— | Umechnie* zemacht, daß man nicht mehr bloß vor einem intern- österreichischen, sondern vor einem gesamt-mittel- europäischen Problem stehe, das in seiner ganzen Breite aufgerollt wurde und rascheste Lösung heischte, sollte die neue Ordnung der Dinge auf dem Boden der österreichisch-ungarischen Monarchie erhalten bleiben. Der Völkerbund nahm sich nun der österreichischen Sanierung mit Energie an. Ja, er machte diese Frage im Laufe weniger Wochen geradewegs zu seiner eigenen Prestige- und Lebensfrage. Die Verhandlungen, welche in Genf bereits am 3I. August begannen, brachten nach einigem Schwanken die Gewißheit, daß aunmehr die Kreditaktion in ein entscheidendes Stadium gelangt sei und eine weitere Verzögerung von allen Beteiligten als Clüde] oder doch Gefahr ampfunden werde. Die Verhandlungen wurden den sanzen September über fortgeführt und am 4. Okto- ber durch die Unterzeichnung dreier Proto- kolle durch die Vertreter- Großbritanniens, Frank- reichs, Italiens, der Tschechoslovakei und Oesterreichs zum Abschluß gebracht. Das erste dieser Protokolle zarantiert die politische Unabhängigkeit Oesterreichs. Das zweite Protokoll sieht die Auflegung einer Anleihe von 650 Millionen Goldkronen vor, deren Annuitätendienst durch die. großbritannische, die französische, die italienische und die tschecho- slovakische Regierung mit dem Vorbehalt des Beitritts anderer Staaten garantiert wird. Ein-Kontrollkomitee der Garantiestaaten hat den Anleihedienst zu über- wachen. Im dritten Protokoll endlich wird ein Ge- aeralkommissär des Völkerbundes eingesetzt, unter dessen Aufsicht die österreichische Regierung, das vom Finanzkomitee des Völkerbundes in seinen Grund- zügen festgelegte Reformprogramm im Laufe einer zweijährigen Sanierungsperiode zu erfüllen haben wird. Außerdem werden in diesem Protokolle die Bruttoeinnahmen aus den Zöllen und aus dem Tabak- monopol als Pfänder für den Anleihedienst bestellt. Der Bundeskanzler setzte die sofortige Entsendung ‚on Delegierten des Völkerbundes, welche beauftragt waren, mit der österreichischen Regierung das Sa- nierungsprogramm im Detail auszuarbeiten, durch. Diese trafen schon am 17. November in Wien ein. Und schon am 27. November konnte der Nationalrat das Wiederaufbaugesetz, in welchem das gesamte Re- form- und Finanzprogramm der Regierung ent- halten war, beschließen. Dieses Programm kulminierte in folgenden Punkten: Reform der Bundesbetriebe, Verwaltungsreform und Ersparungsmaßnahmen, KEr- aöhung der Einnahmen und Reform der Steuer- :;echnik. Gleichzeitig wurde die Regierung vom Nationalrat ermächtigt, während der Sanierungs- periode alle zur Durchführung des Reform- und Finanzprogrammes erforderlichen Maßnahmen, die im Wiederaufbaugesetz nicht bereits materiellrechtlich geregelt sind, im Verordnungswege zu treffen. Die Zeschlüsse über diese Verordnungen, sowie über ‚Ilfällige Abänderungen und Ergänzungen des keform- und Finanzprogrammes sollten als besondere egierungsbeschlüsse durch einen außerordent- ichen Kabinettsrat gefaßt werden, der außer dem 3undeskanzler, dem Vizekanzler und den übrigen Bundesministern aus 26 vom Nationalrat nach dem Grundsatze der Verhältniswahl gewählten Staatsräten u bestehen hatte. Im November wurde auch die neue Notenbank ins Leben gerufen. Im Dezember traf deı Zeneralkommissär des Völkerbundes, Dr. Zimmer- nanyl in Wien ein und die österreichische Tranche der großen , Völkerbundanleihe wurde mit vollem "rfolg gegeben. /So wurde in den Spätherbsttagen les Jahres 1022 der Grund für den Wiederaufbau der österreichischen Staats- und Volkswirtschaf gelegt. I. AUSWÄRTIGE POLITIK IM DIENSTE DERVÖSTERREICHISCHEN UND DES EUROPÄISCHEN WIEDERAUFBAUES Die Sanierung des Staatshaushaltes gelang in überraschend kurzer Zeit und in einer auch die kühnsten Hoffnungen übertreffenden Vollständig- keit. Die Steuereingänge hoben sich, die Ersparungen ınd die anderen Reformmaßnahmen begannen sich zuszuwirken, die Tragfähigkeit der Wirtschaft erwies sich als weit ‚größer, als ursprünglich angenommen worden war, und die österreichische Krone, deren Wert sich vor kurzem noch in jähen Sprüngen abwärts bewegt hatte, war mit einem Schlage die stabilste Münzeinheit Europas. Aber alle diese anbestreitbaren Erfolge waren noch nicht gesichert, solange die Volkswirtschaft, auf deren Schultern die "ast des Staatshaushaltes ruht, sich nicht von den gatastrophalen Wunden erholt hatte, die ihr der Krieg and die durch die Friedensverträge bewirkte Zerreißung Mitteleuropas in schwache Zwergwirtschaftsgebiete ge- ;chlagen hatte. Oesterreich kann für sich das Ver- lienst in Anspruch nehmen, als erster Staat in Europa der europäischen Oeffentlichkeit immeı wieder den Widersinn der neuen wirtschaft- ichhen Verhältnisse vor Augen geführt zu ı1aben. Unvermögend, diesen Zustand von sich aus zu zeseitigen, mußte die österreichische Regierung daraul sedacht sein, die verderblichen Folgen, die er mi ich brachte, wenigstens teilweise zu lindern. Sofort nach erfolgreichem Abschluß der Genfer Kreditaktion setzte daher die Regierung mit einer energischen handelspolitischen Aktion ein lie sie übrigens schon während der ersten Verhand- ungen in Genf im September 1922 und mit besondere? Energie in Paris im Jänner 1023 als unbedingt not- wendig angekündigt hatte. Deren Zweck war zunächst lie bereits bestehenden Handelsverträge zu verbessern und neue Verträge mit Staaten, mit denen bisher eir