<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Rationalisierung als Kulturfaktor</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Bruno</forname>
            <surname>Rauecker</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1771714808</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>131 
was dem Menschen zur Lebensentfaltung nötig ist, andererseits aber 
auch zu einer Normierung der Wirtschaftsziele und Wirtschaftsgehalte 
führt, ohne die der Anspruch der Wirtschaft auf das Primat nicht 
gebrochen werden kann. Um der Religion willen wird demnach 
vom Protestantismus ebenso wie vom Katholizismus die 
neue Wirtschaftsautomatik bejaht. 
IJ. Rationalisterung und Religion 
Zwiespältiger als die Stellung der beiden großen christlichen Reli⸗ 
gionen zur Rationalisierungsfrage ist jene des Judentums. Die 
Beziehungen des jüdischen Glaubens zu Reichtum und rationalem 
Gelderwerb sind durchaus asketisch. Reichtum ist eine Gabe Gottes, 
für die man ihm danken soll und die man trachten soll, nach Möglichkeit 
zu vermehren. Zwar ist es nicht leicht, den Versuchungen, die der 
Reichtum mit sich bringt, auszuweichen, um so verdienstvoller aber ist 
hinterher die Mäßigung. „Heil dem Reichen, der unsträflich gefunden 
wird.“ In diesem Geiste hat das Judentum an der Entfaltung des 
kapitalistischen Wirtschaftssystems entscheidenden Anteil genommen. 
Die Richtung, in der dies geschah, ist von jener der übrigen welt⸗ 
bejahenden Religionen abendländischer Prägung jedoch grundver⸗ 
schieden: „Es fehlt in der jüdisch⸗oͤkonomischen Betätigung eine Sparte, 
wenn auch nicht völlig, so doch relativ in auffallendem Maße, und zwar 
die dem modernen Kapitalismus gerade eigentümliche, die Organi⸗ 
sation der gewerblichen Arbeit).“ Der Anlaß hierzu ist ein zweifacher: 
Die rein äußere Schwierigkeit der Beteiligung der Juden an der 
fundierten, stets mit einer laͤngeren Zeitdauer rechnenden gewerblichen 
Arbeit während der Ghettozeit, und ihre in eben dieser Zeit erzwun⸗ 
gene besondere Befaͤhigung zum Handel. Solange sie im Ghetto 
lebten, mußten die Juden stets gewaͤrtig sein, der Stadt oder des 
Landes verwiesen und ihres Besitzes beraubt zu werden. Die Unsicher⸗ 
*) Max Weber, Religionssoziologie im Grundriß der Sozialökonomik, 3. Abt. 
2. Lief, S. 351, Verlag J. C. B. Mohr, Tübingen, 1921.</div>
    </body>
  </text>
</TEI>
