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        Ansprachen und Vorträge

Gehalten in den Sitzungen
des Deutschen Werkbundes
auf der 14. Jahresversammlung
in Bremen
1925

Herausgegeben
von der Geschäftsstelle des
Deutschen Werkbundes

Verlag Gerhard Stalling, Oldenburg i. O.
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        Ansprachen und Vorträge

Gehalten in den Sitzungen
des Deutschen Werkbundes
auf der 14. Jahresversammlung
in Bremen
1925

Herausgegeben
von der Geschäftsstelle des
Deutschen Werkbundes

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Verlag Gerhard Stalling, Oldenburg i. O.
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Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten.
Druck von Gerhard Stalling, Oldenburg i. O.
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        Inhalts-Verzeichnis

Ansprache Geh. Rat Prof. R. Riemerschmid Seite
Gen. Konsul Dr. h. c. L. Roselius

—
„Senator Dr. Stahlknecht
Vortrag Dr. Th. Heuß, M. d. R.
Dr. Fr. Hasselmann
Direktor Dr. W. Riezler
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        1. Ansprache des Vorsitzenden
Geheimrat Richard Riemerschmid

Professor Rie merschmid: Mit großer Freude richte ich
in dieser Stadt, die unsern Werkbund mit soviel reizenden
Ehrungen und mit soviel Liebenswürdigkeit empfangen hat, Worte
des Dankes und der Begrüßung an Sie, Worte des Dankes vor
allem auch an den Vertreter des hohen Senats der Stadt Bremen,
an den Vertreter des Reichspostministeriums, an die Herren Ver⸗
treter der Handelskammer, der Gewerbekammer, der Kammer für
Kleinhandel und an den Herrn Präsidenten der Baumwollbörse.
Ich danke herzlich, daß sich die Herren die Zeit genommen haben,
um zu uns zu kommen. Wir sehen es nicht nur, wir bekommen
es in jeder Stunde, die wir hier zubringen, recht zu fühlen, daß
Sie an den Bestrebungen, denen wir unsere Kräfte widmen,
lebendigen und frohen Anteil nehmen, und das macht uns wieder
froh. Wir wissen sehr wohl, daß die Gedankengänge, die wir
verfolgen, zu großen Teilen Ihnen von altersher geläufig sind.
Nicht nur die Themen, die wir heute behandeln wollen, Schiff—
bau und Export sind Ihnen geläufig, auch die Vorstellung von
den formbildenden Kräften, die die Technik ausübt, ist Ihnen
nicht fremd. Vor dem Wort Technik ergeift uns heutige Menschen
fast etwas wie Schrecken. Im Kriege haben wir sie als furcht—
bare Macht kennengelernt, auch im Frieden tritt sie auf — wenn
auch in anderem Sinn — als furchtbare Macht. Eine Riesen—
größe steht vor uns. Wir wollen diese Riesengröße begreifen, wir
wollen versuchen, nicht nur die ungeheure wirtschaftliche Wucht,
die in diesem Begriff steckt, zu verstehen, wir wollen auch erfassen
die ruhige Gewalt. mit der die Technik bildend auf alle Form
        <pb n="15" />
        einwirkt. Wir wollen diese Dinge begreifen, um sie zu nutzen,
nicht weniger aber auch deshalb, um uns gegenüber der Technik
zu behaupten. Denn die Technik ist nicht alles. Wenn wir es
vergessen wollten, so müßte es erst recht betont werden, der
höchste Dienst, den Menschen tun können, bleibt der Dienst im
Reiche der Kunst. Hier ist ein Kampf zu führen, ein herrlicher
Kampf, und er soll geführt werden gegen die Zeit und für die
Zeit zugleich. Wenn wir hier in Ihren Mauern gestern den Be—
schluß gefaßt haben, eine Ausstellung vorzubereiten, die 1927 in
Berlin abgehalten werden soll, um zu zeigen, was wir, wenn die
ganze Lage es nicht unmöglich gemacht hätte, in diesem Jahre in
Paris zu zeigen gehabt hätten, dann muß uns dabei gelingen,
zwei Gedanken klar heraus zu stellen: Zuerst einmal, daß die
Form auch unsrer Zeit — wie's zu allen Zeiten war — nicht
von den Künstlern allein gebildet wird, sondern von allen
lebendig wirkenden Kräften, welche die Zeit beherrschen, und daß
die Technik die gewaltigste ist unter diesen Kräften. Und dann,
daß solche Fragen und Unternehmungen, die ihrer Klärung
dienen wollen, nicht nur Angelegenheiten wirtschaftlicher Art
sind, sondern Angelegenheiten der Kultur, und daß die Kultur
die Wirtschaft in sich einschließt. Dieser Geist, der uns dabei
führen muß, dieser Geist friedlicher Art und fester Kampfbereit—
schaft, tatkräftigen Wirkens auf dem Werkplatz der Heimat und
zugleich scharfen Hinausschauens, weit hinaus bis ans Ende der
Welt, dieser Geist ist hier eingeboren, das zeigt das alte Bremen.
Aber es ist noch nicht genug, wenn der Geist eingeboren ist, es
braucht immer und immer wieder eine Wiedergeburt!
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2. Begrüßungsrede des Vertreters des Senats
zu Bremen, Dr. Stahlknecht

Senator Dr. Stahlknecht: Hochansehnliche Versamm—
lung! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Der Vergleich
des Werdeganges der schaffenden Arbeit abgeklungener Zeiten
mit der neuzeitlichen gewerblichen Erzeugung läßt in jenem die
Einheit des Künstlers, des Handwerkers und Unternehmers, in
dieser die Zerspaltung dieser Einheit in ihre Elemente erkennen.
Aus ihr ist der Unsegen der Entseelung der industriellen Arbeit
erwachsen. Dieser Gegensatz: die Zusammenfassung des Schaffens
des Künstlers, Handwerkers und Unternehmers und ihre Auf—
lösung ließ nach unberechtigten Angriffen eines Fachverbandes
auf verdiente Mitglieder des späteren Werkbundes als äußerem
Anlaß den Werkbundgedanken entstehen, der, wenn er auch nicht
die frühere Geschlossenheit der werktätigen Persönlichkeit wieder⸗
herstellen konnte, doch bemüht ist, jene an der Werkleitung
tätigen Personen dieser Einheit wieder zu nähern, indem er sie
zu gleichen Zielen mit gleicher Gesinnung zu erfüllen versucht.

Aus diesem Streben erwuchsen die Ziele des Bundes. Sie
liegen auf den Gebieten der Pflege des schöpferischen und künst—
lerischen Gedankens in den Handfertigkeiten der persönlichen Lei—
stung, der Verbesserung der Form und Ausführung der Erzeug—
nisse der Industrie, nicht minder aber auf dem kulturellen Ge—
biete der Beeinflussung des in- und ausländischen Käufers. Auf
diesem kulturpädagogischen Gebiete liegt des Werkbundes größte
Stärke und Bedeutung. Gelingt der kühne Wurf — und das
Urteil der Kulturwelt über die deutschen Leistungen auf der
italienischen Ausstellung in Monza erfüllt uns mit hoffnungs—
        <pb n="17" />
        voller Zuversicht —durch das einheitliche Wirken der Kunst, der
Technik und des Handels das Begehren der Käufer auf die vater—
ländischen Erzeugnisse zu lenken, so mögen die Angelsachsen und
Romanen, seit dem Jahre 1915 durch die Gedankenfülle und den
künstlerischen Reichtum der deutschen Werkbundbewegung an—
geregt, sich in ähnlichen Organisationen zusammenschließen, to
capturo the german trado; auch im friedlichen Wettbewerb der
schaffenden Stände Deutschlands wird das Ausland den sieg—
reichen Hauch künstlerischer Beseelung der deutschen Arbeit ver—
spüren, und in Weltenweiten wird das deutsche Volk durch die
Hebung der Qualität seiner Arbeit wieder Weltgeltung erringen.

Gerade dieses Ziel verbindet am innigsten den heute unter das
Zeichen von Schiffahrt und Export gestellten Werkbund mit
unserer alten Stadt. Denn indem er im Zusammenarbeiten des
Künstlers, des Gewerbetreibenden, Industriellen, Kaufmanns
und Kleinhändlers den Bedarf des in- und ausländischen Käufers
formt, bringt er ihn den deutschen Erzeugnissen nahe und stärkt,
den schöpferischen Sinn der schaffenden Kraft zu höchsten Lei—
stungen belebend, unsere Volkswirtschaft durch vermehrten In—
landumsatz und Export.

So verschwistert sich die Gedankenwelt des Werkbundes mit den
Interessen der schaffenden Arbeit Bremens, mit seinem Handel,
Gewerbe und seiner Industrie. Und wie die aus Heimatliebe
und Kraftbewußtsein geborene reiche Formenschönheit der alten
Hanse an der Weser sein Wirken während der nächsten Tage
stimmungsvoll umrahmt, so schlagen die Herzen ihrer Bewohner
ihm und seinen um ihr engeres und weiteres Vaterland hoch—
—D——
der Gewerbe und der Künste ihren Gästen weit zum Willkommen
öffnend und zur Schau.

Im Auftrage des Senates und namens der dem Werkbunde
nahestehenden bremischen Kammern habe ich die Ehre, den Deut⸗
schen Werkbund und seine Mitglieder herzlichst zu begrüßen und
Ihrer Tagung vollen Erfolg zu wünschen. (Lebhafter Beifall.)
        <pb n="18" />
        3. Begrüßungsrede des Obmanns der Bremer
Werkqgruppe, Generalkonsul Dr. h. c. Roselius

Generalkonsul Dr. h. c. Roselius: Meine hochverehrten
Damen! Sehr geehrte Herren! Ich bitte Sie, am heutigen Tage
eines Mannes zu gedenken, der besser wie irgendein anderer
lange Jahre das Panir des Werkbundes in Bremen getragen
hat. Wir alle schulden Dankbarkeit dem kleinen Manne mit dem
starken Kopf und dem Sinn für Schönheit und Kunst, dessen
Name im Deutschen Werkbund nicht vergessen werden wird.
Meine Worte gelten dem früheren Obmann des Deutschen Werk—
bundes in Bremen, dem Andenken des Herrn Leopold Biermann.
Ich bitte Sie, dem Toten die wohlverdiente Ehrung zu bereiten
und sich von Ihren Sitzen zu erheben.

Der Werkbundgedanke hat im Nordwesten Deutschlands und
wohl besonders hier im schönen alten Bremen lebhaften Widerhall
gefunden. Bringt er uns doch näher den Meistern, die diese Stadt
erbauten. Die Altstadt Bremens gibt gute und starke Kunde
von Werken unserer Vorfahren. Im Herzen ist uns die Saat der
Väter aufgegangen, als ein Weckruf sie erschloß. Vergangenes
verstehen, heißt Zukunft erfassen! In den Gilden des Mittel—
alters hat das Handwerk gedacht und gefühlt. Das ist es, was
die Alten uns voraus hatten. Das Erzwungene und Gewollte
belastet unser Streben und Schaffen. Das Ursprüngliche der Auf—
fassung, die unmittelbare Berührung mit dem zu gestaltenden
Stoff, das besondere Gepräge des stark Persönlichen, fehlt uns.
Wir Menschen von heute haben zuviel gesehen, zuviel und
flüchtig aufgenommen. Das Einschleichen zu den Anderen hat
unsere Eigenart genommen. Viele von uns schaffen nicht aus sich

27
        <pb n="19" />
        selbst heraus, sie arbeiten nach Vorbildern, deren Erschaffungs—
geheimnis längst verloren gegangen ist. So entstehen die Werke,
die keine Eigenart besitzen, die nicht den Stempel schöpferischer
Kraft tragen. Was nutzt es, daß wir den durch unser Lernen
und Vergleichen herangezogenen Geschmack walten lassen. Wir
erreichen nur Täuschung der Massen. Den Geist des Werkbundes
erfüllen wir damit nicht. Nichts ist bestimmender für diesen als
die Ehrlichkeit, mit der wir uns selbst in unserem Werke zu geben
haben. Sei dieses auch einfach, unvollkommen und ärmlich. Der
Name Handwerk ist ein hoher und sollte nicht mißbraucht werden
für Nachahmungsprodukte, wie man sie zu Tausenden sieht.
Unsere Industrie schafft häufig Dinge, die nichts sind als schwäch—
ster Abklatsch mißverstandener Formen. Von der Ursprünglich—
keit des Werkes, von dem Geist, der die Schöpfung bewegte, ist
nichts mehr zu spüren. So kommt es denn zu diesen entsetzlichen
Kunstgewerbe-Erzeugnissen, wie man sie tausendfach auf den
Messen sieht. Einen Tag lang kann man wandern durch Säle,
durch Häuser, durch Ausstellungsräume und kommt doch zu keiner
Ausbeute an Werken, die eigene schöpferische Kraft ausstrahlen.
Wenn ich mir erlauben darf, einen Vergleich zur großen Kunst
zu ziehen, so möchte ich die Kunst des Griechischen erwähnen,
welche in der Frühzeit und Hochblüte stärkste geistige Betätigung
gewesen ist, in der immer das Gefühl die Form überboten hat —
und die Kunst der Römer, bei welcher immer die Form überwog
und das Gefühl schließlich ganz in den Hintergrund getreten ist,
so daß wir uns langweilen, wenn wir eine Galerie mit der—
artigen formvollendeten Standbildern durchschreiten. Und dennoch
ist die im fernen Lande vor Jahrtausenden gewonnene Form
noch heute so stark, daß selbst ernsthafte Künstler versuchen, diesen
klassischen Geist durch Nachahmung einzufangen. O diese Toren
— fangen sie doch die Sonne im Sacke nicht. Zu Hundert—
tausenden, zu Millionen aber finden sich Nachbildungen des auf
fremdem Boden Gewachsenen in Guß und Gips in Waren—
häusern, auf Märkten, in allen Geschäften. Und immer heißt es
dann: „Unsere Kultur“. O dieser Spott. Unsere Literatur,
unsere Sitten, unser Rechtsempfinden, unsere Kunst formte der
10
        <pb n="20" />
        große Stil der klassischen Zeit, bis alles verflachte und das starke
Gefühl für das Ursprüngliche und das Leben und das Werken in
unserer Eigenart verloren ging. So war es nicht immer in deut—
schen Landen. Als Norden und Süden zum ersten Male
zusammenstießen, entstand die Gotik, eine Zeit unerhörter
Schöpfung, in der es wohl Gesetze gab, in der aber niemals die
Form über den Geist oder über das Lebendige in der Kunst
triumphieren konnte. Die alten Steinbilder aus dem Dom, welche
Sie in der Ausstellung unserer Kunsthalle finden werden, geben
ein beredtes Zeugnis der tragenden Kraft eines aus starkem
Gefühl entstandenen Werkes. Zerhauen, zerschlissen, zerstoßen
und verstümmelt triumphieren diese Steinbilder über das, was
unsere Steinmetzen und auch die meisten unserer Künstler heute
schaffen. Offen und ehrlich müssen wir bekennen: Das Ge—
heimnis solch schöpferischer Kraft ging uns verloren! Der Werk—
bund soll jetzt Abhilfe schaffen und die Vertiefung, die geistige
Durchflutung, das Fühlen zurückbringen, welches unser Volk in
schöpferischen Zeiten besessen hat. Die Frauen und Männer, die
sich zum Werkbund zusammengeschlossen haben, fühlen in sich die
Tat wachsen. Was können wir nun tun, um das Licht im Herzen
der anderen zu entzünden, bis die reine Flamme eines starken
Geistes im ganzen Volke brennt? Beispiel sagt der eine, Form
der andere, und schließlich läuft es doch nur darauf hinaus, daß
wir in Überhebung glauben, andere könnten von unserer neu—
geborenen Einsicht lernen und gar unsere Werke als Vorbild
nehmen. Der wahre Werkbundgedanke kennt aber weder Lehrer
noch Schüler. Gebe ich einem Knaben einen Holzkasten und sage
ihm: „Fertige mir einen zweiten solchen Kasten,“ so ist das eine
Anleitung zur Handarbeit, nichts weiter. Gebe ich aber dem
Schüler einige Steine und sage ihm: „Mache mir einen Kasten
für diese Steine, damit ich sie einzeln betrachten und auch leicht
herausheben kann,“ so wird ein Werk entstehen. Immer sind es
die Gedanken, die das Wesen des Werkes ausmachen, niemals ist
es das Äußerliche. Nicht Lehrer, nur Werker sollen wir sein!
Und damit komme ich zur Aufgabe, die die Bremer Gruppe des
Deutschen Werkbundes sich gestellt hat: Frauen und Männern,
11
        <pb n="21" />
        die werken möchten, Anreiz und Gelegenheit zu geben, zu werken.
Die Tagung des Deutschen Werkbundes in Bremen mag die allzu
Bequemen aufrütteln und ihnen den Mut einflößen, selbst zu
werken und nicht wie bisher im stumpfen Nachahmungstrieb
geistlos gewordener Materie aus Gewohnheit oder blinder
Stubenweisheit nachzuahmen. Bei dem Primitiven müssen wir
anfangen und versuchen, in Geist und Gefühl unserer Zeit das
auszudrücken, was in uns liegt, dann werden wir zu neuen und
großen Formen kommen. Zu deutschen Formen, die sich wie ein
Dom erheben aus dem Wirrsal der Gemeinplätze. Der Werk—
bundgedanke wirkt gestaltend auf das deutsche Volk, weil in ihm
der Keim des Aufbaues liegt. Im Boden der Heimat wurzelnd,
sollen unsere Werke wachsen, Zeugnis gebend von der Kraft, die
wir selbst sind. Ein Volk, das seinen eigenen Werkgedanken ver—
loren hat, das fremde Götzen anbetet, und glaubt, im Kampfe
um seine Existenz durch Außerlichkeit siegen zu können, trägt das
Signum des Vergehens an der Stirn. Es geht ihm wie dem
Kranken, der in seiner Fieberphantasie Dinge sich vollenden sieht,
die am nächsten Morgen nicht wieder zusammengebracht werden
können und dann nach dem UÜberschwang den schalen Geschmack
des Nichtkönnens auslösen. Wie viele, die schaffen möchten, er—
müden. Wißt ihr denn nicht, daß die Ermüdung eine Empörung
des Gefühls gegen übertrieben angewandte und veraltete Form
ist? Ein Schaffender, der zugleich Schöpfer ist, ein wahrer Werker
ermüdet nie! Seine Kraft ist göttlichen Ursprungs; sie ist ge—
wonnen aus der Berührung mit der allmächtigen schöpfenden
Kraft. Wird solche Kraft in vielen von uns lebendig, wird das
Volk davon ergriffen, so ist auch die Zukunft unser! Zum Schluß
ein Werkspruch unseres Altmeisters Goethe:

„Und umzuschaffen das Geschaffene,

Damit sichs nicht zum Starren waffne,

Wirkt ewiges lebendiges Tun,

Und was nicht war, nun will es werden.

Zu reinen Sonnen, farbigen Erden,

In keinem Falle darf es ruhn.“

12
        <pb n="22" />
        4. Vortrag des Herrn Dr. Theodor Heuß, M. d. R.,
über „Export und Qualitätsproduktion“

Dr. Theodor Heuß: Ich habe für den leider durch berufliche
Verpflichtungen verhinderten Herrn Direktor Krämer über dieses
Thema Ausführungen zu machen. Es ist etwas sehr Mißliches,
plötzlich einzuspringen für einen Referenten, dessen überlegene
Qualifikation man selber sehr stark anerkennt, und es bringt
zudem eine gewisse Befangenheit mit sich, daß ich über Export—
dinge reden soll hier in Bremen, wo die Menschen die Sachen
praktisch im Fingergefühl haben, während wir nur die theore—
tische Meinung uns bilden können. Wir im Werkbund hatten
gewünscht, daß diesmal vor uns jemand sprechen sollte, der so—
zusagen von außen zu uns kommt, uns seine Erfahrungen in der
Wirtschaft zeigt, sein Urteil über unsere Bestrebungen gibt.
Aber wir haben im Vorstand dann doch geglaubt, das Thema
selber nicht fahren lassen zu dürfen; und zwar nicht deshalb, weil
wir das Bedürfnis hatten, eine Geste an Bremen zu machen, die
Stadt des Ausfuhrhandels und der Schiffahrt. Denn was im
engeren Sinne Werkbundware genannt werden mag, ist ja im
Mengenumfange nicht derart, daß die Schiffahrt als solche ein
allzu starkes Interesse daran haben müßte. Wir sind aber bei
dem Problem deshalb geblieben, weil gerade in diesen Tagen die
Frage der Gestaltung der deutschen Handelspolitik in den Zeit—
raum der Aktualität tritt. Ich will also nicht bloß das dünne
Wort „Export“ ausfüllen mit allgemeinen Darlegungen, sondern
ich will versuchen, mit einiger Improvisation und ohne stati—
stische Unterlagen — wofür manche von Ihnen mir dankbar sein
werden (Heiterkeit) —, während ich selber den Mangel deutlich
13
        <pb n="23" />
        empfinde — auszuführen: Um was geht es bei der Neugestaltung
unserer Handelspolitik. Ubermorgen beginnen im Reichstage die
Debatten über die Zolltarifnovelle der Regierung. Heute und
hier davon zu sprechen, bedeutet, durch eine Gefahrenzone hin⸗
durch zu gehen deshalb, weil naturgemäß in dieser Frage des
Zolltarifs sich politische, im engeren Sinne parteipolitische Orien⸗
tierungen vollziehen und es mir nicht einfallen kann, nun in
unserem Kreise diese Dinge zu einer programmatischen Stellung⸗
nahme zu treiben. Aber wir sind, wenn wir an die Export⸗
probleme herangeholt werden, gezwungen, von solchen „Aktuali—
täten“ zu sprechen. Wir müßten sogar an mehreren Stellen
davon reden, daß, wenn im Laufe der nächsten Wochen das Pro⸗
blem der Agrarzölle und der Eisenzölle in den Vordergrund der
politischen und der wirtschaftlichen Erörterungen tritt, diese
Dinge auch Teilerscheinungen dessen sind, was uns im engeren
Sinne bewegt. Aber ich werde von Roggen und Weizen und
Einfuhrscheinen, und von Weißblech- und Roheisen- und Stab—
eisenzöllen nicht reden, sondern nur dies ausdrücken; die Gestal—
tung dieser Zölle besitzt natürlich in der Rückwirkung auf die
innere Preisgestaltung, in der Auseinandersetzung mit dem, was
man die Kaufkraft des Volkes nennt, auch eine Bedeutung für
die Kalkulationsunterlagen der verarbeitenden Industrie und die
Aufnahmefähigkeit des kaufenden Publikums in Deutschland für
feinere Arbeit.

Lassen Sie mich zunächst den Versuch machen, den Vorkriegs—
zustand mit den heutigen Dingen zu vergleichen, in einer kurzen
Charakteristik. Der Vorkriegszustand kannte die jährlich steigende
Statistik des Exports, das Hinausdringen der deutschen gewerb—
lichen Ausfuhr in den allgemeinen Weltmarkt. Wir hatten für
eine Reihe von Industrien — chemische, optische, auch elektrische
und feinmechanische — in der Welt eine Art von Monopol—
stellung bekommen. Wir hatten mit der Entwicklung unserer
Exportkraft gleichzeitig die Möglichkeit gewonnen, auf unserm
deutschen Boden eine stets zunehmende Bevölkerung zu beschäf—
tigen und zu ernähren, wir waren Jahrzehnte lang kein Aus—
wanderungsland mehr gewesen. Wir hatten volkswirtschaftlich
14
        <pb n="24" />
        die Anpassungsfähigkeit besessen, nun den sich überall erschlie—
ßenden neuen Bedürfnissen der verschiedenen Nationen an allen
Rändern der Ozeane die« Befriedigung von Deutschland aus zu
geben. Der Deutsche, wenn er als Kaufmann hinaus ging in die
Welt, redete viele Sprachen der Welt, redete auch mit seiner
Hände Arbeit manchmal etwas zuviel Sprachen, die draußen ge—
sprochen wurden. Und gerade dort standen wir in den Jahren
vor dem Kriege bei der Werkbundarbeit, neben die ästhetisch—
formale und neben die sozialpolitische jetzt die Frage zu stellen:
wie wirken sich wirtschaftlich unsere Bestrebungen aus?

Das war das Problem gewesen, das wir seit 1912, 1913, 1914
zu buchstabieren begonnen hatten: ist es erlaubt, ist es notwendig,
welches sind die Gefahren, wenn wir und auch unsere Hände so
vielerlei Sprachen zu sprechen gewohnt sind und sie manchmal
recht schlecht sprechen? Wir hatten im Jahre 1914 auf unserer
Kölner Tagung jene große Rede von Friedrich Naumann, wo er
über Weltwirtschaft und Werkbund sprach. Wenn man diese
Rede heute liest, so spürt man, fast möchte ich sagen erschütternd,
wie die Worte, die damals gesprochen wurden, heute historisch
klingen, und wie wir gezwungen sind, uns darüber Rechenschaft
zu geben, daß durch die ungeheure Zäsur des Krieges die volks—
wirtschaftlichen Dinge, auch wenn sie in den Gesamtlinien er—
halten bleiben, von uns neu gedacht werden müssen. Freilich,
schon in jener Vorkriegszeit, wo wir Zahlen hatten, die, ver—
gleichbar in einer anständigen Statistik, uns dauernd Material
boten, war es schwer, unser Problem der wirtschaftlichen Bedeu—
tung hochwertiger Arbeit — wobei mit hochwertiger Arbeit schöne
und gut gefertigte gemeint ist — mit ziffernmäßig nachweisbaren
Belegen zu erörtern. Die Statistik versagt in Geschmacksfragen.
Das mag man bedauern. Ich habe manchmal dieses entzückende
Lesebuch für Deutsche in die Hand genommen, was das Stati—
stische Jahrbuch ist. In ihm kann man spazieren gehen, durch
viele Kolonnen, in denen Zahlen und Zahlen stehen: läßt sich
aus ihnen ein Bild formen, was eigentlich bei dieser Ausfuhr—
statistik bedeutet das Hereinkommen der „Qualität an sich“ und
das Hinausgehen der „Qualität an sich“'“ Und dann kommt man
5
        <pb n="25" />
        nun dahin, daß da Gewichtszahlen stehen für Teppiche oder
Gießereiwaren oder Silberwaren, daß es aber für die Statistik
völlig gleichgültig ist, welche „Wertigkeit“ diese Waren neben dem
Gewicht besitzen, wie nun eigentlich dieser Teppich gemustert ist,
ob er scheußlich oder anständig ist. Denn die Statistik kann eben
nur alle so und so bestimmten Rohmaterialien, aus denen ein
Stück gefertigt ist, feststellen, auch ihre Technik, kann aber nicht
feststellen die Höhe der Qualitätsleistung und noch weniger das,
was an Formideen in diesem Exportartikel drim steckt. Es ist
also damals schon sehr problematisch gewesen, die Dinge, die in
unserm Sinne beim Export von so außerordentlichem Wert sind,
festzustellen. Denn dem Kaufmann oder der Volkswirtschaft
schlechthin ist das verhältnismäßig gleichgültig; ihm genügen die
Gewichtszahlen, ihm genügt der Abschluß der großen Kolonnen,
die zusammen addiert werden. Und für uns mußte es damals
eine Sorge sein und muß es heute noch bleiben, ob zu dieser rein
nach äußerlichen Momenten aufgestellten Statististk das hinzu—
tritt, daß wir in der Ware, die hinaus geht, nicht bloß Mittel
der Handelsbilanz, sondern eine wirkende Kraft, eine werbende
Kraft, die statistisch nicht feststellbar ist, für unsere deutsche Wirt—
schaft und unser deutsches Ansehen haben.

Der Krieg bedeutet handelspolitisch und wirtschaftspolitisch die
große Zäsur. Die industriewirtschaftliche Produktion hatte damals
mit den Dingen der feinen Qualität, auch mit den Fragen der
Hereinschaffung von Devisen für die deutsche Wirtschaft, nichts
mehr zu tun. Unser Freund Bruckmann fabrizierte statt schöner
Silbersachen Granaten für den Krieg, und Schmidt-Hellerau hat
die Holzkästen dazu hergestellt, so daß Spitzenleistungen der deut—
schen Werkbundfirmen nun ganz selbstverständlich in die Aufgabe
der ganzen Kriegsmaterialversorgung hinein sinken. Davon ist
nicht zu sprechen. Die Nachkriegszeit wirft zunächst alle unsere
volkswirtschaftlichen Normaldenkmethoden um und bringt uns
auch in eine wirtschaftliche Auseinandersetzung mit dem, was
politisch während des Krieges und zum Kriegsende heranzieht,
mit dem, was im Versailler Vertrage einen nicht so ganz ab—
schließenden Ausdruck findet, wie es die ursprünglichen Pariser
16
        <pb n="26" />
        Beschlüsse von 1916 gewollt hatten, stellt uns vor die Frage:
kann dieses Volk, das in der Vorkriegszeit sich eben nur auf
seinem Boden ernährt hat, durch die Ausfuhr, die den not—
wendigen Zuschuß an Lebensmitteln beschafft, kann es wieder
hinaus gehen auf den Weltmarkt, auf den es gehen muß, um leben
zu können? Die politische Absicht war gewesen, die deutsche Kon—
kurrenz draußen von dem eng gewordenen Markt fernzuhalten,
damit wir in Deutschland ersticken dadurch, daß der Atem unserer
Wirtschaft nicht mehr über unsere Grenzen hinaus geht. Die
Pariser Beschlüsse von 1916 hatten die große Verfehmung der
deutschen Arbeit ausgesprochen und hatten damals einen Ring
um Deutschland als möglich angesehen, damit der Deutsche als
Arbeitender, damit der Deutsche als Verkaufender, damit die
deutsche Ware, wo sie hinaus geht, von vornherein durch Verbot
oder mit harter, mit unmöglicher Zollbelastung abgehalten
werde. Der Versailler Vertrag hat dies nicht mit derselben
Schärfe ausgesprochen, aber er hat uns in unserer handels—
politischen Aktivität bis zum Januar 1925 gefesselt; wir mußten
die Meistbegünstigung an andere gewähren, wir waren nicht in
der Lage, Handelsverträge abzuschließen. Wir waren vor allem
in den Jahren 1922 und 1923, wie Sie wissen, ja auch gemäß
der politischen Entwicklung, in Auseinandersetzung mit Frank—
reich, infolge des sogenannten Lochs im Westen gar nicht in der
Lage, eine irgendwie theoretisch behauptete knappe Souveränität
der verwaltungsmäßigen, zollpolitischen Gesetzgebung durch—
zuführen, in unserer Machtlosigkeit gegenüber dem Hinein- und
Hinausströmen an Waren, die auf den Spekulationswogen der
schwankenden Valuta trieben. Durch die wirtschaftlich-finanzielle
Entwicklung war nun freilich ein Stück von dem, was in Paris
und Versailles politische Absicht gewesen, zerbrochen, weil mit der
Tatsache der deutschen Geldverschlechterung, mit dem, was wir
Inflation hießen, mit der wirtschaftlich-finanziellen Kraft des
Billigerkaufenkönnens in Deutschland die Dämme der vpolitischen
Absichten zerbarsten.

Das ist die eine, nach meiner Auffassung aber auch die einzige
relativ günstige Wirkung des sinkenden deutschen Geldwertes in
17
        <pb n="27" />
        Deutschland, daß wir, weil gemessen am Draußen unsere Arbeit
billiger war, mit unserer deutschen Ware draußen wieder plötz—
lich vorhanden waren. Wir sollten verfehmt werden; aber es war
billig, in Deutschland zu kaufen, und dieser Dammdurchbruch der
schlechten deutschen Valuta hat uns wieder auf den Weltmarkt
hinaus geführt. Freilich, diese Erneuerung gewerblicher und
kommerzieller Beziehungen ist von der deutschen Wirtschaft in
ihrer Gesamtheit sehr schwer bezahlt worden. Denn es ist damals
in Deutschland nicht gekauft worden, weil man die deutsche Ware
—
dieses Verkaufenkönnen ohne Rücksicht auf Leistung, der Aus—
verkauf Deutschlands, wie es dann übertreibend genannt wurde,
hat zur Folge gehabt, daß in Deutschland auch schlechte Ware,
schlechte Arbeit mit einer gewissen Leichtfertigkeit angeboten
wurde. Bis wir auf einmal von draußen hörten, und auch die
Kaufleute und die Industriellen es hörten, aus Spanien oder
aus Südamerika oder sonst woher, daß man enttäuscht darüber
wäre, daß die Ware, die man in Deutschland gekauft hatte, nicht
mehr so gut sei wie im Jahre 1913 und 1914, so daß also von
dieser Seite aus die Inflationsperiode des leichten Ausführen—
könnens für das Ansehen der deutschen Arbeit und zuverlässigen
Leistung eine Belastung wurde.

Wir erinnern uns, daß in jener Zeit, da durch die Sprünge
der Valuta eine plötzliche Ausfuhr einsetzte, die dann wieder ins
Stocken kam, wenn die Valuta sich einigermaßen beruhigt hatte,
der Versuch gemacht wurde der Ausfuhr- und Einfuhrbewilli—
gungen, der Uberwachung von Einfuhr und Ausfuhr, der Auf—
bau eines Beamtenapparats, der diese Funktionen überhaupt erst
ermöglichte, wir erinnern uns an jene dilettantenhaft anmutende
Form, eine Exportpolitik und eine Schutzpolitik verwaltungs—
technisch zu leisten; amtliche Stellen und Branchestellen kon—
kurrierten miteinander. Es war die Zeit, da man mit Verwal—
tungsmaßnahmen eine Regelung, eine Bindung der Valuta ver⸗
suchen wollte, und da der Zustand der Hilflosigkeit nur immer
deutlicher wurde. In dieser Inflationsperiode war der Export
eine Selbstverständlichkeit geworden; im Innenmarkt bestand
18
        <pb n="28" />
        aber eine Zeitlang die Tugend des Kaufmanns darin, nicht zu
verkaufen, sondern auf der Ware sitzen zu bleiben; der war ein
Esel, der die Ware in Umsatz brachte.

Damals hat ja auch das deutsche Gewerbe — und daran
lernen wir heute erst wieder zu alten Methoden um — verloren
das, was Kalkulation gewesen war. Man hatte aufgehört, in
Pfennigen zu kalkulieren; an die Stelle der Kalkulation war die
Multiplikation getreten und sie war die normale Form geworden.
Und heute tragen wir an der Sorge, für die kaufmännischen
Uberlegungen einen Nachwuchs zu erziehen, der anständig zu
kalkulieren in der Lage und dazu auch innerlich gesonnen ist.

Das war die Zeit, da wir auch in der Frage der Rohstoff—
verwendung noch unsicher tappten. Wir waren während des
Krieges gezwungen gewesen, soundsoviel Ersatzrohstoffe in unsere
Wirtschaft hinein zu nehmen, und wir haben es damals begeistert
gepriesen, was aus der Stapelfaser werden wird, was aus der
und der Ersatzleistung der Technik später an Momenten der wirt—
schaftlichen Unabhängigkeit sich ergeben würde. Es hat sich aber
gezeigt, daß die Hoffnung, aus der technisch-rationellen Verfas—
sung der Kriegsnotdurft heraus später eine neue deutsche Wirt—
schaft aufbauen zu können, eine falsche Hoffnung gewesen ist, daß
auch der Glaube, daß Deutschlands Industrie mit dem Rückgriff
auf eigene, innere Rohstoffmöglichkeiten von der Einfuhr aus—
ländischer Rohstoffe sich entlasten und unabhängig machen könnte,
ein falscher Glaube gewesen ist. Es sind nicht nur die Textilien,
bei denen wir vor allem, nachdem wir unsere Kolonien verloren
haben, auf die fremden Produktionsrohstoffgebiete angewiesen
bleiben, nicht blos Eisen und Stahl, da alter Besitz uns ge—
nommen, sondern auch die Dinge, die mit der Holz- und mit der
Metallbearbeitung zusammenhängen. Wir wissen, daß, wenn
überhaupt die in Deutschland in der Vorkriegszeit geschaffene
größte, kapitalistisch nicht auszudrückende Leistungskraft ver—
wendet werden soll, die in der Erfahrung und in der technischen
Leistung der Arbeiterschaft besteht, daß wir dann auch fremde
Rohstoffe von teurem Preise und starker Qualität nach Deutsch—
land hereinnehmen müssen. um sie auf dem Wege des soge—
19
        <pb n="29" />
        nannten Veredelungsverkehr exportfähig zu machen. Wir mußten
uns wieder hinaus begeben, um zu sehen, wie stark wir gebunden
sind an bestimmte Voraussetzungen des Zustandes der Vorkriegs⸗
zeit.

Deutschland selber hat nun in dieser Periode eine industrie—
politische und finanzpolitische Gesetzgebung erfahren, die wir auch
bei einer Erörterung der Handelspolitik nicht übersehen können.
Wir stehen heute nicht nur in der Zolldebatte, sondern wir stehen
auch in der Steuerdebatte mitten drin und stehen vor der Frage
der Umsatzsteuer, ob sie auf 14 oder 125 ermäßigt wird,
oder ob sie ganz fällt. Die Umsatzsteuer, jene Steuer, die für den
Staat sehr verständig ist in einer Zeit, da die Geldentwertung
fortgesetzt die Ziffern verschiebt, da sie angeschlossen ist an die
Preisbewegung der Ware und somit die einzige Steuer ist, die
mit der Entwertung des Geldes einigermaßen Schritt hält, muß
von uns heute anders gesehen werden unter dem Gesichtspunkt
ihrer heutigen Wirkung. In einer Zeit, da wir gezwungen sind,
mehr zu steuern, wird sie im Produktionsprozeß überall als zu—
sätzliche Verteuerung der Preise eintreten. Wir erinnern uns,
daß jene Zeit auch gebracht hat die Luxussteuer unter dem Ge—
sichtspunkt des Ressentiments, daß auf einmal viele Menschen
vorhanden waren, die Luxus kaufen konnten zu einer Zeit, da
die breiten Massen des Volkes verarmten und in diese breiten
Massen des Volkes der ganze alte sogenannte gebildete Mittel—
stand mit hinein sank. Damals hatte man sich angewöhnt das
Wort Luxus mit einem peinlichen Zusatz von sozialer Ent—
rüstung zu nennen, und ich verstehe das durchaus. Aber man
hat sich nicht überlegt, ob es volkswirtschaftlich erlaubt ist, be—
stimmte gewerbliche Leistungen mit diesem Stempel zu belegen,
sie dem Unrecht einer steuerlichen Sonderverfolgung auszusetzen,
ohne zu überdenken, wie das volkswirtschaftlich zurückwirkt. Mit
der Stabilisierung kommt der Rückschlag auch in diesen Fragen.
Deutschland ist auf einmal ein hochvalutarisches Land geworden
bei gleichzeitig einsetzender Erkenntnis, daß es ein verarmtes
Land ist, und daß die volkswirtschaftliche Gesamtverarmung nun
uns zwingt, den Zusammenhang zwischen innerem und äußerem
20
        <pb n="30" />
        Markt neu und anders zu sehen, als wir es in der Vorkriegszeit
gewohnt waren, wo wir wußten, daß der innere Markt, auch
wenn er statistisch nicht so durchgearbeitet ist wie der äußere, die
wesentliche Unterlage der deutschen Produktion und auch der
Spitzenleistung gewesen war. Ist dieser innere Markt ent—
wicklungsfähig als Basis für den Export? Wie weit kann die
Exportindustrie sich vom inneren Markt lösen und sich allein auf
den Weltmarkt hinaus wagen?

Das ist das eine. Und das andere ist, daß unsere ganze Politik
wie unsere ganze Wirtschaft unter dem Gesetz des Dawes—
Abkommens gestellt ist. Ich werde das weder nach der politischen
noch nach der wirtschaftlichen Seite besprechen, ich werde auch
nicht die Abschätzung der Tragbarkeit dieser Abkommen von
London unternehmen, sondern nur sagen: Für unsere Betrach—
tungen ist wichtig, daß, während die ganzen Erörterungen, die
wir nach dem Kriege hatten, die Unterhaltungen in London,
Spaa und Boulogne, nur dilettantische Versuche waren, aus uns
Deutschen an Entlastung der andern, was immer nur gefordert
wurde, herauszuholen, jetzt das Dawes-Abkommen die volks—
wirtschaftliche Erkenntnis ausspricht und anerkennt, daß, wenn
Deutschland Leistungen an die andern machen soll und muß,
diese Leistungen auf die Dauer nur aus den Überschüssen der
deutschen Ausfuhr zu leisten sind, daß also der Rückgriff auf das,
was man die Substanz nennt, zwar vorübergehend den andern
Gewinn bringt oder Gewinn zu bringen scheint, daß aber dieser
Verlust an Substanz, dieser Verlust der werbenden Anlagen
z. B. unserer Handelsflotte oder des Saargebiets auf die Dauer,
weil die deutsche Produktionskraft dadurch geschwächt wird, den
andern nicht dienlich ist. Daß also das Problem des deutschen
Exports heute nicht bloß ein Problem der deutschen Devisen—
beschaffung und der ausländischen Rohstoff- und Lebensmittel—
beschaffung, wie es in der Vorkriegszeit war, ist, sondern das
Problem des deutschen Exports ist schlechthin das politische und
weltwirtschaftliche Problem. Ich glaube nicht, daß die Dawes—
lasten so getragen und abgetragen werden können, wie der Plan
von London es vorsieht, ich bin davon überzeugt, daß wir im
2
        <pb n="31" />
        Laufe der nächsten Jahre um die Begleichung dieser Summen
ein dauerndes Ringen haben werden. London ist deshalb nicht
ein Abschluß, sondern eine Basis, an die sich aus der Notwendig⸗
keit der Dinge soundsoviele neue Möglichkeiten anschließen werden.
Aber es ist notwendig, in der Erörterung der Fragen mit er—
höhtem Nachdruck darauf hinzuweisen, daß jetzt das Problem des
deutschen Exports auch von den andern als ihr Problem an—
erkannt wird. Für Deutschland stellt es sich so dar: Ausfuhr
von solchen Waren, in denen wir ein Monopol haben. Das ist
in der Vorkriegszeit im wesentlichen Kali gewesen. Das Monopol
ist zerbrochen, seitdem Elsaß-Lothringen uns verloren ging. Die
chemische Industrie ringt um die Erhaltung ihres technischen
Monopols. Man ist dort optimistisch, aber wir haben damit zu
rechnen, daß die Welt draußen jetzt nicht mehr bloß auf die
deutschen Farben angewiesen ist. Sonst haben wir an Mono—
polen, wo die andern von uns nehmen müssen, was wir bringen,
heute nichts mehr anzuführen. Wir sind also angewiesen auf
das, was deutsche Leistung aus deutschen und aus fremden Roh—
stoffen macht.

Indem wir diese Überlegungen anzustellen haben, stoßen wir
aber nun auf die Erkenntnis, daß sich in der Zeit, da mit
—VV—
konnten, draußen die Welt industriell anders gestaltet hat als sie
vorher war, daß in der Zeit, in der Deutschland abgeschnitten
war vom Weltverkehr, auch die Industrie der andern Industrie—
länder wenig für den Markt produziert hat, da der Krieg der
größte Verbraucher von industrieller Arbeit geworden war, so
daß nun in all den agrarischen Gebieten und Ländern draußen,
die vorher in der großen internationalen Arbeitsteilung von Eng—
land und von uns ihre industriellen Artikel bezogen haben, teils
aus sachlicher Notwendigkeit und teils aus kapitalistischem Ver—
dienstbedürfnis Industrien entstanden sind. Die agrarischen
Länder haben den Versuch gemacht, sich selber die notwendigen
Industrien zu schaffen. Diese Industrialisierung agrarischer
Länder hat zwar Kanada und Argentinien in wesentlichem Um—
fange nicht erfaßt, sie hat aber doch in der großen Induststriali—
8
        <pb n="32" />
        sierung der Vereinigten Staaten und einiger anderer Staaten
ihren Ausdruck gefunden.

Diese Entwicklung der Industrialisierung bringt nun Deutsch⸗
land zollpolitisch und sachlich heute eine gewisse Entlastung in
der Form, daß, wenn auch die Zeitungen heute voll sind von
dem Voranschieben des Agrarzollproblems, das Agrarzollproblem
seine Bedeutung von vor 25 Jahren im Sinne einer unerwünscht
starken Konkurrierung des deutschen Getreidebaus heute verloren
hat. Denn Amerika ist bei seiner starken Industrialisierung, mit
der es die amerikanische Weizenproduktion beschränkt, und bei der
es mit höheren Löhnen rechnen muß, heute als Weltmarkt—
konkurrenz zunächst fast ganz ausgeschieden, und heute haben die
Vereinigten Staaten — man vecrgleiche damit die Zeit vor
20 Jahren — Agrarzölle gegen Kanada eingeführt.

Rußland, trotz der wohlmeinenden Versicherungen, die an—
gegeben werden, scheidet auf absehbare Zeit als Getreidelieferant
nach meinem Empfinden aus; Rumäniens Bild hat sich völlig
gewandelt. Die ganze Welt, vor allem die vom Kriege nicht be—
rührte Welt, ist von der Tendenz zu steigender Lebenshaltung
und somit zu steigenden Lebensmittelpreisen erfüllt, so daß wir
—V
problems gegenüber den letzten Zollkämpfen haben. Aber nach—
dem dann die andern, die neutralen und die feindlichen Länder,
aus der ganzen politischen Entwicklung, die der Krieg bedeutet
hat, vor die Tatsache gestellt wurden, daß sie wünschen mußten,
daß Deutschland ausführt, entsteht dort die industrielle Hoch—
schutzzollbewegung. Und hier liegt heute der politische und sach—
liche Nachdruck der ganzen aktuellen Auseinandersetzung, daß um
die Industriezölle der anderen heute von Deutschland gekämpft
werden muß.

Die ganze Welt ist erfüllt von Hochschutzzolltendenzen. Und
die Hochschutzzolltendenzen sind zunächst hineingefahren vor allem
in die neuen Staaten, die sich bei der sogenannten Balkanisierung
des alten Europa gebildet haben. Es ist ganz verständlich, daß
Tschechien, daß Jugoslawien, daß Polen usw. heute so stark schutz—
zöllnerisch eingestellt sind unter dem Gesichtspunkt, daß sie bei der
292
        <pb n="33" />
        Unsicherheit, in der wir bei der ganzen politischen Gestaltung
Europas heute sind, glauben, hier auch ihre steuerpolitischen Not—
wendigkeiten befriedigen zu können. Denn man kann von der
Industrie, wenn man sie hochzüchtet, auch steuerpolitisch immer
viel leichter Geld bekommen als von der Landwirtschaft; das liegt
in der Natur der Buchhaltungsgebarung der verschiedenen Ge—
werbe. Es ist für werdende Staaten immer ein Bedürfnis ge—
wesen, sich eine Industrie zu schaffen, wenn sie steuerpolitisch
leicht faßbare Bestände haben wollten. Wir leiden also unter
diesem Geschichtsvorgang, daß die neuen Staaten selber eine
sachliche Notwendigkeit empfinden, sich mit Hochschutzzöllen zu
sichern, und mehr noch, daß sie die Hochschutzzölle als Voraus—
setzung von Kapitalbildung betrachten. Ganz Europa ist ver—
armt, es sollen neue Kapitalien gebildet werden, sie sollen ge—
bildet werden nach der primitiven Anschauung einer durch den
Zoll gesicherten Zusatzrente. Die Frage stellt sich nun so dar:
daß wir auf der einen Seite hereinkommen wollen und müssen
bei den andern mit unseren Waren; da kommt dann aber die
Gegenfrage: dürfen und wie weit dürfen wir den andern den
Weg zu uns selber versperren? Hier wandelt sich noch einmal
das internationale, vor allem das europäische, zu dem deutschen
Problem: wird es möglich sein und in welchem Umfange, die
deutschen Gestehungskosten herabzudrücken? Ich repetiere jetzt
nicht die Klagen des Handwerkers und des Industriellen über die
sozialen Lasten und über die unterträglichen Steuern. Gewiß,
diese Steuern waren 1924 unerträglich, aber ich brauche nicht zu
beschreiben, daß sie notwendig gewesen sind unter dem Gesichts—
punkt der Sicherung unserer Währung. Volkswirtschaftlich steht
Deutschland, da es wieder exportieren will, vor der Frage: wird
es möglich sein, die allgemeinen volkswirtschaftlichen Gestehungs—
kosten, die heute vielfach über Weltmarkt liegen, trotz der Arbeiter⸗
löhne, die, an den ausländischen Löhnen gemessen, vielfach niedrig
genug erscheinen, herabzudrücken und den deutschen volkswirt—
schaftlichen Gesamtbetrag zu entlasten von den aus der Kriegszeit
noch hereinragenden Institutionen zwangswirtschaftlicher Natur,
die heute erledigt werden müssen, die sozialpolitisch wohl einmal
24
        <pb n="34" />
        notwendig waren, die aber in der volkswirtschaftlichen Gesamt—
berechnung heute vielfach ein Luxus sind? Wird es möglich sein,
die Umsatzsteuer abzuschaffen? Alle Vergleiche mit der Vorkriegs—
zeit sowohl in bezug auf die Lebensmittel wie auf die gewerb—
lichen Preise leiden ja darunter, daß die Menschen, die solche
Ziffern anwenden, immer vergessen, daß wir z. B. im Textil—⸗
gewerbe die Umsatzsteuer vier- bis sechsmal, nämlich bei jedem
Übergang der Ware von der einen Hand in die andere erhoben
haben. Ehe wir aus diesem Zustand nicht herauskommen, ist die
Möglichkeit der Herabsetzung der Gestehungskosten im Sinne der
Verhältnisse der Vorkriegszeit gar nicht möglich.

Ich habe schon davon gesprochen, daß eine falsche Nachkriegs—
politik der Industrie heute für uns eine Last geworden ist. In
jener Zeit der Inflation, in die wir mit einem so fatalen Gefühl
hineingingen, wurde uns Menschen, die nebenher politisch oder
in der Hauptsache politisch sind, immer auseinander gesetzt, was
wir für kolossale Esel seien, und daß die Rettung Deutschlands
von den großen Kapitänen der Wirtschaft käme, die jetzt allein
Leistung, Ausdehnung, Gestaltung der kapitalistisch-technischen
Entwicklung Deutschlands bestimmten. Ich habe immer sehr
schöne Reden dagegen gehalten, habe mir aber keine Illusionen
gemacht, daß das Redenhalten hier irgendwelchen Eindruck macht
bei Leuten, die schnell Geld verdienen wollen. Wir haben dar—
unter gelitten, daß in jener Zeit die Industrialisierung in diesem
riesigen Maße neu einsetzte, daß die Wirtschaft eine Ausdehnung
in ihren Neuanlagen bekommen hat, daß die Industrie eine Ex—
pansion angenommen hat, deren Folge ist, daß der Leerlauf dieser
erweiterten Industrie heute von uns mit getragen werden muß.
Fast niemand, den es anging, blickte damals auf die Tatsache, daß
auch die Welt draußen industriell geworden ist.

Heute heißt nun der Ruf: Rationalisieren, Umstellen, und die
Kapitalien dazu fehlen. Wir haben auch in jener schönen Zeit
erlebt, daß an Stelle des Produktions- und Betriebskapitals im
engeren Sinne das Finanzkapital die Herrschaft über die deut—
schen Dinge in die Hand zu nehmen schien, da wir jene wahllosen
Konzernbildungen gehabt haben, die auch von den Deutschen
25
        <pb n="35" />
        immer wieder bewundert wurden, was nun für ein großer und
gewaltiger Wirtschaftskonzern dort und hier entstehe. Es war
die Zeit, da die deutsche Sprache ihre fatalste Bereicherung bekam
mit dem Begriff des Sachwertes, und da die Menschen, wie man
sich ausdrückte, in die Sachwerte gingen, da diesem „in die Sach—
werte gehen“ das gesamte Publikum sich anschloß. Was für un—
geheure Illusionen das waren, das zeigt sich auch heute, da selbst
Bankiers erstaunt und entrüstet darüber sind, daß Aktien von
Fabriken so schlecht im Kurse stehen, da doch der innere Wert der
Fabriken und Vorräte und Maschinen so und so hoch sei und
infolgedessen eigentlich von Gottes und Rechts wegen die Aktien
viel höher stehen müßten. Jetzt müssen auch die Bankiers neu
lernen, daß der Kurs einer Aktie sich nicht am investierten
Kapital ablesen läßt, sondern an der Ertragsfähigkeit, an dem,
was heraus kommt. Und das schmerzliche Betrachten von Kurs—
zetteln, was heute erneut eine etwas zweifelhafte Beschäftigung
für Illusionisten der Erwartung geworden ist, zeigt, daß wir alte
Wahrheiten neu lernen müssen: daß die deutsche Exportfähigkeit
sich nicht nach dem Besitz von großen Maschinen und Fabriken
richtet, sondern nach dem inneren Verhältnis des kalkulierten Er—
trages und der Konkurrenz mit denen da draußen.

Wir hatten nach dem Kriege ja auch neue Methoden für unsere
Exportpropaganda, wenn ich so sagen darf, zu schaffen gesucht,
neue Methoden, die an alte Tatsachen anschlossen. Ich will nicht
viel davon sprechen, es muß aber genannt werden in der Be—
handlung der Gesamtfrage. Als wir die Inflation hatten, hatten
wir nicht nur die Inflation des Geldes, nicht nur die Inflation
der Bureaukratie, sondern auch in Deutschland eine Inflation
der Messen, den Glauben, das Ausland komme sowieso gern zu
uns, um deutsche Waren zu kaufen. Das war so lange zu ver—⸗
stehen, als der Aufenthalt in Deutschland aus der Westentasche
bezahlt werden konnte, ist aber heute, da auch für den ausländi—
schen Käufer Deutschland ein teures Land geworden ist, eine
große Fragwürdigkeit und eine Schicksalsfrage der deutschen Aus—
fuhrpolitik und Ausfuhrpropaganda geworden. Ich glaube, wir
werden hier eine Revision dieser innerdeutschen Situation zum
26
        <pb n="36" />
        mindesten prüfen müssen, ob nicht diese Form des provinzialen
Charakters von Dutzenden von Mustermessen zu jenen zwar
überlieferten, die volkswirtschaftliche Bilanz aber zu stark be—
lastenden Zwischeninstitutionen gehört. Wir kommen in diesen
Dingen zu der Notwendigkeit einer Umstellung. Und es ist wohl
auch gerade keine eindeutige Freude — weil wir gerade bei hoch—
wertigen Waren soviel böse Dinge über diesen Mann früher ge—
sagt haben —, daß nun der „Reisende“ wieder in den volkswirt—
schaftlichen Produktionsprozeß hinein kommt.

Die deutsche Volkswirtschaft, die diese Massen Inflations—
papiergeld in die großen Fabrikanlagen usw. gesteckt hat, und die
heute vor dieser zerklüfteten Wirtschaftslage Europas steht, dis—
kutiert seit einigen Jahren an der Frage der inneren Gestehungs—
kosten herum. Die Leute haben es begriffen und brauchen es sich
nicht erst sagen zu lassen, wenn sie mit der ausländischen Kon—
kurrenz rechnen, daß hier die neue Situation neues Denken ver—
langt. Ich darf an das anknüpfen, was im vergangenen Jahre
in Karlsruhe in unserem Kreise erörtert wurde, ich bin selber
nicht dabei gewesen, und wäre jetzt fast versucht, eine Diskussions—
rede zu beginnen zu den fesselnden Ausführungen, die damals
Direktor Borst gemacht hat. Solange die Inflation dauerte, hat
die deutsche Volkswirtschaft eine Art von illegitimen Zollschutz
gehabt, denn mit dem schlechten deutschen Gelde konnten wir im
Auslande nicht kaufen. Nun aber die Frage: wie weit wird die
deutsche Wirtschaft, wie weit muß, wie weit darf, wie weit kann
sie den Weg gehen, durch eine grundsätzliche Umstellung ihrer
Produktionsformen und Produktionsmethoden, den Prozeß des
Taylorismus, des Fordismus, der Rationalisierung und Typi—
sierung ihrer Herstellung zu vollziehen? Die Grenzen auf diesem
Wege sind gezogen durch die Kapitalarmut. Die Voraussetzung
einer solchen Umwandlung ist, daß der Betrieb soviel ausländi—
schen Kredit genießt, um die dafür nötigen Mittel zu gewinnen,
denn aus eigenem kann es wohl kaum irgendwo geschehen. Aber
ich möchte hier eine Einschaltung grundsätzlicher Art machen. Ich
glaube nicht, daß der Typus der deutschen Wirtschaft mit ver—
schwindenden Ausnahmen auf diesen Zustand des Amerikanis—
27
        <pb n="37" />
        mus, wenn ich das Wort in diesem Zusammenhange gebrauchen
darf, auf den Zustand des Fordismus gebracht werden wird.
Nicht bloß wegen der Arbeitstraditionen, die drüben anders sind
als hier, wo doch auch bei aller Entwurzelung unserer Massen—
arbeiterschaft jeder Arbeiter ein Stück mehr Geschichte als drüben
mit sich herum trägt als Last und als Stütze; nicht bloß
wegen der sozusagen landschaftlichen Vielfältigkeit der Bedürfnisse
unseres industriellen Marktes. Denn solche Dinge lassen sich ab—
gewöhnen, und wir sind ja in vielen Fragen dazu gekommen,
typische Bedürfnisse mit typischen Leistungen zu befriedigen. Aber
das ist die Frage: trifft die Voraussetzung der typischen Massen—
herstellung unseres gesamten gewerblichen Lebens auf unsern
Markt zu? Amerika kann diesen Weg gehen, weil dort ein ein—
heitlich produzierter Massenverbrauch möglich ist, während in
diesem zerklüfteten Europa einfach der Boden dafür zu eng ist.
Wenn ich es drastisch ausdrücken darf: So kann das Fordsche
Auto mit rationellem Erfolg nur laufen, wenn es von San
Francisco bis Newyork einen Weg vor sich hat, wo es sich lohnt,
es laufen zu lassen, während das auf einer Reise von Moskau
bis Lissabon durch soundsoviele Gebiete mit soundsovielen
andern Wirtschaftsgebieten hindurch läuft und da einfach nicht
die Rente dabei heraus kommt. Der Abgeordnete Dr. Schneider
von der Deutschen Volkspartei hat neulich einmal in einer Unter⸗
haltung zu mir das Wort gebraucht: „Man kann Schrebergärten
nicht mit dem Dampfpflug bearbeiten!“ Europa befindet sich,
wirtschaftlich gesehen, in provinzialen Einengungen, unter diesem
Aspekt in dem Zustand von Schrebergärten, die mit Spaten und
Hacke bearbeitet werden müssen, und über die man nicht den
Dampfpflug, der nur ganz rationalisierte große Wirtschaft be—
arbeitet, nicht laufen lassen kann, weil es sich eben nicht lohnt.
Von der Seite aus tritt nun die Frage der Qualitätsproduk—
tion noch einmal auf, und zwar jetzt in dem Zusammenhang, daß
sie nicht bloß möglich ist für das Ausland. Nach dem Kriege war
es uns sehr peinlich, die Meinungen der ersten Pioniere der
Wirtschaft, die ins Ausland gegangen waren, zu lesen. Ich er—
innere mich, daß ich mich geschämt habe, als ich in der Deutschen

08
        <pb n="38" />
        Goldschmiedezeitung las: die Jugoslawen haben eine Flotte be—
kommen, infolgedessen empfiehlt es sich für die deutsche Bijouterie—
industrie, für Jugoslawien Münzen und Anhängsel mit Flotten—
emblemen zu machen. Es war davon gesprochen, daß im Trentino
eine große nationale Bewegung zu beobachten sei; und die muß
zweifellos von Pforzheim und Hanau aus durch irgendwelche
Dante- und andere Münzen geschäftlich ausgenutzt werden.
Deutschlands Industrie sollte also von diesen kommerziellen
Köpfen so aufgemacht werden, daß wir aus der Not des Vater—
landes und aus dem Unglück unserer deutschen Brüder in Oster—
reich einen kapitalistischen Schacher machen sollten. Das ist eine
ungeheuer schwere und ernste Gefahr, die natürlich an das poli—
tische Anstandsgefühl grenzt, das ist aber gleichzeitig eine Frage
grundsätzlicher Natur: wie weit kann und darf man unter dem
Gesichtspunkt der europäischen Produktion mit Rücksicht auf
unsern Markt, auf seine Bedürfnisse, die man selber erfindet und
erforscht, gehen? Und noch einmal: innerer Markt und äußerer
Markt?

Der innere Markt ist in Deutschland ja nach wie vor das
entscheidende; ich habe aber Anlaß zu fragen: wie ist jetzt die
Vergleichsziffer der Ausfuhr zwischen früher und heute? Übrigens
gibt noch die Ausfuhrstatistik Zahlen, die seltsamerweise zeigen,
daß trotz aller Sachwertflucht der Inflationszeiten doch noch ein
Bedarf der Ergänzung und Erneuerung vorhanden ist. Der
innere Markt ist in seiner Lebendigkeit und in seinem Niveau
eine Voraussetzung der geschäftlichen Kalkulation des Exports,
ist eine Voraussetzung für die Erhaltung eines anständigen
Niveaus der Formgebung. Ich will Ihnen kurz sagen: ich
glaube, daß diese Dinge in dem Augenblick, wo wir von der
Kreditseite eine Belebung des Baumarktes bekommen werden, für
die deutsche Wirtschaft eine große Bedeutung erhalten könnten,
weil damit soundsoviel andere Betriebe wieder Zufluß an Be—
schäftigung bekommen und damit ein Herabgehen der Gesamt—
unkosten erreicht werden kann.

Ich möchte aber nun doch noch ein paar Dinge sagen dürfen
zu dem, was von Ihnen vielleicht als Kernfrage meiner Aus—
29
        <pb n="39" />
        führungen erwartet wird. Das Wort Export hat ja an sich nicht
viel versprochen, aber in der Richtung, daß es hier in Zusammen—
hang mit dem Werkbund steht, wird doch gefragt werden: wie
steht es denn damit, daß nun in diesem Export deutsche Form
sich ausdrückt? daß darin die deutsche Formgebung im engeren
Sinne zur Wirkung kommt? Das war seinerzeit nach dem Kriege
für mich mit die schwerste Sorge, ob die Verfehmung der deut—⸗
schen Arbeit nicht gerade diese Dinge besonders treffe, die man
im täglichen Leben nötig hat, die Schmuck sein sollen, die Kunst
und Zierrat sind. Sind nicht gerade sie, die die Exponenten
einer deutschen Gesinnung und Form nach unserm eigenen
Willen sein wollen, dadurch für die andern heute eine Zumutung,
die sie ablehnen, denen sie eigenes entgegenstellen? Wir sind
gestern in der Aussprache, als Walter Riezler uns von Paris
erzählte, an die Frage herangeführt worden, wie weit wir heute
in Deutschland und nicht bloß in Deutschland in dem Zustand
geschichtlich stehen, daß die einzelnen Völker mit verschiedener
innerer Schöpfungs- und Formunggskraft in die Dinge, die nun
die rationalisierte Lebenshaltung für sie notwendig macht, ihre
Form, ihren Geist, ihre Art legen? Unter diesem Gesichtspunkt
interessiert uns dies ja vor allem. Ich hatte gestern den Eindruck,
daß zu stark in die Debatte der Gedanke hinein kam, als sei uns
in Paris die Möglichkeit eines großen Geschäfts verloren ge⸗
gangen. Ich möchte, obwohl ich die wirtschaftliche Seite nicht
unterschätze, diese Dinge nicht allzusehr unter den Gesichtspunkt
gestellt wissen, daß man dort das Schaufenster der Welt hatte,
genau so wie ich es auch für falsch halten würde, die Ausstellung
in Monza in ihren Ergebnissen für uns an den Ausfuhr- und
Handelsziffern mit Italien zu messen. Das sind nicht bloß
Fragen der Handelsbilanz, sondern Fragen der Prüfung des
eigenen Könnens und des Wagens, mit den andern sich zu ver—
gleichen . . Und die Hauptschwierigkeit, wenn wir vergleichen
mit den andern, ist, wie weit wir mit der — fast möchte ich sagen
— stolzen und optimistischen Selbstgewißheit, die wir in der Vor—
kriegszeit hatten, von dem Werden der deutschen Form noch
—

30
        <pb n="40" />
        Riezler hat uns gestern davon erzählt, daß ein „Weltstil“
kommen werde. Er sieht ihn. Ich glaube nicht daran, sondern
glaube: wir sind in der schwierigen Lage, hier Zeitgenossen eines
Werdenden zu sein, von dem uns der historische Abstand noch
fehlt. Ich glaube vielmehr, daß diese Demokratie, die durch die
Weltgeschichte geht, als Erscheinungsform des politischen und
nationalen Lebens, die Völker zu ihrer Form, zu dem Form—
willen aus dem Eigenen zwingen wird. Und es ist für uns im
Augenblick das Interessanteste, daß wir überprüfen, wie weit
denn dieser Krieg mit seinen Erschütterungen die Zusammen—
hänge nicht bloß in der Gegend der Rentabilität für die handels—
politischen Erörterungen geändert hat, sondern ob und wieweit
er in der Formkraft, in der Phantasie, in dem Gestaltungswillen,
in der Gestaltungssicherheit der Völker, der Künstler dieser und
jener Völker eine neue Seele, einen neuen Willen oder nur ein
Versuchen und Experimentieren schuf. Das wollen wir in Paris
heute sehen, wie weit die Dinge sind im Einheitlichen und im
Differenzierten.

Deutschland ist auch hier in gewissem Sinne unterworfen
seiner geographischen Lage zwischen dem Osten des Slawentums
und dem Westen des Lateinertums. Auch das werden wir in
Paris zu sehen haben, ob diese ssawischen Nationen in dem, was
sie dort zeigen, bloß ssawische Romantik vorgeführt wird, oder ob
aus dem Slawentum in diese Zeit neue schöpferische Dinge hin—
ein dringen. Wir werden zu spüren haben — das ist kein Suchen
nach individueller Art —, ob in dem, was die Russen heute
machen, nun lediglich wieder manifestierte Kunst ist, ob es nicht
bloß diktierte Kunstliteratur ist, sondern ob es einen gebundenen
schöpferischen Willen hat. Bei uns ist ja die Produktion in Mani—
festen erfreulicherweise zurückgegangen, unsere Kunst hat nicht
mehr diesen literarischen Charakter, der sie in den Jahren von
1918 bis 1921 ausgezeichnet hatte, wenn man so sagen will,
sondern wir sind, wenn ich richtig sehe, jetzt in diese Zone ein—
zutreten, aus dem Literarischen und aus der Sensation der
ewigen Problemstellung zu einer sachlichen Beruhigung zurück
zukehren.

31
        <pb n="41" />
        Einige Schlußbemerkungen noch. In den Dingen des Exports,
die uns nahe liegen, ist, wenn wir sie richtig anfassen, das Aus—
——
der Krieg hat die Auslandsdeutschen an Deutschland heran
gedrängt, weil sie, die gar nicht in den Krieg verwickelt waren,
auf einmal auch unter diese Verfehmung des Deutschen traten,
so daß jetzt im Auslandsdeutschtum, manchmal mit Bitterkeit,
Fragen des allgemeinen Deutschtums gestellt und erwogen
werden. Beim Auslandsdeutschen ist das starke Bedürfnis, an
die Heimat wieder heranzukommen, weil die Heimat jetzt selber
ein anderes nationales Aussehen, eine andere nationale Form—
gebung bekommen hat, die eine viel intensivere Verbindung der
Außenprobleme und der inneren in sich schließt, als die frühere
Zeit sie gekannt hat. Bis zum Jahre 1913 war das deutsche
Volk großartig — oder sinnlos, wie Sie wollen — in der Ver—
schwendung seiner Kinder; wenn sie nach zehn Jahren nicht den
bureaukratischen Schritt zum Konsulat taten, dann waren sie
nach diesen zehn Jahren keine Deutschen mehr. Jetzt ist dieses
Deutschtum draußen an das Deutschtum drinnen herangekommen,
und jetzt handelt es sich für uns darum, inwieweit ihre Arbeit,
ihr Konsum, inwieweit ihr Sein für die deutsche Gesamtarbeit
ein Triumph oder ein Verderben sein kann.

Ich wäre versucht, auch davon zu sprechen, wie wir im Jahre
1914 angefangen hatten, auf die Konsuln des deutschen Vater—
landes einzuwirken und zu ihnen von den Dingen zu reden, die
uns bewegen, unter der Erkenntnis, daß es für unsere amtlichen
Auslandsvertreter wichtig sei, etwas davon zu wissen, was hier
vorgeht, damit sie selber ein Stück der Verantwortung für beste
deutsche Leistung mit tragen wollen. Ich könnte von dem reden,
was in Messeversuchen positiv gewagt werden sollte; ich muß es
mir aber versagen. Doch will ich eine Schlußbemerkung machen,
die nicht zur aktuellen Handelspolitik Stellung nimmt, sondern
eine außerordentlich alte Banalität ist, nämlich die alte Ge—
schichte, die Caprivi bereits formuliert hat, daß Deutschland ent—
weder Menschen ausführen muß oder Waren. Wir haben durch
unsere falsche Steuerpolitik — siehe die Luxussteuer — teilweise
2
        <pb n="42" />
        schon Menschen ausgeführt, die wir gern behalten hätten. Im
graphischen Gewerbe sind soundsoviel Leute bei uns brotlos, weil
eine bestimmte Form von Graphik wegen dieser steuerlichen Über—
lastung nicht mehr industriell hergestellt werden konnte. Diese
Menschen müssen aber erst in letzter Linie ausgeführt werden,
wir müssen diese Menschen, die in dem investierten deutschen
Kapital zu oberst stehen, behalten, dafür müssen deutsche Waren
ausgeführt werden. Heute, wo die Rohstoffe unserer Industrie
zu haben sind, ist die Arbeitskraft des deutschen Menschen, die
Leistungskraft in der Richtung auf die Qualität das schlechthin
Entscheidende. Wenn Sie so wollen, müssen wir, ohne daß wir
Resolutionen fassen und Stellung nehmen zu aktuellen Fragen,
die Gesamttendenz einer handelspolitischen Einstellung dahin er—
kennen, daß wir uns wehren dem Ausland gegenüber, aber auch
bestimmten Kräften unserer eigenen Wirtschaft gegenüber, gegen—
über dem Monopol an Besitz von Rohstoffen, weil wir kämpfen
müssen für das Monopol von bester Form und Leistung der
deutschen Arbeit!

28
        <pb n="43" />
        5. Vortrag des Herrn Dr. Hass elmann-Hamburg,
über „Kulturaufgaben des Schiffbaus“
Dr. Hassel mann-Hamburg: Meine sehr geehrten Damen
und Herren! Ich finde es sehr anerkennenswert, daß Sie sich
noch einmal der Mühe unterziehen wollen, einen Strom der
Reden über sich ergehen zu lassen. Ich werde mich aber der mög—
lichsten Kürze befleißigen und gleich in die Praxis eintreten, um
zu sagen, was heute morgen noch gesagt werden muß. Ich möchte
mich dem Vorbilde von Herrn Generalkonsul Roselius anschließen
und gleichfalls ein Goethe-Wort an die Spitze meiner Ausfüh—
rungen setzen, und zwar deshalb, weil es eine für mich immer
wieder bestätigte Wahrheit ist, daß Goethe über alles, um dessen
Ausdruck man ringt, das beste und tiefste gesagt hat. Goethe sagt
einmal: „Hamburg und Bremen sind groß und prächtig, ihre
Wirkung auf Deutschlands Wohlstand gar nicht zu berechnen.
Aber würden sie bleiben, was sie sind, wenn sie ihre Souveränität
verlieren und irgendeinem Deutschen Reich als Provinzialstadt
einverleibt würden? Ich habe Grund, daran zu zweifeln!“ Dieses
Goethe-Wort über unsere beiden Schwesterhansestädte Bremen
und Hamburg gibt eine Charakteristik des Entschlusses des Deut—
schen Werkbundes, seine diesjährige Tagung hier abzuhalten. Er
hält sie in Bremen ab, nicht in irgendeiner beliebigen Stadt, in
Bremen als dem Ausfallstor und dem Eingangstor der Welt.
Und daß Sie mir als Hamburger Gelegenheit geben wollen, heute
zu Ihnen zu sprechen, finde ich sehr freundlich. Es ist so schwer,
den geometrischen Ort gemeinsamer Tätigkeit zwischen den beiden
Städten zu finden. Es mag das zum Teil daran liegen, daß man
zwischen Wachholder und Heidschnucken keine Generaldirektoren
31
        <pb n="44" />
        ansiedeln kann, wenn zwischen Bremen und Hamburg sich so
schwer der geometrische Ort gemeinsamer Wirkung finden läßt.

Von der deutschen Handelsflotte gehören 55,58 nach Ham—
burg und 26,5 8 nach Bremen. Aber ich weiß, daß ich im Namen
vieler Hamburger spreche, wenn ich neidlos erkläre, daß dieser
Quantität gegenüber die Bremer Qualität in vielen Dingen vor—
zuziehen ist. Ich muß gestehen, daß wir manchmal voll Neid
blicken auf das, was hier geschieht, und zwar gerade in Fragen,
die mit dem Werkbund in Zusammenhang stehen, z. B. mit den
künstlerischen Anforderungen an den Schiffbau. und daß wir
manches davon lernen können.

Vom deutschen Schiffbau heute zu sprechen, ist ein eigenartiges
Ding. Zwar haben wir nach dem Vertrage von Versailles be—
gonnen, eine neue deutsche Handelsflotte zu bauen, aber im all—
gemeinen besteht über diesen Neubau der Handelsflotte ein ganz
grundlegender Irrtum. Man spricht sehr gern von dem neuen
Bauprogramm, das in den letzten Jahren verwirklicht worden
sei. Aber zum größten Teil ist es gar kein neues Bauprogramm
gewesen, sondern es ist zum überwiegenden Teil die Abwicklung
der Baupläne gewesen, die im Frieden unter ganz andern Vor—
aussetzungen beschlossen worden waren. Wenn ich z. B. an die
Hamburg —Amerika Linie denke, so ist zu konstatieren, daß sie in
den Jahren vor dem Kriege ihre Passagierdampfer in außer—
ordentlich hohem Maße ausgebaut hat durch Einstellung der
Imperator-Klasse, daß sie den Passagierverkehr zu einer Höhe
entwickelt, der heute nicht wieder erreicht werden kann, und da
war es naturnotwendig, daß Ballin 1913 und Anfang 1914 sein
Hauptaugenmerk wieder auf die großen Frachtdampfer richtete.
Und das sogenannte Bauprogramm der Hamburg—Amerika
Linie 1918 bis 1922 ist denn auch zum größten Teil nichts weiter
als eine Abwicklung des Ballinschen Testaments hinsichtlich des
Frachtdampferbaues gewesen.

Und ebenso wichtig ist zu wissen, daß die neue deutsche Handels—
flotte nicht frei und nicht ohne Hemmungen gebaut werden
konnte, sondern daß die Gelder des deutschen Volkes, die da als
Entschädigung gezahlt wurden und mit dazu beigetragen haben,
35
        <pb n="45" />
        den Wiederaufbau der Handelsflotte zu ermöglichen, selbstver⸗
ständlich weitgehende Beschränkungen aller Art in bezug auf die
Ausstattung der Schiffe notwendig machten. Dieses Bau—
programm von damals ist nunmehr abgewickelt, und da tut sich
die wichtige Frage auf: was soll jetzt werden? Die deutschen
Werften kämpfen einen Verzweiflungskampf, der an Weser und
Elbe schon manches Opfer gefordert hat. Neue Schiffe aus
eigener Kraft zu bauen, ist so gut wie unmöglich, und so wird es
in den nächsten Jahren unser Schicksal sein, daß die Fragen des
Schiffbaus, sofern es nicht gelingt, ausländische Bauaufträge in
größerem Umfange hereinzubekommen, überwiegend theoretischer
Natur sein werden. Das kann und soll uns aber nicht hindern,
im Gegenteil, das soll uns ein Ansporn sein, diese Fragen immer
und immer wieder zu durchdenken. Und wenn es auch in den
nächsten Jahren vielfach ein Uben am Phantom sein wird, so
wird es hier doch so gehen wie im Flugzeugbau, daß gerade in
den Zeiten der aufgezwungenen Ruhe die besten Gedanken ent—
stehen. Denn es ist noch immer so gewesen, daß aus der Enge
und der Abgeschlossenheit der deutschen Studierstube und des
deutschen Laboratoriums heraus neue Anregungen für die Praxis
hervorgegangen sind. Und auch die Geschichte der deutschen
Schiffahrt nach dem Kriege ist reich an Erfindungen, deren Aus—
wirkungen heute noch gar nicht abzusehen sind. Ich erinnere nur
an das Flettner-Ruder, an den Kreiselkompaß, an die auto—
matische Steuerung, an den Flettner-Rotor. Als zum ersten
Male der Hamburger Dampfer „Hansa“ mit automatischer
Steuerung über den Ozean fuhr, also ohne daß ein Mann das
Ruder zu bedienen brauchte, da war das ein Ereignis, das die
Kaufleute und Gelehrten in der Neuen. Welt aufmerken ließ,
und das für uns, die wir tiefer in die Dinge hinein sehen, ein
Symbol nicht zu überwindender Tatkraft ist.

Gerade die Not der Zeit hat uns gezwungen, in allem Tech—
nischen die Schiffe auf das rationellste zu bauen, und diese ratio—
nelle Bauweise ist vorbildlich geworden, und zwar nicht nur auf
dem Gebiete des Schiffbaues. Ich werde Ihnen nachher im Zu—
sammenhange mit den Lichtbildern über Schiffsbauten einige
36
        <pb n="46" />
        Bauten aus Hamburg, z. B. das Chile-Haus, zeigen, das auch
eine Leistung eines Mitgliedes des Werkbundes ist, auf die wir
Hamburger stolz sind. Und gerade in diesen Bildern werden Sie
das starke Empfinden haben, daß diese architektonischen Leistungen
nur denkbar sind durch die Vorarbeit, die der deutsche Schiffbau
geleistet hat. Es ist ohne Zweifel so, daß da, wo der Techniker
allein maßgebend ist, wo er allein das Wort führt, oft Bilder
von einer Schönheit entstanden sind, die erst uns Heutigen ganz
klar geworden ist, und es ist zum Heulen, wenn dann der Innen—
architekt kommt und diese wunderbare Schönheit verkleistert und
uns glauben machen will, daß das Schiff ein Vergnügungslokal
sei oder ein Bierrestaurant oder ein pompejanisches Schwimm—
bad oder eine holländische Rauchstube Geifall). Es fehlte ja tat—
sächlich nur noch, daß bei jdedem Ortswechsel an Bord die Damen
ihre Kostüme wechselten, um die Maskerade vollzählig zu machen
GHeiterkeit). Das sind Dinge, die der Deutsche Werkbund seit
langem ausgesprochen hat. Ich denke auch nicht daran, in diesem
Kreise diese Dinge breittreten zu wollen; aber es muß doch ein—
mal mit Nachdruck gefordert werden, da die Formgestaltung der
Inneneinrichtung des Schiffes von der allergrößten kommerziellen
Bedeutung ist. Es kann und darf nicht sein, daß irgendein In—
spektor oder Oberinspektor, der einen Kunstatlas zu Hause hat,
darüber richtet, ob der eine Saal in Louis Quinze und der andere
in Louis Seize eingerichtet wird. Es muß das Schiff als Einheit
betrachtet werden, und ich beneide die Bremer darum, daß sie es
möglich gemacht haben, ihr schnellstes und größtes Schiff, den
„Columbus“, den Sie ja in den nächsten Tagen Gelegenheit
haben werden zu besichtigen, von e i nem Manne entwerfen zu
lassen. Es geht nicht an, daß der Durchschnitt durch ein Schiff
aussieht wie der Durchschnitt durch ein modernes Etagenhaus,
wo Geschmack und Geschmacklosigkeit, Kunst und Unkunst, Kultur
und Kulturlosigkeit in vier Stockwerken durcheinander aufgestellt
sind. Es kommt darauf an, das Schiff unter einen einzigen Bau—
willen zu stellen, und das ist in erster Linie der Bauwille des
Bauherrn, des Reeders. Und es ist nicht zu bezweifeln, daß
sowohl beim Bauherrn wie beim Exporteur der Wille gestärkt
37
        <pb n="47" />
        und zur Selbstverständlichkeit gemacht werden muß, dem Aus—
lande deutsches Wollen und Können in der besten Form zu zeigen.
Das Schiff als beweglicher Teil unseres Heimatbodens und die
Ware, als Träger deutscher Gedanken und deutscher Arbeit muß
durch und durch erfüllt sein von der Ausprägung unseres Zeit—
willens und von deutscher Art.

Es wird da noch viel Arbeit zu leisten sein, und gerade insofern
glaube ich, daß die uns aufgezwungene Ruhepause nicht umsonst
sein wird. Diese Selbstverständlichkeit der Gestältung muß doch
langsam von innen heraus wachsen, und es wäre ein Unding,
sich plötzlich vorzunehmen: ich will es jetzt anders machen! Es
muß von innen heraus wachsen, und die Vorarbeit dazu wird
geleistet in Ihrem Kreise, und es wird in manchem wohl erst
eine jüngere Generation heranwachsen müssen, der dies alles zur
Selbstverständlichkeit geworden ist. Aber ebenso wie wir vom
Bauherrn erwarten, daß er ein Gefühl für diese Dinge und vor
allem das Gefühl seiner Verantwortung hat, müssen wir vom
Architekten und bildenden Künstler erwarten, daß er sich fort—
gesetzt hinein denkt in seine Aufgabe.

Ich fuhr vor einigen Jahren mit meiner ältesten Tochter, die
damals vier Jahre alt war, zum erstenmal auf dem Dampfer
„Kaiser“ nach Helgoland. Sie hatte sich an Deck sehr interessiert
alles angesehen; aber als ich mit ihr dann hinunter ging in den
Speisesaal, da sagte sie: „Väterchen, wo ist denn nun das Schiff?“
— D—
cichtig gestellt. Und auch heute drängt sich einem bei manchem
deutschen Schiff die Frage auf: wo ist denn eigentlich das Schiff?

Es kommt darauf an, für die beste Verwendungsmöglichkeit
des Schiffes bedacht zu sein. Ich glaube, das ist eine Aufgabe
von unerméßlicher Weite. Es ist ein Glück dabei, daß beim Schiff—
bau nur allerbestes Material verwendet werden darf. Irgendein
Schund, irgendein Ersatz oder Ersatzersatz hält Gott sei Dank der
Seeluft nicht stand. (Heiterkeit.)

Nun aber kommt es darauf an, die Lösung zu finden aus der
Art des Schiffes. Diese Aufgaben sind, unter Führung des Werk—
bundes zusammengefaßt in dem Jahresbuch von 1914, außer—
38
        <pb n="48" />
        ordentlich gut vorgeschritten beim Bau von Automobilen und
Flugzeugen; beim Bau von Schiffen sind wir aber noch recht
atavistisch. Was hat es z. B. für einen Zweck, wenn ein modernes
Motorschiff mit einem riesig dicken Schornstein versehen wird,
der doch nur bei Schiffen mit Dampfmaschinen Zweck hatte? Es
ist ja ganz schön, wenn man da allerhand Vorwärmekörper hin—
ein legt, aber es ist im Grunde doch eine Feigheit. Man soll sich
hüten vor Kulissen, man soll denken aus dem neuen Material
und aus der neuen Art und Beschäftigung des Schiffes. Wir
werden immer noch nicht ganz die Reminiszenzen aus der Zeit
der Segelschiffahrt los, wir machen uns noch immer nicht ganz
klar, daß das Schiff, das wir heute haben, ganz etwas anderes ist
als das Segelschiff. Wenn der Kiel aus Buchenholz, die Planken
aus Eichenholz und der Mast aus Tannenholz waren, so war
das ein natürlich gewachsener Bau des Schiffes. Aber heute
haben wir in Eisen und Stahl zu denken, die Verbände durch
Nieten herzustellen und die Linienführung nach dem geringsten
Widerstand zu formen. Es hat z. B. lange genug gedauert, bis
wir in der Takelage der Masten uns frei gemacht haben davon,
anzudeuten, als könne man auf einem Dampfer Segel hissen.
Alle diese Fragen führen uns zu der absolut selbstverständ—
lichen Forderung der sachgemäßen und materialechten Verwen—
dung. Und die weitere Forderung ist, daß das Schiff deutsch sein
soll. Ich weiß wohl, daß sich da in der Praxis große Schwierig—
keiten auftun. Denn die Schiffe sollen ja benutzt werden zu
einem großen Teil gerade angesichts der Verarmung Deutsch—
lands von einem internationalen Reisepublikum. Wir haben es
ja herrlich weit gebracht darin, diesem internationalen Publikum
Opfer zu bringen, soviel, wie nur immer möglich war. Ich
glaube, das war auch eine Tenden,, die in der Politik eine Zeit—
lang maßgebend war, soviel hinzugeben, wie der andere nur
immer fordern konnte. Ich glaube aber doch, daß wir in den
letzten Jahren gemerkt haben, daß es auch ganz gut ist, von Zeit zu
Zeit das Eigene zu bewahren und zu behaupten und nicht immer
dem andern hundertprozentig hinzugeben, was er oft nur durch
leises Stirnrunzeln oder durch Augenzwinkern zu fordern scheint.
30
        <pb n="49" />
        Ich glaube, daß eine recht verstandene Durchbildung eines deut—
schen Schiffskörpers nach deutschem Stil in seiner Neuartigkeit
beim internationalen Reisepublikum nach einigem Atemholen
doch Anklang finden wird, wenn es zugleich nur die Anforde—
rungen der höchsten Zweckmäßigkeit und des höchsten Komforts
erfüllt. Diese Fragen sind ja deshalb so außerordentlich wichtig,
und zwar weit über die Hansestädte hinaus, weil ein Volk wie
das unserige ohne Seefahrt einfach nicht leben kann. In Ver—
sailles gab es nur eine Gefahr, die uns restlos verdummen und
verstumpfen konnte, nämlich, daß es den Feinden gelang, uns
restlos von der See abzuschneiden. Es ist eine alte geschichtliche
Wahrheit und Weisheit, daß die Völker, die keinen Anteil an der
See haben, keinen Anteil an der Weltgeschichte haben. Und ich
begrüße es deshalb so außerordentlich, daß die Tagung des Werk—
bundes hier an der Waterkant stattfindet, weil hier, in den deut—
schen Hanse- und Seestädten ein Geschlecht heranwächst, das breit—
beinig auf der Erde steht, das den Kontakt mit der Wirklichkeit
hat, und das doch in großen Linien denkt. Zwar haben wir den
eigentlichen Typus des Seemanns wohl verloren, es gibt nur
noch einige wenige davon unter uns, im großen und ganzen
ist der Seemann heute entweder Verwaltungsbeamter oder
Ingenieur geworden. Und wenn man auch oft genug und
namentlich in den letzten Jahren vor dem Kriege gepriesen hat,
wie außerordentlich weit wir es auf der See gebracht haben, so
hat man doch das Absterben dieses eigentlichen Typus Seemann
nicht verhüten können, und es ist eine große Sorge der Reede—
reien, sich einen seemännischen Nachwuchs zu schaffen. Diesen
seemännischen Typus des alten befahren Matrosen sehen wir nur

noch in der Erinnerung. Aber auch der neue Typus des See—

manns, des Ingenieurs auf See, der gibt Ihnen, wenn Sie mit

ihm in Berührung kommen, sofort den starken Eindruck eines

Menschen, der sich orientiert entweder nach fernen Landmarken

oder nach der Unendlichkeit der Gestirne. Es ist ganz selbst—

verständlich, daß ein Mann, der in der Unermeßlichkeit der See

auf der Brücke steht, der für das Leben vieler Hunderte verant—
40
        <pb n="50" />
        wortlich ist, einen Blick von einer Weite bekommt, wie sie für
uns andere mehr und mehr zu den Seltenheiten gehört.

Was uns alle heute mit ernster Sorge erfüllt, ist ja das: wie
wird es werden mit den deutschen Menschen in dieser Arbeit des
täglichen Lebens, das so ohne jeden hoffnungsvollen Ausblick
fordernd und hetzend uns gegenüber steht? Und da ist es so un—
endlich wichtig und erfreulich, daß in der Seefahrt der deutsche
Mensch den Blick wieder frei bekommt für die großen Zusammen—
hänge des Lebens. Solche Typen in ihrem schweren, harten
Wesen, das sind die deutschen Menschen der Zukunft, wie wir sie
brauchen. Und ich glaube, daß die Leiter der großen deutschen
Reedereien die Aufgabe der Stunde richtig erfaßt haben, wenn
sie sich darüber klar werden, daß sie für alle Gewerbe und für
alle angewandte Kunst Möglichkeiten zu schaffen in der Lage sind,
daß sie das neue Deutschland vor der Außenwelt repräsentieren
können. Es ist für mich kein Zweifel, daß die deutschen Reeder
an der Spitze des Kampfes um das Deutschtum stehen können.
wenn sie das Gebot der Stunde erfaßt haben.

Ich will hoffen, daß die Bereitwilligkeit auf Reederseite — und
Ansätze sind Gott sei Dank vorhanden — dem Maße der künst—
lerischen Entwicklung entspricht. Ich will hoffen, daß eine bessere
deutsche Zukunft unsere deutsche Künstlerschaft wieder vor diese
schöne Aufgabe stellen wird, die schönste Aufgabe, die Schiffahrt
und Schiffbau bieten können. Und wenn wir jetzt im Bilde sehen
werden, wie die deutsche Handelsflotte nach dem Kriege zu—
sammengeschmolzen ist, und wie sie nachher wieder erstarkt ist,
wenn wir sehen, wie deutsche Art in den Dingen liegt, wie es
darum geht, die deutschen Schiffe zu deutschen Kulturträgern zu
machen, dann wollen wir uns zu der Einstellung bekennen, die
ich als Parole auch über die praktischen Exkursionen, die sie in
den nächsten Tagen machen werden, stellen möchte, die Parole,
die uns in den Hansestädten immer wieder stark gemacht hat
angesichts der großen Verluste und der Schwere der Aufagaben.
die Varole:

Dem Feinde das Gestern, uns aber das Morgen!
        <pb n="51" />
        6. Bericht des Herrn
Museumsdirektor Dr. Walter Riezler-⸗Stettin,
über die Pariser Ausstellung
Dr. Rie zler: Meine Damen und Herren! Es ist für mich
nicht leicht, Ihnen heute einen Bericht über Paris zu geben, der
auf Objektivität und Endgültigkeit Anspruch machen kann. Ich
bin nur sechs Tage in Paris gewesen und es ist schwierig, in so
kurzer Zeit einen Eindruck von dieser sehr unübersichtlichen Aus—
stellung zu gewinnen und es ist ja die Ausstellung auch heute
noch nicht ganz fertig. Wesentliche Teile sind immer noch nicht
zu sehen.

Der erste Eindruck ist äußerst ungünstig. Man hat den Ein—
druck, auf eine richtige Weltausstellung alten Stils zu kommen,
auf einen unendlichen Jahrmarkt, wo aus aller Welt alles mög—
liche zusammengebracht und unübersichtlich und uneinheitlich auf—
gestellt ist. Die Franzosen behaupten zwar mit einem gewissen
Stolz, daß diese Weltausstellung die erste sei, bei der von dem
alten Prinzip des Massenjahrmarktes abgegangen wurde, auf
der eine Sichtung nach bestimmten Gesichtspunkten stattgefunden
habe. Wenn das wahr ist, so ist die Sichtung jedenfalls sehr
wenig streng gewesen, und vor allem fällt ein großer und sehr
in die Augen fallender Teil der Ausstellung gar nicht unter diese
Sichtung, das sind die Pavillons der großen Warenhäuser und
zahlreiche Läden, in denen alles mögliche feilgebobten wird. Es
ist sehr schwer festzustellen, wo die Grenzen dieses reinen Ver—
kaufsteiles und der eigentlichen Ausstellung sind. Ferner ist es
sehr lehrreich zu sehen, daß ganz offenbar nicht ein einheitlicher
Wille für die Ausstellung verantwortlich ist, sondern der Kollektiv—
42
        <pb n="52" />
        wille eines Riesenkomitees, dessen Arbeit sicherlich reich an Kom—
promissen jeder Art gewesen ist. Man hat sofort den Eindruck:
es ist ganz ausgeschlossen, daß die getroffene Auswahl — auch
der Architekten, die dort bauen durften — wirklich das in den
Vordergrund gestellt hat, was an der modernen Produktion
Frankreichs das Wichtigste ist. Schon eine flüchtige Fahrt durch
Frankreich zeigt, daß heute offenbar eine Reihe von durchaus be—
achtlichen architektonischen Talenten dort vorhanden sind.

Die Architektur der Ausstellung ist höchst unerfreulich. Es ist
im Grunde nicht viel mehr als die hohle Ausstellungsarchitektur
früherer Zeiten, nur ohne die Phantastik, die früher manchmal
immerhin noch etwas Erfreuliches hatte. Das schlimmste ist das
„französische Dorf“, das von einer geschlossenen Gruppe von
Architekten, die sich „modern“ nennen, gebaut wurde. Man kann
sich nicht denken, daß dieses Dorf, das so etwas wie ein Muster
für den Wiederaufbau abgeben soll, irgendwie bezeichnend ist für
die Gesinnung, die beim Wiederaufbau maßgebend ist. Es steht
nicht nur im schärfsten Gegensatz zu dem stark typischen Charakter
aller bisherigen französischen Architektur, es ist zudem noch ein
Zeugnis eines in der schlimmsten Willkür befangenen Sub—
jektivismus, einer Zuchtlosigkeit der Formen, die kaum noch über—
boten werden kann, und die uns Deutsche recht veraltet anmutet.

Allerdings, mit einer gewissen Überraschung stellt man fest,
daß jener Programmpunkt, wonach jegliche Anwendung von
historischen Formen verboten sein sollte, offenbar wirklich ernst
genommen worden ist: mit einziger Ausnahme des vollkommen
aus dem Rahmen fallenden italienischen Pavillons, der in
Renaissanceformen gehalten ist, ist in der Tat jede historische
Form vermieden, und das gilt auch für die ausgestellten Objekte.
Es wäre natürlich ein Fehlschluß, wenn man glauben würde,
daß nun die alten Formen in Frankreich überhaupt nicht mehr
angewendet werden. Aber es ist immerhin erstaunlich, daß es
möglich war, die ganze traditionelle Produktion auszuschalten
und eine Ausstellung größten Umfanges zusammenzubringen, die
nur moderne Formen enthält.

Bei näherer Betrachtung der Ausstellung wird der Eindruck
19
        <pb n="53" />
        günstiger, und zwar zuerst vor der Abteilung der auswärtigen
Nationen. Man muß zugeben, daß das Ausland in einer wesent—
lich günstigeren Lage war als Frankreich, weil es sich hier um
Ausstellungen kleineren Umfanges handelt, und weil es dem
Ausland offenbar möglich gewesen ist, seine Ausstellungen jeweils
nach einem einheitlichen Plane und unter der Herrschaft eines
mehr oder weniger diktatorischen Willens auszugestalten. Der
Eindruck ist daher hier bedeutend einheitlicher und man hat in
den meisten dieser Abteilungen das Gefühl, wirklich das Wesent⸗
liche der betreffenden Produktion vor sich zu haben. Dies gilt
nicht für alle Länder: die belgische Abteilung ist viel zu groß an—
gelegt und hat offenbar das „Offizielle“ zu stark berücksichtigt.
Es ist sehr bezeichnend, daß van de Velde hier völlig fehlt. Auch
die italienische Abteilung ist nicht sehr erfreulich; man fühlt hier
zu sehr, daß Italien eben erst anfängt, im Kunstgewerbe neue
Wege zu beschreiten. Sehr schlecht ist die englische Abteilung.
Offenbar ist sie besonders schlecht geleitet, und man kann aus
zahlreichen Stimmen der englischen Presse erkennen, daß urteils—
fähige Kreise in England selbst mit dieser Ausstellung höchst un—
zufrieden sind. Sicherlich läßt sich nach ihr der augenblickliche
Stand der kunstgewerblichen Bewegung in England nicht be—
urteilen. Sehr gut hat Holland ausgestellt, ebenso Skandinavien,
auch Jugoslavien und Tschechien, Polen weniger erfreulich. Die
russische Ausstellung zerfällt in zwei Teile, die nicht zueinander
passen wollen: in eine sehr schöne Ausstellung russischer Volks—
kunst der verschiedenen Provinzen und in eine Abteilung, die die
Bestrebungen der Sowjet-Regierung zeigt, aus der aber noch
wenig Positives zu ersehen ist. Daß Osterreich mit seinem rei—
zenden Pavillon und mit seiner vortrefflich und ganz einheitlich
geleiteten Ausstellung besonders gut abschneiden würde, war zu
erwarten. Das Wiener Kunstgewerbe behauptet sich von neuem
in seiner ganz besonderen Stellung. Hier wie bei allen aus—
ländischen Abteilungen wird das Urteil über das tatsächlich Vor—
handene dadurch sehr erschwert, daß die betreffenden Pavillons
keineswegs alles enthalten, was diese Länder ausstellen, daß viel—
mehr sehr Wesentliches in anderen Abteilungen, u. a. auch in dem
        <pb n="54" />
        ungeheuerlichen Gewirr der Säle des Grand Palais unter—
gebracht ist.

In der Abteilung des Auslandes verdichtet sich sehr bald der
Eindruck zu einer sehr wichtigen Erkenntnis: Es gibt heute fast
überall gutes, modernes Kunstgewerbe, schöne Gläser, Keramik,
Webereien, Metallarbeiten aller Art. Und zwar stammen diese
Arbeiten ebenso wie bei uns in Deutschland ganz offenbar nicht
vom alten Handwerk, sondern die Bewegung ist überall getragen
von neuen Kräften, die mehr aus den Kreisen der künstlerischen
Talente stammen, es scheinen sich überall kleine handwerkliche
Betriebe neu zu bilden. Diese neuen Betriebe sind ganz offenbar
heute künstlerisch produktiver, als die großen hochberühmten
Manufakturen: Kopenhagen ist recht schwach und matt, die
großen keramischen Manufakturen Englands nicht minder.

Es ist sehr wichtig, festzustellen, daß die Form dieser neuen
Produktion, der „Stil“, wenn man so will, kaum mehr national
oder rassemäßig gebunden ist. Wenn man die Gläser oder Webe—
reien aus den verschiedenen Abteilungen herausnehmen und
nebeneinanderstellen würde, so dürfte es kaum mehr möglich sein,
das Ursprungsland festzustellen, vielleicht mit einzeger Ausnahme
der österreichischen Dinge, deren Form und Ornament so etwas
wie eine Spezialität innerhalb des modernen Kunstgewerbes dar—
stellt. Im übrigen ist das Gemeinsame in der modernen kunst—
gewerblichen Produktion viel stärker als die jeweilige nationale
Tradition, die überall da, wo nicht der Wille bewußt auf „Heimat—
kunst“ gerichtet ist, sich zu Nuancen verflüchtigt hat. Die Ver—
schiedenheiten sind nicht entfernt so groß, wie zwischen den Er—
zeugnissen der alten Volkskunst der verschiedenen russischen Pro—
vinzen.

Wie steht es nun mit Frankreich? Hier in dieser wichtigsten
Frage zu einer klaren Entscheidung zu kommen, ist bedeutend
schwieriger, weil, wie schon eingangs gesagt, die fast ungesichtete
Masse den Blick verwirrt. Sehr bald erkennt man, daß es offen—
bar in Frankreich heute schon eine sehr umfangreiche Produktion
in echt modernen Formen gibt. Sogar ein Betrieb, wie die alt—
berühmte Manufaktur von Sevres stellt kein einziges Stück in
45
        <pb n="55" />
        alten Formen aus. Freilich ist das moderne, das in zwei großen
Pavillons gezeigt wird, für unseren Geschmack schwer erträglich.
Dagegen ist Bakkarat auf dem schon vor dem Kriege beschrittenen
Wege energisch vorangeschritten und zeigt ganz ausgezeichnete
neue Glasschliffe. Im ganzen ist es aber auch in Frankreich
offenbar so, daß die besten Dinge in neuen kleinen Betrieben
entstehen, die von Künstlern geleitet sind. Unter der ungeheueren
Masse verstreut findet sich auch in der französischen Abteilung viel
Ausgezeichnetes jeglicher Art und auch hier ist es wiederum deut⸗
lich, daß das eigentlich Französische daran nur mehr in feinen
Nuancen zur Geltung kommt, daß es eben Dinge sind, die sich in
den Zusammenhang des modernen kunstgewerblichen Stiles har—
monisch einfügen. Wie bei uns ist auch in Frankreich dieser Stil
noch keineswegs einheitlich. Es gibt auch dort einen sehr radi—
kalen linken Flügel, der sich in seinem Formempfinden stark von
den konstruktivistischen Tendenzen und der technischen Dynamik
unserer Zeit beeinflussen läßt. Dies ist vor allem in dem aus—
gezeichneten „Pavillon du Tourisme“ zu sehen, der von dem
allerdings bei Hoffmann in Wien ausgebildeten Architekten
Mallet-Stevens gebaut wurde. Leider ist das Haus des „PEsprit
nouvéau“, das Corbusier errichtet, noch nicht zu sehen. Diese
Bewegung scheint offiziell noch nicht anerkannt zu sein. Jeden—
falls zeigen eine Reihe von Eisenbahnwagen neuen Typs wohl
in der äußeren Form entschieden modernen Charakter, lassen
aber in der Inneneinrichtung jeden Mut, sich von dem herkömm—
lichen Ornament zu lösen, und alle Formen auch hier aus der
Aufgabe zu entwickeln, vermissen.

Wie steht es nun mit den Möbeln und der Raumgestaltung
im engeren Sinne? Die sehr umfangreiche Abteilung des fran—
zösischen Möbels zeigt, das auch hier die Abkehr von den histori—
schen Formen schon sehr weit um sich gegriffen hat. Dabei ist
von eigentlich revolutionären Formen mit Ausnahme von ganz
wenigen Räumen nichts zu spüren, wie es ja auch dem konser—
vativen Charakter der Franzosen durchaus gemäß ist. Es ist eine
gemäßigte Moderne, bei der das im engeren Sinne Französische
hinter dem sachlich konstruktiven Charakter des modernen
22
14
        <pb n="56" />
        Möbels um so mehr zurücktritt, je besser und ausgereifter die
betreffenden Stücke sind. Die Beeinflussung durch. Deutschland
und Osterreich ist deutlich zu spüren. Diese Beeinflussung wird
von den Franzosen selbst zugegeben, wenn sie auch mit aus—
gesprochener Absichtlichkeit die historische Entwicklung so darstellert,
daß bei der Schaffung des modernen Stils der deutsche Anteil
hinter den von Belgien und England möglichst zurücktritt. Sie
geben aber zu, — das ist in einem sehr lesenswerten Artikel eines
Sonderheftes der „Illustration“ ausdrücklich zu lesen — daß die
Ausstellung des „Münchener Bundes“ im Salon d'Automne
1910 den modernen französischen kunstgewerblichen Stil für eine
Zeit lang geradezu gefährlich beeinflußt habe. Freilich sei mit
dem Ausbruch des Krieges die Beeinflussung mit einem Schlage
zu Ende gewesen, Frankreich habe seine Selbständigkeit wieder
gewonnen, und „heute sei es nahe dem Triumph“. (seiterkeit.)

Meine Damen und Herren, die Sache ist nicht so einfach. Ich
will nicht behaupten, daß das französische Kunstgewerbe vor
einem neuen Triumph steht in dem Sinne, daß Frankreich wieder
die Vorherrschaft erringen werde, wie sie es zur Zeit der fran—
zösischen Könige gehabt hat. Es wird niemals mehr ein Kunst—
gewerbe geben, dessen Form so einseitig französisch orientiert ist,
aber das französische Möbel wird, davon bin ich überzeugt, in
etwa fünf bis zehn Jahren zu einer durchaus modernen Form
von organischer Vollendung gekommen sein. Heute ist es noch
nicht so weit, die Einflüsse, überhaupt die neue Einstellung zu
Möbel und Raumgestaltung sind noch nicht ganz organisch ver—
arbeitet. Man findet noch viel äußerlich angeklebte Schmuck
formen, und es fehlt meistens die letzte Einheit. Aber der Weg
nach diesem Ziele ist beschritten.

Man hat bei uns oft gesagt, daß dem heutigen Frankreich die
Erfindungskraft fehlt. Selbst wenn das richtig sein sollte, wäre
damit noch nicht das Urteil über das moderne französische Kunst—
gewerbe gesprochen. Denn hierbei kommt es viel weniger auf
Erfindungskraft an als auf Feinheit der Empfindung für Pro—
portionen, Linienführung und Materialbehandlung, mit einem
Worte auf Geschmack und lebendiges Gefühl. Und gerade dies
47
        <pb n="57" />
        wird niemand den Franzosen absprechen dürfen. Man muß auch
bedenken, daß die französische kunstgewerbliche Erziehung wenig—
stens nach der handwerklichen Seite ausgezeichnet ist. Ich konnte
mich davon überzeugen, als ich unter der Führung von Direktor
Frechet die Werkstätten der „Ecole Boulle“, der Schule für
Möbelkunst besichtigte. Hier wird in geradezu vorbildlicher Weise
der Nachwuchs handwerklich erzogen. Man hat hier und überall
den Eindruck, als wenn Frankreich die größten Anstrengungen
machte, um den Vorsprung einzuholen, den andere Völker auf
dem Gebiete des modernen Kunstgewerbes gewonnen haben. Und
ich zweifle nicht, daß ihnen diese Absicht gelingen wird.

Wenn man die Dinge so sieht, so gewinnt die Frage, wie
Deutschland in Paris abgeschnitten hätte, eine besondere Bedeu—
tung. Daß es tief zu bedauern ist, daß Deutschland dort nicht
vertreten ist, steht außer Zweifel. Denn wenn auch die Ansicht
der Franzosen unrichtig ist, daß diese Ausstellung die entscheidende
Schlacht bedeutet, — denn dazu ist die Ausstellung als ganzes
zu schlecht gemacht, das Bedeutende tritt zu sehr in den Hinter—
grund — so muß man doch sagen, daß auf dieser Ausstellung
zum erstenmal das moderne Kunstgewerbe fast der ganzen Welt
zusammengetragen worden ist, und der denkbar breitesten Öffent—
lichkeit gezeigt wird. Es ist aber leider eine Tatsache, daß wir
erst im letzten Augenblick, als alle anderen Nationen mit ihren
Vorbereitungen schon sehr weit gediehen waren, überhaupt ein—
geladen worden sind. Daß wir trotzdem hätten hingehen sollen,
und dort einen leichten Sieg errungen hätten, ist eine Ansicht,
der man gerade in den Kreisen des Werkbundes immer wieder
begegnet. Ich muß es hier offen aussprechen, daß ich diese An—
sicht für einen verhängnisvollen Irrtum halte. Ich glaube
einigermaßen zu einem Urteil berechtigt zu sein, da ich bei den
Arbeiten für Monza Gelegenheit hatte, den augenblicklichen Stand
der deutschen kunstgewerblichen Produktion genau kennen zu
lernen. Es ist richtig, daß es in Monza gelungen ist, mit einer
kleinen und ausgewählten Ausstellung starken Eindruck zu
machen. Aber wenn auch zuzugeben ist, daß für Paris wahr—
scheinlich noch etwas mehr zu haben gewesen wäre, so hätte nach
18
        <pb n="58" />
        meiner Überzeugung das nicht ausgereicht, um sich dort zur Gel—
tung zu bringen. In Monza haben wir mehr gebracht, als
irgendeine der anderen ausstellenden Nationen, in Paris hätten
wir weniger gebracht oder höchstens ebenso viel wie eines der
nordischen Länder, und das hätte niemals den Eindruck gemacht,
den wir bei der Bedeutung des deutschen Kunstgewerbes für uns
in Anspruch nehmen müssen. Es klingt sehr schön, wenn man
hört, gerade eine ganz kleine und sehr ausgewählte Ausstellung
hätte in Paris am stärksten gewirkt, — in Wirklichkeit hätte man
sich auf diese Weise in dem Lärm des übrigen kaum Gehör ver—
schaffen können. Wir hätten in der kurzen Zeit nicht so viel
leisten können wie Osterreich, das sich seit langem mit den
größten Anstrengungen vorbereitet hatte und das auch nur des—
halb in Paris so stark wirkt, weil das Wiener Kunstgewerbe eine
besondere Spezialität darstellt, der wir nichts Ähnliches an die
Seite zu stellen haben. Die eigentliche Bedeutung des deutschen
Kunstgewerbes liegt heute im wesentlichen in der schlichten Sach—
lichkeit und in der Vortrefflichkeit der Arbeit. Damit kann man
sich in der Umgebung dieser Pariser Ausstellung nur zur Geltung
bringen, wenn man in einer sehr geschlossenen und auch quan—
titativ imponierenden Form auftritt.

Ich kann von Ihnen nicht verlangen, daß Sie sich zu dieser
meiner Ansicht bekehren lassen. Im Grunde ist es ja auch eine
müßige Frage, ob eine Schlacht, die nicht geschlagen worden ist,
gewonnen oder verloren worden wäre. Aber ich wollte Ihnen
meine Ansicht nicht vorenthalten, weil sie im Grunde zusammen—
hängt mit meinem Urteil über die augenblickliche kunstgewerbliche
Situation im allgemeinen. Darüber muß man sich klar sein;
wenn auch die Pariser Ausstellung keineswegs die abschließende
Bedeutung hat, die die Franzosen ihr geben wollen, so ist soviel
entschieden, daß es kein Zurück mehr gibt auf dem Wege zu einem
neuen architektonischen und gewerblichen Stil. Der Anteil
Deutschlands an der Schaffung dieses Stils ist sehr groß. Aber
es wäre ein Fehler, zu glauben, daß das neue deutsche Kunst—
gewerbe dem der meisten anderen Länder, abgesehen von der
besseren organisatorischen Zusammenfassung so wesentlich über—
149
        <pb n="59" />
        legen ist, daß wir uns weiter nicht anzustrengen brauchen. Die
Sache des neuen Kunstgewerbes ist schon heute eine Angelegen—
heit beinahe der ganzen Welt. Wir dürfen mit Stolz sagen, daß
wir vorangegangen sind, daß wir es früher als die anderen zu
einer großen Bewegung von einer gewissen Reife und Breite ge—
bracht haben. Aber um Prioritäten pflegt sich die Welt nicht zu
kümmern. In der Zukunft wird man nur fragen, wo die
schönsten und besten Dinge gemacht werden. Um in diesem Wett—
bewerb zu bestehen, müssen wir alle unsere Kräfte zusammen—
fassen, unsere ganzen Talente entwickeln.

Und wir müssen vor allem wissen, wie es draußen in der Welt
aussieht. Niemand von uns hat ein Recht, heute zu sagen, er
gehe jetzt nicht nach Paris. Der Vergnügungsreisende darf das
vielleicht sagen. Wir haben die Pflicht, uns darum zu kümmern,
was draußen in der Welt, was vor allem auch in Frankreich
gemacht wird. Ob man es damit begründet, daß man den Feind
kennen müsse, um ihn zu schlagen, oder damit, daß es sich hier
um einen kulturellen Wettstreit handle, bei dem die Politik nichts
zu sagen habe, ist von geringer Wichtigkeit. Die Hauptsache ist,
wir müssen hingehen, und diese Ausstellung gründlich ansehen,
gründlicher als manche Berichterstatter, die nach dem ersten Ein—
druck ein Recht zu haben glauben, diese ganze Sache gering zu
schätzen. Je wichtiger man diese Ausstellung nimmt, desto mehr
können wir aus ihr lernen, desto sicherer werden wir auf dem
Wege weiterschreiten können, der uns zu neuen Leistungen und
Erfolgen führt.

50

——

—VE
        <pb n="60" />
        WerkbundSchriften.

Mitglieder erhalten auf die angegebenen Preise einen Rabatt von 20 -800/0

a) Jlahrbũcher.

Jahrbuch 1913 Die Kunst in Industrie und Handel ...... 4 -æ M.
1914 Der Verkehr.. .... .......... 2— ,
1915 Deutsche Form im Kriegssahr .........15, -2
1916/17 Kriegsgräber im Felde und daheim. ... 1,850
1918 Haus der Freundschaft in Konstantinopel... 1,—
1919/20 Handwerkliche Kunst in alter und neuer Zeit 20, 8
1921/22 Die Ingenieurbauten in ihrer guten Ge—

staltung......... ....... 12-
b) Bücher der korm.

Band J Die Form ohne Ornament, Papppand........ 5,-
I, Ganzleinenband..... 6,50,
„II Deutsche Wiederaufbauarbeit von Fritz Schophhl.. 10 —

c) Berichte der Jahresbersammlungen.

1908 München (Die Veredelung der gewerblichen Kunst ...

1909 Frankfurt a. M......... .... ........

1913 Leipzig (Jahrbuch 1913).................

1914 Köln (Die Werkbundarbeit der Zukunft).........

1916 Bamberg (Mittlg. des OWDB, Heft 5, 191617) ....

1919 Stuttgart (, 7 ,,4, 1019/,20) ....
und der „Erste Deutsche Farbentag“ ..........

d) derschiedene Deröffentlichungen.

Deutschland aus der Vogelschau

Ausaabe A: Holzfreier gestrichener Chromokarton,
Ganzleinenband.............. 25,—,
B: Feinstes Kunstdruckvapier, Halbleinenband 12, —

Deutsches Warenbuch ............. . ....... 2—2

Englands Kunstindustrie und der Deutsche Werkbund..... 050

Ehmcke, Amtliche Graphitkt................ 0.50,

Riezler, Kulturarbeit des OWB................ 030,

Deutscher Hausrat............ ... . .... 3-

Scheffler, Sittliche Diktatur............. 0.20,

Ausstellung Bern 1917 (Gonderheft der Dekorativen Kunst.. 0,50

Ausstellung Kopenhagen 1918 (Sonderheft der Deutsch. Kunst
und Dekoration)................ ....

Der Deutsche Werkbund (Ziele und Arbeit — 1922) ......

Frh. v. Pechmann, Die Qualitätsarbeit (Keine Werkbund⸗
veröffentlichung, sondern ein selbständiges Wert, dessen
Verbreitung der OWB empfiehlt) ..........

Vorträge Borst — Hellpach: Oas Problem der Industriearbeit
(gehalten auf d. Jahresverfammlung in Karlsruhe 1924) 2,—

OWB Mitteilungen 1918/19, 6 Hefte (Heft 1 vergriffen). .. 3,—

1919/20, 6 Hefte............. 1,20

Das Werk 1920/21, 12 Hefte............. 250
Bestellungen nimmt die Geschaͤftsstelle des Deutschen Werkbundes,
Berlin, Schöneberger Ufer 362 enigegen.
        <pb n="61" />
        <pb n="62" />
        n

ordentlich gut vorgeschritten beim Bau von Automobilen und
Flugzeugen; beim Bau von Schiffen sind wir aber noch recht
atavistisch. Was hat es z. B. für einen Zweck, wenn ein modernes
Motorschiff mit einem riesig dicken Schornstein versehen wird,
der doch nur bei Schiffen mit Dampfmaschinen Zweck hatte? Es
ist ja ganz schön, wenn man da allerhand Vorwärmekörper hin—
ein legt, aber es ist im Grunde doch eine Feigheit. Man soll sich
hüten vor Kulissen, man soll denken aus dem neuen Material
und aus der neuen Art und Beschäftigung des Schiffes. Wir
werden immer noch nicht ganz die Reminiszenzen aus der Zeit
der Segelschiffahrt los, wir machen uns noch immer nicht ganz
klar, daß das Schiff, das wir heute haben, ganz etwas anderes ist
als das Segelschiff. Wenn der Kiel aus Buchenholz, die Planken
aus Eichenholz und der Mast aus Tannenholz waren, so war
das ein natürlich gewachsener Bau des Schiffes. Aber heute
haben wir in Eisen und Stahl zu denken, die Verbände durch
Nieten herzustellen und die Linienführung nach dem geringsten
Widerstand zu formen. Es hat z. B. lange genug gedauert, bis
wir in der Takelage der Masten uns frei gemacht haben davon,

anzudeuten, als könne man auf einem Dampfer Segel hissen.
Alle diese Fragen führen uns zu der absolut selbstverständ—
lichen Forderung der sachgemäßen und materialechten Verwen—
dung. Und die weitere Forderung ist, daß das Schiff deutsch sein
soll. Ich weiß wohl, daß sich da in der Praxis große Schwierig—
keiten auftun. Denn die Schiffe sollen ja benutzt werden zu
einem großen Teil gerade angesichts der Verarmung Deutsch—
lands von einem internationalen Reisepublikum. Wir haben es
ja herrlich weit gebracht darin, diesem internationalen Publikum
Opfer zu bringen, soviel, wie nur immer möglich war. Ich
glaube, das war auch eine Tendenz, die in der Politik eine Zeit—
lang maßgebend war, soviel hinzugeben, wie der andere nur
immer fordern konnte. Ich glaube aber doch, daß wir in den
letzten Jahren gemerkt haben, daß es auch ganz gut ist, von Zeit zu
Zeit das Eigene zu bewahren und zu behaupten und nicht immer
dem andern hundertprozentig hinzugeben, was er oft nur durch
leises Stirnrunzeln oder durch Augenzwinkern zu fordern scheint.
39

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*

2

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