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        <title>Amerikas internationale Kapitalwanderungen</title>
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            <forname>Kurt von</forname>
            <surname>Reibnitz</surname>
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        </author>
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        S II 8 (1-5)
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        Sozialwissenschaftliche

Forschungen -

Herausgegeben von der
Sozialwissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft

Abteilung IV — Heft 1

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a7]
WAY)

Berlin und Leipzig 1922
Vereinigung wissenschaftlicher Verleger
Walter de Gruyter &amp;amp; Co.
vormals G. J. Göschen’sche Verlagshandlung — J. Guttentag, Verlagsduchhandlung
 — Georg Reimer — Karl J. Trübner — Veit &amp;amp; Comp.
        <pb n="4" />
        Amerikas internationale
Kapitalwanderungen

Von

Dr. jur, Dr. phil. Kurt Freiherr v. Reibnitz
Staatsminister a. D.

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G

Berlin und Leipzig 1926

Walter de Gruvter &amp;amp; Co.

vormals G. J. Göschen’sche Verlagshandlung — J. Guttentag,t Verlagsbuchhandlung
Georg Reimer — Karl J. Trübner — Veit &amp;amp; Comp
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        Angenommen auf Antrag von Professor Dr. M. Sering
durch den Abteilungsvorsteher Professor Dr. W. Prion-Berlin

Copyright 1926
by Walter de Gruyter &amp;amp; Co.
Berlin und Leipzig
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        Mein 1912 im Verlage von Gustav Fischer in Jena erschienenes
 Buch „Die New Yorker Fondsbörse (Stock Exchange).
 Ihre Geschichte, Verfassung und wirtschaftliche
Bedeutung“ widmete ich dem Andenken meines Urgroßvaters
David Hansemann, 1848 preußischer Finanzminister, später
Chef der Preußischen Bank, verließ er 1851 den Staatsdienst
und errichtete in diesem Jahre die Direktion der Diskontogesellschaft,
 deren Erster Geschäftsinhaber er bis zu seinem
1864 erfolgten Tode war. Ich widme dies Buch dem Andenken
 seiner beiden Söhne, meines Großvaters und seines
Bruders

Gustav von Hansemann
Aufsichtsratsmitglied der Diskontogesellschaft
1873—1900,

Adolf von Hansemann
Erster Geschäftsinhaber der Diskontogesellschaft
1857— 1908

Berlin-Charlottenburg, den 12. November 1925.

Kurt Freiherr von Reibnitz.
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        Inhaltsverzeichnis

Seite
Einleitung. Allgemeines über den internationalen Effektenkapitalismus
 ....0.0...0.1.0
1. Begriff und Wesen .........
2. Geschichtliche Epochen .........
a) 1694—1830. ... WR
b) 1830—1891. .
c) 1891 — 1914
d) Von 1914 an . ; .
Ursachen und Wirkungen . ©
Der Einfluß des Weltkrieges auf den internationalen Effektenkapitalismus.
 . VRR

2
x

8

Erster Abschnitt. Die Kapitaleinfuhr bis zum Weltkrieg . .
1. Der wirtschaftliche Aufstieg der Vereinigten Staaten. .. .
2. 1776 — 1812 ve
a) Nordamerika als englisches Ausbeutungsobjekt. .....
b) Aufnahme von Anleihen in Europa 1776—1790 .....
c} Teilweise Deckung des Geldbedarfs im Lande selbst. 1790
bis 1812 ....... x
1812—1887 . 0 RR
a) Direkter Effektenhandel zwischen London und New York
b) Plazierung von Anleihen der einzelnen Staaten und Städte
der Union an der Londoner Börse. ..........
Tilgung der nordamerikanischen Staatsschuld und Einströmen
 der dadurch freiwerdenden englischen Kapitalien
auf den nordamerikanischen Aktienmarkt 1830—1837 .. 17
Zahlungseinstellung aller Banken der Union infolge der
Entziehung englischen Kapitals 1837 . ...0.0.. 20
1837—1857 0 0000000 ee al
&amp;amp;) Amerikamüdigkeit der englischen Kapitalisten ..... 21
b) Wiedereinsetzen der europäischen Kapitaleinfuhr 1851 . . 22
c) Einfuhr deutschen Kapitals auf Veranlassung deutscher
Einwanderer und Bankfirmen ............. 28
Unterbringung von Aktien zahlreicher Eisenbahngesellschaften
 in England. 1851—1857 ........... 25
1857—1873 . ..... - % in + 4 O3 Rum © DO
A) Finanzierung des Sezessionskrieges in Europa. 1861—1865 26
b) Deutschlands finanzielle Hilfe für die Nordstaaten ... 27
c) Frankreichs und Englands finanzielle Unterstützung
der Südstaaten .. 0.0.0000 4 000000000. 28
Verdoppelung des Eisenbahnnetzes mit Hilfe des europäischen
 Kapitals. 1865—1873 .....0.0..0.0... 29
Käufe und Verkäufe in nordamerikanischen Staatsanleihen
und Eisenbahnanteilen . .. 0.0 00000.0.0.0. 0.04
f) Die Effektenschuld der Vereinigten Staaten. 1865—1873
g) Die Krisis 1873 . 0.000
3. 1873—1893 0
a) Unterbringung amerikanischer Eisenbahnobligationen in
England und Holland 1873—1881 ...

9
9
12
12
13

14
15
15
16
        <pb n="8" />
        VII

b) Betätigung deutscher und französischer Spekulanten auf
dem Amerikanermarkt der Londoner Fondsbörse 1884 bis
c) Rückfluß amerikanischer Effekten aus Europa. .....
d) Die Krisis 1893. . 0 0
1893—1912
a) Zurückhaltung des europäischen Kapitals 1893—1898 ..
b) Europäische Kapitaleinfuhr nach Beendigung des spanisch-amerikanischen
 Krieges. 1898 .....1.....
Beteiligung europäischen Kapitals an den neuentstandenen
 Trusts ..... # &amp;amp; kw
d) Die Krisis 1907 .. 2.00
e) Deutsche und französische Kapitaleinfuhr 1909—1912 . .
Das Effektendebet der Vereinigten Staaten vor dem Weltkrieg
 an:. ....
a) Europa .....
b) Großbritannien. .
c) Holland . ...
d) Deutschland . .
2) Frankreich... 00
f) Die Schweiz, Belgien und das übrige Europa. .....
Ursachen der Kapitaleinfuhr in den Vereinigten Staaten . .
a) Verbörsianisierung des Wirtschaftslebens ......
b) Persönliche Beziehungen der Einwanderer .....
c) Der Außenhandel als Schrittmacher . . ; #
d) Die höhere Verzinsung .....
e) Spekulationsmöglichkeiten. .... , . 5
f) Die Fondsbörsen und die internationalen Banken . ..
Wirkungen der Kapitaleinfuhr in die Vereinigten Staaten .
a) Nationalwirtschaftliche: .........0.....
x) Ausdehnung des Eisenbahnnetzes ..........
ß) Intensivierung der industriellen Produktion. .....
y) Verstärkung der jeweiligen Börsentendenz . 4 EG
b) Weltwirtschaftliche: ‚2.000.000.
«) Warenabsatz der kapitalausführenden Länder gegen
Effekten ‚0
8) Das amerikanische Wertpapier als Zahlungsmittel. . .
V) Ausgleich des amerikanischen Ausfuhrüberschusses durch
die Zinsen der in Europa untergebrachten Effekten . .

Seite

43
45
46
48
48

7

49

52
56
58

w

58
50
RZ

Ö

10.

23
78

79
79

—-Zweiter Abschnitt: Die Kapitalausfuhr bis zum Weltkrieg .
1. 1899—1901 .
a) Kapitalfülle in den Vereinigten Staaten. ......
b) Rückkauf amerikanischer Effekten aus Europa .....
c) Aufnahme von Anleihen europäischer Staaten... ...
1901—1914. Auswärtige Kapitalanlagen in Effektenform
in Mexiko, Zentral- und Südamerika, Ostasien, Kanada
und Europa. ,

80

80
30
81
82
RO

DritterAbschnitt: Der Übergang der Vereinigten Staaten zum
aktiven internationalen Effektenkapitalismus ........ .
1. 1912—1 913 LT
a) Verminderte Anteilnahme Europas am amerikanischen
Effektenmarkt . . . 0
b) Deckung des Kapitalbedarfs im eigenen Lande .....
3) Notwendigkeit der Kapitalausfuhr als Schrittmacher
der Exvortindustrie _

xd4

88
88

89
91

1
        <pb n="9" />
        1.1

Seite
2, März 1913 bis April 1917 (Eintritt der Vereinigten Staaten:
in den Weltkrieg)... ..0.0.0.00000000.0 00.0. 92
a) Übernahme der Regierung durch die Demokraten , ... 92
b) Die Bankreform . 0.0 .0.0000000.00 0 0 0 0 4 u + 92
o) Voraussetzung für die Deckung des Geldbedarfs im Lande 93
d) Effektenkapitalistische Wirkungen des Kriegsausbruchs 93
e) Zeitweise Schließung der New Yorker Fondsbörse . . .. 93
f1 [ndustrieller Aufschwung durch die Kriegsmateriallieferungen
 an die Entente ......0..0.0.000.00000.. 94
Finanzierung des Krieges durch die Gewährung kurz-Iristiger
 Kredite .....0.00.000.000.0.0.0.00 0 + «+ 95
Englisch-französische Anleihe Oktober 1915. ...... 95
Kredite an England und Frankreich gegen Verpfändung
amerikanischer und. neutraler Wertpapiere 1915 und 1916 96
k) Die Vereinigten Staaten als Geldgeber neutraler Staaten 97
1) Rückfluß amerikanischer Effekten aus Europa. . .... 97
m) Wiederwahl Wilsons und Eintritt in den Weltkrieg . . . 98
April 1917 bis November 1918 (Waffenstillstand) . . . . 100
a) Die Union Nutznießerin des Weltbrandes . . ..... . 100
b) Wirtschaftliche Gründe für die Beteiligung der Vereinigten
Staaten am Weltkrieg. . ....0.0.00.0.0000« + + « 100
c) Gemeinsame Kriegsfinanzierung mit der Entente . .. . 100
d) Gewährung großer Kredite an Kriegführende und Neutrale 101
November 1918 bis Ende 1924 (Dawesanleihe). . ... . . 102
a) Ankauf deutscher Reichs- und Stadtanleihen . ... - - 102
b) Stillstand der Kapitalausfuhr ...... 2. + ++ «+ 108
ec) Absatzkrise in der Union 1920 und 1921. .... ++ 104
d) Aufschwung 1923 und Stillstand bis November 1924. . . 105
e) Hochkonjunktur nach der Präsidentenwahl und Wiederaufnahme
 der Kapitalausfuhr . ... - . 105
f) Statistisches . .....000.000100 404 + + + + 106
Schluß: Die Zukunft des internationalen Effekbtenkapitalismus
 der Vereinigten Staaten 109
1. Die weltpolitische und weltwirtschaftliche Umbildung des
Erdballs . . 2 .00000000000.00 000 40 #4 0 0 04 + 109
Voraussetzungen und Wirkungen des derzeitigen internationalen
 Effektenkapitalismus der Vereinigten Staaten . . . . 112
Die Zukunft der nordamerikanischen Kapitalausfuhr nach
Deutschland ..... +... .„... 1127
4. Die Völkerbundanleihe . „4. 118
Literaturverzeichnis . . 120
        <pb n="10" />
        Einleitung.

Allgemeines über den internationalen Effektenkapitalismus.”


1. Begriff und Wesen.

Mit der fortschreitenden Entwicklung des Kapitalismus
zum Hochkapitalismus hat sich das Wirtschaftsleben in
Deutschland, England, Frankreich und den Vereinigten
Staaten mehr und mehr verbörsianisiert, d. h. die Effektenbörse
 ist in steigendem Maße die Basis aller kapitalistischen
und damit wirtschaftlichen und politischen Expansion, nicht
nur Reflex, sondern Mittelpunkt alles ökonomischen Geschehens
 geworden. Der Prozentsatz des N ationalvermögens,
der Effektenform hat, ist daher von Jahr zu Jahr gestiegen,
desgleichen der Anteil ausländischer Effekten am Gesamteffektenbesitz,
 Die folgenden Zahlen zeigen die Effektifizierung
 der vier hochkapitalistischen Nationen vor dem
Weltkrieg: ”

In Milliarden Mark
1. Volkzs- ” Gesamt Prozent.
vermöge ffekten: satz von
beta 2 mul.
Vereinigte Staaten 20 90
Deutschland zZ) %
England 42 0%
Frankreich 1i8 51 %
Die Grundlage dieser Effektifizierung des Volksvermögens
 (nationaler Effektenkapitalismus) ist außer der
Volkstümlichkeit des Wertpapieres ein hochentwickeltes Börsen-
 und Bankwesen; die Basis des internationalen Effektenkapitalismus,
 d. h. der Beteiligung einer Volkswirtschaft
an den Erträgen der anderen vermittels des Erwerbes ihrer
Effekten, sind die großen internationalen Bankhäuser bezw.
Aktienbanken einerseits, die Weltbörse andererseits. Als
Solche möchte ich den Komplex der sechs großen Fondsbörsen
 Amsterdam (gegründet 1608), London (gegründet
1697), Paris (gegründet 1724), Berlin (gegründet 1776).

1) Über den Begriff des Effektenkapitalismus, vergl. Liefmann, Beteiligungs-
 und Finanzierungsgesellschaften
v. Reibnitz, Kapitalawanderungen
        <pb n="11" />
        2

KA

zen derart

Brüssel (gegründet 1801) und New York (gegründet 1817)
bezeichnen. England, Frankreich, Holland, Deutschland,
Belgien und die Schweiz waren bis zum Weltkrieg die typischen
 Länder des aktiven internationalen Effektenkapitalismus,
 da aus ihnen dauernd Kapitalmengen anderen Ländern
zuströmten, sie befruchteten, oft auch politisch dienstbar
machten; Nordamerika dagegen war das typische Land des
passiven internationalen Effektenkapitalismus. Hat doch die
New Yorker Fondsbörse (Stock-Exchange) wie ein Saugapparat
 immer neue europäische Kapitalien in die Union geführt
and dadurch eine wirtschaftliche Entwicklung ermöglicht, die
ihr Volksvermögen von 16,1 Milliarden Dollar im Jahre 1860
auf 321 Milliarden Dollar im Jahre 1922 steigen ließ, Das
bedeutet eine Verzwanzigfachung in einem Zeitraum, in dem
sich das englische Nationalvermögen nur verdreifachte, das
französische etwas mehr als verdoppelte. Zu berücksichtigen
ist freilich der weit geringere Flächeninhalt Englands und
Frankreichs und die fehlende Befruchtung durch einen unaufhörlich
 fließenden Menschenstrom. Sind doch von 1821
bis 1921 33,2 Millionen Menschen in die Vereinigten Staaten
gewandert.
Die kapitalausführenden Länder sonderten sich vor dem
Weltkrieg nach den Hauptmotiven dieser Ausfuhr in drei
große Gruppen. Die Zur ersten Gruppe gehörenden —
Holland und die Schweiz — kauften bzw. notierten aus-'ändische
 Effekten lediglich aus Anlage- bzw. Spekulationsbedürfnis,
 das zur zweiten Gruppe zählende Belgien hatte
vor allem die Unterstützung seiner Industrie im Auge, die
Länder der letzten Gruppe dagegen — Deutschland, England
nd Frankreich — suchten außer dem industriellen ihren politischen
 Einfluß in den kapitalnehmenden Ländern zu
stärken. In drei Gruppen schieden sich auch die kapitalainführenden
 Länder, Während die Vereinigten Staaten,
Südamerika und China das europäische Kapital zum Bau von
Eisenbahnen und Häfen, Kraftwerken und Fabriken ins
Land zogen, benutzten es Rußland, Italien, die Balkanstaaten
und Japan hauptsächlich zu Rüstungszwecken, d. h. zur Stärkung
 und zur Festigung ihrer militärischen und politischen
Macht. Spanien und Portugal dagegen nahmen Staatsanleihen
 in London, Paris und Berlin aus rein finanziellen
Motiven auf.

2. Geschichtliche Epochen.

Die Kapitalwanderungen in Effektenform von Land zu
Land beginnen frühzeitig, und zwar 1694, als zahlreiche Anteile
 der in diesem Jahre gegründeten Bank von England
        <pb n="12" />
        3

von Kapitalisten und Bankiers in Amsterdam übernommen
und an der dortigen Börse gehandelt wurden, Ihre Geschichte
gliedert sich in vier große Epochen. In der ersten (1694 bis
1830) wurden ausländische Effekten fast ausschließlich zur
Erzielung von Spekulationsgewinnen oder als möglichst
sichere hochverzinsliche Kapitalanlage gekauft, vor allem in
Holland, das im 18, Jahrhundert weit mehr Kapital in ausländischen
 Effekten angelegt hatte, als England und Frankreich.
 Ein Drittel der englischen Staatsanleihen war damals
im Besitze holländischer Kapitalisten; englische, französische,
 Österreichische und dreißig Anleihen deutscher
Staaten wurden an der Amsterdamer Börse notiert. Die Revolutions-
 und napoleonischen Kriege zerrütteten indessen
Hollands Kapitalreichtum, so daß 1813 England an seine
Stelle trat. Es gewährte 1813—1815 den drei finanziell erschöpften
 Großmächten Rußland, Österreich und Preußen elf
Mill. Pfund, den kleineren Staaten 4 Mill. Pfund Subsidien
und finanzierte nach dem Kriege nicht nur diese, sondern
auch die neugegründeten Staaten in Süd- und Mittelamerika,
 vor allem aber Nordamerika. Die großen Staaten
wie Preußen, das 1818 durch Vermittelung des Londoner
Bankhauses N, M. Rothschild &amp;amp; Sons 5 Millionen Pfund dort
aufnahm, zahlten 5 Proz., die kleineren Länder 6 Proz,,
die südamerikanischen Staaten 8—10 Proz. In den dreißig
Jahren 1818—1848 wurden fremde Staatsanleihen im Nominalwert
 von 94,7 Millionen Pfund in England emittiert.
Allein in den Jahren 1824 und 1825 kamen über 20 Millionen
Pfund Anleihen südamerikanischer Staaten, sowie große
Mengen von Montanaktien an die Londoner Börse, eine Überschwemmung,
 die indessen von der englischen Regierung aus
politischen Motiven begünstigt wurde, da sie Spanien durch
die finanzielle Stärkung seiner früheren Kolonien schwächte,
vor allem aber der von dem Präsidenten der Vereinigten
Staaten Monroe in seiner Jahresbotschaft vom 2. Dezember
1823 aufgestellten Doktrin durch Gewinnung wirtschaftlichen
 Einflusses entgegentreten wollte.
. Nach der durch die Überspekulation in südamerikanischen
 Werten entstandenen Londoner Börsenkrisis von
1825 begann in England, dann in Frankreich, später auch
in Deutschland die Zeit des maschinenindustriellen Aufschwungs.
 Der Dampfwebestuhl fand allgemeine Anwendung
im Textilgewerbe, zahlreiche Eisenbahnlinien wurden gebaut,
Lokomotiven und Maschinen über den Landesbedarf hinaus
fabriziert, In der zweiten Epoche des internationalen Effektenkapitalismus
 (1830 bis 1891) war die Kapitalausfuhr
daher vor allem Schrittmacher der englischen und fran-
        <pb n="13" />
        zösischen, nach 1870 der deutschen Industrie, und nur im
Rentnerstaate Holland, auch in der Schweiz, sind lediglich
Verzinsung und Spekulationsgewinne Triebkräfte der Kapitalausfuhr
 gewesen. In den Vereinigten Staaten aber. ließ
der unaufhörlich fließende Strom englischen und holländischen,
 später auch deutschen Kapitals neue Eisenbahnlinien,
 Kanalbauten und industrielle Unternehmungen entstehen,
 deren Anteile, in Europa als Anlage- oder Spekulationspapiere
 gesucht, zur Bezahlung von Maschinen und
Schienen dienten. Aber auch politische, vor allem wirtschaftspolitische
 Momente haben in dieser Epoche, besonders
 nach 1848, die Kapitalwanderungen in Effektenform
angeregt und in bestimmte Länder geleitet. Napoleon II.
unterstützte seine politische Hegemonie in Spanien, Italien,
und Mexiko durch eine reichliche Kapitalausfuhr in diese
Länder und Deckung ihrer Anleihebedürfnisse, Frankreich,
England, nach 1870 Deutschland bemühten sich wetteifernd
um die politische und wirtschaftliche Suprematie in der
Türkei. Frankreich war nach 1870 der Hauptgläubiger
Spaniens und Italiens, bis Deutschland in ‚letzterem Land
bei Ausbruch des französisch-italienischen Zollkrieges (1887
bis 1892) teilweise an seine Stelle trat.
Das völlige Zurücktreten der privatwirtschaftlichen, exportindustriellen
 oder wirtschaftspolitischen Triebkräfte der
Kapitalausfuhr, das Vorwiegen reinpolitischer Gesichtspunkte
 finden wir erst in der 1891 beginnenden dritten
Epoche des internationalen Effektenkapitalismus. Ihre Geburtsstunde
 ist an jenem Julitage des Jahres 1891, an dem
Alexander III. auf einem Schiffe des vor Kronstadt ankernden
 französischen Geschwaders, stehend und entblößten
Hauptes, die Marseillaise anhörte, Am 22. August wurde
dann in Paris der erste franko-russische Vertrag unterzeichnet,
 das erste Glied in der Reihe der großen politisch-kapitalistischen{!
 Verpflichtungen und Verflechtungen, die zum
Weltkriege führten. Die vierte Epoche der internationalen
Kapitalwanderungen in Effektenform umfaßt die Zeit des
Weltkriegs und des Wiederaufbaus Europas auf Grund des
Dawesplans.

3. Ursachen und Wirkungen,
‚Wie die vorstehenden Ausführungen zeigen, können wir
zwei Triebkräfte der Kapitalausfuhr unterscheiden, die privatwirtschaftliche,
 die sich aus dem kosmopolitischen Charakter
 des Kapitals ergibt, das gleichsam automatisch dorthin
 fließt. wo es seinem Besitzer Spekulationsgewinne ver-
        <pb n="14" />
        +

heißt, oder ihm bei möglichster Sicherheit eine höhere Verzinsung
 als in der Heimat gewährt, und die nationalwirtschaftliche,
 die gerade in den letzten Jahrzehnten, und
zwar besonders in Frankreich, zu einem Druck der Regierung
 auf die Bankwelt geführt hatte, den Kapitalexport
nicht lediglich zum Verdienen, sondern auch für die Nation
als Schrittmacher politischer und kommerzieller Expansion
zu benutzen, Die Möglichkeiten privatwirtschaftlicher Gewinne
 und Anlagen waren vor dem Kriege so groß und
mannigfaltig geworden, daß es der Regierung und Bankwelt
 der kapitalgebenden Länder auf der Basis der großen
internationalen Fondsbörsen ein Leichtes war, die Kapitalausfuhr
 für exportindustrielle, wirtschaftspolitische und
rein politische Zwecke auszunutzen, besonders dann, wenn
ein intensiver Warenaustausch, ein ausgedehnter Warenund
 Wechselkredit und die hierdurch bedingte genaue
Kenntnis der gegenseitigen Verhältnisse als Schrittmacher
des Effektenkredits fungierte.
Ein Beispiel für eine nur im exportindustriellen Interesse
 erfolgte Kapitalausfuhr ist die englische in die
Vereinigten Staaten, Besonders 1830—1837 übernahm die
Londoner Bankwelt zahlreiche Anteile der dort wie Pilze
aus der Erde schießenden Eisenbahn- und Kanalgesellschaften,
 die damit Lokomotiven, Schienen, Pumpen und Bagger
bezahlten, Der Wert der englischen Ausfuhr stieg daher
von 5,5 Millionen Pfund 1882 auf 12,4 Millionen Pfund 1836,
während an der Londoner Börse 1837 die Anteile von 60
verschiedenen amerikanischen Eisenbahngesellschaften gehandelt
 wurden.
Politische und wirtschaftliche Ursachen führten Kapital
 in die Türkei, wo Frankreich durch sein Protektorat
über die Christen im Orient wirtschaftlich zuerst Fuß faßte.
Als dann die Türkei im Pariser Frieden 1854 als gleichberechtigte
 Macht anerkannt wurde, übernahmen England und
Frankreich größere Anleihen, Später folgte Deutschland,
so daß nach Helfferich Anfang 1914 von der türkischen
Staatsschuld im Gesamtbetrage von 3227 Millionen Franks
1830 Millionen Franks (58 Proz.) in Frankreich, 660 Mill.
Franks (20 Proz.) in Deutschland untergebracht waren. Dagegen
 ist Deutschland mit 40 Proz. am türkischen Eisenbahnnetz
 stärker beteiligt, als Frankreich. dessen Anteil
nur 20 Proz, beträgt.
Auf rein politischer Grundlage dagegen beruhte die Kapitalausfuhr
 Frankreichs nach Rußland, die 1889 mit einer
durch das Pariser Bankhaus Hoskier emittierten Anleihe
einsetzte, als Rußland endgültig eingesehen hatte, daß Eng-
        <pb n="15" />
        U

land, Deutschland und Holland seine Geldbedürfnisse nicht
mehr decken wollten bzw. konnten. England hatte 1885
nach dem Einfall Rußlands in Afghanistan den Londoner
Geldmarkt weiteren russischen Anleihen gesperrt — erst
1906 beteiligte es sich wieder an einer russischen Anleihe —,
Bismarck hatte 1887 die Beleihung russischer Werte durch
die Reichsbank und die Seehandlung verboten, während
Holland schon für 2 Milliarden russische Staatsanleihen und
Eisenbahnobligationen besaß und daher als weiterer Geldgeber
 nicht in Betracht kam, Durch die Geschicklichkeit
des damaligen russischen Finanzministers Wyschnegradski
(1887—1893) und seines Nachfolgers Witte (1893—1908),
sowie des Finanzagenten bei der russischen Botschaft in
Paris Raffalovich wurden aus diesen zuerst rein finanziellen
Beziehungen bald wirtschaftspolitische, Deckte doch Frankreich
 nicht nur jedes Anleihebedürfnis Rußlands, sondern
gab auch willig die zur Entwicklung seiner Industrie und
zur Intensivierung seiner Landwirtschaft erforderlichen Kapitalien,
 d. h. die Mittel zur Durchführung des genialen
Witteschen Planes, das Zarenreich zu einer in sich völlig abgeschlossenen
 Riesenvolkswirtschaft (Autarkie) zu machen,
ein Plan, den seine Nachfolger nach Beendigung des russischjapanischen
 Krieges und der Niederwerfung der Revolution
von 1905 wieder aufnahmen.
Inzwischen hatte sich die Kapitalausfuhr Frankreichs
von Jahr zu Jahr mehr politisiert, so daß der zum Weltkriege
 führende circulus vitiosus entstand, dessen einzelne
Kettenglieder der mit französischem Geld ausgeführte. Bau
strategischer Bahnen in Rußland zur Beschäftigung seiner
Industrie, das immer enger werdende politische Bündnis
zwischen Frankreich und Rußland, das hierdurch bewirkte
Wiederaufleben der Revancheidee, die Stimmungsmache für
russische Anleihen durch die an ihrem Absatz finanziell
interessierte Pariser Presse und Bankwelt waren, Wäre doch
Frankreich ohne die gigantische Kapitalausfuhr nach Rußland
 niemals sein Bundesgenosse, nie wieder ein Faktor
der Weltpolitik geworden. Aber während im allgemeinen
der Schuldner dem Gläubiger dienstbar wird, geriet Frankreich,
 das nach und nach für 11 Milliarden Mark russische
Staatsanleihen, für 5 Milliarden Mark russische Eisenbahnobligationen
 und Industriewerte aufgenommen hatte, in
immer tiefere Abhängigkeit von Rußland und seiner Politik,
Es mußte, wie 1900/1901 die Leipziger Bank für die Trebertrocknungsgesellschaft,
 immer neue Opfer bringen, zuletzt
die Einführung der für das Land wirtschaftlich unerträglichen
 dreijährigen Dienstzeit, um den Bundesgenossen und
        <pb n="16" />
        ba

damit die ihm gewährten riesigen Summen nicht
lieren,
Auch in der Deutschfeindlichkeit der mit französisehe‘
vor allem aber mit englischem Geld groß gewordethen
Länder — ich nenne nur Nord- und Südamerika, Japan,
[talien und Rumänien — hat sich die Macht effektenkapitalistischer
 Beziehungen gezeigt. Dasselbe gilt für die Bereitwilligkeit,
 mit der die englischen Kolonien dem Mutterlande
 sowohl mit Truppen wie mit Geldmitteln zu Hilfe
geeilt sind. Wer an ihren Abfall glaubte, hatte vergessen,
daß diese nirgends in der Welt mehr oder billiger Geld bekommen
 als in London, Die englischen Kapitalanlagen in
den Kolonien (1554 Millionen Pfund) erreichten daher vor
dem Kriege beinahe die in anderen Ländern angelegten
Summen (1638 Millionen Pfund).
Ein Musterbeispiel für die rein wirtschaftlichen Wirkungen
 der Kapitaleinfuhr sind die Vereinigten Staaten,
bis 1914 das typische Land des Importkapitalismus, daß durch
die Effektifizierung seiner Eisenbahnlinien und industriellen
Unternehmungen große Summen europäischen, vor allem englischen
 Kapitals an sich gezogen und seine politische Unabhängigkeit
 bis zum Weltkrieg wenigstens mit finanzieller
Abhängigkeit hat bezahlen müssen. 1860 betrug das in
amerikanischen Effekten angelegte europäische Kapital
400 Millionen Dollar, 1910 das Dreizehnfache, nämlich
5200 Millionen Dollar, und zwar entfielen auf:
Großbritannien . .. 3344 Millionen Dollar,
Holland ..... 700 Millionen Dollar,
Frankreich ... 700 Millionen Dollar,
Deutschland. . 350 Millionen Dollar,
die Schweiz... . 100 Millionen Dollar,
das übrige Europa 50 Millionen Dollar
5244 Millionen Dollar.
Dieser gigantischen Kapitaleinfuhr vor allem verdankt
Nordamerika einen wirtschaftlichen Aufschwung, der an
Raschheit und Intensität den der drei anderen hochkapitalistischen
 Volkswirtschaften — Deutschland, England und Frankreich
 — weit hinter sich ließ, In den fünfundfünfzig Jahren
1860—1915 stieg sein Nationalvermögen von 16160 Mill.
Dollar auf 187739 Millionen Dollar, auf den Kopf von
510 Dollar auf 1950 Dollar. Die Union mußte freilich
diesen unbändigen Aufschwung mit der finanziellen Abhängigkeit
 von Europa honorieren, Erst der Weltkrieg brachte
mit dem Übergang zur Kapitalausfuhr die Befreiung von
dieser Abhängigkeit. Die Folge war die Stabilisierung des

#
AA

a9 ST

C.
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        New Yorker Wechselkurses als Grundlage eines von London
unabhängigen Geldverkehrs für Nord- und Südamerika, finanzielle
 und kommerzielle Durchführung der Monroedoktrin,
 vor allem die kapitalistische Herrschgewalt am Stillen
Ozean, d. h. in Südamerika und Ostasien.
Der Kampf aller gegen alle in der alten Welt schaffte
indessen nicht allein die Vorbedingungen dieser Machterweiterung,
 sie fanden sich im Lande selbst. Das Mißverhältnis
zwischen Kapitalbedarf und Kapitalbildung, das zu der
Krisis von 1907 geführt (vergleiche mein 1912 bei Gustav
Fischer in Jena erschienenes Buch: „Die New Yorker Fondsbörse
 [Stock Exchange]. Ihre Geschichte, Verfassung und
wirtschaftliche Bedeutung‘), hatte schon vor dem Kriege
infolge der seit acht Jahren herrschenden Stagnation des
Wirtschaftslebens einerseits, der Intensivierung der Landwirtschaft
 andrerseits einer starken Kapitalansammlung
Platz gemacht. Das im November 1914 in Kraft getretene
Bundesreservegesetz hatte die Unelastizität des Notenumlaufs
 beseitigt, das Akzeptgeschäft und damit einen amerikanischen
 Markt in- und ausländischer Diskonten ermöglicht
and den Nationalbanken die Errichtung von Filialen im
Ausland erlaubt. Die am 15. August 1914 erfolgte Eröffnung
 des Panamakanals aber näherte den stillen Ozean
der industrie- und volkereichen Ostküste der Union.

4. Der Einfluß des Weltkrieges auf den internationalen
Effektenkapitalismus.

In der vierten Epoche des internationalen Effektenkapitalismus,
 deren Ende zurzeit nicht abzusehen ist, haben
sich die Gruppen der kapitalein- und ausführenden Länder
unter dem Einfluß des Weltkrieges stark verändert. Frankreich
 hört auf, der Bankier der Welt zu sein. Auch
Deutschland war nur noch im Kriege selbst imstande, seinen
beiden Bundesgenossen, Österreich-Ungarn und der Türkei
Kredite in Anleiheform zu geben; ebenso scheidet Belgien
aus der Zahl der Kapitalexporteure aus. Auch Rußland. hat
an den internationalen Kapitalbewegungen in Effektenform
keinen Anteil mehr. Nur England, Holland und die Schweiz
beteiligen sich weiter an der Kapitalausfuhr, freilich nicht
mehr in demselben Umfang, wie vor 1914, Japan, und besonders
 Spanien, das neutral geblieben ist und daraus wirtschaftlich
 große Vorteile gezogen hat, treten, wenn auch
erst zaghaft, in den Kreis der kapitalausführenden Länder.
Nordamerika aber wird der mächtigste Geldgeber der Welt;
a8 finanziert nicht nur einen großen Teil des Weltkriegs,
        <pb n="18" />
        9

sondern ermöglicht auch den Wiederaufbau Europas, vor
allem Deutschlands, für das der von dem Vizepräsidenten
der Vereinigten Staaten Dawes aufgestellte und später von
allen Beteiligten angenommene sogenannte Dawes-Plan den
Weg zum Wiederaufstieg freimacht.

Erster Abschnitt. Die Kapitaleinfuhr bis
zum Welikrieg.

1. Der wirtschaftliche Aufstieg der Vereinigten Staaten.
Von den vier größten kapitalistischen Volkswirtschaften
 England, Deutschland, Frankreich und Nordamerika hat
zweifellos das letztgenannte Land wirtschaftlich den
raschesten Aufstieg genommen. Das ergeben schon die
folgenden Zahlen:
Nationalvermögen Bevölkerung
in Millonen in Millionen
Dollar
16160
20 069
1D€E*"
6507
94 300
186 300
320 803
Zunahme des Nationalvermögens
in Prozenten
1860 197 St’,8 9%
187. A 0%
188, 9%
18° ° 0%
1960 34,7 %
1912. -1y22 72,2 9%
In den fünfzig Jahren 1860—1910 hat sich das Nationalvermögen
 der Union verzwölffacht, eine Zunahme, wie
sie in dem gleichen Zeitraum weder in England noch in
Frankreich stattgefunden hat!). Girardin schätzte das französische
 Volksvermögen 1853 auf 125, Thery 1908 auf

') Für Deutschland liegen nur Schätzungen für die Zeit vor dem
Kriege vor. Steinmann-Bucher bezifferte das damalige deutsche Volksvermögen
 auf 350, Ballod auf 270. Rießer auf 219—230. Helfferich auf
3C0 Milliarden Mark
        <pb n="19" />
        10

287 Milliarden - Franks. Der Nationalreichtum Großbritanniens
 wurde 1857 im Bankers’ Magazine auf 6000 Millionen
 £ taxiert, während eine vor dem Kriege aufgestellte
Schätzung Cramonds!) auf 18000 Millionen £ geht. Der
Verdoppelung des französischen, der Verdreifachung des
englischen steht also die Verzwölffachung des nordamerikanischen
 Volksvermögens in dem Zeitraum 1860—1910
gegenüber,
Die riesenhafte wirtschaftliche Expansion der Union
in den letzten Jahrzehnten ergiebt auch die folgende
Einzelstatistik:

Wert der industriellen Produkte,
1019 Millionen Dollar
1 886
5370
1372
4 300
21 60
28 422 „ „
Die enorm rasche Entwicklung Nordamerikas zu einer
hochkapitalistischen Volkswirtschaft beruht weniger auf
den natürlichen Hilfsquellen des Landes, die auch andern
hinter den Vereinigten, Staaten zurückgebliebenen Ländern
zu eigen waren, als auf der fabelhaft intensiven Ausnutzung
 dieser Quellen durch Einwanderer und Kapital aus
Europa 3).
In den hundert Jahren von 1821—1921 sind 33,2 Mill,
Menschen in die Vereinigten Staaten gewandert, Davon
kamen aus:
Großbritannien .......
Deutschland ..-Österreich-Ungarn

Italien .....
Rußland ....
Skandinavien ...0700004004404-den
 übrigen europäischen Ländern

35

2
33,2 Millionen

1) Edgar Crammond, Finance in Time of War. Quarterly Review.
Bd. 213 (Juli 1910) S. 303—8329.
Die Annahme Crammonds deckt sich mit derjenigen Giffens, der
das englische Nationalvermögen 1901 auf 15 000 Millionen und den jährlichen
 Zuwachs auf 200—300 Millionen £ schätzt.
Sir Robert Giffen, The Expenditure of National Capital. Journal
of the Institute of Bankers, Bad. 22. (1901). S. 259.
2) Bis 1914 bilden die Ziffern der Kapitaleinfuhr aus Europa, der
Einwanderung, der Bevölkerung, der Eisenbahnmeilenzahl und des Nationalvermögens
 fünf ständig ansteigende parallele Kurven.
        <pb n="20" />
        i1

In dieser Zahl sind zwei große Gruppen enthalten, die
16,2 Millionen Einwanderer aus England, Deutschland und
Skandinavien, die ihre Heimat im Glauben an die eigene
Kraft im fernen Lande aufgaben, aufbauende und führende
Elemente im Wirtschaftsleben der neuen Welt wurden, und
die italienischen und slawischen Einwanderer aus Österreich-Ungarn
 und Rußland, die ihr Land aus Hunger und Not
verließen und zum größten Teil ungeschulte Arbeitskräfte
sind und bleiben.
Während, wenigstens seit 1821, genaue Ziffern über
die Zahl der Einwanderer vorliegen, sind die Summen europäischen
 Kapitals, die im Laufe der Zeiten in die Vereinigten
Staaten geströmt sind, nur schätzungsweise zu ermitteln,
da zuverlässige statistische Angaben nur über die in den
Vereinigten Staaten eingeführten, bzw. aus ihnen ausgeführten
 Edelmetalle vorliegen. Wie hoch die Kredite gewesen
 sind, die Europa, besonders England, in den letzten
hundert bis hundertfünfzig Jahren den Vereinigten Staaten
in der Form von Effekten, Edelmetallen, Banknoten, Wechseln,
 Checks, sowie An- und Überweisungen gewährt hat,
ist kaum zu schätzen. Es sind enorme Beträge gewesen! Und
doch sind sie gering im Vergleich zu den durch die Effektifizierung
 der Eisenbahnlinien und industriellen Unternehmungen
 ins Land gewanderten Kapitalien. Auch ihr Betrag
ist ziffernmäßig nicht festzustellen, da einmal nie bekannt
wird, wieviel von den in Europa untergebrachten Effektenemissionen
 im Lande geblieben bzw. dorthin wieder zurückgeströmt
 ist, dann aber der in Europa befindliche Gesamtbetrag
 amerikanischer Fonds außerordentlich großen
Schwankungen unterworfen ist. Zwar ist der kleine zu Anlagezwecken
 gekaufte Betrag ein ziemlich konstanter; um
so wechselnder ist die Summe der teils im spekulativen Interesse,
 teils im Wege der internationalen Effektenarbitrage
zwischen den großen europäischen Fondsbörsen und der
Stock Exchange in New York ständig hin- und hergeschobenen
 Werte. Indessen gibt die Tatsache, daß sie an den
großen Fondsbörsen in London, Paris, Amsterdam, Berlin,
Frankfurt a./M., den kleineren in Basel und Zürich, umgesetzt
werden, eine weit zuverlässigere Basis für die Schätzung
der amerikanischen Effektenschuld an Europa, als die
Wechselkurse in New York dies für die Bezifferung der
europäischen Kredite tun. Dazu kommt die Emissionsstatistik
 der erwähnten Börsen und die von den internationalen
Bankhäusern, die an amerikanischen Werten interessiert
sind, gelieferten Zahlen, die in Finanz- und Börsenzeitschriften
 zu finden sind. Ob die Effekten als Anlagye- oder
        <pb n="21" />
        L2

spekulativer Besitz gekauft, als Ausgleich für die Lieferung
 von Eisenbahnmaterial und Maschinen oder aber als
abstraktes Zahlungsmittel nach Europa gekommen sind, ist
naturgemäß nicht festzustellen, so daß nur die Effektenschuld
 der Union an sich in den Kreis unserer Betrachtungen
gezogen werden kann.
Muß sich daher die folgende Darstellung zum großen
Teil auf schätzungsweise ermittelte Zahlen beschränken, so
findet sie ihre Rechtfertigung in dem Umstand, daß
Nordamerika bis zum Weltkrieg ein Musterbeispiel für die
passive Seite des internationalen Effektenkapitalismus,
danach für das Gegenteil ist. Während England, Deutschland
 und Frankreich fast ihr gesamtes Kapital im eigenen
Lande geschaffen haben, hat die Union einen großen Teil
ihres Kapitals aus der alten Welt bezogen und ihre politische
 Unabhängigkeit, wenigstens in den, ersten hundert
Jahren ihres Bestehens, mit finanzieller Abhängigkeit bezahlen
 müssen.

2. 1776 — 1812.

Wie in jeder jüngeren Kolonie beruhte die wirtschaftliche
 Entwicklung Nordamerikas zuerst auf dem Zufluß
von Menschen und Kapitalien aus dem Mutterlande, Schon
Ende des siebzehnten Jahrhunderts zählte es 260000 britische
 Untertanen, fünfzig Jahre später war es eine Million.
Von den 3929000 Menschen, die die erste Volkszählung
1790 ergab, hatte die Hälfte englisches Blut, Welche Werte
Großbritannien an Maschinen und Geräten, Zuchtvieh und
Pferden, Lebensmitteln und barem Gelde in die junge
Kolonie steckte, ist nicht einmal schätzungsweise zu ermitteln,

Die Kolonisation des Landes ging rein geschäftsmäßig
vor sich, denn die für jede Expedition erforderlichen Mittel
wurden durch Ausgabe von Aktien aufgebracht, die man
bezeichnender Weise „bills of adventure‘ nannte. Die ersten
beiden Kolonialgesellschaften wurden 1606 gegründet ‘*).
Auch späterhin galt Nordamerika nur als Ertragsobjekt, und
als die Erwerbung Indiens und der siebenjährige Krieg so
ungeheure Aufwendungen erfordert hatten, daß die Gesamtsumme
 der englischen Kriegsanleihen 1763 auf 140 Mill. £
gestiegen war, suchte man möglichst viel aus dem jungen
Lande herauszuschlagen, Der Einfuhrhandel war britischen
Schiffen vorbehalten, die Ausfuhr war nur nach englischen
Häfen erlaubt, die in den Anfängen steckende industrielle

\ Katherine Coman. Industrial History of the United States. S. 23 ff.
        <pb n="22" />
        13

Produktion wurde gehemmt, während die Einfuhrzölle eine
unerträgliche Höhe erreichten.
In der am 4. Juli 1776 erfolgten Unabhängigkeitserklärung
 riß sich die Kolonie vom Mutterlande los. Sie
hatte weder Staatsschatz noch Flotte und war daher zur
Aufrechterhaltung ihrer Selbständigkeit auf europäisches
Kapital angewiesen, Denn die 1775 und 1776 vor der Unabhängigskeitserklärung
 ausgegebenen Noten fielen rasch
unter Pari, während eine im Oktober 1776 ausgegebene
vierprozentige Anleihe von 5 Millionen Dollar keine Abnehmer
 fand. Der Kredit des Landes war noch zu unsicher,
um mit einer so geringen Verzinsung heimische oder fremde
Kapitalisten heranzuziehen, So begann die Einfuhr europäischer
 Kapitalien gegen Gewährung von Effekten, die
seitdem nie wieder aufgehört und Milliarden von Dollar in
die Vereinigten Staaten gebracht hat.
Der Geschicklichkeit Benjamin Franklins gelang es,
in Frankreich, Holland und Spanien Anleihen abzuschließen.
Die beiden letzteren Staaten wollten den von England monopolisierten
 Einfuhrhandel an sich reißen, die Franzosen aber
sich an England für den 1763 abgeschlossenen, ungünstigen
Frieden rächen, Frankreich gewährte daher das weitaus
größte Darlehn, von 1777—1783 6,3 Millionen Dollar,
während Holland 1782 und 1783 nur 1,3 Millionen, Spanien
1781 und 1782 nur 174000 Dollar gaben. Mit Ausnahme
eines Postens von 10 Millionen Franks vierprozentiger, in
Frankreich untergebrachter Staatsanleihe betrug der Zinsfuß
 5%, Nach Beendigung des Unabhängigkeitskrieges, am
1. Januar 1784 waren von dem Gesamtbetragy der Staatsschuld
 in Höhe von 42 Millionen Dollar 7,9 Millionen Dollar
im Besitz ausländischer Kapitalisten. Die jährliche Zinslast
für die letztgenannte Summe belief sich auf 375 000 Dollar 9.
Als Frankreich 1783 keine Anleihen mehr aufnehmen
wollte, sprang Holland ein, das von da ab mit kurzen: Unterbrechungen
 der finanzielle Verbündete der Vereinigten
Staaten geblieben ist. Kein anderes europäisches Volk hat
so früh die unbegrenzten Möglichkeiten Nordamerikas erkannt,
 sein Wirtschaftsleben so eingehend studiert. 1785
gewährte Holland der nordamerikanischen Regierung ein
Darlehn von 7 Millionen Gulden, 1786 übernahmen holländische
 Bankiers einen großen Teil der für das Inland emittierten
 aber dort nicht abgesetzten Anleihe, freilich weit
unter Pari?). 1787 wurde eine Anleihe von 1 Million Gulden
"D. R. Dewey, Financial History of the United States. S. 47.
‚. Ein einzelner Bankier Stanetski nahm 1.8 Millionen Dollar davon
Hobson, the exvort of capital S 92

auf.

Z\
        <pb n="23" />
        14

in Holland untergebracht. Daß ihr Zinsfuß 8% betrug,
beweist die prekäre Lage, in der sich damals die amerikanischen
 Finanzen befanden!), 1792 und 1793 wurde der
Connecticut River Canal, der erste größere Kanal der Union,
mit holländischem Gelde erbaut?). 1793 erfolgte die französische
 Invasion der Niederlande, 1795 die Zahlung von
40: Millionen Gulden Kriegskontribution an die französische
Republik, so daß die holländischen Kapitalisten, die gleichzeitig
 große Verluste durch die Insolvenz der holländischostindischen
 Kompagnie erlitten hatten, ihr Geld im Lande
brauchten und der Union erst 1815 wieder neue Kapitalien
zuführten.
1790 betrugen die Anleihen und rückständigen Zinsen
der Einzelstaaten 25 Mill., der Union 51,6 Mill. Dollar. Von
dem letzteren Betrage hatten Frankreich, Holland und
Spanien zusammen 11,6 Millionen Dollar zu fordern. In
den folgenden Jahren vermehrte sich die Staatsschuld der
Vereinigten Staaten nur wenig. 1803 betrug sie 60,3 Mill.
Dollar, Sie wuchs in diesem Jahre durch den an Frankreich
gezahlten Kaufpreis für Louisiana um 15 Millionen auf
75,3 Millionen Dollar. Hiervon waren 32 Millionen Dollar
in europäischem Besitz”. Auf Grund der günstigen Entwicklung
 von Landwirtschaft, Handel und Industrie gelang es
indessen der Union, schon im ersten Jahrzehnt des neuen
Jahrhunderts die Staatsschuld zu vermindern, so daß sie
1811 nur 11 Millionen Dollar betrug. Infolge der Handelskrisis
 von 1814 und des Krieges gegen England (18. Juni
1812 bis 24, Dezember 1814) stieg sie dann freilich wieder
schnell, Sie belief sich 1816 auf 123 Millionen Dollar,
Beim Ausbruch des Krieges gegen England war es der
Union zum erstenmal unmöglich, ihren Geldbedarf in Europa
zu decken. Außer in London hätte dies nur in Paris oder
Amsterdam geschehen können. Frankreich aber rüstete
gegen Rußland, während die holländischen Kapitalisten verärgert
 waren, weil die damals abgelaufene Konzession der
1791 gegründeten Ersten Bank der Vereinigten Staaten
nicht erneuert worden war, so daß die holländischen und
englischen Aktionäre, die */s des 10 Millionen Dollar betragenden
 Aktienkapitals besaßen, ihren Besitz mit großem
Verlust liquidieren mußten. Die Vereinigten Staaten waren

; 1) Albert S. Bolles, Financial History of the United States. Bd. 1.
S. 355.
?) Frederick A, Cleveland and Fred Wilbur Powell, Railroad Promotion
and Capitalisation in the United States, S, 40.
3) Albert S. Bolles, Financial History of the United States Bd. 2,
SS 30, 59 und 60.
        <pb n="24" />
        15

daher gezwungen, sich die zur Kriegsführung erforderlichen
Mittel durch Ausgabe von Schatzamtsnoten und siebenprozentigen,
 zu 80 emittierten Anleihen im Inlande zu verschaffen.


3. 1812 — 1837.

Sobald England die Unabhängigkeit der Vereinigten
Staaten anerkannt hatte (1782), setzte dort eine freilich
nur geringe Nachfrage nach amerikanischen Staatsanleihen
ein, die aber dann mit dem schwindenden Haß gegen die
abgefallene Kolonie ständig wuchs!). Da die Anleihen, abgesehen
 von der Anlagesicherheit, eine gute Verzinsung
brachten, wurden sie an der Londoner Börse schon gehandelt,
 ehe sie 1811 auf dem offiziellen Kurszettel erschienen,
 der am 15, Januar 1811 die folgenden Notierungen
amerikanischer Werte brachte:
Dreiprozentige Anleihe ..... 65
Alte sechsprozentige Anleihe . 101
Neue sechsprozentige Anleihe +... 00.000000 —
Aktien der Ersten Bank der Vereinigten Staaten . 107
Sechsprozentige Louisiana?) Anleihe ......... 105
Schon in demselben Jahre entwickelte sich ein direkter
Effektenhandel mit .NewYork. Am 8. Oktober 1811 brachte
der offizielle Kurszettel gleichzeitig die Londoner und die
freilich sechs Wochen zurückliegenden New Yorker Kurse.
Nachdem der Krieg zwischen England und den Vereinigten
Staaten zu einem zeitweiligen Aufhören der Notierungen
amerikanischer Papiere in London und der Effektentransaktionen
 mit New York geführt hatte, begann Anfang
1816 der Handel in amerikanischen Papieren von neuem
Die Aktien der 1811 eingegangenen Ersten Bank der Vereinigten
 Staaten waren freilich vom Kurszettel verschwunden,
 Dagegen war die siebenprozentige, zur Aufbringung
 der Kriegskosten zuerst nur im Lande emittierte
Staatsanleihe hinzugekommen.
Kaum war die erwähnte Bank, die als staatliche Notenbank
 die übermäßige Notenausgabe anderer Banken zu verhindern
 gewußt hatte, 1812 wegen Nichterneuerung ihrer
Konzession in Liquidation getreten. als eine große Anzahl

1) Der durchschnittliche Betrag amerikanischer Staatsanleihen in
europäischen Händen belief sich in den Jahren 1789—1820 auf 20 Millionen
Dollar. Worthy P. Sterns, The Beginnings of American Financial Independence.
 Journal of Political Economy. Bd. VI (1818). S. 197.
?) Von dem an Frankreich 1803 für Louisiana zu zahlenden Kaufpreis
von 15 Millionen Dollar konnte das Schatzamt nur 4 Millionen Dollar aufbringen.
 Für den Rest wurde eine sechsprozentige, fünfzehn Jahre laufende
Anleihe ausgegeben. Sie verschwand 1818 vom Londoner Kurszettel.
        <pb n="25" />
        16

von Notenbanken zweifelhafter Natur in der Union entstand.
 Ihre Zahl stieg von 88 im Jahre 1811 auf 126 im
Jahre 1815, ihr durch keine gesetzlichen Vorschriften gehemmter
 Notenumlauf wuchs in derselben Zeit von 22,7 auf
110 Millionen Dollar, so daß viele dieser Noten nur mit einem
Disagio von 20—50 % in Zahlung genommen wurden, Diesen
ungesunden Verhältnissen beschloß die Regierung durch
Gründung einer neuen Bundesbank ein Ende zu machen, Im
Jahre 1816 wurde die Zweite Bank der Vereinigten Staaten
errichtet, und zwar mit einem Kapital von 35 Millionen
Dollar, von dem die Regierung ein Fünftel übernahm. Zur
Heranziehung europäischen Kapitals wurde die Agentur der
Bank in London der Firma Baring Brothers &amp;amp; Co, dort übertragen.
 Sie übernahm es nicht nur, einen Teil der Aktien
in London und Amsterdam unterzubringen, sondern gewährte
der Bank, auch in den ersten Jahren ihres Bestehens so
reichlich Kredit, daß diese ihr 1819 9 Millionen, 1823
5 Millionen Dollar schuldete 9),
Im Gegensatz zu ihrer Vorgängerin, der Ersten Bank
der Vereinigten Staaten, beschränkte die Zweite Bank der
Vereinigten Staaten ihr Geschäft nicht auf das reguläre
Bankgeschäft des Inlandes, sondern suchte durch ihre Beziehungen
 in London europäische Gelder heranzuziehen, Sie
brachte zuerst Anleihen der Einzelstaaten und der großen
Städte an die Londoner Börse, so daß sich 1822 folgende
Posten amerikanischer Effekten in europäischen Händen befanden
 ?):
Anleihen der Union. ..............27,9 Mill. D.
Aktien der Ersten Bank der Vereinigten
Staaten . +00
Anleihen der Einzelstaaten ........-.-Anteile
 von Staatsbanken und Versicherungsgesellschaften


3,2 9 29
20 = =

3,0
36,1 Mill. D.
Der Londoner Kurszettel vom 4. Januar 1825 wies die
folgenden amerikanischen Werte auf:

80
.„... 99
ı) American State Papers on Finance, Bd. 11. S. 468.
2) North American Review. Bd. 17 (Juli 1823) Anonymer Artikel:
Debts of the United States to Foreign Countries.

Anleihen der Vereinigten Staaten.
dreiprozentige .........
vierundeinhalbprozentige . . ..
fünfprozentige .....
sechsprozentige
        <pb n="26" />
        L7

Anleihen der Einzelstaaten.
New York fünfprozentige 1837 .
New York fünfprozentige 1845
New York sechsprozentige 1837
New York sechsprozentige 1845 .
Pennsylvania fünfprozentige 184]
Virginia sechsprozentige 1844
Louisiana fünfprozentige 1834
Louisiana fünfprozentige 1839
Louisiana fünfprozentige 1844
Louisiana fünfprozentige 1849

Kommunalanleihen.
New York fünfprozentige 1850 ..
New Orleans siebenprozentige 1834

105
LOG
LO7
LOS

112

Aktien.
Aktien der Zweiten Bank der Vereinigten
Staaten ... +. 24 £ 12s. 6 d.
Von den Anleihen der Vereinigten Staaten wurden zehn
Jahre später 1835 nur noch die fünfprozentigen (Kurs am
2. Jan. 1835 92) in London notiert, da der enorme, von
1820—1837 dauernde Aufschwung des gesamten Wirtschaftslebens
 die Union in den Stand gesetzt hatte, ihre
Staatsschuld erheblich zu verringern. Sie’ betrug:
1816 773 Millionen Dollar
1820 ; 5
1839 1
L8392

und war am ersten Januar 1835 bis auf 0,37 Millionen Dollar
getilgt,
Dagegen nahm die Zahl der in London gehandelten Anleihen
 der Einzelstaaten erheblich zu. 1825 waren es zehn
Anleihen vier verschiedener Staaten, 1835 siebzehn neun
verschiedener Staaten, und zwar von Alabama, Indiana,
Mlinois, Louisiana, Missisippi, New York, Ohio, Pennsylvania,
 und Virginia, Der Nominalbetrag dieser Anleihen belief
 sich auf insgesamt 36,5 Millionen Dollar. Dazu kamen
fünf Kommunalanleihen der Städte New York. Philadelphia,
Baltimore und New Orleans.
Nach Beendigung des Krieges gegen England waren
zahlreiche neue Unternehmungen in der Union ins Leben
gerufen, und ihre Anteile zur Notierung an die 1817 gegründete
 Effektenbörse in New York gebracht. Während
1818 erst neunundzwanzig verschiedene Wertpapiere an
v. Reibnitz, Kapitalswanderungen
        <pb n="27" />
        13

ihr gehandelt wurden, waren es im Januar 1827 schon
zweiundvierzig, außer acht verschiedenen Staats- und Kommunalanleihen,
 zwölf Bankaktien, die Anteile von neunzehn
See- und Feuerversicherungsgesellschaften und die Aktien
verschiedener Kanal- und Gasgesellschaften. Schon vor
Gründung der Eisenbahngesellschaften waren Aktiengesellschaften
 zum Bau von Chausseen und Kanälen ins Leben
gerufen, und Agenten zur Unterbringung ihrer Anteile in
Deutschland, England, Holland und Frankreich herumgeschickt
 worden. 1830 wurde die erste Eisenbahnaktie an
die New Yorker Börse gebracht. Es waren die Anteile der
Mohawk- und Hudsonbahn, die 1869 mit der New Yorker
Zentralbahn verschmolzen wurde. Bald darauf wurden die
Aktien der jetzt noch bestehenden Baltimore and Ohio
Bisenbahn emittiert, die schon damals ein viel umgesetztes
Spekulationspapier waren; etwas später die Anteile der mit
englischem Kapital und von englischen Ingenieuren gebauten
 Eriebahn und der Atlantic und Great Western Bahn.
Von 1830—1837 stand die Stock Exchange in New York
völlig unter dem Einfluß der Neugründungen zahlreicher
Eisenbahngesellschaften, deren Netz mit Hilfe englischer
und holländischer Kapitalien in dem Jahrzehnt 1830—1840
von 95 auf 2818 Meilen wuchs und das europäische schon
damals an Länge übertraf). Der Umstand, daß die amerikanische
 Staatsschuld beinah getilgt, der Wert des Außenhandels
 in den sieben Jahren 1830—1837 von 133 auf
300 Millionen Dollar gestiegen, die Einwohnerzahl von
12,9 Millionen 1830 auf 17,1 Millionen 1840 gewachsen
war?®), hatte die europäischen Kapitalistenkreise verlockt,
sich an zahlreichen, neugegründeten Gesellschaften zu beteiligen.
 1836 soll die Effektenschuld der Vereinigten
Staaten an Europa 100 Millionen, 1837 150 Millionen Dollar
betragen haben?). Die erste Bank, deren alleiniger Zweck
die Unterbringung amerikanischer Werte in Europa war,
wurde 1836 mit einem Kapital von 1 Million £ gegründet,
Es war die British Bank of North America, die 1843 'eine
Filiale in New York errichtete. Die ersten Eisenbahnanteile
auf dem Londoner Kurszettel (1834) waren die fünf- und
sechsprozentigen bonds der Camden &amp;amp; Amboy-Eisenbahn.
Ihnen folgte bald die Obligationen der Reading-Lehighpp.

 ——

1) Kurt Freiherr von Reibnitz, die New Yorker Fondsbörse (Stock
Exchange). 5. 6 ff.
2) Das Aktienkapital der nordamerikanischen Banken stieg von
1830—1837 von 110 Millionen Dollar auf 225 Millionen Dollar.
3) W. G. Summer, The History of Banking in the United States.
x 9267.
        <pb n="28" />
        19

Richmond-New Jersey-Harrisburg- und der Lancaster-Eisenbahngesellschaft,
 Schon 1837 wurden an der Londoner Börse
die Anteile von sechzig verschiedenen Eisenbahngesellschaften
 im Werte von 150 Millionen Dollar gehandelt. „Yankee
Rails‘ waren ein beliebtes Spekulationspapier geworden, mit
deren Umsatz 6—7 broker ausschließlich beschäftigt
waren‘). Von andern Gesellschaften finden wir die folgenden
 auf dem Londoner Kurszettel:

Bankaktien.

Name
Zweite Bank der Ver, Staaten .....
Louisiana Bank ....... ;
Bank von New Orleans ....
Louisiana Staatsbank ....... ee
New Orleans Commercial and Banking Co.
New Orleans City Bank

Kapital
35,00 Mill. D.
4,00 „
0,45 „
1,25 N
‚90
"90

Aktien verschiedener Unternehmungen
New York Life and Trust Co.
Tennessee Planters
Missisippi Planters
New Jersey Canal Co.
Aber auch zahlreiche nur an den Fondsbörsen in Philadelphia
 und New York gehandelte Effekten kamen in
europäischen Besitz, da ein Teil des in den sieben Jahren
vor der Krisis (1830—1837) betragenden Überschusses der
Einfuhr über die Ausfuhr (140 Millionen Dollar) mit amerikanischen
 Effekten beglichen wurde. Auf diese Weise gelangten
 so viel Anteile der Zweiten Bank der Vereinigten
Staaten nach England, daß 1838 neun Zehntel ihres Aktienkapitals
 in den Händen britischer Kapitalisten war.
Die Krisis, die der englische Geldmarkt 1825 infolge
der übertriebenen Spekulation in südamerikanischen Werten
und des Staatsbankerotts aller südamerikanischen Staaten
durchmachte, hatte den New Yorker Geldmarkt nur wenig
berührt, da damals die spekulativen Übertreibungenm der
späteren Jahre fehlten, und noch nicht so viel englisches
Kapital in die Vereinigten Staaten geströmt war, wie von
1830—1837, wo 800 Millionen Dollar teils gegen Effekten,
teils als Kredit ins Land kamen und die Gründung immer
neuer Unternehmungen ermöglichten. Mit schrankenlosem
Optimismus wurden ungeheure Summen in Weizen- oder
Baumwollfarmen, Fabriken, Eisenbahn-, Kanal- und Schiff-'\
 Charles Duguid, The Story of the Stock Exchange. S. 246 ff.

‘) ı-
        <pb n="29" />
        20

fahrtsgesellschaften gesteckt. Trotzdem sich jeder sagen
mußte, daß die darin angelegten Summen, wenn nicht Jahrzehnte,
 so doch Jahre ertraglos bleiben würden, spekulierte
man an den Börsen in New York, Philadelphia, London und
Amsterdam eifrig in ihren Anteilen, deren Kurs auch die
phantastischsten Zukunftschancen diskontierte.
Der europäische Kapitalstrom war indessen nicht unerschöpflich.
 Von 18183—18838 wurden für 94,7 Mill. £
fremde Staatsanleihen in England emittiert. Dazu kam, daß
gerade in den dreißiger Jahren in England zahlreiche Eisenbahngesellschaften
 und industrielle Unternehmungen gezyründet
 wurden, Betrug doch der Nominalwert der in den
Jahren 1834—1836 in Großbritannien emittierten Aktien
und Obligationen 111,7 Millionen £, von denen 69,6 Mill.
auf Eisenbahnen, 23,8 Millionen auf Banken, 7,6 Millionen
auf Versicherungsgesellschaften, 7 Millionen auf Bergwerke,
und 3,7 Millionen auf Kanalgesellschaften entfielen *).
Eine weitere Inanspruchnahme des englischen Geldmarktes
 bewirkten die berufsmäßigen Spekulanten, die sich
mit demselben Eifer auf die Anteile heimischer Unternehmungen
 wie 1825 auf die südamerikanischen Werte
warfen. Als daher die Bank von England ihren Diskontsatz
von 4 % im Mai 1836.auf 5 % im September dieses Jahres
erhöhte, wurden zahlreiche englische Guthaben in New York
gekündigt, wo schon von Beginn des Jahres 1836 an eine
starke Kreditanspannung bestanden hatte. Die Entziehung
des englischen Kapitals verschlechterte den Status der
New Yorker Banken so, daß sie am 10. Mai 1837 gezwungen
waren, die Barzahlungen einzustellen. Ihnen folgten‘ alle
andern Banken des Landes,
Die Einstellung der Barzahlungen, die bis um die Mitte
des Jahres 1838 dauerte, war der Beginn einer bis 1842
dauernden Stagnation des gesamten Wirtschaftslebens der
Union. Der Wert der amerikanischen Effekten war durchschnittlich
 um 40—60 % gesunken, Zahlreiche Eisenbahnund
 Kanalgesellschaften gerieten in Konkurs, verschiedene
Einzelstaaten, deren Anleihen in London notiert wurden,
mußten die Zahlungen der Anleihezinsen einstellen, Darunter
befand sich Pennsylvania, in das damals 16 Millionen Dollar
europäisches Kapital geflossen waren. Der Gesamtverlust
der nordamerikanischen Kapitalisten wird auf 440 Millionen
Dollar beziffert, ein Viertel davon war in Kanalbauten
untergegangen 2).

Wk Pk

‘) Leone Levi, History of the British Commerce. S. 229.
2) Juglar, Des crises commerciales. S. 465 u. 467.
        <pb n="30" />
        21

Ungeheuer waren die Einbußen Englands, das die wirtschaftlichen
 Aussichten und Möglichkeiten Nordamerikas
weit überschätzt hatte, Welch große Kredite die englische
Bankwelt New Yorker Handels- und Bankhäusern gewährt
hatte, ergibt die Tatsache, daß sechs Londoner Bankhäuser
und eine Firma in Liverpool, deren Gesamtkappital nur
2 Millionen £ betrug, allein im Jahre 1836 für über 15 Millionen
 £ amerikanische Wechsel akzeptiert hatten 1. Der
Verlust englischer Kapitalisten an amerikanischen Effekten
betrug 130 Millionen Dollar, der Verlust englischer Exporthäuser
 30 Millionen Dollar, Weit größer indessen war der
Schaden, den die englische Handelswelt dadurch erlitt, daß
die Ausfuhr ihrer Fabrikate in die Union infolge der gesunkenen
 Kaufkraft der dortigen Bevölkerung von 12 Millionen
 £ 1836 auf 4,7 Millionen £ 18227 fiel

4, 1837 —1857.

Die großen, in der amerikanischen Krisis von 1837
erlittenen Verluste hatten die englischen Kapitalisten
amerikamüde gemacht; der heftige Feldzug, den die englische
 Presse damals gegen amerikanische Werte führte,
fand seinen Nährboden weniger in den erlittenen Verlusten
als in dem durch die finanziellen Machenschaften der Einzelstaaten
 erschütterten Vertrauen, Hatte schon die Einstellung
 des Zinsendienstes der in London emittierten Anleihen
 verschiedener Einzelstaaten, z. B. Pennsylvanias,
unliebsam an den Staatsbankrott der südamerikanischen
Republiken erinnert, der die englische Krisis von 18225
herbeigeführt hatte, so verstärkte sich das Mißtrauen der
englischen Kapitalisten noch, als die gesetzgebende Körperschaft
 des Staates Missisippi, der 5 Millionen Dollar bei
der Insolvenz einer Bank verloren hatte, auf Anraten seines
Gouverneurs beschloß, einen Formfehler bei der Emission
der in London untergebrachten Staatsanleihen zu benutzen,
um ihre Einlösung zu verweigern. Diesem Beispiel folgte
Florida, so daß die Times die Finanzwirtschaft der nordamerikanischen
 Einzelstaaten als „one vast swindling shop“
brandmarkte, Da die Konstitution der Vereinigten Staaten
der Bundesregierung keine Handhabe zum Einschreiten bot,
und auch eine 1843 eingebrachte Gesetzesvorlage, wonach
die Union für die Staatsschulden der Einzelstaaten eintreten
sollte, im Kongreß abgelehnt wurde, fanden diese in England
kaum mehr Abnehmer für ihre Anleihen 2). Wenn trotzdem

N
2)

Edinburgh Review, 1836. The Crisis in American Trade.
Francis W. Hirst. Credit of Nations. S. 134.
        <pb n="31" />
        a

ZA

der an der Londoner Börse notierte Gesamtbetrag von
36 Millionen Dollar 1836 auf 70 Millionen Dollar 1845
stieg — Maryland, Massasuchets, Kentucky, Michigan, South
Carolina, Tennessee und Florida waren hinzugekommen —
so beruhte das auf der Internationalität der Londoner Börse,
an der holländische, französische und deutsche Kapitalisten
schon damals zahlreiche ausländische Werte kauften.
Auch Eisenbahnobligationen fanden nicht mehr so viele
Abnehmer in London wie vor der Krisis von 1837, da das
anglische Kapital eine bessere und sicherere Verwendung
in den Anteilen der Eisenbahngesellschaften gefunden hatte,
die damals in großer Menge in England und auf dem Kontinent
 gegründet worden waren. 1844 wurden daher nur
noch die bonds von zwei nordamerikanischen Eisenbahngesellschaften
 auf dem Londoner Kurszettel notiert, 2 Mill.
Dollar sechsprozentiger Obligationen der Camden &amp;amp; Amboy
Eisenbahn und 1 Million Dollar sechsprozentiger Obligationen
 der Philadelphia &amp;amp; Reading Linie. .
Die Zurückhaltung europäischen Kapitals in dem Jahrzehnt
 1840—1850 bewirkte eine solche Stabilisierung des
auf sich angewiesenen amerikanischen Wirtschaftslebens,
daß es von der Krisis der alten Welt im Jahre 1848 kaum
berührt wurde, Erst die anfangs der fünfziger Jahre einsetzende
 Hausseperiode, eine Folge der Entdeckung der
großen kalifornischen Goldfelder, führte zu einer erneuten
Einfuhr europäischen Kapitals. Nach der Krisis von 1848
herrschte ein solcher Kapitalüberfluß in England, daß sich
ler Bankdiskont lange Zeit auf 1'/2z—2 % hielt, und die
dreiprozentigen englischen Konsols auf 107 stiegen. Da
sich inzwischen auch die finanziellen Verhältnisse der Einzelstaaten
 konsolidiert hatten, fanden ihre fünf- und sechsprozentigen
 Anleihen wieder Abnehmer in England. Auch
große Posten Kommunalanleihen, besonders von New York
ınd Boston, wurden dort untergebracht. Nach dem Bankers’
Magazine New York waren 1852 für 260 Millionen Dollar
amerikanische Effekten in Europa; daß der größte Teil
hiervon Staats- und Städteanleihen war, ergibt ein im folvenden
 Jahre erschienener special report des Schatzsekretärs,
 der auf den Angaben von 222 Eisenbahngesellschaften
 beruhte und die 1853 in Europa befindlichen
amerikanischen Eisenbahnanteile auf 36 Millionen Dollar
bonds und 7 Millionen Dollar Aktien bezifferte!). Von
1849—1854 sollen für 500 Millionen Dollar amerikanische

1) Frederick A. Cleveland and Fred Wilbur Powell, Railroad Promotion
 and Campitalisation in the United States. S. 196.
        <pb n="32" />
        23

Effekten nach Europa gekommen sein, während England
1850—1860 für 400 Millionen Dollar davon erwarb!), Der
nach Holland gelangte Betrag ist nicht bekannt, doch steht
fest, daß große dort vorgenommene Ankäufe in sechsprozentigen
 Staatsanleihen der Union ihren Kurs auf 103
steigen ließen, Befördert wurde die Kapitaleinfuhr dieser
Jahre durch die starke Zunahme der europäischen Einwanderung,


Zahl der Einwanderer.
1845 114 000
L846 154 000
1847 235 000
IR 227 000
) 297 000
370 000
379 000
372 000
367 000
428 000

Ein Teil der Auswanderer war durch die neuentdeckten
Goldfelder angelockt und wollte lediglich rasch reich werden,
Der größere Teil dagegen hatte Europa aus politischen
Gründen verlassen und suchte eine neue Heimat. Zahlreiche
Flüchtlinge aus den revolutionären Bewegungen der Jahre
1848 und 1849 kamen ins Land. Ihnen folgten später
politisch Radikale aller Nationen, denen die durch den
Staatsstreich Napoleons III. (2. Dez. 1852) in Europa neubefestigte
 Reaktion den Aufenthalt dort verleidet hatte.
Abgesehen von den teilweise beträchtlichen Kapitalien,
die die meisten, den gebildeten Ständen angehörenden, politischen
 Flüchtlinge und Europamüden mitbrachten, zogen
ihre in die Heimat gesandten, begeisterten Berichte über den
wirtschaftlichen Aufschwung?) und die Zukunftschancen der
Vereinigten Staaten große Summen europäischen Kappitals
in die Union, Das gilt besonders für Deutschland, dessen
Kapitalisten gerade damals eine vor allen revolutionären
Stürmen gesicherte Anlage suchten. Das 1848—1860 in
amerikanischen Effekten angelegte deutsche Kapital wird
auf 150—200 Millionen Dollar geschätzt. Auch Schweizer
Kapital kam von 1855 an, wenn auch in geringem Umfange,
nach Nordamerika.

1) Summer, History of American Currency. S. 170.
?) Der Umfang des Eisenbahnnetzes verdreifachte sich in den Jahren
1851—1859; der Außenhandel atiex von 298 Millionen Dollar 1850 auf
642 Millionen 1857.
        <pb n="33" />
        24

Diese Einfuhr deutschen Kapitals beförderten die in
den vierziger und fünfziger Jahren in New York gegründeten
 deutschen Bankhäuser, die seitdem im Mittelpunkt der
internationalen Kapitalwanderungen in Effektenform gestanden
 haben. Joseph Seligman (1819—1886) aus Bayersdorf
 in der Pfalz war schon 1836 nach New York gekommen.
Als Vertreter und auf Veranlassung der Rothschilds in
Frankfurt a. M., London, Paris und Wien folgte ihm ein
Jahr später August Belmont, der Schönberg hieß und seinen
Namen erst später bei seiner Niederlassung in der Union
änderte. Sein Geschäft firmierte August Belmont &amp;amp; Co.
1848 gründete Joseph Seligman mit seinen sieben, ihm inzwischen
 gefolgten Brüdern das Bankhaus J. u. W. Seligman
 &amp;amp; Co. Das New Yorker Stammhaus führten die Brüder
Joseph, Jesse und James, die Londoner Filiale übernahmen
Leopold und Isaak Seligman, die Frankfurter Henry und
Abraham Seligman, die Pariser Zweigniederlassung wurde
William Seligman anvertraut. Eine New Yorker Filiale des
bekannten Frankfurter Bankhauses Lazard Speyer-Ellissen
wurde 1858 unter der Firma Speyer &amp;amp; Co. von Philipp
Speyer, dem Schwiegervater des langjährigen Direktors
der Deutschen Bank Arthur von Gwinner, und Gustavus
Speyer, dem Vater des jetzigen Chefs des New Yorker
Hauses James Speyer und des Sir Edgar Speyer, Baronet
und Mitglied des Privy Couneil!), Chefs der seit 1862 bestehenden
 Londoner Filiale Speyer Brothers, gegründet. Die
in Leipzig und New York gleichzeitig etablierte Bankfirma
Knauth, Nachod &amp;amp; Kühne entstand 1852. Den Kapitalimport
 aus der Schweiz vermittelte das Genfer Bankhaus
Lombard, Odier &amp;amp; Co., deren New Yorker Vertreter die
aus Basel stammenden Iselins waren,
Der starke Zufluß von Menschen und Kapitalien in die
Union hatte eine Erschließung weiter Strecken unbewohnten
 Landes und eine ungeheure Entwicklung des Eisenbahnnetzes
 zur Folge. Allein in den. Jahren 1851—1857 wurden
1000 Millionen Dollar in nordamerikanischen Eisenbahnen
investiert, d. h. beinahe dreimal so viel wie von 1830—185L1.
433 Millionen hiervon gelangten in Aktienform an die Börse
und bildeten den Gegenstand wildester Spekulationen, die
sogar den Kurs der durch ganz unwirtliche Gegenden führenden
 Eisenbahnlinien weit über Pari trieben, Das verführte
zahlreiche Spekulanten, Eisenbahnlinien ganz ohne Rücksicht
 auf ihre Rentabilität zu erbauen, nur um mit einem

1) Er legte dieses Amt infolge der in englischen Zeitungen gegen ihn
röffneten Deutschenhetze im Kriege nieder und zog nach Boston.
        <pb n="34" />
        25

neuen Spielpapier Kursgewinne an der Börse erzielen zu
können. Die Mittel für diese Operationen wurden hauptsächlich
 durch Plazierung von Eisenbahneffekten in London
flüssig gemacht.
Schon 1857 sollen für 400 Millionen Dollar Eisenbahnwerte
 dort untergebracht worden sein!). Als dann der
Londoner Effektenmarkt übersättigt war, und die weitere
Unterbringung amerikanischer Fonds Schwierigkeiten
machte, wurden die für die Aufrechterhaltung der spekulativen
 Hausse erforderlichen Summen durch Wechselkredite
 beschafft. Englische Bankhäuser akzeptierten die von
New Yorker Spekulanten auf sie gezogenen Wechsel, die
in London oder New York verkauft wurden. An Zahlungsterminen
 erfolgte ihre Prolongation, oder aber es wurden
andere Wechsel in Zahlung gegeben, ein Modus, der keine
Schwierigkeiten machte, so lange sich der englische Geldstand
 in normalen Grenzen hielt, und das Vertrauen in den
Fortbestand der Konjunktur unerschüttert blieb, Als indessen
1857 nur wenig amerikanisches Getreide ausgeführt wurde,
und seine Preise infolge der ausgezeichneten Ernte Europas
stark fielen, erreichten die New Yorker Wechselkurse einen
so ungünstigen Stand, daß die Vereinigten Staaten zur
Zahlung des Imports Gold ausführen mußten. Die Erhöhung
 des englischen Bankdiskonts auf 6'/, % im April
1857 führte dann zu einer Zurückziehung der englischen
Kredite in New York, wodurch die Lage des dortigen Geldmarktes
 äußerst gespannt wurde. Die am 24. August erfolgte
 Zahlungseinstellung der Ohio Life Insurance Company,
 die stark in Eisenbahnaktien spekuliert und große
Mengen davon bevorschußt hatte, führte daher eine Börsenpanik
 herbei. Die der Handelswelt von den Banken gewährten
 kurzfristigen Kredite wurden gekündigt, so daß
zahlreiche Insolvenzen erfolgten, und eine schwere Wirtschaftskrisis
 ausbrach. 1415 Banken mit einem Kapital
von 215 Millionen Dollar fallierten. Große Beträge amerikanischer
 Werte wurden auf den Markt geworfen, indessen
schon nach einem Jahr zu wesentlich niedrigeren Kursen
zurückgekauft, als der nur ein Jahr dauernden Depression
des Geschäftslebens ein wirtschaftlicher Aufschwung folgte,
der bis zum Ausbruch des Sezessionskrieges dauerte. Die
Summe amerikanischer Werte in Europa war schon 1861
auf 400 Millionen Dollar gestiegen, Der Ausbruch der Feindlichkeiten
 zwischen Nord- und Südstaaten vertrieb freilich
das auf dem amerikanischen Effektenmarkt angelegte europäische
 Kapital, und erst die Unterbringung der Kriegsan-1)
 Hobson, the export of capital. S. 1928
        <pb n="35" />
        26

leihen in England, Holland und Deutschland führte einen
Teil davon wieder zurück.

Seit der Losreißung vom Mutterlande (1775—1783)
hatte die Union keine Kriegsanleihen mehr in Europa aufgelegt.
 Die für den Krieg gegen England (1812—1815)
erforderlichen Summen hatten, wie schon oben erwähnt
ist, im Lande aufgebracht werden müssen, Der für den
Krieg gegen Mexiko (1846—1848) gebrauchte Anleihebetrag
(50 Millionen Dollar) aber war so gering, daß sich die Inanspruchnahme
 des europpäischen Kapitalmarktes nicht
lohnte. Die durch den Sezessionskrieg (1861—1865) erwachsenden
 Ausgaben, deren Gesamtbetrag 1906 Millionen
Dollar betrug, war indessen zu bedeutend. um im Inlande
gedeckt werden zu können,
Die Heranziehung finanziellen Beistandes aus der alten
Welt gelang nicht ohne Schwierigkeiten, da die beiden kapitalkräftigsten
 Länder, England und Frankreich, an den Sieg
der Südstaaten glaubten. Dazu kam, daß die drei größten
damaligen Machtfaktoren der europäischen Politik gegen die
Union waren, Napoleon III, Palmerston und die Times, Von
der im Jahre 1861 aufgenommenen Kriegsanleihe von
270 Millionen Dollar konnten daher nur 100 Millionen in
Europa untergebracht. werden. Sie wurden von Holland und
Deutschland, das sich damals zuerst in größerem Maßstab
an internationalen Finanzoperationen beteiligte, aufgenommen.
 Mit dem zunehmenden Kriegsglück der Union
wuchs naturgemäß der in europäischen Besitz, teils durch
direkte Emission an den Börsen in London, Amsterdam,
Wien, Frankfurt a. M. und Berlin, teils durch Aufnahme
der nur in New York notierten Anleihen gelangte Teil der
amerikanischen Staatsschuld, die bei Ausbruch des Krieges
65 Millionen, nach seiner Beendigung 1866 27783 Millionen
Dollar betrug.
Die Unterbringung in England, die am schwierigsten
war, weil man die an den Anleihen mancher Einzelstaaten
1837-—1843 erlittenen Verluste noch nicht vergessen hatte,
andererseits die an die Goldwährung gewöhnten englischen
Kapitalisten durch die Einführung des uneinlöslichen Papiergeldes
 1864 mißtrauisch geworden waren, besorgten u. a.
J. S. Morgan &amp;amp; Co., deren New Yorker Filiale Drexel,
Morgan &amp;amp; Co. (jetzt J. P. Morgan &amp;amp; Co.) war, N. M. Rothschild
 &amp;amp; Sons — ihr New Yorker Vertreter war die Bankfirma
 A. Belmont &amp;amp; Co. — Seligman Brothers, die Lon-
        <pb n="36" />
        27

doner Filiale von J. &amp;amp; W. Seligman &amp;amp; Co. in New York,
Morton, Rose &amp;amp; Co., deren New Yorker Zweigniederlassung
Morton, Bliß &amp;amp; Co. war, Speyer Brothers, und Jay Cooke,
Mc. Cullock &amp;amp; Co. deren New Yorker Stammhaus Jay
Cooke &amp;amp; Co. 1873 fallierte und damit die Krisis dieses Jahres
zum Ausbruch brachte, Für den Absatz der amerikanischen
Staatsanleihen in Deutschland waren hauptsächlich die
Frankfurter Rothschilds, sowie die Frankfurter Bankfirmen
Lazard Speyer-Ellisen, Seligman &amp;amp; Stettheimer, Filiale des
New Yorker Hauses J, &amp;amp; W. Seligmann &amp;amp; Co. und Moritz
Budge, deren New Yorker Filiale Budge, Schiff &amp;amp; Co.
hieß, tätig, Der Absatz in Holland lag in den Händen der
großen Amsterdamer Bankfirma Lippmann, Rosenthal &amp;amp; Co,
und verschiedener Firmen ohne internationale Bedeutung.
Das hauptsächlich an den Börsen in London, Amsterdam
 !), Genf ®), Frankfurt a. M. und Berlin gehandelte amerikanische
 Staatspapier waren die sechsprozentige 5,20 Anleihe,
 so genannt, weil die Regierung sich das Recht vorbehalten
 hatte, die erst nach zwanzig Jahren einzulösende Anleihe
 schon nach fünf Jahren zu Pari zurückzukaufen., Da sie
6% Zinsen brachte und zu 56 emittiert wurde, bot sie eine
mehr als zehnprozentige (10,7 %) Verzinsung, In den Jahren
1861—1863 sank sie vorübergehend sogar unter diesen
Kurs und notierte monatelang zwischen 44, dem tiefsten
Stand der Anleihe, und 50. Zahlreiche holländische Kapitalisten
 erwarben sie zu diesen Kursen, um sie zehn Jahre
später mit einem Gewinn von 100 % zu 90 zu verkaufen.
Da indessen in Holland große Summen der später wertlos
gewordenen Kriegsanleihen der Südstaaten untergebracht
waren, schloß die finanzielle Beteiligung der Niederlande
als Ganzes ohne Reingewinn ab. Das Gegenteil gilt für
Deutschland, besonders für Süddeutschland, dessen wirtschaftlichen
 Mittelpunkt damals Frankfurt a. M. bildete.
Die Zeit der politischen Reaktion 1850—1860 war ein
Jahrzehnt enormen wirtschaftlichen Fortschritts, das neue
Kapitalien in Deutschland schuf und einen Teil davon in
die neue Welt brachte, wo das deutsche Element gerade
damals stark vertreten war. Die deutsche Einwanderung
in die Union betrug:
1830—1850 587 000
1850—1860 952 000
1860—1870 787 000

1) Ludger Brenninkmeyer, Die Amsterdamer Effektenbörse. S. 162 ff.
*) Das Emissionshaus der 5,20 Anleihe für die Schweiz war das New
Yorker Bankhaus A. Iselin u. Cie. R. Lüscher-Burckhardt. Die Schweizerischen
 Börsen. S. 17
        <pb n="37" />
        IQ

N

Da es in den Südstaaten nicht viel Deutsche gab, die
zahlreichen in den Nordstaaten lebenden Deutschen aber in
den Heimatsbriefen ihre kriegerische Tüchtigkeit und ihre
wirtschaftliche Aussichten nach dem sicheren Siege nicht
genug preisen konnten, wurden in Deutschland fast nur
Anleihen der Nordstaaten gekauft und enorm an ihnen, besonders
 in Süddeutschland, verdient. Wenn man bedenkt,
daß der weitaus größte Teil der 500 Millionen Dollar betragenden
 5,20 Anleihe in den Händen europäischer Kapitalisten
 war — 1863 sollen schon 100 Millionen Dollar
davon in England, 90 Millionen Dollar in Deutschland untergebracht
 sein — so ist die Annahme, daß von den 2700 Mill.
Dollar amerikanischer Anleihen, die 1861—1865 aufgenommen
 wurden, in letzterem Jahr ungefähr ein Fünftel,
d. h. 500—600 Millionen Dollar, im europäischen Besitz gewesen
 sind, nicht übertrieben.
Den Südstaaten, die große Sympathien in England und
Frankreich genossen, wurde der Absatz ihrer Anleihen in
Europa weit leichter. Als ein Konsortium, bestehend aus
der Pariser Filiale des Bankhauses Erlanger &amp;amp; Co. und den
Bankhäusern John Henry Schröder &amp;amp; Co. in London und
Amsterdam, sowie Fraser, Trenholm &amp;amp; Co. in Liverpool, im
März 1863 fünfzehn . Millionen Dollar siebenprozentiger
Kriegsanleihe der Südstaaten dem Publikum zu 90 anbot!)
überzeichnete dieses nicht nur die Anleihe fünfunddreißigmal,
 sondern trieb den Kurs gleich nach der Zulassung zum
Börsenhandel auf 95, so daß das Konsortium, das die Anleihe
 zu 77 übernommen hatte und den Konföderierten unter
Abzug von Spesen und Kommissionsgebühren nur 6,5 Mill.
Dollar gezahlt hatte, den ganzen Posten los wurde, und
binnen weniger Wochen über 2'/2 Millionen Dollar verdiente,
Die Anleihe fiel im Mai 1863 auf 88, im Juli auf 65, im
Dezember auf 37 und wurde nach der Besiegung der Südstaaten
 Makulatur, da die Vereinigten Staaten trotz aller
noch vor kurzem erneuten Versuche der Gläubiger ihre
Einlösung zum Emissionskurs beharrlich verweigerten *).
7500 Millionen Dollar an Werten waren im Sezessionskrieg
 vernichtet, 2 Millionen Menschen vier Jahre lang
jeder nutzbringenden Produktion entzogen worden. Daß
sich das Wirtschaftsleben der Union trotzdem so rasch erholte
 — in dem Jahrzehnt 1860—1870 stieg das Nationalvermögen
 von 16 auf 30 Milliarden Dollar — ist eine der
merkwürdigsten Erscheinungen der modernen Wirtschafts-1)

 John Christopher Schwab, The Confederate States of America,
SS. 31—41.

EEE FE
        <pb n="38" />
        29

geschichte und einerseits der Elastizität und Energie der
Bevölkerung, andererseits den riesigen Kapitalmengen zuzuschreiben,
 die nach Beendigung des Krieges ins Land
strömten.
Während das Interesse Europas an der weiteren Erschließung
 des Landes, besonders des Westens, stetig wuchs,
beschäftigten sich die amerikanischen Geschäftsleute damals
 mehr mit den in den sechziger Jahren zahlreich entdeckten
 Bergwerken und Petroleumquellen, 1863—1864
wurden für 600 Milionen Dollar Petroleumaktien, für
225 Millionen Dollar Bergwerksaktien emittiert. Englischen
Kapitalisten fiel es daher zu, neue Industriezweige ins Leben
zu rufen. Brauereien, Stahlwerke und Dampfmühlen wurden
gegründet, neue Dampferlinien entstanden zwischen England
und der Union, am 27. Juli 1866 wurde das erste transatlandische
 Kabel in Gebrauch genommen. Weite Landstrecken
 wurden durch neue Eisenbahnlinien der Besiedlung
europäischer Einwanderer erschlossen, so daß sich die Länge
des Eisenbahnnetzes von 1865—1873 verdoppelte). Die
Hälfte der hierzu erforderlichen Summen, d. h. 1000 Mill.
Dollar, wurden von den Kapitalisten Deutschlands, Hollands
und Englands aufgebracht ?).
Letzteres hatte schon unmittelbar nach Beendigung des
Sezessionskrieges (9. April 1865) große Posten amerikanischer
 Eisenbahnobligationen gekauft, darunter 1!/, Mill.
Dollar bonds der Erie-Eisenbahn; gleichzeitig übernahmen
J., S. Morgan &amp;amp; Co. 5 Millionen Dollar neu ausgegebener
sechsprozentiger, zu Pari rückzahlbarer bonds dieser Bahn
zu 70 und boten sie dem englischen Publikum zu 75 an,
Etwas später legte dieselbe Firma 13 Millionen Dollar
siebenprozentiger, ebenfalls zu Pari rückzahlbarer bonds
der Atlantic &amp;amp; Great Western Eisenbahn zu 80 auf, ein
Beispiel dafür, daß amerikanische Eisenbahnbonds als risikoreich
 galten. Aber auch die Anleihen der Einzelstaaten
wurden nicht allzuhoch eingeschätzt. Eine 1865 aufgelegte,
fünfprozentige Anleihe des Staates Massasuchets, deren
Zinsen in Gold in London zahlbar waren, wurde zu 75
emittiert.
_ 46 Millionen £ hatte England in dem Halbjahr April
bis Oktober 1865 in brasilianischen, österreichischen und
nordamerikanischen Effekten angelegt. Dazu waren dem
Kapitalmarkt große Summen entzogen, die englische Bank-AM


‘
a4

Eisenbahnmeilenzahl: 1865 = 35085; 1873 = 70651
Lescure, Des crises generales et periodiques, 8. 125.
Wirth, Geschichte der Handelskrisen S 496
        <pb n="39" />
        30

häuser industriellen Unternehmungen und Importhäusern der
Union als Kredite gegeben hatten, Der englische Geldmarkt
 versteifte sich daher schon im Oktober 1865 so,
daß die Bank von England am 28. dieses Monats den Diskontsatz
 auf 7 % erhöhte. Ungefähr 50 Millionen Dollar der
5,20 Anleihe flossen nach New York zurück, und damit
begann die bei jeder europäischen Krisis eintretende Rückwanderung
 der in Europa betindlichen amerikanischen Effekten,
 die noch zunahm als der angespannte Geldstand die
Diskontrate im Jahre 1866 am 8. Mai auf 8 %, am 11. Mai
einem Tag nach dem Zusammenbruch des großen Bankhauses
Overend, Gurney &amp;amp; Co. auf 9% und am 12. Mai auf 10 %
steigen ließ, ein Satz, der bis zum 29. August anhielt.
In normalen Zeiten hätte wohl Deutschland einen Teil
der in London abgestoßenen Effekten aufnehmen können,
unter dem Druck der drohenden kriegerischen Verwickjungen
 trat indessen auch dort starke Geldknappheit und
die Notwendigkeit ein, a tout prix bares Geld zu haben.
Wie groß die in London und Frankfurt a. M. auf den Markt
geworfenen Beträge amerikanischer Effekten waren — es
sollen damals für 600 Millionen Dollar in Europa gewesen
sein — läßt sich nicht feststellen. Glücklicherweise
herrschte in New York ein leichter Geldstand und Haussestimmung,
 so daß die dortige Börse die in Europa abgestoßenen
 Effekten ohne Schwierigkeiten aufnahm, und die
Haupteisenbahnwerte, sowie die 5,20 Anleihe vom 5. bis
12. Mai 1866 nur 5 % im Kurs verloren.
Erst nachdem die Bank von England den Diskont von
10 auf 8 % am 29. August, auf 5 % am 7. September 1866
herabgesetzt hatte, fing das englische Publikum wieder an,
sich dem vernachlässigten Amerikanermarkt zuzuwenden,
um so mehr als die Krisis von 1866 zu einer Stagnation
des englischen Wirtschaftslebens und damit andauernd
leichtem Geldstand — Mitte 1867 2 % Bankdiskont — geführt
 hatte, während die Union in eine bis zur Krisis von
1873 dauernde Hausseperiode eingetreten war. Dazu kam,
daß das englische Publikum mißtrauisch gegen die heimische
Bankwelt geworden war und sein Geld lieber in den Vereinigten
 Staaten anlegte. Die Hauptspekulationspapiere
auf dem Amerikanermarkt der Londoner Börse waren, außer
der 5,20 Anleihe der Union?), die Aktien der Illinois Central-,
 der New York Central-, der Reading und Philadelphia-,
 der Louisville und Nashville-, der Erie- und der Atlan-1)
 Da auch in Deutschland nach Beendigung des Krieges 1866 eine
starke Nachfrage nach der Anleihe herrschte, stieg ihr Kurs in London
vom 16.—30. August 1866 von 68 auf 72.
        <pb n="40" />
        31

tic und Great Western Eisenbahn. Die größten Umsätze
fanden in den beiden letztgenannten Aktien statt, die gerade
Ende der sechziger Jahre große Kursschwankungen aufwiesen,
 Die Atlantic- und Great Western Bahn kam 1867
unter Zwangsverwaltung, um dann reorganisiert zu werden,
die Eriebahn in demselben Jahr unter die Kontrolle Jay
Goulds, dessen fortgesetzte Ankäufe von Aktien eine große
Kurssteigerung herbeiführten. Kurz darauf, im April 1868,
wurde indessen bekannt, daß ihre Direktoren 38 Mill. Dollar
Aktien heimlich emittiert und in den Handel gebracht
hatten, Der Kurs der Erieaktien, der Anfang März noch
77 betragen hatte, sank auf 35 im Laufe des Sommers, so
daß die englischen Kapitalisten lange Zeit hindurch bei Neuemissionen
 amerikanischer Eisenbahnanteile Zurückhaltung
übten, und noch drei Jahre später 20 Millionen Dollar bonds
der Northers Pacific Bahn in London ohne Abnehmer blieben.
In Holland wurden nach dem Sezessionskrieg vor allem
siebenprozentige bonds der Chicago North Western-, der
Chicago, Milwaukee und St. Paul- und der MNlinois Central
Eisenbahn untergebracht, und zwar zu einem durchschnittlichen
 Emissionskurs von 70. Mit der fortschreitenden Erschließung
 des Westens stieg dann der Kurs der bonds, die
von den holländischen Kapitalisten fast immer mit Gewinn
abgestoßen wurden. Dasselbe gilt für Eisenbahnaktien, von
denen besonders St. Louis und San Franzisko, Kansas City,
Southern Norfolk, sowie Atchison, Topeka und Santa Fe
gekauft wurden!). Das Hauptspielpapier an der Amsterdamer
 Börse waren die Erie-Aktien, in denen gleichzeitig
auch in London und New York stark spekuliert wurde.
Auch Deutschland nahm schon 1865 größere Mengen
amerikanischer Eisenbahnbonds auf, die als Anlage gekauft
 wurden. Ihr Gesamtbetrag wurde von Commercial
and Financial Chronicle Anfang April 1866 auf 200 Mill.
Dollar geschätzt. Während des Krieges 1866 nahm dieser
Betrag zeitweise ab, um mit der nach dem Kriege eintretenden
 Geldfülle, die am stärksten im Sommer 1868 war,
seinen Höhepunkt zu erreichen, Damals sollen für 500 Mill.
Dollar Eisenbahnbonds in Deutschland gewesen sein, eine
Summe, die nicht zu hoch erscheint, wenn man bedenkt, daß
nach dem Commercial and Financial Chronicle im Juli und
August 1868 für 40—45 Millionen Dollar bonds nach
Europa verschifft wurden, Dabei ist zu berücksichtigen,
daß nur ein kleiner Teil davon nach England ging, das ge-1).

 F. van Oss, American Investments. Financial Review of Reviews,
Juni 1907
        <pb n="41" />
        32

rade im August 1868 eine 20 Millionen. £ Anleihe für Indien
 emittierte und für amerikanische Werte daher wenig
übrig hatte. Ein Teil der Eisenbahnbonds wurde durch
amerikanische Agenten vertrieben, die die größeren deutschen
 und schweizerischen Städte durchzogen!). Während
es ihnen gelang, in Norddeutschland größere Posten unsicherer
 bonds unterzubringen, machten sie in Süddeutschland
 ziemliches Fiasko. Die Frankfurter Zeitung und die
Frankfurter Bankiers, die ein besonderes Interesse am
amerikanischen Effektenmarkt nahmen, warnten die süddeutsche
 Kapitalistenwelt vor den Agenten und wiesen sie
gleichzeitig auf die Anteile sicherer, gut fundierter Eisenbahngesellschaften
 hin, deren Coupons zudem in Frankfurt
 a. M. zahlbar waren. Die an der dortigen Börse hauptsächlich
 gehandelten bonds waren die sechsprozentigen der:

Kurs März 1869. /
Central Paecifice-Eisenbahn ......... 77
California-Eisenbahn . ‚ 80
Missouri-Eisenbahn 72
Die Nachfrage nach amerikanischen Eisenbahnobligationen
 war auch noch am Anfang des Jahres 1870 eine
äußerst rege, da die größen Summen, die damals in Deutschland
 an der 5,20 Anleihe der Union verdient worden waren,
alle amerikanischen Fonds als sichere und gewinnreiche
Anlage erscheinen ließen ?), Die deutschen Kapitalisten veryaßen,
 daß den amerikanischen Eisenbahnbonds mit Ausnahme
 der sechsprozentigen, von der Bundesregierung garantierten
 bonds der Central Pacific Eisenbahn, jede staatliche
 Zinszahlungsgarantie fehlte, die dagegen sämtlichen,
an deutschen Börsen notierten Eisenbahnobligationen anderer
 Länder zu eigen war. Dazu kam die mangelnde Aufsicht
 der Regierungen; z. B. erhoben die preußischen Behörden
 keinerlei Einwendungen, als im Frühjahr 1870 amerikanische
 Agenten das Land bereisten, um 100 Millionen
Dollar der damals im Bau. begriffenen Northern Pacific-Eisenbahn,
 die 1873 zusammenbrach, an den Mann zu
bringen,
Ängstlich wurden die deutschen Kapitalisten erst, als
1871 die Zahlungseinstellung der Rockford und Rock Island

‘) Wirth, Geschichte der Handelskrisen. 5. 498.
2) Ende März 1870 wurden 2,5 Millionen Dollar siebenprozentige
bonds der Chicago und South Western-Eisenbahn (Emissionskurs 76) in
Frankfurt a /M. so überzeichnet, daß nur 13% der gezeichneten Beträge
berücksichtigt werden konnten.
        <pb n="42" />
        Do

Eisenbahn erfolgte, deren Obligationen von der Frankfurter
Firma Moritz Budge — ihr New Yorker Vertreter war der
später reich und berühmt gewordene Jacob H, Schiff, damals
Inhaber der Firma Budge, Schiff &amp;amp; Co., dann Chef des
Bankhauses Kuhn, Loeb &amp;amp; Co. ) — vertrieben worden waren.
Kurz darauf wurden auch die bonds der Alabama-Chattanooga
 Eisenbahn notleidend, da der Staat Alabama die von
ihm versprochene Zinsgarantie unerfüllt ließ. Dasselbe
Schicksal hatten 1872 die Georgia aid-bonds. Die Verluste
 des deutschen Publikums wären vielleicht noch größer
gewesen, wenn nicht die Frankfurter Zeitung ihre warnende
Stimme immer von neuem erhoben hätte. Ein positiver
Erfolg war es, daß sie dann 1871 die Unterbringung der
73/0 % bonds der zwei Jahre später zusammengebrochenen
Northern Pacific Bahn verhinderte ?). 1872 wurden in Frankfurt
 a. M. achtzehn amerikanische Kommunalanleihen und
fünfunddreißig verschiedene Gattungen von Eisenbahnbonds
notiert.

Im Gegensatz zu den Eisenbahnbonds hat das deutsche
Publikum an den nordamerikanischen Staatsanleihen, besonders
 den sogenannten 5,20, in der sich gleich nach Beendigung
 des Sezessionskrieges im Frühjahr 1865 ein sehr
lebhaftes spekulatives Geschäft an den Börsen von Frankfurt
 a. M. und Berlin entwickelte, nur verdient. Die Anleihe,
 die auch in London, Amsterdam und Wien stark umgesetzt
 wurde und ein internationales Spekulationspapier
wie vor 1914 Rio Tinto, Canada, Union Pacific und Steels
war, bot außer einer absolut sicheren Verzinsung, die in
den Jahren 1865—1870 je nach dem Kurse zwischen 6,6
und 10 % schwankte, beträchtliche Gewinnchancen für die
ukunft.

Die Schätzungen, wieviel von der Staatsschuld der Vereinigten
 Staaten nach Beendigung des Sezessionskrieges 1865
in europäischen Händen war, wichen naturgemäß erheblich
voneinander ab, Das Commercial and Financial Chronicle
bezifferte den Betrag im März 1865 auf 500 Millionen Dollar,
während Friedrich Kühne, der damalige Chef des Bankhauses
 Knauth, Nachod und Kühne, zur gleichen Zeit in einem
Schreiben an den Schatzsekretär Me. Cullock hierfür nur
350 Millionen Dollar annahm®), Drei Viertel davon waren
nach seiner Ansicht in deutschen, bzw. holländischen Händen,
ein großer Teil freilich nicht als Anlage, sondern als speku-!)

 Gegründet 1867 von Abraham Kuhn und Salomon Loeb.
?) Geschichte der Frankfurter Zeitung. S. 232.
*) E. P. Oberholtzer, Jay Cooke, Financier of the Civil War. S. 513.
r. Reibnitz, Kapitalswanderungen
        <pb n="43" />
        34

lativer Besitz. Welche enorme Mengen der 5,20 Anleihe
nach dem Sezessionskrieg nach Europa kamen, ergibt die
Tatsache, daß nach dem Commercial and Financial Chronicele
 in einer Woche (7.—14. Juli 1865) für 4 Millionen
Dollar, während des ganzen Monats Juli 1865 für 7 MüL
Dollar nach Europa verschifft wurden, und zwar 2 Mill
nach Deutschland. Anfang April 1866 war der weitaus
größte Teil der Anleihe im Besitz europäischer Kapitalisten,
200 Millionen Dollar sollen in deutschen, 50 Millionen Dollar
in englischen Händen gewesen sein, Als dann Mitte April
1866 die Furcht vor einem Kriege zwischen Österreich und
Preußen zur Liquidation zahlreicher spekulativer Engagements
 führte, gingen von Mitte April bis Mitte Mai 10 Mill.
Dollar der 5,20 Anleihe in die Union zurück, Die Leichtigkeit
 indessen, mit der die New Yorker Börse sie aufnahm,
veranlaßte die europäische Bankwelt, sie als hochverzinsliche,
 und doch leicht realisierbare Reserve für den Kriegsfall
 wieder zu kaufen. 15 Millionen Dollar der Anleihe
flossen daher binnen kurzem nach Europa zurück). Ein
Teil dieser Rückkäufe ist freilich auf das Konto ängstlicher
Kapitalisten zu setzen, die ihre deutschen und österreichischen
 Staatsanleihen verkauften, und dafür die der
Union erwarben. Im ganzen genommen sind jedenfalls vor
and während des Krieges 1866 mehr amerikanische Staatsanleihen
 in Europa gekauft als verkauft worden.
Auch nach dem Wiener Frieden verminderte sich die
Nachfrage nach ihnen nicht. Die Verhandlungen über die
Luxemburger Frage 1867 ließen kriegerische Verwicklungen
zwischen Frankreich und Preußen, ja zwischen allen europäischen
 Großmächten, wahrscheinlich erscheinen, so daß
die Anlage in amerikanischen .Staatsanleihen als die einzig
risikolose galt, um so mehr, als die im November 1868 erfolgte
 Wahl des Generals Grant zum Präsidenten der Verainigten
 Staaten und das Gesetz, das die Uneinlöslichkeit
jes Papiergeldes beseitigte, eine fortschreitende Stabilisierung
 ihres Wirtschaftslebens zu gewährleisten schienen.
Die langsame Kursbesserung der 5,20 Anleihe ergibt folgende
 Tabelle:

Kursin London.
1, Januar 1866 .
18. Juni 1866
16. Juli 1866

65
65
68

1) Allein in der Woche vom 1.—8. Juli 1866 sandten die deutschen
Bankiers in New York für 4 Millionen Dollar nach Frankfurt a./M.
        <pb n="44" />
        55

30. August 1866
30. März 1867 .
28, Februar 1869
23. August 1869
2. Januar 1870
l. März 1870 .
1. Juli 1870 .

73
76
83
84
871)
59
90

Nach der Erklärung des deutsch-französischen Krieges
am 23, Juli 1870 fiel die Anleihe infolge der Liquidation
großer, spekulativer Engagements auf 78. Der Kurs erholte
 sich indessen rasch wieder, da die europäische Bankwelt
 die Anleihe, wie schon 1866, als ebenso sichere wie
leicht realisierbare Anlage betrachtete und in London große
Summen darin anlerte.

Kurs der sog. 5,20 Anleihe in London?3.
l. Juli 1870.
23. Juli 1870
29. Juli 1870 .
6. August 1870
20. August 1870
10. September 187:
8. Oktober 1870

MI
7i5
23
35
89
5°)
99

Im Jahre 1871 schwankte die 5,20 Anleihe zwischen
91 und 93 und erreichte damit eine Höhe und Stabilität
des Kurses, die ihr allmähliges Verschwinden aus dem Kreise
der großen internationalen Spekulationspapiere herbeiführte,
Nach 1871 wurden amerikanische Staatsanleihen nur noch
als Anlagepapier betrachtet. Das galt auch für die im
September 1871 in England, Deutschland und Holland —
ein kleiner Betrag wurde in Frankreich aufgenommen —
untergebrachte, fünfprozentige funded loan der Union, die
als sicheres Anlagepapier von der deutschen Kapitalistenwelt
 auch während der Krisis von 1873 nicht abgestoßen
wurde®). Im September 1873 waren 17 Millionen Dollar
davon in deutschem Besitz.

1) Die amerikanische Regierung kaufte vom 1. Mai bis 1. Dezember
1869 für 75 Millionen Dollar zurück.
*) Die Kurse in Berlin, Frankfurt a /M. und Amsterdam waren ungefähr
 dieselben.
%) Das zur Unterbringung der Staatsanleihen der Union bestehende
ständige Konsortium, unserem sog. Preußenkonsortium vergleichbar.
        <pb n="45" />
        36

Rückgang der Staatsschuld der Vereinigten
Staaten.

2331 Millionen Dollar
1919 ” 5
852 LE »,
925 „ „
.... 9683 5 5,
Von 1880—1890 hat die Union alle Kriegsanleihen getilgt,
 von 1895 ab ihre Staatsschuld nur noch im Inland
plaziert. Da vor dem Weltkrieg drei Viertel ihrer Staatsschuld
 aus zweiprozentigen Konsols bestanden, kam sie
Jamals nicht mal mehr als Anlagepapier für europäische
Kapitalisten in Betracht. Die Herkunft der in ihren Händen
befindlichen Beträge, deren Summe 1902 bei einer Geaamtstaatsschuld
 von 783 Millionen 3,4 Millionen Dollar
betrug, ist wohl zum größten Teil auf amerikanische Nachlässe
 zurückzuführen ?).
Die gesamte Effektenschuld der Vereinigten Staaten
an Europa nach dem Sezessionskrieg ist naturgemäß nur
schätzungsweise zu ermitteln. Nach dem Commercial and
Financial Chronicle waren im April 1866 für 600 Mill.
Dollar amerikanischer. Effekten in Europa, und zwar:
5,20 Anleihe der Ver, Staaten... - 8350 Mill. D.
Anleihe der Einzelstaaten und Städte. 150 „ »
Eisenbahnaktien . . ...... + 48,8 „
Eisenbahnobligationen . - 50,7 „
599,5 Mill. D.
Der Kurswert in Gold betrug freilich nur 348,6 Mill.
Dollar.
Zweiundeinhalb Jahr später, im September 1868, wurde
die Summe der in Europa untergebrachten amerikanischen
Effekten von derselben Finanzzeitschrift auf 938 Millionen
Dollar geschätzt, nämlich:
Anleihen der Ver. Staaten -.-.-.-Anleihen
 der Einzelstaaten ;
Eisenbahnaktien . -..--Eisenbahnobligationen
 +... 0.0...
Aktien verschiedener Gesellschaften - -

700 Mill. D.
60 »” „7
56 » 9
93,5 »
28,9 „=988.4
 Mill. D.

bestand aus den Bankfirmen N. M. Rotschild &amp;amp; Sons, J. S. Morgan &amp;amp; Co.,
Seligman Bros, Morton, Rose &amp;amp; Co. in London und A, Belmont &amp;amp; Co.,
Drexel, Morgan &amp;amp; Co., J. u. W. Seligman &amp;amp; Co. und Morton, Bliss &amp;amp; Co.
in New York.
1) Annual Report of the United States Treasury for 1902.

‚A
        <pb n="46" />
        37

Der Kurswert in Gold belief sich auf 525 Millionen
Dollar.
Die Gesamtsumme der zwischen 1861 und 1868 in
Europa untergebrachten Effekten bezifferte Dewey!) auf
1500 Millionen Dollar. Ein Ende Dezember 1869 erstatteter
offizieller Bericht?) schätzte die Summe der in europäischen
Händen befindlichen Staatsanleihen auf 1000 Millionen, die
der übrigen Werte auf 365 Millionen Dollar, Die einzelnen
Effektenbeträge wurden wie folgt beziffert 3:

5% 1871
6 9% 1881
5,20 1862.
5,20 1864.
5,20 1865.
5,20 1867. . .
versch. Anleihen

l. Anleihen der Union.
1874

15 Mill, D.
90,
380 »
30
320
120
15
1000 Mill. D.

100 Mill. D.
7,5 3! &amp;gt;
113 5, 23
130 5»
10 » 3,
5 „9 39
365,5 Mill, D.
Man könnte sowohl die 1868 mit 700 Millionen, 1869
mit 1000 Millionen Dollar eingesetzte Summe der in Europa
befindlichen amerikanischen Staatsanleihen für zu hoch
halten, ‚wenn man nicht bedächte, daß sie in Europa gerade
1868 und 1869, Jahre, in denen Geldfülle herrschte, stark
begehrt waren, Berichtet doch das Commercial and Financial
 Chronicle, daß im Sommer 1869 während zweier Monate
(Juli und August) für 25—30 Millionen Dollar Anleihen
der Union nach Europa gesandt wurden.
Trotzdem die Totalsumme der in Europa untergebrachten
 Effekten schon 1870 1400 Millionen Dollar betrug,
traten die amerikanischen Bankiers mit immer neuen Kapi-2,

 Übrige Effekten.
Anleihen der Einzelstaaten. ...
Kommunalanleihen .. .
Eisenbahnaktien ...
Eisenbahnbonds .
Bergwerksanteile . .............
Verschiedene Aktien und Obligationen. .

1) D. R. Dewey, Finaneial History of the United States. S. 371.
*) David A. Wells, Special Commissioner of the Revenue. Report to
the Congress vom 20. December 1869.
*) Hobson, the export of capital. S. 133/134.
        <pb n="47" />
        38

talansprüchen an die Geldmärkte der alten Welt heran;
Von den 700 Millionen Dollar, die in den drei Jahren 1870,
12871 und 1872 in die Eisenbahnen der Union gesteckt
wurden, brachte Europa ein Drittel auf, Allein im Jahr
1872 wurden für 126 Millionen Dollar Aktien und Obliyationen
 nordamerikanischer Eisenbahngesellschaften und industrieller
 Unternehmungen an europäischen Börsen eingeführt.
 Sie fanden indessen nicht mehr die warme Aufnahme
 im Publikum wie in den sechziger Jahren.
Einmal brauchte Europa‘!), besonders Deutschland ®),
selbst große Summen zur Finanzierung der ungeheuren
industriellen Expansion dieser Jahre, dann aber hatten verschiedene
 Mißstände im amerikanischen Geschäftsleben die
europäischen Kapitalisten mißtrauisch gemacht. In Eng-{and
 und Holland fiel es unliebsam auf, daß die Eriebahn —
Jie Emission gefälschter Aktien seitens der Direktoren im
April 1868 ist oben erwähnt worden — von 1868— 1872
ihr Aktienkapital zu ausschließlich spekulativen Zwecken
von 17 auf 78 Millionen Dollar erhöhte. Deutschland
machte die schon besprochenen verlustreichen Erfahrungen
mit den bonds der Rockford und Rock Island-Bahn, der
Alabama-Chattanooga-Bahn, sowie den Georgia aid-bonds.
Frankreich aber, das damals nur wenig Kapital in den Verainigten
 Staaten angelegt hatte, wurde von der weiteren Investierung
 dadurch abgeschreckt, daß die Memphis, El Paso
und Pacific Eisenbahn, deren Anteile in Paris verkauft worden
waren, in ihrem Prospekt fälschlich behauptet hatte, Garantien
 und Landschenkungen von der nordamerikanischen Regyierung
 zu besitzen. Allgemein bedenklich aber machte
die vorgenommene Verwässerung des Aktienkapitals fast
aller Eisenbahngesellschaften, In den zwei Jahren 1867 bis
1269 erhöhten 28 Eisenbahngesellschaften ihr Kapital um
40 %, d. h. von 287 Millionen auf 400 Millionen Dollar.
Vorsichtige Kapitalisten in England, Deutschland und
Holland stießen daher ihre amerikanischen Effekten von
Anfang 1871 an ab, so daß diese Länder im November 1871
nur noch 800 Millionen Dollar, d. h. ca. 565 Millionen

1) Effektenemissionen in Europa in Millionen Frances nach Laveleye:
1871 9550
1872 12 641
1873 10 097
1874 4211
1875 1 705
2) Im November 1871 wurden an der Berliner Börse in 14 Tagen für
64 Millionen Taler Aktien emittiert. Im Jahr 1872 wurden in Preußen
493 Aktiengesellschaften mit einem Kapital von 1521,4 Millionen Mark
gegründet.
        <pb n="48" />
        39

weniger als 1869 davon besaßen. Ende 1872 wurde Amerikas
Effektenschuld an England nur noch auf 125 Millionen Dollar
geschätzt, 85 Millionen davon waren Staats- und Kommunalanleihen,
 sowie Eisenbahnbonds, 40 Millionen Eisenbahnaktien.
 Anfang 1873 mißglückte sogar die Unterbringung
von 300 Millionen Dollar fünfprozentiger Staatsanleihe der
Union in London.
Inzwischen waren soviel neue Eisenbahnlinien in der
Union in Angriff genommen worden, daß ihre Fertigstellung
 und Inbetriebnahme mindestens 900—1000 Millionen
Dollar erforderte. Sie zu beschaffen stieß auf Schwierigkeiten,
 da die Erträgnisse der schon vollendeten Linien
weit hinter den Erwartungen zurückblieben, und es in
Europa trotz der vorteilhaftesten Bedingungen schon 1872
unmöglich war, amerikanische Eisenbahnobligationen abzusetzen.
 Dasselbe galt für den heimischen Kapitalmarkt,
trotzdem zahlreiche Gesellschaften, denen Bankkredite
nicht mehr gewährt wurden, auf ihren Erlös zur Fortsetzung
 ihrer Arbeiten und Zahlung ihrer Obligationenzinsen
angewiesen waren, Die Folge war, daß verschiedene kleine
Gesellschaften die Zahlung ihrer Obligationenzinsen einstellen
 mußten. Das erweckte neues Mißtrauen und zwang
die Bankhäuser, die die großen Eisenbahngesellschaften finanzierten,
 sich die für den Betrieb, bzw. den Weiterbau
nötigen Mittel durch Finanzwechsel und Lombardierung von
Eisenbahneffekten zu verschaffen. Hierdurch wurden dem
Geldmarkt soviel flüssige Mittel entzogen, daß tägliches
Geld sowohl im September 1872, als auch im März 1873
auf 180 % stieg. Schon im Frühjahr 1873 glaubte man, daß
sich neue Kapitalien nicht mehr beschaffen lassen würden,
und eine Krisis unvermeidlich wäre, Indessen schöpfte
man neue Hoffnung als die Wiener Börsenpanik vom 9. Mai
1873, die den plötzlichen Verkauf von 100 Millionen Dollar
amerikanischer Effekten bewirkte, die New Yorker Börse
nur wenig beeinflußte, und es im Juni einigen Eisenbahngesellschaften
 gelang, sich durch den Verkauf ihrer bonds
an europäischen Börsen neue Mittel zu verschaffen. Erst
als im September, am 8., 13. und 18. verschiedene große
Bankfirmen, darunter die Firma Jay Cooke &amp;amp; Co., deren
Inhaber Jay Cooke jahrelang Finanzier der Bundesregierung
gewesen war, ihre Zahlungen einstellten, brach die Krisis
aus, Innerhalb von drei Tagen wurden achtundzwanzig Bankfirmen,
 eine Bank und eine Trustgesellschaft und dreiunddreißig
 broker Bankrott. Dreiundachtzig neugegründete
Eisenbahngesellschaften mit einem Gesamtkapital von
250 Millionen Dollar stellten die Zahlungen ihrer Obliga-
        <pb n="49" />
        10

tionenzinsen ein. An der New Yorker Fondsbörse entstand
am 20. September eine so starke Kursderoute, daß der
Präsident und der Verwaltungsrat der Börse diese bis zum
30. September schlossen. Der Krisis des Geldmarktes und
der Börse folgte eine tiefe Depression des amerikanischen
Wirtschaftslebens, deren Nachwehen erst 1877 überwunden
waren. Die durch die amerikanische Krisis 1873 erlittenen
Verluste europäischer Kapitalisten wurden auf 600 Millionen
Dollar geschätzt. Der Hauptanteil hiervon entfiel auf
Deutschland.

Von allen von der Weltkrisis 1873 mitgenommenen
Volkswirtschaften hatte Deutschland am meisten gelitten,
Als Absatzgebiet amerikanischer Effekten kam es daher in
den Jahren 1873—1880 in nennenswerter Weise nicht in
Betracht. England dagegen, das von ‚der ersten großen
Krisis der kapitalistischen Welt 1857 stark mitgenommen
worden war, wurde durch die zweite Weltkrisis 1873 nur
wenig berührt. Einmal waren die Nachwirkungen der auf
England beschränkt gebliebenen Wirtschaftskrisis 1866 Anfang
 der siebziger Jahre noch so bedeutend, daß zwar die
Stagnation des Wirtschaftslebens, nicht aber die Zurückhaltung
 der Bankwelt gewichen war, dann aber waren seine
Verluste in der amerikanischen Krisis 1873 nicht allzu
große, da es fast nur Obligationen gut fundierter Gesellschaften
 besaß, die entweder ihre Zinsen weiter zahlten,
oder aber als zukunftsreicher Anlagebesitz gelten konnten,
Andere, von den Wirkungen der Weltkrisis verhältnismäßig
verschont gebliebene Länder waren Frankreich und Holland,
Doch war ersteres durch den Krieg 1870/71 und die an
Deutschland gezahlte Kriegsentschädigung von 5 Milliarden
Franks wirtschaftlich so geschwächt, daß es selbst auf den
Kapitalimport angewiesen war, Der Rentnerstaat Holland
aber hat sich seit der Tulpenmanie 1634 und dem Lawschen
Missisippi-Schwindel 1719 von allen übertriebenen Spekulationen
 fern gehalten,
Für die Einfuhr europäischen Kapitals in die Vereinigten
 Staaten gegen Übernahme von Effekten kamen daher
nach 1873 nur England und Holland in Betracht. England
benutzte nicht nur die nach der Panik im September 1878
stark gesunkenen Kurse guter Obligationen zu größeren
Ankäufen, sondern übernahm schon im Jahre. 1874 für
70 Millionen Dollar!) bonds verschiedener Eisenbahngesell-1)
 Zusammengerechnet aus den im Commercial and Financial Chronicle
aufgeführten Emissionen.
        <pb n="50" />
        A1

schaften. Die 1872/73 an südamerikanischen Eisenbahnwerten
 erlittenen Verluste — 49,2 Millionen £ auf ein
nach dem Emissionskurs berechnetes Kapital von 179 Millionen
 £ — lenkten Englands Aufmerksamkeit von neuem
auf die Obligationen nordamerikanischer Eisenbahngesellschaften,
 die eine 2—3 % höhere Verzinsung als die heimischen
 vierprozentigen brachten. Dazu kam, daß bei fast
jeder Gesellschaft verschiedene Gattungen ausgegeben
waren, so daß der Kapitalist die Auswahl nach Sicherheit,
Zinsfuß und Kurs hatte.
Wie die englischen so hatten auch die holländischen
Kapitalisten einen großen Teil guter bonds, die sie während
der Krisis 1873 durchhielten. Sie benutzten nicht nur die
in diesem Jahre stark gesunkenen Kurse zu großen Ankäufen,
 sondern nahmen auch verschiedene Posten von Eisenbahnobligationen
 direkt auf, u. a. 10 Millionen Dollar sechsprozentiger
 Goldbonds der Philadelphia und Reading Bahn
und 20 Millionen Dollar der Chicago, Milwaukee und St.
Paul-, sowie der Central Pacific Bahn. Ende Dezember
1873 sollen nach dem Bankers’ Magazine New York 160 Mill.
Dollar Aktien und Obligationen nordamerikanischer Eisenbahn-
 und Industriegesellschaften, ferner 100 Millionen
Dollar Staats- und Kommunalanleihen in Holland untergebracht
 gewesen sein '. Der Betrag an Aktien und Obligationen
 nahm in den folgenden zwei Jahren etwas ab,
denn im Januar 1876 wurde ihr Betrag von derselben
Finanzzeitschrift auf nur 186 Millionen Dollar beziffert
66,5 Millionen Dollar hiervon waren ohne Zinsertrag,
Die Summe der 1875 in Europa befindlichen amerikanischen
 Effekten wurde von Bankers’ Magazine New York
auf 1300 Millionen Dollar geschätzt. Da in Deutschland,
Österreich-Ungarn, Frankreich und der Schweiz damals nur
geringe Beträge amerikanischer Werte waren, fiel der
Hauptteil® dieser Summe auf Großbritannien, dessen Besitz
ungefähr 900 Millionen Dollar betragen haben mag. Nahm
doch der Absatz amerikanischer Werte in England 1875 und
1876 enorm zu, da englische Kapitalisten gerade damals
(April 1875 bis April 1876) 63 Millionen £ an türkischen
und 28 Millionen £ an ägyptischen und peruanischen Werten
verloren hatten und sich deshalb mehr denn je den vertrauenswürdigeren
 Anlagen der Union zuwandten, Der Absatz
 amerikanischer Emissionen ließ erst nach, als die
Philadelphia und Readingbahn Anfang 1877 ihre Obligal)

 Die Zahl der an den Amsterdamer Börsen notierten Eisenbahnwerte
 der Union betrug 1865 8, 1875 63, 1885 98. Ludger Brenninkmeyer,
Die Amsterdamer Effektenbörse. S. 164
        <pb n="51" />
        A2

tionenzinsen nicht mehr zahlte, und das Publikum bei dieser
Gelegenheit von der Finanzpresse darauf aufmerksam gemacht
 wurde, daß von den im Ausland abgesetzten amerikanischen
 bonds 65 %, von den in der Union selbst untergebrachten
 nur 14 % ohne Zinsertrag waren. Später tat
dann die Verschlechterung der nordamerikanischen Währungsverhältnisse
 (Erklärung des Standard Silberdollars
zum unbeschränkt gesetzlichen Zahlungsmittel, herbeigeführt
 durch die Bland Allison Bill vom 15. Februar 1878)
ihre Wirkung.
Erheblich besser gestaltete sich die allgemeine Börsenlage,
 als die vorzüglichen Ernten der Jahre 1878, 1879,
1820 den Eisenbahnen so große Erträge brachten, daß auch
die vor der Krisis auf ungesunder Basis gegründeten Gesellschaften
 imstande waren, sich zu konsolidieren und die
Zinszahlung ihrer Obligationen aufzunehmen, Die glänzenden
 Ernteergebnisse des Jahrfünfts 1876—1881, denen
schlechte oder mäßige in Europa gegenüber standen, ließen
den Überschuß der Ausfuhr über die Einfuhr zu einer solchen
Höhe wachsen, daß die vom 1. Januar 1879 ab eintretende
Einlösung sämtlicher von der Regierung ausgegebener Banknoten
 in Gold zu Pari ebensowenig Schwierigkeiten machte
wie der allmähliche Rückkauf, bzw. die 1880 vorgenommene
Konvertierung der in Europa untergebrachten sechsprozentigen
 Anleihen der Union in vierundeinhalbprozentige. Beide
Maßnahmen stärkten das Vertrauen in die wirtschaftliche
Zukunft der Vereinigten Staaten so, daß die durch den
Rückkauf frei gewordenen englischen, deutschen und holländischen
 Kapitalien dort blieben und in sieben- oder achtprozentigen
 bonds amerikanischer Eisenbahnen angelegt
wurden, z. B. denen der Chicago und Northwestern-, Chisago,
 Milwaukee und St. Paul-, Illinois Central-, , Great-Northern-,
 Norfolk und Western-, Central Pacific-, Union
Pacific-, sowie der Missouri, Kansas- und Texas-Eisenbahnen).
 Da ihr Emissionskurs in der Regel nur 75 bis
35 betrug, gewährten sie eine zehnprozentige Verzinsung‘
First mortgage gold bonds freilich brachten wegen ihrer
absoluten Sicherheit nur 6 %, bei erstklassigen Gesellschaften
 wie der Pennsylvania-Eisenbahn sogar nur 4'/; %, Auch
deutsche Kapitalisten fingen damals wieder an, amerikanische
 bonds zu kaufen, hauptsächlich weil Deutschland
infolge der industriellen Stagnation nach der Krisis 1873
nur wenig hochverzinsliche Werte aufwies. Eine offizielle
1) Charles F. Speare, Selling American bonds in Europe. Annals of
Ks Amen l6 Academy of Political and Social Science. Bd. 30, Nr. 2.
        <pb n="52" />
        43

Notierung amerikanischer Werte fand damals in Frankfurt
 a. M. zwar nicht statt, um so mehr florierte der freie
Markt, gerade wie in Amsterdam und London, wo eine lebhafte,
 später durch den billigen Geldstand (Ende 1880
2 %) geförderte Spekulation in amerikanischen Eisenbahnaktien
 schon Ende 1879 wieder einsetzte. Ein Haussemoment
 für die dortige Spekulation waren die von 1878
bis 1883 steigenden Dividenden der großen Eisenbahngesellschaften!)
 und die zwischen ihnen abgeschlossenen
Frachtratenkonventionen, deren erste im Dezember 1878
zu Stande kam. Die hauptsächlichsten Umsätze fanden in
den Aktien der Chicago, Milwaukee und St. Paul-, der Erie-,
der Illinois Central-, der Philadelphia und Reading-, der
Pennsylvania- und der New York Central-Bahn statt.
Unterbrochen wurde die lebhafte Spekulation in ‚,Yankee
 Rails“ erst, als die am 20. Januar 1882 erfolgte
Zahlungseinstellung der Union Generale in Paris die Liquidierung
 fast aller spekulativer Engagements und damit große
Abgaben in amerikanischen Effekten herbeiführte, Zwar
belebte sich der Amerikanermarkt in London Ende 1882
von neuem, indessen mahnten die unsicheren Währungsverhältnisse
 der Union, deren Goldwährung seit dem Bland-Allisongesetz
 (15. Februar 1878) in wachsendem Maße
hinkend geworden war, zur Zurückhaltung, ja viele europäische
 Kapitalisten entledigten sich mehr und mehr ihrer
amerikanischen Werte, Zwar blieben die im Anlagebesitz
befindlichen bonds solider Gesellschaften in Europa, indessen
 flossen 1881—1884 fünf Sechstel aller Aktien in
die Union zurück, Dies geschah im März und April 1884
in solchem Umfange, daß der dafür nach Europa fließende
Betrag an Gold in diesen beiden Monaten 820 Millionen
Dollar betrug.
Nach, der New Yorker Börsenkrisis im Mai 1884 nahm
das Interesse der englischen Spekulanten an amerikanischen
Aktien allmählich ab, da ihnen die Ende der achtziger Jahre
in großen Mengen emittierten Goldshares größere Gewinnchancen
 boten, Dies wurde indessen durch die zunehmende
Betätigung deutscher und französischer Kapitalisten und
Bankfirmen auf dem Londoner Amerikanermarkt ausgeglichen,
 so daß der in Europa befindliche Betrag amerikanischer
 Effekten schon Ende November 1885 von Bankers’
Magazine New York auf beinah 1000 Millionen Dollar ge-Dividenden:

1576 1879 1880 1881 1882 1883
New York Central Bahn 8 8 8 8 8 8
Pennsylvania Bahn 2 4% 7 8 8% 8
        <pb n="53" />
        14

schätzt wurde. Wie groß die in Deutschland eingegangenen
spekulativen Engagements in amerikanischen Werten waren,
kam im November 1887 zu Tage, als die Leipziger Diskontogesellschaft
 mit 9 Millionen Mark Passiva, die aus
verfehlten Spekulationen in Northern Pacific-Aktien in
London entstanden waren, zusammenbrach, Die gespannte
politischen Lage in Europa 1887 und 1888 ließ damals
viel Kapital auf den Amerikanermarkt strömen, Darunter
befand sich manches deutsche, dessen Besitzer infolge der
zunehmenden Anhängerschaft Boulangers einen Krieg mit
Frankreich für wahrscheinlich hielten.
Auch 1889 war der Amerikanermarkt in London noch
äußerst belebt. Die englischen Eisenbahnaktien waren so
hoch im Kurs gestiegen, daß sie nur 2'/—8 % Zinsen
brachten, die Zahl der industriellen Gesellschaften, deren
Anteile an der Börse gehandelt wurden, war damals verhältnismäßig
 klein; die Goldminenspekulation aber hatte
weitere Kreise noch nicht ergriffen, beschränkte sich vielmehr
 auf berufsmäßige jobber, so daß sich die spekulativen
 Neigungen der europäischen Kapitalistenwelt auf den
Markt nord- und südamerikanischer Werte konzentrierten,
Dagegen kaufte England, das nach Abschluß seiner industriellen
 Entwicklung mehr und mehr reiner Handelsstaat
und Bankier der Welt geworden war, große Posten amer!1-kanischer
 Fonds als Anlagebesitz. So war denn die Londoner
 Börse in den Jahren 1887—1890 ein guter Absatzmarkt
 amerikanischer Eisenbahngesellschaften, deren erstklassige
 bonds 1 %-—2 % mehr Zinsen brachten, als die
ler englischen. 1888 waren 28 % de3 Kapitals der Union
Pacifie-, 50 % des Kapitals der Pennsylvania- und der Chizago,
 Milwaukee und St. Paul-Eisenbahn in ausländischen
Händen. 1889 wurden 506 Millionen Dollar Aktien und Obligationen
 nordamerikanischer Eisenbahngesellschaften an
Jer Londoner Börse notiert‘). Anfang 1890 schätzte das
Journal of Commerce den Gesamtbesitz amerikanischer Effekten
 in Europa auf 2500 Millionen Dollar. Von den
23000 Millionen Dollar englischer Kapitalien, die in dem
Jahrzehnt 1880—1890 in ausländischen Unternehmungen
investiert wurden, soll die Hälfte in die Union geflossen
sein. Drei Fünftel der amerikanischen Eisenbahnen wurden
vor der Krisis 1893 in London kontrolliert 3. ;
1) Die Aktien dieser Gesellschaft dienten Jediglich spekulativen
Zwecken, da von den common shares nur eine, von den preferred. shares
nur zwei oder drei Dividenden brachten.
2) Charles F. Speare, Selling American bonds in Europe. Annals of
DS Eric Academy of Political and Social Science. Bd. 30, Nr. 2.
        <pb n="54" />
        45

Der Zusammenbruch der Panamagesellschaft im Februar
 1889, der die Börsen in Berlin, London, Paris und
Frankfurt a. M. stark erschütterte, hatte den Kurs der
amerikanischen Effekten kaum berührt, der amerikanischer
Eisenbahnbonds war sogar gestiegen, da zahllose verängstigte
 Kapitalisten ihren Besitz an diesen für sicherer
hielten, als europäische Anlagen mit dem gleichen Zinsfuß.
 Erst die Anfang 1890 eintretende Versteifung der
großen europäischen Geldmärkte führte zu einer Abstoßung
und Kurssenkung amerikanischer Fonds. Dem englischen
Kapitalmarkt hatte die Umwandlung zahlreicher industrieller
 Unternehmungen in Aktiengesellschaften, die Goldminengründungen
 und die starke Kapitaleinfuhr nach Argentinien')
 bzw. anderen südamerikanischen Ländern große
Summen entzogen, Frankreich hatte durch den Panamakrach
 große Verluste erlitten, Deutschland aber war nach
den langen Jahren geschäftlicher Lethargie, die der Krisis
von 1873 folgten, erwacht und zur Gründung immer neuer
Gesellschaften geschritten, deren Anteile ebenso wie die
Aktien schon bestehender industrieller Gesellschaften Gegenstand
 wildester Börsenspekulation wurden. Dazu kam, daß
fast alle Großstaaten damals mit starken Ansprüchen
(Rüstungsanleihen) an den internationalen Geldmarkt herantraten,
 dessen Anspannung sich schon deutlich zeigte, als
die Bank von England ihren Diskontsatz um die Wende des
Jahres 1889/90 auf 6% erhöhte, ein Warnungszeichen,
daß die internationale Spekulation veranlaßte, amerikanische
Werte abzustoßen, um andere Engagements durchhalten zu
können.
Zwar gelang es der New Yorker Börse, die in der ersten
Hälfte des Jahres 1890 in Europa abgestoßenen Wertpapiermengen
 glatt aufzunehmen, da die Sätze für call money
im Laufe*des Sommers niedrig blieben, und die Spekulation
an einen Fortbestand der günstigen Konjunktur in der Union
glaubte, Das änderte sich indessen, als die Erntebewegung
und die Entziehung beträchtlicher Summen seitens der Importeure,
 die besonders große Mengen Waren einführten,
um den hohen Sätzen des am 1. Oktober in Kraft tretenden
Mc. Kinley-Tarifs zu entgehen, eine übermäßige Anspannung
 des Geldmarktes herbeiführten, Wallstreet war daher
außer Stande, die im Oktober 1890 von neuem auf den Markt
geworfenen großen Posten ohne Erschütterung der Kurse
aufzunehmen. Eine Kursderoute trat indessen erst ein, als
am 15. November 1890, kurz nach Börsenanfang, die Zah-*)
 In den Jahren 1886—1890 waren für 100 Millionen £ argentinische
Werte in England untergebracht worden.
        <pb n="55" />
        16

lungseinstellung des großen Londoner Bankhauses Baring
Brothers bekannt wurde.
Nach der Baringkrisis wurde das spekulative Geschäft
am Amerikanermarkt in London etwas ruhiger, da ein
großer Teil amerikanischer Effekten nach New York zurückgeströmt
 war. Die in London gemachten Umsätze beruhten
fast ausschließlich auf amerikanischen Ordres. Die englischen
 Kapitalien strömten auf den immer lebhafter werdenden
 Markt der Gold- und Diamantminen-Aktien, Deutschland
 brauchte sein Geld für die industrielle Expansion der
neunziger Jahre, Frankreich aber litt noch unter den Nachwehen
 des Zusammenbruchs der Panamagesellschaft,
während _sich Hollands immer vorsichtige Spekulanten
zurückhielten, weil sie den Übergang der Union zur Silberwährung
 fürchteten und überzeugt waren, daß die Frachtratenkriege
 zwischen den einzelnen Eisenbahngesellschaften
and der nur zur Vernichtung der Konkurrenz unternommene
Bau von Parallellinien zu einem Niederbruch der meisten
Zisenbahngesellschaften führen würden. Anfang 1892 fiel
der Amerikanermarkt in London wegen der im November
stattfindenden Präsidentenwahl in eine Apathie, die auch
nach der Wahl Clevelands nicht wich, und es den Eisenbahnyesellschaften
 unmöglich machte, ihren Geldbedarf im Iniande
 oder in Europa zu decken, Die erste Bahn, die in
Zwangsverwaltung kam, (20. Februar 1893) war die Phila-Jelphia-
 und Reading-Linie, die ein großes Eisenbahnnetz
und zahlreiche Bergwerke besaß. Noch kurz vorher hatte
sie die Ausschüttung von 5% Dividemde auf ihre Vorzugsaktien
 angekündigt und hierdurch große Posten dieser
Aktien in England untergebracht.
Ihr Zusammenbruch führte neue Mengen amerikanischer
Effekten aus dem Besitz mißtrauisch gewordener europäischer
 Kapitalisten auf den Markt, eine Bewegung, die
sich noch verstärkte, als am’ 4. Mai die Insolvenz der National
 Cordage Company, die noch im Januar 100 % Dividende
 verteilt hatte, bekannt wurde. 300 Mill. Dollar amerikanischer
 Werte sollen allein im Jahre 1893 in die Union
zurückgeströmt sein, Dafür flossen große Mengen amerikanischen
 Goldes nach Europa, von 1889—1893 mehr als
200 Millionen Dollar. Nachdem am 1. Mai 1893 sechs
Banken in New York ihre Zahlungen eingestellt hatten,
machten am 4. und 5. Mai sechs Brokerfirmen Bankrott.
[hnen folgten am 9. Mai drei Nationalbanken, etwas später
verschiedene industrielle und Eisenbahngesellschaften, „daranter
 die folgenden, deren Anteile zum größten Teil in
Europa untergebracht waren:
        <pb n="56" />
        17

1893
16. Juni die Northern Pacific-Bahn,
25. Juli die Eriebahn,
13. Oktober die Union Pacific-Bahn,
23. Dezember die Atchison, Topeka und Santa Fe-Bahn,
27. Dezember die New York und New England-Bahn.
Von der nordamerikanischen Krisis wurden am meisten
die Londoner und die Berliner Börse mitgenommen; die Londoner,
 weil sich riesige Mengen amerikanischer bonds als
Anlagebesitz in England befanden und von den verängstigten
Kapitalisten ä tout prix losgeschlagen wurden, die Berliner
Börse wegen der beträchtlichen Summen, mit denen deutsche
Kapitalisten, hauptsächlich durch Obligationenbesitz, an der
Northern Pacific-Bahn !) beteiligt waren. Während an der
Frankfurter Börse nur first mortgage bonds dieser Bahn
notiert wurden, deren Kurs in den drei Wochen nach dem
Zusammenbruch nur 10 % nachgab, waren an der Berliner
Börse auch die second, third und consolidated mortgage
bonds zugelassen worden, deren Kursrückgang das dreifache
betrug. Die erstgenannten sanken auf 75, die zweitgenannten
 auf 54, die letztgenannten sogar auf 33 %, Um wenigstens
 einen Teil des deutschen Kapitals zu retten, bildete
die Deutsche Bank eine große Vereinigung aller Obligationäre,
 der es 1896 unter der Leitung des verstorbenen
Georg von Siemens gelang, die Bahn auf eine gesunde
Basis zu bringen, so daß seitdem regelmäßig Dividenden
ausgeschüttet wurden, und ihre Aktien bei Beginn des
Jahres 1901 über Pari standen, Die deutschen Kapitalisten
die ihre bonds behalten hatten, erlitten nicht nur keine
Verluste, sondern konnten sogar beim späteren Rückkauf
der bonds einen erklecklichen Reingewinn gegenüber dem
Emissionskurs buchen,

1) Die 1873 unter Zwangsverwaltung gekommene, im August 1875
reorganisierte Northern Pacific-Bahn war 1881 unter die Kontrolle des aus
der Pfalz gebürtigen Heinrich Hilgard — er hatte seinen Namen in Henry
Villard amerikanisiert — gekommen und mit Hilfe deutschen Kapitals
1883 vollendet worden. Während der Einweihungsfeierlichkeiten, zu
denen zahlreiche, führende Männer aus Deutschland auf seine Kosten
herübergekommen waren, unterlag Villard den Angriffen einer mächtigen
Baisseclique in New York, die ihn zwangen, die von ihm angehäuften
enormen Engagements in den Werten seiner eignen Bahn und denen der
Oregon-Bahn zu liquidieren und von der Leitung der Bahn zurückzutreten.
Erst 1886 gelang es ihm, mit Hilfe des ihm von der Deutschen Bank zur
Verfügung gestellten Kapitals die Kontrolle der Bahn von neuem zu erlangen.
 Er verlor sie 1890, übernahm indessen 1892 zum dritten Mal die
Leitung der Bahn, die ein Jahr später infolge eines Tarifkampfes mit
der Great Northern Bahn zusammenbrach. Hilgard-Villard. Lebenserinnerungen.
 S. 413 ff... 451 4.
        <pb n="57" />
        18

Die Wirkungen der Krisis, die zwei Drittel aller amerikanischen
 Eisenbahnen zwangen, einschneidende Sanierungen
vorzunehmen ), vertrieben alles europäische Kapital aus
der Union. Dieses strömte erst‘ zurück, als der Kongreß
am 1. November 1893 die bedingungslose Aufhebung der
Silberankaufsklausel beschloß und damit die Währung der
Vereinigten Staaten wieder auf die reine Goldbasis stellte,
Deutsche, französische und holländische Kapitalisten benutzten
 die immer noch niedrigen Kurse der amerikanischen
Werte zu starken An- bzw. Rückkäufen. England dagegen
beteiligte sich nur wenig an ihnen, da die großen Insolvenzen
 australischer Banken im Mai 1893 zu einer Börsenkrisis
 in London geführt hatten, die den dortigen Spekulanten
 große Verluste zufügte.

7. 1893—10912.

Der 1894 vom Frühjahr an in Europa herrschende
billige Geldstand hätte eigentlich große Summen europäischen
 Kapitals auf den amerikanischen Effektenmarkt
führen müssen. Mannigfache Momente indes schreckten
dieses zurück, Der neu in Kraft getretene Wilson-Tarif
brachte ebensoviel Unsicherheit in die Beurteilung der wirtschaftlichen
 Zukunft Nordamerikas, wie der große Kohlenarbeiterstreik,
 der vom 26. Juni bis zum 15. Juli 1894
dauernde Ausstand der Arbeiter dreißig großer Eisenbahngesellschaften
 und die durch die Agitation Bryans herbeigeführte
 Ungewißheit der Währungsverhältnisse, die zu immer
neuen Goldexporten aus der Union führte und die Goldreserve
des Schatzamtes auf 41 Mill. Dollar im Februar 1895
fallen ließ. Dazu kam, daß die Goldminenspekulation
in London, an der sich nicht nur englische, sondern
auch deutsche und französische Kapitalisten stark beteiligten,
 gerade damals ihren Höhepunkt erreichte und
alle überflüssigen oder zur Spekulation bestimmten europäischen
 Kapitalien heranzog; ja viele, die amerikanische
Werte als Anlagebesitz hatten, stießen diese ab, um mit
dem Erlös Goldshares zu kaufen?). Dies Abstoßen amerikanischer
 Werte nahm besonders zu, als die Union am

ı) Die gesamte Meilenzahl der unter Zwangsverwaltung gelangten
Eisenbahngesellschaften betrug 32 300, ihr Kapital an Aktien und Obliyationen
 1651 Millionen Dollar, ein Sechstel des Anfang 1893 10 553 Millionen
Dollar betragenden Gesamtkapitals der nordamerikanischen Eisenbahnen,
Carl Hovey, the life story of J. P. Morgan. S. 102.
2) Das Journal of Commerce vom 8. Juli 1895 schätzte die Effektenschuld
 der Vereinigten Staaten an Europa noch Anfang 1895 auf 1809 Millionen
 Dollar.
        <pb n="58" />
        49

Ende des Jahres 1895 infolge eines Grenzstreites zwischen
Venezuela und England in einen Konflikt mit letzterem
Lande geriet, der die Möglichkeit eines Krieges zwischen
beiden Ländern nahe rückte. Die Hauptspekulationspapiere
auf dem Londoner Amerikanermarkt fielen daher vom September
 bis Dezember 1895 beträchtlich, Lake Shore, sowie
MNlinois Central um zwölf, New York Central um zehn, Pennsylvania
 um sechs Prozent.
Nach der friedlichen Beilegung der englisch-amerikanischen
 Differenzen blieb die Zurückhaltung des europäischen
 Kapitals die gleiche, da man 1896 die Wahl des
Silberwährungsapostels Bryan fürchtete, und die Aufrechterhaltung
 der Goldwährung auch nach seiner Niederlage,
bzw. der Wahl Me. Kinleys (November 1896) nicht völlig
gesichert erschien, Nach dem Commercial and Financial
Chronicle wurden daher vom 1. Januar bis 1. Oktober
1897 amerikanische Werte im Gesamtbetrag von 150 Mill.
Dollar von europäischen Kapitalisten auf den Markt geworfen,
 Ende Oktober 1897 setzte dann die Furcht vor
einem Kriege zwischen Spanien und der Union ein, im April
1898 begann der Krieg selbst. Erst der Friedensschluß
(12. August 1898), der beginnende wirtschaftliche Aufschwung
 und die günstigere Beurteilung der Währungsverhältnisse
 führten wieder etwas europäisches Kapital auf den
amerikanischen Effektenmarkt. Es waren hauptsächlich vorsichtige
 Spekulanten, die ihre Gewinne auf dem Goldminenmarkt
 realisiert hatten und die billigen Kurse zu Ankäufen
benutzten, z, B. wurden die 1898 in London, Amsterdam und
Frankfurt a. M. emittierten 60 Millionen Dollar Southern
Pacific bonds sechsmal überzeichnet,
Anfang 1898 belief sich die Effektenschuld der Vereinigten
 Staaten an Europa auf ungefähr 1856 Millionen
Dollar, Nach den Listen der englischen Einkommensteuer
betrug das Einkommen aus englischen Kapitalanlagen in
der Union 1898 75 Millionen Dollar; zu 5% kapitalisiert
hätte dies einem Kapital von 1500 Millionen Dollar ent-Ssprochen,
 von dem ein Zehntel für englische Kredite und
sonstigen Besitz in der Union abgezogen werden muß, so
daß 1898 1350 Millionen Dollar amerikanischer Werte in
England waren. Die in diesem Jahr in holländischem Besitz
befindlichen wurden von dem Bankhaus Adolph Boissevain
 &amp;amp; Co. in Amsterdam auf 223 Millionen Dollar geschätzt,
 nämlich:

vr. Reibnitz, Kapitalswanderungen
        <pb n="59" />
        50

Kursvwert

Eisenbahnbonds ...-- VE R
Eisenbahnaktien +. ....0.0000000000000 04
Anleihen der Union, der Einzelstaaten und
der Städte +. .0.0.0000000000000 4 4 4 5 oe
Industrie- und Bergwerksaktien .....- 4 =»
223 Mill. D.
Die amerikanischen Fonds in deutschen Händen wurden
von den Frankfurter internationalen Bankhäusern Jacob S.
H. Stern und Lazard Speyer-Ellisen 1898 auf 105 Millionen
Dollar beziffert und zwar:

140 Mill. D.
74 9” „,

4

Kurswert.
Anteile der Central Pacifie-Bahn ....-.- 15 Mill. D.
Anteile der Southern Pacifie-Bahn . ..... 17° »
Anteile der Northern Pacific-Bahn 100 25 „
Anteile anderer Bahnen ..--- 46 x»
Stadtanleihen . - - -- Se
105 Mill D.
Der, wie schon oben erwähnt ist, 1855 begonnene Absatz
 amerikanischer Effekten in die Schweiz, deren Organisator
 die Genfer Firma Lombard, Odier &amp;amp; Co. war, hatte
Ende der neunziger Jahre einen solchen Umfang erreicht,
daß damals ein Drittel aller in Genf befindlichen Effekten
amerikanischen Ursprungs war!). Während Schweizer Kapitalisten
 zuerst nur Stadtanleihen kauften, investierten sie
während des Sezessionskrieges bedeırtende Summen in den
verschiedenen Anleihen der Vereinigten Staaten, deren Erlös
dann in Eisenbahnbonds angelegt wurde. Daß diese als Anlagebesitz
 gekauft waren, ergab die Tatsache, daß sie während
 der Krisis 1893 nicht auf den Markt kamen. Die Summe
amerikanischer Effekten in der Schweiz wurde von den
beteiligten Bankhäusern 1898 auf 75 Millionen Dollar geschätzt.
 Frankreich, das erst 1903 mit größeren Kapitalien
in Wallstreet erschien, und mehr in romanischen Ländern
(Spanien, Portugal und Italien), sowie der Türkei und den
Balkanstaaten investierte — spekulativen Zwecken diente
der Londoner Kaffirmarkt — hatte 1898 höchstens 50 Mill.
Dollar amerikanischer Werte. Für Belgien wurde diese Zahl
auf 10 Millionen Dollar, für die nicht besonders genannten
europäischen Länder auf 15 Millionen Dollar beziffert. Auch
kanadische und südamerikanische Kapitalisten, vor allem
ıy N. T. Bacon, American International Indebtness. Yale Review.
Bd. IX (Nov. 1900). S. 271.
        <pb n="60" />
        51

solche in Kuba, hatten damals große Posten amerikanischer
Fonds in ihren Safes, Ihr Gesamtbetrag soll 28 Millionen
Dollar gewesen sein, wovon 18 Millionen auf Kuba entfielen,
 Das Effektendebet der Union hatte demgemäß 1898
folgendes Aussehen:
An England +... 00000
Holland ..
Deutschland
Schweiz ..
Frankreich .
Belgien +...
die übrigen europäischen Länder
Kuba . 00
das übrige Südamerika und Kanada

10 #: „9
1856 ML DD

Anfang 1898 versteifte sich der europäische Geldmarkt
zusehends, Abgesehen von den in der Goldminenspekulation
— ihr Höhepunkt war Anfang Januar 1896 (Jamesons
Einfall) — verlorenen Summen entzogen die Großmächte dem
Kapitalmarkt der alten Welt im Jahre 1900 große Beträge
zur Finanzierung der Chinaexpedition. Dazu kam in Deutschland
 der durch die industrielle Expansion der neunziger
Jahre hervorgerufene enorme Kapitalbedarf!), der den
deutschen Geldmarkt so anspannte, daß es schon im Februar
1899 schwierig schien, 200 Millionen Mark dreiprozentiger
Reichsanleihe im Inlande aufzulegen, und die Deutsche Bank
drei Viertel hiervon in England, ein Viertel in den Vereinigten
 Staaten unterbrachte, (Emissionskurs 92). England
brauchte große Summen für den im September 1899 angefangenen
 Krieg in Transvaal, der 200 Millionen £ verschlang,
 Frankreich zur Übernahme der milliardenschweren
russischen Anleihen und zur Finanzierung der zahlreichen
damals gegründeten heimischen Elektrizitätsgesellschaften.
Glücklicherweise hatte sich die amerikanische Geschäftswelt
 gerade damals infolge der Kandidatur Bryans und der
großen Zahl der Silberwährungsleute große Zurückhaltung
auferlegt. Es herrschte daher ein ausnahmsweise leichter
Geldstand in den Vereinigten Staaten, der die glatte Aufnahme
 aller in Europa abgestoßenen Effekten bewirkte.
Diese Zurückhaltung, einige ausgezeichnete Ernten?) und
!\ Deutschlands Effektenemissionen in Millionen Mark:
1898 2406
1899 2610
1900 1776
?) Vom 1. Juli 1897 bis zum 30. Juni 1902 betrug der Überschuß der
Ausfuhr über die Einfuhr 2744 Millionen Dollar. eine Summe. die die Zins.
        <pb n="61" />
        32

Jie verminderte Zinszahlung an europäische. Effektengläubiger
 gestalteten dann die Zahlungsbilanz Nordamerikas —
zum ersten und einzigen Male vor dem Weltkrieg — zu
einer so aktiven, daß sie, besonders England gegenüber,
ohne Beeinträchtung der Wechselkurse oder Goldverschiffungen
 aus Europa nur durch Rückkauf großer Summen
dort untergebrachter Effekten ausgeglichen werden konnte
und die Union, die das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch
 Kreditnehmerin der alten Welt gewesen war, 1899
und 1900 in die angenehme Lage einer Geldgeberin brachte.
[hr Kapitalexport wird im zweiten Abschnitt behandelt.
Erst Anfang 1901 kamen wieder größere Beträge
amerikanischer Effekten in den Besitz europäischer Kapitalisten.
 Einmal ließen der „United States Currency Act“
vom 13. März 1900 und die mit großer Majorität erfolgte
Wiederwahl Me. Kinley’s am 6. November dieses Jahres
die Goldwährung der Union und damit den 1898 nach dem
spanisch-amerikanischen Kriege begonnenen Aufschwung des
gesamten Wirtschaftslebens gesichert erscheinen, dann aber
zogen die durch die Trustgründungen und Eisenbahnfusionen
dieser Jahre herbeigeführten riesenhaften Kurssteigerungen
große Summen europäischer Spekulanten und Kapitalisten
ins Land. Das galt besonders für die am 23. Februar 1901
erfolgte Gründung der United States Steel Corporation, die
ungefähr 70 % der amerikanischen Stahlerzeugung in: sich
vereinigte und dadurch den scharfen, sich in der Stahlindustrie
 vorbereitenden Kämpfen ein Ende machte. "U
Welche Kapitalmengen in den Neuen Trustanteilen investiert
 wurden, ergibt die folgende Aufstellung:

Neuemittierte Trust-Aktien und
Obligationen:
2663 Millionen Dollar
945 55 55
2805 “ 5
1112 35 39
7525 Millionen Dollar
Eine so große Summe konnte natürlich nur mit Hilfe
europäischen Kapitals aufgebracht werden, das infolge der
Krisis von 1900 reichlich zur Verfügung stand, und auch
die riesenhaften spekulativen Engagements dieser Jahre ermöglichte.
 Zur Heranziehung dienten die damals zuerst in

verpflichtungen der Vereinigten Staaten, die Zahlungen für Frachten
and die Ausgabe amerikanischer Touristen in Europa weit überstieg.
        <pb n="62" />
        983

Erscheinung tretenden Finanztratten, die den auswärtigen
Kredit amerikanischer Bankiers flüssig machten und damals
in großen Mengen in London, Paris, Berlin, Amsterdam und
Wien untergebracht wurden. Während die Effektenschuld
der Union an Europa Ende.1901 erst 1400 Millionen Dollar
betrug, stieg sie im Laufe der beiden nächsten Jahre auf
4500 Millionen, d.h. 13 % der Anfang 1905 34 514 Millionen
Dollar betragenden Gesamtsumme aller Effekten in den
Vereinigten Staaten).
Durch den corner in Northern Pacific-Aktien am
9. Mai 1901 wurde die europäische Kapitaleinfuhr kaum
schwächer, besonders da die Börsenpanik dieses Tages den
spekulativen Übertreibungen der Stock Exchange in New
York ein Ende setzte und eine zur Gesundung führende Erschöpfung
 der Effektenspekulation bewirkte. Nach Beendigung
 des Burenkrieges Ende 1901 belebte sich der Amerikanermarkt
 in London wieder und fand immer neue Anregung
 in der fast ununterbrochen steigenden Tendenz der
New Yorker Börse, um so mehr, da der Kaffirmarkt durch
den Burenkrieg enorm gelitten hatte. Auch die deutsche
Spekulation, die‘ damals durch Berliner Banken direkt in
New York kaufte und verkaufte, betätigte sich in
London in erheblichem Maße, besonders als der Zusammenbruch
 der Leipziger Bank im Juni 1901 eine andauernde
Stagnation der Börsen in Frankfurt a. M. und Berlin
herbeiführte. Dazu kam im Jahr 1902, die Bildung
einer großen Eisenbahninteressengemeinschaft, der mit
einem Kapital von 400 Millionen Dollar gegründeten Northern
 Securities Company; hierdurch wurde eine namhafte
Steigerung aller Eisenbahnwerte bewirkt und viele europäische
 Kapitalisten veranlaßt, ihre 1899 und 1900 abgestoßenen
 amerikanischen Eisenbahnwerte von neuem zu erwerben,

Indessen waren die so in die Vereinigten Staaten fließenden
 Summen nicht groß genug, um dem Kapitalmangel
abzuhelfen, der einmal auf die enormen Effektenemissionen
der Jahre 1900—1903, dann aber auf den starken Geldbedarf
 der Banken zurückzuführen war, die der Börsenspekulation
 enorme Kredite eingeräumt und damit die Haussetendenz
 der Börse immer von neuem künstlich genährt hatten,
Der zunehmende Kapitalmangel führte nicht nur zu einer
Versteifung des Geldmarktes im Herbst 1903, sondern bewirkte
 auch eine, freilich: nur vorübergehende Depression
der Börse und des Wirtschaftslebens, Doch brachten die da-!)
 Charles A. Conant, The World’s Wealth in Negotiable Securities.
Atlantic Monthly. Bd. 101 (1908). S. 98.
        <pb n="63" />
        54.

durch stark gesunkenen Kurse wieder europäisches Kapital
auf den Effektenmarkt. Während englische, deutsche und
holländische Kapitalisten hauptsächlich Eisenbahnaktien
kauften, erwarben Frankreichs Kapitalisten Eisenbahnbonds,
Dies geschah besonders nach Ausbruch des russisch-japanischen
 Krieges im Februar 1904, der vorsichtige Franzosen
 veranlaßte, einen Teil ihrer russischen Papiere abzustoßen
 und den Erlös in amerikanischen anzulegen.
Schon die vom November 1900 bis zum Oktober 1903
dauernde, durch die Börsenpanik vom 9. Mai 1901 (Northern
 Pacific corner) kurz unterbrochene Hausse der New
Yorker Stock Exchange, war nur mit Hilfe europäischen
Kapitals möglich gewesen. In verstärktem Maße galt dies
für den mit der Wahl Roosevelts im November 1904 einsetzenden
 boom, den erst die Kapitalkrisis des Jahres 1907
beendete. Hatte sich doch die Effektenschuld der Union an
Europa in den vier Jahren 1903—1907 um mindestens
25 % vermehrt. Während sie nach der Finanzzeitschrift
The Statist im erstgenannten Jahr 4500 Millionen Dollar
betrug, war sie Anfang 1907 auf 6000—6500 Millionen
Dollar gewachsen!), wovon der größte Teil Eisenbahnobligationen
 waren. Von amerikanischen Werten in Europa besaßen
 damals schätzungsweise: .
Großbritannien .... 4000 Millionen Dollar
Deutschland . 1000 55 -
Holland ... 700 „ „
Frankreich .. 300 5
Schweiz . . 100 „ 5
6100 Millionen Dollar
Inzwischen war der Kapitalbedarf der Eisenbahn- und
industriellen Gesellschaften der Union, der
„7.4... 1004 Millionen Dollar
1691 „
betragen hatte, auf 2308 Millionen Dollar im Jahr 1906
gestiegen, eine Summe, die doppelt so groß als das. zur
Verfügung stehende freie Leihkapital war. Es wurde daher
nicht nur der heimische, sondern auch der europäische Geldmarkt
 mit so großen Mengen bonds, besonders von Eisenbahngesellschaften
 überschwemmt, daß er Ende 1906 die
weitere Aufnahme versagte, und die Eisenbahngesellschaften
 die für die Betriebserweiterung und die notwendige Neu-1)
 Charles F, Speare, Selling American bonds in Europe. Annals of
ihe_American Academy of Social and Political Science. Bd. 30, Nr. 2.
5. .
        <pb n="64" />
        55

beschaffung rollenden Materials erforderlichen Mittel nur
noch durch Ausgabe von 5—7 %, 2—3 Jahre laufenden,
sogenannten short notes verschaffen konnten!), Als auch
diese keine Abnehmer mehr fanden, blieb nur noch der
durch die Spekulation schon stark in Anspruch genommene
Kredit der Banken übrig, die sich die geforderten Summen
ihrerseits durch Lombardierung amerikanischer Werte in
London bzw. durch Diskontierung von Finanztratten bei
europäischen Großbanken verschafften?), Dies ging ohne
Schwierigkeiten, solange Europa auf den Weiterbestand der
Konjunktur der Vereinigten Staaten vertraute und selbst
überflüssige Kapitalien hatte. Indessen machte sich schon
Ende 1906 eine zunehmende Geldknappheit auf den Märkten
der alten Welt®) bemerkbar. Während Europa damals nach
Leroy-Beaulieu ohne Störungen des internationalen Geldmarktes
 jährlich 2400 Millionen Dollar in Effekten anlegen
 konnte, betrug diese Summe 1906 3250 Millionen
Dollar, Der russisch-japanische Krieg hatte 2000 Millionen
Dollar gekostet, von denen der größte Teil in Europa aufgebracht
 worden war, England mußte große Summen für die
wirtschaftliche Wiederherstellung Transvaals aufwenden,
Frankreich lag es ob, den, durch die Unruhen in Rußland
zerstörten -Kredit dieses Landes aufrecht zu erhalten,
Deutschland aber stand im Banne einer industriellen Konjunktur,
 zu deren Ausnutzung es alle früher im Auslande
verwendeten Kapitalien selbst notwendig brauchte).
Zu diesem Kapitalmangel in Europa trat als ungünstiges
 Moment das durch die spekulativen Ausschreitungen
der New Yorker Fondsbörse geweckte Mißtrauen der europäischen
 Kapitalisten und Banken, die Ende 1906 anfingen,
sich ihres Besitzes amerikanischer Werte zu entledigen,
während die Bankwelt Schwierigkeiten bei der Lombardierung
 amerikanischer Werte, bzw. der Diskontierung von
Finanztratten machte °) und die in New York laufenden

1) 299 Millionen Dollar davon wurden in der ersten Hälfte des J. ahres
1907 ausgegeben
2) Der in Europa diskontierte Betrag belief sich 1905 auf 80 Millionen,
1906 auf ungefähr 400 Millionen Dollar, W. H. Allen, Why France is the
Woids Banker and why United States is not. Moodys’ Magazine, 1909.
®) Leroy-Beaulieu, La Crise est-elle en vue? Kconomiste Francais
v. 5. Januar 1907.
*) Von den in Deutschland emittierten Wertpapieren waren fremdländiech-


 Abgelehnt wurde
in London im November

1905 33%
1906 10%
1907 7%
lie Diskontierung amerikanischer Finanztratten
1906. in Berlin dagegen erst im August 1907.
        <pb n="65" />
        56

Kredite — ihre Gesamtsumme wird auf 500 Millionen Dollar
geschätzt!). — kündigte.
Da 800 Millionen Dollar dieser Kredite spekulativen
Zwecken gedient hatten, waren die New Yorker Banken
ihrerseits gezwungen, die von ihnen der Spekulation gewährten
 Darlehen erheblich einzuschränken. Die berufsmäßige
 Spekulation ging infolgedessen an eine Liquidierung
ihrer Engagements, deren Folge ein langsames Abbröckeln
der Kurse im Januar und Februar 1907 war. Eine. Krisis
trat indessen erst ein, als sich der Eisenbahnkönig Harriman
in einem, im März 1907 veröffentlichten Interview äußerst
pessimistisch über die wirtschaftliche Zukunft der KEisenbahnen
 aussprach, Große Mengen von Eisenbahnwerten, die
zu Anlagezwecken gekauft waren, kamen auf den Markt und
fanden nur zu stark gesenkten Kursen Käufer. Union Pacific
verloren am 13. März 1907 25, Reading 22 %, der durchschnittliche
 Kursrückgang aller Eisenbahnwerte an diesem
Tage betrug 20 %, die an diesem Tage eingetretene Wertminderung
 sämtlicher an der New Yorker Fondsbörse gehandelten
 Effekten ungefähr zwei Milliarden Dollar?). Nach
einer kurzen Erholung im Mai und Juni wurde die Börsentendenz
 im Juli wieder schwächer, so daß die Kurse am
Ende dieses Monats unter den tiefsten Stand im März
sanken. Im August blieb die Börse andauernd lustlos, im
September hielt sich das Kursniveau der Eisenbahnaktien,
während die Kurse der führenden Industrieaktien stark
fielen. Inzwischen schwand das Vertrauen in ein Fortbestehen
 der Konjunktur mehr und m@hr, während die Lage
des Geldmarktes immer gespannter wurde, so daß der am
16. Oktober 1907 erfolgte Zusammenbruch der von den Gebrüder
 Heinze beherrschten United Copper Company und der mit
ihr zusammenhängenden Nationalbanken, Trustkompanies
und industriellen Gesellschaften eine Börsenpanik herbeiführte,
 die eine völlige Deroutierung des gesamten Effektenmarktes
 bewirkte.
Die Folge war ein run des ängstlich gewordenen Publikums
 auf die Trustkompanies in New York, die fast ausnahmslos
 enorme Kredite gewährt hatten, ohne für ‚eine
genügende Deckung gesorgt zu haben. Die Knickerbocker
Trust Company, die drittgrößte in New York, die 62 Mill.
Dollar Depositen hatte, stellte daher am 22, Okt. 1907 ihre
Zahlungen ein. Die Nachricht hiervon rief eine erneute

ı) Alexander Gilbert, President of the New York Clearing house:
Speech to the New York State Bankers Association am 27. Januar 1907.
2) F. Speare, The Wallstreet Crisis and the Country. Review of Reviews,
 Bd. 35, S. 1559.
        <pb n="66" />
        7

Panik an der Stock Exchange und auf dem Geldmarkt hervor.
Die Kurse wichen durchschnittlich um 8—10 %, tägliches
Geld stieg am 22. Oktober auf 70 %, am 23. Oktober auf
90 %. Trotzdem am 23. Oktober abends bekannt wurde, daß
der Schatzsekretär den Nationalbanken 25 Millionen Dollar
zur Stützung des Geldmarktes überwiesen hatte, hielt die
Panik auch am folgenden Tage an, so daß die Kurse 8 bis
10 % niedriger eröffneten und tägliches Geld bei Beginn
der Börse 100—130 % notierte. Erst als Morgan aus einem
dafür aufgebrachten Fond von 25 Millionen Dollar zehnprozentige
 Darlehn gegen Lombardierung von Effekten gewährte
 und zusammen mit der Standard Oil Gruppe (Rockefeller)
 intervenierte, griff eine allgemeine Beruhigung
Platz, so daß Europa, durch die niedrigen Kurse angelockt,
zahlreiche Kauforders sandte, Damit war der Tiefstand
der Krisis überwunden.
Die folgende Tabelle ergibt die Kursschwankungen von
amerikanischen Aktien, die in großen Mengen in europäischem
 Besitz waren und als internationale Spekulationspapiere
 an den Börsen in London und Amsterdam gehandelt
wurden.

1907
„ Mai 12, Okt. 25. Okt.
Philadelphia u. Reading ... 164 112 87 73
Union Pacific ...... 195 146 118 104
U. S. Steel common shares 50 37 23 23

Höchstkurs 1906

Welche Summen europäische Kapitalisten infolge des
Kursrückganges ihrer amerikanischen Effekten damals verloren,
 läßt sich nicht einmal schätzungsweise ermitteln,
da nicht festzustellen ist, in welchen Mengen und zu welchen
Kursen amerikanische Effekten aus europäischem Besitz im
Herbst 1907 abgestoßen wurden, Diejenigen Kapitalisten,
die ihre amerikanischen Werte durchhielten, erlitten jedenfalls
 kaum Verluste, da die Krisis im Gegensatz zu der
Krisis von 1893 schnell überwunden wurde.
Im Laufe des Jahres 1908 war zwar die Börsentendenz
eine ruhige, indessen konnte sich der allgemeine Kursstand
infolge von Anlagekäufen heimischer und europäischer Kapitalisten
 bedeutend heben. Nach der Wahl Tafts zum Präsidenten
 (Anfang November 1908) trat sogar eine Belebung
des Effektengeschäftes ein, aus der sich dann im Mai 1909
eine bis zum Sommer währende Börsenhausse entwickelte,
deren Höchstkurse die des Jahres 1906 übertrafen
        <pb n="67" />
        538

Höchstkurs, 1906 1907
Pennsylvania-Bahn . ....... 147 151
Union Pacific .......... 195 219
United States Steel comm. ... 50 95
Während deutsche und französische Spekulanten an
ainen neuen Aufschwung glaubten und große Posten amerikanische
 Werte kauften, hielt sich die englische Spekulation,
 die die Vorgänge von 1907 nicht vergessen hatte,
völlig zurück,
Schon Ende Juni 1909 fingen die Kurse an, langsam
abzubröckeln, da sich ein die Mittel des Geldmarktes weit
übersteigender Kapitalbedarf der Eisenbahngesellschaften
herausstellte. Durch Ausgabe kurzfristiger Noten konnte
er nur teilweise gedeckt werden, so daß wieder europäischer
Kredit in Anspruch genommen wurde, und "die in ‚London
gegen Lombardierung von Effekten aufgenommenen Gelder
von der Evening Post schon Mitte August 1909 auf 400 Mill.
Dollar geschätzt wurden, Dazu kam, daß die Summe der
in Europa laufenden Finanztratten im Oktober dieses Jahres
weit größer war als 1906, Eine Liquidierung der amerikanischen
 und europäischen Hausseengagements erfolgte
indessen erst, als die Bank von England ihren Diskontsatz,
der am 20. September noch 2 % betragen hatte, am 28. Okt.
auf 5% erhöhte. Daß die abgestoßenen Werte nur zu
erheblich niedrigeren Kursen Aufnahme fanden, lag an der
Zurückhaltung weiter Kapitalistenkreise, denen die nächste
Zukunft des nordamerikanischen Wirtschaftslebens infolge
der gerichtlichen Verfolgung der großen Trusts und einer
befürchteten demokratischen Tarifrevision nach unten sehr
ungewiß erschien.

8. Das Effektendebet der Vereinigten Staaten vor dem Weltkrieg
Bankers’ Magazine New York schätzte 1910 die Effektenschuld
 der Vereinigten Staaten an Europa auf 3000 bis
3000 Millionen Dollar, ein Spielraum, dessen Weite die
Schwierigkeiten ihrer genauen Schätzung zeigt. Zwar war
der Nominalwert der an den Börsen in London, Paris, Amsterdam,
 Berlin, Frankfurt a. M., Wien, Brüssel, Basel und
Zürich emittierten, amerikanischen Effekten festzustellen,
indessen verschwiegen die emittierenden Banken, wieviel von
den nicht abgesetzten Wertpapieren in die Union zurückgegangen,
 auch war nicht bekannt, wieviel Effekten europäische
 Kapitalisten nach einiger Zeit abgestoßen hatten. Aber
selbst wenn der durch direkte Emission an den Börsen
Europas untergebrachte Betrag amerikanischer Werte sta-
        <pb n="68" />
        59

tistisch genau zu fassen wäre, hätte man damit doch nur
einen kleinen Teil der damaligen Effektenschuld der Vereinigten
 Staaten an Europa ermittelt, da der weitaus größte
Teil aus Fonds bestand, die nur an amerikanischen Börsen
gehandelt und auch nach dem Übergang in europäische
Hände im Depot New Yorker Banken geblieben waren,
Das gilt beinah ausnahmslos für die zu spekulativen Zwecken
in New York gekauften Stücke, und war wegen der Übersendungsspesen
 einerseits, der billigeren Couponeinlösung
andererseits die Regel bei den als vorübergehende Anlage
gekauften Werten, so daß nur die zu dauerndem Besitz gekauften
 Posten amerikanischer Effekten über den Ozean
gingen,
Daß ihre Gesamtsumme nicht allzugroß war, ergibt
eine 1912 in der New York Times erschienene, auf Angaben
 der beteiligten Aktiengesellschaften beruhende Zusammenstellung
 des dauernd im Auslande befindlichen
Aktienkapitals amerikanischer Gesellschaften, das danach
nur 311 Millionen Dollar betrug, d. h. einen winzigen Teil
des 20774 Millionen Dollar betragenden Gesamtaktienkapitals
 der Eisenbahn- und Industriegesellschaften der Union.
Von diesen 311 Millionen Dollar entfielen auf:
England ..... VL 183 Mill. D.
Holland .... 71
Deutschland 26 „
Frankreich ... 21 „
Das übrige Europa 10. ”
311 Mill. D.
verteilte sich dieser

Nach den Gesellschaftszwecken
Betrag wie folgt:
Eisenbahngesellschaften . .
Industrielle Gesellschaften
Straßenbahnen. . ...
Bergwerke. ........
Petroleumgesellschaften ..

105 4 Mill. D.
L7U „
20 :9
1

0,5 ”»„ 3,
3ll Mill. D.
Von größeren Aktienposten einzelner Gesellschaften in
Europa führte die New York Times die folgenden auf:
U. S. Steel Corporation 156,0 Mill. D.
Pennsylvania-Bahn . 70 3
MNinois Central-Bahn . .... .
Chicago, Milwaukee u. St. Paul-Bahn
American Telegraph u. Telephone . .
American Smelting u. Refinine . .

dr
280,5 Mill. D.
        <pb n="69" />
        50

eine Summe, die sich auf 3 Eisenbahn- und 3 industrielle
Gesellschaften verteilte.
Wie die folgenden, bei den einzelnen Ländern gemachten
Ausführungen zeigen, dürfte der vor dem Weltkrieg in
den Händen europäischer Kapitalisten befindliche Besitz
amerikanischer Werte die Summe von 5000 Millionen Dollar
etwas überschritten haben. Es entfielen nämlich auf:
Großbritannien ...-..... 8344 Mill. D.
TE „
Frankreich . - 700 „
Deutschland a
die Schweiz . ee
Belgien und das übrige Europa

50 5 33
5244 Mill. D.
d. h. ein Achtel (12 %) sämtlicher in den Vereinigten
Staaten vor dem Weltkrieg emittierten Effekten, deren Gesamtsumme
 von 40792 Millionen Dollar sich wie folgt zusammensetzte.

Anleihen der Union... ...
Anleihen der Einzelstaaten . .-Munizipal-
 und Kommunalanleihen
Eisenbahnaktien. ...... 0...
Eisenbahnobligationen . .-.
Straßenbahnobligationen . .- - -
Aktien industrieller Gesellschaften
Bonds industrieller Gesellschaften

963 Mill. D.
275 9 35
2490
7642 5,
9593 5
2300 ,
13132 „,
4397
40792 Mill. D.
Von diesem Betrage war freilich ein großer Posten
Wertpapiere dauernd gesperrt. Von den 17235 Millionen
Dollar Anteilen amerikanischer Eisenbahngesellschaften
waren:
26 % im dauernden Besitz der Bahnen selbst,
6 % im dauernden Besitz der Banken,
41/, % im dauernden Besitz der Versicherungsgesellschaften,
4 % im dauernden Besitz der Sparkassen,
LO % im dauernden Besitz.der Nachlässe, Vermögensverwaltungen,
 gemeinnützigen Stiftungen, Anstalten und
Universitäten ?).

501/ 2 %

Außer der Hälfte der Eisenbahnanteile im Gesamtbetrage
 von 8617 Millionen Dollar waren aber noch mehr
ı) Ernst Picard, Die Finanzierung nordamerikanischer Eisenbahngesellschaften.
 S. 2 und 3.
Charles Anton Rosenthal, Amerikanische bonds. S. 90.
        <pb n="70" />
        61

Effekten der Union dem weiteren Publikum entzogen,
nämlich:
697 Mill. D. Anleihen der Union, die von Nationalbanken
beim Schatzamt hinterlegt waren,
13 „ Anleihen der Union im Besitz von Sparkassen,
620 „ Anleihen der Einzelstaaten und Städte im Besitz
der Sparkassen,
100 ,, , desgl. im Besitz der Trust-Companies,
730 ‚„ „ Aktien und Obligationen industrieller Gesellschaften
 im Besitz von Trust-Commanies.
2160 Mill. D.

Von dem Gesamtnominalwert der nordamerikanischen
Fonds (40792 Millionen Dollar) waren also vor dem Weltkrieg
 nur 30015 Millionen Dollar im Effektenhandel, ein
Sechstel hiervon war damals in Europa.
Da die dort befindlichen Werte fast ausschließlich
solche waren, die an der New Yorker Stock Exchange gehandelt
 wurden, muß auch der Gesamtnominalwert der dort
notierten Fonds zum Vergleich herangezogen werden. Er
belief sich am 6. Juni 1910 auf 25314 Millionen Dollar 1);
7182 Mill. D.
7206 „
632 y&amp;gt; »9
476
3012
632
125
2»

Eisenbahnbonds . . .
Eisenbahnaktien .
Straäßenbahnbonds
Straßenbahnaktien 2
Aktien von Industriegesellschaften ...
Bonds von Industriegesellschaften ....
Anteile von Banken und Trust-Companies
Anteile verschiedener Gesellschaften .
Anleihen der Union ........
Anleihen der Einzelstaaten .
Stadtanleihen. ... ...
Anleihen fremder Staaten

20V
25814 Mill. D.

Wenn wir hiervon den Gesamtbetrag der Anleihen
fremder Staaten abziehen, so erhalten wir als den Gesamtnominalbetrag
 der vor dem Weltkrieg an der New Yorker
Fondsbörse notierten amerikanischen Effekten die
Summe von 23020 Millionen Dollar, von der 23% im
Besitz europäischer Kapitalisten und Spekulanten warenm.
Etwas mehr (genau 25,07 %) betrug 1914 der Anteil des
1) Horace White, The Stock Exchange and the Money Market. Annals
 ‚of „Cie Anıerican Academy of Political and Social Science. Bd. 36
T. _ 5. AL
        <pb n="71" />
        62

Auslandes an dem Aktienkapital des Stahltrustes. Die Beteiligung
 der einzelnen kapitalexportierenden Länder Europas
 an diesem Besitz ergibt das folgende.

Großbritannien.
Wieviel das Wirtschaftsleben der Union der englischen
Kapitaleinfuhr verdankt, ist in dem historischen Teil eingehend
 behandelt worden. Die hierzu treibenden Kräfte
lagen natürlich vor allem auf materiellem Gebiet, d. h.
in den Entwicklungsmöglichkeiten der Union und den sich
dort bietenden Gewinnchancen einerseits, den engen kommerziellen
 Beziehungen zwischen beiden Ländern?) andererseits,
 doch dürfte auch das psychologische Moment der
gemeinsamen Rasse und Sprache bedeutsam gewesen sein.
Unmittelbare Förderer und Vermittler der Kapitaleinfuhr
waren englische Bankhäuser und die eigenes hierfür gegrün-Jeten
 Investment Companies, von denen einige aufgeführt
seien!

Banken- und Investment Companies,
Name Gründungsjahr Kapital
1836 1 Mill. £
1270 1 Mill. £
1 ol 1 Mill. £
1:22 1 Mill. £

Bank of British North America ®)
Scottish American Investment Trust
British and American Bank
American Securities Company

Londoner Bankfirmen der sechziger und siebziger
 Jahre:

Baring Brothers,
Bischoffsheim &amp;amp; Goldschmidt.
Blyth &amp;amp; Co.
Me. Calmont Brothers.
Morton, Bliss &amp;amp; Co,
N. M. Rothschilds &amp;amp; Sons.
Seligman Brothers,
Speyer Brothers.
Von den großen internationalen Bankfirmen, die an. der
Unterbringung amerikanischer Effekten in Europa vor dem
Weltkrieg beteiligt waren, nenne ich:
1) Vom Gesamthandel der Vereinigten Staaten fielen auf:
England andere Länder
1790 55% 45%
18380 50% 50%
1870 146% 54%
?) Sie gründete 1843 eine Filiale in New York.
        <pb n="72" />
        x

1. J. P. Morgan &amp;amp; Co. New York.
) Filialen:
in Philadelphia: Drexel &amp;amp; Co.,
in London: Morgan, Greenfell &amp;amp; Co.,
in Paris: Morgan, Harjes &amp;amp; Co.
2. Kuhn, Loeb &amp;amp; Co. in New York.
Vertretung in Hamburg:
M. M. Warburg &amp;amp; Co.
3. Lazard Speyer-Ellissen in Frankfurt a. M.
Filialen:
in London: Speyer Brothers,
in New York: Speyer &amp;amp; Co.
4. J. u. W. Seligman &amp;amp; Co. in New York.
Filialen:
in London: Seligman Brothers,
in Paris: Seligman Fräres &amp;amp; Co.,
in Amsterdam: Alsberg, Goldberg &amp;amp; Co.
5. Einige Firmen in New York, die keine Filialen im Ausland
 hatten:
Ladenburg, Thalmann &amp;amp; Co,,
Hallgarten &amp;amp; Co.,,
Maitland, Copell &amp;amp; Co.,
Schulz &amp;amp;. Ruckgaber,
Transatlantic Trust Company.“
Zu erwähnen ist noch die Farmers’ Loan Trust Company
 in New York, die schon lange Filialen in London und
Paris hatte und 1911 auch nach Berlin ging.
Die Summe der in Großbritannien befindlichen amerikanischen
 Wertpapiere wurde Anfang 1911 von Georg
Paish !), einem der besten Kenner internationaler Effektenstatistik
 und Herausgeber des „Stätist‘“, auf 3344 Millionen
Dollar 2% 3) (688078000 £) geschätzt, d. h. 42 % sämtlicher
 in England untergebrachter Effekten fremder Länder*),
 Diese Summe verteilte sich auf die folgenden Gesellschaften:


1) George Paish, Great Britains Capital Investments in Individual
Colonies and Foreign Countries, Journal of the Royal Statistical Society.
Bd. 74, Teil 2. S. 176 u. 185.
. 2916 Millionen Dollar (600 Millionen £) hiervon waren Eisenbahnanteile.

%) 150,2 Millionen Dollar (30,9 Millionen £) Effekten der amerika.
nischen Kolonien (Kuba und Philippinen) sind hierbei nicht mitgerechnet.
*) Der Gesamtbetrag der in England befindlichen Werte fremder
Länder — die englischen Kolonien ausgenommen — hetrug 7961 Millionen
Dollar (1638 Millionen £).

AuyıaD iR

7?

»
        <pb n="73" />
        64

Eisenbahnen !)
Straßenbahnen
Bergwerke . ...
Telegraph und Telephon
Petroleumaquellen . . . 2.0.2000 4
Hypothekenbanken und Finanzierungsinstitute
 . ...... 4. RR
Brauereien und Brennereien vs
Gas- und Wasserwerke . ;
andere Unternehmungen .

2849 Mill. D.
14,3 »9 »”„
105,1 39 ”„
21,1 ” ’”„
17,4 „

152,8 3» ö
55,9 »
5,5
84,5 39 35
3305,6 Mill. D.
38,4 9, 3,
3344,0 Mill D.
Anleihen_der Union waren in nennenswerten Beträgen
in Großbritannien nicht vorhanden,
Der Nominalwert der in den Jahren 1898—1912 an der
Londoner Börse eingeführten amerikanischen Werte betrug
1579 Millionen Dollar (825 Millionen £). Hiervon wurden
378 Millionen Dollar (119 Millionen £) in den fünf Jahren
1908—1912 zugelassen, und zwar:
1908 97 Mill. D.
1909 106
1910 157
1911 108
1912 115

2

Holland,

An und für sich hat Großbritannien nicht nur das
meiste Kapital in die Vereinigten Staaten eingeführt, sondern
 besaß auch vor dem Weltkrieg den größten Betrag
nordamerikanischer Effekten. Im Verhältnis zur Bevölkerung
 und zum Reichtum des Landes aber würde es hierin
von den Niederlanden weit überflügelt. Schon 1873, als
Holland nur 3:2 Millionen Einwohner zählte, waren dort
nach dem Bankers’ Magazine New York 160 Millionen Dollar
amerikanischer Eisenbahnanteile und 100 Millionen Dollar
Staats- und Kommunalanleihen der Union untergebracht,
ein Posten, der in den vierzig Jahren 1873—1913 stärker
i) Der Nominalwert der am 1. Januar 1912 an der Londoner Börse
zugelassenen nordamerikanischen KEisenbahnanteile, von denen freilich
ein großer Teil Nichtengländern gehört, betrug nach dem ‚‚Economist“:
2369 Millionen Dollar bonds
909 „ „Aktien
3278 Millionen Dollar.
Der Nominalwert sämtlicher am 1. Januar 1910 dort notierten Effekten
belief sich auf 57 527 Millionen Dollar (10 200 Millionen £).
        <pb n="74" />
        65

als die Bevölkerung wuchs *), und zwar so, daß Großbritannien,
 das 1913 sechseinhalbmal soviel Einwohner und vierzehnmal
 soviel Nationalvermögen hatte, in diesem Jahr noch
nicht fünfeinhalbmal soviel nordamerikanische Effekten besaß
 wie Holland:

National- Besitz nordamerik.
Bevölkerung: vermögen: Effekten
Großbritannien 145 Mill. 70000 Mill. D. 3344 Mill. D.
Holland 6 5000 „ „?) 700
Der Grund lag darin, daß Holland große Gewinne aus
seinen Kolonien zieht und eine äußerst sparsame Bevölkerung
 hat, deren vermögende Elemente als Regel ein
Drittel ihrer Einnahmen zurücklegen, Das gleiche geschieht
 in Frankreich, Während aber der Franzose lieber
niedriger verzinsliche als unsichere Anlagen erwirbt, kauft
der Holländer hochverzinsliche ausländische Papiere, über
deren Status er sich fortdauernd aufs genaueste unterrichtet,
 so daß er sie meistens billig kauft?) und später mit
Gewinn abstößt. Man kann ihn daher weder als Anlagebesitzer
 noch als Spekulanten bezeichnen, klassifiziert ihn
vielmehr am besten als spekulativen Anleger.
Es ist aber nicht nur die hohe Verzinsung, die so große
Summen holländischen Kapitals nach der Union gebracht hat,
sondern auch ein gewisser Konservatismus auf pekuniärem
Gebiet, der allen Schichten der holländischen Bevölkerung —
ein geistreicher Diplomat nannte sie les chinois d’Europe —
zu eigen ist), Ist doch Holland das einzige kapitalexportierende
 Land, das, von den Jahren der Fremdherrschaft
(1793—1815) abgesehen, den Vereinigten Staaten als Celgl)

 Niederlande:
Bevölkerung. Besitz nordamerik. Effekten.
1873 3% Mill. D. 260 Mill. D.. x
1913 6 5 x 700 „
?) Hollands Nationalvermögen wurde 1893 von Boissevain auf 4190
Millionen, 1896 von Mulhalı auf 4277, 1911 von Dunning auf 5000 Millionen
Dollar geschätzt. James Edmund Dunning, American Securities in Europe,
North American Review, Bd. 194. (Oktober 1911) S. 563.
°) Große Mengen first mortgage bonds der Denver und Rio Grande
Eisenbahn wurden in Holland gekauft, als sie auf 19 gefallen waren. Einige
Jahre später wurden sie zu 100 eingelöst. Ebenso wurde der niedrige Kurs
der common und der preferred shares des Steeltrusts 1903 zu großen Ankäufen
 benutzt und viel daran verdient.
United States Steel Corporation:
Einf. Kurs Höchstkurs seit Niedr. Kurs im
April 1901 der Einführung Oktober 1903
comm. shares 47 55 10
pref’d. Shares 94 102 57
*) Große Posten von bonds der Chicago, Milwaukee und St. Paul
Eisenbahn befinden sich seit 30—35 ‚Jahren in denselben Händen.
v. Reibnitz, Kapitaleswanderungen
        <pb n="75" />
        66

yeber dauernd treu geblieben ist. Während England nach
den Krisen 1837, 1857 und 1893, sowie im Sezessionskrieg
das ihm stammverwandte nordamerikanische Volk finanziell
im Stich ließ, haben die Niederlande, seitdem sie 1783 für
Frankreich einsprangen und die Anleihen der Union aufnahmen,
 einen großen Teil ihrer überschüssigen Kapitalien
dem Effektenmarkt dort zugeführt.
Es gibt freilich kein europäisches Land, in dem eine
zo genaue Kenntnis der amerikanischen Wirtschaftsverhältnisse
 herrscht wie in Holland, wo der Effektenhandel unbeschränkte
 Freiheit genießt, Zulassungsstellen und Prospekthaftung
 unbekannte Dinge sind, und jeder Kapitalist
für die Bonität seiner Anlagen selbst sorgen muß. Seine
Informationen bezieht er entweder aus den Handelszeitungen,
oder durch die Bankhäuser und zahlreiche Administrationsoder
 Trustkontor genannte Gesellschaften, die seit Jahrzehnten
 den holländisch - amerikanischen Kapitalverkehr
leiten. Die bedeutendsten Bankfirmen für diesen Verkehr
waren 1913:
1. Lippmann, Rosenthal &amp;amp; Co. in Amsterdam,
2. Adolph Boissevain &amp;amp; Co. in Amsterdam,
Filiale in New York Boissevain &amp;amp; Co.
3.8. F. van Oss im Haag,
4, Alsberg, Goldberg &amp;amp; Co. in Amsterdam, eine Filiale
der New Yorker Bankfirma J. u. W. Seligman &amp;amp; Co.
Außerdem ist die 1901 mit einem Kapital von 20 Mill.
Gulden gegründete New American Bank in Rotterdam zu
erwähnen, /
Fast alle sechs-, sieben- und achtprozentigen bonds
amerikanischer Eisenbahnen sind an der Amsterdamer Börse
gehandelt worden. Während die Zahl der verschiedenen
Bondsgattungen 1898 erst 128 betrug, stieg sie 1906 auf
188, 1914 auf 255, d. h.. auf %4 aller ausländischen
Eisenbahnanteile (328) dieser Börse, und betrug dreimal soviel
wie die Zahl der niederländischen und kolonialen Eisenbahngesellschaften,
 die dort notiert wurden!). Indessen
nahm das Interesse für amerikanische Eisenbahnbonds
in den letzten Jahren vor dem Kriege mehr und mehr
ab, da die der gutfundierten Gesellschaften nur noch 4 %
Zinsen brachten. Die holländischen Kapitalisten wandten sich
:) S. F. van Oss, American Investments. Financial Review of Reviews.
Juni 1907.
Charles F. Speare, European Patronage for American Securities.
Moody’s Magazine. August 1909. 5. 94—96.
P. M. Cilissen, American Securities in Holland. Moody’s Magazine
Mai 1911. S. 309—315.
Ludger Brenninkmeyer, Die Amsterdamer Effektenbörse. S. 168/69.
        <pb n="76" />
        67

daher in den Jahren von 1900 ab den 2—3 % mehr bringenden
 erststelligen kanadischen Hypotheken und den Obligationen
 bzw. Vorzugsaktien amerikanischer Industriegesellschaften
 zu, so daß schon 1906 auf dem Amsterdamer
Kurszettel ebensoviel Anteile amerikanischer wie holländischer
 industrieller Unternehmungen zu finden waren }),
Von den common shares des Steel Trusts sollen 1913 50 bis
60 Millionen Dollar, von den fünfprozentigen Obligationen
noch größere Summen im Besitz holländischer Kapitalisten
gewesen sein.

Eine genaue Schätzung der vor dem Weltkrieg in
Holland befindlichen amerikanischen Werte, wie sie George
Paish für England aufgestellt hat, habe ich nicht finden
können, Finanzielle Zeitschriften bezifferten damals ihren
Gesamtbetrag auf 600—800 Millionen Dollar, In das oben
aufgemachte Effektendebet der Union an Europa habe ich
daher für Holland die in der Mitte liegende Summe_eingestellt,
 besonders weil auch Conant die gleiche Summe
(700 Millionen Dollar) für 1906 annahm ?%. Daß sie nicht
zu hoch ist, ergibt sich daraus, daß allein der von den
Administrationskontoren verwaltete 3) Besitz vor dem Weltkrieg
 auf 140—150 Millionen Dollar geschätzt wurde,
während die überwiegende Mehrzahl der Kapitalisten ihre
amerikanischen Effekten an den Börsen in Amsterdam oder
Rotterdam kaufte und selbst verwaltete.

A

SC har

Deutschland.
Auch für Deutschland fehlt eine eingehend begründete
Schätzung der dort vor dem Kriege befindlichen amerikanischen
 Werte, Daß die damals an deutschen Börsen eingeführten
 Posten hierfür nicht maßgebend sein können,
erwähnte ich schon mit Bezug auf Europa, da unbekannt
bleibt. wieviel von den nicht abgesetzten Effekten in die

') G. Vissering, la bourse d’Ameterdam. Revue Economique internationale.
 3, Jahrg. (1906) Bd. I. S 523, 531 u. 532.
*) Charles A. Conant, Selling American Securities Abroad, North
American Review Bd. 183 (September 1906). S. 511.
3) Diese Verwaltung geschieht in der Weise, daß die Kontore ganze
Posten amerikanischer Effekten übernehmen und auf ihren Namen eintragen
 lassen, so daß sie das Stimmrecht in der Generalversammlung
haben und dadurch den Geschäftsgang des Unternehmens beeinflussen
können. Für den übernommenen Gesamtbetrag geben sie entweder mit
Coupons versehene Certifikate aus, die auf einen oder meistens mehrere
Anteile des amerikanischen Unternehmens lauten, oder aber sie beteiligen
sich an verschiedenen Gesellschaften und verschaffen sich das hierzu
nötige Kapital durch Ausgabe vierprozentiger Obligationen ihres eigenen
Unternehmens.
        <pb n="77" />
        58

Union zurückgegangen, wieviel davon später abgestoßen
worden sind.

Zulassung amerikanischer Wertpapiere an
deutschen Börsen?).
318,7 Millionen Mark
33,8 »” ”
170,2 %
172,9 5
567,0
2361,7
526,3
115,5

1899
1900
1901
1902
1908
1904
1905
1906
1907
1908
1909

172.4

94

Vor der Krisis von 1907 wurden die in deutschen
Händen befindlichen amerikanischen Effekten auf 500 Mill,
Dollar geschätzt?), eine Summe, die 1913 nicht mehr
stimmte, da die infolge der Krisis von 1907 abgestoßenen
Werte nur zum kleinsten Teil wieder erworben wurden,
Fand doch der deutsche spekulative Anlagebesitzer seit
der 1909 begonnenen wirtschaftlichen Hochkonjunktur genug
 hochverzinsliche Anteile guter industrieller Unternehmungen
 mit Kurssteigerungschancen auf dem deutschen
Kassamarkt, während der eigentliche Spekulant wegen der
seit 1909 nicht unterbrochenen Stagnation des nordamerikanischen
 Wirtschaftslebens und der New Yorker Börse
wohl kaum Lust hatte, große Engagements dort einzugehen
 3.
Nachdem jahrzehntelang nur amerikanische .Eisenbahnbonds
 in Deutschland abgesetzt waren, gelangten 1904 und
1905 die ersten Eisenbahnaktien zur Einführung an der Berliner
 und Frankfurter Börse, im ersteren J ahr 100 Millionen
Dollar der Baltimore und Ohio-Bahn (Emissionshaus: Deutsche
 Bank), im letzteren Jahr 400 Millionen Dollar der
Pennsylvania-Bahn (Emissionshaus: Direktion der -Diskontogesellschaft).
 An der Frankfurter Börse wurden 1913
1) Vierteljahrhefte für Statistik des deutschen Reichs 1908, Heft 2;
1910, Heft 1.
2) v. Halle, Statistik der Aktiengesellschaften in den Vereinigten
Stone. Fanwörker buch der Staatswissenschaften, 3. Auflage, Bd. I.
un x N
3) Arthur von Gwinner, Direktor der Deutschen Bank, schätzte 1911
die Gesamtsumme der im Deutschen Besitz befindlichen amerikanischen
Effekten auf 465 Mill. Dollar.

ven EEE
        <pb n="78" />
        659

52 verschiedene Bondsgattungen von 32 Eisenbahngesellschaften
 und Anleihen der Städte Chicago, St. Louis und
Evansville gehandelt‘), an der Berliner Börse 23 Bondsgattungen
 von 16 verschiedenen Eisenbahngesellschaften.
Die Hauptvermittler des Absatzes amerikanischer Effekten
 in Deutschland waren vor dem Kriege die Großbanken,
besonders die Deutsche Bank, die einen eigenen Vertreter
in New York hatte, und die Direktion der Diskontogesellschaft,
 sowie einige Privatbankhäuser, vor allem Lazard
Speyer-Ellissen in Frankfurt a. M., deren Filiale in New
York Speyer &amp;amp; Co. firmiert, und S. Bleichröder in Berlin,
der freilich seine kommanditistische Beteiligung an der New
Yorker Bankfirma Ladenburg, Thalmann &amp;amp; Co. schon 1912
aufgab, Das gleiche gilt für die Berliner Handelsgesellschaft
mit Bezug auf das New Yorker Bankhaus Hallgarten &amp;amp; Co.
Eine kurz vor der Krisis von 1907 für den Absatz amerikanischer
 Fonds in Berlin von der Darmstädter Bank und der
erwähnten Firma Ladenburg, Thalmann &amp;amp; Co. gegründete
Bank, die Amerikabank, mußte wegen der in der Krisis erlittenen
 Verluste an amerikanischen Werten bald darauf
liquidieren.

Frankreich.

Vor 1914 nahm man im allgemeinen an, daß die Kapitalbildung
 der Vereinigten Staaten noch auf Jahrzehnte
hinaus hinter dem Kapitalbedarf zurückbleiben würde, Verkündigte
 doch der Eisenbahnmagnat Hill 1913, daß die Eisenbahngesellschaften
 der Union im nächsten Jahrzehnt
1000 Millionen Dollar Jährlich brauchten, um auf der Höhe
zu bleiben. Daß diese nicht im Lande aufgebracht werden
konnten, war allen klar, da schon der laufende Kapitalbedarf
 dort keine Deckung fand, England, Holland und
Deutschland aber mit amerikanischen Effekten staturiert
waren, Dazu kam, daß England ein weites wirtschaftliches
Betätigungsfeld in seinen Kolonien, vor allem in Kanada
und Australien hatte, Deutschland durch seine enorme industrielle
 Expansion in Anspruch genommen war, während
sich Hollands Kapitalisten nach Kanada gewandt hatten, wo
erststellige Hypotheken 7% Zinsen brachten, d. h. bei
gleicher Verzinsung eine höhere Sicherheit boten, als die
Vorzugsaktien nordamerikanischer Industriegesellschaften,
Belgiens Kapitalisten aber waren sehr stark in Rußland, Ostasien,
 Italien und Südamerika engagiert. So war denn die

*) 1872 wurden an der Frankfurter
anleihen und 35 Eisenbahnbonds notiert

Börse 18 amerikanische Stadt-
        <pb n="79" />
        70

Union kurz vor dem Weltkrieg mit ihren Kapitalbedürfnissen
auf die zwei übrigen exportkapitalistischen Länder Europas,
Frankreich und die Schweiz angewiesen,
Für Frankreichs Wiederauftreten auf dem nordamerikanischen
 Effektenmarkt, von dem es sich, von wenigen
Ausnahmen abgesehen, hundertundzwanzig Jahre ferngehalten
 hatte!), waren nicht nur wirtschaftliche, sondern
auch psychologische Momente bestimmend. Französische Kapitalisten
 hatten in den letzten Jahrzehnten enorme Summen
an den verschiedenen Staatsanleihen der alten Welt verloren.
In Spanien + + +00000+0404 4 1874 3600 Mill. Fr.
In der Türkei +... .. ++ 1876 2000 » »
In Südamerika und Tunis . - - 1880—90 1000 „ »
6600 Mill. Fr.
Dazu kamen die am Goldminenmarkt eingebüßten
Summen, die am Einführungskurs der in Paris notierten Anteile
 von 154 Gesellschaften gemessen 3000 Millionen Fr.
betrugen ?), und die am Kursrückgang der russischen und
französischen Rente, sowie sicherer, heimischer Eisenbahnanteile,
 freilich meistens nur auf dem Papier, erlittenen
Verluste, die sich Ende 1910 auf 5500 Millionen Franks beliefen®).
 Es war daher nicht verwunderlich, daß sich eın
Teil des französischen Kapitalüberflusses dem nordamerikanischen
 Effektenmarkt zuwandte, besonders da die allgemeine
 Lebensteuerung bei vielen Kapitalisten den Wunsch
nach höher verzinslichen Anlagen weckte. Als politisches
Moment ist zu erwähnen, daß konservativ und klerikal gesinnte
 Kreise infolge der nach ihrer Ansicht zunehmenden
Schwäche der Regierung gegenüber dem Sozialismus und
der rücksichtslosen Konfiskation aller Kirchengüter ein in
französischen Mobilien oder Grundeigentum angelegtes Vermögen
 nicht mehr für sicher hielten.
Machte die Plazierung amerikanischer Werte wegen des
großen Kapitalreichtums 4) des Landes und der in allen De-1)

 Von 1777—1783 hatte Frankreich 6,3 Millionen Dollar amerikanischer
 Kriegsanleihen übernommen, weit mehr als Holland und Spanien,
and war dadurch der wichtigste Bundesgenosse des jungen Staates geworden.

2) L. G. Chiozza Money, la richesse en Angleterre. Revue &amp;amp;conomique
internationale. 5. Jahrgang, Bd. 4. 5. 59.
3) Jules Doumergue, Cinq Milliards et demi sur les placements de
tout repos. La Reforme &amp;amp;conomique. 20. Jahrgang (1911). S. 1 u. 2.
4) Nach Leroy-Beaulien betrug das jährliche Einkommen des französischen
 Volkes vor dem Weltkrieg 25—27 Milliarden Francs, von denen
2500 Millionen zurückgelegt. wurden. 500—600 Millionen wurden in Land
und Gebäuden investiert, 100—180 Millionen dienten zum Kauf von Leib-
        <pb n="80" />
        71

partements befindlichen zahlreichen Filialen der meistens
als Emissionshäuser fungierenden großen Banken (Credit
Lyonnais, Societe generale, Comptoir national d’Escompte,
Banque de Paris et des Pays-Bas) keine Schwierigkeiten,
so zeigte sich doch die Schwerfälligkeit des französischen
Kapitalisten, den die verschiedenen Bondsgattungen (First,
second oder third mortgage bonds, consolidated mortgage
bonds, collateral trust bonds, income bonds, terminal bonds)
verwirrten!), und der die bei den meisten europäischen
Eisenbahnbonds bestehende staatliche Zinsgarantie vermißte.
Während die in der Börsenkrisis in New York im Oktober
1903 stark gesunkenen Kurse guter amerikanischer Werte
erst vereinzelte Bankiers und Kapitalisten zu Ankäufen veranlaßten,
 wurden drei Jahre später, (im Juni 1906) die
ersten Eisenbahnbonds an der Pariser Börse eingeführt. Es
waren 50 Millionen Dollar Obligationen (Zinsfuß 3!/: %) der
Pennsylvania Bahn. 1907 gelangten 29 Millionen Dollar
vierprozentiger Bonds der New York, New Haven und Hartford-Eisenbahn
 dort zur Notierung 3).
Da 1907 verhältnismäßig wenig französische Kapitalien
in amerikanischen Effekten angelegt wurden — Neymarck
schätzt die Gesamtsumme für 1906 auf 125 Millionen Dollar
— und auch diese nur in erstklassigen bonds %, machten sich
die Wirkungen der amerikanischen Krisis von 1907 in Frankreich
 nicht bemerkbar, so daß Pariser Banken in der
schlimmsten Zeit der Geldknappheit 100 Millionen Dollar
gegen Lombardierung von New Yorker Stadtanleihen und
anderen sicheren Werten nach New York senden konnten,
eine Hilfeleistung, die die dortige Bankwelt ermutigte, sich
den Pariser Kapitalmarkt für dauernde Anlagen dienstbar
zu machen und so einen Teil der überschüssigen französischen
Kapitalien in die Union zu ziehen *), Als daher die Nachwehen
 der Krisis 1909 überwunden waren, gelangten
50 Millionen Dollar vierprozentige bonds der Chicago. Milrenten,

 so daß 1800 Millionen France alljährlich auf den Effektenmarkt
Hossen.
Yves Guyot, The Resources of French Investors. Financial Review
od Reviews. Januar 1909.
*). Die französischen Eisenbahnen haben verschieden berechtigte
Obligationen nicht ausgegeben, vielmehr steht allen Obligationen dasselbe
Recht an den Aktiva der Gesellschaft zu.
*) Der Gesamtbetrag der in Frankreich 1906 neuemittierten ausländischen
 Effekten betrug 850 Millionen Dollar.
*) Eine Ausnahme bildete ein kleiner Posten von Aktien der Westinghouse
 Company, der 1907, unmittelbar vor dem Zusammenbruch der Gesellschaft,
 in Paris abgesetzt wurde. .
4‘) Yves Guyot, le placement des capitaux francais en valeurs ameöricaines.
 Journal des Economistes, 69. Jahrg. (1910) S. 434__ 439.
        <pb n="81" />
        72

waukee und St. Paul-Eisenbahn und 10 Millionen Dollar vierprozentiger
 bonds der Cleveland, Cincinnati, Chicago und
St. Louis-Bahn zur Notierung an der Pariser Börse, während
die Coulisse im Juni 1909 die common shares der Utah
Copper und der United States Rubber Company zum Handel
zuließ. Morgans Absicht, damals 100 Millionen Dollar common
 shares des Steeltrusts an der Pariser Börse einzuführen,
scheiterte freilich an den hohen, ungefähr 10 % der Dividende
 ausmachenden Besteuerung !), der alle in Frankreich
gehandelten Aktien und Obligationen (Staatsanleihen sind
davon befreit) damals unterlagen, Dazu kam, daß die Gesamtsumme
 der eingeführten Aktien besteuert worden wäre,
ganz gleich wieviel davon abgesetzt worden wäre 2).
1913 wurden an der Pariser Börse neun Bondsgattungen
von 8 verschiedenen Eisenbahngesellschaften im Gesamtnominalwert
 von 211,5 Millionen Dollar notiert. Dazu kamen
20 Millionen Dollar common shares der Atchison, Topeka
und Santa F@-Bahn, 75 Millionen Dollar preferred shares
der American Smelting und Refining Company, 38,5 Mill.
Dollar preferred shares der Philadelphia Company®. Anleihen
 amerikanischer Städte wurden damals in Paris nicht
notiert; zwar haben Baltimore, Chicago, Milwaukee, Philadelphia
 und Portland versucht, ihre Anleihen dort unterzubringen,
 indessen erschien die von ihnen gebotene vierprozentige
 Verzinsung den französischen Banken zu gering.
An der Coulisse wurden 1912 drei Eisenbahnbonds und die
Aktien der Franco Wyoming, der California Petroleum-, der
United States Rubber-, der Utah Copper- und der Ray Consolidated
 Copper-Company gehandelt*), Für die Einfuhr fran-1)

 Es waren dies:
a) l’impöt sur le timbre, d.h. 6 centimes, die bei der Emission
für je 100 Frances Nominalwert zu zahlen waren. |
b) l’impöt de transmission, d. h. 25 centimes, die bei der Emission
von Inhaberaktien für je 100 Frances Nominalwert zu zahlen
waren.
1’ impöt sur le revenu, eine jährlich zu entrichtende Steuer
von 4% des Einkommens, das ein Wertpapier brachte.
2) Marc de Valette, The Placing of American Securities in France,
Moody‘s Magazine. Bd. 11 (Januar 1911). S. 37—483.
3) Die Philadelphia Company ist eine sogenannte Holding Company.
Ihr Hauptbesitz sind die Anteile der Pittsburg Railway Company, der
600 Meilen elektrische Bahnen in dem industriereichen Bezirk um Pittsburg,
 sowie die Gasanstalten dort gehören.
4) Paul Leroy-Beaulieu, les valeurs americaines en France. Economiste
 Francais. 37. Jahrg. (1909). S. 41—43.
James Edmund Dunning, American Securities in Europe. North
American Review. Bd. 194 (Oktober 1911). S. 555.
Frank D. Pavey, Sales of American Securities in Franos.‘ North
American Review. Bd. 190 (Dezember 1909). S. 811—818.
        <pb n="82" />
        73

zösischen Kapitals auf den amerikanischen Effektenmarkt
waren vor 1914 hauptsächlich die Bankfirmen Morgan, Harjes
 &amp;amp; Co., eine Filiale von J. P. Morgan &amp;amp; Co. in New York,
Lazard Freres, eine Filiale des gleichnamigen New Yorker
Hauses, John Munroe &amp;amp; Co. und die eigens dafür gegründeten
zwei Banken, die Banque franco-am&amp;amp;ricaine financi&amp;amp;re und die
Banque franco-americaine pour le commerce et ]’industrie,
ferner die Soci6t6 financiere franco-americaine (50 Mill. Fr.
Kapital) und die Compagnie francaise pour l’Amerique du
Nord tätig. Den Absatz der nicht an der Pariser Börse gehandelten
 Werte der Union vermittelten verschiedene kleinere
 Bankhäuser und die Pariser Filialen einiger New Yorker
Stockbrokerfirmen.

Der Gesamtnominalwert der an der Pariser Börse (Parquet
 und Coulisse) 1913 notierten amerikanischen Effekten
belief sich auf ungefähr 400 Millionen Dollar, ein Betrag,
den man der Schätzung des Gesamtbesitzes amerikanischer
Effekten in Frankreich zu Grunde legen kann, da die an
der Pariser Börse gehandelten amerikanischen Fonds zum
größten Teil als Anlagewerte gekauft waren. Hierzu kamen
300 Millionen Dollar unnotierter amerikanischer Effekten,
die New Yorker bzw. Londoner Bankiers dorthin gebracht
hatten. Diese Summe dürfte nicht zu hoch geschätzt sein,
da die Effektenschuld der Union an Frankreich vor der Einführung
 amerikanischer Werte in Paris von Neymarck auf
200 Millionen, von Charles F. Speare sogar auf 300 Millionen
 Dollar taxiert wurde.

Die Schweiz, Belgien und das übrige Europa.
Das von den übrigen Ländern Europas vor dem Weltkrieg
 in amerikanischen Effekten investierte Kapital betrug
 ungefähr 150 Millionen Dollar. Zwei Drittel davon
entfielen auf die Schweiz, die schon 1855 amerikanische
Fonds kaufte und seitdem im Verhältnis zur Bevölkerung
ziemlich bedeutende Kapitalmengen in der Union investiert
hatte, An die Stelle der Genfer Bankhäuser, die diese Kapitaleinfuhr
 früher vermittelten, traten dann die Societe
financiere Suisse-Americaine, die schweizerische Gesellschaft
für nordamerikanische Werte in Basel, die Schweizerische
Kreditanstalt und der Schweizerische Bankverein in Basel
und Zürich, der eine Filiale in London besitzt und in den
letzten Jahren vor dem Kriege verschiedene amerikanische
Werte an den Börsen in Basel und Zürich einführte. 1913
wurden 9 Eisenbahnbonds, die Obligationen der Salmon
        <pb n="83" />
        74

River Power Company, die common shares der Pennsylvania-
 und der Baltimore und Ohio-Bahn an ihnen notiert *),
An der Börse in Brüssel wurden nur zwei amerikanische
Eisenbahnbonds gehandelt ”). Rußland, Italien, Spanien, Portugal,
 Österreich-Ungarn und die Balkanstaaten haben ihren
eigenen Kapitalbedarf niemals selbst aufbringen können, so
daß dort nur vereinzelte Posten amerikanischer Effekten
Jauernd untergebracht waren. Indessen waren einzelne
Wiener und Pester Spekulanten am Amerikaner-Markt in
London lebhaft interessiert. Vermittler dieser spekulativen
Transaktionen war die Anglo-Austrian-Bank, die eine Filiale
in London hatte und die von drei großen ungarischen Banken
yegründete Transatlantic Trust Company in New York,

9, Ursachen der Kapitaleinfuhr in die Vereinigten Staaten.
Die Union ist diejenige Volkswirtschaft, in der der
Kapitalismus das gesamte Leben der Nation am tiefsten
Jurchdrungen hat, die Verbörsianisierung des Wirtschaftslebens,
 d. h. die Unterwerfung aller wirtschaftlichen Vorgänge
 unter die Börse als dem Zentralorgan alles hochkapitalistischen
 Handels, am weitesten vorgeschritten ist.
33 % des Nationalvermögens hatte bereits 1912 Effektenform
 und war nach Wood in den Händen von 2'/2 Millionen
Effektenbesitzern.
Von Aktiengesellschaften wurden 1912 produziert in der:
Stahl- und Eisenindustrie - + + + 84 0% der Produkte
chemischen Industrie . . - 81 % »
Fahrzeugindustrie + + + + ++ 4 85% ,, N
Metallindustrie (nicht Stahl u. Eisen) 77 9% „
Schiffbau . . - - 74% »
Brauindustrie - - « T2% ”
Nahrungsmittelindustrie: + + + + 66% »»
Papier- und Druckindustrie + - “+ 66% „
Clasindustrie + + 400000808048 50% 35
Textilindustrie - + + + - 50% “
Der internationale Effektenkapitalismus, d. h; die Beteiligung
 einer Volkswirtschaft an den Erträgen der anderen
vermittels des Erwerbes ihrer Effekten, übte daher seine
stärksten Wirkungen in den Vereinigten Staaten aus®).
ı) Dem Absatz amerikanischer, an den Schweizer Börsen nicht gehandelter
 Werte diente die Zürich-American Trust Company in Zürich.
2) Die Unterbringung amerikanischer Effekten in Belgien vermittelten
vor allem die Societe financiere franco-americaine und die Societe finaneinanciere
 des valeurs americaines (30 Millionen Francs Kapital).
a 191 P. Leroy-Beaulieu, The United States in the Twentieth Century.
        <pb n="84" />
        75

Die Ursachen lagen einmal in den engen, persönlichen
Beziehungen, die die Einwanderung zwischen der kapitalgebenden
 alten und der kapitalnehmenden neuen Welt geflochten
 hatte und immer noch flicht, dann aber in dem
intensiven Warenaustausch beider Welten, der eine genaue
Kenntnis der gegenseitigen ökonomischen Verhältnisse
schaffte und einen ausgedehnten Waren- und Wechselkredit,
den Schrittmacher jedes Kredits in Effektenform bedingte.
Von den 33,2 Millionen Menschen, die in den hundert, Jahren
1821 bis 1921 in die Union wanderten, kamen 8,5 Millionen
aus Großbritannien, 5,5 Millionen aus Deutschland. An dem
Außenhandel der Union waren vor dem Weltkrieg (1. Juli
1911 bis 30, Juni 1912) am stärksten diejenigen vier europäischen
 Länder beteiligt, deren Besitz amerikanischer
Effekten den aller übrigen weit übertraf.

Großbritannien
Deutschland
Frankreich
Niederlande

Beteiligung am nord- Besitz nordamerikan
amerikan. Außenhandel Effekten in Mill. D.
in Mill. D. (Schätzung)
837,83 3344
477,9 350
259,9 700
139,3 700

Dazu kamen die für jeden Kapitalexport gegen Gewährung
 von Effekten maßgebenden Motive, so das Streben
Nach einer höheren Verzinsung als in der Heimat, ein
Wunsch, der von Jahr zu Jahr in denjenigen Kreisen europäischer
 Kapitalisten wuchs, die die Rente festverzinslicher
Papiere mit den zunehmenden Lebenskosten in Einklang
bringen mußten, Waren doch diese in den letzten Jahren
so gestiegen, daß eine fünfprozentige Verzinsung 1913 dieselbe
 Kaufkraft hatte wie eine viereinviertelprozentige 1905.
Die amerikanische Bankwelt trug dem Rechnung. Während
1904 nur 7% aller Neuemissionen festverzinslicher Wertpapiere
 fünfprozentig waren, stieg dieser Satz 1912 auf
37 %, Daß festverzinsliche Effekten der Union damals immer
noch einen weit höheren Ertrag brachten als die dementsprechenden
 Werte Englands, Deutschlands, Frankreichs
und Hollands ergibt die Tatsache, daß die Vorzugsaktien industrieller
 Gesellschaften, die den deutschen Industrieobligationen
 entsprachen, sich mit 6!/4 bis 71/4 9% verzinsten;
der Durchschnittszinsfuß der Eisenbahnbonds, deren Gesamtsumme
 doppelt so groß war wie die der Anleihen der
Union, der Einzelstaaten und der Städte, betrug freilich nur
4,20 %, Der nur im Interesse des Absatzes heimischer Industrieprodukte
 stattgefundene europäische Kapitalexport
        <pb n="85" />
        76

hörte freilich mit der zunehmenden Industrialisierung der
Vereinigten Staaten völlig auf,
Während die höhere Verzinsung die europäischen Kapitalisten
 heranzog, wurden die Spekulanten der alten Welt
Jurch die in jedem Jahre stattfindenden enormen Kursschwankungen
 auf den New Yorker Effektenmarkt gelockt.
[n dem völlig normalen, weder zur Hausse noch zur Baisse
neigenden Jahre 1910 wiesen die beiden Favoritpapiere des
Verkehrswesens und der Industrie, nämlich die Aktien der
Union Pacific-Bahn und die Steel common shares, obschon
Jie Dividende beider Unternehmungen seit mehreren Jahren
Jieselbe geblieben war und blieb, die folgenden großen
Achwankungen auf:

Union Pacific- Steel common
Bahn shares
204
128
193
175
186
152
178
165

8. Jan.
12. Febr.
12. März
7. Mai
21. Mai
30. Juli
26. November
10. Dezember
Diese spekulative Betätigung europäischer Kapitalisten
in New York ist in den Jahren 1837—1907 noch dadurch
gefördert worden, daß verschiedene Male Stagnationsperioden
 der großen europäischen "Börsen mit Hausseperioden
 in New York zusammenfielen, so daß die in London,
 Paris oder Berlin fehlenden spekulativen Bewegungen
in Wallstreet ausgenutzt werden konnten,

England
1837
1848
1857
1866
1873
1882
1890
1900
1907

Krisen
in der Union
1837
1857
1873

N

1893

1903
1907

Das Prinzip der europäischen Bankwelt, amerikanische
Fonds als schnell und ohne Verlust zu realisierende Reserven
        <pb n="86" />
        77

für Kriegs- und Krisenzeiten in der alten Welt zu erwerben;
hat sich freilich nur bewährt, wenn in den Vereinigten Staaten
eine so ausgesprochene Haussetendenz herrschte, daß die
in Europa abgestoßenen Wertpapiermengen glatt und ohne
Kurssenkungen aufgenommen werden konnten, Das geschah
 z. B. 1866 und 1870. Dagegen führten die infolge
des Ausbruchs des Balkankrieges im Herbst 1912 aus Europa
nach New York zurückströmenden amerikanischen Effekten
einen starken Kursdruck herbei, so daß die führenden
Werte um durchschnittlich 10—15 0% nachgaben!). In weit
stärkerem Maß trat dies in Erscheinung, als der Weltkrieg
ausbrach.
Die Vermittler des europäischen Kapitalimports in die
Union gegen Übernahme von Effekten waren die .zahlreichen
 erwähnten internationalen Bankiers, seine Basis ras
Bestehen einer hochentwickelten Fondsbörse wie der
Stock Exchange in New York einerseits, einer ausgebildeten
 Spekulation andererseits, Während die Effektenbörse
 den größten Teil der in die Union strömenden europäischen
 Kapitalien wie ein automatisch wirkender Saugapparat
 konzentrierte und dann durch Tausende von Kanälen
 über das Land verteilte, sorgte die Spekulation dafür,
daß ein dauernder Markt bestand, auf dem der Kapitalist
der alten Welt Effekten kaufen und verkaufen konnte,
während ihr Kurs ihn über den Stand der einzelnen Unternehmungen
 unterrichtete,
„La speculation est le rouage central, le ceur meme
qui appelle le sang, le prend partout par petits Tuisseaux,
Vamasse, le renforce en fleuves dans tous les sens, &amp;amp;Gtablit
une Enorme circulation d’argent qui est la vie m&amp;amp;me des
grandes affaires. Sans elle les grands mouvements de capitaux
 sont radicalement impossibles 2),
Die rasche Entwicklung der New Yorker Fondsbörse
illustrieren folgende Zahlen:

New Yorker Fondsbörse
Mitgliederzahl.
25
1060
1100
1100

1) Am 9. Oktober 1912, dem Tage nach der Kursderoute der großen
europäischen Effektenmärkte, mußte die New Yorker Börse 250 000 Stück
Canadian Pacific-, Union Pacifio-, Baltimore und Ohio-. Steel commonund
 Amalgated Copper-Aktien aufnehmen.
2) Zola, l’argent. S. 119.
        <pb n="87" />
        78

Gesamtumsatz von Aktien und Obligationen in Millionen D,
1890 472
1900 716
1910 797
1920 4179
1923 2991

Nominalwert der zum Handel zugelassenen Wertpapiere.
1868 .. . + 3000 Millionen Dollar
1902 . 25 300 „
1910 15 000 7, ,

1827
1862
1882
1910
1913
1920
1923
1925

Wert eines Börsensitzes,
100 Dollar
3000
32000
78000 .,
45 000
100 006
88 000
135 00%

10. Wirkungen der Kapitaleinfuhr in die Union.
Bei den Wirkungen des europäischen Kapitalimports
in die Union gegen Übernahme von Effekten sind die weltwirtschaftlichen
 von den auf nationalwirtschaftlichem Gebiete
 liegenden streng zu unterscheidep. Die letzteren sind
in bezug auf die Vereinigten Staaten in der ihren: wirtschaftlichen
 Aufstieg behandelnden Einführung ziffernmäßig
Jargestellt. Hier sei vor allem auf die Entwicklung des
Eisenbahnnetzes der Union hingewiesen, das die Basis ihres
Wirtschaftslebens bildet und seine enorme Ausdehnung in
der Hauptsache europäischem Kapital verdankt:

Länge des Eisenbahnnetzes in Kilometern
(nach Neymarck) |
1845 1865 1885 1905 1909
Europa 9160 75610 195175 305407 325193
Vereinigte Staaten 7530 62500 246075 4508374 504236
Ohne die Effektifizierung der Eisenbahngesellschaften in
England und Holland wäre das Schienennetz gerade in den
ersten Jahrzehnten kaum gewachsen, da das junge Land
nicht genügend Barkapital zum Ankauf englischer Lokomotiven
 und Schienen besaß. So dagegen wurden diese mit
        <pb n="88" />
        79

bonds bezahlt, während die preferred shares zur Entlohnung
englischer Ingenieure dienten, und die common shares die
Prämie der Londoner Bankiers für Unterbringung der bonds
in Europa waren.
England wiederum erwarb durch Förderung des Eisenbahnbaues
 für seinen Warenabsatz in der Union erhöhte
Chancen ?), so daß es damals an ihrem Außenhandel mit mehr
als der Hälfte beteiligt war.

Handel der Vereinigten Staaten mit:
England Anderen Ländern
1790 55 % 415 %
1830 50 % 50 %
1870 46 % 54 9%
1910 27 % 73 9%.
Schädlich hat die Einfuhr europäischen Kapitals auf
den amerikanischen Effektenmarkt nur insofern gewirkt, als
infolge des öfteren zeitlichen Auseinanderfallens der Aufschwungbewegungen
 beider Erdteile die Hausseperiode in
der Union häufig so verstärkt wurde, daß spekulative Übertreibungen
 eintraten, die dann zu einem durch die Entziehung
europäischen Kapitals noch schwerer, wirkenden Rückschlag
 führten. Dabei traten in den anderthalb Jahrzehnten
1897—1912 Wechselwirkungen insofern ein, als sowohl
1897—1900 wie auch 1909—1912 große Summen amerikanischen
 Kapitals auf den Londoner und Berliner Geldmarkt
 kamen und als Spekulationskredite Verwendung
fanden ®), während andererseits die Aufschwungbewegung
der New Yorker Börse, die nach Beendigung des spanischamerikanischen
 Krieges einsetzte und bis 1903 dauerte, nur
dadurch möglich war, daß die 1900—1903 herrschende Depression
 des gesamten europäischen Wirtschaftslebens die
dort brach liegenden Kapitalien nach New York führte,
Auf weltwirtschaftlichem Gebiet lag die Hauptbedeutung
 des europäischen Kapitalimports in die Union in der
Benutzung amerikanischer Effekten als Zahlungsmittel zwischen
 der alten und der neuen Welt. Haben die Vereinigten
Staaten auch nur 6,5 % der Bevölkerung der ganzen Erde, so
produzieren sie doch 25 % des Weizens, 24 % des Goldes,
38 % des Silbers, 60 % des Petroleums und 70 % aller Baumwolle,
 Produkte, auf deren Bezug Europa angewiesen ist.
*) Noch 1870 wurde die Hälfte der zum nordamerikanischen Eisenbahnbau
 gebrauchten Schienen aus England bezogen.
*) Als Frankreich seine dem Berliner Geldmarkt gewährten täglichen
Gelder während der Marokkokrisis im Sommer 1911 plötzlich zurückzog,
8prang Nordamerika mit 150 Millionen Dollar ein.
        <pb n="89" />
        20

Da aber die Einfuhr europäischer Fabrikate mit der zunehmenden
 Industrialisierung der Union sank, ist der Überschuß
 der nordamerikanischen Ausfuhr über die Einfuhr seit
1892 ständig gestiegen. Er betrug:
1892 203 Millionen Dollar
1902 478 „
1912 7»? x
1924 ..

UM

Daß dieser Ausfuhrüberschuß vor dem Kriege ohne
schwere Störungen der großen internationalen Geldmärkte
beglichen werden konnte, beruhte lediglich auf dem starken
Zins- und Kapitalguthaben, das Europa aus seinem enormen
Besitz von Effekten der Vereinigten Staaten diesen gegenüber
 hatte. Da indessen die Zahlungsbilanz der Vereinigten
Staaten infolge der Ausgaben amerikanischer Touristen, der
Heimsendungen Eingewanderter und der Frachtzahlungen
an europäische Reedereien trotzdem in der Regel eine passive
 war, würde sie zum Teil durch amerikanische Effekten
oder Darlehen, die die Londoner Bankwelt, der New Yorker
Senn Lombardierung amerikanischer Werte gab, ausgeglichen.


Zweiter Abschnitt. Die Kapitalausfuhr bis
zum Welikriege.

i. 1895 — 1901.

Infolge einer zufälligen weltwirtschaftlichen Konstel-Jation
 hatte Nordamerika in den Jahren 1899 und 1900
einen Überfluß an Kapitalien, deren Unterbringung den
Rückkauf großer Posten eigener Effekten aus Europa bewirkte.
 Die Ursachen dieser Konstellation waren die aufeinanderfolgenden
 guten Ernten Ende der neunziger Jahre,
denen schlechte europäische gegenüberstanden, sowie die
hierdurch herbeigeführte Einnahmesteigerung der 1895 bis
1898 reorganisierten Eisenbahnen, ferner die Erschließung
neuer Bergwerke in Alabama und am Lake Superior, deren
Erzeugnisse nach Europa gingen, endlich die Zunahme der
Ausfuhr industrieller Fabrikate und die auf der Kandidatur
Bryans beruhende Zurückhaltung der Geschäftswelt, die auch
nach der Wahl Me. Kinleys nicht wich, da die Zahl der
Silberwährungsleute zu groß war, um die Unerschütterlichkeit
 der Goldwährung gesichert erscheinen zu lassen. In-
        <pb n="90" />
        s1

folgedessen wurde der Überschuß der Ausfuhr der Union
über die Einfuhr Ende der neunziger Jahre so groß, daß er
in den Schuldenzinsen an Europa, den Ausgaben amerikanischer
 Touristen dort, Frachtzahlungen und Heimsendungen
Eingewanderter einen nur teilweisen Ausgleich fand und eine
starke Aktivität der amerikanischen Zahlungsbilanz herbeiführte,

Überschuß der Ausfuhr über die Einfuhr
in Millionen Dollar.
1895 23
L896 324
L897 357
L898 621
1899 477
L900 649
1901 585
1902 478
Ven dem in den drei Jahren 1898—1900 einschließlich
entstandenen Ausfuhrüberschuß von 1747 Millionen Dollar
waren ungefähr 840 Millionen Dollar, der Gesamtbetrag der
in diesen Jahren an Europa gezahlten Summen, abzuziehen!),.
Ihr Jahresdurchschnitt (280 Millionen Dollar) setzte sich
aus folgenden Posten zusammen:
Schuldenzinsen . . . Sa
Frachten. ......000.00.1 .
Ausgaben amerikanischer Touristen in Europa
Geldsendungen Eingewanderter nach Europa ?)

90 Mill. D.
30
100 ”„ ”„
SE
280 Mill. D.
Die Zahlungsbilanz der Vereinigten Staaten wies also
für die Jahre 1898—1900 einen Aktivsaldo von 907 Mill.
Dollar auf, den Europa zur Vermeidung ruinöser Goldexporte
 mit Effekten begleichen mußte, so daß ein Teil der
in der Alten Welt untergebrachten Nordamerikanischen
Wertpapiere damals zurückging, Die Schätzung ihres Gesamtbetrages
 schwankt zwischen 450 und 1050 Millionen
Dollar, Sieben große internationale Bankhäuser in New
York rechneten aus, daß im Jahre 1898 für 260 Millionen
Dollar, vom 1. Januar bis zum 1. August 1899, für 115 Mill.
1) Walter F. Ford, American Investments in England. Contemporary
 Review. Bd. 81 (1902) S. 401.
?) Speare schätzte die nach Europa gesandten Geldbeträge Eingewanderter
 1908 auf 250 Millionen Dollar und meinte, daß ihr Gesamtbetrag
 jährlich um 10% wachse. Er würde demnach 1898 ungefähr 100
Millionen Dollar betragen haben. Charles F. Speare, What America pays
Suropo for Immigrant Labor. North American Review. Bd. 187 (1908
. 107).
v. Reibnitz, Kapitalswanderungen
        <pb n="91" />
        32

Dollar amerikanische bonds nach New York zurückgegangen
seien, ferner ein Drittel bis die Hälfte dieser Summen in
Aktien. Die vom 1. August 1899 bis zum 81. Dezember
1900 von amerikanischen Kapitalisten zurückgekauften Effekten
 bezifferte Raffalovich!) auf 400 Millionen Dollar,
so daß sich 900 Millionen Dollar für die Jahre 1898 bis
1900 ergeben würden. Zu einem etwas höheren Ergebnis,
nämlich 1050 Millionen Dollar, kamen N. T. Bacon in der
New York Times und Conant %, zu einem etwas niedrigeren
(800 Millionen Dollar) der Final Report of the Industrial
Sommission (Bd. 19, S. 39).
Der 1899 und 1900 von der Union aufgenommene Betrag
 europäischer,Effekten kann hier nicht in Rechnung
 gestellt werden, da er lediglich einen Ausgleich der in
Jiesen Jahren auf 200—300 Millionen Dollar geschätzten
Kredite amerikanischer Bankhäuser an Europa darstellte 3).
Nachdem New Yorker Bankiers schon -im Februar 1899
10 Millionen Dollar deutscher Reichsanleihe aufgenommen
hatten, wurden im Jahre 1900 die folgenden europfischen
Anleihen in New York untergebracht:
im März 50 Mill. Dollar englische Kriegsanleihe,
im April 25 Mill, Dollar 4%ige Obligationen der russischen
 Wladikawkas-Eisenbahn,
im August 28 Mill. Dollar englische Schatzscheine,
im September 20 Mill. Dollar deutsche Reichsschatzscheine;

im September 10 Mill. Dollar» schwedische Anleihe,
Im Oktober und November 1900 gelangten 50 Millionen
Dollar. Anleihen der Städte Hamburg, Köln und Frankfurt
 a. M. zur Notierung an der New Yorker Börse 2,

‘) Raffalovich, le marche financier 1900/1901 S. 673—679.
?) Charles A. Conant, The Principles of Money and Banking. S. 346.
3) Frank A. Vanderlip, The American Invasion of Europa, in dem
Essayband ‚Business and Education‘ S. 272.
4) Die in die Union gelangten europäischen Werte kamen nur zum
kleinsten Teile ins Publikum. Die vierprozentigen Obligationen der Wladikawkas-Eisenbahn
 z. B. dienten zur Bezahlung amerikanischer Eisenwerke
 für gelieferte Schienen und Lokomotiven, während die deutschen
Werte, die sämtlich .mündelsicher waren, von denjenigen amerikanischen
Versicherungsgesellschaften gekauft wurden, die ihren Geschäftsbetrieb
auf Deutschland ausdehnen wollten. Die englischen Kriegsanleihen
endlich wurden zum größten Teil von den in den Vereinigten Staaten
lebenden Engländern aufgenommen. Ein Teil aber sowohl der englischen
wie der deutschen Anleihen wurde nach kurzer Zeit an ihr Emissionsland
zurückverkauft.
W. H. Allen, Dollar Diplomacy, A. Menace and a Humbug. Moody’s
Magazine. Bd. 11 (Juni 1911). S. 411.
B Angabe des verstorbenen Georg von Siemens, Direktors der Deutschen
ank.
        <pb n="92" />
        83

Die Tatsache, daß große Posten amerikanischer Effekten
 aus Europa zurückgekauft und erhebliche Summen in
Effekten der Alten Welt angelegt werden konnten, hatte die
amerikanische Geschäftswelt berauscht. Man träumte schon
davon, daß New York der finanzielle Mittelpunkt der Welt
werden würde?), ein Traum, der sich im Kriege und kurz
nachher verwirklichte, J etzt freilich hat die Welt zWei finanzielle
 Mittelpunkte: London und New York, Ja als Morgan
nach der Gründung der International Mercantile Marine Com-Dany
 verschiedene englische Dampferlinien aufkaufte und
mehrere Millionen Mark Aktien der Hamburg-Amerika-Linie
und des Norddeutschen Lloyds erwarb, wurde Europa finanziell
 als unterjocht betrachtet, während der Glaube an die
wirtschaftlichen Kräfte der Union ins Ungemessene stieg.
Trotz der großen Anforderungen, die die Gründung der
großen Trusts und die spekulativen Übertreibungen des
Jahres 1901 an den New Yorker Geldmarkt stellten, nahm
daher der Rücklauf amerikanischer Werte aus Europa im
Jahre 1901 nicht ab, vielmehr wurden 400—600 Millionen
Dollar dafür aufgewendet. Nach Ford?) verminderte sich
die Effektenschuld der Union in Europa in diesem Jahre um
20 %, d, h. fiel von 2000 auf 1600 Millionen Dollar, während
der Final Report of Industrial Commission (Bd. 19, S. 39)
diese Minderung auf 600 Millionen Dollar bezifferte.

Effektenschuld der Union an Europa.
L. Januar 2800
* Januar 2000
Januar 1400

Daß die im Jahre 1901 für den Rückkauf amerikanischer
Werte verwendeten Summen den Aktivsaldo der Union
gegenüber Europa schon weit überstiegen, ergab sich daraus,
daß amerikanische Bankiers Ende Mai 1901 in London und
Paris im Gesamtbetrage von ungefähr 500 Millionen Dollar?)
verschuldet waren %. Der heimische Kapitalbedarf und die
spekulativen Bewegungen der Jahre 1901, 1902 und 1903
machten dann dem Rückkauf amerikanischer Werte ein
Ende und ließen das Effektendebet der Union an Europa
im Jahre 1908 auf eine noch nie dagewesene Höhe

') Vanderlip veröffentlichte im Januar 1902 seinen vielbemerkten
Aufsatz: „The American Invasion of Europe‘, den der oberschlesische
Kohlenmagnat Graf Tiele-Winckler verdeutschte und herausgab.
2?) Walter F. Ford, American Investments in England, Contemporary
Review. Bd. 81 (1902). S. 403.
%) Sun New York 24. Mai 1901.
‘) Evening Post New York 22. Mai 1901.
        <pb n="93" />
        84

(4000 Millionen Dollar) steigen. Von da ab bis zum Weltkrieg
 haben die Vereinigten Staaten Kapitalien gegen Gewährung
 von Effekten nur zur Erweiterung ihres politischen
und wirtschaftlichen Machtbereichs ausgeführt,

2, Auswärtige Kapitalanlagen in Effektenform 1901—1914,
Die erste größere amerikanische Anlage im Auslande
war der 1885 vollendete Bau mexikanischer Bahnen, deren
Anteile in der Union untergebracht wurden. Mexikanische
Anleihen gelangten indessen erst 1899 nach der Konvertierung
 in fünfprozentige zur Notierung an der New Yorker
Börse. Es waren 1902 fünf verschiedene Gattungen. Die
erste vierprozentige Anleihe trat zwei Jahre später dazu.
Die Einführung der Goldwährung in Mexiko. führte
naturgemäß eine Vermehrung der amerikanischen Kapitalainfuhr
 ‘herbei, so daß 1908 acht verschiedene Anleihegattungen
 an der Stock Exchange in New York gehandelt
wurden, und das in Mexiko investierte amerikanische Kapital
 von 185 Millionen Dollar im Jahre 1898 9), auf 700 Mill.
Dollar 1906%, 800 Millionen 1907 °) und 1000 Millionen
Dollar *) 1911 stieg. Davon soll die Hälfte in Eisenbahnen,
die Hälfte in Bergwerken, vor allem Silberminen angelegt
worden sein. Wieviel davon Effektenform hatte, ist auch
nicht einmal schätzungsweise festzustellen, da der größte
Teil der von den internationalen Bankiers in New York
Kuhn, Loeb &amp;amp; Co., Ladenburg, Thalmann &amp;amp; Co., Speyer &amp;amp; Co.,
Hallgarten &amp;amp; Co. und den Berliner Großbanken, sowie
S, Bleichröder übernommenen mexikanischen Anleihen und
Eisenobligationen nach ihrer Auflegung in New York und
ihrer Notierung an der Stock Exchange dort nach England,
Deutschland und Frankreich ging, Länder, in denen ein fünfprozentiges
 Staatspapier leichter Abnehmer fand als in der
Union, die damals ihren eigenen Kapitalbedarf nicht decken
konnte. Das Journal of Commerce schätzte 1913, daß in

1) Davon steckten 90 Millionen Dollar in Eisenbahnen, 75 Millionen
in Bergwerken, 10 Millionen in Banken und Handelshäusern.
"N. T. Bacon; American International Indebtness. Yale Review
Bd. IX (November 1900). S. 275/76.
2) Schätzung des mexikanischen Botschafters in Washington.
3) [John Barrett, Latin America as a Field for United Staates Capital
and Enterprise, ‚Bankers‘ Magazine New York. Bd. 74 (Juni 1907). S. 920.
4) W. D. Hornaday, American Capital in M.xiko. Moody’s Magazine,
Juli 1907, S. 123.
E. H. Talbot, American Interests in Mexiko. Moody’s Magazine
April 1911. S. 235.
Bankers Magazine New York schätzte die in Mexiko angelegten
amerikanischen Kapitalien 1911 auf 1400 Millionen Dollar.
        <pb n="94" />
        85

den Vereinigten Staaten für 22 Mill. Dollar mexikanische
Staatsanleihen und für 134 Mill. Dollar vom Staat garantierte
mexikanische Eisenbahnobligationen untergebracht waren.
Wie der Kapitalimport nach Mexiko, so diente auch der
nach Südamerika neben der Erschließung neuer Absatzgebiete
 für die amerikanische Industrie der Propagandierung
des Panamerikanismus, d. h. eines engeren wirtschaftlichen
und politischen Zusammenschlusses zwischen der Union und
den auf dem amerikanischen Erdteil gelegenen Staaten 1».
Dem Panamerikanismus einerseits, der zunehmenden Produktion
 der amerikanischen Industrie für den Export andererseits
 war es zuzuschreiben, daß die nordamerikanischen
Kapitalsanlagen in Central- und Südamerika während der
sechzehn Jahren vor dem Weltkrieg enorm zunahmen
Während sie nach N. T. Bacon ?) 1898 erst 105 Millionen
Dollar (davon 50 Millionen in Kuba) betrugen, belief sich
ihre Gesamtsumme nach der 1912 von der Pan American
Union aufgestellten Schätzung ?) auf 437,5 Millionen Dollar.
Im Gegensatz zu Mexiko, wo der größte Teil des nordamerikanischen
 Kapitals in Silberbergwerken oder Handelshäusern
 angelegt war, wurde das in Central- und Südamerika,
 besonders in letzterem investierte Kapital in der
Hauptsache durch Effektifizierung aufgebracht, Abgesehen
von Staatsanleihen — an der New Yorker Börse wurden
vor 1914 Anleihen von Argentinien, Cuba, Honduras, Costa
Rica, Guatemala und San Domingo notiert — waren es
hauptsächlich central- und südamerikanische Eisenbahngesellschaften,
 denen es gelang, ihre Anteile in der Union
abzusetzen. Dagegen war vor 1914 die Gewährung von Krediten
 an Handelshäuser in Zentral- und Südamerika ebenso
selten wie die Etablierung nordamerikanischer Firmen dort 1.

') Träger der panamerikanischen Propaganda auf pclitischem,
wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet ist die in Washington domizilierte
Pan American Union, der dis Vereinigten Staaten, Mexiko und sämtliche
Republiken Zentral- und Südamerikas als Mitglieder angehören. Panamerikanische
 Konferenzen fanden statt: 1889 in Washington, 1901 in
Mexiko, 1906 in Rio des Janeiro, 1910 in Buenos Aires, 1915 in Washington.
Dr. Johannes Pfitzner, Die panamerikanische Finanzkonferenz 1915 8.4.
2) N. T. Bacon, American International Indebtness. Yale Review.
Bd. IX, (November 1900). S. 276.
3) John Ball, Osborne, Protection of American Commerce and Capital
abroad. North, American Review, Bd. 195 (Mai 1912) S. 689.
*) Das beste Beispiel für die geringe Befähigung des Amerikaners
zum „foreign business‘ liefert? die Tatsache, daß 1912 die amerikanische
International Banking Corporation im Orient ausschließlich englische
Angestellte hatte
        <pb n="95" />
        36

Das gesamte in Südamerika investierte Kapital der Vereinigten
 Staaten wurde 1913 auf 500 Millionen Dollar geschätzt!)
Aussichtsreiches Absatzgebiet des industriellen Ostens
der Vereinigten Staaten wurde Ostasien erst nach Eröffnung
des Panamakanals, da die hohen Frachtspesen des Wasserweges
 um Südamerika wie auch des Überlandtransportes
nach San Fransico vorher nur die Einfuhr von Qualitätsware
 nach Japan und China lohnend machte. Gerade diese
aber war in Ostasien kaum absatzfähig. Wenn sich die
Vereinigten Staaten trotzdem schon seit einem Jahrzehnt
an. der Übernahme japanischer und chinesischer Anleihen,
sowie an der Finanzierung verschiedener Eisenbahngesellschaften
 wie der großen Mandschurischen beteiligten, so
waren hierfür fast immer politische Gründe maßgebend. Das
nach dem spanisch-amerikanischen Krieg erfolgte Eintreten
der Union in die Weltpolitik ließ es wünschenswert erscheinen,
 in Ostasien auch finanziell Hand in Hand mit den
suropäischen Großmächten zu gehen. So erfolgte die Übernahme
 von 50 Millionen Dollar chinesischer Eisenbahnanleihe
 — ein Drittel davon übernahm Morgan — nur auf
Drängen des Departement of State in Washington. Eine
Ausnahme bildete die im April 1905 gleichzeitig in New York
und London aufgelegte japanische Anleihe, die allein in den
Vereinigten Staaten zehnmal überzeichnet wurde, da die
Schwerindustrie nach dem Friedensschluß große japanische
Bestellungen erhoffte,
Von den im Ausland untergebrachten japanischen
Staatsanleihen?) waren 1910 in:
England. ... 0.0... 4
Vereinigten Staaten . . - -
Frankreich ....--Deutschland.
 .

Die in Ostasien angelegten nordamerikanischen Kapialien
 stiegen von 5 Millionen Dollar 18983) auf 150 Mill.
Dollar 1909%). Der größte Teil davon hatte Effektenform,
Joch blieben fast alle japanischen und chinesischen Werte

1) Hermann A. L. Lufft, Die nordamerikanischen Interessen in
Südamerika vor dem Krieg. S. 7.
2) Kotaro Mochizuki, la situation &amp;amp;conomique et financiere du Japon,
Revue &amp;amp;conomique internationale. 7. Jahrg. (1910). S. 468—494.
3) N. T. Bacon, American International Indebtness. ’ Yale Review
Bd. IX (November 1900). S. 276.
*) Charles F. Speare, Foreign Investments of the Nations. North
American Review, Bd. 190, (Juli 1909). S. 84.
_ Derselbe, The Ameriean People and Scientific Investment. Financial
Review of Reviews, September 1910,
        <pb n="96" />
        87

in den safes der internationalen Bankiers in New York,
während ein kleiner Teil von den in der Union ansässigen
Angehörigen dieser Länder gekauft wurde; die amerikanischen
 Kapitalisten nahmen keinerlei Interesse an diesen
Werten.

Das in der Kapitalausfuhr der Union vor dem Weltkrieg
an zweiter Stelle stehende Land war Kanada, das mehr aus
wirtschaftlichen als politischen!) Gründen mit von Jahr zu
Jahr steigenden Mengen amerikanischen Kapitals gedüngt
wurde, War doch die Union Hauptabnehmerin kanadischen
Getreides und Holzes; der größte Teil ihrer Kapitalien floß
daher in kanadische Bergwerke, Hypotheken, Holzgesellschaften
 und Papierfabriken. Dazu kam die große Menge
der in New York gehandelten Anteile der Canadian Pacific-
 und der Canadian Southern-Bahn. Der Gesamtbetrag
amerikanischen Kapitals in Kanada wurde von N. T. Bacon
1890 auf 150 Millionen Dollar geschätzt. 100 Mill. Dollar
hiervon sollen in kanadischen Bergwerken, 25 Millionen in
Holzgeschäften, 25 Millionen in Anteilen der Canadian Pacific-
 und der Canadian Southern-Eisenbahn angelegt gewesen
sein. Das 1913 in Kanada investierte Kapital der Union
wurde auf 400 Milk Dollar beziffert?)
Die Einfuhr amerikanischen Kapitals in die Alte Welt
war vor dem Weltkrieg naturgemäß eine Folge zufälliger
Momente oder persönlichen Beziehungen, Ein Teil davon arbeitete
 in amerikanischen Bankhäusern in London und Paris,
ein anderer Teil lag infolge der Internationalität der großen
New Yorker Bankfirmen in Anteilen der von J. P. Morgan
 &amp;amp; Co. gegründeten International Mercantile Marine
Company®) und der von der Firma Speyer &amp;amp; Co. in New
York finanzierten Londoner ‘Untergrundbahn fest.
Wenn wir das Vorstehende zusammenfassen und
schätzungsweise ein nordamerikanisches Effektendebet und
-kredit gegenüber allen anderen Ländern bei Beginn des
Weltkriegs aufstellen. kommen wir zu dem folgenden Eryebnis:


DE

1) Daß Kanada gerade damals weniger denn je an seine politische
Befreiung von England und Angliederung an die Verz:inigten Staaten
dachte, zeigte die Schenkung eines Dreadnoughts an das englische Mutterland.


*) Charles F, Speare, Foreign Investments of the Nations. North
American Review Bd. 190 (Juli 1909). S. 84.
John Ball Osborne, Protection of American Commerce. North
American Review. Bd. 195 (Mai 1912). S. 689.
3) Der Hauptbestandteil der International Mercantile Marine Company
 sind englische Dampferlinien.
        <pb n="97" />
        ZQ

Effektenkredit:

gegenüber
Mexiko. 2.0.0.0...
Zentral- und Südamerika -
Japan und China. - . -
Kanada .. ..
Europa -

300 Millionen Dollar
300 0» ”
100 39 9
100 ”
150» 00
1000 Millionen Dollar

Effektendebet:

AL

Europa und Südamerika 5300 Millionen Dollar,

Dritter Abschnitt. Der Übergang der Vereinigten
 Staaten zum aktiven internationalen
Effektenkapitalismus.
1. 1912—1913.

Schon kurz vor dem Weltkrieg wurde ein Teil derjenigen
 Länder, die sich bisher an der Auf- und Übernahme
 amerikanischer Effekten stark beteiligt hatten, besonders
 England und Holland, in andere effektenkapitalistische
 Verflechtungen und Verpflichtungen hineingezogen.
War auch die Entwicklung der englischen Industrie im
großen und ganzen so abgeschlossen, daß größere Kapitalansprüche
 ihrerseits wegfielen, so brauchten doch Englands
 Kolonien, besonders Kanada, Australien und Indien
immer neue im Mutterlande aufzubringende Summen, Dazu
aahm  Hollands Anteilnahme am amerikanischen Effektenmarkt
 ständig ab, und zwar wegen des sinkenden Zinsertrages
 amerikanischer bonds, an deren Stelle seine Kapitalisten,
 die sich seit altersher für junge, noch in der Entwicklung
 begriffene Länder interessierten, kanadische Hypotheken
 und Pfandbriefe, die bei gleicher Sicherheit 1—2 %
mehr Zinsen brachten, erwarben, In Frankreich, dessen Interesse
 für amerikanische Werte mit dem von Jahr zu Jahr
zunehmenden Kapitalüberfluß wuchs, wirkten politische Erwägungen
 bremsend, da zuerst die starken Rüstungsausgaben
Rußland, sowie die Kapitalansprüche seiner aufstrebenden
Industrie befriedigt werden mußten,
Der starke wirtschaftliche Expansionsdrang Deutschlands
 stellte so enorme Kapitalansprüche an den Geldmarkt,
        <pb n="98" />
        89

daß eine Vermehrung seines amerikanischen Effektenbesitzes
 — der vorübergehende Erwerb in spekulativem Interesse
 kann hier ausscheiden — nicht zu erwarten war.
Belgien war in Rußland, Italien und Ostasien finanziell
zu sehr engagiert, um seinen Besitz amerikanischer Effekten
vermehren zu können, die Schweiz aber hatte sich mit der
im Verhältnis zu ihrem Kapitalreichtum großen Summe
amerikanischer Wertpapiere (100 Millionen Dollar) auf Jahre
hinaus gesättigt.
Die wachsende effektenkapitalistische Reserviertheit
der alten Welt gegenüber der Union beruhte indessen nicht nur
auf der anderweitigen finanziellen Inanspruchnahme der exportkapitalistischen
 Länder Europas, sondern auch auf den gerade
 vor dem Weltkriege in den Vereinigten Staaten herrschenden
 unsicheren wirtschaftlichen Verhältnissen. Denn
der kosmopolitische, um nicht zu sagen unpatriotische Charakter
 des Kapitals bringt es mit sich, daß dieser letzten
Endes politische Motive ebenso wenig wie heimatliche Bedürfnisse
 gelten läßt und stets dorthin strömt, wo es bei
größtmöglichster Sicherheit höchsten Zinsertrag findet. Das
europäische Kapital würde daher damals in noch stärkerem
Maße in die Union geflossen sein, wenn ihr Wirtschaftsleben
stabiler gewesen wäre,
Die andauernden Verfolgungen der Trusts indessen, die
mehr politischen als wirtschaftlichen Beweggründen ent-Sprangen,
 entwerteten, wenn auch nur im Kurse, die Anteile
aller Gesellschaften, die Teile von Trusts bildeten, und
brachten eine noch nie dagewesene Unsicherheit in die
nordamerikanische Wirtschaft, besonders da der Tatbestand
der Ungesetzlichkeit mit jedem Wechsel in der Person des
Präsidenten bzw. Generalstaatsanwalts weiter gefaßt wurde.
Dabei war ein Ende dieser Verfolgungen um so weniger
abzusehen, als die kapitalistische Macht einiger Männer !)
von Jahr zu Jahr wuchs, so daß die Bundesregierung immer
neuen Anlaß fand, ihre Basis zu vernichten ?), Denn wie
Russel Sage von ihnen sagt: „The dominate, wherever they
choose to go. They can make and ummake any prosperity,

') Morgan beherrschte 1911 nach dem Wallstreet Journal ein Kapital
von 9300 Millionen Dollar, d. h. 5,3% des Nationalvermögens (177 Milliarden
Dollar). Das 1912 von den sechs führenden Männern der New Yorker
Bankwelt kontrollierte Kapital wurde auf 20 000 Mill Dollar, d.h. einNeuntel
des Nationalvermögens geschätzt. Es waren dies außer Morgan, Rockefeller
(Standard Oil Company), Jacob H. Schiff (Kuhn, Loeb &amp;amp;. Co.), James
Speyer (Speyer &amp;amp;. Co. ), Stillmann (National City Bank) und Baker (First
National Bank).
?*) Ende 1913 schwebten 49 Trustprozesse: 35 Zivil- und 14 Kriminalverfahren.
        <pb n="99" />
        90

no matter how vast. They can almost compel any man to sell
out anything at any price.“
Auf den Kurs der Eisenbahnpapiere drückte die Hartnäckigkeit
 der Interstate Commerce Commission, die sich
einer Erhöhung der Eisenbahnfrachtsätze trotz der gestiegenen
 Löhne und sonstigen Betriebskosten dauernd widersetzte,
 während der Geld- und Kapitalmarkt unter der Unelastizität
 der Währung litt, die so häufig sprunghafte
Steigerungen des Satzes für call money (tägliches Geld)
bewirkte, ein Mißstand, der durch eine Zentralbank nach englischem,
 deutschem oder französischem Muster leicht hätte
beseitigt werden können, wenn sich nicht die mächtigen
Gruppen der New Yorker Bankwelt die mit der Leitung
bzw. Beherrschung einer Centralbank verbundene finanzielle
Macht mißgönnten und ihre Errichtung daher hintertrieben,
Es sind freilich nicht nur die Verfolgungen der Trusts
und die Unelastizität der Währung, die das amerikanische
Wirtschaftsleben vor dem Weltkrieg so wechselnd und unsicher
 machten. Auch das politische Zickzack war seiner
Stabilität hinderlich und ist es teilweise noch. Alle zwei
Jahre finden die Wahlen zum Repräsentantenhaus statt,
dessen Zusammensetzung die Zoll- und Wirtschaftspolitik
stark beeinflußt, alle vier Jahre!) wird ein neues Staatsoberhaupt
 gewählt, Wahlen, die fast immer im Zeichen
irgend eines wirtschaftlichen Problems stehen und das Geschäftsleben
 schon Monate vorher stagnieren lassen, In
kleineren und größeren Zwischenräumen bringen Änderungen
 des Zolltarifs?) Unruhe ins Land, vernichten  bestehende
 Industrien, schaffen neue und führen kurz vor
dem Inkrafttreten des Tarifs zu einer ungesunden Steigerung
 des Importhandels. Dazu kommt, daß die New
Yorker Börse, die mehr und mehr der Brennpunkt alles
5konomischen Geschehens in der Union geworden ist, als
Hirn eines so nervösen Organismus, wie es die amerikanische
Volkswirtschaft infolge der geschilderten Mißstände war,
anberechenbaren Stimmungen und massenpsychologischen
Momenten in weit höherem Grade unterworfen ist, als die
großen europäischen Fondsbörsen, ein Umstand, der vor
1914 von den mächtigen New Yorker Hausse- und Baissecliqauen
 weidlich ausgenutzt wurde und eine der europäischen

+) Der amerikanische Senat hatte 1912 einen Gesetzentwurf eingebracht,
 der den Amtstermin des Präsidenten auf sechs Jahre verlängert,
dafür aber eine Wiederwahl ausschließt.
2) 1824, 1828, 1832, 1846, 1857, 1861, 1864, 1870, 1872, 1875, 1883,
1890, 1894, 1897, 1909, 1913.
        <pb n="100" />
        9]

Kapitaleinfuhr verderbliche Unberechenbarkeit der Kursund
 Tendenzentwicklung herbeiführte.
So blieb den Vereinigten Staaten nichts übrig, als den
sich damals ergebenden Kapitalbedarf, besonders der Eisenbahngesellschaften,
 soweit ihn Nicht Europa, besonders
Frankreich deckte, im Lande aufzubringen, und zwar in den
Kreisen der Farmer, die sich trotz ihres wachsenden Wohlstandes
 vom Effektenmarkt bisher fast ausnahmslos ferngehalten
 hatten. Die Zunahme des Vermögens der landwirtschaftlichen
 Bevölkerung der Vereinigten Staaten ist aus
den folgenden Zahlen ersichtlich:

Wert derlandwirtschaftlichen Produkte
in Millionen Dollar.

1870
1880
1890
L900
1910

1958
2213
2460
3764
89926

Dabei hatte das landwirtschaftliche genutzte Areal von
1880 bis 1910 nur um 70 % zugenommen, Sein Wert war
freilich in dieser Zeit von 12 000 auf 40 000 Millionen Dollar
gestiegen 1),
Zu dem heimischen Kapitalbedarf kam noch die Notwendigkeit
 stärkerer Kapitalausfuhr als Schrittmacher für
die von Jahr zu Jahr wachsende Exportindustrie,

Exportan Ganz- und Halbfabrikaten
in Millionen Dollar
40,3
68,2
102,8
151,1
433,8
909.9

Da sich Europa durch hohe Zollschranken gegen die
Einfuhr von Fertigfabrikaten der Union schützte, kam als
Absatzgebiet der nordamerikanischen Industrie hauptsächlich
 Kanada, Zentral- und Südamerika, sowie Ostasien in
Betracht. In Kanada lagen die Verhältnisse insofern günstig,
als die Union nach England der Hauptabnehmer Kanadas war.

Ve

+)

Report of the Census Bureau vom 7. September 1911.
        <pb n="101" />
        99

9. Vom März 1913 bis zum April 1917.
(Eintritt der Vereinigten Staaten in den Weltkrieg.)
Nachdem jahrelang die Republikaner am Ruder gewesen
waren, übernahm im März 1913 die demokratische Partei,
and mit ihr Wilson, die Regierung des Landes, Da die Geschäftswelt
 abwartete, wie sich dieser Wechsel wirtschaftlich
 auswirken würde, war 1913 für die Vereinigten Staaten
ein Jahr des wirtschaftlichen Stillstands. Das zeigte sich
vor allem an der Effektenbörse. Während in Börsenjahren
mit belebtem Geschäft wie z. B. 1908 und 1909 die Gesämtsumme
 der gehandelten Aktien ungefähr 200 Millionen
Dollar, der gehandelten bonds über 1 Milliarde Dollar betrug,
 sank diese Zahl 1913 auf 83 bzw. 501 Millionen
Dollar.
Inzwischen war der von der republikanischen. Partei
ausgearbeitete Aldrichsche Bankreformplan in die Versenkung
 gefallen. Dagegen wurde am 283. Dezember 1913
das sogenannte Federal Reserve-System Gesetz, das getreu
dem Dezentralisationsprinzip der demokratischen Partei statt
ainer Zentralbank eine Mehrheit von Bundesreservebanken
schaffte, deren Rediskontierungen untereinander die Möglichkeit
 eines Kapitalausgleichs im Sinne eines Zentralbanksystems
 boten, während die Ausgabe bankmäßig gedeckter
Noten, der sogenannten Bundesreservenoten, durch diese
Banken den Notenumlauf im Sinne eines solchen Systems
regelte. Auf diese Weise wurde einerseits ein schroffer
Wechsel gegenüber dem bisherigen völlig dezentralisierten
System vermieden, andererseits keiner einheitlichen Stelle
ein maßgebender Einfluß auf das gesamte Wirtschaftsleben
eingeräumt. Am 16. November 1914 begann der Federal
Reserve Board seine Tätigkeit und übernahm die Zentralleitung
 der ihm nachgeordneten zwölf Bundesreservebanken.
Noch ehe sich irgend welche unmittelbaren Wirkungen
gezeigt hatten, trat eine Belebung des Wirtschaftslebens
ein, da alle Geschäftsleute der festen Überzeugung waren,
daß nun die dauernden finanziellen Krisen aufhören würden,
d. h. eine stabile Entwicklung der Volkswirtschaft. gesichert
 wäre. Dazu kam, daß Wilson in seiner Trustbotschaft
 den Wunsch einer friedlichen Auseinandersetzung
mit den großen industriellen Konzernen ausgesprochen hatte.
Man hoffte ferner, daß zahlreiche Nationalbanken, deren Kapital
 und Reserven 1 Million Dollar überstiegen, die ihnen
durch das Bankgesetz gegebene Möglichkeit, Filialen im
Auslande zu errichten, benutzen und damit den Export
stark fördern würden. Ein wichtiger Faktor war auch die
        <pb n="102" />
        93

bevorstehende Eröffnung des Panamakanals, Endlich hatten
eine Reihe guter Ernten und die jahrelange Zurückhaltung
der spekulativen Elemente das Volksvermögen erheblich vermehrt.
 Am politischen Horizont aber stand nur eine Wolke,
die Differenzen mit dem mexikanischen Diktator Carranza,
die erst im Juli 1916 beseitigt wurden.
Die Vereinigten Staaten waren daher im Jahre 1914 wohl
in der Lage, den Bedarf ihrer industriellen- und Eisenbahngesellschaften
 im eigenen Lande zu decken und ganz allmählich
 den in Anbetracht ihrer wirtschaftlichen Struktur
besonders schwierigen Übergang vom Import- zum Exportkapitalismus
 zu vollziehen. Da brach der Weltkrieg aus und
brachte in wenigen Monaten zuwege, was sonst vielleicht
Jahrzehnte gedauert hätte. Aus einem kapitaleinführenden
Lande wurde ein kapitalausführendes, das Effektendebet
gegenüber der Alten Welt sank rapide. Schon die Kriegsgefahr
 1914 führte zu massenhaften Verkäufen amerikanischer
 Effekten aus europäischem Besitz, so daß die New
Yorker Fondsbörse am 30. Juli 1914 einen seit langen Jahren
nicht mehr erlebten Umsatz (1307000 Stück) hatte.
Bei Kriegsausbruch befanden sich ungefähr 5! bis
6 Milliarden Dollar amerikanischer Effekten in Europa;
davon kamen etwa 31/2 Milliarden auf England, der Rest zu
ungefähr gleichen Teilen auf Deutschland, Holland, Frankreich
 und die Länder von geringerer finanzieller Bedeutung
(Belgien, die Schweiz und Österreich-Ungarn) zusammen. Der
Vorstand der New Yorker Fondsbörse fürchtete nun, daß
die Zahl der schon am 30. Juli getätigten Verkäufe zunehmen,
 und ein enormer Kurssturz, d, h. eine schwere finanzielle
 Krisis und eine weitere Unterwertung der amerikanischen
 Valuta!), eintreten würde, Die New Yorker Effektenbörse
 wurde daher am 2, August bis auf weiteres geschlossen,
 Erst Anfang Dezember, als das Pfund infolge
einer Reihe von finanziellen Transaktionen zwischen England
und den Vereinigten Staaten 4,89 notierte, fand wieder ein
beschränkter Verkehr in Obligationen und Aktien statt. Von
den 565 Aktien der Kursliste durften indessen nur 185
umgesetzt werden, und zwar nur zu vom Börsenvorstand vorgeschriebenen
 Minimalpreisen, deren Beseitigung dann Anfang
 April 1915 erfolgte, Von ausländischen Anleihen
wurden damals nur einige Anleihen von Kuba, Mexiko und
Argentinien gehandelt, eine chinesische Bahnanleihe, eine
Anleihe der Stadt Tokio, vor allem aber die 4 %%ige japa-._

 }) Der Sterlingkurs, der sich in normalen Zeiten um 4,88 bewegt hatte,
stieg Am 28. Juli auf 5, in den ersten August wochen trotz des Börsenschlusases
Auf 7 Dollar
        <pb n="103" />
        34

mische Anleihe ‘und 2 Serien der 4'!/,; %igen japanischen
Tabaksanleihe, Da von diesen japanischen Anleihen größere
Beträge auch in Deutschland untergebracht waren, sandte
dieses so zahlreiche Stücke hiervon an die New Yorker
Fondsbörse, daß dort eigene Kurse für die in Deutschland
gestempelten Stücke notiert wurden,

In den ersten Kriegsmonaten fiel‘: die Ausfuhr um
250 Millionen Dollar, da der Verkauf von Lebensmitteln,
Rohstoffen und Kriegsmaterial an die Entente erst mit dem
Beginn des Jahres 1915 einsetzte, freilich dann gleich so
stark, daß der Ausfuhrüberschuß in den Monaten Januar—
Mai 1915 715 Millionen Dollar betrug, gegen 77 Millionen
Dollar in den gleichen Monaten des Jahres 1914. In der
Zeit vom Januar bis Juli 1915 erhielt die amerikanische Industrie
 für 1!/2 Milliarden Dollar Aufträge, und zwar für
300 Millionen von England, für die gleiche Summe von Rußland,
 für 400 Millionen von Frankreich und für 100 Millionen
von Italien. Infolgedessen betrug der Ausfuhrüberschuß für
die Monate Januar—August 1915 schon 1061 Millionen
Dollar. Da dieser Überschuß nicht, wie in den Jahren vor
dem Kriege, durch Zinszahlungen an die europäischen Besitzer
 amerikanischer Effekten, durch Frachten an europäische
 Reeder und die Touristenausgaben der in Europa.
reisenden Amerikaner aufgezehrt wurde, entstand ein Überschuß
 an Gold und Geld, der im Herbst 1915 eine starke
Börsenhausse!) bewirkte, die indessen keineswegs spekulativ
 war, Denn die ungeheuren Kriegsbestellungen hatten
inzwischen eine Mitte 1915 beginnende industrielle Hochkonjunktur
 geschaffen. Der Auftragsbestand des Stahltrusts
 stieg in dem Jahr vom 1. November 1914 bis 1. Nov.
L915 von 3,3 auf 7,2 Millionen tons.
Präsident Wilson hatte gleich zu Anfang des Krieges
erklärt, daß die Kriegführenden Anleihen in den Vereinigten
Staaten nicht aufnehmen dürften, da ihre Gewährung eine
Verletzung der Neutralität sei, einen Standpunkt, den er
später, als England in finanzielle Schwierigkeiten geriet,
aufgab. Indessen fanden die New Yorker Bankiers Mittel
und Wege, das Verbot zu umgehen. Sie gaben die verlangten
 Kredite gegen Übernahme von kurzfristig laufenden
Noten und Schatzscheinen. In den Vereinigten Staaten
wurden daher in der ersten Hälfte des Jahres 1915 untergebracht:
 -

1) Der Aktienumsatz an der New Yorker Fondsbörse stieg von 46
Millionen Stück 1914 auf 158 Millionen Stück 1915.
        <pb n="104" />
        95

Millionen Dollar
Russische Schatzscheine 25
Französische 1 jährige Schatznoten 10
Französische 5%ige einjährige Anleihe 50
Q5

Dazu kamen 10 Millionen Dollar 5%ige Schatzscheine des
Deutschen Reiches, die vom 1. 4. 1915 bis zum 1. Januar
1916 liefen und zur Valutaregulierung, d. h. zur Errichtung
von Guthaben in New York, emittiert wurden, Weiter
wurden Darlehen an Staaten gewährt, die ihren Geldbedarf
bisher in London und Paris gedeckt hatten. Im Laufe des
Sommers 1915 wurden von den folgenden Staaten Anleihen
in New York aufgenommen:

Kanadische Provinzial- und Munizipal-Anleihe
Argentinische Nationalanleihe auf 3 Jahre
Argentinische 6%ige Bonds auf 5 Jahre .
Bolivianische Anleihe ...... ;
Anleihe der Republik Panama Se
Norwegische Anleihe ....
Schwedische Anleihe .
Schweizer Anleihe

Millionen
Dollar
85,5
15
25
I

J
15
152.5

Ein Teil der Kriegslieferungen wurde freilich mit amerikanischen
 Effekten bezahlt, die in New York verkauft
und in Dollarguthaben umgewandelt wurden. Daß auch
zahlreiche europäische Bankiers und Kapitalisten große
Summen amerikanischer Effekten auf den Markt warfen, um
sich flüssig zu machen oder Dollarguthaben zu erhalten,
liegt auf der Hand. Die Gesamtsumme dieser Effekten
wurde am 1. August 1915 auf 4—B500 Millionen Dollar,
Ende 1915 auf 700—800 Millionen Dollar geschätzt.
Frankreich hatte die guten, in seinem Besitz befindlichen
amerikanischen Aktien und Obligationen schon in den
ersten Monaten des Jahres 1915 abgestoßen. Dagegen
gelang es nicht, die auf Franks lautenden, an der
Pariser Börse notierten, in New York aber nicht gehandelten
Obligationen der Pennsylvania- und anderer großer Eisenbahngesellschaften
 zu verkaufen, Im Juni 1915 wurden
daher ungefähr 8300 Millionen Franks dieser Obligationen bei
dem New Yorker Bankhaus J. P. Morgan &amp;amp; Co. hinterlegt,
das dann dem französischen Staat hierfür ein Guthaben von
40 Millionen Dollar einräumte.
        <pb n="105" />
        36

Erst als sich in England eine starke finanzielle Knappheit
 geltend machte, erlaubte Wilson die Aufnahme von
langfristigen Krediten, so daß es Anfang Oktober - 1915
England und Frankreich gelang, zur Begleichung ihrer dringendsten
 Verpflichtungen aus Kriegslieferungen, besonders
bei dem Bankhaus J. P. Morgan &amp;amp; Co., die sogenannte
5%ige französisch-englische Valuta-Regulierungs-Anleihe in
Höhe von 500 Millionen Dollar unterzubringen (Emissionskurs:
 96). Indessen wurden nur 40 Mill. Dollar hiervon im
Publikum untergebracht !. 280 Mill. Dollar blieben bei
J. P. Morgan &amp;amp; Co., während das Emissionssyndikat auf den
restlichen 180 Millionen Dollar sitzen blieb. Der Mißerfolg
der englisch-französischen Anleihe veranlaßte den englischen
 Minister Mac Kenna, sich Ende des Jahres 1915
an die englischen Großkapitalisten, Trusts und Versicherungsgesellschaften
 mit der Bitte zu wenden, der englischen
 Regierung amerikanische und kanadische Dollareffekten
 zu leihen oder gegen 5%ige fünfjährige Schatzbonds
 zu verkaufen. Der Schatzkanzler erklärte im Parlament,
 daß die von den Sachverständigen eingeforderten
Schätzungen des im englischen Besitz befindlichen Betrages
amerikanischer Effekten zwischen 2 und 4 Milliarden Dollar
schwankten. Er fügte dieser Mitteilung hinzu, daß man
nicht daran denke, diese Effekten zu verkaufen, da dies ein
unfreundlicher Akt gegen die Vereinigten Staaten sei, Sondern
 daß man gegen ihre Verpfändung nur Geld in New York
leihen wolle. Gegen Hinterlegung von 50 Millionen Dollar
erstklassiger amerikanischer Effekte bei. der Bank von
England wurde dann dem englischen Staat ein Akzeptkredit
von 50 Millionen Dollar eingeräumt, der auch seinen Zweck
erfüllte, d. h. ein weiteres Sinken des Wechselkurses verhinderte,


Der Frankreich 1915 eingeräumte Kredit war bald aufgebraucht
 worden, Der französische Staat verkaufte daher
Anfang 1916 an Kuhn, Loeb &amp;amp; Co. für 250 Millionen Franks
4o%ige Obligationen der Southern Pacific-Eisenbahn-Gesellschaft.
 Im Sommer 1916 wurde dann eine 5%ige französische
 Anleihe von 100 Millionen Dollar in‘ New York
abgeschlossen (Emissionskurs für das Publikum: 98) und zwar
re Deponierung von 113,35 Millionen Dollar in folgenden
erten:

1) Zur gleichen Zeit zeichneten die in der Union wohnenden Deutschen
für 25—930 Millionen Dollar deutsche Kriegsanleihe.
        <pb n="106" />
        97

Millionen Dollar
Schwedische Staatsanleihen 8,725
Norwegische Staatsanleihen 3,290
Dänische Staatsanleihen . . 6,380
Schweizerische Staatsanleihen 12,080
Holländische Staatsanleihen . 1,475
Spanische Staatsanleihen ... 12,600
Spanische Eisenbahnobligationen 8, —
Argentinische Staatsanleihen 20,5
Uruguayische Staatsanleihen 3,343
Brasilianische Staatsanleihen 1,181
Ägyptische Staatsanleihen 20,2
Provinz Quebec-Anleihen 0,275
Suezkanal-Aktien .... »7000040000. 11,6
Amerik, Werte von versch. Gesellschaften .... 3,7
113,349

Daneben wurden immer wieder amerikanische Effekten
aus europäischem Privatbesitz auf den Markt geworfert.
Man schätzt ihren Betrag für das Jahr 1916 auf 80 Mill.
Dollar monatlich. Nur die Schweizer Kapitalisten hielten
an diesen fest, die holländischen kauften Sogar noch dazu,
vor allem aus deutschem Besitz. Während sich am
l. April 1914 1285000 Stammaktien des Stahltrusts im
Besitz europäischer Kapitalisten befanden, betrug diese Zahl
am 1. April 1916 nur noch 634 000 Stück. Am 1. Juli 1916
schätzte der Federal Reserve Board die Summen der Anleihen
 und Vorschüsse, die dem Auslande seit Kriegsausbruch
gegeben waren, auf 1 Milliarde Dollar. In Höhe derselben
Summe waren amerikanische Wertpapiere seit Kriegsbeginn
in das Mutterland zurückgeflossen,
Schon zwei Jahre nach Ausbruch des Weltkrieges war
aus Amerika, dem größten Borgerland der Welt, der einzige
 große internationale Geldgeber geworden, China, Kanada
 und die Schweiz, vor allem aber die großen südamerikanischen
 Staaten hatten in New York Anleihen aufgenommen
 und Vorschüsse erhalten. Ihre Gesamtsumme belief
 sich freilich nur auf 300 Millionen Dollar gegen
1800 Millionen Dollar ausgeliehener Gelder an die Kriegführenden,
 War die erste England und Frankreich zusammen
gewährte Anleihe noch ohne Deckung bewilligt worden, so
mußte für die zweite von England im August 1916 aufgeNommene
 Anleihe von 250 Millionen Dollar (5%ige englische
 Noten, die bis zum 1. Dezember 1918 liefen und zu
98 ausgegeben wurden), amerikanische und neutrale Effekten
zum Kurswert von 300 Millionen Dollar hinterlegt werden,
v, Reibnitz, Kapitalswanderungen
        <pb n="107" />
        8

und zwar 100 Millionen Dollar amerikanische Eisenbahn- und
Industrieaktien und bonds, 100 Millionen Dollar kanadische
Regierungsbonds und Aktien, sowie Aktien und Obligationen
der kanadischen Paecific-Eisenbahn, endlich 100 Millionen
Dollar bonds der folgenden Länder: Schweiz, Holland, Norwegen,
 Schweden, Dänemark, Chile und Argentinien, Nur
unter den gleichen Bedingungen konnte England im Oktober
 1916 weitere 300 Millionen Dollar zu 5!/2 % in
New York aufnehmen !), 150 Millionen Dollar hiervon waren
nach drei Jahren, dieselbe Summe nach fünf Jahren fällig.
Die dauernden Bemühungen der Kriegführenden, Anleihen
 in New York unterzubringen, erhielten dann Anfang
November 1916 einen starken Dämpfer, Das Federal Reserve
 Board warnte die Nationalbanken, ihre Reserven
weiterhin in langfristigen oder später zu erneuernden kurzfristigen
 Regierungsanleihen anzulegen, da dies nicht im Interesse
 des Landes liege. Bis zum Eintritt der Vereinigten
Staaten in den Krieg stockte daher die Unterbringung von
Ententeanleihen in New York. Zur Bezahlung der Kriegslieferungen
 ohne Gefährdung des Sterlingkurses wurde aus
diesem Grunde zu anderen Mitteln geschritten. Ende November
 1916 kauften J. P. Morgan &amp;amp; Co. auf Ersuchen des britischen
 Schatzamts für 12,5 Millionen Dollar Aktien der New Orleans
 und North Eastern Eisenbahn von englischen Kapitalisten,
 die dafür 6%ige englische Schatzbonds erhielten.
Nur mit großer Mühe gelang es England, im Januar 1917
eine vierte, ebenfalls wieder 5!/2%ige Anleihe von 250 Mill,
Dollar in‘ den Vereinigten Staaten „unterzubringen. Als
Sicherheit mußten wieder 300 Mill. Dollar hinterlegt werden,
und zwar zur einen Hälfte amerikanische Effekten, kanadische
 Staats- und Kommunalanleihen, Aktien der Kanada-Pacificbahn,
 zur anderen Hälfte Anleihen von Argentinien,
Chile, Kuba, Australien, Ägypten, Japan, Neu-Seeland, Südafrika,
 sowie verschiedene argentinische, kanadische und
englische Bahnwerte.
Anfang November 1916 wurde Wilson wiedergewählt,
ein Ereignis, das zur Befestigung der Börse führte, deren
Tendenz als Folge des großen Eisenbahnerstreiks im September
 1916 zurückhaltend gewesen war. Am 12. Dezember
erfolgte dann das Friedensangebot der Zentralmächte, am
21. Dezember richtete Wilson an sämtliche Kriegführenden
die Bitte, ihre Friedensbedingungen bekannt zu geben. Nachdem
 diese am 12; Januar 1917 ausweichend geantwortet
ı) Gero von Schulze-Gaevernitz, Die englische Kreditpolitik 1914
bis 1921. S. 58 ff.

aa,
        <pb n="108" />
        99

hatten, eröffnete Deutschland Ende Januar 1917 den unbeschränkten
 U-Bootskrieg, Daraufhin brachen die Vereinigten
 Staaten am 3. Februar die diplomatischen Beziehungen
 mit Deutschland ab und erklärten ihm im April 1917
den Krieg,
Da Amerika mit seinem Eintritt in den Weltkrieg die
Finanzierung der Kriegsausgaben der Entente auf eine neue
Basis stellte, wird im folgenden ein Summarischer, von der
National City-Bank veröffentlichter Überblick über die vom
August 1914 bis zum April 1917 von den Vereinigten
Staaten der übrigen Welt gewährten kurz- und langfristigen
Kredite gegeben.

Großbritannien $ 1131 400 000
Frankreich . „736700 000
Rußland. . 148 500 000
Italien .. 25 000 000
Deutschland _ 20 000 000
Kanada . . 334 999 878
Neufundlangd 5 000 000
Südamerika „160267 375
Asien... er 9 000 000
Neutrale europäische Staaten ... „395.000 000
$ 2605 867 2538
hiervon eingelöst_ . 229 271 375
$ 2376 595 878

Der Rückfluß amerikanischer Eisenbahnpapiere aus
Europa in der Zeit vom Januar 1915 bis zum Januar 1917
wurde von dem Generaldirektor der Delaware &amp;amp; Hudson
Gesellschaft J. J. Loree auf 1518 Millionen Dollar beziffert.
Nach seiner Schätzung war der ausländische Besitz an
amerikanischen Eisenbahnpapieren in diesen zwei Jahren
von 2704 Millionen Dollar auf 1186 Millionen Dollar gesunken.
Der Gesamtwert aller in der Zeit vom 1. August 1914 bis
1. März 1917 in die Vereinigten Staaten zurückgeströmten
amerikanischen Effekten wurde von der National City-Bank
auf 1800 Millionen Dollar geschätzt, während die gleiche Bank
den Nettogoldimport in diesen zwei Jahren auf 1 Milliarde
Dollar, die dem Auslande gewährten Darlehen auf 2376 Millionen
 Dollar bezifferte. Zusammengerechnet ergibt das
5176 Millionen Dollar, eine Summe, die ungefähr dem Ausfuhrüberschuß
 der Union vom 1. Juli 1914 bis zum 1. März
1917 entspricht (5763 Millionen Dollar).
        <pb n="109" />
        3}

iA

de.
April 1917 — November 1918 (Waffenstillstand).

Die Vorteile, die Nordamerika schon Anfang 1917 aus
dem Weltkrieg gezogen hatte, waren ganz ungeheure, Fern
vom Weltbrand und seinen Schauplätzen hatte es keinerlei
Verluste an Menschen, Land und Produktionsstätten und gelangte
 infolge der Kriegslieferungen und der Abnahme der
Verschuldung an Europa zu einer so starken aktiven Handelsund
 Zahlungsbilanz, daß sich sein Volksvermögen erheblich
vermehrte, und der Übergang vom Importkapitalismus zum
Exportkapitalismus leicht und schnell vor sich ging, Mit Aufrichtung
 der effektenkapitalistischen Herrschgewalt am
Stillen Ozean, d. h. in Südamerika und Ostasien, steigerte
es seinen Import in diese Länder, in denen die Konkurrenz
Deutschlands vernichtet, die Englands stark zurückgedrängt
wurde. Dazu wurden die Vereinigten Staaten wenigstens
im Kriege und im ersten Jahre nachher die alleinigen Geldgeber
 der ganzen Welt, deren finanzielles Zentrum, freilich
nur zeitweise, von London nach New York rutschte,
Wenn Amerika trotzdem in den Krieg trat, so spielen
dabei mannigfache politische, völkerpsychologische und wirtschaftliche
 Faktoren eine Rolle. Um im Rahmen des Themas
zu bleiben, erwähne ich nur die letzteren, Die Vereinigten
Staaten hatten durch die starke Kreditgewährung an die
Entente ein Risiko übernommen, aus dem sie nur die vollständige
 Besiegung Deutschlands befreien konnte; der wirtschaftliche
 Beweggrund für ihren Eintritt in den Krieg
war die Notwendigkeit, die Forderungen an die Entente zu
sichern. Deshalb koppelte es nach diesem Eintritt die
eigenen Finanzen mit denen der Allierten eng zusammen.
Während bis dahin das Bankhaus J. P. Morgan &amp;amp; Co. die
finanziellen Angelegenheiten der Entente selbständig geregelt
 hatte, freilich im engsten Einvernehmen mit der
Zentralgewalt in Washington, nahm die amerikanische Regierung
 nunmehr die Aufbringung des Geldbedarfs für die
Entente selbst in die Hand, d. h. gab ihr die für die Kriegführung
 erforderlichen Vorschüsse. Obgleich es unmöglich
yewesen wäre, damals noch irgendwelche Anleihen der
Alliierten beim amerikanischen Publikum zu plazieren,
brachte die Regierung es dann mit Leichtigkeit fertig, große
Summen ihrer eigenen Anleihen im Lande unterzubringen,
Die im Sommer 1917 aufgelegte, sogenannte Freiheitsanleihe
 (Liberty Loan of Peace), die man auf 2 Milliarden
Dollar festgesetzt hatte, wurde trotz des geringen Zinsfußes
 von 31/2 % mit 3055 Millionen Dollar überzeichnet,
        <pb n="110" />
        101

in der Hauptsache freilich von den Banken und der Industrie.
 Von dieser Summe wurden 1300 Millionen Dollar
als Vorschüsse an die Alliierten gezahlt, denen der Kongreß
einen Gesamtkredit von 10 Milliarden Dollar bewilligt hatte,
Auch finanziell betrachtet bedeutete der Eintritt Amerikas
in den Krieg eine große Erleichterung für die Alliierten, die
nun nicht mehr Darlehen zu 51/2 % gegen Verpfändung von
Effekten aufnehmen mußten, sondern billigere Vorschüsse erhielten,
 zuerst zu 31/2 %, entsprechend dem Zinssatz der
Freiheitsanleihe, später als das Schatzamt in Washington
4'/,%ige Schatzanweisungen ausgab, zu 5%, Die im Oktober
 1917 zu 4 % aufgelegte sogenannte Siegesanleihe (Vietory
 Loan) brachte 4,6 Milliarden Dollar.
Während die New Yorker Fondsbörse nach der Vereitelung
 aller Friedenshoffnungen, vor allem aber nach dem
Eintritt Amerikas in den Krieg infolge der hierdurch gesicherten
 industriellen Hochkonjunktur in ununterbrochener
Haussestimmung schwelgte, kam es im November 1917 zu
einem Rückschlag. Von den zunächst angesetzten fünf Millionen
 Männern waren inzwischen zwei Millionen eingezogen
worden, so daß ein empfindlicher Arbeitermangel eintrat, der
zu einer Lohnsteigerung und damit zu einer allgemeinen
Teuerung führte, Dazu kamen die hohen Kriegssteuern und
die Möglichkeit eines nahen Kriegsendes, da Rußland die
Waffen niedergelegt hatte. ;
Betrug die Anleiheschuld der Alliierten an die Vereinigten
 Staaten bei dem Eintritt der letzteren in den Krieg
2152 Millionen Dollar, so stieg diese Summe Ende 1917
auf 4046, Ende 1918 auf 8586 Millionen Dollar und zwar
schuldeten in Effektenform:
Millionen Dollar Millionen Dollar
Ende 1917 Ende 1918
2045 4176
1285 2436
500 1310
7 253
4 12
325 325
— 7
7
— 40
4236 S566

Eine weitere Milliarde Dollar wurde dann den Alliierten
zur Liquidierung des Krieges und zum Wiederaufbau bewilliet.
        <pb n="111" />
        102

Darlehnsschulden der Alliierten. in Millionen Dollar:
1. Dezember 1919 1. Dezember 1920
4277 4197
3048 2956
343 349
55 60
48 10
1620 1631
25 28
187 187
27 26
9630 9439

Frankreich
England
Belgien.
Tschechoslowakei
Griechenland
[talien
Rumänien
Rußland
Serbien

Die vom Kongreß als Maximum festgesetzte Summe
von zehn Milliarden Dollar, die den Alliierten als Darlehen
yewährt werden durften, war damit erreicht bzw. überschritten,
 wenn man die Zins- und Zinseszinsen dazu rechnet,
die von den Alliierten nicht bezahlt, sondern ihrem Konto
zugeschrieben wurden.

November 1918 bis Ende 1924 (Dawesanleihe).
Im November 1918, nach dem Waffenstillstand, gingen
die in Amerika untergebrachten Kriegsanleihen der Entente
durch‘ große Verkäufe amerikanischer Kapitalisten dauernd
zurück. Die englisch-französische Kriegsanleihe sank auf
93, Dagegen kauften amerikanische Kapitalisten von Ende
1918 ab große Posten deutscher Stadt- und Kriegsanleihen,
bis die Bewegung abflaute, als der Kapp-Putsch im März
1920 Amerika bezüglich der politischen Gesundung Deutschlands
 mißtrauisch machte, und die Flut der neuen Emissionen
deutscher Kommunalanleihen den Glauben der Amerikaner
an die gute Finanzverwaltung der deutschen Städte erschütterte.
 Da an der New Yorker Fondsbörse nur Dollarwerte
 gehandelt wurden, kamen die deutschen .‚Städte-?)
und Kriegsanleihen auf dem Straßenmarkt (curb) zum Umsatz.
 Auch in Chicago, Milwaukee und St. Louis fand. ein
solcher Handel statt. Nach einer Angabe der New York
Times sind damals für hundert Millionen Dollar deutsche
Effekten in Amerika abgesetzt worden. Da die Gesamtausfuhr
 von Amerika nach Deutschland vom November 1918
(Waffenstillstand) bis zum März 1920 (Kapp-Putsch) 147 Mill.

A

!) Es handelt sich hauptsächlich um Anleihen der Städte Berlin,
Essen, Frankfurt a. M., Hamburg, Köln, Leipzig, Mannheim, Stuttgart.
        <pb n="112" />
        103

Dollar, die deutsche Einfuhr in die Union dagegen nur
26 Millionen Dollar betrug, ergab sich hieraus für Deutschland
 ein Debet von 121 Millionen Dollar, das wohl in der
Hauptsache durch die genannten Effekten bezahlt wurde.
Nachdem die amerikanischen Banken und Kapitalisten
insgesamt für ungefähr 25 Milliarden Dollar heimische und
fremde Staatsanleihen aufgenommen hatten — 10 Milliarden
davon waren an die Alliierten gegangen — ferner für
mehrere Milliarden Dollar amerikanische Effekten aus europäischem
 Besitz zurückgekauft hatten!), und endlich eine
weitere Anzahl von Milliarden Dollar von amerikanischen
Bankiers und Kaufleuten als Kredite an europäische Kunden
gegeben waren, trat die amerikanische Wirtschaft im Laufe
des Jahres 1919 selbst mit großen Ansprüchen an den heimischen.
 Kapitalmarkt, Die amerikanische Industrie mußte
sich nicht nur auf den Frieden, sondern auf einen vermehrten
Absatz im In- und Auslande umstellen, da viele infolge des
Krieges nicht gedeckte Bedürfnisse Befriedigung verlangten,
Es setzte daher eine zunehmende Geldknappheit ein, die
dazu führte, daß große Posten heimischer und ausländischer
Kriegsanleihen auf den Markt geworfen wurden. Die Freiheitsanleihe
 sank im März 1920 auf 90, im Monat darauf
sogar auf 82, trotzdem die Regierung 1!/, Milliarden Dollar
zur Unterstützung des Kurses verwandte, Die Abneigung
der amerikanischen Banken, weitere Darlehen an die Allijerten
 zu geben, wuchs daher von Monat zu Monat, um
so mehr, da eine Plazierung weiterer europäischer Anleihen
 in der amerikanischen Kapitalistenwelt völlig ausge-Schlossen
 war. Diese hatten nämlich inzwischen genügend
Möglichkeiten, ihr Geld im eigenen Lande sicher und zu
gutem Zinsfuß anzulegen. Gab doch das Schatzamt im
Juni 1920 zu Pari eine kurzfristige Anleihe von 400 Mill.
Dollar aus, und zwar zu 6%, ein Zinsfuß für Regierungsanleihen,
 wie er seit dem Sezessionskrieg nicht mehr dagewesen
 war, Die Pennsylvania-Bahn aber emittierte zu 71/2 Yo,
um nur ein Beispiel zu nennen, 50 Millionen Dollar auf zehn
Jahre laufende bonds, die durch erstklassige Pfandobjekte
gedeckt waren. Eine Ausnahme von dieser Ausfuhrsperre
amerikanischen Kapitals wurde nur aus politischen Gründen
gemacht. Im März 1920 erhielt Polen 50 Millionen Dollar,
und zwar auf Befürwortung des State Denartments in

1) Der Prozentsatz der im ausländischen Besitz befindlichen common
shares des Stahltrusts sank von 25,3 am 11. IV. 1914 auf 9,5 Ende 1918 und
7,3 Ende 1919. Max Schippel, Amerikas Wirtschafts. und Finanzlage
und die Wiederaufrichtung Europas.
        <pb n="113" />
        104

Washington, das diesen Staat als Bollwerk gegen den Bolschewismus
 stützen wollte.
Inzwischen begann Europa selbst wieder zu produzieren
und wurde hierdurch und infolge der niedrigen Wechselkurse
 in immer geringerem Maße Abnehmer der amerikanischen
 Waren; ja es machte sogar den Vereinigten
Staaten in Südamerika und Ostasien starke Konkurrenz,
Die hohe Bewertung des Dollars schaltete den amerikanischen
 Wettbewerb auf dem Weltmarkt zeitweise völlig
aus. Im Sommer 1920 entstand daher eine Absatzkrisis ın
der Union, die ungefähr ein Jahr dauerte, Der Auftragsbestand
 des Stahltrusts, dessen Zahlen der untrügliche Barometer
 des amerikanischen Wirtschaftslebens sind, ging
anorm zurück:

Januar
Februar
März
April

in Millionen tons
1920 1921
9,3 7,6
9,5 6,4
10 6,3
10.4 5,8

Im August 1921 betrug die Zahl der Arbeitslosen nach der
Angabe des Arbeitsministeriums 5,7 Millionen, Im letzten
Halbjahr 1921 trat dann eine leichte Erholung ein, Anfang
 1922 begann sich die Konjunktur nach der Annahme
aines neuen Schutzzolltarifs, des Fordneytarifs, am 21. September
 1922 zu bessern, und zwar in solchem Maße, daß
man am Ende des Jahres glaubte, die Krisis sei völlig überwunden!).
 Das Jahr 1923 stand zwar nicht im Zeichen der
Hochkonjunktur, wohl aber wies das gesamte Wirtschaftsleben
 eine in jeder Beziehung ansteigende Kurve auf, die
sich indessen im Frühjahr 1924 wieder senkte. Der Auftragsbestand
 des Stahltrusts, der am 1. Mai 1923 7,2 Mill.
tons betrug, fiel auf 4,2 Millionen tons am 1. Mai 1924.
Es bewahrheitete sich wieder einmal die alte Erfahrung, daß
in jedem Jahre, in dem ein Präsident gewählt wird, eine
mehr oder weniger starke wirtschaftliche Depression eintritt.
 Für die im Frühjahr 1924 beginnende war aber nicht
nur der psychologische Faktor maßgebend; die Abflauung
der Wirtschaftskonjunktur war vielmehr vor allem in der
Tatsache begründet, daß die im Kriege enorm erweiterte
1) Tägliches Geld (call money)
April 1920 9%
„ 1921 7%
„ 1922 4%
Die Börsenumsätze waren im Jahre 1922 größer als in den beiden
vorhergehenden Jahren.
        <pb n="114" />
        105

Produktionskraft der Vereinigten Staaten weit größer war
als die Konsumkraft des inländischen und auch des ausländischen
 Marktes. Das wirtschaftliche Gleichgewicht war
durch die Überproduktion des Jahres 1923 und des ersten
Quartals 1924 gestört und mußte erst durch eine erhebliche
 Produktionseinschränkung wiederhergestellt werden.
Infolge des Darniederliegens der Wirtschaft hatte die
Industrie in den Jahren 1921 und 1922 weniger Ansprüche
an den amerikanischen Kapitalmarkt gestellt, so daß die
Summe der Emissionen fremder Anleihen wieder zunahm
und von 576 Millionen 1920 auf 626 Millionen Dollar 1921
und 870 Millionen Dollar 1922 stieg, In dem wirtschaftlich
besseren Jahr 1923 sank dann diese Summe auf 393 Mill.
Dollar, Da auch die heimische Industrie wenig Ansprüche
an den Kapitalmarkt stellte, war dieser im Herbst 1924 so
flüssig, daß er mit Leichtigkeit die auf Amerika fallenden
110 Millionen Dollar der 7 %igen Dawesanleihe (German
external loan 1924) aufnahm, Ein New Yorker Bankenkonsortium
 unter der Führung von J. P. Morgan &amp;amp; Co.
erhielt die Emission, Die Nachfrage der Kapitalisten war
viel größer als man angenommen hatte, eine Folge der
guten Verzinsung der Anleihe, ihrer Unkündbarkeit während
der 25 jährigen Laufzeit und vor allem des zunehmenden
Vertrauens zu Deutschlands gutem Willen und Kräften. Eine
Stunde nachdem die Schalter der an der Emission beteiligten
 Banken für die Zeichner geöffnet waren, mußten sie
wegen Überzeichnung der Anleihe geschlossen werden,
Die wirtschaftliche Stagnation der ersten Hälfte des
Jahres 1924 wurde im Laufe des Hochsommers überwunden.
Die gute Ernte machte die Landwirtschaft über Erwarten
kaufkräftig und ermöglichte es ihr, alte Verpflichtungen
abzustoßen und sich liquide zu machen. Auch die industrielle
 Konjunktur besserte sich von Monat zu Monat, besonders
 im letzten Vierteljahr 1924. Die schwere Krisis
des Jahres 1921 war endgültig überwunden. Die New Yorker
Fondsbörse escomptierte den Glauben an eine industrielle
Hochkonjunktur 1925, indem sie die Kurse vom Juli 1924 an,
vor allem nach der Wahl von Coolidge Anfang November
1924 ständig in die Höhe setzte.
Das Folgende ist eine von dem deutschen Finanzsachverständigen
 Dr. Ludwig Bendix in New York gemachte
Zusammenstellung der in- und ausländischen Emissionen der
Union in den letzten sechs Jahren:
        <pb n="115" />
        LOG

Das amerikanische Emissionsgeschäft 1919 bis 1924 in Millionen
ollar.
1919 1920 1921 1922 1923 1924
Insgesamt 4286,2 4010,0 4203,8 5244,9 4986,5 68327,1
Hiervon:
Neues
Kapital 3 588,4 3 634,8 3 576,7 4 313,4 4303,4 5 569,7
Refundierungen
 697,8 375,2 627,1 931,5 683,1 757,4
Davon entfallen auf:
Kanada .
Insgesamt 93,6 53,3 76,0 206,1 49,4 277,2
Neues Kapital 18,6 45,8 - 76,0 99,0 26,3 187,2
Refundierungen 75 7,5 — 107,1 23,1 90,0

Fremdländische Emissionen i,e. 5.
1919 1920 1921 1922 1923 1924
Insgesamt 439,7 291,0 379,3 431,3 242,8 980,5
Neues Kapital 266,6 191,0 329,3 416,3 186,8 804,5
Refundierungen 173,1 100.0 50,0 15,0 56,0 176,0
Die Gliederung der fremdländischen Emissionen ie. S.
nach Ländergruppen und Kreditnehmern ist in der nachstehenden
 Tabelle veranschaulicht:

Gliederung der fremdländischen Emissionen
ie. S. 1924

Sad “3
un! apan
Europa 7ontral- einschl.
amerika ‚Manila.
(in Millionen Dollar)
Staats- und Länder-Anleihen 466,2 122,3 150,0
Städte-Anleihen ; 17,0 17° —
Industrie-Anleihen 23,0 37,0
Eisenbahn- und Schiffahrts- 65,0 —
Gemeinnützige Betriebs-Anleihen 5,4 __ 0,5
576,6 216,4 187,5
Refundierungen 40,0 70,0 66,0
Neuinvestierung 536,6 146,4 121,5
Europa steht mit einem Betrage von 536,6 Millionen
Dollar an der Spitze. Hiervon entfallen allein 210 Millionen
Dollar auf die von Deutschland und Frankreich herausgebrachten
 großen Regierungsanleihen,
Der Effektenkredit der Vereinigten Staaten gegenüber
der übrigen Welt betrug nach dem Bureau of Foreign

=.
        <pb n="116" />
        +7

x 4 .
x
Dur Cs
he LM

and Domestic Commerce of the Department of Commerce
am 1. Januar 1924 18578 Millionen Dollar und verteilte
sich wie folgt:

%

A

Länder

Staatsanleihen

Aktien und Obligationen
 industr.
Gesellschaften
(in Millionen Dollar)
1750
1250
1000
100

Zusammen

Kanada
Kuba
Mexiko
Zentralamerika und
Westindien
Südamerika
Asien
Europa

750
110
22
48

2500
1360
1022
? 48

430 800 1230
190 250 440
950 350 1300
2500 5500 2000

Hierzu kommen 10578 Millionen Dollar Guthaben der
amerikanischen Regierung gegenüber den Alliierten, die
mittelbare Effektenform haben, da die in dieser Höhe gewährten
 Kredite durch Ausgabe amerikanischer Staatsanleihen
 (Gesamtbetrag 1924 21178 Millionen Dollar) in der
Union aufgebracht worden sind.
Das Effektendebet der Vereinigten Staaten gegenüber
der übrigen Welt betrug nach einer Schätzung der New
York World am 1. Januar 1924 ungefähr 3000 Millionen
Dollar. Die Höhe dieser Summe wird damit erklärt, daß
zahlreiche Kapitalisten, besonders europäische, aus Furcht
vor Steuern und Vermögensabgaben gerade in den letzten
Jahren viel amerikanische Effekten gekauft haben.
Die vielen seit der Annahme des Dawesplanes der deutschen
 Wirtschaft von den Vereinigten Staaten gewährten
kurzfristigen Kredite, d. h. solche mit längstens einjähriger
Laufzeit, die auf 100 Millionen Dollar geschätzt werden,
hier zu erörtern, würde aus dem Rahmen des Themas fallen,
das nur den Ef fektenkapitalismus der Union behandelt.
Indessen seien die hauptsächlichsten hier erwähnt:

Deutsche Reichsbahn. ....... .
Verband der bayrischen Industriellen. .
Deutsche Zuckerindustrie .......
Deutsches Kalisyndikat. ...... .
Rheinisch-Westfälisches Kohlensyndikat .
Stadt Bremen ....
Stadt Berlin

15
30
6,5
6

Mill. Dollar

Jı

Ff
        <pb n="117" />
        LO8

In Effektenform, das heißt durch Übernahme von Anleihen
 und Obligationen, gewährten amerikanische Banken
und Bankiers in der Zeit vom Dawes-Abkommen bis zum
l. Dezember 1925 Kredite an die folgenden deutschen
Länder, Kommunen und Erwerbsgesellschaften:
ı, An Länder:
Bayern ... 2 nn  HH®
Bremen . .
Hessen -
Oldenburg

2. Kommunen:
Berlin... . 4.
München. ....0.0.00.. 4
Württembergische Kommunen
Düsseldorf . .. 0.0.0.0...
Die Kreise des Saargebiets -
Badische Kommunen .. ..-.
Saarbrücken . ....
Heidelbers

15
8,7 »”„
8,8
6
4
3° a
11/ 2 »
3 Gemeinwirtschaftliche Erwerbsgesellschaften:

Deutsche Rentenbank-Kreditanstalt . . . 25
Sächsische Werke ......-.-.--.. 15
Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerke 10
Raiffeisenbank . . . - 10
Elektrowerke ... - , MT:
Rhein-Main-Donau A.-G. .... 6
Hamburger Elektrizitätswerke . . . - 4
4 PrivatwirtschaftlicheErwerbsresellschaften:

Thyssen &amp;amp; Co. A.-G. +. 0.00000000404
Friedrich Krupp A.-G. +. 0.0.0040 4
Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft .
Siemens &amp;amp; Halske A.-G. . . + +04
Hanielsche Handelsgesellschaft m.b.H. .
Rudolph Karstadt AG 00 »„ „
Der Zinsfuß der genannten Anleihen und Obligationen
beträgt in der Regel 7%, docn liegt der Emissionskurs
meistens so weit unter pari, daß sich eine tatsächliche Verzinsung
 von 7!/: % ergibt.
Außerdem wurden 40 Millionen Reichsmark Aktien der
Deutschen Bank und 6,25 Millionen Reichsmark Aktien der
Deutsch-Atlantischen Telegraphengesellschaft in New York
antergebracht.
        <pb n="118" />
        109

Schluß.

Die Zukunft des internationalen Effektenkapitalismus
 der Vereinigten Staaten.

1. Die weltpolitische und weltwirtschaftliche Umbildung
des Erdballs.

In den Materialien zur Geschichte der Farbenlehre
(Zwischenbetrachtung hinter dem Abschnitt über Paracelsus
 und die Alchimisten) sagt Goethe:
„Nichts brachte eine größere Wirkung auf den
menschlichen Geist hervor, als die Lehre des Kopernikus
(1530), die Erde sei nicht mehr Mittelpunkt des Weltalls,
 sondern ein mittlerer Planet.“
Jahrhunderte sind vergangen, ehe man sich mit dieser
veränderten Lage abgefunden hatte. Einem ähnlichen Umdenkungsprozeß
 unterliegt heute Europa auf weltpolitischem
und weltwirtschaftlichem Gebiet. Nur leben wir schneller
und intensiver als vor vierhundert Jahren, aber einige Jahrzehnte
 wird es wohl dauern, bis die Erkenntnis von der
durch den Weltkrieg herbeigeführten Umformung des Erdballs
 bis in den letzten Winkel Europas gedrungen ist.
Das wirtschaftliche und politische Schwergewicht des
Universums ist während des großen Ringens langsam, aber
sicher von der Alten auf die Neue Welt geglitten. England
ist wirtschaftlich um Jahrzehnte zurückgeworfen und weist
ein Millionenheer von Arbeitslosen auf ; das Band mit seinen
großen Kolonien ist immer lockerer geworden, ja man kann
sagen, die einzige dauerhafte Verbindung mit ihnen liegt
in der weiteren Deckung ihres Kapitalbedarfs in London,
Rußland ist aus einem Lande, das alljährlich große Mengen
von Nahrungsmitteln und Rohstoffen ausführte, eine in
sich politisch und wirtschaftlich schwer ringende Autarkie
geworden, Frankreich, einst der Bankier der Welt, ist ebenso
arm geworden wie Deutschland, das vor dem Kriege ungefähr
 30 Milliarden Mark im Ausland investiert hatte, jetzt
aber auf Auslandskredite angewiesen ist, Der ganze europäische
 Kontinent befindet sich in Stagnation und wird
        <pb n="119" />
        110

erst als „Vereinigte Staaten von Europa“ wieder lebendig
werden, Japan, vor dem Kriege eines der verschuldetsten
Länder der Welt, ist durch Kriegslieferungen fast schuldenfrei
 geworden, konnte im Weltkriege Geld an England und
Rußland leihen, und schon im Jahre 1916 in sechs Monaten
für 50 Millionen Dollar amerikanische Effekten kaufen; es
ist ein gut Stück auf dem Wege der wirtschaftlichen und
politischen Durchdringung Chinas vorwärts gekommen. Der
neue weltwirtschaftliche Weltteil Panasien ist im Werden,
lie neue Autarkie Panamerika ist vollendet.
Die ökonomische Metamorphose der Welt geht am
besten aus den folgenden Zahlen hervor:

Die Volksvermögender verschiedenen Länder
nach einer Zusammenstellung der National City Bank).
in Milliarden Dollar
1872 1890 1912 1920
Vereinigte Staaten . 30 65 186,3 320,8
Großbritannien . . - 40 53,4 72,3 88,8
Frankreich. . .... 383 43,8 57,1 67,7
Deutschland) .... 38 49,5 75 35,7

In den 52 Jahren seit dem deutsch-französischen Krieg
hat sich das Volksvermögen der Vereinigten Staaten verzehnfacht,
 das Englands und Frankreichs verdoppelt, das
Deutschlands ist etwas gesunken. 1870 stand die Union
an letzter Stelle unter den vier damals reichsten Ländern,
heute ist sie an die weitaus erste Stelle gerückt.
Der starke Kapitalschwund in den kriegführenden Län-Jjern
 Europas, die Kapitalanhäufung in den Vereinigten
Staaten und den neutral gebliebenen oder in die Kriegswirren
kaum hineingezogenen Länder hat aber auch die Weltpro-Juktion
 und den Welthandel von Grund auf gewandelt
Früher war Europa der Hauptverarbeiter aller Rohstoffe
der Welt, heute machen ihm darin nicht nur die Vereinigten
 Staaten und Südamerika, sondern auch Kanda, China
and Japan Konkurrenz. So hat sich auch der Stand des
Welthandels wesentlich verändert.

1) Die Zahlen für Deutschland beruhen auf den Schätzungen des
verstorbenen. Staatsministers Karl Helfferich.
        <pb n="120" />
        111

Prozentsatzdes Außenhandels von 20 Staaten
1913 und 1921
1913 1921

1921
in %
v.1913
21,62 23,08 107
13,54 22,14 164
9,35 10,63 114
15,72 6,07 39
3,55 4,57 129
2,15 4,37 204
4,37 4,17 96
5,05 4,05 80
8,37 3,84 43
3,10 3,02 97

Großbritannien. .
Vereinigte Staaten
Frankreich ..
Deutschland
Kanada . .
Japan... .
Britisch Indien
Belgien...
Niederlande . .
Argentinien +.
10 weitere Länder, deren Anteil 1921
weniger als je 3 % betruz” ...

12,68 14,06 112
100.00 100.00

Die Umschichtungen innerhalb des Weltvermögens
haben auch zu starken Verschiebungen auf dem Weltkapitalmarkt
 geführt. Die Vereiniyten Staaten sind aus einem
an Europa stark verschuldeten Land der größte Gläubigerstaat
 der Erde geworden, dessen Kreditsaldo gegenüber der
übrigen Welt auf 20 Milliarden Dollar geschätzt wird, d. h.
2 Milliarden mehr als dieser Saldo Englands. Einerseits ist
durch den Weltkrieg, vor allem durch die Unterzeichnung
des Versailler Friedensvertrages, die politische und ökonomische
 Verflechtung der Union mit den übrigen. Ländern
immer enger geworden, so daß die Monroedoktrin nur auf
dem Papier steht, andererseits setzt sie alles daran, um sich
durch die zunehmende zollpolitische Abschließung und die
Beschränkung der Einwanderung 3) als Autarkie zu konsolidieren,
 Die Vereinigten Staaten würden daher denjenigen
Teil ihrer jährlichen, von Hirsch auf 6—7 Milliarden Dollar
geschätzten, Ersparnisse, den sie Jetzt ausführen, im Lande
selbst verwenden, wären sie nicht als größtes Exportland
der Welt, das 25 % des Weizens, 45% des Eisens, 50 %
der Kohle, 60 % des Erdöls und Kupfers, 70 % der Baum-})

 Commerce Reports 22. Mai 1922, S. 504. N
°) Australien, Schweiz, Dänemark, Schweden, Brasilien, Ägypten,
Neuseeland, Südafrikan. Union, Finnland. Uruguay.
3) Einwanderungsbeschränkung:
1921 40% der letzten zehn Jahre vor dem Krieg.
1924 20% ”„ »» 2» 2, »„ ” 22
Hermann A. L. Lufft, Das Einwanderungsproblem
einigten Staaten. Weltwirtschaftl. Archiv, Bd. 20. 8. 6235.
        <pb n="121" />
        112

wolle und 80 % der Automobile der Erde produziert, gezwungen,
 den Kapitalexport als Schrittmacher des Ausfuhrhandels
 zu benutzen. Dazu kommt, daß die durch die Kriegslieferungen
 stark gewachsene industrielle Produktionskraft
die heimische Konsumkraft weit übersteigt, so daß auch
die Industrie auf die Kapitalausfuhr als Basis ihres Absatzes
 angewiesen ist.

2, Voraussetzungen und Wirkungen des derzeitigen internationalen
Eifektenkapitalismus der Vereinigten Staaten.
Um dem internationalen Effektenkapitalismus der Vereinigten
 Staaten das Horoskop zu stellen, müssen wir seine
Voraussetzungen und Wirkungen in der durch den Weltkrieg
 anders gestalteten wirtschaftlichen und politischen
Struktur des Erdballs betrachten. Die Ursachen der Kapitalwanderungen
 in Effektenform mit dem Axiom „das Kapital
 strebt immer nach den Orten des höchsten Zinses‘““
abzutun ist in dem komplizierten Gebilde der Weltwirtschaft
schon deshalb nicht möglich, weil für alle nicht zufälligen
Kapitalbewegungen in Effektenform gewisse Vorbedingungen
 erfüllt sein müssen:!) eine gewisse Gleichmäßigkeit
der inner- und außerpolitischen Atmosphäre sowohl des
kapitalgebenden wie auch des kapitalnehmenden Landes,
genügende Ersparnisse der Volkswirtschaft, ein gut funktionierendes
 Bank- und Börsenwesen und eine geschickt arbeitende
 Propaganda für den Absatz ausländischer Wertpapiere,
 Erst wenn diese Voraussetzungen erfolgt sind,
spielt die Höhe des Zinssatzes eine Rolle, -
Die Stetigkeit der innen- und außenpolitischen Entwicklung
 der Union ist vor allem durch vier Momente bedroht, den
Zusammenschluß der Landwirte gegen den immer mächtiger
werdenden Komplex der Banken und industriellen Konzerne,
die Arbeiterbewegung, die Negerfrage und die drohende kriegerische
 Auseinandersetzung mit Japan. Die von La Follette
geführte Farmerbewegung, die sich mehr und mehr radikalisiert,
 hat bei der Präsidentenwahl 1924 4,7 Millionen
Stimmen von insgesamt 29,1 Millionen erhalten. Während
vor dem Kriege die Landwirtschaft konservativ, die Industrie
progressiv war, ist es jetzt umgekehrt. Trotzdem der in
der Landwirtschaft beschäftigte Teil der amerikanischen
Bevölkerung in dem Jahrzehnt 1910—1920 um 7 % zurückging,
 ist die Landwirtschaft, am Wert der Erzeugnisse gemessen,
 immer noch der größte Erwerbszweig des Landes,

. 1) Alfred Lansburgh, Der internationale Kapitalmarkt im Kriege
und nach dem Kriege. S. 11 ff.
        <pb n="122" />
        113

Inzwischen hat sich aber, insbesondere im Süden, ein lähdliches
 Proletariat gebildet, d. h. es leben dort ungefähr
700 000 kleine Pächter, die jährlich 450—600 Dollar verdienen
 und hiervon ein Drittel, teilweise sogar die Hälfte als
Pachtzins an die Eigentümer abgeben. Die politisch immer
stärker werdende Bewegung der Landwirtschaft, der sich
ein Teil der Arbeiter angeschlossen hat, ist für die Verstaatlichung
 der Eisenbahnen und gegen die weitere Ausbreitung
 der Exportindustrie; sie will das in ihrem Interesse
ausgeführte Kapital für die Intensivierung der Landwirtschaft
 verwendet wissen.
Eine andere Wolke am innerpolitischen Himmel der
Vereinigten Staaten ist die ebenfalls immer radikaler werdende
 Arbeiterbewegung. Der vor kurzem verstorbene amerikanische
 Gewerkschaftsführer Samuel Gompers, Präsident
der 4,5 Millionen Mitglieder zählenden American Federation
of Labor, hat es jahrzehntelang verstanden, dieser Bewegung
 jedes politische Moment fernzuhalten. Das war
nicht schwer, so lange vor dem Kriege die Aufstiegsmöglichkeiten
 für jeden tüchtigen Arbeiter die Lohnarbeit zum
Durchgangsstadium für ihn machten, Heute ist der größte
Teil der Arbeiterschaft dem Großunternehmertum lebens-Jänglich
 dienstbar, so daß die Bestrebungen Eingewanderter,
besonders aus Rußland, sie im revolutionär-marxistischen
Sinne zu organisieren, einen breiten Resonanzboden finden,
und die Erfüllung des Wortes, das einst Bismarck zu Karl
Schurz sagte, vielleicht nicht allzufern ist: „Die Probe
auf die demokratischen Prinzipien Amerikas wird kommen,
wenn — was unausbleiblich ist — in Amerika der große
Kampf zwischen Arm und Reich angehen wird.“ Zu den
innerpolitischen Sorgen der amerikanischen Regierung gehört
 auch die zunehmende Ausbreitung der bolschewistischen
Lehre unter den Schwarzen der Union.
Die politischen und wirtschaftlichen Reibungsflächen
der Vereinigten Staaten mit Japan sind mannigfaltiger Natur
und können hier nur angedeutet werden. Sie liegen in Kalifornien,
 in das Japan seine Einwanderer schicken will,
in dem als Absatzgebiet für die amerikanische Exportindustrie
 unentbehrlichen China mit seinen 400 Millionen Einwohnern,
 deren politische und wirtschaftliche Oberherrschaft
Japan erringen möchte, in Mexiko, Südamerika und den
Philippinen, in denen der japanische Warenhandel der amerikanischen
 Exportindustrie mehr und mehr Konkurrenz macht,
während Schiffahrtslinien und Ansiedlungen die Basis der
Warenausfuhr von Jahr zu Jahr verbreitern, Vorläufig wird
8 kaum zu einem Krieg zwischen den beiden Nationen
v., Reibnitz, Kapitalswanderungen
        <pb n="123" />
        114

kommen, da das große Erdbeben Japan wirtschaftlich enorm
zurückgeworfen und einen Teil seiner Seestreitkräfte
‚ernichtet hat. Ob es später einmal zu einer kriegerischen
 Auseinandersetzung kommt, hängt davon ab, ob
sich die Vereinigten Staaten und England über die Abgrenzung
 ihrer Machtsphäre einigen: Kontrolle Südamerikas,
Jes stillen Ozeans und der Ostküste Asiens und Australiens
Jurch die Vereinigten Staaten, des übrigen außereuropäischen
 Erdballs durch England.
Eine weitere Voraussetzung für die ununterbrochene
Aktivität des internationalen Effektenkapitalismus der Verainigten
 Staaten ist die Flüssigkeit des amerikanischen Geldmarkts.
 Der im Frühjahr 1925 aus den Vereinigten Staaten
zurückgekehrte Staatssekretär z. D. Professor Dr. Julius
Hirsch schätzt die wirkliche Ersparnis des amerikanischen
Volkes über seine Lebenskosten auf 6—7 Milliarden Dollar
im Jahr. Dazu kommt, daß die Union, deren Goldbestand
am 1. Januar 1925 4,5 Milliarden Dollar, d. h. mehr als die
Hälfte des Goldvorrats der Erde betrug — gegenüber
1,9 Milliarden Dollar vor dem Kriege — einer Goldinflation
nur entgehen kann, wenn sie einen Teil davon wieder in
seine Ursprungsländer zurückschickt. Falls daher nicht ganz
außergewöhnliche politische und wirtschaftliche Ereignisse
eintreten, werden die für die Fortführung der bisherigen
Kapitalausfuhr nötigen Summen weiter zur Verfügung
stehen. Die Basis hierfür ist einerseits das schon vor“
handene hochentwickelte Bank- und Börsenwesen, das eine
regelmäßige Preisgestaltung der in den Vereinigten Staaten
untergebrachten ausländischen Wertpapiere ermöglicht, andererseits
 eine intensive, noch auszugestaltende Propaganda,
die auch den kleinsten Kapitalisten auf gute und sichere Anlagemöglichkeiten
 außerhalb des Landes aufmerksam macht;
denn die verhältnismäßig großen Summen, die zur Aufrechterhaltung
 der bisherigen Kapitalausfuhr notwendig sind,
können nur im großen Publikum aufgebracht werden, deren
Mentalität in dieser Beziehung der Seniorchef des Hauses
J. P. Morgan &amp;amp; Co: sehr richtig mit den folgenden Worten
schildert: „Man muß immer bedenken, daß Auslandswerte
für den Durchschnittsamerikaner etwas Neues sind. . Heimische
 Eisenbahn-, heimische Industriewerte, Farmer-Darlehen
 und amerikanische Staats- und Kömmunalpapiere
waren bisher fast die einzigen Anlagewerte des Publikums,
Sein Investierungshorizont ist selbstverständlich eng von der
Heimat begrenzt, und man hat es bisher nicht nötig gehabt,
für eine hohe und sichere Kapitalsanlage ins Ausland zu
yehen. Über Chicago hinaus und noch mehr jenseits des
        <pb n="124" />
        115

Mississippi verlangt der Kapitalist eine 6bis 7 prozentige
Verzinsung und kann diese unschwer erhalten. Deshalb sind
die Bedingungen, die für einen Europäer liberal und generös
sind, für den Amerikaner gar nicht besonders anziehend.“
Ist es Aufgabe der amerikanischen Banken, die Ersparnisse
 der Kapitalisten für den Kapitalexport zu sammeln,
So haben ihre ausländischen Filialen die Pflicht, diesen als
Kreditvermittler zu überwachen und an die richtigen Stellen
zu leiten, Vor 1914 war weder das Bedürfnis noch die Möglichkeit
 zur Errichtung solcher Filialen vorhanden; erst die
in diesem Jahre eingeführte Bankreform gestattete den
Nationalbanken, deren Kapital und Reserven mehr als eine
Mülion Dollar betrugen, Filialen im Ausland zu gründen. Von
dieser Erlaubnis hat Vor allem die größte Aktienbank der Vereinigten
 Staaten, die dem Standard Oil Trust nahestehende
National City Bank von 1915 ab mehr und mehr Gebrauch
gemacht‘), Eine große Rolle als Kreditvermittler spielen
aber auch die Sogenannten „Investment Houses‘“, d. h. diejenigen
 Bankfirmen, die seit Jahrzehnten. Durchgangsstellen
der großen Kapitalwanderungen zwischen Europa und den
Vereinigten Staaten gewesen sind, vor allem J.. P. Morgan &amp;amp;
Co., Kuhn, Loeb &amp;amp; Co., Speyer &amp;amp; Co., Lee, Higginson &amp;amp; Co.
Dillon Read &amp;amp; Co, Goldmann, Sachs &amp;amp; Co., Kidder, Peabody
&amp;amp; Co. und die neuen für den Kapitalexport gegründeten Gesellschaften,
 die U. S. A. Foreign Security and Investment
Co. und die American and Continental Corporation.
Wie die englische Wirtschaftsgeschichte zeigt, folgt
der Handel stets dem Kapitalexport, und ohne ihn als
Schrittmacher ist eine friedliche Politische Expansion in
anderen Ländern unmöglich 2%. Aus den nachfolgenden Zahlen
geht am besten der große Zuwachs des Außenhandels hervor,
den die vermehrte Kapitalausfuhr der Union nach Südamerika
 und Ostasien herbeigeführt hat.

Warenausfuhr der Vereinigten Staaten
in Mi'lionen Dollar nach:
Südamerika
ea

1913
L922
1097

Asien.
115,1
502,6
436,9
480.4

2

7

ZH

281.5

1) Buenos Aires, Kuba, Havanna, Montevideo, Porto Rico, Rio de
Janeiro, Rosario, San Juan, San Paulo, Santiago, Santos, Valparaiso.
Rom, Zürich.
2?) Robert Liefmann, Theorie des weltwirtschaftlichen Reichtums-Ausgleichs.
 Weltwirtschaftliches Archiv. 19. Band. S. 520.
        <pb n="125" />
        L16

Gerade in Südamerika müssen die Vereinigten Staaten
die Kapitalausfuhr als Basis des Warenhandels und des politischen
 Einflusses um so stärker heranziehen, als der Amerikaner
 im Gegensatz zum Deutschen und Engländer für
den Exporthandel wenig begabt ist. Die wenigsten Amerikaner
 sprechen spanisch oder portugiesisch und verstehen
es, sich auf die Bedürfnisse und den Geschmack ihrer südamerikanischen
 Kunden einzustellen, die sie dazu noch als
minderwertige Rasse von oben herab behandeln, Endlich
verlangt der Amerikaner, dem der internationale Wechselverkehr
 etwas fremdes ist, Zahlung in bar oder kurzfristigen
Akzepten. Viel weniger Schwierigkeiten bietet die kommerzielle
 Durchdringung Chinas, wo die American Tobacco Company
 und der Standard Oil Trust in den letzten zehn Jahren
mit großem Erfolge gearbeitet hat.
Sprechen politische und wirtschaftliche Gründe für die
Fortdauer des Kapitalexports der Vereinigten Staaten nach
Südamerika und Ostasien, so sind, was Europa anbetrifft,
nur die letzteren von Bedeutung, Denn die Union hat zur
Zeit wenigstens keinerlei unmittelbare politische Interessen
an und in Europa, es sei denn, daß politische Krisen seine
wirtschaftlichen Funktionen stören und damit die Rückzahlung
 der ihm gegebenen Kredite oder den Warenabsatz
dorthin gefährden. Daher die Propagierung des Abrüstungsgedankens,
 die Einberufung der Washingtoner Konferenz
hierüber und die 1925 erfolgte vorläufige Sperrung aller
Kredite an Frankreich, da dieses einen “großen Teil davon
für Rüstungszwecke verwendet. Ein anderes Druckmittel
in dieser Beziehung ist die Drohung der Einziehung aller aus
dem Weltkriege stammenden Forderungen, d. h. die Aufrollung
 der Frage, in welcher Weise und wann die Regelung
 der interalliierten Schulden erfolgen soll. In diesem
Punkt geht Amerika Hand in Hand mit England, das nicht
mehr reich genug ist, um die von ihm seinen Alliierten gewährten
 Kredite zu streichen!). Auch in der Union, deren
Staatsschuld immer noch 21 251 Millionen Dollar gegenüber
1208 Millionen Dollar 1917 beträgt, trotzdem in den 5 Jahren
1919-—1924 5343 Millionen Dollar zurückgezahlt sind, tritt
niemand mehr für die von Frankreich vorgeschlagene teilweise
 oder völlige Streichung aller europäischen Kriegsschulden?)
 an die Vereinigten Staaten ein. -

1) Frankreich schuldet an England drei, an die Vereinigten Staaten
vier Milliarden Dolar.
2) Diese betrugen 1924 einschließlich Zinsen 12 Milliarden Dollar.
        <pb n="126" />
        117

3. Die Zukunft des nordamerikanischen Kapitalexports
nach Deutschland.

Daß eine starke Kapitalausfuhr der Vereinigten Staaten
gerade für Deutschland und seinen Wiederaufstieg von
größter Wichtigkeit ist, liegt auf der Hand. Man darf aber
nie vergessen, daß die erschwerenden Momente auf diesem
Gebiete weit stärker sind als die gegenteiligen, z. B. die
Tatsache, daß das amerikanische Publikum vor der Stabilisierung
 unserer Währung 900 Millionen Dollar an der Mark
verloren hat, und zwar !/3 davon durch Ankauf deutscher
Aktien und festverzinslicher Papiere, ?/s durch Valutaspekulationen.
 Diesen Verlusten gegenüber spielen die 1923 und
1924 durch Spekulationen in deutschen Anleihen verdienten
Summen !) keine Rolle, Dazu kommt, genau wie im Jahre 1924
in England die Tätigkeit ungerufener und unberufener Vermittler,
 denen das Auswärtige Amt in Berlin das Handwerk
legen sollte, indem es dafür sorgt, daß ihnen die amerikanichen
 Konsulate in Deutschland die Einreiseerlaubnis verweigern.
 Bei dem Mißtrauen, das immer noch in amerikanischen
Kapitalistenkreisen gegenüber Deutschland herrscht, vor
allem in bezug auf seine politische Entwicklung, ist es am förderlichsten,
 wenn vorläufig auf beiden Seiten des großen
Teiches nur große Aktienbanken und Privatbankhäuser, vor
allem die deutschen Ursprungs ?), oder aber die von ihnen
für diesen Zweck gegründeten Gesellschaften wie z. B. die
American and Continental Corporation als Vermittler der
Kapitalausfuhr tätig sind. An die Errichtung von Filialen
in Deutschland denken die National City Bank und andere
große Bankhäuser so lange nicht, als ihnen die politische
Lage, sei es durch einen neuen Konflikt mit Frankreich, sei
es durch Versuche, die republikanische Staatsform mit Gewalt
 zu beseitigen, gefährdet erscheint.
Jedenfalls darf man die Schwierigkeit der Unterbringung
 deutscher Effekten in den Vereinigten Staaten nicht
unterschätzen, Sie kann nur gelingen, wenn dort eine
äußerst geschickte Propaganda bei den Banken, der Presse
und dem großen Publikum einsetzt, vor allem wenn eine
zuständige Stelle besteht, die sich nur mit diesen Fragen
beschäftigt und als Verbindungsoffizier zwischen Geldgeber
und Geldnehmer fungiert. Das können nur Finanzattach6s,

1) Zur Zeit des größten Markverfalls konnte man für 100 Dollar
25 Millionen Mark deutsche Anleihen erwerben.
?) Kuhn, Loeb &amp;amp; Co., Speyer &amp;amp; Co., Goldman, Sachs &amp;amp; Co., Hallgarten
 &amp;amp; Co., Ladenburg, Thalmann &amp;amp; Co., G. Amsinck &amp;amp; Co., Ladenburg,
 Neumond &amp;amp; Co
        <pb n="127" />
        118

d. h.. banktechnisch und volkswirtschaftlich durchgebildete
Männer, die die Sprache und die Verhältnisse des Landes,
in dem sie wirken sollen, genau kennen und vor allem gewandt
 genug sind, um persönliche Beziehungen mit der Bankwelt
 und der Presse des geldgebenden Landes anzuknüpfen
und zu pflegen. Bisher gab und gibt es freilich im Auswärtigen
 Dienst überhaupt keine Finanzattach6s, Ja wir haben
bei unseren Missionen in Washington, London und Paris,
im Haag und in Bern nicht einmal Herren, die in den Fragen
der Kapitalausfuhr sachverständig sind, geschweige denn
die Zeit hätten, sich mit ihnen zu beschäftigen. Nur beim
Generalkonsulat in New York sitzt der in allen finanziellen
Fragen äußerst versierte Dr. Bendix, der aber allein die
schwierigen Probleme einer intensiven Kapitalausfuhr aus
den Vereinigten Staaten nach Deutschland nicht bearbeiten
kann. Hier müßte ein ganzer Stab tätig sein. Für Rußland
war jahrelang einer der klügsten europäischen Finanziers,
der Wirkliche Staatsrat Exzellenz Raffalovich, Herausgeber
des „Marche financier‘“, als Finanzattach@ in Paris tätig.
Nur durch seine Energie, Geschicklichkeit und unermüdliche
Propaganda in der Presse ist es der russischen Regierung
gelungen; in nur zwei Jahrzehnten für über 20 Milliarden
Franks Staatspapiere und Eisenbahnobligationen im französischen
 Publikum unterzubringen,

4, Die Völkerbundsanleihe,
Ob die Festsetzung der Endsumme aller Deutschland
auferlegten Zahlungen und die Regelung der internationalen
Kriegsschulden zu der schon vor mehreren Jahren von dem
bekannten englischen Wirtschaftspolitiker Sir George Paish
vorgeschlagenen großen Völkerbundsanleihe führt und damit
den internationalen Effektenkapitalismus der Welt auf eine
noch breitere Basis stellt, läßt sich zur Zeit nicht beurteilen.
Paish hält zur Wiederherstellung des gestörten wirtschaftlichen
 Gleichgewichts Europas eine internationale Anleihe
für notwendig, von der die Union 15, Großbritannien 5,
Frankreich, Italien, China, Japan, Südamerika und die an-Jeren
 Länder zusammen 15 Milliarden Dollar zu übernehmen
hätten. Falls alle Nationen des Völkerbundes die Sicherheit
 der Anleihe garantieren, wäre die Herabsetzung ihres
Zinssatzes unter den für die Anleihen einzelner Staaten
üblichen möglich, Die neue Anleihe würde als erstes und
sicherstes Anlagepapier der Welt das brachliegende Kapital
 der ganzen Erde an sich ziehen. Die Gesamtsumme von
95 Milliarden Dollar aber wäre vom Völkerbund auf die ein-
        <pb n="128" />
        119

zelnen Länder je nach ihren Bedürfnissen, sei es zum Wiederaufbau,
 sei es zur Stabilisierung ihrer Währung zu verteilen.
 Gleichzeitig würde die Anleihe ein neues internationales
 Zahlungsmittel sein, besonders wenn die einzelnen
 Anleihestücke, wie es Max Warburg in seinem dieselbe
 Idee behandelnden Brief an Lord Parmour vorgeschlagen
 hat, in den verschiedenen Währungen zu bestimmten
 Paritätsätzen ausgestellt werden und überall frei von
Steuern sind.
Eine solche Anleihe würde nicht nur eine neue Blüte
der am Weltkriege beteiligt gewesenen Nationen herbeiführen,
 sondern auch die ökonomischen und politischen
Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Staaten intensiver
 gestalten und dadurch die Wirtschaft und den Frieden
der Welt konsolidieren. Nur die Ersetzung des Imperialismus
 der Gewalt durch den der Kapitalausfuhr und des
Handels, die Bildung der Vereinigten Staaten von Europa
und der Ausbau des Völkerbundes durch den Beitritt
Deutschlands und der Union, können die abendländische
Kultur vor dem Untergang, die Zukunft der Erde aber der
weiteren Evolution der menschlichen Gesellschaft bewahren.
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Frankfurter Zeitung
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        5

den Vereinigten Staaten für 22 Mill. Dollar mexikanische
Staatsanleihen und für 134 Mill. Dollar vom Staat garantierte
mexikanische Eisenbahnobligationen untergebracht waren.
Wie der Kapitalimport nach Mexiko, so diente auch der
nach Südamerika neben der Erschließung neuer Absatzgebiete
 für die amerikanische Industrie der Propagandierung
des Panamerikanismus, d. h. eines engeren wirtschaftlichen
und politischen Zusammenschlusses zwischen der Union und
den auf dem amerikanischen Erdteil gelegenen Staaten 1).
Dem Panamerikanismus einerseits, der zunehmenden Produktion
 der amerikanischen Industrie für den Export andererseits
 war es zuzuschreiben, daß die nordamerikanischen
Kapitalsanlagen in Central- und Südamerika während der
sechzehn Jahren vor dem Weltkrieg enorm zunahmen
Während sie nach N. T. Bacon ?) 1898 erst .105 Millionen
Dollar (davon 50 Millionen in Kuba) betrugen, belief sich
ihre Gesamtsumme nach der 1912 von der Pan American
Union aufgestellten Schätzung ?) auf 437,5 Millionen Dollar.
Im Gegensatz zu Mexiko, wo der größte Teil des nordamerikanischen
 Kapitals in Silberbergwerken oder Handelshäusern
 angelegt war, wurde das in Central- und Südamerika,
 besonders in letzterem investierte Kapital in der
Hauptsache durch Effektifizierung aufgebracht, Abgesehen
von Staatsanleihen — an der New Yorker Börse wurden
vor 1914 Anleihen von Argentinien, Cuba, Honduras, Costa
Rica, Guatemala und San Domingo notiert — waren es
hauptsächlich central- und südamerikanische Eisenbahngesellschaften,
 denen es gelang, ihre Anteile in der Union
abzusetzen, Dagegen war vor 1914 die Gewährung von Krediten
 an Handelshäuser in Zentral- und Südamerika ebenso
selten wie die Etablierung nordamerikanischer Firmen dort 2”.

') Träger der panamerikanischen Propaganda auf pclitischem,
wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet ist die in Washington domizilierte
Pan American Union, der dis Vereinigten Staaten, Mexiko und sämtliche
Republiken Zentral- und Südamerikas als Mitglieder angehören, Panamerikanische
 Konferenzen fanden statt: 1889 in Washington, 1901 in
Mexiko, 1906 in Rio des Janeiro, 1910 in Buenos Aires, 1915 in Washington.
Dr. Johannes Pfitzner, Die panamerikanische Finanzkonferenz 1915 8.4.
2) N. T. Bacon, American International Indebtness. Yale Review,
Bd. IX, (November 1900). S. 276.
%) John Ball, Osborne, Protection of American Commerce and Capital
Abroad. North, American Review. Bd. 195 (Mai 1912) S. 689.
*) Das beste Beispiel für die geringe Befähigung des Amerikaners
zum ‚foreign business‘ liefert? die Tatsache, daß 1912 die amerikanische
International Banking Corporation im Orient ausschließlich englische
Angestellte hatte.

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