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        <title>Entwicklung der Reklame vom Altertum bis zur Gegenwart</title>
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            <forname>Erwin</forname>
            <surname>Paneth</surname>
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            <idno>1767108885</idno>
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        Au
A

EIGENTUM
INSTITUTS
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WELTWIRTSCHAFT
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BIBLIOTHEK
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        ENTWICKLUNG
DER REKLAME
ALTERTUM
GEGENWART
ERFOLGREICHE MITTEL
DER GESCHÄFTS-, PERSONEN- UND
IDEENREKLAME
AUS ALLEN ZEITEN UND
LÄNDERN
vOoN
DR.ERWIN. PANETH
MIT EINEM GELEITWORT VON VIKTOR MATAJA

MÜNCHEN UND BERLIN 1926
DRUCK UND VERLAG VON R.OLDENBOURG
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        Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechtes, vorbehalten.
Copyright 1926 by R. Oldenbourg in München und Berlin:
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        Geleitwort.

Der Verfasser war so freundlich, mich in sein Werk Ein-
sicht nehmen zu lassen, als es die Druckerpresse durchlaufen
hatte und sich anschickte, den Weg in die Öffentlichkeit zu
betreten.

Ich glaube nun, daß schon der Entschluß, die „,Entwicklung
der Reklame‘‘ zu schildern, Beifall verdient. ;

Die Reklame ist reich an Geschichte, weniger reich an
Geschichtsschreibern. Gewiß fehlt es auch nicht an
solchen, es gibt Bücher und Aufsätze, welche, sei es im All-
gemeinen, sei es unter Beschränkung auf Sondergebiete, Tat-
sachen der Vergangenheit vorführen, Licht auf den geschicht-
lichen Werdegang werfen wollen; ihre Menge ist aber klein im
Vergleiche mit der Hochflut von Arbeiten, die sich in anderer
Art mit dem Gegenstande befassen.

Ohne Zweifel bestehen daher auch noch Lücken bei der
Befriedigung unseres aufs Historische gerichteten literarischen
Bedarfes. Die Entwicklung einer so vielseitigen Einrichtung,
wie es das Werbewesen ist, zu verfolgen, ist aber angesichts
seiner steten und mannigfachen Berührungen mit Wirtschaft,
Staatsleben, Technik, Kunst lehrreich, nützlich, verdient viel-
seitige und gründliche Behandlung.

Indem das vorliegende Werk die Entwicklung der Reklame
im Laufe der Zeiten zu schildern unternimmt, dient es daher
sicherlich einem sehr schätzenswerten Zweck,

Es löst seine Aufgabe vor allem in der Form der Vor-
führung des Entwicklungsganges der einzelnen Reklamemittel.
Die Zusammenfassung zu einem Gesamtbild wird sich im Ge-
denken des Lesers unschwer vollziehen. Er stößt eben ohne
Schwierigkeiten auf zahlreiche Gleichförmigkeiten, auf sehr
allgemein zu verzeichnende Fortschritte, die vom Einfachen,
Beschränkten, Kunstlosen zum Zusammengesetzten und Mas-
senhaften, zur Ausnützung der Errungenschaften von Technik
und Kunst führen.

Ein Vorzug der gewählten Darstellungsweise ist, daß so-
zusagen alles zu seinem Rechte kommt. Auch das vergleichs-
weise, bescheidene Reklamemittel erhält seinen Platz, ver-
schwindet nicht unter dem Wettbewerb mit den großen, ton-
angebenden Werbebehelfen, wie dies leicht bei einer die Re-
klameverhältnisse großer Zeitspannen zusammenfassenden Be-
handlung der Fall sein könnte.
        <pb n="7" />
        IV

GELEITWORT
Sicherlich wird damit auch die Absicht des Verfassers, wie
aus dem Vorwort zu erkennen ist, unterstützt, nämlich die,
auch etwas praktisch Verwertbares zu schaffen: Man über-
blickt bei der gewählten Darstellungsform besser die Einzel-
heiten, kann leichter aus der Betrachtung des Kommens und
Gehens der Dinge auf einem begrenzten Gebiete die geeigneten
Schlußfolgerungen ziehen. .

Besonderen Dank muß man aber wissen für die wahrhaft
reiche, bildliche Ausstattung des Buches.

Die Abfassung des vorliegenden Werkes war gewiß nicht
einfach. Wer auch nur einigermaßen in den Gegenstand ein-
gedrungen ist, weiß, wie zerstreut die Quellen sind, aus denen
man schöpfen muß. Vergegenwärtigen wir uns dazu auch noch,
wie schwierig die Behandlung eines internationalen, obendrein
auf lange Zeiträume erstreckten Stoffes, ist, wie vergleichsweise
einfach. es dagegen fällt, hinsichtlich eines einzelnen Landes
oder einer begrenzten Zeitperiode das Material für eine Dar-
stellung zu sammeln, so werden wir die geleistete Arbeit auch
nach der Seite der bloßen Menge zu schätzen wissen.

Ich darf Derartiges wohl ruhig aussprechen. Plan und
Durchführung der Arbeit waren ja, wie selbstverständlich aus-
schließliche Sache des Verfassers. Meine Beteiligung beschränkt
sich auf die Entgegennahme von Fertigem, wie schon eingangs
bemerkt, und auf die Beisetzung von ein paar Begleitworten.

Endlich noch Eines. Das Werk läßt deutlich erkennen,
welche Summe von Gedanken, Einfällen, Mühen, Kunstfertig-
keiten schon in den Dienst des Reklamewesens gestellt worden
ist und damit seine Ausbildung beeinflußt hat. Möge die deut-
liche Erkenntnis davon allen, die mit ihm zu tun haben, ein
Ansporn sein, an der fachlichen, künstlerischen, ethischen Fort-
entwicklung mitzuarbeiten, wo sich Gelegenheit dazu ergibt.
Aus der Geschichte kann man nur lernen, sollte es wenigstens.
Die Sache hat ja, wie die vorliegenden Blätter neuerdings und
anschaulich dartun, eine reiche Vergangenheit und große Be-
deutung für geschäftliche und außergeschäftliche Gebiete. All
dies läßt es angemessen, ja dringend geboten erscheinen, auch
weiterhin an der Hebung der Einrichtung zu arbeiten, an der
Sicherstellung einer entsprechenden Zukunft.

Möge das Werk, das durch seine anziehende Beschaffen-
heit: und eine jegliche Schwerfälligkeit vermeidende Dar-
stellungsart geeignet ist, in weitere Kreise zu dringen, selbst
werbend wirken für Gedanken der eben geäußerten Art.
Wien, Ende Mai 1926.
Viktor Mataja.
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        Vorwort.

Die Aufstellung eines Reklameplanes macht derzeit selbst
Fachleuten deshalb Schwierigkeiten, weil eine systematische
Darstellung der Reklamemittel in allen ihren Formen von den
ältesten Zeiten bis zur Gegenwart fehlt. Infolgedessen mangelt
einerseits der Überblick über das Gegenwärtige und Gewesene
und anderseits die Beurteilungsmöglichkeit ihrer Eignung für
gewisse Zwecke sowie der Gründe, warum gewisse Reklame-
formen in ihren einzelnen Verwendungen im Laufe der Zeit an
Umfang gewonnen bezw. verloren haben.

Der Verfasser hat sich die Aufgabe gestellt, die Mittel
der Gegenwart und Vergangenheit für eine erfolgreiche Re-
klame in ein einheitliches System zu bringen und die Gründe
für ihre Werbekraft in ihren einzelnen Formen im Dienste der
verschiedenen Zwecke darzulegen.

Es ist zu hoffen, daß auf diese Weise das Auffinden der
in jedem einzelnen Falle notwendigen und geeigneten Reklame-
mittel und ihrer Formen erleichtert und der Reklametreibende
in zahlreichen Fällen vor der Gefahr des selbständigen Experi-
mentierens und der systemlosen Reklamemittelwahl, die viel-
fach derzeit von dem Zufall abhängt, bewahrt wird.

Großen Dank haben sich alle diejenigen erworben, welche
durch Auskünfte und Bereitstellung von Material sowie durch
die Genehmigung der Reproduktionen die Herausgabe er-
leichtert haben.
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        Inhaltsverzeichnis.

Geleitwort . . .
Vorwort 0 n
Verzeichnis der Abbildungen
Literatur ....-. 4
Einleitung.
Begriff der ‚„‚Reklame“. .
Gegenstand der Darlegung
Grenzen der Darlegung . . j ;
Darlegung nach Mitteln der Reklame .
A. Geschäftliche Reklame.
I. Allgemeines. .....- ;
II. Menschen und Tiere als Reklamemittel,
a) Ausrufer. . oo. .0.000000000000000 40 44
b) Sandwichmänner u.dgl.. . ...
III. Das Geschäftsschild,
a) Die antike Zeit... .
b) Das Wirtshausschild im Mittelalter . . .
c) Das Schild des Gewerbetreibenden und Händlers .
d) Kuriose Geschäftszeichen .
e) Die neueste Zeit... .
[V. Das Flugblatt.
a) Die ursprüngliche Form.
b) Die Geschäftskarte. .
c) Reklamemarken .
Das Plakat.
a) Im Altertum. . 2.0.0.0... WO
b) Im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit
c) Das moderne Plakat .. ..
Abzieh- und Glasplakate.. ......
Ankündigungstafeln, Litfaßsäulen und Reklame-
aufbauten .....
Vı. Die Zeitungsreklame.
a) Allgemeines über das Zeitungswesen
b) Die Fragämter . ; ‚OR mm ;
Die Entstehung des Zeitungs- und Inseratenwesens
in den einzelnen Staaten
Deutschland
Frankreich.
England .
Österreich

Seite
- 71
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27
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4 -.
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        VIT!

INHALTSVERZEICHNIS
Seite
„2.01 103
2 104
„0 105
113.
[13
114
117
123
127

Amerika ...
China und Japan ... ; .
d) Das Zeitungsinserat im 19. Jahrhundert
e) Die Reklame als Zeitung .
f) Die Fachpresse. .....
g) Die redaktionelle Reklame
VII. Die Geschäftsmarke. ....
VIII. Die Kino- und Theaterreklame
IX. Die Lichtreklame .....
X. Die Verkehrsreklame,
a) Allgemeines . .......
b) Die Eisenbahnreklame ...
c) Eisenbahnpropagandafahrten
d) Die Streckenreklame . ...
e) Die Postreklame .....
f) Auto- und Fahrzeugreklame.
g) Flugzeugreklame . . ..
h) Rundfunkreklame .....
Das Geschäftslokal und das Geschäftshaus,
a) Offene Stände. .. ..
b) Geschlossene Läden . .'.
c) Das Geschäftshaus . ..... Vi
d) Der Innenraum 2.2.0.0...
XII. Ausstellungen und Messen,
a) Allgemeines. ....
b) Die wichtigsten Ausstellungen. . . .
c) Bewegliche Ausstellungen und Messen
XIII. Geschäftliche Auszeichnungen und Titel.
XIV. Die Geschenkreklame . .......
XV. Groteske und sensationelle Reklame . .
XVI. Die Kollektivreklame ....0.0.0.0.0..
B. Reklame für Länder und Gemeinden..
I. Allgemeines und Historisches. . .. „1797
II. Ausschließliche Mittel der Fremdenverkehrsreklame., . 182
III. Die Geschäftspropaganda im Dienst des Fremdenverkehrs 184
C. Die Personenreklame.
I. Allgemeines. ... .. SR KH
II. Reklame für politische Persönlichkeiten,
a) Abstämmlinge und Vertreter Gottes. ......
b) Herrscher und Feldherren in Werken der Dichtkunst,
Malerei und Plastik ....0.0.0.0.0... 4.
c) Triumph-Ehrenpforten und Triumphzüge. ....
d) Herrscher- und Feldherrnnamen als Bezeichnung von
Monaten, Städten sowie von Instituten für Kunst
und Wissenschaft .....
e) Die anonyme Reklame . .

196
203
        <pb n="12" />
        INHALTSVERZEICHNIS

[X

Seite
III. Reklame für Künstler und andere Persönlichkeiten,
a) Orden und Titel. 2.00.0000
b) Hervorragende, menschliche Eigenschaften .. .
c) Die sensationelle Reklame, .
d) Die unterirdische Reklame
D. Die Wahlreklame.
I. Allgemeines. ......
II. Das lebende Wort ..
[II. Das geschriebene Wort
IV. Die Wahlbestechung. .
V. Sonstige Wahlreklamen
E. Die Ideenreklame,
I. Allgemeines. . ...
Das gesprochene Wort. ...
Körperschaften (Vereine u. dg.
Das geschriebene Wort
Demonstrationen

210
214
215
216

218
218
219
221
223

226
228
230
231
232
Schluß.
Psychologie der Reklame
‚ Der unlautere Wettbewe:‘
Sach-Rer“-+ter

235
36
8
        <pb n="13" />
        Verzeichnis der Abbildungen.

Abb. I.
2
3.
4
5
6.

5pottbild auf die Reklame von Lorenz Strauch, ca. 1600
J. P. Barnum, 1810—1891 ©
Londoner Ausrufer, 1608 ‚200 eeL
Deutscher Ausrufer (Büttel). . .'. 0.0.00...
Quacksalber im Mittelalter , . ...0.0.000000.040 4
\usrufer im Wurstelprater in Wien, 1864 .... „4
&lt;upferstichhändler , , .,.... ; % 4 © 4%
Nällsche Würste kauft . .. 4 @®
Jie zwei Waisen .
Reklamefigur für Anleihewerbung aus Japan, 1925 . .
zruppe von Standartenträgern für die Leipziger Messe,
[O25 2ER HH
Reklamemannequins für eine Berliner Parfümfabrik , .
‚ondoner Lotteriereklame zu Ende des 18. Jahrhunderts
Sandwichpferd) . . 000000
\ushängeschild eines griechischen Traumdeuters, . ..
Zeichen eines Tünchers im antiken Pompeji, ı. Jahr-
aundert n. Chr. 0
Zeichen eines Fleischers im antiken Pompeji, 1. Jahr-
ıundert n, Chr. (Schinken) ....04.0..00040044
Geschäftszeichen eines Gastwirtes im antiken Pompeji,
(. Jahrhundert n. Chr. ‚00000
Schmiedeeiserner Arm für Aushängeschilder .....
Yölzernes Wirtshausschild ‚Zum Kindli‘, aus Zürich,
nde 17. Jahrhundert — 2 000000 HR
iIölzernes Wirtshausschild ‚„‚Zum goldenen Stern‘, aus
Zürich, 1670. 2 000 RR RR He HH
Tölzernes Wirtshausschild ‚,‚Zum Rößli‘“ aus Zürich, 1690
:Iölzernes Wirtshausschild ‚Zum gelben Hörnli‘“, aus
Zürich, 1718. 2 + 2 2 + 4 8 # WR kW WR a
n Stein gehauenes Zeichen eines Wirtshauses in Philipp
ane, nahe bei London, 1670 , 0.0.0000... 0. 0 04
Zeichen einer Branntweinschenke; 17. Jahrhundert . .
Zunftzeichen eines Schlossers, 1659 . ...0...0. 4
Zunftzeichen eines Hutmachers, 1833 .. 0.0.0... 4
Aans Holbein d. J. — Aushängeschild eines Schulmeisters,
1516 ee Han
Schild eines „„Läufers‘‘, 1790, welcher vor dem Wagen der
Vornehmen vorauszulaufen pflegte, um den Weg frei zu
machen ‚00 He
Geschäftszeichen in Dublin (England) ohne Bezug auf die
Branche, nur zum Zwecke des Erregens von Aufmerksamkeit
30. Nackter Mann, Schild eines Schneiders, 1542 ....
31. Geschäftsschild eines Optikers und Uhrmachers, 1781 .

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39
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AT
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        VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN

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Seite
Abb. 32. Flugblatt, zweiseitig bedruckt, 16. Jahrhundert, Ankün-
digung und Gebrauchsanweisung für ein Medizinalöl.

33. Anzeigenverteiler um 1860 . . 0 .0.00.0000.0 0 04

34. Geschäftskarte, 1772. ...... » ww

35. Geschäftskarte, ca. 1750 . . , ..

36. Geschäftskarte, 1825. . .

37. Geschäftskarte, 1801, .

38. Geschäftskarte, 1849. .

39. Reklameverschlußmarken, .....

40. Mauerinschriften im antiken Pompeji. .......

41 Zirkusankündigung, die in Pompeji auf eine Mauer ge-
schrieben ist: ; ; 0.0 .; + « 4% #* % ® @ % © % © ® @ %
\lbum am Gebäude der Eumachia (Produktenbörse) in
DOMPEji x ı ı + R 4 4 8 8 km 4 8 m wm m MM
zZin Bäckerladen in Pompeji. ......0.0.0.. 4.4
Ylakat des ersten englischen Buchdruckers William
AXTON, Sa, 1477 ı 0 4 0 4 4 8 e @ 8 km 8 m ß
Makat für das Buch ‚„‚,Die schöne Melusine“, 1491 . .
7alsches Gulden-(Münz-)blatt, 1482 . ........
)bere Hälfte des Plakates Eberhard Altdorfers ‚‚,Der
;lückshafen zu Rostock‘, 1518 ı .0.000000000..0.00 4
Aakat einer Menagerievorführung in Nürnberg, 1677.
YMakat der Vorführung eines dressierten Pferdes, Mai-
and, ca. 1700, ° . . ı #4 4 4 4 RO u 2 8 a * x % x
Yakatanschlager in Paris, 1742 ..00.00.00000.0.0 04
„‚ithographiertes Lotterieplakat, Anfang des 19. Jahr- ,
A DE 79
Makat in Buchdruck, 1854 2 0000000000000000 0 71
Makat ‚„‚Lidia‘ für den ‚,Alcazar d’Ete‘“, 1870. . . Tafel I
Makat für die Pariser Kunstausstellung, 1925 . ... 73
Jakat für Fremdenverkehrsförderung auf kubistische
A
Plakat mit Benutzung graphischer Darstellung ...
Ankündigungstafel, Anfang des ı9. Jahrhunderts. . .
5ebräuchliche Plakatform an Bauzäunen, 1910 .‚,.
Moderne, stilvolle Plakatform in Zürich ......
_itfaßwagen, Londoner Lotteriereklame aus dem Jahre
ADDED
3erlins erste Litfaßsäule, 1888 ..........
zrste Wiener Litfaßsäule in Kioskform, 1872 ...
Litfaßsäule in Wien, 1900 ©
„aternenmaste und -Stangen als Reklameträger , . .
Reklamesäulen vor dem Bahnhofsgebäude in Stuttgart
Reklameaufbau in Form der Sphinx , 0.0.0.0
Reklameaufbau am Eingang der Technischen Messe in
Leipzig RR RR
Fitelseite der englischen Zeitung ‚,Der Wochenbericht‘‘,
A ADDED
Farbige Ankündigung einer Möbelfabrik, Anfang des
19. Jahrhunderts . 0 ..0.0000.00.000000.0.0.. Tafel I
Einfach gesetzte Anzeige der optischen und mechanischen
Werkstätte Voigtländer &amp; Sohn, A.-G., Braunschweig,
1827. .

47
48
50
“I

2
53
54
55
56

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61
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65
66

74
75
78
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81
82
83
34
835
86
87
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        Al

VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN
Seite
Anzeige in Anredeform, 1857 00 107
Erstes illustriertes Inserat in der Leipziger Illustrierten
Zeitung, 1854 2.00 RR 108
‘lustriertes Inserat, hergestellt mit Hilfe der Autotypie,
BO5 RR I09
nserat in imperativer Form, ,.... .... 110
nserat in imperativer Form... ...0.00.000 7 110
'rämliertes Inserat (antike Form) aus dem Neuen Wiener
"agblatt, 1925 . II
’rämliertes Inserat (Plakatwirkung) aus dem Neuen
Niener Tagblatt, 1925 0. . 0 0000002000... 112
3uchdruckerzeichnen, Bernhard Richel, Basel, 1482 . ı 17
3Zuchdruckerzeichen, Mitte des 16. Jahrhunderts ‚,, . 118
dandelsmarke, Ende des 16, Jahrhunderts, ,.... 119
:Tandelsmarke, erste Hälfte des 17. Jahrhunderts ‚ .. 119
‘Tandelsmarke, Ende des ı7. Jahrhunderts. ..... 119
dandelsmarke, Ende des ı7. Jahrhunderts, . .... 119
eschäftsmarke der preußischen Porzellanmanufaktur,
zeschäftsetikette des Weinwirtes Schönkopf, 1765 ..
Vorlagensammlung für kaufmännische Zeichen, erste
Hälfte des 19. Jahrhunderts ,...........
Handelsmarke mit Angabe des Geschäftszweiges und
Monogramm des Firmanamens , ..........
Marke mit Angabe des Geschäftszweiges und des Firma-
1aMENS LH
Marke mit Angabe des Geschäftszweiges, Firmanamens
und symbolischer Darstellung der Branche .....
Marke der Waffen- und Automobilfabrik Steyr’ (Ziel-
scheibe als Symbol) +. 0
Marke mit dem Firmanamen und Bilde des Geschäfts-
zegenstandeS . .
Marke einer Schuhfabrik, deren Begründer den Namen
Salamander‘‘ hatte ‚ee
ichema eines Buchstabentrickfilmes .......
v”ersonenreklame mit Hilfe der Lichtwirkung ....
\mos-Ampel mit Transparentreklamen ‚,......
Lebende Bildlichtreklame in London ........
Lichtreklame der Automobilfirma ‚,‚Citro@n‘‘ auf dem
300 m hohen Eiffelturm während der Pariser Kunst-
zewerbeausstellung 1925 . ........4 .; 0.0.» 131
Fahrplan aus dem Jahre 1843 ...0....0.0... 132
Plakate auf einer englischen Eisenbahnstation im Jahre
BT we RR a RR KK Ka Ru u 4. Tafel III
3arnums Ankündigungswagen , ...0.0.0.0.0... 133
Vollreklamestraßenbahnwagen der Stadt Dresden . . 134
Der Reklame-Elefant Barnums, 1853 . ....... 138
Amerikanische Streckenreklame: .‚......... 139
Freistehende Reklametafel an einer Verkehrsstraße und
Eisenbahnlinie bei Hamburg . ......0..0... 140
105. Deutscher Postbriefkasten mit Reklameaufschriften . 142
106. Deutscher Postwagen als Reklameträger ..... . 143
107. Das deutsche Reichspostautomobil als Reklameträger 143

Abb. 71.
„292.

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        VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN

Abb. 108.
109.
110.
IIT.
112.

Reklame auf Telegraphenstangen in Indien. . ...
Postschalterraum mit Reklamen 2.0.0.1...
Deutsche Poststempel mit Reklamen .......
[talienische Postmarke mit Reklameallonge ....
Fahrende Reklame: Die mit Reklameaufschriften ver-
sehene, schienenlose Eisenbahn eines amerikanischen
Filmkonzerns . 5 MOM Om
Flugzeugreklame , .
Markt der Reichsstadt Nürnberg, 1599 ......
Laden im antiken Pompeji .... Rn 3
Kaufladen unter einer offenen Halle .......
Verkauf auf der Straße im Ghetto (Judenviertel) zu
Prag, 1878 0 000004 4 @ HR RR RR RG
Werkstätte eines Schuhmachers; primitive Verbindung
nit Ladengeschäft ‚ 0
Kaufladen in einer kleinen, französischen Stadt, 15. Jahr-
Hundert ; ; ; ; 4 4 4 4% N KOM RR RR RR RR
Laden ‚‚,Zur Französin‘‘ in Wien, 1820 ......
Schaufenster mit großer Ausstellungsfläche und Tiefen-
ViTkung
Schaufensteranlage in unzweckmäßiger, veralteter Form
Gute Schaufensteranlage mit zwei abgerundeten Fen
EIN RR
aroße Schaufensteranlage bei viel zur Verfügung ste-
ıendem Raume 1.00.0000...

Das Geschäftshaus als Reklame, , ..
Modemagaziın in Paris, 1678 0.0...
Warenarrangement in einem modernen Warenhaus
zin Teil der Industrie- und Gewerbeprodukten-Ausstel
ung, Wien, 1835. . 0000000000000 0 0
\usstellungskoje auf einem Messeschiff ......
\ufdruck der Abnehmer auf der Innenseite einer Zi
zarettenschachtel .
\ufdruck eines Arrangements von Auszeichnungen aui
Zinwickelpapier, ca. 1870, ... .
.roteskes Inserat ..... x Om
zroteske Reklamefigur . 1 00 eek
Kollektivplakat der deutschen Schirmindustrie , ..
Reklame für die Besiedlung neuer Gebiete; die zwei
Boten aus dem gelobten Lande Kanaan mit der
Traube ‚ee
Olakat für die Reichenberger Messe, .......
Fremdenverkehrsreklame durch Propagandaautos . .
Briefmarken im Dienste des Fremdenverkehres (Land-
schaftsreklame) ee
Briefmarken im Dienste des Fremdenverkehres (Aus-
stellungen, Messen und Sportfeste) ‚.......
Seltene Briefmarken als unbeabsichtigte Landesreklame
Landschaftsreklamebilder auf Schweizer Postkarten .
Fremdenverkehrsreklame durch Poststempel ....
Fremdenverkehrsreklame durch Poststempel ....
Notgeld als Fremdenverkehrsreklame (Österreich) . .
Notgeld als Fremdenverkehrsreklame (Deutschland)

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        XIv

Abb. 146.

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VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN
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Banknote als Fremdenverkehrsreklame (Tschechoslo-
Vakei) 00 LH a 4 189
Münzen mit Landschaftsdarstellung, 1685 .... . 190
Zersonenreklame (der König von Siam während eines
7rozessionsumzZugeS) . 0 194
7ersonenreklame (ägyptischer König als Held in. der
Schlacht) . . . . + x + 4 4% * % Wk &amp; 4 4 4% w w + ® I98
\ugustus (neben ihm Amor, der Sohn der Venus, als
Zeichen seiner göttlichen Abstammung) ..... . 199
3riefmarken zum Zwecke ‘der Personenreklame . . . 201
Münze Philipp II. von Makedonien, dessen Rennpferd
n Olympia 350 v. Chr. gesiegt hatte ‚......
Münze mit Kaiser Justinian und dem Reichsapfel , ,
Aünze mit dem Bilde des Papstes Sixtus IV... ..
Xaiserin Maria Theresia auf einem Taler von 1780 ,
roldstück mit dem Bilde Napoleons III. .....
zeklame für Private durch Münzen , .......
T’riumphbogen für den römischen Kaiser Konstantin
Triumphbogen anläßlich Jenny Linds Ankunft in
ımerika, 1850 000 0
Jer Herr Kommerzialrat vor und nach seiner Deko-
äeruNg RR RR WR RR
Maßnahme gegen die Personenreklame . , .....
Nahlplakat der konservativen Partei (England 1925)
Wahlplakat der konservativen Partei (England (1925)
inglische Wahlreklame um 1860 —.....0.0.0 4
Reklame für die Wahl Hindenburgs zum Präsidenten
les Deutschen Reiches, 1925 ........0... 224
Plakat zum Zwecke des Hinweises auf. die Notwendigkeit
der ständigen Verwendung von Schutzvorrichtungen,
Deutschland 1926 © 000. Tafel IV
Frauendemonstration gegen Japan und England in "
Peking, 1925 20H. 233
Demonstration gegen die Fürstenabfindung in Berlin,
1926 . 2.1. „233

3
        <pb n="18" />
        Literatur.

-BehrmannH., Reklame, Bücherei für Industrie und Handel, Zürich 1923.

Burger Konrad, Buchhändleranzeiger des 15. Jahrhunderts. W. Hierse-
mann, Leipzig 1907.

Cronau Rudolf, Buch der Reklame. Peter Hobing (Leipzig), Berlin-
Steglitz, Albrechtstraße 87, 1889. -

Dolge Walter, Handbuch der Reklame. Francken &amp; Lang G. m. b. H.
Berlin W. 30, 1926.

Grunzel Jos., System der Handelspolitik. .Duncker &amp; Humblot,
Leipzig 1906.

Hagemann Karl, Der Theaterzettel. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart.

Kellen T., Lehrbuch der kaufm. Propaganda. Moderne kaufm. Biblio-
thek, Leipzig.

Knight-KaufferE.,, The art of the poster. Cecil Palmer, London 1924.

König Theodor, Dr., Reklame-Psychologie. R. Oldenbourg, München
und Berlin 1924.

Laarwood J. and J.Camden Hotten, The history of signboards
Chatto &amp; Windus, London 1866.

Lysinski E., Dr., Die Organisation der Reklame. Späth &amp; Linde
Berlin C 2, 1924.

Maindron Ernst, Les affiches illustres 1886, Les affiches etrageres 1897
G: Bondet, Paris.

Mataja Viktor, Die Reklame. Duncker &amp; Humblot, München und
Leipzig 1920.

Münzinger Ludwig, Entwicklung des Inseratenwesens in den Deut:
schen Zeitungen. Heidelberg 1902.

‚Overbeck von, Pompeji. W. Engelmann, Leipzig.

Ruben Paul, Die Reklame, ihre Kunst und Wissenschaft, I. Bd. Ver-
lag für Sozialpolitik, G. m. b. H., Berlin W. 57. II. Bd. Hermann
Paetel, G. m. b. H., Berlin.

Sampson H., A history ofadvertisements. Chatto&amp; Windus, London 1874.

Schottenloher Karl, Flugblatt und -Zeitung. Berlin W. 62, Richard
Carl Schmidt &amp; Co., 1922.

Schwarzkopf (anonym erschienen), Leitfaden der Reklame. Carl Gerold.
Wien 1887. .

Siegris Emerich, Wiener Hauszeichen. Burgverlag, Wien 1924.

Werner M. R., Barnum. Harcourt, Braun &amp; Co., New-Vork.

Walter Albert, Das Schaufenster und sein Schmuck. G. A. Glöckner
Leipzig 1921.

Westen Walter v., Reklamekunst. Velhagen &amp; Klasing, Bielefeld und
Leipzig 1914. Reklamekunst aus zwei Jahrtausenden. Eigenbrödler-
verlag Berlin 1925.

Wiener Zeitung, Geschichte der Wiener Zeitung. Jubiläums-Fest-
nummer vom 8. August 1903, Wien.

Wuttke Robert, Die Entwicklung der Handelsformen und der Reklame
Leipziger Illustrierte Zeitung, Leipzig, Jub.-Nummer, 1909.
        <pb n="19" />
        <pb n="20" />
        EINLEITUNG.

Begriff der ‚‚Reklame*‘.
Die Zahl der Definitionen, welche den Begriff ‚, Reklame“
abgrenzen, ist eine sehr große. Ein Teil der Autoren, welche
diese Frage behandeln, gibt sich die Begriffsbestimmung selbst,
ein anderer Teil führt die wichtigsten, in der Literatur bekannten
Definitionen an und überläßt das Endurteil dem Leser. Da
die meisten Abhandlungen nur ein Teilgebiet der Reklame
erfassen, so sind vielfach auch die Definitionen unvollständig

Der Name selbst „reclame‘‘ stammt aus dem Franzö-
szischen, das lateinische Wort „reclamare‘‘ ist gleichbedeutend
mit „„widersprechend‘‘, gibt also wenig Aufklärung. In Englanc
und Amerika bedient man sich der Ausdrücke „advertise‘.
„advertising‘‘ in einem weiten Sinne, der keineswegs auf An-
kündigungen in Zeitungen beschränkt, also dem Ursprung
des lateinischen Wortes advertere, bildlich, die Aufmerksam-
keit auf etwas lenken, angepaßt ist. Demnach wird auch"
von out-door advertising (durch Plakate, Schilder usw.),
von indirect advertising (z. B., daß ein Kaufmann von sich
reden macht) und Ähnlichem gesprochen. Im Französischen
tritt zur Bezeichnung der gesamten auf Bekanntmachung und
öffentliche Anwerbung gerichteten Tätigkeit häufig der Aus-
druck „publicite‘“, publicite commerciale, im Italienischen
publicitä auf.

Die in der Literatur zur größten Bedeutung und Aner-
kennung gelangten Begriffsbestimmungen für Reklame sind
folgende:

Rudolf Cronau:

„Man versteht unter Reklame im weiteren Sinne,
durch irgend ein Mittel, sei es durch Wort, Schrift oder
eine Tat, Interesse für eine Sache, eine Person, einen
Gegenstand oder ein Unternehmen zu erregen; im engeren
Sinne versteht man darunter die empfehlende Anzeige

zer, tr U,
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Paneth, Entwicklung der Reklame.
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        BEGRIFF DER REKLAME
bei der im Unterschiede von der einfachen Annonce die
Anwendung raffinierter Mittel zur Erweckung des öffent-
lichen Interesses wesentlich ist.“

„Geschäftliche Reklame ist die planmäßige Einwir-
kung auf die menschliche Psyche mit dem Ziele der Herbei-
führung einer möglichst hohen Willenbereitschaft zum
käuflichen Erwerbe des Angepriesenen.“

Dr. Lysinski und Dr. Seyffert haben die Begriffe
„Reklame‘“ und ‚Propaganda‘ als höheren Gattungsbegriff
von „Werbung“ wiedergegeben und für diese die folgende
Begriffsbestimmung abgeleitet:

„Werbung ist die organisierte Anwendung von Mitteln
zur Massenbeeinflussung von Menschen, sich in freier Ent-
schließung einen dargebotenen Zweck zu eigen zu machen
und sich, durch ihn bestimmt, an seiner Verwirklichung
mitzubetätigen.“‘

Prof. Dr. Joseph Grunzel bezeichnet ebenfalls die Be-
kanntmachung als Reklame im weitesten Sinne des Wortes,

Mevers Konversations-Lexikon:

„Reklame ist jeder Versuch, durch erlaubte und uner-
laubte Mittel das öffentliche Interesse auf sich zu lenken.“
Prof. Dr. Viktor Mataja:

‚Wenn im folgenden von Reklame die Rede ist (ge-
meint ist sein Werk ‚Die Reklame‘, Verlag Duncker &amp; Hum-
blot, München u. Leipzig, 1920), so bedeutet dies eine der
Ausdehnung über einen größeren Personenkreis (in letzter
Linie auf die volle Öffentlichkeit) fähige Einwirkung
auf das Denken und Verhalten anderer in Beziehung auf
einen Gegenstand, und zwar durch Erregung von Auf-
merksamkeit und Erweckung günstiger Vorstellungen
für ihn. Ausgangspunkt der Reklame ist jedenfalls das
Bekanntmachen. Jegliche Bekanntmachung von
Personen oder Gegenständen, die geeignet ist, die Auf-
merksamkeit der‘ Menschen für sie zu gewinnen, kann
bereits zur Reklame gehören.“

Werner Sombart sieht das Wesen der Reklame bzw. der
Werbung in der Anempfehlung oder Lockung.
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        BEGRIFF DER REKLAME
Horst Kliemann definiert:

„Werbung ist kein unbeschränkt wirksames, zeitlich
bedingtes, selbständiges Gebilde, sondern Exponent des
sozialen Grundtriebs ‚Wettbewerb‘. Ziel des Wett-
bewerbs ist Kampf um den Anteil an der Kaufkraft auf
wirtschaftlichem, an der Aufnahmefähigkeit auf geistigem
Gebiete mit der Absicht der Gruppenbildung zwecks
Wirkungsverbreiterung von Ideen und Personen oder
rationeller Produktions- und Konsumptionsmöglichkeit
von Waren. Ihr Wirkungsumfang ist von zwei Kompo-
nenten abhängig: einerseits von der vorhandenen Kauf-
kraft bezw. geistigen Aufnahmefähigkeit, anderseits von
dem Willen des Individuums, zu verbrauchen oder sich
Ideen anzueignen. Die Untersuchung der ersten Kompo-
nente ist Aufgabe der Wirtschafts-, Staats und Sozial-
wissenschaften, der zweiten, Aufgabe der angewandten
Psychologie‘.
Unter Berücksichtigung des allgemeinen Sprachgebrauches
und unter Zugrundelegung der obigen Definitionen soll für dieses
Buch nachstehende Begriffsbestimmung für „Reklame“ gelten.

„Reklame ist die bewußte Massenbeeinflussung durch

Wort, Schrift, Bild, Plastik, Architektur oder die Tat auf

das Denken und Verhalten anderer, um Aufmerksamkeit,

günstige Vorstellung, ein geneigtes Urteil oder Wünsche,
bezüglich eines Objektes, einer Person, eines Territoriums
oder einer Idee zu erregen.‘
Gegenstand der Darlegung.
Den Gegenstand der folgenden. Darlegung soll die ge-
schichtliche Entwicklung der Reklame bilden, wobei das
Hauptgewicht darauf ruht, darzulegen, daß und wie die
Menschen bereits in den frühesten uns bekannten Zeiten alle
ihnen zur Verfügung stehenden Mittel angewendet haben, auf
die Psyche und die Handlungen ihrer Mitmenschen einzu-
wirken, um sie in freier Entschließung zu einem ihnen ge-
nehmen Verhalten oder Handeln zu veranlassen; insbesondere
soll durch diese Abhandlung auch jedermann klar werden,
daß die Reklame keineswegs eine Erfindung der
        <pb n="23" />
        BERECHTIGUNG DER REKLAMEGESCHICHTE
Gegenwart ist. Einen bezeichnenden Beweis für diese Be-
hauptung bildet das „Spottbild auf die Reklame“
(s. Abb. 1), welches der Nürnberger Künstler Lorenz Strauch

2 Tzz EM 2 nm und dm „Apallalt verdiene
Min fen Scham ofen end taglch fingen nurve
Abb. I. Spottbild auf die Reklame von Lorenz Strauch,
ca. 1600.
(Germanisches Museum, Nürnberg.)
ungefähr im Jahre 1600 in Kupfer stach. Zugegeben werden
muß, daß die geschärfte Kritik weiter Kreise in der neuesten
Zeit vieles bereits richtig als Reklame erfaßt, was früher in der
Regel nur denjenigen, welche die Reklame veranlaßten, und
einzelnen wenigen Auserwählten als Reklame erkennbar war.

Die folgende Darstellung soll auch dazu dienen, durch eine
historische Darlegung die bisher ziemlich schmale wissen-
        <pb n="24" />
        GRENZEN DER DARLEGUNG
schaftliche Grundlage des in unser Gesamtleben gegenwärtig
zo tief einschneidenden Gebietes der Reklame zu erweitern. Die
zukünftige Fortentwicklung der Reklame in allen ihren Zweigen
wird zweifelsohne durch die hierdurch mögliche Anknüpfung
an Vergangenes angeregt und erleichtert werden, gar man-
cher wird durch einen Blick in die Vergangenheit erkennen,
daß vieles hievon auch für die Gegenwart nützlich und förder-
lich sein kann und die Kenntnis derjenigen Methoden, welche
sich in der geschichtlichen Entwicklung als erfolgreich erwiesen
haben, werden in vielen Fällen unnütze Mühe und Aufwen-
dungen ersparen.
Grenzen der Darlegung.
Ebenso wie die Weltgeschichte nicht jedes Scharmützel
oder Vorpostengefecht verzeichnet, sondern sich darauf be-
schränkt, von allem Geschehen nur dasjenige festzuhalten,
das der menschlichen Entwicklung neue Wege wies und rich-
tunggebend wirkte, so soll auch die geschichtliche Darstellung
der Reklame in erster Linie nur diejenigen Erscheinungen aus
allen Zeitepochen und Ländern festhalten, die eine neue Stufe
auf ihrem Werdegang bedeuten.

Es sollen hier nicht die unzähligen kleinen Reklame-
tricks, mögen sie vielleicht auch in einzelnen Fällen erfolg-
reich gewesen sein, angeführt werden, weil hierdurch einerseits
der Überblick und die Durchdringung der gesamten Materie
erschwert würde und anderseits in der Fortentwicklung der
Reklame nichts Entscheidendes geleistet: wurde. Auch die
Entwicklung auf den Spezialgebieten soll, ebenso wie es
bei Darstellung der Weltgeschichte üblich ist, nur insoweit
behandelt werden als sie für die allgemeine Entwicklung der
Reklame Bedeutung erlangt hat; die Behandlung der Spezial-
gebiete selbst muß besonderen Monographien vorbehalten
bleiben.
Durch Abstraktion aus der großen Anzahl der Erschei-
nungen in allen Zeitabschnitten und Gebieten soll der Weg
von den vielen Variationen und Kombinationen zu
ihren Elementen gefunden und die sich in ihnen auswirkende
Type herauskristallisiert werden. Der gleiche Weg ist auch bei
        <pb n="25" />
        MITTEL DER REKLAME
Zitierung der Literatur eingehalten; es sollen nicht
möglichst viele Werke angeführt werden, sondern bloß jene,
welche aus der Menge heraus den Forscher in die Vergangen-
heit und in die Spezialgebiete führen.

Ö

Darlegung nach den Mitteln der Reklame.

Die natürliche Art der historischen Beschreibung der Re-
klame ist die nach den von ihr verwendeten Mitteln
(Werbemitteln) und Methoden auf allen Gebieten ihrer Be-
tätigung.

Die Mittel der Reklame sind, wie bereits in der Defini-
tion erwähnt, Wort, Schrift, Bild, Plastik, Architektur und
die Tat. Die geschichtliche Darstellung der Reklame soll uns
zeigen, wie diese Mittel in den verschiedenen Zeitabschnitten
im Dienste der Reklame verschiedene Formen annahmen
and sich, um besser zu wirken, formten.

Die Wortreklame auf dem Wege vom Ausrufer bis zur
Radioankündigung, die Schriftreklame von den Steininschriften
bis zur beweglichen Lichtreklame, die Bildreklame von der
einfachen Plastik bis zur Darstellung von Worten und Bildern
aus farbigen Gasen mit Hilfe von Flugzeugen in der Höhe
von tausenden Metern, alle diese Entwicklungsstufen sind
Gegenstand der folgenden Darstellung.

Neben der technischen Fortentwicklung wirkt auf die
Mittel der Reklame wie auch auf alle anderen Gebiete die
Fortentwicklung des Geschmackes ein. Der Unterschied in
der Auffassung zwischen den Bildern auf den Flugblättern der
ersten Buchführer und denen des modernen Plakates ist kaum
geringer als zwischen dem Text der Flugblätter und dem
modernen Plakattext. Auch diese Wandlung soll durch die
folgenden Ausführungen festgehalten und beleuchtet werden.
        <pb n="26" />
        Tan

A. GESCHÄFTLICHE REKLAME.
I. Allgemeines.
Bei Erforschung der Reklame fällt zunächst auf, daß sich
unter der Geschäftsreklame gerade in den frühesten Zeiten die
Reklame auf bestimmte Gebiete konzentrierte, während die
restlichen Gebiete vielfach erst Jahrhunderte später in der
Reklame aufscheinen,

Zu den frühesten Gebieten der Reklamebetätigung gehört
die Reklame der Buchhändler, Quacksalber, Lotterie-
unternehmer sowie der Veranstalter von Zirkus-, Theater-
vorstellungen und Kunststücken aller Art.

Im 16. und 17. Jahrhundert setzte dann relativ intensiv
die Reklame der Wirte ein, während die sonstige geschäftliche
Reklame im großen Ausmaße erst der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts vorbehalten blieb.

Der erste, welcher Reklame in größtem Umfange auf
jede nur mögliche Art benützte, war Phineas Taylor Bar-
num (geb. am 5. Juli 1810, gest. 1891) (s. Abb. 2). Der Beginn
seiner Tätigkeit als Zirkusdirektor und damit auch der Be-
nützung der Reklame durch ihn fällt in das Jahr 1835. Die von
ihm angewendeten Reklamemethoden bildeten bald den Gegen-
stand einer reichen Literatur und in kurzer Zeit hierauf auch
für andere Erfolgbegierige den Anreiz zur Nachahmung; damit
war natürlich gleichzeitig auch der Entwicklung der Reklame
gegenüber der Vergangenheit eine unvergleichlich großzügige,
neue Form gegeben.

Diese Tatsache findet auch ihre Erklärung in der bis zu
dieser Zeit herrschenden wirtschaftlichen und gewerblichen
Organisation; der normale Bedarf der Bevölkerung war bis
zur Mitte des 19. Jahrhunderts!) durch eine konzessions- und
zunftmäßige, lokalbeschränkte Produktions- und Handels-
1) Frankreich ging durch sein Gesetz vom 1ı7. März 1791, wo-
durch die unbeschränkte Freiheit der Arbeit, Industrie und der Aus-
nützung jeden Gewerbes gewährt wurde. den übrigen Staaten weit voran.
        <pb n="27" />
        ENTWICKLUNG DER BEDARFSDECKUNG
tätigkeit befriedigt. Es durfte bis dahin im allgemeinen nur
soviel produziert und gehandelt werden, als dem normalen
Bedarfe der Bevölkerung bei hinreichendem Schutz des bürger-
lichen Nutzens der Erwerbstreibenden entsprach‘),

Abb. 2. J. P. Barnum, 1810—1891
(Die große Trommel, Otto Wiegand, Leipzig.)

Neben dem laufenden Bedarf der großen Bevölkerungs-
schichten gab es aber noch besondere undaufkleinere Schichten
beschränkte Bedürfnisse und Geschäftsgelegenheiten; zu diesen
gehörten die obengenannten, in erster Linie die Bücher, und
zwar schon deshalb, weil nur relativ ganz enge Kreise des
Lesens und Schreibens kundig waren; es lohnte sich sonach
die lokale Art der Bücherversorgung nicht, sondern die Buch -
aändler, die vielfach auch Verleger und Drucker in einer Person
waren, mußten, um existieren zu können, ein großes Absatz-
gebiet bearbeiten, was sie durch Hausieren besorgten.

!) Dr. Joseph Grunzel, System der Handelspolitik. Leipzig 1906,
Duncker &amp; Humblot. S., 193 ff.
        <pb n="28" />
        REKLAME UND LESEKUNST

9}

Während Schuhmacher, Fleischer, Tischler u. dgl. orts-
bekannt waren und einer Ankündigung daher nicht bedurften,
weilte der Verkäufer von Büchern, Heilmitteln, Lotterielosen,.
meist nur ganz kurze Zeit in einer Stadt, und er mußte daher
während dieser Zeit auf ganz besondere Art die Aufmerksam-
keit der Bevölkerung auf sich lenken, um den Interessenten
seine Anwesenheit bekanntzugeben und sie an sich zu locken.
Ähnlich lagen die Verhältnisse bei den Veranstaltungen von
Theater- und Zirkusvorstellungen und Kunststücken aller Art.
Die älteste geschäftliche Reklame betrifft daher ausschließlich
diese Gebiete. ;

Auffallend an der Reklame der ältesten Zeit bis in die
ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts ist die große Anzahl
der Illustrationen und Bilder, ein Umstand, der um so mehr
ins Gewicht fällt, als ihre Herstellung und Reproduktion in
diesen Epochen relativ umständlich und teuer waren. Diese
Eigenheit der Reklame ist auf die Unkenntnis des Lesens
und Schreibens in den weiten Kreisen der Bevölke ung zurück-
zuführen, so daß die bildliche Darstellung das Wort ersetzen
mußte. Mit der Verbreitung des Lesens und Schreibens
ist durch einige Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts hindurch
eine Verminderung der Illustrationen und bildlichen Dar-
stellungen in der Reklame wahrnehmbar, eine Entwicklung,
die allerdings bald wieder in das Gegenteil umschlug.

Die Abschaffung des Zunft- und Konzessionswesens in
Handel und Produktion in nahezu allen Staaten hatte bald
die Folge, daß Produktion und Handel nicht künstlich auf
die Deckung des lokalen Bedarfes beschränkt blieben, sondern im
Gegenteil, den Bedarf und das Absatzgebiet künstlich zu
steigern trachteten. Die mit der steigenden gewerblichen Tätig-
keit scharf auftretende Konkurrenz hatte eine immer leb-
haftere und großzügigere Reklame zur Folge, eine Tendenz, die
noch dadurch beschleunigt wurde, daß in den letzten Jahr-
zehnten billige und überaus wirksame Reproduktionsmethoden
(Lithographie, Autotypie, Offsetdruck) erfunden wurden; auch
die Entwicklung der Elektrizität und der sonstigen Technik
wiesen der Reklame neue, ungeahnte Wege.

Über den Begriff ‚„‚Geschäftliche Reklame‘“‘ äußert sich
Dr. E. Lysinski wie folgt:
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        REKLAME ZUR KUNDENGEWINNUNG

„Die Werbung bietet dem Publikum einen bestimmten
Zweck dar und sucht es in planmäßiger Weise dazu zu be-
einflussen, sich in den Dienst dieses Zweckes zu stellen. Der
Zweck nun, den jeder Geschäftsmann mit seinem Unternehmen
verfolgt, besteht darin, daß seine Waren gekauft, ‚seine Lei-
stungen in Anspruch genommen werden, daß er Waren- oder
Arbeitsaufträge erhält. Demnach liegt das Wesen der geschäft-
lichen Reklame darin, daß der Geschäftsmann sich planmäßig
bemüht, das Publikum dazu zu beeinflussen, seine Waren zu
kaufen, seine Leistungen in Anspruch zu nehmen, ihm Waren-
oder Arbeitsaufträge zukommen zu lassen. Man kann deshalb
auch unbedenklich sagen, geschäftliche Reklame ist
alles planmäßige Bemühen um Erhaltung und Ge-
winnung von Kunden, ist also planmäßige Kundenerhal-
tung und -gewinnung.

[st dem aber so, ist geschäftliche Reklame nichts anderes
als planmäßiges Bemühen um Kundenerhaltung und Kunden-
gewinnung, so ist es klar, daß vieles schon Reklame ist, was
vielfach noch gar nicht als solche angesehen wird.

Jedes bloße Bekanntmachen, daß man Waren zu ver-
kaufen hat oder Arbeitsaufträge übernimmt, ist schon Reklame
(Werbebekanntmachung). Jedes Empfehlen oder Anpreisen
seiner Waren oder Leistungen ist Reklame (Werbeempfehlung).
Jeder Versuch, das Kundenpublikum von den Vorteilen seiner
Waren oder Arbeiten zu überzeugen, ist Reklame (Werbe-
überzeugung). Jedes Mittel, durch das man das Publikum
anlockt, seine Waren oder Leistungen gegen Entgelt in Anspruch
zu nehmen, ist Reklame (Werbelockung). Jedes Angebot an
Waren oder Leistungen, das man macht, ist Reklame (Werbe-
angebot). Es braucht nicht ein Plakat, ein Katalog, ein Inserat
usw. zu sein; das sind nur besonders ausgeprägte Formen mo-
derner Reklame.‘

LO

II. Menschen und Tiere als Reklamemittel.
a) Ausrufer,
Das Ausrufen stellt die primitivste und daher auch älteste
Form der Bekanntmachung dar. Diese Einrichtung geht
bereits auf die Ägypter zurück, verbreitete sich von dort auf
        <pb n="30" />
        AUSRUFER IM ALTERTU:

die Juden und teilte sich’ schließlich auch den Griechen und
Römern mit. Sie wurde bei den Griechen durch den Keryx-
Herold, bei den Römern durch den Pr ae co, im Mittelalter durch
die Ausrufer besorgt. Als Dienstabzeichen trugen alle diese
in der Regel den Caduceus = Heroldstab.

Selbst in die griechische Mythologie fanden die Ausrufer
Eingang. Der römische Schriftsteller Apulejus überlieferte
uns eine Erzählung über das Verschwinden der Göttin Psyche
und den Versuch, sie durch Ausruf ausfindig zu machen; er
berichtete hierüber: Als Psyche verloren war, ersuchte Venus
den Merkur‘), die Verlorene unter dem Volke auszurufen
und eine Belohnung auf ihr Wiederbringen auszuschreien ;
sie teilt Merkur die genauen Merkmale mit, an welchen
Psyche erkannt werden möge, und mit diesen auf einem Zettel
niedergeschriebenen Notizen versehen, begibt sich der Götter-
bote unter die Völker der Erde und verkündet:

„Kund sei es jedermann, wie sich eine gewisse Königstochter mit
Namen Psyche an Venus schwer vergangen hat und nun heimlich
entwichen ist, um sich ihrer verdienten Strafe zu entziehen. Sollte
jemand sein, der diesen Flüchtling aufgefangen hat oder nur nach-
weisen kann, wo sie sich verborgen hält, der finde sich bei den murci-
schen Pyramiden ein und gebe es mir, dem Merkur, an, der ich dieses
als Herold jetzt bekannt mache. Er soll für seine Mühe von Venus
in Person sieben Küsse zur Belohnung bekommen und einen noch
insbesonders, der mit allen Süßigkeiten gewürzt ist, welche nur der
Liebesgöttin Honigmund zu geben vermag.‘

Auf diesen Ausruf Merkurs, so berichtet Apulejus, beeiferten
sich alsbald alle Sterblichen um die Wette, eine so hohe Be-
lohnung zu verdienen.

Die Auslobung, das ist die allgemeine und öffentliche
Zusage einer Belohnung für eine Leistung oder einen Erfolg,
wurde übrigens auch bereits von den Ägyptern zur Ver-
stärkung der Wirkung von Bekanntmachungen verwendet.
Die Papyrussammlung des Louvre in Paris enthält ein aus
dem Jahre 145 v. Chr. stammendes Schriftstück, in welchem
nach einer Übersetzung von Letronne die Auslobung einer
Belohnung für die Ergreifung von zwei aus Alexandrien
entflohenen Sklaven enthalten ist. Der Akt, der übrigens

41 Stammvater der Herolde: der Heroldstab ist dem Merkurstab
nachgebildet
        <pb n="31" />
        [2

DER »RUF« ZUR KIRCHE
nur das normale Papier- und Schriftformat hat, dürfte auch
durch Ausrufer der Bevölkerung kund gemacht worden sein.
Es wurde also bereits damals der noch heute in Kriminal-
fällen übliche Weg der Gewährung einer „Prämie zur Er-
zielung einer größeren Publizität verwendet...

Bei den Römern waren die öffentlichen Ausrufer (Prae-
cones) teils vom Staate angestellt und besoldet, teils betrieben
sie das Ausrufsgewerbe privatim. Die ersteren hatten die Volks-
versammlungen zu berufen, Gesetzvorschläge anzukündigen,
die abgegebenen Stimmen auszurufen, Ruhe zu gebieten,
öffentliche Festlichkeiten anzukündigen u. dgl. mehr; letztere
hingegen wurden namentlich bei Auktionen verwendet und
sie hatten die Zeit, den Ort und die Bestimmungen von öffent-
lichen Verkäufen auszurufen. ; |

Wie sich bei den Griechen nur arme und niedrige Leute
zu diesem Posten hergaben, so stand dies Gewerbe auch bei
den Römern in geringer Achtung, zumal die Bildung der
Ausrufer zumeist eine höchst mangelhafte war. Martial rät
einem Vater, aus seinem Sohne, welcher einen besonders
harten Kopf hatte, einen Praeconen zu machen; für Dichter,
welche nichts verdienten, war es der äußerste Ausweg, daß sie
Ausrufer wurden.

In alten Zeiten bediente sich auch die Kirche des Aus-
rufers, um die Gläubigen zur Andacht zu rufen. Erst als
hierfür wirksamere Instrumente, wie tönende Metallplatten
und später die noch weiter klingenden Glocken erfunden
wurden, nahm die Geistlichkeit von dem Ausschreier Ab-
stand, der in katholischen Ländern nur in der Zeit seine
Tätigkeit wieder aufnimmt, wenn die Glocken ihre jährliche
Reise nach Rom antreten. Mit Schnarre oder Ratsche versehen,
mahnt er dann die Christen zum Kirchenbesuche. In orien-
talischen Städten ertönt hingegen noch heute vom hohen
Minarett herab täglich fünfmal der Ruf des Muezzin, um die
Muselmanen an das Gebet zu erinnern.

Die Ausrufer des Mittelalters pflegten die Aufmerksamkeit
des Volkes vermittelst Trommeln, Trompetenstößen oder
Schellengeläute zu erregen (s. Abb. 3 u. 4). Sie erscheinen bereits
als wohlorganisierte Zunft im 12. Jahrhundert in Frankreich
und werden von Schriftstellern jener Zeit vielfach erwähnt.
        <pb n="32" />
        DIE GILDE DER AUSRUFEK

}

Ludwig VII. von Frankreich verfügte durch ein Edikt
aus dem Jahre 1141, daß in der Provinz Berry bloß ı2 Ausrufer
bestehen dürfen, und umschrieb gleichzeitig strenge ihre Funk-
tionen; Philipp August verordnete im Jahre 1258, daß alle
Ausrufer (sergeant a verge) einer eigenen Berufsvereinigung
anzugehören hätten.

Abb. 3. Londoner Ausrufer.
(Englischer Holzschnitt aus dem Tahre 1608.)
The Assizes of Jerusalem, in welchem das Zivilrecht
des gesamten zivilisierten Europa im 12. und 13. Jahrhundert
kodifiziert ist, enthalten die Vorschrift, daß nur durch die
behördlich, zugelassenen Ausrufer und auf die vorge-
schriebene Art Verkäufe, Versteigerungen u. dgl. ausgerufen
werden dürfen. Im Falle des Ausrufens durch andere Personen
oder in anderer Form sollen die Waren verfallen sein und der
Ausrufer in die Gewalt der Lokalbehörde gelangen.

_Die Regierungen sowie die geistliche und weltliche
Gesetzgebung benützten seit der ältesten Zeit in ausgiebigem
Ausmaße das Ausrufen, um die Aufmerksamkeit der Allge-
meinheit auf ihre Vorschriften und Gesetze zu lenken. Im
        <pb n="33" />
        L

STAAT UND AUSRUFER
Mittelalter finden wir eine große Anzahl von Mandat- und
Gesetzessammlungen, so insbesondere auch eine der Reichs-
stadt Nürnberg.aus.dem Jahre 1548, welche die Vorschrift
anthalten, daß sie. jährlich an ‚einem ersten oder an einem
anderen Sonntage. auf dem Lande und in allen Städten zu
verkünden sind, damit die Gebote „eingedächtiger‘“ seien.

Abb. 4. Deutscher Ausrufer (Büttel).

Ludwig XIII. verordnete in der ersten Hälfte des 17. Jahr-
hunderts, daß seine Edikte ‚‚,an allen Straßenecken der Stadt
und der Vorstädte mit Trompetenklang und öffentlichen Aus-
rufungen bekannt gemacht werden, außerdem auch auf Perga-
menttafeln in großen Buchstaben in den 16 Vierteln der Stadt an
den hervorragendsten und auffälligsten Orten derselben ange-
schlagen werden sollten, damit sie gesehen und gehört würden‘.
        <pb n="34" />
        REKLAME VON DER KANZEL

12
Diese Gesetzessammlungen mußten auch auf den Kanzeln
verlesen werden, damit sich niemand mit Ungewißheit ent-
schuldigen möge. Im Mittelalter bildete überhaupt die Kanzel
eine beliebte Form der öffentlichen Ankündigung für alles,
das der Allgemeinheit zur Kenntnis zu bringen war.

Das vierte Laterankonzil (1215) verfügte die Aufbietung
der Brautleute in der Kirche seitens des Pfarrers, damit
dieser Umstand weiteste Verbreitung finde und bis zu einem
bestimmten Termine allfällige Rechtsansprüche geltend ge-
macht werden können. Diese Vorschrift wurde durch das Triden-
tinische Konzil (1562) und durch das corpus juris evangelicorum
ecclesiastici (1738) wiederholt. Die Kanzel wurde aber auch
später ständig zur Ankündigung weltlicher Vorschriften
benützt. So besagt die Verordnung des Nürnberger Stadtrates
vom 28. November 1736, welche die Sanitätsvorschriften gegen
die Pest enthält, daß diese Verordnung allenthalben auf den
Kanzeln öffentlich zu verrufen sei.

Über die Verwendung der Kanzel für geschäftliche
Reklame gibt ein aus dem Jahre 1622 stammendes und in
Bayer. Staatsbibliothek befindliches Flugblatt Aufschluß, in
welchem dem Augenarzte Balthasar Grose das Recht gegeben
wird, seine Kunst durch die Pfarrherren dem gemeinem Manne
zu verkünden und ihnen mitzuteilen, wo der Wunderarzt zu
finden wäre.

Das Wiener Diarium vom 7. August 1720 berichtet, daß
ein Bauer ein Paket, das er abzuliefern gehabt hätte, nicht
ablieferte; der Geschädigte ließ zur Eruierung des Täters
die Veruntreuung auch auf verschiedenen Kanzeln vermelden.

Über seine Zirkuspropaganda im Jahre 1876 und
über ihre Förderung durch die Geistlichen von der Kanzel
herab berichtet Phineas Taylor Barnum, daß er entgegen
seinem sonstigen Standpunkte der prinzipiellen Verweigerung
der Freikarten an Geistliche solche im freigebigsten Ausmaße
verteilte. Bezeichnend ist folgende Stelle in seiner‘ selbst.
verfaßten Biographie:

„Die Geistlichen zeigten sich meist außerordentlich dankbar für
die erwiesene Freundlichkeit (Freikarten), und viele von ihnen be-
zeichneten von der Kanzel herab Ausstellungen und Vorführungen
Barnums als durchaus moralisch und lehrreich. Ich gestehe, daß ich
auf die Mitwirkung der Prediger angewiesen war, insbesondere draußen
        <pb n="35" />
        [6

THEATER UND KULTUS
auf dem Lande, wo es außer Wochenblättern kaum Zeitungen gab.
Da war es wertvoll genug, wenn am Sonntag im Gottesdienst
der Zirkus erwähnt wurde. Solche Gunst mußte ich mir unter
allen Umständen erhalten.‘

Besondere Bedeutung gewann die Einrichtung des Aus-
rufers auf dem Gebiete des Theaters und der öffentlichen
Darbietungen (s. Abb. 5). So erwähnt der römische Schrift-
steller Apulejus in seinem Werke „Der goldene Esel“

Abb. 5. Quacksaiber im Mittelalter.

bereits derartige Ausschreier. Im frühen Mittelalter!) wurden
in England Herolde herumgeschickt, um jedermann von den
bevorstehenden Spielen zu benachrichtigen. Bei den soge-
nannten Conventry-Spielen benutzten die Prologsprecher diese
Gelegenheit, um das Publikum unter Angabe von Ort und Zeit
zu der nächsten Vorstellung einzuladen. Ein ähnlicher Brauch
bestand auch in Frankreich in dem feierlichen ‚,Cri‘““ knapp vor
dem Darstellungsbeginn der Pariser Apostelmysterien (1591).

Schaubuden, Zirkusse, sonstige Volksbelustigungen
(s. Abb. 6) und Kinos weisen dem Ausrufer bis auf den
heutigen Tag eine wichtige Rolle zu, wobei festzustellen ist,

2) Siehe Karl Hagemann, Der Theaterzettel, Verlag Karl Pfeffer,
Leipzig 1901.
        <pb n="36" />
        VERSTEIGERUNG

daß diese Unternehmungen derart an der Tradition festhalten,
daß sie in den letzten 200 Jahren an dieser Einrichtung fast
gar nichts abgeändert haben.

Mer ift da?
gr wilt ann ift da]
und zwei Imnge Neger,

Abb. 6. Ausrufer im Wurstelprater in Wien, 1864.

Der Handel wußte in seinen frühen Zeiten die Ausrufer
als Mittel für die erweiterte Publizität zu benützen. Der alt-
römische Schriftsteller Messenius kündigt in den „Zwillings-
brüdern‘‘ als Herold die Versteigerung der ganzen Habe des
Menächmus mit Einschluß der Frau „gegen bare Zahlung‘‘ an.
Eutychus versichert im ‚„Kaufmanne des Platus‘‘, er werde

Paueth, Entwicklung der Reklame.
        <pb n="37" />
        GEWERBE IM UMHERZIEHEN
alle Ausrufer der Stadt dingen, um die verschwundene Geliebte
seines Freundes aufspüren zu lassen.

Die Sorge um den Verkauf seiner Kupferstiche und Holz-
schnitte veranlaßte Albrecht Dürer, im Jahre 1520 eine
Reise in die Niederlande zu unternehmen. Auf dieser verkaufte
er seine Blätter selbst und sammelte Aufträge (s. Abb. 7).

Abb. 7. Kupferstichhändler, 18. Jh
(Wiener Kaufruf, Burgverlag Wien, 1924.)

Bis ins 19. Jahrhundert haben gewisse Handelszweige
ihre Geschäfte ausschließlich im Umherziehen mit Hilfe des
Ausrufes getätigt. So wurden Tinte, Strohmatten, gewisse oP-
tische Artikel, Mäusefallen, Kupferstiche, ausländische Würste,
Seilerartikel usw. nur auf diese Weise verkauft (s. Abb. 7u.8).

Im Mittelalter liefen die Ladenhalter, um sich die Ausrufer
zu ersparen, vielfach selbst vor ihrer Türe auf und ab, hielten
Passanten an und schrien: „Was wünschen Sie, meine Herren ?
Was suchen Sie, meine Damen?‘ Dann zählten sie eine Menge
        <pb n="38" />
        FARBIGE ALS AUSKUrZ

+ 0

von Waren zu verlockenden Preisen auf; hatten sie sich
heiser geschrien, so mußten die Lehrburschen heraus: und
ihre Stelle einnehmen.

Kaffeehäuser stellen bis heute mitunter richtige Indier als
Ausrufer an, welche den ganzen Tag in ihrem Nationalkostüm
vor der Türe des Lokals einherstolzieren und in einzelnen

Abb. 8. Wällsche Würste kauft! 18.
(Wiener Kaufruf, Burgverlag Wien, 1924.

ll

Städten sogar jeden Vorübergehenden.anrufen: ‚,Kaffee, Herr ?
Tee? Bitte treten Sie ein, Herr! Eben wird ein frischer
Topf bereitet, auf mein Wort!“ Das „Buy, buy, what ll
vou buy?‘ der Londoner Metzger ist einer der letzten Über
reste dieses alten Brauches.

Selbst die neue Zeit und die neueste Zeit haben die Einrich:
tung der „„Hausierer und Ausrufer‘‘ im Handel nicht beseitigt.

In fast allen Großstädten haben noch heute die vagieren-
den Händler und Sammler ihre bestimmten I“ ormeln der
Ankündigung. Der Londoner Milchmann hängt seine ver:
        <pb n="39" />
        FORMELN DER AUSRUFER
schlossenen Kännchen an die Eisengitter und kündigt sein
Erscheinen durch einen unartikulierten Laut an. Der Gebäck-
händler läßt vernehmlich seine Glocke reden, die er unauf-
hörlich die Straßen entlang schwingt. Die Wasserkresse-
händlerin schreit singend mit Mannesstimme, daß sie prächtige,
frische Kresse hat. ‚Stühle zu flicken!‘“ ist in Deutschland
der Ruf des Stuhlflechters; ‚Sand, weißer Sand!“ der des
Sandmannes. ‚,Bettstroh!‘“ empfiehlt mit weithin tönender
Stimme der Strohhändler; mit ‚‚Schereschliep!‘“ kündigt der
Scherenschleifer, mit ‚‚Hasenfelle‘“ der Fellhändler sein Er-
scheinen an. Zur Obstzeit sind namentlich die zumeist
durch Dialekt verunstalteten Namen der verschiedensten
Obstsorten, wie „Kersch’n, Kersch’n!‘“, „Hedebern!“, „Äppl,
Äppl, Äppl!“ usw. in jedem Stadtviertel ;bis zum. Überdruß
vernehmbar. Der Handeljude ist in nahezu allen Städten
mit seinem singenden nie ermüdenden Rufe ‚Handel‘ eine
bekannte Erscheinung.
In Amerika bilden die
‚Hotel runners‘, welche
den Reisenden gleich am
Bahnhofe oder an der Lan-
dungsbrücke des Dampfers
mit Empfehlungen und An-
preisungen ihrer Hotels über-
schütten, eine wahre Land-
plage. Ähnliche Verhältnisse
findet man auch heute noch
in einzelnen Gebieten Italiens
und Polens.

In diesem Zusammenhange
sind auch die zweifelsohne so-
zial bedeutend höher stehen-
den Handlungsreisenden

Abb. 0. Die zwe.. Walsen. zu erwähnen. Sie werden in
(Reklame durch Sandwichmänner für ein der Regel fast nur mehr von
Theaterstück, New-York, Anfang des ı9. Jh.) der Industrie und dem Groß-
handel verwendet; ihre Tätigkeit besteht in dem Auf-
suchen von Gewerbetreibenden und Wiederverkäufern,,
um diese in der Regel durch Vorlage von Mustern und
        <pb n="40" />
        SANDWICHMÄNNER

die überzeugende Kraft ihrer mündlichen Darlegungen
zu Bestellungen zu bewegen. Ihre soziale Stellung ist vielfach
eine sehr angesehene, so daß sie sich besonders in dieser Be-
ziehung von ihren Vorgängern wesentlich unterscheiden.

b) Sandwichmänner u. dgl,

Durch die Verwendung der
Ausrufer als Mittel für Reklame
kam man auf den Gedanken, auch
Menschen und Tiere?) in weiterem
Umfange der Reklame dienstbar
zu machen. Hierbei wurden diese
ähnlich wie das Papier einer
Zeitung lediglich als Hilfsmittel
für Reklame verwendet; Re-
klamezeichner oder Organisatoren
bleiben in diesem Zusammen-
hang selbstverständlich außer
Betracht.

Menschen und Tiere als Re-
klamemittel sind unter dem Na-
men Sandwichmänner (-tiere)
allgemein bekannt (siehe Abb. 9
u. I0). Der Name leitet sich
daher, weil der Volkswitz in
ihnen eine lebendige Verkörpe-
rung des in England nationalen
Butterbrotes, bestehend aus
einem dünnen Fleisch- oder
Käsescheibchen zwischen zwei
quadratischen, ebenfalls dünnen,
entrindeten und _gebutterten
Weißbrotscheibchen,erkannthat.
Dieses populäre Nahrungsmittel
heißt in England deshalb ein
Sandwich, weil angeblich sein

') Siehe Artikel ‚Menschen und Tiere als Reklamemittel‘‘ von
Mataja, Österr. Rundschau Nr. 5, 1907

SE
        <pb n="41" />
        7
x

u

STANDARTENTRÄGER

ursprünglicher Erfinder Koch beim Lord Sandwich war. Diese
Reklameform geht bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhundert
zurück. Bekannt ist aus dieser Zeit die Reklame eines Pariser
Schneiders, der seine neuesten Modelle von elegant geklei-
deten Herren in den Straßen tragen ließ, welche auf dem
Zylinder in weißer Schrift Name und Adresse des Erzeugers
aufwiesen. Ein findiger amerikanischer Heiratsvermittler

Abb. 11. Gruppe von Standartenträgern für die Leipziger Messe 19025
)+4 dans
ließ ein hübsches Paar durch die Straßen New Yorks führen,
wobei der Wagen in großen Lettern die Aufschrift trug:
‚Dieses Paar wurde durch das Bureau... verheiratet“.

Aus den Sandwichmännern entwickelten sich dann die
verschiedensten Formen, insbesondere die Standarten-
träger (s. Abb. 11), welche an einer hohen Stange befestigte
Plakate tragen. Im Jahre 1902 wurden in Amerika zum ersten
Male Sandwichmädchen als Reklame für ein Mittel gegen
Zahnschmerzen verwendet (s. Abb. 12). Die Erfinderin eines
Haarwuchsmittel, Anna Csillag, verwendet seit Jahrzehnten
ihr eigenes Bild als Reklame, damit man an ihren langen
Haaren den. Erfolg des Haarwuchsmittel erkenne.
        <pb n="42" />
        iA,

LEBENDE MODEL:
; Bemerkenswert ist die Reklame einer amerikanischen
Zeitung, welche kahlköpfigen Herren „„TIT-BITS“-Theater-

Abh. 12. Reklamemannequins für eine Berliner Parfümfabrik
(Seidel’s Reklame. Berlin. za285.1
sitze in den vordersten Reihen gab. Diese mußten während
der Pause andächtig diese ”7eitung lesen, auf den Köpfen
trugen sie den Namen der
Zeitung, so daß sie für das
Publikum in den Logen und
auf den Galerien eine auf-
fallende Reklame bildeten.
Die Erfinder der Füll-
feder ließen in Berlin
Damen auf Straßen und
Plätzen stundenlang mit
Tinte schreiben, so daß sich
das Publikum den nie-
versiegenden Tintenvorrat
nicht erklären konnte.
Seit den letzten Jahren
benützen große Konfek-
tionshäuser nebenden Man-
nequinsnoch lebende Mo-

Abb. 13. Sandwichpferd, Londoner
Lotteriereklame zu Ende des ı8. Ih
        <pb n="43" />
        Cr

GESCHÄFTSSCHILDER IM ALTERTUM
delle in den Ausla gen. Solche waren zunächst bei der Wiener
Messe 1924 bei einzelnen Firmen zu sehen und nahmen von hier
aus den Weg in die Schaufenster einer Reihe großer Firmen.
Um 1800 wurde von einer amerikanischen Lotterie zum ersten
Male das Sandwichpferd (s. Abb. 13) verwendet.

Bei Zirkusunternehmern ist es beliebt, exotische Tiere
mit der Aufschrift des Standortes des Unternehmens durch die
Straßen zu führen. So erzählt auch P. T. Barnum über die
Reklame für seinen Zirkus im Jahre 1849, daß er zwei mit je
zwei Elefanten bespannte Wagen durch den Broadway in
New York zu Reklamezwecken auf- und abmarschieren ließ.
IIIl. Das Geschäftsschild. ;
a) Die antike Zeit.
Das Geschäftsschild hat ebenso wie das Warenzeichen
(s. Abb. 87 u. f.) eine gewisse Verwandtschaft mit den bis in
die ältesten Zeiten verfolgbaren Wappen.

Schon bei Aristoteles (ca. 350 v. Chr.) finden wir die
Stelle: „Er hing das wohlbekannte Zeichen an der Front seines
Hauses auf“. Eine Bemerkung, aus der auf die Zunftzeichen
ähnlichen Einrichtungen zur damaligen Zeit geschlossen wird.

Wohl das interessanteste uns erhaltene Geschäftsschild
aus der Antike ist dds in der Nähe des Sarapeums bei
Memphis gefundene Aushängeschild.eines griechischen Traum-
deuters (s. Abb. 14), welches aus dem 3. Jahrhundert vor Chr.
stammt. Das Schild hat die Form eines Tempels, dessen
Dach von zwei als Karyatiden dargestellten Ägypterinnen ge-
tragen wird. Mit schwarzer Farbe ist auf der Steinplatte
ein Altar und daneben ein Apissier aufgemalt ; über diesem
ist nach dem von Otto Rubinsohn entzifferten und in der
Festschrift für Johannes Vahlen (Berlin 1900) wiedergegebenen
Inhalt folgende Aufschrift angebracht:

„Ich, ein Kreter, deute die Träume in der Gottheit Auftrag.
Verlasse Dich auf. Tyche (Göttin des Zufalls) !“

Durch Ausgrabungen in Pompeji!) sind wir über die Ge-
schäftsschilder der antiken Zeit ziemlich genau informiert,

1) Siehe Overbeck, Pompeji, Verlag W. Engelmann, Leipzig.
        <pb n="44" />
        GEWERBEZEICHEN IN POMPEI7

-
da diese Stadt infolge eines Ausbruches des Vesuv am 24. August
des Jahres 79 nach Christi durch einen Regen von Lapilli und
Asche verschüttet und so in seiner ursprünglichen Form gerade-
zu konserviert wurde.

KA
A
Fa

Abb. 14. Aushängeschild eines griechischen
Traumdeuters, 3. Th. v. Chr.

Die Pfeiler der Geschäfte (s. Abb. 15 bis 17) rechts und
links von der weiten Öffnung wurden dazu benutzt, um die Aus-
hängeschilder und Ladenzeichen aus Ton einzulassen
oder häufiger noch anzumalen, Diese angemalten oder
plastischen Ladenzeichen bieten uns‘ denn auch die Möglich-
keit, die ursprüngliche Bestimmung des einen und des anderen
Ladens in Pompeji nachzuweisen. Ein Milchhändler z.B.
in einem Laden der Thermen hat eine Ziege an seinem Laden-
pfeiler in Terracottarelief angebracht, ein Bäcker die Relief-
darstellung einer von einem Maultier getriebenen Mühle, an
dem Ladenpfeiler eines Weinhändlers fand man ebenfalls
in Tonrelief zwei Männer, die eine Weinamphora (zweihenkeliges
Tongefäß) an einem Stock auf den Schultern tragen, während
        <pb n="45" />
        Ze

GEWERBEZEICHEN IN POMPEJI
ein anderer einen recht leidlichen Bacchus, der eine Traube aus-
drückt, auf seinen Ladenpfeiler hatte malen lassen.

Andere Zeichnungen auf den Pfeilern sind ihrer Bedeutung
nach nicht ganz sicher, so der Anker auf dem Eingangspfeiler
der Casa del ancora, das Schiff auf einem Pfeiler der

Casa del naviglio; das
letztere betrachtet man als
das Zeichen des Verkaufs
derzur Schiffahrtnötigen
Gegenstände. Zweifelhaft
ist auch die Bedeutung der
mehrfach an Schenken vor-
&lt;ommenden Schach- oder
Damenbretter; da aber
die Alten das Brettspiel
kannten, so mag durch
diese Aushängeschilder an-
gezeigt worden sein, daß
man in diesen Lokalen auch sein Spielchen machen konnte,

Ein einzeln vorkommendes Schild eines Ladens an den
Thermen neben dem des Milchhändlers, welches einen Gladia-
torkampf darstellt, dem Laden den Namen ‚,Gladiatorschule‘‘
ro

Kal

Abb. 16. Zeichen eines Fleischers (Schinken)
im antiken Pompeji, ı. Jh. n. Chr.
verschafft hat und an die Verse des Horaz Sat. 2. 7. 71 ff.
erinnert, erklärt sich vielleicht aus der Vergleichung der Sitte
in modernen Matrosen- und Handwerkerkneipen, auf deren
Schildern die Gäste oft abgebildet zu sehen sind. Der Laden
wäre demnach besonders von Gladiatoren besucht worden.
Unter diesem Bild steht in einer dem Stande der Gäste ange-
messenen Orthographie ‚,ABIA VENEREM POMPEITANAM
IRADAM QUI HOC LAESERIT“ (d.i. habeat Venerenr
        <pb n="46" />
        WIRTSHAUSSCHILDER IM ALTERTUM
Pompeianam iratam qui hoc Jaeserit = den Beschädiger möge
eine venerische Krankheit treffen), also eine Verwünschung
dessen, welcher das schöne Gemälde beschädigen sollte; merk-
würdig außer durch die Orthographie, Grammatik und die
Nennung einer pompejanischen Venus ist dieser Fluch auch
durch die Übereinstimmung mit einer noch heute in Neapel!
gebräuchlichen Verwünschungsformel: abbia la Venere!
Außer den Ladenzeichen und den ihnen verwandten

Zeichen wurden auf die Pfeiler der Läden, vielfach noch die
bekannten symbolischen Schlangen, ähnlich dem Penta-
gramm (Drudenfuß) in Deutschland, als talismanische
Zeichen zur Abwehr von Unheil angemalt, hier und da wohl
auch noch ein anderer Schutzgenius (genius loci).

Auf den Wirtshausschildern
'insignia) in Pompeji waren reklame-
artige, ja sogar bildliche Darstel-
lungen angebracht. So sehen wir
auf dem Schilde des Wirtshauses
„Zum Elefanten‘ dieses Tier,
geführt von einem kleinen Manne,
abgebildet. Die Anschrift sagt uns,
daß Sittius den „,Elefanten‘‘ erneuert
hat und daß ‚„,hospitium hic locatur
triclinium cum tribus lectis et com-
modis‘‘ = hier befindet sich ein Gast-
hof mit drei Logierzimmern (Bau-
meister, Denkmäler des klassischen
Altertums, Bd. ı, 1885, S. 236). Der
Busch war als Wirtshauszeichen 45 17 Zeichen eines Gast:
ebenfalls bereits bei den Römern zu warkes an var ompali-
finden. Bezeichnend hierfür ist das Sa
lateinische Sprichwort ‚Vino vendibili hedera non opus est“,
das sich übrigens auch in England findet „good vine needs no
bush‘ und auf deutsch heißt ‚für einen guten Wein braucht
man keinen Busch‘‘

b) Das Wirtshausschild im Mittelalter.
Im Mittelalter erreichte das Geschäftsschild seine
früheste und reichste Blüte in seiner Eigenschaft als Wirts-
        <pb n="47" />
        WIRTSHAUSSCHILDER IM MITTELALTER
hauszeichen!) (s. Abb. 18 bis 24). Ursprünglich in der
Form eines Schildes, meist: mit dem daraufgemalten Haus-
zeichen, trifft man später die mannigfaltigsten Gestaltungen,
welche dem Eintretenden oder Vorübergehenden den Namen
der Gaststätte bekannt gaben.

Die frühesten dieser Bezeichnungen ‘hatten christlich-
symbolische Bedeutung und suchten dadurch zugleich
„Reklame‘“ zu machen. So wurden etwa der Kirchenpatron
oder andere weitherum gekannte Heilige, auch Engel, sei
es als Vollfiguren oder als Relief in Holz oder Stein, an den
Gasthäusern angebracht; schließlich begnügte man sich aber
auch mit dem Abzeichen der betreffenden Heiligen, So ist der
Name des „Bären“, sofern er nicht das Wappentier der Stadt
Bern charakterisiert, sicher mit dem heiligen Gallus, der mit
dem Bären abgebildet wird, in Beziehung zu setzen. „Krone“
und „Stern“ deuten auf die Heiligen drei Könige, die Weisen
aus dem Morgenlande. ‚Schwert‘ und ‚Schlüssel‘ gehören
zu dem heiligen Petrus, wenn sie nicht etwa von den Hoheits-
zeichen des Papstes und des Kaisers abstammen. Der „Adler“
ist das Tier des Apostel Johannes, der „Löwe‘‘ das des heiligen
Markus. Wirtshäuser an Poststraßen pflegen oft „Rößli“
genannt zu werden, teils in Beziehung auf das Roß des heiligen
Martin von Tours, teils aber, weil an diesem Orte eine Reit-
oder Fahrgelegenheit zu finden war. Das „Schiff“ stand wohl
ursprünglich an Landungsplätzen; diese Bezeichnung wurde
dann auch anderweitig übertragen. Zu dieser Kategorie sind
auch die erwähnten Gasthäuser zu den „Drei Königen“‘“ oder
den „Drei Mohren‘“ zu rechnen, welche sich an großen Ver-
kehrsstraßen befinden; jene waren die Schutzpatrone‘ der
Reisenden, weil sie ja dem Stern von Bethlehem aus fernsten
Landen nachgezogen sind.

Neben diesen aus religiös-symbolischen Motiven ent-
standenen Wirtshausbezeichnungen finden wir auch solche,
deren Wappen mit dem der Stadt, des Landes oder des welt-
lichen oder geistlichen Landesherren, benachbarter Klöster
usw. in Beziehung standen. Die Wurzel dieser Gepflogenheit

!) Siehe A history of advertising von Henry Sampson. Verlag
Chatto &amp; Windus, London 1874.

Orell Füßlis illustrierte Wochenschau, Zürich, Nr. 36, 1925.
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        ZUNFTBRÄUCHE UND POLITISCHE KLUBS

»4{

liegt einerseits darin, daß das Wirtshausrecht im Mittelalter
von den Obigen zunächst (12. und 13. Jahrh.) selbst ausgeübt
und dann auch verliehen wurde, und anderseits darin, daß die
Adeligen während ihrer Abwesenheit ihre Häuser vielfach für
Unterkunftszwecke vermieteten und ihr Wappen als charak-
teristisches Merkmal des Hauses zu seiner Bezeichnung ver-
wendet wurde. Als Beispiele. seien angeführt das „Kreuz“
und der „Schlüssel‘‘ in Schwyz und Unterwalden; in den alten
ehemaligen Kyburgischen und Habsburgischen Landen der
„Leu‘, vom Löwen, dem Wappentier dieser Herren; im alten
Untertanengebiete der Grafen von Savoyen ebenfalls das
„durchgehende Kreuz‘‘, in dem der Grafen von Greyerz der
„Kranich‘“, In reichsfreien Städten finden wir oft den ‚„‚,Adler‘‘,
ebenso in den Gegenden, wo einst das Banner der Herren von
Froburg oder Eptingen wehte. Unter der Herrschaft des
Krummstabes sehen wir den ‚Engel‘.

Da die Zunfthäuser, Gesellschafts- und Zunftstuben
meist auch Trinkgelegenheiten und Unterkunftsstätten für
wandernde Gesellen boten und der Geselligkeit dienten, finden
wir in den meisten Städten auch ihre Schilder und Zeichen an
diesen Häusern: So die ‚„Kaufleute‘“‘, auch die Zunft ‚zum
Schlüssel“ genannt, dann die „Weber‘‘, abgekürzt, „zu
Webern‘‘, weiter dann ‚zu Weinleuten‘“ oder zur „Gelten‘“‘,
auch „zu Wirten‘“, „zur Rebleuten, zum Rebhaus‘‘, womit dann
„Rebstock‘“ und ähnliche Namen zusammenhängen.

Ins politische Gebiet bringen uns die ‚„‚Gilge, Lilie‘“, Als
Wappenbild des französischen Königs bezeichneten sie ur-
sprünglich den Ort, wo sich dessen Anhänger trafen. Die
meisten dieser Benennungen rühren noch aus dem 16. Jahr-
hundert her. Im Gegensatz dazu steht der Adler, das Wappen-
tier Österreichs und des „Heiligen Römischen Reichs deutscher
Nation‘. In Frankreich treffen wir die „Krone“ und das
„Kreuz‘‘ als Symbol der Parteigänger der Herzoge von Savoyen.

Im Gegensatz zu den Zunfthäusern und den Abzeichen
mit politischer Bedeutung finden wir noch eine Unmenge von
Wirtshäusern mit Namenbedeutungen, die aus der Heraldik
und dem Waffenwesen hergenommen sind, dann aus dem ge-
stirnten Himmel, dem Tier- und Sachenreich, desgleichen
aus phantastischen und grotesken Gebieten. Kurz, die Wirts-
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        7

TIERE UND PFLANZEN ALS WIRTSZEICHEN
hausnamen wurden von allen möglichen und unmöglichen
Dingen hergeleitet. Neben ‚Krone‘, „Schild‘“, z.B. zum
„französischen Schild“, folgt die Benennung nach Ländern,
Städten und Fürsten, das „weiße, rote und goldene Kreuz‘;
der „Helm“, das „Schwert“ ohne Beziehung zum heiligen
Petrus, und der „Hutt‘“ nebst ähnlichen gehören in diese
Reihenfolge. Auch nach der ausgeschenkten Weinsorte sehen
wir Benennungen, so „zum Elsässer‘.

Von himmlischen Zeichen treffen wir: die ‚Goldene
Sonne‘“‘, den „halben Mold‘“, den Vollmond merkwürdigerweise
nie, dann den „goldenen Stern“, ja sogar einen „schwarzen“,
Von Säugetieren sind anzuführen: der in anderer Beziehung
arwähnte ‚„‚Löwe‘‘, als „goldenen“ oder „roten Leuen“, nebst
dem ‚Bären‘‘, als „schwarzen, braunen Mutz‘“. Es folgt das
weitverbreitete ‚weiße Rößli‘“, der ‚schwarze‘ und „rote
Ochsen“, der „goldene Hirschen“, der ‚,fliehende Hirzen‘‘, das
‚Hirschli‘“, das „Böckli‘“, „Rehböckli‘“, der „Steinbock“,
der „Widder“ und die „Gemse‘“; dazu gehört das ‚„Hörnli“,
sofern es kein ‚„‚Posthörnli‘“ ist. Beliebte Tiernamen sind auch:
„Lamm“ und ‚‚Schäfli‘‘, beide können golden oder weiß sein.
Selten ist der Hund, er kommt vor in Gestalt des ‚Weißen
Wind“ (Hund). Von kleineren Tieren ist der „Hase“ zu
erwähnen, von fremden das ‚,‚Kamel‘‘, der „,Kämbel‘. Daneben
sind auch fabelhafte Tiere vertreten, so z. B. das „Eichhorn“
»der der ‚Greif‘.

Einen weiten Platz nimmt auch die Vogelwelt ein. Am
häufigsten treffen wir den ein- oder doppelköpfigen „Adler“,
als „goldenen, gekrönten, schwarzen“ oder „roten‘‘ Typus.
Zu dieser Familie gehören der ‚„‚Falke‘‘ und ‚„‚Sperber‘“; dann
sehen wir den ‚Storchen‘‘, ‚„„Pfauen‘‘, „‚Schwanen“‘‘, „Raben“,
„Hahn“ und die ‚Henne‘, ‚Taube‘, ‚Enten‘, ‚Gans‘.
Die exotischen Vögel sind vertreten durch den „Strauß“,
‚Pelikan‘ und den ‚indischen Hahn‘“‘,

Unter den Fischen ist der „Hecht“ am häufigsten,
auch der ‚Aal‘ zeigt sich vereinzelt. Zum Pflanzenreich
sind zu zählen ‚,Tanne‘‘, ‚Linde‘, „Lindenhof“ usw. Dann die
„Blume‘‘ und besonders die ‚„‚,Rose‘‘, „Traube‘‘ und die schon
erwähnte ‚‚Lilie“.
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        PHANTASTISCHE WIRTSHAUSNA
Neben all diesen Wirtshausnamen stoßen wir noch auf
eine ganz eigene Art von Bezeichnungen, meist grotesk-satiri-
scher oder phantastischer Art, so der beliebte ‚Wilde
Mann‘‘, dann der „‚Affe‘‘, meist menschlich karikiert. Zu dieser
Gattung gehören auch der ‚‚Tiergarten‘‘, die ‚,Löwengrube‘“‘

Abb. 18. Schmiedeeiserner Arm für Aushängeschilder
(Germanisches Museum, Nürnberg.)
der „Affenwagen‘‘ und der ‚„Affenkasten‘‘. Verwandt sind
Namen wie der „krumme Fisch‘‘, ‚„,Schnabel“‘‘, ‚‚,Besen‘‘, die
„Fledermaus‘‘, der ‚Kropf‘ und der Kopf als menschlicher
Körperteil, z. B. ‚„,Mohrenkopf‘‘.

wi)

Abb, 19. Hölzernes Wirtshausschild „Zum Kindli‘, aus Zürich
Ende 17. Jahrhundert.
(Schweizerisches Landesmuseum, Zürich.}
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        32

KUNST UND WIRTSHAUSSCHILD
Alle diese Wirtshauszeichen, von denen sich ja noch ein
guter Teil an Ort und Stelle erhalten hat, waren, wenn auch
nicht immer Kunstwerke, so doch gute Schöpfungen handwerk-
licher Kunst, mochten sie nun aus Holz- oder Steinfiguren
bestehen, aus Wandgemälden, gemalten Bildern und Schildern
oder aus Blech- und Schmiedeeisenarbeit.

Abb. 20. Hölzernes Wirtshausschild „Zum goldenen Sternen“,
aus Zürich, 1670.
(Schweizerisches Landesmuseum, Zürich.)

Gute Vertreter dieser Arbeiten vom 16. bis tief ins 18. Jahr-
hundert hinein haben sich insbesondere in einer Reihe von
schweizerischen Museen erhalten. Als Beispiel seien aus dem
schweizerischen Landesmuseum in Zürich angeführt das älteste
Stück, das ist die kupfergetriebene Vollfigur eines Löwen
aus dem freien Amt im Aargau, um 1600, ferner findet man dort
teilweise sehr originelle Holztafeln, wie die vom ‚„Kindli“
in Zürich: „„Hie zum Kindli‘“ (s. Abb. 19), mit den Wappen der
acht alten Orte aus dem 17. Jahrhundert, eine holzgeschnitzte
Tafel „zum Affenwagen‘‘ 1624, mit der humoristischen Dar-
stellung eines mit Affen besetzten Reisewagens, die Tafeln
„zum goldenen Sternen‘‘ (s. Abb. 20), 1670, „„Hie zum Rößlein‘“‘
(s. Abb. 21), 1690, beide aus Zürich wie die obige, weisen
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        WIRTSHAUSSCHILDER

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Abb. 21. Hölzernes Wirtshausschild ‚Zum Rö8li‘‘,
aus Zürich, 1690.
(Schweizerisches Landesmuseum, Zürich.)

2

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Abb. 22. Hölzernes Wirtshausschild „Zum gälben Hörnli‘‘
aus Zürich, 1718.
{Schweizerisches Landesmuseum, Zürich.)
Paneth, Entwicklung der Reklame.
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        GEWERBEZEICHEN
ebenfalls die Wappen der acht alten Orte auf. Das 18. Jahr-

hundert ist. auch dort vertreten mit einem Schild: aus Zürich,
„zum gälben Hörnli‘“ (s. Abb. 22),
1718, auch mit der beliebten
Darstellung der. acht Orte, welche
dann später durch die Wappen der
dreizehn eidgenössischen Stände
abgelöst wurden.

Um diese Zeit verschwinden die
hölzernen Wirtshauszeichen und
machen allgemein den schmiede-
eisernen Platz. Wir finden da
lie Namen „zur Traube, zum
Löwen, zum Schwarzen Sternen,
zur Sonne‘, „zum Aal‘, „zum

Abb. 23. Der Affe, in Stein Storchen“ und „zur Krone“‘‘, eine
gehauenes Zeichen eines Wirts- Blechtafel „zur St. Marie Magda-
hauses in Philipp Lane, nahe lea“ usw.

bei London, 1670.

vum

c) Das Schild des Gewerbetreibenden und Händlers.

Sowie das Embleme der Wirtshäuser der Strohwisch war
und als Schutzzeichen auch noch der Drudenfuß verwendet
wurde, hatte fast ein jedes Gewerbe seine ihm eigentümlichen
Embleme, die später im Mittelalter‘ und in den ersten Jahr-
hunderten der Neuzeit zu förmlichen Zunftwappen und zu
[nnungszeichen ausgebildet wurden. Der Gebrauch dieser
Gewerbeembleme genügte den Gewerbetreibenden, zur
Geschäftsbezeichnung (s. Abb. 25 u. 26) solange noch nicht
die einzelnen Zünfte besondere Stadtteile und Straßen ange-
wiesen erhalten hatten, sondern ihre Läden in buntem Wechsel
in die Straßenfronten einfügten und auch die Konkurrenz
noch nicht übermäßig ausgebildet war.

Im späten Mittelalter erhielten hingegen, namentlich in
den deutschen und französischen Städten, die einzelnen Ge-
werbe besondere Straßen angewiesen, Metzger, Bäcker, Schmiede,
Kleiderhändler, Gerber usw., wo sie in kleinen offenen Läden
ihren Beschäftigungen nachgingen. Bei einem derartigen Zu-
sammendrängen vieler Vertreter ein und desselben Gewerbes
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        DAS EMMArTF)

1 FÜR ANA

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+:+ARETE:
35
entsprachen die Innungsembleme ihrem eigentlichen Zwecke
als Ladenzeichen und vor allem Unterscheidungszeichen nicht
mehr und so suchten sich die einzelnen Handwerker durch
neue, ihrem Geschäfte ausschließlich eigene Zeichen von den
Nachbarn zu unterscheiden. Mit der Kunst des Lesens waren
damals nur wenige vertraut und so würde das Aushängen
eines Schildes mit dem Namen des Händlers völlig
nutzlos gewesen sein.

fr
F

4
$“

Abb. 24. Zeichen einer Branntweinschenke. ı7. Jahrhundert.
Germanisches Museum, Nürnberg.)

Phot. Christoph Müller

Man adoptierte daher ähnlich wie dies bei den Wirtshaus-
schildern der Fall war, figürliche Objekte (s. Abb. 28 bis 30),
man malte sie direkt auf die Mauer, hing Tafeln mit Gemälden
aus, man stellte an den Eingängen leicht erkennbare Schnitze-
reien, Statuetten u. dgl. aus. Die Tafeln mit den Gemälden
baumelten an eisernen Trägern, die entweder in die Wand des
Hauses eingelassen oder in Front desselben in die Erde ge-
rammt waren. In beiden Fällen war der eiserne Träger mit
Ornamenten und Schnörkelwerk reich verziert. Auch wurden
an quer über die Straßen gespannten Seilen Banner
ausgehängt, auf denen das Zeichen des Händlers mit schreienden
Farben wiedergegeben war.

Die auf den Schildern befindlichen Darstellungen hatten
sehr häufig mit dem Gegenstand des Unternehmens gar
nichts zu tun, sie sollten in erster Linie die Aufmerk-
samkeit erregen und als bemerkenswert und zur. Unter-
scheidung von anderen in der Erinnerung des Kunden bleiben.
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        36 ZUSAMMENHANG ZWISCHEN WARE UND SCHILD
Die Stoffe hierzu wurden aus der Bibel, der Geschichte, der

Heraldik, der Tier- und Pflanzenwelt, der Komik usw. ent-

nommen. Die englische Zeitung ‚‚Spectator‘ vom 2. April
1710 enthält eine
ausführliche Bespre-
chung des Themas
‚„„Geschäftsschild‘‘;
der Artikelschreiber
führt unter anderem
aus: „Ich würde an-
ordnen, daß jedes
Geschäft ein Zeichen
benütze, welches ei-
nige Verwandtschaft
mit den Waren be-
sitzt, mit welchen
eshandelt. Was kann
aber unzusammen-
hängender sein als
ein Kupplerhaus mit
dem Zeichen eines
Engels ‘ oder ein
Schneider mit dem
eines Löwen? Ein
Koch soll sich nicht
nennen „ZumStiefel‘‘
undeinSchusternicht

„Zum gerösteten

Schwein‘ ;schließlich
noch als Beweis der
Notwendigkeit dieser
Regelung habe ich ei-
nen Ziegenbock als
Zeichen einesPar-
fumeurs und den
Kopf des französi-
schen Königs als Zei-
chen eines Schwert-
fegers gesehen.“

Abb. 25. Zunftzeichen eines Schlossers,
1659, 75 cm hoch.
(Germanisches Museum, Nürnberg.)
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        ZWANG ZUM GESCHÄFTSSCHILD
In England!) waren die Händler sogar gesetzlich ge-
zwungen, ein Zeichen vor ihren Kaufläden anzubringen;

37

Abb. 26. Zunftzeichen eines Hutmachers, 1833, 43 cm hoch.
(Germanisches Museum, Nürnberg.)
so wurde 1393 ein Brauer in Chelsea angeklagt, „for not
putting up the usual sign‘ wegen unterlassener- Anbringung
*) Siehe The history of signboards von Jakob Laarwood and
Tohn Camden Hotten, London, Chatto &amp; Windus 1866.
        <pb n="57" />
        38

ZWANG ZUM GESCHÄFTSSCHILD
des Zunftzeichens. Und in den alten englischen Parlaments-
rollen heißt es Band 5, Seite 426a: „Wer immer in der Stadt
Cambridge Bier zu brauen begehrt mit der Absicht, dasselbe
zu verkaufen, muß ein Zeichen aushängen, andernfalls sein
Bier weggenommen wird.“

In Frankreich herrschten dieselben strengen Vor-
schriften, so wurden 1567 durch ein Edikt die Gastwirte von

Wer Jemaudt hie Der gern welr dee Dütlch fhriben und (in.
uß dem aller Rürbilen greundt Ort }eman ertenrfien Kan Do durch
fin. Jeier der vor nt ein buchltaben kan-Der mag Kurpluh und bald
begriffen ein grundt do durch er mag von qm felbsclernm fin Chuld
pfE (hribe uud Läfen und wer es nit gelernen Kan so ungelhukt
Were Den, will ıeh um nut und vergeben glert haben und gaus nüß
yon Jim 30 Lon urmen ee fig wer weil burger odXr hautwerdks ge
Fllen Ronwen und junshkouwen wer fm bedarf der kum har nd
wirt druwlich glert um em zimlichen lonı- aber die nınge Knabe.
und meitliu noch den konualten wie gewonbrit ift +) 5 1 6.

Abb. 27. Hans Holbein d. J. — Aushängeschild eines Schulmeisters,
1516, .
(Öffentliche Kunstsammlung, Basel.)

Moulins aufgefordert, dem Magistrate ihre Namen, Adressen
und ihre „enseignes‘ (Geschäftszeichen) mitzuteilen; Hein-
rich III. verordnete im März 1577, daß alle Kaufleute
Aushängeschilder und Zeichen an ihren Häusern befestigen
sollten, damit jedermann, auch der nicht des Lesens
kundig wäre, sich sofort zurechtfinden möge. Die-
selbe Bestimmung erließ auch Ludwig XIV. im Jahre 1693,
und es heißt in seinem Edikt Art. XXIII: ‚‚Gasthofbesitzer
haben Zeichen und einen Busch auszuhängen... Niemand
        <pb n="58" />
        APOTHEKER UND BA RBIERE
soll es erlaubt werden, in
besagter Stadt und in ihren
Vororten ein Gasthaus zu
eröffnen, ohne es mit Zei-
chen undBusch zu versehen.
Eine ähnliche Vorschrift be-
steht auch gegenwärtig
noch in der Schweiz.
Das Zeichen der A po-
theker war Mörser und
Stößel, die wohlbekannten
Instrumente, um die Ge-
würze zu zermahlen und
Pulver zu bereiten, das der
Optiker die Brille und das
Fernrohr (s. Abb. 31). Die
Barbiere hängten eine
Reihe ihrer metallenen Sei-
fenbecken aus oder kenn-
zeichneten ihre Stube durch

Ind

HE CN.
YHINC FOGTMAR

Abb. 28. Schild eines ‚„,Läufers‘‘, 1790,

welcher vor dem Wagen der Vor-

nehmen vorauszulaufen pflegte, um
den Weg frei zu machen.

Abb. zo. Geschäftszeichen in Dublin (Irland) ohne Bezug auf die
Branche, nur zum Zwecke des Erregens von Aufmerksamkeit.
Motiv aus der Ballade: Millers maid grindung old men young = Müllers Mädchen
mahlt Alte zu Jungen.]
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        IC

KÜNSTLERISCHE LADENZEICHEN
einen vor der Türe eingerahmten buntbemalten Pfahl, welch
letztere Sitte noch heute in England und den Vereinigten
Staaten üblich ist. In Konstantinopel, wo der Barbier zu-
gleich auch Wundarzt und Zahnreißer ist, hängt er wohl
auch die von ihm ausgezogenen Zähne, zu hübschen Orna-
menten. zusammengereiht, im Schaufenster aus.

Die Kartenmacher hatten den die Weltkugel auf seinen
Schultern tragenden Atlas zum Symbol, die Kaufleute Merkur,

den Gott des Handels; Bier-
wirte den Gambrinus; Wein-
schenken den Bacchus; Gold-
schmiede pflegten das Ein-
horn oder einen goldenen
Arm mit einem Hammer,
Buchhändler den Kopf eines
Gelehrten, das Porträt Ho-
mers, Shakespeares oder Mil-
tons über der Türe zu be-
festigen. Leih- und Pfand-
häuserkennzeicheneten sich
lurch drei goldene Ku-
geln über dem Eingang des
Hauses. Dieses in Amerika
noch übliche Zeichen ist dem
Wappen der Medici ent-
nommen, aus deren Staaten
im Mittelalter vornehmlich
viele Geldwechsler kamen, Schließlich‘ waren auch die Abbil-
dungen hervorragender Männer, welche einstmals der Branche
angehört hatten, ein beliebtes Geschäftszeichen, s. z. B. das
Bild des Paracelsus für die Apotheker oder auch die Bilder
von Orten, in welchen die im Laden verkauften Waren er-
zeugt wurden.

Derartige Ladenzeichen wurden mitunter in künstlerischer
Weise ausgeführt. Über ein in London angebrachtes Zeichen
berichtet der ‚„„Spectator‘ vom 8. Jänner 1743: „Als wir die
Ludgate-Straße entlang schritten, gewahrten wir eine Menge
Menschen, welche ihre Blicke auf das äußerst splendide Aus-
hängeschild ‚Königin Elisabeth‘ gerichtet hielten, welches

A
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        MERKWÜRDIGE GESCHÄFTSZEICHEN

A
Zeichen bei weitem alle anderen in dieser Straße an künstle-
rischer Ausführung, an Schnitzarbeit und Pracht der Ver-
goldung übertrifft. Es ist in der Tat eher einem Kabinettstück
einer Galerie gleich, als einem Straßenschilde.““

Abb. 31. Geschäftsschild eines Optikers und Uhrmachers, 1781
Phot. Christoph Müller.

d) Kuriose Geschäftszeichen.

Welche Summen mitunter einzelne Kaufleute auf ein
besonders effektvolles Aushängeschild verwendeten, ‚beweist
die Tatsache, daß dem Maler Clarkson für das Zeichen
„Shakespeare‘‘, welches in Little Russell Street, Drury Lane,
London, zu sehen war, 500 Pfund Sterling bezahlt wurden.

Weithin berühmt in englischen Landen war das Aus-
hängeschild des Wirtshauses „Zum weißen Herz‘ zu Scole,
Norfolk, wohl das größte und kostbarste aller jemals gefertigten
Aushängeschilder. Über dasselbe sind mehrere Beschreibungen
erhalten, so eine aus dem Jahre 1663, eine zweite aus dem
Jahre 1655, ferner existiert ein 1740 gefertigter Stich, betitelt:
„Die Nord-Ostseite des Zeichens ‚Zum weißen Herz‘ zu Scole
in Norfolk, errichtet im Jahre 1655 von James Peck; einem
        <pb n="61" />
        42 ZWANZIGTAUSEND MARK FÜR EIN LADENZEICHEN
Kaufmann zu Norwich. Es kostete 1057 Pfund Sterling“
(über 21000 Mark). Eine Beschreibung lautet: -

‚„„Das Zeichen reichte über die ganze Straße gleich einem Triumph-
bogen hinweg, war an der einen Seite mit der Wand des Wirtshauses
verbunden und ruhte auf der andern auf einer aus Mauerwerk bestehen-
den Stütze, so daß selbst Wagen bequem unter dem Zeichen
passieren konnten. Der künstlerische Schmuck des Schildes zerfiel
in mehrere Teile oder Felder, deren erstes den vom Walfisch aus-
gespienen Jonas zeigte. Das zweite ward ausgefüllt durch einen
Löwen, der das Wappen von Groß-Yarmouth hielt. Im dritten Felde
war Bacchus, im vierten das Wappen von Lindley, im fünften das
Wappen von Hobart, im sechsten ein auf-seiner Flöte blasender Schä-
fer zu sehen. Im siebenten und achten Felde hielten Engel die Wappen
von Master und Miß Peck. Im neunten Felde erblickte der Beschauer
das Zeichen des Wirtshauses selbst, das ‚weiße Herz‘ mit der In-
schrift: „„Implentur veteris Bacchi pinguisque ferinae. Anno Dom.
L655.‘© Daran schlossen sich im zehnten Felde das Wappen des Elsar
von Yarmouth, im elften das des Herzogs von Norfolk an. Numero zwölf
zeigte Neptun auf einem Delphin, dreizehn ward durch einen das
Wappen von Norwich haltenden Löwen ausgefüllt. Im vierzehnten
Felde war Charon dargestellt, eine Seele zum Hades führend. In
Nr. 15 wachte der Cerberus. Nr. 16 ein Jäger. Im folgenden Felde
war Actaeon sichtbar, seine Hunde mit den Worten anrufend: ‚,Ac-
taeon ego sum, dominum cognoscite vestrum.‘ Im Felde 18 kehrte
das ‚weiße Herz‘ wieder, darunter der Name des Verfertigers des
Zeichens ‚, Johannes Fairchild, struxit.‘ Die allegorischen Figuren
„Prudentia‘‘, ‚,Fortitudo‘‘, ‚,Temperentia‘‘ und ‚,Justitia‘‘ füllten die
Felder 19 bis 22. Eine Diana war im 23. Felde. Im folgenden war
‚die Zeit, ein Kind verschlingend‘‘, darunter die Worte „‚Tempus edax
rerum‘“. Den Schluß des Ganzen bildete ein auf einem Globus sitzen-
der Astronom, der infolge einer sinnreichen Anordnung zugleich als
Wetterprophet diente und sein Gesicht stets dorthin wendete, von
wo guter Wind und gutes Wetter zu erwarten waren. Dieses monströse,
in Balladen und Gesängen vielgenannte Zeichen verschwand nach
mehr denn einhundertjährigem Bestehen gegen Ausgang des vorigen
Jahrhunderts.“‘
Einzelne, die es ihren Konkurrenten in Kostbarkeit ihrer
Zeichen zuvortun wollten, gewannen mitunter bedeutende
Künstler dazu, ein Aushängeschild für sich zu malen (siehe
Abb. 27). So wird von dem in der Galerie Sutherland
befindlichen Bilde ‚„„Maultiertreiber mit einem Maulesel‘“ be-
hauptet, daß Coreggio dasselbe als Aushängeschild für eine
Wirtschaft gemalt habe. Das gleiche sagt man dem jetzt im
Museum zu Haag aufbewahrten Gemälde Paul Pooters „Der
        <pb n="62" />
        ÜBERTREIBUNGEN BEI LADENZEICHEN

1-
junge Bulle‘ nach, ferner zweien Bildern Holbeins im Museum
zu Basel. Goujon malte zu gleichem Zwecke eine ‚„‚Susanne im
Bade‘; bekannt ist ferner, daß auch Guericoult, Watteau und
Horace Vernet in ihren jüngeren Jahren derlei Zeichen ge-
schaffen haben. Zu großer Berühmtheit gelangte am Rhein
„der goldene Propfenzieher‘““ durch sein Wirtshausschild, mit
welchem der Maler Schröter in Oberwesel seine aufgelaufene
Rechnung beglich.

Suchten so einzelne Kaufleute und Händler durch die
Kostbarkeit ihrer Zeichen Aufsehen zu erregen, so suchten
andere durch Absonderlichkeit, durch die Größe und den
Umfang ihrer Aushängeschilde die Aufmerksamkeit des
Publikums zu wecken. Je mehr Rot und Gold an die Schilder
verwendet wurde, je größer und absonderlicher dieselben
waren, desto mehr erfüllten sie ihren Zweck.

Hatten die Regierungen und Stadtbehörden früher das
Anbringen von Zeichen verordnet und befohlen, so sahen sie
sich später genötigt, strenge Maßregeln zu ergreifen, um die Aus-
schreitungen der Gewerbetreibenden zu beschränken, denn
die ohnehin engen Straßen und Gassen wurden durch die abnorm
großen Zeichen vollends versperrt. Die das Hereinfallen
und Verbreiten des Tageslichtes und des Laternenscheines
hindernden Aushängeschilde wurden tatsächlich ein Übel-
stand, über den in zahlreichen Reiseschilderungen jener Zeit
Klage geführt wird.

Ein im Jahre 1765 England bereisender Franzose,
Grosley, berichtet: ‚Es fiel mir nichts mehr auf, als die enorme
Größe der Warenhäuser-Zeichen, der lächerliche Prunk der
Ornamente, mit denen diese Zeichen überladen sind und die
Höhe der triumphbogenartigen Stützen dieser Zeichen.‘‘ Die
Pariser litten nicht minder unter diesen ‚„Enormitäten‘‘. So
sagt ein Schriftsteller des 17. Jahrhunderts: „„‚Mächtige Guir-
landen baumelten an den Außenwänden der Verkaufsläden;
einzelne Perlen waren so groß wie Sauköpfe und die Federn
reichten bis zum dritten Stockwerk hinauf.‘“

Schon 1419 hatten die Stadtbehörden von London anzu-
ordnen, daß die ‚„Ale-stakes‘, die in der Front der Wirtshäuser
angebracht waren, nicht länger als sieben Fuß sein dürften,
da sie den Reitern hinderlich wären: desgleichen mußten
        <pb n="63" />
        14 UNGLÜCKSFÄLLE DURCH LADENZEICHEN
diejenigen Zeichen, welche durch ihr übermäßiges Gewicht
den Häusern Schaden zufügen könnten, bis zum St. Michael-
tage entfernt werden, widrigenfalls man in eine Strafe von
40 Pence verfalle.

Im Jahre 1718 riß ein derartiges überschweres Aushänge-
schild in Brides Lane, Fleet-Street, London, durch sein Gewicht
die ganze Frontseite des Hauses ein, an welchem es befestigt
war;. bei dieser Gelegenheit gingen vier Menschenleben ver-
loren. . Derartige Vorkommnisse, die sich auch in anderen
Städten sehr oft ereignet haben mögen, veranlaßten die Be-
hörden, noch schärfere Gesetze bezüglich des Aushängens
der Zeichen zu erlassen.

In Frankreich wurden 1669 die übermäßig hohen und
schweren Zeichen verboten, nachdem bereits am 17. Sep-
tember 1761 in Paris befohlen worden war, daß innerhalb
eines Monates alle Aushängeschilder gegen die Wand geheftet
werden müßten. Sie durften von der Hauswand nicht weiter als
+ Zoll abstehen, auch durften die Ornamente nicht weiter in die
Straßen hineinragen. Die Zeichen und ihre eisernen Träger
mußten ganz beseitigt werden, damit die Passage frei werde.

In London wurden im November 1762 die gleichen Ver-
fügungen erlassen und so verschwanden allgemach die Laden-
zeichen, die überdies durch die immer mehr eingeführten Fir-
menschilder überflüssig geworden waren.

e) Die neueste Zeit.
Als um Mitte des 19. Jahrhunderts die Kenntnis des
Lesens und Schreibens den weitesten Kreisen zugänglich
wurde, bildeten die verschiedenen Namen der Firmeninhaber
und Geschäfte hinreichende Unterscheidungsmöglichkeit,

An die Stelle des Zeichens, des Symbols, trat das geschrie-
bene Wort, und wenn sich hie und da ein Geschäftshaus auch
noch eines Zeichens bediente, so hat das Firmaschild im großen
die Ladenzeichen überall verdrängt. Nur hie und da sieht
man eine riesige, hölzerne Flinte, einen übermäßig großen
Handschuh, einen vergoldeten Riesenstiefel oder eine Riesen-
brezel aushängen, daneben oder darüber prangt auch sicher-
lich stets in fußhohen Lettern der Name des Ladenbesitzers.
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        LICHT UND LADENZEICHF
Im allgemeinen war man davon abgekommen, durch ein mög-
lichst absonderliches Geschäftsschild die Aufmerksamkeit des
Käufers zu erregen.

Auch auf die Ausführung der Ladenzeichen wurde
nicht mehr dieser große Wert gelegt. Wurden sie früher mit
besonderer Sorgfalt, ja oft sogar von führenden Künstlern
wie Holbein, Correggio, Goujon, Watteau u. dgl. hergestellt,
so wurde nun ihre Erzeugung dem Gewerbe überlassen.
Selbst ein Künstler von mittlerer Bedeutung würde derzeit
die‘ Herstellung eines Ladenschildes zurückweisen. Die
künstlerische Betätigung auf dem Gebiete der Reklame ging
eben von dem Ladenschilde auf das Plakat über,

Eine neue Entwicklung brachte für das Geschäftsschild
die Erfindung der elektrischen Glühlampe und der
elektrischen Beleuchtungstechnik überhaupt. Nachdem Werner
Siemens im Jahre 1870 die Dynamomaschine und Edison kurz
vorher die elektrische Glühlampe erfunden hatte, wurden in
den achtziger Jahren die großen Elektrizitätswerke gebaut. Hier-
durch war die Möglichkeit sowohl für Transparentgeschäfts-
schilder als auch in weiterem Verlaufe für solche, die mit
Soffittenlampen erleuchtet wurden, gegeben. Schließlich wurden
die Buchstaben und Worte sowie Umrahmungen aus ver-
schiedenfarbigen Glühlampen, in den letzten Jahren auch aus
elektrischen Leuchtröhren zusammengestellt, die, um große Auf-
merksamkeit zu erregen, mit Hilfe besonderer Schaltungen
fortlaufend oder serienweise verlöschen und wieder aufflam-
men.

Im allgemeinen muß man jedoch sagen, daß das Geschäfts-
schild in der Gegenwart nur mehr wenig Bedeutung für die
Reklame hat.
IV. Das Flugblatt.
a) Die ursprüngliche Form.

Die Entwicklung des Flugblattes war an zwei Voraus-
setzungen gebunden, und zwar einerseits ‚an einen diesen
Zweck noch ermöglichenden, billigen Papierpreis und ander-
seits an mechanische Vervielfältigungsvorrichtungen,
die eine entsprechende Auflage in relativ kurzer Zeit herstellten.
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        AD

ALTE FLUGBLÄTTER
Das Papier aus der Sumpfpflanze Papyrus war zwar bereits
um 3500 vor Christus erfunden, aber so teuer, daß seine Ver-
wendung nur für sehr wichtige Schriftstücke in Betracht
kam. Auch das Pergament, das bereits. im 2. Jahrhundert
vor Christus in ziemlich vervollkommneter Weise erzeugt wurde,
stellte sich mit Rücksicht auf den hierzu verwendeten Rohstoff,
das sind Häute junger Kälber, junger Ziegen und totgeborener
Lämmer sehr hoch. Eine grundlegende Änderung brachte in
dieser Hinsicht erst das im Jahre 123 v. Chr. in China erfundene
Büttenpapier; dasselbe kam jedoch erst im 12. Jahrhundert.
über Nord-Afrika nach. Spanien und Deutschland.

Die frühesten mechanischen Vervielfältigungseinrich-
tungen bildeten die Holzschnitte, welche erst gegen Ende
des 14. Jahrhunderts in Europa aufkamen. Sie wurden zu-
nächst ausschließlich für Spielkarten und.Heiligenbilder
ohne Text von den sogenannten Briefmalern verwendet,
welche sich auf diese Weise die zeitraubende, einzelweise
Erzeugung dieser Artikel abkürzten. Die beiden ältesten
Holzschnitte mit Schriftzeichen stammen aus den Jahren 1418
und 1423. Im Jahre 1450 stellte bereits Gutenberg seine
aus beweglichen Lettern bestehende 42zeilige Bibel her; durch
diese Erfindung war die zweite Vorbedingung für die Entwick-
lung des Flugblattes, nämlich die bequeme Vervielfältigungs-
möglichkeit, gegeben.

Die ältesten Flugblätter waren die geschäftlichen An-
kündigungen der Buchhändler. Aus der zweiten Hälfte des
15. Jahrhunderts sind 20 derartige Anzeigen erhalten. Die
Blätter wurden gleichzeitig als Flugblätter und Plakate
verwendet (s. Abb. 32 u. 44). Als Flugblatt wurden sie allen
jenen wenigen Personen in die Wohnung zugestellt, welche
damals für einen (Bücher-)Ankauf in Betracht kamen. Sie
enthielten zunächst das Verzeichnis der Erzeugnisse einer
Druckerei; bald darauf finden wir auch derartige Flugblätter,
welche die Erzeugnisse mehrerer Buchdrucker vereinigen. Der
beste Beweis, daß derartige Druckwerke als Flugblätter und
Plakate gleichzeitig verwendet wurden, ist, daß einzelne hiervon
zweiseitig bedruckt waren (s. Abb. 32), trotzdem aber auch
affichiert wurden; das Format betrug in der Regel ca. 20 X
25 cm.
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        ILLUSTRIERTFEF FITTGBLÄTTF*
Bereits unter den allerersten finden sich solche mit Illu-
strationen, und zwar sind unter diesen die ältesten die Anzeige
des Erhard Ratdolt mit geometrischen Figuren betreffend eine

‚SL N
Tugend } und Wirkung def Det: “
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andern Gere änt eingenommen: fandem and michren / kenöcn, und Üremg/ warum Damit ge
An dee Nafen/ Sahäif, und PulfangeRrihens oamum.
Rürder das -Patı 1 pelmahts bemeähre werden. der dag anfücden der Sctöhrumurer /
N Beer de Fuß; und Bderfek der Inaen/ en guck ron aachom Or! un dee Vafen ab ans
* auch fong crbimbten / mut einem Sederfein eu em ech Una wi Den Sie! Dam ge.
) gefrthen verzchrer daß Sel-nnd mirderbrnaet Gaakert.
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® peß Gehärg Bat. ber iafe ıhnat zwen eder bon  Iropffen in marmen Womringenomuman.
Trenakn in dag gefurnde De fallen / mit emen Zn serasiem/ centagiefen: ag Terchen /
5 Duell errforfe, und auf das gchörlef ad Pokeiena: Zenten / frühe nücdern 1 oder 3.
x ‚Odr aeleqe. fo Fahrer er tarrch Dafctbe Bimanig. Lropffcu deren mean, FErhindert belt
X DBider daß (Arzerglsche Zabrıneehe brmen Krandbew/ und fe erman die Perfonen ea
A be daß Zahrfleiih mas cur Daten gerunctten old 5tahen basien; bey zo. Tropfen m Mchn
E rc we, yanım din , und Darauf gefaßbet.
X.  Deder daß Kderchen/fo von Nätte herfongs ‚ In Ten cn -Dirredhen/
7 mit auch alter Daher N CT Nmkgefulber. RINGE» und gt) Sf at dm
37 Becher due Aırerfüche Baz/ denar aut ib 00T Anzlig/ Sitwachheit der Ösicder / co
= Tuneen und Leber Fasten, fode fen 30. Ironie Türe: Oieedluche , fr wm ag eRrechen,
3 in Ben Merhv ader andern Ösrramef cuanche Te ifl au gas wider ac Ccfbruif/ alte
Ren. Mbrsgtt: faule end wurmuec SE isenan Were
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obige hacfı jan wrbüßcn: fclbigen von anfen Mr Sf Ve
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CSMber das Orinemen in einen warmen Anflcmes QM icer-UNSficn ved ebigeben.
Wein 4a.0der 15. Lropfim emgmonun ol au Bee Braelfen and Kieröeru in den Iruhen
über am Nabel ech warn Iropifen in miftchalecn, Yerrzcbet AED Die DK nben and
SBaummivol Zbergebunden/ und den umaeın Leib Schuber. es
warn danın aefhrnucrer. Ber die Dünt mat Neem Del -dariö Oyf-
“Weider ent: der Sabfiedt/ mie anehder ran gerrnchen  (Lazierı; dar Fuker und ebnc
vothen Xırbr bebaffe / Der‘ nchans von jeidens Schaden alcrlen gefruge Daran: Epdepemand
4 Arorffen ein, Med Dem faracı URD angrfch

Abb. 32. Flugblatt, zweiseitig bedruckt, 16. Jahr-
hundert. Ankündigung und Gebrauchsanweisung
für ein Medizinalöl,

‚Bayer. Staatsbibliothek, München.)

Ausgabe des Euklid, welche vor dem 25. Mai 1482 hergestellt
wurde und eine Anzeige des Antwerpner Druckers Geraert Leeu
über das Buch der schönen Melusine aus dem Jahre 1491
(s. Abb. 45).
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        POLITISCHE FL UGSCHRIFTEN
Eine andere Art der Flugblätter sind die sogenannten
Schriftproben, welche den Druckereien als Reklame-
mittel dienten. Die älteste und bekannte Schriftprobe hat
Erhart Ratdolt am ı. März 1486 nach seiner Rückkehr von
Venedig nach Augsburg ausgegeben; sie. zeigt vierzehn sehr
schöne Schriftarten („Deutsche und italienische Inkunabeln,
I, 5). Eine zweite stammt aus dem Jahre 1525 und rührt von
J. Petrejus her; eine dritte ist von Valentin Geysler in
Nürnberg 1561 entstanden. Die Illustrationen auf den Flug-
blättern sind dem Buchtexte in der Regel entnommen. Bis
zum Jahre 1500 sind ca. 1600 derartige Flugblätter (Einblatt-
drucke) erhalten, worunter sich 105 Buchhändler- und Ver-
lesungsanzeigen befinden.

Das Flugblatt erlebte seine Blüte in den Zeiten, in denen
die politischen Leidenschaften aufgepeitscht waren, zum ersten

Male im Kampfe Mar-
tin Luthers gegen den
katholischen Klerus. Die
im Jahre 1520 von ihm
herausgegebene Trotz-
schrift umfaßte bereits
eine Auflage von 4000
Stück; da die politischen
Flugschriften der Be-
völkerung die später erst
eingeführten Zeitungen
ersetzten, waren sie sehr
veliebt und begehrt.

In den späteren Zeiten
haben die Flugblätter
die Form der geschäft-
lichen Prospekte an-

genommen und sich ohne wesentliche Änderungen bis auf die
Gegenwart erhalten. Barnum verwendete sie mit großem
Erfolge — sie werden in seinen Schriften ‚„hand-bills‘ —-
genannt und er schrieb ihnen auch einen Großteil seiner
günstigen Geschäftsergebnisse zu.

. Für Mitteilungen :eines lokal sehr begrenzten Personen-
kreises (Geschäftseröffnungen, neue Kinoprogramme usw.)

Abb. 33. Anzeigenverteiler um 1860.
        <pb n="68" />
        MODERNE VERTEILUNG DER FLUGSCHRIFTEN 4C
übertrifft das Flugblatt an Wert sogar die Zeitung, da es den
Interessentenkreis viel besser erfaßt und bedeutend weniger
Kosten verursacht.

Die Post berechnet für derartige Werbedrucksachen in
der Regel bedeutend ermäßigte Gebühren. In großen Städten
bestehen eigene Büros, die die Adressen nach Berufsgruppen
oder sonstigen gemeinsamen Interessen sammeln, in Evidenz
halten und gegen eine gewisse Entschädigung an Kaufleute
abgeben bzw. die Versendung von Werbeschriften selbst
übernehmen.

Durch die Erfindung der Flugmaschinen haben die
Flugblätter eine neue Verwendungsmöglichkeit erfahren. Im
Weltkriege kamen im Jahre 1918 italienische Flieger bis nach
Wien und warfen politische Flugzettel ab, um die Bevölkerung
zu beeinflussen. Von großen Firmen werden ebenfalls Flug-
blätter durch Flugmaschinen verbreitet; in einzelnen Städten
wurde‘ allerdings in letzter Zeit diese Propagandaart mit
Rücksicht auf die Verunreinigung der Straßen verboten.
b) Die Geschäftskarte.
Die Geschäftskarte ist eine Abart des Flugblattes.
In den früheren Jahrhunderten erfüllte das Flugblatt gleich-
zeitig die Aufgabe der Geschäftskarte; die Buchhändler, welche
in der Regel im Umherreisen ihr Geschäft machten, schickten
die vielfach illustrierten Flugblätter ihrer Firma (s. Abb. 45)
in die Häuser ihrer. Kunden und gaben auf ihnen auch den
Standort ihres Lagers und Verkaufes bekannt. Ein wirklich
entscheidender Unterschied zwischen dem Flugblatte und der
Geschäftskarte ist auch in der späteren Zeit nicht feststellbar,
doch bildete sich die Gewohnheit heraus, nur solche Druck-
sachen als Geschäftskarte zu benennen, welche in der Regel als
Text ausschließlich Name, Adresse und Branche des
Kaufmannes oder Gewerbetreibenden enthielten; die Illu-
stration ist hierbei nicht wesentlich.

In den früheren Jahrhunderten wurde jedoch auf die
Illustration der Geschäftskarte besonderer Wert gelegt, um
durch diese die Aufbewahrung der Geschäftskarte und so
ihre dauernde Reklamewirkung zu veranlassen (s. Abb. 34
bis 37).

Paneth, Entwicklung der Reklame.
        <pb n="69" />
        50

KÜNSTLERISCHE GESCHÄFTSKA RTEN
{m 18. Jahrhundert erlebte die Geschäftskarte, die „carte
d’adresse‘“, eine künstlerische Blütezeit, die erste Blütezeit
eines Zweiges der Reklamekunst überhaupt. Seit Lud-
wig XII. wurde es geradezu Gepflogenheit, daß sich Geschäfts-
leute ihren Kunden durch Übersenden gestochener Empfeh-
lungskarten ins Gedächtnis zurückriefen oder auf diese Weise

sa fr = En m &amp; ) % . _-

Sohan eG Liebe :
dj . Fre Ar AP &gt; Da Dr ‘
ot renomerter Feuers erckher Yorirt Seine (UA renfle .

CN. . £ A a © . %
UNO gratul (eh ZU NEUE Iafıl”

Abb. 34. Geschäftskarte, 1772
(Staatl. Sammlung ‚‚Albertina‘‘, Wien.)
        <pb n="70" />
        KÜNSLERISCHE GESCHÄFTSKART*
ihren Kundenkreis zu erweitern suchten. Aus dem 17. Jahr-
hundert sind uns z. B. einige derartige Blätter von Le Pautre
erhalten. Im 18. Jahrhundert nahm die Sitte großen Umfang
an und zahlreiche Geschäftsleute, zumal solche, die sich wie
Goldschmiede, Uhrenfabrikanten, Schwertfeger, Bauunter-
nehmer, Modisten-, Seiden- und ««Galanteriewarenhändler,
Parfümeure, Graveure in erster Linie an ein vornehmes und

$
EG

GIACOM O°RICLER
Guantiere delle Loro Mae, e delle Lorö
Reali Altezze ..
Vende Ogni forta di Guanti, € Profumi d’Inghilterra, e di Montpel
lier; Acqua della Regina d’Ongherla , © Siroppo di Capelve.
Bere, ed ogni forte d’Eflenze, € Polvere, ed alıre Galanterie +
“’Infegna delle Armi Regie, vicino alla Seotiflima Trinia.

Oln9.-

Abb. 35. Geschäftskarte, ca. 1750
‘Bayer, Staatsbibliothek, München.)
        <pb n="71" />
        KÜNSTLERISCHE GESCHÄFTSKARTEN
anspruchsvolles Publikum wendeten, übertrugen die Her-
stellung ihrer Karten angesehenen und bewährten Künstlern.

Auch in England erhob sich die Reklamekarte damals
zu stattlicher künstlerischer Höhe. Als Vorläufer erscheint

1
en
. Bei Der „Schönert Sclavin
Huf dem Yraben (er fshden alle Sorfere von.
ai und. rochırter Set en peiche und Gallanıderie
ÜptaPSE, SDAAPERIE. .
ang Sofeph Sitaijer

Abb. 36. Geschäftskarte, 1825.
(Staatl. Sammlung ‚,Albertina‘‘, Wien.)

William Hogarth, der für Schausteller und Schauspieler,
Goldschmiede, Tuchhändler und Schneider Geschäftskarten
verfertigte und vor allem für seine großen Kupferstiche höchst
interessante Subskriptionsscheine und Abonnements-
quittungen ausgab. Besonders bekannt ist die Quittung für
den Lebenslauf eines Wüstlings mit der Darstellung lachender
Zuschauer. In noch größerem Umfange wurde der anglisierte
        <pb n="72" />
        NIEDERGANG DER GESCHÄFTSF.

Ina

))
Italiener Francesco Bartolozzi von der englischen Geschäfts-
welt in Anspruch genommen, die sich die Unterstützung dieses
Lieblings der vornehmen Gesellschaft für ihre Propaganda-
zwecke zu sichern wußte.

Mit dem Durchgreifen der illustrierten Zeitschriften — die
Pennv Magazine wurden 18232 in London, L’Illustration 1843

Ray)

Abb. 237. Geschäftskarte. 1801.
in Paris, die Leipziger illustrierte Zeitung im gleichen Jahre
in Leipzig herausgegeben — strömte eine große Anzahl bil-
liger und künstlerisch ausgeführter Graphiken selbst in die
Häuser der minderbemittelten Bevölkerung. Die Illustration
der Geschäftskarte verlor hierdurch ihren relativen Seltenheits-
wert und es war kein Anlaß mehr, die Karte aus diesem Grunde
aufzuheben. Die Geschäftswelt erkannte bald den Stimmunegs-
        <pb n="73" />
        ÜBERGANG ZUR VISITKARTE
umschwung der Bevölkerung und die überwiegende Zahl der
Geschäftskarten beschränkte sich nun auf die Angabe von Name,
Adresse und Branche, während die Illustration an Bedeutung
in ‚dieser Verwendung verlor. Derzeit wird wohl noch

MU)

NIEDERLAGS VERÄNDERU e
Die Fürstl.Salmsche.
Arlänsker spnfabrik® vederl
Alansker Yispnfabriks* sederlage
welche seit einer Reihe von Jahren in der
Stadt, Johannesgasse vis-a-vis dem Ursulinerkloster
bestand,
befindet sich wowm 1. November 1849,
Erkhause der 1Wolbeiln.Hiemerstrasse
Abb. 38. Geschäftskarte aus dem Jahre 1849. ;

viel Sorgfalt auf die Ausführung und den Druck der
Geschäftskarte verwendet, doch hat sie vom Kkünstle-
rischen Standpunkte aus keine Bedeutung. Sie ist aus-
schließlich die Visitkarte des Kaufmannes. An eine Auf-
bewahrung aus künstlerischen Gründen denkt wohl niemand
mehr.
c) Reklamemarken.
Zu dem Gebiete des Flugblattes sind wohl auch die
Reklame-(Verschluß)Marken zu rechnen. Den Anlaß zu ihrer
Herstellung gab die durch die Erfindung des Farbdruckes
um die Wende des vergangenen Jahrhunderts plötzlich in
weiten Kreisen erwachte Beliebtheit dieser Drucke, die sogar
vielfach zu einem eifrigen Sammelsport anregte.
        <pb n="74" />
        REKLAMEMARKEN

55
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich die Reklame
diese Bewegung zunutze gemacht und mehrfarbige, kleine
Bilder mit Reklameaufdruck, insbesondere aber nrehrfarbige
Verschlußmarken vielfach sogar in künstlerischer Ausführung

ID

Ah

MM
Da

Abb. 29. Reklameverschlußmarken.

mit Reklameaufdruck verbreitet. So haben Verleger, Zeitungs-
herausgeber, Ausstellungen, Badeorte (s. Abb. 39), aber auch
die Erzeuger von Waren aller Art, besonders von Schokolade
und Spielwaren, Reklamemarken verbreitet, die sich besonders
unter den Kindern großer Beliebtheit erfreuten und von diesen
sogar auch gesammelt wurden.

Mit der Einbürgerung des Mehrfarbendruckes verloren die
Reklamemarken bald ihren besonderen Reiz und sind heute in
ihrer Bedeutung bloß auf die relativ geringe Verwendung als
Verschlußmarken und als Kinderspielzeug beschränkt.

V. Das Plakat.
a) Im Altertum.
Vorläufer des Plakates waren die in Stein oder in Erz ge-
hauenen Inschriften der alten Völker, welche dazu bestimmt
waren, den Bürgern über die gesetzlichen Vorschriften und
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Abb. 40.

Mauerinschriften im antiken Pompe;.

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        PLAKATE IM ALTERTUM

57
Einrichtungen Aufschluß zu geben. Schon die Könige und Pro-
pheten der Juden ließen ihre Kundmachungen auf Pergament
aufzeichnen und auf dem Hauptplatze der Stadt ausstellen.

In den Ruinen.von Theben (ca. 2000 v. Chr.) wurden auf
Papyrus Mitteilungen über Belohnungen für das Auffinden ent-
laufener Sklaven gefunden. Pausanias Graec., überliefert im
lib. vi. e. 14 Arcadia. ‚„,Die Bevölkerung von Phineum in Ar-
cadia gibt an, daß Odysseus dem Neptum eine Statue aus
Bronze weihte, in der Hoffnung, daß er hierdurch die entlau-
fenen Pferde wiedererhalten könne. Die Bevölkerung zeigte
ferner eine Inschrift auf dem Sockel der Statue, durch die
jedermann eine Belohnung in Aussicht gestellt wurde, welcher
die Pferde findet und sich um sie kümmert‘. Die Geschichte!)
berichtet über die „‚Zwölftafelgesetze‘“ folgendes:

„In Rom gab es ursprünglich keine geschriebenen Gesetze,
bei Streitigkeiten wurde nach dem gebräuchlichen Rechte
geurteilt, das aber von den patrizischen Beamten oft will-
kürlich und zuungunsten der Plebejer ausgelegt wurde. Nach
langem Widerstreben mußten die Patrizier endlich um 450 v. Chr.
die Aufzeichnung des Rechtes zugeben. Es wurden zu diesem
Zwecke 10 Männer (Dezemviri) mit unbeschränkter Vollmacht
ausgestattet; sie ließen die Gesetze auf 10 Kupfertafeln ein-
graben, die auf dem Markte vorne an der Redner-
bühne aufgestellt wurden. Ein Jahr später wurden noch
2 Tafeln hinzugefügt. Auf diese Weise sollte auch gemeines
Volk mit den Gesetzen bekanntgemacht werden, damit es sich
über die Gesetzgebung und die auf Grund derselben zu fällen-
den richterlichen Urteile jederzeit informieren könne.“

Einen weiteren Fortschritt zeigen die römischen Tabulae,
welche bereits in der vorliterarischen Zeit in Rom in Verwen-
dung waren. Der römische Schriftsteller Cato überlieferte uns,
daß der Pontifex (Hohepriester) auf einer weißen Tafel
(daher Album = ÄEUAWUEPO) mit roter Farbe den Kalender
und sonstige die Gemeinde betreffende, wichtige Kund-
machungen zum Zwecke der allgemeinen Kenntnis verlaut-
barte. Auch Gesetzesvorschläge wurden auf diese Weise be-
kanntgegeben; sobald diese Ankündigungen ihren Zweck er-
Ripp, Geschichte der Quellen des röm. Rechtes, Leipzig 1903
        <pb n="77" />
        58

PLAKATE IM ALTERTUM
reicht hatten, wurden diese Aufschriften wieder mit weißer Farbe
überstrichen und so für Neuankündigungen Raum geschaffen.

Die Prätoren und Ädilen ließen mit roter Farbe
auf weißen Holztafeln zu Beginn ihrer Amtszeit ihr
Edikt; d.h. die Summe der Grundsätze aufmalen, von denen
sie sich bei Ausübung ihres Amtes leiten lassen wollten; die
Tafeln ‚wurden dann öffentlich ausgestellt,

Die römische Kaiserzeit kannte auch bereits, wie uns
vor allem die Ausgrabungen in Pompeji und Herculanum
gezeigt haben, ein ausgedehntes Plakatwesen (s. Abb. 40).-
Man hat dort zahlreiche private Bekanntmachungen entdeckt,
größtenteils Wahlaufrufe, da die Verschüttung (79 n. Chr.)
knapp vor den Gemeindewahlen erfolgte, ferner Theater-
anzeigen (s. Abb. 41), Gasthausempfehlungen, Vermie-

QUA - DIES - PATIENTUR.
SVETIL- CERTI . AEDILIS - FAMILIA - GLADIATORIA.
PUGNABIT.
POMPELUNS - PRIDIE - KALENDAS - AUGUSTAS.
VENATIO . VELA - SPARSIONES . ERVNT.

(„Wenn e8 die Witterung erlaubt, wird die Sladiatotenbande
des Nedilen Suetiuz Certus am 30. Juli in der Arena zu Pompeji
einen Gladiatorenkampf aufführen. — Auch jollen Tiere gehebt
werden. — Der Zujchauerraum ift gededt und wird bejprikt.“)

Abb. 41. Zirkusankündigung, die in Pompeji auf eine Mauer
geschrieben ist.

tungsgesuche und ähnliches. Sie wurden mit roter, seltener
mit schwarzer Farbe, vielfach in fußhohen Lettern auf
die Außenwände der Häuser gemalt und werden
daher jetzt Dipinti genannt. Ja, sogar Gegenstücke zu
unseren Anschlagssäulen und -tafeln hat die Asche des
Vesuv bewahrt, z. B. in den kleineren Thermen, wo sich na-
türlich viele Leute zusammenfanden ; an der äußeren Mauer des
Gebäudes der Eumachia (s. Abb. 42) nach der Abundanz-
straße zu war die Fassade durch Pfeiler in eine Reihe von
Feldern zerlegt, die abwechselnd flach dreieckig und flach
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        PLAKATE IM ALTE

Dy
gekrönt waren. Aufdie weißgetünchten Felder zwischen
den Pfeilern wurden die Bekanntmachungen auf-
gemalt. Die teilweise verbreitete Ansicht, daß auch bemalte
Pergamentplakate auf Alben (Tafeln oder Säulen) aufge-
klebt wurden, hat wenig Glaubwürdigkeit für sich, da eine me-
chanische Vervielfältigungsmöglichkeit damals nicht bestand
und das Pergamentplakat sonach gegenüber den auf die Mauer
gemalten Ankündigungen zwar keinen Vorteil, wohl aber als
Nachteil die unnütze Verschwendung des kostbaren Pergaments
aufgewiesen hätte.

Das Malen der Aufschriften wurde von den gewerbs-
mäßigen Schriftmalern besorgt, unter denen Ämilius Celer

Abb. 42. Album (Anschlagfläche) am Gebäude der
Eumachia (Produktenbörse) in Pompeii.
(Overbeck, Pompeii, 4. Aufl... Abb. 78.)

einer der beliebtesten gewesen zu sein scheint. Dieser älteste
bekannte Schriftenmaler hat uns seinen Namen unter der
längeren Anzeige eines Gladiatorenkampfes aufbewahrt, da
er selbstgefällig hinzufügte: „Scr. Ämilius Celer singulus ad lu-
nam“ — ‚,das schrieb Aemilius Celer allein bei Mondschein‘
(Mau, Pompeji, 1900, S. 205). Sogar die Wohnung des pom-
pejanischen Plakatmalers ist bekannt; die Adresse war:
Insula IX, 8, wo sich an einem Hause neben zahlreichen
Schreibversuchen oder Proben die Anschrift findet: Ämilius
Celer hic habitat (Maua.a.O., S. 474).
        <pb n="79" />
        WAHLAUFRUFFE IN POMPEJI

Der größte Teil der Dipinti enthält, wie gesagt, Wahl-
aufrüfe, deren uns etwa 1600 erhalten sind, in denen mehr
als T00 Kandidaten für kommende Ämter empfohlen werden.
Sehr zahlreich sind auch die Anzeigen von Gladiatoren-
kämpfen, in denen die auftretenden Fechterbanden genannt
sind und meist hervorgehoben wird, daß der Zuschauerraum
mit Zelten überspannt sein wird: ‚„vela erunt‘“. Auch hoch-
herrschaftliche Wohnungen werden angeboten, Gasthäuser

h—
Reno
TEREGRINE } Piste

Abb. 43. Ein Bäckerladen in Pompeji.

angepriesen, der Verlust und die Auffindung von Gegen-
ständen bekannt gemacht. So heißt es in einer Aufschrift
auf der Ostseite der Insula VII, 5 bis 8: „‚Ein kupfernes Gefäß
ist aus diesem Laden abhanden gekommen. Der Wieder-
bringer erhält 65 Sestertien. Wer den Dieb angeben wird“

doch an dieser Stelle wird die Anschrift unleserlich und so
wissen wir nicht, welche Belohnung für diesen Fall in Aussicht
gestellt wurde (Mau, a. a. O., S. 478). An anderem Orte heißt
es: „Derjenige, dem am 25. November eine Stute mit einem
kleinen Packsattel entlaufen ist, wende sich an A. Decius da
und da‘“ (Mäu, a. a. O., S. 428).
        <pb n="80" />
        PLAKATF IM MITTFELALTEr

3]

Auch manche Stellen in den antiken Schriftwerken
deuten auf ein wohlausgebildetes Ankündigungswesen im alten
Rom. So berichtet uns Martial von der Ankündigung der
neuesten poetischen Erscheinungen am Laden eines römischen
Buchhändlers:

Contra Caesaris est forum taberna
Scriptis postibus hinc et inde totis
Omnes ut cito perlegas poetas
[llinc me pete....

(Gegenüber dem Cäsarenmarkte ist ein Laden, welcher mit
Schriften aus aller Welt angefüllt ist, damit manleicht eine Über-
sicht über die Dichter erhalten könne: dort verlange mein Werk!)

b) Im Mittelalter und Beginn der Neuzeit,
Mit dem Untergange der antiken Kultur entstand auf
dem Gebiete der schriftlichen, öffentlichen Ankündigung eine
jahrhundertlange Lücke. Die Kenntnis des Lesens und

TEiE ple@ on.p man irıtuel 02 temparl to bar onb
„Des of ta and the wmenwWMAadS DE alıChurı fe
enprpnadD after tie Some of this prelet Leetıc whıche
ten Wei and aulp cr, lıte hbm comt tw weltmo;
netter in do tix almontfrde at tie cd pale and he (hat
haus them g000 he „4
Syuwlic (rt dula |

Abb. 44. Plakat des ersten engl. Buchdruckers William Caxton, ca. 1477
(Bodleiana, Westminster.)

Schreibens war hauptsächlich auf Geistliche beschränkt und
es waren daher Affichen zwecks Verlautbarung an die Bevöl-
kerung ungeeignet.

Die früheste aus dem Mittelalter erhaltene Anzeige
ist die handgeschriebene Ankündigung des Handschriften-
händlers Diepolt Lauber, Schreiber zu Hagenau, um 1450,
in der er seine Bücher „groß und klein, geistlich und weltlich,
        <pb n="81" />
        ;£ü
5

BUCHPLAKATE IM MITTELALTER
hübsch und gemalt‘ dem Bibliophilen ans Herz legt (H. Lem-
pertz, Bildertafeln zur Geschichte des Bücherhandels, 1853 bis
1865, Tafel I). ‚In gleicher Weise druckten die Buchhändler bei
Antritt ihrer Reise Verzeichnisse, in denen. sie die Titel der

-
—

F-

U Een fchoene gbenuechlicke ei (ger vrerde hpf
Joznte van eente VOL WE gbebeeten Meiuzpne/
zii van barer afcoemüte en gbelachte vä haer
voert ghecomen fpnde.eti van harer alte won
derlike ei vıOmE WerchE en fepren die (p grdn?
en bedıeuen bebben Endees nu npeweincwt
den wallche gbetranfateert in dupriche /ende
met fchoone perfonagen ende figueren na den
Pp(ch der materıen verciert Ende mg falfe met
vele meer andere niewe borcken vINDdenNcecoa
be ser plaetzen bier onder ghefchıeuen
Abb. 45. Plakat für das Buch „Die schöne Melusine“ 1491
(Bibliothek des Börsenvereines deutscher Buchhändler, Leipzig.)

von ihnen feilgehaltenen Werke anführten und meist eine
lobende Bemerkung hinzufügten. Zum Schluß wurden dann
die Kauflustigen gebeten, sich in den Gasthof oder in die
Privatwohnung zu begeben, wo der Buchhändler abgestiegen
war. Name und Lage des jeweiligen Quartiers wurden hand-
schriftlich eingefügt (s. Abb. 44).

Das in Abb. 45 wiedergegebene Plakat für das Buch ‚Die
schöne Melusine‘‘ aus dem Jahre 1491 ist deshalb besonders
        <pb n="82" />
        DIE ERSTEN ILTTISTRIERTEN PLAKATF

A:
interessant, weil es das zweitälteste?) erhaltene, mit einem Holz-
schnitt illustrierte Buchhändler-Plakat ist. Das erste
illustrierte Plakat wurde im Jahre 1482 von dem Buch-

Ze feind jemercken die zeichm zur Falfebhen gulöm imez

1pperland grmacht- wand fand etlhucher mungzir 66

Döningen in Dachffen unnd in andsn Härten wet:
a feiad auff pier tbunneg golbds vB «3 qe.muntzer

Pr

„tg guldın auff zer vıer beten
'Chles mt einem zwifachen- ww das
iteer obn an Eee ichal
EDie gulSın mit einem apffel auf
wa cpt'n vrndfant Tobans auf g
“ideen fepte ein Ichile mı : eine ldwg
ıch feind vallch-
"Die guldan mit einem apffelauf ei
Et fepten- und die anter feprtefant
Jeter mit eınem ferne an zer bzuft.
Mr fteen Tant Yohanc auff ven #dai
Urt fchlas if valfch, TEE,
Di: guldin mit am bıkhoaff mit KANN
wem groffen fehle. vi obenan zem SR R
'3Upt ein-b-mie eing dıtzel auff zen „ww =
Slmfchen khlag-feind vallch, a
Die guldin mir epnem apffel auff Ta MS
+ fepten vub an ade mic einent © wyx.
tem die aneer fepten zoüfchen am &lt;Z5
Men Sul Feächfurter fchlag fand
thch valkch, t . .
ea Die vorgenänte guldın ft einer nıt keffer dat v.Deif
SiniTch pfenning. vi ıR ee raıff wmbher galdin eins halten
almadick. nd das mipun gancz kupfFerin vi übergüle.
‚Jeem das CupfFer if fo hört gemunest und gelotzen das es
Sol hlinge-darumtanag Ip miemandt erkennes an € hang
‚ter an dem fteich-

Abb. 46. Falsches Gulden-(Münz)blatt, 1482.
(Baver. Staatsbibliothek. München.)

händler Ratdolt hergestellt, es enthielt geometrische Figuren
und diente einer Neuausgabe der Werke des Mathematikers Euk-
lid als Reklame. Die Illustrationen der Plakate sind in der Regel]

\

s. Burger, Buchhändleranzeigen des 15. Jh., Leipzig 1907.
        <pb n="83" />
        54 PLAKATE FÜR LOTTERIE UND SCHAUSTELLUNG
den Werken selbst entnommen, ein Vorgang, der im Hinblicke auf
das Buchformat der damaligen Plakate leicht durchführbar war.
Zu den frühesten öffentlichen Ankündigungen gehörten
auch die sogenannten falschen Guldenblätter (s. Abb. 46
aus ‚dem Jahre 1582), welche die Bevölkerung über die
damals einen empfindlichen Übelstand bildenden falschen
Münzen aufklären und die , Vermeidung ihrer Annahme
bewirken sollten. In der Ordonnance von Franz I. über die
Pariser Polizei vom 13. November 1539 wird ausdrücklich
das Anschlagen dieser Verordnung „escriptes en parchemin et
en grosses lettres‘“, in allen sechzehn Bezirken von Paris auf
Pergamenttafeln in großen Lettern an auffälligen Orten, damit
sie gesehen würden (Vachon, Les arts et les industries du
papier, S. 194), angeordnet.

Eine der ältesten gedruckten Lotterieankündi-
gungen ist ein Holzschnitt (Xylographie), das sogenannte
Rostocker Lotterieplakat von Eberhard Altdorfer aus
dem Jahre 1518, welches sich in der dortigen Universitäts-
bibliothek befindet (s. Abb. 47).

Neben den Buchhändlerankündigungen, Anzeigen über
Lotterien, Menagerien, Schaustellungen und sonstige Lust-
barkeiten (Abb. 48 bis 49) bildeten die amtlichen Anschläge
den überwiegenden Gegenstand der Plakate. Das älteste Plakat,
welches die Schaustellung einer menschlichen Mißgeburt
betrifft, ist das der Friesin Magdalena Emohne; es ist ein
Holzschnitt und stammt aus dem Jahre 1601. Auf demselben
ist das fünfjährige Mädchen ohne Arme und nur mit einem
Fuß zu sehen. Ein zweites Plakat, welches dieselbe Person
betrifft, stammt aus dem Jahre 1616. Beide Ankündigungen
befinden sich im Germanischen Museum in Nürnberg. Dort
sind auch eine Reihe alter Plakate, welche sonstige mensch-
liche Abnormitäten, wie Mißgeburten, Zwerge, Riesen, Zirkus-
akrobaten u. dgl. darstellen. Das älteste Tierschauplakat
wurde im Jahre 1625 in Genf verwendet; es enthält die
Darstellung von zwei Affen in einer Zirkusnummer. Die meisten
Ankündigungen und in erster Linie die amtlichen wurden in
der Regel an der Rathaus-, Amtshaus- und Kirchen-
tür sowie an der Dorflinde angeschlagen. Martin Luther
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„Den |Uluete jarbe Eyn lat dagge m
fer van-yoin.gülder un beflagb4 ndp.
Clan DemE potte des gehuckes unde den
klemodien to Koslock ingefertrt.Epnie klare undrrriehtinge un de
ihenue: de fodansunde der aelıken nicht err arferu bebben.
Abb. 47. Obere Hälfte des Plakates Eberhard Altdorfers ‚Der Glückshafen zu Rostock‘‘, 1518.
(Universitätsbibliothek, Rostock.)

-
&gt;:
        <pb n="85" />
        AMTLICHE PLAKATE
schlug seine 95 Thesen am 31. Oktober 1517 an der Tür der
Schloßkirche zu Wittenberg an.

Ludwig XIII. verordnete, daß seine Edikte auf Pergament-
tafeln mit großen Buchstaben in den 16 Vierteln der Stadt
an den hervorragendsten und auffälligen Orten angeschlagen
werden (erste Hälfte des 17. Jahrhunderts). '

vu NE EG =

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3 G3nD OnD su Wijjen ep jedermänntglich/das

C alter IR anfoummem cin franddrr Sann auf Scandtreich,

der mit ich gebracht hat etliche mumderbarliche THKTe

Weiche Amy darbon AUT Zuurfch genandt mirden Do

rant/oder auff Zrangöfih Dorqutsbif bee Zhiere kom

nen auß Yarbaria io Yffoica/ Diefe Zhkr Lau Fun in Ast groffeo Wılt.

.adffe ben eiocr Stadt die haft Drant/ elne halbe SYieyle von der Ser ge.

degen/[te haben fpikIge Stachel feddern, Ben biertel len Jang/ond haben

Dohren wie cin Senfch- vand Safe mwieein Baer /ond ein Sschwang wie

tar Sanfı/ pndeinen SYunde wie da Hafı/ brmd cffen Haber mie cin

pferde /un6 Erincten gang pnd gar nicht /onB fie Fönnen die Teddern von

1ch fhreffen/ mann Hr Send perhanden (A /dean Plintus oad Plutat

‚Due fhraben im 14, pnd zo. bnb 55. Capittel/von Diefer Thieten Nas
"nur / welche Mu Dielen Dingen näß bnD gut (ein,

Darben fi auch zufehn ein ander hier welches genandt wird Schr
xumon ober Zchacffinon / Dip ThkT fiodet man in Eggpiem an dem
Zaffer Milo, denn da werden viel. Krocodilen gefunden / denn fie piel
i EN A OR OR I OR A

aeg RS
ER ER EC
GL SEE
Abb. 48. Plakat einer Menagerievorführung in Nürnberg, 1677.
(Germanisches Museum, Nürnberg.)

no

Die Wiener ‚„„Becken-Ordnung‘‘ vom 1ı7. März 1719 be-
stimmte, man solle an das Rathaus und die Stadttore zu
jedermänniglich Wissen und Lesen anschlagen, nach welcher
Satzung sich die Bäcker zu richten hätten (Codex austriacus III).

In Flandern bediente man sich im 18. Jahrhundert des
illustrierten Plakates zur Anwerbung von Rekruten für
die Legion de fandre und andere militärische Körper.

Interessant ist, daß auch bereits damals über den Unfug
geklagt wurde, daß die Plakate beschädigt und abgerissen
        <pb n="86" />
        PLAKATE FÜR SCHAUISTELTLTINGFN

07

ES ER VE
€
2 COPERAZIONE MERAVIGLIOSA
£D AVALL
EDUN GG OÖ
ET dd avvifo come Larivatö io Gerfia NobiliGma Ciuta IN per divertire
:5 quefto Pubblieo coa un Cavalo venuto da iontani Pacü, dicui forfe
2 himile giamai fard Aato veduto per le fue virtaofe Operazioni , le quali
altrove g14 fono fateammirate, € apprövate; Principalmente da Sua M.
7 C.C,edanonpochialtri Prideipi, e Dache di diverh Pack, pecci8 regalato
;y il Padrooe con prezioG doni, e favorito di pafflaporti, € raccOmanda-
“2 zioot, per lo che benignamente hä avoto l’approvazione dı Sua Eccel-
&gt;  lenza il Sig. Cönte Governatore,

"ivedrä la bellezza, e virtü di queRo Cavallo , quale da due meß Gno0 allı
CinqueabBit Nato dal Padroneren Oogniritirate2zZa TA paZNTa i
ammaeftrato, effendo dilui profelione di ammacfirare cal forte di Cavallı &amp;?
in eferciz), che nom fono ordinat}, e tutto Gngolariatal forta di Anlmall.”

Prim ijeramente eg1i intende le Lingue Jnglefe, Erancefe, Zeagliane, 2. Ri.
£eve glı Speteatöri Con ana riverenZa. 3. Sark pofto alla fentinella, edarä ”,
fegno al jempo della Gas nıuta dere abfuo Macftro Come ua Servidore,
g. Se ıl Macfro lafcıa cafcare qualche cofa Ga un guanto, 0 fazoletta, Fo
jo prende , € porta al Padroge. s. Egli G fede alla mıniera de Caol.‘ -
$ Prende un fecchio, € reca atqua per lavar le mani a qealch' va0
». Porge una fervieuta per afciugare, 8. DA fegoo quaniog Vale ciafcuna
Farta nel givoco, 9. Prende usa buffola per raccogliere un poco dı
dauaro per eomprare del vino, 20. VA alla porta, € buffa , accio gli
A dıa del vino, e lo riceve. 11. Beve alla faluredejli Spettatori, 12. Da
fegno, che modeta 6 prefenta. 13. E’aßaiammirabile, € notabile, che
bel fuo efercizio fi dımaßra molto cortefe , ed ufa rifpetto verfa Ic Dame, *
14. Vvota lambendo aa bichiero pieno di 3CQua, 0 vinO Cormr un Cage.
)3. Ss hinge malıto, quando il Padrone dice, vi a bere, ponendoG in 5

terra come volefle morire, Ma quando il Padrone dice di levarli, e 10

Intimorifce con chiamare il SCofticatore,fubito Gleva, € guardaall’intorno

lequelloviene. 16 Salta4.6.,e 8.Serchjon piedediltance l’uno daW altro, )

17, Guarda all‘ Orologio quante are fono „e, fa ancora altre Operazioni, S

Qua qui nen G friegano, ma f{no aflai ridicole, € maravigliofe agli

Alpettatori. Per ulumoR volge verdo gli Spettatoricon una profoada Five
..5eDZ3, come ariograziarlideila koro benigaita, .

1 darä principio alle prove alli 27; del corrente mefe di Febbrajo, cor

avvertenza, che far alle ore 33. fino alle 34. durando 00'074 PC VCa

Vefercızio, &amp; quelloG vedra alla/Plazza de Mercaoti,

* Curioß non manchino, mentre fa dimora fara per poco tempo, _

A pin S fa fapere, che vi G trovaranno Gti commodi fecoado la qualit!

gelte perfone , fra gli altri uno Tappalako per Ic Dame, € Cavaglıcri,

Avvertendo , che per gli ivoghi tapezzati vi faranno-
“’glietti narticoları , da pagarG däftinatamente, +

Abb. 49. Plakat der Vorführung eines dressierten Pferdes
in Mailand, ca. 1700.
(Bayer. Staatsbibliothek, München.)
        <pb n="87" />
        58

REGELUNG DES ANSCHLAGWESENS
werden. Das Plakat des Druckers William Caxton (1477)
enthält den Zusatz: „Supplico stet cedula = Bitte den Zettel
nicht abzureißen‘‘ (s, Abb. 44). Einen weiteren Beweis hierfür
bietet die Verordnung des Stadtrates der Reichsstadt Nürnberg
vom 28. November 1736, welche das Abreißen der Plakate
verbietet und unter Strafe stellt.

Nachdem das Anschlagen von Bekanntmachungen schon
ziemlich früh üblich geworden war, hatten die Regierungen bald
die Gefährlichkeit dieses Publikationsmittels in Zeiten auf-
rührerischer Agitation erkannt; bereits in den Jahren 1407 und
[417 wurden in Frankreich königliche Edikte gegen das
Anschlagen von Plakaten während politischer Wirren er-
lassen; 1653 erging das strenge Verbot unter Androhung der
Todesstrafe, Plakate ohne obrigkeitliche Erlaubnis zu
drucken oder anzuschlagen. Nur den Buchhändlern blieb als
vielbeneidetes Privileg das Recht gewahrt, ihre Verlagswerke
durch Plakate bekannt zu machen.

Ein weiteres Mittel zur Überwachung des Anschlagwesens
war die 1722 in Paris und später auch in Brüssel erfolgte
staatliche Anstellung von beeideten Leuten, die allein zum
Ankleben von Affichen berechtigt und verpflichtet waren.

Bis zur Niederwerfung des Absolutismus und des Polizei-
staatssystems (ca. 1870) unterlag das Plakatwesen ähnlich
den Zeitungen einer strengen Polizeizensur.

Charakteristisch für alle diese Plakate ist die Ein-
farbigkeit und ihr relativ kleines Format. Besonders bei
den älteren bedeckte der Druck eine Fläche von nur ca. 22 X
25cm und ausnahmsweise 22 X 50cm. Fast ausnahmslos
ist Schwarzdruck verwendet; Illustrationen sind sehr
häufig, sie besitzen jedoch nicht die unserem heutigen Plakat
eigene Fernwirkung und Perspektive, sondern ähneln vielmehr
einzelnen Buchseiten, welche damals das gleiche Format hatten.

c) Das moderne Plakat.
Die kaufmännische Affiche nahm erst unter der
Regentschaft einen größeren Aufschwung, als John Laws
waghalsige Spekulationen (1716 bis 1720) der kaufmännischen
Unternehmungslust einen mächtigen Ansporn gaben. In
        <pb n="88" />
        ÜBERGANG

zz UM MODERNEN PLAKAI

HC

kurzer Zeit wurde das Anschlagen von Reklameplakaten so
gebräuchlich, daß man es stellenweise als eine Belästigung
zu empfinden begann und sich gelegentlich auch darüber

z
ans Ic bas peupl.
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US DE PARIS
mene Sudte
-ard Close
Taszergte
ta.rıce de

x

Abb. 50. Plakatanschlager in Paris, 1742.
(Französischer Kupferstich, das Ankleben eines gedruckten Plakates im
Formate von ca. 80x 120 cm darstellend. Cahbinet des Estampes. Paris. 1

lustig machte. Grand-Carteret (Vieux papiers, vieilles images
5. 410) beschreibt ein satirisches Bild aus jenen Tagen, auf
dem man den Ausrufer der guten alten Zeit wegschleichen
sieht, während sich ein Zettelankleber, über und über mit
Affichen verschiedener Art beladen, anschickt, ein Plakat
an einen Pfeiler zu heften. Unter der Darstellung stehen die
        <pb n="89" />
        LITHOGRAPHISCHE PLAKATE

A
SE

REALITATEN SILBER
Sa Lotterie N
veyD.ZinnerinWien.

Anlicht des Haufes N’157inBaden:;
 Ablöfune1iL200,000 W.W.

Anficht des HaufesN‘13in Ried.
Ablöfung 11.25,0 00 W.W. .

1b. beyr AlLLevkfa in Wien,
Abb. 51. Lithographiertes Lotterieplakat, Anfang des 19. Jahrhunderts,
(Format 75&gt;C45 cm.)

Worte, die eine Händlerin an den Ankleber richtet: „‚Puisqu’on
affiche tout, dans le si&amp;cle ol nous sommes, Affichez aussi que
Colette vend des pommes. (Da man nun in unserer Zeit alles
affichiert, affichieren Sie auch, daß Colette Äpfel verkauft.)

Da sich der Holzschnitt doch nur für Plakate von relativ
kleiner Dimension eignete, der Kupferstich aber viel zu teuer
        <pb n="90" />
        LITHOGRAPHISCHE PLAKATF
war, stand die Entwicklung des Plakatwesens bis in die ersten
Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts still. Einen entscheidenden
Fortschritt bildete die Erfindung der Lithographie (Stein-
zeichnung) durch Alois Senefelder im Jahre 1796.

Die Lithographie besteht darin, das Negativ einer Zeich-
nung mittels chemischer Kreide oder Tinte so auf eine Stein-
AN
Oroßcs,  Brillantes,
altrömiiches
Kunk:-AWettrenunen,
weiches bisher in allen großen Städten Suropa’8 mit algemeinem Beifall m
wird am Sonntage, den 7. Mai 1854

“rMOMMEN Wurde,

Kunftreitergefelichaft des Direktors Kofmahyer
Mufiffapele des Xnfanterte 78 Regiments Dom Migucl
uuter periönlicher Leitung ihres Kapelmeißers
Gern Üsfenkranz
ie nrnıren Melfrennen: Dieren anführen
Der Einzug,

Ans geführt von der ganzen Seielfchaft auf 20 Bferden.
Broßes Nennen von fechs Barbaren
in Übrer Freibeit.

"Dir Beta wurt porn) zmria.)

Wer am Christus

“\,maroner
= Habs wurd parmal
Irmarfele Bertde borache Sauryı
a

Draumiche Hansı Bıdler m.“ Cal,

er

Semeriche Adi yur Narr Schirzr
Wiley Yma Erwsı Sr
1. Giogröpenis an Öaltrelue 8. Dort an Gabi

da

Ed

‚Jokay-Rennen.
Bartauze ken Rind, Yirn Ouczm. dengl, Artafinume.
eludar. rofdes Kirn, ers Famamber Benz: Brbigenun.
kn Kertatar Arikbretdeß Rich, Ser Kuba Gramm.
Der Stafny geldet Ricıb, ger Brkı Oerräumm
(Dir Rada wert dramal amntira )
N. Bagesenit ein gelben: Wr 2. Dress fünf Mberne Zhalar
‚ Die 4 Sack-Schnellläufer ans Mexiko,
Abb. 52. Plakat in Buchdruck, 1854.
{Format 80x60 em. }

platte zu zeichnen, daß sie, mit Farbstoff bedeckt, abgedruckt
werden kann. Das lithographische Plakat (s. Abb. 51) war
bis etwa 1860 vorwiegend schwarz auf weißem oder getöntem
Grunde, der Text stand in Buchdruck gleichwertig neben der
bildlichen Darstellung, so daß die Plakate in der Regel nur in
der Nahansicht wirkten. Der Buchdruck wehrte sich jedoch
noch lange, die Erzeugung der Plakate an die Lithographie
abzutreten, im Gegenteil, er versuchte durch eine geradezu
        <pb n="91" />
        FARBIGE PLAKATE
vollendete Abwechslung der Lettern, der Konkurrenz zu begeg-
nen (s. Abb. 52 aus dem Jahre 1848). Diese Bemühungen
konnten allerdings den vollständigen Sieg der Lithographie
auf dem Gebiete des Plakates nicht verhindern, sondern bloß
ein wenig verzögern.

Die Anwendung der Chromolithographie (Farbenstein-
zeichnung) geht auf Professor Zahn (1827) zurück, Einen
weiteren Schritt brachte die Verwendung der photogra-
phischen Platte in der Lithographie, ein Verfahren, bei
welchem der Stein mit einer lichtempfindlichen Chromgelatine
überzogen wird. Durch die Benutzung der drei Grundfarben gelb,
rot und blau ist es hierbei möglich, jede beliebige Farbe heraus-
zubringen. Das System der Komplementärfarben, das bereits im
Kupferstichverfahren von Le Bon in London 1720 erfunden
wurde, gewann erst durch die Erfindung der farbenempfindlichen
photographischen Platte vom Jahre 1873 ab große, praktische
Bedeutung; der erste photolithographische Buntdruck wurde
mit Hilfe der drei Grundfarben im Jahre 1890 hergestellt.

Die Lithographie hat das große Format für bildliche
Darstellungen auf Plakaten, die Photochromolithographie
das mehrfarbige Plakat und damit gleichzeitig die Ent-
wicklung der Plakatkunst ermöglicht.

Für die Entwicklung der Plakatkunst war es von ent-
scheidender Bedeutung, daß knapp an der Wende des 19. Jahr-
hunderts eine für das Plakat besonders geeignete Umwälzung
in der Malerei vor sich ging. Von dem Engländer William
Turner (1775 bis 1851) ausgehend, brach sich mit Claude Monet
in den 80er Jahren der Impressionismus Bahn. Den leiten-
den Gesichtspunkt dieser Richtung in der Malerei bildete die
Darstellung der Sujets, so wie sie wirklich gesehen werden,
unter besonderer Berücksichtigung der durch Farbe, Licht
und Luft auf den Beschauer ausgeübten Wirkung und unter
Vernachlässigung der für den Gesamteindruck unmaßgeblichen
Details. Diese Malweise hat erst die Erzielung der für das
Plakat entscheidenden Fernwirkung ermöglicht. Einen weiteren
Fortschritt erfuhr die Entwicklung der Plakatkunst durch die
um 1900 in der Kunst zur Vorherrschaft gelangte Richtung
des Naturalismus (naturgetreue Darstellung von Gegen-
ständen, wie sie wirklich sind).
        <pb n="92" />
        TAFEL I

Plakat ‚„,Lidia‘‘ für den ‚„,Alcazar Ä’Zt16e‘ 1870
(Von Jules Cheret.)}
        <pb n="93" />
        <pb n="94" />
        FARBIGE PLAKATF

MINISTERE vu COMMERCE e1ve L’ INDUSTRIE
EXPOSITION INTERNATIONALE
ARTS DECORATIFS

INDUSTRIELS- MODERNES
PARIS
1925

AVRIL
OCTOBRE

Abb. 54. Plakat für die Pariser Kunstausstellung 1925
        <pb n="95" />
        DER ERSTE PLAKATKÜNSTLER

Die Anfänge der künstlerisch ausgeführten Plakate
weisen nach Frankreich. Dort stellte der Maler Jules
Cheret um 1870 die ersten lithographischen, kolorierten,

E.

va
Abb. 55. Plakat für Fremdenverkehrs-Förderung auf kubistische
Manier, 1925.

auf die Entfernung wirkenden Plakate her. In den 80er Jahren
hatte er bereits den Höhepunkt seiner vor allem auf kolo-
ristischem Gebiete liegenden Entwicklung erreicht. Er. ver-
wendete für seine Plakate ausschließlich die Farben blau, rot
und gelb (s..Abb. 53).
        <pb n="96" />
        DAS MODERNE PLAKA7

Vermittlungstätigkeit

do
Die eitenti,.paritätifchen
ARBEITS-
NACHWEISE

&amp; |
- "—%enlos
valtellte

„ey A AM ErE

Avb.

SG

Plakat mit Benützung graphischer Darstellung
        <pb n="97" />
        PLAKAT UND MODERNE KUNST
In England und Deutschland reichen die Anfänge des
modernen, künstlerischen Plakates auf ca. 1890 zurück, sie ent-
wickelten sich .in diesen Ländern aus den künstlerisch ausge-
statteten Buchumschlägen, welche bereits die Elemente
des modernen Plakates aufweisen. Als früheste Künstler wären
in diesen Ländern Fred Walker und Fritz Aug. Kaulbach zu
nennen. Ähnlich ging auch die Entwicklung in Nordamerika,
wo die Umschläge der Zeitschriften für Harpers Magazine und
The Century Magazine bahnbrechend wurden; bald war es
dort üblich, für jede Nummer einen eigenen Umschlag zu
zeichnen, der vielfach gleichzeitig in vergrößerter Form als
Plakat Verwendung fand. Von den einheimischen, amerikani-
schen Künstlern war L. Rhead richtunggebend.

Der Kubismus hat ebenso wie in.der Kunst auch im
Plakatwesen keine maßgebende Stellung erobert (s. Abb. 55).

Vom Ausstellungswesen her drang auch die graphische
Darstellung in das Plakatwesen ein. Den Anlaß hierzu gab
die Abstumpfung des Publikums gegen das gedruckte Wort,
das schnelle Tempo des täglichen Lebens, das für das Lesen von
Plakaten keine Zeit läßt und die Notwendigkeit, gegen diese
Erscheinungen anzukämpfen. Die graphische Darstellung
‘s, Abb. 56 u. 163) ist selbstverständlich nur dort anwendbar,
wo dem Publikum die Größe eines Betriebes, das Wachstum
seines Umsatzes, sein Erfolg usw. dargetan werden soll.

Unter das Gebiet der graphischen Darstellung gehört auch
die sogenannte Landkartenreklame. Mit Hilfe der Karte,
in welche die Niederlagen oder das, Verbreitungsgebiet einer
Firma eingezeichnet sind, soll dem Publikum die territoriale
Entwicklung eines Unternehmens vor Augen geführt werden,
Dieses Werbemittel hat den Vorzug, daß bei einer Reihe von
Gelegenheiten, insbesondere auf Bahnhöfen und Postanstalten,
das Publikum oft geographische Fragen gelöst wissen will
und mit einer Reklamekarte, mangels einer anderen, ge-
zwungenermaßen gerne vorlieb nimmt. Hierbei muß es selbst-
verständlich auch von dem Reklametext Kenntnis nehmen.
Abzieh- und Glasplakate.
Ungefähr um 1890 kamen einige findige Köpfe auf den
Gedanken. Schaufenster und Ladentüren mit Anpreisungen
        <pb n="98" />
        ABZIEH- UND GLASPLAKATF
zu versehen und gaben damit Veranlassung zur Entwicklung
des Schaufensterplakates. Nach mancherlei Versuchen
und Mißerfolgen fand man ein zweckdienliches Mittel, das
Abziehbild, für diese neue Reklameart, weil sich dieses dem
Glase infolge seiner Elastizität sehr anschmiegt und sowohl
mechanischen als auch Witterungseinflüssen standhält.

Im Laufe der Jahre entwickelte sich das Abziehplakat zu
großer Bedeutung. Der Hauptgrund für diese von den ersten
Benützern wohl kaum geahnten Entwicklung des Abziehplakates
bilden zwei Eigenschaften: Erstens die Tatsache, daß ein Ab-
ziehplakat fast stets an der der Aufmerksamkeit stark ausge-
setzten Stelle erscheint und deshalb auch bei verhältnismäßig
kleinem Format wirkt, und zweitens die weitere Tatsache, daß
das Abziehplakat eine fast unbegrenzte Lebensdauer hat. Die
Transparenz, die auch abends bei Beleuchtung eine gute
Wirkung des Plakates verbürgt, dürfte fernerhin zum großen
Teil Ursache des Erfolges des Abziehplakates gewesen sein.

Die Bezeichnung Glasplakate kannten ebenfalls vor
dem Jahre 1890 nur sehr wenige und auch der Artikel, der um
diese Zeit in England als „Glass Signs‘ und in Frankreich als
„Tableaux sur verre”” erzeugt wurde, war wenig bekannt und
angewendet, nur einige Schokoladenfabriken bedienten sich
dieses Reklamematerials. Mit Beginn des Jahres 1896 wurde
die Erzeugung von Glasplakaten und damit auch der Name
Glasplakate fast in der ganzen Welt, insbesondere auch in
Deutschland eingeführt. Der Name ‚„Glasplakate‘“ wird jetzt
aber auch für viele Plakate angewendet, die man rechtmäßig
als Glasplakate nicht ansprechen kann, sondern die aus einem
glasähnlichen Stoffe hergestellt sind.

Kristall-Glasolinplakate haben eine ähnliche Wir-
kung wie Glasplakate. Sie werden aus mit bedrucktem Zellu-
loid überzogenen feinen Blechen hergestellt und erhalten
durch eine rückseitige starke Kartoneinlage eine außerordent-
liche Festigkeit. Die Plakate sind unzerbrechlich, wirken aber
trotzdem wie Glasplakate. Die Plakate sind besonders für
Innen-Reklamen geeignet. Sie werden mit einem Aufhängekett-
chen versehen oder erhalten eine Rückenstütze zum Aufstellen.

Email- und Blechplakate finden vorwiegend in der
Außenreklame, d.i. an Häuserfronten, Ladentüren, Giebeln.
        <pb n="99" />
        ff

ANKÜNDIGUNGSTAFELN

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"° ALBXGHEP"

Abb. 57. Ankündigungstafel, Anfang des 19. Jahrhunderts.
Laternen, Kiosken usw. Verwendung. Da diese Art der Plakate
eine fast unbegrenzte Lebensdauer und Widerstandskraft gegen
Witterungseinflüsse hat, so erweisen sie sich für gewisse, auf
lange Wirkungsdauer berechnete Reklamen sehr zweckmäßig.
Ankündigungstafeln, Litfaßsäulen und Reklame-
aufbauten.

Gleichzeitig mit der Entwicklung der geschriebenen An-

kündigung wurde es auch üblich, diese in der Regel an be-
        <pb n="100" />
        LITFASSÄULEN UND REKLAMEBAUTEN

74)

stimmten, der Aufmerksamkeit besonders ausgesetzten Plätzen
anzubringen. Die ersten Ankündigungstafeln im modernen
Sinne sind wohl die Alben (s. Abb. 42), doch wurden auch
bereits die Säulen von Thermen für Ankündigungszwecke
benützt. Im Mittelalter hatte die Kirchentür, das Amtshaus
und die Dorflinde die Funktion von Ankündigungstafeln.

Die englischen Schriftsteller Pasquil und Marforius be-
richten aus dem Jahre 1589, daß die Kundmachungen unter
Trompetenschall und Trommelschlag am „Londoner Stein’

Abb. 58. Gebräuchliche Plakatform an Bauzäunen, 1910.
befestigt wurden; im 16. und 17. Jahrhundert wurden sie im
mittleren Seitengang der St. Pauls-Kirche angeschlagen.

Den Litfaßsäulen ähnliche Einrichtungen gab es bereits
im 17. Jahrhundert in England. Neben dem Tore des Sheriff
standen zwei reichlich geschnitzte und vergoldete Säulen
(annotatores), an welche der Anschlag von Gesetzen des
Stadtrates zu erfolgen pflegte.

Ankündigungstafeln im heutigen Sinne setzen eigene
Ankündigungsunternehmungen voraus. Diese gehen einerseits
auf die Einrichtung der staatlich konzessionierten Ausrufer
(s. S. 57) und anderseits auf das Bestreben einer möglichst
scharfen Zensur der Anschläge (s. S. 68) zurück. Abb. 57,
welche aus dem Beginne des 19. Jahrhunderts stammt, zeigt
        <pb n="101" />
        DREHBARE PLAKATSÄULEN
uns bereits eine Ankündigungstafel eines gewerbsmäßigen
Ankündigungsunternehmens. Sie unterscheidet sich wesentlich
von den heutigen Tafeln dadurch, daß die Plakate einerseits
noch das der damaligen Technik entsprechende kleine Format
hatten und anderseits auf Kartons aufkaschiert und in Rahmen-
leisten eingeschoben wurden, welche schon in dem üblichen
Formate an den Ankündigungstafeln angebracht waren. Mit
der Herstellung der großen Plakate nahmen die Ankündigungs-

+

7

Abb. 59. Moderne, stilvolle Plakatform in Zürich.

flächen zunächst sehr willkürliche und abstoßende Formen an
(s. Abb. 58). In den letzten Jahren machen sich jedoch Bestre-
bungen geltend, auch hier künstlerische und mit den Begriffen
der Harmonie zu vereinbarende Lösungen zu finden (s.Abb. 59).

Am 21. Oktober 1824 reichte der Kaufmann Harris in
London ein Patent bezüglich einer drehbaren, beleuch-
teten Plakatsäule ein. Die Durchführung war derart
gedacht, daß ein auf einem Wagen stehendes, drehbares
Säulengerüst mit Öl getränkten und daher transparenten
Plakaten beklebt werden sollte; die Beleuchtung des Innen-
        <pb n="102" />
        DER ERFINDER DER PI.Aw“

ac ;

.—

81

raums war mit Kerzen oder Lampenlicht vorgesehen. Der
Patentwerber begründete seine Einreichung noch damit, daß
durch diese Erfindung die Entstellung der Häuser und Wände
vermieden werden könnte.

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Abb. 60. Litfaßwagen, Londoner Lotteriereklame aus dem Jahre 1826

Die Litfaßsäulen sind nach ihrem Erfinder, dem aus
Naumburg gebürtigen Buchdrucker Litfaß genannt. In
Berlin wurden zum ersten Male solche aus Kunststein ge-
fertigte, massive Anschlagsäulen (s. Abb. 61) am ı. Juli 1855

1) Siehe R. Feldhaus, Zur Geschichte der Plakatsäule „Das
Plakat‘ 1919, S. 235.
Paneth, Entwicklung der Reklame.
        <pb n="103" />
        32

DIE PLAKATSÄULE
aufgestellt und nahmen von hier aus die Verbreitung durch
die ganze Welt. In einzelnen Städten, insbesondere auch in
Wien (s. Abb.. 62), hatten sie ursprünglich die Form von
Kiosken und wurden als Verkaufsräume für Zigarren, Ziga-
retten, Obst, Blumen u. dgl. benützt. Bald jedoch kam man
von der Kioskform ab und es wurde überall die Säulenform
eingeführt. Der ca. I bis ıl/, m im Durchmesser betragende
Hohlraum der Säulen muß in der Regel den Stadtgemeinden
zur Unterbringung von Straßenreinigungsgeräten zur Ver-

\bb. 61. Berlins erste Litfaßsäule, 1888
‘Märkisches Museum, s. ‚‚,Seidl’s Reklame”, 1925.

fügung gestellt werden (s. Abb. 63). In den letzten Jahren
verwendet man vielfach auch von innen beleuchtete Litfaß-
säulen mit Transparentplakaten.
Die Litfaßsäulen gaben den Anlaß, auch andere Objekte
als Träger von Reklamen zu verwenden. Hierzu werden in
erster Linie Straßenlaternen (s. Abb. 64), Straßenbahnmaste
sowie die Maste von Straßenbahn-Haltestelletafeln in der Art
verwendet, daß Blechplakate, vielfach sogar von innen be-
leuchtete Transparent-Reklametafeln an ihnen angebracht
        <pb n="104" />
        ANTIKE ZEITUNGEN
werden. Die Maste der Straßen-
bahn - Haltestelletafeln haben in
dieser Verwendung noch den Vor-
teil, daß das Publikum dort für
einige Minuten unbeschäftigt war-
tet und so für die Reklame emp-
fänglicher ist.

Bald begnügte man sich aber
auch mit diesen Reklameträgern
nicht mehr; es wurden zunächst An-
schlagsäulen von besonderer Form,
welche dem Propagandazweck von
nur einer Firma dienten (siehe
Abb. 65), und in weiterer Folge
Reklamebauten von phantasti-
scher Gestalt (s. Abb. 66 u. 67)
verwendet. Die Neugierde des Publi-
kums macht auch diese relativ
teuren Reklamemittel bezahlt.

I

Abb. 62. Erste Wiener Lit-
faßsäule, 1872 (Kioskform)

VI. Die Zeitungsreklame,
a) Allgemeines über das Zeitungswesen.
Noch mehr als die Entwicklung des Flugblattes (siehe
S. 45) ist die Entwicklung des Zeitungswesens an die Voraus-
setzungen der Möglichkeit der Beschaffung von billigem Papier
und der ökonomischen Reproduktionsmöglichkeiten gebunden.

Den Beginn des Zeitungswesens suchte man sogar bis
in die römische Kaiserzeit zurückzuführen und diese An-
sicht mit der bei einem römischen Schriftsteller gefundenen
Stelle „quis dabit historico quantum daret acta legenti‘“ zu
begründen. Ein Teil der Sprachforscher übersetzte nämlich
die lateinischen Worte mit „wer wird dem Historiker das geben,
was er dem Zeitungsleser vorsetzen würde‘. Boissier übersetzt
sogar den Nachsatz mit „was er dem Reporter geben würde‘‘.
Namhafte Gelehrte, insbesondere auch Bücher, bestreiten
die Richtigkeit dieser Übersetzung und erklären, daß unter den
obigen Worten weder Zeitungsleser, noch Reporter, sondern ein
        <pb n="105" />
        34

ZEITUNGEN IM MITTELALTER
Glied zur Güterversorgung
des vornehmen, antiken Hau-
ses zu verstehen ist. Da die
Römer als Schreibmaterial
in der‘ Regel Wachstäfel-
chen und nur für wichtige
SchriftstückePergament ver-
wendeten, so wäre eine Zei-
tung, die man außerdem
noch mit der Hand hätte
schreiben und vervielfältigen
müssen, so teuer gewesen,
daßeineHerausgabeimAlter-
tum schon aus diesen Grün-
den unwahrscheinlich ist.
Im Mittelalter!) hat
das Zeitungswesen verschie-
dene Vorläufer. Den Ge-
schäftsbriefen wurden sepa-
rate Zettel beigelegt, sogen.
„„‚cedulae‘“,: welche den
Adressaten unabhängig von
dem Briefinhalte über wich-
tige politische und sonstige
Ereignisse informieren soll-
ten. Zum ersten Male finden
wir in einer derartigen
cedula, welche die Meldung
von der Eroberung der Insel
Lesbos durch die Venezianer
und Franzosen (1502) ent-
hielt, die Überschrift „Neue
Zeitung‘. Eine chrono-
logische, aus zwei Bänden
bestehende Sammlung der-
artiger Zettel befand sich
im Kloster zu Tegernsee (Bayern) und wurde von dort
5 Siche Karl Schottenloher, Flugblatt und Zeitung. Verlag
Richard Karl Schmidt &amp; Co., Berlin W. 62.

|
        <pb n="106" />
        DIE QUELLE DES INSERATENWESENS

55

der Staatsbibliothek in München übergeben. Der erste Band
umfaßt cedulae aus den Jahren 1471 bis 1506, der zweite solche
von 1507 bis 1510. In der Mitte des 16. Jahrhunderts wurde
zu der Überschrift ‚Neue Zeitung‘ auf diesen cedulae auch die
Herkunftsbezeichnung hinzugesetzt, z. B. ‚französische,
niederländische, türkische, neue Zeitung‘. Der für Zeitungen
übliche Ausdruck ‚, Gazette‘‘ wird auf die venetianische Scheide-
münze Gazeta als Preis der einzelnen ältesten Zeitungsnummer
zurückgeführt.

Das Inseratenwesen in den Zeitungen hat zwei Quellen.
Die eine besteht in dem natürlichen Anreiz des Herausgebers,
Z

A. *
a.

©)
An

Abb. 64. Laternenmaste und -Stangen als Reklameträger.

Privatpersonen gefällig zu sein und deren Mitteilungen, wenn
auch nur in Ausnahmefällen zu verlautbaren — ein Großteil
der Ankündigungen zu Beginn des Zeitungswesens war daher
unentgeltlich—, die zweite Wurzel bilden die Fragämter,
das waren Agenturen für Aufträge, Anfragen nach Waren usw.
aller Art; diese Büros trugen zunächst ihr gesamtes Material
in Listen ein, in welche sie die Interessenten Einsicht nehmen
ließen. Die Veröffentlichung und Vervielfältigung
dieser Listen bildeten die sogenannten Intelligenz-Kennt-
nısblätter.
b) Die Fragämter.
Wenn auch bisher nicht in allen Staaten das Bestehen
von Fragämtern, welche, wie schon gesagt, den heutigen Ge-
        <pb n="107" />
        36

FRAGÄMTER
schäfts-, Immobilien- und Stellenvermittlungen entsprechen,
nachweisbar ist, und wenn auch vor Errichtung der
Fragämter oder neben ihnen hier und dort separat Inserate in

Abb. 65. Reklamesäulen vor dem Bahnhofsgebäude
in Stuttgart.
(Seidl’s Reklame 10925.)

Zeitungen erschienen sind, so sind die Fragämter doch die
stärkste Wurzel des Inseratenteiles unserer heutigen Zeitungen
und sind insbesondere sie diejenigen, die die wirkliche Bedeu-
tung des Inserates als erste erkannt, dasselbe systematisch orga-
nisiert und .in die breite Öffentlichkeit verpflanzt haben.
        <pb n="108" />
        MONTAIGNE’S ANREGUNG
Die erste Anregung zur Gründung eines Fragamtes war
von dem 1569 verstorbenen Vater des berühmten Essaisten
Montaigne ausgegangen. ..Mein Vater hat immer gewünscht‘

SS

ze

&gt;&gt;

— erzählt der Essaist — ‚daß es in den größeren Städten
einen bestimmten Ort geben sollte, zu welchem diejenigen,
welche etwas brauchen, sich begeben könnten, um durch einen
        <pb n="109" />
        38

RENAUDOT’S ADRESSBÜRO
eigens zu diesem Zwecke aufgestellten Beamten ihre Angelegen-
heit registrieren zu lassen, wie z. B.: ‚Ich suche Perlen zu
kaufen‘ oder ‚Ich suche Perlen zu verkaufen ....‘, jeder
nach seinem Bedürfnis. Und es will scheinen, daß dieses
Mittel der gegenseitigen Benachrichtigung dem ganzen Handel
eine große Erleichterung bringen würde.“

Abb. 67. Reklameaufbau am Eingange der
Technischen Messe in Leipzig, 1926.
Zur Verwirklichung kam dieser Gedanke erst ein halbes
Jahrhundert später, als der Pariser Arzt Theophraste Re-
naudot ein „bureau d’adresse et de recontre‘ eröffnete,
das „un centre d’information et de publicite‘“ sein sollte. 1630
trat dasselbe voll in Wirksamkeit und erfuhr 1633 eine wichtige
Ausgestaltung, indem Renaudot die Liste der Angebote
und Nachfragen drucken ließ und so das erste „Intelli-
genzblatt“ (= Kenntnisblatt) begründete.

Drei Jahre später, 1636, tauchte auch in Wien der Plan
zur Errichtung eines solchen Fragamtes auf, indem Johann es
        <pb n="110" />
        DAS WIENER INTELLIGENZ-COMPTOIR

Angelus von Sumaran, ‚„Hispanus gente‘, Professor der
fremden Sprachen an der Wiener Universität, bei der nieder-
österreichischen Regierung um die Erlaubnis ansuchte, hier
„secundum Parisiensem formam‘‘ eine „taberna merca-
toria‘ einzurichten, die der Jurisdiktion der Universität
unterstellt werden sollte. Die Regierung verlangte hierüber
ein Gutachten vom akademischen Senate und dieser übergab die
Sache der theologischen Fakultät zur Erledigung. Formelle
wie materielle Gründe bestimmten die Fakultät zu einem ab-
weislichen Bescheid. Vor allem war sie gegen die Unterord-
nung der Fragstube unter die Jurisdiktion der Universität,
weil sonst deren Gericht mit Streitigkeiten überlastet werden
könnte; weiters wäre nach ihrer Meinung zu befürchten, daß
durch diese taberna mercatoria eine Art Monopol geschaffen
und viele Personen, die von der Geschäftsvermittlung leben, um
ihr Brot gebracht würden; schließlich trat sie dem Vorschlage
auch entgegen, weil die Fragstube infolge des regen Verkehrs,
der sich dort entwickeln könnte, leicht zu einem „seminarium
peccatorum‘“‘, zu einer Pflanzstätte der Sünde würde. Daß die
niederösterreichische Regierung nach dieser Äußerung die
angesuchte Bewilligung nicht erteilte, braucht wohl kaum
gesagt zu werden.

39

Fünzig Jahre schlummerte nun der Plan. Erst Wilhelm
Freiherr von Schröder griff die Idee wieder auf, indem er
in seinem 1686 erschienenen Werke „Fürstliche Schatz- und
Rentkammer‘“‘ (98. Kapitel) zur F örderung des Verkehrs die
Errichtung eines Intelligenz (Kenntnis-) Comptoirs, ver-
bunden mit der Ausgabe eines Intelligenzblattes
empfahl, aber es währte noch eine Reihe von Jahren, bis der
Gedanke Gestalt und Körper annehmen sollte.
Zur Bekämpfung des Bettelwesens, das nach der Türken-
invasion stark überhand genommen hatte sowie zur Versorgung
der Armen und der abgedankten Soldaten erbaute Kaiser
Leopold I. von Österreich das sogenannte Großarmenhaus vor
dem Schottentor und betraute eine eigene Kommission mit der
Aufgabe, die Mittel für dessen Erhaltung zu schaffen. Nach
langen Beratungen, denen auch der Wiener Stadtrat zugezogen
wurde, schlug sie endlich die Schaffung eines Versatz- und
        <pb n="111" />
        DAS WIENER DIARIUM
Fragamtes in Wien vor, dessen Erträgnisse der genannten
Anstalt zufließen sollten.
Dasselbe wurde auch antragsgemäß auf Grund des Pa-
tentes vom 14. März 1707 eröffnet. Da sich das Fragamt jedoeh
nur langsam durchsetzte, griff es zum Zwecke der Propaganda
selbst zum Inserat und machte im „Wiener Diarium‘‘ im
Jahre 1718 in einer längeren Kundmachung auf seine er-
sprießliche Vermittlungstätigkeit aufmerksam, versprach den
Parteien auch, daß sie „auf verlangenden Fall ohne Benen-
nung des Namens in den monatlich ausgehenden Verkauf in
Druck mitinserieren können‘ und gab gleichzeitig eine Reihe
von Gegenständen bekannt, die bei ihm demnächst „zum
Feilbieten in Commission kommen‘‘ sollten, z. B. „ein Sträußel
Praelianten‘“ um 1400 fl., vier große Spiegel mit feingoldenen
Rahmen um 2450 fl. u. dgl. m.
Mit dieser Veröffentlichung war ein wichtiger Schritt
zur weiteren Ausbildung des Amtes getan: die Herausgabe
eines sogenannten ‚,Intelligenzblattes‘‘, d.i. eines Kenntnis-
Anzeigeblattes, war angebahnt. Die Herausgabe des Intelli-
genzblattes selbst wurde durch die zahlreichen Beschwerden
über das Fragamt veranlaßt. Um das Amt „auf einen besseren
Fuß als es vorhin gewesen‘ einzurichten, wurde nämlich dessen
Administration einer ‚„‚tauglichen Person dergestalt anvertrauet,
daß dem Publico keine mehrere Beschwärde aufgebürdert
werde‘. Eine der ersten Einrichtungen, die der neue Admini-
strator des Wiener Fragamtes traf, war die Herausgabe eines
selbständigen Blattes, das vom 14. April 1728 angefangen
jeden Mittwoch und Samstag unter nachfolgendem Titel
erschien:
„Posttägliche Wiener Frag- und Anzeigungs-Nach-
richten von allerhand in- und außerhalb der Stadt‘ zu
kauffen und zu verkauffen, zu verleihen und zu lehnen,
vorkommenden, auch verloren-, gefunden- und gestohlenen
Sachen, sodann Personen, welche lehnen und ausleihen
wollen, Bedienungen oder Arbeit suchen oder zu vergeben
haben, auch sodann Nachrichten von Fuhrleuten, Reisen-
den, Verheirateten und Geborenen, wie dann auch von
Licitationen, Citationen und grundobrigkeitlichen Publi-
        <pb n="112" />
        ORDINARI-ZEITUNGE

QI1
cationen; von Kirchen- und Bruderschaffts-Andachten

und endlich für die Gelehrten auch von denen aller Orten

neu ausgehenden Bücher etc.“

Wenn auch dieses Blatt bald darauf mit dem Wiener
„Diarium‘‘ verschmolzen wurde, so blieb sein Einfluß auf das
gesamte Zeitungs- und Inseratenwesen ein bleibender.

Die Geschichte des „Wiener Fragmentes‘“ und des im
Verlaufe seiner Tätigkeit von ihm herausgegebenen Intelligenz-
blattes zeigt uns dent ypischen Verlauf der Entwicklung
des Inserates aus dem Bedürfnis, geschäftliche Mitteilungen
von einer bestimmten Stelle aus, einem weiten Interessenten-
kreise schnell und zuverlässig zur Kenntnis zu bringen.

c) Die Entstehung des Zeitungs- und Inseraten-
wesens in den einzelnen Staaten.
Die Entwicklung des Zeitungswesens und speziell des
Inseratenwesens in den wichtigsten Staaten war folgende:
Deutschland.

Eigentliche Anzeigen!) konnten natürlich erst entstehen
als die Zeitungen mehr oder weniger regelmäßig erschienen.
Bevor jedoch einzelne Zeitungen gegründet waren, gab es
in Deutschland sogenannte geschriebene oder fliegende Re-
lationen, welche weniger zur Verbreitung von Nachrichten,
als vielmehr zu geschäftlichen Mitteilungen benutzt wurden.
Diese Blätter wurden seit dem 15. Jahrhundert von den Post-
meistern herausgegeben, welche den öffentlichen Verkehr
regelten.
Die von dem Augsburger Handelshause der Fugger seit
den sechziger Jahren des 16. Jahrhunderts herausgegebenen,
handschriftlichen Ordinari-Zeitungen enthielten auch schon
geschäftliche Mitteilungen, die den Anzeigen ähnelten, aber sie
waren nur für einen engen Kreis bestimmt.

Im Jahre 1565 erschien die erste Ausgabe des jedes Halb-
jahr regelmäßig erscheinenden Messekataloges für Bücher,

1) Siehe T. Kellen, Studien über das Zeitungswesen, Verlag
J. Fr. Meißner, Frankfurt a. M. 1907.
        <pb n="113" />
        0

.

MESS-BERICHTE
welcher-auch noch derzeit erscheint und den Namen ‚„‚Börsen-
blatt des deutschen Buchhandels‘ trägt.

Michaelo Aitzing gab vom Jahre 1588 an periodische,
zweimal im Jahre erscheinende Berichte ‚über die Frank-
furter Frühjahrs- und Herbstmesse heraus.

Die ersten regelmäßig in kurzen Zeitabschnitten erschei-
nenden Zeitungen datieren aus dem Anfang des 17. Jahr-
hunderts. Diese Zeitungen enthielten anfänglich nur politische
Nachrichten; nach und nach nahmen sie auch Mitteilungen über
andere wichtige Ereignisse in nahen und fernen Ländern auf.

Die erste deutsche Zeitung, die Straßburger Zeitung,
deren ältester erhaltener, in der Universitätsbibliothek in
Heidelberg befindlicher Band aus dem Jahre 1609 stammt,
anthält noch keinerlei Anzeigen. Die einzelnen Rubriken hatten
die Überschrift „Zeitung aus Köln, Zeitung aus Nürnberg“
u. dgl. Auch die erste deutsche Tageszeitung, die 1660 in
Leipzig begründet wurde und noch jetzt als „Leipziger
Zeitung“ erscheint, enthielt lange Zeit keine Inserate.

Die ersten geschäftlichen Ankündigungen durch die Presse
betrafen das Erscheinen von Büchern. Die erste deutsche
Buchhändleranzeige wird aus dem Ende des 16. Jahrhunderts
erwähnt. Die Berliner „Einkommende Ordinari Postzei-
tungen‘ brachten in dem 4. Stück aus dem Jahre 1665 fol-
zende Ankündigung: „Hiebei werden einige Relationes von
dem Cometen mal 1 Groschen absonderlich verkauft“*). In
Hamburg bestand seit 1673 ein Blatt, das zum großen Teile
aus Anzeigen bestand, nämlich der „‚Relations-Courier‘“, später
‚Wieringsche Zeitung“, nach seinem Herausgeber Thomas
von Wiering genannt. Es erschien viermal wöchentlich und
brachte Nachrichten von „Kaufen und Verkaufen‘. Die
„Notificationen‘‘ oder „„Avertissements‘“ bildeten oft die Hälfte
des Blattes. In anderen Städten blieb man dagegen mit dem
Anzeigenwesen noch weit zurück, denn in der „Leipziger
Zeitung‘“ erschienen erst 1700 die ersten Bücheranzeigen.

Wie aus den sogenannten Intelligenz-Kontoren (Frag-
ämtern) allmählich in Deutschland die Intelligenz- (Kennt-

1) Siehe Hjalmar‘ Schacht, Entstehung des Zeitungswesens
Beilage zur. Münchener ‚Allgemeinen Zeitung‘‘ Nr. 12 ex 1899.
        <pb n="114" />
        I:

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AK .r

nis) blätter hervorgegangen, schildert Hialmar Schacht wie
folgt:

„Das Bedürfnis der öffentlichen Anzeigen mußte sich natürlich
auch in Deutschland mehr und mehr fühlbar machen. Da es jedoch
in dem zersplitterten Reiche an einem einheitlichen Zusammenhang
im Verkehr, an gemeinsamen interlokalen Beziehungen mangelte, so
beschränkte sich dies Bedürfnis stets auf einen kleinen, lokalen Kreis
In England war London die große Zentrale, in der sich das ganze kauf:
männische Leben wie in einem Brennpunkte vereinigte. In Deutsch-
land gab es eine solche Zentrale nicht, vielmehr‘ war fast jede kleine
Residenz, jede freie Reichsstadt eine kleine Zentrale für das umliegende
Gebiet. Nun konnte sich aber in jedem dieser Orte eine Zeitung un-
möglich halten. So verfiel man auf die Einrichtung der sog. Intelli-
genzkontore, durch welche man die Zeitungsanzeigen ersetzte. Es
waren dies Bureaux, in welchen Listen ausgelegt waren. In diese
Listen trug jeder sein Anliegen ein, Käufer, Verkäufer, Mieter, Ver-
mieter, Arbeitnehmer, Arbeitgeber usw. Hatte jemand Nachfrage nach
irgendwelchen Dingen, so ging er aufs Intelligenzkontor und suchte
in den Listen, ob er das für ihn Passende verzeichnet fand; war dies
nicht der Fall, so trug er seine Nachfrage ein und wartete, bis darauf-
hin ein passendes Angebot erfolgte. Diese Einrichtung war natürlich
höchst umständlich. Und so gesellte sich zu den Intelligenzkontoren
bald die Einrichtung der Intelligenzblätter, d.h. man verviel-
fältigte einfach die Listen und gab sie gewissermaßen als Zeitungen
aus. Indes war auch so das Verfahren immer noch sehr umständlich
und vermochte keineswegs das gesamte Zeitungsanzeigewesen zu
ersetzen. Doch hat es namentlich von gelehrten und amtlichen Stellen
lange Zeit hindurch die größte Befürwortung und Förderung erfahren.“

Die Intelligenzblätter haben unstreitig das Verdienst,
daß sie das Publikum ans Inserieren gewöhnten. Sie haben
aber später insofern hindernd auf die Entwicklung der poli-
tischen Zeitungen eingewirkt als sie für sich das Monopol der
Anzeigen in Anspruch nahmen und die Behörden es ihnen auch
lange Zeit zu erhalten suchten.
In Frankfurt a. M. wurde 1722 vom Buchdrucker
Anton Hinscheidt ein Intelligenzblatt gegründet, die soge-
nannten „Frankfurter Frag- und Anzeigennachrichten‘‘ ; sie ent-
hielten auch Personalien (Geburten, Heiraten, Todesfälle). In
Preußen erschienen im September 1727 und im Juli 1728 Ka-
binetts-Ordren, die die Gründung je eines amtlichen
Intelligenzblattes in Berlin, Magdeburg, Halle, Königsberg,
Stettin, Minden, Duisburg und anderen Städten anordneten.
Diese Blätter hatten das ausschließliche Privileg der Erst-
        <pb n="115" />
        DIE AUSBREITUNG DER ANZEIGEN
veröffentlichung von Inseraten betreffend Dienststellen und
geschäftlichen Mitteilungen. Gleichzeitig wurde den Heraus-
gebern der bisherigen Zeitungen bekanntgegeben, daß sie sich
für die Folge bei Verlust ihrer Privilegien, ja unter Umständen
noch härterer Strafe, der Erstververöffentlichung aller Inserate,
die sich auf Dienststellen, Kauf oder Verkauf, Auktionen,
Subhastationen usw. bezögen, zu enthalten hätten; hiergegen
erhoben die Zeitungsbesitzer als Beeinträchtigung ihrer Privi-
legien lebhaften Einspruch; es kam zu langen Verhandlungen,
doch blieben die Intelligenzblätter bestehen, während die
Zeitungsverleger nur erreichten, daß ihnen wenigstens gestattet
wurde, solche Inserate zu bringen, die bereits im Intelligenz-
blatt veröffentlicht waren.

Während der französischen Herrschaft lockerte sich der
Intelligenzzwang etwas. Nach der Wiederaufrichtung der
preußischen Herrschaft wurden aber die alten Vorschriften
wieder scharf betont; da die Verwalter der Intelligenzkontore
den 8. Teil der Einnahme erhielten, so suchten sie eben aus
dem Geschäfte möglichst viel herauszuschlagen. |

Auch im 18. Jahrhundert waren in den deutschen Zei-
tungen die Anzeigen noch ziemlich selten. Die meisten Num-
mern hatten nur einige kleine Anzeigen von Privatleuten,
manche Nummern sogar gar keine und es ist anzunehmen,
daß in vielen Fällen die Anzeigen der Abonnenten, soweit sie
nicht rein geschäftlicher Natur waren, unentgeltlich auf-
genommen wurden.
Der Weg zum Eheglück durch den Inseratenteil der Presse
ist nicht so modern, wie viele glauben. Das gedruckte, älteste
Heiratsgesuch dürfte dasjenige sein, welches sich in einer
Nummer der zu Frankfurt erschienenen „Frag- und Anzei-
gungs-Nachrichten“‘ vom 8. Juli 1738 befindet.

In den politischen Zeitungen des 18. Jahrhunderts finden
sich in der Hauptsache Bücheranzeigen, Lotterieempfehlungen
und amtliche Bekanntmachungen. Für sonstige Anzeigen,
z. B. Verkauf von bebauten Grundstücken, wurden die poli-
tischen Zeitungen nur selten benutzt, und zwar deshalb, weil sie
einen hiefür weniger geeigneten Leserkreis besaßen als die
mehr lokalen Intelligenzblätter.
        <pb n="116" />
        FREIE ENTWICKLUNG DES INSERATENWESENS 05
Die Intelligenzblätter gingen mit Beginn des 19. Jahr-
hunderts allmählich ihrem Ende entgegen. Je mehr Zeitungen
entstanden, desto näher rückte für das Intelligenzwesen die
Todesstunde. Es war natürlich, daß die Zeitungen, sobald sie
nur an Zahl wuchsen, das Intelligenzwesen beiseite schoben.
Es geschah dies zum Teil so, daß die Intelligenzblätter aus
Mangel an Benutzung einfach eingehen mußten, zum Teil
aber verschmolzen sich die Intelligenzblätter recht-
zeitig mit den Zeitungen und bewahrten sich so vor einem
unvermeidlichen Ende, zum Teil aber formten sich endlich
einzelne Intelligenzblätter allmählich zu politischen Zeitungen
um, indem sie zunächst anhangsweise politische Nachrichten
aufnahmen und dann nach und nach diese zur Hauptsache
werden ließen.

Mit dem Eintreten der freieren, wirtschaftlichen Epoche
in Deutschland, welche unter den Auspizien der Stein-Harden-
bergschen Gesetzgebung einsetzte, erreichte das Zeitungswesen
die Vernichtung der Intelligenzblätter und schuf sich in der
modernen Zeitungsanzeige endgültig eine freiere Organisation
der Zeitungsreklame, wie sie England lange zuvor eingeführt
hatte. In Preußen wurde mit dem ı. Januar 1850 die
amtliche Ausgabe von Intelligenzblättern einge-
stellt. Damit hörte natürlich auch der Insertionszwang in
diesen Blättern und die Entrichtung einer Abgabe an das
Militär-Waisenhaus in Potsdam auf. Seither konnte sich das
Inseratenwesen in Preußen frei von jedem staatlichen Zwang
entwickeln.
Frankreich.

Die französische Zeitung „Le Journal general d’Af-
fiches‘, kurz genannt Petites Affiches, wurde auf Grund
eines Patentes Louis XIII. am 14. Oktober 1612 herausge-
geben. Der Arzt Theophraste Renaudot (1 584 bis 1653)
hatte im Jahre 1612 in Paris von Ludwig XIII. die Erlaubnis
erhalten, ein „bureau d’adresses‘‘, eine Art Vermitte-
lungs- und Kommissionsgeschäft (Fragamt), zu errichten. Mit
dem Privilegium Richelieus fing er am 1. September 1633 an,
eine Gazette ‚‚fenille d’avis du bureau d’adresses‘ zur Vermitte-
lung von Käufen und Verkäufen herauszugeben, und so wurde
er nicht nur der Vater des französischen Journalismus, sondern
        <pb n="117" />
        IV

FRANZÖSISCHE ZEITUNGEN
auch des Reklamewesens. Aus diesem Blatte wurden später
die sogenannten ‚‚,Petites Affiches‘‘, die jetzt außerordentlich
gut gedeihen. Eine Nachahmung des Renaudotschen Blattes
waren die deutschen Intelligenzblätter. ;

Der Dichter Francois Colletet gründete 1676 ein ‚„Jour-
nal de Paris“, das schon in der ersten Nummer Anzeigen
brachte. Aber auf Beschwerde des ‚, Journal de France‘ und
des „Mercure“ wurde es mit der ersten Nummer unterdrückt,

Die ersten offenkundigen Anzeigen von Privatleuten hat
Hatin erst im Jahrgang 1762 der ‚‚Gazette‘“ entdeckt. Zudem
waren dies anfänglich nur Anzeigen von Büchern und
Karten. Nach und nach gewannen die Anzeigen an Ausdehnung;
man stellte sie in einem Paket zusammen und setzte sie ans
Ende der Zeitung unter den Strich.

Es war leicht vorauszusehen, daß, nachdem die erste
Zeitung den Weg der Reklame betreten hatte, auch die später
gegründeten Zeitungen nachfolgen würden. In der Tat finden
wir Anzeigen und Reklamen fast in allen französischen Zei-
tungen. Nicht bloß die Pariser Blätter, sondern auch die fran-
zösischen Provinzial-Zeitungen stellten sich gleich von Anfang
an in den Dienst der Reklame. Von letzteren waren sogar die
meisten ursprünglich nur sogenannte ‚‚feuilles‘ d’avis‘“® =
Intelligenz- (Kenntnisanzeigen) Blätter. Als die Unruhen der
französischen Revolution vorüber waren, gab Napoleon durch
ein Dekret vom 26. September 1801 die Genehmigung zur
Gründung von periodischen Blättern, jedoch durften die
eigentlichen Anzeigeblätter keine politischen oder
literarischen Artikel enthalten und mußten also streng von
den schon bestehenden Zeitungen geschieden bleiben. Unter
der Restauration blieben diese Blätter bestehen und gelangten
unter der Juli-Monarchie zu bedeutendem Ansehen, das sie
noch heute behaupten, allerdings nicht ohne längst Politik
aufgenommen zu haben.
England.

Als älteste englische Zeitung gilt der „The English
Mercuria“, gedruckt 1583 bei Christopher Barker; sie wurde
zur Zeit als die spanische Armada vor der englischen Küste
kreuzte, herausgegeben, um falsche Gerüchte unter der Bevöl-
        <pb n="118" />
        ENGLISCHE ZEITUNGEN

Num6. 2,
Ihe W eekly Account:
Containing, ;
Certain Special and Remarkable Pafsages
from both Houfes of PAaRLIAMENT; And
Colle&amp;ions of (everall Letters from the
Armies.
This ‚Secenmt is Licenled, and Entred into the Regifter-Book of ıhe
Company of Statieners; And Printed by BERNARD ÄLS OP,
Accerding to Order ofPARLIAMENT.,.
From Wedne/day the 6.0f Jan, to Wedne/day the I 3 .of January. 1646,

-
WEDNESDAT January 73.
He Commiffianers appointed by
the) Parliament co go to the
North, and receive che Kings
Perfon, and then condu&amp; him
to Holmsby houfe,are the(e
The Earle of Pembroke.
The E. of Denbigh.
The I. Monntague,
Sir John Hoflaydl,
Sir John Cook,
Sir James Harrington,
Major Gen Brown,
TwoMinifters, ui, Mr. Mr, John (rew. .
the Commiffioners, Marfbal, and Mr. Carel, go With
The Commiflioners to he Scots Army‚are the Earl of Stamford:
B Me.
Abb. 68, Titelseite der englischen Zeitung „‚Der Wochenbericht‘‘, 1646

kerung zu bekämpfen. Diese Zeitung hatte ebenso wie die
„WeeklyNews“, die 1622 von Nathaniel Butter in London
gegründet wurde und dort die erste regelmäßig erscheinende Zei-
tung war, gar keine Anzeigen. Nach dem Vorgang von Frank-
Paneth, Entwicklung der Reklame.
        <pb n="119" />
        DAS.ERSTE ENGLISCHE INSERAT
reich wurden auch in England bereits um die Mitte des 17. Jahr-
hunderts. amtliche Bekanntmachungen veröffentlicht (siehe
5. 66). ;

Über das erste englische Inserat ist folgende Anekdote
erhalten: „Es war in London am 12. April Anno 1649, da trat
ein Herr, der Honorable, Sir Horsefriend, in die Offizin des
Impartial Intelligencer. Mr. Blackwhite, Besitzer, Redakteur
ınd Drucker in einer Person dieser damals einzigen regelmäßig
erscheinenden Zeitung Londons, erhob sich unwillig aus seinem
weitausladenden Sorgenstuhl, spritzte die breite Kielfeder ge-
schäftig aus und begrüßte seinen Besucher. Wie erstaunte er
aber, als er das Anliegen des Gentlemans hörte. — Zwei Pferde
waren in der Nacht zuvor gestohlen worden, Lieblingspferde,
an deren Wiederbeschaffung ihm sehr viel gelegen sel.

„Was soll ich dabei?‘ fragte Mister Blackwhite kopf-
schüttelnd.

In Ihrem Intelligencer abdrucken!‘

Im Intelligencer? No, Sir, das geht nicht!‘

‚Warum nicht? — Fünf Schillinge für die Anzeige.‘

Und Sir Horsefriend legte fünf schwere Silberstücke auf den
Tisch. Mister Blackwhite beschaute’ die Silberlinge, die an-
scheinend frisch aus der Münze kamen und gar lieblich in dem
zuckenden Kerzenlicht glänzten, und kratzte sich verlegen unter
der weißgrauen Perücke, Das war ihm neu! In seinen Intelli-
gencer, der nur Nachrichten von der Regierung, Stadtklatsch
und Begebenheiten aus aller Welt brachte, sollte eine Anzeige
äiber einenPferdediebstahl mit demHinweis auf gute Belohnung!

‚Wollt Ihr oder nicht?‘ Und schon zuckte die Hand des
ehrenwerten Gentlemens, das Geld wieder aufzunehmen. ‚Yes,
Sir, ich will es versuchen!‘ Und gemütlich setzte sich Mister
Blackwhite in seinen Sorgenstuhl, tauchte die schön ge-
schwungene Gansfeder in die Tinte und fuhr raschelnd und
kratzend mit großer Schnörkelschrift über das Papier. Das
erste‘ Inserat .entwerfend.

Die Londoner staunten, als sie die erste Anzeige im Impartial
Intelligencer lasen. Ob der Honorable Sir Horsefriend auf
Grund dieses Inserates zu seinen gestohlenen Lieblingen kam,
ist geschichtlich nicht bekannt.“
        <pb n="120" />
        ALTE ENGLISCHE ANZEIGEN
Von der Entwicklung des englischen Zeitungswesens gibt
nach H. Sampson folgende Statistik eine Übersicht:
Im Jahre verkaufte Exemplare
1753 7411757
1760 9494790
1767 11300980
1790 14035636
1792 15005760

Der „Mercurius Politicus‘‘ vom 30. September 1658 enthält
z. B. folgendes Inserat: „Der ausgezeichnete, durch alle Ärzte
geprüfte China Thee, bei den Chinesen genannt Teha, bei an-
deren Nationen Tay, anders Tee ist in des Sultaness Haupt
Cafechaus in Sweetings Rents bei der englischen Börse erhält-
lich“. Kurz darauf folgt eine Geheimmittelanzeige in diesem
Blatte, und bald nachher schon finden wir in den verschiedenen
Blättern häufig Reklamenotizen über „Nervenpulver‘‘, „Anti-
mon-Becher‘‘, „Zahnpulver, um die Zähne zu scheuern und
sie weiß zu machen wie Elfenbein‘.

Alle diese Zeitungen hatten Oktavformat.

Erst nach dem Abschlusse der Revolution von 1688
scheint dem Publikum der wahre Wert des Anzeigewesens
allmählich klar zu sein. Der Unternehmungsgeist regt sich
in jeder Form und machte sich in den Inseratenspalten der
Zeitungen bemerkbar, die sowohl an Umfang wie an Zahl zu-
nehmen.

Im 18. Jahrhundert nahmen die Anzeigen in den Zeitungen
immer mehr zu: namentlich war es auch die Provinzpresse, die
dadurch mächtig gefördert wurde. Eine drückende Last bildete
dagegen die Inseratensteuer, Cie 1701 trotz aller Proteste ein-
geführt wurde, Die Steuer betrug einen Schilling für jede
Anzeige ohne Rücksicht auf deren Größe. Dazu kam 1712 auch
noch die Zeitungsstempel-Taxe, so daß die Zeitungen nur mehr
den wohlhabenden Klassen zugänglich waren. Aber auch diese
Fesseln vermochten den Aufschwung des Zeitungswesens nicht
dauernd zu verhindern.

Im Jahre 1745 wurde der „General Advertiser‘“ ge-
gründet, dessen Titel bereits andeutet, welchem Zwecke er
gewidmet war. Diese Zeitung war der erste erfolgreiche Versuch
in England, ein Blatt nur durch die darin enthaltenen Anzeigen
        <pb n="121" />
        [00

DER ERSTE ÖSTERREICHISCHE INSERENT
zu erhalten; von Anfang an waren seine Spalten mit Ankün-
digungen gefüllt ; etwa 50 bis 60 regelmäßig geordnete und durch
Striche voneinander geschiedene Inserate erschienen in jeder
Nummer. Zum ersten Male nahm die Inseratenzeitung ihr
modernes Aussehen an. Regelmäßig wurde die Abfahrt von
Schiffen angezeigt und die Abbildungen der altmodischen
Fahrzeuge mit dem hohen Hinterkastell segeln in ununter-
drochener Linie die Spalte hinunter. Handels- und Gewerbe-
angelegenheiten haben endlich die Oberhand bekommen.

Die „Times“, die 1785 unter dem Titel „The Daily Uni-
versal Register‘‘ begründet wurden, enthielten schon in ihrer
ersten Nummer 57 Anzeigen. Dies war der kleine Anfang eines
Anzeigenteils, wie ihn keine andere Zeitung hernach erreicht hat.

Die erste bekannte Heiratsanzeige in einem englischen
Blatte erschien in dem Londoner „Observer“ vom 22. Mai
L797-
Österreich.

Die älteste erhaltene Zeitung Österreichs ist die in Linz
in den Jahren 1646 und 1647 gedruckte und erschienene
„Ordinari Zeitung‘, welche sich in der dortigen Stadt-
bibliothek befindet; sie enthielt keine Inserate.

Am 8. August 1703 war die erste Nummer des „Wien-
nerische Diarium“1!) als Halbwochenschrift in Quartformat
erschienen, aber erst fünf Wochen darnach, in der Nummer vom
[5. September sind am Schlusse des Blattes, hinter der Liste
der Todesfälle durch einen Strich ‚getrennt, folgende Zeilen
2ingerückt:

„Item ist zu haben die eigentliche Relation von dem
von Ihro Römis. Kayserl. und Röm. Königl. Majestäten
an deß Ertz-Hertzogen Carls Durchl. beschehenen Actu
Cessionis und Declarationis wegen der Succession der
Spanischen Monarchie.“

[n den folgenden Jahren ist der Herausgeber des Diariums,
Schönwetter, „Universitätischer Buchhändler beym rothen
Ygel‘“ der einzige Inserent seines Blattes. Nur hie und da
erscheinen neben seinen Anzeigen Edikte der „in Banco-

1) Siehe Jubiläums - Festnummer der Wiener Zeitung vom
8. August 1903.
        <pb n="122" />
        A

PERREICHISCHE ANZEIGEN

{OI

Sachen verordneten kaiserlichen Ministerial Commission“,
die den Charakter von Inseraten tragen und meist die Ver-
pachtung von Gefällen, wie des Fleischkreuzeraufschlages oder
des Weinzehents betreffen. Eine einzige Abwechslung in
dieser etwas eintönigen Reihe bietet das Jahr 1704; hier bringt
Nr. 90 des Blattes als Beilage ein Edikt vom 17. März jenes
Jahres, das dem J.B. Busi gestattet, „in Wienn ein Lotto
oder Glückshafen aufzurichten‘‘ und in ausführlicher Weise
die ‚Ordnung und Conditiones‘“ hierfür festgesetzt. Damit führt
sich gleichzeitig eine neue Gattung von Anzeigen ein, die nament-
lich in späteren Jahren manche Spalte des „Diariums‘“ füllen.

Großen Umfang besaß das Inseratengeschäft der ersten
Jahre nicht und einträglich kann es auch nicht gewesen sein,
denn der stärkste Inserent des „Diariums‘““ war ja sein Heraus-
geber selbst, der gewiß nichts dafür bezahlt hat; daß die Ver-
öffentlichung der bezeichneten Edikte gegen Entgelt erfolgt
sei, ist ebenfalls kaum anzunehmen. Schönwetters Geschäft
kann es daher keinen Eintrag getan haben, wohl aber war es
für die weitere Ausgestaltung des Anzeigewesens in Wien von
weitreichender Bedeutung, als Kaiser Joseph I. im Jahre 1707
ein Fragamt errichtete, das Handel und Wandel befördern
und zum Teile jene Funktionen erfüllen sollte, die wir heute den
Zeitungsanzeigen zuweisen (s. S. 85 u. f.).

Die Zahl der Ankündigungen im ‚„Diarium“ stieg langsam
und neben den Anzeigen neuer Bücher tauchten auch solche
anderen Inhaltes auf.‘ So finden wir 1708 die erste Verlust-
anzeige, 1709 kündigt sich mehrmals ein Händler mit physika-
lischen Instrumenten an, überdies bringt dieses Jahr die erste
Ballanzeige; Lotterieankündigungen wechseln mit Dieb-
stahlsanzeigen, bald erscheinen auch die Verkäufer des
Egerischen (Franzensbader) und des Rohitscher Sauerbrun-
nens als jährlich wiederkehrende Inserenten, Kunsthändler,
„Steinschneider‘“ (Operatoren), Zahnärzte, Marktfieranten,
Bäderbesitzer u. a. m. stellen sich in bunter Reihenfolge ein,
bieten ihre Waren aus oder preisen ihre Dienstleistungen an,
kurz, der Anzeigeteil des „„Diariums“ gestaltet sich von Jahr
zu Jahr inhaltsvoller und abwechslungsreicher.

Inzwischen setzte auch das Versatz- und Fragamt seine
Tätigkeit fort; während aber seine erste Abteilung das Versatz-
        <pb n="123" />
        I02

1L.TE ÖSTERREICHISCHE ANZEIGEN
amt, wie die im ‚„‚Diarium“‘ seit 1715 ziemlich regelmäßig ver-
öffentlichten Listen der verfallenen und zur Verstei-
gerung gelangenden Pfänder zeigen, einen starken Zuspruch
hatte, wurde die andere, das Fragamt, von der Wiener Be-
völkerung nur wenig benützt.

Vom 6. Juni 1721 angefangen wurde auch die Liste der
bei dem Wiener Fragamt „eingeloffenen Negotien‘“ dem
„Diarium‘‘ beigeschlossen. Eine der ersten erhaltenen Listen
ist auf der letzten Seite des „„‚Diariums‘® vom 17. Jänner 1722
abgedruckt; von ihren 21 Posten, die in neun Gruppen zu-
sammengefaßt sind, mögen im nachstehenden einige angeführt
sein, um die Art dieser Ankündigungen zu zeigen. So heißt es:

Nr. 681: Ein schön wohlgebautes ‚Haus auf einer wohlgelegenen
Straßen, welches große Nutzungen abwirft, ist in der Stadt zu ver-
kauffen per 60000 fl.; könnte auch ein Wirtshaus daraus gemacht
werden.

Nr. 676: Hat ein End Reichen Zeig zu einer Mans-Veste und
andere Sorten schwartz Damaschk zu verkauffen.

Nr. 661: Eine qualificirte Person, so mit vornehmer Herrschaft in
Ländern gewesen, redet vier Sprachen, ist in Fechten und Tantzen
erfahren, wolte Hofmeister-Stelle bey jungen Herrn antretten, ist mit
hoher Recommendation versehen.

Ab 14. April 1728 gab das Frägamt eine eigene aus-
schließlich Inserate enthaltende Zeitung, die jeden Mittwoch
und Samstag erscheinenden „Posttäglichen Frag- und
Anzeigennachrichten“ heraus.

Anfangs erschienen ‚,Diarium‘“ und die „Frag- und An-
zeigungs-Nachrichten“‘‘ als selbständige Blätter nebeneinander;
das erstere behielt seinen Inseratenteil bei und brachte mitunter
sogar Anzeigen des Fragamtes selbst, solche „Negotien‘“ be-
treffend, an deren weiterer Verbreitung diesem besonders ge-
legen war. Sieht man von der bei den Zeitungen gemeinsamen
Person des Druckers und Verlegers ab, so bestanden zwischen
beiden Blättern keinerlei Beziehungen.

Der weitere Ausbau läßt sich mit einigen wenigen Strichen
zeichnen. Das Kündschaftsblatt, für das anfangs 400,
später 450 und schließlich 850 fl. als Pachtschilling an das
Versatzamt gezahlt werden, geht mit der Zeit im „Dia-
rium“, bzw. der „Wiener Zeitung“ ganz auf. Seine Erben
und Nachfolger erhalten vom Staate ein wirkliches Inseraten-
        <pb n="124" />
        AMERF

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A
603
monopol übertragen, in das der Pachtvertrag von 1847 die
erste Bresche legt, bis die Ereignisse des Sturmjahres
1848 und der Folgezeit es ganz beseitigen.
Nachstehend mag noch eine kleine Statistik der An-
zeigen des „„,Diariums‘‘ während der ersten dreißig Jahre seines
Bestandes einen kleinen Überblick über die Anfänge des Inse-
ratenwesens in Österreich geben. Wenn sie auf Vollständigkeit
auch nicht Anspruch erheben kann, da das Urmaterial lücken-
haft und ungenau ist, so läßt sie doch auf den ersten Blick das
langsame, aber stetige Anwachsen des Inseratenteiles erkennen
und zeigt mit voller Deutlichkeit die erfolgreichen Bemühungen
des Herausgebers des ‚„‚Diarium‘“, J.P.van Ghelens, um
diesen Geschäftszweig, dessen Entwicklung durch die Ausgabe
der „Posttäglichen Nachrichten‘ (seit 1728) nicht gehemmt
wurde. Das ‚,Diarium“‘ brachte

im Jahre Anzeigen im Jahre Anzeigen

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1705
1706
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Amerika.
In der 1704 in Boston begründeten Zeitung „The Boston
News Letter“ erschienen schon in den ersten Nummern
einige wenige Anzeigen, doch fehlten solche auch wochenlang
vollständig. Jahre hindurch waren selten mehr als zwei An-
zeigen in einer Nummer zu finden. In der Pennsylvania
Gazette vom Juni 1742 finden wir z. B. folgende Anzeige:

„To be sold. A likely Servant Woman having three years and
a half to serve. She is a good spinner. (Abzugeben. Ein hübsches
Dienstmädchen, welches noch zu einer (unentgeltlichen) Dienstzeit von
31 Jahren verpflichtet ist: sie versteht auch gut zu spinnen.)‘
        <pb n="125" />
        CHINA UND JAPAN
Im Pennsylvania Staatsboten vom 0. November 1764
ist folgende Notiz enthalten:

„Deutsche Ankömmlinge. Heute ist das Schiff Boston,
Capitän Mathäus Carr. von Rotterdam hier angelangt mit etlichen
Hundert Deutschen, unter welchen «sind allerlei Handwerker, Tage-
‚Ööhner, junge Leute, sowohl Manns- wie Weibspersonen, auch Knaben
und Mädchen befinden. Diejenigen, welche geneigt sind, sich mit
dergleichen zu versehen, werden ersucht, sich zu melden bei David
Rundle in der Frontstraße.‘‘

Die erste Nummer der New Yorker Staatszeitung
(1787) enthält bereits 34 Inserate; dieses Exemplar ist in der
New Yorker historischen Gesellschaft aufbewahrt.

Im Jahre 1800 gab es in Nordamerika bereits mehr als
150 Zeitungen. Aber mit den Anzeigen sah es immer noch sehr
schwach aus. Jahre und wieder Jahre hindurch nur vereinzelte
Anzeigen, genau wie in Europa. In den frühesten Zeitungen
waren die Inserate nicht einmal durch einen Strich oder sonst
ein Kennzeichen vom redaktionellen Teil getrennt; alles ging
bunt durcheinander. Nicht einmal durch eine zweizeilige
Initiale, wie sie jetzt in englischen Zeitungen allgemein bei
Anzeigen üblich ist. Diese Übung kam erst lange, 'nachdem
schon einzelne Druckfirmen die Anzeigen voneinander durch eine
Linie’ oder, um einen technischen Ausdruck zu gebrauchen,
durch eine schmale Reglette trennten, auf.
China und Japan.

Sogar in den in den entferntesten Ländern der fremden
Weltteile erscheinenden Zeitungen finden wir Anzeigen. So ent-
halten z. B. die chinesischen Zeitungen gewöhnlich eine Seite
Anzeigen. Speziell von „Hua-Pao‘“ wird berichtet, daß seit
1885 der Anzeigenteil Bedeutung erlangt hat. Sogar ‚‚General-
Anzeiger‘, die hauptsächlich auf Anzeigen ausgehen, werden in
China betrieben. Der chinesische Kaufmann hat die Wichtig-
keit des Inserates schnell eingesehen und bedient sich deshalb
schon in ausgedehntem Maße dieses öffentlichen Anpreisungs-
mittels. Nach dem. Vorbild der englischen Blätter werden
zahlreiche Anzeigen gleich auf die erste Seite gedruckt.

Noch mehr wird in Japan von der aufstrebenden Ge-
schäftswelt der Inseratenteil der Zeitungen benutzt‘).

1) Siehe Berliner A., Japanische Reklame in der Tageszeitung, 1925.
        <pb n="126" />
        x

T
N
v—
Abb, 69. Farbige Ankündigung einer Möbelfabrik, Anfang des 19.
(Wiener Theaterzeitung.

141
        <pb n="127" />
        <pb n="128" />
        ANFÄNGE DER MODERNEN ANZEIGF

{U

d) Das Zeitungsinserat im 19. Jahrhundert.

Schon im 18. Jahrhundert finden wir hie und da neben
dem Inseratentext auch einen Holzschnitt; in einzelnenFällen
umfassen diese Ankündigungen sogar bereits ganze Seiten,
Es überwiegt jed.ch das einfach gesetzte Inserat, und zwar
nicht nur bei den kleinen Anzeigen, sondern auch bei den
größeren geschäftlichen Mitteilungen. Bezüglich der Form
der kleinen Anzeigen ist es wichtig, daß diese in der Regel in
gleicher Schrift dem redaktionellen Texte nachfolgen, von ihm
jedoch durch eine Linie und durch ein vorausgesetztes N. B
unterschieden sind.
Der große Aufschwung des Zeitungsinserates fällt erst in
die Mitte des 19. Jahrhunderts. Er beginnt in Frankreich,
England und Amerika und verbreitete sich bald von hier aus
über alle Staaten. In dieser Entwicklung ist die Fortbildung
des Inserates selbstverständlich mit der Fortbildung der
Reproduktionsmethoden enge verbunden, ebenso wie
dies beim Plakat und der Zeitung selbst der Fall ist (s. 5. 83).

Daß aber findige Köpfe selbst dieses Hindernis zu über-
winden wußten, zeigt die Abbildung 69 aus dem ersten Viertel
des 19. Jahrhunderts, bei welchem der handkolorierte
Kupferstich als Auskunftsmittel gewählt wurde, um ein
vielfarbiges Inserat herauszubringen. Daß ein solches Inserat
im Hinblick auf die sehr bedeutenden Herstellungskosten und
die geringe Anzahl der hergestellten Exemplare zu Einzel-
erscheinungen gehören mußte, liegt in der Natur der Sache.

Auch um die Mitte des 19. Jahrhunderts finden wir noch
immer zum überwiegenden Teile Inserate mit sehr langem Texte
in ziemlich eintöniger Satzform, ohne Rücksicht auf die Indi-
vidualität des für das betreffende Inserat in Betracht kom-
menden Lesers (s. Abb. 70).

Den Gegenstand der Inserate bilden neben den bereit aus
den frühesten Zeiten herkömmlichen Kauf- und Verkaufs-
anträgen von Immobilien, dem Arbeitsmarkte, Personalien
wie Hochzeiten, Geburten und Todesfällen auch Angebote
von Büchern, Schaustellungen, Versicherungsanstalten, Ver-
kehrsunternehmungen. Heilmittel und Heilbäder.
        <pb n="129" />
        :06

GEWERBEFREIHEIT UND ANZEIGENWESEN
Mitte des 19. Jahrhunderts verursachten zwei, Erschei-
nungen in diesem Stillstande eine plötzliche Änderung. Es
sind dies einerseits die um diese Zeit besonders in den euro-
päischen Staaten eingeführte Gewerbefreiheit sowie die
Aufhebung des Konzessions- und Zunftwesens und anderseits
das Erscheinen der illustrierten Zeitungen. Die ersten
Friedrich Voigtländer
Mechanicus und Opticus qaußg Wien,
jeiagt Bfemit an, daß er ben Seren Kunfthändler' Ferdinand Tomala

hier, ein voNlfändiges Commissions - Lager vorzüglicher
’ (® d
opytifher Infkrumente,

auß feiner elgnem Fabrique in Wien, errichtet habe; beftehend:
Stadhldrctlken von allen Gattungen, dann Detlen SD m feinen
mit periscopischen A Släfern na Wollaston von Stahl,
Horn, Silber, Schildkröte und Gold; ferner adhromattfche Theater:
Decfpektive, goldplatirt , von verfchtedener Größe, und gefhmacvollen
Formen ; feine a bekannten, von Ihm erfundenen, und forvohl im Innz
alg Austand mit Beofall aufgenommene doppel Theater: Perfpektkvoe,
für beide Augen zugleid); über platirte ach romatifhe Auszug Ferard 9:
ze, Stock: Fernröhre, und mehr dergleichen Gegenftände.

Diefe Infirumente haben diefelben Preife wie in Wien, und find mit felz
nem NaHmen bezeichnet 9

Während feines Hlefigen Aufenthaltes von eintgen Tagen, bittet er jene
Perfonen, welche tHn felbft mir Aufträgen heehren wollen, 9 an obige Sunft-
handlung zu wenden,

Pesth ben 8«ten November 1827 )
Abb. 7o. Einfach gesetzte Anzeige der optischen und
mechanischen Werkstätte Voigtländer &amp; Sohn, A.-G.,
Braunschweig, 1827.

(Illustrierte Zeitung, Leipzig 1827.)
illustrierten Blätter waren das inLondon im Jahre 1832 erschie-
nene Penny Magazine und die 1842 erschienenen Illustra-
ted London news, die 1843 in Paris erschienene L’illu-
stration und die im gleichen Jahre in Leipzig erschienene
[llustrierte Zeitung.

Die illustrierten Zeitungen bemühten sich energisch, den
redaktionellen Text zugkräftiger und interessanter zu machen
und ihn durch bildliche Darstellungen zu beleben. Diese Be-
strebungen des redaktionellen Teiles fanden sofort auch im
administrativen Teil eifrige Nachahmung und dieser zeigt bald
nicht bloß eine interessantere Textierung der Inserate, sondern
auch den Beginn einer sehr zweckmäßigen Illustration (s.
Abb. 71—73).
        <pb n="130" />
        DIE „SPRECHENDE“ ANZEIGE
Die Inserate haben auch die damals im redaktionellen. Teile
übliche direkte Anrede an das Publikum (s. Abb. 71) über-
nommen; damit war der Anlaß gegeben, daß sich das Inserat
mit der Person des für dasselbe in Betracht kommenden Lesers
beschäftigte und es begann die Individualisierung des
Inserates im Gegensatze zu der bisher üblichen Schablone.
Bald nachher wurde auch der kategorische Hinweis
(s. Abb. 74 u. 75) im Inserate beliebt, aus dem sich dann die
imperative Ansprache, wie „Auch Sie müssen für Ihre Ge-
sundheit sorgen‘ u. del. entwickelte.
£jerr Redakteur !

Geftatten Sie mir,
mich Shres vielgelefenen Blattes zu
sedienen, um zur Kenninig des Pu.
blifum$ zu Oringen, daß in Folge
überhäufter Aufträge auf meine Ge
mentfeder feine Befltellung vor drei
Monaten ausgeführt werden fann und
erfuche ich die Berfonen, weiche Feine
Berfpatung erleiden wollen, höflich,
mir ibren Bedarf ohne Berzug einzu:
[enden, um ihn der Neihenfolge nad
zffettuiren zu Fönnen.

Bleidhzeitig warne ih das Bubli-
fum vor Anfauf einer betrügerifhen
Rachabmung. und erfuche, als foldhe
eine jegliche, unter dem Namen Ge.
mentfeder in ben Berkehr gebrachte
Heder zu beirachten, welche nicht in
meinen brafilianilden Gummifältden
znthalten fein follten.

Birmingham u. Brüffel.
im Auguft 1857. 11225
3. Merandre.
Abb. 71. Anzeige in Anredeform.
(MNlustrierte Zeitung, Leipzig, 1837.)
Die Ausstattung und technische Herstellung der Inserate
hielt vollständig gleiches Tempo mit der Entwicklung des
Zeitungswesens überhaupt. Mit derV erwendungder Autotypie
für Illustrationen im redaktionellen Teile erfolgte beinahe
gleichzeitig auch eine solche für Illustrationen im Inseratenteile.
Bereits in den 90er Jahren finden wir Inserate, welche auf diese
Weise hergestellt wurden (s. Abb. 73) und bereits im Jahre 1900
erschienen auch schon auf chromolithographischem Wege mit
Hilfe der farbenempfindlichen, photographischen Platte her-
gestellte Inserate
        <pb n="131" />
        ENTWICKLUNG DES BLICKFANGS

Je umfangreicher der Inseratenteil wurde, je flüchtiger ihn

der Leser behandelte, um so wichtiger wurde für den Inserenten

die Frage: „Wie: kann der Blick des Lesers an dem

Inserate festgehalten und wie kann der Eindruck des
Inserates ein dauernder werden ?““

Aiederlage : al
Stadt, Bauernmarkt AM 5334.

Ansicht der öffentlichen
Leuerprobe, ;

. Fabrik:
ite Wieden, Hauptfiraße „IZ Z4R.

oefhe im Huftrage Sr. Fre. des Herrn Binanzminifers, unter amtlichen Gontrole des FF. pokst. Inftirura, am 19. Fehr. 1853 anf ber
Bandfirafe (Saudgeilätte) abyehalten murbe, und einen bisher noch nie dageweienen Bewerik non Garantie gegen Feuerggefahr Keferte.
Brüe öfterreichifhe priv, Fabrik eiferner, feuerfefter, gegen Einbruch ficherer
Geld-, Bücher- &amp; Dokumenten- Kassen
‚won
Franz Wertheim, „7 mit‘ Friedrich Wiese,
Aoflteferant, Bobrifebehger, Be der goldenen Wedallis z ’ Gifenwoorenfabritont und Go mpaghnon,
für Rund und ZBifenftoft 1 18. in Wien.

1"

Abb. 72. Erstes illustriertes Inserat in der „‚Illustr. Zeitung‘, Leipzig,
t854 (auffällige Darstellung der Dauerhaftigkeit der Wertheimer-
Kassen).

Um die Aufmerksamkeit des Lesers zu erregen, suchte
man, ähnlich wie beim Plakat, einerseits die Kunst heran-
zuziehen und anderseits der Ermüdung des Lesers durch Ver-
minderung des Textes auf das Allerunumgänglichste zu begegnen,
Trotzdem wurde die Lösung des Problems immer schwieriger,
so daß man sich schließlich genötigt sah, an den Leser
        <pb n="132" />
        ANZEIGEN-WETTBEWERBE

100
selbst mit der Frage heranzutreten, wie das wirklich wirksame
Inserat auszusehen habe.

Zu diesem Zwecke veranstalteten einzelne Zeitungen
Konkurrenzen für die wirksamsten Inserate. wobei

we EA Elm:
‚En Er sg nl

Rs mc VERS ats as Be
sm E5 a. Kat),

Aanlın ©f un de an Briitabek”
Mei, ai Aa“
„na fr eier mai
Kr, EEE Bet
a Ertl Mer Dane ara

„cher di: Juarsber se A ach,
Fer Bantz Br ed Ca)
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Maar! IS dr dan

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zer’) werdenden andel SWR. DITEE echt ed dur cafe KT Ai ea ya
A See Tre ac.
area Bären Zur Eufehat avi 5 weitet ae ds Wü 7 ne“
EN Der 10 I _ wwpbert &amp; Anmam
ri Sb I iober$ Akte, an tem Ale ai Sal . dr Ce aaa fl Fr Sa V

Abb. 73. Illustriertes Inserat, hergestellt mit Hilfe der Autotypie, 1895
das Publikum die Schiedsrichterrolle erhielt. Um den Anreiz
des Publikums zur Beteiligung an diesen Konkurrenzen zu
steigern, wurde eine unabhängige, aus Fachleuten zusam-
mengesetzte Juri gebildet und diejenigen Leser, welche von
        <pb n="133" />
        DER IMPERATIV IM INSERAT

Spt

Abb. 74. Inserat in imperatıver Form,

3 ®
a auch Sie
[EEE

(

\4

Abb. 75. Inserat in imperativer Form.
        <pb n="134" />
        DAS SCHÖNE INSERAT

II]
den in einem bestimmten Zeitraume erschienenen Inseraten,
die nach der Ansicht der Juri wirksamsten herausfanden,
wurden mit Preisen bedacht, Die auf die einzelnen Inserate ent-
fallende Zahl der Zuschriften des Publikums gibt nebenbei dem
Herausgeber ein ziemlich echtes Bild über die Stärke der Wir-
kung der einzelnen Inserate auf die Leser. Die Abb. 76 u. 77

A
\

Sr wundervolles Ge=z
schenk ist jeder Haus=
fi die Frischehsflendle
lüten weisse aäsche,
die das gute, selbsttätige
Sersil ihr ımmer
wieder schafft

ta

Abb. 76. Prämiertes Inserat (antike Form) aus dem „Neuen Wiener
Tagblatt‘‘. 1925.

zeigen derartige, preisgekrönte Inserate, welche aus der im
Neuen Wiener Tagblatt im Jahre 1925 durchgeführten Preis-
konkurrenz!) siegreich hervorgegangen sind.

Interessant an dem Ergebnis der Konkurrenz ist, daß das
Underwoodinserat mit seiner plakatähnlichen Wirkung, mit
seiner geradezu imposanten Perspektive einen überraschenden
Kontrast zu dem für das Waschpulver Persil erschienenen
Inserate bildet, welches für den Inserenten im Hinblick auf die

‘\ Das Ergebnis wurde am 16. April 1925 veröffentlicht
        <pb n="135" />
        [I2

DIE KÜNSTLERISCHE ANZEIGE
angekündigte Ware vielleicht nicht übermäßig zweckmäßig ist,
aber durch den Kontrast seiner antiken Schrift und Um-
19 2 5
EI

49.17
(0 04

N edem Neu
500 I

|

N

ä

B—

©
WILLRAB
Abb. 77. Prämiertes Inserat (Plakatwirkung) aus dem „Neuen
Wiener Tagblatt‘, 1925.
rahmung von den modernen Bildern wirksam absticht und
so die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich zieht.

Die fortlaufende Veranstaltung derartiger Konkurrenzen
des Publikums zur Feststellung des wirksamsten Inserates
        <pb n="136" />
        REKLAMEZEITSCHRIFTE»
erweist sich für die Zukunft geradezu unerläßlich, um den
Inserenten ständig über den wechselnden Geschmack des
Publikums und über die ständig wechselnde Wirkung seiner
Inserate zu informieren.

e) Die Reklame als Zeitung.

Große Reklameinteressenten sind schon relativ früh dazu
übergegangen, sich nicht bloß auf Inserate: in selbständigen,
von ihnen unabhängigen Zeitungen zu beschränken, sondern
eigene Zeitungen für die Zwecke ihrer Propaganda herauszu-
geben.
In erster Linie sind hier die sogenannten Fremden-
zeitungen, welche von den Verkehrs- und Kurkommissionen
einzelner Orte herausgegeben werden, zu nennen. Die ältesten
sind die des Schweizer Badeortes Ragaz mit dem Erschei-
nungsjahre 1863 und die der Vierwaldstädter-See-Gemein-
den mit dem Erscheinungsjahre 1869.

Dem Warengeschäfte dienen die sogenannten Haus-
zeitungen, welche von gewerblichen oder kaufmännischen
Unternehmungen für ihre Kundschaft herausgegeben werden.
Der Zweck der Hauszeitschriften liegt im wesentlichen darin,
Zeugnis abzulegen für die Bedeutung und die Neuheiten eines
Unternehmens, das genügend Stoff und Anlaß für ein regelmäßig
erscheinendes Blatt besitzt, ferner ständig den Abnehmern oder
sonstigen in Betracht kommenden Kreisen Nachrichten über
das Geschäftshaus zu übermitteln und zumeist auch für die
Verbreitung von Ankündigungen vom billigeren Zeitungs-
porto Nutzen zu ziehen; zahlende Bezieher treten oft ganz
zurück. Von den für Reklamezwecke in Betracht kommenden
Hauszeitschriften zu unterscheiden sind die nur für innere
Aufgaben, nämlich die der Unterweisung usw. des eigenen
Personals dienenden von größeren Geschäftshäusern geschaf:
fenen periodischen Druckschriften.

f) Die Fachpresse,
Zur Fachpresse gehören einerseits die eigentlichen
Fachzeitschriften (Blätter, die in bestimmten Fachkreisen
bzw. Gewerbezweigen gelesen werden, Vereins- und Verbands-
Paneth, Entwicklung der Reklame.
        <pb n="137" />
        114

FACHZEITSCHRIFTEN
organe), anderseits die unterhaltenden Zeitschriften {illustrierte
Zeitungen und allgemeine Unterhaltungsblätter). Die Ent-
stehung der meisten dieser Blätter fällt erst in das 19. Jahr-
hundert; in allen diesen findet sich die ’Anzeigereklame in
ganz. besonders ausgedehntem Maße.

Die Fachzeitschrift ermöglicht fast jeder Anzeige eine
speziell in den betreffenden Interessenkreisen durchzuführende
Werbung. Die Unterhaltungsblätter dagegen dienen mehr
allgemeinen Empfehlungen, vornehmlich solchen für den
Bedarf des Haushaltes, die sich an die große Masse richten.

Das Inserat trifft man ferner in Büchern, und zwar
in Adreß- und Telephonbüchern, in Kalendern und Jahr-
büchern, in Katalogen, in Büchern allgemeinen Inhalts usw.

Das Adreßbuch geht in England und Frankreich bereits
auf das Ende des 18. Jahrhunderts zurück; es gehört mit zu
den am meisten benutzten Werbemitteln. Die Eintragung der
Firmen in den diversen Rubriken, entweder durch Fettdruck
‚der durch eine an zweckentsprechender Stelle angebrachte
Anzeige ermöglicht es, dem Interessenten gegenüber Aufmerk-
samkeit zu erregen oder sich in Erinnerung zu bringen.

Bei der Buchreklame entscheidet für die Benützung, wie
bei allen hier besprochenen Reklamearten, vor allen Dingen
die Art der zu verkaufenden Ware und der Kreis für ihre
Verbreitung.

Schließlich finden wir noch die Anzeigenreklame in
Programmen, auf Speisekarten, in Lesezirkelmappen,
in sonstigen diversen Mappen, Einbänden, auf Schreib-
unterlagen u. a. m.

Für die Anzeigenreklame in der Fachpresse ist es von grund-
'egendem Wert, die Wahl der benutzten Organe derart zu treffen,
daß in den Lesern die Vorbedingungen für ein Interesse an dem
Gegenstand, für den geworben werden soll, vorhanden sind,
g) Die redaktionelle Reklame.

Die ältesten Zeitungsankündigungen weisen zwar
den gleichen Druck und die gleichen Lettern wie der redak-
tionelle Text auf, unterscheiden sich aber in der Regel
von diesem dadurch, daß sie von den lokalen Nachrichten,
denen sie zumeist folgen, durch eine Linie getrennt sind und
        <pb n="138" />
        115
ihnen außerdem die Buchstaben N, B. (P. S. — Post scriptum)
vorgesetzt sind.

Der französische Zeitungsherausgeber Emil de Girardin
führte im Jahre 1820 das System der Textreklamen ein. Er
vermischte sie mit den lokalen Nachrichten, um so den An-
schein einer redaktionellen Mitteilung zu erwecken, ließ sich
sie jedoch mit 3 Franken pro Zeile bezahlen. Da der redak-
tionelle Teil genauer als der administrative Teil gelesen wird
und die darin aufgestellten Behauptungen auch größeres
Vertrauen beim Publikum genießen, so ist es selbstverständ-
lich, daß eine derartige redaktionelle Reklame bedeutend
größeren Wert für den Inserenten besitzt als eine schon der
Form nach als Inserat erscheinende Ankündigung.

Die redaktionelle, auch unterirdische oder anonyme
benannte Reklame hat zwei Entwicklungsstufen. Die erste
besteht darin, daß sich eine in Form der übrigen Mitteilungen
verfaßte Nachricht, die außerdem noch überaus interessant
beginnt, zum Schluß als Reklame enthüllt. Als Beispiel hierfür
diene folgende, in einer französischen Zeitung erschienene Notiz:

„Ein widerspänstiges Dienstmädchen. Es gibt Dienst-
mädchen aller Art, gute und böse, aber ein solches wie Elodie Grattevier
findet man nicht alle Tage. Schon seit 30 Jahren steht diese im Dienste
ihrer alten Herrin und hatte sich bis jetzt fortwährend fleißig und
fügsam gezeigt, indem sie z. B. mit der größten Gewissenhaftigkeit
all die alten Möbel ihrer Herrin instand hielt. Plötzlich aber wurde es
anders. Elodie weigerte sich, die Möbel wie gewöhnlich abzustäuben
und ließ trotz aller Ermahnungen Tische und Kanapees mit Staub
bedeckt. Ihre Herrin wollte sie ein letztesmal zur Rede stellen. Da
kam aber Elodie mit einer Zeitung herbei. „Wie, sagte sie, ich soll
Ihren alten Kram instand halten, wo Sie sich so leicht Möbel nach
der neuesten Mode bei Janioud jun,, Rochechouart-Straße 61,
zu kulanten Bedingungen verschaffen können? Und so mußte die
Dame, um ihre Elodie nicht zu verlieren, sich an das große Möbel-
geschäft wenden.‘‘1)

Die zweite Entwicklungsstufe besteht darin, daß in der
Ankündigung jeder Reklamecharakter vollständig beseitigt
wird und eine Unterscheidung von den redaktionellen Notizen
überhaupt unmöglich wird. Als Beispiel diene folgende Notiz:

„Großer Auftrag für eine englische Maschinenfabrik.
Der Präsident des amerikanischen Staates..... hat die Maschinen-
fabrik N... B... in Manchester besichtigt und auf Grund des aus-

Kellen, Lehrbuch der kaufm. Propaganda, S. 110, Leipzig

REDAKTIONELLE REKLAME
        <pb n="139" />
        L16

DIE VERSTECKTE ANZEIGE
gezeichneten Eindruckes von den Erfolgen der Fabrikate für die
Staatsdomänen fünf Waggons diverser landwirtschaftlicher Maschinen
bestellt. Gleichzeitig erklärte er, über seine Erfahrungen durch das
Landwirtschaftsministerium den Grundbesitzern seines Staates be-
richten zu lassen. Die Produktion des Unternehmens ist für die nächsten
Monate bereits vollständig verkauft.“

Diese Notiz, die zweifelsohne lediglich für Börsenzwecke
lanziert wurde und vielleicht gar nicht oder nur zum Teile auf
Wirklichkeit beruht, ist für das breite Publikum überhaupt nicht
mehr von dem redaktionellen Teile unterscheidbar.

Gegen diese Art der Irreführung des Lesers wurde
sowohl von Seite der Journalisten als auch von Seite des
dupierten Publikums Widerspruch erhoben. Dem im Sommer
[894 in Hamburg stattgefundenen Deutschen Journalisten
und Schriftstellertag ist folgende Resolution unterbreitet
worden, die aber nicht zur Besprechung kam:

„Der Journalisten- und Schriftstellertag erklärt es für eine Ehren-
pflicht aller anständigen „Zeitungen, geschäftliche Anpreisungen im
tedaktionellen Teile zu unterlassen und gemeinschaftlich dahin zu
wirken, daß solchen Reklame-Annoncen mit allen ‚zulässigen Mitteln
Einhalt getan werde.“ ;

In Österreich wurde in dem Preßgesetz vom 7. April
[922 folgende Bestimmung angenommen: ;

„In einer Zeitung müssen Ankündigungen und Anpreisungen,
für deren Aufnahme die Zeitung ein Entgelt erhält, als solche deut-
lich zu erkennen sein. Der Herausgeber und der Eigentümer einer
Zeitung, in der diese Vorschrift verletzt wird, sind wegen Übertretung
zu bestrafen. Daneben ist auf den Verfall des Entgeltes zu erkennen,
das für die verschleierte Ankündigung genommen worden ist.

Wer einen Vermögensvorteil annimmt, um herbeizuführen, daß
in einer Zeitung eine Veröffentlichung erfolgt oder unterbleibt, hat ihn
dem, der den Vorteil geleistet hat, auf dessen Verlangen zurückzu-
erstatten, wenn es den guten Sitten widerspricht, Veröffentlichungen
solcher Art gegen Entgelt zu bewirken oder zu unterlassen. .Der An-
spruch erlischt drei Jahre nach Leistung des Vermögensvorteiles.
Gegen Erben kann er nur geltend gemacht werden, soweit sie be-
reichert sind.‘

Auch in einer Reihe anderer Staaten sind ernste Bestre-
bungen im Gange, die Presse auf gesetzlichem Wege von dieser
Art von Inseraten zu reinigen, um So mehr, als in einzelnen
Fällen das anonyme Inserat tatsächlich sowohl dem Kon-
kurrenten als auch dem Publikum schweren Schaden zugefügt
hat. Ein positiver Erfolg ist jedoch mit Ausnahme von Öster-
        <pb n="140" />
        DIE ERSTEN WARENZEICHEN

9
reich nirgends, insbesondere auch nicht in England, Deutsch-
land oder Frankreich erzielt worden.

VII. Die Geschäftsmarke.
Unter Geschäftsmarke versteht man Zeichen, welche
auf der Ware und deren Verpackung angebracht sind, um die
Ware im Verkehr als aus einer bestimmten Ursprungsquelle
herstammend erkennbar zu machen und von. anderen Waren zu
unterscheiden. Der Zweck liegt einerseits darin, die Ware zu
individualisieren, von anderen Waren zu unterscheiden, die
Ursprungsstätte vom Detailleur unabhängig zu machen und
dem Publikum die Wahl der Ware zu überlassen, ander-
seits darin, dem Publikum eine Ware zu liefern, zu deren Quali-
tät, Quantität und Preisangemessenheit es im Hinblick auf
die durch die Marke feststehende und ihm bekannte Ursprungs-
stätte das nötige Vertrauen besitzt.

Schon die antiken Keramiken weisen eingepreßte Her-
kunftszeichen auf. Beeinflußt wurde die weitere Entwicklung
des Geschäftszeichens durch die Übung, auf dem Metall-
gelde das Wappen oder ein sonstiges Herkunftszeichen
einzuprägen; da die Regierungen nun vielfach auch eigene
Erzeugungen von Waren aller Art besaßen, so wurden auf diesen
Waren ähnliche Herkunftszeichen wie auf den Münzen an-
gebracht.

Die Bildmaler des 15. Jahrhunderts fügten den von
ihnen hergestellten Heiligenbildern regelmäßig den Zusatz
bei: „Zu haben bei , . . . .‘“, um den Käufer in ihre Produktions-
stätte zu führen und sich gegen Nachahmer zu sichern.

Die Buchdrucker, die
wohl zu den ältesten Kauf-
leuten mit einem über den lo-
kalen Bedarf hinausgehenden
Absatzgebiete gehörten, haben
als erste das Geschäftszeichen
ingroßemUmfange verwendet.
Die Abb. 78 zeigt das auf
einem der ältesten Drucke
angebrachte Geschäftszeichen

a“

(Bernhard Richel, Basel, 1482.)
        <pb n="141" />
        I13

MITTELALTERLICHE WARENZEICHEN
des Basler Buchdruckers Bernhard Richel aus dem
Jahre 1482 (s. Abb. 78).

Der Buchdrucker Benedikt Hektor gab um die Wende
des 15. Jahrhunderts seinen Kunden folgenden Rat: „Käufer,
wenn Du Bücher aus meiner Druckerei kaufen willst, gib acht,
schau auf mein Geschäftszeichen, welches sich auf der Titel-
seite befindet; so wirst Du niemals getäuscht werden. Übel-
wollende Drucker haben nämlich meinen Namen auf ihre

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Abb. 79. Buchdruckerzeichen, Mitte des 16. Jh.
minderwertigen und fehlerhaften Erzeugnisse gesetzt, damit
sie sie leichter verkaufen können.‘ Einen ähnlichen Rat
gab um die gleiche Zeit der Buchdrucker Jocodus Badius
in Paris seinen Kunden, damit sie mit Hilfe seines Zeichens
gut auskorrigierte und druckfehlerfreie Ware erhielten. In
diesen Ratschlägen liegt die typische Qualitätsgarantie der
Ware durch die Verwendung des Geschäftszeichens.

Als sich der Handelsverkehr über Italien immer mehr
ausdehnte, finden wir auch auf den von dort eingeführten
Waren sogar bereits relativ fein ausgeführte Firmenzeichen
(s. Abb. 80 u. 81). Die Abb. 82—84 geben den Beweis, daß
vor allem bei Waren, die der Käufer auf ihre Qualität nicht
leicht überprüfen konnte, d. i. z. B. Blattgold, Geschäftszeichen
        <pb n="142" />
        DIE ERSTEN KÜNSTLERISCHEN WARENZEICHEN IIQ
üblich waren. Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts wurde
auch auf das ästhetische Aussehen der Geschäftszeichen
besonderer Wert gelegt und die Abb. 85 zeigt diesbezügliche
ernste. künstlerische Bemühungen.

Abb. 80. Handelsmarke
Ende des 16. Jh.
‘Holzschnitt 19 ı1o cm. 1

Ein Dutch sptich
Solo Sri Find
; plat.

Abb. 81. Handelsmarke
erste Hälfte des 17. Jh.
Kupferstich 10,5 X 10,5 cm...

Abuch- no
„dar zoofrlaf

—_—
a

Abb. 82. Handelsmarke, Ende
des 17. Jh.
(Kupferstich 8 *
7,5 cm.1

Abb. 83. Handelsmarke,
’Fnde des 17. Jh.
(Kupferstich 7 X 6,5 cm.)

Die vielen Nachahmungen der aus gewissen Ländern
stammenden und berühmt gewordenen Erzeugnisse, deren Her-
kunftsbezeichnung allein, ihre Echtheit vorausgesetzt, ähn-
lich einem die Qualität garantierenden Geschäftszeichen
wirkte, wie dies z. B. bei venezianischem Glas, flärnischem
        <pb n="143" />
        {20

Tuch, Brüsseler Spitzen, Solinger Stahl der Fall war, veran-
laßten Landesgesetze zum Schutze der obigen Bezeichnungen.
5o besitzen z. B. das Rheinland und Westfalen bereits im
17. und 18, Jahrhundert Landesgesetze zum Schutze ihrer
Stahlwaren, die allerdings bei ihrer territorial beschränkten
Wirksamkeit den gewünschten Zweck nicht erreichen konnten.

REGELUNG DES MARKENSCHUTZES

Mit dem jähen Auf-
schwunge der Industrie
und des Handels im
19. Jahrhundert entschloß
man sich mit geringen
Zeitunterschieden in allen
Kulturstaaten zur ge-
setzlichen Regelung
desGeschäftsmarken-
schutzes, wobei in der
Regel auch die internati-
onale Rückwirkung im
Falle der Gegenseitigkeit
garantiert wurde.
Frankreich führte
durch die Gesetze vom
30. VI. 1857, und 3. V.
890, Bayern durch das
Gesetz vom 21. XII. 1862,
das Deutsche Reich
durch das R.St.G. vom
15.V.1871 und dieMarken-
schutzgesetze vom 30. XI.
1874 und 12. V. 1894, Amerika durch das Gesetz vom 3. III.
z881, Großbritannien durch die Gesetze vom 25. VIII. 1883,
24. XI1. 1888 und 11. VIII. 1905 den Schutz der Geschäfts-
marken und Verpackungen ein.

Die Tatsache, daß in den einzelnen Staaten mehrere
Gesetze zur Regelung dieser Materie erlassen wurden, zeigt
allein schon, daß der Schutz ursprünglich ein sehr beschränkter
war und sich erst allmählich von dem Namen und der Ursprungs-
stätte der Ware auch auf das figurale Zeichen und die
        <pb n="144" />
        WEITERENTWICKLUNG DER SCHUTZMARKE I21
Packung und von diesen schließlich auch auf die Wortmarke
(Odol, Aspirin, Salvarsan u. dgl.) ausdehnte.

Die Eintragung der Marke, welche erst den gesetzlichen
Schutz gewährleistet, erfolgt in den einzelnen Staaten teilweise
bei den Gerichten I: Instanz, teilweise bei den Patentämtern
und teilweise bei der Handelskammer, Der Schutz besteht
in einer strafrechtlichen Verfolgung der Mißbräuche, in dem
Verbot der Weiterverbreitung der mit gefälschten Zeichen
KAUFMÄNNISUNE ZEICHEN.

CAS.
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Abb. 86. Vorlagensammlung für Kaufmännische Zeichen,
erste Hälfte des 1o. Ih.

versehenen Ware, in der RBeschlagnahme derselben und in
dem Recht des Geschädigten auf Schadenersatz.

Das Geschäftszeichen selbst weist ebenfalls eine merk-
liche Entwicklung sowohl vom Gesichtspunkte seiner
Zweckmäßigkeit als auch vom künstlerischen Gesichts-
punkte auf. Diese Entwicklung ist um so naheliegender, als diese
Marken insbesondere auch in früheren Zeiten gleichzeitig als
Etiketten und Beförderungszettel verwendet, sowie auf
den Packungen angebracht wurden und die Erfahrungstat-
sache ‚Kleider machen Leute‘ auch auf das Aussehen einer
        <pb n="145" />
        }
Lei

DAS MODERNE WARENZEICHEN
Ware Anwendung findet. Die komplizierten und unübersicht-
lichen Formen sowohl der Bild- als auch in späteren Zeiten der
Wortmarken machten immer mehr einfacheren, dafür aber um
so charakteristischen Zeichnungen Platz; das Publikum
soll eben schon auf den ersten Blick momentan die Marke er-
kennen und von anderen unterscheiden.

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Abb. 87. Handelsmarke mit
Angabe des Geschäftszwei-
ges und Monogramm des
Firmanamens.

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CT CO ERALMOTOP

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Abb. 88, Marke mit Angabe
des Geschäftszweiges und des
Firmanamens.

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(VENEN.
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ANNE
Abb. 89. Marke mit Angabe

des Geschäftszweiges, Firma-,

namens und symbolischer
Darstellung der Branche.

Abb. 90. Marke der Waffen-
und Automobilfabrik Steyr
(Zielscheibe als Symbol
der Branche).
Die zweckentsprechende Marke soll womöglich sowohl die
Gattung der Ware als auch den Namen und Ort des
Erzeugers, mindestens aber eines dieser Merkmale aufweisen,
wenn sie ihren Zweck voll und ganz erfüllen will (s. Abb. 87
bis 91). Einzelne Unternehmer symbolisieren, vorausgesetzt,
daß sich ihr. Name dazu eignet, in dem Geschäftszeichen auch
        <pb n="146" />
        LICHTBILDWERBUNG

I23
ihren Namen, so z. B. die Verlagsfirma S. Fischer, die Schuh-
firma Salamander usw. usw. (s. Abb. 92), einzelne benützen ihre
Unterschrift als Marke.

DEE
Var SS
ERS ZaAyl
FR, TRADE SO
Ü N SILKE 3
SS MARK Le
Abb, 9ı. Marke mit dem
Firmanamen und Bilde des
Geschäftsgegenstandes.

E

ZEN
U} SD
X

Abb. 92. Marke einer Schuh-
fabrik, deren Begründer den
Namen. Salamander ‘‘hatte.

VIIL. Die Kino- und Theaterreklame.
Die Kinoreklame!) setzte kurz nach der gewerbs-
mäßigen Verwendung des Kinoapparates für Lichtspiel-
theater, d.i. also ungefähr um 1900 ein. Die Kinoreklame
teilt sich in die Diapositivreklame, Spielfilmreklame
und die Trickzeichenfilmreklame. Das erste Jahrzehnt
beschränkte sich fast ausschließlich auf die Diapositivreklame,
welche jedoch in immer größerem Umfange, besonders in den
letzten Jahren von der Filmreklame abgelöst wurde.

Die Diapositivreklame besteht darin, daß in der Regel
handbemalte Glasplatten im Format 8 X 8 cm auf die Lein-
wand projiziert werden. Die durchschnittliche Beleuchtungs-
dauer wurde, um dem Publikum die Möglichkeit eines deutlichen
Erfassens zu geben, mit ca. 6 Sekunden errechnet, ein Zeit-
raum, der selbstverständlich auch von dem Umfange der
auf dem Reklamebild befindlichen Schrift abhängt. In der
Praxis wird die Beleuchtungsdauer in der Regel mit drei
Sekunden bemessen.

Die Mängel dieser Reklame liegen vor allem in der Un-
beweglichkeit des Sujets, welches aus diesem Grunde beim
Publikum wenig Interesse erregt, sowie in der Gebrechlich-

1!) Wertvolles Material für dieses Kapitel stammt von dem Maler
Peter Eng, Wien.
        <pb n="147" />
        (2.4

DER REKLAMEFILM

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130)

Abb, 93. Schema eines Buchstabentrickfilmes.
(Jede Aufnahme zeigt eine neue, durch manuelle Verschiebung verursachte
Stellung der Buchstaben, bis endlich das beabsichtigte Wort erscheint.
Blickfang durch die scheinbar selbsttätige Bewegung der Buchstaben.)
        <pb n="148" />
        SPIEL- UND TRICKFILME

75
keit der Platte, ferner in dem Trinkgeldunwesen, welches von
einzelnen reklametreibenden Firmen dazu benützt wird, um
ihrem Diapositiv durch entsprechende Zuwendung an die
Operateure eine längere Vorführungsdauer zu ermöglichen,
sowie schließlich darin, daß die Diapositive vielfach im halb-
beleuchteten Raum vorgeführt werden, ein Umstand, der sich
noch durch die Störungen seitens des zu spät kommenden
Publikums besonders unangenehm bemerkbar macht.

Der Spielreklamefilm hat durchschnittlich eine Länge
von 70 bis 150 m und eine Vorführungsdauer von 3 bis 6 Mi-
nuten. Als Thema ist in der Regel das Lustspiel gewählt, Der
Vorteil des Films gegenüber dem Diapositiv liegt darin, daß
die Vorführung unbedingt bei verdunkeltem Saale erfolgen
muß, das Publikum für ihn mehr Interesse hat, der Reklame-
treibende in der Vorführungsdauer nicht betrogen werden
kann und daher das Trinkgeldunwesen zum Großteil von selbst
entfällt.

Der Trickfilm kann für Reklamezwecke bereits mit
Filmen in der Länge von 10m = 520 Bildern hergestellt
werden und überschreitet in der Regel 50 bis 60m nicht,
welche einer Spieldauer von 2 bis 3 Minuten entsprechen,
Der Vorteil gegenüber dem Spielfilm liegt vor allem darin,
daß die Trickfilme entsprechend kurz hergestellt werden
können und daher sowohl die Herstellungs- als auch die Vor-
führungskosten geringere sind. Auch das Groteske dieser
Reklameart gibt ihr eine größere Werbekraft (s. Abb. 93).

Den Gegenstand des Trickfilms bilden: I. karikierte,
menschliche und tierische Bewegungen, insbesondere die
Grimasse, 2. übertriebene physikalische Bewegungen, z. B.
siedendes Wasser mit meterhohen Blasen, 3. Darstellung von
unbeweglichen Dingen in selbsttätiger Bewegung, wie Buch-
staben, die sich ohne sichtbare Einwirkung zu Worten formen
(s. Abb. 93), oder tanzenden Flaschen u. dgl. Das Wesen des
Trickfilmes ist also die karikierte Bewegung belebter und un-
belebter Gegenstände,

Beim Trickfilm muß man einerseits den Figurenfilm,
d. i. den eigentlichen Trickfilm und anderseits den Vexierfilm
(eigentlich Zeichenfilm) unterscheiden. Der Figurenfilm be-
steht darin, daß einzelne aus beweglichen Teilen zusammen-
        <pb n="149" />
        SPIEL- UND TRICKFILME
gesetzte Figuren (Puppen) in fortlaufend jedesmal geänderten
Stellungen: photographiert werden. Der Vexier-(Zeichen-)
film besteht darin, daß jede Aufnahme eine neue Phase der um
zinen Strich vermehrten, im Entstehen begriffenen Zeichnung
darstellt. Der Zeichenfilm ist um so besser, je länger dem
Beschauer der Gegenstand der Zeichnung unbekannt bleibt
und je plötzlicher die Klarstellung des Gegenstandes erfolgt.

Der gute Trickfilm hat also nicht den Zweck, den natür-
lichen Film zu ersetzen, sondern er soll im Gegenteil etwas
ganz wesensanderes darstellen; der‘ Trickfilm darf gar nicht
naturalistisch sein, d. h. er darf einer wirklichen photographi-
schen Aufnahme nicht ähneln, weil gerade darin der Witz
und das Komische liegt, daß offensichtlich gezeichnete Figuren
in eine nach physikalischen Gesetzen ganz unmögliche Be-
wegung kommen.

Historisch geht der Trickfilm auf die Verfilmung von
Darstellungen mit Puppen zurück. Die ersten beweglichen
Filmzeichnungen hat ein Zeichner des New Yorker Herald
im Jahre 1908 hergestellt. Ihm schloß sich unmittelbar der
Zeichner des Hearst Konzerns Fisher an, welcher die ersten
Lustspiele in Form des Zeichenfilms herstellte. Im Jahre
1909 verbreitete sich diese Filmart nach Europa und die
Svenska Filmgesellschaft in Stockholm brachte die ersten
vollkommen fein ausgearbeiteten Trickfilmlustspiele unter
dem Titel „Kapitän Grog‘, welche von Maler Bergdal ge-
zeichnet waren. Hierauf verbreitete sich der Trickfilm in
ganz kurzer Zeit über ganz Europa.

Einer der ersten Reklamespielfilms war der für das
selbsttätige Waschmittel einer chemischen Fabrik in Deutsch-
land im Jahre 1907 verwendete Spielfilm; dieser hatte ca. 200 m
Länge, wurde jedoch noch nicht in Lichtspieltheatern, sondern
bei Frauenversammlungen und belehrenden Vorträgen vor-
geführt. Bei der Londoner Weltausstellung 1925, welche ein
Propagandawerk für England und seine Dominions repräsen-
tierte, suchten die einzelnen ausstellenden Staaten durch
Lichtspielvorführungen von der Gewinnung ihrer Boden- und
Industrieprodukte und der dort geleisteten Kulturarbeit in
dem Besucher die Vorstellung ihrer Macht und ihres Reichtums
zu erwecken. Der Film wurde also bei der Ausstellung als

[26
        <pb n="150" />
        REKLAME DURCHS THEATER

Ersatz für erklärende Aufschriften verwendet; er hat in dieser
Aufgabe die gestellten Erwartungen weit ‚übertroffen, da die
Aufschriften meist ermüden und nicht gelesen werden, die
Reklamefilme aber ‚ständige Aufmerksamkeit erregten und
einen bleibenden Eindruck bei den Ausstellungsbesuchern
hinterließen.

Der Trickfilm im Dienste der Reklame wurde um 1910
bereits in Frankreich durch die Parthegesellschaft und in
der Folge in Berlin durch den Zeichner Leonard, in Wien
durch die Wipag gepflegt. Derzeit werden für Reklame-
zwecke bereits Kombinationen zwischen Trickfiguren- und
Trickzeichenfilmen hergestellt.

A

Die Theaterreklame.
Die Theaterreklame hat ein relativ kleines Betätigungs-
feld. Sie wirkt durch entsprechende Aufdrucke auf dem
Theaterzettel in Form von Inseraten oder Bemerkungen über
die Herkunft der Kostüme, Bühneneinrichtung und Möbel,
durch Bemalung des Vorhanges mit Reklameaufschriften und
Bildern, durch auf den Vorhang projizierte Lichtbilder vor
der Vorstellung und während der Pausen, schließlich durch die
Vorgänge auf der Bühne.

Auf der Bühne erfolgt die Reklame durch die Schauspieler
vielfach aus eigener Initiative, indem sie bei geeigneter Ge-
legenheit auf den einen oder anderen Lieferanten hinweisen.
In neuester Zeit wurden in Varitees einzelne Sketche aufge-
führt, welche ausschließlich Reklamezwecke verfolgen. An-
läßlich der Reklamemesse in Berlin (1925) wurde der Versuch
der Errichtung eines eigenen Reklametheaters gemacht.
Da sich das Publikum bewußt nur widerwillig als Reklame-
objekt hergibt und daher ausschließlich für Reklamezwecke
aufgeführte Theaterstücke nicht gerne besucht, hatte das
letztgenannte Projekt daher nur sehr geringen Erfolg.

IX. Die Lichtreklame.
Die Lichtreklame in ihrer primitivsten Form ist beinahe
ebenso alt wie die Erfindung des Feuers und des künstlichen
Lichtes, geht also tief in die prähistorische Zeit zurück. Be-
        <pb n="151" />
        L2o

ALTE LICHTREKLAME
reits in den ältesten Aufzeichnungen finden wir Mitteilungen
über Feuerzeichen, Freudenfeuer, Illuminationen anläß-
lich von Festen u, dgl.

Größere Bedeutung nahm die Lichtreklame aber erst
an, als es gelang, Licht- und Leuchtmittel zu erfinden, die
eine verfeinerte Form der Verbrennung darstellten. Rote
Lampen als Zeichen von Polizeistuben, Rettungseinrichtungen
u. dgl. gehören bereits zu den frühesten Ankündigungseinrich-

Abb. 94. Feuerwerk in Wien, 1740. Personenreklame mit Hilfe der
Lichtwirkung.
(Holzschnitt aus der staatl. Sammlung ‚,Albertina‘‘ in Wien.)

tungen, bei welchen das Licht Verwendung fand. Die Erfin-
dung der Feuerwerkerei, welche auf einer entsprechenden
Mischung verschiedener Chemikalien beruht, reicht schon
vor das 17. Jahrhundert zurück; sie wurde bereits damals im
Dienste der Personenreklame anläßlich von Festen, wie Hoch-
zeiten, Siegesfeiern u. dgl. verwendet (s. Abb. 34 u. 94).
Die Erfindung und praktische Verwendung des Gas-
lichtes (erste Hälfte des 19. Jahrhunderts) wurde für die
Transparentreklame, und zwar in der Form benützt, daß die
Glasschirme der Straßenlaternen mit Reklameaufschriften be-
malt wurden. Die ersten Drummondlampen, ihre Leucht-
        <pb n="152" />
        DER EIFFELTURM ALS REKLAMETRÄGER

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Abb. 97. Lichtreklame der Automobilfirma „Citroen“
auf dem 300 m hohen Eiffeiturme während der Pariser
Kunstgewerbeausstellung 1925.
X. Verkehrsreklame.
a) Allgemeines.

Unter Verkehrsreklame wird die Benützung der Ver-
kehrseinrichtungen, wie z. B. von Eisenbahn- und Postbüros,
Eisenbahn- und Postwagen, Kursbüchern usw. für Reklame-
zwecke verstanden; dagegen fällt beispielsweise die V ersendung
von Prospekten durch die Post, in welchem Falle dieses Unter-
        <pb n="153" />
        [32
nehmen lediglich als Transportanstalt dient, nicht unter den
genannten Begriff,

REKLAME FÜR DIE EISENBAHN

Die Benützung der Verkehrseinrichtungen, als Träger
von Reklame war naheliegend, da viele Millionen Menschen
täglich gezwungen sind, sich relativ lange Zeit in den Räumen
Jieser Unternehmungen aufzuhalten, ohne daß in der Mehrzahl
der Fälle ihre Aufmerksamkeit entsprechend absorbiert ist.

b) Die Eisenbahnreklame.

Die umfangreichste Verkehrsreklame ist die mit Hilfe
jer Eisenbahnen und der dazugehörigen Einrichtungen be-
“riebene. Der erste englische Eisenbahnzug verkehrte im

Jahre 1825 auf der
[7.km langen Strecke
Liverpool-Manchester,
der erste deutsche
Eisenbahnzug im Jahre
1835 auf der 7 km lan-
gen Strecke Nürnberg-
Fürth. Es hat begreif-
licherweise eine Reihe
von Jahrzehnten ge-
dauert, bis die‘ Ent-
wicklung des Eisen-
bahnwesens so weit vor-
geschritten War, daß
an dessen Ausnützung
für Reklamezwecke ge-
Jacht werden konnte.
Die ältesten Formen
der Reklame auf den
Eisenbahnen sind die
Bekanntmachungen
der Eisenbahnen
selbst; in erster Linie
also die Fahrpläne (s.
Abb. 98), die zweifels-
ohne den Gedanken

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N rt Ser Habchitens“ getestete Bi Pu Mistahen vor Lan Kran Dr SE Z
Raffaclere zul; Bei Zrethem- Ztatfenen sed Kabaiteenken, Daten 11h jet eine pbertel Ch
dp der befrlaunten Hakabıt vimufüken. Da Poiagler it ul, sr bem Kamen dE Ki eb
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ie dur OR HD noS Brestan, Ohlatı, „Bricg, Löwen m Dapchn beSctätf werben, andefn
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Abb. 98. KEisenbahnfahrplan aus dem
Jahre 1843:

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Verlag Ullstein, Berlin.)

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Abb. 99. Plakate in einer englischen Eisenbahnstation im Jahre ı

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        <pb n="156" />
        ALTE REKLAME AUF DER EISENBAHN

133

angeregt haben, die Eisenbahneinrichtungen auch für andere
Ankündigungen zu benützen. Da in den Anfängen des
Eisenbahnwesens die überwiegende Zahl der Bahnen Privat-
bahnen darstellte, so war die Entwicklung des Reklame-
wesens. auf diesem Gebiete überaus zersplittert und un-
übersichtlich. Jedenfalls ist im allgemeinen feststellbar, daß
sich die Eisenbahnunternehmungen relativ lange gegen die
Aufnahme von Ankündigungen gesträubt haben, eine Haltung,
die ihre Erklärung in dem Umstande findet, daß die Eisenbahn-
unternehmungen meistens sehr kapitalskräftige Gesellschaften
darstellten und daher eine ziemlich hohe Entwicklung des

b. 100. Barnums Ankündigungswagen

Gesamtreklamewesens überhaupt erforderlich war, bis die
hieraus zu erwartenden Eingänge für die Eisenbahnunter-
nehmungen als nennenswerte Einnahme in Betracht kamen.

Zirka um das Jahr 1870 setzte in einzelnen Staaten eine
systematische Reklame auf Bahnhöfen und in Eisenbahnwagen
ein (s. Abb. 99 bis 101). Auch von diesem Zeitpunkt ab war
die Überwindung der Widerstände bei vielen Eisenbahnver-
waltungen noch sehr schwierig, ja in einzelnen Staaten, so z. B.
in Kanada, wird sie bis zum heutigen Tage abgelehnt. In
anderen Staaten, z.B. Frankreich, Schweiz unterliegt
sie weitgehenden Beschränkungen in Format und Ausstattung.
Am frühesten setzte sich in der Regel die Reklame auf den Bahn-
höfen durch.
Sehr förderlich für die Eisenbahnreklame war die in vielen
Staaten im Kriege und in den ersten Nachkriegsjahren durch-
        <pb n="157" />
        134

MODERNE EISENBAHNREKLAME
geführte Verstaatlichung, wodurch es auch gelang, die Eisen-
bahnreklame in größeren Gebieten zu organisieren und zu
vereinheitlichen. Hiezu kam noch die finanziell ungünstige
Lage nahezu aller Eisenbahnen Europas nach dem Kriege,
welche sie zwang, alle Einnahmsmöglichkeiten in Anspruch zu
nehmen und sowohl Prestige- wie auch ästhetische Gesichts-
punkte in den Hintergrund zu rücken, Wir erleben daher
bei nahezu allen Eisenbahnen und ihren Einrichtungen nach dem
Kriege eine geradezu sprunghafte Entwicklung der Reklame.

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Alk SOPLLSCHAFT DRESDEN

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Abb. 1ıor. Vollreklamestraßenbahnwagen der Stadt Dresden.
Die derzeit beliebtesten Reklameformen der Eisenbahn-
reklame sind folgende:

Der Plakataushang in den Stationen; in Betracht
kommen die Wartesäle, Korridore, Durchgänge, Schalter-
hallen, Vorräume, Bahnsteig-Fassaden (in der Hauptsache
für Plakate von Verkehrsanstalten des In- und Auslandes,
in neuerer Zeit und in den wichtigsten Bahnhöfen auch für
kommerzielle Reklame) sowie seit kurzem auch die Geleise-
Unterführungen.

Aus ästhetischen Gründen und ebenso zur Verstärkung
der Werbewirkung sind in der Regel folgende Maßnahmen
        <pb n="158" />
        WERBUNG AUF DEM BAHNGELÄNDE

135
für gefällige und übersichtliche Anordnung der Plakate ge-
troffen; einheitliche Plakatformate in regelmäßiger Anord-
nung (100 X 70cm und 130 X9gocm Hochformat) sowie
einheitliche Einrahmung. Vermeidung einer zu starken Häu-
fung der Plakate an einer Wand. Freihaltung gewisser architek-
tonisch wichtiger Linien der Bahnhofgebäude. An besonders
auffälligen Stellen sind größere Reklamen zulässig unter An-
passung an die architektonische Einteilung; in einzelnen
Fällen unterliegen sie auch in gewissen Grenzen einer künst
lerischen Zensur.

Schaukasten sind in den größeren Verkehrsknoten:
punkten zur direkten Ausstellung der Waren z. B. auch am
Hauptbahnhof Zürich in Verwendung. Die Kasten werden je
nach Aufstellungsort (Schalterhallen, Bahnsteige, Unterfüh
rungen) nur abends oder den ganzen Tag beleuchtet.

Lichtreklamen sind in den größeren Verkehrsknoten-
punkten erst seit ca. 1920 zulässig und kommen hauptsächlich
in den dunklen Geleiseunterführungen und anderen dunklen
Räumen zur Anwendung. Aus betriebstechnischen Gründen
(Verwirrung des Publikums, Stauungen) sind intermittierende
Beleuchtungen nicht gestattet. Die für die Plakatreklame
genannten Prinzipien der Anpassung an die Architektur der
Bahnhöfe gelten auch hier. Eine Häufung sich gegenseitig
störender Lichtreklame wurde von Anfang an vermieden.

Die Eisenbahnwagen von Staatsbahnunternehmungen
werden in der Regel, abgesehen von gelegentlichen Plakaten
für große Ausstellungen, Messen und nationale V eranstaltungen,
von denen eine Förderung des Verkehrs erwartet wird, nur
für Fremdenverkehrsförderung und die Eigenreklame der
Bahnen verwendet (Landschafts- und’ Städtebilder). Dagegen
werden kleine Plakate für Geschäftszwecke schon seit Jahren
in den Wagen zahlreicher Privatbahnen und in den Dampf-
schiffen angebracht; da die betreffenden Wagen nur auf be-
stimmten kürzeren Strecken verkehren, eignet sich diese
Reklame auch für Detailgeschäfte. In den von Fremden
frequentierten Bergbahnen der Schweiz erfolgt sie hauptsäch-
lich für die Hotels. Für diese Plakate sind meistens einheit-
liche Normalformate entsprechend den verfügbaren Füllungen
der Wagenwände, Türen usw. vorgeschrieben.
        <pb n="159" />
        136

PROPAGANDAFAHRTEN
Sehr beliebt ist auch die Reklame auf Fahrkarten
und -Scheinen; sie ist sowohl bei Eisenbahnen wie auch bei
Straßenbahnen‘ in Verwendung. Die gewünschte Reklame
wird auf der Fahrkartenrückseite aufgedruckt; sie ist seit den
letzten Jahrzehnten im großen Umfange in Verwendung.

Interessant ist folgender von der norditalienischen Eisen-
bahn um 1880 gemachter Versuch: Es wurden dort die Eisen-
bahnbillets, welche auf größere Orte lauten, auf der Rück-
seite mit einer Tasche versehen, in welcher ein aus
dünnem Papier hergestelltes Zeitungsblatt Aufnahme fand;
dasselbe war ein Annoncenblatt für Hotels und sonstige Ge-
schäfte, Vergnügungslokale, Sehenswürdigkeiten usw. der
betreffenden Stadt; das Annoncenblatt enthielt auf jeder
Seite 20, auf beiden Seiten also 40 Abteilungen. Der Reisende
konnte sich also auf der Fahrt informieren, wohin er in der
Bestimmungsstation seine Schritte lenken soll. Diese Art der
Reklame ist jedoch wegen der Umständlichkeit bei der Karten-
ausgabe bald wieder abgekommen.
c) Eisenbahnpropagandafahrten.

In Amerika mit seinem ungeheuren Landreichtum be-
steht die Einrichtung der sog. „Boomfahrten‘‘, um dort,
wo weder die Zeitung noch die Post die notwendige Reklame-
wirkung zu erzielen vermag, doch mit der Reklame durch-
zudringen.

Hierüber enthielt der ‚Hannoversche Courier‘ (1011)
aus New York folgenden Bericht:

„Der Westen und Nordwesten der Union steht in jedem Früh-
jahr und Sommer im Zeichen dieser ‚„‚Boom‘‘-Fahrten, die von den
Kaufmännischen Vereinigungen — Commercial-Clubs — der west-
lichen Hauptgeschäftszentren, wie Milwaukee, Minneapolis, St. Paul
und Omaha, unternommen werden. Solche ‚„‚Boom‘‘-Fahrten dauern
häufig mehrere Wochen und werden in einem oder mehreren Sonder-
zügen durchgeführt, die sich gewöhnlich aus vier oder fünf Pullman-
wagen — Parlor-Cars — zwei Schlafwagen und einem Speisewagen
zusammensetzen. Jede an der ‚„Boom“-Fahrt beteiligte namhafte
Firma ist entweder durch den Eigentümer selbst oder durch den Ge-
schäftsführer oder einen Reisenden vertreten, Diese führen große
Massen von Reklamedrucksachen, Broschüren, Warenproben und
kleinen Andenken mit Reklameaufdruck zur Verteilung in den Auf-
enthaltsorten im Zuge mit.
        <pb n="160" />
        STRECKENREKLAME

Sobald der Sonderzug in die Farmerstaaten gelangt, hält er an
jeder Station. Jedes Nest wird abgeklappert; auf jeder Station steigen
die Geschäftsleute aus, formieren einen Zug und ziehen in Reih und
Glied durch die Hauptverkehrsstraße des Ortes, veranstalten also eine
jener in Amerika so sehr beliebten Straßenparaden. Voran wird das
amerikanische Banner getragen; denn ohne Stern und Streifen ist eine
erfolgreiche ‚,Boom‘‘-Fahrt überhaupt ganz undenkbar. Dem Fahnen-
träger folgt eine von den Kaufleuten mitgenommene und für die ganze
Dauer der Rundreise engagierte Musikkapelle, hinter der die Geschäfts-
leute marschieren, rechts und links Kataloge, Broschüren, Flugschriften,
die, mitgenommenen kleinen Andenken für die Erwachsenen und
Zuckerwerk für die Kinder austeilend.

Für die Bevölkerung eines kleinen Farmerstädtchens in den
westlichen Präriestaaten ist das Eintreffen der auf einer ‚,‚Boom‘‘-Fahrt
begriffenen Geschäftsleute natürlich ein großes Ereignis. Die ver-
teilten Andenken werden zusammen mit den Katalogen und Flug-
schriften sorgfältig aufgehoben, und der meist sehr konservativ ver:
anlagte Farmer greift im Bedarfsfalle todsicher auf die Firma zurück,
deren Broschüre sich in seinen Händen befindet. Das wissen natür-
lich die Firmen in den Großstädten sehr gut. Deswegen lassen sie es
auch bei Besuchen kleinerer Orte meist bei einem einmaligen Umzuge
durch die ‚‚,Mainstreet‘, wie in unzähligen amerikanischen Orten die
Hauptstraße heißt, bewenden und begeben sich gleich wieder zum
Bahnhof zurück. um das nächste Nest mit ihren Drucksachen zu über-

schwemmen **
d) Die Streckenreklame.
In diesem Zusammenhange ist schließlich auch die
Streckenreklame zu verzeichnen, wenn sie auch organisch
nicht ganz in dieses Kapitel hineinpaßt. Sie beruht darauf,
daß die Aufmerksamkeit des die Eisenbahn benützenden
Publikums durch Vorgänge oder Gegenstände neben der Eisen-
bahnstrecke in vorbedachter Art für Reklamezwecke aus-
genützt wird. Über eine derartige im Jahre 1853 von ihm
selbst organisierte Reklame berichtet Phineas Tavlor Bar-
num folgendes (s. Abb. 102):

„Einen einzigen Elefanten behielt ich zurück, den ich in der Nähe
Briggeports stationierte. Seinen Wärter kleidete ich in ein orienta-
lisches Gewand. Entlang der Eisenbahn zwischen New York und
Newhaven mußte das Ungeheuer als Pflugtier auftreten, und zwar
jedesmal, wenn ein Personenzug vorbeifuhr. Ich hatte dem Wärter
einen genauen Fahrplan ausgehändigt. Versteht sich, daß die Zei-
tungen bald über den Elefanten als Gehilfen der Landwirtschaft be-
richteten, daß mein Name dabei fiel und daß diese Nachrichten für
mein Museum Propaganda machten.
        <pb n="161" />
        138

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BARNUMS REKLAME-ELEFANT
Nun regnete es Briefe von Sekretären landwirtschaftlicher Vereine.
Man wollte. wissen, welche Vorteile der Elefant der Landwirtschaft
bringe, wieviel. ein Elefant fresse, was er koste, wo man Elefanten

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kaufen könne, wie alt Elefantenkälber werden müßten, bis sie ihr
Fressen selbst verdienen könnten u. dgl. m. Ich begann mir Sorgen
zu machen, es könnte sich in der Tat außer mir, aus ernstlichen Er-
wägungen heraus, jemand einen Elefanten kaufen und dann dem
Schicksal des Mannes anheimfallen, der in der Lotterie einen Elefanten
        <pb n="162" />
        GESCHMACKTOSE STRFCKFNREKLAMF
139
gewonnen hatte und nicht wußte, was er eigentlich mit ihm anfangen
sollte. Ich entschloß mich daher, ein Zirkular vertraulicher Art drucken
zu lassen, das ich nach Bedarf versandte und in dem ich mit der Bitte,
die Mitteilungen diskret zu behandeln, ruhig eingestand, der Ele
fant diene mir nur zur Reklame für mein Unternehmen.“

Um 1890 kamen große Reklameinteressenten auf die
Idee, entlang der Eisenbahnstrecken teils auf Reklame-
gerüsten, te”: aı | Hauswänden oder Giebeln große Plakate an
zubringen (© * * ‘&gt;3 und 104).

Abb. 103. Amerikanische Streckenreklame,
(R. Cronau, Buch der Reklame

Eine großartige Fabrik von ‚Patentmedizinen“ in Balti-
more, so berichtet Cronau in seinem „Buch der Reklame‘‘.
unterhält auf eigene Kosten eine Armee solcher Anstreicher,
die auf eigenen Dampfern alle schiffbaren Ströme der Union
befahren, um die Reklamen der F irma auch in dem kleinsten
und abgeschiedensten Flußstädtchen anbringen zu können.
„Wir reisten über eine Million Meilen, Herr‘, so rühmte sich
einer dieser in dem Dienste der Reklamenfirma stehenden
Vandalen, „wir malten mehr als fünfzigtausend Ankündigungen
von „St. Jakobsöl‘ und verbrauchten mehr denn 500 Fässer
        <pb n="163" />
        140 STRECKENREKLAME UND HEIMATSCHUTZ
Leinöl, mehr als 500 Fässer Terpentin und an 150 t Bleiweiß.
Unsere Bücher können es beweisen.“

Diese Reklameform erregte den scharfen Widerspruch
ler Heimatschutzverbände, welcher in zahlreichen Resolutionen
zum Ausdruck kam und schließlich auch behördliche Vor-
schriften durchsetzte.

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Abb. 104. Freistehende Reklametafel an einer Verkehrsstraße
und Eisenbahnlinie bei Hamburg

In England wurden z. B. auf Grund von ‚The Adver-
tisements Regulation Act 1907“ (7 Edw. 7. C. 27) die Lokal-
behörden befugt, mit Genehmigung des Ministers Verordnungen
über mehr als 12 Fuß hohe Reklamegerüste zu erlassen und
die Anbringung von Reklamen überall dort zu verbieten
„wo die Annehmlichkeiten eines öffentlichen Gartens oder
einer Promenade nachteilig beeinflußt oder die Naturschön-
heit einer Landschaft verunstaltet würde.“ Eventuelle
        <pb n="164" />
        REGELUNG DER STRECKENREKLAME
Kosten trägt, ähnlich wie bei den Gesundheitsschutzge-
setzen, die Grafschaftskasse. Übertretungen der Schutzver-
ordnungen unterliegen Strafen bis zu 5 Pfd. Sterl. und nach
erfolgter Verurteilung bis zu I Pfd. Sterl. für jeden Tag der
fortgesetzten Zuwiderhandlung.

Das preußische Gesetz gegen die Verunstaltung
landschaftlich hervorragender Cregenden vom 2. Juni 1902
ermächtigt die Landespolizeibehörden zur Verhinderung deı
Verunstaltung landschaftlich hervorragender Gegenden solche
Reklameschilder und sonstige Aufschriften und Abbildungen,
welche das Landschaftsbild verunzieren, außerhalb der ge-
schlossenen Ortschaften durch Polizeiverordnung auf Grund
des Gesetzes über die allgemeine Landesverwaltung vom 30. Juli
1883 (Gesetz-Samml. S. 1953) zu verbieten, und zwar auch für
einzelne Kreise oder Teile derselben. Ähnliche Vorschriften
wurden auch in anderen Staaten erlassen.

Trotz alledem ist es nicht gelungen, die Streckenreklame
zu beseitigen; im Gegenteil, es werden sogar Bergwände
(s. Abb. 103) und Felsstücke hiezu benützt. So ist z.B.
an der Autostraße Meiringen—Göschenen (Schweiz) ein
großer Felsblock von der gegenüberliegenden Bergwand ab-
gestürzt. Derselbe wurde braun angestrichen und propagiert
in großen Lettern die Erzeugnisse einer Schokoladefabrik in
St. Gallen.
e) Die Postreklame.

Obwohl die Post als ständig organisierte Einrichtung
bereits auf das Jahr 15300 zurückreicht (der Name leitet sich
von statio posita —- Relaisstation für Boten und Pferde ab),
wurden ihre Einrichtungen von der Reklame erst sehr spät
benutzt. Der Grund hiefür ist darin zu suchen, daß einerseits
die Reklame erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
wirklich großen Umfang annahm und anderseits zu dieser Zeit
die Post bereits überall eine staatliche Einrichtung war und
gerade die Staatsverwaltungen bis in die allerjüngste Zeit als
nicht sehr reklamefreundlich zu bezeichnen waren. Großen
Umfang nahm die Postreklame erst in der Nachkriegszeit an,
als die Notwendigkeit der Ausnützung jeder Einnahmsmöglich-
keit, besonders in den besiegten Staaten alle Bedenken kurzer-
hand beseitigte.
        <pb n="165" />
        [42

POSTREKLAME
Die Postreklame funktioniert als Außenreklame, Innen-
reklame, Formular- und Buchreklame, Poststempel- und
Briefmarkenreklame.

Für die Außenreklame werden Briefkasten (s. Abb. 105),
Postwagen (s. Abb. 106 u. 107) und Telegraphenstangen (siehe
Abb. 108) verwendet; die Briefkasten tragen an den Seiten-

flächen Reklameschilder und
Reklameklappen, bei den Post-
wagen ist der Kasten für
Reklame ausgenützt. Die Tele-
graphenstangen sind bei Auto-
mobilfabriken, Pneumatik-
händlern sowie Besitzern von
Hotels und Gasthöfen ihrer
Umgebung sehr beliebt.

Für die Innenreklame
werden die Schalterräume,
die Schreibplätze und Pulte
der Postanstalt benützt (s.
Abb. 109). Die Formular-
reklameerfolgt.auf amtlichen
Formularen für Telegramme,
Quittungen u. dgl., der Buch-
reklame dienen die Fernsprech-
und Poststationsverzeichnisse.

Schließlich werden auch
noch. Poststempel (s. Abb.

II0 u. 142) und Briefmarken (s. Abb. 111, 138 bis 141, 151)
für Reklamezwecke verwendet. In Deutschland wird die
untere Hälfte des Rundstempels für Reklamezwecke vergeben.
Bemerkenswert ist auch die kürzlich von der italienischen
Postverwaltung getroffene Einführung, wonach über Be-
stellung Briefmarken aus einem doppelt so großen als
für den Markendruck notwendigen Papier hergestellt wer-
den und der restliche, für die Marken unbenützte Teil
(Allonge) für Reklameaufdruck verwendet wird. Schließlich
wurden auch noch auf der Rückseite der Briefmarken
in einzelnen Fällen Reklamen aufgedruckt, doch ist man hiervon
bald wieder zufolge unbefriedigender Erfahrungen abgekommen.

Abb. 105. Deutscher Postbriefkasten
mit Reklameaufschriften.
        <pb n="166" />
        POSTREKLAME

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Deutscher Postwagen als Reklameträger

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Reichsaun:

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Abb. 107. Das deutsche Reichspostautomobil als Reklameträger.

f) Auto- und Fahrzeugreklame.
Die Fahrzeugreklame findet ihren Ursprung in den Ge-
schäftswagen, die seit den ältesten Zeiten Namen und Ge:
        <pb n="167" />
        REKLAMEWAGEN
schäftsmarke des Eigentümers trugen. In der neuesten Zeit
hat jedoch diese Reklame dadurch eine ganz besondere Form
erlangt, daß. eigene Fahrzeuge konstruiert wurden, nicht
bloß um Waren zu transportieren und nebstbei auch den
Namen einer Firma zu verbreiten, sondern ausschließlich

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{ne AstaTIC PerRoeuM CSbFINDIAIL |

Abb. 108. Reklame auf Telegraphenstangen in Indien.

mit der Aufgabe, propagandistisch zu wirken. Hieher ge-
hören die Lichtreklamewagen, welche in Kastenform
konstruiert sind und an den Seitenflächen auf Felder von ver-
schiedener Größe verteilte Reklamen für diverse Firmen
tragen; durch eine im Innern des Kastens angebrachte Be-
leuchtung werden die transparenten Reklamescheiben erhellt
(s. Abb. 137).
        <pb n="168" />
        REKLAMEAUTO
Von großen Gesellschaften (s. Abb. 112) werden eigene
Wagen und Autos konstruiert, welche lediglich den Zweck
haben, durch ihre Form und Ausstattung die Aufmerk-
samkeit des Publikums zu erregen. Diese Reklameart ist selbst-
verständlich sehr kostspielig und es sind daher ihrer weiteren
Verbreitung enge Grenzen gezogen.

Abb. 109. Postschalterraum mit Reklamen.
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Abb. 110. Deutsche Poststempel mit Reklamen

g) Flugzeugreklame.
Die Innenreklame in Passagierflugzeugen wirkt nur
auf ein sehr kleines Publikum, dies aber während der ganzen
Paneth, Entwicklung der Reklame
        <pb n="169" />
        [40

FLUGZEUGREKLAME
Dauer des Fluges. In Frage kommen pro
Flugzeug höchstens 4 bis 6 Schilder in einer
ungefähren Größe von 25 X 35 cm. Durch
die geringe Anzahl der Schilder ist eine gute
Beachtung jedes einzelnen Schildes gefördert.
Beliebt ist das Abwerfen von
Reklamedrucksorten; das Abwerfen
erfolgt ausschließlich durch Angestellte der
Flugzeuggesellschaften; es muß in der
Regel eine polizeiliche Genehmigung vor
Antritt des Fluges vorliegen, da die auf
jedem Flughafen stationierte Luftpolizei
das Starten des Flugzeuges ohne die er-

forderliche Erlaubnis verhindert.
Die Flugzeug -Beleuchtungs - Re-
klame besteht darin, über den nächtlichen
Städten Flugzeuge mit Leuchtreklame
fliegen zu lassen. In England kann man diese Flugzeug-
beleuchtungsreklame oft beobachten. In Deutschland erregte
z. B. das Odol-Flugzeug (vergl. Abb. 113) bei seinem ersten
Erscheinen zur Leipziger Frühjahrsmesse 1923 über dem nächt-
lichen Leipzig gewaltiges Aufsehen. Das Flugzeug selbst
war von unten fast nicht zu sehen, man sah nur das fliegende
Wort „ODOL“. Die einzelnen Buchstaben sind 1,20 m groß.
Die Speisung der Glühlampen erfolgt von einer Akkumu-
jatorenbatterie aus, welche im Passagiersitz des Flugzeuges

untergebracht ist.

Zum Zwecke der Himmelsschrift werden mit Hilfe
eines chemischen Prozesses weiße Rauchwolken erzeugt, die
durch das geschickte Fliegen eines schnellwendenden Flug-
zeuges in der Spiegelschrift des gewünschten Wortes heraus-
geblasen werden. Man sieht dann selbst bei starkem Wind
mindestens 2 bis 3 Minuten das Wort in großen Lettern am
Himmel stehen. Bei Windstille bleibt das Wort über eine halbe
Stunde sichtbar. Das Ausblasen der weißen Rauchwolken
geschieht in einer Höhe von 3000 bis 4000 m. Ein Buchstabe
hat ca. ı km Länge. Anläßlich der Britischen Weltausstellung
1924 wurde z. B. von der „Daily Mail‘ auf diese Weise wirk-
same Reklame gemacht.
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Abb. 112. Fahrende Reklame: Die mit Reklameaufschriften versehene, schienenlose Eisenbahn eines
amerikanischen Filmkonzerns

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        <pb n="171" />
        RUNDFUNKREKLAME

Abb. ı13. Flugzeugreklame; die Buchstaben können auch
beleuchtet werden.
‘König, Reklamepsychologie, 3. Aufl, 1926, Verlag von R. Oldenbourg, München u. Berlin.)
h) Rundfunkreklame,

Rundfunk im Dienste großer Sendestationen reicht kaum
wenige Jahre zurück. Die britische Sendekompagnie mit einem
Gründungsdatum 15. Dezember 1022 ist die älteste, ihr folgen
die französische Station mit dem ‚Eröffnungsdatum vom
20. Jänner 1923, die deutschen Stationen im Laufe des Jahres
1924 USW.

Der Rundfunk stellte der Reklame unbegrenzte Betäti-
gungsmöglichkeiten in Aussicht. Diese erfuhren jedoch so-
fort eine. enge Begrenzung dadurch, daß nahezu in allen
Staaten das ‚‚Senden“ Staatsmonopol und nur die Durch-
führung Privatgesellschaften unter strenger, staatlicher Auf-
sicht übertragen wurde.

Die geschäftliche Reklame auf dem Wege des Rund-
funkes ist in den meisten Staaten, insbesondere auch in Eng-
iand, Frankreich, der Schweiz und Österreich ver-
boten. In Deutschland hat die Reichspostreklame-Ges.
m. b. H. das Rundfunk-Reklamemonopol. Dasselbe wird
in der Form ausgenützt, daß täglich um ca. 9,40 Uhr abends
in der Gesamtdauer von 5 bis 10 Minuten 4 bis 6 Reklamen in
einer von dem Reklametreibenden gewählten Form durch-
gegeben werden. Im Anschlusse daran erfolgen Mitteilungen
der Sendegesellschaft über Begünstigungen der Rundfunk-
        <pb n="172" />
        NACHRICHTEN DURCH RUNDFIINK
teilnehmer, die sich auf ermäßigte Theaterkarten, ermäßigte
Preise für verschiedene Waren usw. beziehen,

Die Propaganda durch Rundfunk für Wohlfahrts-
zwecke dagegen ist, zumindest insoferne eine amtliche Emp
fehlung vorliegt, in nahezu allen Staaten kostenlos üblich.

Politische Propaganda ist prinzipiell durch Rundfunk
untersagt, doch werden in einzelnen Staaten hiervon auch
besondere Ausnahmen bewilligt. So war ausnahmsweise an-
läßlich der Präsidentenwahl in Deutschland im Jahre 1925
die einmalige Verbreitung je einer Wahlrede Hindenburgs
und Marx’s gestattet. Desgleichen erfolgte auch ‘anläßlich
der letzten Wahlen in England die Versendung je einer Rede
der großen politischen Parteiführer (der konservativen, libe-
ralen und Arbeiterpartei) durch Rundfunk.

Wichtig ist auch die Verwendung des Rundfunkes im
Alarmdienste der Polizei, wobei sich dieser nicht bloß
auf die eigenen Staatsgrenzen beschränkt, sondern international
funktioniert. Nach Angabe der Polizeibehörden der verschie-
densten Staaten wurden auf diesem Wege bereits erhebliche
polizeiliche Erfolge erzielt und eine Eindämpfung des inter-
nationalen Verbrechertums durchgesetzt.

149

XI. Das Geschäftslokal und das Geschäftshaus
a) Offene Stände.

Schon die Handelsformen der ältesten Zeit sind dadurch
charakteristisch, daß die Handelstreibenden ihre Waren so
offen als möglich auszulegen versuchten, um sie dem Publi-
kum vor Augen zu führen, sie den Vorübergehenden bemerk-
bar zu machen und so Kaufreiz zu erregen.

Die ursprünglichste und schon bei den ältesten Völkern
verwendete Lösung dieses Bestrebens bilden die Märkte (siehe
Abb. 114). Auf diesen werden die Körbe entweder unmittel-
bar auf dem Boden oder auf Kisten u. dgl. aufgestellt und
die Ware so dem Publikum feilgeboten. Die nächste Stufe
der Entwicklung ging dahin, daß auf Stangen oder Pfählen
ein hölzernes oder gewebtes Schutzdach über dem Stand auf-
gespannt wurde, Diese Art von Verkaufsstand hat sich
        <pb n="173" />
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* alldefielben ockorcnheit

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bb. 114. Markt der Reichsstadt Nürnberg, 1599
Kupferstich 90&gt;X81 cm im Germanischen Museum, Nürnberg.)
        <pb n="174" />
        ALTE BAZARr

51
bis in die Jetztzeit auf den Märkten behauptet und ist die all
gemein übliche.

Die nächste Entwicklungsstufe bildete der Ausbau der
primitiv gedeckten Stände zu Buden und Verkaufsbazaren
(s. Abb. 119); diese weisen gegenüber den Ständen zwei große
Vorteile auf, nämlich einerseits die Möglichkeit, mehr Ware
zur Schau zu stellen und anderseits den Schutz gegen Witte-

A
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„AR MM

Abb. 115. Laden im antiken Pompeji.
(Overbeck, Pompeji, 4. Aufl., Fig. 145.)

rungseinflüsse nicht nur für die Ware selbst, sondern auch für
den Verkäufer und den Käufer. Zur Zeit des Perikles und
Themistoktas (5. Jahrhundert v. Chr.) umgaben den Markt
Athens bereits prächtige Hallen, in denen die Händler ihre
Muster zur Schau stellten, Preise festsetzten und auch die
Geldwechsler ihre Tische hatten. Diese Einrichtung findet
man auch später im Mittelalter ; zu dieser Zeit hatten die Hallen
jedoch bereits die Form der Arkaden angenommen (s. Abb. 116).
Diese Verkaufsräume in Gestalt der offenen Hallen haben sich
        <pb n="175" />
        I

ALTE, OFFENE KAUFLÄDEN
übrigens fast unverändert bis jetzt in vielen Marktorten der
Provinz und auch in einzelnen Großstädten erhalten. Die Ge-
schäfte werden dort selbst im Winter unter den offenen Ar-
kaden getätigt, während der dahinterliegende Raum vornehm-
lich als Lager oder Wohnraum dient.

Abb. 116. Kaufladen unter ‚einer offenen Halle,

Da gewisse Bevölkerungsschichten für den offenen Ver-
kauf der Ware und die hiedurch gegebene schnellere und
bequemere Einkaufsmöglichkeit eine besondere Vorliebe haben
und sich aus dieser Verkaufsform auch für den Verkäufer der
unleugbare Vorteil eines leichteren Kontakts mit dem Publikum
ergibt, so stellen insbesondere in Paris viele Warenhäuser
gewisse für den Volksbedarf bestimmte Waren auf Gestellen
vor dem Laden auf und verkaufen sie an Ort und Stelle.
Im Altwarenhandel ist noch beinahe in der‘ ganzen Welt
diese Handelsform üblich (s. Abb. 117).

Die pompejanen Krämer (s. Abb. 43 u. 115) und Kauf-
leute sorgten in der Weise dafür, ihre Ware möglichst offen
        <pb n="176" />
        ALTE, OFFENE KAUFL

53
auszulegen und den Vorübergehenden bemerkbar zu machen,
daß ihre Läden nach der Straßenfront, bei Eckhäusern nach
beiden Straßenfronten fast ganz offen gebaut waren; im unteren
Teil waren sie zumeist durch einen gemauerten Ladentisch
oder eine sog. Tonbank, welche gewöhnlich wie auch auf
unserer Abb. 115 im rechten Winkel gebrochen ist, bis auf einen
Eingang von gewöhnlicher Breite gesperrt. Das warme
Klima Italiens machte diese Form des Verkaufsraumes für
die dortigen Verhältnisse besonders geeignet.

Abb. 117, Verkauf auf der Straße im Ghetto (Judenviertel)
zu. Prag, 1878.
{Buch für Alle, 1878/11

Die gemauerten Ladentische waren in der Regel mit
einer Stein- oder Marmorplatte bedeckt und bei den Garküchen
und Thermopolien pflegten verschiedene Gefäße, Amphoren
aus Ton, Pfannen u. dgl. in den Ladentisch eingelassen zu
sein, aus denen man den Inhalt mit einer Schöpfkelle entnahm.
An den Wänden hinter dem Ladentisch waren häufig in
Treppenform gemauerte Repositorien (Stellagen) zum Auf-
stellen von Gefäßen und zum Auflegen trockener Ware an-
gebracht, in welchen ebenfalls nicht selten Gefäße eingemauert
sind. In Abb. 115 ist auch ein am Ende des Ladentisches aän-
gebrachter kleiner Herd zu sehen, was sich so oder ähnlich
        <pb n="177" />
        VOM OFFENEN ZUM GESCHLOSSENEN LADEN
in allen derartigen Läden wiederholt, nur sind oft diese kleinen
Herde transportabel und aus Bronze. In vielen Thermopolien
(Garküchen) -hat man auf der Platte des Ladentisches noch
die Spuren der dort geschenkten Getränke gefunden, und zwar
in aufgetrockneten Ringen, welche den Füßen der Trinkgeschirre
antsprechen. In den meisten dieser Getränke war Honig.

[

Abb. 118. Werkstätte eines Schuhmachers, primitive Verbindung
mit Ladengeschäft,
(Germanisches Museum. Nürnberg, zirka 1600.)}

Im Mittelalter zeigt sich ebenso wie auf allen anderen
Kulturgebieten auch auf diesem Gebiete ein fühlbarer Rück-
schlag. Die durch ein fast lückenloses Konzessionssystem
und Zunftwesen von jeder Konkurrenz befreite, lokale Güter-
versorgung konnte ohne Schwierigkeit auf jeden besonderen
Kaufanreiz verzichten, ein Umstand, der selbstverständlich
auch in der Form des Verkaufslokales zum Ausdruck kam ( siehe
Abb. 118 u. 110).
b) Geschlossene Läden.

Einen entscheidenden Fortschritt für das Verkaufslokal
brachte die Erfindung des Gußglases; dieselbe erfolgte
zwar schon gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Frankreich,
das Glas selbst wurde aber erst in der ersten Hälfte des 18. Jahr-
hunderts in größerem Umfange hergestellt und fand eine
wirkliche Verbreitung erst mit Beginn des 19. Jahrhunderts,
Durch das Fensterglas war es erst möglich, vollständig ab-
geschlossene, ständig gegen Wind und Wetter geschützte,
jederzeit zur Schaustellung geeignete Verkaufsräume und
Schaufenster herzustellen.
        <pb n="178" />
        ENTWICKLUNG DES SCHATITF
In diesem Entwicklungszustande machte sich bald das
Bestreben geltend, die Schaufensterfläche künstlich zu
vergrößern. Man baute Glasverschalungen für das die Ge-
wölbe umschließende Mauerwerk (s. Abb. 120) und benützte
die so gewonnene Schaustellungsfläche zur Ausstellung allerlei
kleiner Waren.

Abb. 119. Kaufladen in einer kleinen, französischen Stadt
ts. Ih

Eine entscheidende Wendung erfuhr die Gestalt des
Schaufensters durch die beim Hausbau im ausgedehnten Maße
erfolgte Verwendung von Eisen und Beton. War es durch
das Glas bisher möglich, die Schaustellungsfläche zu ver
größern, so wurde durch den Betonbau der Schaustellungs-
raum gewonnen; da viel Mauerwerk wegfiel, so konnten
die Waren auch in die Tiefe ausgestellt werden und es war
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ALTER UND NEUER LADENBAU

Abb. 120. Laden ‚,Zur Französin‘ in Wien, 1820.
(Städtisches Museum in Wien.1

Abb. 121. Schaufenster m. großer Ausstellungsfläche u. Tiefenwirkung.
        <pb n="180" />
        MODERNER Lo)
nun eine Leichtigkeit, ganze Wohnungseinrichtungen, große
Maschinen, Puppen in Lebensgröße, u. dgl. in das Schau-
fenster zu bringen (s. Abb. 121) ; dem Bestreben, die ausgestellte
Ware möglichst von allen Seiten und vollständig wahrnehmbar
zu machen, wurde durch besondere Konstruktion der Schau-
fensteranlage Rechnung getragen (s. Abb. 122 bis 124).
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Abb. ı22. Schaufensteranlage in unzweckmäßiger, veralteter Form

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Abb. 123. Gute Schaufensteranlage mit zwei abgerundeten Fenstern,

Selbstverständlich erfuhr auch die Art, wie die Waren zur
Schau gestellt wurden, eine Änderung. Während noch bis zur
Mitte des vergangenen Jahrhunderts möglichst viel Ware in
das Schaufenster gestellt wurde, zielte die spätere Technik
dahin, nur einzelne Stücke zur Besichtigung auszu-
Stellen, dies aber in einer Form, daß die Aufmerksamkeit
voll und ungeteilt auf die Schaustellungsstücke konzentriert
wird und dieselben nicht nur beim Beschauen einen starken
Eindruck auf das Publikum machen, sondern auch als bleibende
Erinnerung fortwirken.
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HAUSFASSADE UND REKLAME

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Abb. 124. Große Schaufensteranlage bei viel zur Verfügung stehendem
Raume.
(Das Schaufenster und sein Schmuck, Glöckners Handelsbücherei, Leipzig, 1921.)

c) Das Geschäftshaus. |

Die fortschreitende Entwicklung begnügte sich mit der
Reklamewirkung durch das Schaufenster nicht; die gesamte
Hausfassade, ja der Hausbau selbst wurde in den Dienst
der Reklame gestellt. Für gewisse Arten von Unternehmungen
wie Banken, Versicherungsanstalten u. dgl. sollte das monu-
mental und repräsentativ ausgeführte, ausschließlich für eigene
Geschäftszwecke benützte Gebäude die Kapitalskraft
ınd den Geschäftsgang versinnbildlichen und das für diesen
Geschäftszweck so unerläßliche Vertrauen des Publikums
mitbegründen helfen. Charakteristisch für diese Richtung
ist der dem Originale unserer Abb. 125 hinzugefügte Zusatz:

„Das oben abgebildete Gebäude ist Eigentum und ausschließlich
in Anspruch genommen von der „The Prudential-Versicherungsgesell-
schaft in Amerika‘‘, und zwar von dem Zentralbüro in New York.
Die ausgedehnten Geschäfte der The Prudential erfordern dieses Büro-
haus für den ausschließlichen Gebrauch der die Ziffer von 2000 über-
schreitenden Angestelltenzahl der Gesellschaft.“

Die architektonische Form der Fassade soll dem vorüber-
gehenden Publikum bereits sagen, welchem Geschäftszwecke
das betreffende Gebäude dient, so daß die Aufschriften
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        HAUSBAU UND REKLAME

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schon durch den architektonischen Eindruck er-
setzt werden. Desgleichen soll das Publikum auch ohne be-
sonderen Wegweiser durch die Bauart allein zu den Eingängen
und besonders wichtigen Schaufenstern geführt und so nach
Möglichkeit Orientierungsaufschriften überflüssig gemacht wer-
den. Beim Fabriksbau soll die moderne Architektur in dem
Publikum gleichzeitig die Vorstellung der modernen Erzeugungs

weise und der vorgeschrittenen Technik erwecken.

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Abb. 1253. Das Geschäftshaus als Reklame.
Zeitungsreklame der amerikanischen Versicherungsgesellschaft ‚,The Prudential‘‘, 1896.

Eine geeignete und charakteristische Architektur eröffnet
schließlich durch die Möglichkeit der Abbildung des Geschäfts-
hauses auf dem Briefpapier, Plakaten, Geschäftszeichen u. dgl.
auch auf diese Weise eine wirkungsvolle Reklame. Ohne die
Hausnummer ansehen zu müssen, soll das Publikum durch
        <pb n="183" />
        HAUSBAU UND REKLAME
die eigenartige Fassade bereits das betreffende Unternehmen
erkennen, sich das äußere Aussehen desselben einprägen und
glauben, es bei einem Einkauf bereits mit einem gut empfohle-
nen Bekannten zu tun zu haben.

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d) Der Innenraum,
Die relativ kleinste Entwicklung entfällt, so paradox es
‘m ersten Moment klingen mag, auf die innere Einrichtung
        <pb n="184" />
        RAUMAUFTEILUNG IN TANK

161
der Geschäfte. Zwischen der inneren Einrichtung des
Bazars des römischen Ladens (s. Abb. 115) und des Geschäftes
zu Beginn der Neuzeit (s. Abb. 126) besteht nur ein gradueller
Unterschied. Wir sehen überall die Ware entweder auf
Tischen und Pulten ausgestellt oder auf Stellagen angehäuft.

Eine grundlegende Änderung brachte auch hier erst die
moderne Betonbautechnik mit ihren weiten Hallen.

Abb. 127. Warenarrangement in einem modernen Warenhause.
{L. Tietz, Düsseldorf. \
welche die Zwischenwände beseitigte und ‚damit eine neue
Form der Warenschaustellung notwendig machte. An Stelle
der Stellagen traten große Verkaufs- und Schaustellungstische
(s. Abb. 127), die zum großen Teile in der Mitte des Verkaufs-
raumes aufgestellt wurden. Bemerkenswert ist, daß in diesen
Geschäftsgebäuden das kaufende Publikum selbst in geschick:
ter Weise dadurch als Reklame für das Unternehmen ausge-
nützt wird, daß in den oberen Stockwerken Galerien und Bal-
kons angebracht sind, von welchen aus das Menschengewühl
im Parterre bequem beobachtet werden kann. Die suggestive
Wirkung beim Anblick des kaufenden Publikums ist eine der-
art große, daß hiedurch allein schon der Anlaß und Kaufreiz
zu einem großen Teil des Umsatzes gegeben wird.
Paneth., Entwicklung der Reklame.
        <pb n="185" />
        [02

BEGRIFF DER AUSSTELLUNG
XII. Ausstellungen und Messen.
a) Allgemeines.
Ihrem Begriff nach versteht man im allgemeinen unter
einer Ausstellung!) die öffentliche Vorführung von Erzeug-
nissen und anderen anschaulichen Darstellungen künstlerischer,
gewerblicher, landwirtschaftlicher oder sonstiger Arbeiten zu
jem Zweck, durch mehr oder weniger umfassende Schaustellung
auf die Interessenten möglichst nachdrücklich einzuwirken.

Die einzelnen Arten der Ausstellungen erhalten ihren
Charakter hauptsächlich durch die in ihren Bereich gezogenen
Erzeugnisse und Arbeitsgebiete, die sich in recht ver-
schiedenem Maße zur Schaustellung eignen, durch die Formen,
in denen die öffentlichen Vorführungen bewirkt werden und
Jurch die mit der Ausstellung angestrebten besonderen Ziele
und Aufgaben.
Teils sollen in. den Ausstellungen durch übersichtliche
Darstellung der Produkte, der Leistungen der Produktion
usw. Veranstaltungen zur allgemeinen Belehrung und zu
erziehlichen Zwecken geboten werden, teils sollen sie zur
Förderung der Produktion durch Vergleichung der Pro-
dukte der konkurrierenden Firmen, durch gegenseitiges Von-
einanderlernen, durch Erhöhung des Verständnisses der Pro-
duktion, durch Anspornung zu technischen und wirtschaft-
lichen Höchstleistungen (Prämiierungen, Belohnungen, Kritik,
Auszeichnung usw.), zur Hervorbringung edelster Produkte
dienen; ferner liegt ihre Aufgabe auch in der Reklame, zwecks
Förderung des Absatzes sowie des Verbrauches und dadurch
wieder indirekt in der Förderung der Rentabilität und der
Produktion. Schließlich werden Ausstellungen auch zur Zu-
sammenführung einer möglichst großen Zahl von Interessenten
(von Abnehmern der Waren, Erzeugern und sonstigen Be-
suchern), zur Verbreitung von Ideen, Förderung des Fremden-
verkehrs usw. veranstaltet. Sie sind vielfach mit Unter-
') Die Reklame zur Förderung des Besuches von Ausstellungen
und Messen durch Aussteller und Publikum s. unter Reklame für
Länder und Gemeinden, S. 179. Über obigen Gegenstand s. Hand-
wörterbuch der Staatswissenschaften Bd. IL... Gustav Fischer, Jena 1924
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        VOM Im

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haltungs- und Vergnügungseinrichtungen, Massenveranstal-
tungen großen Stils, Kongressen usw. verbunden. .

Die Ausstellungen sind in dieser Hinsicht gewissermaßen
als eine Fortbildung der Verkehrsformen der Märkte, ins-
besondere der Jahrmärkte, zu betrachten. Dementsprechend
sind auch die Unterschiede zwischen beiden vielfach recht
fließend geworden und gerade in der neuesten Zeit haben sich
durch das erneute Aufblühen des Messewesens und der mit
ihnen verbundenen Veranstaltungen, besonders seit Ende
des Weltkrieges, manche Unterschiede zwischen Ausstellung
und Messe sehr stark verwischt.

Zwischen der modernen Musterlagermesse bzw. Muster-
messe oder der modernen technischen Messe einerseits und
gewissen Arten von Ausstellungen anderseits ist kaum noch
ein wesentlicher Gegensatz vorhanden. Im allgemeinen hat
man als wesentliche Unterscheidungsmerkmale der Ausstel-
stellungen und der Messen festzustellen, daß die ersteren mehr
gelegentlich als mehr lehrhafte und produktionsfördernde
Veranstaltungen stattfinden, während bei den letzteren die
periodische Wiederholung und der Geschäftscharakter
(der Wareneinkauf und -verkauf) überwiegen, daß die Aus-
stellungen im allgemeinen nur nichtverkäufliche Gegenstände
(in meist nur einem Exemplar jeder Sorte, Type, jedes Mo-
delles usw.) zur Schau stellen, sachlich meist weiteren Rahmen
haben und auf den Besuch breiter Volksmassen, auch der
Verbraucher, rechnen, daß dagegen die Messen die Waren in
größeren Mengen der gleichen Stücke zusammenführen und
zum Teil zum direkten Absatz bringen, daß sie meist auf ein
kleineres Gebiet der Produktion beschränkt sind als die Aus-
stellungen, in der Hauptsache von :Geschäftsleuten besucht
werden usw.

b) Die wichtigsten Ausstellungen,

Die ältesten Ausstellungsarten sind die Kunstausstel-
lungen, namentlich auf dem Gebiete der Malerei und der
Bildhauerkunst; sie sind am frühesten in Rom, Venedig, Paris,
Wien usw. anzutreffen gewesen. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts
hat das Ausstellungswesen auf das Gebiet des Gewerbes
übergegriffen, zunächst des Kunstgewerbes und des neu auf
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        LO.

ENTWICKLUNG DER AUSSTELLUNGEN
kommenden Maschinenwesens, später auf fast alle anderen
Arten gewerblicher, wirtschaftlicher und kultureller Betäti-
gung. Solche ‚ältere Ausstellungen, die vornehmlich dem
Zwecke der Belehrung dienten, fanden 1763.in Paris, 1756 in
London, 1790 in Hamburg, 1791 in Prag, 1798 im Paris und
anderwärts statt.

Zu den anfänglichen ideellen, lehrhaften Zielen der Aus-
stellung traten aber bald geschäftliche Zwecke, namentlich

Abb. 128. Ein Teil der Industrie- und Gewerbeprodukten-Ausstellung,
Wien, 1835.
(Staatliche Sammlung ‚.Albertina‘‘, Wien.)

Zwecke der Reklamewirkung, was in den sieben französischen
Landesausstellungen in der Zeit von 1817 bis 1849 und in
einer Reihe deutscher Landes- und Reichsausstellungen in
der Zeit von 1818 bis 1854 sowie in mehreren kleineren Landes-
ausstellungen in England gegen Mitte des "19. Jahrhunderts
bereits hervortrat.

In stärkerem Maße machte sich aber die Entfaltung der
Gewerbeausstellungen (s. Abb. 128) zu einem Mittel der Massen-
reklame erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Wachsen
des Großbetriebes, mit der Ausbildung der Geschäftsreklame,
mit der Entwicklung des Eisenbahnverkehrs, des Zeitungswesen
usw. geltend. Zugleich gewann der Gedanke der Erweiterung
Jer Landesausstellungen zu internationalen Ausstellungen.
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:aALE AUSSTELLUNGEN
165
mit der Zunahme der Exportindustrien und des internationalen
Wettbewerbes immer mehr Raum. Die erste dieser Ausstel-
lungen, die man als „„‚Weltausstellungen‘ bezeichnet hat, fand
1851 in London statt. Sie sollte als „Industrieausstellung
aller Völker“, ihrem vorsätzlichen Zweck nach, eine „kultur-
historische Bilanz‘ darstellen und übertraf auch tatsächlich
durch ihren Umfang und ihre glänzenden Veranstaltungen
alles frühere bei weitem; ihr folgten an den verschiedensten
anderen Weltplätzen weitere Weltausstellungen, so 1855 in
Paris, 1862 in London, 1867 in Paris, 1873 in Wien, 1876 in
Philadelphia, 1878 und 1889 in Paris, 1893 in Chicago, 1900
in Paris, 1904 in St. Louis.

Seit Ende der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts verlor
der Gedanke der Weltausstellungen seine beherrschende Be-
deutung, an ihrer Stelle bildeten sich namentlich in England
und seit 1868 auch in Deutschland die „Provinzial- und
Fachausstellungen“ stärker aus.

Soweit die Ausstellungen als Einrichtungen der unmittel-
baren Absatzvermittlung in Frage kommen, treten sie mit
in die Reihe der sonstigen Werbeeinrichtungen für die Industrie-
unternehmungen und Kaufleute, also auch in die Reihe der
Messen, der Geschäftsreisenden usw., die sämtlich in ihrer
Bedeutung wieder durch den Stand der allgemeinen Transport-
verhältnisse stark beeinflußt werden. Dieser geschäftliche
Charakter der Konkurrenz, der Reklame und des Absatzes
überwiegt bei den Ausstellungen der neuesten Zeit.

c) Bewegliche Ausstellungen und Messen.

Eine der auffallendsten Erscheinungen in der Kunden-
werbung der Nachkriegszeit bildete das Neuerwachen und
Überhandnehmen der Ausstellungen und Warenmustermessen.
Zufolge der politischen Neugruppierung wollte jeder Staat
seine eigene (internationale) Messe besitzen. Selbst in kleinen
Staaten war die alljährliche Abhaltung mehrerer Messen bereits
keine Seltenheit geworden. Diese Umstände hatten begreiflicher-
weise eine intensive Konkurrenz in der Werbetätigkeit
der einzelnen Ausstellungs- und Messeleitungen untereinander
um die Besucher zur Folge.
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        166

WANDER-MESSEN
Die jüngste Idee in dem „Wettkampf um den Ausstellungs-
‘(Messe-)Besucher‘“ hatte das Bestreben, demselben die im-
merhin erheblichen Reisekosten zur Messe zu ersparen und die
Ausstellung bzw. Messe zu ihm zu bringen, ‚statt daß, wie es
bisher der Fall war, der Besucher den Standort der Ausstellung
und Messe aufsuchen mußte. Diese neue Idee sollte dadurch
verwirklicht werden, daß man Musterwaren an Bord eines
Handelsschiffes nach dem Auslande sendet, um auf diese
Weise neue Absatzgebiete zu schaffen.

Die seinerzeitige österreichisch-ungarische Monarchie hat
bereits vor dem Kriege Verhandlungen gepflogen, um ein
derart ausgerüstetes Schiff unter österreichischer Handels-
flagge nach Südamerika zu entsenden. Der Krieg vereitelte
liesen Plan. Mexiko hat im Jahre 1923 ein mit Erzeugnissen
und Landesprodukten beladenes Warenmusterschiff nach
Europa, speziell nach Frankreich gesendet und hierbei vollen
Erfolg erzielt. In Deutschland veranstaltete im Jahre 1924
die Firma Wilhelm Diebener, G.m. b. H., gemeinsam mit
dem Verein für Auslandsreisen, E. V., Bern „Schwimmende
Messeausstellungen‘, deren erste im August und Sep-
tember des Jahres 1924 mit Erzeugnissen der Edelmetall-,
Uhren- und Schmuckindustrie den Orient besuchte, wobei
die Haupthäfen von Jugoslavien, Griechenland, der Türkei,
Palästina und Ägypten bearbeitet wurden.

Das günstige Ergebnis hat in Frankreich den Anlaß
dazu gegeben, daß man sich in maßgebenden Kreisen mit der
Entsendung eines eigenen Warenmusterschiffes nach der
Levante eifrig beschäftigt. In Österreich, das durch die
Friedensverträge vom Meere abgeschnitten ist und als einzigen
Wasserweg die Donau besitzt, ist eine Donau-Propaganda
und Ausstellungs-A.-G. in Gründung (s. Abb. 129).

Das Warenmusterschiff rechnet auch besonders stark mit
der Sensation, welche ein derart neues Unternehmen für Hafen-
plätze bedeutet. Dadurch daß auch dem konsumierenden
Publikum der Zutritt gestattet wird, wirkt das Schiff als Aus-
stellung und Messe zugleich und wird zum Mitwerber für die
ausgestellten Waren.

In diesem Zusammenhange sind auch die in England in
Aussicht genommenen Ausstellungs-Eisenbahnzüge zu
        <pb n="190" />
        PAHRBARE AUSSTELLUNGEN

67

erwähnen. Vor kurzem haben nämlich die vier führenden
englischen Eisenbahngesellschaften bekanntgegeben, daß sie
die demnächst zu verwirklichende Absicht haben, auf ihren
Linien Ausstellungszüge laufen zu lassen, welche mit Waren
verschiedenster Art angefüllt sind, die der Handelswelt wie dem
Publikum zur Besichtigung freistehen und auch besondere
Vorkehrungen für den unmittelbaren Abschluß von Geschäften
besitzen. Die Züge werden vom Handelspersonal begleitet sein,
welches Interessenten zum Besuche der Ausstellung einladen
wird. während die Züge auf einem toten Geleise in Ruhe liegen.

Abb. 129. Ausstellungskoje auf einem Messeschiff.
(Entwurf Kap, Trost, Wien, 1925.

AI. Geschäftliche Auszeichnungen und Titel.

Geschäftliche Auszeichnungen wurden erst zu Beginn der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Mode; früher begegnete
man ihnen nur ausnahmsweise, Den Anlaß hierzu gab die in
diese Epoche fallende große Anzahl von Ausstellungen,
welche vielfach an die einzelnen Aussteller Medaillen und ähn-
liche Auszeichnungen ausgaben. Diese Firmen benützten diese
Auszeichnungen als Beweis für die besonders gute Qualität
und Arbeit ihrer Erzeugnisse zu Reklamezwecken.
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        I.

MEDAILLEN UND DIPLOME
Die holländische Uhrenfirma Jürgensen z.B. führt in
ihrem Katalog folgende Auszeichnungen an:

[867. Paris. Gold Medal and Honorary Diploma.

(868. Le Havre. Maritime Exhibition: Gold Medal.

1871. Naples. Maritime Exhibition: Gold Medal. .

(872. Copenhagen. Honorary Diploma and Gold Medal.

1873. Copenhagen. First Class Gold Medal.
Created Knight of the Royal Order of Danebrog.

1881. Chaux-de-Fonds, President of the Jury. Hors concours.

1883. Zurich. Member of the Jury. Special Honorary Diploma.

1883. Zurich. Diploma for Remarkable and Distinguished Col-
lection of Chronometers and the Exhibiter’s Perseverance
in Carrying out Perfections of a Genuine Value.

1889. Paris. Gold Medal.

1890. 3 Gold Medals. Acedemie Nationale.

1893. Chicago. (Universal Exhibition) Honorary Diploma. Grand
Medal, the only one awarded.

1894. Yverdon. (Switzerland.) President of the Watchmaker’s
Section.

1896. Geneva. Gold Medal, highest award.

1900. Paris. Grand Prix.

1901. Created officer of the Legion d’Honneur.

Die Abb. 131 zeigt bereits die Auswüchse!), welche diese
Verleihungen von Auszeichnungen hervorbrachten; es wurden
eigene Ausstellungsvereine gegründet, welche ausschließlich den
Zweck hatten, an ihre Mitglieder Auszeichnungen, Medaillen
und Diplome zu verteilen, Der deutschen Ausstellungskom-
mission für das Jahr 1909 allein, sind 676 gewerbliche Aus-
stellungen (318 in Deutschland und 358 im Ausland) bekannt
geworden. . Dadurch daß sich auf diese Weise beinahe jeder
Geschäftsmann leicht eine beliebige Anzahl von Auszeich-
nungen beschaffen konnte, über deren Wert oder Unwert sich
das Publikum ein Urteil zu bilden nicht in der Lage ist, ge-
rieten schon nach wenigen Jahrzehnten die geschäftlichen Aus-
zeichnungen derart in Mißkredit, daß ihre Wirkung für Re-
klamezwecke nahezu vollkommen abstumpfte und dieselben
bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts im geschäftlichen Ver-
kehre immer mehr verschwanden. Zum Schutze gegen der-
artige das Urteil der Öffentlichkeit irreführende Ausstellungen
und Auszeichnungen wurde z. B. im Jahre 1892 in Frankreich

1) Siehe Dr. Joseph Grunzel, Industriepolitik, III. Bd., Hölder,
Wien, Leipzig 1910
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        MEDAILLEN-UNWESFN

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Abb. 130. Aufdruck der Abnehmerliste auf der Innenseite einer
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Abb. 131. Aufdruck eines Arrangements von Auszeichnungen auf
Einwickelpapier, zirka 1870.
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        L70

REFERENZEN
das Comite francais pour les expositions a l’etranger begründet.
Ähnliche Organisationen wurden auch in Deutschland, Italien
usw. geschaffen; alle diese hatten die Aufgabe, Aussteller
durch Auskunfterteilung vor Schädigungen durch Winkel-
ausstellungen zu bewahren.

Eine Ausnahme hiervon machen lediglich die den Erzeu-
gern von Autos und deren Zubehör anläßlich von Renn-
erfolgen zuerkannten Auszeichnungen, da das als Interessent
in Betracht kommende Publikum in der Regel ziemlich gut
informiert ist und so eine Täuschung durch obskure Auszeich-
nungen kaum in Frage kommt. Trotzdem ist aber auch bei
den Automobilfabriken eine offenkundige Rennmüdigkeit fest-
zustellen.

Referenz-Reklame.

Dadurch daß in weiten Schichten der. Bevölkerung, ins-
besondere des Bürgertums, die Landesfürsten und deren
Handlungen als vorbildlich galten, bedeutete ihre Bedarfs-
deckung bei einer bestimmten Stelle für diese von vornherein
aine große Reklame, da das Publikum einerseits annahm, daß
die Landesfürsten nur das Allerbeste und Schönste kaufen und
da es anderseits der Eitelkeit des Bürgertums entsprach, mit der
gleichen Ware wie der Landesfürst seinen Bedarf zu decken.

Die Reklamewirkung dieses Umstandes (Referenzreklame)
wurde bereits zu Beginn der Neuzeit erkannt. Francis
Drake bestimmte die englische Königin Elisabeth, täglich
ainen Gang Kartoffeln servieren zu lassen, um diese Nahrung
auf diese Weise bei der Bevölkerung einzuführen. Mit dem Tode
der Königin Elisabeth (1603) geriet jedoch die Kartoffel wieder
vollständig in Vergessenheit und sie wurde lediglich als Zier-
pflanze verwendet. Zur Zeit der Hungersnot (1793) pflanzte
ein Gutsbesitzer Kartoffeln und verbreitete in der Bevölkerung
die Mitteilung, daß die Knollen ausschließlich für die zahlungs-
kräftigen Schichten zum Verkaufe bestimmt seien. Die Bauern
der Umgebung plünderten die Kartoffelfelder hierauf, und auf
diese Weise gelang die Einführung der Kartoffel. .

Als P. T. Barnum die schwedische Sängerin Jenny Lind
im Jahre 1849 nach Amerika engagiert hatte, machten es sich
die Modistinnen und Besitzer der besten Geschäfte zur Ehre,
der Sängerin wertvolle Muster von Gewändern, Hüten, Hand-
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        DER HOFLIFFFRANT

7]
schuhen u. dgl. zu vereheren. Durch die Bezeichnung der
betreffenden Ware als Jenny Lind-Mäntel, -Hüte, -Hand-
schuhe u. dgl., welche in gleicher Qualität vom Publikum stark
begehrt wurden, brachten diese Lieferanten ihre Freigebigkeit
bald vielfach ein. Um in London durchzudringen, setzte
Barnum im Jahre 1844 die Vorführung des Zwerges Tom
Thumb vor der Königin durch. Die Wirkung faßt Barnum mit
folgenden Worten zusammen: „Es war sozusagen ein Verstoß
gegen Mode und guten Ton, Tom Thumb nicht gesehen zu
haben.“

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Hoflieferanten-
titel, der übrigens, was der Mehrzahl des Publikums ganz
unbekannt ist, eine effektive Lieferung an den Hof gar nicht
bedingte, in vielen Staaten ein sehr begehrter Zusatz zur Ge-
schäftsfirma (siehe Abb. 131).

Diese Einrichtung hielt sich, wenn auch mit einiger Ab-
schwächung, bis zum Jahre 1918, in welchem bekanntlich in
den besiegten Staaten die republikanische Staatsform einge-
führt und daher der Hoflieferantentitel bedeutungslos wurde.
Diese Umwälzung hat im weiteren Verlaufe das Interesse an den
geschäftlichen Auszeichnungen und Titeln fast ganz beseitigt.

Eine Abart dieser Reklameform ist die in den letzten
Jahren besonders bei Heilmitteln und Gebrauchsgegenständen
stark benützte Referenzreklame. Durch unentgeltliche
Überlieferung von Mustern oder Probegegenständen werden
für die Reklamewirkung geeignete Personen zum Gebrauche
und in weiterer Folge zur Abgabe eines Gutachtens über die-
selben veranlaßt. Die Gutachten werden hierauf gesammelt
und veröffentlicht, ein Vorgang, der sich in vielen Fällen
tatsächlich als sehr wirksam und erfolgreich erwiesen hat.

Eine äußerst geschickte Reklame dieser Art machte die

jetzt aufgelöste — Nomos-Uhr-Gesellschaft. Allerdings
war die Art, wie die Gutachten eingeholt wurden, nicht ein-
wandfrei. Der Geschäftsführer der Gesellschaft übergab in
persönlicher Verehrung den gerade aktuellen Berühmtheiten
eine kostbare Uhr und bat gleichzeitig, ihm doch zu schreiben,
wie die Nomos-Uhr gefalle. So erreichte er glänzende Urteile,
die er mit dem Bilde der betreffenden Persönlichkeit und einem
kurzen Texte über diese in seinem Kataloge abdruckte.
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        GESCHENKWERBUNG

XIV, Die Geschenkreklame. &gt;

Die Geschenkreklame geht darauf zurück, daß einzelne
Händler auf den Gedanken kamen, den Kindern ihrer Kund-
schaft regelmäßig eine Süßigkeit u. dgl. zu schenken, um
sie auf diese Weise zu veranlassen, den Besuch ihrer Geschäfte
von den Eltern zu verlangen.

Derzeit werden zu Reklamezwecken die verschiedensten
Gebrauchsgegenstände verschenkt, in erster Linie, um beim
Empfänger den Namen der Firma ständig wachzu-
halten. Als Geschenke werden Postkarten, Kalender, Notiz-
bücher, Bleistifte, Zündholzschachteln, Feuerzeuge, Taschen-
spiegel, Briefmarken, Löschpapier, Papierservietten, Lose
sowie Muster und Warenproben aller Art verwendet.

Zur Einführung des Turokbrotes bot eine Firma in
Cardiff im Jahre 1905 in Zeitungsanzeigen Interessenten
Gratislaibe an. Innerhalb der Verteilungsfrist sollen 250000
Stück zur Abgabe gelangt sein.

Die Geschenkreklame tritt auch in versteckter Form
als Rabattmarke, Prämie bei Finkäufen in gewissem Mindest-
umfange, Unfallversicherungen für Abonnenten von Zeitungen,
Gratiskonzerten in Warenhäusern u. dgl. auf.

Eine der Geschenkreklame verwandte Reklame ist die
Abgabe sogenannter Lockartikel, d.i. der eventuell sogar
zu Verlustpreisen durchgeführte Verkauf einzelner Waren
seitens großer Geschäftshäuser, um an das auf diese Weise an-
gelockte Publikum auch andere Waren selbstverständlich zu
normalen Preisen abzusetzen.

Durch Räumungs- und Ausverkäufe wollen ein-
zelne Kaufleute in dem Publikum die Vorstellung einer eigenen
Zwangslage und einer besonders günstigen Kaufgelegenheit
erwecken; da derartige Ankündigungen vielfach auf falschen
Tatsachen beruhten, so bestehen in einzelnen Staaten bereits
gesetzliche Beschränkungen derartiger Ankündigungen und
Verkäufe (s. auch S. 236).
XV. Groteske und sensationelle Reklame.
Einzelnen Reklametreibenden genügt selbst die restlose
Ausnützung . der besprochenen Reklamemittel nicht, sie
        <pb n="196" />
        GROTESKE REKLAMEIDEL
suchen etwas Absonderliches, um die Aufmerksamkeit in
erhöhtem Maße auf sich zu lenken. Abb. 132 zeigt ein Inserat,
durch welches beim ersten Eindruck eine Uhrenfabrik offenbar
in Mißkredit gebracht wird: der Zweck ist jedoch ausschließlich
der, durch dieses Kuriosum die Zeitungsleser zur besonderen
Beachtung des Inserates zu veranlassen.
Zugsverspäfung
durch eine
Zenth-Uhr

Kürzlich hat ein Reisender im Vertrauen auf
seine Zenith-Uhr seinen Zug versäumt. Es
hat sich bei der Untersuchung ergeben, daß
die Uhr, als sie zum Verkauf gelangte, nicht
genügend geölt war. Das ist bei einer X-Uhr
begreiflich; eine Zenith-Uhr aber, die den
Weltrekord für Präzision schlägt, sollte sich
diesen Scherz nicht erlauben. Es ist übrigens
dafür gesorgt, daß Reisende, die sich im
Besitz einer Zenith-Uhr befinden, in Zukunft
ihren Zug nur dann versäumen, wenn sie
vergessen haben, ihre Uhr — aufzuziehen.
Abb. 132. Groteskes Inserat.

Der berühmte. Reklamemeister Barnum („Aus dem
Leben Phineas Taylor Barnum“‘, Verlag Otto Wigand, Leipzig,
1924) trug nach Etablierung seines Zirkuses die Maske eines
in der dortigen Gegend als Frauenmörder berüchtigten
Pfarrers, Die Bevölkerung wollte ihn lynchen, eine Justiz,
die nur im letzten Moment verhindert werden konnte. Dieser
Vorgang und die Aufklärung dieses Mißverständnisses durch
ihn wird von Barnum als besonders zugkräftige Reklame für
seinen Zirkus in diesem Orte bezeichnet.

Ein anderes Mal beschättigte Barnum einen Bettler da-
mit, daß er Ziegelsteine an verschiedenen, in der Nähe des
Zirkuses befindlichen, vom Publikum stark frequentierten
Stellen niederlegen ließ ; einen Ziegelstein behielt dieser Bettler
immer in der Hand und wechselte ihn auf seinem ständigen
        <pb n="197" />
        ES
4

NEUGIERDE DES PUBLIKUMS
Rundgang immer mit je einem der niedergelegten Ziegelsteine
aus; diesen Rundgang beendete der Bettler regelmäßig damit,
daß er in das Museum ging und dort einige Minuten verblieb.
Viele Hunderte der neugierig gemachten Passanten nahmen
Eintrittskarten in das Museum, um zu sehen, was der Bettler
dort trieb. Auf diese Weise wurde angeblich ebenfalls eine be-
deutende Einnahme erzielt.

Abb. 133. Groteske Reklamefigur.
(Julius Klinger ‚,‚Der Bücherwurm‘‘ am Geschäftshaus der Firma M. Perles, Wien.)

Auch sonst ist die Neugierde des Publikums ein beliebtes
Reklamemittel. Es werden oft wochenlang Plakate und
Inserate verbreitet mit der Frage „Was ist Hobby“ u. dgl. Ist
die Neugierde genügend stark erweckt, so wird dann in ebenso
großen Plakaten die Antwort: „Hobby ist der neueste Film,
das beste Waschmittel, das wirksamste Mittel gegen Zahn-
schmerzen u. del.“ verbreitet.
Auch die Aufstellung grotesker Figuren entweder in
der Auslage oder vor dem eigenen Geschäfte (s. Abb. 133)
oder in den Auslagen befreundeter Firmen wird gerne als
Attraktionsmittel benützt.
        <pb n="198" />
        ANFÄNGE GEMEINSAMER REKLAMF

A
Franklin hat Mitte des 18. Jahrhunderts, um die Wirkung
des (:ipses als Kunstdünger zu beweisen, in mehreren ‘Meter
großen Buchstaben auf seinem Grundstücke mit Gips die
Worte „here is gegipst‘ (hier ist Gips ausgestreut) geschrieben.
Als dann die Ernte kam, sah die Bevölkerung, daß die an diesen
Stellen gewachsenen Pflanzen viel größer und schöner waren
als an den übrigen Orten und so zur lebendigen Reklame für
den neuen Kunstdünger wurden.

In einzelnen Fällen führt jedoch die sensationelle Reklame
auch zu geschmacklosen Mißbräuchen. So ließ eine Füllfeder-
firma Heiratsinserate erscheinen und stellte dann die einge-
langten Schreiben in ihrem Schaufenster aus.

Im großen und ganzen muß die sensationelle und die gro-
teske Reklame als Ausnahmeerscheinung bezeichnet werden;
sie hat sich auch bisher in weitem Umfange nicht durchzu-
setzen vermocht.
XVI. Die Kollektivreklame.
Unter Kollektivreklame versteht man den Zusammenschluß
mehrerer Interessenten zur gemeinsamen Reklame. Auf diese
Weise sollen gemeinsame Ziele durch gemeinsam aufgewendete
Mittel gefördert werden. Die Konkurrenz der Interessenten
untereinander bildet hierbei kein Hindernis, da die Kollektiv-
reklame in Formen gebracht wird, durch welche die Aufmerk-
samkeit des Publikums bloß nach einer gewissen Rich-
tung hin gelenkt wird, ihm aber innerhalb derselben die freie
Entscheidung überlassen bleibt.

Bereits in einem Flugblatte des Buchführers Peter
Schöffer aus dem Jahre 1469 sind Bücher seiner Druckerei
und der Druckerei Gutenbergs gemeinsam angekündigt.
Diese Anzeige dürfte wohl die erste Kollektivreklame gewesen
sein.
Die nächste Stufe bilden die Zunftzeichen. Die Zunftange-
hörigen hatten alle das gleiche Zunftzeichen ausgehängt, z. B.
jeder Schlosser den Schlüssel (s. Abb. 25). Von dem Zunftwesen
leitet sich auch die gemeinsame Ankündigung der Verkaufs-
konditionen gewisser Gewerbe- und Handelszweige ab. Um
das im Verkehr mit der Kundschaft immerhin für den einzelnen
        <pb n="199" />
        ZU

REKLAME VON ZÜNFTEN UND INNUNGEN
Zum gulen
BRiy

VERS
PORT
Z
7

QUALITÄTSLEISTUNG DAS ZIEL |
DER SCHIRM-SPEZIALGESCHÄFTE
Abb. 134. Kollektivplakat der deutschen Schirmindustrie (wurde in
Deutschland i. J. 1924 zur Erregung des Interesses für Schirme
verbreitet).

L

Verkäufer odiose Diktat bestimmter Konditionen und Preise
zu vermeiden, lassen einzelne Berufsvereinigungen die von
ihnen beschlossenen .Konditionen in Form von Inseraten,
Affichen, Rundschreiben u. dgl. veröffentlichen, um dem AB-
        <pb n="200" />
        MODERNE KOLLEKTIVREKLAME

r
77
nehmer die Unabänderlichkeit der Konditionen derart zu
suggerieren, daß ihm selbst ein Abgehen von ihnen als aus-
sichtslos erscheint.

Vielfach wird auch Kollektivreklame zu dem Zwecke
gewählt, um das Publikum auf eine bestimmte Ware auf-
merksam zu machen. Es sei hierbei z. B. auf das zu Weih-
nachten 1924 verbreitete Plakat der Schirmerzeuger (siehe
Abb. 134) hingewiesen, welches lediglich einen Schirm enthält
mit der Bemerkung: ‚Zum guten Kleid. der gute Schirm“.
Im Deutschen Reiche werden auch seitens der Sportartikel-
industrie an das Publikum in großem Umfang Broschüren und
Aufklärungsschriften über die Wichtigkeit und gesundheitliche
Bedeutung des Sportes versendet. Auch hier steuern also
Konkurrenten für einen gemeinsamen Reklamezweck Mittel
zusammen, um zunächst die Aufmerksamkeit des Publikums
in entsprechendem Umfange wachzurufen, da dann erst be-
greiflicherweise die Reklame des einzelnen überhaupt Aussicht
auf Erfolg hat.

Das ausgedehnteste Gebiet der Kollektivreklame jedoch
ist der Fremdenverkehr. Trotz der in den einzelnen Ver-
kehrsgebieten bestehenden scharfen Konkurrenz der einzelnen
Herbergsunternehmungen haben sie doch alle das eine ge-
meinsame Interesse, das Publikum gerade ihrem eigenen Ge-
biete zuzuführen und hierdurch vor anderen fremden Ver-
kehrsgebieten den Vorsprung zu gewinnen. Es werden ge-
meinsame Fremdenzeitungen herausgegeben, gemeinsame Pla-
kate und Prospekte verbreitet, gemeinsame Inserate ange-
schlagen usw.

Ein großes Gebiet der Kollektivreklame bilden schließlich
die sogenannten Exportrubriken in den Zeitungen. Unter
dem Gesichtspunkte, daß ausländische Bezieher sich die Frage
stellen; „Wer exportiert ?‘“, sind branchenmäßig geordnete
Exportbezugsquellenverzeichnisse unter einer gemeinsamen
Rubrik „Exportanzeigen‘‘ in den Zeitungen aller am Export
interessierten Staaten üblich.

Eine besondere Art der Kollektivreklame ergibt sich auch
manchmal aus der Tatsache, daß eine Reihe vielfach sehr ver-
schiedenartiger Unternehmungen Eigentum einer Person
bilden. Hierher fallen beispielsweise die Ankündigungen ein-

Paneth, Entwicklung der Reklame.
        <pb n="201" />
        178

AUSSICHTEN DER KOLLEKTIVREKLAME
zeiner (Gemeinden, welche zusammenfassend alle ihnen ge-
hörenden Unternehmungen, wie Straßenbahnen, Gas- und
Elektrizitätswerke, Lagerhäuser usw. aufzählen.

Die immer weiter fortschreitende berufliche Orga-
nisation in allen Interessentenschichten, welche allein schon
praktisch genommen eine besondere Betonung gemeinsamer
Interessen darstellt, bedeutet für die Kollektivreklame in
Hinkunft eine ungeahnte Entwicklungsmöglichkeit und damit
gleichzeitig das Aufsteigen einer neuen Form des Konkurrenz-
kampfes, nämlich den der Geschäftszweige untereinander,
        <pb n="202" />
        B. REKLAME FÜR LÄNDER UND
GEMEINDEN.

l. Allgemeines und Historisches.
Ebenso wie sich die Notwendigkeit ergibt, für Waren
(bewegliche Sachen) zum Zwecke des geschäftlichen Umsatzes
Reklame zu machen, so machte sich durch die Entwicklung des
Gastgewerbes und der Hotelindustrie wie auch durch das

Abb. 135. Reklame für Besiedlung neuer Gebiete.
(Die zwei Boten aus dem gelobten Lande Kanaan
mit der Traube, um das jüdische Volk von dem
Reichtum des Landes zu überzeugen.)
(Silberplastik aus dem Tahre 1734.1
Emporblühen der Verkehrsanstalten die Notwendigkeit
geltend, für ganze Landesgebiete Reklame zu machen, einer-
seits um durch den Konsum der Fremden eine Reihe von Er-
werbsmöglichkeiten zu fördern und anderseits um die Inan-
Spruchnahme der Verkehrsmittel zu vergrößern.
        <pb n="203" />
        LOU

EINWANDERER-REKLAME
Hierbei ist zu betonen, daß bereits vor der Fremden-
verkehrsreklame die Propaganda für ganze Landesgebiete in
großem Umfange durchgeführt wurde. Das älteste Zeugnis
hierfür gibt uns das Alte Testament (4. Buch Moses,
Kapitel 13) durch den Bericht darüber, wie die Diener des
Moses die jüdische Bevölkerung für die Besiedelung des ge-
iobten Landes „Kanaan“ gewannen (s. Abb. 135). Die
diesbezügliche Bibelstelle lautet:

Und Moses schickte die Diener, zu erspähen das Land Kanaan.
Und sie kamen bis in das Tal Eschkol, schnitten dort eine Rebe mit
siner Weintraube ab, die sie auf einer Trage zu zweien trugen und
nahmen von den Äpfeln und Feigen. Und sie kehrten zurück vom
Erkunden des Landes nach Verlauf von 40 Tagen. Da gingen sie und
kamen zu Moses und Aron und zur ganzen Gemeinde der Söhne
[Israel in der Wüste Paran nach Kadis und brachten ihnen und der
ganzen Gemeinde Antwort und ließen sie die Früchte des Landes
schauen. Und erzählten ihm und sprachen: ‚‚Wir kamen in das Land,
wohin du uns gesendet; wahrlich, gesegnet ist es mit Milch und Honig,
und dieses ist seine Frucht.‘

Für die Besiedelung der neuentdeckten Erdteile wurde
in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit lebhafte Propaganda
gemacht; es wurde den Auswanderern unentgeltliche Landzu-
weisung und die Beistellung von Geldmitteln, Ackergeräten
usw. versprochen. John Law machte nach “Gründung der
Compagnie des Indes 1719 große Propaganda für die Besied-
lung der Länder am Missisippi, wobei allerdings der Erfolg
dieser Aktion durch seinen bereits in das Jahr 1720 fallenden
geschäftlichen Zusammenbruch fast gänzlich verhindert wurde.

Die Werbetätigkeit für die Besiedlung Kanadas zur
Zewinnung neuer Einwanderer und Kolonisten knüpfte in
arster Linie an das Verfahren der großen Eisenbahngesell-
schaften und an den Namen Clifford Stifton, Minister des
[nnern, an. Dieser errichtete in einer Reihe von Staaten
Agenturen, welche auch die Erzeugnisse von Kanada
vorzuführen hatten, sorgte für die Verbreitung der Kennt-
nisse über das Land und den Stand seiner landwirt-
schaftlichen Entwicklung durch Drucksachen und Abbildungen,
veranstaltete Ausflüge und Besuchsreisen von Zeitungs-
herausgebern, von Personen, die als Landkäufer in Betracht
kamen usw. Hunderttausende wurden auf diese Art ausge-
geben, dafür aber stieg in dem Zeitraume seit Beginn der
        <pb n="204" />
        ANFÄNGE DES FREMJENVERKEHRS

181
Unternehmung, d.i. 1896 bis 1903 die Zahl der Einwanderer
aus den Vereinigten Staaten von 108 auf nahezu 500060 im
Jahre. Dem Beispiel der Regierung folgten übrigens Provin-
zial- und Städteverwaltungen. (S. Pr. Ink. 31. August 1904,
22. März 1905 und 19. Jänner 1910.) Auch die Kolonialregie-
rungen von Australien begannen 1910 einen Reklamefeldzug
in England durch Zeitungsanzeigen, namentlich um Landwirte,
Hausdienstboten und Kapitalisten zu gewinnen. (S. Adv. W
Apr. 1910, Adv. (Lond.) Juni 1910.)

Die Fremdenverkehrspropaganda der letzten Jahrzehnte
wurde dadurch veranlaßt, daß einerseits entsprechende Ver-
kehrseinrichtungen ausgebaut waren und anderseits sehens-
werte Naturschönheiten leicht zugänglich gemacht und
so der Allgemeinheit erschlossen wurden; diese Umstände
reizten wieder zum Bau entsprechender Unterkunftsmög-
lichkeiten.

Der entscheidende Schritt in dieser Entwicklung wurde
durch die Eröffnung der ersten europäischen Bergbahn,
d. i. der Bahn von Vitznau am Vierwaldstädter See (Schweiz)
auf den Rigi, gemacht, welche am 27. Juni 1873 bis zur Spitze
hinauf (Rigi-Kulm) vollendet wurde. Die relativ sehr bedeu-
tenden, hierfür verwendeten Mittel erforderten begreiflicher-
weise eine starke Ausnützung sowohl der Bahn als auch des
damals modernst und mit großen Kosten errichteten Hotels,
ein Ziel, das nur durch eine entsprechende Reklame erreicht
werden konnte. Bald folgten auch andere Teile der Schweiz
diesem Beispiel, und zwar sowohl in der Erschließung von Na-
turschönheiten als auch in der Organisation einer entsprechen-
den Propaganda für den Besuch derselben.

Die Fremdenverkehrspropaganda der übrigen Staaten
fällt erst in das 20. Jahrhundert, erfuhr jedoch während des
Weltkrieges (1914 bis 1918) einen jähen Rückschlag durch die
mit dem Kriege verbundene Absperrung der Staaten gegen:
einander und begann sich erst in den 20er Jahren des 20. Jahr-
hunderts neu zu beleben.

Die Mittel der Fremdenverkehrspropaganda sind einer-
seits solche, die ausschließlich nur für diesen Zweck geeignet
sind und anderseits solche, die auch im Dienste der sonstigen
geschäftlichen Reklame stehen.
        <pb n="205" />
        FREMDENBLÄTTER UND REISEBÜROS
II. Ausschliefsliche Mittel der Fremden-
verkehrsreklame.
Zur dieser Gruppe gehören x. die ausschließlich der
Propaganda einzelner Kur- und Erholungsorte dienenden
Zeitungen, d. s. die sogenannten Fremdenblätter; 2. Aus-
kunfts-, Reise- und Propagandabüros; 3. Fremdenverkehrs-
(Kur-) Kommissionen und solche Verbände.

Die ältesten Fremdenblätter finden wir in der Schweiz.
So stammt die Fremdenzeitung des Bades Ragaz aus dem
Jahre 1863, die der Orte am Vierwaldstädter See aus dem
Jahre 1869, die des Kantons Graubünden aus dem Jahre
1873 usw. Heute haben bereits alle großen Kurorte, Sommer-
frischen und Sportgebiete offizielle und periodisch erschei-
nende Publikationen. Das Fremdenblatt ist zu einer einge-
lebten und allgemein üblichen Erscheinung geworden,

Zur Information des Reisepublikums wurden ferner be-
sondere Auskunfts- und Reisebüros errichtet. Ihnen obliegt
auch die Durchführung ‚der auswärtigen Propaganda. Die
offizielle Verkehrskommission in Zürich eröffnete im Jahre
:886 ihr offizielles Verkehrsbüro; dasselbe wurde bereits im
ersten Jahre seiner Tätigkeit, wie der Tätigkeitsbericht besagt,
von 400 Fremden in Anspruch genommen. Die Parteien infor-
mierten sich dort über die Sehenswürdigkeiten der Stadt und
ihrer Umgebung, ließen sich Kostenberechnungen für Reisekom-
binationen machen und fanden auch durch das dort aufgelegte
Desiderien- und Beschwerdebuch die Möglichkeit, Be-
schwerden vorzubringen und die Abstellung allfälliger Übel-
stände zu beantragen.

Während die Propagandatätigkeit der Auskunftsbüros
im Außendienste liegt, so obliegt den Verkehrs- und Kur-
kommissionen die Organisation des lokalen Dienstes. Diese
veranlassen den Ausbau von Wegen und Gartenanlagen, sie
veranstalten Konzerte, Feste und Unterhaltungen aller
Art, sie stellen Ausflüge, Extrazüge und Gesellschaften für
Gesellschaftsautos zusammen, errichten Evidenzstellen für
freie Hotelzimmer, sie organisieren den Sportbetrieb durch
Anlage von Tennis- und Golfplätzen usw., ihnen obliegt auch
        <pb n="206" />
        KURKOMMISSIONEN

133
die Untersuchung etwaiger Beschwerden und die Abstellung
der Übelstände. Bereits im Jahre 1886 betrugen die Aus-
gaben der Kurkommission Zürich etwa 26000 Frs., welche im
Tahre 1925 auf ca. 85000 Frs. gestiegen sind.

BERGE

FÜH:

Abb. 136. Plakat für die Reichenberger Messe, 1925.
        <pb n="207" />
        184 WERBEMITTEL DER VERKEHRSWERBUNG
III. Die Geschäftspropaganda im Dienst des
Fremdenverkehres.
Neben diesen ausschließlich dem Fremdenverkehr dienen-
den Propagandaeinrichtungen benützt dieser auch alle son-
stigen Reklamemethoden, d.s. 1. Inserate, Plakate und Pro-
spekte; 2. redaktionelle (anonyme) Reklame; 3. belehrende
Vorträge mit Lichtbildern; 4. Gewährung von Ermäßigungen
von Verkehrsmittel- und Unterkunftspreisen; 5. Propaganda-
umzüge usW.
Plakate und Inserate werden überall dort veranlaßt,
wo ein zahlreiches, für den Besuch in Betracht kommendes
Publikum vermutet wird (s. Abb. 55 u. 136). Das verbreitetste
und wirksamste Reklamemittel bilden die Prospekte, die
von den einzelnen Interessenten oft in vielen Millionen Stück
verbreitet werden. Am. beliebtesten ist derzeit der sog. Falt-
prospekt, d.i. ein in der Regel im Oktavformat zusammen-
gelegter, halber Bogen, weil hierdurch einerseits. der Druck
großer Karten ermöglicht wird und anderseits die Kosten des
Heftens erspart werden.
Die redaktionelle Reklame im Dienste des Fremden-
verkehrs hat einen sehr bedeutenden Umfang. Die Einladung
von Journalisten zu einem mehrwöchigen, unentgeltlichen Auf-
enthalte in vielen Kurorten ist nahezu zur Regel geworden,
eine Einrichtung, die sich selbstverständlich durch die ent-
sprechenden Zeitungsberichte glänzend rentiert. Ermäßi-
gungen für Verkehrsmittel werden entweder aus besonderen
Anlässen (wie Messen, Ausstellungen, Kongressen u. dgl.)
oder ebenso wie Ermäßigungen im Unterkunftspreise bei ent-
sprechender Aufenthaltsdauer bewilligt. Schließlich werden
auch Sandwichmänner, Wagenreklamen (s. Abb. 137) u.
dgl. im Dienste des Fremdenverkehrs verwendet. ;

Eine besonders originelle Reklame dieser Art wurde von
der Wiener internationalen Messe, anläßlich ihrer 10. Ver-
anstaltung (7.—13. März 1926) durchgeführt. Sie ließ Ab-
bilder der Messehäuser in den Dimensionen von 3 Meter
Länge, 2,20 Meter Preite und 2 Meter Höhe von Künstler-
        <pb n="208" />
        PROPAGANDAAUTOS

85
hand herstellen, die auf einem 35 pferdekräftigen Auto mon.
tiert, in ganz Mitteleuropa durch ihr Erscheinen den Sieges
zug der Wiener Messe wirksam versinnbildlichen sollten.

N

Abb. 137 Fremdenverkehrsreklame durch Propagandaautos.
(Wiener Messe 1026.)

Auf einem viereckigen Unterbau aus Blech sind das Kegeldach
der Rotunde mit der Laterne und der Messepalast genau nach dem
Original aufgesetzt (s. Abb. 137). Die Fenster des Unterbaues und der
Kuppel erstrahlen abends im Lichte zahlreicher Glühlampen. An drei
Seiten des Unterbaues sind transparante Aufschriften ‚, Wiener Jubi-
läumsmesse, 7.—13. März 1926‘ angebracht. Fahrer und Mitfahrer
sind durch ein Wetterdach geschützt und haben an der Seite ihres
Piatzes ein großes Fach zur Unterbringung der diversen Propaganda-
schriften der Messe. Die Insassen des Automobils haben die Auf-
gabe, überall die Propagandaschriften der Messe, Plakate, Prospekte,
Flugzettel usw. zu verteilen, so insbesondere in den Hotels, in den
großen Kaufmannsläden, bei Genossenschaften, landwirtschaftlichen
Vereinigungen und anderen Wirtschaftsverbänden.

In das Innere des Wagens hat die Messe auch einen Kinoapparat
montieren lassen; wenn der Prospekt an der Rückseite des Reklame-
autos hochgezogen wird, erscheint auf der Kinoleinwand ein überaus
lustiger Film: „Die Entdeckung Wiens auf dem Nordpol“.

Ein besonderes Mittel der Propaganda gewisser Länder
und Orte bilden das Metall- und Papiergeld, die Post-
wertzeichen und Poststempel. Die Verwendung der Brief-
marke für Propagandazwecke setzte erst einige Zeit nach ihrer
Einführung ein. Die Marke enthielt ursprünglich, wie es der
Zweckmäßigkeit entspricht, in der Mitte die Ziffer des Betrages
        <pb n="209" />
        186

REKLAME DURCH BRIEFMA RKEN
und in einer Bordüre den Namen des Landes. Guatemala
hat mit seiner Marke mit dem Papagei vom Jahre 1886 und
Ägypten mit seiner Pyramiden-Marke vom Jahre 1887 den
Anfang damit gemacht, jedermann, der irgendwie mit diesen

1

Abb. 138. Briefmarken im Dienste des
“Landschaftsreklame)

Fremdenverkehres

[0 =,
ÄRTS BEL

Abb. 139. Briefmarken im Dienste des Fremdenverkehres
(Ausstellungen, Messen und Sportfeste).

Ländern in Verbindung steht, die Schönheiten und Charak-
teristik des Landes auf diese Weise bekanntzugeben (siehe
Abb. 138 u. 139). Manche Länder und Orte besitzen ausschließ-
lich durch ihre Briefmarken geradezu eine Bekanntheit, die sie
ohne dieselben zweifelsohne nicht aufzuweisen hätten (siehe
        <pb n="210" />
        REKLAMF DITPC-

Abb. 140). Eine sehr zweckmäßige Fremdenverkehrsreklame
macht die Schweiz mit ihren Postkarten, auf welchen sich
kleine Abbildungen berühmter Landesschönheiten befinden
's. Abb. 141).

“ POSTFARTFEN

zn

Abb. r140. Seltene Briefmarken als unbeabsichtigte Landesreklame

Eine besonders häufig verwendete Reklame ist die der
Ausstellungsmarke, um jeden Briefempfänger aus diesem
Lande hierdurch auf die Ausstellung aufmerksam zu machen.
Diese Propagandaform wurde bereits im Tahre 1882 von Bavern

Carte postale
Postkarte
Cartolina postcale

A

7}
Postkarte
Carte postale 10
Cartolina postale HY

Akku Ha
Abb. 141. Landschaftsreklamebilder auf Schweizer Postkarten

anläßlich der Landesgewerbe-, Industrie- und Kunstausstellung
in Nürnberg verwendet. Von den in letzter Zeit veranstalteten
Ausstellungen wurden die Weltausstellung in W embley, die
Kunstgewerbe-Ausstellung in Paris und die Verkehrsausstel-
lung in München durch Sondermarken propagiert (siehe
Abb. 1209).
        <pb n="211" />
        [68

REKLAME DURCH POSTSTEMPEL

E .
TEZLAFOIRE „&lt;STERPEN- VISITEZ LA FOIRE

) SS

ANATIONELB fin INTERNATIONALE

En -8X25. 820 |

jt LYON-—— A }——0€E LYOR—
MARS 1926 \ZHOnC/ 1:14 MARS 1926 ML

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NATION
LYON
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ZESUCHET Din.
WIENER
RS

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1” BESUCHET DIE CNiE
ı WIENER ı ft &lt;A
MESSE HOLE 254
\SEPT 1925. "Cm
5R *

Abb. 142. Fremdenverkehrsreklame durch Poststempel.

reH EMPIRE
TION
CT.

ST GARE
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(SEP 27\Z

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Abb. 143. Fremdenverkehrsreklame durch Poststempel (während der
Englischen Weltausstellung 1925)

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Abb. 144. Notgeld als Fremdenverkehrsreklame
(Österreich.)}
        <pb n="212" />
        REKLAME DURCH

PA PIERGELL)
5

Abb. 145. Notgeld als Fremdenverkehrsreklame,
(Deutschland.)

Abb. 146. Banknote als Fremdenverkehrsreklame
{Tschechoslowakei}
Relativ neuen Datums ist die Verwendung des Post-
stempels für Fremdenverkehrszwecke, hier sei auch auf den
von der britischen Post für die Ausstellung in Wembley, von
Seite der französischen Post für die Pariser Kunstgewerbeaus-
stellung sowie schließlich auch auf den seitens der österreichi-
schen Postverwaltung zugunsten der Wiener Messe ständig
verwendeten Poststempel verwiesen (s. Abb. 142).
        <pb n="213" />
        [JO

F
2

REKLAME DURCH MÜNZEN

FF
AM
u

A

Abb. 147. Münzen mit Landschaftsdarstellung, 1685.

Auch die Bedeutung von Geldzeichen für die Fremden-
verkehrspropaganda ist nicht zu unterschätzen. Hier bot
das von den besiegten Staaten zur Zeit der Währungsver-
schlechterung herausgegebene Notgeld (s. Abb. 144 u. 145)
sine reiche Betätigungsmöglichkeit, und tatsächlich ist durch
dasselbe gar manches bis dahin verborgene Stück landschaft-
licher Schönheit bekannt geworden. Vorbildliche Banknoten
sind die 100-Kronennoten der tschechoslowakischen Republik
‚S. Abb. 146), welche eine überaus günstige, bildliche Darstel-
lung von Prag zeigen und die Schweizer Banknoten. Aber
auch das Metallgeld bietet die Möglichkeit der Fremdenver-
kehrsreklame und es wird auch von ihr, wie aus Abb. 147 zu
zrsehen ist, ausgiebig Gebrauch gemacht.
        <pb n="214" />
        C. DIE PERSONENREKLAME.
I. Allgemeines.
Der Ausdruck „Personenreklame‘‘ wird selbst von sonst
vorurteilsfreien Personen häufig zurückgewiesen, weil in dieser
Bezeichnung eine gewisse Herabsetzung berühmter Persönlich-
keiten bzw. deren Verdienste gesehen wird. Die Reklame-
wissenschaft hat jedoch schon seit langem den Sachverhalt
richtig erkannt. Rudolf Cronau bezieht in seinem ‚Buch
der Reklame‘‘ (1886) die Reklame für Personen ausdrücklich
in den Begriff der Reklame ein. Der im Jahre 1887 im Verlag
Carl Gerolds Sohn, Wien, erschienene Leitfaden der Reklame
beschäftigt sich ausschließlich mit der Reklame für Personen.
Professor Dr. Viktor Mataja bezeichnet in seinem Werke
„Die Reklame‘‘ jede Bekanntmachung von Personen
und Gegenständen, die geeignet ist, die Aufmerksamkeit der
Menschen zu gewinnen, als Reklame.

Wie sollte auch die Bevölkerung auf andere Weise als
durch Reklame wissen, daß der Thronfolger N. N. die hervor-
ragendsten, geistigen und körperlichen Fähigkeiten besitzt, da er
doch vielfach durch die Etikette von ihr gänzlich abgeschnitten
ist. Wie soll die Allgemeinheit davon Kenntnis haben, daß
Dr. X. ein überaus erfolgreicher Operateur ist, da selbst die
größte Begeisterung seiner Patienten doch nur relativ enge
Kreise erfaßt. Wie soll dem einfachen Bürger bekannt werden,
daß der Maler X. der Kunst eine neue Richtung gab, da jener
doch selbst in der Regel von Kunst nur sehr wenig versteht
und auch mit Kunstsachverständigen kaum in direkte Be-
rührung kommt.

Da die Kenntnis aller dieser Umstände seitens der Be-
völkerung zufolge einer inneren oder übersinnlichen Erleuch-
tung von keiner Seite behauptet wird, so mußte sie ihr eben
auf ganz normalem Wege beigebracht worden sein. Bei SOTB-
fältiger, objektiver und vorurteilsfreier Nachforschung bleiben
die wahren Ursachen der Publizität der genannten Tatsachen
auch nicht verborgen.
        <pb n="215" />
        [92

REKLAME DER KÖNIGE

Die nachfolgende Abhandlung beschäftigt sich mit den
Mitteln der Personenreklame; hierbei sollen jedoch
nur diejenigen Reklamemittel und -formen hervorgehoben
werden, welche nicht schon bereits früher aus Anlaß der Dar-
stellung der geschäftlichen Reklame erörtert wurden; ferner
soll ebenso wie bei der Darstellung jener auch hier der Grundsatz
maßgebend sein, daß Details nur insoweit angeführt werden,
als sie zur historischen Begründung der angeführten Ergebnisse
notwendig sind. Die Häufung von Beispielen wird absichtlich
vermieden, um den Überblick nicht zu stören und um die für
die Personenreklame wirkenden Kräfte klar hervortreten zu
lassen.

Neben der Behandlung der Materie nach den verwendeten
Reklamemitteln muß die Personenreklame auch noch in eine
solche für politische Persönlichkeiten, d. s. Herrscher, Feld-
herren und Volksvertreter und eine solche für die Angehörigen
von Kunst und Wissenschaft untergeteilt werden.
II. Reklame für politische Persönlichkeiten.
a) Abstämmlinge und Vertreter Gottes,

Das unentbehrliche Instrument für Fürsten und Heer-
führer ist ihre Autorität gegenüber dem Volke und das Ver-
trauen desselben zu ihnen. Da den Göttern diese beiden Eigen-
schaften unbegrenzt zugute kamen, so haben sich bereits
Könige und Heerführer in prähistorischer Zeit als Abkömm-
linge der: Götter bezeichnet.

Die Pharaonen (ca. 3000 v. Chr.) gaben sich als Söhne
des Sonnengottes aus; als Alexander der Große auf
seinem Zuge durch Ägypten im Jahre 332 v. Chr. in die Oase
Siwa kam, wo sich ein Heiligtum des Sonnengottes Amon
befand, wurde er von den Priestern als Sohn dieses Gottes und
somit als echter Pharao erklärt.

Die Könige der Spartaner leiteten ihre Herkunft von
Herakles, dem .Sohne des Zeus, ab. Die Perserkönige
Cyrus, Daräus usw. haben sich als unmittelbare Abstämmlinge
Gottes bezeichnet und sich auch als Götter verehren lassen.

Romulus (860 v. Chr.) wurde der Sage nach als Sohn des
Kriegsgottes Mars und einer Vestalin geboren und als Säug-
        <pb n="216" />
        DAS GOTTESGNADENTU,

D
ling durch eine von Mars gesandte Wölfin genährt. Auch sein
Tod war übermenschlicher Art; er wurde während eines
großen Unwetters entrückt und erschien später einem vor-
nehmen Bürger im Traume, welchem er die Meldung an die
Römer auftrug, daß er zu den Himmlischen heimgegangen
wäre.

Der erste römische Kaiser Augustus führte seinen
Stammbaum auf Romulus und damit ebenfalls auf Mars
zurück, sein Hofpoet Vergil führte in dem Epos ‚„Aeneis‘
den‘ Nachweis für diese Behauptung. Infolgedessen ließen sich
Augustus und seine Nachfolger als Götter verehren; es wurden
ihnen Tempel erbaut, täglich Opfer dargebracht, ein eigenes
Priesterkollegium eingesetzt usw.

Der Grund der Christenverfolgungen!) lag darin,
daß die römischen Kaiser in dem Monotheismus die Verneinung
ihrer eigenen Gottheit, damit also eine Majestätsbeleidigung,
erblickten. und die Christen nach den Bestimmungen des
Gesetzes über Majestätsbeleidigung als Anarchisten ver-
folgten. Nach Einführung des Monotheismus im Mittelalter
haben sich die mohammedanischen Kalifen (von 632 nach
Christi ab) als Stellvertreter des Propheten Gottes
auf Erden bezeichnet und auf diese Weise die Autorität für ihr
geistliches und weltliches Herrscheramt behauptet. Ähnlich
haben sich die russischen Zaren nach Einführung des
Christentums in Rußland ausgegeben. Der Titel des Kaisers
von Japan „Tenno‘‘ ist gleichbedeutend mit Himmelskönig
und ‚Tenshi‘‘ mit Sohn des Himmels.

Die monarchische Idee des Mittelalters hat das Herr-
schertum als eine von Gott gefügte Einrichtung und
als Nachfolge der (von Gott abstammenden) römischen Kaiser
ausgegeben. Auf die seit dem Jahre 800 n. Chr. durch Karl den
Großen eingeführte Krönung zum römischen Kaiser deutscher
Nation haben seine Nachfolger den allergrößten Wert gelegt
und zu deren Erlangung oft auch sehr bedeutende Opfer
gebracht. Selbst noch der bis zum Jahre 1918 regierende
Österreichische und deutsche Kaiser bezeichneten sich als
Kaiser von Gottes Gnaden.

’) Siehe Quellen und Begründung Friedr. v. Hellwald, Kultur
geschichte, Friesenhahn, Leipzig 1896.
Paneth, Entwicklung der Reklame
        <pb n="217" />
        KOSTÜME UND ZEREMONIEN

Um ihre Erhabenheit auch äußerlich darzutun, bedienten
sich die Herrscher stets eines reichhaltigen Apparates an
Kostümen. und Zeremonien, die denen des Gottesdienstes
verwandt waren; die Leitung oblag entweder den Priestern
der eigenen Zeremonienmeistern. Überall sind die Herrscher-

194

Abb. 148. Personenreklame (Der König von
Siam während eines Prozessionsumzuges)
gewänder glänzender und prächtiger als die ihrer Umgebung,
sie entsprachen im Altertum und Mittelalter vollkommen dem
Kostüm, in dem sich das Volk seine Götter dachte. Die
etruskischen Könige waren stets von 12 Liktoren begleitet,
fuhren auf einem’ elfenbeinernen Rollstuhl, trugen einen
purpurnen, goldbestickten Mantel, einen mit Palmzweigen
        <pb n="218" />
        PRUNK DER HOFHALTUNGEN

bestickten Leibrock und ein goldenes Amulett. Mitunter
sind die Kleider auch von einer ganz besonderen Farbe, in
China z. B. gelb und es ist allen anderen Sterblichen bei Todes-
strafe verboten, sich derselben ‚,heiligen Farbe‘ an ihren
Gewändern zu bedienen. Auf dem Haupte trägt der Regent
einen ausgezeichneten Schmuck, einen Federputz, ein Diadem,
eine Krone, und in den Händen werden die Attribute der Götter
als die Symbole der Macht, die elfenbeinernen Zepter mit dem
Adler, getragen (s. Abb. 148).

In einer noch erhaltenen Inschrift sagt der ägyptische
König Rampsinit: „Ich war gekrönt mit der Krone Atef und
den Uräusschlangen, ich legte den Schmuck der Doppelfeder
gleich wie der Gott Tanon an, ich setzte mich auf den Thron des
Hormachu, bekleidet mit dem Prachtgewande des Sonnengottes
Tum.“ Gott Amon selbst sagt in einem Gedichte zu dem
Könige Thutmos III.: „Meine Krone auf Deinem Haupte, sie
ist verzehrendes Feuer. Es leuchtet meine Königsschlange an
Deiner Stirn. Du leuchtest in dem Angesichte der Feinde in
meiner Gestalt.“

Am Hofe des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III.
trug die Tochter des Herrschers bei ihrer Vermählung ein
Kleid, dessen Diamanten vier Millionen Taler wert
waren, während 24 vornehme Hofleute ihr mit Wachsfackeln
vorleuchteten. Als dann im Dezember 1700 der Kurfürst zur
Königskrönung nach Königsberg reiste, führte er ein so zahl-
reiches Gefolge mit: sich, daß er außer den Hunderten von
Berlin mitgenommener Rosse noch weiterer 30 000 Vorspann-
pferde bedurfte. Der Krönungsschmuck war viele Millionen
Taler wert.!) Als der junge Kronprinz zum erstenmale ein
Pferd bestieg, ließ Friedrich I. eine eigene Denkmünze
auf das merkwürdige Ereignis schlagen —- solches forderte
die Erhabenheit der königlichen Familie.

Zur Zeit des höfischen Absolutismus war nach
allgemeiner Anschauung das Königtum geradezu mit gött-
licher Kraft ausgerüstet. Zum Zeichen dessen hatten der
König von Frankreich und, weil auf den Besitz Frankreichs
seit Eduard III. der König von England Ansprüche erhob,

* Ebertv, Geschichte des preußischen Staates, II, 90 ff.

105
        <pb n="219" />
        I:

KÖNIGE ALS WUNDERTÄTER
auch dieser die mystische Macht, durch ihre Berührung die
Skrofeln zu heilen. Oft kamen Tausende von Kranken,
sogar aus Spanien und Portugal, zu solcher Kur an den fran-
zösischen Hof. Karl II. von England hat während seiner
Regierung an 100000 Personen berührt, im Jahre 1658 allein
8500. Dieser Glaube ward durch den Staatsrat, die gesamte
Geistlichkeit, die Universität Oxford und die Zustimmung
des Volkes bekräftigt, und das nach dem Auftreten eines
Bacon, Milton, Hobbes, zur Zeit Lockes! Die Feierlichkeit ging
in der Kirche mit besonderer Liturgie vor sich. In Frankreich
endigte diese Komödie erst mit dem alten Regime selbst, 1789;
in England bereits ein Jahrhundert früher, aber nicht infolge
der allgemeinen Aufklärung, sondern wegen der Weigerung
König Wilhelms IIIL., sich zu so Kächerlichem Gebrauche her-
zugeben, was man ihm tatsächlich bitter. verdachte. *)

Zu welchem Schwindel mitunter der Götterglaube des Vol-
kes zugunsten der Herrscher mißbraucht wurde, ergibt sich aus
einer der Sentenzen Plutarchs, worin ausgeführt wird, daß
der König Agesilaus von Sparta, um vor Beginn einer
Schlacht den Mut seiner Krieger zu beleben, folgende List ange-
wendet habe: Er ließ das Opfer zurichten, schrieb sich heimlich
mit schwarzer Tinte das Wort „Sieg“ verkehrt auf die flache
Hand, trat zum Altar, um in den Eingeweiden des Opfertieres zu
forschen, ergriff rasch die Leber desselben, drückte sie mit der
Hand und schien in tiefes Sinnen versunken, als er sich plötzlich
mit Begeisterung zu erwachen anstellte und seinen Soldaten
das Wort ‚Sieg‘ auf der Leber als ein Wunderzeichen der Gott-
heit vorwies.
b) Herrscher und Feldherren in Werken der Dicht-
kunst. Malerei und Plastik.
Die Lebensregel Ph. T. Barnums, ‚„Druckerschwärze ist
das Blut des beruflichen Lebens‘‘, hatten auf ihre Weise und
für ihre Zwecke bereits die Machthaber des Altertums voll
erfaßt. Alexander der Große von Mazedonien (356 bis

ı) W. Lecky, Sittengeschichte Europas (deutsche Übersetzung,
Leipzig und Heidelberg 1870), I 317 f. — Relazioni degli ambasciatori
veneti nel secolo XVII, I 238, III aıı.
        <pb n="220" />
        DICH ı ur A u Pe

-\Y

ZuhiLA }

99
323 v. Chr.) nahm auf Rat des Philosophen Aristoteles den
Studenten der Geschichte und Philosophie Kallisthenes auf
seine Feldzüge mit, damit dieser die Geschichte seiner kriege-
rischen Erlebnisse schreibe und auf diese Weise der Welt von
ihnen Kenntnis gebe. Diese Beschreibung des Alexanderzuges
in Io Büchern, in welchen Alexander auch den Beinamen der
Große führt, hat den Ruhm und den Namen dieses Königs
für alle Zukunft begründet. Es hatte sich also der Rat des
Philosophen Aristoteles glänzend bewährt. Hätte Alexander
diesen Rat nicht befolgt und einen Geschichtsschreiber auf
seine Feldzüge nicht mitgenommen, so würde man von diesen
wahrscheinlich ebenso wenig wissen wie von vielen anderen
denkwürdigen, aber vergessenen Leistungen hervorragender
Persönlichkeiten,

Der römische Kaiser Augustus (63 vor bis 14 n. Chr.)
ließ seinen Sieg über Varus durch das Drama ‚„Thyestes“
von Varius feiern. Dem Dichter Vergil erteilte er den aus-
drücklichen Auftrag, die Taten seiner Ahnherren, d.i. des
Julischen Geschlechtes, in einem großen Epos zu besingen und
dieses damit für die zukünftigen Generationen zu verewigen. In
Durchführung dieser Aufgabe schrieb Vergil das berühmte
Epos „Aeneis‘““, durch welches auch das von Augustus ver-
folgte Ziel vollständig erreicht wurde.

Cäsar und Xenophon schrieben persönlich ihre Ge-
schichte, um auf diese Weise ihren Taten ein Denkmal zu
setzen, Karl der Große (742 bis 813) ließ seine Politik
als Schützer des Christentums im Rolandslied besingen
und errang so den Ruhm des weltlichen Schutzpatrons
des gesamten Christentums. Die Taten der Hohenstaufen
wurden von Walther von der Vogelweide durch die
Dichtkunst verewigt. Friedrich II. (1213 bis 1214), der
die Bedeutung dieses Werkes für die Verbreitung des
Ruhmes seines Stammbaumes erkannt hatte, belohnte Wal-
ther von der Vogelweide durch Verleihung eines Lehens,
Unter Kaiser Wilhelm II. von Deutschland entstand
eine ganze Literatur, welche sich ausschließlich mit seiner
Verherrlichung befaßte; die Autoren wurden durch kaiser-
liche Auszeichnungen und materielle Zuwendungen . ständig
aufgemuntert.
        <pb n="221" />
        LO

FÜRSTENBILDER
Ebenso wie die Dichtkunst wurde auch die Malerei und
Plastik.in den Dienst des persönlichen Lobes der Fürsten
und Feldherrn gestellt. Das alte Ägypten zeigt besonders in den
Pyramiden wie auch in den Ruinen alter Städte gefundenen

Abb. 149. Personenreklame (Ägyptischer König als Held in der Schlacht).

Skulpturen, daß (s. Abb. 149) sich die Herrscher in monumen-
taler und das wirkliche Menschenmaß vervielfachter Größe und
ihre Leistungen zur Bewunderung des Volkes künstlerisch dar-
stellen ließen. Durch die Pyramiden sollte die ganz unschätz-
bare und unvergleichliche Bedeutung der Könige gegenüber dem
Volke und der Zeitgeschichte symbolisiert werden. Die römi-
schen Kaiser übernahmen dieses System, und zahlreiche Denk-
mäler und Plastiken auf Triumphbogen und Siegessäulen ins-
besondere aus der Zeit des Kaisers Augustus (s. Abb. 150)
haben deren Ruhm für alle Zukunft verbreitet.

Heinrich VIII. ließ den Maler Hans Holbein im Jahre
1537 nach England kommen und sowohl sich wie auch seine
Familienangehörigen von ihm malen. Der burgundische
Philipp ließ den Teppichwirkern in Tournai und Arras
Magazine bauen und gab ihnen Soldatenwachen, um damit für
seine Bestrebungen Reklame zu machen. Karl VII. ergriff
        <pb n="222" />
        FÜRSTENBIT.DF!

L99

Abb. 150. Augustus (neben ihm Amor, der Sohn der Venus
als Zeichen seiner göttlichen Abstammung)
        <pb n="223" />
        207

FÜRST UND KÜNSTLER
diese Idee, um auf Gobelins seinen Sieg über die Engländer dar-
stellen zu lassen. Franz I. legte so großen Wert darauf, daß
sein Name ‚durch die Kunst geadelt würde, daß er Lio-
nardo gestattete, sechs Jahre lang nichts anderes, als die
Haare einer Dame zu malen, und es nicht duldete, daß der
Meister anders als in seinen Arm starb. Maximilian II
übertrug dem Maler Albrecht Dürer das von den großen
Gelehrten ausgearbeitete Programm der Verherrlichung seines
Stammbaumes, In Ausführung dieses Auftrages malte Dürer
die Ehrenpforte Maximilians, bestehend aus 92 großen Tafeln,
seinen Triumphzug und zahlreiche Bildnisse (1527 bis 1576).
Ludwig XIV. (Regierung 1643—1715) vergaß über den Glanz
und Ruhm der Gegenwart auch der Zukunft nicht; wie in
den Gemälden und Statuen von Versailles wollte er auch in
Erzählung und Lied für die Nachwelt weiter leben.
Er gewährte Gelehrten und Dichtern Wohltaten; aber er
wurde dabei keineswegs von idealer Liebe und Begeisterung
für Wissenschaft und Poesie geleitet, sondern was er darin
suchte, war lediglich er selbst, sein Ruhm, seine Verherr-
lichung. Sein Minister Colbert umgab sich mit einem Komitee
von gelehrten Dichtern, in dem die preisenden Inschriften für
die königlichen Gebäude ersonnen und alle Lobgedichte
auf den König geprüft und verbessert wurden, um dann
durch die eigene Druckerei des Palastes dem Publikum
übergeben zu werden. Aus diesem Komitee entstand die
Akademie der Medaillen, Inschriften und schönen Wissen-
schaften — ein Titel, der genau ihrer ursprünglichen Be-
stimmung entspricht. Aber dieser Kreis von Lobspenden
genügte nicht; man mußte in ganz Frankreich, in ganz Europa
die Anregung zu dem großen Konzert von Lobsprüchen auf
den „König Sonne‘ geben, man mußte sich zahlreiche
„Trompeten der Tugenden des Königs“ sichern.
Das war die Ursache für die vielfachen Pensionen
an Schriftsteller und Gelehrte, Pensionen, aus denen man
fälschlich Ludwig: XIV. ein hohes Verdienst hat machen
wollen. Wie alle Dinge, so betrachtete er auch die Werke
des Geistes nur in Beziehung auf seine eigene Persönlichkeit. ?)

N Hellwald, Kulturgeschichte, Verlag P. Friesenhahn, Leipzig
[898, 4. Bd.
        <pb n="224" />
        FÜRSTENBILDER AUF BRIEFMARKEN

Napoleon Bonaparte nahm den Maler Jacques Louis David
auf seinen Feldzügen mit, und auf diese Weise entstand auch
das berühmte Bild ‚‚,Napoleons Überschreitung des St. Bern-
hard‘ im Jahre 1800.

Alle diese Bilder und Plastiken wurden über Auftrag der
Besteller in den Museen und anderen Festräumlichkeiten
öffentlich aufgestellt, um ihre ständige Wirkung auf das
Volk zu erzielen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
war es auch üblich, die Herrscherbilder in den Schulzimmern
Kasernen und Arbeitsräumen der Behörden aufzuhängen.

‘7a
BEN

‘4,
BIO

Abb. 151. Briefmarken zum Zwecke der Personenreklame.

Die Postmarken (s. Abb, 151) gaben ebenfalls ein reiches
Feld für die Personenreklame. Ursprünglich trugen nämlich
die Postmarken, wie es auch natürlich ist, in der Mitte die
Wertziffer und in einer Bordüre den Namen. Beispielgebend ist
hierfür die Postverwaltung des Grafen Thurn und Taxis, die be-
kanntlich in Deutschland die erste war. Auch die ersten Ausgaben
der sächsischen Marken trugen im Jahre 1850 bloß die Wert-
ziffer und erst im Jahre 1851 den Kopf des Herrschers, des-
gleichen wiesen die bayerischen Marken vom 1. November 1849
bis zum I. Januar 1867 bloß die Wertzahl und erst von diesem
Datum ab das Wappen des Herrschers auf; ebenso enthielten
die württembergischen Marken ab 15. Oktober 1851 die
Wertzahl und erst ab 22. September 1857 das Wappen. Die
ersten englischen Marken vom Jahre 1840 trugen bereits das
Bild der Königin Viktoria. Später wurde es bald in fast allen
Staaten mit monarchischer Staatsform üblich, das Bild der
        <pb n="225" />
        202

FÜRSTENBILDER AUF MÜNZEN
Briefmarken für Darstellungen feierlicher Gelegenheiten, wie
Jubiläen, Hochzeiten usw. der Herrscher, zu verwenden.

Abb, 152. Münze Philipp II. von Make-
donien, dessen Rennpferd in Olympia
350 v. Chr. gesiegt hatte.

\bb. 153. Münze mit Kaiser
Justinian und dem Reichs-
apfel (527—565).

Abb. 154. Münze mit dem
Bilde des Papstes Sixtus IV.
(1471—1484).

Fa

n-

Abb. 155. Kaiserin Maria The- Abb. 156. Goldstück mit dem
resia auf einem Taler von 1780, Bilde Napoleons III. 1853.
’H,. Luckenbach, Kunst und Geschichte. R. Oldenbourg, München und Berlin.)

Dasselbe gilt auch für Münzen von den frühesten Zeiten
bis in die Gegenwart (s. Abb. 152 bis 156). Interessant ist in
        <pb n="226" />
        EHRENPFORS

205
diesem Zusammenhang die Abb. 157, weil sie zeigt, daß bereits
im 16. Jh. Privatpersonen die Reklamewirkung der Bildnis-
darstellungen auf Münzen richtig erkannt und auch für ihre
Zwecke ausgenützt haben.

Abb. 157. Reklame für Private durch Münzen. (Goldene Medaille,

welche der Zauberer Jeronimo Scotto mit seinem Bilde als

Beweis der künstlichen Herstellung echten Goldes durch ihn
im Tahre 1380 prägen ließ.)

c) Triumph-Ehrenpforten und Triumphzüge.
Eine besondere Art der dauernden Personenreklame für
einzelne Leistungen bilden die von den Römern eingeführten
Triumph- oder Ehrenpforten. Zahlreiche hiervon sind bis
heute erhalten. Am bekanntesten ist die des Kaisers Titus
Flavius aus dem Jahre 69 n. Chr. (vgl. Abb. 158). Berühmt
sind ferner der Triumphbogen des Augustus zu Rimini, der
für Kaiser Franz I. von Österreich anläßlich seiner Rückkehr
aus Frankreich im Jahre 1814 errichtete Triumphbogen zu
Wien sowie der Arc de triomphe du carrusel und de 1l’Etoile
in Paris.
Barnum errichtete auch für die schwedische Sängerin
Jenny Lind anläßlich ihrer Ankunft in New York am ı. Sep-
tember 1850 einen Triumphbogen, der allerdings nur eine kurze
Bestandsdauer aufwies (s. Abb. 159).
        <pb n="227" />
        204

TRIUMPHZÜGE
Auch die Triumphzüge gehen auf römischen, Ursprung
zurück. Sie bestanden darin, daß der siegreiche Feldherr in
einem prächtigen Triumphwagen, ähnlich der Prozession an-

Abb. 158. Triumphbogen für den römischen Kaiser Konstantin.

läßlich eines Götterfestes, mit seinem Heere und den Zeichen
seines Sieges in Rom einzog. Aus der uns überlieferten natur-
getreuen Beschreibung des Triumphzuges des Germanicus sei
folgendes angeführt:

‚„Germanicus, der Neffe und Adoptivsohn des Kaisers, der Ljeb-
ling des Volkes, soll seinen Triumph als Rächer im Germanenkriege
feiern. Die reiche Stadt ist aufs prächtigste hierzu geschmückt und
gerüstet. Im Festschmuck prangt die Via triumphalis, die Straße,
über welche der Festzug zum Jupitertempel auf dem Kapitol zu gehen
hat. Vom Marsfeld her, wo er sich vor der Stadt am Morgen gesammelt
und geordnet hat, ist er durch die Porta triumphalis, dann durch den
Circus Flaminius, den tarpeischen Felsen zur Linken lassend, an alt-
ehrwürdigen Heiligtümern vorbei, von einer dichtgedrängten Menge
umjubelt, langsam herangekommen.

Fanfarenbläser, die tieftönenden Tuben hoch erhoben, eröffnen
den Zug. Nun kommen zuerst Bilder des besiegten Landes und
seiner Örtlichkeiterm: Die Zuschauer ahnen die Unwirtlichkeit des
rauhen Germanien mit seinen Urwäldern und Sümpfen; hochgetragene
Tafeln und Schilder geben die Erklärung. Man sieht im Bild die un-
        <pb n="228" />
        EIN RÖMISCHER TRIUMPHZ Ut

205

selige Stätte des Teutoburger Waldes und der Vergeltungsschlachten,
dann die Statue des bärtigen, schilfbekränzten Rheins, umgeben von
kleineren Gestalten. welche andere Flüsse darstellen. Die sonst üb:

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lichen Städtebildnisse vertreten hier Nachbildungen von Hütten aus
rohbehauenem Holze; Bilder von Göttern und Tempeln fehlen, denn
die Germanen opfern den Göttern in heiligen Hainen ohne Bild und
ohne Temwmel
        <pb n="229" />
        206

EIN RÖMISCHER TRIUMPHZUG
Nun wird ein gewaltiger Baumriese herbeigeführt, zu einem Boote
ausgehöhlt, das wohl 30 Mann fassen kann (Einbaum). Große Wachs-
und Honigscheiben wilder Bienen, die als Leckerbissen geschätzten
Rüben, Rettiche,. wildes Obst, Hafer, Gerste sind die besten Produkte
des Landes. Jetzt kommt der Hauptteil der -Beute, die Waffen
dieses kampffrohen Volkes, in Bündeln und Haufen vereinigt die ger-
manische Nationalwaffe, die Framea, der kurze Speer, zu Stoß und
Wurf gleich geeignet, die Pfeile mit Spitzen aus Horn, Schiefer, Ge-
weih oder Knochen, die gewaltige Holzkeule und der zackige Streit-
hammer, hier und da, aber selten, ein mächtiges, zweischneidiges
Schlachtschwert.
Der Zug der Gefangenen naht, Männer, Weiber, Kinder aus
den edelsten Geschlechtern in Sklavenketten. Bei Überfällen oder
durch Vermittlung des römerfreundlichen Segestes sind sie in die Hände
des Siegers gefallen. Stolz und des Hohnes der übermütigen Zuschauer
nicht achtend, schreiten die Germanen einher. Welch gewaltige Ge-
stalten! Alle sind sie weit höher als die Italiker. Die langen Haare
und der Bart sind rot oder blond, die Augen blau oder grau, von blitzen-
dem Feuer, sie sind in linnene Gewänder gekleidet, über die manch-
mal die Felle erbeuteter Tiere geworfen sind. Schwer mag man dem
wilden Ansturme solcher Riesen, dem Furor Teutonicus (sprichw.)
widerstehen!
Doch wer ist unter diesen edlen Germanen der ehrwürdige Greis ?
Es ist Libes, ein Priester und Sänger der Chatten. An der Seite
hängt ihm stumm die Leier, mit deren Klang er einst den Sang
von den Taten der Götter und Helden. beim Gelage der Männer
zu begleiten pflegte. Da verstummen plötzlich die schadenfrohen
Rufe der Menge. Thusnelda, die Gemahlin des Arminius,, des
Vernichters der drei Legionen des Varus, naht als Gefangene. Hoch
trägt sie das stolze Haupt, ihr Blick hat nur Verachtung. Ihre
Leidensgefährtinnen, germanische Fürstentöchter, folgen schmerz-
gebeugt; in aufwallendem Zorn rüttelt mitunter eine an den ent-
ehrenden Fesseln und erwidert mit trotzigem Blick die drohenden
Gebärden der Römerinnen.

Jetzt bricht ein Sturm des Unmutes los, als man den riesigen
Deudorix sieht, den Fürstensohn der unbeugsamen und mordlustigen
Sigambrer, die endlich doch zersprengt worden sind. Die Hände ‚auf
lem Rücken gebunden, blickt er noch kühn und herausfordernd voll
Haß nach dem Kaiser und seinem Hofe.

Heil dem Sieger, Heil dem Rächer, Heil dem Triumphator
Germanicus! Immer mächtiger schwellen die Wogen der Begeiste-
rung an. Auf hohem, von vier weißen Rossen gezogenen
Wagen naht in der purpurglänzendenTriumphatorentracht
(Siegestracht der Götter!), das Haupt von dem Lorbeerkranze um-
wunden, umgeben von seinen fünf lieblichen Kindern, unter einem
Blumenregen der glückliche Sieger, Cäsar Germanicus. Neben und
hinter dem -Triumphwagen reitet die Ehrenwache, die bedeutendsten
        <pb n="230" />
        MODERNE FES1-
Führer des Heeres, die treuen Gefährten in Schlacht und Sieg, alle auf
weißen Rossen. Prächtigen Anblick gewährt das große Gefolge der
Legaten (Stabsoffiziere) in ihren goldglänzenden Rüstungen auf reich
geschmückten Pferden. Nun folgen die tapferen Truppen, von dem
Centurionen (Hauptleuten) geführt. Hoch ragen die Legionsadler und
die Zeichen der Kohorten; zwei wiedereroberte Adler der Legionen des
Varus werden stürmisch begrüßt. .

Großer Jubel empfängt die Abordnungen der acht rheinischen
Legionen, besonders der vier niederrheinischen, bei denen viele Stadt-
römer dienen. Die lorbeerbekränzten Krieger singen muntere Sieges-
und Lobeslieder auf ihren Feldherrn, aber auch Spottlieder, in die
das Volk lachend miteinstimmt. Hinter den Linientruppen rasseln
dröhnend die Wurfmaschinen einher, die Katapulten und Ballisten.
Den Schluß des Zuges endlich bilden die Hilfsvölker in ihren farben-
reichen Nationaltrachten, Schleuderer von den Belarischen Inseln und
von Kreta, Kohorten aus den neuerworbenen Provinzen Rhätien und
Vindelicien, auch Germanen darunter, besonders Bataver vom Nieder-
rhein, angestaunt von den Umstehenden, voll Staunen ihre Umgebung
musternd.

Unter dem immer wieder erneuten Jubel der Menge, die bis zu
den höchsten Sitzen hinauf die weite Rennbahn erfüllt, verläßt der
Zug langsam den Circus maximus. Um den Palatin herum, auf dem
aus dunklen Laubhecken der kaiserliche Palast hervorschimmert,
wendet er sich nach Nordwesten auf die gut gepflasterte heilige Straße
(via sacra).‘‘
Im Hinblick auf die mit diesen Triumphzügen verbun-
denen Gefahren eines politischen Umsturzes gewährte der
Senat die Bewilligungen hierzu immer seltener. So mußte der
Feldherr Lucullus nach seinem Sieg über Mythradates
(69 v. Chr.) 3 Jahre vor den Toren Roms mit seinem Heere
auf die Bewilligung des Triumphzuges durch den Senat
warten.
Im Mittelalter und in der Neuzeit wurden dieTriumphzüge
durch Fest- und Huldigungszüge abgelöst. Berühmt ist in
dieser Richtung die Defilierung der französischen Truppen vor
Napoleon nach seiner Flucht von Elba und der Festzug an-
läßlich der silbernen Hochzeit des österreichischen Kaiser-
paares im Jahre 1879, welcher von Hans Makart in unver-
gänglichen Werken der Malerei festgehalten wurde. Der
Triumphzug wird gegenwärtig auch im Dienste der Reklame
für sonstige Persönlichkeiten, insbesondere von Politikern
benützt; er hat sich auch hierbei als überaus wirksames
Reklamemittel erwiesen.
        <pb n="231" />
        200

d) Herrscher- und Feldherrnnamen als Bezeichnung

von Monaten, Städten sowie von Instituten für Kunst
und Wissenschaft.

REKLAME DER NAMENGEBUNG

Um den Namen des Herrschers der Bevölkerung ins Ge-
dächtfnis zu prägen und dort ständig wachzuhalten, wurden
einzelne Monate nach ihnen benannt und ihre privaten Feier-
lichkeiten als Festtage der Nation und somit als allgemeine
Festtage der Bevölkerung erklärt.

Der römische Kaiser Augustus (42 v. Chr. bis 14 n. Chr.)
ließ anläßlich der Kalenderreform 16 seiner persönlichen
Gedenktage als Gemeindefeste (feriae publicae) erklären,
während sie bis dahin gemäß den in Steinkalendern gefundenen
Aufzeichnungen bloß als Tage privater. Feiern vorgemerkt
waren. Der 8. Monat des Jahres (August) wurde nach seinem
Namen bezeichnet, während der 7. Monat (Juli) seine Be-
nennung nach Julius Cäsar erhielt. Auch in den späteren
Jahrhunderten hat sich bis in die neueste Zeit in den monar-
chischen Staaten die Gepflogenheit erhalten, daß die Feste
der Landesfürsten (Geburtstage, Eheschließungen, Todestage)
zu Feiertagen der Nation erklärt wurden, an denselben Ämter
und Schulen geschlossen bleiben und die gewerblichen Arbeiten
ruhen mußten. ,

Die Stadt Rom wurde nach dem ersten König der Römer
Romulus benannt; welche Wichtigkeit man diesem Umstande
beigemessen hat, zeigt sich darin, daß die beiden Brüder
Romulus und Remus zur Entscheidung darüber, nach wessen
Namen die Stadt benannt werden sollte, eine Vogelschau
abhielten und anläßlich des über deren Ergebnis ausgebrochenen
Streites Remus von seinem Bruder Romulus getötet‘ wurde.
Die Stadt St. Petersburg hatte ihren Namen von dem
Gründer, Peter dem Großen (1703) erhalten. Der Name der
im Jahre 1901 gestorbenen englischen Königin Viktoria
findet sich in der Bennenung zahlreicher Landesteile und Städte
der neu entdeckten Weltteile.

Später wurden auch Namen berühmter Männer in ähn-
licher Weise verwendet, so z. B. der des Ing. Eiffel zur Be-
nennung des KEiffelturmes. Auch zahlreiche humanitäre
Stiftungen: und Einrichtungen. sowie wissenschaftliche und
        <pb n="232" />
        ANONYME REKLAME

209
Kunstinstitute, Schulen und Bibliotheken und Spitäler wurden
nach Herrschern und in der neuesten Zeit auch nach verdienten
Personen benannt, um für deren Sinnesart auf diese Weise
ain ständiges Gedächtnis zu sichern.
e) Die anonyme Reklame.
Die anonyme Reklame, welche im Geschäftsverkehre
eine relativ untergeordnete Stellung einnimmt, wird im Dienste
der Personenreklame weitgehendst benützt. Zum Teil gehört
ja auch die gesamte Reklame für Personen durch die Dicht-
kunst und Plastik in dieses Gebiet. Vielfach dienen jedoch auch
literarische Arbeiten diesem Zwecke.

Um die Bevölkerung von den hervorragenden Eigen-
schaften der Fürsten zu überzeugen, werden für deren Tapfer-
keit, Frömmigkeit, Freigebigkeit, Gerechtigkeit, Güte, Milde
u. dgl. zahlreiche Beweise teils konstruiert, teils stark aufge-
bauscht und in Form von Bildern, kurzen Erzählungen, Auf-
sätzen für Schulbüchern usw. ständig und systematisch ver-
breitet. Die Leistungen der Untergebenen, soweit sie
erfolgreich sind, werden in der Regel als persönliche Werke
der Herrscher, die Mißerfolge als Fehler der Berater dargestellt.
Dadurch, daß jede Kritik als Majestätsbeleidigung (crimen
laesae majestatis) bestraft wird, wird die Wirkung der Rekla-
men, welche hierdurch unbestritten und allgemein anerkannt
erscheinen, vervielfacht.

III. Reklame für Künstler und andere Persön-
lichkeiten.
Der Zweck der Reklame für Künstler und andere Persön-
lichkeiten liegt darin, die Kreise der Nichtfachleute, d. i. also
die der Laien, zu erfassen, da begreiflicherweise die Fach-
kreise sehr leicht in der Lage sind, den wirklichen Wert einer
Leistung zu beurteilen; die Laienkreise sind jedoch in der
Regel die für den materiellen Erfolg entscheidenden. Dieses
Kapitel befaßt sich daher ausschließlich mit der Einwirkung auf
das Urteil des Laienpublikums im Dienste der Personen-
reklame. Wie groß der praktische Wert eines richtigen Vor-

Paneth, Entwicklung der Reklame.
        <pb n="233" />
        210

ORDEN IM AL TERTUM
gehens in dieser Hinsicht ist, ist übrigens aus dem allgemein
bekannten Umstande verständlich, daß sich oft die hervor-
ragendsten, in Fachkreisen unumstritten anerkannten Persön-
lichkeiten in der breiten Öffentlichkeit nicht durchzusetzen
in der Lage sind, dagegen vielfach Dilettanten und Charlatane
eine mit ihren Fähigkeiten in keinem Verhältnis stehende
Berühmtheit und Einkommensquelle besitzen. Die zur Er-
reichung dieses Zieles verwendeten Reklamemethoden müssen
also solche sein, welche auf die breite, fachlich nicht infor-
mierte Masse wirken. Die in Betracht kommenden Mittel
zerfallen in folgende Gruppen.

a) Orden und Titel.
Da, wie bereits gesagt, die große Masse in allen Fragen
kein fachliches Urteil besitzt und besitzen kann, so muß ihr
zur Erzielung des Reklameerfolges ein solches imputiert
werden. Ein Weg hierzu sind Orden und Titel, welche als
Zeichen der Anerkennung für Verdienste von angeblich fach-
lich autoritativer Seite (Referenzreklame s. S. 170) verliehen
werden.

Die Orden kamen zuerst zur Zeit der Römer in Anwen-
dung. Es wurden Hals- und Armketten aus Gold und
Silber sowie Medaillons von Gold und Silberblech oder Bronze,
die, mit Reliefs verziert, an Riemen über der Brust getragen
wurden, verliehen. Unter die Auszeichnungen gehörten ferner
die hasta pura, eine Lanze ohne Spitze, ferner Kränze und
Kronen. Von L.Siccius Dentatus, welcher in der ersten
Hälfte des fünften Jahrhunderts v. Chr. lebte, wird berichtet,
daß er in 120 Gefechten 22 hastae purae, 25 Medaillons;
83 Halsketten, 160 Armketten, 26 Kränze und Kronen und
andere Auszeichnungen erhalten habe. Seit Septimius
Severus, um 200 n. Chr., wurden die Medaillons durch förm-
iche an einem Bande getragene Medaillen ersetzt; hiermit
waren also die eigentlichen Orden endgültig erfunden. -

Neu erweckt wurde diese Einrichtung durch die im 13.
und 14. Jahrhundert gegründeten weltlichen Ritterorden,
deren Mitglieder auch besondere Insignien trugen; der Name
Orden ging dann von den Körperschaften auf die Insignien
        <pb n="234" />
        ORDENSER.

‘BEI WILDEN VÖLKERN

/XI
über. Die Eitelkeit und die Eifersucht bewirkten es, daß ganze
Systeme und Unterscheidungen von Graden sowohl bei den
Orden als auch deren Bändern und Ketten erfunden und
sogenannte Miniaturorden im Knopfloch und an Kettchen
selbst bei den unbedeutendsten Gelegenheiten getragen werden
’s, Abb. 160).

Abb. 160 Der Herr Kommerzialrat
vor seiner Dekoration nach seiner Dekoration
Fliegende Blätter, Braun &amp; Schneider, München, IJhrg. 1884, Band 81. S. 173.)

Berüchtigt unter den unzivilisierten Völkern ist die Tro-
phäengier der Dajaken Borneos. Sie setzen alles daran.
um sich den Ruf eines gefürchteten Kopfjägers zu erwerben.
Hat der Dajake einen Feindeskopf in sein Haus gebracht, so
wird ein großes Fest bereitet, der Sieger darf eine Trophäe
vor seinem Hause aufrichten und eine Schwanzfeder des Vogels
Angang auf dem Kopfe tragen. Die Zahl dieser Schwanz-
federn zeigt die Zahl der erbeuteten Köpfe an. Diese Federn
entsprechen vollkommen unseren Orden, sie sind ein Sinnbild
der erworbenen Triumphe.

Zu ganz denselben Einführungen sind auch die Indianer
Nordamerikas gekommen; das ständige Mittragen der Masse
der erbeuteten Skalpe wurde den ausgezeichneten Kriegern
hinderlich und sie suchten ihre Triumphe gleichfalls auf ein-
fachere Weise, durch sogenannte „Ehrenfedern‘“ zu ver-
        <pb n="235" />
        212

ORDENSJÄGEREI
anschaulichen. Genau in der gleichen Weise, wie sich im mo-
dernen Militärstande die verschiedenen Chargen und Auszeich-
nungen durch schmale und breite Streifen und Litzen, durch
silberne und goldene Tressen und Knöpfe,’ durch mehr oder
weniger kostbare Federbüsche u. dgl. charakterisieren, genau
in derselben Weise ist bei diesen Indianern nach Maßgabe ihrer
Taten einem jeden Krieger bestimmt, welche Art von Federn,
wieviele, von welcher Form und Färbung er als Auszeichnung
für seine Heldentaten zur Schau tragen darf.

Abb. 161, Maßnahme gegen die Personenreklame,
(Die Gleichheit: Flugblatt aus der franz. Revolution, welches die Wegnahme
der Orden durch die Revolutionäre darstellt, 1792.)

Das Streben nach diesen äußeren Qualitätsbezeichnungen
hat weder in Frankreich zufolge der Revolution noch in den
Ländern der Mittelmächte nach den politischen Umwälzungen
durch den großen Weltkrieg nachgelassen. Mit Rücksicht
auf die Wirkungen, welche diese Auszeichnungen hervorbringen,
sind jedoch die auf ihre Erlangung gerichteten Bestrebungen
deshalb nicht gering zu schätzen, weil selbst Menschen, die die
mit der Auszeichnungsverleihung vielfach verbundenen Um-
stände kennen sollten, sich durch die Tatsache des Besitzes der
Auszeichnung allein doch zu einem günstigen Voru rteil für
        <pb n="236" />
        TITE 1

213
dekorierte Personen veranlaßt sehen. So schreibt der berühmte
Afrikaforscher Henry M. Stanley in seinem Werke „Im
dunkelsten Afrika‘ (F. A. Brockhaus, Leipzig, 1890) anläß-
lich des Berichtes über die Auswahl der Offiziere für den Stab
seiner Expedition: „Der Herr (William Bonny) wollte eine
Abweisung nicht annehmen. Seine Brust war mit Medaillen
geschmückt, die, wenn auch stumm, doch in sehr beredter
Weise für seine Verdienste sprachen. Das Ende war, daß wir
Herrn Bonny als Arzt engagierten.‘ Daß die französische
Revolution die durch die Orden verursachte Ungleichheit
richtig erkannt hat, zeigt Abb. 161, welche ihre Abschaffung
und die damit verbundene Beseitigung ihrer Vorteile für die
Träger darstellt.

Ebenso wie die Orden bereits eine Einrichtung der Römer
waren, geht auch das Titelwesen in die Antike zurück. Es
ist bekannt, daß selbst leere, weder mit einer Funktion, noch mit
einem Einkommen verbundene Titel schon damals eifrigst
gesucht und mit hohen Taxen bezahlt wurden. Ein solcher
eifrig begehrter Titel war der „„Vir perfectissimus‘“, „sehr
vollkommener‘“‘* oder ‚,vortrefflicher Mann‘‘; im Mittelalter
war für die Doktoren der Medizin bis ins 19. Jahrhundert der
Titel ,„„‚Vir celebrissimus‘“, „sehr berühmter Mann‘‘, üblich.
Vornehmlich den Bürgern des ı7. und 18. Jahrhunderts lag
ungemein viel an der richtigen Würdigung ihrer Rangstufen und
Titel. Die Ratsherren wurden „hochedel‘“, „‚,wohledel‘‘,
„hochweise‘““ und „‚hochwohlgeboren‘‘ tituliert. Man nannte
sie auch „Magnifici‘‘, „,Amplissimi‘‘, „hochgelehrte und groß-
günstigste Herren‘‘. Man füllte ganze Bücher mit Titulaturen,
mit denen sich die Leute, die etwas zu bedeuten hatten oder
etwas bedeuten wollten, schmückten oder schmücken ließen.
Die Reichskanzlei war stets bereitwillig, solche Titel gegen
gute Sporteln zu erteilen. Sehr häufig kam es zu Rangstreitig-
keiten unter den Doktoren verschiedener F akultäten, und
freie Städte ärgerten gerne die Fürsten, indem sie in Briefen
die Titulaturen derselben wegließen.

Der Adelstitel war besonders in den Staaten der seiner-
zeitigen Mittelmächte überaus begehrt; um selbst nur den
untersten Grad zu erlangen und dadurch schon bei Abgeben
der Visitkarte als „‚Person von Ansehen‘ zu gelten, wurden oft
        <pb n="237" />
        DER „EDELMUT‘“ ALS REKLAME
Millionen Goldkronen entweder für Wohlfahrtszwecke oder
als Bestechungsgelder für Wahlen usw. geopfert.

Der Titel „K ommerzialrat‘ ist auch derzeit von Kauf-
leuten z. B. in Deutschland und Österreich deshalb so heiß
begehrt, weil er in diesen Kreisen als bereits obrigkeitlich
erfolgte Zensur der Seriösität und Kreditwürdigkeit (Referenz-
reklame!) gilt. Für die Allgemeinheit ist der Titel Kommerzial-
rat mit Großkaufmann gleichbedeutend und seine Nennung in
Verbindung mit einem Namen gibt diesem ohne Rücksicht auf
die Person des Trägers schon ein gewisses Ansehen.

Um den Titel Präsident oder Vizepräsident zu erlangen,
werden unzählige, großenteils überflüssige und jeden sonstigen
Zweck entbehrende Verein gegründet, und zwar in der richtigen
Erwägung, daß der. Zauber des Titels nicht durch die indis-
krete Frage ‚„„‚wovon‘‘ enthüllt wird.

2Xd

b) Hervorragende menschliche Eigenschaften,

Als weiteres Mittel, die öffentliche Sympathie und das
allgemeine Ansehen zu erringen, gilt der Besitz besonders
}obenswerter menschlicher Eigenschaften, wenn dieselben auch
mit der betreffenden Kunst oder Fähigkeit direkt gar nichts
zu tun haben. Dieser Weg wurde von dem Zirkusdirektor
Barnum anläßlich seines Reklamefeldzuges für die schwedische
Sängerin Jenny Lind verwendet und man kann ermessen,
für wie aussichtsreich er denselben hielt, wenn er damit rechnete,
durch ihn allein ihr gesamtes Honorar von 150000 Dollar
sowie die Kosten ihres luxuriösen, 18 monatigen Aufenthaltes
in Amerika hereinzubringen. Den Anfang dieser Art von
Reklame bildete folgende, in die New Yorker Zeitungen vom
22. Februar 1850 eingeschaltete Notiz: ;

„Die Charakterzüge der ‚‚schwedischen Nachtigall‘ werden be-
stimmt durch die Tugenden der Wohltätigkeit, der Einfachheit
ınd der Herzensgüte. Miß Lind selbst hegt den sehnlichsten Wunsch,
Amerika zu besuchen. Sie spricht von unserem Lande und seinen
Einrichtungen in Ausdrücken höchster Bewunderung. Der Kontrakt,
den ich mit ihr abgeschlossen habe und der auch ihr Auftreten in Ha-
vanna umschließt, gesteht ihr ausdrücklich das Recht zu, Konzerte
zu Wohltätigkeitszwecken zu veranstalten, so oft sie das für gut
findet. Seit ihrem ersten Auftreten in England hat sie den Notleiden-
den aus eigener Tasche schon mehr gegeben, als die ganze Summe
        <pb n="238" />
        SENSATIONEN ALS REKLAME

215

ausmacht, die ich ihr zu bezahlen habe, und der Ertrag der Konzerte
für charitative Aufgaben, die sie in Großbritannien gab, war zehnmal
so hoch wie die finanziellen Verpflichtungen, die ich einging.‘‘.

Die Tatsache, daß Barnum seine ganze Hoffnung auf den
glücklichen Erfolg dieser Reklamemethode setzte, wird auch
durch folgendes, zwischen ihm und Jenny Lind stattgehabte
Gespräch bewiesen:

Jenny Lind: ‚‚,Wie können Sie es denn wagen, so viel Geld mit
mir zu riskieren, da Sie mich doch nie haben singen hören?‘ Ich:
„Ihr Ruf genügt mir.‘ Im übrigen gestand ich, daß ich auch auf ihre
Charaktereigenschaften und auf den öffentlichen Eindruck ihrer Mild-
herzigkeit baute. Ohne diesen Aktivposten hätte ich nicht daran
gehen mögen, die schwedische Nachtigall nach den Vereinigten Staaten
zu bringen. Ich war überzeugt davon, daß Ungezählte ihre Konzerte
vor allem deshalb besuchen würden, weil sie die Persönlichkeit zu
Gesicht zu bekommen wünschten, der der Ruhm grenzenloser Güte
vorausging.
c) Die sensationelle Reklame.
Die Bedeutung der Sensation für die Personenreklame
ist unabschätzbar. Sie bringt den Betreffenden in das Zen-
trum des öffentlichen Interesses, in den Mittelpunkt des Ge-
spräches und damit zu einer Berühmtheit, die, da das Publikum
sich nie die Mühe nimmt, die Quellen und Ursachen der Be-
rühmtheit zu unterscheiden, letzten Endes auf ihre Kunst über-
tragen wird. Über die Art, durch Sensation Reklame zu er-
regen, gibt der ‚„‚,Leitfaden der Reklame (Karl Gerolds Sohn,
Wien, 1887)‘ folgenden Rat:

„Die russische Fürstin, die dem Helden und Liebhaber von Stadt
zu Stadt nachreist, sich schließlich vergiftet oder von ihrem Gatten
nach Sibirien gebracht wird, das unschuldige Mädchen, das die Liebe
des Tenors nicht erlangen konnte und sich in ein Kloster zurückzieht,
der Brasilianer, welcher der Soubrette oder der Tragödin seine Millionen
zu Füßen legt, von ihr aber abgewiesen wird und in seiner Heimat
eine reich dotierte milde Stiftung unter ihrem angebeteten Namen
gründet, der Gastspielantrag nach Amerika, der Streit mit dem Direktor,
das aus einer allgemeinen Sammlung hervorgegangene, von den Bürgern
einer Stadt überreichte Ehrengeschenk, das Gerücht, daß man Ur-
sache eines Duells sei, der gestohlene Schmuck, das versuchte Attentat,
die geplante Entführung, die in Aussicht stehende Erbschaft, die Ver-
lobungsanzeige und der Widerruf derselben, die Alimentationsklage,
wiederholte heimliche Mutterfreuden, schmeichelhafte fürstliche Aus-
sprachen, das Dilettieren in allen möglichen Künsten usw. sind wirk-
same Mittel. um Sensation zu erregen und damit für sich Reklame zu
        <pb n="239" />
        216

„KYSELAK‘“ MALT SEINEN NAMEN
machen. Nebenbei unterlasse man es nicht, den Komitees sämtlicher
Wohltätigkeitsveranstaltungen seine unentgeltliche Mitwirkung an-
zubieten, um dem Publikum, das von dem Anerbieten nichts weiß,
den Glauben beizubringen, daß der Künstler bestürmt wurde, weil
sein Name bereits Zugkraft ausübt.“

Der Spanier Pablo Piasso, der Schöpfer der kubisti-
schen Malweise, suchte die große Erscheinungswelt in geo-
metrische Figuren zu zerlegen. Nach dem Handbuch der
Kunstgeschichte von Adolf . Rosenberg (Verlag Velhagen &amp;
Klasing 1921) hatte diese Methode nur den Zweck, sich durch
irgendeine Tollheit bekannt zu machen.

In diesem Zusammenhange ist noch die Methode eines
Sonderlings, des Kanzlisten Kyselak, zu erwähnen, welcher
um jeden Preis seinen Namen berühmt wissen wollte. Über
ihn wird folgendes erzählt: ;

‚„„Kyselak, ein ebenso tüchtiger Alpinist wie eitler Mensch, schrieb
seinen Namen, um ihn jedem Naturfreund vertraut zu machen, auf
die schroffsten und unnahbarsten Felswände. Mit gleichmäßigen,
großen sieben Buchstaben stand er in schwarzer... Farbe-hingeschrieben:
„KYSELAK“, und immer eine Jahreszahl darunter. Glaubte ein
Tourist, als erster eine Spitze erklommen zu haben, war er enttäuscht,
hoch oben angeschrieben zu finden: ,,‚KYSELAK“! Der Mann war
überall gewesen, und allüberall hatte er seinen Namen hingeschrieben.
Er war darüber zur mythischen, zur phantastischen Figur geworden.
Sein Zweck auf dieser Erde bestand nur darin, eben diese.Erde, wo es
nur immer anging, mit seinem Namen zu bekritzeln und so sehr be-
rühmt zu werden.

Als in Wien eine neue Brücke über den Donaukanal geschlagen
wurde, wollte der Ingenieur sein Werk nicht mit den ominösen sieben
Buchstaben bekleckst wissen und ordnete die schärfste Bewachung
des Objektes an. Aber als ein Schiffer unter der Brücke noch vor dem
Eröffnungstage durchfuhr, las er schon auf dem inneren Brückenbogen,
groß und schwarz hingemalt: „,„KYSELAK“.

Kaiser Franz, der von dem allmählich immer lästiger werden-
den Treiben Kyselaks gehört hatte und besonders deshalb auf den
Sonderling erbost war, weil er Registraturakzessist der Hofkammer
war, ließ ihn kommen, um ihm nach seiner gemütlich-tyrannischen Art
einmal ordentlich die Leviten zu lesen. Der Kaiser las die Leviten,
aber nach beendeter Audienz stand auch auf der Rückwand des kaiser-
lichen Schreibtisches: ,,KYSELAK“.

d) Die unterirdische Reklame.
Um plötzlich als allgemein anerkannte Autorität auf
diesem oder jenem Gebiete zu gelten, ist es als altbewährtes
        <pb n="240" />
        DER ORGANISIERTE KÜNSTLERRUHM

U

'

Mittel erkannt worden, diese Geltung zu fingieren, d.h. der
Allgemeinheit als bereits bestehend zu suggerieren. Als
Methoden hierfür gibt das bereits genannte Büchlein ‚,Leit-
faden der Reklame‘‘ folgende an:

„Man läßt sich wöchentlich einmal interviewen, von neidlosen
Kollegen Briefe schreiben, welche Worte der rückhaltslosen Bewun-
derung der letzten Leistung enthalten, erklärt in jedem Jahr, mit
Schluß desselben sich zurückziehen zu wollen, man entdeckt junge
Talente, natürlich auf anderem Gebiet, man errichtet mit fremdem
Geld Stiftungen, denen man bescheiden den eigenen Namen gibt, man
läßt sich wöchentlich einmal photographieren, führt neue Moden ein,
läßt die Einrichtung seiner Zimmer beschreiben, speist Arme in den
Volksküchen, verteilt in den Spitälern Zigarren an die Soldaten, macht
alle neuen extravaganten Kuren mit, bringt geflügelte Worte eigener
Erzeugung und Anekdoten in Umlauf, in denen man die dankbare
Hauptrolle spielt, hält Begrüßungs- und Abschiedsreden, erläßt Mani-
feste, in welchen man das Publikum ‚,Meine lieben Wiener, Berliner‘
usw. anspricht, sendet zu jedem Jubiläum und zu jedem Begräbnisse
einen Lorbeerkranz mit umständlicher Widmung, legt andere aus
dauerhaften Stoffen gemachte Kränze, auf deren einzelnen Blättern
der Name und die Hauptrollen des Spenders angegeben sind, auf die
Gräber der Dichterfürsten, der Komponisten, verrichtet Gebete an
den angeblichen Grabstätten Romeo und Julias, Hamlets usw., greift
zur Feder und erzählt in Wochenblättern und illustrierten Journalen
sorgfältig präparierte, interessante Erlebnisse, verbreitet das Gerücht,
daß man sich mit der Abfassung seiner Memoiren beschäftige, läßt
erzählen, welches Amulet man trage, daß man die Gewohnheit habe,
vor dem jedesmaligen Auftreten dreimal das Zeichen des Kreuzes
zu machen oder ein Glas Champagner zu trinken, oder das Bild der
Mutter zu küssen und läßt endlich in allen Fragen, die auf der Tages-
ordnung stehen, seine Stimme vernehmen.“

Eine besondere Art der unterirdischen Reklame ist auch
die Claque. Über die Claque der Wiener Hofoper gegen Ende
des 19. Jh. machte das Wiener „Fremdenblatt‘““ folgende An-
gaben: „Das Solopersonal der Hofoper setzt sich aus ı 5 Sänge-
rinnen, 18 Sängern und 10 Mitgliedern des Balletts zusammen;
je nach ihren Gagen zahlen diese 43 Mitglieder dem Claqueur
monatliche Beiträge von 5 bis 50fl. Wenn man als Durch-
schnittsziffer per Kopf 20 fl. annimmt, was der Tatsache ent:
sprechen dürfte, so bezieht der Chef der Claque ein monat-
liches Einkommen von über 800 fl., das macht im Jahre
10000 fl. aus.“
        <pb n="241" />
        D. DIE WAHLREKLAME.
I. Allgemeines.
Die Wahlreklame bildet ein Zwischending zwischen der
Personen- und Ideenreklame. Schon in frühen Zeiten be-
deutete die Wahl einer bestimmten Person gleichzeitig die
Entscheidung für ein bestimmtes Programm. Die Wahl des
Themistokles zum Feldherrn beinhaltete gleichzeitig die Ent-
scheidung über die Gründung der Seemacht Athens und den
Ausbau der Flotte, die Niederlage des Aristides bedeutete
den Verzicht darauf, Athen ausschließlich durch das Landheer
zu schützen.
Im Mittelalter und in den ersten Jahrhunderten der
Neuzeit konnte sich eine regelrechte Wahlreklame wegen der
absolutistischen Regierungsart nicht entwickeln. Für die Wahl
der kirchlichen Würdenträger oder der deutschen Kaiser durch
die Kurfürsten war wegen des beschränkten Wählerkreises eine
Reklame begreiflicherweise nicht notwendig. Nach Einführung
der Konstitution in den meisten Staaten im 19. Jahrhundert
setzte bald eine durchgreifende Wahlreklame ein. Um. eine
entsprechende Wirkung der Reklame zu erzielen, und ihr auf
alle Bevölkerungsschichten überzeugende Wirkung zu verleihen,
werden fast alle Mittel der Geschäftsreklame verwendet.

Im nachstehenden werden, um Wiederholungen zu ver
meiden, lediglich diejenigen Mittel der Wahlreklame bzw.
deren Formen näher besprochen, welche ausschließlich Wahl-
zwecken angepaßt sind.

Il. Das lebende Wort.

Die Reklame durch das lebende Wort ist uns aus der Ge-
schäftsreklame bereits in Form der Ausrufer bekannt. Eine
ganz andere Bedeutung hat dieses jedoch für die Wahlreklame.
Hier obliegt die Redneraufgabe in der Regel den sozial hoch-
stehenden und angesehenen Persönlichkeiten, bei denen im
Gegensatz zu den Ausrufern u. dgl. auch der Schein einer
        <pb n="242" />
        WAHLREDEN

21G
entgeltlichen Tätigkeit von vornherein vermieden ist. Die
berühmten Redner der Antike Aristides, Demosthenes
und Cicero sprachen einerseits persönlich für die von ihnen
zur Durchsetzung in Aussicht genommenen Wahlprogramme
und ließen anderseits sowohl ihre Wahl als auch ihre Pro-
gramme durch die Redekunst ihrer Freunde, Schüler und
Anhänger empfehlen. Welche große Bedeutung das antike
Staatswesen dem gesprochenen Worte in der Politik zuwies,
ist am besten durch den aus öffentlichen Mitteln erfolgten Bau
der Rednerbühnen auf den Marktplätzen (Forum-Agora)
ersichtlich. Zur leichteren Bearbeitung großer Territorien ist
die Wahlreklame in der Regel in der Form dezentralisiert,
daß im ganzen Gebiete Wahlkomitees und Wahllokale ver-
streut sind.

III. Das geschriebene Wort.

Schon im Hinblick auf den Mangel der Behelfe konzen-
trierte sich im Altertum die Wahlagitation in erster Linie auf
die Versammlungen, also das gesprochene Wort. Das Auslangen
damit war auch deshalb damals leichter möglich, weil die zu
vertretenden Gedanken doch relativ einfachere waren, wie
z. B. die Frage, ob, wie früher erwähnt, die Land- oder See-
macht Athens ausgebaut werden solle, ob die Boden-
reform in Rom durchzuführen, ob Karthago zu zerstören
wäre usw. Im übrigen handelte es sich darum, vornehmlich
nachzuweisen, daß die Kandidaten vorbildliche, kluge, recht-
schaffene und uneigennützige Bürger wären.

Über ganz andere Probleme hatte sich die Wählerschaft
im 19. Jahrhundert und später zu entscheiden. Hier mußte
sie bereits zu großen Systemen, z. B. dem Liberalismus, Sozialis-
mus und später auch Kommunismus Stellung nehmen, Systeme,
die sich mit jeder einzelnen Tagesfrage von anderen Gesichts-
punkten aus befassen. Hier wäre es unmöglich, durch das
gesprochene Wort allein die Wähler von der Richtigkeit des
Standpunktes der einen oder anderen Partei zu jeder einzelnen
Frage zu überzeugen, wenn auch die mündliche Propaganda
und die Anzahl der Versammlungen vervielfacht wurde.
Das Flugblatt und die in Hunderttausenden Exemplaren
        <pb n="243" />
        225

WAHLEN IN POMPEJI
verbreiteten Kampfbroschüren sowie das politische Plakat
machen erst die technische Durchführung der modernen Wahl-
reklame möglich.

Bereits aus Pompeji (Verschüttung 79 n. Chr.) sind uns
Maueraufschriften (s. Abb. 40) im Dienste der Wahl-
reklame bekannt. Sie betreffen vornehmlich Wahlempfehlungen
zu den städtischen Ämtern und sind an Alben, Wänden,
Türpfosten und Ladentischen aufgeschrieben; diese Wahl-
empfehlungen gehen bald von einer, bald von mehreren
Personen, bald von Gewerken, Zünften und Korporationen
aus; ihre einfachste Formel ist die, daß die Namen des
oder der Empfohlenen und das Amt, zu dem man sie gewählt
wünscht, vorangestellt und nach dem O. V. F. (oro, ut faciatis
— um Befolgung wird gebeten) der Name des Empfehlenden
beigefügt wird. Zuweilen nennt sich der Empfehlende, wenn er
sine bekannte Persönlichkeit ist, mit einem gewissen Nach-
druck, indem er anfügt: Der und der hat dies geschrieben, z. B.
‚Issus scripsit‘“, in einer Empfehlung des M. Cerrinius Vatia
zur Ädilität; sehr oft wird aber auch der Name des Schreibenden
weggelassen, so daß die. Inschrift wesentlich nur den Zweck
haben kann, die vorübergehenden Bürger auf den Empfohlenen
aufmerksam zu machen. So steht z. B. an einem Ladenpfeiler
der Front des Hauses des Lucretius: GN. HELVIUM, SA-
BINUM AED. ©. V. F., d. h. Gnaeum Helvium Säabium
aedilem oro ut faciatis, während ebenso häufig dem Namen
des Vorgeschlagenen allerlei ehrende und empfehlende Bei-
wörter hinzugefügt sind, als v. b. (virum bonum), b. c. (bonum
zivem), d. r. p. (dignum rei publicae) u. a.

Das Musterbeispiel der modernen Wahlreklame durch das
geschriebene Wort bildete die anläßlich der letzten englischen
Unterhauswahlen im Jahre 1924 durchgeführte Reklame.
Die kandidierenden großen Parteien, das waren die Konserva-
tiven, die Liberalen und die Arbeiterpartei, gaben zu jeder
einzelnen der wichtigen, aktuellen Fragen, wie Wohnungswesen,
Versorgung der Invaliden und Arbeitsunfähigen sowie deren
Hinterbliebenen, Arbeitslosenfürsorge, System der Handels-
politik, Imperialismus oder Pazifismus usw. besondere Flug-
schriften und Broschüren heraus, in denen sie einerseits
ihren eigenen Standpunkt darlegten und anderseits die Fehler-
        <pb n="244" />
        WAHT *

1

haftigkeit der Stellungnahme der übrigen wahlwerbenden Par-
teien zu diesen Fragen nachzuweisen versuchten. Ebenso wie
die Flugschriften standen auch die Plakate (s. Abb. 162 bis
163) im Zeichen der aktuellen, die Bevölkerung beschäftigen-
den Probleme.

Pa Ya

LIFE BUILDING FIRST
SOCIALISFS say that we care more about preparıng Tor
MAR than for PFOPLES WELFARE

THIS IS NOT TRUE. IN 1922-3

WE SPENT OVER THREE

ANDAHALF TIMES MORE ON
“ 1 FARF an WAR PRFPARATIOME

COMPARED WITH 1890: THE

GROWTH OF SPENDING ON PEOPLES
WELFARE IS OVER FOUR TIMES MORF
THAN THF GROWTH OB WAR PREDARATIE

00.0900

35006.000
KL TH zZ
PEOPLES WELFARE 1922-3 |WAR PREPARATIONS 1922:3| PEOPLES WELFARE 1890-1/WAR PREPARATIONS 1890-

Abb. 162. Wahlplakat der konservativen Partei.
(England 1925.)

Der künstlerischen Ausführung der politischen Plakate
kam die um ca. 1910 in der Malerei neu hervorgetretene Rich-
tung des Expressionismus zugute. Der Expressionismus
beschäftigt sich mit der bildlichen Darstellung von Begriffen
(z. B. Not, Hunger, Ausbeutung) oder mit der Darstellung
subjektiver Gefühle wie patriotische Begeisterung, Verzweif-
lung über Arbeitslosigkeit u. dgl. ; diese Richtung in der Malerei
ermöglichte eigentlich erst den Aufschwung des modernen,
politischen Plakates, da sie die Frage der bildlichen Dar-
stellung der die Bevölkerung in erster Linie bewegenden.
sozialen Ideen und Fragen löste.

IV. Die Wahlbestechung.
Eine Analogie zu der Wahlbestechung finden wir in der
Geschäftszwecken dienenden Geschenkreklame. Auf diesem
        <pb n="245" />
        em

ENGLISCHES WAHLPLAKAT

(OMAN
N a
tor everebrogdenins Ensland®
DE EEE Ü

Abb. 163. Wahlplakat der konservativen Partei (symbolische
Wiedergabe der Parteistellung zur immperialistischen Politik).
        <pb n="246" />
        WAHTRESTECGH-

Fr.

+.
+
Gebiete sind ebenso wie auf vielen anderen Gebieten die
Römer beispielgebend gewesen. Die Forderung des römischen
Proletariats „‚panem et circenses‘“ = Getreidespenden und
Zirkusspiele, hat die Wahlreklame der ersten Jahrhunderte
vor und nach Christi Geburt nahezu vollkommen beherrscht.

Die Kandidaten für die Stadthalterämter in den Pro-
vinzen belieferten das als Wähler in Betracht kommende Pro-
letariat Roms während ihrer Amtszeit entweder unentgeltlich
oder tief unter dem Marktpreise mit Getreide, ferner ver-
anstalteten sie in den Zirkusen für die Wählerschaft unent-
geltliche Tierhetzen, Fechterkämpfe, Wagenrennen u. degl.,
um die Wähler so zu veranlassen, sie auch für die nächste
Wahlperiode zu wählen, damit die Wählerschaft dieser Be-
günstigungen auch in Zukunft nicht verlustig werde. Einzelne
dieser Kandidaten hielten sich sogar Fechterkasernen, in
denen Hunderte von Fechterpaaren ausgebildet wurden. Die
Kosten hierfür wurden durch gewissenlose Erpressungen
und Aussaugung der Provinzialbevölkerung während der
Amtszeit hereingebracht. Der römische Kaiser Caligula
(37 bis 41 n. Chr.) ließ, um sich die Beliebtheit des Volkes zu
sichern, vor der julischen Basilika Goldstücke unter das
Volk werfen; bei dem aus diesem Anlasse entstehenden
Gedränge sollen 300 Personen umgekommen sein.

Die modernen Wahlsysteme haben in der Regel strenge
Strafen für den Fall der Wahlbestechung vorgesehen. Trotzdem
findet vielfach eine Wahlbeeinflussung in versteckter
Form statt. So pflegt die herrschende Partei vor den Wahlen
den im öffentlichen Dienst und in öffentlichen Betrieben Ange-
stellten und Arbeitern Beförderungen oder sonstige Zuwendungen
zu bewilligen, um sie für die Wiederwahl günstig zu stimmen.
Die Bedeutung der Wahlbestechung der Gegenwart hat jedoch
gegenüber der des Altertums wesentlich abgenommen und es
kann ihr eine entscheidende Rolle im Wahlkampfe nicht mehr
zugebilligt werden.

V. Sonstige Wahlreklamen.
Viele sonstige Mittel der Geschäftsreklame stehen mit
relativ geringen Abänderungen im Dienste der Wahlreklame.
        <pb n="247" />
        REKLAMEUMZÜGE BEI WAHLEN

vl C SS
SMITH
LIBERÄL
CANDIDATE

Abb. 164. Englische Wahlreklame um 1860.

ALD-. 165. Reklame für die Wahl Hindenburgs
des Deutschen Reiches, 1925.
(Seidel’s Reklame :925.)

zum Präsidenten
        <pb n="248" />
        NEUESTE WFRRFMITTEL BEI WAHLFN

Sehr beliebt sind Reklamewagen (s. Abb. 164 u. 165 analog
der Abb. 112), Wahlumzüge, Lichtbildreklamen, Verbreitungen
von Wahlreden durch das Radio, Reklameaufbauten usw.
Der wesentliche Unterschied auch dieser Reklamemittel von
den gleichen im geschäftlichen Dienste verwendeten liegt
darin, daß die Wahlreklame nur auf ganz wenige Tage be-
schränkt ist und daher die Mittel im Gegensatze zu der
stabilen Geschäftsreklame nur improvisiert sind.

Paneth, Entwicklung der Reklame.
        <pb n="249" />
        E. DIE IDEENREKLAME.
I. Allgemeines.
Wird die Bezeichnung ‚„Personenreklame‘‘ für die Wer-
bung im Interesse einer bestimmten Persönlichkeit, wie bereits
dargelegt, schon vielfach abgelehnt, so wird die Verwendung des
Wortes ‚Ideenreklame‘‘ für die Werbung im Dienste einer
bestimmten Idee in der Regel schon gar nicht gerne gesehen,
Der Grund hierfür liegt teilweise in der in einzelnen Kreisen
noch immer bestehenden Abneigung und in dem Vorurteil
gegen die Reklame als solche, zum Teil in der Ansicht, daß
eine gute Sache die Reklame überhaupt nicht benötigt
und daher durch die Verwendung von Reklame diskreditiert
werde sowie schließlich darin, daß der Organisator einer Re-
klame zumindest dem Anschein von Gewinnsucht ausgesetzt ist.

Aber ebenso wie die beste Ware nur dann gekauft wird, wenn
der Käufer von ihrer Existenz Kenntnis hat, so kann auch die
beste Idee — sei es eine religiöse, nationale oder soziale —
nur dann Anhänger finden, wenn sie verbreitet und für sie
geworben wird. Die Wissenschaft, welche sich bei ihrer For-
schung selbstverständlich von derartigen gefühlsmäßigen
Vorurteilen freimachen muß, betrachtet auch die Reklame für
eine Idee als etwas unerläßlich Notwendiges und von ihrer
Verbreitung Unlösbares.

Dr. E. Lysinski, der die Reklame als übergeordneten
Begriff von Werbung betrachtet, hebt in seinem Werke ‚„Orga-
nisation der Reklame‘ ausdrücklich hervor, daß man zumeist
Werbung und geschäftliche Werbung gleichsetze. Dies sei
jedoch eine sehr engherzige Auffassung, denn die geschäft-
liche Werbung sei nur ein ganz beschränktes Teilgebiet
der Werbung überhaupt. Die Werbung sei ihrer Bedeutung
nach ein unerläßliches Grundphänomen alles Gesell-
schafts- und Kulturlebens; sie sei eines der wichtigsten
Mittel alles Gesellschafts- und Kulturfortschrittes. Diese Auf-
fassung schließt sich dem Prof. Dr. Othmar Spann an. In
seinem ;, Kurzgefaßten System der Gesellschaftslehre“ er-
        <pb n="250" />
        SOZIOLOGIE DER WERBUNG
läutert er die grundlegende, soziologische Bedeutung der
Werbung wie folgt:
„Die letzten Bestandteile, die Elemente, aus denen sich das Ge:
sellschaftsleben aufbaut, sind die seelischen Erlebnisse und die Hand-
\ungen der Menschen. Jedem dieser Elemente entspricht eine besondere
Art der Verbindung zu den Grundgebilden des Gesellschaftslebens.
Aus dem gegenseitigen Nacherleben entspringen, als eine Art seelisch-
geistiger Gemeinsamkeit, die Gemeinschaften. Aus der Verbindung
des Handelns mehrerer dagegen gehen die Gemeinschaften des Han-
delns, die Genossenschaften, hervor. (Gemeinschaften und Genossen-
schaften sind somit in der Begriffssprache des Verfassers die Grund-
gebilde, aus denen sich das menschliche Gesellschaftsleben aufbaut.)
Diese Grundgebilde des menschlichen Gesellschaftslebens, die Gemein-
schaften und Genossenschaften, zeigen nun zunächst die größten Ver-
schiedenheiten und Gegensätze. ‚‚,Die geistigen Gemeinschaften zeigen
in den Gegensätzen religiöser Bekenntnisse, künstlerischer Richtungen,
Schulen und Meinungen, in den Verschiedenheiten der Begabung, des
Charakters, der Bildung und Erziehung die größten Abweichungen
voneinander, so daß demgemäß auch das von diesem allem abhängige
Handeln gewaltig auseinanderstreben und sich feindlich begegnen müßte.
In der Wirtschaft, in der gruppenweisen Verfolgung ganz verschiedener
Ziele, durch Bündnisse in der Politik müßten unaufhörlich chaotische
Zustände hervortreten und die einheitliche Zusammenfassung aller
Genossenschaften und Anstalten im Staate, aller Gemeinschaften in
Nation und Kultur unmöglich machen.‘ Kurz, die menschliche
Gesellschaft müßten ein Chaos auseinanderfallen und wäre
als Ganzes und Einheit überhaupt unmöglich, wenn es nicht Aus
gleichs- und Vereinheitlichungsvorgänge in der Gesellschaft gäbe.‘

Einer der wichtigsten dieser Ausgleichs- und Vereinheit-
lichungsvorgänge ist nun die Werbung. Denn die Werbung ist
darauf gerichtet, Verschiedenheiten wissenschaftlicher, künstlerischer,
religiöser, politischer, wirtschaftlicher Art zu beseitigen. Sie geht
darauf aus, „andere für eine bestimmte Gemeinschaft (sei es
des Willens, Wissens, Fühlens usw.) zu gewinnen, in ihnen die be-
treffenden Gefühle, Überzeugungen usw. zu erwecken, heranzubilden.‘
Sie hat die Aufgabe, andere Menschen für die eigenen geistigen und
praktischen Ziele, für die eigenen vermeintlich besseren und richti-
geren Anschauungen und Lebensinhalte zu gewinnen; sie also schließ-
lich einer höheren Gemeinschaft zuzuführen, höheren Genossenschaften
einzugliedern und die hierzu tauglichen Veranstaltungen zu verwirk-:
lichen. ‚So zieht jeder neue Gedanke seine Kreise, wird zur „Richtung“,
„Schule“, „‚Partei‘‘, und was früher nur einem oder wenigen angehörte,
ist plötzlich Gemeingut großer Massen geworden. Kurz, die,, Werbung
ist ein notwendiger Grundbestandteil jeder Gesellschaft.“

Dr. E. Lysinski knüpft an diese Auffassung Prof. Dr.
Spanns folgende Schlußfolgerung:
        <pb n="251" />
        228

KULTURELLE WERBUNG

„Man kann sogar noch einen Schritt weiter gehen, wie der Verfasser
in diesen Ausführungen, wenn man die kulturelle Bedeutung der Wer-
bung ins Auge faßt. Die Werbung ist nicht nur eine Einheitsfunktion,
ohne welche- die menschliche Gesellschaft als Ganzes überhaupt un-
möglich wäre; sie ist nicht nur die unerläßliche Voraussetzung der
Möglichkeit der Gesellschaft überhaupt; sie ist auch zugleich eines der
wichtigsten Mittel alles Kulturfortschrittes, Alle die Mensch-
heit, die Völker, Nationen und Massen beherrschenden großen Ideen
sind nur durch unermüdliche Werbung aus kleinen An-
fängen zu ihrer weltumspannenden Bedeutung gekommen.
Noch jedem Kulturfortschritt hat erst die Werbung die Wege geebnet.
Alles Große, Erhabene und Wertvolle bedurfte und bedarf zu seiner
Verwirklichung der Werbung. Daher ist die Werbung auch für jeden,
der am Kulturleben und Kulturfortschritt der Menschheit mitarbeitet,
von Bedeutung.

Die weitreichende Bedeutung der Werbung bringen wir uns am
besten zum Bewußtsein, wenn wir ihre verschiedenen Gebiete über-
blicken. Das Geschäftsleben ist nur ein Teil des Wirtschaftslebens.
Weiter als die Geschäftsreklame reicht daher die wirtschaftliche Wer-
bung, die Werbung im Dienste irgendwelcher volkswirtschaftlicher Ziele,
die sich zumeist derselben Mittel bedient, wie die geschäftliche Reklamef

Ihr nahe steht die politische Werbung, die entweder Werbung
des Staates oder der Parteien ist. Sie bedient sich zum Teil derselben
Mittel wie die geschäftliche Werbung; nur ist deren Bedeutung für
beide verschieden. Darüber hinaus stellt die politische Werbung aber
noch eine Reihe weiterer Mittel in ihren Dienst, wie die Zeitung, das
Flugblatt, die Agitationsrede, die Massendemonstration usw.

Der politischen Werbung steht die Werbung für irgendwelche
sozialen Zwecke, die soziale Werbung, zur Seite. Neben den üblichen
Werbemitteln zeigt auch sie ihre besonderen Formen: Geldsammlungen,
Wohltätigkeitsveranstaltungen, Blumentage usw. Ihr nahe verwandt
ist die humanitäre Werbung, die im Dienste allgemein menschlicher
Zwecke steht. Ein typisches Beispiel aus der Geschichte bildet die
Propaganda für die Sklavenbefreiung.‘“

Für die nachstehende Darstellung gilt, ebenso wie dies
beim Kapitel „‚Wahlreklame‘“ der Fall war, als Richtschnur,
daß, um Wiederholungen zu vermeiden, hier nur diejenigen
Reklamemethoden bzw. nur diejenigen Formen derselben näher
besprochen werden, welche in den vorausgehenden Kapiteln noch
nicht erörtert waren.

II. Das gesprochene Wort.
Unter allen Anwendungsgebieten der Reklame kommt dem
gesprochenen Worte.in der Ideenreklame die größte Bedeutung
zu. Die Staatsleitungen standen in allen Zeiten immer unter
        <pb n="252" />
        KÄUFLICHE RHETORIK
220
dem Einfluß bestimmter Ideen; im Altertum wurde die Ideen-
reklame durch das gesprochene Wort noch deshalb besonders
gefördert, weil andere Reklamemittel, vor allem eine wirksame
Verbreitung durch das geschriebene Wort, gänzlich fehlten.
Die Bedeutung der Verbreitung der Ideen für die Leitung
des Staates wurde ausdrücklich auch dadurch anerkannt, daß
in Griechenland unbemittelte Bürger als Ersatz für den durch
den Besuch von politischen Versammlungen entstehenden Zeit-
verlust eine Entschädigung, die sogenannte Versammlungs-
löhnung, erhielten. Zum Beweise, wie richtig diese Maßnahme
war, sei beispielsweise an die Reden des Demosthenes zur
Propagierung der Idee der nationalen Unabhängigkeit gegenüber
Philipp von Mazedonien im Jahre 340 v. Chr., die sogenannte
Philippika, erinnert, welche nach dem Tode Alexander des
Großen (323 v. Chr.) tatsächlich zur Abschüttlung der Fremd-
herrschaft in Griechenland führten; in ähnlicher Weise hat
Cicero durch seine Reden die durch Catilina drohende Ge-
fahr seines Umsturzes (63 v. Chr.) beseitigt und die Staats-
verfassung gerettet.

Ebenso wie die geschäftlichen Reklamemittel (Papier für
Werbedrucksorten, Filme) gegen Entgelt erhältlich sind, so
war im Altertum auch das Werbemittel Rhetorik = Bered-
samkeit, käuflich. Die Sophisten, eine von Gorgias und
Protagoras um 400 v. Chr. begründete Schule der Philosophie,
erteilten bezahlten Unterricht in der Logik und Beredsamkeit.
wobei sie als Lehrziel den Grundsatz aufstellten, daß derjenige,
der das Geld habe, auch Recht haben solle. Den
Schülern wurde die Biegsamkeit und Gewandtheit der Sprache
beigebracht, damit sie jeder ihnen von irgendeiner Seite zur
Verbreitung übertragenen Idee überzeugende Kraft geben und
sie verbreiten können. Es war also das Reklamemittel „Be-
redsamkeit‘“ für jeden beliebigen Zweck ebenso erhältlich wie
heute ein Paket Flugzettel. Plato und Aristoteles charak-
terisierten die Tätigkeit der Sophisten mit den Worten, daß sie
je nach ihrem Vorteil den leeren Schein der Wahrheit unter
Verleugnung jeder sittlichen Pflicht gegenüber derAllgemeinheit
zu erregen suchten.

Im Mittelalter und in den ersten Jahrhunderten der Neu-
zeit finden wir nur wenige große Redner und diese fast aus-
        <pb n="253" />
        230 RELIGIÖSE UND POLITISCHE WERBUNG
schließlich im Dienste der religiösen Idee. Abt Bernhard von
Clairvaux gelang es, im Jahre 1147 durch seine Beredsam-
keit 140000 Personen dazu zu bewegen, sich dem Heere für den
2. Kreuzzug anzuschließen. Um die Kraft seiner Rede zu
beurteilen, muß man sich nur vorstellen, was es heißt, in eine
Armee einzutreten mit dem Bewußtsein, mehr als 2 Jahre die
Heimat und die Angehörigen im Stiche zu lassen, einem mehr
als ungewissen Schicksal entgegenzugehen und alles dem
Dienste einer Idee zu opfern. Johannes Huß bereitete aus-
schließlich durch seine Propagandareisen von Ort zu Ort in
wenigen Jahren (1409 bis 1415) die große Bewegung zur
Kirchenreform vor. Ähnlich wirkten nach Entdeckung der
neuen Erdteile, dem Beispiel der Apostel folgend, die Mis-
sionäre. Im Dienste der Bewegung der Suffragetten stand
eine ganze Organisation von Wanderrednerinnen, deren
leidenschaftlichen Darlegungen in unzähigen Versammlungen
schließlich auch die Durchsetzung ihres Programmes zuzu-
schreiben ist.

Im 19. Jahrhundert, welches mit dem Ausbau der bürger-
lichen Rechte auch der Redefreiheit wieder einen weiteren
Spielraum gab, ist noch die Tendenzdichtung, d.i. die
Verbreitung einer bestimmten Idee vor allem in der Form des
Dramas, besonders hervorzuheben.

III. Körperschaften (Vereine u. dgl.).

Selbst die größte Arbeitskraft. und der opferwilligste Ar-
beitseifer eines einzelnen genügen jedoch nur in den aller-
seltensten Fällen, um einer Idee ein entsprechendes Echo zu
bereiten. Man kam daher bereits frühzeitig auf den Gedanken
der Gründung von Agitationszentren (Vereinigungen), um
die Zahl der Verbreiter einer Idee zu vervielfachen. Zunächst
wird also die Idee in einem kleinen Kreise verbreitet, um aktive
Mitarbeiter (Agitatoren) zu schaffen; die Mitglieder dieses
Kreises bilden vielfach selbst wieder ähnliche Vereinigungen
und erst dann wird an die Bearbeitung der großen Massen
geschritten.
Das Vereinswesen war bereits in Rom stark ausgebildet,
und insbesondere der Kaiser Septimius Severus (193 bis 211
        <pb n="254" />
        VEREINSWFR-
31
n. Chr.) hat den Bestand des Vereinsrechtes für alle Teile
des römischen Reiches bestätigt. ; ;

Die Zentren der Agitation für das Christentum bildeten die
römischen Leichenvereine, aus denen dann die Aposteln her-
vorgingen. Das feudale Verfassungssystem des Mittelalters
und der Absolutismus der Neuzeit haben bis in das 19. Jahr-
hundert die Vereinsbildung stark eingeschränkt. Das 19. Jahr-
hundert zeigt ein rapides Aufblühen besonders der politischen
Vereine. Um der Bevölkerung die viel komplizierteren Ideen der
Gegenwart beizubringen und ihre Gedankeneinstellung ständig
ın dem gewünschten Sinne zu beeinflussen, wurden auf allen
Gebieten des menschlichen Lebens Vereine, welche unter dem
Einfluß einer bestimmten Idee stehen, begründet. So dienen
neben den rein politischen Vereinen den politischen Ideen zu
ihrer Verbreitung und Förderung auch Geselligkeits-, Wohl-
fahrts-, Touristen-, Turn- und Gesangsvereine, in welchen allen
neben dem Vereinszwecke immer und immer wieder die poli-
tische Idee betont wird. Auch hierfür bietet bereits das
antike Griechenland mit seinen Olympischen Spielen als
Propaganda für die nationalgriechische Idee ein bemerkens-
wertes Vorbild.

Die politischen Vereine sind in der Regel in Landes- und
Ortsgruppen dezentralisiert, so daß das zu bearbeitende
Gebiet auch wirklich restlos erfaßt wird.

IV. Das geschriebene Wort.
Die erste Form des geschriebenen Wortes im Dienste
der Ideenreklame sind die Briefe und Sendschreiben des
Apostels Paulus (ca. 50 n. Chr.) an die christlichen Gemeinden,
ebenso die Briefe des Apostels Clemens (95 n. Chr.) und des
Apostels Ignatius (ca. 107 n. Chr.). Diese Briefe stellen die
Keimzelle des Flugblattes dar und sie sind nur deshalb
nicht zum Flugblatte geworden, weil eben damals die tech-
nischen Voraussetzungen hierfür fehlten.

Martin Luther hat als erster besonders in den Jahren
1517 und 1518 das Flugblatt im großen Stile zur Verbreitung
seiner religiösen Auffassung verwendet. Er hat auf diese
Weise die Kraft seines gesprochenen Wortes vervielfacht, und
        <pb n="255" />
        2,4

POLITISCHE DEMONSTRA TIONEN
bereits die ersten Auflagen seiner Trotz- und Kampfschriften
erreichten die für damalige Verhältnisse sehr große Zahl von
mehr als 10000 Stück.

Das Flugblatt wurde im Gegensatze zu seiner Bedeutung
für die Wahlreklame, wo ihm auch heute eine sehr große Be-
deutung zukommt, in der Ideenreklame vom 18. Jahrhundert
ab durch das Zeitungswesen stark verdrängt. Für die lei-
tenden Ideen wurde eine eigene Presse (politische, sozial-
politische, nationale) geschaffen, welche im Gegensatz zur
eruptiven Art des Flugblattes unablässig und unermüdlich
die Bevölkerung beeinflußt. Auch das Plakat wird selbst-
verständlich weitgehendst derIdeenreklame dienstbar gemacht‘!).
Bemerkenswert sind hier die von der Reichsarbeitsverwaltung
und vom Verbande Deutscher Berufsgenossenschaften heraus-
gegebenen Plakate, um einen Teil des Tätigkeitsprogrammes,
nämlich die Unfallverhütung, in den Kreisen der beruflich
Tätigen zu verbreiten (s. Abb. 166).
V. Demonstrationen.
Unter Demonstrationen versteht man im politischen Leben
die Handlung einer Mehrheit von Parteigenossen, die mit der
Absicht vorgenommen wird, den Standpunkt, den die Demon-
strierenden in Ansehung einer politischen Frage einnehmen,
in geeigneter Weise kundzugeben:

Das Mittel, durch Demonstrationen eine politische Idee
zu verbreiten, steht bereits an der Grenze dessen, was man
noch als Reklame bezeichnen kann, da ja gemäß der in der Ein-
leitung wiedergegebenen Ansicht der Fachwissenschaft und
literatur das Wesen der Reklamewirkung darauf beruht, die
Mitmenschen in einer Form zu beeinflussen, damit sie sich in
eigener, freier Entschließung, ohne Gewaltanwendung und
5hne Furcht oder Drohung für den gewollten Zweck entscheiden;
die Erfolge, welche eine Beeinflussung durch Zwang erzielen,
fallen bereits nicht mehr in das Gebiet der Reklame. .

Demonstrationen sind ebenso wie die übrigen Mittel der
[deenreklame nur bei Bestehen gewisser politischer Frei-

1) Siehe Kompert, Plakate als wirtschaftliche Kampfmittel,
„Seidls Reklame‘‘, Heft 8 ex 1925.
        <pb n="256" />
        TAFEL IV

Hah acht!
Nerwende Schubeoreihtune

Abb. 166. Plakat zum Zwecke des Hinweises auf die Notwendigkeit
der ständigen Verwendung von Schutzvorrichtungen, Deutschland 1926
        <pb n="257" />
        <pb n="258" />
        POITT:

ar -
=
A

Abb. 167. Frauendemonstration gegen Japan und England in
Peking 1925.
Phot. Scherl’s Bilderdienst, Berlin SW 68.

Abb. 168, Demonstration gegen die Fürstenabfindung in Berlin 1926
Phot. Presse-Photo-Nachrichtendienst, Berlin W z0.!
        <pb n="259" />
        DER AUSZUG DER PLEBEJER
heiten, vor allem des Vereinsrechtes, möglich, da eine wirk-
same Demonstration ohne Organisation entweder von vorn-
herein mit Gewalttätigkeit und Plünderungen identisch oder
unmöglich ist.

Als die Plebejer Roms mehrere Male.durch Verheißungen
der Patrizier getäuscht wurden, ohne daß sich ihre Lage bes-
serte, zogen sie im Jahre 4094 v. Chr. auf den heiligen Berg am
Anjo und schlugen dort ein befestigtes Lager auf, um so den
Patriziern durch die Tat vor Augen zu führen, daß sie bereit
wären, bei Verweigerung von Zugeständnissen eine neue
Heimat aufzusuchen. Bekannt ist die von Menenius Agrippa
aus diesem Anlasse den Plebejern erzählte Fabel vom untätigen
Magen und den übrigen Gliedern des menschlichen Körpers.
Die Plebejer erreichten auch tatsächlich durch diese Demon-
stration das Volkstribunat. Die Plebejer drohten noch
weitere zwei Male (449 v. Chr. und 287 v. Chr.) durch den
Auszug auf den heiligen Berg mit der Auswanderung; sie er-
reichten durch die zweite Demonstration das Recht, verbind-
liche Beschlüsse vorbehaltlich der Zustimmung des Senats
zu fassen, und durch die dritte Demonstration, Maßnahmen
gegen die übermäßige Okkupation von Staatsländereien durch
die Adeligen.

In der Neuzeit werden bei Demonstrationen (s. Abb. 194
u. I95) in der Regel Tafeln mit Aufschriften und Bildern
getragen, um auf diese Weise ihren Zweck bekanntzugeben.

Da aber vielfach Demonstrationen trotz guter Organi-
sation entweder mit Gewalttätigkeiten und Drohungen ver-
bunden sind oder die Anwendung solcher bei Nichterfüllung
der Forderungen bevorsteht, so ist vielfach nur ein kleiner Teil
ihrer Erfolge auf die ihnen innewohnende Reklamewirkung
zurückzuführen. Als eine gewisse Art der Demonstration ist
auch das Tragen politischer Abzeichen aufzufassen, wodurch
die Anhänger die Verbreitung ihrer Grundsätze versinnbild-
lichen wollen.

254
        <pb n="260" />
        SCHLUSS.
Den Gegenstand der vorausgegangenen Darstellung bildete
ausschließlich die geschichtliche Entwicklung der Reklame,
wie sie von dem Entstehen und der Fortentwicklung der hierzu
verwendeten Mittel aus gesehen wird. Trotzdem ist es der Voll-
ständigkeit halber notwendig, wenigstens einige Worte zwei
Grenzgebieten zuzuwenden, die mit dem Begriff Reklame
fast unlösbar verbunden sind. Diese Gebiete betreffen einer-
seits die Lösung der Frage, wie die Wirkung der verschiedenen
Reklamemittel verstärkt werden kann und anderseits, wo
die Grenzen verlaufen, bis zu welchen eine Reklame noch ge-
stattet und erlaubt ist.

a) Psychologie der Reklame.
Die Psychologie der Reklame!) beschäftigt sich mit dem
Problem der weitgehendsten Ausschaltung toter Kosten, durch
Vermeidung unwirksamer Reklame und der Verstärkung der
Wirkung der verwendeten Mittel. Ebenso wie in der Kriegskunst
nicht allein der Umstand entscheidend ist, daß möglichst viele
Schüsse abgegeben werden, sondern es darauf ankommt, daß
die abgegebenen Schüsse eine relativ große Anzahl von Tref-
fern aufweisen, so ist es auch in der Reklame entscheidend,
daß die verwendeten Mittel nicht wirkungslos ver-
puffen, sondern die Aufmerksamkeit des Publikums möglichst
stark und oft erregen. Diese Wirkung ist bei der Reklame um
so wichtiger, als bei einer richtigen Kalkulation die Reklame-
kosten als Produktionskosten verrechnet werden müssen
und daher eine unrichtig angewendete Reklame auch die wirt-
schaftliche Konkurrenzfähigkeit einer Ware gefährden kann.
!) Dr. Th. König, Reklame-Psychologie, München u. Berlin 1924
— G.E. Müller, Zur Theorie der sinnlichen Aufmerksamkeit, 1873.
— H. Münsterberg, Psychologie und Wirtschaftsleben, Leipzig 1919.
— W.D. Scott, The Psychologie of advertising, Boston 1908; The
Theory of advertising, Boston 1903. — R. Seyffert, Die Reklame des
Kaufmanns, Leipzig 1920. — L. Starke, Suggestion — The greatest
Dower in advertising American Advertiser. New York 10085.
        <pb n="261" />
        REKLAMEPSYCHOLOGIE
Die moderne Forschung auf diesem Gebiete hat zur Auf-
hellung aller damit zusammenhängenden Fragen den Weg der
experimentellen Psychologie gewählt, der auch der Re-
klame als einem Wissensgebiete der Praxis am nächsten liegt.
Die Reklamepsychologie erläutert die Abhängigkeit und die
Zusammenhänge des Reklameerfolges mit der Größe, Form
und Art der verwendeten Methoden und stellt auch die für eine
möglichst wirksame Apperzeption des Publikums notwendigen
Vorbedingungen fest. Aufgabe der Reklamepsychologie ist es
ferner, zu untersuchen, wie mit einem. möglichst geringen wirt-
schaftlichen Aufwande eine möglichst starke und dauernde
Reizwirkung auf die Aufmerksamkeit des Publikums erzielt
wird. Die Reklamepsychologie ist zu einem eigenen Wissens-
zweig geworden, der ebenso wie die Reklame selbst in ständig
steigendem Wachstum begriffen ist.
b) Der unlautere Wettbewerb.

Die von der Gesetzgebung und Rechtsprechung der er-
laubten Reklame gezogenen Grenzen haben den Zweck, einer-
seits den Mitbewerber und anderseits den Konsumenten
zu schützen!). Unter die zu Gunsten der ersten Gruppe
erlassenen Verbote gehören:

I. Handlungen, welche eine Verwechslung mit einem
anderen Erwerbsgeschäft herbeiführen sollen,
Handlungen, welche die Person des Konkurrenten
oder dessen Waren und gewerbliche Leistungen durch
unwahre Behauptungen herabsetzen sollen,

3. Verrat von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen und
Abspenstigmachen von Angestellten und Arbeitern.

Unter die Verbote zu Gunsten des Konsums fallen:

I. Die Ausschreitungen der Reklame, welche in dem
Käufer durch falsche Vorspiegelungen den An-
schein eines besonders günstigen Anbotes hervorrufen
sollen,

Qualitäts-Quantitätsverschleierungen und
falsche Herkunftsbezeichnungen der Waren,

3. Anmassung von Auszeichnungen, Titeln u. dgl.

1) Siehe Dr. Joseph Grunzel, System der Handelspolitik.

Duncker &amp; Humblot, Leipzig 1906, S. 200 ff.

2
        <pb n="262" />
        GESETZLICHE REGELUNG DES WFTTBEWERBS v7
Die Gesetzgebung nahezu aller Kulturstaaten hat sich
mit diesen Problemen befaßt. Die Lösung wurde einerseits
durch eine Reihe von Spezialgesetzen, z. B. zum Schutze der
Geschäftsmarken, des Firmennamens, der Herkunftsbezeich-
nung, anderseits durch allgemein gehaltene Gesetze meistens
mit der Bezeichnung zum ‚Schutze gegen den unlauteren
Wettbewerb“ getroffen.

Am frühesten ist in Frankreich eine solche Regelung er-
folgt und zwar durch den am 19. Februar 1804 erschienenen
4- Teil des code civile, ein Vorgang, der sich aus dem Umstande
erklärt, daß Frankreich bereits am 17. März 1791 das Prinzip
der unbedingten Freiheit der Arbeit und gewerblichen Betäti-
gung gewährleistet hatte, also auch frühzeitig die Auswüchse
der freien Konkurrenz fühlte. 8 1382 des genannten Gesetzes
enthält die Bestimmung, daß jedwede Handlung, durch welche
irgend jemand einem anderen einen Schaden verursacht, den
Schuldtragenden zum Schadenersatz verpflichtet, 8 1383 macht
jedermann für den Schaden verantwortlich, den er nicht bloß
durch eine Handlung, sondern auch durch eine Unterlassung
oder Unvorsichtigkeit dem Geschädigten verursacht. England
hat durch die Merchandise Marks Act von 1887 nicht bloß die
Handelsmarken geschützt, sondern auch falsche Angaben über
Qualität und Quantität und Provenienz der Ware unter Strafe

gestellt. Für die importierten Waren wurden diese gesetzlichen
Bestimmungen auch von Amerika durch das Zollgesetz vom
24. Juli 1897 übernommen. Deutschland hat durch das
Gesetz vom 235. Juli 1896 und 7. Juni 1909 den unlauteren
Wettbewerb unter Strafe gestellt. Auch Österreich, die
Tschechoslowakei und andere Staaten haben ähnliche Gesetze
erlassen.
Selbstverständlich sind auch die Maschen dieser Gesetze
nicht vollkommen und es bleibt trotzdem die Möglichkeit
wahrheitswidriger und unlauterer Vorkommnisse auf dem
Gebiete der Reklame offen. Die Hauptmasse und die gröbsten
der Auswüchse jedoch wurden durch die genannten Maß-
nahmen wirksam beseitig*
        <pb n="263" />
        Sach-Register.
(Die Ziffer bedeutet die Seitenzahl.)

Absolutismus, höfischer 196.

Abstämmlinge Gottes 192.

Abzeichen 234.

Abziehplakate 76ff.

Adler 28ff.

Adressenbüros 409.

advertere I.

advertise I.

advertising, indirect I.

advertising, out-door I.

Aeneis 197 ff.

Ägypten Iıoff.

Ägypter ıoff.

Agesilaus von Sparta 196.

Aitzing, Michaelo 92.

Ämilius Celer 509{ff.

Album 57ff., 59, 79.

Ale-stakes 43.

Alexander der Große 192, 196{f.

Altdorfer, Eberhard 64.

Amerika 40, 76, 103ff., 120.

Amon 105ff.

Amtsanschläge 64.

Anempfehlung 2. ;

Angelus von Sumaran, Johannes
89.

Anker 26.

Ankündigungsunternehmungen
79ff.

Ankündigungstafeln 78{f.

Annotatores 79.

Anschlagsäulen 58{ff.

Anschlagtafeln 58{ff.

Anschlageverbote 68,

Anzeigen 9ı ff.

Apostelmysterien, Pariser 16.

Apotheker 39, 40.

Apulejus Iııff., 16.

Aristides 219.

Aristoteles 24, 229.

Assizes of Jerusalem, The 13.

Athen 151.

Aufbietung der Brautleute 15.

Aufschriften 158ff., 234.

Augustus, Kaiser 193, 197ff., 208ff

Auktionen 12.

Aushängeschilde 38ff.

Auslobung I1ı ff.

Ausrufer ı10ff.

Ausrufsgewerbe 12.

Ausschreier 12,

A\ußenpostreklame 142.

Ausstellungen 162 ff.

—, bewegliche 165ff.

Ausstellungs-Eisenbahnzüge 167

Ausstellungsmarken 186.

Australien 181.

Ausverkäufe 172. ,

\uszeichnungen, geschäftliche
167f.

\utoreklame 143ff.

Autotypie 9, 107.

Zacchus 40.

3Zadius, Jocodus 118.

Bäcker 25{ff.

Bären 28{ff.

Banknotenreklame 189.

3arbiere 39.

3arnum, Phineas Taylor 7, 15ff.,
24, 48, 120, 133, 137, 170, 173:
203, 214{f.

Bartolozzi, Francesco 53.

‚Becken-Ordnung‘‘, Wiener 66.

Berlin 8ı ff.

Bern 28ff.

Berufsorganisationen 178. $

Beschädigung von Plakaten 66{f.

Bibel 178.

3ilder 9.

3ildmaler 117.

3lechplakate 77ff
        <pb n="264" />
        SACH-REGISTEK
Börsenblatt des deutschen Buch-
handels 92.

Boomfahrten 136.

Boston News, Letter, The 103.

Briefmaler 46.

Briefmarkenreklame 142.

Buchanzeigen 46ff.

Buchdruckerzeichen ı1ı7ff.

Buchdruckplakate 71 ff.

Buchstaben, leuchtende 129

Buchstabentrickfilm ı24ff

Buchdruckerplakate 61 ff.

Buchhändler 7.

Buchhändler 7, 4off., 46ff.

Buchhändleranzeigen 48{ff., 61 ff

Bücher 9.

Büttel 14.

Büttenpapier 46.

Bureau d’adresse et de rencontre
88, 95.

Buschen 27&gt;ff.

Daduceus ı1.

Caesar 197.

Caligula 223.

Cambridge 38.

carte d’adresse 5off.

Cato 57, 58.

Caxton William 61ff., 68

Cedulae 84ff.

Cheret, Jules 74.

China 104.

Christenverfolgungen 193.

Cicero 229.

Citroen, Autofirma 330, 131.

Bernhard von Clairvaux 230

Claque 217.

Clarkson 41.

Cohetet, Francois 96.

Conventry-Spiele 16.

Coreggio a2ff.

Corpus juris evangelicorum eccle-
siastici 15.

Cri 16.

Chromolithographie 72.

Cronau, Rudolf ı, ..

Csillag, Anna 22

Damenbretter 26.

David, Jacques Louis 20:
Demonstrationen 232 #f.
Demosthenes 229.
Dentatus, L. Siccius 210

Deutsches Reich 120.
Deutschland 76, 9gıff., 237
Diapositivreklame ı23ff.
Dipinti 58ff., 6off.

Drake, Francis 170.
Dublin 3off.

Dürer, Albrecht 18, 200.
Drüdenfuß 27, 34.
Drummondlampen ı209

Eduard III. von England 196
Ehrenfedern 2z21ı1ff.
Ehrenpforten 20off.
Ziffel 208.
Eiffelturmreklame 130, 131.
Eigenschaften, hervorragende
menschliche 214, 215.
Zinblattdrucke 48ff.
Zinkaufsprämien 172.
Eisenbahnpropagandafahrten
136 ff.
Eisenbahnreklame 1ı32ff.
Zisenbahnwagenreklame 135.
Elektrisches Licht 129.
Elektrische Transparentreklame
129.
Emailplakate 77ff.
England 16, 37ff., 52ff., 76, 79
93, 96ff., 140, 237.
Enormitäten 43.
enseignes 38ff.
Erstveröffentlichungsprivileg 94
Etruskische Könige. 194, 195.
Eutychus 17.
Expressionismus 221.

Fachpresse ı1ı3ff.
Fahrkartenreklame 136
Fahrzeugreklame ı43ff
Faltprospekte 184.
Federn 211 ff.

Feldherrn 196 ff.
Jeldherrnnamen 208ff
rellhändler 20.
Feuerwerkreklame 128
‚euilles d’avis 96.
Figurenfilm ı25ff
Firmaschild 44ff.
Fische z3off.

Flandern 66.

Fleischer 9.
Fleischselcher 26.
Flugblatt 45ff., 2109, 23ı1ff

239
        <pb n="265" />
        240

Flugmaschinen 409ff.

Flugzettel, politische 49.

Flugzeugbeleuchtungsreklame 146.

Flugzeugreklame 145{ff.

Fragämter 85ff., 95{ff.

Frankfurt a. M. 93.

Frankfurter Frag- und Anzeige-
nachrichten 93.

Franklin 175.

Frankreich 38{ff., 44ff., 74, 95{f.,
120, 133, 166, 237.

Franz I. 64, 200, 203.

Freikarten ı5ff.

Fremdenblätter 182.

Fremdenverkehrsreklame 177ff.,
182ff£f., 184{ff.

Fremdenzeitungen 113.

Freudenfeuer 128.

Füllfeder 23.

Fundanzeigen 60.

Gallus, St. 28.
Gambrinus 40.
Gaslicht 128.
Gasthausempfehlungen 58 ff.
Gazette 96.
Gebäckhändler 20.
Gehsteigprojektion von Reklame-
bildern 129.
Geldwechsler 40.
Geldzeichenreklame 1900.
General advertiser 909.
Germanicus 204{ff.
Geschäftseröffnungen 48f{ff.
Geschäftsetikette 120{f.
Geschäftshaus ı409ff., 158{f.
Geschäftskarte 409ff.
Geschäftslokal 1ı49{ff.
Geschäftsmarke ıı17ff., 120ff.
Geschäftspropaganda im Dienste
des Fremdenverkehrs 184{ff.
Geschäftsprospekte 48{ff.
Geschäftsschild 24{f.
Geschäftswagenreklame 143{f.
Geschäftszeichen 34, 118{ff.
Geschenkreklame 172, 221ff.
Gesetzgebung 1ı3{ff.
Gesetzvorschriften 55{f.
Gesetzvorschläge 57{f.
Gewerbeausstellungen 163{ff
Gewerbeembleme 34 {ff
Gewerbefreiheit 106.
Gewerbeschilder 34{ff.

SACH-REGISTER

Geysler, Valentin 48.
Ghelen, J. P. van 103,
Girardin, Emil de 115
Gladiatorschule 26.
Glasplakate 76ff.
Glass-signs 77.

Glocken ı2.
Goldschmiede 40.
Sottesgnadentum 193{f.
oujon 43.

araphische Darstellung 76
Griechen ı1ff,
Grimasse 125.

Grose, Balthasar 15.
Grosley 43.
Großbritannien 120.
Groteskfiguren 174.
Grotesk-Reklame 172ff.
Grotesk-satirische Zeichen 31 ff
Grunzel, Joseph D. 2.
Guericoult 43.
Guldenblätter 63{ff
Gußglas 154.

Sutenberg 46.

Hand-bills 48{ff.
Handel ı7ff.
Aandeljude 20.
Handelsmarken 119{f.
Händlerschilder 34{f.
‘Tandlungsreisende 20ff
Aatin 96.
Tausfassaden 158.
Jausierer 19,
Tauszeitungen 113,
Tdeilige drei Könige 28{ff
Teiligenbilder 46.
Tdeilige 28{f.

Teilmittel 47, 105.
Adeinrich III. 38.
Adeinrich VIII, 198
Teiratsanzeigen 94.
Teiratsvermittler 22.
Ilektor, Benedikt 118
Ierakles 192.

Aeraldik 29ff,
Aerculanum 58{f.
Herold ııff.
Heroldstab ııff.
Herrscher 196{f.
Herrschernamen 208{f.
Herz, Zum weißen 41{f
Himmelsschrift 146
        <pb n="266" />
        SACH-REGISTER
Himmelszeichen 3off.
Hinscheidt, Anton 93.
Hoflieferantentitel 171
Hogarth, William 52.
Hohenstaufen 197{ff.
Holztafeln 32ff., 58{ff.
Holzschnitte 46ff., 70
Holbein 38, 43.
Homer 40.
Hotelindustrie 179.
Hotel runners 20.
Huß, Tohannes 230

Ideenreklame 226ff., 231.
MNustrated London news 106
MNlustrationen 9, 47ff.
Illustrierte Zeitung 106.
Impartial Intelligencer 98
Impressionismus 72{ff.
Innenpostreklame 142.
Innenraum 16off.
Innungszeichen 34.
Inserate ı184ff.
Inseratenkonkurrenzen 109.
Inseratensteuer 99{ff.
Inseratenwesen 85ff,
Inschriften 55{f.
Intelligenz-Kenntnisblätter 85ff.,
88f.
Intelligenz-Comptoir 89.
[talien ı18.

Japan 1ı04.

Joseph I. ıo01.

Journal general d’affiches, Le 95.
Journal de Paris 96

Juden ı1lı, 57.

Kaffeehäuser ıoff.
Kahlköpfige Herren 23.
Kalifen 193.

Kallisthenes 197.
Kampfbroschüren 22off.
Kanaan 180.

Kanada 133, 180.

Kanzeln 15.

Karl der Große 197.

Karl VII. 198, 200.
Kartenmacher 40.
Kategorischer Hinweis 106ff.
Kaufleute 4off.
Kaufmännische Affiche 68ff.
Kaulbach, Fritz August 76.
Paneth, Entwicklung der Reklame.

241

Keryx II.

Kinoprogramme 48{f.

Kinoreklame 1ı23ff.

Kinos ı16ff.

Kioske 82.

Kirche 12.

Kliemann, Horst 3.

König, Theodor 2.

Körperschaften 230, 231I.

Kollektivreklame 175ff.

Kolorierte Fernplakate 74ff

KXommerzialrat 213, 214

KXonfektionshäuser 23ff.

Konstantinopel 40.

Konzil, Tridentinisches 15

Xostüme 194{ff.

Kristall-Glasolinplakate 77

Krone 28ff.

&lt;ubismus 76.

Künstlerreklame 20off.

Kugeln, drei goldene 40.

Kundenerhaltung 10.

Kundengewinnung 10.

KXundschaftsblatt 102.

Kunstausstellungen 163ff.

Künstler als Geschäftsschilde
zeichner 42ff.

Kunststücke 7, 9.

Kupferstiche, handkolorierte 105

Kupferstiche 18.

Kuriose Geschäftszeichen 41.

Kurkommissionen 182.

Kyselak 216.

Ladenhalter ı9.
Ladenzeichen 25ff.
Läden, geschlossene 154ff.
Läufer 39.
Landkartenreklame 76.
Laterankonzil, viertes ı5
Lauber, Diepold 61, 62.
Law, John 180.
Leeu, Geraert 47{f.
Leihhäuser 40.
Leipziger illustrierte Zeitung 53.
Leipziger Zeitung 92.
Leonard, Zeichner 127.
Le Pautre 51.
Leukomena 57ff.
Leopold I. 89.
Lichtreklame ı27ff., 135.
Lichtreklame, bewegliche 130
Lichtreklamewagen 144f.

16
        <pb n="267" />
        242

L’Illustration 53, 106.

Lind, Jenny 171, 203ff., 214, 215,
Lionardo da Vinci 200.
Litfaßsäulen 78ff.
Lithographie 9, 71{ff.
Lobgedichte 200off.
Lockartikel 172.

Lockung 2.

London 40, 43{ff.

Londoner Stein 79.
Lotteriankündigungen 64.
Lotterielose 9.
Lotterieplakat, Rostocker 64.
Lotterieunternehmer 7.
Lucullus 207.

Ludwig VII. 13.

Ludwig XIII. 50, 66, 95.
Ludwig XIV. 38ff., 200off.
Luther Martin 48, 231.
Lysinski, E. 2, 9. 226ff.

Majestätsbeleidigungen 193.
Makart, Hans 207.

Malerei 196{f.

Malweise, kubistische 216.
Mannequins 23{f.
Marforius 79.

Markthallen 151.

Mars 192, 193.

Martial ı2, 61.

Mataja, Viktor, 2.
Maueraufschriften 220.
Mäusefallen 18.

Maximilian II. 200.
Medaillons 210{ff.

Medici 40.
Mehrfarbenplakat 72{f.
Melusine, die schöne 62 ff.
Memphis 24 ff.

Menenius Agrippa 234.
Menschen als Reklamemittel 10ff.
Mercuria, The English 96.
Mercurius Politicus 99.
Merkur ıIıff., 40.
Messeberichte 92.
Messekataloge 9ı ff.

Messen 162{f.

Messenio 17.
Metallgeldreklame 185, 190.
Metallplatten, tönende 12.
Metzger, Londoner 19.
Mexiko 166.

Meyers Konversations-Lexikon 2.

SACH-REGISTER

Milchhändler 25ff,
Milchmann, Londoner 19.
Milton 40.

Miniaturorden 211.
Mißgeburtplakate 64.
Modelle, lebende 23.
Modernes Plakat 68ff
Monet, Claude 72.
Montaigne 87.
Münzblätter 63{f.
Münzen 202{f,

Muezzin 12.

Mythologie, griechische ıı ff
Mythradates 207.

\apoleon I. 96, 207ff.
Nationalfesttage 208
Naturalismus 72ff.

Negotien 102.

Neugierde 174.

New Yorker Staatszeitung 104
Nomos-Uhr-Gesellschaft 171.
Norwich 42.

Notgeldreklame 189.

Nürnberg 14.

Dberwesel 43.

Österreich 100ff., 239.
Offsetdruck 9. ;
Olympische Spiele 31.
Optiker 39, 41.

Orden 21off.
Ordinari-Zeitungen 91.
Ordinari Zeitung in Linz 100.
Ortsbilder 40.
Panem et circenses 223.

Dapier 464.

D&gt;apiergeldreklame 185, 189, 100.
7apierpreis 454f.

Papyrus 57ff.

Papyrussammlung des Louvre I Iff
Paracelsus 40.

Paris 152.

Parthegesellschaft 127.

Pasquil 79.

Paulus, Apostel 231.

Penny Magazine 53, 106.
Pennsylvania Gazette 103.
Pennsylvania Staatsbote 104
Dergament 46ff., 57.
Pergamentplakate 50ff
Pergamenttafeln ı4{f.
        <pb n="268" />
        S

ICH-REGISTER

Personenreklame 1ı91f{f.

Perserkönige 192.

Pest 15.

Petersburg 208.

Petites affiches 96.

Petrejus, J. 48.

Pfandhäuser 40.

Pflanzenreich 3off.

Phantastische Zeichen z3ıff.

Pharaonen 192.

Philipp August 13.

Philipp von Burgund 198.

Photochromolithographie 72 ff.

Photographische Plakate 72f{ff.

Piasso, Pablo 216.

Plakat 46ff., 55ff., 22ıff., 232{ff.

Plakataushang 134.

Plakate 184ff.

Plakate, illustrierte 63ff.

Plakatsäulen 8off.

Plastik 196ff.

Plato 229.

Politische Propaganda 149.

Polizeialarmdienst 149.

Pompe]ji 24ff., 58, ı51, 220.

Pooter, Paul 42ff.

Postmarken 201 ff.

Postreklame 141ff.

Poststempelreklame 142, 185, 189

Posttägliche Frag- und Anzeigen-
nachrichten 102.

Postwertzeichenreklame 1ı85ff.

Präsident 214.

Prätoren 58.

Preco ıIııff.

Preßgesetz, Österreichisches 116.

Propaganda 2.

Prospekte ı84ff.

Psyche ıl.

Psychologie, experimentelle 236.

— der Reklame 235.

publicitä ı.

publicite ı.

publicite&amp; commerciale 1.

Puppen 126.

Pyramiden 198.

Quacksalber 7.

Rabattmarken 172.

Rampsinit, König 195.

Ratdolt, Erhardt 47, 63ff.

Ratsche 12.

Räumungsverkäufe 172,

243

reclamare 1ı.

zeclame I.
Redaktions-Reklame 184.
Referenzreklame 17off.
Reichenberger Messe 183.
Reisebüros 182.
Reklame, anonyme 209.
Reklamedrucksachen 137.
Reklame, Begriff der ıff
—, Darlegung 3ff.

-, geschäftliche 7ff.

-, Grenzen der Darlegung 5f.

- Grundlage, wissenschaftliche

4 5:
Kombinationen 5f.
Mittel der 6.
Spezialgebiete 5f.
‚ Variationen 5f.
für Künstler 20gff.
— Länder und Gemeinden 1 79ff
— Persönlichkeiten 20off.
— politische Persönlichkeiten
192ff.
Reklame, redaktionelle ıı4ff
—, sensationelle 215ff.

‚ unterirdische 216ff.
Reklame als Zeitung 113
Reklameaufbauten 78ff.
Reklameelefant 137, 138
Reklamekunst 5o0ff.
Reklamefeuerwerk 128
Reklamemarken 54{ff.
Xeklamespiegel 129.
Reklamespielfilm 126
xeklametheater 127.
zeklametricks 5.
Reklamwagen 143.
xelations-Courier 92.
zenaudot, Theophraste 88, 95
head, L. 76.

Richel, Bernhard ıı17ff.
Xichelieu 95.

Römer ıIIff.

Rößli 28ff.

Rom 57{ff.

Romulus 192, 208.
Rundfunkreklame 148.
Rundfunkmonopol 148
St. Johannes 28.
St. Markus 28.
St. Petrus 28.
Sandverkäufer 20
        <pb n="269" />
        24

Sandwichmädchen 23.
Sandwichmänner 21 ff.
Sandwichpferde. 23 ff.
Sanitätsvorschriften 15.
Sarapeum 24{f.
Schachbretter 26.
Schacht, Hjalmar 93.
Schaubuden 16ff.
Schaufenster 155{f.
Schaufensterplakate 77.
Schaukasten 135.
Scheerenschleifer 20.
Schellengeläute ı2.
Schiff 26, 167.
Schlangen, symbolische 27
Schmiedeisenzeichen 34ff.
Schnarre 12.

Schneider 22, 40.
Schönwetter 100ff.
Schriftmaler 509{f.
Schriftproben 48{ff.
Schröder, Wilhelm Freiherr von 89,
Schröter, Maler 43.
Schuhmacher 9.

Schweiz 30ff., 133.
Seilerartikel 18.
Sensationsreklame 172 {f.
Septimius Severus 210, 230, 231.
sergeant ä verge 13.
Seyffert, Dr. 2.
Shakespeare 40, 41.
Skrofelnheilung 196.
Sombart, Werner 2.
5ophisten 229.

Spann, Othmar 226ff,
Spartaner 1092.

Spectator 36{ff., 40.
Spielfilmreklame 123{f.
Spielkarten 46.
Standartenträger 22.
Stanley, Henry M. 213.
Stern 28{ff.

Straßburger Zeitung 92.
Strauch, Lorenz 4.
Streckenreklame 137ff.
Strohhändler 20.
Strohmatten 18.
Strohwisch 27, 34-
Stuhlflechter 20.
Subskriptionsscheine 52 ff.

Taberna mercatoria 89.
Tabulae 57f£.

SACH-REGISTER

Tendenzdichtung 230.
Textreklame 1ı15ff., 127.
Cheater 16ff., 127.
Theateranzeigen 58{ff.
Theaterreklame 123{f.
Theatervorstellungen 7, 9.
Theben 57.
Themistokles 218.
Thutmos III., König 1095.
Fiere als Reklamemittel ı10ff
Fierschauplakat 64.
Times 100.
Tischler 9.
Tinte 18.
Titel, geschäftliche 167ff.
[itus Flavius 203.
Cransparentgeschäftsschilder 45
Transparentplakate 77{ff.
Cransparentreklame 128.
Traumdeuter 24{ff.
Trickfilm 125{ff.
Ürickzeichenfilmreklame 1ı23ff.
Triumph-Ehrenpforten 203{f.
Triumphzüge 203{ff.
Trommeln 12.
Irompetenklang 14.
Trompetenstöße 12.
Tüncher 26. ,
Turner, William 72.
Turokbrote 172.
Unterhauswahlen, englische 220,
291.
Venus 11.
Vereine 230, 231.
Vereinsrecht 231.
Vergil 193, ı197{ff.
Verkaufsstand 1409ff.
Verkehrsreklame 1ı31ff.
Verlustanzeigen 15, 60.
Vernet, Horace 43.
Versammlungslöhnung 229.
Versatzamt 89.
Verschlußmarken 54ff.
Versteigerungen I17{ff.
Vertreter Gottes 192.
Vervielfältigungsvorrichtungen
454£.
Vexier-(Zeichen-)film 126.
Viktoria, Königin 208.
vir celebrissimus 213.
vir perfectissimus 213.
Vitznauer Bergbahn ı81
        <pb n="270" />
        SACH-REGISTER
Vogelwelt 30ff.
Volkstribunat 234.

Wagenreklame 143, 184.
Wahlaufrufe 58, 60, 218
Wahlbestechung 221ff.
Wahlreklame 218ff., 228ff
Walker, Fred 76.

Walter von der Vogelweide 197.
Wandplakate 58ff.

Wappen 28ff.
Warenhäuser-Zeichen 43ff.
Warenmusterschiff 166.
\Wasserkressehändlerin 20
Watteau 43.

Weekly News 97.
Weinhändler 25f{ff.
Weinschenken 4off.
Werbeangebot 10.
Werbebekanntmachung ı0
Werbeempfehlung 10.
Werbelockung 10.

Werbung 2, 226ff.
Werbeüberzeugung 10.
Wettbewerb, unlauterer 2 36.
Wien 82, 88ff.

Wiener Diarium 15, 90, 100ff
Wiener Messe 184, 185, :89.
Wiener Zeitung ıo2ff.
Wieringsche Zeitung 92.

„Wilder Mann“ 17. .
Wilhelm II., Kaiser 197{ff.
Wirte 7.

Wirtshausschilder 27ff.
Wohlfahrtszweckereklame 149
Wort, das geschriebene 2109ff.
—, das gesprochene 228ff
—, das lebende 218, 219.
Wortmarken ı21Iff.

Würste I18{ff.

Xenophon 197.

Xylographie, s. Holzschnitte.
Zahlteller, aufleuchtende 129
Zahn, Professor 72.
Zeitungsinserat 105ff.
Zeitungsporto 113.
Zeitungsreklame 83ff.
Zeitungsstatistik 99, 103.
Zeitungsstempel-Taxe 9go9ff.
Zeitschriften, illustrierte 53{f
Zeitungswesen 232.
Zeremonien 194ff.
Zirkusankündigung *
Zirkuse 16ff.
Zirkuspropaganda 15.
Zirkusvorstellungen "
Zunftwappen 34f{ff.
Zunftzeichen 34, 173

Zwölf Tafelgesetze ;-7

45
        <pb n="271" />
        Reklame-Psycholodie
Ihr gegenwärtiger Stand — ihre praktische Bedeutung
Von Dr. TH. KÖNIG
3. Aufl. 255 S., 39 Abb. 8°. 1926. Leinen M. 6.50
Wissenschaftliche Leitung der Werbeabteilung.
Ebenso wie jede andere Abteilung eines Unternehmens hat
auch die Werbeabteilung ein Anrecht darauf, wissenschaftlich
geleitet zu werden. Darum gibt uns der Verfasser in seinem
Buche eine Methode, wie die Psychotechnik bei der Erzielung
von Reklameerfolgen in der Praxis zu Rate gezogen werden
soll (V. D. L.-Nachrichten).

Verläßliche Grundlage erfolgreicher Werbearbeit.
Die auf oft sehr mühevolle Weise ermittelten Tatsachen
menschlichen Verhaltens der Reklame gegenüber bilden ohne
Frage eine verläßliche Grundlage erfolgreicher Werbetätigkeit,
deshalb müssen alle Praktiker sie berücksichtigen (Papier-
Zeitung).

Reklame, die lohnt... !
Von R.S. DURSTINE
Übersetzt und bearbeitet von Dr. Th. König und I. M. Witte.
212 S., 39 Abb. 8°. 1926. Leinen M. 7.50

Inhalt: Warum man Reklame macht — Was zuerst: Text
oder Bild? — Fort vom Alltäglichen! — „Atmosphäre“: die
richtige Stimmung für das Werben — Aufrichtigkeit, eine
wichtige Helferin — Gesunder Menschenverstand — Das große
Geheimnis: den „Handel verstehen“! —- Das Heben von
totem Gewicht — Das rechte Wort am rechten Platz — Der
Anzeigenfeldzug — Einige Ideen über Gedankenpropaganda
— Wohin führt die Reklame in der Zukunft ? — Übersetzung
der abgebildeten Anzeigen.

Bei uns wird immer nur über amerikanische Reklame ge-
schrieben. Fast niemand hat ein original- amerikanisches
Reklamebuch gelesen. Wir haben deshalb eines übersetzen
lassen. Lange haben Verlag und Herausgeber nach einem für
die amerikanische Gedankenwelt besonders typischen Buche
gesucht. In dem Werk von Durstine haben wir es gefunden.
Durstine, ein bekannter Praktiker, schreibt mit einem Humor,
der an Mark Twain erinnert, er theoretisiert nicht, sondern
sagt, wie sie es gemacht haben. Reiches Bildmaterial unter-
stützt seine Worte. Alle Texte der abgebildeten Anzeigen
wurden übersetzt.
R.OLDENBOURG/ MÜNCHEN / BERLIN
        <pb n="272" />
        | Amerikanische Verkaufsorsanisation
Von I. M. WITTE
Inhalt: Übersicht bisheriger u. neuzeitiger Verkaufsverfahren
(Arbeitsvorbereitung und Arbeitsverteilung, Organisation des
Verkaufswesens, die Übersichtstafel). — Die Verkaufsquote.
Der Pensumgedanke in der Verkaufsorganisation (Definition
der Verkaufsquote, Aufteilung der Bezirke) — Markt- u. Ver-
kaufsanalyse — Konjunkturforschung — Kosten des Vertriebs
(Bedeutung geringer Vertriebskosten, Kostenermittlungsver-
fahren, Bestandteile der Vertriebskosten, Ursachen hoher Ver-
triebskosten und Vorschläge zur Herabsetzung, Vereinheit-
lichung und Vereinfachung, Kostenkontrollverfahren zur Ver-
minderung der Vertriebskosten, Anteil der Vertriebskosten an
den Gesamtkosten verschiedener Warengattungen) — Graphi-
sche Kontrollverfahren — Statistik.

Auswahl des geeignetsten Verkäufers (Wünschenswerte Eigen-
schaften, Ausfrageverfahren, Auswahlverfahren bei der Good-
year Tin &amp; Rubber Co., Woher kommt der Nachwuchs ?,
Rundfrage über den besten Verkäufer) — Ausbildungsverfah-
ren des Verkäufers — Handbücher für Verkäufer — Psycho-
logie des Käufers und des Verkäufers — Propagandistische
Hilfsmittel für den Verkauf (Anzeigen, Werbebriefe, Telephon-
werbung, Verpackung, Verkaufskonkurrenzen und Verkaufs-
konferenzen) — Die Entlohnung.

Chain Stores — Kettenläden — Läden mit Selbstbedienung —
Großversandgeschäfte — Warenhäuser und Abzahlungsge-
schäfte — Markenartikel — Die Macht der Frau als Käufer —
Der Dienst am Kunden.

Amerikanische Büroorganisation
Von I. M.WITTE
Inhalt: Allgemeine Grundsätze — Hauspost — Mahn- oder
Terminsystem —Zentrale—Zeitverabredung— Botenjungen-
zentrale — Selbsttätige Versorgung mit Büromaterialien —
Normalvorschriften — Zentralregistratur — Auskunftsbüro --
Die Stenotypistin und das Zentralschreibmaschinenzimmer —
Die Bedienung und Instandhaltung von Büromaschinen —
Leistungskontrollen in Bürobetrieben — Graphische Darstel-
lung statistischer Angaben — Das Ausnahmeprinzip der Kon-
trolle — Psychotechnische Eignungsprüfungen des Büroper-
sonals — Beförderungssysteme — Literaturverzeichnis.
R.OLDENBOURG / MÜNCHEN /BERLIN
        <pb n="273" />
        nach dem Gantt-Verfahren
Von WALLACE CLARK
Übersetzt von I. M. Witte
84 5S., 27 Abb. 8°. 1925. Brosch. M. 3.50
Die Gantt-Karten unterscheiden sich von den üblichen graphi-
schen Darstellungen vor allem dadurch, daß sie in erster Linie
den Zeitfaktor berücksichtigen; die Geschwindigkeit, mit der
die Arbeit weiterschreitet, wird mit dem gleichmäßigen Weiter-
schreiten der Zeit verglichen — einer der mächtigsten Förde-
ter der Arbeit. Man kann aus den Karten ersehen: 1.ob die
vorhandenen Produktionsmittel stets voll ausgenützt werden;
2. wie die Arbeiten der Angestellten im Vergleich zu der ge-
forderten Normalleistung abschneiden ; 3.wie die vorhandenen
Produktionsmittel ausgenützt werden, um auf diese Weise vor-
liegende Arbeit richtig disponieren zukönnen. Alle Abweichun-
gen und Gründe dafür erscheinen auf den Karten. Die Gantt-
Karten zeigen besonders übersichtlich die im voraus festge-
legte Arbeit eines ganzen Betriebes oder einer ganzen Indu-
strie, sie gestatten ein fortwährendes Vergleichen der Leistung
mit dem Voranschlag und ermöglichen es auf diese Weise, daß
ein Betriebsleiter die künftige Entwicklung eines Betriebes
mit ziemlicher Sicherheit voraussehen und bestehende Schwie-
rigkeiten leichter überwinden kann. Es gibt scheinbar keine
Grenze für die Anwendungsmöglichkeiten dieser Karten. Sie
wurden mit gleich gutem Erfolg in kleinen wie in großen
Unternehmungen angewendet — von einem Anstreichgeschäft,
das zwei oder drei Leute beschäftigte, angefangen, bis zu
weltbekannten Firmen von größten Ausmaßen.
Der eiserne Mann in der Industrie
Die soziale Bedeutung der automatischen Maschine
Von ARTHUR POUND
Mit einer Einleitung von Prof. Dr. C. Matschoß.
Übersetzt und bearbeitet von I. M. Witte.
132 S. 8°. 1925. Brosch. M. 3.60
Inhalt: Von der Landwirtschaft zur Industrie — Die Verein-
heitlichung und Nivellierung der Löhne — Geist und Ma-
schine — Die Eisernen Herzöge — Industrie und Staat — Die
Entwicklung der Konzerne — Die Stellung des einzelnen und
die Gesellschaft — Krieg und Arbeit — Erziehung für die
Mußezeit
R.OLDENBOURG/ MÜNCHEN /BERLIN
        <pb n="274" />
        <pb n="275" />
        <pb n="276" />
        7

207
Führer des Heeres, die treuen Gefährten in Schlacht und Sieg, alle auf
weißen Rossen. Prächtigen Anblick gewährt das große Gefolge der
Legaten (Stabsoffiziere) in ihren goldglänzenden Rüstungen auf reich
geschmückten Pferden. Nun folgen die tapferen Truppen, von dem
Centurionen (Hauptleuten) geführt. Hoch ragen die Legionsadler und
die Zeichen der Kohorten; zwei wiedereroberte Adler der Legionen des
Varus werden stürmisch begrüßt. .

Großer Jubel empfängt die Abordnungen der acht rheinischen
Legionerm, besonders der vier niederrheinischen, bei denen viele Stadt-
römer dienen. Die lorbeerbekränzten Krieger singen muntere Sieges-
und Lobeslieder auf ihren Feldherrn, aber auch Spottlieder, in die
das Volk lachend miteinstimmt. Hinter den Linientruppen rasseln
dröhnend die Wurfmaschinen einher, die Katapulten und Ballisten.
Den Schluß des Zuges endlich bilden die Hilfsvölker in ihren farben-
reichen Nationaltrachten, Schleuderer von den Belarischen Inseln und
von Kreta, Kohorten aus den neuerworbenen Provinzen Rhätien und
Vindelicien, auch Germanen darunter, besonders Bataver vom Nieder-
rhein, angestaunt von den Umstehenden. voll Staunen ihre Umgebung
musternd.

Unter dem immer wieder erneuten Jubel der Menge, die bis zu
den höchsten Sitzen hinauf die weite Rennbahn erfüllt, verläßt der
Zug langsam den Circus maximus. Um den Palatin herum, auf dem
aus dunklen Laubhecken der kaiserliche Palast hervorschimmert,
wendet er sich nach Nordwesten auf die gut gepflasterte heilige Straße
[via sacra).‘“

MODERNE FESTZÜUGz

Im Hinblick auf die mit diesen Triumphzügen verbun-
denen Gefahren eines politischen Umsturzes gewährte der
Senat die Bewilligungen hierzu immer seltener. So mußte der
Feldherr Lucullus nach seinem Sieg über Mythradates
(69 v. Chr.) 3 Jahre vor den Toren Roms mit seinem Heere
auf die Bewilligung des Triumphzuges durch den Senat
warten.

Im Mittelalter und in der Neuzeit wurden dieTriumphzüge
durch Fest- und Huldigungszüge ‚abgelöst. Berühmt ist in
dieser Richtung die Defilierung der französischen Truppen vor
Napoleon nach seiner Flucht von Elba und der Festzug an-
läßlich der silbernen Hochzeit des österreichischen Kaiser-
paares im Jahre 1879, welcher von Hans Makart in unver-
gänglichen Werken der Malerei festgehalten wurde. Der
Triumphzug wird gegenwärtig auch im Dienste der Reklame
für sonstige Persönlichkeiten, insbesondere von Politikern
benützt; er hat sich auch hierbei als überaus wirksames
Reklamemittel erwiesen.

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