Mitglieder, welche Anspruch auf diese Sachleistungen hatten, betrug im Jahre IQ13 rund 450.000, im Jahre 1920 400.000. Mitten in die Vorbereitungen des Verbandes zur Feier des 25jährigen Bestandes des Krankenversiche- zungsgesetzes fiel der Ausbruch des Krieges. Mit einem Schlage sank die Mitgliederzahl der Kranken- kassen um Zehntausende in voller Kraft stehende Männer, die erst allmählich durch die Einstellung Jugendlicher und weiblicher Hilfskräfte und älterer, minder erwerbsfähiger Männer notdürftig der Zahl nach ersetzt wurden. Die Kassen, die eben noch unter den Folgen einer Wirtschaftskrise stark gelitten hatten, kamen in arge Bedrängnis, Ihre Einkünfte verringerten sich, die Beitragsrückstände steigerten sich ins Un- gemessene, selbst die Sparkassen beriefen sich auf das von der Regierung erlassene Moratorium, wenn die Kassen ihre relativ geringfügigen Spareinlagen beheben wollten, um ihren Verpflichtungen nach- kommen zu können. Der Großteil der Reservelonds war in Wertpapieren angelegt; ihr Kurs sank von Tag zu Tag, eine Belehnung war nur bis zur Hälfte des Normalwertes möglich. Dem Ansturm auf die Krankenkassen mußte mit Notverfügungen über die Aufnahme in den Kranken- stand, mit Einstellung der Kur- und Erholungheim- aufenthalte und durch Sparmaßnahmen bei den Arzneimitteln entgegengewirkt werden. Diese der Behebung augenblicklicher Schwierigkeiten dienenden Maßnahmen konnten nicht hinreichen, die Folgen des Krieges für die Krankenkassen erträglich zu machen, wenn man die durch ihn verursachten Dauer- schädigungen an Gesundheit und Widerstandskraft der Bevölkerung und ihre Rückwirkungen auf die Krankenkassen in Betracht zog. Zur Tragung dieser ungceheuren Belastung waren die Krankenkassen nicht fähig. Es bedurfte ‚einer durchgreifenden und grundlegenden Retorm der Versicherung, um die Krankenkassen zur Uebernahme der aus dem not- wendigen Wiederaufbau der Volksgesundheit ent- stehenden neuen Aufgaben und Lasten zu befähigen. Der Wiener Kassenverband als führende Organi- sation stellte zu Beginn des Jahres 1016 folgende Forderungen auf: il. Ausgestaltung der Kassen zu Zentren der Krank- neitsvorbeugung; 2. Beseitigung der leistungsunfähigen Kassengebilde, Schaffung von territorialen Kassen- verbänden, Reichsorganisation dieser Verbände: 3. Schaffung einer staatlichen Zentrale für die Kranken- kassen im Ministerium des Innern; 4. Kampf gegen die Volkskrankheiten durch Aufklärungsanibeit, durch individualisierende Krankenbehandlung, Einführung der Angehörigenversicherung, Wohnungsfürsorge, An- staltspflege usw.; 5. Bekämpfung der Unterernährung und UVeberarbeit durch eine entsprechende Ernährungs- politik und durch eine rationelle Sozialpolitik ; 6. Aus- zestaltung des Arbeiterschutzes durch weitgehenden F’rauen- und Kinderschutz, durch Verkürzung der Arbeitszeit, durch Sicherheit von Leben und Gesund- 1eit der arbeitenden Massen, durch Schaffung billiger Arbeiterwohnungen, Förderung der Tarifverträge ısw.; 7. Unterstützung der Kassen durch den Staat lurch Ausgestaltung des Mütterschutzes und Ein- ührung des Säuglingsschutzes; 8. Ausbau der Arbeiter- zersicherung durch Einführung der Alters- und Inva- idenversicherung, Einführung einer Arbeitslosenfür- ‚sorge und Ausgestaltung der Arbeitsvermittlung. Die Regierung konnte sich nicht entschließen, wenigstens die dringendsten Reformen sofort einzu- ühren. Erst am 4. Jänner 1917 erschien eine kaiser- iche Verordnung, mit der eine Reform des Kranken- zersicherungsgesetzes erfolgte, die bedeutsame Fort- ;chritte für die Zukunft ermöglichte. Die Zersplitterung m Kassenwesen wurde aber nicht beseitigt, auch die ıllgemeinen sozialpolitischen Forderungen blieben un- serücksichtigt. Es war der Konstituierenden National- versammlung der Deutschösterreichischen Republik ınd dem späteren Nationalrat vorbehalten, hier zründ.ich Wandel zu schaffen und den Boden vor- zubereiten, auf dem der Wiederaufbau der durch den Krieg zerstörten Volkswirtschaft vor sich gehen konnte. In welcher Weise das geschah, wird an anderer Stelle lieses Werkes auseinandergesetzt. Hier soll nur zezeigt werden, wie die Ausgestaltung des Wiener Cassenverbandes in der Nachkriegszeit auf dem wich- .igen Gebiete der Sachleistungen vor sich ging. Wo Vergleiche notwendig sind, stellen wir den Ziffern von 1927 jene des letzten Friedensjahres 1013 gegen- über, weil das Jahr IQIS als letztes Kricgsjahr und Jahr des Zusammenbruches keine geeignete Vergleichs- zrundlage gäbe. Der ärztliche Dienst erfuhr eine durchgreifende Aenderung und Ausgestaltung in jeder Hinsicht. Wir zählten in Wien am Schlusse des Jahres 1927 2 Chef- irzte, 2 chelärztliche Assistenten, 8 Revisionsärzte. 151 (138) ') Sprengelärzte, 66 (40) Fachärzte, 5 Aerz- innen; in der Provinz 1 (2) Revisionsärzte, 525 290) Sprengelärzte, 20 (10) Fachärzte. Außerdem ‘ungierte I Arzt als Fachkonsulent für die Prüfung der ärztlichen Verschreibweise und 10 (10) Aerzte waren in den Erholungsheimen und Kurstationen des Verbandes tätig. Neben der Verbesserung des ärzt- ichen Dienstes durch Vermehrung der Stellen kommt ei den Fachärzten auch die Modernisierung durch Schaffung von zweckdienlich eingerichteten Ambu- latorien in Betracht. Sie bestehen in Wien in mehrfacher Besetzung für alle medizinischen Diszi- olinen sowie für die wichtigsten Fächer auch in den größeren Städten der Provinz (St. Pölten, Wiener- Neustadt, Baden, Krems, Gmünd). Als medizinische X 19018.