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        <title>Grundfragen der Wirtschaft</title>
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        —

Wirtschaft

Vorlesungen

gehalten an der Landesuniverstität Gießen

von Paul Meesmann
Dr. rer. pol. h. c

*—

Verlag des Mittelrheinischen Fabrikantenvereins
Mainz 1928
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        Grundfragen der
Wirtschaft

Vorlesungen

gehalten an der Landesuniversität Gießen

von Paul /Meesmann
Dr. rer. pol. h. c.

Verlag des Mittelrheinischen Fabrikantenvereins
Mainz 1928
        <pb n="4" />
        —SE
⁊
        <pb n="5" />
        Die nachfolgenden Vorlesungen, im Wintersemester 1923/24
während meiner Ausweisung aus dem besetzten Gebiet gehalten, bilden
den Niederschlag der Auffassung von dem Wesen und den Zielen
der Wirtschaft, wie ich sie aus meiner langjährigen Beobachtung des
Wirtschaftslebens gewonnen habe. Starke berufliche Inanspruch—
nahme hat die Ausarbeitung der Vorlesungen zu einer druckfühigen
Form lange Zeit verhindert, bis Krankheit mir die unfreiwillige
Muße dazu gab. Ich hoffe, daß sie auch jetzt noch, da ihr Inhalt
nicht auf den damaligen besonderen Zeitumständen, sondern auf all⸗
gemeinen Grundauffassungen beruht, einiges Interesse finden werden

Moainz, im Januar 1928.

P. M.
        <pb n="6" />
        Der Direktor des Staatswissenschaftlichen Seminars, Herr Pro⸗
fessor Or. Mombert, hat mir nahegelegt, die Zeit meiner Verbannung
aus dem besetzten Gebiet dazu zu benutzen, um an der hiesigen Universi⸗
tät einige Vorlesungen über wirtschaftliche Fragen zu halten. Ich
bin diesem Wunsche um so lieber gefolgt, als auch Seine Magni—
fizenz, der Herr Rektor, und einige andere Herren Interesse hierfür
an den Tag gelegt haben. Den Zweck und Beweggrund für die
Auregung darf ich wohl darin suchen, daß man neben den Vertretern
der Wissenschaft auch einmal einen Praktiker der Volkswirschaft zu
Worte kommen lassen will, der die theoretischen Vorlesungen vom
Standpunkte seiner durch die Praxis gewonnenen Erfahrungen er—
gänzt. Die Bedeutung der theoretischen Vorlesungen liegt in der
Einführung in die Welt der Ideen, die Bedeutung der praktischen
Vorlesungen in der Betrachtung der Erscheinungen des Wirtschafts—
lebens vom Standpunkte dessen, der mitten im Wirtschaftsleben oder
wenigstens ihm nahesteht.
Es braucht dabei zwischen beiden Arten von Vorlesungen kein
grundsätzlicher Unterschied zu bestehen, nur der Standort ist ver⸗
schieden. Auch solIl kein grundsätzlicher Unterschied bestehen, denn
Theorie und Praxis müssen auf dasselbe Ziel hinauskommen.
Es liegt auch nicht etwa so, daß ich mich beschränke auf rein
praktische Fragen der Wirtschaft, insbesondere der Privatwirtschaft,
daß ich also gewisse wirtschaftstechnische Kenntnisse vermitteln will,
oielmnehr erblicke ich meine Aufgabe darin, Sie in den Geist der Wirt—
schaft einzuführen, wie er sich mir aus dem Zusatmmenhang der
Einzelerscheinungen darstellt. Ich will aus der Anschauung schöpfen
und daraus Begriffe bilden und Erkenntnisse erschließen. Daneben
sollen auch Fragen der Wirtschaftspolitik behandelt werden und da⸗
mit auch solche der Sozialpolitik, der man vielfach mit Unrecht eine
besondere Stellung wneben der Wirtschaftspolitik einräumt.
Ganz fern liegt es mir, die Dinge vom Standpunkte des Nutzeus
für bestimmte Parteien oder Gruppen zu behandeln. Ich erkenne
        <pb n="7" />
        diesen Parteien und Gruppen nur insofern eine Bedeutung zu, als
sie für die Allgemeinheit notwendig oder nützlich sind. Gerade in
der Zeit tiefster Not muß man von dem Gedanken durchdrungen sein,
daß der Einzelne und die Gruppen nur dem Ganzen zu dienen haben,
ja daß sie das Wort anerkennen: Das Vaterland muß leben, und
wenn wir sterben müssen.
Ob ich unbewußt von meinem Grundsatze, auch die Wirtschaft
nur als Teil eines Ganzen zu betrachten und jede Parteinahme zu
bermeiden, abweiche, muß ich dem Urteil meiner Hörer überlassen;
ob ich die Voraussetzungen für meine Aufgabe im übrigen erfülle,
wird sich ebenfalls zeigen müssen. Darauf, gewisse Vorbedingungen
mitzubringen, darf ich aber wohl Anspruch machen auf Grund der
Tatsache, daß ich seit Zo Jahren in der volkswirtschaftlichen Praxis,
darunter 25 Jahre als Geschäftsführer von Wirtschaftsverbäuden
verschiedener Art, stehe.
Was Inhalt und Einteilung meiner Vorträge betrifft, so werde
ich nacheinander behandeln: Wesen, Aufgabe und Zweck des Wirt
schaftens, die Beziehungen der Wirtschaft zu Staat und Politik,
die Faktoren der Wirtschaft, die innerwirtschaftliche Organisation,
und dazu werde ich nach Bedarf und Gelegenheit mich auch mit ein
zelnen Fragen, für die ich Interesse voraussetzen kann, beschäftigen.
Eine bestimmte Reihenfolge der Themata kanm ich nicht versprechen.
Ich muß mir vielmehr vorbehalten, die Reihensolge so zu wählen,
wie sie sich aus dem Verlauf der Vorlesungen allmählich ergibt. —

Im Wirtschaftsleben wie im Leben überhaupt bietet sich uns
eine Fülle verwirrender, einander scheinbar widersprechender Vorgänge
dar. Auf der einen Seite sehen wir ein wunderbares Ineinander—
greifen sich folgender oder gleichzeitig abspielender Ereignisse. Be—
trachten wir z. B. die Landwirtschaft, so finden wir, daß die einzel—
nen Tärigkeiten sich in einer durch die Natur vorgeschriebenen Reihen—
folge regelmäßig vollziehen. Aber auch in Handel und Gewerbe
herrscht ein schein bar geregeltes Leben. Zahllose Betriebe und
Menschen befassen sich mit der Deckung der verschiedensten Bedürf—
nisse der Bevölkerung, die Erzeugnisse aller Länder werden dahin—
gebracht, wo Bedarf für sie vorhanden ist; Schiffahrtslinien, Eisen—
bahnen, Kraftwagen und Fuhrwerke aller Art vermitteln die Be
        <pb n="8" />
        förderung und arbeiten mit Handel und Industrie Hand in Hand.
Die einzelnen Betriebe stehen unter sich in Verbindung und tauschen
gegenseitig in vollkoimmen geordneter Weise ihre Bedürfnisse aus.
Alles in allem macht das Leben und Treiben der Menschheit den
Eindruck eines großen und vollkommenen Organismus.
Sieht man aber mehr ins Einzelne, dann wirkt das Bild wesent—
lich aunders. In der Landwirtschaft wird die Arbeit der Menschen
bedroht und oft vernichtet durch elementare Ereignisse. Trockenheit,
Nässe, Kälte, Hagelschlag zerstören die Frucht emsigen Fleißes,
und die Wirkungen davon erstrecken sich oft auf die entferntesten
Länder. Falsche Kalkulationen, ungünstige Konjunkturen bringen den
Kaufmann und Industriellen um seine Existenz, andere Unterneh—
mungen steigen dafür empor. In der ganzen Wirtschaft herrscht
der Kampf: der Kampf gegen die Elemente, aber auch der Kampf
des einzelnen Betriebs gegen den anderen, der einen Gruppe gegen
die audere, der einen Volkswirtschaft gegen die andere. Nicht immer
siegt in diesem Kampf das Gute, häufig das Schlechte, der Skrupel—
lose und Brutale schlägt den Gewissenhaften und Vornehmen, der
Untüchtige, aber Verschlagene, siegt über den Tüchtigen und Ehr—
lichen. Die Folgen des Kampfes beschränken sich dabei nicht auf die
an ihm unmittelbar Beteiligten; sie ziehen alle anderen Bevölkerungs—
kreise und Berufsschichten mehr oder weniger in Mitleidenschaft.
Alles das gibt Grund genug zu pessimistischer Lebensauffassung, zur
Bestätigung des Ntephisto-Wortes: „Alles was entsteht ist wert,
daß es zugrunde geht.“
Aber einerlei, wie wir philosophisch oder stimmungsmäßig zu
diesenn Dasein stehen, wir leben das Leben und müssen uns mit ihm
abfinden. Wir müssen uns sagen, daß, wie alles Entstehen und Ver—
gehen in der Natur auf den Kampf, d. h. auf den Kampf ums
Dasein gestellt ist, auch im menschlichen Leben das gleiche Prinzip
herrscht, daß aber audererseits der Mensch als höheres und mit Ver—
nunft begabtes Wesen die Möglichkeit hat, sittliche Grundsätze zu
verwirklichen und damit das menschliche Dasein auf eine höhere und
befriedigendere Stufe zu heben, daß er in dem Kampf um diese
Gruudsätze seine Daseinsberechtigung und auch seine Daseinsfreude
findet nach dem Faustwort: „Nur der verdient sich Freiheit und das
Leben, der täglich sie erobern muß.“
        <pb n="9" />
        Sucht man näher nach der Aufgabe des Menschen, so findet
man sie einmal in der Sicherung seiner materiellen Existenz und
zum zweiten in der sittlichen und geistigen Vervollkommnung seiner
selbst. Das Erste ist die Voraussetzung für das Zweite, d. h. die
Pflege der Künste und Wissenschaften, unsere Kultur und Gesittung
hängt davon ab, daß wir die materiellen Grundlagen für unser Da—
sein schaffen. Heute erkennen wir das mehr als je, da von äußerer
Not unsere künstlerischen und wissenschaftlichen Institute, wie
Kuust und Wissenschaft selbst bedroht sind.
Es fragt sich: Auf welcher Grundlage kaunn der Mensch seine
Aufgabe erfüllen? Nicht als Einzelwesen, dazu ist er zu schwach,
und er würde dabei im einfachen Vegetieren aufgehen. Nur als
Gesellschaftswesen kann er leben, wirken und seine höhere Bestim⸗
mung erfüllen. Die Gesellschaft aber ist keine beliebige Vereinigung
einzelner Menschen. Es gehört dazu eine auf inneren Gesetzen und
Bedürfnissen beruhende Gemeinsamkeit der Interessen. Als erste und
wichtigste Gemeinschaft ergibt sich die Familie, deren Notwendig—
keit schon durch die physischen Gesetze der Fortpflanzung und Er⸗
—D—— Gemeinschaft er⸗
kennen wir das Volk, dessen Notwendigkeit in der Sicherung des
Einzelnen und des Stammes nach außen und innen und in der Ver⸗
wirklichung aller Kulturziele begründet ist. Dieses sind aber nur
die physischen und Zweckmäßigkeitsgründe einer Gemeinschaft. Daneben
gibt es wichtigere und höhere Gründe: die Blutsgemeinschaft und
Stammesverwandtschaft, die Gemeinsamkeit der Sprache, der Ge—
schichte, der Sitten und Gebräuche und alles dessen, was man Kultur
nennt und was sich mehr oder weniger überträgt auf den Staat, als
den Träger der politischen Macht.
Zwischen Familie und Volk oder Staat als der kleinsten und
größten Einheit gibt es noch andere Gemeinschaften: Ortsgemeinden,
Landsmannschaften, Berufsgruppen usw.; alle diese haben auch ihre
Sonderberechtigung und ihre Sonderpflichten, aber sind untergeord⸗
net jenen beiden, deren Vorrechte sie zu achten haben.
Ueber Volk und Staat gibt es keme höhere Gemeinschaft. Die
Menschheit ist nur ein naturgeschichtlicher Begriff, wie die Tierwelt
oder Pflanzenwelt. Nicht etwa, daß die verschiedenen Völker nicht
biele gleiche Eigenschaften, Triebe und Ziele hätten — das ist üb—
        <pb n="10" />
        rigens im Tierreich auch der Fall —, nein, auch ihre materiellen Be—
dürfnisse sind gleich oder mur dem Grade nach verschieden. Dem—
gemäß bewegt sich auch ihre Technik, ihre Wissenschaft auf derselben
Linie. Alles das liegt auf dem Gebiet der äußeren Lebensumstände,
ebenso wie Handel und Verkehr, wobei sich indessen schon mannig—
fache Unterschiede ergeben. Wesentlich anders liegt es auf dem Ge—
biete der Kunst. Ein Dürer und Rembrandt sind ebenso ausgeprägte
Vertreter deutscher Malerei, wie Raphael und Tizian solche der
italienischen oder ein Watteau der französischen. Es sind die Unter⸗
schiede der Anschauungs- und Empfindungsweise, die sich hier geltend
machen. Noch stärker ausgeprägt sind die Unterschiede in der Dicht—
kunst, in der Literatur, die die tiefsten Regungen der Seele und des
Gemütes eines Volkes zum Ausdruck bringen. Ein Goethe, Schiller
oder Hoelderlin sind im französischen ebenso wenig denkbar wie ein
Voltaire, Molière oder Racine im deutschen. In der Musik tritt
der Unterschied womöglich noch deutlicher hervor. Man braucht
hier einerseits nur an Verdi, Rossini und Mascagni, anderseits an
Bach, Beethoven und Wagner zu denken, um sich des Gegensatzes
bewußt zu werden.
Je reiner sich ein Volk von Beimischungen fremder Rassen er—
hält, umso mehr und umso tiefer und stärker kommt seine Eigenart
in allen Geistesoffenbarungen zum Ausdruck. Ein rassenmäßig
böllig gemischtes Volk wird es schwerlich zu einer eigenartigen Kul⸗
tur bringen, es sei denn, daß sich mit der Zeit eine Rasse vor den
anderen durchzusetzen vermag. Als Beispiel von Meischrassen ohne
eigene Kultur erwähne ich die Vereinigten Staaten, namentlich aber
die Staaten von Mittel- und Güdamerika. Dabei ist aber sehr
wohl auch in solchen Völkern ein ausgeprägtes Nationalgefühl
möglich.
Nicht einmal auf dem Gebiete der Sittengesetze besteht unter
den Völkern — auch wenn man von den ganz unzivilisierten absieht
— Gleichheit der Auschauungen. Soweit eine solche unter Völkern
ähnlicher Kulturstufe vorhanden ist, liegt eine zufällige, meist auf
religiöse Einflüsse zurückzuführende Uebereinstimmung vor, deren bin—
dende Bedeutung aber lediglich auf der Autorität des eigenen Vol—
kes oder Staates und der in ihm geltenden Gesetze und Anschauungen
bderuht.
        <pb n="11" />
        Die religiösen Sittengesetze haben nur die Pflichten des Einzelnen
im Auge, die Pflichten gegen sich und gegen seine Nächsten, d. h.
gegenüber den übrigen einzelnen Meenschen. Die irdische Verant—
wortung endet auch hier beim Staat. Dessen Erxistenz ist es also,
die erst dem sittlichen Handeln in der Welt Bedentung und feste
Grundlage gibt. Daher ist die Selbstbehauptung des Staates für
ihn selbst das oberste Gesetz. Eine Handlung, die im Privatleben
als unsittlich gilt, kann, auf den Staat angewendet, in höchstem
Maße sittlich sein. Ich erinnere nur an einen Krieg, der zur Er—
haltung von Staat und Volk aufgezwungen wird. Sittengesetze
sollen gewiß unter Staaten nicht aufgehoben sein, aber hier gilt in
besonderem Maße die Einschränkung, „wie man sie auffaßt“. Für
die Richtigkeit der Auffassung kann nur das eigene Volk maßgebend
sein. Wir haben es ja am eigenen Leibe erfahren, daß Handlungen,
die wir für in höchstem Mlaße sittlich empfanden, von unseren
Feinden als unsittlich gebrandmarkt wurden, daß andererseits das
ganze Verhalten unserer Feinde uns mit sittlicher Empörung erfüllt,
während sie vorgeben, im Namen der Sittlichkeit zu handeln. Aus
diesem Grunde hat der Appell an das sogenannte Weltgewissen
und Weltgericht so wenig Sinn. Schiller hat ganz recht mit seinem
Ausspruch: „Die Weltgeschichte ist das Weltgericht“. Die Welt—
geschichte ist aber noch von jeher nach dem Wort Bismarcks nicht
mit Reden und Parlamentsbeschlüssen, sondern mit Blut und Eisen
gemacht worden.
Wenn man die großen Unterschiede in Eigenschaften und Auf—
fassungen der Völker betonen muß, so bedeutet das nicht Feindschaft
zwischen den Völkern predigen. Man kann gleichzeitig sehr wohl
der Eigenart und den Vorzügen anderer Völker Anerkennung zollen,
und man kann viel, namentlich im Staatsleben, von ihnen lernen.
Da aber wir Deutsche nur zu sehr geneigt sind, das Trennende
zwischen den Völkern zu vergessen, so halte ich es für doppelt not⸗
—DDDD
zu betonen, und das sind die Gegensätze. Es liegt auf der Hand, daß
mit dieser grundsätzlichen Auffassung unvereinbar ist, internationale
Beziehungen der Gemeinschaft des eigenen Volkes voranzustellen, wie
dies z. B. die Sozialisten tun, indem sie die Vereinigung des inter⸗
nationalen Proletariats gegen die eigene sogenannte Bourgeoisie auf—
        <pb n="12" />
        rufen. Eine andere Frage ist die, ob die vielfachen Beziehungen, die
zwischen den Völkern, namentlich auf dem Gebiete des persönlichen
Verkehrs, des Güteraustauschs, der Wechselwirkung wissenschaft⸗
licher und technischer Leistungen angeknüpft werden, keine Bedeutung
für die Bildung einer engeren Gemeinschaft unter den Völkern be—
sitzen. Vor dem Kriege war nammentlich in Deutschland die Mei⸗
nung sehr verbreitet, nicht nur unter Arbeitern, sondern auch unter
Kaufleuten und Industriellen, unter Gelehrten und Angehörigen
dieler anderer Berufe, daß Gesellschaftsreisen, Kongresse, Austausch—
professoren und ähnliches geeignet sei, Gegensätze zu mildern und
die Völker auch auf politischem Gebiet zu einträchtigem Handeln zu⸗
sammenzuführen. Die Vertreter dieser Anschauung schlossen damit
bon dem Einzelinteresse auf das Gesamtinteresse, von dem einzelnen
Volksangehörigen auf das ganze Volk, von einer fachlichen Ein
stellung auf die politische Einstellung. Das ist eine verhängnisvolle
Verwechslung, der andere Völker nicht unterliegen. Sehr scharf
drückte sich über diesen Unterschied kürzlich der Präsident Mtillerand
in seiner Rede bei der Enthüllung des Denkmals für den franzö—
sischen Gelehrten Pastenr in Straßburg aus. Er zitierte da einen
Ausspruch Pasteurs, den dieser auf einem internationalen wissen⸗
schaftlichen Kongreß getan hat dahingehend, daß wohl die
Wissenschaft international sei, aber nicht der Wissenschaftler.
Für diesen gebe es nichts anderes als den Ruhm und die Größe
seines Vaterlandes, dem er auch mit seiner Wissenschaft zu
dienen habe.
Auch heute ist jene von mir für unrichtig gehaltene Auffassung
über die politische Bedeutung internationaler, insbesondere wirtschaft—
licher Beziehungen bei uns noch nicht geschwunden, weder bei Wissen—
schaftlern, noch bei führenden Praktikern des Wirtschaftslebens. Ich
finde sie z. B. in dem sonst sehr interessanten und guten Buche von
Mises: „Die Gemeinwirtschaft“. Mises behandelt in diesein Buche
u. a. die Bedeutung der Arbeitsteilung, er neunt die Arbeitsteilung
ein Naturgesetz, das mit Notwendigkeit dahin wirke, daß alle na—
tionalen Gegensätze überbrückt werden, weil seine Durchführung eben
diese Ueberbrückung erfordere. Der Trugschluß, der in dieser Hypo—
chese steckt, liegt auf der Hand: Ndises faßt die Arbeitsteilung als
ein Naturgesetz auf, während sie nur eine Form der Wirtschafts—
        <pb n="13" />
        entwicklung darstellt, deren Amwendung von vielen Umständen ab—
häugt. Vor allem ist sie abhängig von einent mächtigen und wirk—
lichen Naturgesetz, nämlich dem der Selbsterhaltung und Gelbst—
behauptung. Um ein kleines Beispiel anzuführen, so wird ein
selbständiger Bauer niemals die Verfügung über seinen Besitz her⸗
geben bloß deshalb, weil das Land durch Anwendung weitgehender
Arbeitsteilung produktiver getnacht werden kann; erst recht haudelt
danach der Staat. Er ist, wie ich schon gesagt habe, die höchste Form
menschlicher Gemeinschaft und dazu die unbedingt notwendige. Daher
ist die Selbstbehauptung für ihn das oberste Gesetz. Diese ist nur
möglich durch Schutz nach außen und durch Stärkung seiner produk—
tiven Kräfte nach innen. Daher muß er eine internationale Arbeitsteilung
 insoweit ablehnen und bekämpfen, als die Möglichkeit seiner
Selbstbehauptung dadurch geschwächt wird. Der Bismarcksche Zoll⸗
schutz der deutschen Industrie und der deutschen Landwirtschaft waren
Meaßnahmen der Selbsterhaltung, und wir haben im Kriege gesehen,
daß mit einem Schlag alle internationalen Beziehungen vernichtet
waren, als die Verteidigung nach außen in Frage kam.
Aber auch abgesehen von der fragwürdigen Festigkeit internatio—
naler Beziehungen ist der Zweifel erlaubt, ob solche Beziehuungen an
und für sich immer ein engeres und freundlicheres Verhältnis zwischen
den Völkern bedeuten. Die Erfahrung spricht vielfach dagegen. Wie
schon unter Verwandten es häufig nicht zur Verbesserung ihres per—
sönlichen Verhältnisses dient, wenn sie dicht beieinander wohnen und
auf häufigeren Verkehr miteinander angewiesen sind, und wie bei
unseren politischen Parteien das „Zusammensitzen au einem Tisch“
meist nicht zur Milderung ihrer Gegensätze, sondern oft sogar zu deren
Verschärfung beiträgt, so ist es auch unter Völkern. Man darf nicht
vergessen, daß bei näherer Berührung auch mehr Gegensätze offenbar
werden, die Juteressen stärker aufeinanderstoßen. Das gilt ganz be—
sonders von wirtschaftlichen Beziehungen. Da macht sich beim Handel
der gegenseitige Konkurrenzueid bemerkbar, in der Industrie die
Schädigung des eingesessenen Fabrikanten durch den eindringenden
Ausländer. Die Wirkung davon haben wir schon vor dem Kriege
zu spüren bekommen. Ich erinnere nur au die Erneuerung von Han—
delsverträgen, die jedesmal mit neuen und oft schärferen Kämpfen
verbunden war, weil sich während der Dauer des letztabgeschlossenen

27
        <pb n="14" />
        Vertrags große Schädigungen einzelner einheimischer Interessen durch
den ausländischen Wettbewerb herausgestellt hatten.
Haben denn überhaupt die tausendfachen Beziehungen ethischer,
kultureller, wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Art, die zwischen
Angehörigen der Mrittelmächte und anderen Völkern bestauden, irgend⸗
welchen hemmenden Einfluß auf den Ausbruch des Krieges geübt?
Niemand wird das behaupten wollen. Immer enger und enger schloß
sich in den beiden letzten Jahrzehnten um uns der Ring unserer Feinde.
Oder haben die Beziehungen wenigstens die Formen der Kriegsführung
 gemildert? Auch das ist nicht der Fall. Ich erinnere nur
an die Hunger-Blockade gegen Frauen und Kinder, an den Raub des
deutschen Privateigentums, die Zerreißung und Nichtachtung aller
internationalen Schutzverträge, insbesondere auch der Genfer Kon—
bention.
Viele glaubten, daß es wenigstens nach dem Kriege besser werden
würde. Aber wir sehen nichts davon, der Krieg wird im scheinbaren
Frieden fortgesetzt, nur mit anderen, aber nicht weniger grausamen
Mitteln. Die Triebe der Menschen und der Charakter der Völker
haben sich, seitdern wir Geschichte kennen, im wesentlichen nicht geändert.
Haben unter dem Druck gemeinsamer Not wenigstens bei uns
im Innern die Gegensätze nachgelassen? Wir merken leider auch da⸗
bon nichts. Oder ist bei den anderen Völkern vielleicht ein anderer
Geist eingezogen? Ich will nicht weiter von den unerhörten Dranug-—
salierungen und Vergewaltigungen reden, denen wir ausgesetzt sind,
aber wie sieht es bei anderen Völkern selbst aus? Mlilitärische
Rüstungen werden schärfer als je betrieben, obwohl das angebliche
militaristische Deutschland entwaffnet am Boden liegt. Ich verweise
mir auf Frankreich, England, die Vereinigten Staaten, Polen. Selbst
kleine neutrale Staaten, wie Holland, verstärken ihre militärischen
Machtmittel. Der Völkerbund aber, auf den viele ihr Vertrauen
gesetzt hatten, ist nach dem Ausspruch eines unserer sozialistischen
Reichskanzler ein Zerrbild. Große Staaten, wie die Vereinigten
Staaten von Nordamerika und Argentinien, stehen ihm ferne.
Zweck dieses Bundes ist ja auch die Aufrechterhaltung des durch das
Versailler Friedensdiktat geschaffenen Gewaltverhältnisses. Die
Spannungen zwischen den Staaten sind nirgends gemildert und kom⸗
men bei jeder Gelegenheit zum Ausbruch, so füngst in dem Kouflikt

3
        <pb n="15" />
        zwischen Italien und Griechenland, bei dem Meussolini, trotzdem
keinerlei Verschulden griechischer Behörden vorlag, sofort kriegerisch
borging und Bedingungen stellte, gegen die das österreichische Ultima—
tum an Serbien außerordentlich maßvoll war.
Der sogenaunte nationalistische Geist ist überall schärfer ausge⸗
prägt als früher. Nur Deutschland, aller Waffen entblößt, muß
dulden, daß es geknechtet, daß seine Ehre mit Füßen getreten, daß es
schlimmer wie irgend ein aufsässiger wilder Völkerstamm in Afrika
behandelt wird. Unsere Wirtschaft, trotzdent sie aus detn Kriege noch
intakt hervorgiug, droht zusammenzubrechen, die Kulturaufgaben
müssen vernachlässigt werden, die guten Nrittelschichten der Bevölke—
rung, die Hauptträger unserer Bildung und Kultur, werden leistungs
unfähig, und dabei will man uns Frieden predigen!
So sehen wir, daß die Anschauung, als ob aus dem Boden inter—
nationaler Beziehungen, insbesondere auf wirtschaftlichem Gebiete, ein
Zustand politischer Verständigung erwachsen könnte, keine tatsäch—
lichen Grundlagen besitzt, daß daher die Leistungsfähigkeit der eignen
Wirtschaft eine notwendige Voraussetzung auch für den politischen
Bestand des Staates bildet.
        <pb n="16" />
        Es⸗ ist das Verhängnis unseres Volkes gewesen, daß große und
einflußreiche Schichter vor, während und nach dem Kriege die
Bedeutung internationeler Beziehungen und Vereinigungen und
Versprechungen in ihrer Wirkung auf unser politisches Leben
falsch eingeschätzt und dadurch unseren Zusammenbruch, wenn auch
unbewußt, wesentlich mit verschuldet haben. Das liegt daran, daß uns
zefehlt hat die Zusammenfassung unseres vielseitigen Strebens unter
dem einheitlichen Gesichtspunkte des nationalen Gedankens. Unser
Volk besitzt Anlagen und Fähigkeiten auf allen Gebieten. Wir haben
don Natur anstellige und fleißige Arbeiter, wir haben erfinderische
Ingenieure und Chemiker, wir haben großzügige Unterunehmer,
haben vorzügliche Verwaltungsbeamte, hervorragende Künstler uud
Wisseuschaftler. Aber alle diese Berufe sind nicht zusammengefaßt von
einer leitenden Idee. Wie aber der einzelne Nreusch seine Richtung,
sein bestimmtes Ziel haben muß, dem er nachstrebt, so muß ein Volk
von einer leitenden Idee beherrscht sein. Diese leitende Idee, die sowohl
das geistige wie das wirtschaftliche Leben durchdringen muß, kann nur
gerichtet sein auf die Größe und Macht des Volkes, des Staates,
dem man augehört. Wir aber reißen das einheitliche nationale Leben
auseinander und behandeln alle Gebiete für sich getrennt, als wenn
sie gar nichts miteinander zu tun hätten. So treiben wir Geschichte,
so treiben wir Literatur, so treiben wir Kunst, so treiben wir Wirt—
schaft, so treiben wir Politik, so treiben wir auch Patriotismus!
Wir tun uns viel darauf zugute, daß wir geschichtliche Gescheh—
nisse bei anderen Völkern ebenso „objektiv“ lehren wie die des unsrigen,
ohne zu bedenken, daß es eine objektive Geschichte ebensowenig gibt,
wie einen objektiven Menschen, daß nur das Ziel-Streben eines
Volkes der Geschichte Form und Inhalt verleiht. Wir nuterscheiden
nenerdings sogar die Worte „national“ und „nationalistisch“, um
unsere Unduldsamkeit zu bemänteln gegenüber jedem Ubersprudeln des
Nationalgefühls, während man in jedem anderen Volke ein solches
Ubersprudeln für selbstverständlich und erfreulich findet und in seiner
Betätigung viel weiter geht als unsere extremsten „Nationalisten“.

2
1x
        <pb n="17" />
        Und mitten in einer Zeit, in der sich alle unsere Hoffnungen auf
die nationalen Beziehungen und auf den guten Willen des Auslandes
als Seifenblasen erwiesen haben, in der wir geknechtet sind und in der
unsere Ehre mit Füßen getreten wird, da schreiben wir in unsere
Reichsverfassung den Satz, daß die deutsche Jugend im Sinne der
„Völkerversöhnung“ erzogen werden soll. Und während dieselbe Ver—
fassung besagt, daß kein Deutscher einer ausländischen Regierung zur
Verfolgung und Bestrafung überliefert werden darf, werden Tausende
unserer Volksgenossen im besetzten Gebiet von belgischen und franzö—
sischen Kriegsgerichten ohne Rechtsverfahren in die Gefängnisse ge—
worfen, von der interalliierten Rheinlandkommission aus ihrer Hei—
mat ausgewiesen! Wahrlich, es gibt keinen krasseren Widerspruch
als zwischen unserer Ideologie und der Wirklichkeit!
Aus der Zusammenhanglosigkeit unseres Tuns und Denkens, aus
der fehlenden Konzentration auf die nationalen Gesichtspunkte erklärt
es sich, daß wir auf keinem Gebiet zu einem geschlossenen Auftreten
nach außen gelaugen und uns überall in leidenschaftlicher Parteiung
zersplittert. Das ist es, was Goethe vor über 100 Jahren in der
damaligen Not zu dem Ausspruch veranlaßte:
„Ich habe oft einen bitteren Schmerz einpfunden bei dem Ge—
danken an das teutsche Volk, das so achtbar im Einzelnen und so
miserabel im Ganzen ist.“
Goethe steht ja vielfach im Rufe des Weltbürgertums, deshalb ist es
von Bedentung, was er über Volk und Staat sagt. Darüber äußert
er sich in derselben Unterhaltung mit dem Geschichtsprofessor Luden
folgendermaßen:
„Eine Vergleichung des deutschen Volkes mit anderen Völkern
erregt uns peinliche Gefühle, über welche ich auf jegliche Weise hin—
wegzukommen suchte; und in der Wissenschaft und Kunst habe ich die
Schwingen gefunden, durch welche man sich darüber hinwegzu—
haben vermag . . .. Aber der Trost, den sie gewähren, ist doch
nur ein leidiger Trost und ersetzt das stolze Bewußtsein nicht, einem
großen, starken und gefürchteten Volke anzugehören. In derselben
Weise tröstet auch nur der Glaube au Deutschlands Zukunft. Ich
halte ihn fest, diesen Glauben.“
„Uns Einzelnen bleibt inzwischen nur übrig, einem jeden nach
seinen Talenten, seiner Neigung und seiner Stellung, die Bildung

3
        <pb n="18" />
        des Volkes zu mehren, zu stärken und durch dasselbe zu verbreiten
nach allen Seiten und wie nach unten, so auch, und vorzugsweise,
nach oben, damit es nicht zurückbleibt hinter den anderen Völkern,
sondern wenigstens hierin vorauf stehe, damit der Geist nicht ver—
kümmere, sondern frisch und heiter bleibe, damit es nicht verzage,
nicht kleinmütig werde, sondern fähig bleibe zu jeglicher großen
Tat, wenn der Tag des Ruhmes anbricht.“
So der „Weltbürger“ Goethe.

Der Tag des Ruhmes, von dem Goethe prophetisch sprach, ist
ein halbes Jahrhundert später angebrochen in ungeahntem Glanz
unter Führung eines Mannes, der der größte Staatsmann seines
Jahrhunderts war und der nicht nur das nationale GSehnen des
dentschen Volkes stillte, sondern auch die Grundlagen zu einer gewal⸗
tigen wirtschaftlichen Eutwicklung schuf, auf der sich ein reiches kul—
turelles Leben aufbaute.
Aber das deutsche Volk hat die Lehren der Geschichte nicht genutzt,
und der Parteihader hat selbst das Leben seines größten und erfolg—
reichsten Staatsmannes verbittert. Klagte doch Bismarck schon im
Jahre 1885:

„Der Parteihader überwuchert uns und der Parteigeist, wenn
der mit seiner Lokistimme den Urwähler Hödur, der die Tragweite
der Dinge nicht beurteilen kann, verleitet, daß er das eigne Vater⸗
land erschlage, der ist es, den ich anklage vor Gott und der Geschichte,
wenn das ganze herrliche Werk unserer Nation von 1866 und
1870 wieder in Verfall gerät.“

Und heute, nachdem dieses Wort in so erschütternder Weise fast
zur Wirklichkeit geworden ist, nachdem das deutsche Volk nieder⸗
gebrochen ist, nachdem es sich seiner festesten Stützen beraubt hat,
nachdem es seine Geschicke selbst in die Hand genommen hat, ist der
Parteihader schlimmer als je. Aus ihm müssen wir den Weg suchen,
indem wir vor allem zu erkennen streben unsere Fähigkeiten und un—
sere Mängel, unsere Daseinsbedingungen und die Notwendigkeiten
unseres Handelus.
Weil wir politisch unbegabt sind, auch in der inneren Regierung
— das beweist schon das Nichtzustandekommen einer geschlossenen
regierungsfähigen Mehrheit —, deshalb brauchen wir eine Verfas⸗

17
        <pb n="19" />
        sung, die durch besondere Einrichtungen der Politik eine gewisse Stetig⸗
keit sichert und politisch Begabten einen sicheren Einfluß ermöglicht.
Unbeschränkte Freiheit hat politische Befähigung zur Voraussetzung,
die der Masse jedeufalls fehlt.
Wenn ein Land inmitten eines Erdteils liegt, eng eingeschlossen
bon müchtigen Staaten, deren Bewohner teils direkt feindselig, teils
wenigstens eifersüchtig sind, so muß das Land eine starke Wehrmacht
haber und die Wirtschaft muß darauf eingestellt sein, die eignen pro⸗
duktiven Kräfte möglichst zu entwickeln, damit die Eruährung einiger⸗
maßen unabhängig von der Gunst des Auslands ist, auch wenn manche
Güter der Zivilisation darunter notleiden.
Wenn man sieht, daß ein Volk zu internationalen Schwärmereien
neigt, so müssen seiner Jugend um so mehr die harten Lehren der Ge⸗
schichte eingehämmert werden.
Wenn ein Volk wenig Ehrfurcht vor seinen großen Männern
hat, so muß ihm die Bedeutung der führenden Persoönlichkeiten, auf
deren Taten die Macht des Staates in erster Linie beruht, klac—
gemacht werden.
Wenn ein Volk in seiner Masse unselbständig ist und geneigt,
die eigne Verautwortung auf die Gemeinschaft abzuwälzen, so muß
es zur Selbständigkeit erzogen, und es darf dieser Neigung nicht noch
durch übertriebene staatliche Fürsorge Vorschub geleistet werden.
Anstatt zum Wohlleben, muß die Jugend zur Ausdauer, zum Er⸗
tragen von Anstrengungen, zur körperlichen Tüchtigkeit erzogen werden.
Laufen alle Zwecke unserer Tätigkeit in erster Linie auf den St aat
hinaus als den Träger unserer Selbständigkeit, nuserer Sitte und
Kultur, so ergibt sich auch von selbst die Beautwortung der Frage,
welche Stellung die Wirtschaft zum Staat ein—
nimmt.
Napoleon hat den Ausspruch getan: Die Politik ist das Schick⸗
sal. Der frühere Minister Rathenau hat dem den Sazz entgegengestellt:
 Die Wirtschaft ist das Schicksal. Was ist an diesen Aus—
sprüchen richtig?
Politik bedeutetr die Auwendung aller Mittel des Staates, um
ihm nach innen und außen Geltung zu verschaffen. Wirtschaft ist die
Summe der Mittel, die der Befriedigung der materiellen Bedürfnisse
ßon Volk und Staat dienen.

2*
        <pb n="20" />
        Das Wort „Die Wirtschaft ist das Schicksal“ würde also be—
deuten entweder: im Kampf der Völker entscheiden die wirtschaftlichen
Mittel, oder: der Kampf der Völker dreht sich um die wirtschaftlichen
Güter, mit anderen Worten: der Kampf der Völker ist ein Kampf
um die besten Futterplätze. Das ist die materialistische Geschichtsauf⸗
fassung von Karl Marx.
Zuzugeben ist, daß viele Kriege um wirtschaftlicher Vorteile wil—
len geführt worden sind und geführt werden. Man braucht nur au den
englischen Opiumkrieg, den spanisch-amerikanischen Krieg oder an
die spanischen und portugiesischen Eroberungskriege in Amerika zu
denken. Aber letzter Zweck auch dieser Kriege war doch die Vermeh—
rung der politischen Macht. Wirtschaftliche Mittel erhöhen die
Macht des Staates und sind in erheblichem Umfange die Voraus—
setzung für sie. Aus diesem Grunde werden auch Kriege um wirt⸗
schaftlicher Ziele willen geführt.
Aber wirtschaftliche Kräfte sind nur ein Teil der Kräfte eines
Staates, wirtschaftliche Güter nur ein Teil seines Reichtuus. An⸗
dere, wichtigere Kräfte und Güter sind die körperlichen, moralischen
und geistigen Eigenschaften seiner Bürger: körperliche Tüchtigkeit
und Widerstandsfähigkeit, Mut und Ausdauer, politische und mili—
rärische Befähigung, Geschicklichkeit und Intelligenz.
Die geschichtlichen Tatsachen bestätigen auch durchaus nicht, daß
wirtschaftliche Vorteile bei den Kriegen in erster Linie im Spiel ge⸗
wesen sind und daß wirtschaftlich starke Völker gesiegt haben. Ich
erinnere an den Sieg der Germanen über die Römer, au unsere Be⸗
freiungs- und Einigungskriege von 1813/14, 1870/71 und unseren
letzten großen Verteidigungskrieg 1914/18. Ich erinnere au den
Kampf der Irländer, der Türken und Polen um ihre Selbständigkeit,
sie alle hatten mit wirtschaftlichen Belaugen wenig oder nichts zu tun.
Ehre und Ruhm sind ebenso reale Güter wie der wirtschaftliche
Reichtum; der nationale Trieb, der aus ihnen hervorgeht, vermag
sogar allein die Menschen zur höchsten geistigen Energie emporzu⸗
reißen. Verletzungen von Ehre und Ansehen, selbst nur vermeiutliche,
führen daher oft zu Kriegen, eine Einbuße an ihnen gilt allen selbst—
bewußten Völkern auf die Dauer als unerträglich und sie setzen lieber
ihre materielle Existenz als jene Besitztümer auf das Spiel. Die all⸗
gemeine geschichtliche Erfahrung geht dahin, daß letzten Endes nur

19
        <pb n="21" />
        solche Völker auch wirtschaftlich gedeihen, die ihre nationale Ehre zu
wahren, politische Macht zu gewinnen und zu behaupten verstehen.
Deshalb ist Rathenaus Formel durchaus abzulehnen. Damit ist
nichts gegen die Bedeutung der Wirtschaft gesagt, sie wird nicht ver—
kannt, wenn man noch andere wichtige Faktoren neben und über ihr
gelten läßt.
Die Bedentung der Wirtschaft liegt darin, daß sie nicht nur die
Bevölkerung zu ernähren und mit allen materiellen Bedürfnissen zu
oersehen, sondern auch die Unterlagen für die Sicherheits⸗ und die
Wohlfahrts⸗Einrichtungen des Staates sowie für alle Kulturzwecke,
die Wissenschaften und die Künste zu liefern hat. Die Wirtschaft ist
also die Nährmutter für alle übrigen Berufe, für den Staat nud für
die gesamte Bevölkerung. Eine scharfe Trennung zwischen wirtschaft⸗
lichen und nichtwirtschaftlichen Berufen gibt es nicht, zumal viele
andere Berufe mittelbar auch der Wirtschaft dienen. Unmittelbar
wirtschaftlicher Natur sind die Landwirtschaft, das Handwerk, die
Industrie, der Handel und das Verkehrsgewerbe. Mittelbar aber
dienen der Wirtschaft die Anstalten, die die Allgemein- und die Fach⸗
bildung fördern, d. h. die Volksschulen, die Fortbildungsschulen,
die höheren Unterrichtsanstalten, insbesondere die Universitäten und
ganz besonders die technischen Hochschulen. Sie schaffen und ver
mitieln die Kenntnisse und Fähigkeiten zu allen, auch den wirt—
schaftlichen Berufen. Auch das humatistische Gymnasium macht
hierin keine Ausnahme, gibt es doch hervorragende Kaufleute, die ge⸗
rade die humanistische Vorbildung auch für ihren Beruf außerordent⸗
lich schätzen. Zweifellos verdankt der deutsche Kaufmann seine Erfolge
im Auslande ganz wesentlich unserem Schulwesen. Moan soll das
nicht vergessen, wenn man auch eine zeitgetnäße Reform wünschen
mag. Vor allem liefern unsere technischen Hochschulen das geistige
Rüstzeng für unsere Ingenieure und Chemiker. Aber auch die Uni⸗
bersitäten sind von großer unmittelbarer Bedeutung für die Wirt—
schaft, sie bilden namentlich ihre rechtskundigen und volkswirtschaft⸗
lichen Berater aus. Welche Förderung unsere Gelehrten selbst der
Wirtschaft durch ihre chemischen, technischen und physikalischen Ent⸗
deckungen und Erfindungen gewähren, ist nicht abzuschätzen.
Aber auch die Berufe, die mit der Wirtschaft unmittelbar gar
nichts zu tun haben, leisten ihr die größten Dienste, indem sie die Vor—⸗
        <pb n="22" />
        bedingungen für ein gesundes Wirtschaftsleben schaffen: der Frieden
muß gesichert werden durch eine starke Wehrmacht und eine gute
Außeupolitik, die Verwaltung muß unbestechlich und klar geordnet
sein, sie muß die Kräfte des Volkslebens zur Geltung kommen lassen,
eine unparteiische und rasche Rechtspflege muß den Geschäften einen
festen Rechtsboden geben und das materielle wie das geistige Eigentum
schützen. Die Finauzverwaltung von Ländern und Gemeinden muß sich
in Ordnung und Gleichgewicht befinden, da hierauf der öffentliche
und im weiteren auch der private Kredit beruht. Das Steuerwesen
uuß so ausgebildet sein, daß die Steuern den Bedürfnissen des Ge
meinwesens entsprechen, daß sie durch ihre zweckmäßige Kombination
die den einzelnen Steuerarten anhaftenden Meängel zum Ausgleich
bringen, daß sie die Leistungsfähigkeit der Steuerpflichtigen berück⸗
sichtigen, aber auch die Neubildung von Kapital ermöglichen, und
schließlich, daß sie einfach sind und weder die Steuerbehörden noch die
Steuerpflichtigen mit zu großen Umständlichkeiten belasten.
Endlich die Berufe, die für das körperliche Wohl, für die geistige
und sittliche Entwicklung, für die Schaffung höherer Lebensgenüsse
tätig sind, die das Leben erst lebenswert machen und es auf eine höhere
Stufe heben, auch sie hängen schließlich mit der Wirtschaft zusammen.
Es besteht also eine innige wechselseitige Beziehung und Förderung
anter den Berufen, und es liegt keine Veranlassung zu Raugstreitig—
keiten vor. Das gilt auch in bezug auf die geistigen Auforderungen,
die die verschiedenen Berufe stellen. Der Leiter eines kaufmännischen
oder industriellen Großbetriebs bedarf mindestens ebenso großer geistiger
Anlagen und Fähigkeiten wie ein Gelehrter oder hoher Beamter.
Ebensowenig ist es berechtigt, vom Standpunkte idealer Lebensbetrach—
tung Unterschiede zu machen. Denn die Ausübung eines rein wirtschaft⸗
lichen Berufes kaun von ebensolcher idealen Lebensauffassung getragen
sein, wie der Beruf eines Beamten oder Gelehrten, wie es ja auch bis—
weilen vorkommt, daß Augehörige dieser beiden Berufe sich von vorwie—
gend materiellen Beweggründen leiten lassen. Letzten Endes kontutt alles
arauf an, wie der Einzelne seinen Beruf auffaßt und wie er ihn ausübt.
Für die Beurteilung der Berufe vom allgemeinen, d. h. natio⸗
nalen Standpunkte aus ergeben sich aber zwei wichtige Gesichtspunkte:
1. jeder Beruf muß so wahrgenommen werden, daß der Zweck,
dem er im Nationaliuteresse dient, auch wirklich erfüllt wird,

2
        <pb n="23" />
        2. die Zahl der Kräfte, die dem einzelnen Berufe angehören, muß
der Lage der Volkswirtschaft angemessen sein.
Von diesen Voraussetzungen aus erhalten die Worte „produktive“
und „unproduktive“ Tätigkeit erst ihren eigentlichen Sinn. Produktiv
arbeitet nicht jeder, der für materielle Bedürfnisse tätig ist. Der
Fabrikaut, der unbrauchbare Maschinen oder unnütze oder gar schäd⸗
liche Dinge herstellt, arbeitet nicht produktiv, auch nicht der Ange—
stellte und Arbeiter, der einen unverhältnismäßigen Teil seiner Zeit
zu anderen Dingen als zum Arbeiten verwendet, weiter nicht der
Spekulant, der lediglich Waren oder Werte von einer Hand in die
ander verschiebt, ohne damit volkswirtschaftlich zu nützen. Aber auch
Beamte sind nicht produktiv, die schlechte Gesetze und Verordnungen
machen und ihren Dienst vernachlässigen, oder Lehrer, die die Schüler
nicht zu guten Staatsbürgern erziehen.
Soviel über die erste Voraussetzung. Ebenso wichtig ist die zweite
Voraussetzung. Die Zahl der Kräfte, die sich einem Berufszweig
widmen, muß der Lage der Volkswirtschaft angemessen sein. Ein
Volk, das mit Reichtümern gesegnet ist, darf eine größere Zahl von
Personen besitzen, die höheren Kulturbedürfnissen dienen, kann auf die
Verwaltung, die Rechtspflege, die soziale Fürsorge, die Bildung, die
Künste und Wissenschaften mehr Kräfte verwenden, als ein armes
Volk. Wir befinden uns in der Lage des armen Volkes und müssen
daraus die Folgerungen ziehen — was freilich in der Wirklichkeit nicht
geschieht.
Ich will nun versuchen, in wenigen Strichen die schwierige Lage
der deutschen Wirtschaft zu kennzeichnen.
Schon vor dem Kriege reichten die Erzengnisse der eignen Scholle
nicht aus, unsere Bevölkerung zu ernähren, zu bekleiden und zu be—
hausen; wir mußten die uus fehlenden Nahrungsmittel und Rohstoffe
bom Ausland kaufen. Die Gegenwerte schufen wir uns durch Herstel⸗
lung und Ausfuhr von möglichst hochwertigen Fertigerzeugnissen. Wir
hatten eine Ausfuhr an Waren im Werte von 10,1 Milliarden
Mark im Jahre 1913, eine Einfuhr imm Werte von 10,9 Milliar—
den Mark. Von der Einfuhr kamen auf Rohstoffe, Nahrungs- und
Genußmittel 858, von der Ausfuhr nur 3025. Es ist ersichtlich,
daß wir einen starken Mehrbedarf an Waren hatten, daß unsere
Ausfuhr vorzugsweise in Fertigerzeugnissen bestand, daß wir aber mit

— —*
        <pb n="24" />
        denn Wert der Ausfuhr den Wert der Einfuhr nicht decken kounten.
Wir hatten also eine passive Handelsbilanz, d. h. der Waren⸗
einfuhrwert übertraf den Wert unserer Warenausfuhr. Dagegen
war unsere Zahlungsbilanz, worunter man den Ausgleich
des gesamten Zahlungsoerkehrs mit dem Ausland einschließlich des
Warenhandels versteht, aktiv. Dies kam daher, daß wir im Auslande
über starke Kapitalanlagen in Gestalt von Beteiligungen au gewerb—
lichen Unternehmungen, an Anleihen usw. verfügten, die uns Bar⸗
mittel zuführten. Ferner erzielten wir durch unsere Schiffahrt und
unsere Versicherungsgesellschaften erhebliche Einnahmen aus dem
Ausland, die uns in Form von Frachten und Versicherungsprämien
zuflossen. Hierdurch waren wir nicht nur in der Lage, den Mehr⸗
bedarf an ausländischen Waren gegenüber der Ausfuhr von Waren
zu bezahlen, sondern wir konnten auch jährlich Gold zur Stärkung
unserer Währung in mehr als genügender Meenge kaufen.
Durch den Kriegsausgang ist in diesen Verhältnissen eine sehr
starke Verschiebung eingetreten.
Zunächst ist uns der ganze Kolonialbesitz und der größte Teil der
Handelsflotte geraubt worden. Feruer haben wir wichtige, zumeist
völlig deutsche Gebiete unseres Vaterlandes verloren. Nach den An—⸗
gaben der Reichsstatistik haben wir eingebüßt: 13 8 an Bodeunfläche
(ungerechnet die Kolonien) mit 1o0 5 der Gesamtbesölkerung. Die
13 Bverlorene Bodenfläche enthielten 15 8 der gesamten Getreide⸗
anbaufläche und 16,7 5 der gesamten Anbaufläche für Hackfrüchte,
im ganzen enthielten sie 14,2 5 des gesamten landwirtschaftlich be⸗
nutzten Bodens, alles nach der Produktionsstatistik für 1913. Ferner
umfaßten sie 20 8 unserer Steinkohlenproduktion, 75 8 unserer
Förderung au Eisenerzen, 26 5 unserer Roheisenproduktion, 68 *
unserer Zinkgewinnung und 26 5 unserer Bleierzeugung. Das
Saargebiet, das ja nur zeitweise von Deutschland abgetreunt ist, ist
hierbei nicht berücksichtigt. Aus diesen Zahlen geht hervor, daß unser
Verlust an Nahrungs- und Rohstoffquellen weit größer ist als unser
Bevölkerungsverlust, so daß die Folge der Bodenverluste eine starke
Verringerung des Nahrungsmittelspielraums auf den Kopf der Be—
oölkerung bedeutet. Die Wirkung dieser Tatsache auf unseren Außen
handel äußert sich in einer noch ungünstigeren Gestaltung unserer
Handelsbilanz und in einer nunmehr auch stark passiven Zahlungs—

234
        <pb n="25" />
        bilanz. Dazu kommen nun noch die Belastungen durch die Besetzung
des Rheinlandes und die Kriegseutschädigungen, die uns unter dem
untwahren Nanten der Reparationen auferlegt sind und deren Höhe
wir noch gar nicht kennen.
Bei der Beurteilung der künftigen Entwicklung sind tiun fol⸗
gende Momente zu berücksichtigen:
r. Der Verlust an Bevölkernug durch den Krieg und seine Folge⸗
erscheinungen: Krankheit, Hunger und Not. Man schätzt diesen Ge—
samtverlust auf 526 Millionen Köpfe, darunter befanden sich zum
größten Teil, soweit die unmittelbaren Kriegsopfer in Betracht kom—
men, die kräftigstett und leistungsfähigsten jungen Männer. Auf der
anderen Seite steht eine Zunahme durch Rückwanderung deutscher
Staatsangehöriger aus den verlorenen Gebieten und von Auslands—
deutschen, die ihre Existenz draußen verloren haben. Es kantt ange—
notmtmen werden, daß Verlust und Gewinn sich ungefähr ausgleichen,
so daß die Tatsache einer Verringerung des Nahrungsmittelspiel⸗
raumes auf den Kopf der Bevölkerung bestehen bleibt. Auf den
Quadratkilometer kamen im Jahr 1913 120, im Jahr 1922 133 Köpfe.
2. Der Entwicklung unserer Ausfuhr stehen entgegen: die Ver—
minderung der Kaufkraft des Auslandes, die Abneigung des Aus—
landes gegen deutsche Waren, die Erschwerung des deutschen Wett—
bewerbs im Ausland durch die verstärkten Zollmaßnahmen des Aus—
landes, Einfuhrverbote und Einfuhrbeschränkungen, höhere Preise für
ausländische Nahrungsmittel und Rohstoffe, höhere Produktionskosten
im Inlande durch Verminderung der Arbeitsleistungen und Erhöhung
der Löhne, vermehrte Steuerlasten, Verminderung des Kapitals und
vor allem Erstarkung der Industrien im Auslande auf Gebieten, auf
denen früher die deutsche Industrie vorherrscheud war.
Was besonders das Kapital betrifft, so hat Helfferich hierüber
jüngst eine in der Offentlichkeit noch nicht bekanntgewordene Auf—
stellung gemacht, die die Aktiengesellschaften, also die wichtigste
Gruppe unserer Großunternehmungen, umfaßt und folgende Zahlen
aufweist: die Zahl der Aktiengesellschaften ist von Ende 1918 bis
1922 von 5 486 auf 9 696 gestiegen, der Nennwert des Kapitals
von 17,4 Mrilliarden auf xoß5 Milliarden Mark. Dieser Erhöhung,
die bezüglich der Zahl hauptsächlich auf die Umwandlung bestehender
Firmen in Aktiengesellschaften, bezüglich des Kapitals hauptsächlich
        <pb n="26" />
        auf die Juflation zurückzuführen ist, steht gegenüber eine Wer min;
derung des Kurswertes in Goldmark von Z30,6 Milliarden auf
s Milliarden Mlark. Also trotz starker Vermehrung der Aktiengesell—
schaften und Aufblähung des gesatuten Aktienkapitals ist eine Ent—
wertung um 4 Fünftel eingetreten. Das kommt auch in den Dividen⸗
den zum Ausdruck. Diese betrugen für das Jahr 1918 1600 Millionen,
 für 1922 aber nur 55 Millionen Goldmark, das ist ein ge—
radezu verschwindender Bruchteil. Er bedeutet, auf das gesamte Wirt—
schaftsleben übertragen, nahezu ein Aufhören jeder Kapitalneubildung.
Gegenüber der Erschwerung der Ausfuhr will ich auch auf
einige günsst ige Momente hinweisen: das Interesse des Auslandes
am Absatz seiner Rohstoffe, soweit es diese nicht in erhöhtem Maße
selbst verarbeitet, die Erhöhung der Produktionskosten auch in vielen
Teilen des Auslandes, die jedoch nicht eutfernt so groß ist wie bei uns,
und die Verminderung der Zahl der Arbeitskräfte im Auslande durch
Kriegsverluste.
Auf der anderen Seite stehen unsere Grenzen in erweitertem
Umfange dem Auslande offen. Ganz abgesehen von dem sogenannten
Loch im Westen, durch das z. Zt. ganz unkontrolliert eine Masse von
Waren französischen und anderen Ursprungs hereinkommen, haben
wir im Diktat von Versailles die Verpflichtung übernommen, die
Waren vom Vertragsgegner bis zum 10. Januar 1925 unter
Meistbegünstigungsbedingungen einzulassen. Wir sind daher in un—
serer Handelspolitik beschränkt. Die Anwendung von Einfuhrver—
boten bewirkt außerdem Gegenmaßnahmen, die unsere Ausfuhr
schädigen. Ferner wirken die meisten Umstände, die eine Erschweruug
unseres Wettbewerbs im Auslande bedeuten, erleichternd für den
ausländischen Wettbewerb auf dem deutschen Markt.
3. Unsere inländische Produktion ist belastet mit einer Ndenge
unproduktiver Ausgaben als Folge der inneren Staatsumwälzung,
mit einer Zerrüttung unserer öffentlichen Finanzen und mit den noch
bestehenden Maßnahmen auf dem Gebiete der Zwangswirtschaft.
Unsere Aufgabe diesen Schwierigkeiten gegenüber muß sein:
r. den unnötigen Verbrauch zu vermindern,
2. die Produktion zu heben.
Maßnahmen, die auf anderen Gebieten, insbesondere dem politischen,
liegen, muß ich hier außeracht lassen.

28
        <pb n="27" />
        Voraussetzung für jedes Handeln ist die Erkenntnis der vor—
handenen Grundlagen. So auch in der Wirtschaft. Wie die
Naturgesetze, so gibt es auch gewisse wirtschafssliche Gesetze, die er—
kannt und beachtet werden müssen. Das Wort „Gesetz“ ist hierbei nicht
—
schaftlichen Organisationsformen auf festen, unabänderlichen Regeln
beruhte, sondern im Sinne von Ursache und Wirkung und von ewigen
in der menschlichen Natur liegenden Trieben. Wer diese Gesetze
verkennt, führt die Wirtschaft in den Abgruud, und wenn eine noch
so große Stimmenmehrheit hinter ihm steht.
Zunächst wollen wir feststellen, was wirtschaftenheißt.
Dazu müssen wir von dem allgemeinsten Ausdruck für menschliche
Handlungen, dem Wort Tätigkeit, ausgehen. Unter „Täütigkeit“
versteht man jede Art willkürliche Betätigung im Gegensatz zu den
unwillkürlichen Lebensäußerungen. Ein engerer Begriff ist schon
die „Arbeit“, die auf einen bestimmten ernsthaften Zweck gerichtet ist
im Gegensatz zum reinen Spiel, das der Unterhaltung dient. Die—
selbe Tätigkeit kann im einen Falle Arbeit, im anderen Falle Spiel
sein. Die schlittschuhlaufende Jugend treibt ein Spiel, der ausge—
bildete Schlittschuhläufer, der seine Künste gegen Geld sehen läßt,
leistet eine Arbeit.
Arbeiten aber ist noch kein Wirtschaften. Die Schüler, Stu⸗
denten, Beauten, Gelehrten, sie arbeiten, aber sie wirtschaften nicht.
Der Unterschied von geistiger und körperlicher Arbeit ist für den
Begriff des Wirtschaftens dabei nicht bestimmend. Wirtschaften ist
eine Arbeit, die auf Befriedigung materieller Bedürfnisse ge—
eichtet ist. Materiell sind auch die Bedürfnisse der wissenschaft—
lichen Berufe, die zu ihrer Ausübung Bücher, Apparate, In—
strumeute gebrauchen. Ferner ist zu fragen: wer wirtschaftet?
Arbeiter und Angestellte arbeiten wohl in der Wirtschaft, aber sie
wirtschaften nicht selbst. Wirtschaften bedeuntet die unter eigener
Verantwortung stattfindende Anwendung von Mitteln zur Erzielung
materiellee Werte. Nur wer selbständig und unter eigener
        <pb n="28" />
        versönlicher Verantwortung wirtschaftlich tätig ist, ist also ein
Wirtschafter. Wirtschaftet ist daher auch etwas anderes als
das „Verwalten“ des Beamten, der zwar eine gewisse moralische
und auch strafrechtliche Verantwortung trägt, der aber für den
wirtschaftlichen Erfolg nicht mit seiner Person und seinem Vermögen
einzustehen braucht. Auf der Verkennung dieses Wesensunterschiedes
zwischen Wirtschaften und Verwalten beruhen alle die verfehlten
Versuche einer sogenannten Sozialisierung.
Das Wiirtschaften zerfällt nach seiner Art in zwei Gruppen,
nämlich erstens die Hauswirtschaft, die jeder Staatsbürger,
der einen selbständigen Haushalt führt, betreibt, und zweitens die
Erwerbswirtschaft, die berufsmäßig geübt wird. Die Haus—
wirtschaft dient der Erhaltung der Familie, die Erwerbswirtschaft
schafft Güter und Leistungen, die dem Einzelnen und der Gesamt⸗
heit die zu ihrer Cristenz und Weiterentwicklung nötigen Mittel ge—
währt. Die Hauswirtschaft hat es mit den Einkünften und deren
zweckmäßigem Verbrauch, die Erwerbswirtschaft mit der Umwand⸗
lung von Gütern und Kräften zu neuen Werten zu tun.
Das wirkliche Wesen einer Gache erkennt man an dem Nutzen,
den sie leistet, at dem Erfolg, der mit ihr nicht nur angestrebt, son—
dern auch erzielt wird. So liegt das Wesen der Wissenschaft
darin, unsere Erkenntnis zu erweitern, das Wesen der Erziehung
darin, die jungen Menschen zu brauchbaren Staatsbürgern heranzu—
bilden. Eine Wissenschaft oder eine Erziehungsmethode, die dies
nicht leistet, verdient nicht ihren Namen, d. h. sie erfüllt nicht ihren
Zweck.

Von diesem Gesichtspunkte aus besteht das Wesen der Ha us⸗
wirtschaft in der Erzielung von Ersparnissen. Denn wenn alles
restlos verbraucht wird, was der Träger der Hauswirtschaft einnimmt,
so bleibt nichts für den Fortschritt der au der Hauswirtschaft Be⸗
teiligten übrig. Die Hauswirtschaft muß also auf eine Ersparnis
gerichtet sein, und es ist eine der Ursachen unserer Notlage. daß uns
der Sparsinn abhanden gekommen ist.
Das Wesen der Erwerbswirtschaft, vom gleichen Ge—
sichtspunkte betrachtet, besteht in der Erzielung eines Ertrags,
d. h. eines Ueberschusses dessen, was nen geschaffen wird, gegenüber
dem, was in die Wirtschaft hineingesteckt wird. Wird ke in Ertrag
        <pb n="29" />
        erzielt, so kaun die Wirtschaft sich nicht erneuern, nicht ausdehnen
und der Allgemeinheit nicht die für sie notwendigen Unterhaltsmittel
gewähren. Aus diesen Gründen kann man auch die Hauswirtschaft
als Sparwirtschaft, die Erwerbswirtschaft als Ertragswirtschaft
 bezeichnen.
Wer sind nun die Träger dieser Wirtschaften? Die der Haus
wirtschaft die Familie, die der Erwerbswirtschaft die Unternehmung
 oder der Betrieb. Beide Arten von Wirtschaften
fallen zusammen in der ursprünglichen Hauswirtschaft unkultivierter
Völker, in der jede Familie die Güter, deren sie bedurfte, selbst be—
schaffte und verbrauchte. Im Laufe der Zeit hat sich auf dem Wege
der Arbeitsteilung eine Trennung der Hauswirtschaft von der Er—
werbswirtschaft vollzogen, aber noch heute gibt es, namentlich auf
dem Lande, zahlreiche Hauswirtschaften, die — wenigstens zum
großen Teil — von selbsterzeugten Gütern leben. Nur bei den
Stadtmenschen ist die Verbindung von Hauswirtschaft mit Erwerbs—
wirtschaft so gut wie gelöst.
Die Familie und der Betrieb sind also die Einheiten der Haus—
und der Erwerbswirtschaft. Die Familie als Einheit der Hauswiri—
schaft ist durch die Natur gegeben, durch die Fortpflanzung des
Menschengeschlechts bedingt, die nur in der Familie möglich ist, durch
die Notwendigkeit der Erziehung der Kinder und deren Versorgung
und durch die auf der engsten Blutgemeinschaft beruhende gegenseitige
Verantwortung. Damit ist die Familie auch die Grundlage aller
kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklung, sie ist also neben der
hauswirtschaftlichen Einheit auch die gesellschaftliche oder soziologische
Einheit. Hält man dies fest, so erledigen sich damit alle von sozia—
listischer oder kommumistischer Seite ausgehenden Ideen von einer
Ersetzung der Familie durch irgend eine andere Art von Gemein⸗
—D —
restlos erfüllen, sie kann daher bestenfalls nur ein mangelhaftes Sur—
rogat sein, wie wir es z. B. in den Waisenhäusern vorfinden.
Der Betrieb als Einheit ist durch den wirtschaftlichen Zweck
gegeben. Unter Betrieb ist dabei eine auf einen dauernden wirt—
schaftlichen Zweck gerichtete Unternehmung zu verstehen. Träger
einer solchen Unternehmung kann eine einzelne, können aber auch
mehrere Personen sein. Da das Wirtschaften Voraussicht, plan—
        <pb n="30" />
        mäßiges Arbeiten, Eingehen von Verpflichtungen voraussetzt, so ist
eine dauernde Einrichtung notwendig, für die jemand einsteht, jemand
die Verantwortung trägt, und diese Einrichtung nennt man eben
Betrieb. Da das Wohnen der Menschen und ihre Abhängigkeit
bon der Natur sehr vielseitige Daseinsbedingungen schafft, so muß
es auch nach Art und Größe sehr verschiedene Betriebe geben. Die
Verschiedenheit der natürlichen Daseinsbedingungen bringt außerdem
gewissermaßen naturnotwendig eine Mischung von kleinen, mittleren
und großen Betrieben mit sich, so sehr auch im einzelnen die Ent⸗
wicklung der Betriebe auseinandergehen mag.
Sind hiernach Familie und Betrieb die notwendigen Einheiten
der Haus- und Erwerbswirtschaft, so fragt es sich, ob über diesen
Grundeinheiten noch höhere Einheiten vorhanden sind, in die diese
aufgehen. In der Hauswirtschaft gibt es solche höhere Einheiten
offenbar nicht. Zwar spricht man von Gemeinde- und GStaatswirt⸗
schaft, der Wirtschaft von Anstalten und Körperschaften, darunter
sind aber nicht der Familie übergeordnete, sondern solche Hauswirt⸗
schaften verstanden, die neben der Familie zur Erfüllung irgend—
welcher gemeinsamer Zwecke geführt und die von Beiträgen der
Familienhaushalte gespeist werden. Anders ist es mit der Familie
als gesellschaftlicher Einheit. Gesellschaftlich sind die Familien verbunden
zu Gemeinden und zum Staat als höhere politische und kul—
turelle Gemeinschaften, die über der Familie stehen, die aber deren
natürliche Rechte zu achten haben. Ohne Gemmeinde und ohne Staat
können weder politische noch kulturelle Aufgaben erfüllt werden. Die
Gemeinde ist dabei die Zusammenfassung der durch mehr oder we—
niger zufälliges Zusammenwohnen aufeinander augewiesenen Familien,
der Staat aber die Zusammenfassung des ganzen Volkes als politische
und kulturelle Einheit gegenüber anderen Völkern. Geine Auf—
gaben sind die höchsten, weil er die Entwicklung des Volkes nach
innen gewährleisten und seine Selbständigkeit nach außen sichern muß.
Für den Betrieb als Grundeinheit der Erwerbswirtschaft gibt
es an sich so wenig eine höhere Einheit wie für die Familie als Grundeinheit
 der Hauswirtschaft. Auch bei der Erwerbswirtschaft kommen
Unternehmungen vor, die von einer größeren Gemeinschaft betrieben
werden, z. B. Gemeinde- und Gtaatsbetriebe. Diese sind
aber den Privatbetrieben nicht übergeorodnet, sondern bestehen neben ihnen.

20
        <pb n="31" />
        Sie sind auch nur in beschräuktem Umfang möglich, können also den
Privatbetrieb nicht ersetzen. Die Sozialisten und Kommunisten meinen
allerdings, der Staat könne und solle die ganze Wirtschaft in die
Hand nehmen, d. h. also, er solle alle materiellen Bedürfnisse des
Volkes selbst befriedigen. Dazu müßte der Staat den Bedarf fest⸗
stellen, die Güter selbst herbeischaffen, erzeugen, verteilen. Er müßte
aber dann auch alle Staatsbürger zwingen, die Arbeiten zu verrich—
ten, die zur Erfüllung dieser Aufgaben nötig sind, kurz er müßte das
ganze Wirtschaftsleben und zugleich das Heer der Staatsbürger
kommandieren. Alles das setzt ferner gleiche Bedürfnisse und gleiche
Zumessung der verfügbaren Güter voraus, also einen völligen Zwaug
zur Uniformierung, dem sich alle Staatsbürger unterwerfen müßten.
Ein solcher Zwang ist aber vollkommen unnatürlich, denn der Reiz
des menschlichen Lebens und alles menschlichen Schaffens geht her—⸗
bor aus dem Bedürfnis nach Differenzierung, ebenso wie
in der Natur jede Lebensäußerung hierauf zurückzuführen ist. So
entstehen Licht und Bewegung, diese Grundelemente jedes Lebeus,
nur durch Reibung, d. h. durch Ueberwindung von Widerständen,
durch das Zusammentreffen starker und schwacher Kräfte, hoher und
—D0
zierung in den verschiedenen Anlagen und Neigungen, in dem
Wunsche, es besser zu haben, wie seine Vorderen und seine Neben—
menschen, sich von ihnen durch Leistungen, durch Besitz, durch die
Art der Befriedigung der geistigen und materiellen Bedürfnisse zu
unterscheiden. Hierauf beruht ja u. a. auch die Mode, die eine der
wichtigsten Triebkräfte in unserem Wirtschaftsleben darstellt.
Solche Differenzierung ist weder auszuschalten, noch von oben zu
regeln, sie ergibt sich aus dem Gegen- und Ineinanderspielen der ein⸗
zelnen Kräfte.
Wir haben gesehen, daß der Einzelbetrieb, und zwar der Privat⸗
betrieb, die Einheit, und zwar die natürliche und im Grunde einzige
in der Erwerbswirtschaft ist. Trotzodem spricht man mit Recht nicht
nur von einer Privatwirtschaft, sondern auch von einer WolkEs⸗
wirtschaft. In diesem Wort hat aber der Ausdruck, Wirt—
schaft“ eine audere Bedeutung. Das Volk als solches wirtschaftet
nicht, sondern nur die einzelnen Individuen wirtschaften. Wohl aber
bildet die Summe der Cinzelwirtschaften in dem Sinne eine höhere

344
        <pb n="32" />
        Einheit, als der Endzweck des Wirtschafteus auf das Gedeihen von
Volk und Staat gerichtet sein muß, alle Einzelwirtschaften also
im Sinne von Volk und Staat eine Gemeinschaft mit einheitlichen
Zwecken bilden. Daraus folgt auch, daß der Staat nicht nur das
Recht, sondern auch die Pflicht hat, die Wirtschaft zu beeiuflussen.
Denn der einzelne Wirtschafter hat in erster Linie sein Interesse, das
Interesse seines Betriebs im Auge, er kann auch häufig gar nicht
übersehen, inwieweit sich das Wohl des Ganzen mit dem Gedeihen
seines Betriebs deckt. Nehmen wir einen Kaffeegroßhändler, der
mit seinem Handel ein an sich berechtigtes Bedürfnis befriedigt. Ob
aber die durch die verschiedenen Großhändler bewirkte Einfuhr von
Kaffee im ganzen volkswirtschaftlich unbedenklich ist, das kann der
einzelne Händler nicht wissen, er kann sich nicht darum kümmern.
Aufgabe des Staates ist es daher, die Einfuhr zu beschränken, wenn
nach der allgemeinen wirtschaftlichen Lage, insbesondere nach dem Ver—
hältnis der Gesamteinfuhr zur gesamten Ausfuhr des Landes eine
zu starke Einfuhr von Luxuswaren für die Volkswirtschaft von
Schaden ist. Aehnlich verhält es sich mit der Einfuhr gewisser dem
Luxusbedürfnis dienender Fabrikate. Ebenso kann auch im Innern die
freie Entwicklung gewisser Wirtschaftszweige unerwünscht sein, z. B.
solcher, die für die Volksgesundheit schädlich sind oder deren Aus—
übung mit besonderer Verantwortung verbunden ist. Andererseits
kann die Förderung anderer Wirtschaftszweige im allgemeinen In⸗
teresse dringend erwünscht sein, z. B. die Herstellung notwendiger
Bedarfsgegenstände unter Verarbeitung ausländischer Rohstoffe, die
Schaffung von Verkehrseinrichtungen u. a. In solchen Fällen muß
der Staat fördernd eingreifen. Zweck der Beinflussung muß sein
die Ausnutzung aller produktiven Kräfte des Landes, die Herstellung
seiner Sicherheit und möglichen Unabhängigkeit, insbesondere die Herbei—
führung des Gleichgewichts zwischen seiner Ausfuhr und Einfuhr.
Die Mittel der Beeinflussung der Wirtschaft durch den Staat
will ich hier nur andeuten: Zölle und Steuern, Einfuhr⸗ und Aus—
fuhrerleichterungen bezw. Erschwerungen, Schaffung von Verkehrs—
einrichtungen, Errichtung von Bildungsanstalten. Das Problem der
Beeinflussung besteht darin, das Juteresse der Gesamtheit zu wahren,
ohne das Wirtschaften selbst lahmzulegen oder unnötig zu er⸗
schweren.
        <pb n="33" />
        Soll ich dun Begriff Volkswirtschaft in ein Wort
zusammenfassen, so bedeutet er: Die Zusammenfassung und das
Ineinandergreifen aller Einzelwirtschaften betrachtet in ihrer Wir⸗
kung und Bedeutung für das ganze Volk und beeinflußt durch staat⸗
liche Maßnahmen.
Neben dem Wort „Volkswirtschaft“ hört man auch oft den
Ausdruck „Weltwirtschaft“, und zwar auch in der volks—
wirtschaftlichen Literatur. Schmoller gibt in seineme, Grundriß der
allgemeinen Volkswirtschaftslehre“ folgende Erklärung:
„Weltwirtschaft neunen wir die Summe der heute einander
berührenden, in gegenseitige Abhängigkeit von einander gekommenen
Volkswirtschaften.“
Diese Erklärung enthält m. E. eine vollständig falsche Begriffs—
übertragung. Das Wort „Weltwirtschaft“ setzt doch notwendig
etwas Einheitliches voraus, wie wir ja gesehen haben, daß die Einzel—
wirtschaften in den Begriff Volkswirtschaft zusammengefaßt werden
können, weil sie einem gemeinsamen Zweck, nämlich der Volks- und
Staatserhaltung dienen. Bei dem, was Schmoller unter Weltwirt⸗
schaft versteht, fehlt jedes Gemeinsamme. Man kann nur von einer
Weltproduktion und einem Weltverbrauch, ferner von einem inter⸗
nationalen Güteraustausch sprechen. Die Addition der Produktion
und des Verbrauchs der einzelnen Länder zur Weltproduktion und zum
Weltverbrauch ist aber lediglich eine Angelegenheit der Statistik,
ebenso wie die Addition der Bevölkerungszahlen, aus der sich keines—
wegs ein Weltvolk ergibt. Der Güteraustausch von Land zu Land
bedeutet ebenfalls keine „Weltwirtschaft“, sondern nur eine Ueber—
tragung der Produktionsüberschüsse der einzelnen Länder auf dem
Wege des Handelsverkehrs der einzelnen Völker. Dieser gegenseitige
Austausch von Gütern und Kapitalien ist das Ergebnis aus der Ver—
schiedenheit der Bedürfnisse und der Produktionsbedingungen der ein—
zelnen Länder und aus der Anwendung der Arbeitsteilung. Damit
ist umso weniger eine wirkliche Gemeinschaft gegeben, als die Bezugs—
quellen und Absatzmärkte für jedes Volk ständigen Veränderungen
unterliegen und an keinerlei Abmachungen gebunden sind. Auch bei
länger andanernden Verbindungen wird selten eine Gemeinschaft er⸗
zeugt, denn es ergeben sich aus diesen Verbindungen nicht nur An⸗
räherungen, sondern auch Gegensätze. Den gemeinsamen Interessen

32
        <pb n="34" />
        von Käufer und Verkäufer stehen oft entgegengesetzte Interessen von
Produzent und Produzent, von Händler und Händler gegenüber,
wie wir dies beim Abschluß von Handelsverträgen scharf beobachten
können, Gegensätze, die in der Forderung von Absperrungsmaßnahmen
und von höheren Schutzzöllen zum Ausdruck kommen und die oft zu
Wirtschaftskriegen führen. Gerade in jüngster Zeit können wir
dieses Absperrungsbestreben, das im scharfen Gegensatz zu den Redens—
arten von Völkerverständigung steht, überall, selbst in England, be—
merken. England, das im Freihandel lange Zeit seinen Vorteil fand,
hat den übrigen Völkern, selbstlos, wie es ist, das Ideal des Man
chestertums gepriesen, heute denkt es darüber ganz anders und eine
starke schutzzöllnerische Bewegung ist bei ihm am Werke. Bei uns
hat dank der weltbürgerlichen Einstellung unserer meisten Politiker
und Volkswirte jahrzehntelang die Meanchesterlehre geherrscht. Fried⸗
rich List hat zuerst durch seine Schriften, Bismarck später durch
seine Taten uns von dem Nebeldunst dieser Lehre befreit, was nicht
verhinderte, daß diese Lehre immer wieder Anhänger in der Wissenschaft
 und in der Wirtschaft findet.
Nach alledem halte ich es für richtig, den Ausdruck,, Weltwirt—⸗
schaft“ überhaupt nicht zu gebrauchen, sondern höchsteus von Welt⸗
vroduktion, Weltverbrauch und Welthandel zu sprechen.
Wenn wir sonach festgestellt haben, daß es nur ein Einzelwirt⸗
schaften gibt und geben kann, neben dem in dem gekennzeichneten
Sinne die Zusammenfassung durch die Volkswirtschaft steht, so ent⸗
steht die Frage, wie es kommt, daß das Nebeneinanderwirtschaften
von vielen Einzelnen doch zu einem gemeinsamen Ziel, der allgemeinen
Bedarfsbefriedigung, führt. Man könnte eine stille Gemeinschaft
zwischen den Wirtschaftsindividnen annehmen, die ihr Handeln als
einheitlich erscheinen lassen. Tatsächlich vertritt diese Anschauung
in einer erst kürzlich erschienenen Schrifte, Tote und lebendige Wissenschaft“
 der Wiener Nationalökonom Ottmar Spann. JIn der
Schrift legt Spann dar, daß in jeder Handlung des Einzelnen die
Gesamtheit als Bestandteil beteiligt sei. Zwar setze die einzelne wirt⸗
schaftliche Handlung eine persönliche Eutschließung des Handelnden
voraus, maßgebend aber sei die Eingliederung in die wirtschaftliche
„Ganzheit“. Demgemäß sei auch der Verkehr nicht das zufällige
Zusammentreffen von Cinzelhandlungen, sondern er sei die Erschei—
        <pb n="35" />
        nungsform der Ganzheit, welche die einzelnen Handlungen als Glie—
der in sich aufnimmt. Ein Börsentag komme nicht zustande, indem
jeder kauft und verkauft wie er will, sondern jeder tue es nach der
Erwägung, wie er seine Handlungen in die Vielheit wirtschaftlicher
Gauzheiten einfügt. Auch könne der Einzelne ohne Staat und Ge—
meinde nicht wirtschaften, es würde ein Chaos eutstehen, wenn die
Wirtschafter vereinzelt dastünden.
Diese Darstellungs- und Betrachtungsweise widerspricht indessen
aller Erfahrung. Man stelle sich vor, daß mehrere Familien auf
einer einsamen Insel wohnen, auf der es weder Gemeinde noch
Staat gibt. Dann kommt das Zusammenwirken der Wirtschaften
dadurch zustantde, daß jede Familie der anderen abgibt, was sie an
Ueberschuß hat, auf dent Wege des Tauschverkehrs, ohne daß irgend
eine höhere Gemeinschaft dabei beteiligt ist. Ganz so ist es auch in
der modernen Wirtschaft. Jeder bringt das zu Markte, was er nach
seinen Beobachtungen und Erfahrungen mit Nutzen absetzen kann.
Verrechnet er sich, so trägt er den Schaden. So bringt der persön—
liche Nutzen oder Schaden die Ordnung in der Wirtschaft zuwege.
Daß die Einzelhandlungen sich auf diese Weise in die „Ganzheit“
einfügen, ist demnach lediglich das Ergebnis des natürlichen
Kräftespiels, nicht seine Ursache. Was das Beispiel der Börse be—
trifft, so denkt auch dort kein Käufer oder Verkäufer daran, wie er
sich in die Ganzheit einfügt, sondern wie er dort für seine Ware Ab—
satz oder für seine Nachfrage Ware findet, und aus den vielen ein—
zelnen Angeboten und Nachfragen entwickelt sich der Verkehr.
So ist das Ergebnis unserer Erörterungen, daß es nur ein Wirt⸗
schaften von Einzelnen gibt, aus deren Mit- oder Gegeneinander⸗
arbeiten sich das Wirtschaftsleben in seiner Gesamtheit entwickelt
und das nur geregelt und gezügelt wird durch den Staat als politische
Macht, und das zusammengefaßt wird in der Volkswirtschaft, über
der es nur noch Beziehungen, aber keine höhere Gemeinschaft, weder
eine wirtschaftliche noch eine politische, gibt.

24
        <pb n="36" />
        Wahrend ich in der letzten Vorlesung den allgemeinen Be—
griff des Wirtschaftens und seine Grundeinheiten behandelt
habe, gehe ich jetzt zur Betrachtung der verschiedenen Wirtschaftsarten
 über. Auch da müssen sich aus der praktischen Auschauung
heraus die Begriffe bilden, wie das abstrakte Wort „Begriff“ ja
seiner Bedeutung nach aus dem konkreten „begreifen“ entsteht.
Ich wende mich zunächst zur HaAus wirtschaft im Sinne
meiner früheren Ausführungen, nicht im Sinne der historischen Na⸗—
tionalökonomie. Worin besteht sie? Darin, daß das aus Lohn, Ge⸗—
halt oder Ertrag fließende Einkommen wirtschaftlich richtige Ver—
wendung findet. Ein altes deutsches Sprichwort sagt: „Mrit vielem
komint man aus, tnit wenig hält man Haus.“ Dieses Sprichwort
kennzeichnet treffend die ganze Bedeutung der Hauswirtschaft. Es
gilt, aus dem Einkommen Lebensmittel, Kleidung, Wohnung zu
schaffen, die Kosten für Erziehung, Fortbildung, Unterhaltung, Ver—
sicherung zu bestreiten. Das alles ist selbstverständlich und kein haus—
wirtschaftlicher Erfolg. Dieser tritt erst ein, wenn es gelingt, etwas
zurückzulegen für unvorhergesehenen Bedarf, für die Zeit der Er—
werbsunfähigkeit und des Alters, für die Aussteuer der Tochter, die
Eristenzgründung des Gohnes. Jeder gutgeführte Haushalt müßte
dies erreichen, wenn auch in noch so geringemm Ausmaße. Es ist nicht
wahr, wenn behauptet wird, daß dies nicht möglich sei. Es ist sehr
bedauerlich, wenn selbst Gelehrte und bürgerliche Politiker sich zum
Sprachrohr der proletarischen Auffassung machen, daß breite Schich⸗
ten unseres Volkes nur das Notdürftigste, gerade zur unmittelbaren
Bestreitung ihres Lebensunterhaltes erforderliche Einkommen hätten,
so etwa im Sinne des ehernen Lohngesetzes von Lassalle und Karl
Marx.

Ich will dengegenüber nur anführen, daß vom Jahre 1903
bis 1913 nach dem statistischen Jahrbuch des Deutschen Reiches
die Zahl der Sparkassenbücher von 15 Millionen auf 24 Mil⸗
lionen gestiegen ist, die Summe der Guthaben von 9 auf 20
Milliarden Mark. das Guthaben des einzelnen Buches von

38.
        <pb n="37" />
        s300 auf B00 Mark. Wenn also etwa zwei Fünftel der Be—
oölkerung, Frauen und Kinder eingerechnet, über ein Sparkassenbuch
verfügen und das Guthaben ständig zunimmt, so kann man nicht davon
reden, daß das Volk keine Mröglichkeit der Erwerbung eines Besitzes
habe. Die Anlagen in liegendem Vermögen, in Wertpapieren aller
Art sind dabei nicht berücksichtigt, obwohl man sich in der Um—
gebung der Großstädte und auf dem Lande durch Augenschein davon
überzeugen kann, daß Tausende und Abertausende von Arbeitern und
Angestellten in eigenen Häuschen wohnen und Gärten und Aeckerchen
besitzen, ganz zu schweigen von der Zunahme des Wohlstandes, wie
er sich in der Kleidung, Wohnungseinrichtungen und der gesamten
Lebenshaltung ausspricht.
Die Lebenshaltung ist bekanntlich ein sehr relativer Begriff.
Ihr Stand muß daher in erster Linie unter dem Gesichtspunkte des
Vergleichs mit der früheren Zeit und mit anderen Völkern als unter
dem Gesichtspunkte der noch übrigbleibenden Wünsche, die immer
sehr ausdehnungsfähig sind, betrachtet und beurteilt werden. Die
Differenzierung, von der ich früher gesprochen habe, ist auch hier das
Entscheidende und da wird jeder zugeben müssen, daß wir uns vor dem
Kriege in einer Periode ständigen Aufstiegs und immer besser wer—
denden Lebensstandes befanden. In unserer Politik und in unserem
öffentlichen Leben spielte trotzdem die Erregung von Unzufriedenheit
unter den Meassen eine hervorragende Rolle.
Die Spariätigkeit ist nun eine Sache, die nicht nur dem einzelnen
Sparer, sondern auch der Gesamtheit d. h. der Volkswirtschaft in
hohem Grade förderlich ist. Die Spargroschen werden ja heutzutage
nicht mehr in den Strumpf gesteckt, sondern kommen auf Sparkassen
oder Banken. Von dort fließen die Summen wieder produktiven
Zwecken zu, entweder in Form von Darlehen an Fabrikanten, Land⸗
wirte und Bauunternehmer, oder an den Staat und sonstige öffent⸗
liche Körperschaften, die mit diesen Geldmitteln allgemeinen Zwecken
dienen und den Darleihern Zinsen bezahlen. Auch in Anschaffungen
für die Häuser, die Wohnungen, den Luxuts, finden die kleinen Er—
sparnisse Verwendung und befruchten damit unmittelbar die wirt⸗
schaftliche Tätigkeit von Handel und Gewerbe.
Nur bei solcher Spartätigkeit kann auch ein an Zahl ständig
zunehmendes Volk gedeihen, das immer neuer Mittel bedarf, um nicht

396
        <pb n="38" />
        nur der zunehmenden Zahl von Köpfen den unbedingt notwendigen
Lebensunterhalt, sondern auch der Gesamtheit einen weiteren Aufstieg
zu ermöglichen. Die Franzosen sind bessere Sparer als die Deut—
schen, die mehr darauf ausgehen, ihre Einnahmen zu vergrößern, als
ihre Ausgaben mit den Einnahmen in Einklang zu halten. Es ist aber
sehr viel Richtiges an dem Wort, daß man mehr durch Sparen als
durch Einnehmen wohlhabend wird.
Die wichtigste Aufgabe in der Hauswirtschaft fällt den Frauen
zu. In ihrer Hand liegt oder sollte in erster Linie die zweckmäßige
Verwendung des Einkommens liegen. Daher ist auch der Haus—
haltungsunterricht, die Erziehung zum sparsamen Wirtschaften eine
so außerordentlich wichtige Aufgabe, die keineswegs nur dem Einzeluen
überlassen werden darf. Haushaltungsvorstand ist freilich der Mann,
das Gesetz legt die letzten Entscheidungen in seine Hand. Das
demokratische Prinzip der vollen Gleichberechtigung ist hier wie ander⸗
wärts undurchführbar und vom Uebel. Das Leben verlangt vom
Recht klare Zuständigkeitsverhältnisse auch in der Ehe. Durch natür—
liche Veranlagung und durch Tradition ist der Mann das Haupt,
er hat auch die Pflicht, die Familie zu ernähren, d. h. für die er—
forderlichen Einkünfte zu sorgen, ihm muß auch deshalb die letzte Ent—
scheidung über ihre Verwendung zustehen. In der Praxis ist aber
das Zusammenleben auf gegenseitiges Auskommen und beiderseitigen
guten Willen gestellt, und die Frau ist auch oft nicht nur die bessere,
sondern auch die stärkere Hälfte; dies umso mehr und mit umso
größerem Recht, wenn sie ihre hauswirtschaftlichen Anlagen richtig
zu entwickeln und anzuwenden versteht. —
Soviel über die Hauswirtschaft. Nunmehr wende ich mich
ausschließlich der Erwerbswirtschaft zu. An ihr ist nur ein
Teil der Besvölkerung unmittelbar, der andere aber nicht weniger
stark mittelbar beteiligt. Denn alle Staatsbürger haben ein In—
teresse daran, daß die Produktion gesteigert wird. Es bedeutet eine
Verkennung der natürlichen Zusammenhänge auch in diesem wichtigen
Punkte, wenn heute in so vielen bürgerlichen Kreisen kein oder nur
ein mangelhaftes Verständnis dafür vorhanden ist, daß die Pro⸗
duktionssteigerung im Vordergrunde der wirtschaftlichen Betrachtungen
zu stehen hat. Die Produktioussteigerung ist erforderlich, damit der
Einzelne und das ganze Volk Schritt halten können mit der fort—

7
        <pb n="39" />
        schreitenden Kultur und Zivilisation, damit der Staat, die Gemein—
den und die öffentlichen Verbände, auch die Wissenschaften und
Künste und selbst die Kirche ihre Aufgaben erfüllen können, die alle
mehr oder weniger materiell bedingt sind. Sie ist weiter erforderlich,
unt dem Volk auch bei zunehmender Bevölkerungszahl einen Auf—⸗
stieg zu ermöglichen und endlich nötig, umn dem Auslande mindestens
so viel au fertigen Waren abgeben zu können, als zum Ankauf aus—
ländischer im Inlande nicht erzeugbarer Nahrungsmittel und Roh—
stoffe benötigt wird. Ich habe früher gezeigt, daß wir vor dem Kriege
eine passive Handelsbilanz hatten, d. h. ein UNeberwiegen des Wertes
der Wareneinfuhr gegenüber der Warenausfuhr. Wenn dies dem
eben gehörten Satz zu widersprechen scheint, so darf ich ebenfalls auf
die frühere Ergänzung hinweisen, daß nämlich durch auderweite Ar—
beitsleistungen sowie durch Aulagen im Auslaude, die gleichfalls nur
durch Arbeit möglich waren, der fehlende Wert ergänzt, ja noch ein
erheblicher Ueberschuß über den Wert der Waremeinfuhr erzielt
wurde. Jetzt sind wir freilich in einer weit schwierigeren Lage. Umso
größer müssen deshalb auch unsere Anstrengungen sein, um einen er—
träglichen Ausweg zu finden. Die Folgerung daraus ist, daß ins—
besondere alle staatlichen Maßnahmen daraufhin geprüft werden
müssen, ob sie die Steigerung der Produktion fördern oder hemmen.
Die bisherige Politik seit Krieggausgang und Umsturz war vorzugs—
weise auf Hemmung gerichtet. wie ich das später noch ausführen
werde.

Betrachten wir uns nun zunächst einmal die verschie—
denen Zweige der Erwerbswirtschaft. Man unterscheidet erstens
solche, die Güter hervorbringenoder herstellen; da—
zu rechtten: die Landwirtschaft, das Handwerk, der Bergbau und die
Industrie; zweitens solche, die Warenheraubringen: Fuhr—
halterei, Schiffahrt, Eisenbahnen, kurz das Verkehrsgewerbe. Die
dritte Gruppe bilden die Gewerbe, die Waren verteilen, das
ist der Handel und zwar der Groß- und Einzelhandel und die Gast⸗
wirte. Es rechnen hierzu auch zahlreiche Zwischenberufe, wie Makler,
Agenten, Kommissionäre, also Warenvermittler und Verrichter be—
sonderer Dienstleistungen, die den selbstäundigen Vertretern des Han—
delsgewerbes und der Industrie Teile ihrer Arbeit und ihres Risikos
abnehmen. Sodann haben wir die Banken, deren Hauptaufgabe

24*
        <pb n="40" />
        in der Vermittlung des Geldverkehrs und des Kredits besteht. Eine
besondere und neuere Gruppe der Erwerbswirtschaft bildet das Wer⸗
sicherungsgewerbe, das lediglich Risikoträger ist, indem es
gegen feste Beträge die Ersatzleistung für unvorherzusehende Per—
sonen⸗ und Sachschäden in der verschiedensten Art, als Lebens-, Un—
fall⸗, Haftpflicht, Trausport⸗, Feuer⸗, Hagel-⸗, Vieh- usw. Ver—⸗
sicherung übernimmt. Als besonderen Zweig der Erwerbswirtschaft
kaun man schließlich noch das Mietgewer be bezeichnen, das die
volkswirtschaftlich wichtige Aufgabe der Beschaffung von Häusern,
Wohnungen, Büros, Lägern usw. und deren Ueberlassung gegen
Miietzins erfüllt.
Ich will auf die wichtigsten der genannten Erwerbszweige etwas
eingehen, um ihre Bedeutung und Eigenart zu kennzeichnen. Unter
allen Berufen steht unzweifelhaft der Landwirtschaft das
Erstgeburtsrecht zu. Vor ihrer Eutstehung lebte der Mensch von
der Jagd und dem Fischfang. Das waren rein spekulative Gewerbe,
die nur einer ganz dünnen Bevölkerung eine Existenz ermöglichen
konnten. Die Landwirtschaft machte den Mrenschen seßhaft und legte
den Grund zu jeglicher Kultur. Sie ist „die Bezähmerin wilder
Sitten, die den Menschen zum Menschen gesellt und in friedliche,
feste Hütten wandelte das bewegliche Zelt“. Auch heute noch bildet
die Landwirtschaft bei uns den Kern der Bevölkerung. Sie ist die
Hauptquelle unserer Versorgung mit Nahrungsmitteln. Ihre feste
Verwurzelung mit dem Grund und Boden macht sie zum stärksten
Pfeiler für die staatliche Ordnung. Sie liefert den kräftigsten Nach—
wuchs für alle Berufe und die besten Soldaten. Trotzdem die Land—
wirtschaft ein in hohem Grade konservativ gerichtetes Gewerbe dar—
stellt, so hat sie doch in ihrer Entwicklung keineswegs stillgestanden.
Die über längere Perioden fortgeführten Statistiken zeigen, ohne
daß ich dies hier im einzelnen anhand von Zahlen zu belegen brauche,
daß unter den Fortschritten der landwirtschaftlichen Technik und der
Ausnutzung der chemischen Wissenschaften die Ernteerträge des Bodens
ganz bedeutend gesteigert worden sind. Auch heute ruht unsere Hoff⸗
nung hauptsächlich auf der Landwirtschaft, sie umfaßt noch immer
ein Drittel der erwerbstätigen Bevölkerung, und es ist dringend er—
wünscht, sie in die Lage zu versetzen, trotz des verringerten Nahrungs—
spielraumes durch Vermehrung ihrer Erträge unsere Bevölkerung zu

39
        <pb n="41" />
        ernähren, was nach dem Urteil der Sachverständigen durchaus mög—
lich ist.

Die Landwirtschaft hat ihre besondere Eigenart. Sie erfordert
Grund und Boden, der kein freies Gut ist und einen Kapitalwert
darstellt, der sich verzinsen muß. Sie verlangt intensive Arbeit des
Besitzers und seiner Familie, bei größerer Ausdehnung der Wirt—
schaft Hilfskräfte, die verköstigt und gelohnt werden müssen. Bei
fortgeschrittener Kultur sind größere Baulichkeiten, Geräte und Ma—
schinen nötig, die einen großen Kapitalwert darstellen. Die Haupt—
arbeit aber leistet daneben die organische Naturkraft, die im Boden
wirkt und, befruchtet voon Regen, Wind und Sonnenschein, die Früchte
zutr Wachsen und zur Reife bringt. Bei harter Arbeit bietet die
Laudwirtschaft ein im Durchschnitt ziemlich sicherss Auskommen,
dessen jeweilige Höhe allerdings durch zahlreiche äußere Umstände, und
zwar nicht nur durch die Witterung, sondern auch durch die Markt—
verhältnisse und durch die Politik stark beeinflußt wird. Ich will be—
züglich der Politik nur auf die Handelsverträge unter der Aera Ca—
privi hinweisen.
Daß eine weitere Ertragssteigerung durch intensivere Wirtschaft
möglich ist, habe ich schon erwähnt, diese erfordert aber einen er—
heblicher Mehraufwand von Kapital in Form von MNlaschinen und
Düngemitteln. Dabei besteht ein sehr wichtiger Unterschied gegen—
über der Industrie, der durch das Gesetz vom abnehmenden Boden—
ertrag gekeunzeichnet wird. Während nämlich in der Industrie jeder
Mehraufwand von Kapital dank Arbeitsteilung und Maschiuen—
arbeit in der Regel eine Steigerung des Produktionsertrags nicht nur
absolut, sondern auch relativ mit sich bringt, ist es bei der Landwirt⸗
schaft umgekehrt. Jede stärkere Kapitalverwendung bringt hier wohl
auch durchschnittlich einen Mehrertrag, aber dieser Mehrertrag
nimmt nicht zu, sondern ab, d. h. auf die gleiche Menge hinein⸗
gesteckten Kapitals fällt jedesmal eine kleinere Ertragssteigerung. Die
Ursache hierfür liegt darin, daß der wichtigste Faktor in der Land—
wirtschaft eben doch die organische Naturkraft ist, die nicht beliebig
gesteigert werden kann, während dies bei der Maschinenkraft der
Fall ist.
Der zweite große Erwerbszweig, das Hand werk, ist eben⸗
falls ziemlich konservativ und sozusagen bodenständig, wenn es auch
        <pb n="42" />
        als solches mit dem Grund und Boden meist nicht unmittelbar ver⸗
bunden ist. Es hat eine gewisse gleichmäßige Verbreitung über das
ganze Land, wenn auch eine stärkere in den Städten als in den länd⸗
lichen Bezirken. Es bildet dort die wichtigste selbständige Alkittel⸗
schicht des Bürgertums. Seine Ausübung bedarf nur geringen
Kapitals, dagegen fleißiger eigener Handarbeit des Unternehmers.
Eine zeitlang hat man, auch in Kreisen der Nationalökonomen, ge—
meint, daß das Haudwerk infolge der maschinellen LUeberlegenheit der
Industrie dem Untergang geweiht sei. Es geschah das unter dem
Einfluß einer rein mechauistischen Wirtschaftsauffassung, wie sie den
Sozialisten eigen ist. Die Entwicklung hat aber bewiesen, daß diese
Auffassung durchaus nicht zutrifft. Zwar hat das Gebiet des Hand⸗
werks durch die neuzeitliche Entwicklung des Maschinenweseus starke
Einschräukungen und Umstellungen erfahren, aber der tüchtige Hand—
werker von heute weiß sich auch der Maschinen für seinen kleinen
Betrieb zu bedienen und für gute handwerkliche Leistungen, nament⸗
lich in Hauseinrichtung und Kunstgewerbe, im Bekleidungsgewerbe
und in der Mechanik ist ein breiter und zum Teil noch vergrößerter
Boden vorhanden. Im modernen Handwerk findet der strebsame,
gut ausgebildete Nachwuchs am ehesten noch eine selbständige und
sichere Existenz, ohne eines erheblichen Kapitals zu bedürfen. Aus
dem Handwerkerstand sind die meisten großindustriellen Unternehmer
hervorgegaugen und gehen heute noch viele von ihnen hervor. Ich
nenne uur die Namen Krupp, Borsig, Bosch, Opel, Thyssen, hier
in Gießen Heyligenstaedt. Der Staat hat hiernach allen Anlaß,
das Handwerk zu fördern, was durch Fachschulen, durch Kredithilfe
und ähnliche andere Maßnahmen geschehen kann. Die Hauptsache
aber bleibt die Selbsthilfe, wie sie Aufgabe des Einzelnen und der
Gemeinschaften, der Innungen und der Handwerkskammern ist.
Weitere wichtige Erwerbsgruppen sinn Bergbau und
Industrie. Der Bergban gewinnt die wichtigsten Rohstoffe:
Kohlen und Erze. Er ist ein uraltes Gewerbe und wurde ursprüuglich
 auf genossenschaftlicher Grundlage betrieben, weshalb der Name
„Gewerkschaft“ auch heute noch bei ihm gebräuchlich ist. Der zu—
nehmende Kapitalbedarf, Arbeitsteilung und Erbgaug sprengten die
Form des rein genossenschaftlichen Betriebs, der den größeren mo—
dernen Aufgaben nicht mehr gewachsen war. Aus der Genossenschaft
        <pb n="43" />
        wurde notwendigerweise die kapitalistische Gesellschaft, wenn ihr auch
heute noch eine aus der Natur des Betriebes folgende besondere Or—
ganisationsforim eigen ist. Wenn man heute die „Sozialisierung“
von Betrieben als eine neue Betriebsform anpreist, so sieht man an
dem Beispiel des Bergbaues, was es mit der Neuheit in Wirklichkeit
auf sich hat. Die Eigenart des Bergbaues besteht darin, daß große Ver—
mögenswerte in ihn hineingesteckt werden müssen ohne die Sicherheit
für irgend ein Eutgelt. Das Risiko ist also bei ihm besonders groß.
Die Erfordernisse für seinen Betrieb sind neben bedeutenden Kapitalien
umfangreiche maschinelle Betriebseinrichtungen und zahlreiche Men—
schenkräfte.
Mit der Industrie verhält es sich ähnlich, nur sind die
Betriebe nach Art und Größe viel diffexenzierter, das Risiko ist nicht
so unübersehbar, weil ein großer Teil des hineingesteckten Kapitals an
Maschinen, Geräten und Einrichtungen int Falle des Mlißerfolgs
noch in anderer Weise verwertet werden kaun. Die Anwendung der
mechanischen und organischen Naturkräfte ist nahezu unbegrenzt, zahl—⸗
reiche Menschenkräfte finden in ihr Verwendung, groß ist aber auch
die Möglichkeit des Ersatzes von Menschenkräften durch Maschinen.
Ein hervorragendes Beispiel bietet eine moderne Hochofenanlage, die
derart durchmechauisiert ist, daß nur noch ganz wenige menschliche
Arbeitskräfte gebraucht werden. Die größten Fortschritte verdankt
die Industrie den großen Erfindungen des vorigen Jahrhunderts auf
dem Gebiete des Transportwesens, des maschinellen Betriebs und der
wissenschaftlichen Durchdringung, Fortschritte, die noch unbegrenzte
weitere Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen. Ohne die hierdurch bewirkte
gewaltige industrielle Entwicklung, die gerade in Deutschland Platz
gegriffen hat — mehr noch wie in den meisten anderen Ländern, die
Vereinigten Staaten ausgenommen — wären wir anderen Völkern in
wirtschaftlicher Hinsicht nicht ebenbürtig und vielfach überlegen ge—
worden, hätten auch unsere Machtstellung nicht behauptett und
unsere Fortschritte in zivilisatorischer Hinsicht nicht erzielen können.
Nach der letzten Gewerbezählung von 1907 beschäftigte die In—
dustrie bereits damals, also vor 16 Jahren, mehr Erwerbstätige als
die Landwirtschaft.
Aber die industrielle Entwicklung hatte auch ihre großen Schatten⸗
seiten in bezug auf das wirtschaftliche, soziale und politische Leben.
        <pb n="44" />
        Ihre allzuschnelle Entwicklung zog zahlreiche Menschen in den ma—
schinellen Betrieb, die entwurzelt und zu einer fluktuierenden Mẽasse
gemacht wurden. Die Cinrichtungen der Fabriken brachten neue,
ungewohnte Gefahren für Leben und Gesundheit mit sich, die zu—
sammengeballten Massen fanden größtenteils unzulängliche Unter⸗
kunftsräume. Dadurch wurde ein Nährboden für Elemeunte ge—
—D bestand.
Von staatlicher und privater Seite hat man den Mißständen ent⸗
gegenzuwirken versucht durch Naßnahmen für den Arbeiterschutz, die
Arbeiterversicherung, durch Wohlfahrtseinrichtungen und Seßhaft⸗
machung. Die Geschichte des Mittelrheinischen Fabrikantenvereins
in Ndainz zeigt, daß dessen Mitglieder sich schon Ende der 6oer
Jahre eingehend mit der Verbesserung der Lage ihrer Arbeiter be⸗
schäftigt und Vorbildliches auf diesem Gebiete geleistet haben. Im
Laufe der Jahre wurde von Privaten und vom Staate viel geleistet,
was vorbildlich für audere Länder wurde. Trotzdem nahm die so—
zialistische Bewegung im Fahrwasser der Gegner der modernen Wirt⸗
schaft immer größeren Umfang an, wofür man hauptsächlich psycho⸗
logische Momente als Ursachen anführen muß, auf die ich bei spä—
terer Gelegenheit noch eingehend zu sprechen komme.
Die politische Auswirkung der industriellen Entwicklung zeigte
sich in zwei verschiedenen Erscheinungen, einmal in der Radikalisierung
der Arbeitermassen, in ihrer zunehmenden Feindschaft gegenüber dem
Staat, und zweitens in der allgemeinen Ueberschätzung des wirt—
schaftlichen Momentes in unserem gesamten öffentlichen Leben. Es
entstand auf der einen Seite ein gehässiger wirtschaftlicher Neid, der
sich in politische Gegnerschaft umsetzte, und auf der anderen Seite eine
Geringschätzung aller nichtwirtschaftlichen Momente und namentlich
eine Verkennung der außenpolitischen Verhältnisse für Bestand und
Entwicklung des Wirtschaftslebens.
Doch kehre ich zunächst wieder zur Betrachtung der einzelnen
Erwerbsgruppen zurück.
Ju Verbindung mit der Industrie nahm das Berkehrse—
gewerbe, Eisenbahn und Schiffahrt, einen gewaltigen Auf⸗
schwung, insbesondere nachdem man die Dampfmaschine in seinen
Dienst gespannt hatte. Gegenüber der früheren einfachen Fuhrhalterei
entstauden große Unternehmungen, die erbebliches Kapital erforder⸗
        <pb n="45" />
        ten. Gegenüber der mechanischen Naturkraft trat die menschliche
Arbeitskraft zahlenmäßig in den Hintergrund. Das Verkehrsgewerbe
leitet durch die Spedition zum reinen Handel über, der eine
besonders eingehende Betrachtung erfordert, weil sein Wesen am
meisten verkannt wird. Mrean spricht ihm vielfach jede produktive
Bedentung ab, und ein preußischer Ndinister hat ihn einmal gerade
nicht schmeichelhaft ein „notwendiges Uebel“ genannt. Was tut
der Handel? Er bringt aus der Ferne Waren heran und verteilt
sie. Man kaun sagen, er leistet dasselbe in horizontaler Richtung,
was der Bergban in vertikaler Richtung leistet und damit könnte
atau ihn diesenn Gewerbezweige au die Seite stellen. Dieser Ver—
gleich deutet schon auf eine wesentliche Voraussetzung für den Wert
der Wirtschaftsgüter. Dieser Wert hängt nicht allein von dem
Vorhandensein der Güter, sondern von ihrer Bereitstellung
zum wirtschaftlichen Gebrauch ab. Bodenschöätze haben solange keinen
Wert, als sie nicht gehoben sind oder wenigstens die Nröglichkeit dazu
geschaffen ist; das Getreide Amerikas nützt uns nichts, solange wir
es nicht hier haben, die Urwaldbäume Afrikas haben keinen Wert,
solange sie nicht auf den Markt gebracht werden können, auch die
Gewürze Indiens und die Wohlgerüche Arabiens sind in der Eut—
fernung gänzlich wertlos. Aufgabe des Handels ist es, unter Be—
nützung der Verkehrsmittel alle diese Güter an die Verbraucher herau—
zubringen. Er ist es daher, der ihnen erst einen Wert gibt und der
damit selbst Werte schafft. Aehnlich ist es aber auch mit Erzeug⸗
nissen und Fabrikation, die im Inlande entstehen. Es ist für den
Landwirt und Fabrikanten meist zu zeitraubend, zu untständlich und
zu kostspielig, seine Erzeugnisse selbst zum Verbraucher zu bringen.
Der Häudler nimmt ihnen diese Arbeit ab und ermöglicht erst dadurch
den Absatz. Er sorgt auch, daß der Verkauf sich regelmäßig ge⸗
staltet, daß er in größeren Mengen stattfinden kaun, und daß Vor—
räte gehalten werden. Er nimmt dem Erzeuger dadurch einen großen
Teil des sonst diesem zur Last fallenden Risikos ab und er ruft
schließlich einen größeren Bedarf hervor, indem er durch geschicktes
Anbieten die Nachfrage weckte. Dadurch befruchtet er die Pro—
duktion.
Aber auch für den Verbraucher ist die Tätigkeit des Handels
bon vorteilhafter Bedeutung. Der Handel verschafft sich eingehende
        <pb n="46" />
        Kenntnis von den Bedürfnissen der Verbraucher und ist dadurch im—
stande, sie zu befriedigen, er macht die Bezugsquellen ausfindig, ver⸗
gleicht die Dualitäten und Preise und kauft da, wo die Ware am
besten und billigsten ist. Er wirkt dadurch preisregelnd auf den
Markt. Vermöge seiner Warenkenntnis läßt er sich nicht täuschen
und kann seine Kunden sachverstäundig beraten. Er benutzt die billigsten
und raschesten Beförderungswege, lagert die Ware, behandelt sie so—
weit das nötig ist und bewahrt sie vor dem Verderben. Das Risiko
dafür trägt er selbst. Er hält auch die Ware in jeder gewünschten
kleinen Menge zur Verfügung und steht dem Käufer für gute Be—
schaffenheit ein. Alles das sind Leistungen, die dem Verbraucher zu—
gute kommen und für die der Händler einen in Anbetracht seiner
Unkosten meist sehr mäßigen Zuschlag nimmt, der seinen Lebeus—
aunterhalt und sein Risiko deckt.
Selbstverständlich fehlt es diesem Bilde auch nicht aun Schatten.
Aber man muß prüfen, inwieweit die gegen den Handel exrhobenen
Vorwürfe berechtigt sind. Man wirft ihm vor, daß er die Ware
ungebührlich verteuere. Nun ist es selbstverständlich, daß dem
Risiko für Verluste auch entsprechende Gewinnmöglichkeiten gegen—
überstehen müssen. Hierin liegt der spekulative Charakter des
Handels. Er ist ja keine bloße Warenverteilungsstelle, sondern ein
selbständiger, mit eigener Verautwortung ausgerüsteter Teil des
Wirtschaftslebens. Er muß Augebot und Nachfrage vorausschauend
beurteilen und wirkt dadurch ausgleichend auf die Preise, was für den
Verbraucher von Wichtigkeit ist. Allerdings kann es hierbei auch
zu Ausschreitungen kommen, indem das Angebot künstlich zurück—
gehalten, die Preise künstlich hochgehalten werden. Das kann ge—
schehen, wenn sich eine NMonopolstellung bei einer Gruppe des
Handels oder bei einem einzigen Häudler herausbildet. Es ist deshalb
wichtig, daß der freie Wettbewerb aufrecht erhalten wird, der seiner⸗
seits auf Niedrighaltung der Preise hinwirkt. Der Staat kann
durch freien Verkehr und gute Verkehrseinrichtungen mit mäßigen
Tarifen viel dazu beitragen. In der Tat ist es bisher zu einer
Monopolstellung des Handels kaum gekommen. Ansätze, die sich
hie und da gezeigt haben, sind nicht von langer Dauer gewesen. Im
übrigen ergibt sich auch hier ein euger Zusammenhang mit der Politik,
denn je gesicherter die allgemeinen politischen Verhältnisse sind, umso

1458
        <pb n="47" />
        geringeren Schwankungen und Uebertreibungen unterliegen die Preise
der Waren. Umgekehrt ist die Ausbeutung der Verbraucher nie
größer gewesen als unter der Herrschaft der Kriegs- und Nachkriegs—
wirtschaft mit ihren vielfachen staatlichen Eingriffen und Regelungen
des Verkehrs. Will der Einzelne einmal prüfen, was ihm der Handel
leistet, so soll er nur den Versuch machen, seinen Bedarf unmittelbar
beim Erzeuger zu decken. Er wird im allgemeinen finden, daß der
Aufwand an Arbeit, Zeit und Verdruß, der ihm dadurch entsteht,
in einem ganz außerordentlichen Mißverhältnis zu dem etwa er—
zielten Nutzen steht. Auf die Frage der Selbsthilfe gegen Aus⸗
schreitungen des Handels komme ich noch zurück.
Ein zweiter Vorwurf gegen den Handel ist, daß er viel zu viel
Aufwand treibe, dessen Kosten die Verbraucher zahlen müßten.
Man denkt dabei an kostspielige Läden und Reklamen, sei es durch
öffentliche Anzeigen oder durch Hinaussenden von Geschäftsreisenden.
Es wird indessen zunächst übersehen, daß die Geschäftsspesen etwas
relatives sind, das nur im Vergleich mit dem Geschäftsumfang ge—
wertet werden kann, ferner daß der freie Wettbewerb von selbst die
einzelnen Häudler zwingt, von unnötigem Aufwand abzusehen. Der
freie Wettbewerb ist die Seele des Geschäftslebens, wo er ausge—
schaltet wird, zeigen sich erst die Uebelstände. Nehmen wir an, es
habe ein Geschäftsmann in einer bevorzugten Lage der Stadt einen
bornehm ausgestatteten Laden, der eine Miete von 50 oo0 Mark
erfordert, ein auderer Geschäftsmann in einem anderen Stadtteil einen
solchen, der nur 500 Mark an Miiete kostet. Der erstere mag einen
Umsatz von 10 Millionen Mark, der letztere einen solchen von
50 000 Mark haben, dann macht für das luxuriöse Geschäft die
Ladeumiete nur 89, für das einfache Geschäft aber 18 aus.
Aehnlich ist es mit der Reklame im engeren Sinne. Diese dient nicht,
wie Rathenau in seiner Schrift ‚„Von kommenden Dingen“ meint,
dazu, dem Konkurrenten Kunden abzujagen, jedenfalls nicht in erster
Linie, sondern dazu, die Kauflust des Publikums anzuregen, also den
Bedarf und damit den Markt zu vergrößern. Außerdem liegt darin
ein Ausporn zur Verbesserung der gegenseitigen Leistungen. Ob die
Reklame durch Zeitungsanzeigen, durch schöne Ausstattung von
Schaufenstern, durch Reisende oder sonstwie geschieht, ist lediglich eine
Kosten⸗ und Zweckmäßigkeitsfrage.
        <pb n="48" />
        Ein dritter Vorwurf gegen den Handel richtet sich gegen die
große Zahl kleiner Ladengeschäfte, aus der man ebenfalls eine un—
nötige Verteuerung der Waren folgert. Aber die Frage, welche
Zahl von Geschäften zur Deckung eines gegebenen Bedarfs nötig ist,
läßt sich von außen gar nicht entscheiden. Maßgebend ist lediglich das
Verhalten der Käufer, bei denen wieder der Wunsch nach Differenzie⸗
rung eine große Rolle spielt. Wer vorhandene Bedürfnisse befriedigt,
füllt eine Lücke aus, wenn scheinbar auch die Nachfrage durch die schon
vorhandenen Geschäfte befriedigt werden kann. Wer das Bedürfnis
nicht befriedigt, geht zu Grunde. Es gibt also nur ein Kriterium für
den Bedarf, das sind die Wünsche, und wenn man so will, die Launen
des Publikums. Es ist also die Psyche der Käufer das hauptsächlich
bestiiimende Moment. Der Handel ist natürlich niemals Selbst—
zweck, er ist dazu da, die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen.
Wird dieser Zweck auf eine neue oder bessere Weise befriedigt, so hat
der Handel in seitheriger Form seine Existenzberechtigung verloren.
Es besteht also die Frage, nicht wie der Handel beseitigt, sondern
wie seine Aufgaben auf andere und bessere Weise gelöst werden könnten.
Fin Versuch dazu ist die Bildung von Konsumovereinen.
Diese sind ein Teil der großen genossenschaftlichen Bewegung, wie sie
durch Schulze-Delitzsch, Raiffeisen und andere Männer ins Leben
gerufen wurden. Die großen Verdienste dieser Bewegung wird kein
anparteischer Beobachter unserer wirtschaftlichen Zustände bestreiten.
Sie liegen namentlich auf dem Gebiete des ländlichen und kleingewerb⸗
lichen Kreditwesens, aber auch der Rohstoff- und Futterbeschaffung,
des Molkereiwesens und ähnlicher Gemeinschaftsbetriebe. Das siud
Aufgaben, die wohl im Tätigkeitsbereich des einzelnen Produzenten
liegen, aber besser in der Gemeinschaft als vom Einzelnen gelöst
werden können.
Was nun die Konsumoereine im besonderen betrifft, so können
sie da am Platze sein, wo ein leistungsfähiger selbständiger Haudels⸗
stand nicht vorhanden ist. Sie treten dann an dessen Stelle und der
Verdienst, der erzielt wird, aber auch die Kosten und das Risiko des
Kaufmanus fallen auf die Mitglieder. Der Konsumvoerein ist also
wirtschaftlich genommen nichts anderes wie jedes kaufmännische Ge—
schäft. Er ist daher auch nur rein kaufmännisch zu werten, mit sozialen
and ethischen Grundsätzen hat er nichts zu tun. Der Erfolg hängt

17
        <pb n="49" />
        davon ab, ob er gitt geleitet wird. Da aber die Leitung entweder ehren⸗
amtlich oder durch bezahlte Angestellte geschieht, so fehlt der Leitung
die Haupttriebfeder des kaufmännischen Lebens, die persönliche Ver—
antwortung und die Aussicht auf den Ertrag des Unternehmens. Der
Nachteil davon zeigt sich in der geringeren Auswahl der Waren und
weniger aufmerksamer Bedienuug, als sie in gutgeleiteten Geschäften
von Einzelunternehmern zu finden sind. Entwickelt sich aber, wie in
größeren Städten, der Konsumverein zu einem Großunternehmen, so
erfordert es auch genau denselben Aufwand an Geschäftsunkosten wie
jedes audere Großunternehmen. Alsdann treten die Genossen hinter
den angestellten Leitern völlig zurück, und wir haben nichts anderes vor
uns als eine Aktiengesellschaft mit zahlreichen kleinen Aktionären, die
auf die Leitung keinen Einfluß haben. Sie sind dann einfach an einem
Geschäft beteiligt und haben für ihren Auteil die Haftung zu über—
nehmen.
Auf einen allgemeinen Nachteil, der aus Konsumvereinen eut⸗
stehen kaun, muß ich noch Hinweisen. Da die Auswahl der Waren
verhältnismäßig gering ist, so decken die Mitglieder bei ihm nur den
Bedarf an Stapelwaren, während sie die übrigen Waren von selb—
ständigen Kaufleuten beziehen. Diese Verteilung des Einkaufs ist un—
wirtschaftlich und führt zu einer Minderung der Leistungsfähigkeit
der selbständigen Geschäfte, weil sie ihnen einen und zwar wichtigen
Teil des Absatzes entzieht und seine Unkosten dadurch relativ ver⸗
größert. Sodann ist vom allgemeinen politischen Standpunkte nicht zu
wünschen, daß der selbständige Mittelstand vermindert wird, wozu
aber die Konsumvereinbewegung beiträgt. Unbeachtet kann auch nicht
bleiben, daß diese sich in der Praxis zu einer wichtigen Stütze der so—
zalistischer Bewegung herausgebildet haben, die vielen ihrer Agitatoren
die materielle Grundlage für ihr politisches Wirken bietet.
Daß die Konsumvoereine keine dem selbständigen Handel wirklich
überlegene Wirtschaftsform darstellen, beweist der Umstand, daß sie
dem Handel wohl örtliche Schwierigkeiten bereiten, ihn aber in keiner
Weise ausschalten konnten. Im Jahre 1920 verfügten die Konsum—
bereine im ganzen über z,3 Millionen Mtitglieder bei einer Gesamtt—
bevölkerung von 60 Millionen und hatten einen Umsatz von z,4 Nil—
liarden Mark, ein Betrag, der, zumal unter Berücksichtigung der im
Jahr 1920 bereits eingetretenen starken Geldentwertung, im Ver—
        <pb n="50" />
        hältnis zu dem gesamten Warenumsatz doch recht gering ist. Dabei
hat sich die Konsumvereinsbewegung mancher Begünstigung von
Staat und Gemeinden zu erfreuen, namentlich in steuerlicher Hinsicht.
Ich halte demnach im ganzen genommen die Konsumvereine in
allen den Fällen, in welchen ein leistungsfähiger selbständiger Handels—
stand vorhanden ist, für eine unerwünschte Erscheinung, ohne daß ich
damit selbstverständlich irgendwie ihrer freien Betätigung Schranken
gesetzt sehen will. Wir haben die Gewerbefreiheit, von der auch sie
Gebrauch machen können, aber die Gewerbefreiheit erfordert auch
gleiche Rechte und Pflichten. Daher sind irgend welche Bevorzugungen
on Staats wegen nicht gerechtfertigt.
Mit dem Handel aufs engste verwandt ist die reine Speku—
lation, der beweglichste Erwerbszweig, weil er keiner festen ge—
schäftlichen Anlagen bedarf. Er zieht seinen Nutzen aus den örtlichen
und zeitlichen Preisunterschieden von Waren und Wertpapieren und
hat als ausgleichender Faktor in der Preisbildung seine volkswirtschaft⸗
liche Berechtigung, ist aber auch eine Gefahr für die Preisbildung.
Da sich indessen die Preise auf den großen Märkten durch Zusammen
treffen zahlreicher Augebote und Nachfragen bilden, so darf die Ge—
fahr nicht überschätzt werden.
Ueber die übrigen von mir genannten Erwerbszweige, die ich bereits
kurz gekennzeichnet habe, kann ich hinweggehen. Was ich gesagt habe
dürfte genügen, um die Bedeutung der einzelnen Erwerbsgruppen zu
kennzeichnen.
        <pb n="51" />
        Dee verschiedenen Eigentümlichkeiten, Voraussetzungen und Er—
fordernisse der einzelien Gruppen des Erwerbslebens habe ich im
letzten Vortrag gekennzeichnet. Ich wende mich jetzt den Grund—
elemtenten zu, die im Erwerbsleben tätig oder wirksam sind, zwar
in ihrer Zusammensetzung verschieden, aber in ihrem Wesen
gleich. Um diese Elemente festzustellen, gehe ich noch einmal kurz die
eittzelnen Erwerbsgruppen durch und führe die ihnen eigentümlichen
Kennzeichen an.
Die Landwirtschaft arbeitet mit Grund und Boden, Ge—
bäuden, Gerätschaften, Maschinen, Saatgut, das Handwerk
mit Werkzeugen und Arbeitsmaterial, der Berg bau mit großen
Förderanlagen und Gebäuden, die Induster ie wiederum mit Grund
und Boden, ferner mit Gebäuden, Maschinen aller Art und Roh—
stoffen, der Handel mit Waren aller Art und Räumen zu ihrer
Unterbringung und Verteilung, das Werkehrsgewerbe mit
Beförderungsmitteln, Motoren und Aulagen, die Banmken haupt⸗
sächlich mit Bargeld und Wertpapieren, das Mietgewerbe mit
Häusern und Wohnungen, die Agenten und Kommissio—
märe haben so gut wie überhaupt keine Gachgüter zu ihrem Ge—
schäftsbetrieb nötig.
Alles was ich hier an Sachwerten zusammengefaßt habe, läßt
sich durch das Wort „Kapit al“ ausdrücken. Zum Kapital gehören
demnach Rohstoffe, wie Erze, Kohlen, Wälder und Waren aller
Art. Kapital ist also teils durch die Natur gegeben, teils von den
Menschen durch Be— und Verarbeitung von Naturprodukten ge⸗
schaffen, d. h. erwirtschaftet und erspart. Eine andere Form der Ka—
pitalbildung gibt es nicht. Aber auch was die Natur bietet, bedarf
einer Erwirtschaftung, um es zu benützen; Kohlen und Erze wollen
gefördert, Holz will geschlagen und zerkleinert, Grund und Boden
wollen bearbeitet oder bebaut werden. Erst durch die auf die Natur
verwandte Arbeit erhalten also ihre Gaben einen wirtschaftlichen
Wert. Die Naturschä tz e als solche sind, seitdem eine staatliche
Macht besteht, nicht mehr frei, sie gehören dem Staate oder einer
320
        <pb n="52" />
        politischen Gemeinschaft. Diese nützen sie entweder selbst aus oder
überlassen sie gegen einen Preis oder einen Mietzins oder gegen irgend
eine andere Gegenleistung einem Privatunternehmer. Wie wenig
Wert heute noch viele Naturschätze haben, dafür gibt es zahlreiche
Beispiele. In Südamerika, wie früher auch allgemein in Nord—
amerika, werden große Bodenflächen umsoust abgegeben, nur gegen
die Verpflichtung, sie in irgend einer Weise unter Kultur zu nehmen
und dem Verkehr zu erschließen. Trotzdem wird man, glaube ich, in
diesen Fällen nicht von einem Geschenk reden können, deun der Boden
muß erst durch den Kolonisten bearbeitet werden. Ist aber ein Gebiet
bereits erschlossen und hat es dadurch Wert erhalten, so muß der Er⸗
werber eines Grundstücks ein Entgelt zahlen und zwar, seitdem Geld
das allgemeine Tausch- und Zahlungsmittel ist, fast stets in Geld.
Damit, daß er die verkehrsübliche Summe Geldes, d. h. den Markt⸗
preis zahlt, hat er den Wert des ihm überlassenen Grundstücks in der⸗
selben Weise abgegolten wie der andere durch seine Verpflichtung zu
einer bestimmten Arbeitsleistung. Beide sind Besitzer des Grundstücks
geworden.
Man hat sich gewöhnt, Geld und Kapital gleichzusetzen.
Das ist ein grober Fehler, den man besonders deutlich in der jetzigen
Zeit der Geldentwertung erkennt. Geld ist nur ein Tauschmittel, das
dadurch öffentliche Anerkennung erhält, daß der Staat es mit seiner
Autorität versieht. Das kann er aber nur, wenn er Autorität, d. h.
Macht besitzt und wenn hinter den Geldzeichen ein tatsächlicher Wert
steckt, d. h. ein Wert, der auch daun bestehen bleibt, wenn der Staat
borübergehend in seiner Macht geschwächt ist und kein Vertrauen
findet. Man hat als bestes Deckungsmittel für die Geldzeichen in den
letzten Jahrzehnten allgemein das Gold anerkannt, weil es einen all—
gemeinen und relativ gleichmäßigen Gebrauchswert in der ganzen
Welt besitzt, leicht aufzubewahren und in seiner Beschaffenheit ziem⸗
lich unveränderlich ist. Dadurch, daß die vom Staat ausgegebenen
Geldzeichen jederzeit in Gold umgetauscht werden können, behalten
auch diese ihren Wert. Heute ist die politische Macht unseres Reiches
auf ein Minimum herabgedrückt, unsere Goldbestände sind bis auf ge⸗
ringe Reste teils von den Feinden geraubt, teils für Lebensmittel mid
Rohstoffe ausgegeben. Das Reich genießt im Auslande kein Vertraueu.
So ist der Wert unserer Geldzeichen gesunken, zuerst im Auslande,

51
        <pb n="53" />
        das unsere Lage am klarsten erkannt hat und auf deutsches Geld nicht
angewiesen ist, sodaun immer mehr auch im Inlande. Das Sinken
wurde um so stärker, je mehr gleichzeitig unsere politische Geltung
zurückging, so daß auch kein Vertrauen zu unserer künftigen wirt—
schaftlichen Entwicklung aufkommen konnte.
Es ist genau so, wie bei einem schlechten Privatschuldner, dessen
Schuldscheine, zum Verkauf augeboten, nicht mehr den Nennwert er⸗
zielen. Geht der schlechte Schuldner infolgedessen dazu über, weitere
Schuldscheine auszustellen, so werden diese immer geringer bewertet,
bis schließlich niemand mehr etwas für sie gibt. Ein ehrlicher Schuld⸗
ner sucht durch äußerste Einschräukung seiner Ausgaben und größte
Arbeitssamkeit seinen Ruf wieder herzustellen, seine Kreditwürdigkeit
wieder zu erlangen. Nur der betrügerische Schuldner handelt so, daß
er weitere Schuldscheine ausstellt in der Hoffnung, sein Leben noch
eine Weile fristen zu können. Man zieht ihn dafür gerichtlich zur
Verantwortung und Zuchthausstrafe steht auf betrügerischem Bank—
rott. Unser Reich hat aber so gehandelt wie dieser betrügerische
Schuldner, es hat statt Ersparnisse zu machen und die Produktion zu
fördern, immer mehr Geldzeichen gedruckt und diese schließlich um
jedes Vertrauen im Inlande und im Auslande gebracht. Im Aus—
laude ist schon seit langem um deutsches Geld rein nichts mehr zu
kaufen. Im Inlande ist das Geld auf einen unendlich kleinen Bruch—
teil seines Nennwertes gesunken und wird nur deshalb anerkaunt,
weil man ein anderes Zahlungsmittel noch nicht gefunden hat. Diese
Entwicklung ist so selbstverständlich und natürlich, daß man sich nur
darüber wundern kann, wie unser gebildetes Volk das nicht versteht
und immer wieder nach den Schuldigen sucht, die das Papiergeld durch
Spekulation entwertet haben. Man macht vielfach die Börse dafür
verautwortlich. Daß an der Börse spekuliert wird, ist natürlich richtig,
leider auch häufig mit unlauteren Absichten und Mlitteln. Durch
Börsenmanöver können indessen wohl Schwankungen nach unten oder
oben hervorgerufen werden, an der allgemeinen Tendenz der Bewer—
tung des Geldes aber können sie nichts ändern.
Wir sehen also, daß das Geld an sich gar kein Kapital ist, son—
dern daß es das wirkliche, echte Kapital gewissermaßen nur nach außen
vertritt. Es hat also auch nur insofern einen Wert, als man echtes
Kapital dafür eintauschen kann. Da nun nicht jeder Geldbesitzer mit

2 *
        <pb n="54" />
        echtem Kapital etwas aufangen kann, so verleiht er das Geld an
solche, die das verstehen, die sich dann mittels des Geldes echtes Kapital
zur Bewirtschaftung, zur Erzielung eines Ertrags erwerben. Der
eine kauft sich davon einen Acker, bebaut ihn und zieht die Früchte
daraus, der andere richtet sich eine Fabrik ein und stellt Waren her,
die er mit Nutzen verkaufen kann. Für den Vorteil, den der Erwerber
des echten Kapitals auf diese Weise aus dem entliehenen Gelde zieht,
gibt er dem Darleiher eine Vergütung, den Zins. Die entliehene
Gelosumme nennt man Leihkapital, die Vergütung dafür Leihzins.
Die Vergütung muß niedriger sein als der aus echtem Kapital durch—
schnittlich zu erzielende Ertrag, denn sonst böte eine Erwerbung des
echten Kapitals keinen Anreiz und das Barkapital würde brachliegen,
würde Brachkapital sein. In die Wirtschaft hineingesteckt, wird das
Barkapital zum sog. „Werbekapital“, d. h. der Wirtschaftler wirbt
mit dem Kapital um Ertrag. Nicht richtig ist der oft gehörte Aus—
druck „werbendes Kapital“, denn das Kapital wirbt nicht, es ist tot,
der Unternehmer wirbt mint dem Kapital, wie er mit anderen Pro—
duktionsfaktoren, auf die ich noch zu sprechen komme, wirbt oder wirt—
schaftet.
Die Höhe des Leihzinses richtet sich im übrigen nach der Sicher—
heit, die der Darlehnsnehmer dem Darleiher bietet. Haftet für das
Darlehen ein Objekt, dessen Wert ziemlich sicher und stetig ist, z. B.
ein Grundstück oder ein Gebäude oder der Staat mit seinen Einkünf—
ten und seiner Steuerhoheit, so ist der Zins niedriger als wenn für die
Sicherheit des Darlehens nur die Person des Darlehensnehmers ein—
steht, wenn also nur dessen erfolgreiche Tätigkeit und Zuverlässigkeit
die Sicherheit verburgt. In diesem Falle richtet sich die Höhe des
Leihzinses also nach dem Maße des Vertrauens, das der Dar—
lehensnehmer genießt. Unsichere Darlehensnehmer müssen höhere
Zinsen geben als sichere, wenn überhaupt jemand ihnen ein Darlehen
überläßt, weil die Gefahr des Verlustes des Leihkapitals bei ihnen
erbeblich größer ist.
Das echte Kapital, also z. B. Grundstücke und Gebäude, braucht
nun nicht immer gekauft, es kann auch leihweise erworben werdett. In
der Laudwirtschaft nennt man das Pacht, bei Gebäuden, Wohnungen
usw. Miete. Die Pacht oder Miete für Ueberlassung von Sachwerten
ist also dasselbe, wie der Leihzius beim Leihkapital, nämlich die Ver—⸗

53
        <pb n="55" />
        gütung für die Ueberlassung des Sachwertes zum Gebrauch oder zur
Bewirtschaftung. Hier richtet sich die Höhe der Vergütung nicht nach
der Sicherheit des Objekts, wie beim Leihkapital, da ja das Objekt
im Besitze des Darleihers verbleibt, sondern nach der Ertragsfähigkeit,
so daß die Pachtsumme oder der Mietzius um so höher ist, je frucht⸗
barer der Boden oder je besser ausgestattet oder je günstiger gelegen
das Gebände ist.
Wir neunen also Kapital alle echten, d. h. wer benden Ver—
mögenswerte, sowohl diejenigen, die die Natur bietet, wie diejenigen,
die der Mensch geschaffen hat, und das Geld ist lediglich ein Tausch—
mittel, mit welchem man solche Werte eintauschen kann.
Zu dem einen Faktor des Wirtschaftens, dem Kapital, zu dem,
wie ich wiederhole, auch Grund und Boden und was sich untter und auf
der Erde befindet, gehört, tritt nun ein zweiter Faktor, die Naturkraft.

Daß man die Natur kraft als einen besonderen Faktor an⸗
sehen muß, erhellt aus folgendem. Grund und Boden kann man in
zweierlei Weise benutzen, man kann Häuser und Fabriken auf ihm
errichten, maan kann ihn aber auch landwirtschaftlich bearbeiten. Im
ersteren Falle ist er eine tote Fläche, wie ein Tisch, auf den man
etwas stellt. Er ist nur Kapital, er hat vermöge der Tatsache, daß
man auf ihm wohnen, auf ihm ein Geschäft betreiben kann, einen
Vermögenswert. Bebaue ich ihn aber landwirtschaftlich, so bringt er
bermöge der in ihm schlummernden Zeugungskraft aus der ihm an—
vertrauten Saat Früchte hervor, die Menschen und Tieren zur Nah—
rung dienen. Mancher Boden hat überhaupt keine zeugende Kraft,
er ist unfruchtbar, tot, kann aber deunoch als Kapital einen sehr hohen
Wert haben. Ich verweise auf den felsigen Boden, auf dem Neuyork
steht, der als totes Kapital den höchsten Wert besitzt, der nur irgend
einem Boden zukommt. Wird ein Boden, der zeugende Kraft besitzt,
zum Bebauen mit Häusern verwendet, so bleibt die zeugende Kraft
ungenutzt, er ist dann ebenfalls lediglich totes Kapital, das aber durch
die Benutzung der Gebäude wirtschaftlichen Wert erhält.
Es gibt nun weiter Böden, die von Natur aus unfruchtbar sind,
die aber durch geeignete Behandlung fruchtbar gemacht werden können.
Das ist z. B. bei trockenem Gandboden der Fall, der nur geringe eder
keine natürlichen Niederschläge erhält. Wird solcher Boden künstlich

—4
        <pb n="56" />
        berieselt, so wird er fruchtbar, d. h. die chemische Wirkung des
Wassers in Verbindung mit der Sonnenbestrahlung macht ihn frucht—
bar. In Aegypten und Kalifornien hat man auf diese Weise weite
Gebiete, die gänzlich unfruchtbar waren, in ungemein ertragsreiche
Ackerflächen verwandelt. Man hat also einem Boden, dem sowohl
jeder Kapitalwert wie jeder natürliche Ertragswert fehlte, durch
Weckung der Naturkraft einen hohen Ertragswert gegeben.
Ich nehme noch ein weiteres Beispiel. Das Meer, die
Seen und Flüsse sind geeignet, Lasten zu tragen. Auf dieser
Eigenschaft des Wassers beruht die Schiffahrt. Das Wasser kann
auch auf andere Weise verwertet werden, zum Trinken, Kochen und
Waschen. Kommt bei einem Gewässer ein Gefälle hinzu, so ent—
steht nach allgemein gültigen physikalischen Gesetzen etwas Neues,
näntlich eine mechanische Kraft. Solche Gefälle kann man unter
gewissen Vorbedingungen auch künstlich hervorrufen und damit starke
Kräfte gewinnen, wie ja gerade in der neuesten Zeit durch Wasser—
gefälle die größten Fortschritte auf dem Gebiete der Krafterzeugung
gemacht worden sind.
Die Bestrahlung uuserer Erde durch die Somne ist die stärkste
Naturkraft, die wir auf der Erde haben, in welcher Form sie sich auch
äußert. Ebenso wirkt die Naturkraft in nuseren Kohlen und in
dem durch sie erzeugten Dampf.
Wir stellen also fest, daß es in der Natur neben den toten
Gegenständen, wie Grund und Boden, Erze, Steine usw., die einen
Kapitalcharakter haben, noch ein zweites gibt, nämlich die Mat u r⸗
kraft, die teils physiologisch in der Zeugungsfähigkeit des land⸗
wirtschaftlich benutzten Ackerbodens, teils physikalisch in der Bestrah⸗
lung durch die Sonne und in dem fallenden Regen und teils mechauisch
in den Wind- und Wasserkräften und in den Dampf⸗, Gas— und
Elektrizitätsmaschinen wirkt. Zu diesen Naturkräften kommt dann
noch als weitere die ierische Muskelkraft. In allen diesen
berschiedenen Formen bildet die Naturkraft also einen besonderen, den
zweiten Wirtschaftsfaktor neben dem Kapital.
Der dritte Faktor in der Wirtschaft ist die mne uschliche
Arbeitskraft, die geistige und die körperliche. Beide fließen
ineinander und sind daher nicht zu trennen. An und für sich ist die rein
körperliche Kraft des Menschen der tierischen oder elementaren Kraft

8
        <pb n="57" />
        gleichzusetzen. Zahlreiche Arbeitsleistungen können ebensogut oder
besser von Tieren oder von Mtaschinen ausgeführt werden als von
Menschen; man denke nur an die ursprünglichen Verrichtungen des
Landbaues, das Pflügen, Säen und Ernten. Zum großen Teil häugt
es nur von dem Stand der Zivilisation und der Technik ab, ob eine
Arbeit von Menschen, Tieren oder Maschinen geleistet wird. Die
Weberei, Spinnerei oder Lastenbeförderung wurden ursprünglich von
Menschenkraft, später durch Tiere, dann durch Mtaschinen ausge—
führt. Auch werden dieselben Arbeiten oft in kleinen Verhältnissen
von Menschen, in größeren von elementarer Kraft geleistet. Die Ein—
führung der Maschinen hat man deshalb vielfach in den Kreisen der
Handarbeiter mit feindseligen Gefühlen angesehen und sich ihr wider—
setzt. Es sei nur an die Kämpfe der Fuhrleute gegen die Einführung
der Eisenbahnen, die der Handweber gegen die Webmaschinen erintiert.
Man fürchtete die Ausschaltung der menschlichen Arbeit aus dem
Arbeitsprozeß und dadurch große Arbeitslosigkeit. Es war das ein sehr
kurzsichtiger Staudpunkt, der seine Ursache in einer vollständigen Ver⸗
kennung wirtschaftlicher Grundbegriffe hatte. Gewiß hat die Maschine
vielfach einzelne Existenzen aus ihrem Gleise geworfen, aber da die
Maschine die Produktion außerordentlich verbilligte, so hat sie auch
eine ungeahnte Steigerung der Nachfrage erzeugt, weil jetzt viel mehr
Mdeuschen in der Lage waren, die Waren zu kaufen. Das hat der
Produktion die stärksten Anregungen gegeben. Außerdem hat die Her—
stellung der Maschinen zahlreichen Arbeitskräften ein neues und hoch—
wertiges Betätigungsfeld erschlossen.
Die menschliche Arbeitskraft ist dennoch auf jeden Fall als
besonderer Wirtschaftsfaktor zu werten, weil sie von der denn Meenschen
allein eigentümlichen Vernunft ihren Autrieb erhält und weil der
Mensch auch da, wo er rein als mechanische Kraft wirkt, doch immer
zugleich als Subjekt, um deswillen gewirtschaftet wird, betrachtet
werden muß.
Die menschliche Arbeitskraft ist aber von sehr verschiedener Art.
Es gibt Arbeiten, die von jedem Menschen mit gesunden Sinnen aus—
geführt werden können und solche, die eine fachliche Vorbildung und
besondere geistige Fähigkeiten erfordern. Die Mannigfaltigkeit ist ge⸗
rade durch die Technik außerordentlich gefördert worden, so daß es
zwischen den einfachsten Arbeiten und den kompliziertesten eine unend⸗

74
        <pb n="58" />
        liche Stufenfolge gibt. Selbst bei den Handarbeitern bestehen schon
große Unterschiede, wenn man z. B. die Tätigkeit eines Taglöhners
mit der eines Nechanikers oder eines Werkführers vergleicht. Noch
größer werden die Unterschiede, wenn man der Tätigkeit eines Tag⸗
löhners die wissenschaftlichen Leistungen eines Ingenieurs oder Che—
mikers gegenüberstellt. Ihrem Grade nach sind also die wirtschaftlichen
Tätigkeiten sehr verschieden, ihrem Wesen nach gehören sie aber sämt⸗
lich unter den Begriff der menschlichen Arbeitskraft, als eines be—
sonderen, des dritten Faktors in der Welt der Wirtschaft.
Die drei bisher genannten Wirtschaftsfaktoren: Kapital, Natur—
kraft und menschliche Arbeitskraft sind aber bei all ihrer Bedeutung
doch nur Wirtschafts mitttel und bringen das Wirtschaften selbst
nicht zuwege. Das Wirtschaften besteht, wie ich früher sagte, in der Er—
zielung eines Ertrags durch Anwendung von Wirtschaftsmitteln. Es
gibt nun unendlich viele Möglichkeiten, gegebene Wirtschaftsmittel
— D
nehmen, kaun dafür ein Gebäude und einen Hochofen errichten, In—
genieure und Arbeiter anstellen, Erze und Kohlen beschaffen und das
damit produzierte Roheisen verkaufen. Bei dem Verkauf aber mache ich
oft die Erfahrung, daß ich für das Produkt, in Geld ausgedrückt, nicht
soviel bekomme, als ich, ebenfalls in Geld ausgedrückt, in den Prozeß
hineingesteckt habe. Das kann daran liegen, daß ich entweder durch
— DDDD
wendung der Arbeitskräfte, durch zu teueren Einkauf der Materialien
oder durch falsche technische Maßnahmen zuviel Kosten aufgewendet
habe, oder daß das Erzeugnis nicht von der Beschaffenheit ist, daß
es den nach den aufgewandten Kosten erforderlichen Preis erzielt.
In solchem Falle ist der ganze Zweck der Prodnktion verfehlt, die
ganze Arbeit ist vergeblich gewesen, obgleich die Produktiousmittel,
jedes für sich genommen, durchaus brauchbar gewesen sind.
Es komtmt also in der Wirtschaft nicht sowohl darauf an, daß
produziert wird, sondern daß wirt schaft lich produziert, d. h.
ein Ertrag erzielt wird. Der Ertrag muß erheblich höher sein, als das
Kapital, die Natur- und Meunschenkraft, die auf die Arbett verwendet
wurde, wenn man sie auf einen gleichen Nenner, nämlich den Geidwert
 bringt. Selbstverständlich muß man bei dieser Rechnung richtig
verfahren, muß also beispielsweise außer dem Entgelt für verarbeitetes

57
        <pb n="59" />
        Matcerial und für Löhne und Gehälter die Abnutzung von —E
tungen und Maschinen, die notwendigen Erneuerungskosten, Ka—
vitalzinsen, Steuern und sonstige Abgaben anteilmäßig hinzurechnen.
Es kaun aber der Fall sein, daß noch so sparsam und gitt gewirt⸗
schaftet und doch kein Erfolg erzielt wird, wenn nämlich für das Er—
zeugnis keine günstige Marktlage vorhanden ist. Dies hängt von sehr
verschiedenen Dingen ab, von der Zahlungsfähigkeit der Käufer, von
der Mode oder, wie man es allgemein auszudrücken pflegt, von der
Konjunktur. Der Ertrag entsteht also aus dem Unterschied zwischen
Herstellungskosten und Marktpreis. Je größer der Alnterschied ist,
um so höher ist der Ertrag. Anders ausgedrückt: der Ertrag hängt von
zwei Dingen ab, von dem Verhältnis von Angebot zur Nachfrage
und von den GSelbstkosten. Die Konjunkturen lassen sich nicht genau
berechnen, sie können nur geahnt werden, wobei langjährige Erfah—
rungen von Nutzen sind. Man muß es inm Gefühl haben, welche
Ware Aussicht hat, mit Vorteil hergestellt und verkauft zu werden, und
man muß die Technik so beherrschen, daß man die Ware zu dem Preise
herstellen kaun, der genügend niedrig ist, um sie abzusetzen. Man muß
außerdem auch wissen, wie man den Absatz in die richtigen Wege leitet.
Daß diese Punkte von ausschlaggebender Bedeutung und nicht
nur theoretischer Natur sind, das läßt sich aus einfachen Tatsachen
erkennen. Ich führe zunächst an, daß nach der amtlichen Reichsstatistik
vor dem Kriege, also in der für uns güustigsten Zeit, jährlich rund
10 o00 Unternehmungen derart zahlungsunfähig wurden, daß sie den
Konkurs anmelden, sich also unter Zwangsverwaltung stellen mußten.
Das beweist, daß viele Unternehmungen ihren Zweck, die Ertrags—
erzielung, nicht erreichten und deshalb zu arbeiten aufhören mußten.
Was an Kapital, Natur- und Menschenkraft in solche Unterneh⸗
mungen hiteingesteckt war, ging ganz oder teilweise verloren und dieser
Verlust traf nicht nur den Wirtschafter, diesen allerdings in erster
Linie, sondern auch die Gläubiger und die ganze Volkswirtschaft.
Dabei sind in der Statistik nicht einbegriffen solche Unternehmen, die
es vorzogen, rechtzeitig vor Eintritt der Zahlungsunfähigkeit den Be⸗—
trieb einzustellen oder, wie bei Aktien⸗Gesellschaften, ihre Aktien zu⸗
sammenzulegen.
Einen weiteren Beweis liefern unsere Staatsbetriebe, die mit
Privatbetrieben in Wettbewerb stehen, bei denen also nicht wie bei den

X
        <pb n="60" />
        Monopolbetrieben der Eisenbahn und der Post einfach durch Erhöhung
der Benutzungsgebühren ein Fehlbetrag ausgeglichen werden kann.
Nehmen wir den preußischen Berg ban, der gewiß gut organisiert
ist. In ihm waren und sind tüchtige Kräfte tätig: als kaufmännische
Beaute, als technische Beamte und als Arbeiter. Die höheren und
mittleren Beamten sind gründlich vorgebildet und haben Prüfungen ab—
gelegt. An ausreichenden Betriebsmitteln fehlt es auch nicht. Und den—
noch warfen diese Betriebe schon vor dem Kriege entweder gar keine oder
nur eine so kümmerliche Rente ab, daß die gewöhuliche Verzinsung
des aufgewandten Kapitals nicht dabei herauskam. Dabei verdienten
Beamte und Arbeiter weniger als in der Privatindustrie, die Bedie—
nung der Abnehmer war meist schlechter als dort.
In der Privatindustrie waren keine besseren Arbeitskräfte tätig
als im Staatsbetrieb, die Arbeiter und Angestellten waren die gleichen,
viele von ihnen hatten nicht einmal dieselbe Vorbildung wie diejenigen
in den Staatsbetrieben. Dabei wurden aber gute Erträge erzielt bei
besserer Bezahlung der Arbeiter und Augestellten und bei besserer Be—
dienung der Kundschaft. Aus dem Kriege und aus der Revolutionszeit
sind die Privatbetriebe verhältnismäßig gesichert hervorgegangen, die
Staatsbetriebe aber verfielen nun völlig einer Defizitwirtschaft, selbst
die Monopolbetriebe der Eisenbahn und Post. Diese haben sich vor
dem Krieg in ihrer Art gut bewährt, aber nicht indem sie einen guten
Ertrag abwarfen, sondern indem sie den öffentlichen Interessen, denen
sie zu dienen hatten, gerecht geworden sind. In diesen Betrieben trat
aber auch die eigentliche kaufmännische Tätigkeit hinter der verwal—
tenden Tätigkeit zurück. Sie waren trotzdem nicht in der Lage, sich in
der Inflationszeit so rasch den veränderten Verhältnissen anzupassen,
daß ihre Einnahmen einigernnaßen mit den Ausgaben Schritt halten
bonnten.

Woran liegt es nun, daß die Staatsbetriebe wirtschaftlich so
schlecht abschneiden, die Privatbetriebe aber im großen und ganzen
gut? Es liegt daran, daß, wie ich früher schon andentete, in den Pri—
batbetrieben gewirtschaftet, in den Staatsbetrieben aber ve r—
waltet wird. Verwalten ist eine Tätigkeit nach vorgeschriebenen
Regeln mit Beobachtung von Instanzen. Wirtschaften aber ist ein
—DD
sich ergebenden Entschlüssen. Hierbei gehen die Unternehmer, die den

80
        <pb n="61" />
        Erfordernissen ihrer Lage nicht entsprechen, zugrunde, die leistungs
fähigen aber kommen in die Höhe.
Wirtschaften ist hiernach eine von der Verwaltungsarbeit ganz
verschiedene Art des Denkens und Handelus. Es ist die Tätigkeit, aus
einer großen Zahl von gegebenen Möglichkeiten Kapital, Natur- und
Menschenkraft so zu kombinieren und so zu leiten, daß das Unter—
nehmen zu einem wirtschaftlichen Erfolg, d. h. zu einem Ertrag führt.
Diese Fähigkeit nennt man den ertragswirtschaftlichen
eder kaufmännischen Geist. Er ist kein Faktor neben den
drei bereits genannten Wirtschaftsfaktoren, sondern er ist der ihnen
übergeorduetevierte Faktor, er bedient sich der anderen
als Mittel, um den Zweck des Wirtschaftens zu erreichen.
Aber auch damit sind wir nicht am Ende unserer Untersuchung.
Der kaufmännische oder ertragswirtschaftliche Geist ist gewissermaßen
nur das ordnende und leitende Prinzip in der Wirtschaft. Er wählt
die Kombinationen aus, die zum Ertrag führen, aber er ist es nicht, der
das Wirtschaften veranlaßt und in Bewegung hält. Es muß eine
treibende Kraft, ein Motor vorhanden sein, eine Kraft, die sagt:
„Dies will ich und dies tue ich. Ich übernehme die Verantwortang
mit meiner Person und mit meinem Vermögen dafür, daß das Wirt⸗
schaften zum Erfolge führt.“ Es muß also ein Wille und Wage—
mut vorhanden sein, ein etwas, das man kurz mit Unterneh⸗—
mungsgeist und Umternehmungswille bezeichnen kann.
Dieser Unternehmungsgeist und Wille ruft das Unternehmen ins
Leben und erhält es am Leben.
Es gehören gewiß zu jedem Unternehmen organisatorische, kauf—
mäumische und technische Kenntuisse und Fähigkeiten, aber alles das ist
im wirtschaftlichen Sinne nur Handwerkszeug und Mdittel. Das Ent⸗
scheidende und Kennzeichnende am Unternehmen sind nicht diese Kennt⸗
nisse und Fähigkeiten, sondern der Wille und die Tat, der Wille zu
unternehmen und die Tat der Ausführung.
Um ein Bild zu gebrauchen: der Umternehmungsgeist
und Wille ist das Herzdes Wirtschaftskörpers,
das das Blut, nämlich das Kapital, durch den Wirtschaftskörper
treibt, und zugleich der Kopf, der die Glieder, das sind die im Dieuste
des Unternehmens stehenden Kräfte, in Bewegung setzt. Steht das

—X
        <pb n="62" />
        Herz still, dann ist der Körper tot, das Blut hört auf zu fließen, die
Glieder sterben ab.
Unternehmungsgeist und -wille und kaufmänmischer Geist sind
in der Regel in derselben Person vereinigt. Sie können aber
auch durch verschiedene Personen dargestellt sein. In großen
Unternehmungen muß kaufmännischer Geist in allen leitenden
Persönlichkeiten vorhanden sein, man kann also Personen mit ertrags⸗
wirtschaftlichem oder kaufmännischem Geist austellen. Aber der
Unternehmerwille und die Unternehmerverautwortung können nicht
übertragen werden. Sie sind etwas Unteilbares. Sind mehrere Per—
sonen Unternehmer einer Unternehmung, so müssen sie solidarisch ein—
stehen wie die Gesellschafter einer G. m. b. H. oder die Aktionäre
einer Aktiengesellschaft. Dagegen braucht Kapital weder mit dem
Unternehmerwillen noch mit dem kaufmännischen Geist verbunden zu
sein und es ist deshalb ein großer Irrtum, wenn man, Unternehmer“
und „Kapitalist“ als identisch behandelt. Viele unserer kleinen und
großen Unternehmer haben ohne jedes Kapital ihr Unternehmen be⸗
gonnen. Sie haben durch ihre Person, ihre Fähigkeiten und Keuntnisse
das Vertrauen von Kapitalisten erworben und erhielten von diesen Ka⸗
pital geliehen. Sie haben es dann durch erfolgreiches Wirtschaften
fertiggebracht, sich selbst Kapital zu erwerben und haben mit diesem
selbstgeschaffenen Kapital dann ihr Unternehmen weiter entwickelt.
Ich fasse zusammen: Die Wirtschaftsmittel, mit denen gewirt⸗
schaftet wird, sind Kapital, Naturkraft und Menschenkraft. Die
treibenden Kräfte des Wirtschaftslebens aber, die das Wirtschaften
zuwege bringen, sind der Unternehmungsgeist, dargestellt durch den
Willen, zu unternehmen und die damit verbundene Verantwortung
zu tragen, und der kaufmännische oder ertragswirtschaftliche Geist, der
den Willen des Unternehmers erfolgreich durchführt.
Welche Folgen sich daraus ergeben, werden wir demmächst zu
untersuchen haben.

7
        <pb n="63" />
        Ich habe in der letzten Vorlesung die Wirtschaftsfaktoren ent—
wickelt, wie sie sich in der Praxis des Wirtschaftslebens darstellen;
es sind Kapital, Naturkraft und menschliche Arbeitskraft als
Mittel, mit denen gewirtschaftet wird, also die Objekte und Werk⸗
zeuge des Wirtschaftens und ferner der ertragswirtschaftliche und der
Unternehmungsgeist, durch deren Willen und unter deren Leitung sich
das Wirtschaften vollzieht. Die Einteilung weicht wesentlich von der
in der nationalökonomischen Wissenschaft üblichen Einteilung: Natur,
Kapital und Arbeit ab, die deshalb uuzulänglich ist, weil sie die Na—
turkraft nicht von der Natur als Kapital treunt, weil sie ferner den
Kapitalbegriff zu eng faßt und weil sie keine grundsätzliche Unter⸗
scheidung zwischen den Wirtschaftsobjekten und den Wirtschafts⸗
subjekten trifft.
Die Wirtschaftssubjekte sind, wie erwähnt, der Unternehmungs⸗
geist und der ertragswirtschaftliche oder kaufmännische Geist. Beim
Bauer, Handwerker, kleinen Geschäftsmann, sind beide Faktoren ver⸗
einigt Wer Unternehmer ist, ist zugleich auch kaufmännischer Leiter
uud fast immer arbeitet der Uuternehmer und Leiter in diesen kleinen
Verhältnissen auch peisonlich im Betriebe mit, stellt also außerdem
die Arbeitskraft oder einen Teil von ihr selbst zur Verfügung. Je
größer ein Betrieb wird, um so mehr tritt die Trennung der verschie⸗
denen Tätigkeiten in die Erscheinung. Immerhin ist in den meisten
Betrieben der Unternehmer in der Hauptsache auch der Träger des
ertragswirtschaftlichen Geistes; wenn auch daneben Angestellte einen
Teil der leitenden Tätigkeit ausüben, so ist er doch der oberste Leiter
und der eigentliche Verantwortungsträger.
Anders verhält es sich bei der Gefsellschaft, insbesondere
bei der für die Wirtschaft wichtigsten Form, der Abtien gesell—
schaft. Die Aktiengesellschaft ist eine Gesellschaftsform, deren be—
sondere Kennzeichen darin bestehen, daß die Unternehmer, die Aktio—
näre, nur mit bestimmten, meist in gleiche Teile zerlegten Anteilen an
dem Unternehmen beteiligt sind und diese Anteile jederzeit veräußera,
d. h. auf andere Personen übertragen können. GSie setzen bei dem Un—
        <pb n="64" />
        ternehmen nur ihre Anteile, nicht mehr, aufs Spiel. Hat das Luter⸗
nehmen Erfolg, so erhalten sie nach dem Verhältnis ihrer Anteile den
Ertrag; mißglückt das Unternehmen, so gehen sie leer aus oder ver—
lieren sogar ihr auteiliges Vermögen. Darin nun, daß die Abtien den
Besitzer beliebig wechseln können, und daß die einzelnen Aktionäre
keine eigentliche Unternehmertätigkeit ausüben, erblickt man den we—
sentlichen Unterschied gegenüber anderen Privatunternehmungen. Das
ist aber ein Irrtum. Allerdings leisten die einzelnen Aktionäre nicht
eine Unternehmertätigkeit, aber sie lassen sie leisten durch einen aus
ihrer Mritte gewählten engeren Kreis, den Aufsichtsrat, der in der
Hauptsache aus Aktionären der Gesellschaft besteht, der für die ge—
ordnete und gewissenhafte Geschäftsführung verantwortlich ist und der
gegebenfalls auch strafrechtlich belaugt werden kann. Der Aufsichtsrat
setzt seinerseits einen Vorstand ein, der nach seinen Anweisungen und
unter seiner Kontrolle den Betrieb zu leiten hat. Die Gesamtheit der
Aktionäre, das ist die Generalversammlung, erhält über die Geschäfts⸗
führung alljährlich Rechenschaft und hat in wichtigen Fragen auch
selbst zu entscheiden.
In dieser Organisation liegt zweifellos eine gewisse Abschwächung
 der Unternehmer-Verautwortlichkeit durch Verteilung der Ver—
autwortung auf verschiedene Stellen und deshalb die Gefahr einer
Schädigung der Gesellschaftsinteressen. Die Gesetzgebung hat daher
besondere Sicherheitsmaßnahmen getroffen, die darin bestehen, daß die
Gründung der Gesellschaft einer besonderen Prüfung durch unbeteiligte
Sachverständige zu unterwerfen, der Prüfungsbericht zur Einsicht⸗
nahme offenzulegen und die Bilanz alljährlich zu veröffentlichen ist.
Vielfach besteht unn die Meinung, daß, da die Aktien auf Geld—
beträge lauten und ihren Inhaber jederzeit wechseln können, bei einer
Aktiengesellschaft überhaupt nicht von einem persönlichen Unterneh⸗
mertum gesprochen werden könne, daß gewissermaßen also das unper⸗
sönliche Kapital in diesem Fall der Unternehmer ist. Auch in der
Literatur findet sich diese Auffassung stark vertreten. Professor Wie—
denfeld in seinem Buch,„Das Persönliche im moderuen Unter—
nehmertum“ behaudelt den Aktionär nur als Kapitalisten und
stellt ihm den Aufsichtsrat und die Direktion als Unternehmer
gegenüber. Professor Ernst Horneffer in seinem Buch „Die große
Wunde“ macht überhaupt keinen Unterschied zwischen Unternehmer

32
        <pb n="65" />
        und Kapitalist, er spricht immer von dem Kapitalisten, auch wo er den
Unternehmer meint. Professor Liefmann in seinem Buch „Die
Unternehmungsformen“ wird zwar im allgemeinen den praktischen
Verhältnissen gerecht, zieht aber nach meinem Empfinden eine zu scharfe
Grenzlinie zwischen „Personal“ und „Kapital“-Gesellschaften. Eine
scharfe Grenzlinie zwischen diesen Formen der Gesellschaft zu ziehen,
ist aber heute noch weniger berechtigt als früher, denn die Wahl der
Gesellschaftsform ist etwas, was heute mit dem inneren Wesen und
Zweck des Unternehmens kaum noch etwas zut tun hat. Die Frage,
ob ein Unternehmen die Form einer offenen Handelsgesellschaft, einer
G. m. b. H. oder einer Aktiengesellschaft erhält, wird heute meist nach
den praktischen Gesichtspunkten der Kreditbeschaffung, der Besteue—
rung, der Erbteilung usw. entschieden. Und diese Gesichtspunkte haben
neuerdings zu einer starken Bevorzugung der Aktiengesellschaften ge—
führt; ob mit Recht oder Unrecht, das lasse ich dahingestellt.
Die Aktiengesellschaft hat aber heute ebenso ihre persönliche Spitze
wie jede andere Gesellschaftsform. Unternehmer ist bei ihr, wie Lief⸗
mann richtig hervorhebt, die Gesamtheit der Aktionäre. Unter ihnen
gibt es viele, die den Besitz der Aktien als eine reine Geldanlage betrach—
ten. Sie legen ihr Geld ebenso in Aktien, wie andere in einer Spar—
kasse oder einer Bank au. Wenn sie anf diese Weise das Risiko eines
Teilunternehmers auf sich nehmen und sich doch nicht um das Unter⸗
nehmen und seine Leitung kümmern, so ist das ihre Privatsache. Viele
haben diese ihre Sorglosigkeit mit dem Verlust ihrer Aktien büßen
müssen oder mit langjähriger Ertraglosigkeit des in den Aktien an—
gelegten Vermögens und mit deren Wertverminderung. Mit Recht
sind deshalb auch Aktien als nicht mündelsichere Papiere erklärt, wo—
kei man allerdings von dem durch die Inflation herbeigeführten Aus—
nahmezustand der Wertlosigkeit auch von mündelsicheren Papieren ab⸗
sehen muß. Aus gleichem Grunde hat die deutsche Gesetzgebung bisher
die Mindesthöhe der Aktien auf einen verhältnismäßig hohen Betrag
festgesetzt, um kleine Leute vor der Versuchung, ihre Ersparnisse in
unsicheren Werten anzulegen, zu bewahren. Dieser Zweck ist zwar
nicht voll, aber doch zum großen Teil erreicht worden. Wenn heute
eine lebhafte Werbung für Einführung sogenannter kleiner Aktien
im Wertbetrage von 100 Meark oder gar 20 Moark betrieben wird,
so beruht dies auf der durch die augenblickliche Scheinkonfunktur her—
        <pb n="66" />
        vorgerufenen Vorstellung von der großen Ergiebigkeit der Aktien, die
man deshalb auch dem kleinen Mtann, insbesondere dem Arbeiter,
zuwenden will. Wenn man dem nachgibt, so soll man sich aber doch
darüber klar sein, daß man den kleinen Sparer damit auch den vollen
Gefahren des Konjunkturumschwungs aussetzt.
Die Gesamtheit der Aktionäre einer Gesellschaft bildet, um auf
das Persönliche zurückzukommen, nun keineswegs, wie man häufig an—
nimmt, eine unorganisierte anonyme Meenge von zufälligen Einzel—
besitzern. Der Regelfall ist vielmehr der, daß wenige einander bekannte
Personen eine Aktiengesellschaft gründen, indem sie ein Unternehmen
nen ins Leben rufen oder ein bereits unter anderer Form bestehendes
Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umwandeln. Sie besitzen die
große Mehrheit der Aktien, wählen daher auch aus sich einen Auf—
sichtsrat und repräsentieren damit den Unternehmerwillen und die
Unternehmer-Verantwortung. Der Aufsichtsrat bestellt den Vor—
stand, die Direktoren, übt aber auch wichtige Leitungsbefugnisse aus.
Der Vorstand hat sich nach den Weisungen des Aufsichtsrats zu
richten, er kann entlassen werden, wenn seine Leistungen nicht befrie—
digen. Der Vorstand ist allerdings nach dem Gesetz allein der Ver—
treter der Gesellschaft, seine Stellung ragt daher über die anderer
Angestellten weit hinaus. Auch ist die Einstellung der übrigen Angestellten
 seine Sache, soweit der Aufsichtsrat sich nicht etwas Besouderes
vorbehalten hat. Der Aufsichtsrat und der Vorstand sind also ganz
bestimmte Personen, die nach Maßgabe des Gesetzes ind der Satzungen
 die Leitung des Unternehmens ausüben. Wer im Einzelfalle den
größten Einfluß ausübt, ist eine Frage der Persönlichkeit.
Ziehen wir den Vergleich mit einer offenen Handelsgesellschaft,
so ist bei ihr wohl in der Regel Unternehmergeist und kaufmännische
Leitung in denselben Personen vereinigt. Aber dies ist keineswegs un⸗
bedingt nötig. Eine solche Gesellschaft kann auch Teilhaber besitzen, die
keinen Einfluß auf die Leitung haben oder nur bei wichtigen Ent⸗
scheidungen mitwirken. Es sind das sogenaunnte stille Gesellschafter,
deren Stellung nicht wesentlich anders ist als die der großen Mdasse
der Aktionäre. Das Unternehmen einer offenen Handelsgesellschaft
kann auch veräußert werden, es können auch neue Teilhaber aufge—
nommen, alte ausgeschieden werden. Der Unterschied gegen die Aktien⸗
gesellschaft ist nur der, daß der Besitzwechsel schwieriger, meist an die

65
        <pb n="67" />
        Zustimmung anderer Gesellschafter gebunden ist, während bei der Ak—
tiengesellschaft die Veräußerung in der Stille durch Au- und Verkanf
von Aktien auf der Börse oder im freien Verkehr geschehen kanu. Um
aber durch Ankauf von Aktien einen wirklich maßgebenden Einfluß
auf das Unternehmen zu bekommen, muß schon die Mehrheit der
Aktien erworben werden. Das ist nicht möglich, wenn, wie namentlich
bei Familiengründungen, die Aktienmehrheit in festen Händen ist und
so ist also auch in dieser Hinsicht der Unterschied zwischen beiden Ge—
sellschaftsformen nicht so sehr wesentlich.
Was die Rolle des Barkapitals betrifft, so ist bei beiden Formen
das Bedürfnis vorhanden, neben dem festliegenden auch Barkapi—
tal zu besitzen, entweder als Eigentum oder als Leihkapital. Das
letztere kann entweder von Banken oder von Privatpersonen stammen.
Es kann bei Aktiengesellschaften die Form von festgestückelten Schuld—
verschreibungen (Obligationen) haben, was bei offenen Handelsgesell—
schafter kaum vorkommt, und diese können wieder frei gehandelt
werden wie die Aktien. Dann haben sie einen Börsenkurs bei fester
Verzinsung und Sicherheit für die Rückzahlung, solange noch Ver—
mögen vorhanden ist. Das sind Mröglichkeiten, die für die Praxis von
Bedeutung, aber für die Gesellschaftsform doch nicht wesentlich sind.
Hiermit will ich diese Darlegung abschließen, die nur zeigen sollte,
daß in der ganzen Erwerbswirtschaft grundsätzliche Unterschiede hin—
sichtlich des Wesens und der Leitung der Wirtschaft nicht bestehen.
Ich komme nun zu den Bedingungen, unter denen die au
der Wirtschaft beteiligten Faktoren wirksam sind.
Zunächst der Umter nehmer. Wer Unternehmer ist, das
folgt aus meinen früheren Darlegungen. Es ist derjenige, der den
Willen zum Unternehmen besitzt und der bereit ist, seine Person und
sein Vermögen für das Unternehmen einzusetzen. Faßt man den Be—
griff in diesem weiten Sinn, so ist Unternehmer auch der Bauer, der
Handwerker, ja auch der Dienstmann neben dem größten Fabrik—
besitzer und Handelsherrn. Es gibt zwischen ihnen nur gradweise, aber
keine grundsätzlichen Unterschiede. Liefmann will nur den Be—
sitzer und Leiter eines „größeren Betriebs“ als Unternehmer gelten
lassen. Er erblickt das Kennzeichen der Unternehmung einmal in dem
Risiko, das mit ihm verbunden ist und zweitens in der Kapitalrech—
nung, d. h. in der Beziehung des Ertrags auf ein bestimmtes in das
        <pb n="68" />
        Unternehmen versenktes Kapital. Risiko ist aber mit jedem Unter—
nehmen verbunden, und ob der Ertrag mit dem ins Unteruehmen
hineingesteckten Kapital in Beziehung gesetzt wird, ist eine äußerliche
Frage der Geschäftsbetrachtung. Entscheidend kann nur sein die ei gue
Verantwortumg für das Ergebnis des Wirtschaftens. In die—
sem Sinne ist auch der Dieustmann ein Unternehmer, der nur mit der
eignen Arbeitskraft wirtschaftet, der Haudwerker, der außer seiner
eignen Arbeitskraft auch ein in Werkstatt und Einrichtung steckendes
kleines Kapital bewirtschaftet, der Bauer, der außerdem das Risiko
der Witterung trägt, der Kaufmann, bei dem ferner das Verderben
von Waren und ihre Wertveränderungen eine Rolle spielt, endlich
der Industrielle, der ein mehr oder weniger großes Vermögen an Be—
triebsanlagen aufs Spiel setzt und sowohl von dem technischen Ge⸗
lingen seiner Erzeugnisse wie von dem lohnenden Absatz derselben ab⸗
hängig ist. Allen diesen ist gemeinsam, daß sie sich mit ihrer Person
für eine auf Ertrag gestellte Aufgabe einsetzen und sowohl die aufge—
wandten Ndühen und Kosten wie auch das verwendete Kapital ris⸗
kieren. Jeder Unternehmer muß in höherem oder geringerem Grad
gewisse betriebstechnische Fähigkeiten besitzen, die von folgender Art
sind: er muß den Beruf erkennen, er muß die ihm zur Verfügung
stehenden Wirtschaftsmittel richtig nutzen, er muß den Erzeugerpreis
unter dem Verkaufspreis halten, er mnuß die für das Unternehmen
erforderliche Naturkraft beherrschen, er muß alle Wirtschaftsfaktoren
zu zweckvoller Arbeit vereinigen und er muß die Absatzwege kennen
und richtig benutzen.
Das Risiko der Unternehmung ist um so geringer, je einfacher
Produktions- und Absatzverhältnisse liegen, d. h. je sicherer der Unter⸗
nehmer auf den Absatz seiner Ware rechnen kann und je weniger
abhängig die Erzeugung von unvorhersehbaren Umständen ist. Die
kaufmännischen und technischen Anforderungen an die Wirtschaftsführung
 waren allgemein gering, solange nur Haudkraft verwendet
wurde. Dies ist heute noch in der Bauernwirtschaft, im Handwerk
und bei kleinen Haudelsgeschäften der Fall. Eine Unwälzung vollzog
sich durch die Indienstnahme der Naturkraft mittels der Dampf—
maschine. Es erfolgte damit eine ungeheure Verbilligung und Ver⸗
besserung der Leistungen, als Folge davon eine gewaltige Zunahme
der Nachfrage und Steigerung der gesamten Gütererzeugung, eine

67
        <pb n="69" />
        starke Verschiebung aber auch in der Struktur der Unternehmungen
und der ganzen Gestaltung unserer Volkswirtschaft durch das Arbeiten
auf Vorrat. Der menschliche Unternehmungsgeist schuf neue, früher
nicht gekannte Bedürfnisse. Großunternehmer boten Tausenden von Ar⸗
beitskräften Gelegenheit zu neuartiger Betätigung. Die Arbeitsteilung
löste die einzelnen Berufe in eine Vielzahl von Tätigkeiten auf. Das
führte einerseits zu einer gewissen Einseitigkeit, andererseits aber auch
zu einer Fülle neuer Entwicklungsmöglichkeiten. Die treibende Kraft
für die Durchsetzung der ganzen Volkswirtschaft mit den Errungen—
— DDDDDDD
ternehmertum. Professor Ernst Horneffer nennt die Unternehmer
daher treffend die „verkörperte Willenskraft der Volkswirtschaft“.
Und wenn wir nach dem Umsturz und Zusammenbruch von 1918 nicht
das tateufrohe, elastische Unternehmertum gehabt hätten, so wäre mit
der Politik auch die Wirtschaft zusammengebrochen.
Bedeutungsvoll ist es, daß die großen Unternehmernaturen sehr
häufig aus den kleinsten Verhältnissen hervorgegangen sind und her—
vorgehen, aus dem Arbeiter⸗ und aus dem Handwerkerstand. Das wird
von den Sozialisten verschwiegen, weil es nicht in ihre Irrlehre vom
unversöhnlichen Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit paßt. Aller—
dings sind große Unternehmernaturen selten, wie große Männer auf
allen Gebieten, aber diese wenigen wirken vorbildlich und geben der
ganzen Wirtschaft neue Impulse. Es ist daher nichts widersinniger
als das Wüten großer Teile der sozialistischen Führer gegen der—
artige Männer.
Was veranlaßt nun den Unternehtner zu seiner Unternehmung?
Wir haben gesehen, daß der Unternehmer sein Vermögen und seine
Existenz aufs Spiel setzt, daß er also eine Sorge auf sich nimmt, die
ihn nie verläßt, ob er sich innerhalb oder außerhalb seines Betriebs
befindet. Er genießt daher auch keine Beschränkung seiner Arbeitszeit.
Es müssen starke Antriebe vorhanden sein, die ihn zum Unternehmen
veranlassen, trotz dieser Schattenseiten des Unternehmerdaseins. Diese
Triebe sind einmal die Freude am selbständigen, freien, selbstverant⸗
wortlichen Schaffen, der Drang nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit
und Freiheit von fremder Bevormundung und das Streben nach Ge⸗—
winn. Die Freude und der Drang zum freien, verantwortlichen Schaf—
fen sind leider nicht weit verbreitet, bei uns in Deutschland haben sie

38
        <pb n="70" />
        insbesondere in den letzten Jahrzehnten augenscheinlich stark abgenom
men, namentlich als Folge einer Gesetzgebung, die durch Eingriffe in
die Wirtschaft sowie durch ihre steuerliche und soziale Belastungen
das freie Schaffen außerordentlich erschwert hat.
Die Freiheit, Unternehmer zu werden, hat ja jeder Staatsbürger,
aber die meisten ziehen die weniger verantwortliche Laufbahn eines
Arbeiters, Angestellten oder Beamten vor. Der Fall ist auch sehr
häufig, daß der freie Handwerker seine Selbständigkeit aufgibt und in
eine Fabrik geht, wo er die Sorgen des Unternehmers mit einer ge—
regelten, mit festen Bezügen verbundenen abhängigen Stellung, die
ihm und seinen Hinterbliebenen außerdem dank staatlicher Gesetzgebung
 für den Fall der Erwerbsunfähigkeit und des Todes eine
Sicherung bietet, vertauscht. Frie drich Naumann hat diese
Bestrebungen, sich einer Verantwortung zu eutziehen, und ihre Ge—
fahren schon vor etwa 12 Jahren folgendermaßen gekeunzeichnet:
„Wir nähern uus einer Zeit der Systematisierung, wo alles
gebunden ist, das Leben gesichert und versichert wird, wo vor lauter
Versicherung das eigentliche Leben nicht mehr frisch herauskommt.
An diese Bestrebungen, deren letzter Traum der risikolose Mensch
ist, knüpfen sich schwere Bedenken, darin liegt ein Problem für die
zukünftige Politik und Wirtschaft, wie für Sittenlehre und Sittenleben
 eines Volkes.“

Das höchste Ziel vieler Menschen ist heute der festbesoldete,
lebenslänglich angestellte, peusionsberechtigte Beamte. Sie übersehen
die Nachteile dieser Stellung gegenüber der angeblichen Sicherheit,
„angeblich“ sage ich, weil auch diese Sicherheit, wie die heutigen Ver—
hältnisse zeigen, einen problematischen Wert hat. Vom allgemeinen
Standpunkte anus gesehen, hat jedenfalls die Allgemeinheit allen
Grund, die Entwicklung des Nachwuchses zu freien, verantwortlichen
Persönlichkeiten zu fördern.
Der zweite starke Antrieb zum Unternehmen ist die Aussicht
auf Erfolg, auf Gewinn, der nicht in bestimmten Rationen
zugemessen wird, sondern dem Wirtschaftenden in unbegrenzten Mög⸗
lichkeiten vor Augen steht. Es ist rund herausgesagt der Eigennutz,
der zum selbständigen Wirtschaften anspornt. Der Eigennutz ist an
und für sich keine nur dem Wirtschafter anhaftende Eigenschaft, er

89
        <pb n="71" />
        spielt bei allen Menschen eine mehr oder weniger große Rolle. Er
äußert sich nur bei den einzelnen verschieden. Bei dem einen zielt er
auf Führung eines möglichst behaglichen Lebens, bei dem anderen auf
das Ersitzen einer höheren Gehaltsgruppe, bei dem dritten auf Er—
ringung einer angesehenen Stellung, beim vierten auf Erwerbung
eines geachteten Namens in der wissenschaftlichen Welt. Alle Ver—
braucher lassen sich außerdem vom Eigennutz leiten, wenn sie sparen
und das Ersparte anlegen. Gäbe es den Eigennutz nicht, so würde für
die meisten Menschen der Antrieb, vorwärtszukommen, weiterzu—
streben, erlöschen. Zu einem abstrakten Pflichtbewußtsein können sich
nur die wenigsten Menschen aufschwingen, bei den meisten bedarf das
Pflichtbewußtsein der Stärkung durch die Aussicht auf persönliche
Vorteile oder durch die Furcht vor Nachteilen.
Es liegt deshalb auch gar keine Veranlassung vor, dem Wirt⸗
schaftenden daraus, daß er bestrebt ist, Erträge oder Gewinne zu er⸗
zielen, einen Vorwurf zu machen. Bei ihm munß sich der Eigennutz
in dieser Form äußern, denn auf wirtschaftliche Güter geht sein Sinn
und wirtschaftliche Güter setzt er auf das Spiel. Hieraus entspriugt
aber auch der Nutzen des Wirtschaftens für die Allgemeinheit, denn
der Erfolg des Unternehmens ist um so gewisser, je mehr der Unter—
nehmer es versteht, seine Selbstkosten herabzudrücken, je billiger er
seine Waren herstellen und auf den Markt bringen kann. Der Wett—⸗
bewerb mit auderen Unternehmern sorgt unter gewöhnlichen Verhält-—
nissen dafür, daß der Nutzen, der hieraus entsteht, nicht dem Unter⸗
unehmer allein zufällt. Aber auch insoweit er ihm zufällt hat die All—
gemeinheit immer noch einen großen Vorteil. Denn erhebliche Gewinne
kann der Unternehmer nur zum kleinsten Teil zum reinen Verbrauch,
für persönliche Bedürfnisse verwenden, das meiste muß er anlegen,
entweder, was die Regel ist, zur Verbesserung und Erweiterung
seines Betriebs oder in Privatvermögen, das in der einen oder anderen
Form wieder der Wirtschaft nutzbar wird. Man sieht also, daß die
Betätigung des Eigennutzes des Unternehmers nicht nur kein bedauer—
liches, sondern ein unbedingt notwendiges und ersprießliches Moment
im Wirtschaftsleben darstellt. Wer ihn ausschalten will, wie die
Sozialisten, geht also bewußt oder unbewußt auf die Schwächung
und Vernichtung der Wirtschaft selbst aus. Dem Staat bleibt nur
die Aufgabe, unberechtigte und schädliche Auswüchse des Eigennutzes

707
        <pb n="72" />
        nach Möglichkeit zu verhindern, auf diesem wie auf anderen Ge—
bietett.

Nun ist viel von einem umverdienten Gewinn des Unter—
nehmers die Rede, und dieser unverdiente Gewinn soll nach der Mtei—
nung vieler Leute der Allgemeinheit zugeführt werden. Es fragt
sich dabei zunächst, was ist „unverdienter“ Gewinn.
„Wie sich Verdienst und Glück verketten,
das fällt den Toren niemals ein“,
so heißt es im, Faust“, und so ist es wirklich. Die Ansichten darüber,
was verdient und was unverdieut ist, gehen hier ebenso auseinander,
wie in anderen Beziehungen. Ist es verdient, daß der eine mit einem
kleinen Verstand auf die Welt kommt? daß der eine der Sohn eines
Arbeiters, der andere der Sohn eines hohen Beamten oder Fabrik—
herrn ist? daß der eine in eine günstige, der andere in eine ungünstige
Laufbahn hineinkommt? daß der eine das hohe „C“ singen kann und
der audere einen guten Freund hat, der ihm eine einträgliche Stellung
verschafft? sind Familienglück und Gesundheit nach Verdienst verteilt?
Moan meint freilich, im Wirtschaftsleben ließe sich der Begriff des
unverdienten Gewinnes leichter fassen. Wirklich unverdient kaun
man zwar einen Lotteriegewinn oder eine Erbschaft nennen, beide
haben aber mit dem Wirtschaftsleben nichts zu tun. Die plötzliche
Wertsteigerung eines Hauses, einer Ware gereicht dem einen zum
Vorteil, dem anderen zum Schaden, der eine sieht sie voraus, dem
anderen fehlt die Einsicht, im einen Falle ist die Preissteigerung die
Folge eigenen Handelus auf lange Sicht, im anderen Falle ist sie für
den Beteiligten unvermutet eingetreten. Wer will da die richtige
Unterscheidung treffen? Höchst unerfreulich sind gewiß mauche Formen
hohen und unerwarteten Gewinns, wie bei der reinen Spekulation
und den Schiebergeschäften. Aber leider versagt gerade hier meist
die Staatsgewalt und es werden, wenn der Staat eingreift, zu—
meist diejenigen getroffen, die nicht die Schuldigen sind. Auch eine
gerechte Besteuerung versagt hier meist, weil unlautere Elemente
sich dem Zugriff der Steuerbehörde am leichtesten entziehen.
Gegenüber großen Geschäftsgewinnen muß man aber vor allem
beachten, daß ihnen Geschäftsverluste gegenüberstehen, daß sie den
notwendigen Ausgleich hierzu bilden, sowohl in Bezug auf das Schick-71
        <pb n="73" />
        sal der einzelnen Unternehmung wie im Ganzen der Wirctschaft.
Beansprucht daher die Allgemeinheit die Gewinne, so müßte sie
logischerweise auch die Verluste auf sich nehmen. Davon ist aber nir—
gends die Rede und kann nicht die Rede sein, weil der Staat nicht
die Verantwortung für das völlig selbständige Einzelhandeln seiner
Bürger zu übernehmen vermag.
Wie eigenartig außerdem die Stellung des Unternehmers den
Gewinnmöglichkeiten gegenüber ist, ergibt sich aus folgender Er—
wägung:
Die Unternehmer müssen ihre Arbeitskraft und ihr Vermögen ins
Ungewisse einsetzen. Arbeiter und Angestellte haben für bestimmte
Leistungen einen bestimmten Lohn. Dieser richtet sich zwar nach
Angebot und Nachfrage, ist aber fest bestimmt und steigt mit den
Leistungen. Mit anderen Worten: die Arbeit des Arbeiters und
Angestellten hat einen bestimmten Tauschwert, die Arbeit des
Unternehmers nicht. Der Unternehmer hat selbst bei größter An—
strengung keinen Ansspruch auf irgendwelchen Gegenwert, weder
für seine Arbeit noch für sein Vermögen. Er muß sich, wenn sein
Unternehmen fehlschlägt, damit abfinden, nicht nur umsonst ge—
arbeitet, sondern auch sein Vermögen eingebüßt zu haben. Ihm fließt
andererseits, wenn das Unternehmen Erfolg hat, das zu, was nach
Abzug aller Unkosten, Löhne und Gehälter und von sonstigem Be—
triebsaufwand, übrig bleibt. Dies ist der Ertrag des Unternehmens.
Das kann viel sein, es kann aber auch wenig sein, weniger als der
eigne Arbeiter oder Angestellte des Unternehmers verdient; ja es kann
ein Minus sein. Die Ungewißheit über den Ertrag ist das Risiko
des Unternehmers: es gehört naturnotwendig zum Begriff des Uuter—
nehtners, tvie der Arbeitslohn zum Begriff des Arbeiters.
Beachtet man diesen grundsätzlichen Unterschied zwischen Unter—
nehmer und Arbeiter, so erkennt man, wie verfehlt es ist, beide wirt—
schaftlich auf dieselbe Stufe zu stellen oder beim Unternehmer von
einem Unternehmer lo hun zu reden. Moan sieht aber auch, daß die
Stellung des Unternehmers im Betrieb eine ganz andere sein
muß, wie die des Arbeiters und Angestellten. Da die volle Verant—
wortung für das Ergebnis der Wirtschaft auf ihn fällt, so muß er
auch die Selbständigkeit in der Wahl der Mittel, die Selbständig—
keit in der Verfügung über die Wirtschaftsfaktoren, die letzte Eut—

2
        <pb n="74" />
        scheidung über die Höhe der Löhne und Gehälter, die der Betrieb
tragen kann, besitzen. Alle Vorschläge, die darauf ausgehen, den
Unternehmer in seiner Verfügung zu beschränken, seinen Arbeitern
und Anugestellten ein ‚,Mitbestimmungsrecht“ zu gewähren, übersehen
die ganz verschiedene Stellung beider Teile und laufen insolange der
natürlichen Wirtschaftsorduung zuwider, als die Arbeiter und An—
gestellten nicht auch au der Verantwortung, an dem persönlichen und
vermögensrechtlichen Risiko beteiligt sind. Ob und wie das etwa
möglich ist, darauf werde ich später zu sprechen kommen.
        <pb n="75" />
        Ich habe früher schon darauf hingewiesen, daß die gefahrvolle
Stellung des Unternehmers u. a. in der Konkursstatistik zum
Ausdruck kommt. Diese beweist, daß alljährlich viele Tausende
von wirtschaftlichen Existenzen zu Grunde gehen, weil die betreffen
den Unternehmer den Auforderungen des Wirtschaftslebens nicht ge⸗
wachsen sind. In ihr gibt sich aber auch die allgemeine Wirtschafts—
lage kund, die Konjunkturr, indem die Zahl der Konkurse bei
schlechter Konjunktur zu⸗, bei guter Konjunktur abnimmt. Die Lage
des einzelnen Unternehmers ist also nicht nur abhäugig von der eige—
nen Tüchtigkeit, sondern auch von den günstigen und ungünstigen
Umständen, die sich außerhalb seines unmittelbaren Betriebsbereichs
geltend machen. Die Konjunktur ist an sich keine Sondererscheinung
des Wirtschaftslebens, sie spielt auch auf anderen Gebieten und in
allen Berufen eine Rolle. Offiziere, deren Laufbahn in eine Zeit
starker Heeresvermehrung fällt, kommen rascher vorwärts, als solche,
in deren Dienstzeit die Armee verringert wird. Aehnlich liegt es bei
den Beamten, und gerade unsere Zeit gibt ja in dieser Beziehung
zahlreiche Beispiele. Während aber in den meisten anderen Berufen
starke Konjunkturveränderungen nur ausnahmsweise vorzukommen
pflegen, gehören die Konjunkturschwankungen des Wirtschaftslebens
zu den notwendigen Erscheinungen des Lebens überhaupt. Es ist die
stete Aufgabe des Unternehmers, sich ihnen anzupassen und sie nach
Moglichkeit für sich auszumutzen. Das große Publikum versteht das
nicht, es sieht meist nur die erfolgreichen Unternehmungen und spricht
in diesen Fällen gern von unverdientem Gewinn oder unvberdientem
Wertzuwachs.
Ein Mrusterbeispeil für diese Auffassung bietet die Beurteilung der
Gewinne aus Grundstücksverkauf. Man geht hier meist
von der Annahme aus, daß der Besitz und Handel mit Grund—
stücken und Gebäuden unter allen Umständen gewinnbringend sei, und
daß dem Besitzer an eintretenden Gewinnen keinerlei Verdienst zu⸗
komme. Es ist aber eine alltägliche Erscheinung, nameutlich in
größeren Städten, daß der Wert von Grundstücken nicht nur nach
        <pb n="76" />
        oben, sondern auch nach unten starken Wertänderungen unterliegt,
daß gleichzeitig in dem einen Stadtteil Wertsteigerungen, in dem
anderen Wertverminderungen zu verzeichnen sind. Das hängt zum
Teil gewiß von äußeren Einflüssen, z. B. von der Baupolitik der
Städte, zum anderen Teil aber doch auch von der Voraussicht und
der Tätigkeit der Besitzer ab, die am richtigen Ort zweckmäßig zu
bauen verstehen. Eine gute städtische Bodenpolitik wird freilich da—
hin streben, daß aus den von ihr getroffenen baulichen Maßnahmen
nicht reine Spekulanten mühelose Gewinne einheimsen, aber im
übrigen ist die Privatwirtschaft auf dem Grundstücksmarkt genau so
berechtigt und genau so notwendig, wie auf anderen Gebieten. Ohne
sie könnte der Wohnungsmarkt nie befriedigt werden. Wenn sich
auch im Bauwesen die Genossenschaftsbewegung entwickelt hat, so
gilt von ihr die gleiche Beurteilung wie von der Genossenschafts-—DD

Wirtschaftsleben, die unter gegebenen Verhältuissen nützlich wirken
kaun, sie vermag aber die Privatwirtschaft in keiner Weise zu er—
setzen, sie ist dieser unterlegen durch den Mangel an persönlicher
Initiative und persönlicher Verantwortung. Ihr Gedeihen beruht
häufig auch nicht auf ihrer eigenen Kraft, sondern auf der Hilfe
öffentlicher Körperschaften, die ihnen auf Kosten der Allgemeinheit
billige Kredite gewähren. Sie ist daher auch nicht als ein nenes
wirtschaftliches Prinzip zu werten, sondern vielmehr als eine soziale
Wohlfahrtseinrichtung anzusehen. Auch auf dem Gebiete des Woh—
nungswesens muß daher das Prinzip der Wirtschaftlichkeit gelten.
Große Erfolge sind aber nur auf dem Boden der Privatwirtschaft
zu erzielen. Das schließt eine Einflußnahme der öffentlichen Gewalt
auf die Art, witse zu bauen ist, keineswegs aus.
Was von den Baugenossenschaften gilt, das gilt in noch höherem
Maße von den in neuerer Zeit entstandenen sogenannten „sozialen
Bauhütten“, Arbeiterkolonnen mit einem Vorarbeiter oder Geschäfts—
führer an der Spitze, die glauben, durch genossenschaftliche Ver—
einigung den Privatunternehmer ausschalten zu können. Sie knüpfen
unbewußt an die nralten Bergwerkschaften an, die einem primitiven,
längst überwundenen Wirtschaftssystem angehören. Zum Betriebe
eines Bergwerks wie zum Betriebe eines Bauunternehmens gehört
heutzutage ein Kapital, kaufmännische Erfahrung und Unternehmer—

75
        <pb n="77" />
        qualität. Eutweder beschränken sich daher die Bauhütten auf einfache
Abbruch⸗ und einfache Maurerarbeiten, bei denen diese Voraus—
setzungen nur in geringem Maße gegeben sind, oder sie ent—
wickeln sich zu modernen Gesellschaftsunternehmungen, die mit dem
Risiko von solchen behaftet sind, und die dann von der Initiative
und Verantwortung ihrer Leiter abhängen. Irgendwelche so—
ziale oder gar ethische Grundsätze in solche Gebilde hineinzu—
legen, ist ebenso wenig augebracht wie eine Unterstützung der—
selben aus öffentlichen Mitteln oder eine Förderung durch öffent—
liche Behörden.
Waöhrend der Marxismus die Berechtigung eines Unter—
nehmergewinnms überhaupt leugnet, haben sich hervorragende
Vertreter der theoretischen Nationalökonomie schon häufig den Kopf
nach einer Formel für den „gerechten“ Unternehmergewinn zer—
brochen. Einen gerech ten Unternehmer gewinn gibt es aber
ebenso wenig wie einen gerechten Unternehmer lo hiu. Da der Unter⸗
nehmer damit rechnen muß, daß er gar nichts verdient oder noch sein
Vermögen zusetzt, so erfordert es die einfache Logik, daß, wenn sein
Unternehmen einen Ertrag, einen Gewinn abwirft, ihm nun auch
dieser ungeschmälert zufällt. Der Ausdruck „gerecht“ oder „un⸗
gerecht“ hat hier keinen Sinn, er hat nur da einen Sinn, wo man
Leistung und Gegenleistung in ein bestimmtes Verhältnis setzen kann,
wo die Leistung, wie ich schon früher sagte, einen Tauschwert hat.
Aber selbst in diesen Fällen kann man mit moralischen Werturteilen
nichts anfangen. Ueberall spielen gewiß neben persönlichen
Fähigkeiten Glücksumstände eine große Rolle, warum nicht beim
Unternehmer, der noch dazu nicht nur für sich arbeitet, sondern auch
für seine Arbeiter und Angestellten? Wodurch entstehen günstige
Konjunkturen? Zum wesentlichen Teil doch auch durch die Tätigkeit
der Unternehmer, durch das Spiel von Angebot und Nachfrage, durch
technische Erfindungen und deren Ausnutzung.
Ich kann die Meinung nicht unterdrücken, daß bei den Raisonne—
ments über unverdienten Unternehmergewinn zum großen Teil Neid
und Mißgunst am Werke sind. Bei der Masse der Anhänger oes
Sozialismus und Kommunismus mterkt man es ja schon an der land⸗
läufigen Ausdrucksweise, an Schlagworten wie Ausbeuter-, Erpresser—
tum usto. Aber auch viele Kreise der Gebildeten sind von ähnlichen

76
        <pb n="78" />
        Gefühlen nicht frei, und ich glaube, daß es im allgemeinen in dieser
Hinsicht bei uns schlimmer steht, als in anderen Ländern.
Jeder Beruf hat seine Licht⸗ und seine Schattenseiten. Wer einen
Beruf wählt, muß sich hierüber klar sein. Er muß sich fragen, ob er
z. B. als künftiger selbständiger Wirtschafter das Risiko großer
Verluste zugleich mit der Hoffnung auf Gewinn auf sich nehmen
will, oder ob er einen Beruf mit fester Besoldung und begrenzten
Moöglichkeiten des Fortkommens vorzieht. Je nachdem seine Ueber—
legung ausfällt, wird er den einen oder den anderen Beruf wählen.
Niemals aber kaun es vont Standpunkte der loral aus für richtig
gelten, wenn jemand, der einen sicheren, risikofreien Beruf gewählt
hat, von seinem Standpumnkte aus diejenigen verurteilt, die unter Ein⸗
setzung ihrer vollen Verantwortung es zu großen wirtschaftlichen Er⸗
folgen gebracht haben.
Selbstoerständlich nehme ich eine Klasse von „Unternehmern“
bon der auerkeunuenden Beurteilung aus, das sind die reinen Schieber,
die, ohne irgendwelche eigene wertschaffende Tätigkeit auszuüben, ledig—
lich aus der Not Anderer Nutzen zu ziehen verstehen. Diese zu fassen
und ihnen das Handwerk zu legen, ist eine verdienstliche Aufgabe,
der sich leider der heutige Staat am wenigsten gewachsen ge—
zeigt hat.

Ist von letzterwähnten Fällen abgesehen die Erzielung hoher
Gewinne im Wirtschaftsleben nicht zu beanstanden, so ist anderer—
seits ihre Verwendumg mit Recht ein Gegenstand der Kritik.
Verantwortungsbewußte Unternehmer müssen ihre Gewinne so ver⸗
wenden, wie es die Rücksicht auf das Gemeinwohl erfordert. Ver⸗
schwendung, insbesondere zu persönlichen Zwecken, protzenhaftes Auf—
treten, sind ebenso zu verwerfen, wie ein Mangel an Fürsorge für
das eigene Personal. Auch muß es als eine moralische Pflicht der
erfolgreichen Unternehmer angesehen werden, daß sie sich nach Kräften
die Förderung allgemeiner Kulturaufgaben angelegen sein lassen. Hier
bietet sich ihnen ein reiches Feld der Betätigung. Daß daneben die
öffentlichen Verbände, Staat und Gemeinden einen Aunteil an den
Gewinnen in Form von Steuern beanspruchen können. versteht sich
von selbst.
Hält man die von mir gekennzeichneten Tatsachen fest, so ge⸗
langt man unschwer zu einer klaren Stellung zu den Fragen, die mit

77
        <pb n="79" />
        dem Wort „Sozialisierun g“ zusammenhängen. Freilich ist
das Wort „Sozialisierutig“ vieldeutig, aber alle ihre Formen haben
ein gemeinsames Kennzeichen, das ist einmal die Verschiebung der
Verantwortung von einzeluen selbstverantwortlichen Wirtschaftern
auf einen größeren Kreis und zwar auch solcher Personen, die weder
eine persönliche Haftung tragen noch Sachverständige sind, und
zweitens die Ausschaltung des Ertragsstrebens. Jede Art von Sozia⸗
lisierung bedeutet, anders ausgedrückt, eine Parlamentarisierung des
Wirtschaftslebens, d. h. die Ersetzung des persönlichen zielbewußten
Willens eines Einzelnen durch eine Vielheit von Köpfen, denen jeder
einheitliche Wille fehlt und die diesen Willen durch Mehrheits⸗
beschlüsse ersetzen wollen. Die Sozialisierung setzt an die Stelle der
wortlosen Tat, die Werte schafft, das zeitraubende, unproduktive
Rede- und Antwortspiel. Sie bedeutet eine Belastung der auf rasche
Entschlüsse und zielbewußtes Handeln angewiesenen wirtschaft⸗
lichen Tätigkeit. Gewiß gibt es auch bei großen Privatunternehmun⸗
gen ein mündliches Verhandeln unter den Leitern, aber dies Verhau⸗—
deln geschieht unter sachverständigen und persönlich verautwortlichen
Personen.
Wohin der Betrieb sozialisierter Unternehmungen führt,
das haben die letzten Jahre mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt.
Oberbürgermeister Lohmeyer oon Köonigsberg drückte sich kürzlich da⸗
hin aus, daß unsere öffentliche Wirtschaft eine Zuschußwirtschaft
schlinuster Art geworden sei, die ihre Bedürfnisse durch die ungerech⸗
teste aller Steuern, die Inflationssteuer, gedeckt habe. Gegenüber den
öffentlichen Betrieben habe die Privatwirtschaft sich immer noch über
Wasfer gehalten und ihre Aufgaben der Bevölkerung gegenüber er—
füllt. Professor Liefmann (, Ueber die Unternehmungsformen?“)
weist mit Recht darauf hin, daß der Fehler aller auf Sozialisierung
gerichteten Bestrebungen in der Ueberschätzung der äußeren
 Organisation beruhe. Die Hauptfrage, wie verwaltet
und gerechnet werde, bleibe dabei ungelöst. Er betont, daß die öffent⸗
liche Unternehmung schon deshalb gegenüber Privatunternehmen im
Nachteile sei, weil in ihr endlose Zeit mit Reden und Sitzungen ver⸗
tan werde. In der Wirtschaft nützt das Redenhalten nichts, es
hindert nur am Handeln, dem einzigen, was nützt. Im Reden sind
außerdem oft sehr unsachverstäudige Leute den tüchtigsten Männern

72
        <pb n="80" />
        des Handelus überlegen. Sie stören diese in ihrer produktiven Arbeit.
Daher erklärt sich auch die Flucht so vieler tüchtiger Persönlichkeiten
aus dem öffentlichen Dienst in die Privatunternehmungen, wo sie sich
mit Parteiwirtschaft und Vielrederei nicht zu plagen haben.
Trotzdem kann man öffentliche Betriebe nicht allge—
mein verwerfen. Man muß sich nur darüber klar sein, daß man sie
aus anderenals wirtschaftlichen Gründen will, d.
h. wirtschaftliche Gründe treten zurück hinter öffentlichen Interessen.
Liefmann führt als Gründe, die zur Errichtung öffentlicher Betriebe
Anlaß geben, an
1. historische, so insbesondere bei Domänen und Forsten, die ur—
sprünglich Privateigentum der Fürsten waren;
2. das Fehlen privaten Unternehmungsgeistes, weil eine Rente
nicht zu ertwarten ist; so bei unrentablen Eisenbahnen;
3. das Interesse an einheitlicher Organisation gewisser Leistungen,
so bei Eisenbahnen, Post, Telegraphie, Straßenbahnen, Gas—-,
Wasser- und Elektrizitätswerken;
4. die Gefahr privat-monopolistischer Ausbentung; so wiederum
bei öffentlichen Verkehrs-, Licht- und Kraftanstalten;
5. das allgemeine öffentliche Landeskulturinteresse; so beim Bau
von Kanälen und Entwässerungen.
6. die Erzielung von Einnahmen schlechtweg, wie beim Brannt⸗
weinmonopol, in welchen Fällen der öffentliche Betrieb einen Ersatz
für indirekte Besteuerung bildet.
Bei allen Unternehmungen ist Voraussetzung, daß sie vorwiegend
nach festen verwaltunggmäßigen Grundsätzen geführt werden können,
während kaufmännische Beweglichkeit weniger erfordert wird.
Liefmann kommt unter Würdigung aller Gesichtspunkte zu dem
Ergebnis, daß sich eine Notwendigkeit für die Errichtung
öffentlicher Unternehmungen aus den sämtlichen angeführten Gründen
nicht herleiten läßt. Selbst da, wo mehrere Gründe zusammenfallen,
wie bei Eisenbahnen, könne von einer Ueberlegenheit des öffentlichen
Betriebs nicht die Rede sein. Tatsächlich sind ja auch in England und
in den Vereinigten Staaten von Nordamerika die Eisenbahnen von
jeher von Privatgesellschaften betrieben worden und haben Hervor⸗
ragendes geleistet. Die Vereinigten Staaten haben wohl einmal wäh—
rend des Weltkriegs zeitweise die Bahnen unter staatlicher Regie be—

79
        <pb n="81" />
        trieben, haben sie aber nach dem Kriege schleunigst wieder au die
Privatgesellschaften zurückgegeben.
Liefmann macht sodann noch auf einen sehr wichtigen Gesichts⸗
punkt aufmerksam, nämlich den, daß bei öffentlichen Betrieben stets
zwei Prinzipien miteinander in Konflikt geraten, nämlich das fis⸗
kalische Interesse an möglichst hohen Erträgen und das Juteresse der
Allgemeinheit au möglichst billiger Bedienung der Abnehmer. In
diesem Konflikt ziehe das Allgemeininteresse gegenüber dem fiskalischen
sehr häufig den Kürzeren und bei Auswüchsen nach fiskalischer Rich⸗
tung versage dann meist der Staat als Aufsichtsinstanz, während es
ihm leichter falle, bei privaten Betrieben im Interesse des Gemein—
wohls einzuschreiten. ⸗
Geradezu vernichtend hat sich der ehemalige sozialistische Führer
Dr. August Müller im Jahre 1919 über die Sozialisierung aus⸗
gesprochen, indem er sagte: ,Wenn jemand an verantwortlicher Stelle
mit dem Gedanken der Sozialisierung auch nur spielt, so macht er
sich entweder eines Verbrechens oder einer kolossalen Dummheit
schuldig.“
In Vorstehendem sind noch gar nicht berührt die politischen Wir—
kungen, die mit der Ueberführung von Betrieben in die öffentliche
Hand verbunden sind, Wirkungen, die aus der Vermehrung der Zahl
der unselbständigen, von Staat und Gemeinde unmittelbar abhängigen
Existenzen und aus der Politisierung von Tätigkeitsgebieten, die rein
sachlicher, wirtschaftlicher Bearbeitung bedürfen, hervorgehen. Gerade
wegen dieser politischen Gefahren lehnen andere parlamentarisch re⸗
gierte Staaten jeden Staatssozialismus ab, wie z. B. England und
die Vereinigten Staaten von Nordamerika; dabei haben diese Staaten
dem Parlamentswillen gegenüber wenigstens noch ein Gegengewicht
in anderen verfassungsmäßigen Organen geschaffen, während bei uns
durch die Weimarer Verfassung die politischen Parteien mit ihren auf
Wahlen beruhenden wechselnden Mehrheiten als einzige Macht⸗
faktoren eingesetzt worden sind.
Nun glauben viele Leute, auch Vertreter der Wissenschaft, an
die Ndöglichkeit und Zweckmäßigkeit eines gemischten Systems, d. h.
eines Systems, bei dem sich die Vorzüge des öffentlichen Betriebs mit
den Vorzügen des Privatbetriebs vereinigen lassen, während die Nach⸗
teile beider ausgeschaltet werden. Man tiennt dieses System das

20
        <pb n="82" />
        gemischt-wirtschaftliche und versteht darunter eine Ver—
einigung öffentlicher Verbände und privater Unternnehmer zu gemein—
schaftlicher Verwaltung in Besitz und Betrieb. Aber entgegengesetzte
Prinzipien lassen sich nicht miteinander vereinigen, ohne daß Nachteile
beider mit in Kauf genommen werden müssen. Entweder besitzt daher das
Unternehmen eine wirklich kaufmännische Leitung, dann hat die Mit—
wirkung des Staates oder der Gemeinde nur die Bedeutung einer
Kapitalbeteiligung mit ihren Gewinn⸗ und Verlustmöglichkeiten und
mit der Schwäche staatlicher Aufsicht; oder Staat bezw. Gemeinde
üben einen wirklich bestimmenden Einfluß aus, dann sind die hiermit
verbundenen Hemmungen eben für den kaufmännischen Betrieb von
Nachteil.
Erkennt man diese Ausführungen als grundsätzlich richtig an,
dann kann man in seinem Urteil über alle Sozialisierungspläne nicht
schwanken, mögen sie nun einen Namen haben, welchen sie wollen.
Das Urteil gilt dann auch von den Plänen, die die Privatwirtschaft
einer behördlich oder sonstwie gearteten Reglementierung unterwerfen
wollen, also z. B. von der „Plan“wirtschaft eines Wissel oder
Rathenau. Rathenau wollte bekanntlich durch besondere Gachver—
ständigenkommissionen untersuchen und bestimmen lassen, welche Be—
triebe unter günstigen äußeren und inneren Bedingungen arbeiten.
Nur solche Betriebe sollten erhalten oder neu zugelassen werden, die
den Bedingungen entsprechen, während die übrigen verschwinden müß—
ten. Solche Ideen leiden ganz besonders an der schon erwähnten
Ueberschätzung der äußeren Organisation. Sie berücksichtigen nicht
die Besonderheiten, die jedem einzelnen Unternehmen anhaften, ins—
besondere nicht die Bedeutung des persönlicher Moments. Nehmen
wir als Beispiel eine abgelegene Mühle von technischer Rückständig—
keit. Für den Besitzer und seine Familie ist sie die Grundlage ihrer
Existenz, vielleicht ein ererbter Familienbesitz, verbunden mit kleiner
Landwirtschaft. Für die Nachbarschaft hat sie den Vorteil unmittel⸗
barer Nähe. Hier wird der Nachteil der Abgelegenheit und tech—
nischen Rückständigkeit durch die Anspruchslosigkeit des Besitzers,
durch niedrige Löhne, durch die enge Nachbarschaft zur Landwirtschaft
u. a. aufgewogen. Ueberhaupt spielt der Ausgleich verschiedener Mo—
mente in der Wirtschaft eine große Rolle: hohe Tranusportkosten kön⸗
nen durch größere Ergiebigkeit des Bodens, hohe Löhne durch eine

21
        <pb n="83" />
        zeutrale Lage des Betriebs, weite Eutfernungen von den Absatzgebie⸗
ten durch Billigkeit einer Wasserkraft ausgeglichen werden.
Die sogenanute Stanmdorttheorte hat gewiß ihre Berech⸗
tigung, aber das einzelne Internehmen kaum dieser Theorie zum Trotz
gedeihen oder zugrundegehen. Als ein praktisches Beispiel steht mir
eine große Brauerei einer mittleren Stadt am Rhein vor Augen,
die auf einem Berge liegt, fern von einem Teil ihrer Rohstoffe und
von der Kohle, sie muß wegen ihrer Lage auf einen Bahnanschluß
oerzichten, ebenso auf den Wasserweg, alles was sie benötigt, muß von
der Bahnstation auf Lastkraftwagen hinaufbefördert werden; und
trotzdem ist diese Brauerei eine der bestrentierenden Deutschlands.
Man denke an die Schuhindustrie in Pirmafens, einem
sehr abgelegenen Gebirgsstädtchen, die ihre Entstehung der militä—
rischen Laune eines Fürsten verdaukt. Trotz der Abgelegenheit und der
Höhenlage befindet sich dort die bedeutendste Industrie ihrer Art in
Deutschland. Solche Beispiele lassen sich beliebig vermehren. Sie
beweisen, daß keine Sachoverstündigenkommission nach den äußeren Be—
dingungen ein maßgebendes Urteil über die Lebensfähigkeit oder Nicht⸗
lebeusfähigkeit eines Unternehmens abzugeben verrmag. Wie kann
man daher die Existenz eines solchen Unternehntens von dem Mehr⸗
heitsbeschluß einer solchen Kommission abhängig machen? Rathenau
selbst besitzt in der Geschichte der von seinem Vater gegründeten All—⸗
gemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft ein schlagendes Beispiel für die
Fehlurteile von Sachverständigen. Hätte der Vater Rathenaus nicht
trotz des Abratens der Sachverständigen einen Bankier gefunden, um
seine Erfindung der Glühbirne zur Ausführung zu bringen, so wäre
es ihm nicht möglich gewesen, sein großes Unternehmen ins Leben zu
rufen.
Wie häufig findet man, daß derselbe Betrieb unter der Leitung
einer Persönlichkeit stockt oder eingeht, unter Leitung einer anderen
Persönlichkeit aber blüht und gedeiht. Also die äußeren Bedingungen
sind es häufig keineswegs, die für die Existenz eines Unternehmens den
Ausschlag geben, sondern die Persönlichkeiten, die an der Spitze stehen.
Die ganze Sozialisierungskommifssion, die vieles Geld
gekostet und keinerlei praktische Arbeit geleistet hat, wäre vermieden
worden, wenn die Kenntnis wirtschaftlicher Gesetze und Grundtat⸗
sachen bei uns Gemeingut wäre. Am meisten aber fällt es auf, daß

—2 7
        <pb n="84" />
        selbst manche Vertreter der Wirtschaft sich so wenig über die Gruud—
lagen der Wirtschaft im Klaren sind, daß auch sie die Sozialisierungs
bestrebutigen mitmachten, daß sie zum wenigsten von Betrieben, die
„sozialisierungsreif“ und die nicht „sozialisieruugsreif“ seien, sprachen,
gerade als ob die Sozialisierung eine höhere Unternehmungsform dar—
stelle. Durch diese Einstellung von Wirtschaftern ist natürlich nuter
den nichtwirtschaftenden Bevölkerungskreisen die Verwirrung noch
stark vermehrt worden.
Nun wird man fragen, ob ich denn die Welt der Wirtschaft,
so wie sie ist, als vollkommen, als keiner Verbesserung fähig ausehe,
ob ich denn an ihr nichts auszusetzen oder zu verbessern fände? Ferner,
ob denn dem Staat gar nichts übrig bleibe, als der Wirtschaft freien
Lauf zu lassen? Darauf autworte ich zunächst, daß ich die Wirtschaft
im Gegenteil für sehr verbesserungsbedürftig erachte. Die Verbesse—
rungen können aber nicht von außen in die Wirtschaft hineingetragen
werden, namentlich nicht von Stellen und Personen, die nicht in ihr
leben und arbeiten. Sie hängen vielmehr in erster Linie von den
Kräften ab, die in der Wirtschaft tätig sind. Aus den technischen und
kaufmännischen Fähigkeiten der Ingenieure und Kaufleute, unter dem
Druck des Wettbewerbs und der Not müssen die Verbesserungen ent⸗
stehen. Nicht nur der einzelne Wirtschafter findet hier seine Auf—
gabe, sondern es gibt auch Aufgaben gemeinsamer Art. Ich neune
hier nur die Bestrebungen auf Normalisierung und Typisierung der
Industrieerzengnisse, auf Einführung verbesserter Arbeitsmethoden.
Die Bedeutung dieser Maßnahmen liegt in den Vorteilen, die eine
vereinfachte Betriebsweise und zweckmäßige Arbeitsteilung für den
Produktionsprozeß mit sich bringen.
Wie in der Technik, so gibt es auch auf dem Gebiete der kauf—
männischen Tätigkeit gemeinsame Aufgaben. GSie liegen in der Be—
seitigung ungezügelter und unproduktiver Reklamesucht, wie in der
Ausschaltung unnötiger Konkurrenz. Der Weg hierzu ist die Bil⸗
dung von Vereinigungen zwecks Abschlusses von Vereinbarungen
über Preise, Absatzbedingungen, Erzeugung. Die Vereinigungen selbst
nennt man Konventionen, Kartelle, Syndikate,
TDrusts, je nach Art ihrer Organisation und ihrer Aufgaben. Diese
Vereinigungen haben seit langem die Aufmerksamkeit der Praxis, der
Wissenschaft und der Oeffentlichkeit erregt und auch lebhafte An—

83
        <pb n="85" />
        griffe hervorgerufen. Infolgedessen fand zum erstenmal in den Jahren
7903 —1906 bei uns eine große Kartellenquete statt, die die
Aufgabe hatte, die tatsächlichen Verhältnisse aufzuklären, Mißstände
bloßzulegen und damit die Unterlage für ein gesetzgeberisches Vor⸗
gehen zu schaffen. Die ganze Enquete verlief rein negativs. Man
überzeugte sich, daß kein Anlaß zu ernsten Beschwerden, insbesondere
kein Anlaß zu einem Einschreiten der Staatsgewalt gegeben war.
Während des Weltkrieges und nachher hat die Regierung sogar mit
den Verbänden zusammengearbeitet, hat da, wo sie nicht bestanden,
solche hervorgerufen und sich selbst an ihnen beteiligt. Es sei hier an
das Kohlen⸗ und Kalisyndikat, den Eisenwirtschaftsbund, den
Stahlwerksverband erinnert. Man hatte sich davon überzeugt, daß
doch auch für die Allgemeinheit viel Gutes in den Vereinigungen
steckt. Durch maßvolle Preispolitik der Kartelle sind Krisen abge—
schwächt, das Dasein der als Abnehmer beteiligten Industriezweige
ist stetiger gestaltet, kleine und mittlere Betriebe, die bei ungezügeltem
Wettbewerb zugrunde gegangen wären, sind erhalten worden.
Trotzdem ist es keine Frage, daß bei solchen Vereinigungen Aus—
wüchse vorkommen können und vorkommen, sei es in der Preisgestal⸗
tung, sei es in der Produktions- oder Absatzregelung. Ferner wird
u. A. durch das Gefühl gesicherten Absatzes bei manchen Unterneh
mern das Streben nach Verbesserung ihrer Einrichtungen abge—
schwächt. Es sind auf der einen Seite Betriebe am Leben erhalten
worden, die in ihren Einrichtungen den berechtigten Auforderungen der
—DD audererseits gut eingerichteten
Großbetrieben übermäßig hohe, sogenaunte Differenzialgewinne zuge—
flossen. Derartige Auswüchse tragen ihre Heilmittel zum großen Teil
in sich selbst. Es eutstehen neue Betriebe als Außenseiter, die aus dem
Unterbieten der Verbandsbedingungen Nutzen ziehen und den Ver—
band dadurch nötigen, ebenfalls günstigere Bedingungen zu stellen, es
treten am Ende einer Vertragszeit Betriebe aus oder suchen ihre
Quote zu erhöhen. Dadurch eutstehen Reibungen, die zu neuen Ver⸗
handlungen und zur Durchsicht der alten Bedingungen oder zur Auf⸗
lösung des Kartells führen.
Daß die Wirkungen der Syndikate und Kartelle oft von den
Abnehmern abfällig beurteilt werden, liegt auf der Hand. Manche
Unternehmer sind aus naheliegenden Gründen Freunde des eignen,

41
        <pb n="86" />
        aber Gegner des fremden Kartells. Ob Klagen über einzelne Kartelle
berechtigt sind, kann nur nach genauer Kenutnis der jeweils vorliegen—
den Verhältnisse beurteilt werden. Auch unter den Sachkundigen
gehen die Ansichten oft auseinander. Gefährlich für die Allgemeinheit
können Vereinigungen werden, wenn sie ein Monopolstellung
besitzen. GSolche Vereinigungen haben wir, abgesehen vielleicht von
dem Kalisyndikat, noch nicht, und gerade dieses Syndikat ist durch
staatlichen Zwang zustandegekommen. Audere haben ihre Konkurrenz
schon in den Erzengern von Ersatzstoffen, so das Steinkohlensyndikat
in der Braunkohle, ferner in Erzeugnissen des Auslandes, z. B. bei
Breunstoffen in englischer Kohle.
Bezeichnend ist, daß da, wo der Staat einen maßgebenden Ein—
fluß auf ein Syndikat ausüben kann, sei es, daß er selbst stark an ihm
beteiligt ist, sei es, daß er durch seine eignen Erzeugnisse die Lieferungs—
bedingungen des Syndikates beeinflussen kann, er regelmäßig versagt.
Das haben wir im Kohlen- und Kalisyndikat und in der Konkurrenz
zwischen staatlichen und privaten Gruben gesehen. Der Staat nimmt
selbst die Vorteile des Syndikates für sich in Anspruch, vermag aber
schwer selbst Auswüchse abzustellen.
Man hat sich auch einen vorteilhaften Einfluß von der Mit—
wirkung der Arbeitnehmer auf die Syndikatpolitik versprochen.
Bekanutlich sind im Kohlensyndikat und im Eisenwirtschaftsbund
den Arbeitnehmern Sitze eingeräumt worden. Die Erfahrung, die
man gemacht hat, geht im allgemeinen dahin, daß das uunfruchtbare
Reden über wirtschaftliche Dinge sich bei ihnen bis zum Unerträg⸗
lichen gesteigert hat, und daß, wenn es sich um die Preise handelte, die
Arbeitnehmer immer für Preiserhöhungen zu haben waren, wenn
ihnen gleichzeitig Lohnerhöhungen bewilligt wurden.
In jüngster Zeit hat nun die Reichsregierung auf Grund des Er—
mächtigungsgesetzes eine besondere Berordnung gegen den
Mißbrauch wirtschaftlicher Machtstellung er—
lassen, um dem Drängen nach einer Kartellgesetzgebung nachzugeben.
Die Verordnung entzieht den Kartellen unter gewissen Umständen
den Rechtsboden, indem sie jedem Beteiligten die fristlose Kündigung
gestattet, wenn ein wichtiger Grund vorliegt. Sie gibt weiter
dem Reichswirtschaftsminister die Vollmacht zur Auflösung von Kar—
tellen und Vereinigungen und setzt ein besonderes Kartellgericht zur

858
        <pb n="87" />
        Aburteilung von Verstößen gegen das Gesetz und zur Entscheidung
von Rechtsstreitigkeiten ein. Ob diese Verordnung nützen oder schaden
wird, wird wesentlich von seiner Handhabung durch den Reichswirt—
schaftsminister und durch das Kartellgericht abhängen. Da die Ver—
ordnung noch neu ist, will ich ein Urteil über sie nicht abgeben.
Man hat vielfach die Politik der Kartelle und Syndikate mit
der Lohnpolitik der Gewerkschaften verglichen und
ausgeführt, daß, wenn man jene für berechtigt halte, man diese An—
erkennung auch der Lohnpolitik der Gewerkschaften nicht versagen
dürfe. Zwischen beiden Vereinigungen besteht aber vom wirtschaft—
lichen Standpunkte aus doch ein sehr wesentlicher Unterschied, der
nicht übersehen werden darf. Die Syndikate und Kartelle, auch wenn
sie die Lage zu ihrem Vorteil ausnutzen, treiben doch für ihren Ge—
werbezweig im allgemeinen eine produktionsfördernde
Politik. Das Ertragstreben des Uuternehmers und das Interesse an
billiger Produktion wird durch die Vereinigungen nicht ausgeschaltet.
Der Wettbewerb zur Verbesserung und Verbilligung der Erzeugung
besteht im allgemeinen fort. Die Abnehmer kommen also, wenn sie
bielleicht zeitweise auch etwas höhere Preise zahlen müssen, als beim
Nichtbestehen der Vereinigung, im ganzen doch zu ihrem Recht und
die Allgemeinheit hat den Vorteil verbesserter und vermehrter Pro—
duktion. Die Lohnpolitik der Gewerkschaften aber ist lediglich darauf
gerichtet, den Lohnteil zu erhöhen, und da höhere Löhne
stets it höheren Produktionskosten zum Ausdruck kommen, so wirkt
die Lohnpolitik verteuernd auf die Erzeugnisse und hemmend auf den
Absatz. Eine produktionssteigernde Wirkung ist mit ihr nur daun
und zwar ungewollt verbunden, wenn die Unternehmer dadurch ver—
anlaßt werden, durch Einführung von Arbeit sparenden Maschinen
sich unabhängiger von der Arbeiterschaft zu machen, also Arbeiter aus
dem Produktionsprozeß auszuschalten. Die Einführung arbeitsparen
der Maschinen ist freilich hänfig eine notwendige Maßnahme zur
Ausnützung technischer Fortschritte, aber es liegt gewiß nicht im Ar—
beiterinteresse, diesen Vorgang künstlich zu fördern.
Ich habe ausgeführt, daß Kartelle und Syndikate im Wirt—
schaftsleben neben ihren Vorzügen auch ihre Mängel und Nachteile
besitzen. Auch sonst ist im Wirtschaftsleben nicht alles gut bestellt.
Auswüchse des Eigennutzes sind häufig; sie sind vom Wirtschaftsleben

26
        <pb n="88" />
        auch gar nicht zu trennen. Man beseitigt solche Auswüchse nicht,
indem man das Priuzip der Privatwirtschaft unterdrückt, sondern man
kann nur dann etwas erreichen, wenn man gegen die Auswüchse selbst
vorgeht. Das erfordert jedoch tiefes Eindringen in die Gesetze des Wirt⸗
schaftslebens und Verständnis für die wirtschaftlichen Vorgänge.
Das Hauptmittel zur Bekämpfung der Auswüchse liegt für den
Staat, wie schon erwähnt, in der Förderung des freien
Wettbewerbs, die er insbesondere durch Schaffung guter Ver—
kehrseinrichtuugen und billige Frachttarife anstreben muß. Sodann
sind stetige politische Verhältnisse, eine gute Währung, geordnete
Verwaltung und Rechtsprechung die besten Mittel, durch die der
Staat erzieherisch und reinigend auf das Wirtschaftsleben wirken
kann. Ueber die direkten Einmischungen des Staates in die Wirtschaft,
wie sie die Kriegs- und. Nachkriegszeit uns gebracht haben, habe ich
mich schon geäußert. Ueber sie fällt Liefmann das vernichtende
Urteil: „Die Folge waren Schiebertum, rücksichtslose Ausnutzung
der politischen und wirtschaftlichen Macht, Verschärfung aller Ge—
gensätze, allgemeine Korruption.“
Ich muß demmach mein Urteil dahin zusammenfassen, daß ich in
der privaten freien Ertragswirtschaft unter Leitung selbstverantwort—
licher Unternehmer nicht nur die zur Zeit zweckmäßigste, sondern auch
die gemäß der menschlichen Natur einzig mögliche Form des Wiert⸗
schaftens erblicke, und daß ich vom Staat nur fordere, daß er durch
seine Politik die Privatinitiative der Unternehmerpersömlichkeiten
sichert und fördert, daß er Auswüchsen durch eine rasche und ver—
ständnisvolle Rechtsprechung eutgegentritt, daß er sich aber der
eignen Betätigung in wirtschaftlichen Dingen enthält, soweit nicht
innerhalb der von mir angedeuteten Grenzen Ausnahmen geboten er—
scheinen.

Dieses Urteil schöpfe ich aus der Beobachtung wirtschaftlicher
Tatsachen, d. h. aus der Erfahrung. Das Urteil hat weder mit der
Politik, noch mit der Moral oder Ethik etwas zu tun, ebensowenig
wie die Beurteilung des Berufes eines Arztes oder eines Architekten.
So selbstoerständlich es ist, daß, wie in allen anderen Berufen, so auch
in der Wirtschaft die Gesetze der Moral und Ethik beobachtet werden
müssen, so wenig darf man doch wirtschaftliche Forderungen selbst mit
moralischen und ethischen Gründen verquicken, sonst hört die Wirt—⸗

37
        <pb n="89" />
        schaft eben auf, die Menschen verhungern und Moral und Ethik
bleiben im leeren Raum zurück.
Es haben diese Dinge auch nichts zu tun mit einer Parteinahme
für den Unternehmer. Es gibt unter ihnen ebenso viele gute und
schlechte Menschen wie in anderen Berufen. Kulturell stehen sie im
Durchschnitt auch nicht höher wie andere Schichten, aber die Stel—
lung, die sie in der Wirtschaft einnehmen, ist für diese ebenso aus—
schlaggebend, wie die Stellung der Künstler in der Kunst, der Ge—
lehrten in der Wissenschaft. Es soll natürlich auch nicht eingetreten
werden für eine steuerliche Schonung der Unternehmer, im Gegenteil,
er soll, wie ich schon betonte, nach seiner Leistungsfähigkeit Steuern
zahlen, und wenn er mehr verdient als andere, auch progressiv mehr.
Aber die Besteuerung darf nicht so weit gehen, daß die Unternehmer—
freude und der Unternehmerwille lahmgelegt werden, oder daß dem
Unternehmen das zu seiner Entwicklung nötige Kapital entzogen wird.
Im übrigen ist ja noch auf audere Weise dafür gesorgt, daß die
Bäume des Unternehmers nicht in den Himmel wachsen. Es ist eine
allgemeine Erfahrung, daß erfolgreiche wirtschaftliche Unternehmun—
gen nur selten während mehrerer Generationen Eigentum derselben
Familie bleiben. Es gilt für den Unternehmer mehr wie für andere
Berufe das Wort: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb
es, um es zu besitzen.“ Wer dieses Wort nicht beachtet, wer die Fä—
higkeit und Willenskraft nicht aufbieten kann, das Unternehmen
richtig zu leiten, der geht seiner Stellung unweigerlich verlustig; dafür
steigen andere Kräfte und oft aus den untersten Schichten des arbei—
tenden Volkes empor und treten an ihre Stelle. Darin liegt auch eine
ausgleichende Gerechtigkeit, die sich von jeher als wirksam erwiesen hat.

28
        <pb n="90" />
        Nachdem ich mich eingehend mit der Stellung des Unter⸗
nehmers in der Wirtschaft beschäftigt habe, wende ich mich jetzt der
Behaudlung der Stellung des Arbeiters und Ange—
ste IItven zu. Bei der Bedeutung dieser Frage für uuser gesamtes
politisches Leben und bei der Verwirrung, die über sie herrscht, halte
ich für notwendig, etwas weiter auszuholen.
Man hat sich in den letzten Jahrzehnten in weiten Kreisen ge—
wöhnt, die Lage, und zwar einseitig die materielle Lage der Hand⸗
arbeiterschaft gleichzusetzen mit der sozialen Frage. Diese Lage
ist aber in Wirklichkeit nur ein kleiner Ausschnitt aus der sozialen
Frage. Es ist der einseitigen Einstellung zweier verschiedener Rich⸗
tungen in unserem öffentlichen Leben zu verdanken, daß die Stellung
des Lohnarbeiters in der Wirtschaft zur sozialen Frage schlechthin ge⸗
stempelt wurde. Zur Erklärung dessen kann man nur auführen, daß
Inter den Arbeitern, zu denen man an sich ebenso gut wie die Lohn⸗
empfänger auch die Gehaltsempfänger, die Angestellten und die Be—
amten, ferner die Angehörigen aller freien Berufe, also das ganze
werktätige Volk rechnen muß, die Haudarbeiterschaft die größte
Zahl bildet, daß sie im Zeitalter der Technik sehr schnell auwuchs
ind dadurch zu einer besonderen Bedeutung gelaugte. Dieser Um—
stand rechtfertigt aber vom volkswirtschaftlichen Standpunkte aus
jene ganz einseitige Betrachtung nicht. „Sozial“ heißt auf deutsch
„gesellschaftlich“. Faßt man also den Begriff richtig auf, so handelt
es sich bei der sozialen Frage nicht um die Lage einer bestimmten, wenn
auch noch so großen Gruppe der Bevölkerung, sondern vielmehr um
die Stellung der einzelnen Gruppen der Bevölkerung zu einander in
gesellschaftlicher Hinsicht. Dazu ist folgendes zu sagen.
„Gesellschaft“ ist etwas anderes wie „Gemeinschaft“.
Unter Gemeinschaft versteht man die natür lich en Beziehungen
der Menschen untereinander, wie sie sich durch Geburt, Abstammung,
Nachbarschaft, Stammes- und Volkszuhörigkeit ergeben. Der Be—
griff „Gesellschaft“ dagegen umfaßt die künstlichen Beziehungen der
Menschen zu einander als Ergebnis ihrer verschiedenen Interessen.

30
        <pb n="91" />
        Daher erscheint der Beruf zunächst als eine gesellschaftliche Einrich—
tung, erwachsen aus der Arbeitsteilung. Wie aber das Wort „Be—
ruf“ einen doppelten Sinn hat, so gehört auch der Beruf beiden Ge—
bieten, der „Gesellschaft“ und der „Gemeinschaft“ an.
Der eine Sinn des Wortes „Beruf“ wird deutlich in dem Aus—
druck „zu etwas berufen sein“. Er bedeutet die Veraulagung, den in—
neren Drang des Menschen zu einer bestimmten Lebensaufgabe.
Wenn man sagt, jemand hat den Beruf zum Künstler, zum Ge—
lehrten, zum Kaufmann, so meint man, daß seine Veraulagung ihn
darauf hinweist, Künstler, Gelehrter oder Kaufmann zu werden, weil
er auf diesem Wege seine Aufgabe im gesellschaftlichen Leben am
besten erfüllt. Der Beruf hängt sehr eng mit den Zwecken des mensch—
lichen Daseins zusammen. Dieser Zweck kann dahin gekennzeichnet
werden, daß jeder Mensch sich bemüht, seine Aufgabe, seinen Beruf
zu erfüllen. In der Erfüllung dieses Berufes liegt ein hohes Maß
von Befriedigung, das derjenige empfinden muß, bei dem der in—
nere Beruf mit der tatsächlichen Berufstätigkeit zusammenfällt. Auf
die Art des Berufes oder die Stellung in ihm kommt es dabei grund⸗
sätzlich nicht an. Ob jemand aus innerem Beruf Landwirt, Arzt,
Pfarrer, Beamter, Kaufmann oder Handwerker, ob er Vorgesetzter
oder Untergebener ist, ist an sich gleichgültig, jeder von ihnen kaun das
gleiche MNaß von Befriedigung empfinden. Für ihn kann es daher
gar nicht die Frage geben, ob ein anderer Beruf ihm etwa größere
Vorteile bietet, sondern ob der von ihm ergriffene Beruf seinen Fähig—
keiten und Neigungen entspricht, und er wird suchen, aus dem Beruf
das Beste zu machen.
Der innere Beruf des Menschen erschöpft sich aber keineswegs
in der Erwerbstätigkeit, diese ist nur ein Ausschnitt aus
seinem Leben, wenn auch ein wichtiger. Der innere Beruf umfaßt
auch die Betätigung außerhalb seines Erwerbs auf anderen Lebens—
gebieten, die Pflege des Familienlebens, die eheliche Gemeinschaft, die
Erziehung der Kinder, die eigne Fortbildung, ferner die Tätigkeit für
Gemeinde und Staat, die Pflege der Geselligkeit, der Körperkultur,
der Künste und Wissenschaften, soweit Aulage und Gelegenheit dafür
dorhanden sind.
Der sehr wünscheuswerte Fall nun, daß die berufliche Tätigkeit
mit dem inneren Beruf zusammenfällt, kommt bei sehr vielen Men—

101
        <pb n="92" />
        schen nicht zustande. Es gibt sehr viele Leute, die, wie man zu sagen
pflegt, ihren Beruf verfehlt haben, sei es, daß sie sich über ihre eignen
Anlagen täuschten, sei es, daß äußere Umstände sie au der Ergreifung
ihres richtigen Berufs verhindert haben. Das ist an sich nicht schlimm,
wenn sie sich an den einmal gewählten Beruf zu gewöhnen, sich in ihn
zu schicken wissen. Viele Menschen besitzen überhaupt kein inneres
Verhältnis zu einem Beruf, sie ergreifen eine Berufstätigkeit ledig⸗
lich nach Nützlichkeitserwägungen, weil sie glauben, in ihm ein gutes
Fortkommen zu finden.
Bei der Berufswahl kommt aber noch etwas anderes, wichtiges,
in Betracht, das ist die Tradition. Der Mensch lebt ja nicht
aus sich allein in der Welt. Wie er das Produkt ist nicht nur seiner
eigenen Ausbildung und seiner Umwelt, sondern auch der von Eltern
und Voreltern ererbten Eigenschaften, der Anlagen seines Stammes
und seines Volkes, so lebt er ja auch nicht nur für die Gegenwart,
sondern auch für die Zukunft, für seine Kinder und Kindeskinder, auf
die sich wiederum seine Eigenschaften übertragen. Begreift der Mensch
dies, so wird er sich nicht dem Eindruck eines engen, geheimnisvollen Zu⸗
sammenhangs mit einem über ihm und seinen Mitmenschen wal—
tenden Schicksals verschließen, dem er bis zu einem gewissen Grade
unterworfen ist, und in den er sich einfügen muß, will er seine Be⸗
stimmung erfüllen.
Früher war die Tradition die alles beherrschende Macht in
unseren gesellschaftlichen Verhältnissen. Der Stand, dem der Vater
angehörte, war auch der Stand des Sohnes. Wer adelig von Ge—
burt war, der gehörte Zeit seines Lebens zu einer bevorrechtigten
Klasse, der Gohn eines Handwerkers konnte selbst uur wieder Hand—
werker, der Gohn eines Bauern und Hörigen selbst nur wieder
Bauer und Höriger werden.
Es ist das Verdienst der liberalen, im letzten Jahrhundert zur
Herrschaft gelangten Gesellschaftsordnung gewesen, diese starren
Schranken niedergelegt zu haben. Vor dem Gesetz gelten keine
Standesunterschiede mehr, jeder ist berechtigt, sich einem ihm passenden
Beruf zuzuwenden. Gleiche Voraussetzungen gelten für die Ab⸗
legung von Prüfungen für diejenigen Berufe, deren Ausübung au
solche gebunden ist. Die Tradition ist dadurch stark gelockert; sie
hat aber deshalb ibre Bedentung nicht verloren. Sie wirkt auch

4
        <pb n="93" />
        heute noch und muß wirken zum GSegen des Einzelnen und des
Volkes. Der Einzelne findet, auf sie gestützt, oft leichter seinen Weg
und fühlt sich sicherer in dem überkommenen Beruf, seine Existenz
wird wurzelhafter, seine Eignung nimumt zu. Daraus erwächst der
Berufsstolz, der dem Menschen mehr Halt und Freude gibt. Dies
gilt nicht nur von den mit Besitz verbundenen Berufen, sondern auch
von solchen, die dieser Grundlage entbehren. Nicht nur der Offizier
und Beamte, auch der Landwirt, Haudwerker und Kaufmann und
biele Arbeitergruppen verfügen über eine Tradition und über einen
Berufsstolz.
Der Nutzen der Berufs-Tradition für das Volk ergibt sich
daraus, daß ein Stamm von Berufsangehörigen mehr Stetigkeit und
Gleichmäßigkeit in die Struktur der Bevölkerung bringt. Au
festesten wurzelt die Tradition noch in der Landwirtschaft. Daher
bildet die Landbevölkerung auch das verhältnismäßig ruhigste,
stetigste, auf Erhaltung der bestehenden Staatseinrichtungen am
meisten bedachte Bevölkerungselement. Bei schwerer Arbeit und ge—
ringsten Lebensansprüchen leistet sie ihre tägliche Aufgabe für sich
und die Allgemeinheit als etwas GSelbstverständliches und Gegebenes.
„Wir kennen das nicht anders!“ sagte mir ein alter Bauer lachend,
als ich ihn am Gamstag noch abends spät bei der Arbeit traf und
ihn darauf ansprach; mit dieser Bemerkung war für ihn das Problem
der Arbeitszeit gelöst. Je weniger Tradition in einem Beruf vor⸗
handen ist, umso veränderlicher, unstetiger und unzuverlässiger ist die
betreffende Bevölkerungsgruppe in ihren Ansprüchen und in ihrem
Verhältnis zum Staat. Das gilt für die ganze städtische Bevöl—
kerung, insbesondere aber für die Measse der gewerblichen Arbeiter.
Alles dies muß man berücksichtigen, wenn man von der sozialen
Frage spricht, sie ist eine Frage der gesellschaftlichen Zusammenhänge,
 der Eingliederung der einzelnen Schichten in die Gesamtheit
des Volkes und in die Zwecke des Staates, eine Frage des harmo—
nischen, zweckmäßigen Verhältnisses der Stände und Berufe zu⸗
einauder, eine Frage schließlich der Hebung des ganzen Volkes in knl⸗
tureller und wirtschaftlicher Hinsicht.
Aus jenen Kreisen nun, denen jede Tradition mangelt und die
kein inneres Verhältnis zu ihrem Beruf und ihrer Umwelt ge—
kunden haben, entstehen leicht mit ihrem Schicksal unzufriedene Ele—

42
        <pb n="94" />
        mente, die der Gesellschaft gefährlich werden können. Die Lösung
der sozialen Frage besteht deshalb in der Aufgabe, den nen auf⸗
treteuden Massen von Berufsangehörigen ohne Tradition das Be⸗
wußtsein ihres Zusammenhaugs mit dem Volksganzen zu vermitteln,
sie zum Verständnis ihrer Aufgabe, ihres Berufes zu bringen und
ihnen den Weg zum Berufsstolz zu zeigen.
Es war der schwere Fehler der beiden von mir erwähnten Rich⸗
tungen, nämlich des Marxismus und des Katheder⸗Gozialismus, die
soziale Frage nicht von diesem umfassenden Standpunkte aus behaudelt
zu haben, sondern lediglich unter dem Gesichtspunkte, wie man den
Massen der gewerblichen Arbeiter ein möglichst großes Maß mate⸗
rieller Wohlfahrt und von Macht vermitteln könne.
Beide Richtungen, obwohl theoretisch stark von einander ab⸗
weichend, haben dabei die soziale Entwicklung in gleicher Weise
schädrich beeinflußt.
Karl Marx hat die Lehre vertreten, daß alle menschliche
Arbeit gleich zu bewerten sei. Er behauptete ferner, das Ergebnis
der Wirtschaft sei das Werk vorwiegend der Handarbeiter. Für
ihn ist der Unternehmer nur der Kapitalist, d. h. der Kapitalverleiher.
Da aber das Kapital nur aufgespeicherte Arbeit sei, so habe der
Unternehmer dasselbe zu Unrecht an sich gerissen, es gehöre in Wahr⸗
heit den Arbeitern. Er schaltet damit aus der Unternehmung die
wichtigsten Faktoren, den Unternehmerwillen, die Unternehmer⸗
berantwortung und die Unternehmertätigkeit aus und läßt nur übrig:
Kapital und Handkraft.
Da Marx rein materialistisch denkt, so faßt er auch die Arbeit
lediglich als eine Ware auf, in deren Besitz sich der Kapitalist gegen
einen möglichst geringen Kaufpreis setzen will, um einen möglichst
bohen Profit für sich herauszuschlagen.
Das ist in wenigen Strichen die Lehre von Karl Ndarr und
seiner Schule, soweit die Stellung des Arbeiters zur Wirtschaft in
Betracht kommt. Im Mittelpunkt der Wirtschaft steht nach ihrer
Meinimg der Arbeiter, der in Wahrheit der Produzent, in Wirk—
lichkeit aber das Objekt der Ausbeutung des Unternehmers sei. Die
Arbeiter oder, wie sie sich nennen, die Proletarier, sind eine geschlossene
Klasse, der als Feind die „Bourgeoisie“, die Inhaber des Kavitals“,

33
        <pb n="95" />
        gegenüberstehen. Der Mearxismus kennt in seiner materialistischen
Denkweise keine Landesgrenzen, er will unter dem Ruf: „Proletarier
aller Länder vereinigt Euch!“ die Gesamtheit der Arbeiterschaft zum
Kampf führen gegen die Bourgeoisie aller Länder; er ist internalional.
Dabei gebraucht er als wichtigstes Mittel die Erregung der Unzu—⸗
friedenheit jener traditionss und wurzellosen Moassen. Die Unzu—⸗
friedenheit ist ja nun nach sozialistischer Auffassung die Mutter allen
Fortschritts. Diese Ansicht ist, wie alle sozialistischen Lehren, nicht durch⸗
aus falsch, aber sie uuterschlägt eine wichtige Unterscheidung. Denn
es gibt zwei Arten von Unzufriedenheit, die Unzufriedenheit mit sich
selbst und die Unzufriedenheit mit anderen. Die Unzufriedenheit imit
sich selbst, mit —DD—— sehr
wirksame Llrsache des Fortschritts; sie bohrt in den Meuschen und
spornt sie zu höheren Leistungen an.
Die Sozialisten aber meinen nicht diese Unzufriedenheit, sondern
die zweite Art, die Unzufriedenheit mit den Anderen. Auf dieser
leicht aufzustachelnden Unzufriedenheit mit anderen Personen oder mit
äußeren Gewalten, beruht ihre Hauptagitatiouskraft, da es bekannt—
lich sehr viel leichter und bequemer ist, andere anzuklagen, als sich
selbst und viel leichter tausend Menschen unzufrieden zu machen, als
einen einzigen zufrieden. Ganz besonders leicht ist die Erregung der
Unzufriedenheit, wenn man sich Objekte für seine Angriffe aussucht,
die nicht greifbar sind, wenn man sie also richtet gegen allgemeine
Zustände, gegen die „Gesellschaft“ oder gegen den „Staat“. Daraus
erklärt sich zum größten Teil die Macht der sozialistischen Ideen
über die Massen.
Ganz anders sind Beweggründe und Methoden des Kathede r—
Sozialismus. Unter ihm versteht tnan bekanutlich diejenigen
Kreise der national-ökonomischen Wissenschaft, die sich zu Aufang der
7oer Jahre in dem „Verein für Sozialpolitik“ zusammengeschlossen
haben und die es sich zur Aufgabe machten, die Wirtschaftsverfassung
im GSinne ihrer Ideale zu verbessern und zwar einseitig in der Rich⸗
tung der Bestrebungen der Handarbeiter. Der Verein setzte sich,
wie es noch der langjährige Vorsitzeude Professor Schmoller bei der
Tagung des Vereins im Jahre 1909 ausführte, die Aufgabe,
die sozialen Gegensätze zu mildern und einer gerechten Sozial⸗
gesetzgebung den Boden zu bereiten.

44
        <pb n="96" />
        Wie man sieht, ist der Staudpunkt des Katheder⸗Sozialismus
dem des Marxismus an sich entgegengesetzt. Ersterer will die Aus—
söhnung, letzterer den Kampf, ersterer steht auf nationalem, letzterer
auf internationalent Boden. Aber in seinen Voraussetzungen und
Forderungen komtt der Katheder-Gozializsmus dem NTarxismus doch
recht weit entgegen.
Vor allem billigt und befürwortet er die Kampforganisation
der Arbeiter, indem er der Meinung ist, daß es sich bei dieser Or⸗
ganisierung umr die Aufwärtsbewegung eines neuen, des vierten
Standes handele, der um seine Anerkennung kämpft. Er glaubt, daß
diese Bewegung zu einer kulturellen Hebung der Arbeiterschaft führe
und daß durch Schaffung von Organisationen auf beiden Geiten,
d. h. auf Arbeiter⸗ und auf Unternehmerseite, die Grundlage zu einer
gegenseitigen Verständigung, zum sozialen Frieden gelegt werde.
Der Katheder-Sozialismus billigt auch den Streik der Ar—⸗
beiter als Kampfmittel, als der einzigen, dem Arbeiter imm Wirt
schaftskampf zur Verfügung stehenden Waffe.
Er billigt auch den Kampf der organisierten gegen die un—
organisierten Arbeiter, weil er die Meinung hegt, die Verständigung
beider Parteien erfordere geschlossene Fronten.
In der Beurteilung der Stellung des Unternehmers geht er
zwar durchaus nicht so weit, dessen Existenzberechtigung zu bestreiten.
Er billigt dem Unternehmer auch besondere Qualitäten in der Leitung
des Betriebs zu, seine Vertreter aber rechnen doch die Unternehmer—
tätigkeit unter den allgemeinen Begriff der Arbeit. Sie sprechen
daher auch vom Unternehmerlohn als einenn Auteil am Ertrag und
erörtern seine zulässige Höühe. Daß die ganze Wirtschaft auf dem
Ertragsprinzip beruht und auf der alleinigen Unternehmerveraut—
wortlichkeit, erkennen sie demgemäß nicht an und fassen das Wirt—
schaftsleben nicht als eine dynamische Erscheinung auf, sondern als
ein reines Vertragsberhältnis, und zwar als ein solches zwischen Un—
ternehmer und Arbeiter, wobei sie häufig au die Stelle des Unter—
nehmers das Kapital setzen und mit dem Begriff Kapital genau so
operieren wie Karl Marx.
—
sctzungen weitgehende Schlüsse hervorgehen müssen und zwar Schlüsse
hauptsächlich nach zwei Richtungen.

44
        <pb n="97" />
        Einmal hält der Katheder-Sozialismus es für berechtigt, wenn
die Arbeiter einen Teil am Ertrag des Unternehmens erhalten. Dieser
Ertrag sei ja ebensowohl unter Mitwirkung der Arbeiter wie unter
Mitwirkung des Unternehmers zuastandegekommen.
Die Lohnbewegung der Arbeiter zur Erringung eines größeren
Anteils am Ertrag ist nach seiner Neeiinung durchaus berechtigt,
auch wenn der Kampf mit Mitteln des Streiks geführt wird.
Die zweite Folgerung ist, daß nicht der Unternehmer allein das
Verfügungsrecht über seinen Betrieb habe. Er macht es den Unter⸗
nehmern zum schweren Vorwurf, wenn sie den Standpunkt des
„Herrn im Hause“ vertreten. Das bedeute ein Herrschaftsverhält—
nis im Sinne der absoluten Monarchie, das in die heutige Zeit der
konstitutionellen oder varlamentarischen Regierungsweise nicht mehr
vasse.
Deshalb spricht der Katheder-Sozialismus von dem durch die
Gewerbeordnung geschaffenen Arbeitsverhältnis als von einem „Ge—
waltverhältnis“, das den Arbeiter der Willkür des Unternehmers
preisgebe und fordert, daß dieses Gewaltverhältnis zu einem Rechts—
verhältnis umgestaltet werde und daß der Arbeiter an der Mitbe—
stimmung über den Betrieb beteiligt werde. Von der Abhängigkeit
des Unternehmers von den Produktions⸗ und Marktverhältnissen,
von seinem vollen Risiko für Verluste, das auf dem Unternehmer
lastet, spricht er nicht oder nur ganz nebenbei.
Der Katheder-Sozialismus überschätzt außerordentlich die Be—
deutung des Kapitals in der Wirtschaft und spricht dann ebenfalls
von einem Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit.
Endlich ergibt sich aus seinen Voraussetzungen, daß der Katheder—
Sozialismus allen Bestrebungen auf Sozialisierung grundsätzlich
freundlich gegenübersteht. Es ist ja klar, daß, wenn man die
Funktion des Unternehmers in der Wirtschaft nur als eine Arbeitsleistung
 wie jede andere wertet, gar nicht einzusehen ist, warum denn
nicht die Allgemeinheit, d. h. der Staat, die Unternehmungen ein—
richten und führen und demgemäß auch die Erträge zum Nutzen der
Allgemeinheit einziehen soll. Die Persönlichkeit tritt bei ihm in den
Hintergrund gegenüber der Idee der Organisation.
Wenn auch die Ansichten des Katheder-Sozialismus nicht in
ein festes Programm gefaßt sind, so ist doch seine Auschauuugsweise,

36
        <pb n="98" />
        wie ich glaube, in den von mir vorgetragenen Sätzen im allgemeinen
zutreffend gekennzeichnet. Dadurch, daß der Katheder-Gozialismus
mit der Zeit fast alle Lehrstühle der Nationalökonomie auf den
deutschen Universitäten besetzte, gewannen seine Anschauungen immer
mehr Geltung, pflanzten sich insbesondere fort in die Atmtsstuben der
Behörden und in die Parlamente. Es ist das Verhängnis dieser
Richtung, daß sie von der objektiven Stellung der Wissenschaft ab—
wich, daß sie sich überall zu Werturteilen berufen fühlte. Jeder
galt daher sehr bald als unsozial und reaktionär, der diese einseitige
Gedankenrichtung nicht teilte, der die wirtschaftlichen Dinge von
einem anderen Standpunkte aus betrachtete. Wer eine recht weit⸗
gehende Verschiebung der Macht- und Rechtsverhältnisse zu Gunsten
der Arbeiter gegenüber dem Unternehmer befürwortete, der galt als
„fortgeschrittener Sozialreformer“. Ueberhaupt galt jede Forderung
auf Erweiterung der Arbeiterrechte ohne weiteres als fortschrittlich,
ebenso wie in der Politik jede Verschiebung der Macht zugunsten
der Masse vielfach als Fortschritt gegolten hat und noch heute gilt.
Dazu förderte nun der Katheder-Gozialismus die sozialistischen
Lehren noch dadurch, daß er stets von den berechtigten Kern des
Sozialismus sprach. Dieser Ausdruck ist ja an sich schon sprachlich
fehlerhaft, deun da der Vergleich mit dem „Kern“ aus der Natur—
geschichte stammt, so kann man nur von einem gesunden und einem
— DD—
tigste an einer Frucht ist, so hat man also die sozialistische Lehre tnit
der Wendung von dem berechtigten Kern im Grunde als richtig an⸗
erkannt. Das war für die sozialistische Propaganda außerordentlich
wertvoll. Wenn man das Bild zutreffend hätte anwenden wollen,
so hätte man sagen müssen, daß die sozialistische Lehre sich mit
manchem grünen Blatt schmückt, das der bürgerlichen Anschauungs—
welt entnommen ist, daß aber die Lehre selbst, d. h. der Kern, faul
durch und durch ist.
Dazu kam noch eine andere sehr gefährliche Tendenz.
Die wachsende Mißstimmung der Arbeiter, die ganz wesentlich
durch die Lehren des Katheder-Gozialismus gefördert wurde, weil
durch sie Ansprüche geweckt wurden, hat man als Beweise dafür
augeführt, daß der Arbeiter nicht mehr gewillt sei, sich kommandieren
zu lassen, daß er den berechtigten Wunsch habe, in der Wirtschaft

77
        <pb n="99" />
        als gleichberechtigter Faktor neben dem Unternehmer mitzuwirken.
Diesem Wunsche müsse man entgegenkommen, um den sozialen
Frieden herzustellen.
Man erkennt also, daß, wenn auch der Katheder-Sozialismus
in seinen Anschauungen Marx nicht gerade zustimmt, seine Aus—
gangspunkte ihm theoretisch sogar entgegengesetzt sind, doch seine
Argumente zum großen Teil aus dem Arsenal der Marxisten
stammen. Diese konnten ihrerseits nun mit Recht dem Kacheder—
Sozialismus Halbheit vorwerfen, da er nicht die ganzen Folgerungen
aus seinen Zugeständnissen zog, was die Marxisten selbst taten.
Daß die Gedankenwelt der Mrarxisten sich infolge der Stellung
nahme der Wissenschaft nun auch die ganze öffentliche Meinung
eroberte, kann niemand wundernehmen, der die Hochachtung der
deutschen Oeffentlichkeit vor allem, was mit Wissenschaft zusammen
häugt, keunt. Ernst Horneffer in seinem Buch „Die große Wunde“
hat daher ganz recht, wenn er sagt: „Unbemerkt, uns selber unbewußt,
sind wir alle Marxisten geworden.“
Man kann sich nach alledem nicht wundern, wenn Parteien
und Regierungen, insbesondere unter dem Druck des allgemeinen
und gleichen Wahlrechts, d. h. unter dem Druck der Masse, die
ganze Sozialpolitik ebenso ansahen, wie die Katheder-Sozialisten oder
wie die Mearxisten, daß ihr Bestreben also dahin ging, durch Zuge—
ständnisse von Seiten des Staates die Lage der Arbeiter, wie man
meinte, zu verbessern, um dadurch ihre Unzufriedenheit zu beseitigen.
Hinzu kam, daß von seiten der Arbeitgeberschaft sich kaum ein
ernster Widerstand geltend machte. Die Arbeitgeber hatten ihre
Kräfte darauf konzentriert, die Wirtschaft zu entwickeln und in die
Höhe zu bringen. Den kaufmännischen und den technischen Talenten
bot sich, nachdem es gelungen war, Dampf und Elektrizität in den
Dienst der Wirtschaft zu stellen, eine unendliche Fülle von Aufgaben.
Die deutschen Unternehmer haben diese Aufgaben glänzend gelöst.
Sie haben aber, von ganz wenig Ausnahmen abgesehen, keine Zeit
gefunden, sich auch noch mit den Grundfragen der Volkswirtschaft
und der Soziologie zu befassen und vom Standpunkte ihrer praktischen
Erfahrungen an ihrer Lösung mitzuwirken. Die Unternehmer
scheuten es und waren vielfach nicht gewandt genug, um in der Oeffeut—
lichkeit hervorzutreten; sie wollten sich auch nicht dem Vorwurf einer

48
        <pb n="100" />
        „unsozialen“ Gesinnung attssetzen. Zudem war gar nicht zu leugnen,
daß die moderne, rasche Entwicklung des Maschinenwesens und die
Anhäufung großer Arbeitermassen Gefahren mancherlei Art für
Leben und Gesundheit der Arbeiterbevölkerung mit sich brachten. Die
deutschen Unternehmer haben zwar viel und jedenfalls mehe als die
Unternehmer irgend eines anderen Landes getan, um die Lage ihrer
eigenen Arbeiter zu verbessern; Mißstände von der schlimmen Art,
wie in England, dessen Verhältnisse in der Mitte des vorigen Jahr—
hunderts Karl MTarx als typisch für die ganze moderne Entroicklung
seinen Lehren zugrunde legte, gab es in Deutschland nicht, aber, wie ge—
sagt, auch bei uns waren Mißstände vorhanden, die aus Auswüchsen des
Eigennutzes vieler Unternehmer eutstauden; sie veranlaßten viele Wohl⸗
meinende nuter ihnen zu falschen Schlüssen und lähmten ihre Wider—
standskraft gegen die grundsätzlich bedenkliche Eutwicklung der Ar—⸗
beiterbewegung. Daß die vorhandenen sozialen Mißstände micht ein—
fach auf dem Wege des freien Spiels der Kräfte zu beseitigen waren,
sondern des Eingreifens der Gesetzgebung bedurften, ist richtig. Eine
gesunde Sozialpolitik war unbedingt berechtigt.
Bismarck selbst hat sie eingeleitet und wurde von Unternehmer⸗
seite darin unterstützt. Es wurden früher und vollkommener als in an—
deren Ländern, mit denen wir in Wettbewerb standen, Urbeiter⸗—
schutz, und Arbeiterversicherungsgesetze geschaffen
und Bismarck verstand sich doch einigermaßen auf die richtige Ein—
schätzung der realen Kräfte und der psychischen Momente oder Im—
ponderabilien, wie er es nanute.
Während er aber auch diesen Zweig seiner Tätigkeit in den all⸗
gemeinen Rahmen seiner großen Staatskunst spannte, insbesondere die
Sozialpolitik immer auch vom GStandpunkte der Wirtschaftspolitik
betrachtete und keinen Schritt weiterging, als er es jeweils von diesem
allgemeinen Standpunkte aus verantworten konnte, bildete sich all⸗
mählich unter dem Einflusse eben des Katheder-GSozialismus ein
Spezialistentum für das Gebiet der Sozialpolitik aus, das die sozialen
Forderungen als Gebiet für sich, losgelöst von der allgemeinen Politik
und von der Wirtschaft, betrachtete und behandelte. Forderungen, die
nur von einer leistungsfähigen Wirtschaft erfüllt werden konnten, wur—
den als an sich berechtigt erklärt, ihre Ablehnung daher als eine gegen
das Interesse und die Rechte der Arbeiter gerichtete Haltung erklärt.

30
        <pb n="101" />
        Dazu kam später unter Kaiser Wilhelm V. die Einstellung auf das
internationale Gebiet. Mdan glaubte, es ließen sich weit—
gehende Forderungen verwirklichen, wenn sie nur durch internationale
Verträge anerkannt und auf alle größeren Industriestaaten ausge—
dehnt würden. Dieser Standpunkt ging lediglich von der Wettbewerbs—
fähigkeit der eignen Industrie auf dem Weltmarkte aus und ließ zwei
wichtige Dinge außer acht. Einmal, daß internationale Verträge, die
innere Angelegenheiten der Staaten betreffen, nur einen sehr beding—
ten Wert und eine sehr verschiedene Bedeutung in den einzelnen
Ländern haben. Denn da auf die Ausführung alles ankommt,
so sind bei internationalen Abmachungen diejenigen Staaten im
Nachteil, bei denen sich der Inhalt der Gesetze mit der Ausführuug
deckt; das war so im alten deutschen Reich. In anderen Ländern ist
das aber ganz anders, da entspricht die Ausführung oft keineswegs
dem Wortlaut und Geist der Gesetze. Außerdem enthalten inter—
nationale Vereinbarungen solcher Art so viele ausgesprochene und
nnausgesprochene Vorbehalte, daß von einer Gleichmäßigkeit in der
Durchführung nicht gesprochen werden kann.
Internationale Vereinbarungen über konkrete Punkte bedeuten
aber auch ihrem Sinne nach häufig etwas ganz verschiedenes in den
einzelnen Ländern. Nehmen wir z. B. die Regelung der Ar—
beits zeit. Der Achtstundentag bedeutet in einem Lande mit inten⸗
siver Arbeitsweise etwas ganz anderes als in einem Lande mit einem
gemächlicheren Arbeitsrhythmus, in einem industriell weit vorgeschrit⸗
tenen Lande etwas anderes als in einem Lande mit vorzugsweiser
Landwirtschaft und Handarbeit. Deshalb sträuben sich mit Recht
viele Staaten gegen eine einheitliche Regelung. So sehen wir auch,
daß zwar unter dem vorübergehenden Druck einer gewissen Zeit—
strömung auf einer internationalen Arbeiterkonferenz in Washington
der Achtstundentag angenommen worden ist, daß es aber den wichtig
sten Ländern, insbesondere England und den Vereinigten Staaten
selbst gar nicht einfällt, diese Vereinbarung zu ratifizieren.
Vor allem übersieht aber der erwähnte Standpunkt die Grund⸗
gesetze der Wirtschaft, bei der es nicht darauf ankommt, daß gleich
viel oder gleich wenig in den verschiedenen Ländern gearbeitet wird,
sondern daß in dem einzelnen Lande aus der Arbeit ein Ertrag erzielt
werden muß, der erheblich größer ist als der Wert dessen, was in den

307
        <pb n="102" />
        Produktiousprozeß hineingesteckt wird. Dieser Ueberschuß muß in
einem Land wie Deutschland, das aufs äußerste geschwächt und auf
unbestimmte Zeit mit gewaltigen Tributleistungen belastet ist, natur—
gemäß noch größer sein, als in anderen Ländern, die die Nutzunießer
dieser Leistungen sind. Es ist also die Gleichstellung der Arbeiter in
den verschiedenen Ländern in bezug auf ihre Arbeitszeit ein ganz ver—
fehltes Beginuen.
Die Anerkennung allein, die darin lag, daß man bei uns zu weit⸗
gehende Forderungen aufstellte und sie zum Gegenstand internationaler
Besprechungen machte, mußte Wasser auf die Mühle der Sozialisten
treiben. Denn nun war es klar, daß nur der „profitwütige Kapitalis—
mus“ die Durchsetzung berechtigter Forderungen verhinderte und um
so heftiger setzte der Kampf um ihre Durchführung ein.
Natürlich will ich damit nicht ganz allgemein alle internationalen
Vereinbarungen verwerfen. Ich mache nur darauf aufmerksam, wie
—E
warum Bismarck sich so entschieden gegen die internationalen Kon—
ferenzen aussprach, in denen ganz ungeklärte soziale Fragen zur öffent—
lichen Diskussion gestellt werden sollten. Was unserer Gesetzgebung
und auch diesem Vorgehen auf internationalem Gebiet einen fatalen
Stempel aufdrückt, das ist noch der Umstand, daß man viele Forde⸗
rungen aufstellt, nicht weil man sie innerlich für berechtigt hält, son⸗
dern weil man dem Drängen der Massen nachgeben will, also aus
Furcht vor der Masse, und daß man ihnen doch nur teilweise nach—
geben kann.
Diese falsche psychologische Einstellung nud diese Schwäche
führen infolgedessen zu Ergebnissen, die den gehegten Erwartungen
nicht entsprechen, ja ihnen entgegengesetzt sind und von denen nur der—
jenige überrascht sein kann, der sich in ideologischen Vorstellungen
bewegt.
Während Deutschland mit seiner sozialen Gesetzgebung, sowohl
was den Arbeiterschutz, wie die Arbeiterversicherung betrifft, schon
in der Vorkriegszeit allen anderen Staaten weit voraus war, nahm
die sozialistische Bewegung unter der deutschen Arbeiterschaft an Um—
fang weit mehr zu als in allen anderen Ländern. Insbesondere hat
der absurde Gedanke einer internationalen Solidarität der Arbeiter—
schaft gegenüber der Bourgeoisie nirgends außer in Deutschland festen

101
        <pb n="103" />
        Fuß gefaßt. Die Früchte davon haben wir darin gesehen, daß die
deutsche Arbeiterschaft in ihrer Mehrheit während des Krieges mehr
Vertrauen auf die Hilfe der angeblich ebenso gesinnten Genossen in
den feindlichen Läudern setzte, als auf die Gemeinschaft des eignen
Volkes.
Heute mehren sich denn auch die Stimmen, die eine Prüfung der
Frage fordern, ob wir mit unserer Einstellung zur sozialen Frage auf
dem rechten Weg gewesen sind. Sie werden aber noch übertönt von
der Masse derjenigen, die in der Erörterung aller dieser Fragen nur
einen Kampf zwischen Unternehmern und Arbeitern oder, wie es falsch
heißt, zwischen Arbeit und Kapital sehen. Daher erklärt sich auch die
Gehässigkeit und die Leidenschaft, mit der gegen diejenigen gestritten
wird, die eine andere Anschauung vertreten als sie den Wünschen der
Masse entspricht.

102
        <pb n="104" />
        Wir wenden nuns heute der näheren Betrachtung der Stel—
kung des Arbeiters und Angestellten zu. Man
kann hierbei zwei Grundanschauungen uuterscheiden. Die eine
geht von der Anerkennung der natürlichen Gesetze der Wirt⸗
schaft, modifiziert durch staatliche Maßnahmen zum Schutze der Per—
sönlichkeit aus, die zweite, die marxistische, geht aus von der Forderung
der Herrschaft des Handarbeiters über den Ertrag und die Wirtschaft.
Zwischen beiden Auschaunugen steht die kathedersozialistische Richtung,
die moralische und ethische Grundsätze in die Wirtschaftsverfassung
hineinträgt und auf eine Art Parität zwischen Unternehmer und
Arbeiter ausgeht. Die Blüte dieser letzten Anschauung haben wir
nach dem Krieg erlebt.
Die Stellung des Arbeiters und Angestellten in der natür—
lichen Wirtschaftsorduunmng ergibt sich indirekt aus der
Stellung des Unternehmers in ihr. Sie sei nochmals kurz gekennzeich⸗
net. Der Unternehmer istder eigentliche Träger des Wirtschaftsbetriebes,
d. h. derjenige, durch dessen Wille und auf dessen Verantwortung der
Betrieb geschaffen wurde und auf dessen Handeln der Erfolg des Unter⸗
nehmens in erster Linie beruht. Aus dieser seiner Stellung leiten sich
bon selbst seine Aufgaben ab: die Auswahl und das zweckmäßige Zu—
sammenfügen der Wirtschaftsfaktoren zu einem erfolgversprechenden
Wirtschaftsbetrieb. Er hat den Ort zu wählen, der für den Betrieb
geeignet ist, die Augestellten und Arbeiter zu gewinnen, die er ge⸗
brauchen kann, die Maschinen, Einrichtungen und Rohstoffe zu be—
schaffen, die nach Eignung und Preis notwendig sind. Nur wenn er
die Auswahl richtig trifft und wenn er richtig kalkuliert, kann es ihm
gelingen, den Zweck des Wirtschaftens zu erreichen, d. h. mittels des
Betriebsertrags die verbrauchten Kräfte und Stoffe zu ersetzen und
die Mittel zur Fortführung, Verbesserung und Erweiterung des Be—
triebs zu gewinnen. Da er in bezug auf die Preise an die inländischen
und zum Teil au die ausländischen Marktverhältnisse gebunden ist,
so ist er gezwungen, seine Preise so niedrig zu halten, daß er für seine
Erzeuguisse Absatz findet. Das bedeutet richtig verstanden, keineswegs

92
        <pb n="105" />
        die Benutzung der billigsten Produktionsmittel und die Zahlung nied—
rigster Löhne, sondern die Auschaffung derjenigen Maschinen und die
Anstellung derjenigen Arbeitskräfte, die den höchst möglichen Nutz—
effekt versprechen, ferner die tunlichste Schonung der Produktious—
mittel, damit sie ihm recht lange dienen. Es bedeutet aber andererseits,
daß der Unternehmer letzten Endes selbst darüber entscheiden muß,
welche Löhne er zahlen und welche Preise er anlegen kaun.
Der Arbeiter und Angestellte ist hiernach zunächst Produk⸗—
tiomnsfaktor in der Haud des Unternehmers, d. h. er hat den Wir—
kungskreis auszufüllen, den ihm der Unternehmer auweist. Füllt er
seinen Platz nicht aus, so muß der Unternehmer die Möglichkeit haben,
ihm zu kündigen, ihn zu entlassen. Er würde gegen das Gesetz der Wirt⸗
schaft handeln, wenn er von diesem Recht gegebenenfalls nicht Ge—
brauch machen würde. Darin liegt für den Arbeiter und Angestellten
nichts Entwürdigendes, auch nicht einmal etwas Minderwertiges
gegenüber der Unternehmerstellung. Dienende Stellungen sind in
vielen Fällen wertvoller als Unternehmerstellungen. Man braucht
nur an Jugenieure, Prokuristen, Justitiare, Künstler zu denken, von
denen viele sich in einem Angestelltenverhältnis bei großen Werken
befinden, die nach ihrer wirtschaftlichen und sozialen Stellung mit
vielen Unternehmern nicht tauschen werden. Aber auch Facharbeiter,
die auf ihrem Gebiete Gutes leisten, brauchen sich nicht untergeordnet
zu fühlen, wie überhaupt jeder tüchtige Arbeiter gleicher Achtung
wert ist. Viele Personen, darunter sehr tüchtige, ziehen eine ab—
hängige Stellung, die bei ordentlichen Leistungen eine gewisse Sicher—
heit bietet und dem Inhaber gestattet, frei von den Sorgen eines Uu—
ternehmers sich seiner Arbeit hinzugeben und die arbeitsfreie Zeit
seinen persönlichen Neigungen zu widmen, einer sorgenvollen Unter⸗
nehmerexistenz vor. Wer von beiden, Unternehmer oder Arbeiter
bezw. Angestellter, dem auderen gegenüber die stärkere Stellung ein—
nimmt, läßt sich auch nicht allgemein sagen. Es hängt dies wesentlich
von der Persönlichkeit und Leistungsfähigkeit des Arbeiters und An—
gestellten und zum anderen Teil von der Konjunktur ab. Die Stel—
lung des Arbeitnehmers ist um so stärker je besser die Konjunktur, d.
h. je stärker die Nachfrage nach Arbeitskräften ist, sie ist um so
schlechter, je geringer die Nachfrage, je ungünstiger die Konjunktur.
Daß zahlreiche Arbeiter häufig ihre Stelle freiwillig wechseln, häu—

104
        <pb n="106" />
        figer, als es oft den Unternehmern lieb ist, bloß um sich anderwärts
umzusehen, beweist auch, daß allgemein von einer Abhängigkeit des
Arbeiters vom Unternehmer nicht die Rede sein kann. Daß umge—
kehrt äußere Umstände oft einen starken Zwang auf den Arbeitnehmer
ausüben und die Willensfreiheit beschräuken, ist richtig, das gilt
aber auch von dem Unternehmer und mehr oder weniger von allen
Berufen. Die absolute Freiheit des Handelns ist nur Wenigen ver—
gönnt, für die meisten Menschen ist sie ein Traum und Trugbild.
In der natürlichen Wirtschaftsordnung ist der Arbeitnehmer
auch nicht gehindert, sich mit seinesgleichen zusammenzutun, um die ge—
meinsamen Interessen zu vertreten. Seine innere Verbundenheit mit
dem Unternehmen, dem er dient, verlangt aber von ihm, daß er sich
nicht ohne Not in einen Gegensatz zu dem Betrieb und seinem verant⸗
wortlichen Träger begibt, daß er die Solidarität mit ihm höher stellt
als die Solidarität mit Arbeitern und Angestellten anderer Werke. Von
dieser inneren Verbundenheit wollen Marxisten und Gewerkschaften
nichts wissen, weil sie sich in bewußten Gegensatz zu dem Unternehmer
stellen.
Wie schon aus dem Vorgesagten hervorgeht, bedeutet der Um—
stand, daß der Arbeitnehmer zunächst Produktionsfaktor ist, nicht die
willkürliche Herrschaft des Unternehmers über dessen Arbeitskraft.
Er ist ja auch Mensch, Volksgenosse und Staatsbürger ebenso gut
wie der Unternehmer. Deshalb hat auch der Staat dafür einzutreten,
daß der Arbeitnehmer in diesen seinen Interessen und Rechten nicht
durch den Egoismus einzelner Unternehmer geschädigt wird. So wenig
der Staat gestatten darf, daß in Wohnbezirken gesundheitsschädigende
und verkehrshemmende Betriebe errichtet werden, so wenig darf er
auch eine unbillige Ausnutzung der Volkskraft dulden, wie sie in den
Arbeitern und Angestellten verkörpert ist. Staatliche Maßnahmen
dürfen jedoch niemals dazu führen — und das ist das Entscheidende —,
daß durch sie der Zweck der Wirtschaft vereitelt wird. Ebenso darf
die Steuergesetzgebung wohl der Wirtschaft Leistungen auferlegen, sie
aber nicht in der Erfüllung ihrer Aufgabe, nämlich der Erzielung
eines zu ihrer Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung nötigen Er—
trags, behindern und die Unternehmerfreudigkeit untergraben.
Die natürliche Wirtschaftsordnung war im großen und ganzen
vor dem Krieg vorherrschend. Man kann daher ihre Folgen einwand—

105
        <pb n="107" />
        frei feststellen. Sie kamen darin zum Ausdruck, daß die Produktion
sich ständig hob, der Wohlstand in allen Bevölkerungsschichten sich
fortgesetzt vermehrte, die Auswanderung von Deutschen in fremde
Länder trotz starker Bevölkerungszunahme bis auf einen Bruchteil
zurückging, ja einer zunehmenden Einwanderung ausländischer Ar—
beitskräfte Platz machte. Von einer Verelendung der Massen, wie sie
Mdarx als notwendige Folge des „kapitalistischen Systems“ voraus—
gesagt hatte, konnte nicht die Rede sein. Dabei ergab die ständige Ver⸗
feinerung der Arbeit und die fortschreitende Vervielfältigung der
Bedürfnisse eine zunehmende Auswahl von Berufstätigkeiten and
demgemäß auch von Aufstiegmöglichkeiten. Selbstoerständlich fehlten
diesem Bild nicht die Schatten, auf die ich noch zu sprechen komme.
Aber das Gesaumtbild zeigte einen stetig zunehmenden Wohlstand und
wirtschaftlichen Aufstieg des ganzen Volkes in allen seinen Schichten.
Betrachten wir nun noch genauer die Stellung der Arbeiter und
Angestellten nach der marxist ischen Anschauung. Das Kenn—
zeichnende des Marxismus ist bekanntlich seine theoretische Konstruktion
 des, Mehrwertes“. Er versteht hierunter den Unterschied zwischen
den Produktionskosten einer Ware und deren Preis. Dieser Mlehr⸗
wert soll nach seiner Lehre lediglich durch die Tätigkeit der Hand⸗
arbeiter erzielt sein, der diesen aber von dem Unternehmer als Aus—
beuter fremder Arbeitskraft vorenthalten werde. Dadurch, daß der
Unternehmer den Gewinn einstreicht, beraube er den Arbeiter seines
rechtmäßigen Verdienstes und häufe das Kapital an, mit dessen Hilfe
er den Arbeiter völlig beherrschen wolle. Hieraus eutsteht die Folge⸗
rung von dem „unversöhnlichen Gegensatz zwischen Kapital und Ar—
beit“, der zum Kampfrufe nicht nur der Sozialisten, sondern auch
maucher bürgerlicher Kreise geworden ist.
Gewiß ist, daß alle Werte nur durch Arbeit eutstehen, wenn man
von einzelnen Ausnahmefällen absieht. Aber die Erzielung eines
Ertrags, des, Mehrertrags“, ist das Ergebnis ertragswirtschaftlichen
 Handelns, das vom Unternehmer ausgeht, ebenso wie ein
etwaiger Verlust oder „Minderwert“ ihn als den verantwortlichen
Träger des Unternehmens trifft. Die Arbeit des Arbeiters und An—
gestellten hat unter Umtständen überhaupt keinen wirtschaft⸗—
lichen Wert, nämlich dann, wenn das hergestellte Erzeugnis auf
dem Markt keinen Absatz findet, wenn der Unternehmer sich also

06
        <pb n="108" />
        über die Marktgängigkeit seiner Erzeugnisse getäuscht oder nicht die
richtigen Ndittel angewandt hat, um ihren Absatz herbeizuführen.
Die Arbeit kann dabei in technischer Hinsicht von den Ingenieuren
und Arbeitern tadellos ausgeführt sein. Ingenieure und Arbeiter
tragen keine Schuld an dem Mißerfolg, dürfen deshalb auch nicht
unter dem Mißerfolg leiden. Sie stehen dem Unteruehmer gegenüber
wie ein Gläubiger dem Schuldner. Sie haben für die Arbeit, die sie
geleistet haben, vom Unternehmer den für die Arbeit ausbedungenen
Lohn zu banspruchen, einerlei ob der Unternehmer durch diese Arbeit
etwas verdient oder nicht, ob also das Erzeugnis einen wirtschaftlichen
Wert besitzt oder nicht. Sie befinden sich in derselben Lage wie andere
Gläubiger, etwa wie ein Rechtsanwalt, der für den Unternehmer
einen Prozeß führt, wie der Bauunternehmer, der für ihn einen Bau
errichtet oder wie der Maschinenfabrikant, der ihm eine MNlaschine
liefert. Sie alle haben einen Rechtsanspruch auf die Gegen—
leistutig, die bereinbart wurde, auf nicht mehr und nicht weniger, ohne
Rücksicht auf einen etwaigen Erfolg oder Mißerfolg des ganzen
Unternehmens.
Der zwischen beiden Grundanschauungen stehende Katheder⸗—
fozialismus sucht einen Mittelweg zu finden, eine sogenaunte
„Synthese“, in der Sozialismus und Individnualismus versöhnt wer—⸗
den. Ein klares Programm hat er dafür nicht, noch weniger irgend
eine Rechtsgrundlage. Es dürfte auch schwer sein, ein klares Pro—
gramm und eine Rechtsgrundlage da zu finden, wo es sich um zwei
gegeusätzliche Pole handelt. Der Kathedersozialismus arbeitet deshalb
gerne mit ethischen Begriffen, insbesondere mit dem Begriff des
„sozialen Geistes“, der „Gleichberechtigung von Kapital und Arbeit“,
des „angemessenen“ Lohnes, „angemessenen“ Unternehmergewinns
u. dergl. Nun soll keineswegs bestritten werden, daß der Verein für
Sozialpolitik, der Träger des Kathedersozialismus, sich um die Fortbildung
 unserer Arbeiterschutzgesetzgebung Verdienste erworben hat,
indem er Untersuchungen über die tatsächlichen Arbeitsverhältnisse
anstellte und Vorschläge für die Gesetzgebung machte. Aber sein
Fehler bestand darin, daß er die Wissenschaft mit der Politik ver—
quickte, daß er die sozialen Forderungen loslöste von den Bedin—
gungen der Wirtschaft und daß er diesen selbst kein genügendes Ver—
ständnis entgegeubrachte.

147
        <pb n="109" />
        Wir werden uns hierüber am besten klar werden, wenn wir von
der Kritik ausgehen, welche die Vertreter des Kathedersozialismus
an der natürlichen Wirtschaftsordnung ausüben.
Zunächst hat man die natürliche Wirtschaftsorduung tnit einem
Stigma behaftet, indem man ihr den Namen der „kapitalistischen“
gab, ein Ausdruck, der infolge seines fortgesetzten Gebrauches auch von
vielen Wirtschaftern nachgesprochen wird. Trotzdem ist er falsch,
jedenfalls irreführend. Er soll offenbar besagen, daß unsere moderne
Wirtschaft beherrscht werde vom Geld-Kapital. Num ist ja die
Bedeutung des Geldkapitals nicht zu unterschätzen. Es hat aber von
jeher seine große Bedeutung besessen. Schon die Perser und Römer
wußten, daß zum Kriegführen Geld, Geld und nochmals Geld
gehört. Auch die Großunternehmer im alten Rom stützten sich
auf ihren Geldreichtum, erst recht die großen Handelsherren des
Mittelalters in Italien und in den Hansestädten. Und Faust's Gret⸗
chen klagt bekauntlich: „Am Golde hängt, nach Golde dräugt doch alles,
ach, wir Armen!“ Aber all' dem gegenüber muß doch gesagt werden,
daß erstens Kapital und Geld nicht dasselbe ist. Wie ich schon früher
auseinandersetzte, gehören zum Kapital im volkswirtschaftlichen Sinne
alle materiellen Produktionsmittel, der Grund und Boden also ebenso
wie die Gebäude, Maschinen und Einrichtungen, die der Wirtschaft
dienen. Ohne Kapital ist ein Wirtschaften überhaupt nicht denkbar,
auch war es früher nicht denkbar, mögen die Wirtschaftsformen soust
gewesen sein wie sie wollen. Auch der kommumistische Sowjetstaat
kommt ohne Kapital, und zwar auch ohne Geldkapital nicht aus. Das
Geldkapital spielt dort sogar eine gewaltige Rolle.
Aber das Kapital, auch in der Form von Geldkapital, ist doch nur
ein Faktor im Wirtschaftsleben neben den anderen Faktoren. Ueber
ihnen steht die Persönlichkeit, die sie benutzt und erst produktiv macht,
die Persenlichkeit des Unternehmers. In seiner Hand entsteht auch
erst das Kapital. Er schafft es, indem er ertragswirischaftlich handelt
und die Erträge zur Neehrung des Kapitals benutzt neben den⸗
jenigen, die durch Ersparnisse von ihren Einkünften, also durch spar⸗
wirtschaftliches Handeln ebeufalls Kapital ansammeln. Kapital ist
daher das Predukt wirtschaftlichen Haudelns und zugleich Wirt⸗
schastsfaktor. Hierin liegt seine Bedeutung, aber auch feine Beschrän—
kung. Da das Schlagwort „Kapital und Arbeit“ dies völlig über⸗

—
        <pb n="110" />
        sieht, so ist es unrichtig und irreführend und bezeichnet außerdem
einen Gegensatz, der in der Tat nicht vorhanden ist, jedenfalls grund—
sätzlich nicht vorhanden ist. Kapital und Arbeit sind beide notwendig
zum ertragswirtschaftlichen Handeln, zum erfolgreichen Wirtschaf—
ten, sie sind koordinierte Wirtschaftsfaktoren.
Da beim Wirtschaften sowohl Kapital wie Arbeit verbraucht
werden, so muß derjenige, der Kapital oder Arbeit in Anspruch
ninmumt, also der Unternehmer, dafür Ersatz leisten und gleichzeitig ein
entsprechendes Eutgelt geben. Beim Kapital nennt man das Zins
und Amortisation, bei der Arbeit Lohm oder Gehalt.
Diese Leistungen muß der Unternehmer herauswirtschaften, d. h.
Kapital und Arbeit stehen ihm als Gläubiger gegenüber, die erst
befriedigt werden müssen, ehe er an seinen Unternehmergewinn denken
kaunn. Selbstoerständlich gilt diese Stellung grundsätzlich auch für
sein eignes Kapital, für das er also ebenfalls, wenn es nicht ver—
schwinden soll, Zinsen erwirtschaften muß. Für seine eigene Arbeits—
leistung aber kommt er als Gläubiger nur dann in Betracht, wenn
das Unternehmen eine Gesellschaftsform besitzt, bei der er nicht nur
als Unternehmer, sondern auch als Arbeitskraft, also als Arbeiter
tätig ist und demzufolge von der Gesellschaft einen Lohn vertraglich
beanspruchen kann.
Nun geht der Vorwurf der Kathedersozialisten gegen die natür—
liche Wirtschaftsordnung dahin, daß eutweder das Kapital oder der
Unternehmer gegenüber dem reinen Arbeiter und Angestellten bevor—
zugt sei. Bei den Marxisten begreift man diesen Vorwurf ohne wei—
teres, weil sie ja den Anspruch des Kapitalisten und des Unternehmers
auf ein Entgelt überhaupt leugnen. Ich brauche mich deshalb damit
nicht weiter aufzuhalten. Der Kathedersozialismus leugnet diesen An—
spruch an sich nicht, er findet aber, daß der Arbeiter und Angestellte
zu kurz komme, also kein gerechtes Verhältnis obwalte. Darauf
könnte man nun einfach erwidern, daß das Wirtschaftsleben eine
„Gerechtigkeit“ nicht kennt, sondern nur das Gesetz von Augebot und
Nachfrage und den wirtschaftlichen Erfolg. Damit aber ist man nicht
zufrieden. Man will ja gerade, daß das Verhältnis korrigiert werde.
Deshalb muß ich auf die Lohufrage näher eingehen.
Es kommt darauf an zu untersuchen, ob es irgend einen objektiven
Maßßstab oder eine objektive Stelle gibt, die die Angemessenheit eines

O
        <pb n="111" />
        Lohnes festzustellen vermag. Der Lohn richtet sich, wie ich schon früher
ausführte, nach der wirtschaftlichen Bewertung der Arbeit. Diese
wirtschaftliche Bewertung ist etwas durchaus subjektives. Sie kaun
nur durch denjenigen erfolgen, der den wirtschaftlichen Erfolg oder
Mißerfolg zu verantworten hat, also durch den Unternehtmer. Eine
Arbeit kann an und für sich noch so gut sein, sie wird keinen Lohn
finden, wenn sie nicht wirtschaftlich verwertbar ist. Das erfahren die
wissenschaftlichen Arbeiter oft am allerempfindlichsten. Wie gering
werden meist wissenschaftliche Arbeiten, die ihren Verfasser wochen
und monatelang anstrengend beschäftigt haben, von dem Verleger von
Zeitschriften oder Werken bewertet, Arbeiten, die sich später vielleicht
als bahnbrechend auf ihrem Gebiete erweisen und eine Summe von
Wissen und Nachdenken erforderten; und wie hoch bezahlt werden
sie ein andermal, wenn der Name des Verfassers bekannt ist oder der
Gegenstand der Arbeiten das Interesse eines größeren Kreises der
Deffentlichkeit findet. Warum soll das im Wirtschaftsleben anders sein?
Moan spricht nun oft von einem Existenzminimum, das jeder
Arbeiter erzielen müsse, und hat versucht, ein solches zu finden, ist aber
damit vollstäudig gescheitert. Die Existenzverhältnisse sind unendlich
verschieden. Das Existenzminimum heute ist etwas ganz anderes als
vor 20 oder gar 50 Jahren, man braucht nur etwa an das Wohnen,
die Bekleidung und den Verbrauch von Lebensmitteln zu denken; es
ist auch außerordentlich verschieden nach den Gegenden, etwa in einer
armen Gebirgsgegend und in einer Großstadt, in einem Artnenvierrel
und in einer Villenvorstadt und vor allem ganz verschieden nach den
versönlichen Begriffen von Bedarf und Anspruch. Man hat den
„Imndex?“ erfunden, um das Steigen oder Fallen der Lebens- und
Bedarfsmittelpreise festzustellen und darnach die Angemessenheit des
Lohnes zu beurteilen. Das hat sich als ein schlimmer circulus vitiosus
erwiesen. Einmal ist bei der unendlichen Mamnigfaltigkeit der ört—
lichen und qualitativen Verschiedenheiten der Preise und Waren die
Feststellung sogenannter Standardpreise mit großen Fehlerquellen
verbunden und sodaun sind ja gerade die Löhne der wichtigste Faktor
in der Preisbildung. Setzt man also die Arbeitslöhne infolge von
Warenpreiserhöhungen herauf, so bewirkt das unter sonst gleichen
Umständen notwendig eine Erhöhung der Preise. Dabei ist aber die
Anpassung der Arbeitslöhne in umgekehrter Richtung, wenn einmal

10
        <pb n="112" />
        die Preise heruntergehen, außerordeutlich schwer, wenn nicht unmöglich,
weil bei uns die Masse die Macht hat und in ihren politischen und
wirtschaftlichen Verbänden einer Lohnherabsetzung den größten Wider⸗
staud entgegensetzt.
Ebenso wie die Angemessenheit eines Lohnes nicht objektiv festzu⸗
stellen ist, ebeuso wenig ist das richtige Verhältnis zwischen Lohn
einerseits und Kapitalzins und Unternehmergewinn andererseits fest⸗
zustellen. Für den Kapitalzins ist in erster Linie das Verhältnis von
Angebot und Nachfrage maßgebend. Wir haben es während und
kurz nach der JInflation erlebt, zu welch enormen Sätzen der Kapital—⸗
zius anschwellen kann, wenn einer starken Nachfrage nach Kapital
eitt ganz ungenügendes Angebot gegenübersteht, und wenn außerdem
die Sicherheit oder Wertbeständigkeit des geliehenen Kapitals selbst
gefährdet ist. Man hat versucht, mit dem Preiswucherparagraphen
borzugehen, aber außer einzelnen besonders krassen Fällen augenschein⸗
licher Ueberforderung konnte man an der Tatsache der außerordent⸗
lichen Zinshöhe nichts ändern, solange diejenigen, die Kapital benötig⸗
ten, bereit waren, die hohen Zinsen zu zahlen. Auch in ruhigen Zeiten
schwankt der Kapitalzins nach dem Marktwert des Geldes und nach
der Sicherheit der Anlage, für die es Verwendung findet. Es gab
eine Zeit vor dem Krieg, in der deutsche Staatspapiere, beispielsweise
preußische Konsols, nur 32 Zinsen brachten, während die Arbeits⸗
löhne sehr hoch waren. Und der außerordentlich verschiedene Stand
der Obligationen von Erwerbsgesellschaften an der Börse beweist, wie
sehr die Sicherheit und Güte der Anlage in der Wirtschaft die Zins⸗
höhe beeinflußt.
Man kann hiernach Arbeitslohn und Kapitalzins schlechterdings
nicht miteinauder in Vergleich stellen. Wie steht es nun mit dem
Vergleich zwischen Arbeitslohn und Unternehmergewinn? Da der
Unternehmergewinn bekanntlich großen Schwankungen unterliegt, so
erscheint eine Anpassung des Lohnes an den Unternehmergewinn nur
denkbar, wenn man auch den Arbeitslohn schwankend macht. Mran
muß daun grundsätzlich von dem Standpunkt, den ich als den der na—
türlichen Wirtschaftsordnung dargelegt habe, wonach der Lohn eine
Forderung des Arbeiters auf eine bestimmte Gegenleistung für eine
bestimmte Leistung ist, abgehen. Wir wollen das einmal zur Probe
tun und sehen, wohin es führt.
        <pb n="113" />
        Bekanntlich unterscheidet man in der natürlichen Wirtschaftsord⸗
nting den Zeit lohneund den Akkordlo h n. Bei ersterem hat der
Arbeiter kein Interesse au der Intensität der Arbeit, die Leistungen sind
demgemäß im allgemeinen geringer, ein Machteil sowohl für den Un—
ternehmer wie für den leistungsfähigen Arbeiter. Bei einer großen
Zahl von Arbeitern ist jedoch der Zeitlohn nicht zu entbehren. Seine
Nachteile müssen durch desto bessere Aufsicht ausgeglichen werden.
Der Akkordlohn regt dagegen die Arbeitslust an, erhöht daher den
Arbeitseffekt. Der Tüchtige wird begünstigt, Fleiß und Vorbildung
erhalten ihr Entgelt. Der Akkordlohn kann dabei auch eine Gruppe
bon Arbeitern umfassen, die auf ein Arbeiten Hand in Hand ange—
wiesen sind. Dem Arbeiter bringt er also höheren Lohn, dem Unter—
nehmer eine bessere Ausnutzung seiner Betriebsmittel; er ist für beide
Teile vorteilhaft. Die Bestimmung der Akkordlohnsätze ist Sache der
BVereinbarung. Gegen eine zu starke Ausnutzung der Arbeitskräfte
beim Akkordlohn schützt den Arbeiter eine vernünftige Begrenzung
der Arbeitszeit. Die Gefahr der Ueberanstrengung ist übrigens nicht
sehr groß. Durch übermäßige Arbeit sind in unserer Zeit nur recht
wenige Menschen zu Schaden gekommen. Der Ausdruck „Akkord⸗
lohn — Mordlohn“ ist lediglich ein von den Gegnern der natürlichen
Wirtschaftsordnung erfundenes übles Schlagwort. Ein wohlausge—
bildetes Akkordlohnsystem da, wo es anwendbar ist, liegt auch im all⸗
gemeinen Interesse, weil es die Produktion steigert und verbilligt.
Neben dem Zeit-⸗ und Akkordlohn gibt es auch eine Art Entlohnung,
die von dem erzielten Umsatz oder Ertrag des Betriebs abhängt. Es sind
die Provisionen und Tantiemen. Sie kommen jedoch
nur zur Anwendung gegenüber solchen Angestellten, deren persönliche
Tätigkeit und Tüchtigkeit die Höhe der Erzeugung, des Umsatzes oder
des Ertrages beeinflußt. Zu ihnen gehören vor allem die Direktoren,
Betriebsleiter und Handelsvertreter, aber auch häufig Prokuristen,
Werkmeister und Vorarbeiter. Solche Bezüge bilden dann einen
mehr oder weniger großen Zuschuß zu dem festen mit den betreffenden
Personen vereinbarten Einkommen. In dieser Form kommt also auch
jetzt schon eine Art Gewinnbeteiligung von Angestellten vor, aber
lediglich auf Grund besonderen Privatvertrags.
Dies muß vorausgeschickt werden, um zu der Frage, ob man Ge—
halt und Lohn allIgemein von der Höhe des Ertrags eines Be—

*
        <pb n="114" />
        triebs abhängig machen sollte, Stellung zu nehmen. Da ist zunächst
zu bedenken, daß bei der Masse aller derjenigen in abhängiger
Stellung befindlichen Personen, die über ein bescheidenes Einkommen
nicht hinauskommen, die Stetigkeit der Einkünfte einen großen Vorzug
gegenüber schwankenden Bezügen besitzt. Nomentlich die Hausfrauen
können sich mit ihren Bedürfnissen besser darnach einstellen, als wenn
ein Teil des Lohnes fest, ein anderer Teil aber je nach dem Ertrag des
Betriebs, schwankend ist. Bleibt der Ertrag ganz aus oder wird er
gering, so ist Not und Entbehrung die Folge. Sodann entsteht die
schwierige Frage, wie die Ertragsanteile gestaffelt werden sollen, da
doch nicht jeder Arbeiter und Angestellte den gleichen Anteil erhalten
dürfte, vielmehr bei der Verteilung nach der Leistung unterschieden
werden müßte. Endlich wirft sich die Frage auf, wie der Arbeiter und
Augestellte die Ertragsberechnung prüfen kann, namentlich bei kleinen
und mittleren Betrieben, für die keine Vorschriften über die Bilanzaufstellung
 bestehen, und wie er zu seinem Geld kommen soll, wenn er
den Dienst vor dem Jahresschluß verläßt oder wenn der Betrieb in
Konkurs gerät. Alle diese Fragen, die noch vermehrt werden koͤnnen,
zeigen, daß die allgemeine Einführung der Beteiligung am Ertrag
weder für den Arbeiter und Angestellten im allgemeinen wünschenswert
noch praktisch durchführbar ist, und außerdem zu vielen Streitigkeiten
Aulaß bieten würde.
Etwas ganz anderes ist es, ob der Unternehmer, der einen hohen
Ertrag erzielt hat, an diesem nicht freiwillig seine Arbeiter und
Angestellten soll teilnehmen lassen. Das kann natürlich nur empfohlen
werden, um das Interesse an dem Wohlergehen des Betriebs und das
Gefühl des inneren Verbundenseins mit ihm bei Arbeitern und An—
gestellten zu stärken. Ob die Zuwendung solcher Leistungen in Form
von Sparkassenbüchern, baren Auszahlungen oder in Form von Wohl—
fahrtseinrichtungen irgendwelcher Art geschieht, das zu bestimmen muß
dem Einzelfall überlassen werden.
Als eine Art Gewinnbeteiligung kann auch die Ausgabe von
Kleinaktien seitens der Aktien-Gesellschaften bezeichnet werden,
für die häufig Propaganda gemacht worden ist in der Annahme, daß h'er—
durch das innere Verhältnis der Arbeiter zu dem Betrieb verbessert
werden könne. Aber sie hat dieselben Schattenseiten wie jede andere
Gewiunbeteiligung. In guten Zeiten wird man die Dividende gerne

113
        <pb n="115" />
        hinnehmen, in schlechten Zeiten aber über die Ertragslosigkeit ver—
stimmt sein. Es ist deshalb von dieser Einrichtung wieder recht still
geworden. Mit guten Gründen hat man seinerzeit den Mindest—
nennbetrag der Aktien verhältnismäßig hoch gewählt. Man wollte
gerade die kleinen Sparer vor dem mit dem Aktienerwerb verbundenen
Risiko bewahren und sie auf die Anlage ihrer Ersparnisse in den dazu
gegründeten Sparkassen hinweisen, wo auch die kleiusten Beträge eine
sichere und verhältnismäßig hohe Verzinsung finden.
Ich habe schließlich noch eine Art der Lohnbemessung zu er—
wähnen, die in den letzten Jahren eine gewisse Rolle gespielt hat: Es
sind dies die sogenannten so zialen Löhne oder sozialen Zu—
lag en. Es sollen zu dem allgemeinen Lohn Zulagen gegeben werden,
die sich nach dem Familienstand und der Kinderzahl der Arbeiter rich—
ten. Rein menschlich und auch bevölkerungspolitisch ist ja ein solcher
Vorschlag ganz verständlich. Man will den Familienvater, der er—
heblich größere Ausgaben hat als der unverheiratete Arbeiter und der
dem Staat den notwendigen Nachwuchs liefert, unterstützen. Man
bezieht sich dabei auf die Beamten, denen in neuerer Zeit solche Zu—
lagen gewährt werden. Aber zunächst ist das Verhältnis des Beamten
zum Staat ein anderes als das des Arbeiters und Angestellten zum
Unternehmer. Für den Beamten soll das Gehalt keine Verdienst⸗
quelle sein, sondern eine Aufwandseutschädigung, d. h. es soll ihm die
Moöglichkeit gewähren, seinem Stande entsprechend zu leben und
seinen Kindern eine der seinigen gleichwertige Erziehung zu ermög—
lichen. Der Arbeiter und Angestellte dagegen steht im Erwerbsleben,
wo der Grundsatz von Leistung und Gegenleistung in der Lohn—
betttessung herrscht. Für soziale Zulagen ist daher gar kein Raum.
Um das klar zu erkennen, braucht man sich nur zu fragen, ob denn
der Käufer einer Ware, der Verbraucher, gewillt ist, einem Hand⸗
werker, etwa einem Schuhmacher, deshalb für ein Paar Stiefel einen
höheren Preis zu zahlen, weil dieser verheiratet ist und vier Kinder hat?
oder gar deshalb, weil er einen Gesellen beschäftigt, der verheiratet
ist und vier Kinder hat? Auch der „fortschrittliche Sozialpolitiker“
wird, glaube ich, für seine Person diese Folgerung nicht ziehen. Daher
kann man dem Handwerker und Kleinunternehmer nicht zumuten,
neben dem Leistungslohn auch noch eine soziale Zulage zu bezahlen;
was aber diesen Unternehmern gegenüber unbillig wäre, das darf man

14
        <pb n="116" />
        auch dem mittleren und Großunternehmer nicht als eine Pflicht auf—
erlegen. Die Rückwirkung auf die Arbeiterschaft würde außerdem
die sein, daß verheiratete Arbeiter, insbesondere solche, die viele Kinder
haben, nicht so leicht ein Unterkommen finden, während es doch im
allgemeinen Interesse liegt, diese Leute in erster Linie zu beschäftigen.
In der Inflationszeit ist mehrfach der Versuch gemacht worden, so—
ziale Zulagen auf eine ganze Gruppe gleichartiger Unternehmer zu
berteilen. Mit solcher Verteilung wird aber das grundsätzliche Be—
denken nicht beseitigt, auch ist die Ausführung dieses Gedankens sehr
schwierig. Mlan ist daher sehr rasch wieder von ihm abgekommen.
Es ist aber auch sehr die Frage, ob denn wirklich die gleichmäßige
Entlohnung lediglich nach der Leistung etwas Unsoziales ist. Man
muß bedenken, daß der junge kräftige Arbeiter, der einen guten Lohn
entsprechend seiner Leistung erhält, die Aufgabe hat zu sparen, damit
er sich später eine Familie gründen und unter Utuständen ein eigenes
Geschäft einrichten kann. Der Familienvater aber hat die Aufgabe,
seine persönlichen Bedürfnisse zugunsten seiner Familie einzuschränken.
Das sind ethische und moralische Gesichtspunkte, die auch ihre Berech—
tigung haben. Selbstverständlich kann auch hier der einzelne Unter⸗
nehmer unterstützend eingreifen und vor allem kann der Staat durch
Steuererleichterungen, durch Ermäßigung des Schulgeldes und anderer
Abgaben die Lage der Familienväter erleichtern. Aber zum Gegen—
stand der allgemeinen Lohnregelung eignen sich die sozialen Zulagen
im Wirtschaftsleben nicht.

14
        <pb n="117" />
        Ein anderer Punkt des Augriffs gegen die natürliche Wirt—
schaftsordnung ist die angebliche Rechtlosigkeit, in der sich Arbeiter
und Angestellte demm Unternehmer gegenüber befinden sollen. Hier—
auf bezieht sich insbesondere der von kathedersozialistischer Geite
gefallene Ausspruch, daß das „Gewaltverhältnis“ in ein „Rechts—
verhältnis“ umgestaltet und die Forderung, daß den Arbeitern und
Augestellten ein Nritbestimmungsrecht gegeben werden müsse. Zur
Begründung verweist man darauf, daß die durch das Aufkommen der
Maschinen geförderte Arbeitsteilung zu einer ‚Entseelung“ der Arbeit
geführt und dem Arbeiter das innere Verhältnis zur Arbeit und zum
Betrieb genommen habe. Weiter sagt man, daß der Arbeiter keine
Aufstiegmöglichkeiten besitze und auch nicht die Möglichkeit habe, ein
wenn auch bescheidenes Vermögen anzusammeln. Um ihm das In—
teresse aut Betriebe und um ihm seine Arbeitsfreudigkeit wiederzu⸗
geben, sei jene Reform nötig.
Sehen wir uns in Ergänzung dessen, was ich früher schon gesagt
habe, einmal die tatsächlichen Verhältnisse an. Daß der Arbeiter in
der ersten Zeit des Aufkommens der Maschinenarbeit vielfach in einer
höchst üblen Lage war, ist bekanut. Der Staat stand damals den neu
durch die aufkommende Industrie geschaffenen sozialen Verhältnissen
ratlos gegenüber. Man muß sich außerdem vergegenwärtigen, daß dies
die Zeit war, in der von dem vielbewunderten England die Frei—
handelslehre ausging, die in dem national zersplitterten, unter Polizei—
willkür seufzenden Deutschland willige Aufnahme fand. Gläubig
wurde die für das damalige Enugland sehr vorteilhafte Lehre des
laisser fairo et laissez passer von den deutschen Volkswirtschaftslehrern,
 Parlamentariern und Staatsmännern übernommen, bis der
Einiger Deutschlands, Bismarck, die Lehre als falsch für Deutschland
erkannte und die Wendung herbeiführte. Er sah, daß der deutsche
Arbeiter eines staatlichen Schutzes gegen die übermäßige Ausbeutung
seiner Arbeitskraft bedurfte, er sah aber auch, daß die unter viel un—
günstigeren Verhältuissen arbeitende deutsche Wirtschaft zu ihrer Er—
starkung einen Schutz gegen die übermächtige ausländische, insbesondere
        <pb n="118" />
        englische Konkurrenz, nötig hatte. Beide Gedanken standen bei ihm
in einem notwendigen inneren Zusammenhang. Anders als heute, wo
man sogar zwei getrennte Reichsministerien für die Wirtschaft und
für die GSozialpolitik geschaffen hat, von denen jedes auf eigene Faust
seine, Politik“ treibt, war es für Bismarck selbstverstäudlich, daß die
Sozialpolitik nur einen Zweig der Wirtschaftspolitik darstellt und von
ihr abhäugig ist. So entstand seine Schutzzoll- und seine GSozialpolitik.
 Letztere begann mit der Einschränkung der Kinder- und
Frauenarbeit, setzte sich fort in den Schutzbestimmungen gegen
die Gefahren für Gesundheit und Sittlichkeit, in den Vor
schriften über Gonntagsruhe und Arbeitspausen, vor
allem in einer strengen Gewerbeaufsicht. Dem Rechtsschutz
dienten die Bestimmungen über Kündigungsfristen, Art der
Lohnzahlung, Anspruch auf Zeugniserteilung bei
Wechsel der Arbeitsstätte, Erlaß von Arbeitsordnungen in
größeren Betrieben, Beschränkung der sogenannten Konkurrenz—
klausel und schließlich die Einrichtung ven GSondergerichten
zur raschen und fast kostenlosen Erledigung von Streitigkeiten aus dem
Dienstverhältnis. Dazu kam die Fürsorge für eine geregelte Aus—
bildung während der Lehrliugszeit und der Zwang zum Be—
such von Fortbildungsschulen. So ergab sich nach und nach
eine systemnatische Eutwicklung des Arbeiterrechts in der Gewerbeord⸗
— DD
reichen Sondergesetzen und Ausführungsverordnungen. Endlich ist die
großzügige GSozialversicherung zu erwähnen, die mit der
kaiferlichen Botschaft vom 17. November 1887 eingeleitet wurde
und den Arbeitern und Angestellten eine Fürsorge für den Fall der
Krankheit, des Betriebsunfalles, der Invalidität und des Alters
brachte.

Freilich blieben immer noch Wünsche zu erfüllen, aber es ist eine
heute von niemand bestrittene Tatsache, daß Deutschland allen anderen
Staaten in der sozialen Gesetzgebung weit vorauseilte. Der Ausdruck
von einent Gewaltverhältnis, das zwischen Unternehmer und Arbeiter
geherrscht habe, ist also mindestens eine ungeheure Uebertreibung. Auf
die Entwicklung nach dem Umsturz komme ich noch zurück.
Untersuchen wir zunächst den weiteren Vorwurf, daß durch die
Maschinentätigkeit die Arbeit entseelt und ihr die innere Beziehung

117
        <pb n="119" />
        zuttt Betrieb genommen worden sei. Diese Meinung wird meist von
Personen vertreten, die selbst nicht in der Wirtschaft stehen, sondern
sich am Schreibtisch in die Seele des Arbeiters zu versetzen suchen.
In Wiirklichkeit handelt es sich hier auch um ein Schlagwort, mit
dem nichts anzufaugen ist. Die Erfindung der M—aschinen ist selbst
das Erzeugnis hoher menschlicher Jutelligenz, die die Naturkräfte dem
menschlichen Geist dienstbar gemacht hat. Der Erfolg, der allen
Menschen zugute gekommen ist, war die außerordentlich verbilligte
und außerordentlich vielseitig gestaltete Herstellung von Gegenständen
des Lebensbedarfs und Lebensgenusses aller Art. Sie hat es bewirkt,
daß heute der einfachste Arbeiter über Annehmlichkeiten und Bequem⸗
lichkeiten des Wohnens, der Bekleidung, der Ernähruug und der Un—
terhaltung verfügt, die noch vor wenigen Jahrzehnten den wohl—
—
Betrachtung allein sollte doch genügen, un mit der Kritik etwas zu—
rückhaltend zu sein. Die Measchinen haben aber auch die allgemeinen
Kulturgüter, Wissenschaften und Künste, den weitesten Kreisen des
Volkes zugänglich gemacht, und wer heute nach einer besseren Bildung,
insbesondere auch Fachbildung strebt, dem öffnen sich in dem ausge⸗
—
stalten ganz andere Nröglichkeiten als früher. Daß von diesen Mög—
lichkeiten auch weitgehender Gebrauch gemacht wird, davon kanm sich
jeder überzeugen, der einmal nachsieht, aus welchen Schichten denn
unsere Techniker, Ingenieure, Kaufleute, Direktoren und auch Unter—
nehmer stammen, wie viele Angehörige auch der Gelehrtenberufe aus
einfachsten Verhältnissen hervorgegangen sind.
Gewiß hat die Entwicklung des Maschinenwesens auch zahlreiche
mechanische Tätigkeiten geschaffen, denen tausende und abertausende
von Personen obliegen müssen. Aber man soll doch auch mit einer
abfälligen Beurteilung oder einem Bedauern gegenüber diesen Tärig—
keiten vorsichtig sein. Viele schwere und unangenehme Arbeiten sind
den Menschen durch die Maschinen abgenommen worden, in vielen
Fällen ist der Arbeiter der Beherrscher der Maschine. Vergleicht man
z. B. den früheren Fuhrmaun mit dem heutigen Kraftwagenführer,
so fällt dieser Vergleich zweifellos zuguusten des Letzteren aus. So ist
es mit vielen Verrichtungen. Die lleberzeugung, eine für die All—
gemeinheit nützliche Tätigkeit zu leisten, kann auch bei den einfachsten
        <pb n="120" />
        Verrichtungen eine Befriedigung gewähren, namentlich wenn man
sieht, wie jeder, auch der kleinste Gegenstand, einem Ganzen dient und
wie auch der kleinste Teil für den Gang eines fertigen Werkes von der
größten Bedeutung ist. Schiller drückt dies sehr zutreffend aus in
dem bekannten Distichon: „Immer strebe zum Ganzen, und kannst du
selber kein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes
Dich an“.
Wo fängt denn überhaupt eine Arbeit an, Teilarbeit zu sein,
und wo fängt sie au, ein Ganzes zu werden? Schließlich verrichten
wir alle mehr oder weniger Teilarbeit, und ich kenne viele gebildete
Leute, die in ihrem Berufe, etwa als Lehrer oder Beamte, sich un—
befriedigt fühlen. Die Wahrheit ist, daß das Gefühl der Zufrieden—
heit doch viel mehr aus der inneren Einstellung zur Arbeit als aus
äußeren Umständen entsteht. Diese innere Einstellung, die Freude an
der Arbeit aber nehmen gerade diejenigen ihren Meitmenschen, die die
Arbeit geldlich am höchsten bewertet sehen wollen. Sie setzen über—
haupt den Wert der Arbeit herunter, indem sie dieselbe lediglich als
Ware, nicht aber als sittliche Pflicht und Duelle der Lebeusfreude
behandeln.
Man überschätzt schließlich außerordentlich das geistige Bedürfnis
der großen Masse, wenn man glaubt, daß diese von einem allgemeinen
Verlangen nach geistiger Betätigung durchdrungen sei. Den meisten
genügt es durchaus, wenn sie eine geregelte, nützliche Arbeit haben,
die ihnen und ihrer Familie ein genügendes Auskommen gewährt;
wenn sie außerdem so viel Zeit haben, daß sie sich noch ihren Neigungen
und ihrer Familie widmen können. Die bestbezahlten Posten sind auch
die begehrtesten, ohne daß viel nach geistiger Anregung gefragt wird.
Umgekehrt sehen wir, daß solche Arbeitergruppen eine besonders radi⸗
kale Rolle spielen, die, wie die Metallarbeiter oder die Buchdrucker,
einer zweifellos anregenden Berufstätigkeit obliegen.
Sehen wir nun zu, welche Forderungen und welche Fortschritte
die neuzeitliche Entwicklung auf dem Gebiete der Stellung der Ar—
beiter und Augestellten im Wirtschaftsleben gebracht hat.
Da ist zunächst die von der Umsturzregierung erfolgte Einfüh⸗
rung des allgemeinen Achtstundentags zu erwähnen, durch die
die Arbeiterschaft von einer Ueberanstrengung befreit werden sollte.
Sie wurde eingeführt ganz ohne Rücksicht auf die Verschiedenheiten

21
        <pb n="121" />
        der Beschäftigungsart. Es ist aber doch etwas ganz anderes, ob ein Tag—
löhner, ein Schrankenwärter, ein Pförtner, ein Kesselwärter oder ob
ein Bergarbeiter 8 Stunden arbeitet. Daß die früher übliche zehnstüu—
dige Arbeitszeit den Arbeitern, wenn es sich nicht gerade um Schwer—
arbeiter handelte, für die auch schon früher kürzere Arbeitszeiten gal—
ten, schädlich war, wurde niemals nachgewiesen, und die Tatsache, daß
unsere Goldaten im Weltkrieg den größten Anstrengungen gewachsen
waren, ist gewiß auch kein Beweis dafür, daß die Arbeiter durch zu
anstrengende Arbeit entkräftet waren. Dagegen hat die Verkürzung
der Arbeitszeit unsere ganze Wirtschaft außerordentlich geschädigt.
Betriebe, die auf zwei Schichten mit je zweistündiger Pause einge⸗
richtet waren, mußten entweder drei Schichten einführen oder den Be—
trieb währeud der Nacht stillegen, die Oefen ausgehen lassen und
morgens wieder anwärten. Große Werke der Eisenindustrie arbeite—
ten nur von morgeus 6 bis mittags 2 Uhr, die ganze übrige Zeit lagen
die Betriebsaulagen und Maschinen still, die Unkosten aber liefen
weiter, die Ausnutzung war auf einen Bruchteil herabgesetzt.
Eine andere Wirkung war das starke Aufkommen der sogenann⸗
ten „Schwarzarbeit“. Arbeiter, insbesondere Facharbeiter, benutzten
die ihnen durch die Einführung des Achtstundentags zufallende freie
Zeit dazu, um auf eigne Rechnung Arbeiten für Private auszuführen,
und damit den selbstäudigen Handwerkern Konkurrenz zu machen,
deren Preise sie — unbelastet von den diesen obliegenden Abgaben und
Generalunkosten — leicht unterbieten konnten. Es mußten infolgedessen
Verbote gegen diese Mehrarbeit erlassen werden und die logische Fol⸗
gerung wäre eigentlich, daß überhaupt jede Arbeit in der dienstfreien
Zeit, also auch für eigne häusliche Zwecke, verboten werden müßte.
Denn der Achtstundentag geht ja von der Vorstellung aus, daß der
Arbeiter mehr als 8 Stunden, ohne seine Gesundheit zu schädigen,
nicht arbeiten kann — gewiß eine groteske Beleuchtung dieser Errun—
geuschaft.
Die Gewerkschaften hielten aber unbeirrt an der Forderung fest
und setzten sie durch. Sie verfolgen dabei das Ziel, durch Tarifver⸗
träge auch die sonstigen Arbeitsbedingungen beengend festzulegen. Eiue
der ersten Taten der Umsturzregierung war eine Verorduunug vom
22. Dezember 1918 über das TDarifwesen. Durch sie wurden die
Gewerkschaften als die Vertreter der Arbeiterschaft gesetzlich aner—

211
        <pb n="122" />
        kaunt. Es wurden zu ihren Gunsten zwei die persönliche Vertrags-—

dingbarkeit und der aAllIgemeinen Verbindlichkeit.
Nach dem ersten Grundsatz wurden Dienstverträge zwischen den Ar—
beitgebern und Arbeitnehmern, die gegen einen zwischen den Verbänden
der Arbeitnehmer und Arbeitgeber abgeschlossenen Tarifvertrag ver—
stoßen, insoweit für unwirksam erklärt, als sie von diesem Vertrag
abweichen, es sei denn, daß die Abweichung zu Gunsten des Arbeit⸗
nehmers erfolgt und nicht ausdrücklich im Tarifvertrag verboten ist.
Der zweite Grundsatz besagt, daß, wenn ein Tarifvertrag für die
Gestaltung der Arbeitsbedingungen des Berufskreises im Tarifgebiet
überwiegende Bedeutung erlangt hat, er vom Reichsarbeitsminister
für allgemein verbindlich erklärt werden kaun. Danach müssen auch
Arbeitgeber und Arbeitnehmer, die am Tarifvertrag gar nicht beteiligt
sind, sich dem Tarifvertrag fügen, selbst wenn sie unter sich andere
Vereinbarungen treffen wollen.
Damit wurde also das Gelbstbestimmungsrecht, d. h. das höchste
Recht der freien Persönlichkeit ausgeschaltet. Die Absicht der Ver—
orduung war, die Arbeiter vor der vermeintlichen Vergewaltigung
durch den Unternehmer zu schützen und zweitens zwischen Unternehmer
und Arbeitern den Zustand einer friedlichen Zusammenarbeit herzu—
stellen. Der Beweis für die Vergewaltigung des Arbeitnehmers durch
den Unternehmer ist niemals geführt worden und konnte, wie aus
meinen früheren Darlegungen hervorgeht, nicht geführt werden. In—
zwischen hat man auch reiche Erfahrungen über die zweite Voraus—
setzung, die Herstellung eines Friedenszustandes zwischen Unternehmer
und Arbeiter, gemacht und zwar im negativen Sinne. Die Tarifver—
träge, die durch freie Vereinbarung geschlossen werden sollten, kommen
aur unter Kämpfen zustande, und diese Kämpfe sind nicht milder und
seltener, sondern schärfer und häufiger geworden. Schließlich ist jeder
Tarifvertrag nur noch ein kurzer Waffenstillstand, der dazu dient,
die Kräfte zu neuenn Kampf zu sammeln. Sehr oft wird der Ablauf
des bestehenden Vertrags gar nicht einmal abgewartet, sondern die
Arbeiter treten unter Bruch der Vereinbarungen in den Ausstand.
Immer seltener führen auch die Verhaudlungen zwischen den Be—
— D
greift ein neues staatliches Organ ein, nämlich der Schlich ter oder

121
        <pb n="123" />
        Schlichtungsausschuß. Die Kämpfe wurden damit in diese Instanz
verlegt. Unternehmer wie Arbeiter kämpfen dort um die Stimme des
ausschlaggebenden sogenannten unparteiischen Vorsitzenden. Dieser
Vorsitzende, sobald er mitstimmt und datmit den Ausschlag gibt, ist
eine logische Unmöglichkeit. Wie kommt ein Vorsitzender, der über—
haupt nicht im Wirtschaftsleben steht, zu einem Mia chtspruch?
Kein Richter kann doch beurteilen, was eine Arbeit einem Unternehmer
wert ist, so wenig wie ein Richter sagen kann, was jemanden ein Haus,
ein Taschenmesser oder irgend ein anderer Gegenstand wert ist. Kein
unparteissccher Richter kant auch übersehen, welche Auswirkung eine
Lohnerhöhung auf die Wirtschaft haben wird. Es bildete sich also
eine Schlichtungsbürokratie heraus, die schließlich darauf hinausläuft,
daß der Schlichter zwischen dem, was die eine Seite verlangt und was
die andere Seite anbietet, das Mittel zieht. Die Gewerkschaften können
infolgedessen bei jeder Lohnbewegung nur gewinnen. Irgend etwas
wird bei energischent Auftreten und bei Androhung eines Streiks
immer erreicht. Das Ganze nennt man dann friedliche Austragung
von Streitigkeiten.
Die weitere Folge war eine ständige Erhöhung der Löhne, die
dahin führt, daß sich die Produktionskosten ständig erhöhen und die
Preise der Waren ebeufalls.
Ich erwähnte ausdrücklich und stelle fest, daß auch weite Kreise
der Unternehmer diese Entwicklung des Tarifwesens mitmachten,
nachdem einmal ihre führenden Vertreter durch das Uebereinkommen
boin 15. November 1918 die Hand zu „gleichberechtigtem“ Verhan⸗
deln mit den Gewerkschaften geboten hatten. Die meisten Unternehmer
wollen auch den aufreibenden Kampf mit den Gewerkschaften vermei⸗
den. Sie gewöhnten sich daran, von Zeit zu Zeit Lohnerhöhungen vor⸗
zunehmen und für den Einzelnen ist dies, wenn man nachher die
Preise ebenfalls erhöhen kann, bequemer als sich aus allgemeinen
bolkswirtschaftlichen Erwägungen gegen die Forderungen der Gewerk⸗
schaften und die Entscheide der neuen Staatsorgane zu stemmen. Dazu
kam, daß auch die öffentliche Meinung, in Unkenntnis der wirtschaft⸗
lichen Zusammenhänge, sich aus „sozialem Empfinden“ in der Regel
sofort auf die Seite der Gewerkschaften stellt.
Nun hört man zugunsten der Tarifverträge oft auführen, daß
ohne die Tarife eine allgemeine Anarchie auf dem Arbeitsmarkt

227
        <pb n="124" />
        eingetreten sein würde. Darauf erwidere ich, daß ich ja zunächst nur
den Tarif zwamg, nicht den Tarif selbst kritisiere. Es kann und soll
den Gruppen der Unternehmer und der Arbeiter nicht verwehrt werden,
unter sich Tarifverträge abzuschließen, wenn sie dies für nützlich halten.
Aber die Vertragsfreiheit muß gewahrt werden.
Die Tarifverträge hatten nun, abgesehen von der ständigen Stei—
gerung der Löhne, auch den Nachteil, daß sie die Löhne der verschiede—
nen Arbeitergruppen einander stark anglichen, weil in den Gewerk—
schaften die Masse der jugendlichen und ungelernten Arbeiter die
Hauptrolle spielen, die kein Interesse daran haben, daß die tüchtigen
und fachlich gut vorgebildeten Arbeiter mehr verdienen als sie. Aus
demselben Grunde wurde das Akkordsystem abgeschafft. Wo man es
aber beließ, wurden die Stundenlöhne derart erhöht, daß in der Ak⸗
kordarbeit kein Aureiz zur Mehrarbeit mehr lag. Daß ein solches
System nicht nur schädigend auf die Leistungen, sondern auch demo—
ralisierend wirken mußte, liegt auf der Hand. Die Folgen waren auch,
wie heute nicht mehr bestritten wird, ein außerordentlich starker Rück—
gang der Leistungen und ein Nachlassen des Strebens nach Weiter⸗
bildung.
Manche meinten, daß infolge Verkürzung der Arbeitszeit eine
größere Anzahl von Arbeitern beschäftigt, also der Arbeitslosigkeit
entgegengewirkt werden könne. Aus dieser Erwägung heraus legte
man auch durch die Demobilmachungsverordnungen den Unternehmern
die Verpflichtung auf, bei einer Abnahme der Beschäftigung
die Arbeit zu „strecken“, d. h. noch kürzere Zeit, also z. B. vier oder
sechs Stunden zu arbeiten oder einige Tage der Woche die Arbeit
völlig ruhen zu lassen. Diese Maßnahme war ganz unwirtschaftlich.
Denn die Arbeitslosigkeit ist die Folge geringerer Nachfrage und diese
die Folge zu hoher Preise. Um das Uebel der Arbeitslosigkeit zu ver—
mindern, ist es deshalb das ungeeignetste Meittel, die Produktionskosten
der Betriebe durch unwirtschaftliche Maßnahmen noch weiter zu er—
höhen. Die Aufgabe muß umgekehrt zunächst darin bestehen, die
Betriebe wieder rentabel zu machen durch Verminderung der Produk—
tionskosten, also durch beste Ausnutzung des Betriebs und der Arbeits—
kräfte, daun hebt sich die Nachfrage und dann können auch wieder
mehr Arbeiter beschäftigt werden. Die Art, wie durch die Reichsver—
ordnung vom 23. Dezember 1923 die Arbeitszeit neu geregelt worden

23
        <pb n="125" />
        ist, beruht auf demselben Mangel an wirtschaftlicher Einsicht, denn
die Voraussetzungen und Bedingungen, von denen hier die Einführung
einer erhöhten Arbeitszeit abhängig gemacht ist, lassen sich mit einer
geordneten Betriebsführung kaum vereinbaren.
Moan ist nun weitergegangen und hat versucht, den Arbeitern und
Angestellten auch ein Mit be stimmun gsrecht in den allge—
meinen Betriebsangelegenheiten zu geben. Zur Entwicklungsgeschichte
dieses Gedaukens bemerke ich folgendes. Die Gewerbeordnuugsnovelle
vom Jahre 1891 führte ständige Arbeiterausschüsse ein, die in den
größeren Betrieben eine geordnete Vertretung der Arbeitnehmer gegen—
über dem Unternehmer darstellen sollten. Viele Betriebe hatten solche
Ausschüsse schon vorher eingeführt und gute Erfahrungen mit ihnen
gemacht. Sie sollten dazu dienen, dem Unternehmer in Fragen des
Dienstes beratend zur Seite zu stehen. Man war aber der Ansicht,
daß diese Art von Mitwirkung nur dant einen Wert habe,
wenn beide Teile von dem Willen beseelt sind, einer gemeinsamen guten
Sache zu dienen. Aus diesem Grunde hatte die Gewerbeordnung die
Einrichtung nur wahlweise eingeführt.
Während des Kriegs hat man die Arbeiterausschüsse ausgebaut
in dem „Hilfsdienstgesetz“. Durch dieses Gesetz wurden die
Arbeiterausschüsse für alle Betriebe mit mindestens 30 Arbeitern oder
Angestellten vor gescherie ben. Ihre Aufgaben wurden dahin be—
zeichnet, daß sie Auträge, Wünsche und Beschwerden der Arbeiter und
Angestellten, die sich auf die Betriebseinrichtungen, die Löhne und son—
stigen Arbeitsverhältnisse bezogen, zur Kenntnis des Unternehmers
bringen und sich zugleich darüber äußern sollten. Bei Meinungsver—
schiedenheiten konnten beide Teile die ver mittelnde Tätigkeit
eines Schlichtungsausschusses unter Vorsitz eines Beauftragten des
Kriegsamtes anrufen.
Man sieht hier schon ein grundsätzliches Abweichen von dem bis
dahin von der Gesetzgebung eingenommenen Standpunkte, das sich da⸗
durch erklärt, daß die Gewerkschaften auf dieses Gesetz, das von der
obersten Heeresleitung ganz auders gedacht war, den entscheidenden
Einfluß gewanuen. Es wurde statt zu einem Machtmittel des Staates
gegenüber den Dienstpflichtigen, zu einem Machtmittel der Gewerk—
schaften und verfehlte damit völlig seinen Zweck. Man hatte bis dahin
den Grundsatz der Verantwortlichkeit des Unternehmers festgehalten.

24
        <pb n="126" />
        In diesen Grundsatz stieß man das erste Loch, indem man einer außer⸗
halb des Betriebs stehenden Stelle das Recht gab, vorläufig aller⸗
dings nur im Sinne einer Vermittlung, in die Verhältnisse des einzel⸗
nen Betriebs einzugreifen. Immerhin war diese Maßnahme durch die
besonderen Kriegsverhältnisse noch einigermaßen zu rechtfertigen.
Nach dem Umsturz wurde aber dieses Loch systematisch erweitert,
und zwar nicht auf Grund ruhiger Durchprüfung der Verhältnisse,
sondern unter dem Druck von Generalstreiks. Einer von dem Berliner
Generalstreikkomitee nach Weimar entsandten Abordnung gegenüber
ließ sich die Reichsregierung unter dem 5. März 1919 zu der Er⸗
klärung nötigen, daß die Arbeiterräte als wirtschaftliche Inter⸗
essenvertretung grundsätzlich anerkaunt, und daß sie in der Verfassung
„verankert“ werden sollten; ferner, daß für die einzelnen Betriebe
Betriebs räte gewählt werden sollten, die bei der Regelung der
allgemeinen Arbeitsverhältnisse g leich berechtigt mitzuwirken
hätten. Acht Tage später kam unter dem Vorsitz des Reichsarbeits⸗
ministers zwischen Unternehmern und Arbeitern des Bergbaus eine
Vereinbarung für das mitteldeutsche Kohlenstreikgebiet zustande, die
die erste Verwirklichung des Betriebsrätegedankens in oer Praxis
darstellte. Sie bestimmte, daß der Betriebsrat das Recht der Einsicht⸗
nahme in alle Betriebsvorgänge haben sollte, soweit dadurch keine Be⸗
triebsgeheimnisse gefährdet würden. Ueber die Arbeitsbedingungen soll⸗
ten sich Betriebsrat und Betriebsleitung verständigen und über Ein—
stellung und Entlassung von Arbeitern und Angestellten Grundsätze
zwischen den beiderseitigen Organisationen vereinbart werden. Ueber
Streitigkeiten sollten die zuständigen gesetzlichen Körperschaften e n t
scheiden, sofern nicht besondere Schlichtungsstellen vereinbart wür—
den. Hier war also aus der vermittelnden Stelle eine entschei⸗—
den de Behörde gemacht.
Dem von der Regierung gegebenen Versprechen gemäß wurden
die Arbeiterräte in der Reichsverfassung vom 11. August 1919 „ver—
ankert“. Der diesbezügliche Artikel 1605 der Verfassung besagt, daß
„die Arbeiter und Angestellten dazu berufen sind, gleichberechtigt in
Gemeinschaft mit den Unternehmern an der Regelung der Lohn—
und Arbeitsbedingungen sowie an der gesamten wirtschaftlichen Ent
wicklung der produktiven Kräfte mitzuwirken.“
Ferner heißt es dort:

25*
        <pb n="127" />
        „Die Arbeiter und Angestellten erhalten zur Wahrnehmung
ihrer sozialen und wirtschaftlichen Interessen gesetzliche Vertretungen
in Betriebsarbeiterräten, sowie in nach Wirtschaftsgebieten geglie⸗
derten Bezirksarbeiterräten und in einem Reichsarbeiterrat.“
Ein Sondergesetz über die Betriebsräte mit 06 Paragraphen folgte
unter dem 4. Februar 1920. Es bestimmtt, daß in größeren Betrieben
Betriebsräte, in kleineren Betrieben Betriebsobleute, für Arbeiter
und Angestellte getrennt, zu wählen sind.
Ohne mich auf Einzelheiten einlassen zu können, will ich hier nur
die uns interessierenden Punkte hervorheben. Die Aufgaben der Be⸗
triebsräte erstrecken sich teils auf Fragen des Arbeitsverhältnisses, teils
auf betriebswirtschaftliche Fragen. Bezüglich der ersten schreibt das
Gesetz vor, daß Dienstvorschriften gemeinsam zu erlassen, ferner Richt—
linien über die Einstellung von Arbeitern und Angestellten aufzustellen
sind. Bei Entlassungen haben die Betriebsräte mitzuwirken, ebenso
bei der Verwaltung von Werkpensionskassen und Werkwohnungen.
Die Befolgung der bestehenden Vorschriften durch den Unternehmer
haben sie zu überwachen und auf Abstellung von Mißständen hin—
zuwirken.

Der Grundgedanke dieses Gesetzes ist also, daß in allen Ange⸗
stellten und Arbeiterfragen dem Betriebsrat nicht nur eine Mitbera⸗
tung, sondern auch eine Mitentscheidung zustehen soll und daß, wenn
eine Einigung nicht zustande kommt, der Schlichtungsausschuß unter
einem sogenannten unparteiischen Vorsitzenden entscheidet.
Die Mitglieder des Betriebsrats sind außerdem mit besonderen
Vorrechten ausgestattet, indem ihnen der Unternehmer die zur Ans—
übung ihres Amtes nötige Zeit unter Weiterzahlung des Lohnes zu
gewähren und die nötigen Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen hat.
Ihre Kündigung ist für den Unternehmer mit besonderen Erschwerun—
gen verbunden.
Das Gesetz enthält auch noch einige audere Aufgaben, die dem
allgemeinen Betrieb⸗ainteresse zugute kommen sollen. Go heißt es, daß
der Betriebsrat den Unternehmer durch Rat unterstützen, an der Ein⸗
führung neuer Arbeitsmethoden fördernd mitarbeiten und den Berrieb
vor Erschütterungen bewahren soll. Auch soll er das Einvernehmen
innerhalb der Arbeitnehmerschaft sowie zwischen ihr und dem Unter⸗
nehmer pflegen, auf die Bekämpfung der Unfall- und Gesundheits—

273
        <pb n="128" />
        gefahren im Betrieb hinwirken u. dergl. mehr. Der Unternehmer ist
berpflichtet, vierteljährlich einen Bericht über die Lage und den Gang
des Unternehmens und des Gewerbes im allgemeinen, über die Lei—
stungen des Betriebs und den zu erwartenden Arbeitsbedarf im beson⸗
deren zu erstatten. Endlich ist bestimmt, daß in Betrieben mit min—
destens Z0o Arbeitern oder g0 Angestellten die Betriebsräte alljähr—
lich die Vorlage und Erläuterung einer Betriebsbilanz und einer Be—
triebs⸗ Gewinn⸗ und Verlustrechnung verlangen können und daß bei
Gesellschaftsunternehmen mit einem Aufsichtsrat der Betriebsrat ein
bis zwei Nditglieder in diesen Aufsichtsrat eutsenden kann, die dort
Sitz und Stimme haben.
Was ist nun die Folge dieser Bestimmungen gewesen? Es ist
eine Unmenge unproduktiver Arbeit in die Betriebe eingezogen, mit
deren Kosten die Unternehmungen belastet sind. Die Disziplin hat ge⸗
litten, Unternehmer und Vorgesetzte lassen oft fünf grade sein, um
den Scherereien eines Beschwerdeverfahrens aus dem Wege zu gehen.
Im übrigen sind die Wirkungen verschieden, je nach der Art, wie der
Unternehmer Arbeiter und Angestellte zu behandeln weiß und je nach⸗
dem die Leute vernünftig und ordentlich oder unvernünftig und streit⸗
süchtig sind. Infolge dieser Verschiedenheit hört man auch sehr ver⸗
schiedene Urteile über die Betriebsräte.
Einen praktischen Nutzen für den Betrieb, also für die Wirt—
schaft, haben die Bestimmungen im großen und ganzen nicht gehabt.
Es ist das auch künftig nicht zu erwarten, da eben zur Beurteilung der
wirtschaftlichen Verhältnisse des Betriebs ein anderes Maß von
Kenntnissen und Erfahrungen gehört, als es Arbeiter und Angestellte
in untergeordneten Stellungen besitzen können. Von einer produktions—
fördernden Wirkung der Tätigkeit der Betriebsräte ist mir noch nichts
bekannt geworden. Auf den Ausbruch von Streiks haben die Betriebs—
räte auch nicht mäßigend eingewirkt, denn die Lohnbewegung befindet
sich in der Hand der Gewerkschaften, die die Betriebsräte bei diesen
Fragen ausschalten.

27
        <pb n="129" />
        Nachdem ich bisher meine persönliche Auffassung über die Stel⸗
lung von Unternehmer und Arbeiter in der Wirtschaft dargelegt
habe, will ich heute einen Vertreter der Wissenschaft zu Wort
kommen lassen und zwar Herrn Professor Ernst Hormeffer,
der in seiner wiederholt erwähnten Schrift ‚Die große Wunde“ in
sehr geistvoller und gründlicher Weise sich über das Thema ausgelassen
hat.
Horneffer führt die bestehenden sozialen Gegensätze zwischen Ka—
vital und Arbeit oder, wie es richtiger heißen muß, zwischen Unter—
nehmer und Arbeiter zurück auf den Gegensatz zweier Weltanschau—
ungen, die durch die Namen Nietzsche und Marx gekennzeichnet wer⸗
den, den Gegensatz zwischen Individnalität und Masse. Beide Rich—
tungen stellten Extreme dar. Das Leben aber sei ein Gleichgewichtszu—
stand, einander die Waage haltender Gegensätze und Kräfte, die sich
ergänzten und ein Gesamtleben formen müßten. So auch in der Wirt⸗
schaft. Während aber die anderen Völker sich von praktischen Zielen
und erreichbaren Aufgaben leiten ließen, hätten sich die Deutschen in
Ideen verloren. Als Vorbild der Vereinigung beider Weltanschau—
ungen stellt er Bismarck hin, der auch in Ideen gelebt habe, sich aber
nicht von ihnen habe terrorisieren lassen, sondern der die Wirklichkeit
beachtet habe. Die dualistische Weltanschauung sei auch der Puukt,
bon dem aus der Sozialismus angreifbar sei.
Die Masse, die der Sozialismus in den Mittelpunkt rückt, stelle
nicht, die Summe der Einzelnen dar, denn die Masse sei immer Durch—
schnittsware. Aus ihr hebe sich das einzelne Talent heraus, der
besonders veranlagte, durch Erziehung und Entwicklung begünstigte
Mensch und der schlechthin Einzige und Eigenartige, das Genie.
Talent und Genie bildeten gegenüber der Masse ein selbständiges, un⸗
entbehrliches Glied mit eignem Schwergewicht und eianer Bedeutung
für die Gesamtheit.
Die einzelne Persönlichkeit, d. h. das Talent oder Genie, in die
Masse einbeziehen, ihr die Bewegungsfreiheit, die eigne freie Initiative
aund den eignen Unternehmungswillen rauben, hieße die ganze soziale

28
        <pb n="130" />
        Gemeinschaft zerstören. Einzelne große Maänner bestimmmten den Cha—
rakter eines Volkes. Sie gäben der Masse erst ihren Inhalt, die
Masse sei für sie der Stoff, dem sie die Form aufprägten. Ja, die
Einzelpersönlichkeit erzeuge die Masse. Aus der Kombination der sonst
zerstrenten Tendenzen und Ideen gehe das Genie hervor, ein ganz
neues, freies, schöpferisches Wesen. Das habe die Sitnation so unge—
mein gefährlich werden lassen, daß die Suggestion der Masse nu—
heimlich um sich gegriffen und alles Denken und Handeln vergiftet
habe.
Auch innerhalb der bürgerlichen Kreise habe eine merkwürdig
feindselige Haltung gegen die höher und stärker veranlagten Naturen
Platz gegriffen. Das deutsche Volk im ganzen habe die geniale Natur
in den letztet Jahrzehnten nicht aufkommen lassen. Nur im Wirt—
schaftsleben sei der Befähigte vorwärts gekommen. Im übrigen habe
nur der solide Durchschnittsmensch Aussicht auf Beförderung gehabt.
Der Sturz Bismarcks und die Art, wie er im Volk aufgenommen
wurde, sei ein Symptom dieser ganzen Einstellung gewesen. Aus ihr
erkläre sich auch der Gegensatz zwischen Arbeiter und Unternehmer,
ebenso wie sich aus ihr die Koalition der Mächte gegen das geistig
überlegene deutsche Volk erkläre. Die Bewegung der Arbeiterschaft
sei eine Bewegung der großen Zahl, des Durchschnitts gegen die be—
fähigte überlegene Minderheit. Während auf jedem Lebensgebiet das
Prinzip der Gliederung gelte, strebe die Arbeiterbewegung auf das ent⸗
gegengesetzte Ziel, die allgemeine Gleichbehandlung ohne Rücksicht auf
Können und Fähigkeit. Der Terror sei das kennzeichnende Prinzip der
Bewegung. Demgegenüber müsse die Philosophie der Einzelpersönlichkeit
 in die Wagschale geworfen werden. Die Philosophie Nietzsches
müsse aber umgebildet, weiterentwickelt werden zu einer Verschmelzung
bon Measse und führender Persönlichkeit. Dies um so mehr, als die
Revolution gezeigt habe, daß jetzt noch weniger führende Persönlich—
keiten an die Oberfläche kommen als vorher.
Vor allem aber habe die seit dem Umsturz vergangene Zeit den
Beweis geliefert, daß der Sozialismus gescheitert sei derart, daß
auch die bisherigen Staatsbetriebe in privatwirtschaftliche Verwaltung
überführt werden müßten. Das Unternehmertum halte nun die Rück
kehr zum alten System für das Gegebene. Das gehe aber nicht, weil
die Arbeiterschaft nicht dafür zu haben sei.

28
        <pb n="131" />
        Auch sei vor dem Krieg bereits die evolutionistische revisionistische
Richtung in ständiger Zunahme begriffen gewesen. Die Sozialdemo—
kratie habe eine politische Erziehungsarbeit geleistet, die verhütet habe,
daß wir in dem Bolschewismus untergegangen seien.
Nun aber sei aus der Enttäuschung über die Undurchführbarkeit
der Sozialisierung eine neue schwere Revolution zu befürchten, nämlich
die soziale nach der politischen. Die Masse, deren Führer ihre Auto—
rität verloren hätten, sei von Natur unvernünftig und werde ihrer
Verzweiflung in schwersten Exzessen Luft machen, während das
Bürgertum sorglos wie immer die Hände in den Schoß lege.
Der heraufziehenden zweiten Rebolution müsse man tun, so meint
Horneffer, durch zwei entgegengesetzte Maßnahmen vorbeugen, einer—
seits durch Gewalt, andererseits durch Milde. Da die Militärmacht
geschwächt sei, so müßten die Bürger zur Selbsthilfe greifen, nötigen—
falls zum Generalstreik. Horneffer prägt für diese Haltung zwei kenn⸗
zeichnende Sätze:
„Das Wesentliche jeder verantwortlichen Leitung ist Energie“,
und ferner:
„Nicht Kraft, sondern allein die Schwäche ist die auslösende
Ursache aller verderblichen Konflikte.“
Daher sei die einheitliche wirtschaftliche Organisation des Bürger—
tums die beste Schutzwehr für die ruhigen und vernünftigen Teile un⸗
serer Arbeiterschaft selbst und damit auch die beste Gewähr für Heil
und Gedeihen der gesamten Arbeiterschaft.
Was die Ndaßnahmen der Milde betrifft, die gleichzeitig ge—
troffen werden sollen, so geht Horneffer davon aus, daß jeder Meusch,
auch der Arbeiter, voon Natur kapitalistisch gesinnt sei. Dieser Drang
müsse nach Möglichkeit befriedigt werden.
Der Kapitalismus als Wirtschaftsform habe schwere Mißstände
gezeitigt. Der Kapitalismus als solcher aber sei notwendig. Er er—
klärt, in der gesamten Wirtschaft sei der Kapitalist das denkbar feinste
und wertvollste Justrument. Unter Kapitalist oersteht Horneffer auch
hier offenbar den Unternehmer. Vom Arbeiter sagt er daun, seine
Lage sei so, daß er nur von der Hand zum Mund lebe. Er führe ein
Proletarierleben, das gar keine Kapitalbildung zulasse, und das sei
unerträglich. Deshalb sammle sich ein furchtbarer Gärungsstoff in
diesen Kreisen an. Vor der Industrialisierung sei es anders gewesen.

30
        <pb n="132" />
        Jeder habe die Möglichkeit gesehen, selbstständig zu werden. Jeder
habe seine verhältnismäßig sichere Existenz gefunden, den Ausblick in
eine sorgenlose Zukunft. Wer keine passende Arbeit fand, sei aus—
gewandert. Heute habe der Arbeiter nur seinen Lohn. Auch wenn
dieser auskömmlich sei, so sei das nicht genug. Der Arbeiter sei ab—
geschnitten von der Kapitalbildung. Die Mehrzahl der Arbeiter ver—
diene unzweifelhaft kraft ihrer Arbeitsleistung, ihres Fleißes und ihrer
ernsten Lebensführung ein besseres Los als die bloße Lebeusfristung. Es
sei unmöglich, einen so großen Bruchteil des Volkes, wie ihn die Ar—
beiterschaft darstelle, mit dieser Lage abzuspeisen. Das Wort von den
Enterbten und Entrechteten habe doch einett Kern von Wahrheit. Das,
was den Arbeiter drücke, sei die relative Unsicherheit seiner Existenz.
Horneffer folgert nun, daß, da dem Arbeiter die natürliche
Kapitalbildung versagt sei, er das Ganze haben wolle. Er behauptet:
ohne die Unterlage eines auch noch so bescheidenen Besitzes, ohne feste
reelle Basis, die ein solcher Besitz verleihe, gebe es auf die Dauer
keine Sittlichkeit, „der schlechthin Besitzlose kann nicht dauernd
tugendhaft sein“. Nur wenn wir unsere Proletarier zu „Bürgern“
machten, nur dann könnten wir eine Festigung und Gesundung un
seres sozialen Lebens erwarten. Er schildert dann das Verhältnis des
Arbeiters zur Fabrik:
.Die Arbeiter fluten herein, sie fluten heraus, eine Verantwortung
 für den Betrieb tragen sie nicht, sie stehen außerhalb des
eigentlichen Werkes, zu dem sie gar kein inneres Verhältnis haben,
mit dem ihnen jeder tiefere Zusammenhang fehlt. Gie arbeiten nur,
aber Erfolg, Wirkung der Arbeit im großen und ganzen sehen sie
nicht, kennen sie nicht. Sie sind nur Lohnsklaven.“
Das Verbundensein in Gesinnung, Arbeit, Verantwortung sei nur
möglich, wenn ein Eigentums- und Besitzrecht an denn Gesamtwerk
haftet, soust fluchen sie dem, was sie lieben sollen. Da man ihnen nun
das Ganze, wie sie es wollen, nicht geben könne, weil das den Zu⸗
sammenbruch bedeuten würde, so müsse man ihnen wenigstens eine Be⸗
teiligung geben. Die strenge privatkapitalistische Fortn der Gegenwart
sei nicht aufrecht zu erhalten. Die Unmöglichkeit dieser Lösung der
sozialen Frage sei bereits erwiesen. Die Arbeiter ließen sich diese
Lösung auf die Dauer einfach nicht gefallen und gegen die große Masse
ließe sich zuletzt nichts tun.

*84
        <pb n="133" />
        Nun erwähnt Horneffer, daß schon mehrfach von Großunter—
nehmern, zuletzt von Krupp, Versuche mit Gewinnbeteiligung der Ar—
beiter gemacht worden seien und daß diese Versuche im großen und
ganzen einen Mißerfolg gezeitigt hätten. Dazu bemerkt Hormneffer,
dieser Mrißerfolg beweise gar nichts. Erstens sei zu berücksichtigen,
daß die Arbeiter ja das Ganze haben wollten und deshalb zunächst
die Beteiligung bekämpften. Ntan müsse deswegen Geduld haben.
Zweitens aber sei der Fehler der bisherigen Versuche der gewesen,
daß nur einzelne Unternehmer vorgegangen seien. Es müsse die ein—
heitlich organisierte Unternehmerschaft geschlossen vorgehen. Das
ganze Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeiter sei vergiftet, des
halb werde der einzelne Versuch der Kapitalbeteiligung als Bestechung
oder als Köder aufgefaßt, er wirke daher aufreizend.
Jetzt, wo die große Woge der sozialistischen Utopien im Abebben
begriffen sei, sei der psychologische Moment gekommen, um der Ar—⸗
beiterschaft ein bestimmtes Angebot zu machen.
Die Arbeiterschaft habe an der außerordentlichen Vermehrung
des Unternehmerkapitals ihren gemessenen Anteil, die Arbeiterschaft
als Ganzes genommen. Der Lohn sei nur das Entgelt für die Einzel—
leistung, aber die Gesamtarbeit schaffe noch einen Gesamteffekt. Des—
halb gebühre der Arbeiterschaft auch ein Anteil am Wachstum des
Ganzen.
Nun geht Hormeffer zu seinem eigenen Vorschlag über. Die bis—
her versuchte Form der Gewinnbeteiligung sei falsch, eine
Halbheit. Sie sei ein schwankender Teil des Lohnes und deshalb für
das innere Verhältnis zun Werk bedeutungslos. Neben dem finan—
ziellen Interesse habe der Arbeiter das Bedürfnis nach persönlicher
Geltung. Dem habe man durch das Betriebsrätegesetz Rechnung
tragen wollen. Dasselbe sei wieder ein Mißerfolg, weil es kein Be—
sitzrecht gibt und deshalb kein Verantwortungsgefühl. So sei das
Gesetz nur eine Quelle des Stänkerns, der Betriebslähmung geworden.
Auch die Schaffung von Werkwohnungen sei bestenfalls eine kleine
Ablenkung. Nur die Besitzbeteiligung könne den sozualen Frieden
bringen. Man dürfe aber den Arbeiter nicht einfach, wie es durch
die Kleinaktie geschehe, zum Kapitalisten machen wollen, dazu fehle
ihm die Befähigung, die der Kapitalist (Horneffer meint hier wieder
den Unternehmer) durch Vorbildung oder Erziehung besitze. Worauf

132
        <pb n="134" />
        es ankomme, sei, dem Arbeiter die Sicherheit seines Lebens zu verbür—
gen, solange die industriellen Werke selbst, für die er mitschaffe, diese
Dauer und Sicherheit besäßen. Nur im Besitz dieser Sicherheit
könne er mitarbeiten, ohne sie werde er unzufrieden bleiben.
Die Art, wie Horneffer sich die Ausführung denkt, ist nur kurz
skizziert. Jeder sogenannte Stammarbeiter, d. h. der Arbeiter, der eine
gewisse Zeit — von etwa z Jahren an — im Betrieb tätig ist, erhält
eine Aktie, aber keine Kapitalaktie, sondern eine Arbeitsaktie
und damit einen unveräußerlichen Teil am Werk. Als Inhaber dieser
Arbeitsaktie habe der Arbeiter Sitz und Stimme in der Generalver
sammlung. Es sei ein Fehler der Firma Krupp gewesen, nur eine
Vertretung der Arbeiter, nämlich die sogenannte Treuhaudgesellschaft
zuzulassen, nicht die Arbeiter selbst. Allerdings habe die Stimme des
einzelnen Arbeiters in der Generalversammlung kein Gewicht, aber
dasselbe sei ja auch beim Reichstagswahlrecht der Fall. Der Arbeiter
müsse aber Gelegenheit haben, zu allen Fragen des Betriebs unmittel—
bar Stellung zu nehmen und dem Betriebsleiter gegenüberzutreten.
Daneben möge die Vertretung des Betriebsrates im Aufsichtsrat bei
behalten bleiben.
Die Arbeitsaktie soll ferner mit der Zahl der Dienstjahre an
Bedeutung steigen und im Alter in Form einer Peusion ausbezahlt
werdetn.

Es stehe nichts im Wege, neben dieser Arbeitsaktie auch noch
als Kapitalanlage Kleinaktien auszugeben. Das sei aber eine Gache
für sich.
Dem Einwand, daß durch die Arbeitsaktie ein zu starker Einfluß
der Arbeiterschaft auf die Beschlüsse der Generalversammlung herbei—
geführt werde, begegnet Horneffer mit dem Vorschlag, das Gewicht
der Kapitalaktien und der Arbeitsaktien gleichmäßig zu verteilen in
der Weise, daß das Kapital mindestens die Hälfte der Stimmen er—
hält, während die andere Hälfte den Inhabern der Arbeitsaktien zu—
fällt, und zwar wieder je zur Hälfte der körperlichen Arbeit, d. h. also
den Arbeitern, und zur anderen Hälfte der geistigen Arbeit, d. h. den
kaufmännischen und technischen Angestellten vom Direktor bis herunter
zum Schreibmaschinenfräulein und einfachen kaufmännischen Gehilfen.
Um ferner zu verhüten, daß die Kapitalaktien nicht dadurch in die
Minderheit geraten, daß ein Teil in der Generalbersammlung nicht

133
        <pb n="135" />
        vertreten ist, solle bestimmt werden, daß die nicht vertretenen Stimmen
der Direktion zufallen.
Ich erwähne schließlich noch, daß Horneffer die soziale Gesetz—
gebung, insbesondere die Sozialversicherung, im großen und ganzen
verwirft. Die Altersversicherung insbesondere sei eine große Phau—
tasterei, die ungeheure Summen verzettelt habe und am besten ganz
abgeschafft werde.
Wie Sie sehen, sind die Ausführungen Horueffers eine Mischung
bon philosophischen und sehr materiellen Erwägungen. Seine Vor—
—DDDDDDDD
weitgehender sozialer Reformen.
Die Kennzeichnung des Gegensatzes zwischen dem Individualis—
mus Nietzsches und dem Sozialismus von Karl Marx, zwischen In—
dividualität und Masse, ist zweifellos richtig. Ebenso richtig ist, was
er über die Bedeutung der Persönlichkeit und die Mißgunst der
Mdasse gegenüber den über den Durchschnitt hinausgehenden Persön—
lichkeiten sagt, und endlich was er über den Zusammenbruch des So⸗
zialismus als Weltanschauung und Programm ausführt.
Für nicht zutreffend halte ich aber schon seine Ausführungen
darüber, daß vor dem Kriege die evolutionistische, revisionistische Rich—
tutig im Sozialismus in ständiger Zunahme begriffen gewesen sei, und
daß die Sozialdemokratie eine politische Erziehungsarbeit geleistet habe,
die uns nach der Revolution zugute gekommen sei. Tatsache ist, daß
wohl eine Anzahl geistig höherstehender Sozialdemokraten schon lange
vor dem Kriege die Unhaltbarkeit der sozialistischen Ideen eingesehen
und sich bemüht hat, sie in Einklang mit der allgemeinen Erkenntnis
zu bringen. lleber kleine Kompromisse sind sie jedoch nicht hinaits—
gekommen und schon das hat Mißtrauen in der Masse erregt und
so mancher, Akademiker“ ist infolgedessen kaltgestellt worden. Die offi—
zielle Sozialdemokratie hat niemals eine Konzession an die bürgerliche
Staats- und Wirtschaftsauffassung gemacht und das mit guterm
Grund. Denn ohne die Annahme, daß der Arbeit der Moasse der
volle Ertrag an der Wirtschaft zukomme, ohne die Annahme, daß die
Kapitalisten einen Raub an dem Arbeiter begehen, ohne die Annahme,
daß die Arbeiterschaft dem gesamten Bürgertum als Feind gegen—
überstehe, verliert ja die sozialistische Lehre jede Existenzberechtigung.
Ohne alle diese Sätze würde der Sozialismus einfach in die Bahn

34
        <pb n="136" />
        einer bürgerlichen Partei einmünden und sich selbst damit auf—
geben.
Die Erziehungsarbeit, die die Sozialdemokratie geleistet hat, muß
ich deshalb auch ganz anders einschätzen wie Horneffer. Daß in ihr
sehr viele tüchtige Kräfte tätig gewesen sind und noch sind, unterliegt
keinem Zweifel, ebensowenig, daß diese auf organisatorischem Gebiet
Außerordentliches geleistet haben. Aber was nützen alle diese Leistun⸗
gen, wenn sie von falschen und verderblichen Grundanschauungen aus—
gehen und demgemäß auch zu falschen Zielen führen? Es ist doch ein
gar zu bescheidener Standpunkt, wenn man sagt, ohne diese Erziehungs
arbeit wäre es noch schlimmer gekommen, ohne sie wären wir dem
Bolschewismus verfallen. Diese Annahme setzt für die Masse des
deutschen Volkes ein solches Maß von Unvernunft voraus, daß ich
mich dem durchaus nicht anschließen kann. Ich bin vielmehr der
Meinung, daß ohne die Arbeit der Sozialdemokratie das deutsche
Volk sich niemals so in die Irrgänge des Klassenhasses auf der einen
Seite und der falschen Völkerverbrüderung auf der anderen Seite
berloren hätte, wie es geschehen ist.
Ich gehe auch durchaus nicht in der ungünstigen Beurteilung
der Masse so weit wie Horneffer. Die Masse ist schwerfällig und
mißgünstig. Sie läßt sich andererseits aber auch zum Guten be—
geistern, wie das die Augusttage von 1914 bewiesen haben. Daraus
geht hervor, daß in ihr sehr gesunde Kräfte schlummern, die nur
geweckt werden müssen. Weil diese gesunden Kräfte in den August—
tagen 1914 mit so elementarer Macht aus dem Volk hervorbrachen,
deshalb hat der Sozialismus, der seiner Natur nach international
gerichtet ist, damals sich auch auf das Vaterland besonnen. Wäre
der Reichstag aufgelöst worden wegen Verweigerung der Kriegskredite
durch die Sozialdemokratie, so wäre die Partei wahrscheinlich von den
Wogen der nationalen Begeisterung weggeschwemmt worden.
So pessimistisch im Grunde die Einstellung Horneffers gegenüber
dem Volke ist, so pessimistisch ist auch seine Auffassung bezüglich ihrer
wirtschaftlichen und sozialen Triebe. Schon die Voraussetzung für
diese Triebe erscheint mir unrichtig, wenn er meint, daß der Arbeiter
abgeschnitten sei von der Kapitalbildung, daß er nur von der Hand
in den Mund lebe, daß ihm im Gegensatz zu früheren Zeiten jede
sichere Grundlage der Existenz fehle. Ich habe früher schon nach—

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        gewiesen, daß sie unrichtig ist. Freilich lebt die Masse der Arbeiter—
schaft in bescheidenen Verhältnissen, das ist aber bei den Bauern und
den meisten Haudwerkern ebenso oder noch viel mehr der Fall. Aber
die Möglichkeit des Aufstiegs und der Kapitalbildung ist bei ihm:
durchaus gegeben; natürlich nur für den Tüchtigen und Sparsamen.
Hunderttausend Beispiele dafür kann man finden, wenn man in die
Nähe der Großstadt und der Industriezentren geht, wo man überall
taufende von eigenen Häuschen und Gärtchen findet, die Arbeitern
gehören. In jeder Fabrik kann Horneffer feststellen, wie tüchtige Ar—
beiter vorankommen, wie sie Vorarbeiter, Aufseher, Werkführer
werden. Auch die Mlilliardeneinlaget in den Sparkassen, den
Banken der kleinen Sparer, zeigen, daß zahlreiche Arbeiterfamilien
über einen kleinen Kapitalbesitz verfügen.
Natürlich kann man eine Wirtschaftspyramide ebenso wenig
auf den Kopf stellen, wie irgend eine andere Pyramide. Die weniger
gut Situierten werden immer in der Mehrzahl bleiben. Die Auf—
steigenden werden immer in der Minderzahl sein. Aber der Schwer—
punkt liegt doch darin, daß die Aufstiegmöglichkeit überhaupt geboten
ist. Und das wird niemand leugnen können.
Noch merkwürdiger ist der Vergleich mit der früheren Lage des
Arbeiters, die viel mehr gesichert gewesen sein soll, wie jetzt. Horneffer
spricht sogar von einer sorgenlosen Zukuuft, die jeder Einzelne besessen habe.
Demgegenüber ist darauf hinzuweisen, daß die Gefahr der Ar—⸗
beitslosigkeit, die allerdings z. Z. außerordentlich groß ist, vor dem
Krieg ständig abnahm, daß die Arbeiter dank diesem Umstand und
dank der Sozialversicherung, die Horneffer so sehr verwirft, ein viel
größeres Meaß von Sicherheit und namentlich ein viel gröäßeres Maß
von Freiheit hatten als je zuvor.
Sehr bedenklich erscheint mir ferner die Behauptung, daß von
dem Besitz die Sittlichkeit abhänge, daß der Mensch also ohne ein,
wenn auch noch so kleines, Kapital nicht tugendhaft sein könne. Eine
so pessimistische Auffassung von der Natur des einzelnen Menschen
möchte ich mir nicht zu eigen machen und zahlreiche Beispiele vor—
bildlichen Lebens bei besitzlosen Volksgenossen sprechen auch gegen
diese MNeeinung.
Aber nun zu den wirtschaftlichen Anschauungen. Horneffer hält
deshalb die Aufrechterhaltung der bisherigen Privatwirtschaft nicht

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        für möglich, weil die Arbeiterschaft das einfach nicht wolle, und weil
man gegen diesen Willen nichts ausrichten könne.
Das ist wieder ein starker Pessimismus, verbunden mit einer
Verleugnung dessen, was Horneffer früher über die Bedeutung der
Persönlichkeit gesagt hat. Wenn der einzelne aus der Mrasse her—
vorragende Meensch es ist, der die Masse bestimmt und leitet, so muß
gerade der Philosoph es mm. E. als seine Aufgabe ansehen, der Idee
der Persönlichkeit gegenüber dem falschen Trieb der Masse zum
Sieg zu verhelfen. Die Frage steht dann nicht so: was wollen die
Arbeiter, sondern sie steht so: welche Ideen müssen in die Masse ge—
worfen werden, um sie zum rechten Denken und Handeln zu führen.
Sich dafür einzusetzen, nicht aber einem irregeleiteten Willen nachzu—
geben ist m. E. die Pflicht jedes Einzelnen, der an deun Wiederaufbau
Deutschlands mitarbeiten will.
Horneffer vergißt dies vollständig. Er untersucht nicht, welche
Stellung notwendigerweise der Arbeiter in der Wirtschaft einnehmen
muß, damit diese und damit auch der Arbeiter selbst gedeihen kanun. Er
geht von der Unzufriedenheit der Arbeiter als einer einmal gegebenen
Tatsache aus und knüpft darau nun Vorschläge, um diese Unzufrieden⸗
heit zu beseitigen. Diese Vorschläge selbst entsprechen aber nicht der
Psyche des Arbeiters und iusbesondere nicht den Möglichkeiten der
Wirtschaft.
Der Arbeiter soll damit zufriedengestellt werden, daß er eine
fiktive Aktie erhält, die ihm keinet Gewinnanteil, sondern nur das
Recht gibt, alljährlich an der Generalversammlung des Werkes teil—
zunehmen und dem Leiter des Werkes gegenüberzutreten, und die
ihm außerdem die Aussicht gibt, nach Jahrzehnten eine Alterspension
zu bekommen, falls das Werk bis dahin noch existiert und leistungs
fähig ist.

Ich glaube nicht, daß Horneffer diesen Gedanken mit Arbeitern
besprochen hat, sonst würde er wohl die Antwort erhalten haben, daß
denn Arbeiter damit nicht gedient ist. Auch hat Horneffer wahr—
scheinlich noch nicht an der Generalversammlung einer Aktiengesell—
schaft teilgenommen. Wer in einer solchen Generalversammlung
glaubt ein klares Bild über die Lage des Werkes zu bekommen oder
sich mit dem Leiter des Werkes auseinandersetzen zu können, der erlebt

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        eine große Enttäuschung, schon deshalb, weil es gar nicht möglich ist,
die untfassenden Arbeiten eines Großbetriebs, wie sie sich im Laufe
eines ganzen Jahres ergeben, in wenigen Stunden einem Außen—
stehenden klar zu machen. Auch lassen es die Interessen des Betriebs
selbst häufig gar nicht zu, über schwebende Pläne und Aussichten
mehr als allgemeine Bemerkungen zu machen. Eine Versammlung
von J100 oder gar 1000 Personen ist zu einer sachlichen Diskussion
außerdem ganz unfähig.
Was sollen die Arbeiter außerdem machen, wenn sie erfahren,
daß der Stand des Unternehmens ungünstig ist? Das Einzige wäre,
daß man ihre Zustimmung zu einer längeren Arbeitszeit oder zu
niedrigeren Löhne erhielte, dieser Fall wird aber in Wirklichkeit be—
stimmt nicht eintreten. Bei den meisten wird lediglich das Bestreben
entstehen, möglichst bald den Betrieb zu verlassen und sich in einem
aussichtsreicheren Unternehmen eine Stellung zu verschaffen.
Welche Befriedigung soll ferner eine sehr zweifelhafte Aussicht
auf spätere Versorgung durch das Werk gewähren? Die staatliche
Versicherung gibt in normalen Zeiten wenigstens eine Sicherheit, die
der einzelne Betrieb nicht gewähren kaun. Kommt die Zeit des Alters,
und ist dann der Betrieb micht leistungsfähig, so ist die Euttäuschung
umso bitterer.
Die Arbeitsaktie würde auch die ganze Organisation des Be—
triebs über den Haufen werfen. Man darf sich die Dinge nicht so
vorstellen, als ob das Kapital geschlossen der Arbeiter⸗ und Ange—
stelltenschaft gegenüberstände. Das sogenannte Kapital, d. h. die
Aktionäre, sind sich sehr häufig unter sich durchaus nicht einig. Die
Ansichten über Gewinnverteilung, über neue Pläne gehen oft sehr
weit auseinander. Die Arbeiter- und Angestelltenschaft könnte daher
oft im Bunde mit einer Minderheit der Aktionäre die Mehrheit
der Aktionäre überstimmen. Wie dies ganze System der Arbeits—
aktie auf andere Unternehmen als Aktiengesellschaften übertragen
werden soll, darüber äußert sich Horneffer überhaupt nicht. Er meint,
das sei Sache der Ausführung. Aber damit kommt man nicht über
die Schwierigkeiten hinweg, die einfach unüberwindlich sind.
So sehen wir denn, daß Horneffer zwar scharfe Kritik an den
Zuständen übt, aber tatsächlich keinen brauchbaren Vorschlag zur
Besserung macht.

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        Ich knüpfe an seine eigenen Gedanken an, indem auch ich sage,
daß der Ausgangspunkt für die soziale Frage die Weltan—
schauumg ist, der Kampf zwischen Sozialismus und Individualis—
mus, zwischen Mcasse und Einzelpersönlichkeit. Ich bin aber nicht
der Meinung, daß sich zwischen diesen beiden Richtungen eine Syn—
chese, eine Verschmelzung erzielen läßt.
Der Kampf selbst ist nicht zu vermeiden, das ist sicher, aber
daß der Kampf zu einem Siege des gesunden Individualismus über
den Sozialismus führen kann, diese Hoffnung möchte ich nicht auf—
geben. Eine Verschmelzung nach der Ansicht Horneffers halte ich
zwischen entgegengesetzten Weltanschauungen nicht für möglich, so
wenig wie man Feuer und Wasser vermischen kann. Richtig ist nur,
daß auch der Individualismus übertrieben werden kann, daß das
Recht der Persönlichkeit eine Schranke finden muß nicht nur an den
Rechten jedes anderen Einzelnen, sondern auch an den Interessen der
Gesamtheit. Ein gesunder Individualismus muß also davor bewahrt
bleiben, in schraukenlosen Egoismus auszuarten, nicht aber darf man
darauf ausgehen, ihn umzubiegen in einen halben Sozialismus.
Deshalb heißt es, nicht den falschen Instinkten der Masse
weichen und falsche Zugeständnisse machen, sondern alles daran setzen,
in der Masse Verständnis für die Grundlagen der Wirtschaft zu
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auch für sie nur auf diesem Wege ein nachhaltiger Fortschritt möglich
ist. Ein Arbeiter, dem klargemacht wird, daß er nur ein einzelnes
Glied in den Unternehmen ist, das notwendigerweise von einem
Kopf geleitet werden muß, daß diese Leitung bei demjenigen liegen
muß, dem die Fähigkeit und die Verantwortung beiwohnt, daß die
Arbeiter demgegenüber wohl das Recht der Mitwirkung bei der Rege⸗
lung ihrer Dienstverhältnisse haben, daß aber dem Unternehmer die
letzte Entscheidung in allen wirtschaftlichen Fragen obliegen muß,
ein Arbeiter schließlich, der erkenut, daß der Ertrag des Unter—
nehmens nicht ein an ihm verübter Raub, sondern in erster Linie das
Ergebnis des verantwortlichen ertragswirtschaftlichen Handelns seiner
Leiter ist,

ein solcher Arbeiter wird m. E. viel eher zu einer befriedigenden
Auffassung seiner Lage gelangen als ein Arbeiter, dem man das
Gegenteil dieser wirtschaftlichen Einsicht als Wahrheit einflößt und

E
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        dessen Streben dann notwendig auf die Zerstörung unserer wirt—
schaftlichen Ordnung hinausgeht.
Weiter müßte die Aufklärung dahin gehen, daß es in erster
Linie von der Tüchtigkeit und dem Fleiß des einzelnen Arbeiters selbst
abhängt, ob seine Lage sich verbessert oder verschlechtert, nicht davon,
daß Vereinigungen von Arbeitern, gestützt auf die Masse der un—
geleruten nuud jugendlichen, die Hebung der ganzen Masse auf ein
höheres Niveau der Geldbezüge auf dem Wege des Drucks und der
Gewalt anstreben.
Der Staat soll nach wie vor die Freiheit des einzelnen Arbeiters
gegen Ausbentung schützen, die Freiheit aber auch gegenüber dem
Zwang der eigenen Genossen. Er soll ebenso schützen den Unternehmer
gegen eine Lähmung seiner Bewegungsfreiheit durch Eingriffe und
Ueberlastung und durch gewerkschaftlichen Zwang. Die Sozialpolitik
soll dem Schwachen und Bedürftigen nach dem Maße dessen helfen,
was die Allgemeinheit in dieser Hinsicht zu leisten vertmag. Sie soll
aber nicht darauf ausgehen, die natürliche Wirtschaftsordnung umzu⸗
stoßen und das gesunde Aufeinanderwirken der Kräfte zu verhindern.
Mur in der Auslese, in der Förderung des gesunden, kräftigen
Strebens liegt unsere Zukunft.

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Ich knüpfe an seine eigenen Gedanken an, indem auch ich sage,
aß der Ausgangspunkt für die soziale Frage die Weltan-—
hanununng ist, der Kampf zwischen Sozialismus und Individnalis—
nus, zwischen Measse und Einzelpersönlichkeit. Ich bin aber nicht
er Meinung, daß sich zwischen diesen beiden Richtungen eine Syn—
hese, eine Verschmelzung erzielen läßt.
Der Kampf selbst ist nicht zu vermeiden, das ist sicher, aber
aß der Kampf zu einem Siege des gesunden Individualismus über
jen Sozialismus führen kann, diese Hoffnung möchte ich nicht auf—
jebent. Eine Verschmelzung nach der Ansicht Horneffers halte ich
wischen entgegengesetzten Weltanschauungen nicht für möglich, so
oenig wie man Feuer und Wasser vermischen kann. Richtig ist nur,
daß auch der Individualismus übertrieben werden kann, daß das
stecht der Persönlichkeit eine Schranke finden muß nicht nur an den
Rechten jedes anderen Einzelnen, sondern auch an den Interessen der
Hesamtheit. Ein gesunder Individualismus muß also davor bewahrt
leiben, in schrankenlosen Egoismus auszuarten, nicht aber darf man
arauf ausgehen, ihn umzubiegen in einen halben Sozialismus.
Deshalb heißt es, nicht den falschen Instinkten der Masse
veichen und falsche Zugeständnisse machen, sondern alles daran setzen,
n der Masse Verständnis für die Grundlagen der Wirtschaft zu
erbreiten, damit sie begreift, daß sie sich in diese zu fügen hat und daß
uch für sie nur auf diesem Wege ein nachhaltiger Fortschritt möglich
asst. Ein Arbeiter, dem klargemacht wird, daß er nur ein einzelnes
Blied in dem Unternehmen ist, das notwendigerweise von einem
Kopf geleitet werden muß, daß diese Leitung bei demjenigen liegen
nuß, dem die Fähigkeit und die Verantwortung beiwohnt, daß die
Urbeiter demgegenüber wohl das Recht der Mitwirkung bei der Rege—
ung ihrer Dienstverhältnisse haben, daß aber dem Unternehmer die
setzte Entscheidung in allen wirtschaftlichen Fragen obliegen muß,
ein Arbeiter schließlich, der erkenut, daß der Ertrag des Unter—
nehmens nicht ein an ihm verübter Raub, sondern in erster Linie das
Ergebnis des verantwortlichen ertragswirtschaftlichen Handelus seiner
Leiter ist,
. eit solcher Arbeiter wird m. E. viel eher zu einer befriedigenden
Auffassung seiner Lage gelangen als ein Arbeiter, dem man das
Gegenteil dieser wirtschaftlichen Einsicht als Wahrheit einflößt und

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