aium erfolgte überaus starke Entwicklung des Sport- Teiles in den Tageszeitungen. Auch im Kleinen, scheinbar Unbedeutendem, muß die Zeitung der Zeit- mode Rechnung tragen; heute ist kein Blatt mehr zu seriös, um nicht eine Rätselecke einzurichten und für Abwechslung auf diesem Gebiete zu sorgen. Große Kreise wollen die Zeitung jetzt unpolitischer, vielseitiger, allgemein geistiger haben, man will mög- lichst bunten Lesestoff, um den Wissens- und Biklungs- drang zu stillen. Mit Recht betrachtet es die Zeitung als ihre Aufgabe, hier vermittelnd zu wirken. Insbe- sondere werden die neuen Errungenschaften der Technik von den Zeitungslesern mit großem Interesse verfolgt, aber auch Fragen aus dem Gebiete der Medizin, der Volkswirtschaft, ja insbesondere auch philosophische und religiöse Fragen der Zeit darf die Zeitung nicht außer acht lassen. Die in letzter Linie mit dem Anwachsen der sportlichen Interessen zu- z;ammenhängende, aber auch von den Schulen ge- Örderte Liebe zur Landschaft und zur Natur hat es für die Tagespresse zur Notwendigkeit gemacht, sich ‘n reicherem Maße der Heimat und ihren Schönheiten zuzuwenden, als dies vor dem Kriege der Fall war. Diesem Wachsen der Anforderungen, die an die Tageszeitungen gestellt werden, steht auf der anderen Seite die Schwierigkeit entgegen, ein ausreichendes Absatzgebiet zu schaffen. Die neuen Staaten, die aus dem alten Oesterreich hervorgingen, besitzen zum größten Teile eine starke nationale Presse, so daß weite Gebiete von ehedem von vorneherein wegfielen. So gilt es denn, vor. allem die Inlandsleser mehr zu arfassen, als dies vor dem Kriege der Fall war. Daß dies zum größten Teile gelungen ist, zeigt das schon er- wähnte Fortbestehen der österreichischen Tagespresse in fast unverändertem Umfange. Daß daneben auch lie Werbung im Auslande nicht vernachlässigt wurde, 'st bekannt und es sei an dieser Stelle hervorgehoben, daß die führende österreichische Presse keine noch so kostspielige Werbung scheut, um ihren Platz in der Kulturwelt womöglich noch zu festigen. Die hohen Gestehungskosten der österreichischen Zeitungen bringen es mit sich, daß unsere Zeitung teuer ist; teuer, .wiewohl mit dem geforderten Preis nur ein Teil der Selbstkosten gedeckt wird. Das hat wiederum unausweichlich zur Folge gehabt, daß die ‚sogenannten „kleinen Blätter” sich kräftig entwickeln konnten. Die geringe Kaufkraft unseres Lesepublikums bringt es mit sich, daß mancher, dessen geistiges Niveau ganz andere Forderungen an seine Zeitungs- lektüre stellen würde, doch zu einem kleinen, billigen Blatte greifen muß. Dazu kommt noch der schon oft beklagte Umstand, daß in Oesterreich, und nur in Oesterreich, der wirklich leidenschaftliche Zeitungsleser über ein sehr preiswertes Mittel verfügt, seinen Lese- hunger zu befriedigen, das Kaffeehaus. Das war bei uns schon vor zweihundert Jahren so, als die „Wiener Zeitung” noch als einzig namhaftes Blatt das ‚esepublikum beherrschte. Schon damals hat der Ver- eger dieses Blattes darüber Klage geführt, daß die „eute es vorziehen, im Kaffehaus die Zeitung umsonst zu lesen. Die Tagespresse muß sich mit dem Unikum ıbfinden, daß im Durchschnitte 30 bis 40 intelektuelle „eser ein Zeitungsexemplar benützen. Sicherlich aber würden die österreichischen Tageszeitungen sonst in deı „age sein, ganz andere Auflagenziffern aufzuweisen, als lies jetzt der Fall ist. Schon aus diesem Grunde ist » unmöglich, Vergleiche der Auflage österreichischer nit ausländischen Blättern anzustellen. Große Fortschritte hat im letzten Dezennium das rganisationswesen auf dem Gebiete der Zeitung zemacht. Die Herausgeberschaft der österreichischen Tagespresse ist in einem starken Verhbande, der „Ver- :inigung der österreichischen Tageszeitungen” zu- 'ammengeschlossen, die bis auf ganz vereinzelte \usnahmen die gesamte österreichische Tagespresse ‚usammenfaßt. Dieser Herausgeberverband steht mit len großen Angestellten-Organisationen im Kollektiv- ‚ertrags- Verhältnis, regelt den Verkehr mit den Be- 1örden, mit dem Post- und Telegraphenwesen und nit der Eisenbahn-Verwaltung. Außer den wirtschaft- ichen aber hat er auch alie anderen Interessen der Terausgeberschaft zu wahren und zu fördern, insbe- ‚sondere auch die Verbindung mit den ausländischen großen Verbänden der Herausgeberschaft aufrecht zu srhalten. Die nicht täglich erscheinenden Zeitungen ınd Zeitschriften sowie die Fachpresse bilden einen sigenen Verband, den „Zentralverein der Zeitungs- Unternehmungen”. Von den großen Angestellten- Organisationen vereinigt die „Organisation der Wiener Presse”, die bereits in diesem Jahre das Jubiläum hres IOjährigen Bestandes gefeiert hat die Jour- nalistik; die zahlreiche Beamtenschaft ist: im „Reichs- verein der Zeitungsbeamten Oesterreichs” organisiert, lie Arbeiterschaft im „Klub der Zeitungssetzer Wiens”. ; Wie sehr die Zeitung gerade in den letzten Jahren in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses getreten st, beweisen die immer mehr um sich greifenden Be- strebungen, die Zeitung als wissenschaftliches Objekt zu erfassen. Fine neue Wissenschaft, die Zeitungs- wissenschaft, hat bereits in zahlreiche Universitäten les Auslandes, insbesondere aber Deutschlands, ihren Zinzug gehalten. Es ist klar, daß die Zeitungs- vissenschaft in ihrer weiteren Auswirkung auch in der age sein wird, denen, die sich der Zeitung berufs- näßig widmen wollen, die wissenschaftliche unc zulturelle Einstellung zu diesem Berufe zu vermitteln As ist wohl zu erwarten, daß auch bei uns in abseh- »arer Zeit das Wissen um die Zeitung an den dazt berufenen Hochschulen eine Pflegestätte finden wird was gewiß dazu beitragen würde, mit der Erkenntnis vom wahren Werte und der wahren Bedeutung deı Zeitung auch ihr Ansehen zu fördern und manch“ schiefen Urteile aus der Welt zu schaffen. A