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        <title>Verständigung zwischen Stadt und Land durch Revision unserer Ernährungspolitik</title>
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        VERSTANDIGUNG
„WISCHEN SIADT UND LAND
DURCH REVISION UNSERER
EFRNAHRUNGSPOLITI!

Herausgegeben vor

—-

-

——_

Qu!
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        „$
        <pb n="3" />
        Als Manuskript gedruckt
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        <pb n="5" />
        Y*%
40
Vorwort

„Förderung der heimischen Viehzucht“, „Entlastung der Han-
delsbilanz‘“, „ausreichende Versorgung der Bevölkerung mit tieri-
schen Nahrungsmitteln‘, sind Probleme, die im Reichstag und in
der Oeffentlichkeit immer wieder zur Debatte stehen.
Diese Fragen erhalten durch die im Regierungsprogramm vor-
gesehenen Maßnahmen zur Stützung der heimischen Landwirtschaft
und die vorliegenden Anträge auf Verbesserung der Gefrierfleisch-
versorgung. gegenwärtig eine besondere Aktualität. Die Schwierig-
keiten, die sich bei Behandlung dieser Fragen ergeben, liegen meist
darin, daB sich hierbei die Forderungen der Landwirtschaft und
die der Verbraucher diametral gegenüberstehen und zu bedauer-
lichem Gegensatz zwischen Stadt und Länd führen.
Seit Jahren ist der Fachausschuß für Fleischversor-
gung bemüht, diese Probleme zu untersuchen und Mittel und
Wege zu ihrer bestmöglichen Lösung ausfindig zu machen. Auf
den nachfolgenden Seiten sollen daher einige solche Lösungsmög-
lichkeiten gezeigt werden. Der beschränkte Rahmen verbietet eine
erschöpfende Behandlung unseres Themas. Der Hauptwert wurde
vielmehr darauf gelegt, überall das Wesentliche herauszuschälen und
durch anschauliche bildmäBige Gegenüberstellungen zum Nachdenken
über die gegebenen Fingerzeige anzuregen.

Der Fachausschuß glaubt aus mehrfach geäußerten Wünschen
schließen zu können, daß gerade bei den vielseitig beschäftigten
Politikern und Journalisten ein starkes Bedürfnis nach einer kurzen
und sachlichen Orientierung über dieses Gebiet vorlieat.

Berlin W, den 20. November 1928.

Fachausschuß für Fleischversorgung.

fa
«5a
        <pb n="6" />
        Der Fleischverbrauch
Wunsch und Wirklichkeit

179kq

52ka

?7kg

Bid 1.

Der Zweck dieser Gegenüberstell ung ist, sinn-
fällig zu demonstrieren, wo das eigentliche Pro-
blem bei der Fleischversorgung zu suchen ist und
wie bedeutungslos hierfür die in der Oeffentlich-
keit immer wieder verwandten Zahlen des durch-
schnittlichen Fleischverbrauches sind.
        <pb n="7" />
        Die Passagiere eines Hapagdampfers verbrauchen!) durch-
schnittlich 490 Gramm täglich, das entspricht einem Jahresfleisch-
verbrauch von 179 kg. Da der Passagier soviel essen kann, wie
er will, kann man diese Menge als Fieischbegehr bezeichnen, das
ist die Menge, die tatsächlich verbraucht wird, wenn nach den
Kosten nicht gefragt zu werden braucht.

Der durchschnittliche Fleischverbrauch?) betrug 1927 je Kopf
der Bevölkerung 52 kg. Diese Zahl wird bei allen Be-
trachtungen über den Fleischverbrauch herange-
zogen, trotzdem ihr praktischer Wert gleich Null
ist. Da reiche Leute, wie das Bild zeigt, sehr viel mehr essen,
bleibt für den Rest der Bevölkerung eine weit geringere Menge übrig.

Als Beispiel der Praxis mag ein Ergebnis Hamburger Haus-
haltsrechnungen?) angeführt werden. In den Arbeiterhaushalten
wurden bei einem Gesamteinkommen von RM. 2400,— jährlich
je Kopf 27 kg Fleisch verbraucht. Da das Einkommen in sehr vielen
Arbeiterfamilien aber geringer ist, dürfte auch ihr Fleischverbrauch
oft noch viel niedriger sein.

Nach Angaben der Hapag.
Laut Wirtschaft und Statistik 1928 Nr. 6.

-» Aus Hamburgs Verwaltung und Wirtschaft, Monatsschrift des
Stat. Landesamtes 1927, Nr, 5. Vergl. auch: Erhebung von Wirtschafts-
rechnungen minderbemittelter Familien im deutschen Reiche, bearbeitet
vom Stat. Reichsamt, Abt. für Arbeiterstatistik.
        <pb n="8" />
        Es kann nicht die Aufgabe der Wirtschaftspolitik sein, das oft
über das physiologisch richtige Maß hinausgehende Fleischbegehr
der Verbraucher, wie das vorige Bild zeigt, zu befriedigen; das
Problem heißt vielmehr: Sicherstellung des ernährungsphysiologi-
schen Mindestbedarfes,
Die anerkannten Ernährungsphysiologen Rubner und v. Voits
halten einen Mindestverbrauch von 70 kg je Kopf und Jahr für
erforderlich, einige Gelehrte gehen hierin höher, andere niedriger,
Um diese Zahlen zu streiten, ist müßig. Sicher ist, daß ein Ver-
brauch von 27 kg nicht ausreicht. Sicher ist auch, daB die Kreise
mit diesem Konsum mehr essen möchten und nur deshalb nicht
mehr kaufen, weil ihnen das Geld dazu fehlt.
Das Versorgungsproblem ist also ein reines
Preisproblem.
Ein Blick auf die Entwicklung der Fleischpreise in den letzten
drei Jahren. zeigt, daß die Rindfleischpreise eine ruhige, gleich-
mäßig steigende Tendenz, die Schweinefleischpreise dagegen starke
Schwankungen und im April 1928 einen besonderen Tiefstand zu
verzeichnen hatten, während der gleichbleibende Gefrierfleischpreis
sogar damals noch 37 Pfg. je Pfund unter diesem anormal nie-
drigen Schweinefleischpreis lag.
Die’ großen Verhiste, die die Schweinepreise der Landwirt-
schaft damals brachten, führten zu dem Notprogramm und den
heutigen hohen Preisen.
Diese Tatsachebeweist, daB die deutsche Land-
wirtschaft bei Aufrechterhaltung ihrer Rentabili-
tät nicht in der Lage ist, die minderbemittelten
Bevölkerungskreise mit Fleisch zu den niedrigen
Dreisen zu versorgen, die ihrer geringen Kaufkraft
entsprechen.
        <pb n="9" />
        Entwicklung der Fleischoreise
in Pfa.je 6 Durchschnitt aus 13 deutschen Großstädten in Dh jet

49 A

130
120 L

110

100

30

wernefleisch
A

SD

‘40

20}

720.

+

110

A

106

N

an

30
zefrierfleisch

(1

. UND
y 28

Bild 2.

Stat. Korrespondenz des preußischen Stat. Landesamtes. Der arith-
mische Durchschnitt der notierten Schnitte ist für 13 GroBstädte errechnet
und gewogen mit dem Anteil, dem jede Stadt an der Gesamtbevölkerung
der 13 Städte hat
        <pb n="10" />
        Das Preisproblem wäre lückenhaft behandelt, wenn wir nur
bei dem Produzenten festgestellt hätten, daB er, ohne Ver-
lust seiner Rentabilität nicht billiger produzieren kann
und bei dem großen Teil der Konsumenten gesehen hätten,
daß ihre Kaufkraft für die Inlandsfleischpreise nicht aus-
reicht.
Von selbst wendet sich der Blick dem Verteilungs-
apparat der großstädtischen Fleischversorgung zu und jeder Laie,
der sich dieses komplizierte Gebilde einmal angesehen hat, glaubt
den Schlüssel zur Lösung des Preisproblems gefunden zu haben.
Dieser vielgliedrige Apparat und der lange Weg, den das Fleisch
zurücklegen muß, haben zu den programmatischen Forderungen
„Ausschaltung des Zwischenhandels“ und „Verringerung der Spanne
zwischen Erzeuger- und Verbraucherpreis‘“ geführt.
Man übersicht aber dabei völlig die Tatsache, daß etwa ?/;
des gesamten, im Reiche verbrauchten Fleisches auf dem kürzesten
Weg — Landwirt, Fleischer, bzw. Landwirt, Viehhändler, Fleischer
— zum Konsumenten wandert.
Die nur in den Großstädten existierenden Zwischen-
glieder, Viehagent und Großschlächter verdanken dem‘ Bedürfnis
nach rationeller Arbeitsteilung ihr Dasein. Sie ermög-
lichen eine erhebliche Vereinfachung des umfangreichen groBstädti-
schen Marktverkehrs.
Ueber die in der Oeffentlichkeit immer noch diskutierte Frage
der Preisspanne des Ladenfleischers mag man noch so verschiedener
Meinung sein, ausschlaggebend für das Urteil ist doch die
Tatsache. daß. wie das Bild zeigt, ein Monopol nicht besteht.
Die großen Qualitätsunterschiede der Ware schließen auch
praktisch jegliche Preisverabredungen aus. Wo aber, wie in Berlin,
4000 Betriebe verschiedener Organisationsform in freier Konkurrenz
nebeneinander stehen, da muß dieser Konkurrenzkampf unweigerlich,
wenn er es nicht schon getan hat, zur wirtschaftlichsten Betriebs-
form!) führen. Wenn man die Fleischpreise in Kleinstädten des
Viehproduktionsgebietes mit den Berliner Fleischpreisen vergleicht?),
so stellt sich heraus, daß manche Sorten trotz der dazwischen lie-
genden Transportkosten und trotz der vielen Verteilungsglieder we-
niger kosten als in den Kleinstädten, weil offenbar durch rationelle
Arbeitsteilung, bessere Verwertung der Nebenprodukte und höheren
Umsatz in der GroBßstadt die höheren Transportkosten aus-
geglichen werden.

3.
1) Eine eingehende Untersuchung hierüber siehe E. Vv. d. Warth:
„Deutsche Fleischversorgung und -verarbeitung“‘, Wirtschaftshefte der
Frankfurter Zeitung Nr. 5.

?) Veral. Stat. Korrespondenz.
        <pb n="11" />
        Die Fleischverteilung der Großstadt

yLandı

ie yprwW-IeN

' Vrehhändler]
[Viehagent]

17

Fleifch Importeur

Hai)
\ Markt

\Fainkoett

reischw-Indfn-

a

&amp;
= (Konsum een.
(Großschlächter) "Konsemeenq

‚aisch-
Oßmarkt

Fleischerladen

N
Konsrimverein

X
Aust F-Großh.

Spez Verkaufs
°nra uche”

Bild 3.

Das beweist jedenfalls, daß auch von einem
einfacheren Verteilungssystem gegenüber der aus den
Bedürfnissen der Großstadt geborenen weitgehenden Arbeitsteilung
keine Senkung der Preisspanne zu erwarten ist,
die die Diskrepanz zwischen der Rentabilitätsgrenze des Landwirts
und der Kaufkraftgrenze der minderbemittelten Bevölkerung besei-
tigen oder das Niveau der inländischen Frischfleischpreise auf das
der Gefrierfleischpreise herabdrücken könnte.
        <pb n="12" />
        Da somit dem Gefrierfleisch tatsächlich die Aufgabe zufällt,
die Fleischversorgung der Minderbemittelten sicherzustellen, ist es
durchaus verständlich, daß der Gefrierfleischeinfuhr in der Oeffent-
lichkeit nicht mit Unrecht eine besondere soziale Bedeutung bei-
gemessen wird.

Der Begriff „minderbemittelt‘“ ist ein sehr relativer.
Um einen Anhalt zu haben, ziehen wir den völlig unzureichenden
Fleischverbrauch der schon genannten Hamburger Arbeiter-Haushalte von
27 kg zum Vergleich heran, Wir rechnen jedoch diese Einkommensgruppe
mit RM. 2400,— noch nicht zu den Minderbemittelten und scheiden auch
die gesamte Landbevölkerung aus, weil deren Ernährungsquellen im-
merhin nicht so begrenzt sind, wie .die der ärmeren Stadtbevölkerung.

Wenn wir also nur die Einkommen unter RM. 2000,—1) je Haus-
halt als „minderbemittelt“ betrachten, diese mit Z5 Millionen Köpfen an-
setzen und hierzu noch die Kleinrentner mit 2,5 Millionen?), Erwerbslose,
Fürsorgeempfänger und deren Angehörige mit 2,2 Millionen?) rechnen,
kommen wir zu einem Anteil an der städtischen Bevölkerung?) von 32%,
den der Sektor des untenstehenden Bildes zeigt
Anteil
der Minderbemittelten des Gefrierfleisches
ander Stadtbevoölkerung am Gesamftfleischverbrauch

Bild 4.
Diesem Anteil der Minderbemittelten von 32% steht ein Anteil
des Gefrierfleisches am Gesamtfleischverbrauch‘) der Stadtbevölke-
rung von 2% gegenüber.

3

Laut Finanzministerium.

Errechnet laut Stat. Jahrbuch,

Wochenbericht des Instituts für Konjunkturforschung 1928, Nr. 32.
Stat. Berichte des Fachausschusses für Fleischversorgung.
        <pb n="13" />
        Hierin zeigt sich eine Unzulänglichkeit der gegenwärtigen Ge-
frierfleischversorgung, die auch schon vor der Kontingentskürzung
bei einem Anteil von 40% vorhanden war.
Diese Kürzung, die im April 1928 erfolgte, war ein Teil des
damals im Reichstag angenommenen Notprogramms, zu dem die
katastrophal niedrigen Schweinepreise den Anstoß gaben. Man
ging davon aus, daß das billige Gefrierfleisch durch billiges
Schweinefleisch ersetzt werden könne, eine Annahme, die sich
nech dem Urteil von Sachverständigen nicht bewahrheiten konnte
und, wie das Bild 2 zeigt, auch nicht bewahrheitet hat. Zu dieser
Annahme kam man aber nicht nur durch die Preise, sondern vor
allen Dingen durch die starke Steigerung der Schweineproduktion
gegenüber dem Vorjahre, die gerade im Anfang 1928 zu den enorm
hohen Schweineauftrieben führte. Immer wieder wurde darauf ver-
wiesen, daß der Fleischverbrauch der Vorkriegszeit nunmehr er-
reicht und damit eine ausreichende Versorgung sichergestellt sei.
So wenig das mit den vorausgegangenen Bildern schlaglicht-
artig beleuchtete eigentliche „Problem“ in der Fleischversorgung
dabei behandelt worden ist, so breit ist der Raum, den die Dis-
kussion über die Produktionssteigerung im letzten Jahre und die
Möglichkeit der Erreichung des Zieles „Unabhängigkeit vom Aus-
land“ und „Erzeugung aus heimischer Scholle“ einnahm.

Diege beiden Schlagworte sind als Zielstellung unan-
tastbar, Der nüchterne Wirtschaftspolitiker muß aber auch hierbei
Wunsch und Wirklichkeit streng auseinanderhalten.
Nach Prof. Eulenburg!) konnte leider schon vor dem Kriege
der deutschen Bevölkerung nicht aus heimischer
Scholle ernährt werden. Durch die Abtretung wertvoller
landwirtschaftlicher Ueberschußgebiete ist die Ernährungs-
basis jedenfalls nicht verbreitert worden. Wie es mit
der Steigerung der Fleischproduktion im letzten Jahre aussieht,
veranschaulicht umstehendes Bild.

Eulenburg: Probleme der deutschen Handelspolitik. Jena 1927.
        <pb n="14" />
        Zusammensetzung des Fleischverbrauches
in1000 f
1926 1927

Aüusveredelter
Futtermitteleinfuhr‘
AusViehu.Fleisch-
einfuhr

Ausreiner Inlands
produktion 2)

A352,
400

“40

614;
201

266

Bild 5,
Es zeigt, daß die Steigerung des Fleischangebotes
nicht „aus heimischer Scholle“, sondern letzten Endes mr
aus gesteigerter Futtermitteleinfuhr stammt, deren Ver-
edelung im letzten Jahre nicht weniger als ein Drittel unseres qge-
samten Schweinefleischangebotes aufgebracht hat.

Es ist danach müßig, darüber zu diskutieren, ob, inwieweit
und in welchem Zeitraum die Inlandsproduktion die Einfuhr er-
setzen kann. Sicher ist jedenfalls, daß dies angesichts der gegen-
wärtigen Situation nicht von heute auf morgen geschehen kann.

Das nächstliegende und wichtigste Gegenwartsproblem ist so-
mit, die Einfuhr zu rationalisieren, d. h. sie planmäßig so zu ge-
stalten, daß die Handelsbilanz am geringsten belastet und die Pro-
duktion aus heimischer Scholle am stärksten gefördert wird, ohne
daß dadurch von dem kaufschwachen Konsumenten neue Opfer
verlangt werden.
1) Die Umrechnung der Futtermittel Gerste und Mais in Schweine-
fleisch ist wie folgt vorgenommen: 5 Pfd. Gerste und Mais ergeben
1 Pfd, Schweinefleisch Lebendgewicht. Da das Schlachtgewicht 80% des
Lebendgewichtes beträgt, ergibt sich ein Umrechnungsverhältizis von
5,25 Pfd. Futtermittel zu 1 Pfd. Schweinefleisch Schlachtgewicht,

?) Inlandsproduktion abzügl. der aus der veredelten Futtermitteleinfahr
stammenden Fleischmenge.

19
        <pb n="15" />
        Entlastung der Handelsbilanz und Förder
Inlandsproduktion ; u
Zur Beurteilung dieser Probleme muß zunächst geklärt werden,
welche Produkte. der Viehzucht und der Futtermittel,.. die der
Fleischerzeugung dienen, unsere Handelsbilanz am stärksten belasten
Dies veranschaulichen die im nachstehenden Bild wiedere
gegebenen Werte der Einfuhr in den ersten drei Quartalen 1928.
Bei Behandlung dieser Frage wird vielfach der Fehler gemacht, ein-
zelne Erzeugnisse einer bestimmten Tiergattung herauszugreifen,
Produktion und Einfuhr einander gegenüberzustellen und daraus
Schlüsse über die Förderungsmöglichkeit des betr. Zweiges der
Tierhaltung zu ziehen. Das führt sehr oft zu schiefen Ergebnissen.
Es geht z. B. nicht an, bei Maßnahmen zur Förderung der
Geflügelzucht die Eierproduktion nicht zu erwähnen, bei der
Schweinehaltung die Einfuhr von Schweinen und Schweinefleisch
ohne die Einfuhr von Futtermitteln zu behandeln und bei der
Rinderhaltung die Produkte Milch‘ und Fleisch getrennt zu be-
irachten. Nur bei Würdigung aller Produktionszweige einer Tier-
gattung kann man klar erkennen, wo. der Hebel in der Produk-
Honsförderung am wirksamsten anzusetzen ist.

- der

x
m
Kr

Die Belastung der Handelsbilanz durch einzelne Posten
der Nahrungsmitteleinfuhr'). Tan./Sept. 1928
” Futrergerste u Mais 497 Mill

* Rutteru Käse 307 411

&gt; FEieru Geflügel 256 Mil

&gt; Vieh u.frisches 106 Mill,
Fiaisch

"”Gefriertleisch 63Min

Bild 6.

1) Laut’ Monatliche
lands. Septemberheft.

Nachweise über den auswärtigen Handel Deutsch-
        <pb n="16" />
        Produkte der Rindviehzucht

Die Rindviehhaltung dient einmal der. Erzeugung von Molkerei-
produkten, deren Produktionswert sich 1926/27 auf 50 Milliarden
stellte, dann aber auch der Erzeugung von Fleisch” mit einem
Produktionswert . von 14 Milliarden.

Die Frage, wo kann unsere Handelsbilanz am stärksten ent-
lastet werden, beantwortet sich von selbst durch die Tatsache,
daß die Einfuhr von Molkereiprodukten siebenmal
so hoch ist wie.die Gefrierfleischeinfuhr.

Die Frage, wo kann die Inlandsproduktion am stärksten ge-
fördert werden, ist sowohl vom ernährungswirtschaftlichen, wie
auch vom betriebswirtschaftlichen Ertragsstandpunkt zu
beleuchten.
Der ernährungswirtschaftliche Standpunkt.

Mit gleichen Futtermengen lassen sich in einem Zeitraum von 21/,
Jahren durch einen Ochsen 250 kg Fleich ohne Knochen, oder durch die
Kuh, niedrig gerechnet, 5000 Liter Milch produzieren.

Die Milch hat durchschnittlich 3,1% Eiweiß, 3,5% Fett und 4,7%
Kohlehydrate, auf 100 g entfallen 65 cal., die wir hier für die Nähn-
wertberechnung zugrunde legen.

Ochsenfleisch enthält nach Entfernung der Knochen 18% Eiweiß,
23% Fett und 0,5% Kohlehydrate. Die Kalorienzahl läßt sich ungefähr
auf 290 für 100 g Fleisch festlegen.

Trotz der weit größeren Nährwertkonzentration im Fleisch
ergibt sich aus der Multiplikation unserer Ziffern!) das umnten-
stehende Schaubild, das die 4'/,fache Ueberlegenheit der Milch-
produktion deutlich veranschaulicht.

Fo enthalten:

5000| Milch

a

250 kq Fleisch.___

325000 cal

72500cal
Bild 7,
Der betriebswirtschaftliche Standpunkt.

Setzt man das durchschnittliche Lebensalter einer Kuh mit 10 Jahren
und eines Ochsen mit 2!'/, Jahrem an, so kann man in 10 Jahren, grob
gerechnet, 4 Ochsen mit dem gleichen Futterwert produzieren. den die
Kuh in diesem Zeitraum verbraucht.

Den Ertragswert eines Ochsen nehmen wir mit 450,— RM. an, die
jährliche Milchproduktion einer Kuh entsprechend dem gegenwärtigen
Reichsdurchschnitt mit 2000 Liter, wobei aber nur 7!/, Jahre für. die Er-
rechnung der Gesamtproduktion zugrundegelegt werden können, da die
Kuh meist erst vom 3. Lebensjahre ab Milch gibt. Hierzu kommen 6—8
nüchterne Kälber mit einem Gesamtwert von 320,— RM., und der Schlacht-
wert der abgemolkenen Kuh mit 240 RM.

a1

Schall-Huster. Nahrungsmitteltabelle Leinzia

1925
        <pb n="17" />
        Der Landwirt produziert mit gleichen Futterwerten
in10 Jahren
entweder 1 Milchkuh oder Vier 2} jähr.
Ochsen

Miılchertrag 15000Liter

2000 M

Schlacht

450 M

450 M

der4 Ochee
450 M

Bild 8.

8 Kälber a 40 M
Schlachtwert der Kuh

A320 MM
450M
Gesamterlös : 3560M Gesamterlös: 1800M

Wenn das Bild auch keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit
erhebt, so sind doch für den Vergleich der beiden Produktionsarten,
auf den es hier allein ankommt, die Werte der Milchoroduktion eher
zu niedrig als zu hoch angesetzt.

Das Bild zeigt jedenfalls, welch absolut untergeordnete Be-
deutung der Erlös aus der Schlachtkuh für den Gesamterlös hat und
daß eine wirksame Stützung der Rindviehzucht nicht
durch eine Steigerung des Schlachterlöses, sondern einzig durch
eine Steigerung des Milcherlöses erfolgen kann. Da-
bei ist in dem vorstehenden Bild die Milchleistung der Kuh noch
außerordentlich niedrig mit dem Reichsdurchschnitt von 2000 Liter
pro Jahr eingesetzt. Wie groß auf diesem Gebiete die Steigerungs-
möglichkeit ist, zeigt, daß diesem Reichsdurchschnitt von 2000 Liter
ein Herdendurchschnitt bei einem führenden Landwirt, wie z. B.
dem Herrn von Lochow auf Pettkus, von 5500 Liter und eine
Spitzenleistung von 11000 Liter einer ostpreußischen Herdbuchkuh
gegenübersteht!
Gegenüber diesen Steigerungsmöglichkeiten
des Milchertrages — bei einer Jahresleistung von 5500 Liter würde
sich der Ertrag um mehr als 5000 M. erhöhen — spielt selbst eine
SOprozentige Erhöhung des Preises der Schlachtkuh,
also des Abfallproduktes der Milchproduktion mit 120.— M.
nicht die gerinaste Rolle.
        <pb n="18" />
        Wenn daher zurzeit ein lauter Ruf nach Stützung der Preise
für Schlachtrinder ertönt, so kann man sich des Eindruckes nicht
erwehren, daß hier das Pferd von hinten aufgezäumt werden soll,
zumal im Zusammenhang hiermit ein verschärfter Kampf gegen die
Gefrierfleischeinfuhr angekündigt wird.

Wenn man aber schon die ausländische Konkurrenz auf dem
Schlachtviehmarkt verkleinern will, so muß auch hier an der Stelle
angefangen werden, wo der Druck auf das Inlandsangebot am
stärksten ist. Die Einfuhr von lebendem Vieh und frischem Fleisch
aus unseren europäischen Nachbarstaaten besteht zu zwei Dritteln
aus Kühen, die als Abfallprodukt der hochentwickelten Milchwirt-
schaft aus diesen Ländern auf den deutschen Markt gelangen und
nur zu ein Drittel aus Ochsen und Bullen. Schlachtkühe haben wir
aber besonders bei fortschreitender Umstellung auf Milchproduktion
ohnehin zuviel, weil sich Kuhfleisch vornehmlich zur Wurstfabri-
kation und weniger zum Verkauf über den Ladentisch eignet.
Gefrierfleisch ist Ochsenfleisch, seine Verarbeitung zu Wurst ist
verboten und kann deswegen die Preise für Wurstkühe nicht be-
einflussen. Daß aber Gefrier fleisch niemals den Preis für erst-
klassiges frisches Fleisch beeinflussen kann, bedarf keiner Er-
jäuterung, denn wer einen Luxusbraten kaufen will und kann, der
kauft kein Gefrierfleisch. Gerade auf diesen Markt aber mit seinem
kaufkräftigen Abnehmerkreis drückt das aus dem europäischen Aus-
land eingeführte erstklassige Ochsenfrischfleisch.
Völlig übersehen wird jedoch bei Beurteilung der Konkurrenz
des Gefrierfleisches immer wieder, daß durch dessen niedrigen Preis
eine breite Käuferschicht in die Fleischnachfrage eingeschaltet wird,
deren Kaufkraft für das teurere Frischfleisch nicht ausreicht. Diese
Käuferschicht kann die Landwirtschaft nicht gewinnen, während ihr
durch die Frischfleischeinfuhr ein Teil gerade der kaufkräftigsten
Abnehmerkreise entgeht.

15
        <pb n="19" />
        Der Konsumentenstandpunkt.

Es bleibt noch die Frage zu prüfen, welche Maßnahmen
zur Entlastung der Handelsbilanz und Förderung der Inlands-
produktion auf dem Gebiete der Rindviehzucht sozial am ehesten
tragbar sind.
Hierbei kommt es in erster Linie darauf an, sowohl in der
Versorgung mit Molkereiprodukten, als auch in der
Fleischversorgung die jeweils billigsten Bezugs-
quellen offenzuhalten.
Wie das nachstehende Bild zeigt, liefert in der Versorgung mit
Molkereiprodukten das Inland die billigere, das Ausland die teurere
Ware, Die Konsumenten von dänischer Butter und französischem
Käse sind so kaufkräftig, daß sie auch der heimischen Landwirt-
schaft rentable Preise zahlen können.

In Berlin kosteten 1927 im Kleinhande!l
1 Pfund

Dänische Butter M218

Inlandsbutter M201

Inlandsrindfleisch M125 &gt;——
Ausländ.Gefrierfleisch M 078 &gt;

Bild 9.

Dagegen liefert das Ausland in der Fleischversorgung mit dem
Gefrierfleisch die billigste Versorgungsquelle, während es der heimi-
schen Landwirtschaft bei Aufrechterhaltung ihrer Rentabilität, wie
eingangs dargelegt, gar nicht möglich ist, die kaufschwächsten
Bevölkerungsschichten mit Fleisch zu versorgen.
Maßnahmen, die der Förderung der heimischen Erzeugung von
Molkereiprodukten dienen, sind also, selbst dann, wenn sie zu
Preissteigerungen führen sollten, sozial immer noch unendlich leichter
iragbar, als Beschränkungen der Gefrierfleischeinfuhr, die für be-
stimmte Bevölkerungskreise nicht zu ersetzen ist.
        <pb n="20" />
        Kehrseite der gesteigerten Milchproduktion

Daß die heimische Landwirtschaft aus der Ueberlegenheit der
Milchproduktion ihre Konsequenzen zu ziehen gewillt ist, zeigt
ein Blick auf die Bewegung der Rindviehbestände in den letzten
Jahren.
Die Zahl der Kühe hat 1927 den Vorkriegsstand schon um
3% überschritten und der Anteil des Kuhbestandes am gesamten
Rinderbestand ist von 54% 1913 auf 57% 1927 gestiegen; der
Bestand an Ochsen und Bullen dagegen ist, wenn man ihn
auf den Kopf der Bevölkerung errechnet, auf die Hälfte zu-
sammenageschmolzen.
Hier offenbart sich deutlich die Kehrseite der gesteigerten Milch-
produktion. Während nämlich im landwirtschaftlichen Betriebe die
Schweinehaltung jeweils unabhängig vom Umfang der verfügbaren
landwirtschaftlichen Nutzfläche mit Hilfe der Einfuhr ausländischer
Futtermittel nach Belieben ausgedehnt werden kann, ist die Rinder-
haltung in ihrer Ausdehnung durch den Umfang der vorhandenen
Grünfläche begrenzt. Der landwirtschaftliche Betrieb steht daher
in den meisten Fällen vor der Frage, ob er das verfügbare Futter
durch Kühe in Milch, oder durch Ochsen in Fleisch umwandeln soll.
Nach dem Vorausgesagten ist es nur zu verständlich, daß hier,
wenn nicht besondere Umstände vorliegen, die Entscheidung zu
Gunsten der Milchoroduktion ausfällt.
Dadurch ergibt sich aber zwangsläufig eine immer größer
werdende Lücke im Angebot des für den Frischfleischverkauf ge-
eigneten Rindfleisches.

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        Besland an Ochsen und Bullen
in Deutschland

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Bild 10

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        Rationalisierung der Fleischeinfuhr

Die im Bild Nr. 5 gegebene Darstellung veranschaulicht, in
welchem Maße das Ausland uns heute mit den einzelnen Pro-
dukten versorgt und aibt uns damit wichtige Fingerzeige, am welcher
Stelle eine Steigerung der Inlandsproduktion besonders
wünschenswert ist; das Bild zeigt‘ uns aber noch nicht, wo die
Rationalisierung der Handelsbilanz zu beginnen hätte.

Dazu wäre zunächst festzustellen, welche gleichartigen Nah-
rungsmittel das Ausland. am billigsten liefert. Auf Grund der in den
„Monatlichen Nachweisen über den auswärtigen Handel Deutsch-
Jands“ veröffentlichten Mengen- und Wertangaben ergibt sich für
die einzelnen Fleischeinfuhrgattungen die nebenstehend veranschau-
lichte Skala.

Am meisten zahlen wir danach für das eingeführte Geflügel.
Das Bild Nr. 6 zeigte, daß z. B. die Gesamtbelastung durch die Einfuhr
von Eiern und Geflügel viermal so hoch ist als durch die Gefrierfleischeinfuhr.,
Eine wirksame Entlastung der Handelsbilanz wäre also in erster Linie
durch Förderung der heimischen Geflügelproduktion zu erreichen, um
so mehr, als Geflügel weniger von den minderbemittelten, als von den
kaufkräftigen Bevölkerungsschichten konsumiert wird, die Landwirtschaft
alsc auch hinsichtlich ihrer Rentabilitätsbedingungen den günstigsten
Abnehmerkreis hat. Wie groB die Aufnahmefähigkeit für diese Produkie
ist, ersieht man daraus, daB der Geflügelverbrauch in den Vereinigten
Staaten fünfmal so hoch ist wie in Deutschland, weil die in allen
Kulturstaaten festzustellende zunehmende Geschmacksverfeinerung ZWangS-
läufig zu einer immer stärker werdenden Nachfrage nach diesen feinsten
Fleischsorten führt.
Einen sehr hohen Einfuhrpreis hat auch das aus dem Ausland
eingeführte Kalbfleisch. Die Einfuhrmengen lassen sich leider sta-
Hstisch nicht feststellen. Die Tatsache, daß der Kalbfleischpreis
am höchsten von allen Fleischpreisen steht, beweist, daß eine ge-
steigerte Inlandsproduktion auch für diese Fleischgattung einen kauf-
kräftigen Abnehmerkreis finden würde. Die Umstellung unserer
Rinderhaltung auf verstärkte Milchproduktion führt aber schon
zwanasläufig zu einer größeren Kälberproduktion.
Produktion und Einfuhr von Hammelfleisch spielen praktisch
keine besondere Rolle, da Deutschland fünfmal soviel Geflügel als
Hammelfleisch verbraucht.
Das eingeführte frische Hammelfleisch ist durchweg hochwertig;
Jer Kleinhandelspreis reicht ungefähr an den Kalbfleischpreis heran,
Immerhin hätte hier die Einfuhr gefrorener Hammel, die ebenso billig wie
das übrige Gefrierfleisch sind, die Möglichkeit gegeben, auch der ärmeren
Bevölkerung hier und da eine Abwechslung in ihrer Fleischversorgung
zu bieten. Hier besteht aber der sozial ganz unverständliche Zustand,
daß das gefrorene Hammelfleisch aus dem zolilfreien Kontingent herauns-
genommen wurde und mit einem Zollsatz von RM. 45,— belastet wird,
während das eingeführte hochwertige Hammelfleisch, das vornehmlich
von den kaufkräftigen Bevölkernngsschichten verzehrt wird, nur einen
Zoilsatz von RM. 37,50 trägt.
20
        <pb n="23" />
        1927 zahlten wir andas Ausland
für ein Pfund Fleisch in Pfe.
Geflügelfleisch
Kalbfleisch
Hammelfleisch
Rindfleisch
Schweinefleisch
Futtermittel
Gefrierfleisch

92
7

Bild 11.

Die Belastung der deutschen Handelsbilanz durch Einfuhr von
Schlachtrindern und frischem Rindfleisch ist wesentlich höher als die
Belastung durch  Gefrierfleisch. Trotzdem das eingeführte frische
Rindfleisch in weit überwiegendem Maße aus Kuhlfleisch besteht,
und damit, wie schon vorher erwähnt, das Angebot am Rindfleisch-
markt gerade da erhöht, wo es landwirtschaftlich am
wenigsten wünschenswert und vom Konsumenten-
standpunkt am wenigsten notwendig. ist, muß für
das ‚eingeführte frische Rindfleisch ein wesentlich höherer. Preis an
das Ausland gezahlt werden, als für das, qualitätiv hoch-
wertige Gefrierfleisch.

1) Für die Futtermittel, die zur Erzeugung von einem Pfund Schweine-
Heisch nötig sind. Veral. S. 12 Fußn. 1.
        <pb n="24" />
        Außerdem *' besteht - bei der  Lebendvieheinfuhr ımmer die
Seucheneinschleppungsgefahr, die bei der Gefrierfleischeinfuhr gleich
Null ist, ‘
Bei der der  Schweinefleisel:versorgung .dienenden- Einfuhr von
Schweinen, Schweinefleisch und Futtermitteln zeigte das Bild Nr. 5
für Futtermittel die höchste Belastung, und es bedarf keiner Frage,
daß die Förderung des.heimischen Futtermittelbaues
und besonders die Konservierung der im Lande produzierten Futter-
mittel (Kartoffeltrocknung, Silage usw.) volkswirtschaftlich von
größter Wichtigkeit ist.
Aus dem umstehenden Bild geht aber hervor, daß wir die
zur Herstellung von einem Pfund Schweinefleisch nötigen Futter-
mittel immer: noch billiger vom Ausland bekommen können.
als das. Fleisch.

Als billigstes Einfuhrprodukt bleibt somit von allen Fleisch-
arten das Gefrierfleisch übrig. Hier ist besonders die inter-
tessante Tatsache festzustellen, daß der alte Satz „Die Ein-
fuhr von Rohstoffen ist besser als die Einfuhr von
Fertigfabrikaten“. bei einer Parallele zwischen Gefrierfleisch-
und Futtermitteleinfuhr seine Gülti gkeit verloren hat, denn,
wie das Bild zeigt, brauchen wir für das Fertigfabrikat Gefrier-
fleisch in diesem Falle weniger an das Ausland zu zahlen, als für
den Rohstoff Futtermittel.
Damit soll noch nicht gesagt sein, daB man etwa die Futter-
mitteleinfuhr grundsätzlich durch Gefrierfleischeinfuhr ersetzen solle.
Das wäre erstens mengenmäßig unmöglich, zweitens würde die
stark gesteigerte Nachfrage nach Gefrierfleisch dessen Weltmarkt-
preis ebenso in die Höhe treiben, wie durch die verringerte Nach-
frage nach Futtermitteln, deren Weltmarktpreis zum Sinken gebracht
würde, so daß ‚diese dann‘ nicht mehr, wie hier gezeigt, teurer,
sondern billiger‘ als Gefrierfleisch' wären. Nur soviel muß fest-
gestellt werden, daß sich Gefrierfleisch und Futtermittel in der
Wirtschaftlichkeit der Einfuhr die Wage halten und. die billigsten
Einfuhrwege sind, die‘ grundsätzlich gleichmäßig offengehalten
werden sollten. ; BE
Insgesamt: betrachtet, geht aus dem Bild hervor, daß, selbst
wenn lediglich die teureren Arten. der Fleischeinfuhr durch die billi:
geren ersetzt: würden, bei gleicher Gesamteinfuhr eine wesentliche
Entlastung der Handelsbilanz erreicht, die Inlandsproduktion im den
rentableren Produktionszweigen gestärkt und die Fleischversorgung
der Minderbemittelten wesentlich verbessert werden kann.

FA ne 5 u =. A
90
        <pb n="25" />
        Wir glauben mit vorstehenden Ausführungen einen Weg ge-
wiesen zu habeh, auf dem es, möglich ist, den berechtigten Forde-
rungen der Agrarpolitiker nach Förderung der heimischen
Produktion und Entlastung der Handelsbilanz ebenso gerecht zu
werden, wie den berechtigten Forderungen der Sozi alpoli-
tiker nach ausreichender Versorgung der kaufschwachen Bevölke-
rungskreise, Es wird die Aufgabe der Parlamentsmitglieder, Fach-
kundigen und zünftigen Wissenschaftler sein, diese Anregungen zu
prüfen und zu vertiefen.
Mit welchen Mitteln dieses Ziel erreicht werden kann, ob mit
Schutzzoll oder anderen Maßnahmen, war hier nicht zu erörtern,
Tatsächlich bestehen eine Menge Möglichkeiten, auch ohne
Schutzzoll den gezeigten Weg zu beschreiten; insbesondere
angesichts des vorliegenden landwirtschaftlichen Notprogramms.
Zum Beispiel: Auf dem Gebiete der Futtermittelkonservierung —
Kartoffeltrocknung und ‚-einsäurung, Silage. des Grünfutters, ratio-
nellere Verwendung des‘ vorhandenen Futters bei der Rindvieh-
haltung — Erhöhung der‘ Milchleistung 'durch Zucht und Ver-
besserung der Fütterungsmethodern, Qualitätssteigerung bei Butter,
Käse, Eiern, Fleisch, Standardisierung dieser Produkte u. a. m.
Jedenfalls dürfte ein Eingehen auf die dargelegten Gedanken-
gänge Aussichten bieten, auch die in diesen Fragen immer wieder
hart aufeinanderstoßenden politischen Gegensätze erheblich abzu-
schwächen.
Ist es nicht im höchsten Maße bedauerlich, daB sich die Land-
wirtschaft gerade auch durch ihren hartnäckigen Kampf gegen die
Gefrierfleischeinfuhr, dessen Konsumenten ohnehin wegen ihrer ge-
ringen Kaufkraft kaum als Käufer für teureres Inlandsfleisch in
Frage kommen, eine so starke Opposition in den Verbraucherkreisen
großzieht! Die nun einmal vorhandenen Gegensätze gleiten dadurch
immer wieder in die vergiftete politische Atmosphäre hinein,
während durch eine rein wirtschaftliche Auseinandersetzung
die Verständigungsmöglichkeiten zwischen. Stadt und Land so
nahe liegen!
        <pb n="26" />
        Druck: A. Haack Buchdruckerei
Berlin SW 48, Puttkamerstr. 19
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        INSäHZunß LT 1 5 aür€:

Versiändigung zr*rchen S1adı
und Land cr “evision
unserer Ei. ik

Umgestaltung der Aegrarzölle

Nachdem im Reichstag von der Mehrheit der Parteien Anträge
eingebracht wurden, die Zölle für lebendes Vieh den höheren
Fleischzöllen anzupassen, und somit neue Zolldebatten im Reichstag
zu erwarten sind, halten wir es für notwendig, die obengenannte
Broschüre in dieser Richtung zu ergänzen.

In der Schutzzollirage werden die Meinungen in den ver-
schiedenen politischen Lagern grumdsätzlich immer geteilt bleiben.
Die übergroße Mehrheit der Parteien pflegt sich jedoch unbeschadet
ihrer grundsätzlichen Einstellung auf den Boden der gegzbenen
Tatsache zu stellen. Die gegebenz Tatsache ist, daß heute Schutz-
zölle auf Produkte der Viehwirtschaft in einer gewissen Höhe in
Geltung sind. Bei der zu erwartenden Debatte wird, wie stets
das gegenwärtige Zollniveau von der Erzeugerseite als zu niedrig,
von der Verbraucherseite als zu hoch bezeichnet werden. Es
soll deshalb nachfolgend untersucht werden, ob nicht innerhalb
dieses heute gegebenen Rahmens lediglich durch Um-
gestaltung der Zollhöhe einzelner Produkte. eine
Verständigung zwischen Stadt und Land, zwischen Erzeuger und
Verbraucher auch auf diesem Gebiet möalich ist.
        <pb n="28" />
        Das nachfolgende Bild zeigt; in Welcher prozentualen Höhe
ihres Wertes die einzelnen in unserer Broschüre behandelten
Produkte der Viehwirtschaft gegenwärtig mit Zoll belasten sind.

Die Zollbelastung tierischer Nahrungsmittel
ın % ihrer Einfuhrwerte Jan /Sent19928
Gefrierfleisch ”

Frisches Fleisch?

Leb. Gänse u.geschl. Geflügel ?

Leb. Schweine [Schlachtgewicht]

Leb. Rinder [Schlachtgewicht]

Kasse

Rutter

Hühner aller Art
Eier
ll

51 %
29%

15 9%

15 9%

14%
12%

89%
D
310

210

Wie man sieht, ist die gegenwärtige Belastung der einzelnen
Produkte genau umgekehrt, wie sie im besonderen Interesse de:
Landwirtschaft und der Verbraucher, damit aber auch im’ all-
gemeinen Interesse der deutschen Volkswirtschaft sein sollte.

Das Interesse der deutschen Volkswirtschaft verlangt, daß die
Agrarzölle die heimische Produktion in die Richtung der Inten-
sivierung drängen, Die jetzigen Zölle sind aber keine Er -, sondern
Verziehungszölle, denn Produkte des intensiven bäuerlichen
„3 Außerhalb des gegenwärtigen zollfreien Jahreskontingentes von
50000 t. Für diz betr. Zolltarifpositionen ergeben sich folgende Prozent-
sätze: 108a2 und a3 5009, 108 c2 55,7%, 108c3 49,5%, 10812 53,600.
..?) Frisches Rindfleisch (Pos. 108al) 28,9%, frisches Schweinefleisch
(108c1) 28,5%, frisches Schaffleisch (108f1) 29,40%, .

3) Lebende Gänse (Pos. 107a} Zollsatz 0,70 Mark je Stück und
Federvieh (Pos. 110b) geschl. auch zerlegt, gespickt und einfach zubereitet.

1) Dasition 135h 11.60 und 135d 1280
        <pb n="29" />
        Betriebes“ „„Molkereiprodukte und Produkte der Geflügelzucht‘“ sind
yerade am wenigsten geschützt. Es kann daher nicht wunder-
nehmen, daß die Einfuhr dieser Produkte von Jahr zu Jahr. wächst,
die: -Fleischeinfuhr von Jahr zu Jahr abnimmt, und so das im
Bild 6. veranschaulichte: MiBverhältnis entsteht, daß wir für Butter,
Käse und Geflügel 10 Mal soviel an das Ausland zahlen wie
für. Gefrierfleisch..
Im Interesze der Landwirtschaft hätten die Zölle ebenfalls nicht
ungünsliger auf die einzelnen Produkte verteilt werden können
Hier kommt es darauf an, daß die. durch Schutzzoll bewirkte
Preissteigerung auch wirklich zu einer nennenswerten Verbesserung
der Rentabilität des betr. Produktionszweiges führt. ; '
. Wie das Bild 8 zeigt, werden 85 % des Gesamtertrages einer
Milchkuh durch den Absatz der Milch bzw. Molkereiprodukte auf-
gebracht, die, wie man ‘oben sieht, nur‘ einen gänz geringen
Schutzzoll’ genieBen. Einen Zoll trägt zwar auch die Konkurrenz
der deutschen Abmelkkuh, aber dieser Zollschutz ist wirkungslos,
weil durch Preissteigerungen bei einem so kleinen Prozentsatz des
Gesamtertrages (7 % beträgt der Erlös für die Schlachtkuh) natür-
lich keine Rentabilitätssteigerung zu erzielen ist. Auch die ver-
schiedenen Fleischzölle sind wiederum in ähnlich ungünstiger Weise
gestaffelt.
Nach Bild 6 wurde lebendes Vieh und frisches Fleisch {für
105 Millionen, Gefrierfleisch für 63 Millionen einjeführt. Die Haupt-
Konkurrenz für die heimische Produktion ist aus den dargelegten
Gründen die Vieh- und Frischfleischeinfuhr. Nun ist zwar im
Jahre 1927 der Zollsatz für frisches Fleisch auf M. 32,— bzw.
M. 37,50 je dz, das ist eine Belastung von 30% des Wertes,
heraufgeseizt worden. Diese Steigerung blieb aber praktisch
unwirksam, weil nunmehr %/, dieser gesamten Ein’uhr in Gestalt
von lebendem Vieh hereinkommt, das nach wie vor nur eine
Belastung von 14 bzw. 15% des Wertes trägt. Dagegen hat
man für Gefrierfleisch, dessen Einfuhr unsere Landwirtschaft nach-
weislich am allerwenigsten schädigt, außerhalb des kleinen Kon-
fingentes einen prohibitiven Zollsatz von M. 45,— eingeführt, der
einer wertmäßigen Belastung von 50 % dgleichkommt.

Es kann also auch nicht wundernehmen, wenn sich die gegen-
wärtigen Zölle in der Steigerung der Rentabilität der heimischen
Landwiirtschaft so wenig auswirken.
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        In noch weit höherem Maße trifft dieses. hinsichtlich der
sozialen Auswirkung der gegenwärtigen Zölle zu. Brüsseler Pou-
larden, dänische Butter oder französischer Käse, also die Produkte,
die von der wohlhabenden Bevölkerung verzehrt werden, tragen
relativ die geringste, Gefrierleisch dagegen, das Nahrungsmittel
der Minderbemittelten, die höchste Zollbelastung.

Insgesamt befrachtet hat somit die Verteilung der Zollbelastung
auf die Produkte der Viehwirtschaft dazu geführt, daß unsere
Handelsbilanz von Jahr zu Jahr stärker belastet, der Schutz der
heimischen Produktion von Jahr zu Jahr geringer und trotzdem
die Belastung gerade der ärmsten Bevölkerungsschichten immer
unerträglicher geworden ist. Durch eine sinngemäße Umgestaltung
der Zollsätze — Zollerhöhung auf der einen, Zollsenkung auf der
anderen Seite — wäre es durchaus möglich, den gegenwärtig
katastrophalen Zustand zu beseitigen und sowohl den Forderungen
der Landwirtschaft als auch denen der Verbraucher gleichmäßig
gerecht zu werden.
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Betriebes“ ,„Molkereiprodukte und Produkte der Geflügelzucht“ sind
Jerade am wenigsten geschützt. Es kann daher nicht wunder-
nehmen, daß die Einfuhr dieser Produkte von Jahr zu Jahr. wächst,
die‘ Fleischeinfuhr von Jahr zu Jahr abnimmt, und so das im
‚Bild 6. veranschaulichte MiBverhältnis entsteht, daß wir für Butter,
Käse und Geflügel 10 Mal soviel an. das Ausland zahlen wie
für. Gefrierfleisch..
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Im Interesze der Landwirtschaft hätten die Zölle ebenfalls nicht
ungünsiiger auf. die einzelnen Produkte verteilt werden können
Hier kommt es darauf an, daß die. durch Schutzzoll bewirkte
Dreissteigerung auch wirklich zu einer nennenswerten Verbesserung
der Rentabilität des betr. Produktionszweiges führt. © '
. Wie das Bild 8 zeigt, werden 85 % des Gesamtertrages einer
Milchkuh durch den Absatz der Milch bzw. Molkereiprodukte auf-
gebracht, die, wie man oben sieht, nur‘ einen ganz geringen
Schutzzoll‘ genießen. Einen Zoll trägt zwar auch die Konkurrenz
der deutschen Abmelkkuh, aber dieser Zollschutz ist wirkungslos,
weil durch Preissteigerungen bei einem so kleinen Prozentsatz des
Gesamtertrages (7 % beträgt der Erlös für die Schlachtkuh) natür-
lich keine Rentabilitätssteigerung zu erzielen ist. Auch die ver-
schiedenen Fleischzölle sind wiederum in ähnlich ungünstiger Weise
gestaffelt.
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Nach Bild 6 wurde lebendes Vieh und frisches Fleisch für
105 Millionen, Gefrierfleisch für 63 Millionen eingeführt. Die Haupt-
Konkurrenz für die heimische Produktion ist aus den dargelegten
Gründen die Vieh- und Frischfleischeinfuhr. Nun ist zwar im
Jahre 1927 der Zollsatz für frisches Fleisch auf M. 32,— bzw.
M. 37,50 je dz, das ist eine Belastung von 30% des Wertes,
heraufgesetzt worden. Diese Steigerung blieb aber praktisch
unwirksam, weil nunmehr %/, dieser gesamten Einiuhr in Gestalt
von lebendem Vieh hereinkommt, das nach wie vor mur eine
Belastung von 14 bzw. 15% des Wertes trägt. Dagegen hat
man für Gefrierfleisch, dessen Einfuhr unsere Landwirtschaft nach-
weislich am allerwenigsten schädigt, außerhalb des kleinen Kon-
lingentes einen prohibitiven Zollsatz von M, 45,— eingeführt, der
einer wertmäßigen Belastung von 50 % gleichkommt.
Es kann also auch nicht wundernehmen, wenn sich die gegen-
wärtigen Zölle in der Steigerung der Rentabilität der heimischen
„Landwirtschaft so wenig auswirken.

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