Trotz dieser Schwierigkeiten ging der Aufbau rüstig vonstatten und Direktor Heine stellte ein interessantes Programm auf, das unter den Neuheiten „Antigone” von Sophokles, „Die natürliche Tochter” von Goethe, „Dies irae” von Anton Wildgans, „Jaakobs Traum” von Richard Beer-Hofmann, „Das Band” und „Vorm Tode” und „Königin Christine” von Strindberg, „Ein Geschlecht” von Fritz von Unruh, „Die Tragödie des Eumenes” von Thaddäus Rittner, „Die Schwestern” oder. „Casanova in Spa” von Arthur Schnitzler, „Die Troerinnen” von Franz Werfel, „Die Kassette” von Carl Sternheim brachte. N Im Sommer I919 wurde das Schönbrunner Schloßtheater in den Betrieb einbezogen und am 6. Juni mit „Tristans Tod” von Maja Loehr er- öffnet, Tolstoi, Gogol, Franz Blei, Hermann Bahr, Bernhard Shaw, Shakespeare und andere kamen ir diesem entzückenden Theater zu Worte. In der Fr- Neuerung der Klassiker glückten besonders die In- Szenierungen von „Macbeth”, „Hamlet”, „Kaufmann von Venedig”, „Libussa” und „Braut von Messina”. Freilich gestalteten sich die wirtschaftlichen Ver- hältnisse mit dem rapiden Fortschreiten der Inflation Noch schwieriger und lasteten auch auf der künst- lerischen Arbeit. Die Künstler mußten Nebenverdienste Suchen, heftige Lohnkämpfe führen und mehrmals Hofrat Franz Herterich Direktor seit I. August 1923 Harry Tauber: Dekoration zu „Der Spiegelmensch” (Pagodensaal. IL Akt) stellte ein drohender Streik die Vorstellung in Frage. Albert Heine, sein Nachfolger Anton Wildgans, dann Vax Paulsen und der jetzige Direktor hatten schwere Vlühe, die nervöse, sorgenvolle Stimmung zu bannen ınd neue künstlerische Werte zu schaffen. Dies änderte sich auch nicht, als endlich im Früh- ‚ahr 1024 die Stabilisierung der Währung durch- geführt wurde, denn jetzt kamen Publikum und An- gestellte erst zum tatsächlichen Begriff des Geldwertes und zur Erkenntnis der vollständigen Verarmung. — Es wurde ein rascher Wechsel des Spielplanes not- wendig, manchmal wurden vier Stücke zugleich ein- studiert, um durch vielseitige Belebung des Reper- toires neues Publikum heranzuziehen. Zu den Kunst- stellen, die von den verschiedenen politischen Parteien ins. Leben gerufen waren, trat nach der Stabilisierung noch die Theatergemeinde, die dem geistigen Mittel- stand den Theaterbesuch erleichtern sollte... Die Ein- richtung der Abonnementsvorstellungen wurde einer tiefgreifenden Reform unterzogen und wie die Publikumsorganisation auch der ganze administrative and technische Betrieb neu geordnet. Erst jetzt, nach zehn Jahren, kann diese Arbeit als vollzogen und nit Erfolg durchgeführt gelten und ein in seinen Richtlinien festfundiertes System ermöglicht endlich wieder ein ruhiges und zielbewußtes Arbeiten sowohl im Burgtheater als auch in dem zur stärkeren Aus- ıützung des Personals seit sechs Jahren angegliederten Akademietheater. — Das Schönbrunner Schloßtheater hingegen konnte wegen seiner entfernten Lage und wegen der Einschränkung der künstlerischen Kräfte nicht dauernd im Betrieb erhalten werden. Direktor Anton Wildgans, der nach Albert Heine am I. Februar 1921 die Direktionsgeschäfte übernommen hatte, brachte „Und Pippa tanzt” von Gerhart Haupt- mann zur ersten Aufführung, ebenso den „Spiegel- mensch” von Franz Werfel und seinen unter der Direktion Heine angenommenen „Kain”. Von Klas-