fälle
wohl noch im 3. und 4. Lebensjahre. Die Rachitis der sog.
„Adolescentenjahre“ hat mit der Rachitis im Sinne der
mangelhaften Verkalkung der Knochenzellen nichts zu tun.
Diese wissenschaftlichen Tatsachen mögen genügen.
Lageveränderungen und Vorfälle bei Frauen, welche
nicht geboren haben, sind auf eine mangelhafte Entwick—
lung des Gewebes im Becken zurückzuführen. Sie kommen
auch bei nicht arbeitenden und nicht erwerbstätigen Frauen
dor. Wir haben es hier mit wahrscheinlich angeborenen
Zuständen zu tun. Wenn gerade die Textilarbeit in beson—
ders hohem Grade diese Erkrankungen verursachen soll, so
müßte das erst nachgewiesen werden. M. Hirsch würde sich
auch nach dieser Richtung durch eingehende Untersuchungen
ein großes Verdienst erwerben. Bis zur Stunde, jedenfalls
aber nicht durch die Ausführungen des Gutachtens, ist kein
Beweis für die Behauptung erbracht.
Daß Entzündung durch die Maschinenarbeit allein
entsteht, ist kaum glaubhaft. Folgen krimineller Eingriffe,
von Geschlechtskrankheiten, Empfängnis verhütenden Maß⸗
nahmen können gewiß durch die ständige Bewegung ver—
schlimmert werden. Das geschieht aber durch jede Be⸗
wegung und nicht nur durch die Arbeit an den Textil⸗
maschinen. Das gilt ebenso wie für die Harn- und Ge—
schlechtskrankheiten, die Nervenkrankheiten und manche
andere.
        <pb n="43" />
        Wenn tatsächlich die Arbeit in den Textilbetrieben
und die damit verbundenen Schädlichkeiten auf die Musku—
latur der hochschwangeren Gebärmutter einen Einfluß
hätten, wenn Wehen aufträten und zu einer Fühgeburt
führten, so wäre es in den betroffenen Kreisen längst be—
kannt. Die Spürnase des Volkes ist viel zu fein, um der—
artige Maßnahmen nicht zu erfassen. Die Textilbetriebe
könnten sich ganz gewiß vor freiwilligen Arbeiterinnen
nicht retten. Hierzu steht nur im Widerspruch, daß nach
den von M. Hir sch selber oben angeführten Zahlen die
Frühgeburten bei den Pflichtmitgliedern seltener sind, als
bei den freiwilligen.

Zunächst treten also Wehen auf, und dann kommt es
zur Wehenschwäche und zu lebensbedrohenden Blutungen.
Es wäre leicht durch Zahlen nachzuweisen, wenn die Tex—
tilarbeit eine derartige ganz eigenartige Wirkung höätte.
Eine Sammelforschung in den Leipziger geburtshilflichen
Anstalten würde schnell Aufschluß geben. Solange der—
artige Mitteilungen aber nicht vorliegen, schweben die von
M. Hirsch geäußerten Anschauungen wissenschaftlich in
der Luft.

Wie M. Hir sch sich das „Stehen“ der Textilarbeite—
rinnen während der Arbeit vorstellt, ist nicht recht ersicht—
lich: „Was die Arbeit im Stehen kennzeichnet, ist das
Fehlen der Muslelbewegung in den Beinen, welche be—
wirkt, daß das Blut nicht wie bei regelmäßigem Wechsel
wischen Muskelzusammenziehung und Erschlaffung in die
Höhe getrieben wird.“ Zunächst ist man geneigt, an die
Menschen zu denken, welche bei feierlichen Leichenwachen
wie aus Wachs gegossen stillstehen. Ein dexartiges ruhiges
Verhalten habe ich in den Betrieben nicht gesehen. Da die
meisten Menschen beim Schlafen mit dem Kopf hoch und
den Beinen tief liegen, so müßten auch alle diejenigen,
welche viel und lange schlafen, unter derartigen Blutstau—
ungen leiden. Das ist bisher noch nicht beobachtet worden.
Im allgemeinen nimmt man an, daß durch die Tätigkeit

4
        <pb n="44" />
        der Gefäßwände und des rechten Herzens das Blut zum
Herzen zurückgefördert wird.
Krampfadern treten besonders in der Schwangerschaft
leicht auf. Zweifellos werden diese Gefäßerweiterungen
durch eine stehende Bewegung gesteigert. Andere Frauen,
besonders Hausfrauen, welche sich nicht schonen können,
helfen sich durch Binden oder Gummistrümpfe, um die Ar—
beit nicht unterbrechen zu müssen. Auch die schwangeren
Textilarbeiterinnen erhalten von der Kasse diese Bandagen.
Sie haben zudem, wie oben erwähnt, die Möglichkeit.
sitzend beschäftigt zu werden.
Seine Ausführungen über die Schädigung der Säug—
linge durch die Arbeitsleistung der im Textilgewerbe täti—
gen Mütter schließt M. Hirsch mit den Worten: „Da⸗
durch wird der Zusammenhang zwischen Säuglingssterb—
lichkeit und Frauenerwerbsarbeit verwischt.“ Weiterer
Worte bedarf es nicht.
Die Ausführungen von Frau Dr. Dietri ch be⸗
wegen sich in ähnlichen Beweisgründen, wie wir sie soeben
lennengelernt haben.
Die ärztlichen Gutachten, welche die Forderungen des
Deutschen Textilarbeiterverbandes begründen sollen, brin—
gen ein reiches Zahlenmaterial.
Es gibt jedoch keinen Nachweis für eine besondere
Schädlichkeit der Erwerbsarbeit. Die Forderungen des
Deutschen Textilarbeiterverbandes werden durch die ärzt—
lichen Gutachten nicht gestützt.
Dieses Ergebnis wird vollgültig durch die Erfahrun—
gen bestätigt, welche wir täglich in den Gebäranstalten an
unseren Hausschwangeren machen. „Hausschwangere“ sind
Schwangere, welche im Hause, in der Küche und in der
Wäscherei die Arbeit verrichten. Sie stehen unter ständiger
Aufsicht der Aerzte und Schwestern. Die Arbeit wird den
körperlichen Fähigkeiten entsprechend eingeteilt. Unter den
50 bis 60 Hausschwangeren, welche ständig in der von mir
geleiteten Anstalt tätig sind, wird von einer großen Reihe
fleißiger und arbeitsfreudiger Mädchen erheblich mehr ge—
        <pb n="45" />
        leistet, als ich in den von mir besuchten Textilbetrieben
wahrgenommen habe. Unsere auf Jahrzehnte gestützte Er—
fahrung beweist, daß die in unseren Anstalten verrichtete
Arbeit, welche sich vielfach mit den Arbeitsleistungen der
Textilarbeiterinnen vergleichen läßt, weder den Schwange—
ren noch ihren Kindern schadet.
Es ist also ohne weiteres der Schluß gestattet:
Die Arbeitsleistungen der Textilarbeiterinnen sind
nicht so hoch einzuschätzen, wie die einer schwangeren Haus—
frau. Der in hohem Grade anpassungsfähige Körper einer
Schwangeren ist, soweit sich alles in den physiologischen
Grenzen abspielt, der schweren Arbeitsleistung einer Haus—
frau gewachsen und somit auch ohne weiteres der erheblich
leichteren einer Textilarbeiterin. Die vorhandenen Bestim—
mungen für die schwangeren Textilarbeiterinnen genügen
vollauf.

gez. Ed. Martin.

— 72
        <pb n="46" />
        Anlage 2.

Butachtliche Aeußerung zur Eingabe des Deutschen
Textilarbeiterverbandes betr. Schwangerenschutz
und zu dem darin enthaltenen ärztlichen Gutachten
des Dr. med. Max hirsch.
Von Dr. Preu, Reichenbach i. Schles.

Zur Eingabe des Deutschen Textilarbeiterverbandes
an Regierungen, Reichstag und Landtage zum Zwecke
nachhaltigen und wirksamen Schutzes der in der Erwerbs—
arbeit tätigen schwangeren Frauen und Mädchen der
Textilindustrie sei es einem in 28jähriger Praxis stehen—
den Arzte gestattet, folgende Bemerkungen zu machen:
Der in seinen Ausführungen erschütternde Inhalt der
Eingabe deckt sich nicht mit den Erfahrungen, die mit den
schwangeren Fabrikarbeiterinnen der hiesigen Baumwoll⸗
industrie gemacht werden.
Nicht die Ansicht eines vereinzelten praktischen Arztes
kommt hier zu Worte, sondern auch die Beurteilung des
ganzen Fragenkomplexes durch einen Frauenarzt, der in
30jähriger, sehr ausgedehnter Tätigkeit bei der hiesigen
Bevölkerung sich reiche Erfahrungen sammeln konnte.
Beschäftigen wir uns nun mit der Eingabe näher.
Der Textilarbeiterverband fordert in der Ueber—
zeugung, daß Erwerbsarbeit und Schwangerschaft unver—
einbar sind, die Beseitigung dieser Erwerbsarbeit aus sitt⸗
lichen, menschlichen und bevölkerungspolitischen Gesichts⸗
punkten.

Nur als Uebergangsbestimmung, bis dies vorgestreckte
Ziel erreicht ist, soll festgelegt werden:
        <pb n="47" />
        1. Verbot der Erwerbsarbeit der schwangeren Personen
für die letzten drei Monate der Schwangerschaft,
Beschränkung der Erwerbsarbeit schwangerer Per—
sonen im 5. und 6. Monat der Schwangerschaft auf
höchstens vier Stunden täglich,
Vergütung des entgehenden Arbeitsverdienstes aus
Mitteln des Staates oder einer zu schaffenden obli—
gatorischen Kollektivversicherung.

2

Es folgen dann noch weitere Schutzmaßnahmen für
die Schwangeren der Textilindustrie, welche durch Gesetz ge—
regelt werden sollen. Doch bleiben wir zunächst bei diesen
stehen.
Vergegenwärtigen wir uns, daß eine Schwangerschaft
ein natürlicher Vorgang im weiblichen Organismus ist
und als solcher nichts Krankhaftes bedeutet. Zugegeben
muß werden, daß dieser Zustand ungemein häufig die
Grenzlinie von Gesund und Krank überschreitet. Zum
Glück sind die leichteren Schwangerschaftsbeschwerden weit
in der Mehrzahl. Sie werden als natürliche, wenn auch
störende Beigabe empfunden und ertragen, ohne daß meist
ärztliche Abhilfe nachgesucht würde.
Wenn schwere lebensbedrohende Schwangerschafts—
störungen sich zeigen, erfordern sie eine sorgfältige Ueber—
wachung in häuslicher oder Krankenhauspflege und machen
die Trägerin ohne weiteres arbeitsunfähig.
Es wäre nun zu erforschen, ob die Tätigkeit an den
verschiedenen Maschinen der Textilindustrie eine besondere
Gefahrenquelle für die Schwangere bedeutet. Die lang—
jährigen ärztlichen Erfahrungen sprechen nicht dafür.
Greifen wir die Fehl- und Totgeburten heraus. Von
autoritativer Seite wird errechnet, daß von 100 Fehl—
geburten 80 und mehr auf künstliche Eingriffe zurück—
zuführen sind; man spricht mit Recht von einer Abtrei—
bungsseuche. Dem kann man nur zustimmen. Wenn in
großen Betrieben eine Häufung von Fehlgeburten zu beob—
achten ist, so kann man dafür eine ungezwungene Er—
        <pb n="48" />
        klärung finden. Eine zahlreiche Menschenansammlung er—
leichtert ungemein den Austausch von Kenntnissen und Er—
fahrungen; das erprobte Mittel kann von Hand zu Hand
wandern. Es erübrigt sich, die Gründe aufzuzählen, wes—
halb die Abtreibungen so zugenommen haben; sie sind all—
gemein bekannt.
Aber betont muß werden, daß die Abtreibungsseuche
nicht nur die Leibesfrüchte vernichtet, sondern leider oft
auch ihre Trägerinnen meist in dem besten Alter. Hier
sind ganz besonders die unglücklichen Opfer zu suchen, die
das Schlachtfeld der Arbeit fordert.
Eine zweite Ursache ist dann in den letzten Jahren als
Auswirkung des Weltkrieges noch ganz besonders in die
Erscheinung getreten:
Die Durchseuchung mit syphilitischem Gifte. Auch
diese Tatsache wird keinem Widerspruche begegnen und da—
mit die Anerkenntnis der zahlreichen Opfer der Leibes—
früchte gegeben sein, ganz zu schweigen davon, daß auch der
mütterliche Organismus durch Absterben der Frucht viel⸗
fach in seinem Fortbestande bedroht ist.
Gewiß kommen auch Fälle zur Beobachtung, für die
man eine Erklärung in den Schädigungen der Berufs—
arbeit finden möchte. Bestechend wirken die der Eingabe
beigefügten Abbilder der schwangeren Textilarbeiterinnen
bei Bedienung ihrer Maschinen. Vesen wir die Erläute—
rungen, so möchte man annehmen, daß ein ungestörter Ab—
lauf der Schwangerschaft bei ihrer Bedienung unmög—
lich sei.

Die Erfahrungen der ärztlichen Praxis lehren aber,
daß nur in wenigen Fällen nach Ausschluß anderer Ur—
sachen diese Erklärung übrig bleibt.
Es ist erwiesen, daß die schwangere Gebärmutter recht
grobe Gewalteinwirkungen vertragen kann. Mancher Ver⸗
such, die Leibesfrucht durch wildes Tanzen oder Herab—
springen von größeren Höhen los zu werden, ist fehl—
geschlagen. Sollen doch auch Kunstreiterinnen bis in den
8. Monat ohne Schaden für die Schwangerschaft ihren

19
        <pb n="49" />
        Beruf ausgeübt haben. Selbst Schuß- und Dolchstichver—
letzungen der schwangeren Gebärmutter haben nicht immer
zu einer Unterbrechung der Schwangerschaft geführt!
Berechtigt ist die Forderung, alle Schwangeren mit
Neigung zu Fehl- und Frühgeburten, die in der Berufs⸗
tätigkeit begründet sein könnten, der Gefahrenzone zu ent—
rücken. Der Arzt hat es in der Hand, dafür zu sorgen, daß
dies geschieht.
Daher individualisiere man die Schwangeren! Mit
Aufstellung einer schablonenmäßigen Aburteilung geht
man entschieden zu weit.
Das generelle Arbeitsverbot für die letzten drei Mo—
nate ist im Hinblick auf die bevorstehende Niederkunft in
vielen Fällen nicht zweckdienlich. Es kann leicht die An—
schauung geweckt werden, daß nun völlige Enthaltung von
jeder Arbeit ratsam sei. Daß damit aber gleichzeitig eine
Erschlaffung für den Gebärmuttermuskel und eine Er—
schwerung der Geburtstätigkeit verknüpft ist, muß unter—
strichen werden. Ja, wenn die letzten drei Monate der
Schwangerschaft nach den Regeln einer vernünftigen Diä—
tetik ausgenützt würden!
Der alte Rat, die gewohnte Arbeit möglichst lange,
d. h. bis in die letzten Wochen der Schwangerschaft fortzu—
setzen, hat sich bewährt, und ist vom ärztlichen Standpunkt
aus geboten.
Damit fände auch die 2. allgemeine Forderung: Be—
schränkung der Erwerbsarbeit auf vier Stunden täglich im
5. und 6. Monat ihre Erledigung. Nur drnst zu nehmende
Störungen der Schwangerschaft seien von der Fabrikarbeit
ausgeschlossen.
Punkt 3 erledigt sich von selbst.
Es folgen dann in der Eingabe nachstehende, in der
Gesetzgebung zu verankernde Maßnahmen zum Schutze der
chwangeren Frauen und Mädchen:
1. Schaffung von Sitzgelegenheiten am Arbeitsplatz für
die schwangeren Arbeiterinnen bei Beschäftigungen.

3530 —
        <pb n="50" />
        welche ununterbrochenes Stehen oder Laufen er—
fordern.
Wo irgend angängig, sollte die Erleichterung geschaffen
werden.

Bereitstellung freundlich eingerichteter Zimmer für
schwangere Arbeiterinnen in Großbetrieben mit zahl—
reichem weiblichen Personal, in welchem der Schwan—
geren während der Pausen, sowie bei Schwäche—
und sonstigen aus der Schwangerschaft herrührenden
Anfällen Gelegenheit zu bequemem Liegen gegeben ist.
Bei eintretenden Schwächeanfällen oder sonstigen An—
lässen ist es ratsamer, einen Arzt zuzuziehen und seine Wei—
sungen abzuwarten, Ernstere Störungen würden ohne
weiteres Entfernung der Kranken aus dem Fabrikbetriebe
erheischen.
3. Bereitstellung von Medikamenten, die nach ärzt—
lichen Erfahrungen im Zustand der Schwangerschaft
erforderlich sind.
Außer Hausmitteln, die bei Schwächezuständen für
gewöhnlich gereicht werden, sind besondere Arzneien für
Schwangerschaften nicht bereit zu halten.
E. Einrichtung guter Kantinen in Großbetrieben und
Bereitstellung von Speisen und Getränken, die den
besonderen Bedürfnissen der Schwangeren ent—⸗
sprechen.

Was die Kost Schwangerer anbelangt, so ist die Ge—
wöhnung maßgebend. Es ist zu befürchten, daß manche
Schwangere die Kantine nicht aufsuchen wird, weil sie die
gewohnte Kost nicht vorfindet. Für kranke Schwangere
.B. mit empfindlichen Nieren scheidet die Kantinenkost
aus, da in solchen Fällen Heimbehandlung am Platze ist.
5. Einstellung von Fabrikärzten in Großbetrieben nach
dem Muster der Schulärzte.
Die bisherige Handhabung hat sich durchaus bewährt.
Der befragte Kassenarzt, der das Vertrauen genießt und

5
        <pb n="51" />
        die persönlichen Verhältnisse gut kennt, ist hier an richtiger
Stelle. Werden Geburtsstörungen befürchtet, so erfolgt
überdies zur Klarstellung der Verhältnisse Ueberweisung
an einen Frauenarzt.
b. Einxichtung von ärztlichen Sprechstunden für
Schwangere in Großbetrieben.
Zweifellos würde durch diese Einrichtung vielfach der
Glaube erweckt werden, daß in diesen Sprechstunden Mittel
und Wege gewiesen würden, um von einer Schwangerschaft
befreit zu werden. Bei Nichterfüllung dieser Wünsche dürfte
der Andrang zu weiteren Beratungen bald ins Stocken ge—
raten.

Einstellung weiblicher Aerzte als Gewerbeaufsichts—
beamte und Verpflichtung derselben zu besonders
sorgfältiger Beratung der Schwangeren und zur Er—
forschung der Einwirkung der Erwerbsarbeit auf den
Körper und das Seelen- und Gemütsleben der Frau
in der Periode der Schwangerschaft.
Die beste Fürsorge für die Schwangere wird immer
bei dem Arzte ihres Vertrauens zu suchen sein, dem sie sich
rückhaltslos offenbart und der auf Grund der Familien—
kenntnisse sie beraten kann.
Daher wäre Punkt 7 mit dem Kennzeichen einer
Ueberorganisation fallen zu lassen.
8. Verpflichtung der weiblichen Gewerbeaufsichtsbeam—
tinnen zur besonderen fürsorgenden Beaufsichtigung
der Schwangeren im Arbeitsprozeß.
Dieser Verpflichtung könnte man beistimmen.
9. Einrichtung ärztlicher Beratungsstellen für Schwan—
gere in den Gemeinden.
Hierfür können dieselben Bedenken geltend gemacht
werden wie unter 6.
10. Restlose Anerkennung der Schwangerschaftsbeschwer—
den als Krankheiten im Sinne der Reichsversiche—
rungsordnung durch die Krankenkassen.

5352 —
        <pb n="52" />
        Diese Maßnahme könnte gutgeheißen werden.
Uebrigens haben die hiesigen Betriebskrankenkassen
und zumeist auch die anderen Kassen in diesem Punkte
weitestes Entgegenkommen gezeigt und nie Schwierigkeiten
bereitet.
11. Verpflichtung der Krankenkassen zur Uebernahme
der Kosten für ärztliche Behandlung und Gewährung
von Medikamenten an die Familien der verheira—
teten Versicherten.
Line segensreiche Einrichtung, die zu begrüßen ist.
dierorts besteht sie bereits mit mehr oder weniger geringen
Abweichungen.
Damit wäre die Stellungnahme zu der Eingabe von
seiten eines im hiesigen Gebiet der Baumwollindustrie
ätigen Arztes und Frauenarztes gekennzeichnet.
Es wäre zu begrüßen und wünschenswert, wenn auch
die Erfahrungen aus anderen Orten und Zweigen der Tex⸗
tilindustrie sich vernehmen ließen, um die Sachlage mög—
lichst völlig aufzuklären.
Wenn Entscheidungen von so weittragender Be—
deutung gefällt werden sollen, heißt es das Für und Wider
genau abzuwägen und alle maßgebenden Stimmen zu
hören.
Auf die umfangreichen Gutachten näher einzugehen,
ist nicht beabsichtigt.
Die angeblich besonders großen Gefahrenquellen der
Textilindustrie auf die Schwangerschaft erfahren in der Be—
leuchtung ärztlicher Erfahrungen im Bereich der hiesigen
Baumwollindustrie eine wesentlich mildere Deutung und
eine andere Erklärung.
Die Kindersterblichkeit in den Kreisen der Industrie
wird wie in anderen Berufstätigkeiten auch immer be—
stimmt sein durch die vererbten Eigenschaften und Gesund—
heitsverhältnisse der Eltern, durch die Art des Aufziehens,
Pflege, Wartung und Wohnungsverhältnisse. Hier muß
zum allgemeinen Wohle noch vieles geschehen. Als segens⸗
        <pb n="53" />
        reiche Einrichtung bewähren sich die Fürsorgemaßnahmen
für die Kinder. Manche Schäden fehlerhaften Erziehens
und manche Kranktheiten werden im ersten Entstehen auf—
gedeckt und beseitigt. So ist auch zu erhoffen, daß früh—
zeitig einsetzender Kampf gegen die englische Krankheit die
Entstehung enger und platter Becken, die dem weiblichen
Geschlecht so verhängnisvoll werden kann, auf ein geringes
Maß zurückgeführt zu werden vermag, insbesondere, wenn
für gesunde, ausreichende Wohnung gleichzeitig gesorgt
wird.
Es herrscht hier jedenfalls die Meinung vor, daß die
krankhafte Umformung weiblicher Becken bedingt ist durch
eine in frühester Kindheit sich abspielende englische Krank—
heit, daß dagegen eine schädigende Umbildung der Knochen
bei jugendlichen Arbeiterinnen durch anhaltendes Stehen
kaum in Frage kommt.
Die Annahme, daß bei Textilarbeiterinnen in ge—
häufter Weise Verlagerungen der inneren Geschlechtsorgane
sich entwickeln, kann hier bestätigt werden. Es leuchtet ein,
daß bei zu zeitiger Aufnahme der Erwerbsarbeit nach Ent—
bindungen sich Lageverschiebungen einstellen können. Eine
Besserung dieser Folgewirkung wird die gesetzliche Vor—
schrift bringen, daß die Arbeitsaufnahme erst acht Wochen
nach der Entbindung erfolgen darf. Uebrigens muß betont
werden, daß mit der Verlagerung der Gebärmutter nur in
seltenen Fällen schwere Nachteile verbunden sind, häufig
erst durch ihre Feststellung Beschwerden ausgelöst werden.
Wünschenswert wäre, wenn körperlich oder seelisch
ungeeignete Personen in der Textilindustrie nicht erst ein—
gestellt, vielmehr anderen Berufszweigen zugeführt würden,
wo ungünstige Einwirkungen nicht zu befürchten sind.
Reichenbach i. Schles. den 10. November 1925.
gez. Dr. Preu, prakt. Arzt.

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Bewegung gesteigert. Andere Frauen,
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— nden oder Gummistrümpfe, um die Ar—
chen zu müssen. Auch die schwangeren
erhalten von der Kasfe diese Bandagen.
wie oben erwähnt, die Möglichkeit,
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