177 2. Gewiß hat der Künstler, der eine „heilsame Konzentration“ treibt, immer erkannt, daß Strömungen, die stärker sind, als sein einzelnes Wollen und Denken von ihm verlangen, daß er erkenne, was wesentlich seinem Zeitgeiste entspricht. Diese Strö⸗ mungen können sehr vielfältige sein, er nimmt sie unbewußt als allgemeine Einflüsse auf, sie haben materiell und moralisch etwas für ihn Zwingendes; er ordnet sich ihnen willig unter und ist für die Idee eines neuen Stiles an sich begeistert. Und seit 20 Jahren suchen manche unter uns die Formen und die Verzierungen, die restlos unserer Epoche entsprechen. Keinem von uns ist es jedoch eingefallen, diese von uns gesuchten oder gefundenen Formen oder Verzierungen anderen nunmehr als Typen aufzwingen zu wollen. Wir wissen, daß mehrere Benerationen an dem noch arbeiten müssen, was wir ange⸗ fangen haben, ehe die Physiognomie des neuen Stils fixiert sein wird, und daß erst nach Verlauf einer ganzen Periode von Anstrengungen die Rede von Typen und Typisierung sein kann. Wir wissen aber auch, daß nur solange dieses Ziel nicht erreicht ist, unsere Anstrengungen noch den Reiz des schöpferischen Schwunges haben werden. Langsam fangen die Kräfte, die Gaben aller an, ineinander überzugehen, die Gegensätze werden neutralisiert, und in eben dem Augenblicke, wo die individuellen Anstrengungen anfangen zu erlahmen, wird die Physiognomie —D brauch von Formen und Verzierungen ein, bei deren Herstellung niemand mehr den schöpferischen Impuls aufbringt; die Zeit der Unfruchtbarkeit ist dann eingetreten. Das Verlangen, einen Typ noch vor dem Werden eines Stiles erstehen zu sehen, ist geradezu dem Verlangen gleichzusetzen, die Wirkung vor der Ursache sehen zu wollen. Es heißt, den Keim im Ei zerstören. Sollte wirklich jemand sich durch den Schein, damit rasche Resultate erzielen zu können, blenden lassen? Diese vor⸗ Rauecker 190