maschinell erzeugte „Qualitätsware” empfahl. Diese vecht nüchternen, puritanischen Anschauungen stießen aatürlich auf den heftigen Widerstand derjenigen, die auf das künstlerische Moment im Kunstgewerbe einge- schworen waren, und der Gang der Ereignisse in den ersten Nachkriegszeiten schien zunächst den letzteren Recht geben zu wollen. # Denn nach dem furchtbaren Druck des Krieges, nach den grenzenlosen Entbehrungen, unter denen die Ange- Aörigen der Mittelmächte jahrelang geseufzt hatten, tat eine Entspannung, eine Rückkehr zum Frohsinn, zuı uebensfreude dringend not. Man hatte genug gedarbt, man wollte endlich wieder genießen, mit vollen Händen verschwenden können. Wohl gebrach es noch Tausenden an dem Dringendsten, aber die nicht wenigen Besitzer eines über Nacht erworbenen Reichtums konnten sich jeden Luxus leisten und als Mäzene einer Kunst auf- :reten, der man die eben überstandenen Kriegsjahre ıicht anmerkte. Diese sinnenfrohe Kunst nahm ihren Ausgang von der genialen Persönlichkeit des bereits erwähnten Architekten Dagobert Peche, der 1020 aus der Schweiz wieder nach Wien zurückgekehrt war und von der „Wiener Werkstätte” aus binnen wenigen Jahren zinen völligen Stilwandel im Kunstgewerbe herbeiführte). Mit einer unerschöpflichen Phantasie begabt, verstand er es, noch einmal das Dekorative zum Sieger über das Konstruktive zu machen, die Zierform über die Zwecform zu stellen?). In kaum übersehbarer Fülle streute er seine Ideen über alle Zweige des Kunst- gewerbes aus, sein origineller Erfindungsgeist erschloß wie mit einem Zauberstab jedem Material, jeder Technik neue, ungeahnte Möglichkeiten. Die Tapetenindustrie und der Stoffdruck, die Spitzenklöppelei und Stickerei, die Goldschmiedekunst und Elfenbeinschnitzerei, die Rahmen- und Möbelfabrikation, aber auch die Keramik. die Metallwarenerzeugung und Papeterie wurden durch ihn um eigenartig reizvolle Formen bereichert, selbst die Mode hatte ihm, dem Erfinder des Ombre, eine bis dahin unbekannte Farbenfreudigkeit und ungezählte aparte Stoffmuster zu danken. Durch Peche, dessen Schöpfungen durch regelmäßige Veröffentlichung in der „Deutschen Kunst und Dekoration” bald in ganz Deutsch- land verbreitet wurden, erlangte das Wiener Kunst- handwerk eine geradezu dominierende Stellung, erhielt der „Wiener Werkstätte-Stil”, dem bisher Josef Hoff- manns klassisch-strenge Art die Signatur gegeben, eine völlig veränderte Note. Dem „Apollinischen” Wesen Josef Hoffmanns gesellte sich, um mit Nietzsche zu sprechen, das „Dionysische” der Kunst Dagobert Peches. Im ersten Friedensjahr blieb Peche für Wien noch unsichtbar. Die „Ausstellung österreichischer Kunstgewerbe”, mit denen das Oesterreichische Museum im Winter 1919-1920 seine durch den Krieg wesentlich eingeschränkte Tätigkeit als gewerbefördern- des Institut wieder aufnahm. sollte in erster Linie den *) Vgl. Hans Ankwicz-Kleehoven, Dagobert Peche ‘Ausstellung von Arbeiten des modernen österreichischen Kunsthandwerks). Oesterreichisches Museum für Kunst und Industrie, Wien (1923), S. 25. und Max Eisler, Dagobert Peche, Wien, Gerlach & Wiedling 1025. . 2) Vgl. Hans Ankwicz-Kleehoven, Zierform und Zweck- form, in „Die Ware” J. Jahrgang (1923), 5. 63ff. Beweis führen, daß das Wiener Kunstgewerbe nach wie ‚or am Qualitätsbegriff festhalte und an Lebensmut und Arbeitsgeist trotz der Ungunst der Zeiten nichts einge- üßt habe. Im Mittelpunkte dieser Schau stand die 5onderausstellung Richard Teschners, eines überaus ‚ielseitigen, einfallsreichen Künstlers, der hier zum erstenmal‘ mit seinen Gemälden, Plastiken, Radierungen ınd selbstgefertigten Lauten vor die Oeffentlichkeit trat, ‚ugleich auch das Wunder seiner Puppenspiele in einem sigens hiezu gebauten stimmungsvollen Theaterraum darbot*). Im Juni 1920 wurde am gleichen Orte die „Kunst- schau 1920” eröffnet. Sie wollte, wie Professor Anton Hanak in einigen zur Orientierung des Publikums aus- zegebenen programmatischen Leitsätzen betonte, „ein F’rompetensignal sein, das durch die Wenigen, die hier °ast- und selbstlos wirken, alle Gestaltenden im Sinne nes kulturellen Aufbaues zur Mitarbeit wecken und wufrütteln” sollte. Alle guten Geister der österreichischen Moderne waren hier versammelt, Maler, Bildhauer und <unstgewerbler. Und unter diesen — beinahe erschreckend lurch die scheinbare Zügellosigkeit seiner Formphanta- jien — Dagobert Peche mit einer umfangreichen Kollek- ion seiner für die „Wiener Werkstätte” entworfenen Arbeiten. Er hatte es gewagt, eine Palme aus Packpapier zu modellieren, einen Weichholzkasten mit bunten Malereien und Schnitzwerk zu verzieren, ein Reh aus öilber zu bilden, dessen Maul ein ganzer Zweig mit 3lüten und Blättern entsproß. Die Unbekümmertheit, nit ‘der er dem sprödesten Material die sonderbarsten "ormen abrang, der unbändige Schmückungstrieb, der hn den geringsten Gegenstand mit einem Schimmer ıeiterer Anmut umgeben ließ, hatte übrigens bereits ;chule gemacht, nicht nur die maßvolle Zurückhaltung losef Hoffmanns zu größerer Freiheit verlo&kt, sondern vor allem unter den weiblichen Mitgliedern der „Künstler- werkstätte” begeisterte Nachahmung gefunden. Marie „ikarz, Felice Rix, Mathilde Flögl und Hilde Jesser zriffen schon damals die Anregungen Peches auf und >ildeten sie — jede in ihrer Art — sinnvoll weiter. Auch Viktor Lurjes Intarsien und Julius Zimpels Spielzeug, “ritzi Löws und Anny Schröders bemalte Gläser, Vlitzi Otten-Friedmanns Email sowie die graziösen Ceramiken Hertha Buchers, Vally Wieselthiers Jina Kuhns, Susi Singers und Reni Schaschls paßten sich dem neuen. lebensbeiahenden Stil aufs beste an. Begünstigte auch das Luxusbedürfnis der neuen Reichen in Wiederaufblühen der zierhaften Elemente im Kunst- zewerbe, so konnte man doch nicht unbeteiligt an all den vielen Problemen vorübergehen, die sich aus der ;ozialen und wirtschaftlichen Not der Nachkriegszeit argaben und gebieterisch ‘nach einer Lösung verlangten. nsbesondere das Wohnungselend erforderte eine Abhilfe, die nur von einem einträchtigen Zusammenwirken der Bau- und Werkkünstler zu erwarten war. Hier ging es nun freilich nicht um Romantik. sondern um Zweck- *) Vgl. über diese Ausstellung, zu welcher kein Katalog er- schien, Hartwig Fischel in „Kunst und Kunsthandwerk” XXIL Jahrgang (1010), S. 364ff. Ueber „Richard Teschners Vigurenbühne” siehe Arthur Roessler in „Oesterreichs Bau- and Werkkunst”, IL Jahrgang (1025). S. 07.