große Stil der klassischen Zeit, bis alles verflachte und das starke Gefühl für das Ursprüngliche und das Leben und das Werken in unserer Eigenart verloren ging. So war es nicht immer in deut— schen Landen. Als Norden und Süden zum ersten Male zusammenstießen, entstand die Gotik, eine Zeit unerhörter Schöpfung, in der es wohl Gesetze gab, in der aber niemals die Form über den Geist oder über das Lebendige in der Kunst triumphieren konnte. Die alten Steinbilder aus dem Dom, welche Sie in der Ausstellung unserer Kunsthalle finden werden, geben ein beredtes Zeugnis der tragenden Kraft eines aus starkem Gefühl entstandenen Werkes. Zerhauen, zerschlissen, zerstoßen und verstümmelt triumphieren diese Steinbilder über das, was unsere Steinmetzen und auch die meisten unserer Künstler heute schaffen. Offen und ehrlich müssen wir bekennen: Das Ge— heimnis solch schöpferischer Kraft ging uns verloren! Der Werk— bund soll jetzt Abhilfe schaffen und die Vertiefung, die geistige Durchflutung, das Fühlen zurückbringen, welches unser Volk in schöpferischen Zeiten besessen hat. Die Frauen und Männer, die sich zum Werkbund zusammengeschlossen haben, fühlen in sich die Tat wachsen. Was können wir nun tun, um das Licht im Herzen der anderen zu entzünden, bis die reine Flamme eines starken Geistes im ganzen Volke brennt? Beispiel sagt der eine, Form der andere, und schließlich läuft es doch nur darauf hinaus, daß wir in Überhebung glauben, andere könnten von unserer neu— geborenen Einsicht lernen und gar unsere Werke als Vorbild nehmen. Der wahre Werkbundgedanke kennt aber weder Lehrer noch Schüler. Gebe ich einem Knaben einen Holzkasten und sage ihm: „Fertige mir einen zweiten solchen Kasten,“ so ist das eine Anleitung zur Handarbeit, nichts weiter. Gebe ich aber dem Schüler einige Steine und sage ihm: „Mache mir einen Kasten für diese Steine, damit ich sie einzeln betrachten und auch leicht herausheben kann,“ so wird ein Werk entstehen. Immer sind es die Gedanken, die das Wesen des Werkes ausmachen, niemals ist es das Äußerliche. Nicht Lehrer, nur Werker sollen wir sein! Und damit komme ich zur Aufgabe, die die Bremer Gruppe des Deutschen Werkbundes sich gestellt hat: Frauen und Männern, 11