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            <surname>Rauecker</surname>
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        1953 A6843
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        Dsutscho Zentralbibpliothok
ftr Wirtschafiswissenschaften

1958 A6843
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        Rationalisierung
als Kulturfaktor

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Dr. Bruno Rauecker

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Verlag von Reimar Hobbing in Berlin SWér
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        Inhaltsübersicht
A. Datsachen.
J. Begriff und Wesen der Rationalisierung
II. Rationalisierungsformen ...
III. Wirkung der Rationalisierung auf die Wirtschaftsformen der Gegenwart
und die soziale Struktut der Bevölkerung.. .
IV. Traͤger der Rationalisierung.
1. Die Privatwirtschaft 3
a) Die Arbeitgeber und Arbeitnehmer
b) Die Rationalisterungsorganisationen der Privatwirtschaft
2. Die Staatswirtschaft 2
3. Die Wissenschaften
Anwendungsgebiete der Rationalisierung
1. Die Landwirtschaft ·
2. Die Industrie..
3. Das Handwerk
4. Der Handel
5. Die übrigen Wirtschaftszweige
6. Die öffentliche Wirtschaft t.. F
a) Die wirtschaftlichen Betriebe des Reichs
b) Die Staatswirtschaft

B. Betrachtungen.
J. Rationalisterung und Religion
II. Rationalisierung und Ethik
III. Rationalisterung und Kunst

*

Seite
5
10

23
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26
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115
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168
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        A. Tatsachen
J. Begriff und Wesen der Rationalisierung

Je nachdrücklicher und eifriger das Problem der Rationalisierung
eroͤrtert, ihre Wirkungen besprochen, ihre Aussichten diskutiert werden,
desto wichtiger ist es, zu einer einheitlichen Terminologie dieses viel—
deutigen Begriffs zu kommen. Die einen verstehen darunter alle Maß⸗
nahmen, die gerichtet sind auf die Steigerung des Leistungsgrades
der Wirtschaft. Andere erklären, die Rationalisierung umfasse jede
Anordnung, die geeignet sei, aus dem Chaos der kapitalistischen
Produktion ein Kosmos der planmaͤßigen Bedarfsdeckung zu machen.
Wieder andere sehen in der Rationalisierung eine Moͤglichkeit, ihre
auf Reinigung der Wirtschaft von unlauteren Einflüssen gerichteten
Bemühungen zur Geltung zu bringen: — dies sind die Puritaner,
die Fanatiker der Vereinheitlichung und Vereinfachung um ihrer
selbst willen, die Feinde des Überflüssigen, die Luxusgegner. Die
Vierten schließlich begrüßen die Rationalisierung als ein willkommenes
Mittel, das Okonomisch⸗Technische durch Typisierung und Normali⸗
sierung so selbstverstaͤndlich wie möglich zu machen, so nebensächlich
und uninteressaut, daß es sich für den geistigen Menschen nicht mehr
lohnt, sich mit ihm eingehender zu beschäftigen. Sie erhoffen von
der Rationalisierung die Befreiung des Menschen aus der Gebunden⸗
heit an die materiellen Bedingungen des Nur⸗Wirtschaftlichen.

Man geht nicht fehl, wenn man behauptet, daß in Deutschland
als dem Lande der stärksten Vermengung des Skonomischen und
Weltanschaulichen diese sachpolitischen und gefühlpolitischen Begriffs⸗
bestimmungen so unentwirrbar miteinander verknüpft sind, daß eine
reinliche Scheidung sich als unmöglich erweist. Selbst die Begriffs⸗
        <pb n="9" />
        5

A. Tatsachen
bestimmungen der von der Wirtschaft eingesetzten Zentralinstanz der
Rationalisierung, des Reichskuratoriums für Wirtschaftlichkeit, ist
nicht nur ökonomisch, sondern auch ethisch orientiert, wenn sie als
das Ziel der Rationalisierung „Steigerung des Volkswohlstandes
durch Verbilligung, Vermehrung und Verbesserung der Güter“
bezeichnet.

Auch in den übrigen Industriestaaten ist man sich über die Definition
der Rationalisierung keineswegs einig. So spricht man in den Ver⸗
einigten Staaten von Amerika weit häͤufiger von „Scientific manage-
ment* als von „Rationalisation“, obgleich man unter dem ersteren
Begriff keineswegs nur die „wissenschaftliche Betriebsführung“, also
die Methoden der Rationalisierung versteht, sondern ebensowohl
ihre Ziele. Ebensowenig hat sich in England der Ausdruck „Rationali-
sation“ bisher einbürgern können. Auch dort gebraucht man meist
den Ausdruck „Scientific management“ selbst dann, wenn man nur
die Ergebnisse der Rationalisierung im Auge hat. Italien, Polen,
Belgien, die Schweiz und die Tschechoslowakei, deren Industrien
sich in den letzten Jahren gleichfalls mehr und mehr rationalisiert
haben, wenden das Wort „Rationalisierung“ lediglich als Be⸗
zeichnung eines okonomischen Vorganges an, ohne ihm den welt⸗
anschaulichen Einschlag, die sozialpolitische Absicht, den metaphysischen
Charakter beizumengen, den Wort und Begriff in Deutschland haben.
Und Frankreich, das irrationalste aller Länder, glaubt sich der Ver⸗
antwortung für die Rationalisierung, von deren teilweise unerfreu⸗
lichen Wirkungen auch dieses Land nicht verschont geblieben ist, dadurch
entheben zu können, daß es auf die deutsche Herkunft des Wortes
verweist. „Le mot rationalisation“ heißt es in dem offiziellen Bericht
der französischen Sektion der Internationalen Vereinigung für
sozialen Fortschritt über die sozialen Wirkungen der Rationalisierung
„a été introduit dans la langue internationale par Allemagne“*.
Im übrigen ziehen auch die Franzosen die Bezeichnung „l'organisation
gcientifique de travaille“* (wissenschaftliche Betriebsführung) dem
        <pb n="10" />
        l. Begriff und Wesen der Rationalisierung
Worte Rationalisierung vor. In Rußland ist das Wort Rationali⸗
sierung gelaͤufig, seit Lenin die amerikanischen Arbeitsmethoden als
unentbehrlich für den wirtschaftlichen Wiederaufbau bezeichnet hat.
Jedoch fassen auch die Russen ihre Rationalisierungsmethoden meist
unter dem Titel „Wissenschaftliche Arbeitsorganisation“ (verkürzt
NOD) zusammen, der zum nationalen Schlagwort für Ersparnis⸗
notwendigkeiten und Ersparnismaßnahmen geworden ist.

Die umfassendste Definition des Wortes in sozialskonomischer Ab⸗
sicht hat jedenfalls die Weltwirtschaftskonferenz beim Voölkerbund im
Mai des Jahres 1927 gegeben, indem sie die Rationalisierung als, die
Anwendung technischer und organisatorischer Methoden, die auf ein
Mindestmaß von Kraft⸗ und Stoffverlust hinauslaufen“, bezeichnete.
Als Ziel der Rationalisierung schwebt ihr vor: 1. die höchste Leistung
mit der geringsten Kraftentfaltung zu erzielen, 2. durch Verminderung
der Vielfältigkeit der Typen (soweit eine derartige Vielfältigkeit offen⸗
sichtlich keine Vorteile in sich schließt) die Konstruktion, die Herstellung
den Gebrauch und den Ersatz von genormten Teilen zu erleichterne
3 · Stoff⸗ und Kraftverlust zu vermeiden, 4. die Verteilung der Waren
zu vereinfachen, 5. bei der Verteilung unnötige Transporte, zu hohe
steuerliche Belastungen und überflüssigen Zwischenhandel zu vermeiden.
Die vernunftgemäße und stetige Anwendung der Rationalisierung
könne 7. der Allgemeinheit eine groͤßere Stabilität der Verhaͤltnisse
und eine gehobene Lebensführung, 2. dem Verbraucher niedrigere
Preise und den allgemeinen Bedürfnissen sorgfaͤltiger angepaßt.
Waren, 3. den verschiedenen Gruppen von Produzenten höhere und
sichere Einnahmen, die gerecht unter sie zu verteilen sind, gewaͤhrleisten.

Wie man sieht, stehen in dieser Begriffsbestimmung die sozialpoli⸗
tischen und kulturellen Aufgaben der Rationalisierung im Vordergrund.

Von mancher Seite wird nun behauptet, daß die Rationalisierung
weder ihrem technischen Charakter noch ihrer ökonomisch⸗ sozialen
Tendenz zufolge etwas Neues sei. Der Wille, mit dem geringsten Auf⸗
wand den höchsten Nutzen zu erzielen, habe immer bestanden, solange
        <pb n="11" />
        3

A. Tatsachen
Menschen Wirtschaft trieben, und nur die Ansichten darüber, was der
höchste Nutzen sei, hätten sich im Laufe der Zeit geändert. Diese Be⸗
hauptung geht an dem Kernproblem der Rationalisierungsfrage vorbei,
an der Tatsache nämlich, daß hier zum erstenmal bewußt die Gesamtheit
der organisatorischen, technischen und sozialen Funktionen des Wirt⸗
schaftslebens unter das einigende Motto der Planmäßigkeit gestellt
worden ist. Der Rationalisierung wohnt ein seit dem Mittelalter
nicht mehr bekanntes demokratisch⸗soziales Generalmotiv inne: die
Kooperation aller Wirtschaftszweige mit dem Ziele der Produktions⸗
und Absatzverbesserung im gemeinsamen Interesse und andererseits
der Verzicht der Käuferschaft auf die Befriedigung individualistisch⸗
heterogener Wünsche und Bedürfnisse. Rationalisierung be—⸗
deutet Orientierung nach dem Durchschnittsbedarf. Hierin
liegt der erste und grundlegende Unterschied zwischen der Rationali⸗
sierungstendenz von einst und jetzt.

Der zweite liegt in der Erkenntnis, daß die zur Rationalisierung
notwendigen Maßnahmen in organischer Verbindung vorge⸗
nommen werden müssen, wenn anders von Rationalisierung ge⸗
sprochen werden darf. Dies gilt von der Verknüpfung der Arbeits⸗
vorbereitung mit der Energieleitung, der Ausführung des Trans⸗
ports und anderer Maßnahmen auf dem Gebiete der Fertigung, wie
es für das Rechnungswesen, die Buchhaltung, die Lagerhaltung, den
Verkauf usw. auf dem Gebiete der Güterverwaltung und wer⸗
teilung und wiederum für die Verflechtung dieser drei Hauptteile
der Wirtschaft untereinander gilt. Erst die Tatsache ihres reibungs⸗
losen aufeinander Abgestimmtseins berechtigt, von einer vollzogenen
Rationalisierung zu sprechen.

Insofern freilich kann, wenn wir die Wirtschaft der einzelnen Völker
oder gar die Weltwirtschaft als ein einheitliches und unteilbares
Ganzes betrachten, von einer planmäßigen Rationalisierung noch
nirgends die Rede sein. Nirgendwo ist innerhalb der nationalen
Wirtschaftseinheiten die technische und organisatorische Rationali⸗
        <pb n="12" />
        1. Begriff und Wesen der Rationalisierung —6
sierung auf die kommerzielle Rentabilität organisch zugeschnitten,
geschweige denn innerhalb der Weltwirtschaft. Vielleicht ist eine
derartige „Rationalisierung der Rationalisierung“ auch nicht erreich⸗
bar. Denn selbst wenn die politischen Voraussetzungen für eine plan⸗
maͤßige Ordnung des Wirtschaftslebens gegeben und der Wille
der Produzenten zur Durchführung der Arbeitsteilung und Speziali⸗
sierung innerhalb der nationalen Wirtschaften und der Weltwirtschaft
staͤrker waͤre, als er dies aus Gründen, auf die wir spaͤter noch ein⸗
gehender zu sprechen kommen, ist, würde die Vereinheitlichung der
Produktion und des Vertriebs von der konsumpolitischen Seite her
stets wieder gestört werden. Die Vielfalt der Bedürfnisse und die sich
hieraus ergebende „Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den
eigenen Willen auch gegen Widerstreben anderer durchzusetzen“ x), wird
immer bestehen. Die Freude der Menschheit an der Buntheit des
Lebens ist eben auch im Wirtschaftlichen nicht auszurotten. Es würde
ein Zeichen allgemeiner Erschlaffung der Menschheit sein, wuürde sie
den individuellen Wagemut abstoppen zugunsten einer ewig gleichen
Ordnung und Sekurität, die gewiß den Vorzug der Stetigkeit, dafür
aber auch den Nachteil der Sterilität, der Mechanisierung und Büro⸗
kratisierung in sich birgt. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, daß
eine angemessene Mischung von Bindung und Freiheit sich für das
Wirtschaftsleben nicht ebenso geziemt wie sie für das Leben des
Einzelnen oder sonstiger Gemeinschaftsformen notwendig ist. Worauf
es ankommt ist: wie in den übrigen Spharen der menschlichen Organi⸗
sation auch in der Frage der Rationalisierung den Menschen und
seine Bedürfnisse zum Ausgangspunkt zu wählen und
zum Ziel zu setzen. Auch auf dem Gebiete der Rationalisierung
besteht die Gefahr, daß die Menschheit von ihrem Mittel vergewaltigt
wird. Im nachfolgenden soll der Versuch unternommen werden, die
Grenzen aufzuzeigen, bis zu welchen hin diese Gefahr vermieden
werden kann.
x) Marx Weber, „Wirtschaft und Gesellschaft“, Seite 28.
        <pb n="13" />
        II. Rationalisierungsformen

Man kann vier Hauptgruppen von Rationalisierungs⸗
formen unterscheiden: die technische, die betriebsorganisato⸗
rische, die berufspolitische und die wirtschaftsorganisato⸗
rische Rationalisierung.

Nach Gottl⸗Ottlilienfeld;y geht die technische Rationali⸗
sierung nach zwei Hauptgrundsätzen vor sich, nach dem Prinzip der
intensiosten Ausbeute von Stoffen, Kräften, Geräten usw. und
nach dem Grundsatz des rationellsten Vollzugs der Arbeit. Das
Prinzip der intensivsten Ausbeute schließt die Forderung, Verluste
und Rückstände zu vermeiden, unvermeidbare Abfälle zu verwerten,
Werkzeuge, Maschinen, Raͤume usw. möglichst reibungslos und
kontinuierlich auszunutzen, in sich. Das Prinzip des rationellsten
Vollzuges der Arbeit spaltet sich in 1. das Prinzip des kausalgerechten
Vollzugs (Vermeidung zweckwidrig wirkenden Aufwandes, ver⸗
feinerte Anpassung der praktischen Ausführung an das Kausalvor⸗
haben), 2. Das Prinzip des nur noch auslösenden Vollzuges (Werk⸗
zeuge, Maschinen, Bauten usw. treten als einmal getroffene Vor⸗
kehrungen an die Stelle bestimmter wiederkehrender Verrichtungen,
wobei dank dieser Vorkehrungen die Arbeit auf nur noch auslösende
Funktionen beschränkt wird), 3. Das Prinzip des stetigen Vollzuges
(Vermeidung von Unterbrechungen, Ersparung von unnötigem An⸗
lauf, Verkürzung der Zeitdauer des Vorganges), 4. Das Prinzip
des glatten Vollzugs (zeitlich und räumlich richtige Anordnung),
5. Das Prinzip des bündigen Vollzugs (z. B. das gleichzeitige Ein⸗
tauchen vieler Staͤbchen in die Zündholzmasse bei der Zündholzfabri⸗
kation), 6. Das Prinzip des wuchtigen Vollzugs, der die Zusammen⸗

x) Der wirtschaftliche Charakter der technischen Arbeit, Berlin 1910, Seite 32ff.
        <pb n="14" />
        II. Rationalisierungsformen

17
fassung vieler gleicher kleiner Vollzugsakte zu einem großen, also
Konzentration, fordert“).

Die Folgerungen, die sich hieraus für die technische Rationali⸗
sierung ergeben, lassen sich unter dem Generalnenner: Ersparnis
unproduktiver Energieverwendung zusammenfassen. Dem Prinzip
des kleinsten Mittels wird zur Geltung verholfen durch die Ver⸗
besserung des Wirkungsgrades der Maschine, die Abfallvermeidung
und Abfallverwertung, die Vermeidung des Leerlaufs der Maschinen,
die Vollbeanspruchung der Werkzeuge, die Kontinuität und Konzen⸗
tration des Produktionsprozesses, die Vereinfachung und Ver⸗
einheitlichung der Warenteile und Wareneinheiten durch Normali⸗
sierung und Typisierung. Normalisierung und Typisierung des
Fabrikates sind wiederum Voraussetzungen für die Zusammen⸗
ziehung des Arbeitsganges in der Fließfertigung, die sich haͤufig — je⸗
doch keineswegs regelmäßig — des fließenden Bandes bedient. Die
Vorteile des Normens der Einzelteilexx) liegen auf seiten der
Produktion in der leichteren Ergänzbarkeit und Austauschbarkeit von
Ersatzteilen an Werkzeugen und Maschinen, der hierdurch bedingten
Verringerung der Lagerhaltung solcher Teile, der Möglichkeit zur
Konzentrierung auf wenige Entwürfe für den Konstrukteur, der damit
verbundenen Steigerung in der Praͤzision der Ausführung, der
Ersparnis an Rohstoffen, der exakteren Kalkulation und in der hier⸗
durch bedingten Verbilligung der Anbringung; auf seiten des Ver⸗
brauchs in der Ersparung von Zeit, Energie und Geld bei der Aus⸗
wahl und Anbringung von Ersatzteilen. Die Normalisierung von
Einzelteilen führt in den meisten Faͤllen zur Typisierung der
Fertigfabrikate, deren sozialwirtschaftliche Vorteile wiederum
die gleichen sind wie jene der Normung. Normalisierung und Typi⸗
sierung ermöglichen darüber hinaus gemeinsam die verstärkte Ver⸗
Zitiert nach Frieda Wunderlich, Produttivitat, Verlag Gustav Fischer,
Jena, 1926, Seite 146.
*0) Vol. für das Folgende Frieda Wunderlich, Produktivitaͤt, Seite 148ff.
        <pb n="15" />
        72

A. Tatsachen
wertung und Ausnutzung von Maschinen durch Vermehrung der
Generalarbeit im Verhältnis zur Spezialarbeit, Vermehrung der
Arbeitsteilung und Arbeitszerlegung bei gleichzeitiger Kostenersparnis.
Beispiele hierfür werden wir bei der Schilderung der Anwendungs⸗
gebiete der Rationalisierung erbringen.

Die betriebsorganisatorische Rationalisierung muß ihren
Ausgangspunkt nehmen von der richtigen Auswahl des Stand⸗
orts, die ihrerseits bestimmt ist durch Lage und Erreichbarkeit der
Rohstoffe und Halbfabrikate, Gunst oder Ungunst der Transportver⸗
hältnisse, durch die Beschaffenheit von Boden und Klima, die Ver⸗
fügbarkeit, Unterbringungsmöglichkeit und die Lebensansprüche der
Arbeitskräfte, durch die Konsumwilligkeit der umwohnenden Be⸗
völkerung u. a. m. Auch politische Motive, wie z. B. die soziale oder
politische Einstellung der umwohnenden Bevölkerung, oder die außen⸗
politische Gefährdung des Standortes können für seine Wahl ent⸗
scheidend sein. Angesichts der Bedrohung des rheinisch⸗westfälischen
Industriebezirks durch die Franzosen seit dem Jahre 1923 hat sich
. B. ein Teil der dortigen Großindustrie in Mittel⸗ und Süddeutsch⸗
land angesiedelt. Schließlich werden Erfindungen, Transportver⸗
besserungen, organisatorische Fortschritte, handelspolitische oder innen⸗
holitische Maßnahmen die Standortsverhaltnisse dauernd verändern.

An die Wahl des Standortes reiht sich im Rahmen der betriebs⸗
organisatorischen Rationalisierung die richtige Anordnung der Ge⸗
bäude, der Betriebsräume und Arbeitsverfahren an. Bau
und Anlage eines Betriebes sind für das organische Ineinandergreifen
der einzelnen Produktionsphasen von ebenso großer Bedeutung wie die
zweckmäßige Aufeinanderfolge der Betriebsprozesse und Betriebs-
abteilungen, innerhalb dieser wiederum die richtige Verteilung der
Arbeitskräfte und die zweckmäßigste Gruppierung der Maschinen. Eine
besondere Rolle spielen hierbei die Arbeitsvorbereitung, die Energie⸗
leitung, der Transport (Fließarbeit) und die Verpackung. Der
Materialiendurchlauf ist für die Projektierung und Anlage der Werke
        <pb n="16" />
        II. Rationalisierungsformen

J
häufig der entscheidende Faktor. Arbeitsvorbereitung, Energieleitung
und Transvort sind wiederum weitgehend abhängig von der Anord⸗
nung des Einkaufs, des Verkaufs und Rechnungswesens.
Von besonderer Bedeutung ist hierbei namentlich das betriebliche
Rechnungswesen. Es muß derartig ausgebaut werden, daß es „zu
einem tatsächlichen Meßinstrument der Betriebsarbeit gemacht wird
und alle von außen kommenden Einflüsse, wie Struktur⸗ und Kon⸗
junkturveraͤnderungen der Wirtschaft, aus ihm eliminiert und Be—
triebsvergleiche ermöglicht werden“ *).

Im Bürowesen ist die Anlage zweckmäßiger Registraturen und die
Anwendung von Buchungs⸗ und Rechenmaschinen von Wichtigkeit,
ferner die Vereinheitlichung der zahlreichen Vordrucke, der Geschaͤfts⸗
briefe, der Postkarten, des Scheckformulars usw.

Die betriebsorganisatorische Rationalisierung muß sich ferner mit
der Proportionalität des Betriebsumfanges befassen, mit dem Ver⸗
haͤltnis zwischen Kapital, Anzahl der beschäftigten Personen, Art der
produzierten Waren einerseits und Betriebsgröße andererseits. So⸗
weit es sich um das Anbringungsgewerbe und das Kunsthandwerk
handelt, wird im allgemeinen die Betriebsform des Klein—
betriebs die angemessenste sein, während der Großbetrieb auf
jeden Fall den Vorzug bei der Herstellung von Schiffen, Lokomotiven
und anderen Großmaschinen, von Automobilen, Hochoöfen usw. ver⸗
dient. Dazwischen liegt eine bunte Fülle von Entsprechungen zwischen
Betriebsgröße und Betriebscharakter, die durch technische und organi⸗
satorische Veränderungen variabel gehalten werden. Soweit die
technische Rationalisierung in der Durchführung von Normalisierungs⸗
und Typisierungsmaßnahmen besteht, drängt sie allerdings mehr und
mehr auf den Großbetrieb hin, der „ein vollkommneres Aufein⸗
anderabstimmen und Ineinandergreifen der Teile, bessere Verbin⸗
) Hinnenthal, „Die deutsche Rationalisierungsbewegung und das Reichs—
kuratorium für Wirtschaftlichkeit“, Nr. 4 der Veroffentlichungen des Reichs—
kuratoriums für Wirtschaftlichkeit, Seite 17.
        <pb n="17" />
        a. Tatsachen
dungen der Operationen, Hinabsteigen bis in die kleinsten Vorgaänge,
die erst durch ihre Summierung im Großbetriebe lohnende Objekte
der Rationalisierung werden“*), gewährleistet.

Untrennbar mit der betriebsorganisatorischen Rationalisierung
verbunden, ist die berufspolitische Rationalisterung. Es
handelt sich hierbei um die Verwertung der Ergebnisse der sogenannten
„Psychotechnik“. Professor Dr. Moede, einer der Vorkämpfer
dieser Wissenschaft, teilt die Arbeitsgebiete der „Industriellen Psycho⸗
technik“ folgendermaßen ein:

r. Rationalisierung der Arbeitszuteilung: Prüfung der einzu⸗
stellenden Arbeitskräfte, Arbeitsverteilung entsprechend den Er⸗
gebnissen der Prüfung, Berufsberatung an Hand der Prüfungs⸗
resultate für den Prüfling selbst.

Rationalisierung der Anlernung: Schulung der in einem Betrieb
aufgenommenen Nenlinge nach erprobten und als zweckmaͤßig
erwiesenen Arbeitsmethoden in Werkstatt und Büro.
Rationalisierung der Arbeitsverfahren: Zweckmaͤßige Einrich⸗
tung und Gestaltung der Werkzeuge, Arbeitsplaͤtze sowie aller
wichtigen Betriebshilfsmittel technischer und kaufmaͤnnischer
Unternehmungen mittels umfassender Arbeitsstudien, die der
Beanspruchung des Menschen nach allen arbeitswichtigen Seiten
seiner Beschaffenheit hin gebührend Rechnung tragen. Neben
Sinnes⸗, Aufmerksamkeits⸗ und Zeitstudien werden Bewegungs⸗,
Arbeits⸗, Ermüdungsmessungen behandelt.
Rationalisierung der Absatzverfahren: Zweckmäßige Gestaltung
von Werbesachen aller Art, Untersuchung der Wirksamkeit von
Inserat und Plakat, praktische Erfolgskontrollen der Unter⸗
nehmen, psychotechnische Begutachtung von Plakat, Inserat,
Warenzeichen, Packung, Werbefeldzügen.

Ziffer 1—3 kennzeichnet erschöpfend die Möglichkeiten der berufs⸗

politischen Rationalisierung im Betriebe und für den Betrieb. Wir
y Frieda Wunderlich, a. a. O., Seite 188.

1,
        <pb n="18" />
        II. Rationalisierungsformen

15
werden im spaͤteren Verlauf unserer Untersuchungen klarzustellen
haben, welche außerordentlich weitgehenden sozialpolitischen und
soziologischen Folgen und Komplikationen sich aus der Anwendung
der psychotechnischen Maßnahmen der berufspolitischen Rationali⸗
sierung ergeben.

Zu den Maßnahmen der berufspolitischen Rationalisierung im
weiteren Sinne zaͤhlen ferner alle Einrichtungen, die den Ausgleich
zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zum Gegen⸗
stand haben. Solche Einrichtungen sind im Rahmen der Arbeits⸗
marktpolitik im engeren Sinne: a) ordentliche (regelmaͤßige) Maß⸗
nahmen: Arbeitsvermittlung; Berufsberatung und Lehrstellenver⸗
mittlung GBerufsausbildung); b) außerordentliche (besondere) Maß⸗
nahmen: Zwangsausgleich auf dem Arbeitsmarkte (Zwang zur Ein⸗
stellung oder Entlassung, Zwang gegen Entlassung, Beschränkung
der Arbeitszeit), Arbeitsverteilung (Auswertung der öffentlichen Bei⸗
träge und Arbeiten, Beeinflussung der privaten Wirtschaft durch den
Diskont), Arbeitsbeschaffung Motstandsarbeiten, organisatorische
Maßnahmen), Wanderungspolitik. Für die Arbeitsmarktpolitik in
weiterem Sinne kommt in diesem Zusammenhang die wirtschaftliche
Sicherung der Erwerbslosen durch die Erwerbslosenfürsorge oder
Arbeitslosenversicherung in Betracht.

Die vierte Gruppe der Rationalisierungs maßnahmen schließlich, die
wirtschaftsorganisatorische Rationalisierung, hat die zweck⸗
maͤßigste Eingliederung des rationalisierten Einzelbetriebes in den ein⸗
schlägigen Gewerbezweig, die „Branche“, sowie die Einordnung des
einzelnen Gewerbezweiges in die Gesamtstruktur der Nationalwirtschaft,
schließlich die planvolle Einfügung der Nationalwirtschaft in die Welt⸗
wirtschaft zum Gegenstand. Sie stellt sich sonach als die bereits er⸗
waͤhnte „Rationalisterung der Rationalisierung“ dar.

Man kann zwei Formen der wirtschaftsorganisatorischen Rationali⸗
sierung unterscheiden: die Spezialisierung und Kombinierung,
und die Differenzierung und Integration. Unter Speziali⸗
        <pb n="19" />
        1i6

A. Tatsachen
sierung versteht man die bewußte Beschränkung des Einzelbetriebes
einer bestimmten Gewerbegruppe auf die Herstellung eines oder doch
nur weniger Fabrikate zum Zwecke der Durchführung einer sach⸗
gemäßen Arbeitsteilung zwischen den Betrieben. Ihre Vorteile
bestehen in der Möglichkeit weitgehender Normalisierung und Typi⸗
sierung, in der hierdurch erreichbaren kontinuierlichen Reihen⸗ und
Massenfabrikation, gegebenenfalls unter Verwendung von Fließ⸗
arbeit und Spezialmaschinen, in der erleichterten Anlernung der
Arbeitskraͤfte infolge der Vereinfachung des Betriebsprozesses, in der
gesteigerten Möglichkeit zu planvoller Arbeitsvorbereitung und
Arbeitsteilung auf Grund feststehender, vereinfachter Produktions⸗
bedingungen.

Den Gegenpol zur Spezialisierung bildet die Kombinierung,
die Zusammenziehung aufeinander angewiesener, sich wechselseitig
ergänzender Produktionsstoffe. Sie findet sich sowohl innerhalb der
Einzelunternehmungen (z. B. bei der Parallelschaltung von
Hochöfen und Stahl⸗ und Walzwerken), wie vor allem als zwischen⸗
betriebliche Gruppenorganisation. Im letzteren Falle spricht man
von Fusion oder Vertrustung, die wiederum zum Einzelunternehmen
führt. Weitere Formen der Kombinierung sind Interessengemein⸗
schaften, Konsortien, Gelegenheitsgesellschaften, Angliederungen durch
Betriebspachtung, Beteiligungen usw.

Die Vorteile derartiger Kombinationen bestehen in Hinsicht der
Rationalisierung vor allem in der Moöͤglichtkeit der betrieblichen
Kontinuität bei der Verwendung der Rohstoffe, der Halb⸗ und
Fertigfabrikate entsprechend den jeweiligen Marktbedürfnissen.
Weiterhin in der Einschränkung der Lager, in der Herabminderung
der Transportkosten, der Vereinheitlichung in der Ausnutzung
der Energiequellen, in der teilweisen Ausschaltung des Zwischen⸗
handels usw.

Von diesen Formen der Kombinierung hebt sich die Kombinations⸗
form der zu Genossenschaften und Kartellen zusammengefaßten
        <pb n="20" />
        II. Rationalisierungsformen
selbständigen Einzelunternehmungen deutlich ab. Beiden Kombinie⸗
rungsformen ist die Absicht gemeinsam, den eigenen Gewerbezweig vor
Erschütterungen durch anonyme Maͤchte (Krisen!) oder gegnerische
soziale Gruppen oder Einzelpersonen zu bewahren und die eigene
Stellung innerhalb der Gesamtwirtschaft so kraftvoll wie möglich
auszubauen. Die Mittel, deren sich die Genossenschaften hierbei
bedienen, sind allgemein bekannt: gemeinschaftliche Kreditbeschaffung
und Maschinenbenutzung, gemeinschaftliches Vorratslager, gemein⸗
schaftlicher Einkauf und Vertrieb. Weniger bekannt sind die Mittel,
mit denen die Kartelle die Vorteile der Kombinierung wahrzu⸗
nehmen suchen.

Man spricht bei der Betaͤtigung der Kartelle von Konventionen,
Preiskartellen, Konditionenkartellen und Verkaufskar⸗
tellen. Die Mehrzahl der Kartelle stellt sich als eine Mischform dar,
die mehrere dieser Tätigkeitsgebiete umschließt. Die höchste Stufe des
Verkaufskartells betätigt sich auf sämtlichen Gebieten zugleich. Kaum
ein Kartell gleicht in seiner Struktur dem anderen. Mit Recht wird
deshalb betont, daß es abwegig ist, die Kartellwirkungen in Pausch
und Bogen zu beurteilen oder zu verurteilen *).

Die Bedeutung der Kartelle für die Rationalisierung ist je nach
ihren Tatigkeitsgebieten sehr verschieden. Konditionenkartelle
lassen es im allgemeinen bei der Regelung der Verkaufsbestimmungen
bewenden, im einzelnen also bei der Festsetzung der Lieferungs⸗, der
Zahlungsbedingungen, der Zahlungsweise und der Zahlungstermine.
Sie üben selten auf die wirtschaftliche und technische Vervollkommnung
der ihnen angeschlossenen Mitgliederbetriebe eine nennenswerte
Wirkung aus, sondern begnügen sich im allgemeinen mit der Emp⸗
fehlung organisatorischer un technischer Neuerungen, ohne zu
prüfen, ob dieser Empfehlung Folge geleistet wird. Anders die Preis⸗
kartelle. In positiver Richtung wirken sie vor allem durch Aus⸗
arbeitung einheitlicher Kalkulationsschematas insbesondere auf das

) Lehnich, Kartelle und Staat, Verlag Reimar Hobbing, Berlin 1928, Seite 43.
Rauecker
        <pb n="21" />
        18

A. Tatsachen
Handwerk rationalisierend ein. Soweit sie innerhalb ihrer Mitglied⸗
schaft Erhebungen über die tatsächlichen Gestehungskosten der Mit⸗
glieder veranstalten, suchen sie bei dieser Gelegenheit auch die schwaͤche⸗
ren Mitglieder zur Anwendung technischer und kaufmaͤnnischer Ratio⸗
nalisierungs maßnahmen zu veranlassen. Nicht selten erliegen diese
Kartelle jedoch der Versuchung, die Preise nach den Produktionskosten
des schwaͤchsten Mitgliedes festzusetzen. Hieraus ergibt sich eine
Differenzialrente für die leistungsfähigeren Mitglieder, die es ihnen
gestattet, auch mit veralteten Produktionsmethoden weiter zu arbeiten
und so von Rationalisierungs maßnahmen abzusehen. Andererseits
—RDD
Umfang ihrer Betriebe in einem Ausmaße zu erweitern, der zu
der Produktionskapazitaͤt in keinem angemessenen Verhaltnis mehr
steht.

Von noch groößerer Bedeutung für die Durchführung der Rationali⸗
sierung sind die Kontingentierungskartelle, deren Aufgabe die
unmittelbare Anpassung der Produktion an den Bedarf auf dem Wege
der Produktions⸗ und Absatzkontingentierung oder ⸗Spezialisierung
ist. Am häufigsten werden in diesen Verbänden Vereinbarungen über
Produktions⸗ und Absatzmengen innerhalb eines begrenzten Zeit⸗
raumes getroffen, vor allem bei der Produktion von Massenwaren.
Daneben ergeben sich in steigendem Maße auch Abreden über Speziali⸗
sierung der Produktion, Übereinkommen also nicht nur über die
Mengen, sondern auch über die Art der produzierten Ware. In allen
diesen Fällen handelt es sich um die Aufteilung des Marktes und die
Zuweisung eines bestimmten Kundenkreises an die einzelnen Mit⸗
glieder. Diese Arbeitsteilung in technischer, organisatorischer und
wirtschaftlicher Hinsicht führt naturgemäß zu erheblichen Ersparnissen,
die wiederum der Rationalisierung zugute kommen können. Anderer⸗
seits birgt die Quotenzuweisung jedoch die Gefahr einer gewissen
Stagnation in der Betriebsführung und Betriebsverbesserung in
sich. Der Expansionsdrang wird durch die Mengenbeschränkung leicht
        <pb n="22" />
        3—

*
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2

II. Rationalisierungsformen

10
gelaͤhmt, die Unternehmerinitiative durch die übliche Bezahlung einer
Ausfallvergütung an Betriebe, die mit ihrer Produktion im Ruchstande
bleiben, weitgehend hintan gehalten.

Die letzte und höchste Stufe der Kartellierung schließlich sind die
Verkaufskartelle. Sie sind für die Rationalisierung wegen ihrer
preisregulierenden Taͤtigkeit von besonderer Wichtigkeit. Die Gleich⸗
maͤßigkeit und lange Zeitdauer ihrer Verkaufsabreden ist ein Moment
der Sicherheit, das auch auf die Kalkulation der naͤchsthöheren Produk⸗
tionsstufen fortwirkt, den Fortfall von Risikopraͤmien dort erst möglich
macht und damit Preissenkungen oder Betriebsverbesserungen herbei⸗
führen kann, sofern das der organisierten Wirtschaft einwohnende
Traͤgheits moment dem nicht entgegensteht. Jedenfalls ergibt eine
naͤhere Betrachtung der Kartelle, daß ihre Einrichtung als solche, von
der Handhabung zugunsten dieser oder jener Interessentenschicht vom
Standpunkt der Rationalisierung aus ebenso förderlich als hemmend
wirken kann. Es wird stets darauf ankommen, wer die Apparatur
bewegt und zu welchem Zwec sie in Bewegung gesetzt wird. Man wird
Gustav Schmoller*) rückhaltlos zustimmen können, wenn er hier⸗
über meint: „Im ganzen wird man heute gar nicht sagen können,
die Kartelle sind gut oder schlecht, sondern nur, sie waren bisher voll⸗
kommen oder unvollkommen oder schlecht geleitet. Sie waͤren schon
jetzt segensvoll, wenn ihre Leiter maßvoll und staatsmaͤnnisch, nicht
kurzsichtig und habsüchtig verfahren und soweit die Kartellmitglieder
eine solche Leitung vertrügen.“ Ebenso hat G. Lucas zweifellos recht,
wenn er auf Grund der Erfahrung des deutschen Kartellgerichts darauf
hinweist, daß es kein Kartell gibt, „dessen Existenz oder Wirksamkeit
man von vornherein schlechthin als segensreich oder schaͤdlich bezeichnen
könnte. Wie alle wirtschaftlichen Erscheinungen sind auch die Kartelle
in ihrer Bedeutung für die Volkswirtschaft geschichtlich durch die Ge⸗
samtlage der Wirtschaft und durch die besonderen Verhaͤltnisse der
Wirtschaftsgebiete bedingt, auf denen sich ihre Tätigkeit auswirkt.

M Grundriß der allgemeinen Volkswirtschaftslehre. . Teil, S. 44.
        <pb n="23" />
        20

A. Tatsachen
Jedes Werturteil über die Kartelle kann daher Gültigkeit nur für die
Wirtschaftslage beanspruchen, die es jeweilig voraussetzt“x).

Auch die Weltwirtschaftskonferenz, die sich im Mai 1927 in wochen⸗
langen Verhandlungen eingehend mit dem Kartellproblem befaßt hat,
hat in ihrer Entschließung über internationale Industriekartelle ähn⸗
lichen Erwägungen Ausdruck gegeben. „Die Konferen;“, so heißt es
darin, „mußte feststellen, daß die Kartellierung zu einer prinzipiellen
Stellungnahme keine Veranlassung gibt, sondern daß sie eine Tatsache
darstellt, deren Entwicklung festzustellen ist, und die unter gleichen
Umständen in der Praxis je nach dem Geiste, in dem diese Kartelle
abgeschlossen und durchgeführt werden, besonders aber je nach dem
Grade, in dem sich die führenden Persönlichkeiten von der Rücksicht
auf das Gemeinwohl leiten lassen, gut oder schlecht genannt werden
kann.“ Mit Bezug auf die Bedeutung der Kartelle für die Rationali⸗
sierung heißt es weiter: „In bestimmten Industriezweigen können die
Kartelle jedoch unter gewissen Bedingungen und Vorbehalten folgendes
bewirken: systematischere Entwicklung der Produktion und Herab⸗
setzung der Unkosten durch bessere Ausnutzung der bestehenden Pro⸗
duktionsmittel, rationellere Entwicklung neuerer Produktionsanlagen
und zweckmäßigere Gruppierung der Unternehmungen. Andererseits
mildern sie unwirtschaftliche Konkurrenzkämpfe und vermindern die
aus den Konjunkturschwankungen entstehenden Schäden.“

„Jedoch ist die Konferenz der Ansicht, daß Kartelle, wenn sie mono⸗
politische Bestrebungen und die Anwendung von ungesunden Ge⸗
schäftsmethoden unterstützen, den technischen Fortschritt der Produk⸗
tion hemmen und Gefahren für die berechtigten Interessen wichtiger
sozialer Gruppen und gewisser Länder in sich schließen können. Die
Konferenz ist daher der Ansicht, daß die Kartelle auf keinen Fall künst⸗
liche Preissteigerungen hervorrufen dürfen, die den Verbrauchern zur
x) G. Lucas, Kartell⸗ und Rechtsordnung, Zeitschrift für die gesamte Staats⸗
wissenschaft, do. Jahrgang, 1925/26, Heft 3, S. 428, zitiert bei Lehnich a. a. O.,
S. 85.
        <pb n="24" />
        II. Rationalisierungsformen

21
Last fallen würden, und daß sie die Interessen der Arbeiterschaft in
angemessener Weise berücksichtigen müssen. Außerdem darf die Kartel⸗
lierung weder bezwecken noch bewirken, daß die Versorgung irgend⸗
eines Landes mit Rohstoffen und lebenswichtigen Bedarfsgegen⸗
ständen beschraͤnkt wird. Ebensowenig darf sie in willkürlicher Weise
ungleiche Bedingungen schaffen für die verarbeitenden Industrien der
verbrauchenden und der erzeugenden Länder oder für andere in der
gleichen Lage befindliche Lander. Sie darf ferner weder bezwecken noch
zur Folge haben, daß die von einem Volke für unentbehrlich erachtete
wirtschaftliche Ausrüstung geschwaͤcht wird. Ebensowenig darf sie
die Produktion, sei es hinsichtlich des technischen Fortschritts oder hin⸗
sichtlich der Verteilung der Industrien unter die verschiedenen Länder
gemäß den Entwicklungsbedürfnissen ihrer Wirtschaft und Bevölke⸗
rung im gegenwärtigen Zustande, zum Erstarren bringen.“

Die Weltwirtschaftskonferenz hat sonach mit aller nur wüunschens⸗
werten Deutlichkeit auf die Gefahr hingewiesen, die eine Fehlleitung
der internationalen Kartellpolitik für die Durchführung der weltwirt⸗
schaftlichen Arbeitsteilung mit sich bringen kann. Tatsächlich werden
die internationalen Kartelle nur daun im Sinne der weltwirtschaft⸗
lichen Rationalisierung wirken, wenn sie sich nicht nur der jeweiligen
Sonderinteressen der in ihnen vereinigten nationalen Gruppen an⸗
nehmen, sondern darüber hinaus stets den Gedanken der allgemeinen
Bedarfsdeckung im Auge haben.
        <pb n="25" />
        III. Wirkung der Rationalisierung
auf die Wirtschaftsformen
und die soziale Struktur der Bevölkerung
Die Durchführung der Rationalisierung hat in allen Industrie⸗
staaten grundlegende Veränderungen in der wirtschaftlichen Struktur
hervorgerufen. Die Rationalisierung des Einkaufs, des Absatzes, die
Beschaffung von Kredit, die Kundenwerbung usw. geht heute meist
im Rahmen von Dachgesellschaften vor sich, die ein organisches Zu⸗
sammenwirken der Einzelbetriebe durch bestimmte Mittel zu erreichen
versuchen, wobei die Selbstaͤndigkeit dieser Betriebe meist völlig, jeden⸗
falls teilweise aufgehoben ist. Das gleiche gilt in noch stärkerem Maße
für die organisatorische Verbindung mehrerer Dachgesellschaften in der
Vertragsform der Kartelle oder auf dem Wege des vollständigen Zu⸗
sammenschlusses (der Fusionen, Konzerne, Trusts, Syndikate oder
aͤhnlicher Organisationsformen). Das Ziel der Konzentration ist vor
allem die Ausschaltung der weniger rationell arbeitenden Betriebe und
die quoten mäßige Verteilung der Produktion auf die übrigen Betriebe
entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit: die Durchführung also der
kommerziellen Rationalisierung.

Diese Konzentrationsbewegung hat in den letzten beiden Jahrzehn⸗
ten wie anderwaͤrts so auch in Deutschland zu einer erheblichen prozen⸗
tualen Verminderung der Zahl der selbständigen Betriebe geführt
und damit auch zu einer entsprechenden Abnahme der selbständig
Erwerbstätigen, — eine Entwicklung, die kulturpolitisch, sozialpolitisch
wie staatspolitisch ernsteste Beachtung verdient. Ein Vergleich der
Ergebnisse der deutschen Berufs⸗ und Betriebszählung des Jahres
1925 mit jener des Jahres 1907 zeigt, daß die Zahl der Selbständigen
        <pb n="26" />
        III. Wirkung der Rationalisierung 25
in der Landwirtschaft nur um 7, 4O/d, in der Industrie und im Hand⸗
werk nur um o, q gestiegen ist, also so gut wie gar keine Veranderung
erfahren hat, obgleich das Wachstum in der Zahl der maͤnnlichen Er⸗
werbstätigen insgesamt nicht weniger als 23,30/0 und jenes der weib⸗
lichen Erwerbstaͤtigen insgesamt rund 35,00/, betrug. Nur im Handel
und im Verkehrswesen haben sich rund 270 o0o Menschen eine selb⸗
staͤndige Existenz zu schaffen vermocht, rund 290/, des früheren Be⸗
standes, die aber angesichts der Gesamtzunahme der Erwerbstaͤtigen
um rund 6,8 Millionen kaum ins Gewicht fallen. Fast der gesamte
Zustrom an neuen erwerbstätigen Kraften ist in Deutschland den in
abhaͤngiger Stellung ausgeübten Berufen zugeflossen, die Verhaͤltnis⸗
zahl der Selbständigen beträgt nurmehr 17,3040 aller Erwerbstaͤtigen,
die der Angestellten und Beamten 16, 50/,, jene der Arbeiter 45, 10/0, der
mithelfenden Familienangehoörigen 170/0, der Hausangestellten 4,10/0.

Zu dieser fortschreitenden Unselbstaͤndigkeit der breiten Massen
gesellt sich als zweite soziologische Wirkung der Rationalisierung die
Maschinisierung und Mechanisierung des Arbeitsprozesses, die vorerst
hauptsächlich in der gewerblichen Produktion, aber auch schon in der
Gůterverteilung und Güterverwaltung fühlbar geworden ist. Wah⸗
rend die Verhaͤltniszahl der menschlichen Arbeitskraͤfte von 1907 - 25
nur von 100 auf 12z gestiegen ist, hat sich die Zahl der motorischen
Leistungen von 100 auf 300 erhöht. Nach der Betriebszaͤhlung von
1925 besitzt jeder vierte Betrieb einen Motor, auf jede menschliche
Arbeitskraft kommen rt/, Pferdestaͤrken. In manchen Industrien
hat der Motor die Menschen nahezu völlig verdrängt, so insbesondere
in der Eisen⸗ und Metallgewinnung und im Bergbau. Vor allem die
groß⸗ und mittelbetrieblichen Gewerbezweige, so die einzelnen Zweige
des Maschinen⸗, Apparate⸗ und Fahrzeugbaus sind auf die Verwen⸗
dung von motorischer Kraft angewiesen, ferner die Spinnereien, Webe⸗
reien und Tertilveredelungsbetriebe, die Sagewerke, Mühlen und
Brauereien. Doch auch in typisch kleinbetriebliche Gewerbe, wie die
Tischlerei und die Stellmacherei, die Baͤckerei und die Fleischerei, ist
        <pb n="27" />
        24

A. Tatsachen
der Motor, namentlich in Gestalt des Elektromotors, eingedrungen.
Auch im Organisations- und Verteilungsapparat der Wirt⸗
schaft, im Verkehrsgewerbe und Handel, nimmt die Verwendung
von Motorfahrzeugen, von Schiffen, Lokomotiven, Automobilen usw.
fortgesetzt zu. Immer mehr bürgern sich, zumal in den Groß⸗ und
Mittelbetrieben des Bank⸗ und Versicherungswesens, aber auch in
einzelnen Verwaltungsstellen, in Warenhäusern und in Betrieben,
die einen großen Buchungs⸗, Verrechnungs⸗ und Verteilungsapparat
unterhalten, die Kalkulations⸗, Addier⸗, Falz⸗, Sortier⸗, Verpackungs⸗
und aͤhnliche arbeitersparende Maschinen ein.

Die Ausschaltung der geleraten Handarbeit durch die Maschini⸗
sierung, die fortschreitende Deklassierung des Handwerkers zum Hand⸗
langer, die im Zuge dieser Entwicklung dort zu finden ist, wo der
Arbeiter nicht mehr Beherrscher, sondern Bediener der Maschine
ist, die vielfache Automatisierung und damit Entgeistigung des Arbeits⸗
prozesses, die sich insbesondere als Folge der Fließarbeit, der Ein⸗
führung des laufenden Bandes, eingestellt hat, die frühzeitige Ab⸗
nutzung der Arbeitskraft durch das oft gesteigerte Arbeitstempo der
rationalisierten Arbeit, schließlich die Zunahme der Arbeitslosigkeit
als Folge der Entbehrlichkeit zahlreicher Arbeitskräfte, deren Arbeits⸗
leistungen von der Maschine übernommen worden sind, hat die Lebens⸗
lage der von der Rationalisierung betroffenen Arbeitnehmer in
vielen Faͤllen entscheidend umgestaltet. Es gilt auf Mittel und Wege zu
sinnen, die geeignet sind, die materiellen, körperlichen und psychischen
Schäden der Rationalisierung wenigstens in etwas zu kompensieren.
Die Loösung der mit der Rationalisierung zusammenhängenden gewerbe⸗
hygienischen und arbeitsmarktpolitischen Aufgaben, die Beantwortung
der Frage nach der Anpassung der Arbeitszeit und des Arbeitslohnes an
das Maß und den Grad der Arbeitsintensität, ist zu einer der vordring⸗
lichsten Gegenwartspflichten der Sozialpolitik geworden. Darüber
hinaus bildet die Bereitstellung geeigneter und ausreichender Kompen⸗
sationen für die doppelte Tragik lebenslaͤnglicher Abhängigkeit und
        <pb n="28" />
        III. Wirkung der Rationalisierung 25
zeitweiliger, oft dauernder Verödung des Arbeitsprozesses einer der
schwierigsten Aufgaben der allgemeinen Staatspolitik.

Bevor wir jedoch darstellen, auf welchem Wege die Erfüllung dieser
Aufgaben in Angriff genommen worden ist, werden wir schildern,
welchen Umfang die Rationalisierung bereits angenommen
hat und welche weiteren Zukunftsaussichten sich ihr bieten. Denn
nur ein umfassendes Phaͤnomen von weitem Wirkungskreis erscheint
der sozial⸗ und kulturkritischen Betrachtung der Mühe wert.
        <pb n="29" />
        IV. Träger der Rationalisierung
1. Die Privatwirtschaft
a) Die Arbeitgeber und Arbeitnehmer

In der kapitalistischen Wirtschaftsordnung werden stets die Be⸗
triebsleiter der Unternehmungen die Haupttraͤger der Rationali—
sierung sein. Als Leiter ihrer eigenen oder, soweit es sich um
gesellschaftliche Betriebe handelt, der ihnen anvertrauten Unter⸗
nehmungen, haben sie dafür zu sorgen, daß die Leistungen und der
finanzielle Erfolg der Betriebsführung im Einklang stehen mit den
aufgewendeten Mitteln. Hierbei wird es entscheidend auf ein plan⸗
volles Zusammenwirken zwischen der kaufmannischen und der tech—
nischen Betriebsleitung ankommen. Die technischen, betriebsorgani⸗
satorischen und berufspolitischen Rationalisierungs maßnahmen müssen
mit den wirtschaftsorganisatorischen (kommerziellen) Erfordernissen
zur Deckung gebracht werden. Daß dieses Ziel am leichtesten innerhalb
eines Großbetriebes bzw. einer Groß⸗Unternehmung erreicht
werden kann, ist klar. Durch die Konzentration können nicht nur un⸗
wirtschaftliche Betriebe ausgeschaltet und unrentable Betriebszer⸗
splitterungen in einem Produktionszweig beseitigt werden, sondern es
wird auch moglich sein, den Konfliktsstoff zu vermindern, der sich stets
aus dem Nebeneinander der technischen und kaufmaͤnnischen Leitung
in den ein zelnen Betrieben ergibt. Darüber hinaus bestehen inner⸗
halb des Konzerns mancherlei umfassende weitere Möglichkeiten, die
Betriebsführung unter Einsatz größerer Mittel durchgreifend zu ver⸗
billigen und den Leistungseffekt durch psychotechnische und organi⸗
satorische Maßnahmen erheblich zu steigern*).

*) Vgl. hierüber das in dem Kapitel ‚Rationalisterungsformen“ Gesagte.
        <pb n="30" />
        IV. Traͤger der Rationalisierung — 1. Die Privatwirtschaft 27

Reibungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern über die beste

Form der Durchführung solcher Rationalisierungsmaßnahmen sind
naturgemaß unausbleiblich.

Zwar haben Betriebsleitung und Belegschaft gemeinsam ein vitales
Interesse daran, die besten Arbeitsmethoden zu ermitteln, um hier⸗
durch eine allgemeine Steigerung des Leistungsergebnisses und damit
der Rentabilität herbeizuführen. In bezug auf die Durchführung der
dahinzielenden Maßnahmen unterscheiden sich die Ansichten der
Arbeitgeber von jenen der Arbeitnehmer jedoch oft wesentlich. Waͤh⸗
rend es dem Betriebsleiter in der privatkapitalistischen Wirtschaftsord⸗
nung meist ausschließlich darauf ankommt, die Rentabilitaäͤt schlechthin
zu steigern, wünscht die Arbeiterschaft gleichzeitig auch zu optimalen
Arbeitsmoͤglichkeiten in Hinsicht der Arbeitszeit, des Arbeitslohnes und
der sonstigen Arbeitsbedingungen zu gelangen. So kann es z. B. für
die Rentabilität des Betriebes durchaus vorteilhaft sein, die Arbeits⸗
intensität ohne Rücksicht auf den Raubbau an Arbeitskräften zu er⸗
höhen. Der Betrieb als solcher braucht ja die Krankenkosten, die
Alters⸗ und Invalidenrenten nicht selbst zu bezahlen. Es kann für den
Betriebserfolg weiterhin erwünscht sein, die Teilstücke der Produktion
bis zur Zusammensetzung zum Endprodukt moͤglichst kleine Strecken
durchlaufen zu lassen, die Arbeitsmaschinen möglichst dicht aneinander
zu reihen. Eine derartige Beengung des Arbeits⸗ und Leistungs⸗
raumes widerspricht jedoch wiederum den Interessen der Beleg⸗
schaft, die einen möglichst großen viel Bewegungs⸗ und Arbeits⸗
spielraum zu haben wünscht. Auch bei der Verminderung des Ar⸗
beitswechsels werden sich die Meinungen der Arbeitgeber und Arbeit⸗
nehmer oft diametral gegenüberstehen. Die Arbeitnehmer werden
— ie mechanisierter und monotoner ihre Arbeitsleistung ist —
ihre Arbeitsstelle oder doch zum mindesten ihre Taͤtigkeit haͤufi⸗
ger zu wechseln wünschen. Die Arbeitgeber dagegen müssen Wert
darauf legen, Ubungs- und Anlernungsverluste moͤglichst zu ver—
meiden.
        <pb n="31" />
        28

A. Tatsachen
Die Arbeitspolitik der Unternehmer ist demzufolge — namentlich
in der Schwerindustrie — in den letzten Jahren mehr und mehr auf
eine Verringerung des Arbeitswechsels gerichtet gewesen.

Schon aus Rücksicht auf das investierte Kapital und die kostbaren
Maschinen mußte dafür gesorgt werden, daß die Fluktuation
der hochqualifizierten Vor- und Musterarbeiter möglichst
eingedämmt würde — ihre dauernde Bindung an den Betrieb er⸗
schien schon um der Qualitaͤt der Produktion willen geboten. Darüber
hinaus müßte den Unternehmern daran liegen, die an sich leicht aus⸗
wechselbaren ungelernten und angelernten Arbeiter, soweit
sie sich innerhalb der rationellen Arbeit als brauchbar erwiesen,
moglichst lange bei ihrer angelernten Arbeit festzuhalten. Charakte⸗
ristisch für die Bedeutung, die dem Problem des Arbeitswechsels in der,
bisher am staͤrksten rationalisierten Wirtschaft der Vereinigten Staaten
von Nordamerika von Arbeitergeberseite beigemessen wird, ist eine
Stelle in dem Jahresbericht des Landesverbandes der Industriellen
der Vereinigten Staaten für 1926, in welchem die Wirkungen des
„Personnel Management“, der Personalbehandlung, auf die Stabilität
des Arbeitsverhaͤltnisses geschildert wird: „Der Jahresdurchschnitt
der Wechselhäufigkeit — nur auf Kündigungen seitens der Arbeiter
bezogen — betrug in Industrieunternehmungen, die insgesamt
300 ooo Lohnarbeiter beschaͤftigen, im März 1920 1610/, im
Februar 1923 970/, im August 1926 nur 4109/0.. Die Bedeutung
dieses Rückganges kann man nur dann ermessen, wenn man sich

vergegenwärtigt, daß laut den Angaben eines Unternehmers, der über
40 ooo Arbeiter beschäftigt, die Anwerbung und Anlernung eines
Arbeiters über 8 81 kostet“.

Angesichts dieser Relation zwischen Arbeiterwechsel und Rentabilität
ist es naheliegend, daß die amerikanischen Arbeitgeber jedes nur
irgendwie brauchbare Mittel zur Verminderung der Wechselhaͤufigkeit
anwenden. In seinem auch sonst höchst aufschlußreichen Buch „Die
Beziehungen zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern in den
        <pb n="32" />
        F IV. Traͤger der Rationalisierung — 1. Die Privatwirtschaft 22
Vereinigten Staaten“, Verlag des Internationalen Arbeitsamtes,
Genf 1927, schildert der stellvertretende Direktor des Internationalen
Arbeitsamtes in Genf, H. B. Butler, die Maßnahmen, die von den
amerikanischen Arbeitgebern diesbezüglich getroffen werden. Als
eines der erfolgreichsten Mittel zur Eindämmung des Arbeitswechsels
bezeichnet er das Personnel Management“, die Bewirtschaftung der
Arbeitskraft, die (nach Butler) in den Vereinigten Staaten im wesent⸗
lichen auf dreierlei Wegen erfolgt:

1. durch die Regelung der Arbeitsbedingungen nach wissenschaft⸗

lichen Grundsaͤtzen,

durch die Schaffung ————
Lebensversicherung, Pensionsfonds, Krankenversicherung, Be⸗
teiligung der Arbeiter am Unternehmungsgewinn; die Kosten
dieser Wohlfahrtseintrichtungen sollen ganz oder teilweise von
dem Unternehmer getragen werden,

durch die Einführung der Betriebsrtäte oder anderer Arbeiter⸗
vertretungen zum Zwecke des Ausbaues der Beziehungen
zwischen der Betriebsbelegschaft und der Leitung.

Es handelt sich sonach in der neuen amerikanischen Arbeitspolitik
um eine Verflechtung arbeitswissenschaftlicher und sozialpolitischer
Maßnahmen, von denen die unter Ziffer 3 genannten in Deutschland
auf gesetzlichem Wege bereits seit Jahren verwirklicht sind. Auch
innerhalb der englis chen Industrie sind neuerdings aͤhnliche Be⸗
strebungen in Fluß gekommen. So hat z. B. die britische Imperial
Chemical Industrie Limited“, vergleichbar etwa dem deutschen
Chemietrust, ein Programm zur Förderung der Zusammenarbeit
wischen Leitung und Personal aufgestellt, das gleichfalls die Errichtung
von Betriebsausschüssen, Gewinnbeteiligung der Belegschaft usw.
borsieht. Alle seit mehr als fünf Jahren in einem bestimmten Betriebe
beschaͤftigten Personen können in eine bevorzugte Personalgruppe ein⸗
gereiht werden. Sie erhalten dann an Stelle des Stundenlohns
Wochenlohn, haben Anspruch auf einmonatige Kündigung; im Krank⸗

2.
        <pb n="33" />
        —

A. Tatsachen
heitsfalle erhalten sie für mindestens sechs Monate ihren vollen Lohn.
Allen Mitgliedern des Betriebes werden die Aktien der Gesellschaft
unter Pari angeboten. Außerdem können die Zahlungen ratenweise
innerhalb von zwei Jahren erfolgen. Jene Mitglieder, die mehrere
Aktien kaufen, erhalten eine Gratisaktie.

Die deutsche Industrie hat versucht, ihre sachliche Arbeitspolitik
auch noch mit ethischen Tendenzen zu verknüpfen. Schon vor dem
Kriege haben die deutschen Arbeitgeber die Bindung des Arbeiters an
die Arbeitsstelle und damit die Sicherung eines gut eingearbeiteten
Arbeiterstammes auf dem Wege der Einrichtung von Wohlfahrtsinsti⸗
tutionen zu erreichen versucht. Betriebskrankenpflege, Konsumvereine,
Kinderhorte, sportliche Veranstaltungen usw. waren die Mittel, mit
denen Weltfirmen, wie Krupp, Siemens⸗Schuckert, Borsig u. a., schon
im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts die Freizügigkeit ihrer Arbeiter
auf patriarchalischem Wege einzudäͤmmen versuchten. Daneben trach⸗
teten sie durch Werkvereine, die mit ihrer Unterstützung gegründet und
unterhalten wurden, den Einfluß der Berufsvereinigungen der Arbeit⸗
nehmer auf die persönlichen und rechtlichen Beziehungen zwischen Be⸗
trieb und Belegschaft zu verringern. Der Kampf, den die Gewerk⸗
schaften gegen diese Beeinträchtigung ihrer Einflußsphäre vor dem
Kriege und in ihm führten, hatte zur Folge, daß die Werkvereine und
„gelben Gewerkschaften“ in dem Abkommen der Arbeitgeber mit den
Gewerkschaften vom 15. November 1918, aus dem die Zentral⸗
arbeitsgemeinschaft der Arbeitgeber und Arbeitnehmer Deutschlands
entstanden ist, völlig fallen ließen. Als dann die Arbeitsgemeinschaft
im Jahre 1923 auseinanderbrach, wußten es die Gewerkschaften zu
verhindern, daß Werksgemeinschaften neuerdings in größerem Um⸗
fange gebildet wurden.

Die fortschreitende Rationalisierung draͤngte jedoch in zunehmendem
Maße auf eine spezialisierte, nach den Bedürfnissen des Einzelbetriebes
orientierte Umwandlung der technischen Schulung. Es lag daher
nahe, den Kampf um die Seele des Arbeiters nunmehr von der
        <pb n="34" />
        W. Trager der Ratlonalisterung — 3. Die Privatwirtschaft 31
paͤdagogisch⸗technischen Seite aufzunehmen und den Arbeitswechsel
auf dem Wege der beruflichen Ausbildung jugendlicher Lehrlinge und
Arbeiter im Betriebe und durch ihn zu vermindern. Diesem Zwec
diente die Gründung des Dintainstituts in Düsseldorf, des „Deut⸗
schen Instituts für technische Arbeitsschulung“. Es will der
„Durchführung von Menschenökonomie in Industrie, Bergbau und
Landwirtschaft“ dienen und dieses Ziel durch Lehrlingsschulung,
Jugendpflege, angewandte Psychotechnik, Werkzeitungen, produktive
Altersversorgung und andere Wohlfahrtseinrichtungen, vor allem
für die im Werk beschäftigten Arbeiterinnen und die Frauen und
oͤchter der Arbeiter erreichen. Meist ist deshalb mit dem Wert eine
Kleinkinderbewahranstalt und ein Säuglingsheim verbunden. Das
Dintainstitut bildet entweder auf seine eigenen Kosten oder im Auf⸗
trage eines bestimmten Werkes sogenannte Organisationsingenieure
aus, die nach einjähriger Schulung an die Werke abgegeben werden.
Ihre Hauptaufgabe besteht in der Einführung und Ausgestaltung der
Lehrlingsausbildung, die in —DD
Lehrlinge nach Ablegung einer psychotechnischen Eignungsprüfung
und nach einer achtwöchigen Probezeit zwei Jahre ausgebildet
werden. Nach dieser Zeit werden sie für eine weitere zweijaͤhrige
Spezialausbildung dem Gesamtbetrieb überwiesen, von dem sie dann
nochmals für einige Wochen in die Lehrwerkstaͤtte zurüdkehren, um dort
ihre Gesellenprobearbeit zu leisten. Die theoretische Ausbildung, die
Hand in Hand mit der praltischen geht, erfolgt in zehn Wochenstunden
in staatlich anerkannten Werkschulen, die als Ersatzberufsschulen gelten,
oder in Sonderklassen der jeweiligen staͤdtischen Berufsschule. Sie er⸗
stredt sich auf Fachkunde, Rechnen, Zeichnen, Staatsbürgerkunde und
Sport. Daneben werden die Jugendlichen zu Vorträgen, Ausstellun⸗
gen und Wanderungen zusammengefaßt, sie erhalten Gelegenheit
zu Sport und Spiel, zum Musizieren und Theaterspiel. Das Ziel
der Erziehung soll, nach dem Willen des Oberingenieurs Arnhold, des
geistigen Gründers und Führers der Dintabewegung, sein: „Wendig⸗
        <pb n="35" />
        32
keit“, „intelligenter Gehorsam“ und Freude an der Arbeit. Hierzu soll
vor allem die Anspornung des jugendlichen Ehrgeizes dienen.

Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die paͤdagogisch⸗technische
Seite der Dintabewegung erhebliche Vorzüge hat. Sie geht von
dem richtigen Gedanken aus, daß die rationalisierte Wirtschaft
nicht mehr so sehr wie das Handwerk oder die vorkapitalistische In⸗
dustrie auf eine berufliche Spezialausbildung des Arbeiters ange⸗
wiesen ist, sondern daß sie vielmehr einer technischen Allgemeinbildung
bedarf, also weit mehr Kenntnisse in der Ausfindigmachung von
Material⸗ und Konstruktionsfehlern, Konzentrationsfähigkeit, Exakt⸗
heit, Aufmerksamkeit, Pünktlichkeit und dergleichen unter dem General⸗
nenner „Wendigkeit“ zusammenzufassende Eigenschaften erfordert, als
handwerkliches Einzelwissen. In der Tat wird der moderne pädago⸗
gische Geist des Dintainstituts ebenso wie der sozialpolitische Wert der ein⸗
zelnen Fürsorgeeinrichtungen von den Gewerkschaften auch rückhaltlos
anerkannt. Die „Ausbildung des Facharbeiternachwuchses in sicherlich
gutgeleiteten großindustriellen Lehrlingswerkstätten“, heißt es bei⸗
spielsweise in einem Artikel, Grundlage und Methode der neuen psycho⸗
logischen Arbeitspolitik der Unternehmer“ von Fritz Fricke in Nr. 22
des Jahrganges 1927 der, Gewerksschaftszeitung“ des ADGB.,„dürfte
dem Wunsche vieler Arbeiter um so stärker entsprechen, als die vielfach
zur Ausbeutung entartete Lehrlingsausbildung beim Kleinmeister
gerade von den besten und klassenbewußten Arbeitern verabscheut
wird. Die Arbeit in Invaliden⸗ und Alterswerkstätten wird manchem
alten oder kranken Arbeiter eine größere Lebenssicherheit und mehr
Lebensmut geben, als eine karge Invaliden⸗ oder Altersrente.“ Der
Stein des Anstoßes ist also nicht das Was, sondern das Wie der
Schulungsmethode, ist vor allem die völlige Inanspruchnahme der
Jugendlichen durch das Werk, die es ihnen unmöglich macht, für Fa⸗
milien⸗ und Gewerkschaftsinteressen oder für ihre persönliche Bildung
nach eigener Wahl und eigenem Geschmack die notwendige Zeit zu
erübrigen. Daneben ist es die „Ertüchtigungspropaganda“, die

A. Tatsachen
        <pb n="36" />
        IV. Träger der Rationalisierung — 1. Die Privatwirtschaft 33
Erziehung zur Arbeit im altpreußischen Stil, gegen die sich die
Gewerkschaften wenden und in der sie eine Beeintraͤchtigung ihrer
kLinflußsphäre erblicken. In der Tat heißt es in dieser Hinsicht in einer
Broschüre „Der Kampf um die Seele unseres Arbeiters“ von Dr.
Paul Osthold, einem der Geschäftsführer des Dintainstituts, ganz
unmißverstaͤndlich: „Die neuen großen politischen und sozialen Formen
haben die Vereinsamung des Arbeiters nicht verhindern können. Die
Interessenorganisationen auf beiden Seiten sind nur — so wider⸗
spruchsvoll es auch klingen mag — Kollektivformen der beiderseitigen
Vereinzelung geblieben. Der vereinsamte Arbeiter sowie der isolierte
Unternehmer haben nach rechts und links Tuchfühlung nur mit ihres⸗
gleichen genommen. Fronten sind entstanden, aber nicht darauf be⸗
dacht, sich aufeinander vorzuarbeiten, um am Tage des gewonnenen
Kontaktes Waffenstillstand und Versoͤhnung zu feiern, sondern Fronten,
angstlich auf die Fortifikation des Vorgelaͤndes und die Sicherung
der Flanken eingestellt, gleich bereit zu Angriff und Ab wehr.“x)
In diese Fronten soll nun mit Hilfe der Dintabewegung Bresche
gelegt werden. Daß hierbei nicht die Front der A rbeitgeber gemeint
sein kann, versteht sich bei einer von Arbeitgeberseite ausgehenden
Einrichtung von selbst. In den weiteren Darlegungen der Osthold⸗
schen Schrift ist auch nur mehr von der Arbeitnehmerfront
die Rede und von ihrer auf die Dauer untragbaren, den Ruin der
Wirtschaft bedeutenden Gegnerschaft gegen die —Xo—
Gegnerschaft soll durch die neue Arbeitspolitik gebrochen werden, als
deren Hauptaufgabe von Dr. Osthold bezeichnet wird:
1. Befreiung des Arbeiters aus der Einsamkeit seiner isolierten Teil⸗
funktion im Herstellungsprozeß,
Uberwindung der feindseligen Oppositionsstellung zwischen
Arbeiter und Unternehmer,
Befriedigung und Befriedung des Arbeiters im gegenwaͤrtigen
Wirtschaftssystem.
N S. 3 der im Tert erwaͤhnten Schrift.
Rauecker

2.
        <pb n="37" />
        . Tatsachen
Die Gewerkschaften aller Richtungen haben sich gegen derartige
Bestrebungen sehr entschieden verwahrt. Die freigewerkschaftlichen
Berufsverbäͤnde frondieren — von ihrem besonderen Klassenstand⸗
punkt aus — gegen eine Methode, die der Zerstörung der sozialistischen
Ideologie durch die „Befriedung der Arbeiter im gegenwartigen Wirt⸗
schaftssystem“ dienen will; mit nicht minderem Rechte lehnen die
christlichen Gewerkschaften eine Gesinnungspolitik ab, die — um einen
im „Deutschen“ gebrauchten Ausdruck hier zu wiederholen — „Götzen⸗
dienst an der Materie, die Werk heißt, bedeutet, vor dem alles andere
verschwindet: Weltanschauung, Familie, Heimat, Vaterland und
Beruf“. Darüber hinaus sehen alle drei Gewerkschaftsrichtungen in
der Differenzierung der Arbeiterschaft nach Betriebsbereichen, wie sie
von der Dintabewegung angestrebt wird, eine schwere Gefährdung
der Massensolidarität der in einem Industriezweig vereinigten Arbeit⸗
nehmer. Die Gewerkschaften haben an und für sich an der Differen⸗
zierung der Arbeitsverhaͤltnisse durch die Rationalisierung, die organi⸗
satorisch, tarifpolitisch und damit auch lohn⸗ und arbeitspolitisch völlig
neuartige Gewerkschaftsprobleme aufgeworfen hat, schon schwer genug
zu tragen. Jede weitere Schwächung der Solidarität der Arbeitnehmer⸗
schaft durch betriebspartikularistische Sonderorganisationen bedeutet
fuͤr sie eine unerwünschte Belastung mit neuen Schwierigkeiten, gegen
die sie gewillt erscheinen sich zur Wehr setzen.

Waͤhrend aus diesen Gründen die Wirkung der genannten industrie⸗
paͤdagogischen Maßnahmen auf die Rationalisierung mehr als
weifelhaft erscheint, kowmmt der Demokratisierung der Wirt⸗
schaft als Mittel zur berufspolitischen Rationalisierung eine ein⸗
deutig positive Bedeutung zu.

Freilich scheinen die Maßnahmen und Einrichtungen der Wirtschafts⸗
—E
antwortlichen Mitwirkung an der Produktionsgestaltung zunächst auf
der Arbeitgeberseite noch lebhafter Abneigung zu begegnen. Da die
wirtschaftliche Machtzusammenballung des Kapitals — die „Konzen⸗
        <pb n="38" />
        IV. Traͤger der Rationalisierung — 1. Die Privatwirtschaft · 38
tration“ — mindestens in der ersten Zeit nach der Durchführung
der Rationalisierung infolge von Stillegungen und Betriebsein⸗
schränkungen häufig zu sprunghaft vermehrter partieller Arbeits⸗
losigkeit und zur Umschichtung der Arbeiterschaft in den Betrieben
geführt hat, hat die Rationalisierung zunächst fast stets eine Machtver⸗
minderung auf seiten der Arbeiter herbeigeführt. Die Folge war eine
soziale Reaktion auf der ganzen Linie. Es kam auf die Kraft der Ge⸗
werkschaften bzw. auf die sozialpolitische Gesetzgebung des betreffenden
Landes an, ob die Arbeiterfachverbaͤnde diese Machtverschiebung
dulden mußten oder sich gegen sie wehren konnten. Die Art und das
Maß, in welchem dies geschah, wird bestimmt von den gesellschaft⸗
lichen Idealen des betreffenden Volkes ober der in Frage stehenden
Rasse. Ein Volk mit ausgesprochen materialistischer Zielsetzung,
mußte sich hierzu anders verhalten als ein zweites, dem die Freiheit
und Menschenwürde als das höchste Gut erscheint.

Hieraus erklaären sich auch die grundlegenden Unterschiede in der
Kinstellung der Arbeiters chaft zu den sozialen Auswirkungen der
Rationalisierung auf die Wirtschaftsdemokratie jenseits und diesseits
des großen Wassers. Waͤhrend die amerikanischen Gewerkschaften
infolge ihrer im wesentlichen privatkapitalistischen Einstellung
den arbeitspolitischen Wirkungen der Rationalisierung aͤußerst
optimistisch gegenüberstehen — charakteristisch hierfür ist ein Aus⸗
spruch des Nachfolgers von Samuel Gompers in der Leitung des
amerikanischen Gewerkschaftsbundes, Green, der im Dezember 1925
bor der New⸗Yorker Taylor Society erklaͤrte, bei Anerkennung der
Gewerkschaften als Vertreter der Arbeitnehmerinteressen sehe er die
Möglichkeit einer Arbeitsgemeinschaft für die Zwecke der Stabilisierung
und Rationalisierung, von Gesundheits⸗ und Unfallschutz, Bekaͤmpfung
der Arbeitslosigkeit u. a. gegeben, denn „die bestgeleitete und im
höͤchsten wissenschaftlichen Geist arbeitenbe Industrie ist auch diejenige,
die die höchsten Loöhne zahlen kann“ — zeigen sich die deutschen Ge⸗
werkschaften in ihren Denkschriften und Publikationen über die Ratio⸗
        <pb n="39" />
        36

A. Tatsachen
nalisierungsfrage in erster Linie besorgt um die gewerkschaftspolitischen
und arbeitsrechtlichen Wandlungen im Verfolg der Rationalisierung.
Die amerikanischen Gewerkschaften sehen die mit der Rationalisie⸗
rung stets organisch verbundenen Bestrebungen auf Schaffung von
Werksgemeinschaften mit dem Ziele der betriebs weisen Ab⸗
rede zwischen Arbeitgeber und Belegschaft ohne die Zwischenschaltung
der Gewerkschaften zwar ungern, können ihren Bestand jedoch ange⸗
sichts der in den meisten Staaten der U.S.A. bestehenden Möglichkeit,
Arbeitnehmer wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer Gewerkschaft zu ent⸗
lassen, in nennenswertem Umfange nicht schmälern. Dagegen streben
die deutschen Gewerkschaften in jedem Falle einer neuen Konzen⸗
tration mit allen Mitteln und meist mit Erfolg danach, die Belegschaft
des neuen Großunternehmens in möglichst gleichartige kollektive
Arbeitsoerhältnisse einzufügen, mit und ohne die Hilfe der staat⸗
lichen Gesetzgebung, die das Zustandekommen von Tarifvertraͤgen
und damit die Stellung der Gewerkschaften als Vertragskontrahenten
durch die Erklaͤrung der Allgemeinverbindlichkeit der Tarifvertraͤge
für den betreffenden Gewerbezweig weitgehend unterstützt.

Dabei soll nicht geleugnet werden, daß das unmittelbare Verhaͤltnis
von Mensch zu Mensch, zwischen Arbeitgebern, Werkmeistern und
Arbeitnehmern in den Vereinigten Staaten von Amerika im allge⸗
meinen wesentlich demokratischer ist, als auf dem Kontinent, als vor
allem in Deutschland. Arbeiter und Betriebsbeamte reden einander oft
mit Vornamen an und ähnliche Formen gebraucht wohl auch der
Unternehmer zeitweilig dem Personal gegenüber. Dabei ist das Ver⸗
haltnis aber eben nur demokratisch und keineswegs patriarchalisch. Eine
engere, gefühlsmäßige Bindung des Arbeitnehmers an den Betrieb
gehört zu den Ausnahmen. Jedenfalls kann gesagt werden, daß die
Abneigung der Amerikaner gegen wirtschaftsdemokratische Verein⸗
barungen in etwa wenigstens kompensiert wird durch eine freiwillige,
unerzwungene und ungezwungene Betriebsdemokratie, deren selbst⸗
verständliche und angenehme Formen jedoch in keiner Weise durch ge⸗
        <pb n="40" />
        IV. Traͤger der Rationalisierung — 1. Die Privatwirtschaft 37
setzliche Bestimmungen in der Art der kontinentalen Betriebsraͤte⸗
gesetzgebung ex officio „verankert“ sind. Die „Works councils“, die
amerikanischen „Betriebsraͤte“ haben nur in der Kriegszeit eine vor⸗
ůͤbergehende Bedeutung gehabt und sind in der Nachkriegszeit zahlen⸗
wie wirkungsmäßig erheblich zurückgegangen. Im Jahre 1979 zählte
man 225 Ausschüsse bei 122 Arbeitgebern, im Jahre 1922 725, im
Jahre 1924 814 bei 212 Arbeitgebern mit rund 1,2 Millionen er⸗
faßten Arbeitnehmern. Von 1922 bis 1924 sind fast 200 Ausschüsse
hauptsaͤchlich in der Metall⸗ und Maschinenindustrie, im Verviel⸗
faͤltigungsgewerbe, in der Nahrungsmittelindustrie und im Verkehr
wieder aufgelöst worden.

Die Zahl der Betriebsraͤte in den Vereinigten Staaten ist also
gering. Immerhin haben sie sich bei den Großbetrieben noch am
ehesten erhalten. Hier ist die zunehmende Ausdehnung der Unter⸗
nehmungen der Anlaß dafür, daß sich die Betriebsleitungen dem
Betriebsparlamentarismus geneigter zeigen; eine geordnete Ver⸗
tretung der Belegschaftsinteressen wird von ihnen — wie man aus
amerikanischen Berichten entnehmen kann — in dem Maße will⸗
kommen geheißen, in welchem sie selbst die Arbeitsverhaͤltnisse im ein⸗
zelnen nicht mehr zu überprüfen vermögen. In diesem Sinne ist also
die wirtschaftsorganisatorische Rationalisierung in den Vereinigten
Staaten geradezu ein Antrieb zur Verwirklichung der Wirtschafts⸗
demokratie geworden.

Auch die kontinentale wirtschafts⸗politische Gesetzgebung wird
an der Tatsache der Konzentration der Wirtschaft nicht laͤnger vor⸗
ůbergehen dürfen. Die bestehenden Gesetze, insbesondere das deutsche
Betriebsraͤtegesetz, erstrecken sich nicht auf die Großunternehmung,
den Trust, das Syndikat, das Kartell. Die für die Leitung der Wirt⸗
schaft von Jahr zu Jahr mehr und mehr entscheidenden Wirtschafts⸗
instanzen sind von dem gesetzlichen Zwang zur Verwirklichung der
Betriebsdemokratie durch Hinzuziehung von Belegschaftsvertretern
zur Konzernleitung bisher unberührt geblieben.
        <pb n="41" />
        38

A. Tatsachen
Nach dem deutschen Betriebsrätegesetz soll der Betriebsrat jedoch
die Betriebsleitung durch Rat unterstützen, „um dadurch mit ihr für
einen möglichst hohen Stand und für möglichste Wirtschaftlichkeit
der Betriebsleistungen zu sorgen“ und — im besonderen — an der
Einführung neuer Arbeitsmethoden fördernd mitzuarbeiten. Ferner
hat der Arbeitgeber dem Betriebsrat vierteljährlich „einen Bericht
uͤber die Lage und den Gang des Unternehmens und des Gewerbes
im allgemeinen, und über die Leistungen des Betriebes und den zu
erwartenden Arbeitsbedarf im besonderen zu erstatten“ und ihm — in
den größeren Betrieben — eine Betriebsbilanz und Betriebsgewinn⸗
und Verlustrechnung vorzulegen. Diese Bestimmungen sind nach
erfolgter Konzentration teils unzureichend, teils undurchführbar. Wie
—
angeschlossenen Unternehmens in der Lage sein, die Betriebsleitung
durch Rat zu unterstützen, „um für möglichste Wirtschaftlichkeit der
Betriebsleistungen zu sorgen“, da er doch die geheimgehaltenen Ab⸗
sichten der Konzernleitung in der Mehrzahl der Fälle gar nicht kennt?
Und soll die Trustdirektion etwa verpflichtet sein, jedem Betriebsrat
im Verband vierteljährlich „eine Betriebsbilanz vorzulegen“, die selbst
den Leitern der einzelnen Teilunternehmungen verborgen bleibt? Hier
klafft eine erhebliche Lücke im Gesetz, die im Interesse aller Beteiligten
sobald als möglich ausgefüllt werden sollte. Die Schaffung einer
mit besonderen Rechten und Pflichten ausgestatteten Ver⸗
tretung der Arbeitnehmer konzentrierter Unternehmen bei
den Trust⸗oder Syndikatsleitungen tut dringend not. Daß
hierfür nur hervorragend qualifizierte Personen in Frage kommen
können, ist klar. Wir glauben, daß das Präsentationsrecht für
derartige Stellen ausschließlich den Gewerkschaften vorbehalten
bleiben sollte, die einzig in der Lage sind, ihren Funktionaͤren eine aus⸗
reichende Schulung füͤr solche Stellungen angedeihen zu lassen.

Den Betriebsräten der einzelnen Betriebe würde dann immer
noch die Mitwirkung bei der Durchführung der Rationalisierung nach
        <pb n="42" />
        IV. Traͤger der Rationalisierung — 1. Die Privatwirtschaft 39
den zwischen der Leitung des Konzerns und dem gewerkschaftlichen
Vertreter der Arbeiterschaft (selbstverständlich unter Hinzuziehung der
Betriebsräte) vereinbarten Maßnahmen verbleiben — eine gewiß
nicht untergeordnete und keineswegs leichte Aufgabe. Abgesehen von
den Schwierigkeiten, in welchen sich der Betriebsrat bei der häufigen
Gleichzeitigkeit von Rationalisierungs⸗ und Abbaumaßnahmen be⸗
findet, Schwierigkeiten, die ihn in der naͤchsten Zeit mehr als einmal
zum Prellbock zwischen dem Betriebe und der Belegschaft machen
werden, ist er ja auch für die richtige Einordnung des einzelnen in
einen Produktionsvorgang mitverantwortlich, der gerade nach der
Rationalisierung den Handwerker oft genug zum Handlanger herab⸗
gedrückt hat.

In diesem Zusammenhang sei auch noch ein Wort über den Wert
der berufspsychologischen Eignungsprüfungen für die Be⸗
triebspraxis gesagt. Zahlreiche Werke haben in den letzten Jahren
psychotechnische Prüfstellen eingerichtet, in denen der Neueintretende,
insbesondere der jugendliche Arbeiter, vor der Aufnahme in den Be⸗
trieb einer Prüfung auf seine Qualifikation für die in Frage kommende
offene Stelle unterzogen wird. Auf Grund bestimmter Reaktions⸗
resultate wird er für tauglich oder untauglich erklaärt, ohne daß seine
Ausbildung, seine moralischen Eigenschaften, seine bisherige soziale
Bewaͤhrung oder technische Erfahrung hierbei in Rechnung gestellt
würden. Waͤhrend in den öffentlichen Berufsberatungs⸗
stellen wenigstens der Versuch gemacht wird, auf die menschenseelische
Totalität bei der Ermittelung der günstigsten Verwendungsmöglich⸗
keiten Rücksicht zu nehmen, wird bei der psychotechnischen Werks⸗
prüfung lediglich der intelligible Teil der Anlagen und Fertigkeiten
des Individuums in ihrer speziellen Brauchbarkeit für das Werk
geprüft. Berufsauslese und Personal auslese unterscheiden sich
eben insoweit von einander, als jene den für das Individuum ge⸗
eignetsten Beruf ausfindig zu machen sucht, während diese aus der
Zahl der vorhandenen, beruflich bereits gesiebten Anwaͤrter, die für
        <pb n="43" />
        10

A. Tatsachen
die Betriebserfordernisse geeignetste Arbeitskraft auszuwählen sich
bemüht. Es interessiert bei der Personalauslese nicht, ob sich unter
den tauglich Befundenen der eine oder der andere für einen anderen
Beruf besser qualifiziert, waͤhrend die Berufs auslese umgekehrt die
spezielle Eignung für eine bestimmte Arbeitsfunktion grundsätzlich
auch dann nicht zu berücksichtigen braucht, wenn sie über die Arbeits⸗
marktlage des betreffenden Gewerbes bezw. Berufszweiges ge⸗
nauestens unterrichtet ist. Denn nicht die wirtschaftlichen Verhäͤlt⸗
nisse, sondern die inneren Beziehungen des Berufsanwärters
zu seinem Beruf stehen bei der Berufsauslese im Vordergrund.
Daß in den meisten Faͤllen die wirtschaftlichen Fragen bei der Berufs⸗
wahl und auch bei der Praxis der Berufsberatung tatsaͤchlich trotz⸗
dem die entscheidenden sind, besagt nichts gegen dieses Prinzip.

Jedenfalls erscheint es angesichts der Unsicherheit und der Unruhe,
die sich der Arbeiterschaft infolge der Verschiedenartigkeit der psycho⸗
technischen Prüfungsmethoden bemaͤchtigt haben, geboten, psycho⸗
technisch geschulte Vertrauensleute aus dem Arbeiterstande zu den
Werksprüfungen hinzuziehen. Denn nur wenn die psychotechnischen
Laboratorien der Unternehmungen sich zu „Vertrauensstationen für
die Umstellung der Kräfte in der Arbeit“, wie Piorkowsky sie fordert,
entwickeln, wird das durch die Arbeitsrationalisierung entstandene
Mißtrauen der Arbeiter sich gegenüber der Psychotechnik in die Zu⸗
versicht verwandeln, daß der Psychotechniker die verborgenen positiven
Qualitaten der Arbeiter aufzudecken und zu praktischer Geltung bei der
Arbeitsvermittlung zu bringen in der Lage sei. Namentlich die alteren
Arbeiter und Angestellten, deren Vermittlungsfähigkeit mit zunehmen⸗
der Rationalisierung von Jahr zu Jahr in steil abfallender Kurve ab⸗
nimmt, sehen angesichts des Draͤngens zahlreicher rationalisierter Be⸗
triebe nach Maximalleistungs⸗, Tests“, die nur ihre augenblickliche
Brauchbarkeit für den Betrieb, nicht aber ihre optimale
Leistungsfähigkeit kennzeichnen können, jedem Arbeitswechsels stets
mit heimlicher Angst entgegen.
        <pb n="44" />
        IV. Traͤger der Rationalisierung — 1. Die Privatwirtschaft 41
Im übrigen werden beide Parteien, Arbeitgeber wie Arbeitnehmer,
auch nach Beseitigung dieser den Werksprüfungen gegenwärtig noch
anhaftenden Maͤngel bedenken müssen, daß auch die psychotechnisch
einwandfreleste Prüfung an der Irrationalität der menschlichen Seele
ihre Grenzen findet. Alle psychotechnischen Methoden und seien sie
noch so vollkommen, vermögen nur die objektive Leistungsbereit⸗
schaft festzustellen, nicht aber den subjektiven Leistungs⸗
willen. Zu dessen Ermittelung bedarf es der Beobachtungen über
laͤngere Zeitraͤume hin — der ,Feld“⸗Erfahrungen, wie die Amerikaner
sie nennen — die sich auf die Feststellung über den Einfluß der Arbeits⸗
dauer, der Temperatur, der Umgebung und anderer Arbeitsbedin⸗
gungen über Wochen, Monate, ja selbst Jahre hin erstrecken müssen.
Erst nach Ablauf dieser Zeit kann die Arbeitsforschung im Zusammen⸗
halt mit den experimentellen Laboratoriumserfahrungen ein einiger⸗
maßen klares Bild über die objektive und subjektive Leistungsbereit⸗
schaft eines Arbeiters geben. Nichts ist innerhalb der Arbeitswissen⸗
schaft weniger am Platz als die Anwendung mechanistischer Methoden
dort, wo es sich um den kompliziertesten Organismus handelt: den
lebendigen Menschen.

b) Die Rationalisationsorganisationen
der Privatwirtschaft

Über die Organisation der Rationalisierung und ihre Traͤger ist in
den letzten Jahren eine umfängliche Literatur entstanden. Insbe⸗
sondere gibt das Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit
in seinen Jahresberichten regelmäßig eine ausführliche Übersicht über
den Stand der eigenen Arbeiten und über die Tätigkeit der ihm ange⸗
schlossenen Organisationen. Die Entwicklungsgeschichte des Reichs—
kuratoriums und seiner Ausschüsse ist in dem Buche von Dr. Bruno
Birnbaum „Organisation der Rationalisierung, Amerika⸗Deutsch⸗
land“, Verlag Reimar Hobbing, Berlin 1927, und in der Broschüre
von H. Hinnenthal, Die deutsche Rationalisierungsbewegung und
        <pb n="45" />
        42

A. Tatsachen
das Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit, herausgegeben vom
R.K.W., Berlin 1927, in knapper und gemeinverständlicher Form
behandelt worden. Wir können uns daher darauf beschränken, hier
lediglich eine Darstellung des Reichskuratoriums für Wirtschaftlichkeit
in Umrissen zu geben und verweisen für das Nähere auf die ge⸗
nannte Literatur.

Das Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit ist ursprünglich im
Jahre 1921 als Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit in Industrie
und Handwerk ins Leben gerufen worden. Während der ersten vier
Jahre seines Bestehens arbeitete es ausschließlich mit Mitteln der
Privatwirtschaft. Erst seit dem Jahre 1925 wird es, nachdem die
Beschraͤnkung seines Arbeitsbereichs auf Industrie und Handwerk
gefallen ist, aus öffentlichen Mitteln gespeist. Seit dieser Zeit erstreckt
sich sein Tätigkeitsbereich auch auf den Handel, die Landwirtschaft, die
Hauswirtschaft uswp. Das Reichskuratorium hat sich in erster Linie
zur Aufgabe gemacht, das Verständnis für die Notwendigkeit der
Rationalisierung in allen Teilen des deutschen Volkes zu wecken, an
alle Interessierten Auskünfte zu geben, auf den Ausgleich von Gegen⸗
saͤtzen und die Abgrenzung der Arbeitsgebiete hinzuarbeiten, die Er⸗
gebnisse der Arbeiten zu sammeln und zu verbreiten. Das Reichs⸗
kuratorium leistet selbst keine Facharbeit, sondern überläßt diese den
ihm angeschlossenen Körperschaften, die es zu diesem Zwecke finanziell
unterstützt. Außerdem veröffentlicht es die monatlich erscheinenden
R.K. W.⸗Nachrichten und ferner die R.K.W.-⸗Veröffentlichungen,
meist Broschüren. Aus der Fülle der Körperschaften, die mit
dem R.K.W. in Verbindung stehen, seien als besonders bedeutsam
erwaͤhnt:

a) Der Ausschuß für wirtschaftliche Fertigung (AWg): Er erforscht
u. a. technische Methoden und Vorgänge, die für verschiedene, nicht
bloß einzelne Wirtschaftszʒweige gemeinsames Interesse haben, und
stellt Richtlinien für deren rationelle Handhabung auf. Er legt
Grundsatze für die betriebstechnische Arbeitsvorbereitung fest und
        <pb n="46" />
        IV. Trager der Rationalisierung — 1. Die Privatwirtschaft 43
arbeitet allgemeine Richtlinien für die Verwendung von Energie⸗
leistungen mechanischer, elektrischer, hydraulischer usp. Art aus. Fer⸗
ner untersucht er die wirtschaftlichen Grundlagen für das Förder⸗
wesen in den verschiedenen Industriezweigen und Betrieben und hat
schon umfangreiche Vorarbeiten auf dem Gebiete der „Fließarbeit“
— Arbeit am laufenden Band — geleistet.

Im AWg bestehen folgende Unterausschüsse: Ausschuß für
graphisches Rechnen, Ausschuß für Getriebelehre, Ausschuß für Arbeits⸗
vorbereitung, Ausschuß für Handarbeit, Ausschuß für Energieleitung,
Ausschuß für Förderwesen, Ausschuß für Fließarbeit, Ausschuß für
Verpadungswesen, Ausschuß für Holzindustrie. An Veröffentlichun⸗
gen sind besonders zu nennen: die AWF⸗Mitteilungen und AWVF⸗
Merkblatter und Broschüren.

b) Der Ausschuß für wirtschaftliche Verwaltung (AWV) will
Ordnung in den mechanischen Teil der Verwaltung bringen. Er gibt
in einer Monatsschrift: Das Betriebswirtschaftliche Schrift—⸗
tum“ einen vollstäändigen Überblick über die in⸗ und ausländische
betriebswirtschaftliche Zeitschriftenliteratur. Sein Arbeitsbereich hat
sich als so groß erwiesen, daß er zur Gründung folgender Fach—⸗
ausschüsse schreiten mußte:

aa) für Bürowesen (alle Fragen der Bürotechnik, Briefnormung,
Vordrucke, Registraturarbeitspläne, Prüfung von Verfahren und
Büromaschinen usw.),

bb) für Arbeitstechnik (vor allem Arbeitszeitmessungen im Büro⸗
betrieb),
ech für Rechnungswesen (Normalbuchführungswesen, Selbst⸗
kostenrechnung, Statistik, monatliche Gewinnrechnung, betriebswirt⸗
schaftliches Schrifttum u.a.),

dd) für Betriebsregelung (Richtlinien für Materialbeschaffung,
„verwaltung und evbereitstellung, für die Kontrolle des Materialver⸗
bleibs und ⸗abfalls, des Terminwesens, der Arbeitsvorbereitung und
des Lohnwesens),
        <pb n="47" />
        A. Tatsachen
ee) für Einkaufs⸗ und Lagerwesen (zum Teil in Ergaͤnzung des
letztgenannten Fachausschusses: Materialbeschaffung, Lagerwesen,
⸗buchführung und Materialverrechnung, Kosten der Beschaffung und

Lagerung, Inventurfragen, Revision und Statistik und vieles andere
mehr),

ff) für Verkaufswesen (Personalfrage, Kundenwerbung, Fest⸗
stellung des Verkaufserfolges, Schulung des Verkaufspersonals usw.),

ge) für Bankwesen,

lh) für industrielles Budgetwesen,

ii) für Terminologie (einheitliche Festlegung der Vegriffe),

c) Ein dritter wichtiger Ausschuß ist der Reichsausschuß für Liefer⸗
bedingungen (RAO): Er befaßt sich mit der Schaffung, Herausgabe
und Verbreitung einheitlicher Lieferbedingungen fuͤr wichtige Gegen⸗
stände des taͤglichen Bedarfs und hat sich schon auf dem Gebiete der
Industrie⸗ und Werkstoffe (z. B. Leder, Textilien, Seiden, Papier) wie
auf dem der Nahrungs⸗ und Genußmittel, Büro⸗ und Verpackungs⸗
materialien vraktisch betaͤtigt.

Die Lieferbedingungen und Prüfverfahren erscheinen je nach ihrer
Art: als einfache Erklärungen der Beteiligten, wenn der Mitarbeiter⸗
kreis einseitig eingestellt ist, als Lieferbedingungen, Prüfverfahren,
Warenbezeichnung, wenn sich nur ein beschraͤnkter Kreis namentlich
aufgeführter Interessengruppen darauf geeinigt hat, und endlich —
falls die Leferbedingung allgemein als Norm anerkannt werden
konnte — auf Antrag des RAL als Liefernorm im Rahmen des Nor⸗
men⸗Sammelwerks unter dem Zeichen „DIN⸗RAbvL⸗.

q) Eine ganz besondere und sehr selbstaͤndige Rolle spielt der
„Deutsche Normenausschuß (ONA) (früher „Normenausschuß der
deutschen Industrie“), der vor kurzem seine zehnte Jahresversammlung
abgehalten hatx). Hervorgegangen aus dem 1917 begründeten
„Normalienausschuß für den Maschinenbau“, hat er sich bisher vor

) Vgl. seine sehr inhaltsreiche Jubilaͤumsschrift: ONA 1917 —1927, Zehn Jahre
deutsche Normung.
        <pb n="48" />
        IV. Traͤger der Rationalisierung — 2. Die Staatswirtschaft 45
allem mit der Normung von Maschinenteilen befaßt, z, B. die Zahl
der Gewindesorten von 274 auf 72 verringert. Neuerdings arbeitet der
Ausschuß auch auf den Gebieten der Nichteisenmetalle, der Textil⸗
industrie, der landwirtschaftlichen Maschinen und Geräte, der haus⸗
wirtschaftlichen Geräte, der Feuerwehrgeräte usw. Durch Beschluß
des Vorstandsrats des Normenausschusses wird die vereinbarte Norm
in das Normensammelwerk unter dem DIN-Zeichen ( das ist Norm)
aufgenommen. Es liegen bereits 2200 bezugsfertige Normblaͤtter
vor.
e) Der Reichsausschuß für Arbeitszeitermittlung (ReFa) be⸗
schaͤftigt sich mit Forschungen auf dem Gebiete der Stückzeitberechnung,
während

f) die Hauptstelle für Wärmewirtschaft die besondere Aufgabe hat,
die Wirtschaftlichkeit durch die Ermittlung der rationellsten Methoden
auf allen Gebieten der Wärmeverwendung, sei es für industriellen,
gewerblichen oder Haushaltsgebrauch, zu fördern.

8) Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist auch die Hauptstelle
zur Förderung der Altstoff⸗ und Abfallverwertung, die sich das Ziel
gesetzt hat, Stoffe, die bisher für die Volkswirtschaft als verloren be⸗
trachtet wurden, nutzbar zu machen und dadurch brachliegenden
Arbeitskräften Beschäftigung zu verschaffen.
2. Die Staatswirtschaft

Traͤger der Rationalisierung der öffentlichen Wirtschaft sind zu⸗
naͤchst die gesetzgebenden Körperschaften, der Staat und die Gemeinden.
Darüber hinaus arbeiten die Angestellten und Arbeiter des Staates
und der Gemeinden an der Durchführung der Rationalisierungsmaß⸗
nahmen mit. Ohne ihre aktive Anteilnahme und Förderung würde
weder in den wirtschaftlichen Betrieben noch auf dem Wege der Ver⸗
fassungs⸗ und Verwaltungsreform die Rationalisierung der Staats⸗
wirtschaft vorangetrieben werden können. Je mehr die Beamtenschaft,
die Angestellten und Arbeiter der öffentlichen Körperschaften die Ge⸗
        <pb n="49" />
        46

A. Tatsachen
wißheit haben, daß es sich hierbei um eine organische Reform der
öffentlichen Verwaltung, nicht aber um einen schematischen Beamten⸗
abbau handelt, der sich schon einmal als äußerst problematisch
erwiesen hat, desto freudiger werden sie die Rationalisierung
fördern.

Im Reich ist als Träger der Rationalisierung der Staatswirtschaft
neben den einzelnen Reichsressorts vor allem der Reichsspar⸗
kom missar tätig. Er ist hervorgegangen aus dem während der
Inflationszeit sich geltend machenden Bestreben, die Reichsverwaltung
durch Abbau und Verkleinerung der zahllosen Kriegs- und Nach⸗
kriegsbehörden zu vereinfachen und zu verbilligen. Nachdem eine
Zwischenlosung durch Ernennung eines Reichskommissars für Verein⸗
fachungsfragen beim Reichsfinanzministerium sich nicht bewährt hatte,
wurde auf Grund eines Kabinettsbeschlusses vom 27. November 1922
der frühere Preußische Finanzminister, Präsident des Rechnungs⸗
hofes des Deutschen Reichs und der Preußischen Oberrechnungs⸗
kammer, Staatsminister Dr. Saemisch, damit betraut, im Benehmen
mit dem Reichsminister der Finanzen, doch unabhängig von ihm,
den gesamten ordentlichen und außerordentlichen Haushalt des Reichs,
insbesondere die Haushalte und die Haushaltsführung der einzelnen
Reichsminsterien durchzuprüfen, der Reichsregierung über das Er⸗
gebnis Gutachten zu erstatten und bestimmte Vorschläge sowohl hin⸗
sichtlich etwaiger Ersparnisse im Haushaltsplan wie in der Richtung
auf Verbilligung und Vereinfachung der Verwaltung zu machen.
Durch einen weiteren Kabinettsbeschluß vom 3. Dezember 1923 wurde
diese Aufgabe erweitert und der Sparkommissar ermächtigt, „im
Rahmen seiner besonderen Aufgabe“ alle Ermittelungen anzustellen,
die ihm zur Erreichung seiner Zwecke notwendig erscheinen würden. Er
konnte dieserhalb auch mit den Landesregierungen in unmittelbare
Verbindung treten, um sich über Einrichtungen und Tätigkeit von
kandesbehörden zu unterrichten. Außerdem wurde ihm „zur wirk⸗
samen Förderung seiner Aufgabe“ beratende Stimme in allen organi⸗
        <pb n="50" />
        IV. Träger der Rationalisierung — 2. Die Staatswirtschaft 47
satorischen, finanziellen und sonstigen mit seiner Aufgabe in Verbin⸗
dung stehenden Angelegenheiten zugestanden.

Drotz der weitgehenden Befugnisse, die der Sparkommissar erhalten
hatte, war seine Stellung jedoch nach zwei Richtungen unklar: Die
etatsmäßige Eingliederung und das Verhältnis zu den parlamenta⸗
rischen Instanzen des Reichs einerseits, der Reichsregierung anderer⸗
seits entbehrten der grundsätzlichen Regelung. Vor allem war die
Frage ungeklärt, ob der Sparkommissar lediglich Organ der Reichs⸗
regierung und nur dieser oder aber auch dem Reichssstag und Reichsrat
sowie deren Ausschüssen gegenüber zu Auskünften und Gutachten
berechtigt und verpflichtet sei.

Nach längeren Verhandlungen ist dann der Sparkommissar, und
war nunmehr unter der offiziellen Benennung „Reichssparkommissar“
seit dem 1. April 1927 etatsmäßig verankert worden, indem er und
sein Büro dem Rechnungshof des Deutschen Reichs eingegliedert,
dabei aber gleichzeitig als künftig wegfallend bezeichnet sind. Hierbei
ist die Personalunion zwischen Reichssparkommissar und Präsident
des Rechnungshofs des Deutschen Reichs sowie der Amtssitz in Berlin
beibehalten worden.

Die ihm früher zugestandenen Rechte hinsichtlich der Prüfung und
Besichtigung von Reichsbehörden sowie seine sonstigen Befugnisse
sind durch neue Richtlinien bestaͤtigt und erweitert worden. Letzteres
z. B. durch die Genehmigung zu Prüfungen auch bei Landesverwal⸗
tungen auf Wunsch der betreffenden Landesregierungen. Ferner ist un⸗
beschadet des besonderen Vertrauensverhaͤltnisses zur Reichsregierung
die bisher schon praktisch geübte Beteiligung an den Sitzungen des
Reichstags, des Reichsrats und des Reichswirtschaftsrats und
ihrer Ausschüsse dem Reichssparkommissar ausdrücklich zugestanden
worden.

Die Frage nach den Erfolgen des Reichssparkommissars in der Zeit
seiner bisherigen Taͤtigkeit ist nicht eindeutig zu beantworten. Organi—
satorische Maßnahmen wirken sich, namentlich auf dem Gebiet der hier
        <pb n="51" />
        48

A. Tatsachen
vorwiegend in Betracht kommenden Verwaltung, nur langsam aus,
vor allem hinsichtlich ihres finanziellen Ergebnisses. Trotzdem kann
gesagt werden, daß der Sparkommissar im ganzen Verlauf seiner
Tätigkeit die gesamte Verwaltung dauernd kontrolliert, bei der Ge⸗
staltung der Haushaltsanschläge und dem Personalabbau mitgewirkt,
Vereinfachungen und Umorganisationen teils durch freiwillige Zu⸗
geständnisse der betroffenen Behörden, teils im Wege der Beschluß⸗
fassung der Verwaltungsabbaukommission, die im Dezember 1923
gegründet worden war, durchgesetzt und so erheblich zu einer Verein⸗
fachung und Verbilligung der Reichsverwaltung beigetragen hat.

Um aus der Fülle seiner Arbeiten nur das Wichtigste hervorzu⸗
heben, sei erwähnt, daß auf seine Anregung und unter seiner Mit⸗
wirkung z. B. das Reichsschatzministerium am 1. April 1923 und das
Reichsministerium für Wiederaufbau im Mai 1924 aufgelöst, das
Reichsminsterium des Innern und das Reichsministerium der
Finanzen in ihrer Organisation vereinfacht und zahlreiche, meist in der
Kriegs⸗ oder Nachkriegszeit errichtete Behörden (z. B. Zentralaus⸗
gleichsstelle, Treuhaäͤnder für das feindliche Vermögen, Reichswan⸗
derungsamt, Nachlaßstelle beim Auswärtigen Amt) entweder be⸗
seitigt, oder (z. B. Reichsausgleichsamt, Zentralnachweisamt, Reichs⸗
archivnebenstellen, Reichskommissariat für Reparationslieferungen,
Staatsvertretung bei den Gemischten Schiedsgerichtshöfen) wesentlich
verringert und verkleinert sind.

Auch auf das Gebiet der technischen Rationalisierung im
engeren Sinne hat der Reichssparkommissar seinen Einfluß ausge⸗
dehnt. Angefangen mit dem Gebiet des Bibliothekswesens und der
amtlichen Drucksachen bis auf das Gebiet der Normung und des Be⸗
schaffungswesens, namentlich der Reichsbehörden, hat der Spar⸗
kommissar durch hierfür besonders vorgebildete fachmaͤnnische Mit⸗
arbeiter an der hier überall noch im Fluß begriffenen Rationalisierung
mitgewirkt. Er ist dauernd bemüht, hierbei alle Möglichkeiten für eine
wirtschaftlichere Gestaltung auszunutzen.
        <pb n="52" />
        IV. Träger der Rationalisierung — 2. Die Staatswirtschaft 409
Gegenüber den Betriebsverwaltungen, Reichsbahn und Reichspost,
hat der Reichssparkommissar sich im allgemeinen nicht betätigt, nach⸗
dem durch das Reichspostfinanzgesetz vom 18. Maͤrz 1924 und das
Reichsbahngesetz vom 30. August 1924 diese beiden Verwaltungen
aus dem Rahmen der Reichsfinanzverwaltung ausgeschieden und
selbstaͤndige Betriebsunternehmungen geworden waren. Lediglich
die vier Oberpostdirektionen Breslau, Hannover, Kiel und Karlsruhe
sind hinsichtlich der Verwaltungsarbeiten, nicht aber des Betriebes, im
Jahre 1924 durch den Sparkommissar auf Grund vorheriger Verein⸗
barung mit dem damaligen Reichspostminister einer Durchprüfung
unterzogen worden. Neuerdings ist auf Wunsch des Reichstags seitens
des Reichssparkommissars bekanntlich eine eingehende Durchprüfung
der Reichspost, und zwar sowohl der Verwaltung als auch des Be⸗
triebes, in Angriff genommen worden. Diese Prüfung ist bereits
ziemlich weit vorgeschritten, doch stehen ihre Ergebnisse noch nicht soweit
fest, daß sie der Offentlichkeit zugänglich gemacht werden könnten.

Unter den Aufgaben des Reichssparkommissars nimmt neuerdings
die Durchprüfung in den Ländern auf deren Wunsch einen besonders
großen Raum ein. Einige von ihnen haben schon vor der Etatisierung
des Reichssparkommissars von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, ihn
um eine Durchprüfung ihrer Verwaltungen und um Erstattung von
Gutachten über etwa mögliche Vereinfachung der Länderverwaltungen
zu ersuchen. Eine derartige Durchprüfung hat z. B. für Braunschweig
ergeben, daß nach einer von den Beauftragten des Reichssparkom⸗
missars entworfenen Denkschrift durch einen weitgehenden Behörden⸗
abbau in Verbindung mit einer starken Dezentralisation der inneren
Verwaltung sich dort unmittelbare Ersparnisse von jährlich etwa
200 o0o RM. an Personalkosten und 210 ooo RMeaan Sachtkosten,
das ist etwa ein Viertel der hierfür in Betracht kommenden Gesamt⸗
summe, ermöglichen lassen würden.

Ahnliche Prüfungen sind durch Beauftragte des Reichsspar⸗
kommissars auf Wunsch der betreffenden Landesregierungen zur Zeit

Rauecker
        <pb n="53" />
        50

A. Tatsachen
in den Freistaaten Hessen und Thüringen im Gange und werden für
andere deutsche Länder voraussichtlich folgen.

Auch hieraus ergibt sich, daß der Reichssparkommissar schon jetzt in
größtem Maßstab ein Organ der Rationalisierung der Staatswirt⸗
schaft, insbesondere der öffentlichen Verwaltung darstellt. Er wird
auch bei der jetzt im Vordergrund stehenden Frage der Verfassungs⸗
und Verwaltungsreform in erster Linie zur Mitwirkung berufen sein.

3. Die Wissenschaften

Alle Personen, Organisationen, Amtsstellen usw., denen die Vor⸗

bereitung oder Durchführung der Rationalisierung obliegt, stützen sich
in ihren Arbeiten wesentlich auf die Ergebnisse wissenschaftlicher Unter⸗
suchungen. Von den Dissiplinen, die unmittelbar oder mittelbar für
die Durchführung der Rationalisierung in Frage kommen, sind in
erster Linie zu nennen die technischen Wissenschaften, die Natio⸗
naldkonomie (insbesondere ihre praktischen Zweige der angewandten
Volkswirtschaftslehre, der Weltwirtschaftslehre, der Konjunkturfor⸗
schung, der Sozialpolitik und der Betriebwirtschaftslehre) und die
Arbeitswissenschaft. Diesen Disziplinen fällt eine doppelte Aufgabe
zu: die Durchführung der die Rationalisierung betreffenden systemati⸗
schen und fachlichen Vorarbeit und die Vermittlung ihrer Erkenntnisse
an die Wirtschaft. Als Forschungs⸗ und Arbeitsstätten hierfür kommen
neben den wissenschaftlichen Instituten, den Universitaͤten, Hochschulen
usw. auch wissenschaftliche Organisationen und Gesellschaften, vor
allem die obengenannten Ausschüsse des Reichskuratoriums für Wirt⸗
schaftlichkeit in Frage.

Es würde zu weit führen, hier die Fülle von Beziehungen
aufzuzeigen, die zwischen Technik, Nationalökonomie und Ratio⸗
nalisterung bestehen. Soweit sie für unser spezielles Thema von
Interesse ist, haben wir bei Gelegenheit der Schilderung der Rationali⸗
sierungsmaßnahmen und ihrer Anwendungsgebiete darauf Bezug
genommen. Dagegen verdienen die Zusammenhange zwischen
        <pb n="54" />
        IV. Trager der Rationalisierung — 3. Die Wissenschaften 51
Arbeitswissenschaften und Rationalisierung schon um ihrer
bisher mangelnden Berücksichtigung durch die Praxis des Wirtschafts⸗
lebens willen, vor allem aber wegen ihrer allgemeinen kulturellen
Bedeutung eine eingehendere Würdigung.

In Deutschland ist die Diskussion über die Bedeutung der Arbeits⸗
wissenschaft für die Wirtschaft erstmals von den Prof. Kraepelin und
Max Weber eingeleitet worden. In den Schriften „Zur Hygiene der
Arbeit“ (Jena 1896) und „Die Arbeitskurve“ (Leipzig 1902) hat
Kraepelin den Versuch unternommen, das Ermüdungsproblem in der
Industriearbeit auf Grund experimenteller Erfahrungen nach der
arbeitswissenschaftlichen wie sozialpolitischen Seite eingehend darzu⸗
stellen. Sehr bald darauf begann Max Weber in Wort und Schrift für
die wissenschaftliche Kläärung der Psychophysik der industriellen Arbeit
einzutreten. Es gelang den beiden Forschern jedoch nicht, die deutsche
Wirtschaft von der Bedeutung ihrer Problemstellung für die Praxis
des Wirtschaftslebens zu überzeugen. Noch in ihrem Jahresbericht aus
dem Geschäftsjahr 1922/23 mußten z. B. die sächsischen Gewerbeauf⸗
sichtsbeamten berichten, daß „eine Betätigung von Betriebsleitungen
auf dem Gebiete der Ermüdungs⸗ und Arbeitsmittelforschung bisher
noch nicht beobachtet werden konnte. Im Gegenteil war stellenweise
offene Ablehnung wahrnehmbar.“ (Seite 64.) Auch aus den bis⸗
—D
und der ihm angeschlossenen Forschungsstellen geht hervor, daß die
Wirtschaft ihre Zurückhaltung gegenüber der arbeitswissenschaftlichen
Disziplin immer noch nicht aufgegeben hat.

Um so dankenswerter ist es, daß sich in den letzten Jahren eine Reihe
neutraler wissenschaftlicher Institute der überparteilichen Arbeitsfor⸗
schung zugewandt haben. Der Einfluß hierzu ging von England aus,
wo schon im Juli 1918 ein Amt zur Erforschung der Ermüdung bei
industrieller Arbeit (Industrial Fatigue Research Board) errichtet
wurde, das durch Laboratoriumsarbeit und Beobachtungen in den
Fabriken die Ursache geringer Leistungsfähigkeit festzustellen sucht.
        <pb n="55" />
        32

A. Tatsachen
Auch die englische Gesellschaft für industrielle Psychologie (NNational
Institute of Industrial Psychologie) ist im Auftrage einzelner Firmen
im gleichen Sinne tätig. Durch exakte Feststellung der vom Arbeiter
hergestellten Produkteinheiten, durch Beobachtungen und physio⸗
logische Messungen sucht sie die Ursachen nicht ausreichender Leistungen
aufzudecken.

Deutschland hat sich vor allem durch das Kaiser⸗Wilhelm⸗Institut für
Arbeitsphysiologie in Berlin (Prof. Dr. Atzler), das Institut für
tlinische Psychologie in Bonn (Prof. Dr. Poppelreuter), das Institut
für angewandte Psychologie in Berlin Dr. Lipmann), das Psycho⸗
technische Institut der Technischen und Handelshochschule in Berlin
Prof. Möde), das Psychotechnische Laboratorium der Technischen
Hochschule in Stuttgart, das Forschungsinstitut für Sozialpsycho⸗
logie in Karlsruhe (Prof. Dr. Friedrich), das Forschungsinstitut für
Psychologie an der Universität Leipzig sowie das Deutsche Institut für
Technische Arbeitsschulung (Oberingenieur Arnhold) und die Deutsche
Gesellschaft für Gewerbehygiene in Frankfurt a. M. (Ausschuß für
Arbeitseignungsprüfung) auf dem Gebiete der arbeitspsychologischen
Forschung hervorgetan.

Im Mittelpunkt aller Untersuchungen über die Beziehungen zwischen
Leistungsfähigkeit und Arbeitsbedingungen steht das Problem der
Ermüdung, der Erholung, der Ubung und der Arbeits⸗
umgebung. Die Methoden, deren sich die Arbeitswissenschaft bei der
Lösung dieses Problems bedient, bestehen auf der einen Seite in der
Ermittelung derjenigen Bedingungen, deren Anderung oder Ver⸗
schiedenheit auf die Arbeitsgestaltung zurückwirkt, auf der anderen
Seite in der Darstellung der Wirkungen, in deren Anderung oder
Verschiedenheit die Abhängigkeit von den Arbeitsbedingungen zum
Ausdruck kommen kann. Otto Lipmann führt in seinem „Grundriß
der Arbeitswissenschaft“ (Jena, Verlag Gustav Fischer, 1926, S. 3ff.)
als Bedingungen, die eine Verschiedenheit von Wirkungen der mensch⸗
lichen Arbeit verursachen können, auf:
        <pb n="56" />
        IV. Traͤger der Rationalisierung — 3. Die Wissenschaften 53
J. aͤußere, insbesondere zeitliche Verhaͤltnisse der Arbeit:
1. abhaͤngig von natürlichen Periodizitäten:
a) Jahresperiodizitaͤt,
b) Tagesperiodigzitaͤt,
c) physiologische Periodizitaͤt (bei Frauen),
d) Wetter (Luftdruck, Temperatur, Luftelektrizitäͤt);
abhängig von konventionellen Zeiteinteilungen:
a) Arbeitsurlaub,
b) Wocheneinteilung,
c) Lohnperiode,
d) Dauer der Arbeit und der Freizeit:
a) taglich,
b) wöchentlich,
e) Arbeitszeiteinteilung (Pausen).
II. Eigenschaften des Arbeitens:
(relativ) unveranderliche:
a) Alter,
b) Geschlecht,
c) Rasse und Nationalität,
d) Familienstand,
e) Herkunft (Großstadt, Kleinstadt, Land),
f) Bildung und Kulturzustand,
8) physiologische Beschaffenheit:
a) Gesundheit und Intaktheit der Glieder und Organe,
b) Ernahrungs⸗ und Kraͤftezustand,
c) Berufseignung, Berufstüchtigkeit u. dgl.;
(relativ) veränderliche:
a) Berufsschulung (Grad und Art),
b) Beschäftigung in der Freizeit,
c) Zugehörigkeit zu einer Organisation,
d) Arbeitswille,
—A—
        <pb n="57" />
        c. Tatsachen
D cchronischer) Gebrauch von Giften und Anregungs⸗
mitteln,

g) Wohnverhältnisse (Pendelwanderung),

n) ökonomische Verhaͤltnisse (Einkommen und Belastung);

Zustand während der Arbeit:

a) Ermüdungszustand, Müdigkeit, Langeweile,

b) Affekte, Stimmungen u. dgl.,

c) Wirkung von Anregungsmitteln und Giften.

III. Eigenschaften der Arbeitsstätte und der Arbeit:
t. geographische Lage der Arbeitsstätte:
a) Klima,
b) Großstadt, Kleinstadt, Land;
Arbeitsraum:

a) „Klima“ des Arbeitsraumes (Temperatur, Luftfeuch⸗
tigkeit usw.),

b) Beleuchtung,

c) Gerüche, Staub, Lärm, Erschütterungen usw.,

ch Einrichtungen, die der Bequemlichkeit des Arbeiters
waährend der Arbeit dienen (Sitzgelegenheiten, Be⸗
wegungsfreiheit am einzelnen Arbeitsplatz u. doal.),
Einrichtungen, die der Hygiene usw. außerhalb der
Arbeit dienen (Waschgelegenheiten, Erfrischungs⸗,
Ruheräume usw.);

Art und Organisation des Betriebes und der Arbeit:

a) Art der Arbeit (Maschinenarbeit, Handarbeit, Kopf⸗
arbeit, Uberwachungsarbeit; gleichmäßig oder wech⸗
selnd),

ODrganisation der Arbeit, Raumanordnung, organi⸗
siertes Zusammenarbeiten mehrerer Arbeiter (z3. B.
Akkordgruppen),

Arbeitsmittel (Maschinen, Werkzeuge und Trans—
porteinrichtungen) und Unfallschutzvorrichtungen:
        <pb n="58" />
        IV. Traͤger der Rationalisierung — 3. Die Wissenschaften 55
a) Intaktheit,
b) Vollkommenheit und Grad ihrer Anpassung an
den Arbeiter,
Verarbeitungsmaterial: Zulaͤnglichkeit und Beschaffen⸗
heit der Roh⸗ und der Hilfsstoffe,
Arbeitsgestaltung auf Grund von Zeit⸗ und Be⸗
wegungsstudien,
Kontrollmaßnahmen,
Einrichtungen, die der psychischen Beeinflussung des
Arbeiters dienen:
a) Lohnsystem,
b) Werkzeitung, Arbeitsschauuhr u. dgl.,
c) Unfallverhütungspropaganda,
n) Lohnhöhe,
i) Zusammensetzung der Belegschaft (gelernte und un⸗
gelernte, produktive und nichtproduktive Arbeiter),
k) Vorgesetzte und Betriebsräte, Arbeitsausschüsse u. dogl.),
H soziale Einrichtungen (Krankenkasse, Sportverein u.
dgl.).
IV. Politische und wirtschaftliche Konstellation (Konjunktur, Streik⸗
und Aussperrungsgefahr, Arbeitsstreckung, Absatzkrisen u. dgl.).
Unter den Wirkungen der menschlichen Arbeit, die infolge des
Wechsels oder der Verschiedenartigkeit der Arbeitsbedingungen herbei⸗
geführt werden können, sind die folgenden zu nennen:
J. Folgen in bezug auf das Arbeitsprodukt und die Arbeitsleistung:
1. Quantitäat,
2. Qualitaät.
II. Folgen für den Betrieb als Ganzes und die allgemeinen Un⸗
kosten:
1. Strom⸗ und Kraftverbrauch,
2. Verbrauch an Rohmaterial,
3. Abnutzung der Maschinen,

e)
        <pb n="59" />
        56

A. Tatsachen
4. Heizung, Beleuchtung u. oͤgl.
5. Ausschuß (unbrauchbare Produkte) und Betriebsschaden,
6. Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit der Arbeit (Zeitverluste):
a) Schwankungen der Arbeitsintensität im Verlaufe des
Jahres, der Woche, der Lohnperiode, des Tages,
der Arbeit,
b) Arbeitsbeginn und ⸗schluß, willkürliche Untersuchungen,
c) Ausfall an Arbeitstagen,
7. Belegschaftswechsel,
8. Leichtigkeit und Schwierigkeit von Neuanwerbungen,
9. Kosten und Dauer der Anlernung und Ausbildung.
Folgen für den Arbeiter:
1. Kräfteverbrauch (Ermüdung),
2. Gesundheit (Krankheits⸗ und Sterbeziffer),
3. Unfaͤlle,
4. Psychischer Zustand,
5. Kulturzustand,
6. Einkommen.

Aus dieser Einteilung wird ersichtlich, daß die beiden großen For⸗
schungsgebiete der Arbeitswissenschaft: Arbeits psychologie. und
Arbeits physiologie untrennbar miteinander verbunden sind. Nur
die individuelle Charakteristik der Arbeit durch „Arbeitsbilder“, die
eine Arbeit erschöpfend und „lebendig“ darstellen, nicht aber die Auf⸗
teilung eines Arbeitsvorganges in möglichst viele Arbeitselemente und
die mechanische Klassifizierung der Arbeitsart (Arbeitsschwere) an
Hand der Wertungen dieser Elemente, wird ein einigermaßen plu⸗
stisches und aufschlußreiches Bild des Arbeitsvorganges ergeben. Hier
liegen die Grenzen für die unmittelbare praktische Verwertungs⸗
moͤglichkeit der arbeitsphysiologischen Forschung, die sich im
wesentlichen auf das Ermüdungsproblem richtet. Zwar können
die Vorgänge, welche sich in den Zentren und in den tieferen Ab⸗
schnitten des menschlichen Körpers, wie Nerven und Muskeln ab—
        <pb n="60" />
        IV. Traͤger der Rationalisierung — 3. Die Wissenschaften 57
spielen, mit den Methoden der Physiologie erforscht werden. Ihre
Erkenntnisgrenze wird jedoch sogleich erreicht, wenn ein Willens⸗
impuls auf das Zentrum einwirkt. Professor Edgar Atzler, der Leiter
des Arbeitsphysiologischen Instituts der Kaiser-Wilhelm⸗Akademie in
Berlin bemerkt hierüber entsagungsvoll: „Wir müssen also zunächst
darauf verzichten, für die einzelnen Berufe diejenige Länge der
Arbeitszeit exakt zu bestimmen, die sicher ohne Gesundheitsschaͤdigung
vertragen werden kann; wir müssen darauf verzichten, den Grad der
Ermüdung mit obijektiven Methoden festzustellen und damit die Be⸗
deutung aller jener Vorschläge einwandfrei zu ermitteln, die gemacht
wurden, um die Produktion zu steigern; wir müssen darauf verzichten,
die Laänge der Pausen und die Art ihrer Einfügung in den Arbeitstag
in wissenschaftlich einwandfreier Weise vorzuschreiben. Ob die Wissen⸗
schaft diese schmerzlichen Lücken unseres Wissens mit der Zeit ausfüllen
wird? Wer vermag es zu sagen?“

Immerhin sind die Ergebnisse der arbeitsphysiologischen Forschung
bedeutsam genug für die Ermittelung von Grenzwerten der Arbeits⸗
inanspruchnahme. So hat beispielsweise der bekannte englische
Arbeitsphysiologe Sargeant Floren ce Economic of Fatigue and
Unrest, London 1924, Seite 330) beobachtet, daß bei einer Verlaͤn⸗
gerung der taͤglichen Arbeitszeit ein bestimmter Zeitpunkt eintritt, von
dem ab die Krankheitsfälle derartig zunehmen, daß die Zahl der wirk⸗
lich geleisteten Arbeitsstunden nicht größer ist als zuvor.

Die Arbeitspsychologie ihrerseits stellt in das Zentrum ihrer
Forschungen die Frage nach der Arbeitsgestaltung. Sie frägt,
ob es zweckmaͤßiger sei, die Arbeitsmittel vorzuschreiben, oder
es dem Arbeiter zu überlassen, die Arbeit frei zu gestalten, oder
auch bis zu welchem Grade die freie Gestaltung der Arbeit einge⸗
schraͤnkt werden soll. Der Taylorismus ist in der Überleitung der
—DDDDDDD
deutsche arbeitswissenschaftliche Forschung ist ihm hierin nicht gefolgt.
„Aus arbeitswissenschaftlichen Erwägungen heraus werden wir zu der
        <pb n="61" />
        38

. Tatsachen
Forderung geführt, daß dem Arbeiter die Gestaltung seiner Arbeit, die
Wahl der Arbeitsmittel und Arbeitsmethoden in möglichst hohem
Grade überlassen bleiben soll, und daß dieses Prinzip nur auf Grund
streng begründeter wirtschaftlicher Erwägungen durchbrochen werden
soll.“ (kipmann, a. a. O., Seite 14.) Bei den freien Arbeiten ist die
psychologische Arbeitsanalyse im wesentlichen Aufgabe der Sub⸗
jekts psychologie, bei den gebundenen der Objektspsychologie.
Für die Praxis des Wirtschaftslebens ist diese Erkenntnis von
besonderer Bedeutung für die Ausgestaltung rationeller Anlern⸗
verfahren, die darin bestehen müssen, „den Anzulernenden die
ganze Arbeit (oder einen isolierbaren Teil der Arbeit) als Ganzes
verrichten zu lassen“. (Kipmann, a. a. O., Seite 15.) Diese Lehr⸗
form entspricht auch den Grundsätzen des in der Pädagogik neuer⸗
dings üblichen Arbeitsunterrichts, der es vermeidet, die Arbeit in
isolierten einzelnen Teilen zu lehren, sondern sie in komplexen Arbeits⸗
aufgaben übt. Der Hörer oder Leser soll sich in die beschriebene Arbeit
derartig einfühlen, daß er das Besondere des Zusammenwirkens der
einzelnen Teilaufgabe von innen heraus zu erleben vermag.

Aus den zahlreichen Untersuchungen des englischen Industrial
Fatigue Research Board und der englischen Gesellschaft für indu⸗
strielle Psychologie geht hervor, daß die Verwertung arbeitswissen⸗
schaftlicher Studien der Industrie zu einer ungeahnten Steigerung
und Verbesserung der Produktion verholfen hat. Es wäre an der Zeit,
daß auch die deutsche Industrie diese Möglichkeit in größerem Um⸗
fange wahrnimmt als bisher.
        <pb n="62" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung
1. Die Landwirtschaft

Die Rationalisierung in der Landwirtschaft verfolgt als Hauptziele
die Produktionsförderung und Absatzsteigerung. Im Gegen⸗
satz zur industriellen Erzeugung ist die landwirtschaftliche Produktion
an den nach Umfang und Lage unveränderlich vorhandenen Grund
und Boden und an das gegebene Klima (Temperatur, Niederschlags⸗
verhältnisse) gebunden. Es ist bisher nirgends gelungen, Licht, natür⸗
liche Waärme und den Kohlensäuregehalt der Luft an die jeweiligen
agrarischen Produktionsbedingungen anzupassen. Ebensowenig ist es
bis zum heutigen Tage geglückt, das Gesetz vom abnehmenden Boden⸗
ertrag durch künstliche Maßnahmen aufzuheben. Auch in der
Maschinenverwertung sind der Landwirtschaft verhaͤltnismäßig enge
Grenzen gezogen. Im Gegensatz zur Industrie können die Maschinen
in den landwirtschaftlichen Betrieben meist nicht stationiert werden,
sondern müssen beweglich bleiben. Außerdem können die meisten
Maschinen infolge der natürlichen Produktionsverhältnisse in der
Landwirtschaft nicht dauernd angewendet werden, sondern nur in be⸗
stimmten Zeiten. Zum Beispiel beträgt in einem Betriebe von etwa
250 Morgen die Verwendungsmöglichkeit einer Mähmaschine nur
etwa 21x Tage, eines Pflugs etwa 40 Tage, einer Drillmaschine
15 Tage, einer Dreschmaschine 6 Tage, waͤhrend eine industrielle
Maschine dauernd im Betrieb ist. Es muß also in landwirtschaftlichen
Maschinen sehr viel Kapital angelegt werden, das nur unvollständig
ausgenutzt werden kann. Bedenkt man schließlich, wie zaͤhe der Land⸗
        <pb n="63" />
        50

A. Tatsachen
wirt im allgemeinen am Althergebrachten, an den überkommenen
Methoden der Bodenbearbeitung und der Wirtschaftsführung festhält,
so kann man sich nicht darüber wundern, daß die Fortschritte in der
Agrarkultur trotz aller Erfindung der Agrarchemie, der Bakteriologie,
der Pflanzenphysiologie und ⸗pathologie, trotz wesentlicher Verbesse⸗
rungen in der Technik und in der Bodenbearbeitung noch verhaältnis⸗
maͤßig geringfügig sind.

Die Rationalisierung der Landwirtschaft hat demzufolge ihr Augen⸗
merk in erster Linie auf eine stärkere Verbreitung der technischen
Errungenschaften gerichtet. Hierzu zählt vor allem die pflegliche
Behandlung des Saatgutes, die Bekämpfung der pflanzlichen und
tierischen Schaͤdlinge, das Tiefpflügen. (Tagliche Durchschnittsleistung
bei Anwendung des Spatens und 20 em tiefer Pflugarbeit o, ox ha.
Bei Anwendung des Tiefpfluges, 35 em Tiefe, o,4 ha, bei Anwendung
des Motorschleppers, 35 cm Tiefe, 1,0 ha, bei Anwendung des
Dampfpfluges, 35 cm Tiefe, 1,5 ha.) Hierzu zaählt weiter die Ver⸗
besserung der Maschinen⸗ und der Gerätetechnik, die Anwendung von
Kunstdünger nach wissenschaftlichen Regeln, die Schaffung günstiger
vegetabiler Bedingungen, die Sortenveredelung durch planmaͤßige
Kreuzung, die Auslese der Tierarten entsprechend den gegebenen
Naturbedingungen und anderes mehr. Daneben sucht die Land⸗
wirtschaft, je nach dem Stand der Technik, der wissenschaftlichen For⸗
schung, der Preisbedingungen und der vorhandenen Kapitalien ein
angemessenes Verhaͤltnis der einzelnen Kulturarten zueinander her⸗
zustellen. Neuerdings ist die sogenannte „Grünlandbewegung“ im
Fortschreiten begriffen. Darunter versteht man die Verbesserung der
vorhandenen Wiesen⸗ und Weideflaͤchen durch Regulierung der Wasser⸗
verhaͤltnisse, Auswahl geeigneter Gräser, Düngung, daneben aber
auch die Neuanlage von Wiesen und Weideflächen auf Kosten des
Ackerlandes. Inwieweit die Preis- und Konjunkturverhaältnisse für
die Verteilung der Kulturarten bestimmend sein können, zeigt sich an
der Entwicklung der daͤnischen Landwirtschaft in den letzten zo Jahren.
        <pb n="64" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — x. Die Landwirtschaft 61
Hier ist der Ackerbau, insbesondere der Getreidebau, stark zurück⸗
gedraͤngt worden zugunsten einer größeren Grünlandfläche und eines
stärkeren Hackfruchtbaues als Grundlage einer überwiegenden Vieh⸗
haltung.

Fast ebenso wichtig wie die Wahl der Kulturart, ist für die Landwirt⸗
schaft auch die rationale Einteilung der Arbeit, die dort am
ehesten durchführbar ist, wo die Aufeinanderfolge der verschiedenen
Kulturarten (Wald, Weide, Wiesen, Acker) eine reibungslose Wieder⸗
verwendung der Arbeitskräfte zu den verschiedenen Jahreszeiten
möglich macht. Die Intensitaͤt ihrer Verwendung hängt wiederum
von der Technik der Arbeit ab, von der Anwendung der zweckmaͤßig⸗
sten Arbeitsmethoden und Arbeitsvorrichtungen. Die Arbeitsfor⸗
schung im Sinne Taylors hat hierbei gute Dienste geleistet. Die
deutsche Landwirtschaftsgesellschaft und die Landwirtschaftskammern,
eine Reihe von Versuchsgütern sowie die Arbeitsgemeinschaft Technik
in der Landwirtschaft beim Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit
haben die exakte Landarbeitsforschung aufgenommen und sind hierbei
hereits zu Feststellungen über die zweckmäßigste Art des Pflügens, des
Mähens, des Kartoffelrodens, Garbenbindens gelangt. Auch die
Arbeitsgeräte werden neuerdings auf ihre spezifische Eignung, auf ihre
Anpassung an den Boden, an Tiere und Menschen, überprüft. Die
Arbeitserleichterung, die hierdurch erzielt wird, ist bei der besonders
harten Landarbeit sozial⸗ wie produktionspolitisch von größter Be⸗
deutung. In diesem Zusammenhang spielt auch die Regelung der
Arbeitsentlohnung, insbesondere die Festsetzung von Entlohnungs⸗
arten, die sowohl den Ansprüchen des Arbeiters als auch den pro⸗
duktionspolitischen Erfordernissen gerecht werden, neben der Frage
der Arbeitszeit eine wichtige Rolle. So hat sich — um nur ein Bei⸗
spiel zu nennen — das Prämienlohnsystem für Schweizer. die be⸗
sonders saubere Milch liefern, gut bewährt.

Zweifellos würde auch die Maschinenverwendung in der Land⸗
wirtschaft noch erheblich gesteigert werden können, wenn es erstens
        <pb n="65" />
        52

gelaͤnge, der Landwirtschaft ausreichende langfristige Kredite zur Ver⸗
fügung zu stellen und wenn zweitens die landwirtschaftliche Maschinen⸗
industrie sich zu einer Verringerung der Maschinentypen und zu einer
vermehrten Anwendung genormter Einzelteile entschließen könnte,
durch die ein erheblicher Preisabbau möglich wäre. Es ist kürzlich
festgestellt worden, daß die Landwirtschaft immer noch 15 000 ver⸗
schiedene Radersorten in Gebrauch hat, eine Tatsache, die sich nicht
allein im Preis der landwirtschaftlichen Maschinen, sondern auch in
der erschwerten Beschaffung von Ersatzteilen geltend macht. Besondere
Aufmerksamkeit wird auch der Erbauung solcher Maschinen zuge⸗
wendet werden müssen, die verschiedenen Verwendungszwecken dienen
sollen, um ihre vermehrte Ausnutzung und damit die Amortisation
der für sie aufgewendeten Kapitalien zu erleichtern. Der Trecker z. B.
dient zur Fortbewegung von Lasten (Kartoffeln) oder von Arbeits⸗
maschinen (Pflug) oder Erntemaschinen (Mähmaschine, Dresch⸗
maschine). Daneben haben die Maschinen auch noch den Zweck, die
Arbeit zu verbessern und in bezug auf ihren Nutzeffekt zu steigern.
Durch die Drillmaschine wird z. B. gegenüber der Breitsaat Saatgut
erspart (man rechnet den Saatgutverbrauch bei Breitsaat mit der
Hand je Morgen bis zu go und 100 Pfund Roggen, bei Drillsaat geht
man bis zu 45 Pfund je Morgen herunter). Somit lassen sich allein
durch die Drillmaschine ganz wesentliche Ersparnisse beim Saatgut⸗
verbrauch erzielen.

Wichtiger noch als die Rationalisierung der Produktion, unter
deren weiteren Maßnahmen die planvolle Anlage und Anordnung
der Gebäude, die Nachprüfung der leistungsfähigsten Tiere, die
zweckmäßigste Düngemittelverwendung hier nur eben genannt werden
können, ist für die Landwirtschaft die Rationalisierung des Ab⸗
satzes. Die deutsche Landwirtschaft hat sich bisher zur Durchführung
der hierbei notwendigen Maßnahmen noch nicht in wünschenswertem
Maße entschließen können. Die Gründe liegen teils in der un zu⸗
reichenden Qualitaͤt, teils in den ungeregelten Marktver⸗

3. Tatsachen
        <pb n="66" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 1. Die Landwirtschaft 63
hältnissen und den starken Preisschwankungen der deutschen
Waren *).

Um die Warenqualität zu heben, versucht man jetzt, gestützt auf die
Erfahrungen des Auslandes, unter Berücksichtigung insbesondere der
Standardisierungsergebnisse in Amerika, Dänemark, Holland und
Belgien Warentypen zu schaffen, um sowohl die Qualität wie die
außere Aufmachung der landwirtschaftlichen Produkte zu vereinheit⸗
lichen. Dazu gehört, neben der Normierung von Geschaäfts⸗ und
kieferbedingungen, der Vereinheitlichung der handelsüblichen Ge⸗
wichte und Verpackungen, die Schaffung von Marken bzw. die Fest⸗
setzung von Mindestanforderungen für bestimmte Warentypen und
Qualitaätsklassen. Die wichtigste deutsche Obstart zum Beispiel, der
Apfel, wird in Deutschland vom Produzenten in den verschiedensten
Sorten und Größen geliefert. Es ist schon für den Großhaͤndler sehr
schwer, beim Einkauf aus einem Dorfe nur einen einzigen Waggon
gleichartiger Apfel derselben Sorte aufzutreiben. Das bringt Rei⸗
bungen aller Art mit sich, erhöht das Risiko des Obsthandels und
erschwert vor allem den Absatz im kleinen an den Konsumenten. Der
Kaͤufer, der den Laden betritt, wird für ungefaͤhr den gleichen Preis
heute diese, morgen jene Sorte nehmen müssen, ohne daß er weiß, ob
sie ihm auch zusagt. Ganz anders liegen die Dinge in Amerika, dessen
Obstplantagen von vornherein auf den Absatz in den Stäͤdten ein⸗
gestellt sind. Es werden Apfel gleicher Sorte, gleicher Güte, ja sogar
gleichen Aussehens und in gleicher Verpackung geliefert, und jeder
Kaͤufer weiß daher, ob er mit der gewohnten Ware rechnen kann. Auch
in der Gemüseproduktion, wo allerdings der Standardisierung enge
Grenzen gezogen sind, bemüht man sich, bestimmte, nach gewissen
Merkmalen scharf umrissene Qualitäten zur allgemeinen handels⸗

— Einen sehr guten Überblick über die bisherige planmäßige Absatzge⸗
staltung in der Landwirtschaft des In⸗ und Auslandes gewaͤhrt die vom Reichs⸗
kuratorium fuͤr Wirtschaftlichkeit kürzlich herausgegebene Schrift von Dr. Otto
Jüngst „Planmaͤßige Absatzgestaltung in der Landwirtschaft“, Berlin 1928, die
auch ausgezeichnete Reformvorschläge enthält.
        <pb n="67" />
        54

A. Tatsachen
uͤblichen Geltung zu bringen. Im übrigen handelt es sich hierbei haupt⸗
saͤchlich darum, zunaͤchst einmal die Packungen und Gewichte zu ver⸗
einheitlichen.

Für Butter und andere Molkereiprodukte haben in der letzten Zeit
verschiedene, insbesondere norddeutsche Provinzen, voran Schleswig⸗
Holstein, feste Standards in bestimmten, durch Warenzeichen ge⸗
schützten Marken geschaffen. Angefangen wird hier bei dem Urprodukt,
bei der Milch, deren Qualität in jeder Weise zu heben ist. Erste Vor⸗
aussetzung für die Herausgabe von Qualitäts⸗ und Standardmarken
ist die Einrichtung einer staͤndigen und wirksamen Kontrolle der ange⸗
schlossenen Molkereien durch die zuständige Landwirtschaftskammer,
die auch für die ordnungsmaäßige Durchführung der Kontrolle die
Verantwortung trägt. So hat z. B. die preußische Hauptlandwirt⸗
schaftskammer für die Herausgabe von Markenbutter neuerdings ein⸗
heitliche Bestimmungen festgelegt. Auch in der Tierzucht wird es in
immer höherem Maße notwendig werden, bei den zahlreichen Rassen
und Sorten anzufangen, aus dem bestehenden Rassen⸗ und Sorten⸗
wirrwarr herauszukommen und in groͤßeren Wirtschaftsgebieten sich
auf einheitliche Rassen zu einigen.

In dem Maße, in welchem diese Standardisierung landwirtschaft⸗
licher Erzeugnisse, die „Marken⸗Produktion“ in Deutschland durch⸗
geführt werden wird, würde nicht nur die Einfuhr von Agrarprodukten
vermindert, sondern auch das Mißtrauen der staädtischen Bevölkerung
gegen die Handelsgebräuche der agrarischen Produzenten und
Händler und damit die unerträgliche, den Volksgemeinschaftsge⸗
danken schwer schädigende Spannung zwischen Stadt und Land ver⸗
ringert werden koͤnnen: ein wichtiges kulturelles Nebenziel der land⸗
wirtschaftlichen Rationalisierung.

Eine sehr wichtige Rationalisierungs maßnahme stellt auch die Ver⸗
minderung der starken Preisschwankungen dar, die zu einem
Teil auf die Uneinheitlichkeit der Warenarten, zum größten Teil aber
auf die unzureichende Regelung der landwirtschaftlichen Marktver⸗
        <pb n="68" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisterung — 1. Die Landwirtschaft 65
haͤltnisse zurückzuführen ist. Die unzureichende Regelung der Markt⸗
verhältnisse rührt ihrerseits im wesentlichen von der Zersplitterung der
Aufkauftaäͤtigkeit des ohnedies kavitalarmen Handels mit landwirt⸗
schaftlichen Erzeugnissen her. Ein weiterer Grund für die Schwierigkeit
des Absatzes ist — neben der leichten Verderblichkeit vieler Produkte
in Hitze und Frost — die stoßweise Beschickung der Märkte, die nicht nur
bei ausgesprochenen Saisonartikeln besteht. Endlich ist zu berück⸗
sichtigen, daß ein großer Teil der landwirtschaftlichen Produkte (be⸗
sonders Erzeugnisse der Viehwirtschaft) ohne Vermittlung des Han⸗
dels vom Bauer direkt an die Verbraucher geliefert wird. Diesem
Ubelstand kann durch die Schaffung kapitalkraͤftiger Absatzorganisa⸗
tionen und durch die Zentralisierung der Viehmärkte begegnet werden.
Der Deutsche Reichstag hat in richtiger Erkenntnis dieser Sachlage im
Rahmen des „Notprogramms 1928“ 39 Millionen an baren Zu⸗
wendungen und 22 Millionen, für die das Reich die Bürgschaft über⸗
nimmt, als einmalige Beihilfe für die Schaffung und Unterstützung
landwirtschaftlicher Absatzorganisationen bereitgestellt. Außerdem sind
noch 25 Millionen an die landwirtschaftlichen Genossenschaften gegeben
worden, die gleichfalls der Förderung der landwirtschaftlichen Absatz⸗
organisationen indirekt zugute kommen. Aufgabe dieser Organi⸗
sationen muß es nun sein, gestützt auf eine genaue Beobachtung der
marktbedingenden Faktoren: Preisstand, Angebot, Nachfrage, und mit
Hilfe von Einrichtungen zur Aufsaugung des zeitweiligen, saison⸗
bedingten Überangebots (Kühlhäusern, Lagerhäusern usw.) einen
angemessenen Ausgleich zwischen Produktion und Konsum herbei⸗
zuführen und eine stetige Preisbildung zu erzielen. Die Notwendigkeit
der Zentralisierung der Viehmärkte wird allein schon aus der Tatsache
ersichtlich, daß es in Deutschland neben zahllosen kleineren Vieh⸗
maͤrkten immer noch 36 große Viehmärkte gibt, während das wesent⸗
lich größere Gebiet der Vereinigten Staaten von Amerika mit nur
12 Viehmaͤrkten auskommt. Die Vielzahl der Markte verschuldet es,
daß in Deutschland die Beschickung ungleichmäßig und unregelmäßig
Rauecke r
        <pb n="69" />
        66

A. Tatsachen
und demzufolge die Marktunkosten unverhältnismäßig hoch sind. In
Amerika findet ein täglicher reger Marktverkehr, in Deutschland ein
nur zweimal wöchentlicher Zutrieb statt, der entsprechend höhere
Spesen erfordert. Trotzdem werden in Deutschland immer noch neue
Maͤrkte von einzelnen Gemeinden eröffnet.

Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Rationalisterung in der
Landwirtschaft ermißt man am besten, wenn man sich vergegenwärtigt,
daß der Wert der in den Jahren 1925, 1926 und 1927 nach Deutsch⸗
land eingeführten Lebensmittel und Getränke rund 12 Milliarden
Mark, ungefähr ein Drittel unserer gesamten Wareneinfuhr betrug.
Hiervon hatten nach sachverständiger Schätzung rund 700/, auf
deutschem Boden erzeugt bzw. durch eine Verbesserung der Qualität
und der Absatzorganisation der einheimischen Erzeugnisse vom deut⸗
schen Markt zurückgehalten werden können. Als ein Beleg für die
Richtigkeit dieser Schätzung sei erwähnt, daß in dem genannten Zeit⸗
raum für rund 1,2 Milliarden an Butter und Käse nach Deutschland
eingeführt wurden, trotzdem in der gleichen Zeit ein Überangebot
einheimischer Milchprodukte vorlag! Darüber hinaus würde die
Verbesserung unserer Handelsbilanz durch eine Hebung der heimischen
landwirtschaftlichen Erzeugung bei gleichzeitiger Verminderung der
Einfuhr unsere Kreditfaͤhigkeit erheblich steigern und — was noch
wichtiger ist — uns in den Stand setzen, die Reparationslasten aus
den Überschüssen unserer eigenen Wirtschaft ohne die fortwährende
Aufnahme neuer Anleihen abzudecken. Insoweit stellt die Rationali⸗
sierung der Landwirtschaft, die hierzu die Wege bereiten soll, nicht nur
ein Mittel zur Steigerung der Rentabilitäͤt der Landwirtschaft und
der mit ihr wirtschaftlich zusammenhängenden Gewerbe, sondern auch
eine Handhabe zur Verbesserung unserer handels⸗ und außenpolitischen
Lage dar.

Auch für die Innenpolitik ist die Rationalisierung der Landwirtschaft
von Gewicht. Gelingt es, mit ihrer Hilfe die Krise der Landwirtschaft
zu mildern, zu einer gleichmaͤßigeren Rentabilitaͤt der Betriebsführung
        <pb n="70" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 1. Die Landwirtschaft 67
zu gelangen, so würde zweifellos die Abwanderung vom Lande, die
„Landflucht“ eingedaäͤmmt und die Siedlungsbereitschaft gesteigert
werden können. Damit aber würde die Lösung eines Problems ge⸗
fördert werden, das national wie kulturpolitisch von größter Bedeu⸗
tung ist. Die ländlichen Bezirke in Deutschland haben unter Berück⸗
sichtigung des Geburtenüberschusses von 1900- 1910: 1 079 587 Per⸗
sonen, 1910 — 1919: 20 782 Personen, 1919- 1925 rund 620 ooo Per⸗
sonen, in 25 Jahren also rund 18/. Millionen Bewohner verloren. Daß
es sich hierbei nicht nur um überschüssige Bevölkerungsteile handelt, die
in der Landwirtschaft keine Beschäftigung mehr finden, erhellt aus der
Tatsache des Einströmens ausländischer Arbeitskräfte in die Bezirke
mit Wanderungsverlust. Bei Kriegsbeginn waren im Jahre 1914
nicht weniger als 430 ooo auslandische Arbeiter in der deutschen Land⸗
wirtschaft beschäftigt. Diese Zahl ist während des Krieges und der
Nachkriegszeit zwar fortlaufend gesunken, betrug aber im Jahre 1927
immer noch 138 000. Dabei sollen die sozialen Ursachen der Land⸗
flucht keineswegs verkannt werden: vor allem nicht die moralisch und
tatsächlich schwer ertraͤgliche Abhaͤngigkeit des Landarbeiters vom
Arbeitgeber, die Hofgängerstellung, die vielfach zur Abwanderung
gerade der jungverheirateten Landarbeiter ohne arbeitsfaͤhige
Kinder führt, und die unzureichenden Wohnungsverhältnisse auf
dem Lande.

Gerade in letzterer Hinsicht ist durch die Rationalisierung der Bau⸗
wirtschaft (siehe nächstes Kapitel) in den letzten Jahren zwar manches
gebessert worden, ohne daß jedoch bei dem sehr starken Bedarf der
Landwirtschaft an Neubauten eine fühlbare Rückwirkung auf die
Landflucht bisher eingetreten waäͤre. Das Reich und die einzelnen
Staaten haben sich deshalb neuerdings entschlossen, größere Mittel
für den Bau von Werkhaäusern und Landarbeitereigenheimen zur Ver—
fügung zu stellen. Auf diese Weise ist es gelungen, eine große Anzahl
nicht selbstaͤndiger Landwirte (Kleinbauern, Bauernsöhne) dem Lande
zu erhalten.
        <pb n="71" />
        58

A. Tatsachen
Auch die Siedlungsbewegung ist seit 1926 infolge der Anwen⸗
dung rationaler Bau⸗ und Bodenbewirtschaftungsmethoden, stärker
vorangekommen, als dies in den ersten Nachkriegsjahren der Fall
war. Die Frage der Siedlung ist von besonderer Bedeutung vor
allem in den national gefährdeten Gebieten des Ostens. Die Be⸗
völkerungsdichte der deutschen Provinzen (Ostpreußen, Grenzmark
und Schlesien) ist weit geringer als jene der angrenzenden polnischen
und lettischen Gebiete. Die Rentengutsgesetzgebung vor 1918, die den
Versuch gemacht hatte, den dauernden Bestand baͤuerischer Stellen zu
sichern, ist — aus Gründen, deren Erörterung hier zu weit führen
würde — unwirksam geblieben. Die Abwanderung war gerade in
den national gefährdeten Ostgebieten besonders groß. Der Wan⸗
derungsverlust in Ostpreußen, in Niederschlesien war in den Jahren
1919 - 1925 groͤßer als in irgend einem anderen Gebiet des Reiches.
Auch die Wirkungen des Reichssiedlungsgesetzes waren bisher mini⸗
mal. Die Zahl der neuen Siedlungsstellen betrug im Reich im Jahre
1926: 16812, die besiedelte Fläche umfaßte einen Raum von 146704 ha:
in Preußen lauten die korrespondierenden Ziffern 13 796 bzw. 126718.
Dies entspricht (in Preußen) einem Jahresdurchschnitt von 2000 Stellen
und rund 2000o ha, der noch nicht einmal dem Durchschnitt der Vor⸗
kriegszeit mit rund 2000 Stellen und 2400 ha gleichkommt!

Die Gründe für dieses Versagen der Siedlungstätigkeit in der ersten
Nachkriegszeit sind zum größten Teil in den finanziellen Schwierig⸗
keiten waäͤhrend der Inflation und unmittelbar darnach zu suchen.
Erst seit dem Sommer x92s6 ist auf die Initiative des Reichsstags hin
die Siedlungspolitik des Reiches und der Laͤnder wieder aktiver ge⸗
worden*).

Das Land ist der Jungbrunnen der Volkskraft. Aus ihm verjüngt
und ergaänzt sich das Volk immer von neuem. Über seinen Bestand
und seine Kraft entscheidet letztendlich nicht die Intellektualität, die
5 Naͤhere Angaben hierüber enthaͤlt die Richtlinie der Reichszentrale für Heimat⸗
kunst, Nr. 131.
        <pb n="72" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 2. Die Industrie 69
Organisationsbegabung oder der Kunstsinn der Städter, sondern die
physische und psychische Energie der Landbewohner. Jeder Aufwand
für das Wohl der Landwirtschaft ist daher gleichzeitig Dienst am Volke,
Dienst an der Nation. Es wäre um die Volkskraft Deutschlands noch
schlechter bestellt, als es dies ohnehin schon ist, wenn der Geburten⸗
überschuß des Landes den Geburtenrückgang der großen Städte nicht
in etwa kompensieren würde. Berlin benötigt beispielsweise den
Geburtenüberschuß von Ostpreußen, Pommern und Brandenburg, um
sich seine Einwohnerzahl erhalten zu können. Ahnlich liegen die Ver⸗
hältnisse in den meisten anderen Großstädten *). Nach Professor Grot⸗
jahn darf die Zahl der Lebendgeburten nicht unter 20 auf das Tausend
sinken, wenn nicht die Erhaltung der Volkszahl in Frage gestellt sein
soll. Auf diese Mindesterhaltungszahl ist Deutschland in den letzten
Jahren herabgesunken und hätte sie schon längst unterschritten, wenn
der Geburtenüberschuß der landwirtschaftlichen Bevölkerung es nicht
davon bewahrt hatte. Auch unter bevölkerungspolitischen Gesichts⸗
punkten ist sonach die Hebung der Lage der Landwirtschaft durch
Rationalisierungs maßnahmen aäußerst bedeutungsvoll.

2. Die Industrie.
Ausgedehnter als in der Landwirtschaft ist naheliegender Weise
die Anwendungsmöglichkeit der Rationalisierung in der Industrie.
Alle technischen, betriebsorganisatorischen, berufspolitischen und wirt⸗
schaftsorganisatorischen Maßnahmen lassen sich dort leichter und be⸗
quemer anwenden als in der Landwirtschaft. Zwar gilt auch hier das
Gesetz des abnehmenden Ertrags, wonach von einer gewissen Nutz⸗
schwelle ab der Mehraufwand nicht mehr zum Mehrgewinn führt, die
Produktivität eines Betriebs nicht weiterhin proportional mit der
Vermehrung der Arbeitsmittel wächst. Allein durch Arbeitsteilung
*) Professor Grotjahn: Zum Bevölkerungsproblem in „Weltwirtschaft“,
Märzheft 1927, S. 51.
        <pb n="73" />
        70

A. Tatsachen
und Arbeitsvereinigung kann die Nutzschwelle immer von neuem
hinausgeschoben werden. Kartelle und Trusts sind der organisatorische
Ausdruck dieser Erkenntnis.

Es haͤlt indessen schwer, über die Ausdehnung und die Ergebnisse der
industriellen Rationalisierung in Deutschland ein zuverlaͤssiges Bild zu
gewinnen. Weder über die technische und betriebsorganisatorische noch
aͤber die wirtschaftsorganisatorische Rationalisierung liegen bisher
brauchbare statistische Angaben vor. Die Ergebnisse der neuen Kar⸗
tellenquete sind noch nicht veroͤffentlicht. Nach einer Angabe des
Reichswirtschaftsministeriums aus dem Jahre 1926 betrug Ende 1926
die Zahl der Kartelle etwa 2000. Wie umstritten diese Angabe jedoch
ist, beweist eine kurz nach der Stabilisierung vom Reichswirtschafts⸗
rat getroffene Feststellung, wonach die Zahl der Kartelle bereits
1924 3000 betragen haben soll.

Amtliche Produktionsstatistiken gibt es in Deutschland nur für den
Bergbau und die eisenschaffende Industrie. Zwar hat der Volkerbund
schon im Jahre 1926 den Beschluß gefaßt, von allen Mitgliedstaaten
eine laufende allgemeine Produktionsstatistik zu verlangen, ohne die
eine erfolgversprechende Erorterung weltwirtschaftlicher Produktions⸗
und Absatzfragen unmöglich erscheint. Seine Mitgliedsstaaten, auch
Deutschland, sind dieser Aufforderung jedoch bisher nicht nachge⸗
kommen. Die Vereinigten Staaten von Amerika, die als einzige
industrielle Großmacht eine vorzügliche allgemeine Produktions—
statistik haben, gehören dem Völkerbund nicht an. Trotz der grund⸗
saͤtzlichen Erklärung über die Notwendigkeit einer produktionspoliti⸗
schen Arbeitsteilung auf der Weltwirtschaftskonferenz zögern die
abrigen maßgebenden Industriestaaten, das „Betriebsgeheimnis“
ihrer industriellen Leistungsfähigkeit vor aller Welt preiszugeben und
damit allenfalls den Neid der Konkurrenten herauszufordern.

Tatsächlich wůrde auch eine noch so exakte Produktionsstatistik für die
Beurteilung der industriellen Rationalisierung nur einen beschränkten
Wert haben. Die Steigerung der Produktion ist keineswegs immer
        <pb n="74" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 2. Die Industrie 71
ein exakter Gradmesser für den Stand der Rationalisierung. Diese
kann ebensowohl auf eine vermehrte Kapitalzufuhr zurückzuführen
sein. Ein historisches Beispiel hierfür ist der Ausbau der Produktions⸗
anlagen und Arbeitsmittel während der europäischen Inflation. Weit
über die durch die wirtschaftliche Wertvernichtung notwendig ge⸗
wordene Wiederherstellung hinaus hat sich nicht nur die Privatwirt⸗
schaft, sondern auch und gerade die öffentliche Wirtschaft mit Hilfe des
schwindenden Geldwertes „Sachwerte“ verschafft oder angelegt und
die Produktion in übertriebener Weise gesteigert, ohne daß dieser „Auf⸗
wertung“ der Herstellung und des Vertriebs auch eine solche des Ver⸗
brauchs entsprochen hätte. Die unmittelbare Wirkung dieser Dis⸗
proportionalität war die Deflationskrise mit ihren Zehntausenden von
Konkursen und ihrer Hochflut von Arbeitslosen.

Immerhin laßt sich aus der Bergbaustatistik, aus den Produltions⸗
meldungen der eisenschaffenden Industrie und aus der Tatsache, daß
trotz der Verkürzung der Arbeitszeit um etwa 1596 und der Ver⸗
minderung der Produktion durch den Verlust von Land und Roh⸗
stoffen der Gesamtertrag der deutschen Industrie dem Werte nach
heute ungefähr wieder ebenso groß ist wie in der Vorkriegszeit, sowie
aus zahlreichen Einzelberichten der großen Gesellschaften ein unge⸗
fähres Bild von dem Ausmaße der industriellen Rationalisierung in
Deutschland gewinnen.

Am erkennbarsten ist der Stand und der Grad der technischen
Rationalisierung. Während im Ruhrbergbau pro Kopf der Be⸗
legschaft im Monatsdurchschnitt 1913 rund 943 Kg täglich gefördert
wurden, ging diese Leistung waͤhrend der Nachkriegszeit auf weniger
als 6oo kg zurück, um erst im Jahre 1924 mit 857 kg ungefähr den
Friedensstand wieder zu erreichen. Bis zum Jahre 1926 erhoͤhte sie
sich dann in raschem Aufstieg wieder auf 1114kg und erreichte im Jahre
1927 den bisher höchsten Stand mit 1132 kg. Die Förderung der
Braunkohle konnte gegenüber der Vorkriegszeit bisher um 609, ge⸗
steigert werden. In der Eisenindustrie ging die Arbeitsleistung von
        <pb n="75" />
        2

A. Tatsachen
10o im Jahre 1925 auf 120,89, im Jahre 1926 herauf. Auch bei
der Reichsbahn ist die Arbeitsleistung von 1926/27 von 100 auf 118,5
gestiegen.

In den beiden Schlüsselgewerben der Kohlenproduktion und der
eisenschaffenden Industrie ist die Rationalisierung zu einem erheblichen
Teil auf dem Wege der Ersetzung von Muskelkraft durch mechanische
Kraft vor sich gegangen. Von den 200 ooo Menschen, die unmittelbar
nach dem Kriege in den Bergmannsberuf neu eingetreten sind, ist
der größte Teil durch die Maschinisierung, die in der Ruhrindustrie
dazu geführt hat, daß rund 5096 der Ruhrkohlen heute schon auf
mechanischem Wege gewonnen werden, wieder ausgeschieden worden.
Auch in der eisenschaffenden Industrie ist die Arbeiterzahl durch die
Maschinisierung geringer geworden. Während z. B. vor der Ratio⸗
nalisierung bei der Motorenfabrik Deutz 650 Mann Belegschaft bei
einem Motorgewicht von 45kg 900 Tonnen fertiger Erzeugnisse liefer⸗
ten, lieferten nach der Rationalisierung 343 Mann bei 24,5 kg
Motorgewicht 950 Tonnen. Durch Einführung der Fließarbeit
konnten in dieser Fabrik 4095 an Lohn gespart werden, obwohl eine
Erhöhung des Stunden lohnes um 28 eintrat. Weitere Beispiele
über Rationalisierungsersparnisse sind in den Vorträgen des Reichs⸗
kuratoriums für Wirtschaftlichkeit enthalten*). Auch für die Auto—⸗
mobilindustrie laͤßt sich der Grad der Rationalisierung auf Grund
von Angaben des Fachnormenausschusses der deutschen Kraftfahr⸗
zeugindustrie feststellen. Danach ist der Weg der Rationalisierung
in der Automobilindustrie vor allem durch den Rückgang der Fabri⸗
kationsarten und der Zahl der Modelle, durch Maßnahmen der orga⸗
nisatorischen wie der technischen Rationalisierung, gekennzeichnet:
1924 wurden von 86 Fabriken 146 Personenwagenmodelle gebaut,
1925 52 79
1926, „30 42

*5) Vorträge des Reichskuratoriums für Wirtschaftlichkeit vom 15. 3. 1927,
R. K. W. Verlag 1927.
        <pb n="76" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 2. Die Industrie 73

Die Zusammenlegung der Firmen bzw. der Produktion, sowie die
große Verminderung der Kraftwagentypen im Verein mit der An⸗
wendung neuzeitlicher Herstellungsmethoden führten wiederum zu
einer wesentlichen Verbilligung der Kraftfahrzeuge. Diese Ver⸗
billigung wurde weiterhin durch eine fortschreitende Normung im
Kraftfahrzeugbau gefördert. Der Kraftfahrzeugbau weist etwa 140
bezugsfertige Einbaunormen auf. Im regen Gedankenaustausch
mit allen auslaͤndischen Normstellen schreitet die Normung fort; es
liegt eine große Anzahl von kurz vor dem Abschluß stehenden
Entwurfsarbeiten dem Fachnormenausschuß der deutschen Kraft⸗
fahrzeugindustrie (Fakra) vor.

Ein anschauliches Bild von der Preisentwicklung der Kraftwagen
bietet eine vom Statistischen Reichsamt aufgestellte Ubersicht über die
Indexziffern der Preise industrieller Fertigwaren vom Januar 1924
bis Dezember 1926. Diese Aufstellung zeigt, daß sowohl bei Personen⸗
wie Lastkraftwagen wesentliche Preisermaͤßigungen eingetreten sind,
und daß die Preise heute weit unter dem Vorkriegsstand liegen. Im
einzelnen ist festzustellen, daß bei den Personenkraftwagen der Preis
im Januar 1924 noch rund 2596 über dem Vorkriegspreis lag,
daß aber bereits Mitte des Jahres 1925, als die ersten Wirkungen des
immer starker einsetzenden Rationalisierungprozesses sich zu zeigen be⸗
gannen, eine Angleichung an den Vorkriegspreis vorgenommen wurde.
Besonders im Jahre 1926 ermaͤßigten sich die Preise für Personen⸗
kraftwagen sehr stark, so daß sie Ende Dezember 1926 mit 300/0
unter dem Vorkriegspreis lagen. Weit unter den Preisen der Vor⸗
kriegszeit liegen auch die Lastkraftwagen. Während im Januar 1924
der Lastkraftwagen um x1,10/, teurer war als 1913, lag er Ende
1926 im Preise um 331/50/, unter dem Vorkriegspreis.

Laͤßt sich an Hand dieser Feststellungen die techn ische und betriebs⸗
organisatorische Rationalisierung der deutschen Wirtschaft
wenigstens in Umrissen überblicken, so liegt das Ausmaß ihrer wirt⸗
schafts-organisatorischen Proportionalität noch völlig im
        <pb n="77" />
        74

A. Tatsachen
Dunkeln. Ob die im Verfolg der technischen und betriebs⸗organisato⸗
rischen Rationalisierung gesteigerte Produktivitaͤt der deutschen Wirt⸗
schaft den Marktbedürfnissen tatsächlich entspricht, ob die erhöhte
Warenmenge auf die Dauer verkaͤuflich bleiben wird, in welchen Ge⸗
werbezweigen und zu welchen Bedingungen, ist generell nicht zu
sagen. Zwar liegen von zahlreichen Gesellschaften Geschäftsabschlüsse
vor, die mindestens für die Jahre 1927/28 eine im Vergleich zu
den Vorjahren wesentlich günstigere Rentabilität aufzuweisen hatten.
Inwieweit diese Ergebnisse jedoch auf die Besserung der Geldmarkt⸗
verhältnisse zurückführen waren und inwieweit sie der Rationalisie⸗
rung zuzuschreiben sind, ist in den seltensten Faͤllen erkennbar.
Unklar ist auch, ob die günstige Entwicklung auf dem deutschen Ar⸗
beitsmarkt in den Jahren 1927 und 1928 trotz oder infolge der Ra⸗
tionalisierung erfolgt ist. Fest steht, daß die Durchführung technischer
und organisatorischer Rationalisierungs maßnahmen in den Jahren
1925/28 zahlreiche Arbeitskraͤfte freigesetzt hat. Andererseits hat wie⸗
derum eine große Anzahl von rationalisterten Betrieben neue Arbeits⸗
kräfte angenommen, ohne jedoch zuvor die Preise zu senken und damit
die organische, die bleiben de Voraussetzung für eine Produktions⸗
steigerung auf normalem Wege zu schaffen. Die Verbesserung der Ge⸗
schaäftslage muß daher im wesentlichen auf die vermehrte Geldflüssigkeit
zurückgeführt werden und auf die Erhöhung der Kaufkraft auf dem
Wege von Nominallohnsteigerungen. Diese aber ist wiederum erst
möglich geworden durch die Senkung der sächlichen Produktionskosten
infolge der Rationalisierung, die es gestattete, für die personellen
Produktionskosten einen höheren Betrag abzuzweigen. Die Tatsache,
daß die Steigerung der Produktion und des Umsatzes bisher in
Deutschland noch zu keiner ernsthaften „Überproduktionskrise“ geführt
hat, ist sonach in entscheidendem Maße der Steigerung der Kaufkraft
der breiten Massen verdankt.
Andererseits beweist die Wirtschaftsentwicklung in den Vereinigten
Staaten, daß die Unstimmigkeit zwischen Angebot und Nachfrage
        <pb n="78" />
        — V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 2. Die Industrie 75
auch auf dem Wege der Kaufkraftsteigerung durch Preissenkung oder
Lohnerhöhung nur solange vermieden werden kann, als das Angebot
mit dem Bedarf gleichen Schritt hält. Überschreitet das Angebot die
Optimalgrenze, die je nach dem Saͤttigungsgrad des Konsums früher
oder spaͤter erreicht wird, so ist eine Absatzsteigerung zwar noch eine
Zeitlang zu verbilligten Preisen oder auf Grund von Lohnerhöhungen
moͤglich — ein Überschußabsatz sozusagen, der keinen normalen Be⸗
důrfnissen mehr entspricht, sondern nur noch auf dem Wege besonderer
Anreize zustande kommt —, nach Ablauf dieser Gnadenfrist tritt dann
aber das bereits latent bestehende Mißverhaͤltnis zwischen Angebot
und Nachfrage, die wirtschafts⸗organisatorische Disproportionalitaͤt,
um so deutlicher zu Tage.

Diese „Sattigungsgrenze“ scheint in den Vereinigten Staaten von
Amerika seit geraumer Zeit überschritten zu sein. Wie die Monats⸗
schrift des offiziellen „Bureau of Labor Statistics“, die „Monthly
Labour Reviey* vom Mai 1927 auf Grund von amtlichen Produk⸗
tionsstatistiken festgestellt hat, ist die Produktionsmenge in den Ver⸗
einigten Staaten von 1919 1925 von 100,0 auf 125,0 gewachsen,
der Produktionsinder je Arbeiter von 100,0 auf 134,0. In seinem
Jahresbericht für das Jahr 1925 hat der Staatssekretaͤr im ameri⸗
kanischen Wirtschaftsministerium Davis Mitteilungen gemacht, die
diese Angaben unterstützen. Er führt eine Reihe von Beispielen für
die Überproduktion in einzelnen Industriezweigen auf und fügt
generalisierend hinzu:

„Einer der großen Bestandteile des Arbeitslosenproblems ist der
gegenwaͤrtig überentwickelte Zustand einiger unserer Großindustrien.
Unsere schöpferische Maschinerie und das Betriebsmaterial in vielen
dieser Industrien können nicht 300 Tage im Jahr laufen und einen
Vorrat erzeugen, der weder in diesem, noch in einem anderen Lande
verkauft werden kann.“ Die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt der
Vereinigten Staaten waährend der letzten drei Jahre zeigt, wie recht
Davis mit seinem Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Über⸗
        <pb n="79" />
        76

. Tatsachen
produktion und Arbeitslosigkeit hatte. In einer offiziellen Erklärung
des Arbeitsminsteriums der Vereinigten Staaten vom Frühjahr
—E
empfänger von 1925 — 1928 von 25 222 742 auf 23 348 692 abge⸗
nommen hat, also um 1 874 oso Personen. Hierbei sind noch nicht mit
berücksichtigt die Arbeitslosen, die schon 1925 vorhanden waren, und
der natürliche Zuwachs der arbeitsfähigen Bevölkerung. Da jede
von diesen beiden Gruppen eine Million übersteigt, wird man die
Zahl der in den Vereinigten Staaten gegenwärtig Arbeitslosen mit
rund vier Millionen veranschlagen müssen. An dem Zustande dieser
außerordentlich hohen Zahl sind sowohl strukturelle als auch kon⸗
jnkturelle Ursachen beteiligt: Die Ausschaltung zahlreicher Arbeits⸗
kraͤfte durch die fortschreitende Maschinisierung, in viel stärkerem Maße
aber noch das Mißverhaltnis zwischen Produktionskapazität und
Konsum).

Auch in den übrigen Industriestaaten der Welt ist bei einer ver⸗
stärkten Durchführung der technischen Rationalisierung eine aͤhnliche
Entwicklung zu erwarten, die zu schweren Krisen zunächst innerhalb der
einzelnen nationalen Wirtschaften, dann aber auch auf dem Weltmarkt
zu führen droht. Die unmittelbare Folge wird die Verschärfung
protektionistischer Tendenzen sein, die stets bei Produktionskrisen Hand
in Hand gehen. Jeder Staat sucht seine UÜberproduktion soviel wie
möglich durch Steigerung des Warenabflusses nach fremden Maͤrkten
zu vermindern, gegen die sich diese Märkte ihrerseits durch Errichtung
von Hochschutzzollmauern wehren. Dumping⸗ und Antidumping⸗
maßnahmen, die Einführung von Kampfzöllen aller Art folgen ein⸗
ander. Die Weltwirtschaftsgeschichte der letzten Jahre lehrt, wie sehr
die Uberproduktion in den maßgebenden Industriestaaten den Pro⸗
tektionismus gefördert hat — jenen Protektionismus, den die gleichen
Industriestaaten auf der Weltwirtschaftskonferenz in Genf im Jahre

x) Vgl. Georg Deder, Amerikanische Arbeitslosigkeit in „Die Arbeit“, 1928,
deft 5.
        <pb n="80" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 2. Die Industrie 77
1927 mit demselben Nachdruck verurteilt haben, wie sie ihn hinterher
zum Schutze ihrer eigenen Interessen glaubten fortsetzen zu müssen.

Der Protektionismus der Nachkriegszeit war ursprünglich auf

vier Hauptursachen zurückzuführen: Auf nationalistische Erwä⸗
gungen, bei denen wirtschaftliche Gesichtspunkte bewußt keine Rolle
gespielt haben; auf die künstliche Hochzüchtung neuer Industrien in
den durch die Friedensvertrage entstandenen nationalen Neustaaten;
auf die Entstehung neuer Konlurrenten der europaͤischen Industrie in
den überseeischen Laändern und die hiermit zusammenhaͤngende prozen⸗
tuale Verringerung des europäischen Handels im Rahmen der Welt⸗
wirtschaft; und schließlich auf die Beseitigung des wirtschaftlichen Gast⸗
rechts (Konfiskation des feindlichen Eigentums im Ausland durch die
Friedensverträge), die zu einer allgemeinen Nationalisierung des
Wirtschaftslebens geführt hat. Diese vier Hauptursachen des Protek⸗
tionismus der Nachkriegszeit sind in den letzten Jahren noch
durch die Überproduktion verstärkt worden. Es kann nicht erstaunen,
wenn fůglich die Entschließung der Weltwirtschaftskonferenz über die
Notwendigkeit des allgemeinen Zollabbaues bisher nur theoretische
Erkenntnis geblieben ist.

Um so notwendiger ist es, immer wieder darauf hinzuweisen,
daß Rationalisierung und Schutzzoll unvereinbare Gegensaͤtze sind und
daß, wer das eine anstrebt, das andere nicht billigen kann. Der Zweck
des Schutzzolles ist die Schaffung oder doch Staͤrkung der Rentabilität
landwirtschaftlicher oder industrieller Unternehmungen, die ohne
solchen Schutz ihre Produktion einstellen müßten. Er wirkt also un⸗
rationell insoweit, als er die Aufrechterhaltung und Fortsetzung der
Produktion unter relativ ungünstigen Bedingungen fordert. Das
Ziel der Rationalisierung ist im Gegensatz hierzu die Konzentration der
Produktion unter den günstigsten Produktionsbedingungen und die
Beseitigung aller hierbei hinderlichen Hemmungen.

Jede Maßnahme auf dem Wege zur weltwirtschaftlichen Verstaͤndi⸗
gung wird vom Standpunkt der Rationalisierung daher begrüßt
        <pb n="81" />
        8

A. Tatsachen
werden müssen, gleichviel von welcher Seite sie kommt. Die Staaten
wie die Privatindustrie sind als Schrittmacher der Rationalisierung
gleich willkommen. Indessen erfordert es das Interesse der Allgemein⸗
heit, daß die Staaten ihre Privatwirtschaft bei der weltwirtschaftlichen
Verstaändigung nicht wahllos gewähren lassen, sondern ihr ein staat⸗
liches Aufsichtsorgan zur Seite stellen. Die Weltwirtschaftskonferenz
hat zwar im Mai 1927 den Plan der Errichtung eines internationalen
Kartellamtes, dessen Aufgabe die Kontrolle der Preis- und der
sonstigen Geschäftsgebahrung der Kartelle auf ihre Gemeinnützlichkeit
hin sein sollte, abgelehnt, jedoch darauf hingewiesen, daß es Aufgabe
der einzelnen Staaten sein müsse, ihrerseits die Kontrolle der natio⸗
nalen Kartelle stärker als bisher auszuüben.

Man wird abzuwarten haben, ob der Optimismus der Konferenz,
den sie in dieser Hinsicht an den Tag legte, recht behält, — ein Opti⸗
mismus, den im übrigen die Arbeitergruppe der Konferenz nicht
geteilt hat.

Die deutsche Reichsregierung ist jedenfalls entschlossen, mit
einer verschaͤrften Uberwachung der Kartelle ernst zu machen. In
der Regierungserklaͤrung des Reichskanzler Müller⸗Franken vom
3. Juli 1928 heißt es in dieser Hinsicht unmißverstaͤndlich: „Wichtig für
die Gestaltung der Ausfuhr sowohl, als für die Sicherung eines ange⸗
messenen Reallohnes der werktaͤtigen Bevölkerung ist die Preis⸗
gestaltung auf dem deutschen inneren Markt. Zu ihrer Beeinflussung
dient neben einer auf die Erhaltung der Wettbewerbsfaͤhigkeit zielen⸗
den Handelspolitik vor allem auch die richtige Einstellung des Staates
zu den großen in Kartell⸗, Trust⸗ und ähnlichen Formen unser Wirt⸗
schaftsleben beeinflussenden monopolistischen Organisationen. Die in
diesen Gebilden der wirtschaftlichen Entwicklung wirkenden, der Allge⸗
meinheit nützlichen und die Leistung steigernden Kräfte sind zu fördern,
die nachteiligen hintanzuhalten. Dazu muß die Leitung eines Staats⸗
wesens den unbedingt nötigen Überblick und Einblick in diese
Organismen erhalten, um sich ein Urteil über Art und Auswirkungen
        <pb n="82" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisserung — 2. Die Industrie 79
ihrer Betaͤtigung bilden und ihre Maßnahmen entsprechend einstellen
zu können. Diese Möglichkeiten der Staatsgewalt zu gewähren, liegt
auch im wohlverstandenen eigenen Interesse jener Gebilde selbst, die
alsdann bei der Allgemeinheit ein besseres Verstäändnis für ihre Maß⸗
nahmen und bei der Regierung das zu einem Zusammenarbeiten
erforderliche Vertrauen finden werden. Dadurch kaun die Anwendung
gesetzlicher Maßnahmen gegen den Mißbrauch wirtschaftlicher Macht⸗
stellungen auf das unbedingt erforderliche Maß beschränkt werden.
Für diejenigen Faͤlle, in denen eine solche Gemeinschaftsarbeit nicht
zu erzielen ist, bedarf die bisherige gesetzliche Grundlage einer
Ergänzung, die der Regierung die notwendige Kontrolle, Sicherheit
und die Möglichkeit gewährt, sachverstäändige Feststellungen darüber
zu treffen, ob die Taͤtigkeit dieser Gebilde dem allgemeinen wirt⸗
schaftlichen Fortschritt zu dienen geeignet ist. Entsprechende Vor⸗
schläge einer Erweiterung der Kartelle und Monopolgesetzgebung,
insbesondere nach der Richtung einer Einbeziehung der den Markt
beherrschenden Großunternehmnngen werden nach ihrer Fertigstellung
vorgelegt werden. Die Feststellungen der Enquetekommission, die sich
gerade mit den Gebieten, bei denen derartige Orgaunisationen be⸗
stehen, besonders eingehend befaßt hat, werden hierfür wertvolles
Material bilden.“
Schaͤrfer noch als die Kontrolle der nationalen Kartelle müßte —
wenn anders der auf der Weltwirtschaftskonferenz von allen Industrie⸗
voͤlkern bezeugte Wille zur internationalen Arbeitsteilung in die Wirk⸗
lichtkeit umgesetzt werden soll — die Kontrolle der internationalen
Kartelle und Trusts sein. Denn weitreichender und gefährlicher noch
als die diktatorischen Beschlüsse der nationalen Kartelle, sind für den
Verbraucher die Vereinbarungen der internationalen Großorgani⸗
sationen über die Quotisierung der Produktion und des Vertriebs.
Es ist unertraͤglich, daß beispielsweise die europäische Rohstahlgemein⸗
schaft durch die Festsetzung der Auslandsquote die Reparationspolitik
Deutschlands maßgebend fördern oder behindern kann, ohne daß die
        <pb n="83" />
        80

an den Reparationen politisch interessierten Staaten durch eine
zwischenstaatliche Instanz auf das Zustandekommen einer derartigen
Entschließung einwirken können. Für den Einfluß, den Beschlüsse
internationaler Kartelle auf die Gestaltung von Handelsvertragsver⸗
handlungen, letzendlich also auf politische Maßnahmen zweier oder
mehrerer Staaten haben, ist weiterhin kennzeichnend, daß im Sommer
1928 der Beitritt der polnischen Stahlindustrie zur europaͤischen Roh⸗
stahlgemeinschaft nur deshalb nicht erfolgte, weil seitens der Rohstahl⸗
gemeinschaft hierfür eine handelspolitische Vereinigung mit Deutsch⸗
land zur Bedingung gemacht worden war. Tatsaͤchlich haben die Be⸗
schlüsse auch der übrigen internationalen kartellierten oder vertrusteten
Industrien auf die Gestaltung der internationalen Politik einen weit
groͤßeren Einfluß als umgekehrt die Staaten auf die Industrien.
Wenn die Regierungen sich ihrer Souveraͤnitaͤt über die Großwirt⸗
schaft nicht völlig begeben und das Primat des Staates über die Wirt⸗
schaft aufrechterhalten wollen, werden sie zur Errichtung eines inter⸗
nationalen Kartellamtes am Sitz des Völkerbundes mit weitgehenden
Aufsichtsbefugnissen schreiten muͤssen.

Nicht minder erkennbar wie die technische Rationalisierung ist —
als eine der wichtigsten Maßnahmen der betriebs⸗organisato⸗
rischen Rationalisierung — die Standortsveraͤnderung in der
Industrie. Sie hat in Deutschland auf zweierlei Weise stattgefunden:
r. auf dem Wege der Produktionsvereinigung und Produktionsteilung
unter Aufrechterhaltung des traditionellen Standorts und 2. durch
die Gründung und Ansiedlung neuer Unternehmungen oder In⸗
dustrien an dem geeignetsten Standort. Die erstgenannte Form der
Standortsveraänderung ist, soweit sie die Erzeugungsvereinigung be⸗
traf, durch Konzerngründungen vor sich gegangen. Nach der Fest⸗
stellung des Statistischen Reichsamts*) sind heute im Kalibergbau

*) Konzerne, Interessengemeinschaften und aͤhnliche Zusammenschlüsse im
Deutschen Reich, Ende 1926, Einzelschriften zur Statistik des Deutschen Reichs,
Nr. 1, Berlin 1927.

A. Tatsache
        <pb n="84" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisterung — 2. Die Industrie 81
98,3, in den bergbaulichen Unternehmungen 97,3, in der Farben⸗
industrie 96,395, in der Braunkohlengewinnung 94,596, in der Stein⸗
kohlengewinnung 90, 196, in der elektrotechnischen Industrie 86,9
und in der Großeisenindustrie 8595 aller Unternehmungen in Konzer⸗
nen vereinigt. Standortsveränderungen durch Produktionsteilung
haben in diesen Konzernen im wesentlichen nur die Trusts durchge⸗
führt, nicht aber die Kartelle. Professor Edgar Salin gibt hierfür
in einer Darstellung der „Standortsverschiebungen der deutschen
Wirtschaft“x) interessante Belege. Danach hat die J. G.⸗Farben⸗
industrie ihre Produktionsteilung vor allem durch betriebliche Speziali⸗
sierung und Zusammenlegung durchgeführt, die Vereinigten Stahl⸗
werke gleichzeitig auch noch durch Stillegung unrentabler Betriebe und
Zechen auf der einen Seite, durch Verbreiterung und Ausgestaltung
ihrer Erzbasis und ihrer Hütten im Siegerland auf der anderen Seite,
die Kalitrusts durch Stillegung von mehr als der Hälfte der Schächte,
durch Ausbau einiger bevorzugter Werke und durch Errichtung von
Neuanlagen, wobei die Stillegungen vor allem Mitteldeutschland be⸗
trafen, während die Ausbauten bzw. Neuanlagen neben Mittel⸗
deutschland auch Baden zugute kamen. Ferner brachte eine starke Ver⸗
schiebung der Linoleumtrust* ), der zwar an Kapitalhöhe nicht mit
den andern wetteifern kann, dafür aber fast die gesamte Produktion
des Industriezweigs (95 90) monopolistisch vereinigt und also örtlich
und betrieblich zu gliedern und neu zu verteilen vermag: Hier hat eine
Durchorganisation groößten Stils stattgefunden, mit dem Ergebnis,
daß heute die Mehrzahl der Fabriken spezialisiert, daß Stapel⸗
linoleum nur noch an je einer Stelle im Norden und Süden Deutsch⸗
lands fabriziert wird, und daß der Hauptteil der Produktion am
günstigsten am rationalen Standort (materialgebunden) konzentriert
ist: in der Gegend von Bremen, wo zu Schiff die benötigten Roh—
x) In „Strukturwandlungen der deutschen Volkswirtschaft, herausgegeben von
Prof. Vernhard Harms, 1. Band, S. 96, Verlag Reimar Hobbing, 1928.
xx) 1907 bestanden 16 Betriebe mit 2568, 1925 11 Betriebe mit 3916 Arbeitern!
Rauecker

7
        <pb n="85" />
        82

A. Tatsachen
stoffe Jute, Leinöl und Kork auf billigstem Wege herangeführt werden.
Standortsverschiebungen durch Gründung neuer Industrien oder
neuer Unternehmungen haben zwischen 1907 und 1925, den Jahren
der vorletzten und letzten Betriebszählungen, stattgefunden in der
chemischen, der elektrischen, der Automobil⸗ und der Kunstseiden⸗
industrie ). Trotz dieser Veraͤnderungen sind die Standorte der
deutschen Wirtschaft in den zwei letzten Jahrzehnten jedoch im allge⸗
meinen dieselben geblieben. Der Grund hierfür liegt in teils zeitlichen,
teils aber unveraͤnderlichen Ursachen: in der infolge der Wohnungsnot
verminderten Freizügigkeit, der Subventions⸗ und Kreditpolitik von
Reich, Landern und Gemeinden, die es zahlreichen Unternehmungen
ermsglicht hat, an dem traditionellen Standort sich über Wasser zu
halten, aber auch in der starken Verwurzelung der Wirtschaft und ihrer
Traͤger in der Heimat. Allein selbst wenn diese Ursachen fortfallen
wůrden, stünde eine stärkere Verschiebung der Standorte der deutschen
Industrie wohl kaum bevor. Die günstigere Gestaltung der Verkehrs⸗
verbindungen mit Hilfe von Auto und Flugzeug erleichtert die Unab⸗
hängigkeit von den Bahnknotenpunkten, die Elektrifizierung hat die
Konzentration in der Nähe der Kohlenlager zu einem Teile über⸗
flüssig gemacht, der Kleinbetrieb sieht sich durch die verminderte Ver⸗
wendung motorischer Kraͤfte mehr als früher in der Lage, sich den
Großbetrieben gegenüber zu behaupten. Die mechanische Rationali⸗
sierung bedeutet sonach eine „rationale Staͤrkung des traditionalen
Standorts“xx).

Eine besondere Stellung innerhalb der industriellen Rationali⸗
sierung nimmt als Schlüsselgewerbe für eine große Anzahl weiterer
Gewerbe das Bauwesen ein. Wir erwaͤhnen es, obgleich die Pro⸗
duktionsvorgaͤnge im Baugewerbe zum größten Teil noch hand⸗
werklichen Charakter tragen, mit voller Absicht bereits in diesem
Zusammenhang, weil seine Finanzierung und seine Organisation,

x) Naͤhere Einzelheiten bei Salin, a. a. O., S. 97.

xx) Salin, a.a.O., S. 105.
        <pb n="86" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 2. Die Industrie 83
teilweise auch seine Arbeitsmethoden überwiegende industrielle Prä⸗
gung angenommen haben.

Die erste Voraussetzung für eine rationale Bauwirtschaft ist die plan⸗
maͤßige Bereitstellung und Verteilung der verfügbaren Baumittel.
Um welch außerordentlich hohe Betraͤge es sich hierbei handelt, geht
aus den Summen hervor, die in den letzten Jahren dem Woh⸗
nungsbau zugeflossen sind. Im Jahresdurchschnitt 157 1913 wur⸗
den rund 3,7 Milliarden, im Jahre 1926 4,6 Milliarden, im Jahre
1927 3,9 Milliarden für den Wohnungsbau bereitgestellt. Von der
Stabilisierung der Währung bis zum 30. September 1926 sind dem
Bauwesen durch Realkredit⸗Institutionen, Sparkassen, Versicherungs⸗
anstalten, Arbeitgeber, Reich, Länder und Gemeinden rund 2,8 Mil⸗
liarden, davon rund 1,6 Milliarden allein aus Hauszinssteuer⸗
mitteln zugeflossen. Für 1928 ist das Aufkommen aus der Haus⸗
zinssteuer wiederum auf 1,6 Milliarden veranschlagt, von denen
soo Millionen dem Wohnungsbau zugute kommen sollen. Angesichts
der Tatsache, daß sonach ein großer Teil der Baumittel durch die
Allgemeinheit aufgebracht wird, haben die Sachwalter der öffentlichen
Interessen die Pflicht, für eine rationale Verwendung dieser Mittel
im gemeinwirtschaftlichen Sinne Sorge zu tragen. Die hierbei ge⸗
stellten Aufgaben gliedern sich in den Schutz der Mieter, die Be⸗
wirtschaftung des vorhandenen Wohnraums und in die Förderung
der Neubautatigkeit. Die beiden zuletzt genannten Aufgaben hängen
wiederum aufs engste mit der Rationalisierung des Bauwesens
zusammen. Das Reich hat sich daher wiederholt mit Vorschlägen an
die Länder gewandt, in denen eine gleichmäßige Verteilung der Bau⸗
arbeiten uüber das ganze Jahr hin empfohlen wird. Durch eine ratio⸗
nelle Bewirtschaftung der Bauarbeiten soll eine Anhäufung von
Aufträgen vermieden und Steigerungen von Baustoffpreisen und
Arbeitslöhnen vorgebeugt werden. Darüber hinaus hat sich das
Reich an der Gründung einer Reichsforschungsgesellschaft für
Wirtschaftlichkeit im Bau⸗ und Wohnungswesen maßgebend

360
        <pb n="87" />
        34

A. Tatsachen
beteiligt. Die Gründung dieser Gesellschaft ist im Jahre 1927 erfolgt.
Durch Gesetz vom 2. Juni 1927 ist dem Reichsarbeitsminister ein
Betrag von 10 Millionen Mark für Arbeiten und Versuche zur Ver⸗
hilligung und Verbesserung des Wohnungsbaues zur Verfügung gestellt
worden. Aufgabe der Gesellschaft ist es, die höchste Wirtschaftlichkeit
im Bau⸗ und Wohnungswesen durch theoretische und praktische Ver⸗
suche zu ermitteln und zu verbreiten. Wissenschaftliche Forschungs⸗
arbeiten, Laboratoriumsversuche und andere praktische oder wissen⸗
schaftliche Versuche und Arbeiten kommen in Frage, die angesichts
der Lage des Wohnungswesens in Deutschland besondere Beachtung
verdienen. Auch für Versuchsbauten und zur Erforschung neuer oder
noch nicht völlig erprobter Bauweisen, Konstruktionen, Materialien
usw. kommen die für die Reichsforschungsgesellschaft bewilligten
Mittel in Frage. Voraussetzung für die Anwendung rationaler
Produktionsmethoden, wie die Reichsforschungsgesellschaft für Wirt⸗
schaftlichkeit im Bau⸗ und Wohnungswesen sie vorsieht, ist freilich die
Kontinuität der Bauaufträge. Wie soll ein Bauunternehmer noch
rationell arbeiten können, wenn er im Frühjahr noch nicht weiß,
welche Mittel er im Herbst zur Verfügung gestellt bekommt?

Zu den rationellen Baumethoden zählt in erster Linie die Vor⸗
bereitung der Baudurchführung nach einem klardurchdachten Bau⸗
fristenplan. Daran muß sich die systematische Lagerung aller Bau⸗
stoffe und Geraͤte und ihr planvoller Trausport zur Baustelle an⸗
schließen. Weiterhin versucht man mehr und mehr die Produktion
der Bauteile moͤglichst in geschlossenen Fabrikräumen vorzunehmen,
ihre Anzahl zu verringern und sie zu normalisieren. Die verschie⸗
denen technischen Methoden, die hierbei angewandt werden, können
an dieser Stelle nicht näher erläutert werden. Es handelt sich vor⸗
nehmlich um die Stahlbauweise, den Betonbau und die Skelettbau⸗
weise. Auch ist die Bewährung der neuen Baumethoden heute noch
nicht hinreichend erprobt. Der Beweis der Verbilligung der Bau⸗
herstellung bei ihrer Anwendung ist schon um der sehr kurzen Zeit
        <pb n="88" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 2. Die Industrie 85
willen, die bisher für die Erprobung zur Verfügung stand, noch nicht
erbracht. Es wäre aus diesem Grunde sehr zu wünschen, daß
die großen Bauherren, Reich, Staat und Gemeinden in Ver⸗
bindung mit den gemeinnützigen Baugesellschaften, den Bau⸗
vereinen und Baugenossenschaften sich auf einen einheitlichen Be⸗
bauungsplan einigen würden, der die Möglichkeit zu Massenaufträgen
erst eröffnete. Die einheitliche Siedlung haͤtte auch dann, wenn ihre
Herstellung nach Typen und Normen nicht für alle Bauten gleich⸗
mãßig gewaͤhrleistet erschiene, den Vorzug der einheitlichen Planung,
durch die eine maschinelle Verrichtung der Erdarbeiten ermöglicht
und die Kosten für Straßenbau, Versorgung mit Gas und Wasser,
Beleuchtung, sowie die Kosten für Bauführung und Montage stark
berbilligt würden. Voraussetzung für die Erteilung von Massen⸗
aufträgen wäre freilich, daß auch das Baugewerbe (mit Einschluß der
Architekten) ebenso wie die übrigen Industrien von seinen indivi⸗
dualistischen Baugepflogenheiten abläßt. Soweit die öffentliche Hand
hierauf einen entscheidenden Einfluß ausüben kann, sollte sie ihn
handhaben und ihre Darlehen, Zinsgarantien und Zinszuschüsse nur
jenen Firmen zur Verfügung stellen, die sich zu weitgehenden
Unkostensenkungen durch Vereinheitlichungsmaßnahmen verpflichten.
—A
der öffentlichen Hand liegt — und dies düͤrfte heute bereits der über⸗
wiegende Teil der gewerblichen Bauten sein (Elektrizitääts⸗, Gas⸗ und
Wasserwerke usw.) —, sollte sich die Handhabung dieses Grundsatzes
von selbst verstehen.

Ebenso unwirtschaftlich wie in der Bauprodulktion wirkt der
Individualismus bei der Auslese der Bauplätze. Die Zusammen⸗
fassung der Baustellen zu großen Serien ist nur bei jenen Häusern
durchführbar, die auf zusammenhängenden Geländeflächen errichtet
werden können. Ohne eine planvolle gemeindliche Bodenpolitik ist
die Rationalisierung des Bauwesens undurchführbar. Dies gilt auch
mit Bezug auf die rationelle Erschließung des Baugeländes. Hier
        <pb n="89" />
        g6

A. Tatsachen
harren noch große bodenreformerische Aufgaben ihrer Loösung. Was
aber die ästhetisch-soziale Seite der Typisierungsfrage anbelangt, so
sei darauf hingewiesen, daß frühere Zeiten bis herauf zur Mitte des
19. Jahrhunderts den „individualistischen“ Wohnungsbau nicht oder
doch nur vereinzelt kannten, ohne daß die ästhetische Wohnungskultur
hierunter gelitten hätte. Die Wohnhäuser wurden immer wieder
nach bewährten Formen errichtet, ein eigentliches „Entwerfen“ gab
es nicht. Die aͤlteren Bauten zeigen in den verschiedensten Gegenden
Deutschlands die gleichen Grundriß⸗ und Aufbautypen, dieselben
einheitlichen Einzelformen der Fenster und Türen. Sie unterscheiden
sich im allgemeinen nur in Hinsicht des Baustoffes; „in der einen
Gegend sind die Häuser geputzt, in einer anderen in Ziegelrohbau er⸗
richtet; in der einen Gegend werden Pfannendächer, in einer anderen
Biberschwanz⸗ oder Schieferdächer verwandt“x). Auch bei den übri⸗
gen Völkern finden sich Typenbauten in der Vergangenheit in
großerer Zahl. „Ob man die Eskimo⸗Kalotte, ob das westfälische,
das Schwarzwalderhaus oder die Erdwohnung der Rumänen be⸗
trachtet, überall findet man die Tatsache, daß auf Grund bestimmter
zrtlicher Verhältnisse und Lebensgewohnheiten bestimmte Grund⸗
formen des Hauses entwickelt und dann vieltausendfach angewendet
werden“xx).

Vergleicht man die formalen Vollkommenheiten der alten Bauten
mit den aͤsthetischen Ergebnissen der individualistischen „Baukultur“
von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an, so wird man nicht
im Zweifel sein, welcher Bauweise der Vorzug gebührt. Soziologisch
gesehen ist überdies das Rationale des modernen Stils als Folge
der Typisierung in seiner Objektivierung und Abstraktheit zweifellos
der klarste und eindeutigste Ausdruck der Massengebundenheit schlecht⸗

x) Wilh. Lübbert, Rationeller Wohnungsbau, Beuth⸗Verlag, Berlin 1926.
S. 23.

8 E. May, Rationalisierung im Bauwesen, Vorträge des Reichskuratoriums
für Wirtschaftlichkeit vom 15. 3. 1927, S. 29.
        <pb n="90" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 2. Die Industrie 87
hin und also auch das formal beste Spiegelbild der kollektiven Lebens⸗
und Gesellschaftgestaltung unserer Epoche. Man mag diese Ge⸗
staltung lieben oder verabscheuen, sie fördern oder bekämpfen: ihre
Zwangslaufigkeit ist seit langem unbestreitbar. Eingehendere Be—
trachtungen über diese Zusammenhänge zwischen Rationalisierung
und Asthetik werden im Kapitel „Rationalisierung und Kunst“ erbracht
werden.

In engem Zusammenhang mit der Rationalisierung des Bau⸗
wesens steht die Rationalisierung der Hauswirtschaft, die sich in
die Rationalisierung der hauswirtschaftlichen Arbeitsstätte, der
Arbeitsgeräte und der Arbeits methoden gliedert. Die Ratio⸗
nalisierung der Arbeitsstätte ist mit der Rationalisierung des
Bauwesens untrennbar verbunden, denn die Verteilung und An⸗
ordnung der Räume im Sinne betriebstechnischer und gesundheit⸗
licher Ruͤcksichten muß schon im Anlageplan des Hauses zur Geltung
fommen. Dies gilt insbesondere für die Anpassung der Raum⸗
masse an die Bedürfnisse der Bewohner. Man findet — auch in
Neubauten — heute noch vielfach Wohnungen, in denen beispiels⸗
weise die Wände zu kurz sind, um zwei Betten hintereinander, statt
nebeneinander aufzustellen —, ein Übelstand, der bei der Not⸗
wendigkeit zur Geschlechtertrennung der Kinder von einem gewissen
Alter ab von großer sittlicher Tragweite ist.

Von Wichtigkeit ist auch die Lage der Wohnung und der Woh⸗
nungsgrundriß. Wir wohnen vielfach noch in Wohnungen, deren
Küche und Soeisekammer nach Süden liegen, während die Wohn⸗
und Schlafzimmer nach Norden gerichtet sind. Nach rational⸗
hygienischen Grundsätzen waͤre das Gegenteil richtig. Auch muß der
Wohnungsgrundriß auf die Verkürzung der zurückzulegenden Wege
insbesondere bei der Anlage von Wirtschaftsräumen Rücksicht nehmen,
die — wie etwa Küche, Vorratskammer und Eßzimmer — durch ihre
Zwedbestimmung organisch untereinander verbunden sind. „Man
        <pb n="91" />
        38

A. Tatsachen
kann neuerdings Neubauten mit drei Stuben und Küche sehen, in
denen die Hausfrau auf schmaler Stiege wie ein Laubfrosch im
Wetterglas hinauf⸗ und hinunterturnen muß“x). Sehr wesentlich
für die Rationalisierung der Wohnungsanlage ist schließlich die Ein⸗
führung fest eingebauter Möbel (Spültische, Anrichten, Wand⸗
schränke usw.), die nicht nur Raum sparen, sondern auch die Beschaf⸗
fung mobiler Möbel teilweise überflüssig machen.

Auf dem Gebiete der Rationalisierung der Arbeitsgeräte
hat der deutsche Normenausschuß bereits wertvolle Arbeit geleistet.
Die Normung von Einkochglaͤsern, Kochtöpfen, Durchschlagsieben,
Ofenringen, Herdplatten usw., die Vereinheitlichung von Ersatz⸗
teilen von Handmühlen, Fleischmaschinen, Flaschenverschlüssen usw.
und ihre Verwertung durch Teile der Industrie hat nicht nur die Ver⸗
billigung und unmittelbare Erleichterung der hauswirtschaftlichen
Arbeit gefördert, sondern vor allem auch die Ersatzbeschaffung vereinfacht,
wie denn naturgemaͤß jede Typenverringerung den Typenkauf, die
Auswahl und Bestellung an Hand von Mustern erheblich erleichtert.

Das Gros der Fabriken hauswirtschaftlicher Gebrauchsgegenstände
steht der Normung jedoch leider immer noch ablehnend gegenüber.
Der Normenausschuß hat kürzlich festgestellt, daß z. B. in der Kochherd⸗
industrie eine Firma 9r, eine zweite 285 Typen von Herdplatten,
eine dritte 283 Typen von Spitzbauchrosten liefert. Es gibt ungezaählte
„nationale“ Modelle von Pfannen: die rheinische Bratpfanne, die
Breslauer, die Königsberger, die Freiburger, die Münchener Brat⸗
pfanne, obschon die rheinische Gans sich von der ostpreußischen, der
pommersche Hase vom bayerischen weder der Länge noch der Breite
nach merklich unterscheidet. Eine Fülle unrationeller Längen⸗ und
Breitenmaße findet sich auch bei den Kleiderschränken, die vielfach
zu schmal sind für die Kleiderbügel. Ahnliche Beispiele ließen sich für
nahezu sämtliche Einrichtungsgegenstände erbringen.

x) Dr. Marie Elisabeth Lüders, „Normung und Haushalt“ in „Technik
und Wirtschaft“, 20. Jahrgang, Januar 1927, S. 12.
        <pb n="92" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 2. Die Industrie 89

Eine besondere Rolle faͤllt bei der Einführung arbeitsersparender
Haushaltsgeräte der Elektrifizierung zu. Eine Reihe von
elektrischen Hilfsapparaten steht bereits heute der Hausfrau
zur Verfügung, z. B. Staubsauger, Küchenmotore, die zum Antrieb
von allen möglichen Wirtschaftsmaschinen dienen (Fleisch⸗ und Ge⸗
müsehacker, Kaffeemühle, Messerputzer, Reibmaschine, Kartoffelschäl⸗
maschine, Fruchtpresse, Eismaschine usw.). Es gibt elektrisch geheizte
und angetriebene Waschmaschinen, mit denen man den vierwöchent⸗
lichen Bedarf eines Haushalts in wenigen Stunden waschen, spülen,
mangeln und trocknen kann. Die Kostenfrage, die der Mehrzahl der
Einzelhaushalte die Beschaffung dieser vorerst noch reichlich teueren
Maschinen unmöglich macht, wird durch kollektive Anschaffung durch
die Hausgemeinschaft oder Siedlungsgemeinschaft auf genossen⸗
schaftlichem Wege geloöst werden können.

Sehr viel kann schließlich die Anwendung durchdachter Arbeits⸗
methoden zur Rationalisierung der Hauswirtschaft beitragen. Eben⸗
so wie in jedem anderen Betrieb wird auch im Hauswesen die Arbeit
auf Grund exakter Zeit⸗ und Kräfteverbrauchsstudien „tayloristert“,
d. h. auf die zweckmäßigsten Bewegungselemente zurückgeführt wer⸗
den können. „Man kann z. B. die Speisezettel so kombinieren, daß
alle Gaͤnge zu derselben Zeit gekocht werden koönnen und dieselbe An⸗
wesenheitszeit in der Küche erfordern, um eine Zersplitterung der Kraft,
wie dies beim gleichzeitigen Aufräumen und Kochen der Fall ist, zu
vermeiden. Wenn die Frau in der Küche ist, so soll sie sämtliche Gaͤnge
bereiten, wenn sie den Staubsauger braucht, so soll sie ihn nachein⸗
ander in allen Zimmern brauchen. Oder ein zweites Prinzip, daß
jede Arbeit sich in der Vorwärtsrichtung ohne das Hin⸗ und Hergehen
entwickeln muß, z. B. beim Geschirrwaschen das Befördern der Teller
von rechts nach links nacheinander in die Abwaschschüssel, später in
den Abtrockner und in den Schrank, wobei natürlich die Schüssel, der
Abguß und der Schrank in ganz bestimmter Reihenfolge und Anord⸗
aung gestellt werden müssen. Oder ein drittes Prinzip: Verein⸗
        <pb n="93" />
        0

A. Tatsachen
fachung aller schweren und unangenehmen Arbeit, radikales Aus⸗
lassen jeder unnötigen. Ferner die Verbesserung der Körperhaltung:
Vermeidung von Stehen, Bücken, Ausrecken, Anordnung der
Arbeitsmittel in richtiger Höhe. Auch die Wahl des richtigen Zeit⸗
hunktes kann langwierige Arbeiten ersparen. Aus diesen Elementen
wäre das Gesamtverfahren, Vorbereitung, Verteilung, Durchführung
festzustellenx) xx)y.“

Zur Erforschung der Rationalisierungsmöglichkeiten in der Haus⸗
wirtschaft ist neuerdings beim Reichskuratorium für Wirtschaftlich⸗
keit eine Gruppe Hauswirtschaft gebildet worden, die unter fach⸗
kundiger Leitung Untersuchungen über die Bestgestaltung der Haus⸗
arbeit vornimmt.
Die Ersparnis an Geld, Zeit und Arbeitskraft, die durch die
Einführung rationeller Haushaltsmethoden herbeigeführt werden
kann, ist erheblich. Sie führt im kleinen und mittleren Haushalt
nicht selten zu einer Verringerung des Aufwandes um mehr als
die Haͤlfte. Gleichzeitig setzt sie physische und geistige Kraͤfte der
Hausfrau frei, die ihrer außerhaͤuslichen Betaͤtigung im Berufe
oder der Qualitaͤt ihrer hauswirtschaftlichen Arbeit, vor allem
aber der Vertiefung und der Verinnerlichung ihrer Persönlichkeit
zugute kommen können. Die letztere Folge ist nicht nur für die
Hausfrau selbst von Wichtigkeit, sie ist nicht selten auch ent⸗
scheidend für die Gestaltung der Ehe und Mutterschaft. Die Ka⸗
tastrophen zahlloser Ehen in den mittleren und unteren Schichten
sind zu einem nicht geringen Teil auf die Tatsache zurückzuführen,
daß die Frauen haͤufig nicht mehr die Kraft haben, dem von der
mechanisierten Arbeit erschöpft heimkehrenden Manne jene seelische

*) Vorschlaäge in dieser Richtung bringt Christine Frederick, Die rationelle
Haushaltung, übersetzt von Irene Witte, Berlin 1921. Dr. Dorothea Derlitzki
(Arbeitsersparnis im Landhaushalt, Berlin 1926) faßt Erfahrungen der ländlichen
Hauswirtschaft zusammen.

xx) Frieda Wunderlich a. a. O. S. 294/95.
        <pb n="94" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 3. Das Handwerk 91
Regenerationsmöglichkeit zu bieten, die er benötigt, um wieder zu
sich selbst kommen, Mensch werden zu können. Es ist von größter Be⸗
deutung für das Verhältnis der Geschlechter zueinander, daß der
Frau ausreichend physische Kraft für die Erhaltung ihrer Natürlich⸗
keit bleibt, die unter der niederziehenden Wirkung einer allzu großen
hauswirtschaftlichen Belastung nur zu oft verlorengeht. In dem
gleichen, ja vielleicht in einem noch stärkeren Maße bedürfen auch die
Kinder der „natürlichen“ Mutter, insbesondere waͤhrend des ersten
Jahrzehntes ihres Lebens. Die Paͤdagogik hat die Bedeutung des
mütterlichen Einflusses für die Praäägung des frühkindlichen Charakters
seit langem anerkannt und in immer größerem Umfange Vortraͤge
und Kurse über Hauswirtschafts⸗ und Mutterschaftspflichten in den
höheren Mädchen⸗ und Frauenschulen eingeführt. Auch die Sozial⸗
politik hat damit begonnen, den Schutz der Mutterschaft als ein be⸗
sonderes und wichtiges Gebiet der Sozialgesetzgebung und Ver⸗
waltung zu betrachten. Ebenso hat die Betriebswirtschaftslehre sich
der hauswirtschaftlichen Fragen neuerdings angenommen.

3. Das Handwerk
Noch bis vor kurzer Zeit uberwog in der national⸗okon omischen
Wissenschaft die Meinung, die technische Entwicklung werde das
Handwerk sehr bald überholen. Die Berufs⸗ und Betriebszaͤhlung
bom 16. Juni 1925 hat diese Auffassung als irrtümlich erwiesen.
Gewiß sind eine Reihe selbständiger handwerklicher Gewerbe⸗
zweige, so etwa die Schuhmacherei, die Schneiderei, die Drechslerei,
— Großbetrieb
draͤngende technische Entwicklung nicht unbetraͤchtlich geschädigt worden.
Dagegen hat das Lohnhandwerk (die Störarbeit) auf dem Lande wie
in den Städten zugenommen. Die Zahl der Näherinnen, Stickerinnen,
Strickerinnen, der Wäscherinnen, Plätterinnen, der Fensterreiniger,
Parkettbodenleger usp. war im Jahr 1925 größer als bei der
        <pb n="95" />
        22

A. Tatsachen
Betriebszaͤhlung im Jahre 1907. Das gleiche gilt für die handwerk⸗
lichen Nebenbetriebe in der Landwirtschaft, die in steigendem Maße
dazu übergegangen ist, in der eigenen Wirtschaft erzeugte Rohstoffe
in ihren eigenen Handwerksbetrieben zu verwerten.

Auch sind die alten Merkmale, nach denen man einen Betrieb einst
als Handwerksbetrieb bezeichnete, heute nicht mehr charakteristisch:
nicht mehr die Kleinheit des Betriebes, der lokale Absatz, das Fehlen
maschineller und kaufmaͤnnischer Einrichtungen und der unmittelbare
Verkauf an den Kunden sind für das Handwerk kennzeichnend,
sondern das UÜberwiegen der menschlichen über die mechanische
Arbeitskraft und die allseitige Beherrschung des Arbeitsgebietes durch
die im Betrieb beschäftigten Personen. Als Handwerksbetrieb muß
heute — sofern er diese beiden Voraussetzungen erfüllt — auch ein
Betrieb angesehen werden, der nach der Zahl der in ihm Beschaͤftigten
oder nach der Größe des Umsatzes eigentlich den Großbetrieben zu⸗
gerechnet werden müßte.

Nach der Zählung vom 16. Juni 1925 umfaßt das deutsche Hand⸗
werk rund 12/, Millionen Handwerksbetriebe, von denen etwa 509
Alleinbetriebe sind, d. h. der Meister arbeitet dort allein oder mit
einem Lehrling. 259 aller Betriebe sind Gesellenbetriebe mit einem
Gesellen und 175 mit 2 bis 5 Gesellen. Der verbleibende Rest der
Betriebe beschaͤftigt 6 und mehr Gesellen, darunter finden sich gelegent⸗
lich Handwerksbetriebe bis zu 50 Gesellen und mehr. Die Zahl der
Gesellen wird vom deutschen Handwerks⸗ und Gewerbekammertag
neuerdings auf 1 378 ooo, jene der Lehrlinge auf 693 o0o angegeben.
Da die Gesamtzahl der in sämtlichen deutschen Industrie⸗ und Hand⸗
werksbetrieben beschaͤftigten Lehrlinge rund 1 Million betraͤgt, bildet
sonach das Handwerk immer noch rund 709 des fachgewerblichen
Nachwuchses aus. Schon aus dieser Tatsache erhellt seine außer⸗
ordentliche Bedeutung für die deutsche Volkswirtschaft.

Die Rationalisierung im Handwerksbetrieb ist vor allem
auf dem Wege der vermehrten Verwendung von Kraft⸗ und Hilfs⸗
        <pb n="96" />
        V. An wendungsge biete der Rationalisierung — 3. Das Handwerk 93
maschinen, der Vereinheitlichung der Produktion, der Verbesserung
der Kalkulation und des Absatzes möglich. Ein Fleischereibetrieb
ohne Kraft⸗ und Arbeitsmaschinen ist heute nicht mehr denkbar. Die
Bäckereibetriebe haben vielfach moderne Backmaschinen eingeführt.
Ebenso sind die Schmiede, Schlosser, Mechaniker, Klempner sowie
alle holzverarbeitenden Gewerbe heute mit Maschinen ausgerüstet.
Auch im Bauhandwerk hat die moderne Technik ihren Einzug ge⸗
halten. Die Vereinheitlichung der Produktion kann dort vor allem
durch die Normung der einzelnen Produktionsteile erfolgen. Die
Maßnormung ist zur Zeit in der Durchführung begriffen: 150 Normen⸗
blätter, die der deutsche Normenausschuß in Gemeinschaft mit dem
Forschungsinstitut für rationelle Betriebsführung im Handwerk aus⸗
gearbeitet hat, geben Normalmaße für Fenster, Türen, Installations⸗
gegenstaͤnde, Beschläge, Dachrillen, Abfallrohre, Baukeramik usw.
Auf die Maßnormung wird die Qualitätsnormung folgen müssen.
Die Normung der technischen Lieferungsbedingungen ist bereits im
vollen Gange. Für die Normung der allgemeinen Vergebungs⸗
bedingungen bietet die seit August 1926 eingeführte Reichsverdin⸗
gungsordnung die nötigen Anhaltspunkte. Die Rationalisierung
der Kalkulation kann vor allem in der Durchführung einer ge⸗
ordneten Buchführung bestehen. Auch die Einführung von Rechen⸗
maschinen und ähnlichen Hilfsmitteln ist in diesem Zusammenhang
von Wichtigkeit. Besondere Bedeutung kommt daneben der Reform
des Zahlungsverkehrs zwischen dem Handwerker und seinen Kunden
zu. Schon vor dem Kriege herrschte im Handwerk eine unertraͤgliche
Borgwirtschaft. Das Handwerk sieht neuerdings ein, daß mit diesem
Übelstand unter allen Umständen gebrochen werden muß. Die Hand⸗
werksverbände geben an ihre Mitglieder Richtlinien hinaus, in
denen auf die pünktliche Ausstellung der Rechnung und auf die Durch⸗
führung eines geordneten Mahnverfahrens gedrängt wird. Gleich⸗
zeitig haben die Innungen für ihre Mitglieder vielfach die Einziehung
von Außenstäͤnden übernommen. In engstem Zusammenhange mit
        <pb n="97" />
        94

A. Tatsachen
der Regelung der Kalkulation steht auch die rationelle Verwertung
der Rohstoffe. Die außerordentlichen Mengen von Abfällen, die
gerade im handwerklichen Produktionsprozeß entstehen, können durch
gemeinschaftliches Zusammenarbeiten in viel staͤrkerem Maße ver⸗
wertet werden, als dies bisher der Brauch war.

Eine besondere Rolle kommt im Rahmen der Rationalisierung des
Handwerks noch der Organisation der Kundenwerbung zu.
Der Handwerker ist — auch heute noch — gewöhnt, daß die Kunden
zu ihm kommen und Bestellungen auf die ihnen bekannten Waren
und Leistungen aufgeben. Er will meist nicht einsehen, daß der Kampf
um den Absatz mit den modernen Mitteln der Handwerkstechnik
heute für je den Gewerbezweig die wichtigste Voraussetzung seiner
Rentabilität ist. Die Organisationen des Handwerks versuchen in
dieser Hinsicht seit einigen Jahren mit Nachdruck auf die einzelnen
Mitglieder einzuwirken. Sie veranstalten vielfach auch Gemein⸗
schaftsreklamen des Fachverbandes oder der örtlichen Organisationen.
Die Anwendung geschmackvoller Reklame spielt hierbei eine große
Rolle. Es sei in diesem Zusammenhang nur an die Reklame des
deutschen Schneidergewerbes, des Konditorengewerbes usw. erinnert.
Derartige Gemeinschaftsaktionen sind auch die beste Gegenwirkung
gegen den schlimmsten Feind der Rationalisierung im Handwerk,
den zaͤhen und verhärteten Individualismus im Handwerkerstand.

In der theoretischen Vorbereitung und Propagierung der Ratio⸗
nalisierung im Handwerk hat insbesondere das bereits erwähnte
Forschungsinstitut für rationelle Betriebsführung im
Handwerk in Karlsruhe in den letzten Jahren Vorbildliches ge⸗
leistet. Sein Ziel ist: „für die Forderung und Weiterbildung der Be⸗
triebswirtschaft im Handwerk zu wirken und wissenschaftliche For⸗
schungen auszuführen“. Das Institut arbeitet in engster Verbindung
mit dem Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit und ist in zwei Ab⸗
teilungen gegliedert, in die Abteilung für technische Betriebs⸗
wirtschaft mit dem Sitz in Karlsruhe und in die kaufmaͤnnische Ab⸗
        <pb n="98" />
        V. Anwen dungsgebiete der Rationalisierung — 4. Der Handel 95
teilung mit dem Sitz in Mannheim. Die Hauptaufgaben des In⸗
stituts betreffen: 1. Die möglichst vollklommene Einrichtung der Werk⸗
statt des Handwerkers, 2. die Vermittlung des größten Maßes
technischer Kenntnisse, z. die kaufmaͤnnische Organisation des Hand⸗
werksbetriebs. Diese Aufgaben sucht das Institut mit Hilfe von
Vortraͤgen, Druchschriften, der Erteilung von Ratschlägen und Aus⸗
rünften, Veranstaltung von Ausstellungen usw. zu entsprechen. Es
besteht die Absicht, das Forschungsinstitut mit der Arbeitsgemeinschaft
deutscher Handwerkskultur und dem wirtschaftswissenschaftlichen
Forschungsinstitut für Handwerkspolitik zu einem einheitlichen
Institut für Handwerkswirtschaft zusammenzufassen.

4. Der Handel
Bei der gewerblichen Betriebszaͤhlung vom 16. Juni 1925 sind in
Deutschland 942 860 Handelsbetriebe ermittelt worden. In diesen
Betrieben waren tätig 3758 584 Personen (Erwerbstätige zuzüglich
Familienangehörige) — 696 der deutschen Reichsbevölkerung. Ver⸗
gleicht man die Ergebnisse der gewerblichen Betriebszählung von 1907
und 1925, so findet man, daß die Betriebs⸗ und Personenzahl sich
im Handel während dieser Zeit um beinahe die Hälfte (46,2) ver⸗
mehrt hat. Der Hausier- und Straßenhandel ist sogar um 14456
gewachsen, die Zahl der darin beschaͤftigten Personen ist um 1539 ge⸗
stiegen. In den ausgesprochenen Handelsstädten wie Hamburg und
Bremen, ist bereits jeder Vierte im Handelsgewerbe taͤtig. In der
Warenverteilung im weiteren Sinne, d. h. in Handel und Verkehr,
in Hamburg sogar fast jeder Zweite, in Bremen jeder Dritte.

Angesichts dieser außerordentlichen Zunahme der Handelsbetriebe
und der im Warenhandel beschaͤftigten Personen, ist es naheliegend,
daß die Diskussion über die Rationalisierung des Handels im wesent⸗
lichen im Hinblick auf die starke Übersetzung des Handels geführt wird.
In der Tat ergibt eine naͤhere Prüfung, daß die Durchführung tech⸗
        <pb n="99" />
        20

A. Tatsachen
nischer Rationalisierungs maßnahmen im Handel nur eine verhält⸗
nismaßig geringfügige Rolle spielen kann und daß die Rationali⸗
sierung in diesem Wirtschaftszweig sich im wesentlichen auf betriebs⸗
organisatorische und wirtschafts⸗organisatorische Maßnahmen wird
stützen müssen, unter denen die Ausmerzung volkswirtschaftlich über⸗
flüssiger Betriebe als die vordringlichste erscheint. Die Maschine kann
innerhalb des Handels zwar die Herstellung und den Transport der
Waren übernehmen, sie kann die Waren aber nicht verkaufen. Der
Wille zur Kostensenkung ist daher in allen Handelszweigen auf die
Ausschaltung der Zwischengewinne und die Senkung der Kosten in
den einzelnen Betrieben durch Arbeitsteilung und Konzentration
gerichtet. Dieser Wille hat vor allem im Einzelhandel schon zu
beachtlichen Erfolgen geführt. Es lassen sich hierbei folgende Ent⸗
wicklungstendenzen scharf voneinander unterscheiden.

1. Die Entwicklung zum Großbetrieb, dessen wichtigste Er⸗
scheinungsform das Warenhaus und das Großversandgeschäft sind,

2. die Entwicklung zum Großunternehmen, d. h. zur Zu⸗
sammenfassung vieler kleiner Betriebe in einer Hand. Diese hat sich
in verschiedenen Formen bereits angebahnt oder vollzogen, von
denen die wichtigsten sind: die genossenschaftliche Großunternehmung,
der Konsumverein, der private Massenfilialbetrieb, die Werkskonsum⸗
anstalten der Unternehmer für die Versorgung ihrer Arbeiter, die
Trustsverkaufssysteme mit ihren vor allem der Marktbeherrschung
dienenden Methoden, insbesondere dem, Schleuderladen“, und schließ⸗
lich die staatlichen Unternehmungen im Handel, die entweder aus
fiskalischen Gründen — wie die Tabakregie — oder aus Gründen der
Massenversorgung, wie die Milchversorgungsanstalten einiger Städte,
oder aus sozial⸗revolutionären Gründen, wie die Absatzorganisationen
der Sowjets entstanden sind.

Die Bedeutung der Warenhäuser für die Rationalisierung des
Handels liegt vor allem in der Moͤglichkeit zur Auslese des Tüchtigsten
für die leitende, organisierende und disponierende Arbeit. In den
        <pb n="100" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 4. Der Handel 97
Warenhaͤusern werden den Rayonchefs die Mindestumsätze, die sie zu
erzielen haben, vorgeschrieben und der tatsächlich erzielte Umsatz ge⸗
nau ermittelt. Dieses System führt dazu, daß in verhältnismäßig
kurzer Zeit festgestellt werden kann, wer sich für diese Funktion als
—
die Auslese der führenden Personen meist erst zugleich mit dem
Niedergang des Unternehmens erfolgen. Der Eigentümer wird in
den seltensten Fällen geneigt sein, die Schuld für das Nichtvoran⸗
kommen seines Unternehmens bei sich selbst zu suchen und hieraus die
Konsequenzen zu ziehen. Er wird zunächst vielmehr sein eigenes
Kapital verwirtschaften, dann das Kapital seiner Lieferanten und
schließlich auch noch die ihm zur Verfügung gestellten Gelder seiner
Verwandten und Bekannten. Im Warenhause zeigt die Statistik
dagegen in kurzer Zeit den Grad der Fähigkeit des einzelnen
Abteilungsleiters an. Der Unfähige wird sehr bald durch einen Fähi⸗
geren ersetzt werden können. Eine weitere Rationalisierungsmög⸗
lichkeit ist für das Warenhaus durch den Einkauf im Großen gegeben.
Der erhebliche Vorsprung, den die Warenhaͤuser in dieser Hinsicht vor
den Einzelgeschäften voraushaben, ist in der letzten Zeit durch die
Konzentration der Warenhäuser noch wirksamer gestaltet worden.
Hierdurch aber ist gleichzeitig eine Kombination von Großbetrieb und
Großunternehmen herbeigeführt worden, die anscheinend auch für
die Rationalisierung der übrigen Handelszweige von großer Be⸗
deutung ist. Das Großunternehmen gestattet durch die Zentrali⸗
sierung des Einkaufs und die planmäßige Versorgung einer ganzen
Anzahl von Läden die Niedrighaltung des Lagerbestandes und der
Personalkosten. Im Einzelgeschäft müssen alle Mitglieder der Familie
des Inhabers von dem Ertrag des Geschäfts ernährt werden, das
Massenfilialgeschäft braucht nur das Gehalt für eine Einzelperson,
vielfach für eine junge weibliche Arbeitskraft aufzubringen. Auch
können die Erfahrungen der einzelnen Filialbetriebe wechselseitig
nutzbar gemacht werden.

Rauecker
        <pb n="101" />
        38

A. Tatsachen
Die Vorzüge des Massenfilialsystems sind zuerst wahrgenommen
worden von den Konsumvereinen. Ihre günstige Entwicklung hat in
der letzten Zeit auch die privaten Kleinbetriebe vielfach veranlaßt,
sich zu Einkaufsgenossenschaften zusammenzuschließen. Die bekann⸗
teste unter ihnen ist die „EDK.“ (Einkaufsvereinigung deutscher
Kolonialwarenhändler) mit 30 o0oo Mitgliedern und 75 Millionen
Umsatz im Jahre 1926. Zweifellos muß in den privaten Massen⸗
betrieben neben den Konsumvereinen die zukunftsreichste Form der
organisatorischen Rationalisierung im Handel gesehen werden. Auch
die Zukunftsaussichten der Werkskonsumanstalten müssen günstig
beurteilt werden. Ihre Umsätze betrugen in Deutschland im Jahre
1926 etwa 100 Millionen Reichsmark. Dagegen sind die Trust⸗
verkaufssysteme und die staatlichen Handelsunternehmungen in
Deutschland bisher unbekannt geblieben. Ihrer Entwicklung stehen
allgemeine politische Gründe entgegen.

Ob und in welchem Umfange diese Rationalisierungsbestrebungen
auch zu einer Verringerung der Zahl der Betriebe führen werden,
ist freilich ungewiß. Es darf nicht übersehen werden, daß die
Arbeitsteilung und Spezialisierung des Warenangebots noch im
Fortschreiten begriffen ist. Immer weniger übt der Warenhersteller
gleichzeitig auch die Funktion des Haͤndlers aus. Selbst der Hand⸗
werker ist heute vielfach für den Absatz seiner Ware auf die Spe⸗
zialkenntnis des Händlers angewiesen. Auch muß berücksichtigt werden,
daß in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Waren neu auf den Markt
gekommen sind. Dies gilt für Rohstoffe (Kautschuk, Erdöl,
Kopra usw.) ebenso wie es für die Fertigfabrikate gilt. Man denke
an das Fahrrad, die Nähmaschine, das Grammophon, den Fern⸗
sprecher, den Radioapparat, das Auto, die Haushaltungsmaschine
und viele andere mehr. Auch kommt durch das gesteigerte Tempo des
Modewechsels in allen der Mode zugaͤnglichen Gewerben eine un⸗
übersehbare Fülle neuer Waren jahrlich, halbjährlich, vierteljaͤhrlich
auf den Markt, die Hunderttausende von Mittelspersonen bean⸗
        <pb n="102" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 4. Der Handel 99
spruchen. Vielleicht wird die Standardisierung der Produktion auf
die Verringerung der Typenzahl in manchen Handelszweigen hierbei
einen Einfluß ausüben. In einzelnen Gewerbegruppen findet be⸗
reits eine wechselseitige Beeinflussung von Produktion und Vertrieb
bei der Auswahl und Festlegung der Typen statt. Dies trifft vor
allem für die Modegewerbe zu, in denen vor einer neuen Aus⸗
musterung jedesmal die Vertreter der Produzenten und des Handels
zusammenkommen, um sich über Zahl und Art der neuen Muster zu
beraten. So ist z. B. die Zahl der Stehkragenmodelle vor kurzem
durch das Zusammenwirken von Hersteller und Händler von 300 auf
7 herabgesetzt worden. Ahnlich ist es bei den Herrenhüten. Auch
in der Konfektion sind Modeämter ins Leben gerufen worden, die
vorerst für den Bedarf jeweils einer Saison eine Verringerung der
Typenzahl vor allem für die männliche Berufskleidung vorgeschlagen
haben. Der Einzelhandel erwartet von einer solchen Verringerung
eine Vermehrung und Verbilligung der Herstellung, die allmählich
auch eine Verbilligung des Endpreises herbeiführen soll. Damit
kann und soll auch die Gewährleistung bestimmter und guter Quali⸗
taͤten durch den Handel verbunden werden.

Ein besonderer Zweig der Rationalisierung im Handel stellt schließ⸗
lich die Schulung des Verkaufspersonals dar, die zu einer gesteigerten
Anpassung der Verkaufspraxis an die wirtschaftliche und kulturelle
Umschichtung der Verbraucherschaft führen soll.

Alle diese Maßnahmen sollen in erster Linie dazu dienen, die un⸗
rationelle und veraltete Lagerhaltung im deutschen Einzel⸗ und Groß⸗
handel zu verringern. Der deutsche Handel unterhält nach sachver⸗
ständiger Berechnung ein Lager für mindestens 10 Milliarden
Reichsmark, dessen Umschlagsschnelligkeit gegenüber der Vorkriegs⸗
zeit sich zweifellos verlangsamt hat. Für 5 Mark Umschlag müssen
rund 2 Mark Lager gehalten werden. Dies bedeutet eine enorme
Festlegung des deutschen Betriebskapitals, die um so bedenklicher
ist, als in den Vereinigten Staaten nur rund 2/, unserer Lager⸗
        <pb n="103" />
        100

A. Tatsachen
mengen bei gleichzeitig wesentlich rascherem Umschlag unterhalten
werden und demzufolge die Gefahr der billigen amerikanischen Kon⸗
kurrenz auch trotz der Hochschutzzölle mehr und mehr in die Naͤhe rückt.

Diese Gefahr wird von den deutschen Groß⸗ und Einzelhandels⸗
verbänden auch keineswegs verkannt. Sie haben in den letzten Jahren
Rationalisierungs maßnahmen großen Stils eingeleitet, die sich auf
folgende Gebiete erstrecken:

r. Die Statistik über Kosten und Umschlag im deutschen Handel
ist, vielfach in Anlehnung an amerikanische Vorbilder, weitgehend
ausgebaut worden. Dadurch werden für die einzelnen Betriebe Ver⸗
gleichszahlen gewonnen, die dem Inhaber zeigen, ob er mit seinen
wirtschaftlichen Leistungen zurück oder voraus ist.

2. Die Feststellung der Schwankungen in der Beschaͤftigung von
Betrieb und Arbeitskraft ist in Zusammenarbeit mit dem Konjunktur⸗
institut und dem Ausschuß für wirtschaftliche Verwaltung begonnen
worden.
3. Aus den Ergebnissen der deutschen Wirtschaftsenquete werden
darüber hinaus wesentliche Erkenntnisse hinsichtlich der Größe der Um⸗
schläge je Kopf des in einem Handelszweige Beschäftigten und der
Große der Warenlager sowie der Schnelligkeit ihres Umschlags ge⸗
wonnen werden. Diese Zahlen werden, zumal wenn ihre Veränderun⸗
gen dauernd festgestellt werden, wichtige Kennziffern für die Ent⸗
wicklung der einzelnen Handelszweige wie für die Leistung des ein⸗
zelnen Betriebes und der in ihm Beschäftigten ergeben. Dasselbe
gilt für die planmäßige Erforschung der Absatzmöglichkeiten und
Arbeitsmethoden (Marktanalyse und Budgetsystem).

Es besteht die Hoffnung, daß auf Grund der Arbeiten des Enquete⸗
ausschusses Handelsverbände auch zu einer rationaleren Regelung
ihrer Vertragsbeziehungen kommen werden, daß Konditionen und
Preisvereinbarungen zwischen Lieferanten und Abnehmern fort⸗
schreitend in Verträge von Verband zu Verband umgewandelt und
dadurch ihre Erfüllung unter deren Bürgschaft gestellt werden.
        <pb n="104" />
        V. An wen dungsgebiete d. Rationalisierung —5. Die übrig. Wirtschaftszweige 701
Hierdurch wiederum wird die Solidität des Handels gewinnen, das
Mißtrauen wesentlich gemildert werden können, das weite Kreise der
Verbraucher gegen den Handel hegen.

5. Die übrigen Wirtschaftszweige

Auch in den übrigen Wirtschaftszweigen hat die Rationalisierung
in den letzten Jahren an Raum gewonnen. Insbesondere das Bank⸗
wesen, das Versicherungswesen und das Verkehrsgewerbe haben durch
Vereinfachung der kaufmännischen Verwaltung, Konzentrierung der
Betriebe, Anwendung der neuesten Hilfsmittel der Technik und ähn⸗
liche Maßnahmen auf organisatorischem und finanziellem Gebiet die
in diesen Gewerben besonders große Verschwendung an Sachmitteln
und Arbeitskraft einzudämmen versucht.

Im inneren Betrieb der Banken und Geldinstitute ist die Mechani⸗
sierung und Maschinisierung bereits weit fortgeschritten. Schreib⸗ und
Rechenmaschinen wurden in vermehrter Anzahl eingeführt, neuerdings
wird auch die fertige Wechsel⸗ und Effektenrechnung oder das fertige
Kontokorrent für den Kunden gleichzeitig mit den Belegen des inneren
Betriebs und den Buchungsvorgängen rein maschinell hergestellt.
Dies hat eine Vervielfachung der Arbeitsleistung pro Kopf der Bank—⸗
angestellten zur Folge gehabt. Die Buchhalterei einer Berliner Groß⸗
bank beschaäftigte z. B. im Jahre 1914 334 Angestellte mit täglich
go80 Posten und einer täglichen Effektivbuchung von rund 135 Mil⸗
lionen Mark. Im Jahre 1927, nach der Umstellung auf Maschinen⸗
arbeit dagegen nur 284 Angestellte mit täglich 18 961 Posten und
Effektivumsätzen von rund 213 Millionen Mark. Das heißt 8596 der
einstigen Angestellten erledigten 1927 mehr als das Doppelte der
Posten und beinahe das Doppelte des Umsatzwertes von 1914.

Auch in dem Verkehr der Banken und Geldinstitute untereinander
ist, insbesondere durch die Einführung des internationalen Giro⸗
verkehrs seit Januar 1928, eine erhebliche Beschleunigung und
        <pb n="105" />
        1202

A. Tatsachen
Vereinfachung der Verkehrsbeziehungen eingetreten. Da der Giro⸗
verkehr sich erfahrungsgemäß etwa mit dem dritten Teil der Ange⸗
—DDDD
hierdurch eine wesentliche Ersparnis am Personaletat der Banken er⸗
folgt. Schließlich hat die Zusammenlegung und Schließung von
Filialen und Depositenkassen den Unkostenkoeffizienten erheblich ge⸗
senkt. Die Gesamtzahl der Zweigstellen der sechs Berliner Filial⸗
Aktien⸗Banken, die zu Beginn des Jahres 1913 310 betrug und waͤh⸗
rend der Inflation bis auf 1033 zu Beginn des Jahres 1924 stieg,
ist zu Beginn des Jahres 1927 wieder auf 777, gegen 1924 also um
25 v. H. zurückgegangen. Wie groß die Ersparnis ist, die mit Hilfe
dieser Rationalisierungs maßnahmen erreicht wurde, zeigt der Un⸗
kostenausweis der Berner Großbanken, bei denen das Verhaͤltnis
der reinen Unkosten (ohne die Steuern) zu dem Rohgewinn im
Jahre 1924 77,7010 betrug, im Jahre 1925 nurmehr 76,50/0, 1926
nurmehr 70,90/0.

6. Die öffentliche Wirtschaft
a) Die wirtschaftlichen Betriebe des Reichs

Bei der großen Bedeutung, die Eisenbahn und Post für das Ge—
deihen der deutschen Wirtschaft haben, bei den engen Zusammenhangen
zwischen den Leistungen dieser beiden Verkehrsfaktoren und der Be⸗
lastung der Allgemeinheit durch die Verkehrstarife, stellt sich die
Rationalisierung von Eisenbahn und Post als eine der wichtigsten
Rationalisierungs maßnahmen überhaupt dar. Beide Einrichtungen
haben in den letzten Jahren in ihren Betrieben Verschwendung und
Leerlauf tatkraͤftig zu beseitigen versucht: die Reichsbahn seit dem
Jahre 1923, die Reichspost im wesentlichen seit Anfang 1924.

Bei der Reichs bahn sind vor allem durch maschinelle und mecha⸗
nische Verbesserungen erhebliche Erleichterungen für das sehr stark
beanspruchte Personal eingetreten. Daneben konnte der Personaletat
        <pb n="106" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 6. Die öffentliche Wirtschaft 103

durch Fortschritte in der Automatisierung des Betriebes gesenkt, die

Betriebssicherheit selbst gesteigert werden. Allein durch die Einführung

der Kunze⸗Knorr⸗Bremse ist ein Drittel des gesamten Zugbegleit⸗

personals in Höhe von rund 19 o000 Köpfen überflüssig geworden.

Gleichzeitig konnte der Urlaub verlängert und die Arbeitszeit gegen⸗
über 1913 gekürzt werden. Die Personalersparnis durch die Einführung

der Knorrbremse betraͤgt jaͤhrlich ro0 Millionen Mark. Auch in der
Nutzlast der Züge sind erhebliche Verbesserungen um rund 2596 er⸗
reicht worden. Die Reisezeit eines Güterzuges von Berlin nach Köln
hat sich von 29 auf 15 Stunden verringert. Von Köln nach Hamburg
fahren die Eilgüterzüge statt 281/, nur noch 120/, Stunden. Zwischen
Bentheim und Leipzig ist die Zahl der Stunden von 25 auf 18 ge⸗
sunken. Auf dem Gebiet des Personenverkehrs sind ebenfalls wichtige
Rationalisierungsarbeiten durchgeführt worden. Die Reichsbahn führt
seit dem 7. Oktober 1928 nurmehr zwei Klassen: eine Holzklasse und
eine Polsterklasse. 620/, sämtlicher Reisenden fuhren IV. Klasse. Die
Führung der III. Klasse hat sich daher als unrationell erwiesen. Da
der Unterschied zwischen der J. und II. Klasse hinsichtlich der Ausstattung
geringfügig ist, glaubte die Reichsbahn auch hierin vereinheitlichen zu
können. Ferner haben die Lokomotiven gegen früher eine um 420
erhöhte Zugkraft, so daß es der Reichsbahn moͤglich ist, mit 22 o0o
Lokomotiven gegenüber 27 ooo vor dem Kriege auszukommen, wobei
freilich berücksichtigt werden muß, daß heute weniger Züge gefahren
werden als in der Vorkriegszeit. Ebenso fortgeschritten wie der Loko⸗
motivbau ist auch der Bau von Güterwagen: Die Ladefaähigkeit des
gesamten Güterwagenparks beträgt annähernd 11 Millionen
Tonnen, das bedeutet gegenüber der Vorkriegszeit eine Steigerung
um 3695. Sehr weitgehend ist bei der Reichsbahn auch die Ver⸗
wendung psychotechnischer Prüfungsmethoden. In ihrem psycho⸗
technischen Institut in Eichkamp bei Berlin sind bisher rund 50000
Anwaͤrter für 20 verschiedene Dienstzweige geprüft worden. Die
Versuche erstrecken sich auf Geistesgegenwart, Konzentrationsver⸗
        <pb n="107" />
        104

A. Tatsachen
mögen, Auffassungsgabe und Handfertigkeit. Die Prüfung selbst
erfolgt erfreulicher Weise in engster Zusammenarbeit mit den Ge⸗
werkschaften.

Die Rationalisierung der Reichspost ist vor allem auf dem Wege
der Konzentration vor sich gegangen. An Stelle von 36 Bezirkswerk⸗
staͤtten hat die Post in den letzten Jahren fünf Hauptwerkstätten ein⸗
gerichtet. Eine große Anzahl selbstaͤndiger kleinerer Fernsprechämter
sind zu groͤßeren Amtern zusammengefaßt worden. Auch die Auto⸗
matisierung der Fernsprechämter schreitet rasch voran. Ebenso hat die
Automatisierung des Postverkehrs und die Verbesserung im Kabelbau
zu wesentlichen Ersparnissen bereits geführt, die zum Teil der Normung
zu verdanken sind. So ist beispielsweise die Zahl von 1360 der bisher
verwendeten Kabel in der letzten Zeit auf z00 herabgemindert worden.

b) Die Staatswirtschaft

Innerhalb der Staatswirtschaft kommen als Anwendungsgebiete
für die Rationalisierung die drei großen Zweige der Gest etzgebung,
der Verwaltung und der Gerichtsbarkeit in Frage. Die Aus—
gaben hierfür stellen eine außerordentliche Belastung der Steuer⸗
zahler, insbesondere der Wirtschaft dar. Ihre Niedrighaltung liegt
deshalb im Interesse eines jeden einzelnen. Der seit mehreren Jahren
immer dringlicher erschallende Ruf nach Verwaltungsreform bedeutet
im wesentlichen nichts anderes, als die Forderung, auch im oͤffentlichen
Leben Deutschlands den Gedanken der Wirtschaftlichkeit zur Geltung
zu bringen, den Reibungskoeffizienten innerhalb der Staatswirt⸗
schaft (der Wirtschaft des Reichs, der Laͤnder, der Gemeinden) herab⸗
zusetzen, jede Kraft⸗, Stoff⸗ oder Zeitvergeudung im öffentlichen Leben
nach Möglichkeit zu vermeiden. Dabei soll nicht geleugnet werden, daß
sich mit den materiellen Interessen, die auf eine Rationalisierung der
Staatswirtschaft draͤngen, auch starke ideelle und politische Wünsche
verbinden, Bestrebungen, die darauf abzielen, den alten deutschen
Streit der Staͤmme untereinander und gegeneinander durch eine
        <pb n="108" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 6. Die öffentliche Wirtschaft 105
Staärkung der zentralen Gewalt wo nicht gänzlich auszuräumen, so
doch wesentlich zu mildern, durch eine, Verreichlichung“ der öffentlichen
Wirtschaft die Geschlossenheit des Reiches nach innen und außen zu
vermehren. Welches sind die in den vielfachen Wünschen nach
Rationalisierung der Staatswirtschaft erstrebten Ziele?

aa) Die politischen Reformpläne

Das Deutsche Reich umfaßt heute 18 Länder. Betrachtet man die
tatsächliche und potentionelle Stärkung des Reiches gegenüber den
Ländern genauer, so kann man zwar darüber im Zweifel sein, ob das
Deutsche Reich noch ein Bundesstaat im früheren Sinne ist. — Die
Weimarer Verfassung hat zweifellos eine Annäherung an den Ein⸗
heitsstaat gebracht. Von seiner Durchführung kann jedoch bisher
keine Rede sein. Gerade diese Halbheit aber hat nun einen lebhaften
Kampf der Meinungen ausgelöst. Die einen wollen den Weg wieder
zurückgehen zum alten Bundesstaat, die anderen wollen den Einheits⸗
staat mutig vollenden, die Dritten betrachten den gegenwärtigen Zu⸗
stand als die endgültige Lösung überhaupt, die Vierten wagen lediglich
einen weiteren Schritt in der einen oder anderen Richtung, ohne jedoch
den betretenen Weg zu Ende zu gehen. Dementsprechend legen die
einen den Nachdruck auf die territoriale Neugliederung, die anderen
auf die Neuverteilung der Zuständigkeiten zwischen Reich und Ländern.
Die radikalste aller territorialen Forderungen zielt auf die restlose
Verwirklichung des Einheitsstaates ab. An die Stelle der Länder
sollen Verwaltungsprovinzen treten, die vom Reich aus verwaltet
werden. Etwas weniger weitgehend sind die Vorschläge derjenigen,
die einen Doppelstaat aus Nord⸗ und Süddeutschland schaffen wollen
oder einen Dreistaat aus Nord⸗, Süd⸗ und Mitteldeutschland. Andere
Vorschlãge wollen unter enger Anlehnung an das geschichtlich Ge⸗
wordene nur einige kleinere Länder verschwinden lassen. Die am
wenigsten weitgehenden Reformpläne begnügen sich mit der Forde—⸗
rung nach Abschaffung der Länderexklaven (Gebietsausschlüsse), deren
        <pb n="109" />
        1o6b
Zahl rund 200 beträgt, und mit Vorschlägen zu Grenzberichtigungen
unter vorwiegend wirtschaftlichen Gesichtspunkten.

Betrachtet man die Groͤße der einzelnen Länder hinsichtlich der
Fläche wie der Bevölkerungszahl, so wird man zu der Überzeugung
kommen, daß hier allerdings eine Rationalisierung dringend erforder⸗
lich ist. Preußen umfaßt als das größte Land ä/, der Gebietsfläche
des Deutschen Reiches. Diesem Land gegenüber stellen kleinere
Staaten, wie Lippe, Schaumburg⸗Lippe, Mecklenburg⸗Strelitz usw.,
Zwerggebilde dar, deren selbständige Verwaltung politisch eine Gro⸗
teske, wirtschaftlich aber eine schwere Belastung der Steuerzahler der
betreffenden Laͤnder darstellt. Die Aufrechterhaltung der kleinsten
Länder wird deshalb auch von jenen politischen Kreisen heute nicht
mehr gestützt, die bisher grundsätzlich das staatliche Eigenleben der
Länder erhalten wissen wollten. Aber auch bei den sonstigen kleinen
Staaten, wie Anhalt, Braunschweig, Oldenburg, Mecklenburg⸗
Schwerin, kann man zweifelhaft sein, ob ihre von der Bevölkerung
aus politischen Gründen heute noch gewünschte Souveränität auf die
Dauer wirtschaftlich tragbar erscheint. Es ist von dem Reichssparkom⸗
missar ermittelt worden, daß das Ministerium in Preußen auf den
Kopf der Bevölkerung 48 Pfennig, in Braunschweig dagegen 1,32 M.
an Unkosten verursacht. Der Landtag kostet in Preußen auf den
Kopf der Bevölkerung 15 Pfennig, in Braunschweig 50 Pfennig, die
Vertretung im Reichsrat in Preußen!/, Pfennig pro Kopf, in Braun⸗
schweig 13 Pfennig. Das statistische Landesamt verursacht in Braun⸗
schweig 9 Pfennig, in Preußen 2 Pfennig Unkosten pro Kopf. Es ist
weiterhin festgestellt worden, daß bei einer Vereinigung von Preußen
und Braunschweig an Amtern und Behörden in Braunschweig fort⸗
fallen könnten: Der Landtag, das Staatsministerium, die Vertretung
beim Reichsrat, das Landesdomänenamt, Landesforstamt, Landes⸗
bergamt, die Rechnungskammer, das Landesgrundsteueramt, die
Landesbauverwaltung, Landesökonomiekommission, das Landes⸗
gewerbeaufsichtsamt, Landesmedizinalkollegium, Landesjugendfür⸗

A. Tatsachen
        <pb n="110" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 6. Die öffentliche Wirtschaft 107
sorgeamt, Oberversicherungsamt, Versorgungsgericht, Oberlandes⸗
gericht, der juristische Berufungsausschuß und die Zeitschrift für Rechts⸗
fragen. Das gleiche würde cum grano salis auch für die übrigen
kleinen Länder gelten. Es liegt fernerhin in der Natur der Sache,
daß die Kosten der persönlichen Ausgaben im Verhaͤltnis zu den sach⸗
lichen mit der Kleinheit der Länder steigen. So betragen die persön⸗
lichen Kosten in Preußen z. B. nur etwa 3090, in Bayern und Sachsen
459, in den Kleinstaaten aber zwischen 60 und 700 der sachlichen
Ausgaben. Was aber die Notwendigkeit territorialer Neuregelung
bei den Gebietsausschlüssen anbelangt, so sei darauf hingewiesen, daß
ein Viertel der Eyxklaven unbewohnt, ein weiteres Viertel mit bis zu
100o Einwohnern bewohnt ist. Mehr als die Hälfte aller Gebietsaus⸗
schlüsse (insgesamt 56) setzt sich aus kleinsten Gebietssplittern mit ins⸗
gesamt nicht mehr als 2351 Einwohnern zusammen, die vom „Mutter⸗
lande“ mit relativ unerhört hohen Kosten verwaltet werden müssen.
So z. B. darf in der in der Nähe des Bodensees gelegenen preußischen
Exklave Achenberg, die von württembergischem und bayerischem Gebiet
umgeben ist, der bayerische Schornsteinfeger aus Lindau, der einen
Anmarsch von nur einer Stunde hätte, die preußischen Schornsteine
nicht fegen, sondern in Wahrung der preußischen Souveränität ledig⸗
lich der Schornsteinfeger aus Sigmaringen nach fünfstündiger Eisen⸗
bahnfahrt und einem gehörigen Fußmarsch. Es ist erfreulich, daß vor
kurzem sich die Länder Sachsen und Thüringen entschlossen haben,
einen Staatsvertrag über den Gebietsaustausch ihrer wechselseitigen
Exklaven abzuschließen und damit den Beginn zu dem vom Standpunkt
der Verwaltungs⸗ wie der Wirtschaftsreform gleich notwendigen
Schritt auf dem Wege zur territorialen Vereinheitlichung zu tun.

Mit den territorialen Reformvorschlägen eng verknüpft sind die
Forderungen bezüglich der Neuverteilung der Zuständigkeit zwischen
Reich und Landern. Ein Teil der öffentlichen Meinung Deutschlands
setzt sich dafür ein, die Machtbefugnisse, die den Ländern durch die
Weimarer Verfassung genommen und auf das Reich übergegangen
        <pb n="111" />
        08

A. Tatsachen
sind, auf die Länder zurückzuübertragen. Mindestens aber wird von
dieser Seite verlangt, daß das Reich seinen Wirkungskreis gegenüber
den Ländern nicht noch weiter ausdehnt. Diesen Wünschen steht auf
der anderen Seite die Forderung gegenüber, die Laͤnder mit ihren
Parlamenten und Befugnissen gänzlich abzuschaffen. Dazwischen
findet sich eine nahezu unübersehbare Fülle von Kompromißvor⸗
schlägen, die sich dem einen oder dem anderen Standpunkt nähern,
ohne ihn völlig zu teilen. Unter dem Gesichtswinkel der Ratio⸗
nalisierung, unter ökonomischen Blickpunkten gesehen, interessiert an
diesen sehr stark politisch verursachten Reformvorschlägen vor allem
die wirtschaftliche Wirkung, die ihre Durchführung im Gefolge haben
könnte. In diesem Zusammenhang wird es insbesondere darauf an⸗
kommen, die Aufgabengebiete jeder Verwaltungseinheit klar abzu⸗
grenzen, um damit Doppelarbeit zu vermeiden und den behördlichen
Apparat auf das wirtschaftlich notwendige Mindestmaß zu beschraänken.
Die Überorganisation, vor allem aber die Uberschneidung zwischen den
Reichs⸗, Laͤnder⸗, und Gemeindebehörden, die auf zahlreichen Ge—
bieten der öffentlichen Verwaltung in Deutschland heute noch besteht,
verträgt sich nicht mit dem Gebot größtmöglichster Sparsamkeit, dem
Haupt⸗ und Grundgesetz aller Rationalisierung.

bb) Die wirtschaftlichen Reformplaͤne

Soweit die erwähnten politischen Reformpläne wirtschaftlich be⸗
deutungsvoll sind, sind sie naturgemäß auch Gegenstand der wirt⸗
schafts politischen Diskussion. Die deutsche Wirtschaft hat sich von
ihrem Niederbruch während der Kriegszeit und dem ersten Nachkriegs⸗
jahr zwar im wesentlichen erholt, ihre Erholung wird jedoch durch die
steigende öffentliche Ausgabenlast, die in Form von Steuern und
sonstigen Abgaben mittelbar oder unmittelbar von ihr getragen
werden muß, ernstlich gefaͤhrdet. Die öffentlichen Lasten bilden einen
Teil der Gestehungskosten aller Waren, deren Preis sie entsprechend er⸗
höhen. Damit erschweren sie den Wettbewerb deutscher Waren im
        <pb n="112" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 6. Die öffentliche Wirtschaft 109
Ausland und sind ein Hemmnis für den Preisabbau. Aus diesem
Grunde erhebt nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Gesamtheit
der Steuerzahler die Forderung nach Senkung der öffentlichen Aus⸗
gaben in Reich, Ländern und Gemeinden.

Als Mittel zur Beseitigung dieses Übelstandes wird vor allem die
wirtschaftlichere Gestaltung der oͤffentlichen Körperschaften, der Abbau
von Behoͤrden, von Beamten wie von Aufgaben, die Beseitigung der
behördlichen Doppelarbeit, Vereinfachung der Behordengliederung,
Vereinheitlichung der Steuer⸗ und Verwaltungsgesetze, Dezentrali⸗
sierung der Verwaltungsgeschäfte und dergleichen verlangt.

Von den Aufgaben der Verwaltungsreform, die ohne poli⸗
tische Schwierigkeiten alsbald in Angriff genommen werden können,
steht die Vereinheitlichung der Behördenorganisationen im gesamten
Reiche voran. In jedem Lande zeigt der Behoͤrdenaufbau heute ein
anderes Gesicht. Die unmittelbare Folge davon ist, daß auch das
gesamte mit den Behörden zusammenhängende Verwaltungsrecht
in jedem Lande besonders geregelt ist. Diese Buntscheckigkeit des
gesamten Verwaltungsrechtes lost eine Unsumme von unproduktiver
Doppel⸗ und Mehrarbeit aus, die bei gutem Willen der Länder un⸗
schwer beseitigt werden kann.

Das gleiche gilt auch für die wirtschaftlichere Gestaltung der Ver⸗
waltungsbezirke, die sich heute noch vielfach überschneiden. Überblickt
man die Zentralstellen auch nur der nach⸗ und übergeordneten Reichs⸗
behörden, so ergibt sich bereits ein mannigfaltiges und schwer über⸗
sehbares Bild von der behördlichen Gliederung des Reiches. Wir

haben Landesfinanzämter und Landesarbeitsämter, Oberpostdirek⸗
tionen und Eisenbahndirektionen, deren Bejirke sich untereinander aus
historischen oder sonstigen Gründen raͤumlich meist nicht decken. Diese
Verschiedenartigkeit setzt sich in den unteren Behörden (Finanzämter,
Arbeitsämter usw.) fort und führt zu Reibungen zwischen den Be⸗
hörden untereinander wie zwischen Behörden und Publikum. Bedenkt
man, daß diese gesamte Gliederung des Reiches nun wieder mit den
        <pb n="113" />
        1710

A. TDatsachen
inneren Verwaltungsbehörden der Lander, der Provinzen, der Kreise
usw. konkurrieren, so wird man die von den verschiedensten Kreisen der
Wirtschaft immer wieder betonte Dringlichkeit der Neuregelung der
Behördenzuständigkeit zugeben müssen.

Eine wesentliche Ersparnis der öffentlichen Ausgaben könnte ferner⸗
hin durch die Verminderung der Zwerggemeinden erreicht werden.
Das Reich umfaßt insgesamt 63 580 Einzelgemeinden und 8oo Ge⸗
meindeverbaände. Fast 12 ooo Gemeinden sind kleine Zwerggemeinden
unter 100 Einwohnern und weitere 33 740 Gemeinden, über 509
saͤmtlicher Gemeinden, zählen nur 100—500 Einwohner. Es ist nahe⸗
liegend, daß die Leistungsschwäche vieler dieser kleinen Gemeinden
sie an der rationellen Erfüllung öffentlicher Aufgaben hindert oder
doch ihre Durchführung merklich beeinträchtigt. Es sei in diesem
Zusammenhang nur an den Wegebau erinnert, der in den ländlichen
Gemeinden die wichtigste wirtschaftliche Aufgabe ist. Die Vereinigung
kleiner Gemeinden zu wirtschaftlich leistungsfähigen Gebilden ist
daher gleichfalls eine der wichtigsten Aufgaben innerhalb der Verwal⸗
tungsreform. Ihr Gegenstück bilden die schon durchgeführten oder
noch durchzuführenden Eingemeindungen zu Riesengemeinden, wie sie
vor allem im rheinisch⸗westfälischen Industriebezirk seit einiger Zeit
vorgenommen werden.

Auch auf dem Gebiete des behördlichen Beschaffungswesens
ist in den letzten Jahren eine gewisse Rationalisierung erfolgt. So ist
es z. B. gelungen, durch Zentralisierung der Glühlampenbeschaffung
und Aufstellung von Normen saͤmtliche Reichsbehörden zu 5895 vom
Handelspreis zu beliefern. Gleichzeitig ist durch die Normalisierung
die Kontrolle der Lieferungen durch das Reichstelegraphenbauamt
wesentlich erleichtert worden. Die einheitliche Brennstoffbeschaffung
für Berlin hat im vergangenen Winter etwa 100 ooo M., bei den
Landesfinanzämtern durchschnittlich noch mehr erspart. Die zentrali⸗
sierte und normierte Schreibmaschinenbeschaffung nur für eine Reichs⸗
behörde, die Reichsabgabenverwaltung, hat in einem Jahr rund
        <pb n="114" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 6. Die öffentliche Wirtschaft 111
117 ooo M. Ersparnis ergeben. Derartige Beispiele ließen sich un⸗
schwer vermehren.

Freilich läͤßt sich die Frage der technischen Vereinheitlichung des
offentlichen Bedarfs von der Frage der politischen Verwaltungs⸗
reform nicht trennen. Es ist deshalb nicht weiter verwunderlich, daß
die Länder und Gemeinden, auf die Wahrung ihrer politischen
„Souveranität“ heute immer noch eifersüchtig bedacht, der Vereinheit⸗
lichung des behördlichen Beschaffungswesens im allgemeinen lebhaften
Widerstand entgegensetzen. Das gleiche gilt für einzelne Teile der
Wirtschaft, vor allem das dezentral orientierte Handwerk und den
Einzelhandel. Daß der Protest der Hersteller und des Handels gegen
die Vereinheitlichung im behördlichen Beschaffungswege einen ekla⸗
tanten Widerspruch zu der Forderung nach kaufmannisch⸗wirtschaft⸗
licher Handhabung der Verwaltung und Minderung der öffentlichen
Ausgaben bedeutet, die gerade von diesen Kreisen besonders dringlich
und laut erhoben wird, wird leider noch recht selten erkannt.

Schließlich mag noch darauf verwiesen werden, daß eine große
Reihe von Verwaltungsaufgaben und damit auch von Verwaltungs⸗
stellen überflüssig werden würde, wenn die Gesetzgebung rationalisiert,
die Fülle von Gesetzen und Verordnungen vermindert werden könnte.
Man muß es dem Leiter der Gesetzgebungsabteilung des Reichsjustiz⸗
ministeriums, Ministerialdirektor Dr. S chlegelberger, danken, daß
er in dieser Hinsicht als Vorkaͤmpfer in die Schranken getreten ist. Er
hat die Rationalisierung der Gesetzgebung öffentlich mit der
—EDDD Arbeitsrad
ohne Ruhepause in höchster Geschwindigkeit kreist ... Die Arbeits⸗
wut ist, wie mir scheint, eine europäische Krankheit, und zwar eine
anstedende und sehr gefaͤhrliche Krankheit. Sie mit allen Mitteln
zu bekämpfen, sollte die Reichsregierung sich zum Ziele setzen. Gegen⸗

waͤrtig ist es so, so grotesk es küngt, daß die Arbeit nicht genügend vor⸗
waͤrts dringt, weil zuviel gearbeitet wird“. Rationalisierung der

Gesetzgebung, Verlag Franz Vahlen.) Man muß Schlegelberger auch
        <pb n="115" />
        112

A. Tatsachen
beipflichten, wenn er behauptet, daß die Arbeitswut nicht nur Folge,
sondern auch Ursache unserer maßlosen Gesetzesproduktion sei. Die
Betriebsamkeit, die sich nicht nur in der Verwaltung selbst, sondern
auch in der Wirtschaft, im Hinblick auf die Vorbereitung und An⸗
ordnung von Gesetzgebungsaktionen oder Verordnungen bemerkbar
macht, bezeichnet Schlegelberger als den Feind einer guten Gesetz⸗
gebung. Er empfiehlt der Reichsregierung, zunaͤchst einmal mit der
Rationalisierung der Arbeit in den Ministerien selbst ernst zu machen
und diese Behörden am Nachmittag geschlossen zu halten.

Auch an dem Gang der Gesetzgebung übt Schlegelberger be⸗
merkenswerte Kritik. Er zeigt die Gefahrenquellen, die in den ein⸗
zelnen Stadien des Gesetzgebungswerkes vorhanden sind: in Vor⸗
besprechungen mit der Wirtschaft (in Wirklichkeit der Wirtschafts⸗
bůrokratie), der Vorberatung im Reichswirtschaftsrat, den Ausschuß⸗
beratungen im Reichsrat und Reichssstag. Die Hauptursache, die
„wahrhaft erschreckende Zeitvergeudung“ bei diesen Beratungen, sieht
er in der Tatsache, daß in den Ausschüssen neben den wirklich arbeiten⸗
———
lich die Aufgabe haben, mitzustimmen, um für ihre Gruppe ein ent⸗
sprechendes Gewicht in die Wagschale zu werfen. Für den Reichstag
schlägt Schlegelberger vor, daß jede Fraktion nur einen Stimmführer
und dessen Stellvertreter entsenden soll, mit der Maßgabe, daß der
Stimmführer die seiner Fraktion zustehenden Stimmen abzugeben
hat. An weiteren positiven Vorschlägen zur Rationalisierung der
Gesetzgebung nennt er in erster Linie die Erhebung des Reichsjustiz⸗
ministeriums zu einem Gesetzgebungsministerium mit dem Ziele,
saͤmtliche Gesetzgebungsentwürfe aus anderen Ministerien oder aus
dem Reichstag oder Reichsrat durch das Reichsjustizministerium unter
dem Gesichtspunkt der Gesamtgesetzgebung nachprüfen zu lassen. Um
dies zu erreichen, wird dem Reichsjustizministerium die Aufgabe gestellt,
einen Kabinettsbeschluß über die Beschraͤnkung der Gesetzgebungs⸗
arbeiten vorzubereiten, mit den wirtschaftlichen Organisationen in der
        <pb n="116" />
        V. Anwendungsgebiete der Rationalisierung — 6. Die offentliche Wirtschaft 113
gleichen Richtung Fühlung zu nehmen, einen dauernden Gedanken⸗
austausch zwischen Gesetzgebung und Verwaltung herbeizuführen und
sich mit dem Präsidenten und den Parteien des Reichstags über die
Einschraͤnkung gesetzgeberischer Vorschläge und die Neugestaltung der
Ausschußberatungen in Verbindung zu setzen. Das Reichsjustiz⸗
ministerium soll weiter zu allen Gesetzgebungsarbeiten frühzeitig her⸗
angezogen werden und berechtigt sein, einem Gesetzgebungsplan mit
der Wirkung zu widersprechen, daß das Reichskabinett darüber zu be⸗
schließen hat.

AUber das Ausmaß der Ersparungen, die durch derartige Verwal⸗
tungsreformen praktisch erzielt werden können, gehen die Meinungen
freilich weit auseinander. Legt man die Erfahrungen zugrunde, die in
Baden, Bayern, Sachsen, Thüringen, Hessen und Braunschweig bei
Gelegenheit von einzelnen Verwaltungsreformen gemacht worden
sind, so wird man sich keinem zu großen Optimismus hingeben dürfen.
Jedenfalls hat sich gezeigt, daß die Ausgabenerhöhungen in diesen
Landern die Ersparnisse bisher oft um ein Vielfaches überstiegen haben.
Man kann es verstehen, daß die Wirtschaft aus diesem Grunde über
die Verwaltungsreform hinaus auch auf die Drosselung der sächlichen
Ausgaben der oͤffentlichen Hand, in erster Linie der außerordentlichen und
einmaligen Ausgaben, draͤngt vor allem auch auf die Beschraänkung der
fortlaufenden allgemeinen Bewilligungen an Dotationen und Sub⸗
ventionen. Die Vorschläge über die Machtbefugnisse, mit deren Hilfe

derartige grundlegende Reformen herbeigeführt werden sollen,
weichen freilich unter einander vorerst noch sehr erheblich ab. So wird
von maßgebender wirtschaftlicher Seite eine Senkung der Ausgaben
von Reich, Landern und Gemeinden erst auf die Höhe des Vorjahres
und später auf 9o 0/, oder sogar do o/, der Ausgaben des Jahres
1925 gefordert. Um dies zu erreichen, soll den Regierungen oder den

Finanzministern, der Aufsichtsbehörde oder der Exekutive in den

Selbstverwaltungen ein finanzielles Vetorecht bei der Verabschiedung

der Haushaltsplaͤne eingeräumt und die Finanzgebarung allgemein
Rauecker
        <pb n="117" />
        174

A. Datsachen
einer verschärften Aufsicht unterstellt werden. Der Verwirklichung
naͤher stehen die Pläne, die gleiche oder aͤhnliche Ergebnisse lediglich
durch die freiwillige Selbstbeschränkung der Parlamente erreichen
wollen. Es sei in dieser Beziehung an die UÜbung im englischen
Unterhaus erinnert, wo der Speaker Anträge auf Ausgaben, die über
die Regierungsvorschläge hinausgehen, nicht zuläßt. Ferner steigt
der Gedanke auf, gewisse Ausgabenbewilligungen von einem quali⸗
fizierten Mehrheitsbeschluß abhängig zu machen. Ernstere Beachtung
findet auch der Vorschlag, die Senkung der Ausgaben nicht von der
Ausgabe⸗, sondern von der Einnahmeseite her durch Senkung der
Steuern zu erzwingen.

Die Regierungen des Reiches und der Laͤnder als die in erster Linie
zur Verfassungs⸗ und Verwaltungsreform berufenen Stellen haben
bisher nur einmal auf der Länderkonferenz im Januar 1928 in Berlin
zu den grundlegenden Fragen der Verfassungs⸗ und Verwaltungs⸗
reform Stellung genommen. Neben einem finanzpolitischen Aus—
schuß wurde hierbei ein Ausschuß für Verfassungs⸗ und Verwaltungs⸗
reform eingesetzt.
        <pb n="118" />
        B. Betrachtungen
Die Organisationsformen der Wirtschaft werden ebenso wie die
übrigen gesellschaftlichen Erscheinungen entscheidend beeinflußt von
der geistigen Gesamthaltung ihrer Zeit. Auch die Rationalisierung
berspricht demnach nur Bestand, wenn sie der geistigen Gesamthaltung
unserer Epoche entspricht. Im nachfolgenden soll an einer Parallele
zwischen den Grundlinien der drei großen tragenden geistigen Mächte:
Religion, Ethik und Kunst und dem geistigen Gehalt der Rationa—
lisierung gezeigt werden, ob und inwieweit dies der Fall ist.

J. Rationalisierung und Religion
Am allerersten wird die Rationalisierungsbewegung in Überein⸗
stimmung mit jenen geistigen Strömungen gebracht werden können,
die Geist von ihrem Geiste sind: mit dem Rationalismus als
Weltanschauung und Religionsinhalt. Ein kurzer Aufriß der
geistesgeschichtlichen Entwicklung in dem Rationalisierungslande par
excellence, in den Vereinigten Staaten, wird dies erweisen.

Die Geistesgeschichte der Vereinigten Staaten ist die Geschichte
des kalvinistisch⸗puritanischen Geistes und seiner Verwandlungen.
Als die frommen Pilgerväter der Mayflower im Jahre 1620 in
Massachusetts landeten, wurden sie von zweierlei Beweggründen zu
ihrer kolonisatorischen Sendung getrieben, von einem religiösen und
einem ökonomischen, von dem entschlossenen Willen der aus den
Kirchenverbänden ausgestoßenen Rechtgläubigen, im neuen Lande
ein Leben in Gott noch einmal von vorn zu beginnen, und von der ent—
        <pb n="119" />
        116
schiedenen Absicht, der von Grund und Boden ausgeschlossenen, über⸗
zaͤhligen, landflüchtigen Siedler, sich in der Fremde wieder zu er⸗
obern, was die Heimat ihnen versagt hatte. Angst um das ewige
Seelenheil und das Streben nach dem größtmöglichsten Gewinn sind
demnach die Wurzeln der amerikanischen Kolonisation.
Beide Motive wirken gleichermaßen auf die Mentalität der Kolo⸗
nisatoren ein. Der kolonisatorische Lebensstil setzt „strengste Abkehr
von allen rein innerseelischen Bewegungen und Bewegungsantrieben
voraus und unterbindet jedes müßige Gedankenspiel, jede weltent⸗
hobene Träumerei, jede zweckfreie Besinnlichkeit, wodurch ein älterer
Gesellschaftskörper, wenigstens in einzelnen begünstigten Repraͤsen⸗
tanten seine produktive Seelenkraft frisch in Fluß erhält“ x). Der
Puritanismus lehrt die Abtötung aller irrationalen Triebe, „der
geilen Schößlinge der Natur“. In ihnen läge die Versuchung, in
der Regelung, Bändigung, Ordnung des Lebens, in der Ratio da⸗
gegen das Heil. Alles, was ihnen schädlich werden könnte, wird unter⸗
sagt: Spiel, Tanz und Theater. Die Sonntagsheiligung wird rück⸗
sichtslos durchgesetzt. Die Vorhänge dürfen nicht zurückgezogen wer⸗
den, wenn die Sonne scheint — „eine Sitte, die heute auch noch bei
Nichtpuritanern besteht“ xx). Das Tragen bunter Kleider ist verboten
so gut wie der Genuß später Mahlzeiten. Die Sinnenfreuden, die sie
bringen, könnten gleichermaßen die Seele wie die Tüchtigkeit in Ge⸗
fahr bringen. „Aus dem gleichen Grunde wird der Glaube an die
Hölle genaährt.“ Die moderne amerikanische Gesellschaft neuenglischer
Prägung ist bis in die neueste Zeit nicht nur in der Theorie, sondern
auch in ihrem praktischen Verhalten vom Glauben an die Hölle be⸗
einflußt xxx). Niemals sollen die Pioniere des Landes vergessen,
daß jeder Fehltritt, jeder Müßiggang sie an die Grenzen des Sünden⸗

B. Betrachtungen

2) Leopold Ziegler, Amerikanismus und Kolonisation in „Zwischen Mensch
und Wirtschaft“, S. 211/ 12, Verlag Reichel, Darmstadt 1926.
*x) M. J. Bonn, Geld und Geist, Verlag S. Fischer, Berlin, 1927, S. x13.
xxx) M. J. Bonn, a. a. O., S. 114.
        <pb n="120" />
        J. Rationalisierung und Religion 117
falls bringt, hinein in jene Seen „gefüllt mit glühendem Bimsstein
und endloser Qual“. Eine „Welle von Trübsinn ging über fast jedes
Herz nieder, Jugend und Liebe wurden heuchlerisch und verstohlen“*).

Es ist verständlich, daß die Nachkommen der Pilgervaͤter, die eine
so schwere Lebenslast auf sich genommen hatten, die Rationalität
ihrer Lebensführung wenigstens in religiöser Hinsicht zu irrationa⸗
lisieren suchten, indem sie zur Sanktionierung des Siedlungs⸗
gedankens schritten und ihre Pflichterfüllung heilig sprachen. Der ein⸗
traͤglichste Beruf wird nunmehr zum Gott wohlgefälligsten, die Ver⸗
mögensbildung zur sakramentalen Segnung. Läßt der Erfolg auf
sich warten, so zeugt dies von mangelnder Heiligung, von unzurei⸗
chender Teilhabe an der Gnade Gottes. Der Erwerb von Geld und
immer wieder Geld unter strengster Vermeidung alles unbefangenen
Genießens, „so rein als Selbstzwed gedacht, daß es als etwas gegen⸗
uüber dem „Glück“ oder dem Nutzen' des einzelnen Individuums
jedenfalls gaͤnzlich Transzendentes und schlechthin Irrationales er⸗
scheint· (Max Weber) ist das oberste, geheiligte Gesetz dieser ratio⸗
nalistischen Ethik.

Von dieser — wenn der Ausdruck gestattet ist — Metaphysik des
Erwerbs zur Sanktionierung der hierbei angewandten Methoden
ist nur noch ein Schritt. Ist das Ertragsstreben und der Ertrag ge⸗
heiligt, so sind es naturgemäß auch die Wege, die dahin führen, sind
es die Maschinisierung und Arbeitsteilung, ist es die Zusammen⸗
fassung beider in einer wissenschaftlichen Arbeitsorganisation, dem
„gcientific Management“. Damit aber sind wir bei F. W. Taylor,
dem Erfinder der wissenschaftlichen Betriebsführung, der Anwendung
der technischen Vernunft auch auf den Arbeitsvorgang angelangt. Die
Grundsaͤtze seines Systems sind bekannt. Wir können es uns sparen,
seine Methoden hier ausführlich wiederzugeben. Gottl⸗ Ottlilien—
feld hat den Taylorismus auf die sehr richtige Formel gebracht:
Hamuin Garland, Ason of the Midale Border, S. 97 / 98, uitiert bei
Bonn, S. 116.
        <pb n="121" />
        118

B. Betrachtungen
„Organisch⸗zwangslaufige Bestgestaltung der ausführenden Arbeit im
Betrieb“ x). Ihre Durchführung wird in Arbeitsbüros, dem Hirn
und Herz des Taylorbetriebes vorgedacht, die Normung aller Hand⸗
griffe und Arbeitsmittel dort vorbereitet, Zeit⸗ und Bewegungs⸗
studien zerlegen die Arbeit in ihre Elemente. Ihre Auswertung in
der Praxis erfolgt durch „Funktionsmeister“, von denen der erste die
Anlernung, den „Drill“, der zweite das Arbeitstempo, der dritte die
Bereitstellung der Werkzeuge, das Einrichten und Instandhalten der
Maschinen zu überwachen hat. „Über diese gleichsam lebende Trans⸗
mission hinaus hangt jeder einzelne Arbeiter wieder am Arbeits⸗
büro, als der zentralen Triebwelle; um sie herum drehen sich nun
diese Menschenleiber mit der Präzision eines Uhrwerks *xx).“

Lautet der Leitsatz der technischen Vernunft: „Handle stets mit dem
vergleichsweise mindesten Aufwand“, so stellt der Taylorismus ihren
Kulminationspunkt dar. Produktions⸗ und Arbeitsorganisation wer⸗
den nicht müßig, Wege und Möglichkeiten zur Verbesserung des
Produktionsvorganges nach dem Gesetz des geringsten spezifischen
Aufwandes ausfindig zu machen. Verschwendung wird zum Betriebs⸗
vergehen, Vergehen an der technischen Überlieferung zur Sünde.
Rationale Technik ist das immerwährende Gebot der Stunde. Die
Maxrimalleistung ist der Götze, um welchen der Erfindungsgeist der
disponierenden Personen rotiert. Das Höchstergebnis wird heilig
gesprochen.

Man fühlt, wie unmittelbar diese tayloristische Arbeitsethik mit
der kalvinistisch⸗puritanischen Erfolgsmetaphysik in Einklang steht.
Calvin und die Puritaner hatten das berufliche Erfolgsstreben zur
Gott gefälligen Handlung, zum Gottesdienst, emporgesteigert; Taylor
zieht nur die logische Folgerung daraus, wenn er neben und gleich⸗
zeitig mit dem kapitalistischen Erfolg nun auch den rationalen Weg
zu ihm sanktioniert.

x) Gottl⸗Ottlilienfeld, Fordismus? Verlag Gustav Fischer, Jena 1925, S. 4.

xx) Gottl⸗Ottilinfeeld, a. a. O. S. 5.
        <pb n="122" />
        J. Rationalisierung und Religion

119
Auch die Herkunft des zweiten Vorkämpfers und Heroen der
amerikanischen Rationalisierungsgeschichte Henry Fords, aus dem
Geiste des Puritanismus, läßt sich nachweisen. Waͤhrend Taylor in
der Sanktionierung der Maximalleistung verfangen bleibt, geht
Old Henry einen Schritt weiter zur Heiligung der Optimal⸗vLeistung.
Die Herstellung eines Produkts, so lehrt er, rechtfertigt sich nur, wenn
und insoweit sie einem gesellschaftlichen Bedürfnis entspricht, unbe⸗
dingt vervielfältigt und also allen zugänglich gemacht und von ihnen
erworben werden kann. Auf diesem Leit- und Grundsatz fußt seine
gesamte Geschäftspraxis. Sie strebt nach dem „richtigen“ Produkt,
dessen Typus niemals veralten kann, weil in ihm das Höchstmaß
technischer Vernunft vergegenständlicht wird. Dieser Typus läßt
einen ununterbrochenen Strom der Massenproduktion zu, dessen
Breite und Wucht wiederum durch den fortwaͤhrenden Preisabbau
immer wieder gesteigert werden kann.

Die Meinungen über die Arbeitsorganisation Fords, die der
wissenschaftlichen Betriebsführung Taylors in vielem gleicht, sind
geteilt. Die einen sehen in ihr ebenso wie im Taylorismus, eine un⸗
erwünschte Deklassierung großer Teile der Arbeiterschaft zu Handlan⸗
gern, die aber tausendmal am Tage in strengster Arbeitsteilung am
laufenden Band den gleichen Handgriff zu versehen haben. Die an⸗
deren meinen, daß das „Interesse am Sacherfolg“ selbst den letzten
Teilarbeiter am Conveyor (laufenden Band) äußerlich wie innerlich
—D
hohe Löhne, günstige Arbeitsbedingungen und andere Betriebsvor⸗
züge erkauft ist, sondern in erster Linie zurückgeführt werden muß
auf die sinnvolle Verknüpfung der Arbeitsvorgänge. Helmut
Hultzsch, ein deutscher Student, der selbst ein halbes Jahr in den
Fordwerken gearbeitet hat und hierüber auf der 6. Tagung für
Werkspolitik in Frankfurt (Main) am 4. und 5. Juni 1926 berichtet hat,
meint, Ford führe uns hier tatsächlich einen Weg ins Freie: „Er
erreicht durch die sinnvolle Verknüpfung der Arbeitsvorgänge, die
        <pb n="123" />
        1220

B. Betrachtungen
sich aus dem fließenden Produktionsgang von selbst ergibt, daß jeder
Arbeiter zum Glied einer unsichtbaren Kette wird, die ohne ihn unvoll⸗
kommen wäre. .. Ob sich der einzelne dieser Verknüpfung bewußt
wird, spielt keine Rolle, denn das Entscheidende liegt darin, daß diese
unsichtbare Kette tatsächlich greift. Ford weiß, daß die beste Werkspolitik
in der Weckung des sachlichen Interesses an der Arbeit besteht ).“

Auch Gottl⸗Ottlilienfeld findet des Ruhmens über die demo⸗
kratisch⸗soziale Arbeitsorganisation bei Ford kein Ende. „Auch der
Fordarbeiter erhält nur ein Werkstück in die Hand und gibt es als
Werkstück aus der Hand, auch seine Leistung bleibt armseliges Stück⸗
werk. Allein, wenn er von seinem Posten am Uferstrom ab⸗ und auf⸗
waͤrts blickt, wird ihm lebendige Anschauung davon, wie er in sinn⸗
voller Beschränkung mitschafft an einem gewaltigen Gesamtwerk *).“
Da sieht nun der Fordarbeiter seinen Leistungsraum inmitten eines
Gebildes vor sich, das der Form nach ein Erwerbsgebilde bleibt, im
Wesen sich aber zu einer riesigen Veranstaltung der Bedarfsdeckung
auswächst! Er sieht das innere Wachssstum der Betriebe ebensowohl,
wie die mächtige Ausstrahlung ihrer Wirkung nach außen: eine so
gar nicht widersinnig anmutende Revolutionierung des ganzen Ver⸗
kehrs, mittelbar des ganzen Alltags. An diesem weitausholenden
Werk aber weiß er sich als Mitarbeiter gewürdigt. Wenn er endlich die
stramme Führung prüfend mißt, er muß sie zuletzt als richtige Füh⸗
rung zu jenen Erfolgen erkennen, und so erlebt er sich in einer rich⸗
tigen Gefolgschaft. „Hier erst, da braucht es doch nicht vieler Worte,
vollendet sich der Betriebsverband, mit ihm die so bedeutsame
Formeinheit der wichtigsten aller heutigen Lebensformen; hier erst
verklaͤrt sich der industrielle Betrieb zu einer Gemeinschaft arbeits⸗
frohen Dienstes *xXx).“
x) Fordsche Arbeitsmethoden in der Werkstatt in Ford und wir“, Industrie⸗
verlag Spaeth und Linde, Berlin⸗Wien, 1926. S. 18.

xx) Fordismus, a. a. O., S. 27.
xxx) Fordismus, a. a. O. S. 33.
        <pb n="124" />
        J. Rationalisierung und Religion 712421
Andere Kommentatoren Fords teilen diese günstige Meinung über
die Arbeitsorganisation Fords keineswegs. Sie sehen in der Auto⸗
matisierung des Arbeitsprozesses, wie Ford sie durchgeführt hat,
die völlige Ausschaltung aller geistigen Anteilnahme am Arbeitsvor-
gang, die Gefahr einer restlosen seelischen Verstumpfung des Durch⸗
schnittsarbeiters und sind der Ansicht, daß diese Arbeitsnot auch
durch die günstigsten Arbeitsbedingungen nicht kompensiert werden
sönne. Wir werden auf die tatsächliche Einstellung der Arbeiter⸗
schaft zum Mechanisierungs⸗ und Monotonieproblem noch naher zu
sprechen kommen. Fest steht jedenfalls, daß das Wirtschaftsziel des
Alten von Detroit seit dem Eindringen des kapitalistischen Ratio⸗
nalisierungsgeistes in das Wirtschaftsleben des Abendlandes eine
erstmalige eindeutige Hinwendung zur Bedarfsdeckungswirtschaft
bedeutet und insoweit von epochaler wirtschafts⸗ethischer Tragweite ist.
Diese Hinwendung geschieht — wir wissen es aus den Büchern Fords
— mit einem Missionsfanatismus, mit einer Glaͤubigkeit zur Sache,
die Geist vom puritanischen Geiste ist. „Zwischen den Methoden zur
Gewinnung von Seelen in der religiösen Propaganda und der Ge⸗
winnung von Konsumenten durch Anpreisung irdischer Vorzüglich⸗
keiten bestehen in den Vereinigten Staaten von Amerika zahlreiche
psychologische Ahnlichkeiten.“ (Gonn.) „Der Instinkt, den Erdenkloß
zu nehmen und ihn nach seinem Bilde zu formen, quillt aus dem Wesen
dieses Volkes. Gott hat diese Gewohnheit gehabt. Der Puritaner
glaubt, er sei Gotte).“ Auch Old Henry ist, wie irgendein
Puritaner, erfüllt von diesem Erwähltheitsdünkel der Pilgervaͤter,
auch er glaubt an diese Sendung, weil er an die Sendung seines
Volkes glaubt. In seinem Buche gegen das Judentum, das er, weiß
Gott aus welchen Gründen, neuerdings widerrufen hat, schreibt er:
Doch unsere Väter waren Maͤnner der angloleltischen Rasse, Männer,
denen Kulturkraft in Blut und Bestimmung lag. ... Sie sind das
auserwaͤhlte Volk, die Herren der Welt, sie waren die wirklichen Bau⸗
TIc 7 american Ass, S. 82, zitiert bei Bonn, a. a. D. S. 110.
        <pb n="125" />
        122

B. Betrachtungen
meister der Erde, der Städte, die neue Erdteile erschlossen haben; sie —
nicht jene (die jüdische Rasse), die niemals Aufbauer und Bahnbrecher
waren, niemals als erste den Fuß in Urwald und Wildnis setzten.“
Kein Wunder, daß Old Henry angesichts solchen Glaubens in die Sen⸗
dung seines Volkes nun auch von seiner eigenen Mission ergriffen
ist, sich gesandt fühlt, die Welt durch „ervice“ für ihn zu refor⸗
mieren, für Gott, der auch den Pilgervätern einst befahl, das Reich
Gottes mit den Geldern einer Aktiengesellschaft unter Ausnutzung
aller Möglichkeiten und Mittel der kapitalistischen Organisation zu
verwirklichen und es zu einem „fröhlichen Tummelplatz“ der Auser⸗
waͤhlten zu machen.

Daß auch der Eifer Fords gegen die Verschwendung in jeder Form,
sein Haß gegen den Luxus, puritanischer Prägung ist, bedarf kaum noch
eines besonderen Beweises. Wie bei Baxter, Defoi und Barrow,
den Predigern altpuritanischer Lebensführung, finden wir auch bei
Ford den Widerwillen gegen die Vergeudung, das Mißtrauen gegen
die Unbekümmertheit des unbefangenen Genießens, seine Warnung
vor dem „Hang zur Schwere“ (Rentnertum), seine Hochschätzung des
erarbeiteten und arbeitzeugenden Reichtums, d. h. des Kapitals, seine
Verachtung andererseits des „Schätzesammelns“, des „toten Geldes“,
des ererbten Vermögens, sein Lob des Komforts, seinen Tadel des
Luxus, seine Abneigung gegen „die Sachverständigen“ und Diplo⸗
mierten („Titeljäger“) usw. usw.). Was ist schließlich sein Lob der zur
Idealnorm emporgesteigerten Einförmigkeit der Warengestaltung,
sein Wille zum Typus, anderes als ein ins Wirtschaftliche übertra⸗
gener Ausdruck puritanischer Lebensregelung. Heinz Marr hat völlig
recht, wenn er schreibt: „Wäre aber Herr Ford Gott selbst, er würde
ganz gewiß nur einen Typus Mensch dulden, mit verschiedenen Pferde⸗
staͤrken zwar, vielleicht auch mit verschiedenen Karosserien, aber so
konstruiert, daß das puritanische Idol des massenmäßigen Normal⸗

x) Heing Marr, Die Moral des Fordismus in, Ford und wir“, Verlag Spaeth
und Linde, Berlin⸗Wien, 1926, S. 74/75.
        <pb n="126" />
        123
individuums, die dressierte Mittelmäßigkeit gewahrt bliebe und damit
kostspielige Reparaturen durch Ersatzteile vermieden werden könnten.“

Wenn die geistige Verwurzelung der Weltanschauung und Arbeits⸗
organisation Fords in der Ideenwelt des Puritanismus hier so aus⸗
führlich geschildert wird, so geschieht dies nicht allein um der Persön⸗
lchkeit willen. Ford ist nur ein Symbol für die Geisteshaltung
des Amerikanismus schlechthin. Old Henry ist nur einer unter der
Vielzahl von „Hundertprozentigen“, die den Rationalisterungsfana⸗
tismus zur Weltanschauung erhoben haben. Das Scientific Manage-
ment, die wissenschaftliche Betriebsführung, ist zu einem Schlagwort
der Prosperity⸗Bewegung geworden, jenes hochgezüchteten politischen
und wirtschaftspolitischen Optimismus, mit welchem der Amerikaner
in der Weltpolitik wie in der Weltwirtschaft aufzutreten pflegt. „Scien-
tific Management“ wird dem amerikanischen Staatsbürger von den
Handels⸗ und Gewerbekammern der U. S. A., von Wirtschaftsver⸗
händen und Gewerkschaften, auf dem Wege von Preisausschreiben
wie von Praͤmienzahlungen, von Propagandarednern wie von Massen⸗
broschüren nahegebracht. Der Staat selber hat unter der Leitung des
Handelsministers und gegenwartigen Präsidentschafts⸗Kandidaten der
Republikanischen Partei Hoover seit 1921 auf offiziellem und offiziösem
Wege den Kampf gegen die Verschwendung aufgenommen, die Ver⸗
einheitlichungsbewegungen mit Millionen von Dollars unterstützt.
Im Verfolg dieser Propaganda ist in den Vereinigten Staaten eine
„Kultur der Gleich⸗Form“ (Hirsch) entstanden, die jedem Besucher

aus dem noch immer individualistischen Europa von neuem auffällt
und zu denken gibt. Man hat diese Mittelmäßigkeit, Gleich⸗
förmigkeit und Eintönigkeit des amerikanischen Lebens mehr noch als
auf die wirtschaftsorganisatorischen Ursachen, auf die geographischen
Einflüsse des Landes zurückführen zu müssen geglaubt. Seine ver⸗
hältnismäßige Armut an Durchgliederung und Abwechslung sei, so
meinte man, die Ursache für die allgemeine Nivellierung seiner Kultur ).
x) Leopold Ziegler, a. a. O., S. 245.

J. Rationalisierung und Religion
        <pb n="127" />
        124

Das mag für die Staaten Neuenglands, für die Oststaaten, zutreffend
sein, für die Bewohner des mittleren Westens und der pazifischen
Küste dagegen, die in einer Natur von „klaren Umrissen“x) wohnen
und denen eine breite und offene Behaglichkeit eigentümlich ist, stimmt
es nicht. Und dennoch treten auch diese Bürger von gods own
land (Gottes eigenem Land) für „Elimination of vaste“ mit Uber⸗
zeugung ein! Der Grund für die prinzipielle Zuneigung aller Ameri⸗
kaner, gleichviel welcher Stammes⸗ und Landeszugehörigkeit, zur
rationalen Arbeits⸗ und Daseinsgestaltung liegt eben tiefer. Er liegt
in der allgemeinen Begeisterung des puritanischen Calvinisten für die
rationale Lebensgestaltung schlechthin, von der die moderne Ratio⸗
nalisierungsbewegung nur eine letzte und feinste Blüte ist, — er liegt
in der spezifisch rationalistischen amerikanischen Religion.

B. Betrachtungen

Der stärkste religionspolitische Gegenspieler des Puritanismus ist
der Katholizismus. Sein religiöses Gefüge wurzelt in der Los⸗
lösung der Gläubigen von den Dingen der Welt. Jede Ordnung,
die diese Loslösung fördert, ist ihm willkommen, alles, was sie be⸗
hindert, wird abgelehnt. Der Katholizismus strebt demgemaͤß nach
einer statutengemäßen Bindung des irdischen Lebens, nach der Ein⸗
schränkung der Betätigung in der Werk⸗ wie in der Berufswelt auf
das zum Dasein Lebensnotwendige und das kultisch Erwünschte.
Alles weltliche und moralische Gut ist Eigentum der Kirche. So ent⸗
steht ein geistliches Reich im Unterschied vom weltlichen, mit Gůtern reich⸗
lich ausgestattet, das ganze Leben der einzelnen sich unterwerfend* 8).
In diesem Sinne ist jede Tätigkeit unerwünscht, die über die „Nah⸗
rung“ hinaus der weltlichen Bedarfsdeckung oder Bedurfniserregung
dient, jede Bemühung dagegen gestattet, die der Heiligung Gottes
gewidmet ist. Gott wohlgefaͤllig ist demnach das Handwerk, soweit es

x) Bonn, a. a. O., S. 140.

xx) Dilthey, Studien zur Geschichte des deutschen Geistes, Verlag Teubner,

1927, S. 209 ff.
        <pb n="128" />
        i. Rationalisierung und Religion J 125
nicht zum kapitalistischen Erwerb, sondern zur Bedarfsdeckung dient,
namentlich das Kunsthandwerk und die bäuerliche Arbeit, daneben
Musik, Dichtung und mystische Spelkulation. Seelenfeindlich dagegen sind
alle weltlichen Gebilde um ihrer selbst willen: die Wirtschaft, das Recht,
die Kunst, die rationale Technik und Wissenschaft. „Im letzten Grunde
bleibt als ideale Forderung und damit als Beunruhigung des christlichen
Gewissens bestehen, daß die Beschäftigung und das Arbeiten an den
weltlichen Dingen doch nur insoweit recht ist und von göttlichem Gebot
getragen wird, als sie auf die einfachste Lebenshaltung und Be⸗
dürfnisbefriedigung und auf die ehrliche Lobpreisung Gottes durch
Kunst und Geist abzieltx).“ Das Ziel der katholischen Kirche als der äl⸗
testen und konservativsten christlichen Einrichtung ist daher ein statisches,
das durchaus und immer dynamischen Veranderungen widerstrebt.
Die Macht des Fortschritts konnte jedoch durch diese Zielsetzung nicht
aufgehalten werden. Reformation und Renaissance haben das dies⸗
seitige Leben der Gesellschaft und seine Ordnung auf eine neue reli⸗
giöse Basis gestellt, Transzendental⸗Philosophie und Aufklärung die
Entwicklung im Sinne und in der Richtung der Rationalisierung des
Lebens weitergeführt: Auch die katholische Kirche hat sich dem Prinzip
der Immanenz des Religiosen in der Welt nicht mehr zu verschließen
vermocht und durch die Verbindung mit der sozialen Frage den
Kontalt zwischen dem sozialwirtschaftlichen Leben und den religiösen
Forderungen Rechnung getragen. In dem gleichen Maße aber, in
welchem die weltlichen Werte ihre Aufmerksamkeit beanspruchten,
wuchs auch ihr Verlangen, diese Werte wenigstens auf einer höheren
Ebene in einem religissen Einheitspunkt zusammenfließen zu lassen,
die Gegensaͤtzlichkeit des sozialen Daseins in der Totalität der religiösen
Sphaäre aufzuheben.
In den alten Religionen galt es für selbstverständlich, daß das
Interesse des Gottes sich nur der Totalität zuwenden könne. Als
x) Werner Mahrholz, Wirtschaft und Christentum, Karlsruhe 1925, Verlag
Braun, G. m.b. H.
        <pb n="129" />
        126

B. Betrachtungen
dann das Christentum die Persönlichkeiten der Götter des Altertums
zu dem einen und einigen Gott verschmolz, steigerte sich die Wert⸗
schätzung der Einheit bis zum Übergewicht über die inhaltlichen
Religionswerte. Die Einheitsform, die Katholizität der Kirche war es,
die dieser Sehnsucht der Frommen nach Ganzheit am stärksten ent⸗
gegenkam. In ihr fand sie die Verwirklichung der „Stätte Gottes“,
der „Arche Noahs“, des „Leibes Christi“. Die Reformation hat diese
Einheit zerstört, ohne daß indessen der religiöse Lebensprozeß aufgehört
hätte, wenigstens nach Kompensationen für die verlorengegangene
Totalitaͤt der Kirche zu suchen. So ist es zu verstehen, daß die mensch⸗
liche Gesellschaft das Gemeinde⸗ und Gemeinschaftsleben im Staate,
in Recht und Sitte, in Familie und Genossenschaft, in Sprache und
Tradition seit dieser Zeit mit einer Weihe umkleidet hat, die frühere
Zeiten nicht kannten und die dem ewigen Bedürfnis nach Verehrung
der Ganzheit des Lebens, der Totalität entspricht.

Es ist naheliegend, daß die katholische Kirche, die seit der Reforma⸗
tion in Idealkonkurrenz mit den übrigen Ausdrucksformen des Totali⸗
tätsgedankens steht, jede Entwicklung begrüßen mußte, durch die
diese Formen in jene mehr oder weniger dienende Stellung zurückver⸗
wiesen wurden, die sie bis zur Reformation innehatte. Jede Maß⸗
nahme oder Einrichtung, die hierzu diente, mußte ihr erwünscht, jede
Ordnung der materiellen Lebensinhalte mit dem Ziel der Ermög—⸗
lichung oder Verstärkung der Hinwendung zur religiösen Muße, zur
kirchlichen Totalität willkommen sein, jede Arbeitsweise, die in dieser
Richtung wirkte, gebilligt werden.

Hier, in Rücksicht auf die Entlastung der Menschen von beruflichen
Plagen und Nöten, wird nun die Bedeutung der Rationalisierung
für den Katholizismus klar. Sie fördert die Zwangsläufigkeit und
innere Selbstgenügsamkeit des Arbeitsprozesses, sie befreit durch Be⸗
schräänkung der Neuheiten von der Neuheits⸗ und Neuigkeitssucht, sie
wirkt durch die Verringerung der Planlosigkeit und die Verminderung
der Vergeudung von Material und Kräften im Sinne der Schonung
        <pb n="130" />
        I. Rationalisierung und Religion 727
und Freisetzung geistig⸗seelischer, religiöser Energien, sie erstrebt auf
berufspolitischem Wege eine Gleichmäßigkeit der Arbeitsleistung, die
den Hang zur Beschäftigung mit außermateriellen Wertsphären zu
fördern in der Lage ist.

Auch die Entsinnung der Arbeit durch Automatisierung und Mecha⸗
nisierung beeinträchtigt diese Wirkung kaum. Denn auch sie kann
durch den Dienst an der Totalität, den Dienst an der Gemeinschaft,
insbesondere im Beruf kompensiert werden. Kennzeichnend für die
Stellung der katholischen Kirche zur Berufsethik ist die Meinungs⸗
äußerung eines der repräsentativsten Köpfe der katholischen Sozial⸗
politik, des Praͤlaten und früheren Generalsekretärs des Volksvereins
für das katholische Deutschland, August Pieper, bei Gelegenheit der
Generalversammlung der Gesellschaft für Sozialreform im Jahre
1921. Er trat der Behauptung entgegen, daß der Arbeiter im Groß⸗
betrieb an der schablonisierten Arbeit keine Freude mehr habe. „Jene
Pauschalverdammung der Arbeit im Großbetrieb ist weithin Über⸗
treibung.“ „Auch in der Teilarbeit nimmt der geistig regsame Arbeiter
an dem Werden des ganzen Werkes teil, das sich meist unter seinen
Augen abspielt ...“ „Was aber kann der Arbeiter auch der dauernd
gleichförmigen Arbeit an seelischen Werten geben, die ihm wachsende
Befriedigung bieten? Alle diese Werte liegen nicht in seinem Ver⸗
haͤltnisse zu den Dingen, sondern zu den Menschen, mit denen er zur
Lebensgemeinschaft verwächst .. Stolz, Pflicht ist es dem Manne
von sittlichem Bewußtsein, Ehre für sich einzulegen, für seine Arbeits—
gemeinschaft in der Werkstatt, für die er heute auch öffentlich aner⸗
kannte Verantwortung tragt; Ehre einzulegen für seine Berufs⸗
organisation, für seinen Berufsstand... Die Wiedergeburt zum
Berufsarbeiter aus dem Berufsethos ist die große völlig neue Aufgabe,
welche der Arbeiter zu lösen hat in der ganzen Eigenartigkeit seines
Berufs; dieser wächst sich dann zum Berufsstande aus, wiederum ganz
neu und eigenartig, in starker Auswirkung des irrationalen Genossen—
schaftsgedankens, der auch im Sozialismus steckt.“ Man sieht, es
        <pb n="131" />
        28

B. Betrachtungen
handelt sich hier um ein Suchen nach dem Gemeinschaftserlebnis im
Beruf als einer Komvensationsmöglichkeit für die verlorengegangene
Totalitaͤt des religiösen Lebens, um ein Stüd mittelalterlicher Ganz⸗
heitsmystik im modernen Gewand. Wo aber die Arbeitsentsinnung
des Arbeitsprozesses diesen Totalitätsmythos innerhalb des Berufs
unmöglich macht, da hält der Katholizismus die Totalität des kirchlichen
Lebens als Aufnahmestellung für die im Berufe unerfüllte Ganzheits⸗
sehnsucht bereit. So findet er in der Rationalisierung grundsätzlich
keinerlei Hemmungen für die Verwirklichung, Verbreitung und Pflege
seiner religiösen Idee.

Unmittelbarer noch, organischer, klarer als die Bezugslinien
zwischen Rationalisierung und Katholizismus, ist die Verbindung
zwischen Rationalisierung und Protestantismus. Für Luther
ist die Möglichkeit zur Betätigung des Glaubens in der weltlichen
Gesellschaft und deren Ordnung gelegen. Jeder Beruf, jedes weltliche
Amt ist für ihn eine Funktion der in dieser Ordnung wirkenden
religiös⸗ sittlichen Kraft. In der Augsburger Konfession wird aus⸗
drücklich erklärt, daß die Entäußerung von Familie und Eigentum
dem echten Begriff der christlichen Vollkommenheit fremd ist. Die gött⸗
liche Ordnung ist in Staat, Ehe, Familie und Beruf gegeben. Die
Welt ist als Gottes Schöpfung zu bejahen und zu fördern. Denn durch
den Schöpfungsglauben ist alle Kreatur heilig in Gott. Insbesondere
wird der Gegensatz zwischen den äußeren Werken, welche nichts wirken,
und der Arbeit am wirklichen Eigenberuf betont. Luthers germa⸗
nische Genialität fand sich abgestoßen von jedem Werk ohne wirkende
Kraft, von jeder Arbeit ohne Leistung. In der Welttätigkeit selbst, im
Berufsleben sieht er den von Gott gegebenen Spielraum für die im
Glauben enthaltene Kraft“).

4
4
*
i
        <pb n="132" />
        1J. Rationalisierung und Religion

129
Damit ist die religiöse Basis geschaffen, die für die Selbstheiligung
der Menschen durch rationale Bewährung in der Lebenshaltung un⸗
entbehrlich war. Alle materiellen Kulturwerte sind von nun ab gerecht⸗
fertigt, welche zur Erhaltung der Existenz des Menschen notwendig
sind oder sie erleichtern, weiterhin auch jene, die darüber hinaus
geeignet sind, Hindernisse zu dieser Bestimmung zu beseitigen.

Jedoch auch für die protestantische Wirtschaftsethik sind die mate⸗
riellen Lebenswerte nicht autonom. Ihre wahre Autonomie besteht
vielmehr ebenso wie für den Katholizismus in ihrer Dienstbarkeit. Zu
den geistigen Werten kommen der Wirtschaft in diesem Sinne nur
Beziehungswerte zu, sie findet ihre Schranken an der Rücksichtnahme
auf Menschenwürde und religiösem Heil, von denen sie ihre Richtlinien
empfängt. Die christliche Liebe muß die Wirtschaft so zu gestalten
suchen, daß „erstens alle Menschen in der Lage sind, sich menschen⸗
wuͤrdigen Lebensunterhalt zu erwerben, daß zweitens die schroffen
Gegensätze zwischen Armut und Besitz nivelliert und daß drittens
jeder Person die ihr nötigen wirtschaftlichen Mittel zur individuellen
Wertentfaltung zur Verfügung stehen ).“ Damit wird die Wirtschaft
ganz auf den Menschen eingestellt und auf seinen Bedarf. „Darum ist
das Ideal einer christlichen Wirtschaft die begrenzte Bedarfswirtschaft,
die stabile Wirtschaft, in der sich Mittelbeschaffung und Bedarf decken
und in der nicht durch künstliche Erhöhung der Bedürfnisse diese
Harmonie beständig zerstört wird*).“ Bis zur Erreichung dieser
Harmonie muß jedoch die Produktivität gesteigert werden, um die
Ansprüche des Wirtschaftswertes auf das Primat zu unterdrücken.

Auf dem Wege zu diesem Wirtschaftsziel ist der Kapitalismus
keineswegs hinderlich, sofern er die Vervollkommnung der mensch⸗
lichen Einrichtungen weiter entwickelt. Nur seine Ausschreitungen im
okonomischen Liberalismus mit seinem Kampf von Mensch gegen
Mensch, seiner Klassenspaltung und Überspannung des Erwerbs⸗
5 Georg Wuünsch, Evangelische Wirtschaftsethik, Verlag J. C. B. Mohr,
Tübingen, 1927. S. 407 u. 410.
Rauecker
        <pb n="133" />
        130

B. Betrachtungen
willens ist vom Übel. Der liberale Kapitalismus ist die Verkörperung
der Dämonie, ist „ein gewaltiges System der Versuchung zur Ab⸗
goͤtterei“x). Daher gilt es, eine gebundene Wirtschaftsordnung an
seine Stelle zu setzen. „Das Ziel kann nur sein, daß, so wie die Klöster
Produktivgenossenschaften waren, auch die Gesellschaft eine Produktiv⸗
genossenschaft wird, sei es als ganze, sei es geteilt nach Volks⸗
wirtschaften oder nach kleineren Genossenschaftskreisenxx).“ Gegen⸗
über dem profanen Sozialismus, der zur Wirtschaftsdämonie ver⸗
leiten könnte, sucht der religiöse die Vergleichgültigung, die Ver⸗
relativierung der Wirtschaft.

Hier zeigt sich mit aller Deutlichkeit die unmittelbare Verwandtschaft
wischen den Zielsetzungen der modernen Rationalisierungsbewegung
und der protestantischen Wirtschaftsethik: die Gestaltung der Bedarfs⸗
deckungswirtschaft durch planwirtschaftliche Maßnahmen erscheint
als die wichtigste Aufgabe der Wirtschaftslenkung. Auch in den berufs⸗
politischen Grundlinien finden sich Parallelen. Das Problem der Wirt⸗
schaftsgestaltung ist für den Protestantismus heute ein organisato⸗
risches und ethisches: die Arbeitskraͤfte dorthin zu stellen, wo sie am wirk⸗
samsten gebraucht werden können, und die Verteilung der Produkte so
zu gestalten, daß alle ihren angemessenen Anteil an der wirtschaftlichen
Leistung, also auch an der Technisierung und Rationalisierung, erhalten.
„Es müssen alle, die können, zu arbeiten Gelegenheit haben, und alle
von den wirtschaftlichen Intelligenzleistungen der Menschheit in Form
einer kulturell echtwertigen Lebenshaltung mitgenießen. Die Mittel
dazu sind da — nur zwei Faktoren sind dafür ein Hindernis: die
mangelhafte Möglichkeit einer organisatorischen Ordnung der Wirt⸗
schaft und der Wille zu dieser Wirtschaft. Und mit dem Willen dazu
hat es die Kirche zu tunxxx).“

Die protestantische Wirtschaftsethik bejaht also die technisierte und
durchorganisierte Wirtschaft eindeutig, da sie allein herbeischaffen könne,
H Waͤnsch, a.a. D., S. 475. — *x) Wunsch, a. a. D., S. 681.

xxx) Wunsch, a.a.O., S. 7o6f.
        <pb n="134" />
        131
was dem Menschen zur Lebensentfaltung nötig ist, andererseits aber
auch zu einer Normierung der Wirtschaftsziele und Wirtschaftsgehalte
führt, ohne die der Anspruch der Wirtschaft auf das Primat nicht
gebrochen werden kann. Um der Religion willen wird demnach
vom Protestantismus ebenso wie vom Katholizismus die
neue Wirtschaftsautomatik bejaht.

IJ. Rationalisterung und Religion

Zwiespältiger als die Stellung der beiden großen christlichen Reli⸗
gionen zur Rationalisierungsfrage ist jene des Judentums. Die
Beziehungen des jüdischen Glaubens zu Reichtum und rationalem
Gelderwerb sind durchaus asketisch. Reichtum ist eine Gabe Gottes,
für die man ihm danken soll und die man trachten soll, nach Möglichkeit
zu vermehren. Zwar ist es nicht leicht, den Versuchungen, die der
Reichtum mit sich bringt, auszuweichen, um so verdienstvoller aber ist
hinterher die Mäßigung. „Heil dem Reichen, der unsträflich gefunden
wird.“ In diesem Geiste hat das Judentum an der Entfaltung des
kapitalistischen Wirtschaftssystems entscheidenden Anteil genommen.

Die Richtung, in der dies geschah, ist von jener der übrigen welt⸗
bejahenden Religionen abendländischer Prägung jedoch grundver⸗
schieden: „Es fehlt in der jüdisch⸗oͤkonomischen Betätigung eine Sparte,
wenn auch nicht völlig, so doch relativ in auffallendem Maße, und zwar
die dem modernen Kapitalismus gerade eigentümliche, die Organi⸗
sation der gewerblichen Arbeit).“ Der Anlaß hierzu ist ein zweifacher:
Die rein äußere Schwierigkeit der Beteiligung der Juden an der
fundierten, stets mit einer laͤngeren Zeitdauer rechnenden gewerblichen
Arbeit während der Ghettozeit, und ihre in eben dieser Zeit erzwun⸗
gene besondere Befaͤhigung zum Handel. Solange sie im Ghetto
lebten, mußten die Juden stets gewaͤrtig sein, der Stadt oder des
Landes verwiesen und ihres Besitzes beraubt zu werden. Die Unsicher⸗
*) Max Weber, Religionssoziologie im Grundriß der Sozialökonomik, 3. Abt.
2. Lief, S. 351, Verlag J. C. B. Mohr, Tübingen, 1921.
        <pb n="135" />
        132

heit dieser ihrer Lebens⸗ und Berufslage verwies sie geradezu zwangs-
läufig auf den Handel, namentlich auf den Geldhandel, dessen
mobile Betriebskapitalien leichter verborgen oder vergraben, auf der
Flucht bequemer transportiert werden konnten.

Dazu kam als ein weiteres, die Anlage der Juden zum Handel för⸗
derndes Motiv: Die Rücksicht auf das Gesetz, durch welches insbeson⸗
dere die frommen Juden vielfach von der praktischen Betätigung in
der gewerblichen Wirtschaft abgehalten wurden. Das jüdische Gesetz ist
traditional gebunden. „Nie ändere der Mensch einen Brauch“,
ist eine Vorschrift des Talmud. Derartigen traditionellen Bestim⸗
mungen vermochte nur der zu folgen, der auf den Fortschritt Verzicht
—D—
im Handel mit Geld. So bewegte sich der ökonomische Trieb gerade
der frommen Juden nach der Richtung des geringsten Widerstandes
auf das Geldgeschäft zu. „Darlehen, vom Pfandleihegeschäft bis zur
Finanzierung von Großstaaten, bestimmte Arten des Warenhandels
mit sehr starkem Hervortreten des Kleinkram⸗ und Wanderhandels
und des spezifisch ländlichen Produktenhandels“, gewisse Teile des
Engroshandels und vor allem der Wertpapierhandel, beide speziell in
der Form des Börsenhandels, Geldwechsel⸗ und die damit üblicherweise
zusammenhängenden Geldüberweisungsgeschäfte, Staatslieferungen,
Kriegs⸗ und in sehr hervorragendem Maße Kolonialgründungsfinan⸗
zierung, Steuerpacht (natürlich außer der Pacht verpönter Steuern,
wie der an die Römer), Kredit⸗ und Bankgeschäfte und Emissions⸗
finanzierungen aller Art)“ sind die hauptsächlichsten Betätigungs⸗
gebiete für den jüdischen Erwerbssinn.

Es kann nicht wundernehmen, daß der Beitrag des traditional ge⸗
bundenen Judentums zur rationalen Wirtschaftsgestaltung unter
solchen Umständen bis in die Neuzeit geringfügig war und sich im
wesentlichen auf den Handel beschrankte. Der jüdische Fabrikant ist

B. Betrachtungen

x) Max Weber, a. a. O. S. 350.
        <pb n="136" />
        133
eine moderne Erscheinung. „Denn die höchste Form der Frömmigkeit
des Juden liegt nach der Seite der Stimmung und nicht des aktiven
Handelns: wie sollte er sich in dieser grundverkehrten und — wie er seit
der Zeit Hadrians weiß — nicht durch menschliche Tat zu ändernden,
ihm feindlichen Welt jemals als Vollstrecker von Gottes Willen durch
deren rationale Neuordnung fühlen? Das kann der jüdische Freigeist
tun, nie der fromme Jude ).“ Aus dieser religiösen Grundhaltung
des Indentums erklaͤrt sich beispielsweise auch der sonst schwer ver⸗
ständliche Tatbestand, wonach die deutschen Rabbiner die Einführung
des Sabbathiahres in der zionistischen Palästinasiedlung erzwingen
wollten, obgleich seire Anwendung die rationale Landwirtschaft schlecht⸗
hin unmöglich gemacht hätte.

Auch die „rationale“ Wirksamkeit eines der bedeutendsten Juden
der jüngsten Vergangenheit, Walther Rathenau, bedeutet keinen
Gegenbeweis gegen diese Feststellungen. Denn auch in seiner Okono⸗
mielehre findet sich die gleiche seltsame Verbindung von kapitalistischen
und sozialistischen, liberalen und gemeinwirtschaftlichen, individu⸗
alistischen und kollektivistischen Tendenzen, die für die jüdische Wirt⸗
schaftsethik im allgemeinen typisch ist. Dies gilt in erster Linie
von dem Hauptsatz seiner wirtschaftlichen Uberzeugung: „Reichtum
verpflichtet“. (Es ist kennzeichnend, daß diese Formel von einem an⸗
deren bedeutenden Juden, von Hugo Preuß, in die deutsche Reichs—
verfassung aufgenommen wurde.) Niemals soll der Besitz Selbst⸗
zweck sein, immer soll er dienen. Nie darf die Wirtschaft Autorität und
Macht um ihrer selbst willen gebrauchen, sondern nur um der Ver⸗

IJ. Rationalisierung und Religion

x) Max Weber, a.a.O., S. 356. Immerhin kann Dr. Kurt Zielenziger in einer
aufschlußreichen Aufsatzreihe in der Zeitung des Zentralvereins der Staatsbürger
jüdischen Glaubens (Nr. 24, 26, 27, 28, 31, 37 und 40 des Jahrganges 1928)
auf eine beträchtliche Anzahl jüdisch⸗deutscher Wirtschaftsführer auch auf dem Ge⸗
biete der eigeutlichen Produktion hinweisen (z. B. Emil und Walter Rathenau,
Albert Ballin, Felix Deutsch, Sir Alfred Mond lietzt Lord Melchett], den Leiter
des englischen Chemietrustes und die Begründer eines großen Teiles der schle—
sischen Industrie).
        <pb n="137" />
        134

B. Betrachtungen
antwortung willen, die sie für die Gesamtheit übernommen hat. Ver⸗
antwortliche Herrschaft ist „Dienst, doch nicht der mystische Dienst
eines Despotengottes, der Willkür verleiht, weil er Willkür übt, der Au⸗
betung verleiht, weil er Anbetung fordert, sondern Dienst am idealen
Gedanken, der die anderen zum gemeinsamen Werk emporreißt“).“

Auf allen Gebieten menschlichen Schaffens hat eine solche Gemein⸗
samkeit der Leistungen Normen hervorgebracht, die von allen ange⸗
nommen worden sind, nur bisher in der Wirtschaft nicht. „Es fällt
niemand ein, eine Hauptbahnstrecke oder ein Telegraphennetz für sich
zu verlangen oder ein eigenes System privater Gerichtsbarkeiten zu
gründen; von der Wirtschaft aber wird ungeprüft als ausgemacht
angenommen, daß sie nicht anders als zügellos auf dem Boden des
freien Wettbewerbs und bürgerlichen Kampfes bestehen könne*x).“
Die Folgen zeigen sich in schrankenlosem Egoismus und in seinen
Begleiterscheinungen, dem Hang zum Prunk und Müßiggang in den
oberen, in erbitterter, sozialer Feindschaft auf seiten der unteren
Klassen. Überall herrscht verantwortungslose Vergeudung von
Material, Zeit und Kraft, unsinnige Fehlleitung der Produktion und des
Vertriebs. „Bräche in einem Lande eine Phonographenkrankheit aus
oder entschlössen sich die begüterten Frauen, alle Tage in Rosenwasser
zu baden, so könnte es geschehen, daß der überwiegende Teil der Metall⸗
industrie sich veranlaßt sähe, alle verfügbare Arbeit und Substanz
auf die Herstellung von Phonographen zu verwenden, oder daß die
Landwirtschaft den größten Teil ihres Bodens, auf dem bisher
Getreide wuchs, für Rosenkulturen zur Verfügung stelltex*xx).“ Nicht
minder wie auf der Seite der Herstellung und der des Absatzes herrscht
auch im Verbrauch regellose Verschwendungssucht. IIm Namen
eines falschen Individualismus und einer billigen Sonderart
x) Walther Rathenau, Von kommenden Dingen, S. 198. Verlag S. Fischer,
Berlin, 1927.
xx) Walther Rathenanu, Die neue Wirtschaft, S. 203, Verlag S. Fischer, Berlin.
xxx) Walther Rathenau, a.a.O., S. 203.
        <pb n="138" />
        13
andererseits verlangte vor dem Kriege der Kunde min destens
fünfundzwanzig verschiedene Kattunmuster in demselben Farben⸗
tone zur Auswahl vorgelegt zu bekommen; gab es den zwölf
pferdigen Motor als den gangbarsten Typ unter allen Motoren irgend⸗
wo am Lager, so bestellte der Fachmann ganz gewiß ausgerechnet einen
elfundeinhalbpferdigen; wird ein chemisches Produkt in neunzig⸗
prozentiger Reinheit geliefert, so wird es nachtraͤglich sicher achtzig⸗
prozentig verlangt. Diese durch nichts zu rechtfertigende Verschwen⸗
dung muß ein Ende nehmen. Wir Deutschen würden von unserer
inneren individuellen Freiheit keinen Titel opfern, wenn wir auf
unseren großen und wahren Freiheitsrechten nachhaltiger beständen
und auf einen Teil unserer Faschingsfreiheiten zugunsten aͤußerer
Gleichmaͤßigkeit, die der Würde benachbart ist, verzichteten ).“

Alle diese egoistischen Sonderbedürfnisse wurzeln letzten Endes in
der Machtgier, in der die „pragmatische Verneinung aller
TDranszendenz gesehen werden muß **)“. So wird es vor allem
gelten, der Macht um ihrer selbst willen den Kampf anzusagen.
Unsere Handlungen müssen wiederum ihre Richtschnur finden „im
Bewußtsein der Gottespflicht, die uns in dieses Leben gestellt hat, die
uns verantwortlich macht für die Verwaltung und Gestaltung jeder
Sehne unseres Leibes und jeder Fühlung unseres Geistes, die von
uns fordert nach dem Gesetze der Vergöttlichung den Aufstieg vom
tierischen zum geistigen, vom geistigen zum seelischen Dasein XXX)“.
Sinnentriebe und Macht aber, die der Verwirklichung unseres Ver⸗
langens entgegenstehen, müssen unterdrückt, Sinnlichkeit, Ehrgeiz,
Gewinnsucht, Familienstolz und mangelndes Gemeinschaftsemp⸗
finden in ihre Schranken verwiesen werden.

Das aber kann auf wirtschaftlichem Gebiete nur durch eine
starke Beschränkung der Einzelwirtschaft zugunsten der Allgemeinheit

J. Rationalisierung und Religion

x) Walther Rathenau, a.a.O., S. 219.
*xx) Walther Rathenau, Von kommenden Dingen, S. 185.
xxx) Walther Rathen au, a.a.O., S. 217.
        <pb n="139" />
        136

B. Betrachtungen
geschehen. Es ist unertraͤglich, daß jeder das Recht haben soll, das
Interesse der Gemeinschaft wirtschaftlich beliebig zu schaͤdigen. „We⸗
sentlich im Gemeinschaftsinteresse ist es, daß nicht Hunderttausende
von Händen und Köpfen mißbraucht werden, um durch Warten,
Anpreisen, Sortieren, Reisen, Überlisten und Uberreden den Gang
der Ware zu begleiten; daß nicht in ungezählten Groß⸗ und Klein⸗
und Zwischenlagern Milliarden des Nationalvermögens sich zinslos
und nutzlos stauen )“. Die Gesamtheit wird zu überlegen haben, „ob
durch Genossenschaften von Erzeugern, Händlern und Verbrauchern,
durch Vereinbarungen über Musterbeschränkung, Gemeinschafts
läger, ... durch Rationalisierung der Kleinverkaufsstellen und
Festlegung der Zwischenarbeit wie der Zwischengewinne die Handels⸗
methoden und Gebräuche des Landes umzugestalten sind, um
ungezählte Arbeitskräfte produktiv zu machen, Lageransammlun⸗
gen, Warenverderb und Verteuerung zu vermeiden“. „Ohne Auf—⸗
schub sind Mißstände abzustellen, die die Freizügigkeit des Kapitals
betreffen *x)“. Alle physischen und geistigen Kräfte, die bisher zu
einem guten Teil gegeneinander gewirkt haben, sollen sich fortab
freiwillig zum Dienst am Ganzen vereinigen oder nötigenfalls vom
Staate zu dieser Vereinigung gezwungen werden. „Das ist hart für
ein Volk, das in Entschlüssen sich nicht selbst vertraut und alles vom
ererbtem Obrigkeitsgeist verlangt, hart, doch unumgaͤnglich, wenn
man an die Menge von Sonderinteressen denkt, die sich schon einen
kräftigen Eingriff und eine starke Einschränkung werden gefallen
lassen müssen. Nur eine weitblickende und entschlossene Autoritäͤt
wird beschraͤnkten oder eigennützigen bösen Willen unter die Formel
zu beugen verstehen, die die Richtschnur von morgen bilden soll: „Die
wirtschaftliche Organisation ist keine Privatsache mehr, sondern nur
noch eine Sache der Gesamtheit *xxY.
x) Walther Rathenau, a.a.O., S. 287.
xx) Walther Rathenau, a.a.O., S. 288/89.
xxx) Walther Rathenau, Die neue Wirtschaft, S. 204.
        <pb n="140" />
        137

Es ist Walther Rathenau oft vorgeworfen worden, daß er diese

ethischen Grundsätze mit der Praxis seiner Geschäftsgebarung als
Praͤsident des größten deutschen Elektrizitätskonzerns, der AEG.,
nicht in Einklang gebracht hätte. Man hat gesagt, seine Theorien
seien nichts anderes als der Ausdruck seines schlechten Gewissens, der
Versuch einer Rechtfertigung kapitalistischer Bestrebungen ex poste-
riore.

Wir fühlen zum Splitterrichtertum keinen Beruf. Gesetzt aber, es
verhielte sich so, was besagte dies gegen die These von der Herkunft der
Rathenauschen Rationalisierungsethik aus dem Wirtschaftsgeist des jü⸗
dischen Glaubens? Die Wirklichkeit ist nur zu oft eine Verunstaltung der
Idee. Schon allein die theoretische Begründung der rationalen Wirt⸗
schaftsorganisation aus dem Glauben zeigt die Verwurzelung Walther
Rathenaus in jener Gesinnung, die Reichtum nur dann gutheißen
kann, wenn er „unsträflich erfunden wurde“. Seine unermüdliche
Sorge um eine „gerechte“ Wirtschaftsordnung ist Geist vom Geiste
derer, die ein Leben in der von Gott vorgeschriebenen Gesetzlichkeit als
das wahre Ziel aller menschlichen Arbeit bezeichneten. Mag Rathe⸗
naus Leben im einzelnen nicht ohne den Drang zu wirtschaftlicher,
sozialer, politischer Macht und ästhetischer Geltung verlaufen sein, in
der großen Linie seines Wirkens, in Wort und Schrift hat er sich —

auch ohne kirchliche Bindung — als der fromme Jude erwiesen, der
die Wirklichkeit in eine Gott wohlgefällige Ordnung zu zwingen ver⸗
suchte, weil das „Gesetz“ es befahl.

I. Ratisnalisterung und Religion

Zieht man das Fazit aus diesen Betrachtungen über die Wech⸗
selwirkungen von Rationalisierung und Religion, so wird man
zu dem Ergebnis kommen, daß die Rationalisierung von den jüdisch⸗
christlichen Religionen insoweit willkommen geheißen werden kann,
als sie Geist und Seele für den Dienst an Gott und an den von seiner
Kirche gegebenen Anordnungen freisetzt. Soweit in diesen Reli⸗
gionen auch die „Bewãhrung“ im Diesseits als Gottes⸗Dienst an⸗
        <pb n="141" />
        ———

gesehen wird, handelt es sich ferner darum, ob die Rationali—
sierung dieser „Bewährung“ zutraäglich ist oder nicht. In
diesem Zusammenhange ist wiederum die Frage von höchster Be⸗
deutung, ob in einer bis zum aͤußersten mechanisierten, arbeits⸗
teiligen Wirtschaftsform, wie die rationalisierte Wirtschaft sie dar⸗
stellt, die pragmatischen Voraussetzungen zu einer solchen Bewährung
überhaupt gegeben sind.

Die Antwort auf diese Frage wird in entscheidendem Maße be—
einflußt sein von der jeweiligen Wertung des Begriffs der „Be⸗
waͤhrung“. Versteht man unter „Bewährung“ die Betätigung des
Menschen als Werkzeug und Mittel der Kultur, als Durchgangspunkt
der Seele auf ihrem Wege aus der in sich ruhenden Vollkommenheit
zur lebendigen Vielfalt der Gestalten und Formen, so wird man das
Maß der Bewährungsmöglichkeiten in der rationalisierten Wirt⸗
schaft nur skeptisch beurteilen können. Betrachtet man dagegen die
„Bewährung“ lediglich als eine Summe von Einzelhandlungen der
Pflichttreue, des Arbeitseifers, der Einordnung in den Dienst an
anderen, wertet man die Bewährung als eine Kategorie des aske⸗
tischen Ethos, so wird man zu jenem positiven Verhältnis zur
Rationalisierung gelangen, zu dem der amerikanische Puritanismus
tatsaͤchlich gelangt ist.

B. Betrachtungen
        <pb n="142" />
        II. Rationalisierung und Ethif

Schon in den frühesten Stadien der Arbeitsteilung und Mecha⸗
nisierung haben Dichter und Denker die Wirkung der fortschrei⸗
tenden Arbeitsteilung beklagt. Schiller schreibt in seinem 6. Brief
üͤber die ästhetische Erziehung des Menschen: „Ewig nur an ein
einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der
Mensch selbst nur als Bruchstück aus; ewig nur das eintönige Ge⸗
raͤusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die
Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur
auszupragen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner
Wissenschaft.“ Goethe weist in seinem „Wilhelm Meister“ auf das
„schreckhaft herannahende Maschinenwesen hin“, den Fabrikbetrieb,
dem er das in allen seinen inneren und äußeren Beziehungen wohl⸗
gegliederte proportionierte Handwerk entgegenstellt. Unter den Phi⸗
losophen des 19. Jahrhunderts, die sich mit dem Problem der Arbeits⸗
teilung befaßten, steht Ruskin vornean. In seinem späten Werke
„The Stones of Venice“ schreibt er: „Wir haben in der letzten Zeit
das Problem der Arbeitsteilung studiert und sie immer weiter ver⸗
vollkommnet; nur daß wir dem Ding einen falschen Namen geben.
Es handelt sich dabei nicht um eine Teilung der Arbeit, sondern des
Menschen. Er ist in bloße menschliche Segmente zerteilt, — in kleine
Bruchstücke und Krumen zerbröckelt. Das bißchen Intelligenz, das
ihm bleibt, genügt nicht, um eine Stecknadel herzustellen, oder einen
Nagel, — es erschöpft sich in einer Nagelspitze und einem Nagelkopf.
Nun ist es gewiß gut und wunschenswert, daß täglich viele Nadeln
fabriziert werden. Wenn wir aber nur sähen, mit welchem Glasstaub
ihre Spitzen poliert werden — dem Staub der Menschenseele, den
        <pb n="143" />
        140
———

B. Betrachtungen
wir unter die Lupe nehmen müssen, ehe wir ihn als das erkennen,
was er ist —, dann würden wir es glauben, daß auch damit einiger
Verlust verbunden sein mag.“ Was bei Ruskin als „reaktionäre
Feindschaft“ gegen den sogenannten „Fortschritt der Kultur“ er⸗
scheint, ist nichts anderes als die klare Erkenntnis von der grenzen⸗
losen Leere und Inhaltlosigkeit einer subjektlosen Kultur, die nur
noch „entseelte Objektivität“ kennt, mit der sie sich „aus dem eigent⸗
lichen Kulturprozeß herausreißt“ *).

Aus der gleichen Einsicht gegen die kulturell abtraͤglichen Wir⸗
kungen der Arbeitsteilung steht auch die Nationalökonomie des
19. Jahrhunderts der Frage der Arbeitsteilung skeptisch gegenüber,
und zwar auch dann, wenn sie die Arbeitsteilung als Mittel zur Stei⸗
gerung des Volkswohlstandes rühmt. So bekennt z. B. Adam
Smith, der an einer anderen Stelle seines Werkes über den „Volks⸗
wohlstand“ die Arbeitszerlegung als Wurzel der Reichstumsbildung
nicht genug zu preisen vermag, im 5. Buch (Kapitel 1, 8 2) über die
abstumpfende Wirkung der Teilarbeit: Ein Mensch, der sein „ganzes
Leben in der Verrichtung weniger Operationen ausgibt, hat keine
Gelegenheit, den Verstand zu üben ... er wird gewöhnlich so stumpf
und unwissend, wie es für ein menschliches Wesen nur denkbar ist. ..,
die Einförmigkeit des wechsellosen Lebens lähmt natürlich auch seine
geistige Energie überhaupt ... Sie zerstört selbst die Spannkraft
seines Körpers und macht ihn unfähig, seine Kräfte elastisch und nach⸗
haltig außerhalb der Teilarbeit, zu der er dressiert ist, zu verwenden.
Seine Geschicklichkeit auf seinem besonderen Arbeitsfelde scheint also
erkauft auf Kosten seiner intellektuellen, sozialen und schöpferischen
Tugenden.“ Nach ihm hat Werner Sombart, der staͤrkste syn⸗
thetische Geist unter den lebenden Nationalökonomen, in seiner
„Volkswirtschaft“ im 19. Jahrhundert die kulturellen Schäden der
Arbeitsteilung am schärfsten gesehen und beurteilt: „Die Verrichtung

M Georg Simmel, Philosophische Kultur, S. 276, Verlag Dr. Werner
Klinkhardt, Leipzig 1911.
        <pb n="144" />
        — 4
mechanischer Handgriffe unter hygienisch oder ästhetisch widrigen
Arbeitsbedingungen“ sagt er, „ist das Gegenteil von dem, was der
lebendige Mensch zur Betätigung seiner Gesamtpersönlichkeit be⸗
durfte, und damit wurde es zur furchtbaren Gewißheit, daß die tech⸗
nische Arbeit im Rahmen der Wirtschaft ihre ethisch und ästhetisch
segensreichen Wirkungen eingebüßt, daß die Arbeit des Proletariers
für ihn aufgehört hatte, das Heiligste und Kostbarste zu sein, was ein
Mensch auf Erden besitzen kann. Ich möchte es als das gewaltigste
und folgenreichste Ergebnis aller Wirkungen der kapitalistischen Ent⸗
wicklung auf die Arbeiterschaft bezeichnen, daß sie dieser die Arbeit
als höchstes Gut genommen hat.“

Weniger beachtet von der kulturpolitischen Literatur des 19. Jahr⸗
hunderts ist jener Prozeß der Arbeitsteilung, den man als „Trennung
des Arbeiters von seinem Produktionsmittel“ bezeichnet hat. Die
kapitalistische Differenzierung hat die Funktionen, die Arbeitsmittel
zu erwerben, sie anzuordnen und zu zerteilen, von den Funktionen,
sie zu gebrauchen, völlig gelöst. Arbeitsmittel und Arbeitsanordnung
sind zu objektiven Arbeitsbedingungen geworden, deren versachlichten
Charakter der Arbeiter in dem Maße empfindet, als der Gegenstand
seiner Arbeit die freie Verfügungsgewalt über die Arbeitsmittel
erheischt. Am intensivsten wird die Trennung des Arbeiters von
seinen Produktionsmitteln darum wiederum in den Bezirken der
kulturellen Werkgestaltung fühlbar, in denen Arbeit und Materie am
stärksten zur restlosen Vereinigung drängen, vor allem in der Kunst
und in der Wissenschaft. Das Wesen des Kunstwerkes ist Unteilbarkeit,
Vollkommenheit und Ganzheit. Es verliert bei seiner Auflösung in
einzelne Teile in dem Maße an Wert, als es vorher in sich selbst ge⸗
schlossen, als es vollendet war. Das Kunstwerk hebt die Vielgestaltig⸗
keit und Vielbedeutung der Farben und Töne, der Formen und Werte
auf, es vernichtet sie in ihrem Eigenwert und läßt sie nur gelten in
ihrer Beziehung zu seiner eigenen Totalität. Insoweit gleicht es dem
absolutistischen Staate, der seine Glieder nur mehr als „Werkzeuge

II. Rationalisierung und Ethik
        <pb n="145" />
        142

seines Ruhmes und seiner Herrlichkeit“ wertet. Salus publica su-
prema lex (des Staates Wille ist oberstes Gesetz) gilt auch für seine
Eigengesetzlichkeit.

Das gleiche gilt cum grano salis auch für die Wissenschaft. Auch
hier bedeutet die ungeheure Arbeitsteilung für jeden ernsthaften
Forscher ein schmerzlich empfundenes und schwer zu tragendes Übel,
das ihn nötigt, zahllose Tatsachen und Methoden als objektive
Gegebenheiten und Gültigkeiten unkontrolliert von anderen zu über⸗
nehmen. Man beachte vergleichsweise, daß die Erfinder zu Beginn
des 19. Jahrhunderts nicht nur die Maschinen, die sie ersannen, selbst
und oft ohne jede Beihilfe anderer bauten, sondern meist auch die
Werkzeuge, die sie hierzu benöͤtigten! Simmel bezeichnet in seiner
„Philosophie des Geldes“x) den heutigen Zustand in der Wissenschaft
als „eine Trennung des Arbeiters von seinen Arbeitsmitteln im
weiteren Sinne“.

Die technisch⸗soziale Tatsache der Trennung des Arbeiters von
—D
zweierlei Hinsicht geltend: In der zunehmenden Entwicklung der
Arbeitskraft zur Ware und in der fortschreitenden Entfremdung des
Produzenten vom Konsumenten. In dem gleichen Maße, in dem das
Arbeitsmittel von den persönlichen Eigenschaften desjenigen, der sich
seiner bedient, unabhängig ist, hat sich einerseits die Vertretbarkeit
des Arbeiters oder doch mindestens seiner subiektiven Qualitäten
durch andere gesteigert, andererseits der Warencharakter der Arbeit.
Die Arbeit, die nun „Charakter, Bewertungsweise, Entwicklungs⸗
schicksale mit allen Waren überhaupt teilt“, ist „dem Arbeiter selbst
gegenüber etwas Objektives geworden, etwas, das er nicht nur nicht
mehr ist, sondern eigentlich auch nicht mehr hat“ (Simmel). Nichts
vermag diesen Zustand besser zu verdeutlichen als die Tatsache, daß
es einen „Arbeitsmarkt“ gibt, in manchen europäischen Sprachen auch
„Arbeitsbörse“ genannt, auf dem die Ware „Arbeitskraft“ nach

x) Verlag Dunder KeHumblot, Leipzig 1907, S. 515.

B. Betrachtungen
        <pb n="146" />
        143
Typen gehandelt wird wie Getreide, Kaffee oder Kautschuk auf den
nach ihnen benannten Märkten. Die Entpersönlichung, die hierin
zum Ausdruck kommt, ist schlechthin vollkommen, die Trennung des
Arbeiters von seinem Handelsobjekt, Arbeitskraft“ restlos vollzogen.

In den letzten Jahrzehnten ist diese Entwicklung von der kon sum⸗
politischen Seite her nun noch wesentlich verschaͤrft worden durch
— Fabrikbetrieb. Zwar
bestand der ökonomische Gegensatz zwischen Produzent und Konsument
seit Beginn der kapitalistischen Epoche im Handwerk nicht minder als
m Großbetrieb — das Sprichwort „Handwerk hat goldenen Boden“
weist mit erfrischender Naivität auf die kapitalistische Gesinnung auch
des Handwerks hin —, Charakter und Qualität der Ware waren
jedoch mindestens nicht ausschließlich nach Geld und Geldeswert
orientiert. Denn in der Kundenarbeit für einen bestimmten Kon⸗
sumenten und nur für ihn löste die Ware eine Wechselwirkung zwischen
Produzenten und Konsumenten aus, ein vielfältiges Hin und Her
der gegenseitigen Beziehungen, die von der Warenseite her stets
lebendig erhalten wurde. Der Charakter der Ware, ihr „Gesicht“
sozusagen, von einem einzelnen oder doch von einer wenig speziali⸗
sierten Arbeitsgemeinschaft nach den Weisungen eines einzelnen ge⸗
formt, wurde ebensosehr von den Wünschen des Kunden wie von dem
Gestaltungswillen des Produzenten bestimmt. Als solcher blieb er der
unmittelbare Ausdruck einer Person oder einiger weniger Personen,
ein Gebilde, das „ohne seine Objektivität zu verlieren, in dem Voll⸗
endungsprozeß von Subjekten als dessen Weg oder Mittel einbe⸗
zogen werden konnte“.*)

Das anderte sich erst, als die Arbeitsteilung das Produkt zu einem
Sammelbecken verschiedenartiger manueller und maschineller Kraͤfte
machte, zu einer Vereinigung anonymer Energien, deren Betaͤtigung
und Bewährung ausschließlich auf das Produkt gerichtet waren, auf
seine Marktgängigkeit, auf seine „Konjunktur“ — ein in der hand⸗

x) Simmel, Philosophische Kultur, S. 224.

II. Rationalisierung und Ethik
        <pb n="147" />
        B. Betrachtungen
werklich⸗wirtschaftlichen Epoche noch unbekanntes Wort. Man ver⸗
gleiche den Kundenschuster mit dem Inhaber einer modernen Schuh⸗
warenfabrik und dessen Gesellen mit den Teilarbeitern der an der
Verfertigung eines Stiefels beteiligten Sohlen⸗, Schäfte⸗ und Schuh⸗
fabriken. Man erwaͤge die Unzahl der Zwischeninstanzen, die sich in
diesem wie in anderen Faͤllen der industriellen Arbeitsteilung zwischen
Verfertiger und Käufer schieben. Die restlose Aufhebung der un⸗
mittelbaren Gegenseitigkeit zwischen Verfertiger und Käufer wird
hieran schlagartig klar.

Damit aber ist eines der wesentlichsten gemeinschaftsbildenden
Momente der handwerklichen Zeit und damit der subjektiven Kultur
schlechthin in Wegfall gekommen: Der Grundcharakter konservativer
Ehrbarkeit, der heute nur noch hier und dort die Verkehrs⸗ und
Handelssitten auf dem flachen Lande bestimmt, und der zum größten
Teile auf dieser verlorengegangenen persönlichen Fühlungnahme
zwischen Produzent und Konsument beruhte, auf der Berührung
zwischen Handwerker und Käufer. Nur in den Gewerben des per⸗
sönlichsten Lebensbedarfes (Metzger, Friseur, Schuster, Schneider,
Modistin, Schlosser, Schreiber u. a.) ist die persoönliche Fühlung des
Herstellers mit dem Verbraucher noch teilweise vorhanden, und auch
da verschwindet sie mehr und mehr zugunsten der unpersönlichen
Leistung im mechanisierten Großbetrieb.

Nicht sehr viel anders als bei der Warenherstellung steht es beim
Warenvertrieb. In fortschreitendem Maße ist in den letzten Jahr⸗
zehnten des 19. Jahrhunderts durch den Typenkauf, die Bestellung
nach Mustern oder Musterbüchern, die unmittelbare Beziehung
zwischen Käufer und Verkäufer aufgehoben und damit die in der
mündlichen Warenanpreisung liegende Differenzierung überflüssig ge⸗
worden. Die Preisgleichheit der Warengattungen hat nicht nur mit
der Zahl der 2o⸗, zo⸗ und 50⸗Pfg.⸗Basare zugenommen, bildet nicht
nur einen integrierenden Bestandteil der händlerischen Ramsch⸗
propaganda, sondern bürgert sich auch in den soliden und reellen Ge⸗
        <pb n="148" />
        14
schäften — voran in den Warenhäusern — rasch ein. Damit ist die
restlose „Kapitalisierung“ des Warenangebots erreicht, die Anlockung
des Käufers nicht mehr nach der subjektiven Eigentümlichkeit und der
Qualität der Ware, sondern nach ihrem Preis. Hier fallen alle Er⸗
klaͤrungen und Bemühungen des Verkäufers weg, der nur noch auf⸗
sichtsführende und ordnende Zwischeninstanz ist, nicht mehr Ver⸗
mittler zwischen Kunden und Ware. Einen Grad weiter noch wird
die Mechanisierung des Verkaufs dann vom Warenautomaten ge⸗
trieben, bei dem die Beziehung von Person zu Person nicht nur ob⸗
jektiviert, sondern völlig ausgeschaltet ist.

Diese Trennung des Subiektes von der unmittelbaren Gestaltung
der objektiven Kulturgüter hat nun noch zu einer weiteren Schädigung
der Kultur als einer Einheit der Subjekt⸗Objekt⸗Beziehungen geführt,
zur Resonanzlosigkeit des modernen Menschen für die organischen
Werte der objektiven Kultur. In dem selben Maße, in welchem die
Arbeitsteilung die Güter zu autonomen Gestalten einer eigenen
Logik und Selbständigkeit, einer vom menschen⸗seelischen Einfluß nur
noch mittelbar abhängigen Eigengesetzlichkeit erhoben hat, hat sich
ihre Assimilierbarkeit für das Subjekt, der Kontakt zwischen Leistenden
und Leistung verringert, das Spiegelbild des Schaffenden in seinem
Werk verzerrt, ist die Bezugslinie zwischen der Kultur der Zeit und
ihren Bildnern verwischt worden. Die Arbeitsteilung hat eine Fülle
unpersonlicher, überpersönlicher Werte ermöglicht, ihreßahl mit Hilfe
von Technik und Organisation ins Grenzenlose gesteigert, die
Gelegenheiten zur Deckung der Bedürfnisse, verglichen mit früheren
Jahrhunderten, um ein Vielfaches potenziert, — und dennoch die
hürgerliche Kultur dürftiger, gehaltloser und liebeleerer zurücgelassen,
als sie dies jemals war.

Am deutlichsten zeigt sich dieser Vorgang an der Entwicklung der
Sprachkultur. Während die Ausdrucksmöglichkeiten in den letzten
Jahrzehnten des 19. und in den ersten des 20. Jahrhunderts quan⸗
titativ wie qualitativ betraͤchtlich gesteigert worden sind und der

Rauecker

3
        <pb n="149" />
        46

B. Betrachtungen
Sprachstil sich unendlich verfeinert hat, scheint das Reden und Schreiben

als Wesensausdruck der einzelnen wie des gesamten Volkes in einem

unaufhaltbaren Verfall begriffen zu sein. Man vergleiche etwa die

Reden des Frankfurter 48er Parlaments mit den Reden, die in der

zweiten Wilhelminischen Epoche und in der Nachkriegszeit in den

deutschen Parlamenten gehalten worden sind und man wird — bei

aller Hochachtung vor zahlreichen Ausnahmen — eine durchschnittliche
Senkung des formalen Niveaus feststellen können, die ein getreuliches
Spiegelbild darstellt für den allgemeinen Verfall der geistigen Kultur
dieser Zeit. Nicht sehr viel besser liegt es im Zeitungswesen, im Buch⸗
und Briefstil, im Schriftverkehr der Behörden untereinander und mit
dem Publikum — um vom Kaufmannsdeutsch völlig zu schweigen.
Immerhin beginnt auf diesen Gebieten ein rationaler Berufsstil sich
zu entwickeln, der — gehandhabt von feinsinnigen Menschen — hier
und dort bereits als Symbol der dargestellten Sache, als litera⸗
rischer Ausdruck einer „neuen Sachlichkeit“ gewertet werden kann.
Tempo und Rhythmus, Alkzent und Klangfarbe sind in der Berufs⸗
sphaͤre in den letzten Jahren bereits weitgehend vereinheitlicht und
objektiviert, den Erfordernissen der modernen Verkehrswirtschaft an⸗
gepaßt worden.

Nicht minder kennzeichnend für den Verfall der Kultur als Folge
der gesteigerten Gegensätzlichkeit von Subjekt und Objekt ist die Viel⸗
heit der Stile. Bis in das zweite Jahrzehnt unseres Jahrhunderts
hinein folgen sich vom Häuserbau bis zu den Bildwerken, von den
Zimmereinrichtungen bis zur Gartenarchitektur Renaissance und Ba⸗
rock, Rokoko und Empire, Biedermaier und Praäraffaelitum in fort⸗
wahrendem Wechsel. Das Komplizierte und Verfeinerte wird vom
Einfachen und Simplen, Rokoko vom Klassizismus, dorische und ägyp⸗
tische Architekturformen innerhalb weniger Monate vom Jugendstil
abgelöst. Noch im Jahre 1909 schreibt einer der schaͤrfsten Kritiker der
Unkultur seiner Zeit, Hermann Muthesius, hierüber: „Im allge⸗
meinen ist der deutsche Kunststandpunkt auch heute noch, und zwar
        <pb n="150" />
        II. Rationalisierung und Ethik

147
auch in den Kleinkünsten derjenige, der er im letzten halben Jahr⸗
hundert war: Künstler, Kunst und rein theoretisches Kunstschwärmen
auf der einen Seite, der alte völlige Ungeschmack und die blanke
Unfaͤhigkeit, sich in seiner eigenen Umgebung geschmackllich zu be⸗
tätigen, auf der anderen Seite ).“ Auch nach dem Durchbruch der
„neuen Kunst des Jugendstils“ bleibt die Beziehungslosigkeit zwischen
den Künstlern und dem Publikum fortbestehen. Es „kauft Vasen im
Jugendstil, Nippessachen, Möbel, ja ganze Jugendstilzimmerein⸗
richtungen gerade so, wie es vorher die nachgeahmten Rokokosachen
gekauft hat, oder das was man etwa an sogenanntem englischen Stil
in Deutschland hervorgebracht hat“ *x). „Wer von der älteren Ge⸗
neration Kunstinteresse hat, schweift noch immer in der rein theo⸗
retischen, zur Zeit des ,Idealismus üblich gewesenen Weise bei den
Griechen und Römern, bei Raffael und Marillo umher, ohne auch
nur daran zu denken, daß es etwas Ahnliches wie künstlerische Selbst⸗
betaͤtigung in der Gestaltung seiner häuslichen Umgebung gibt xXxX).“
Wir werden in dem Abschnitt „Rationalisierung und Kunst“ die
Gründe schildern, die für eine Besserung unserer allgemeinen kul⸗
turellen Situation im letzten Jahrzehnt maßgebend wurden. Hier kam
es uns nur darauf an, zu zeigen, daß und wie sehr das Auseinander⸗
treten von Objekt⸗ und Subjekt⸗Kultur ein gutes halbes Jahrhundert
hindurch die Einheit des kulturellen Lebensausdruckes, den „Stil“
der Zeit unmöglich gemacht hat. „Stile“, das waren in der 2. Hälfte
des 19. Jahrhunderts jene vom künstlerischen Bewußtsein der Men⸗
schen unabhängigen Normen, jene autonomen Formgebundenheiten,
die gleichsam als Gegenpartei dem Subjekt gegenüberstanden, darauf
wartend, verwertet oder verworfen zu werden, unabhaͤngig von den
lebendigen Interessen und personellen Wirksamkeiten der Menschen,
unmaßgeblich für den geistigen Grundgehalt ihrer Epoche.
x) Hermann Muthesius, Kunst und Kultur, S. 6/7. Verlag Eugen Diederichs,
xx) Hermann Muthesius, a.a.O., S. 11. Jena 1909.
xxx) Hermann Muthestus, a.a.O., S. 6.

499*
        <pb n="151" />
        48

B. Betrachtungen
Als letztes Beispiel für die fortschreitende Entpersönlichung der
modernen Kultur durch Arbeitsteilung und Mechanisierung sei noch
das Mode⸗Problem erwähnt. Je kürzer die Mode dauert, desto
schwieriger wird naturgemäß jener „innere Enteignungs- und Ent⸗
wurzelungsprozeß zwischen Subjekt und Objekt sein, der es zur Dis⸗
krepanz beider kommen läßt“x). Die Schnelligkeit des Wechsels be⸗
dingt und verursacht jene Selbstgenügsamkeit der Formen, zu der der
einzelne keine innere Verbindung mehr unterhält. Die kulturelle
Folge dieser Entwicklung zeigt sich in der vielfach heillosen Geschmack⸗
losigkeit unserer Kleidungskultur, in der mangelnden Übereinstim⸗
mung zwischen dem Traͤger oder der Trägerin modischer Neuerungen
und dem Bekleidungsstück selbst. Dem Terror der „objektivierten
nouveautées“ des Modenwechsels vermag nur der kraäftig Begüterte
zu entgehen, weil nur er sich den Luxus individneller Kleidung ge⸗
statten kann. Daß die breiten Massen die Kulturwidrigkeit dieser Sach⸗
lage als solche vielfach noch nicht empfunden und dagegen demon⸗
striert haben, zeigt wie stark und vorerst unüberbrückbar die Trennung
zwischen subjektivem Kulturbedürfnis und objektiver Kultur tatsächlich
geworden ist.

Von groͤßter arbeitspolitischer und kulturpolitischer Bedeutung ist
nun die Frage, ob diese Polarität der Subiekt⸗Objekt⸗Kultur durch
die zunehmende Mechanisierung und Automatisierung des Arbeits⸗
—
inhalt und Kulturbewußtsein sind leider noch immer nicht systematisch
untersucht worden. Immerhin laͤßt sich an Hand autobiographischer
Bekenntnisse aus Arbeiterkreisen, Enqueten einzelner Forscher,
Arbeitspsychologen, Sozialpolitiker und Nationaloökonomen, sowie auf
Grund eigener Beobachtungen einiges hierüber sagen.

x) Georg Simmel, „Philosophie des Geldes“, S. 521.
        <pb n="152" />
        149

Um es vorweg zu nehmen: auch die Durchführung der inten sivsten
Arbeitsteilung auf dem Wege der psychotechnischen Auslese, der
individuellen Anpassung des Arbeiters an seine Arbeit, der systema⸗
tischen Arbeitsanordnung usw. hat das positive Verhältnis des
Arbeiters zu seiner Arbeitsleistung für den Durchschnitt der Arbeiter⸗
schaft nicht zu beeintraͤchtigen vermocht. Der Durchschnittsarbeiter
wünscht sich gar keine Arbeit, die ihn dauernd seelisch und geistig in
Anspruch nimmt. Schon vor dem Kriege hat der deutschamerikanische
Professor Münsterberg in zwei auch ins Deutsche übersetzten grund⸗
legenden Werken: „Grundzüge der Pshchotechnik“ und „Psychologie
und Wirtschaftsleben“ (1913 und 1914) ausgeführt, daß die Klagen über
Monotonisierung der Arbeit im wesentlichen von Kopfarbeitern und
Ideologen, also von Leuten kämen, deren Berufseinstellung eine
bewußt schöpferische, eine „geistige“ sei. Dementsprechend würden —
soweit hier Klagen überhaupt verlautbaren — die Beschwerden über
die Monotonie der Arbeit in den handarbeitenden Berufen haupt⸗
sächlich bei den Handwerkern und Heimarbeitern erhoben, und hier
wiederum bei jenen Berufen am stärksten, die der Arbeitsteilung und
Arbeitszerlegung vorher noch nicht oder doch kaum unterworfen
gewesen seien.

Die Ergebnisse Münsterbergs sind durch die deutsche psychotechnische
Wissenschaft weitgehend bestätigt worden. Möde, Piorkowski,
Sachsenberg, William Stern, Lipmann, Atzler, Hildegard Sachs
u. a. haben festgestellt, daß Monotonisierung der Arbeit in keiner
Weise gleichbedeutend mit völliger Entgeistigung sei. Karl Bücher
hat in seinem Buche: „Arbeit und Rhythmus“, sogar den etwas
überspitzten Satz formuliert, daß Einförmigkeit der Arbeit im Gegen⸗
teil die größte Wohltat für den Menschen sei, solange er das Tempo
seiner Bewegungen selbst regulieren könne. „Denn sie allein gestattet
rhythmisch⸗automatische Gestaltung der Arbeit, die an sich befriedi⸗
gend wirkt, indem sie den Geist frei macht und der Phantasie Spiel⸗
raum gewährt. Rhythmische Arbeit ist aber auch an sich nicht geistlose,

II. Rationalisierung und Ethik
        <pb n="153" />
        150
sondern in hohem Maße vergeistigte Arbeit; nur daß die dafür nötigen
psychischen Operationen an den Beginn der Verrichtung verlegt sind.“
Die Feststellungen dieser Gelehrten sind nun freilich von Grund auf
revistonsbedürftig geworden im selben Augenblick, in welchem das
Monotonieproblem der Fließarbeit als Folge der technisch⸗organisa⸗
torischen Rationalisierung in die Erscheinung trat. Denn nunmehr
wurde gerade dasjenige Moment ausgeschaltet, das der Monotoni⸗
sierung der Arbeit mitunter noch ihre psychischen und rhythmischen
Reize gegeben hatte: die Selbstbestimmung der Arbeitsbewegungen
durch den Arbeiter selbst. War vordem das Tempo der maschinisierten
Arbeitsbewegung in einer ganzen Anzahl von Fällen noch dem Eigen⸗
rhythmus des Arbeiters anzupassen, lagen im einfoörmigen Rhythmus
der Maschine sonach immerhin noch Möglichkeiten zur Arbeitslust,
so schwanden diese Moͤglichkeiten, soweit sie dem Arbeitsrhythmus zu
verdanken waren, mit der Einführung der Fließarbeit immer mehr.
Artur Feiler, der Handelsredakteur der „Frankfurter Zeitung“,
hat die „Entsinnung“ der Arbeit, die hierdurch eingetreten ist, in
seinem Buche: „Amerika —Europa“), anschaulich geschildert: „Der
Umschlag im Charakter des Conveyors aus einem einfachen Trans⸗
portmittel zum tyrannischen Gebieter der an ihm taͤtigen Menschen
liegt darin, daß die Arbeit, weil sie an dem laufenden Bande vor sich
geht, sich nun auch ihr Tempo von dem Tempo des Bandes diktieren
zu lassen hat. Das Tempo, in dem das Band sich dreht, bestimmt un⸗
widersprechbar auch das Tempo, in dem die Menschen sich zu rühren
haben. Wenn das Band an einer bestimmten Stelle beispielsweise
einem Arbeiter in einer Stunde 60 Arbeitsstücke zuführt — oder
richtiger: an ihm vorüberführt, denn es nimmt sie in kontinuierlicher
Bewegung auch von ihm fort, genau so, wie sie es zu ihm hinbringt —,
—
jedem dieser Stücke eine Minute verwenden darf; langsamer darf
er nicht arbeiten, denn sonst stauen sich bei ihm die Stücke, und immer
) Verlag der Frankfurter Sozietaͤtsdruckerei, S. 168, Frankfurt 1926.

B. Betrachtungen
        <pb n="154" />
        151
im gleichen Tempo muß er schaffen, denn auch seine Nachmänner sind
ebenso an das Band gebunden, ebenso auf seine gleichmäßige Vor⸗
arbeit angewiesen, wie er mit seinen Vormaͤnnern. Das Band ist der
Herr. Und wenn auf Beschluß der Fabrikleitung durch einen Hebel⸗
griff das Tempo des Bandes um, sagen wir, zehn Prozent beschleunigt
wird, so haben die Hunderte, Tausende, Zehntausende von Haänden in
dem Betriebe sich eben um zehn Prozent schneller zu rühren. Denn wie
die Ruderer an die Galeere, so sind sie an die Apparatur des Bandes
geschmiedet. Das ist — wenn das Wort beliebt wird — die Idee des
Conveyors... Die Entsinnung kann bis zur Vollständigkeit gehen:
wenn die Arbeiter und Arbeiterinnen in Reihen eng nebeneinander⸗
gepreßt, auf Stühlen, die sie niemals verlassen dürfen, an dem Bande
sitzen, mit Teilarbeiten beschäftigt, deren Zweck ihnen gänzlich ver⸗
borgen ist, weil sie niemals sehen, was vorher geschah und was nachher
daraus wird.“

II. Rationalisterung und Ethik

Das gleiche Urteil über die Arbeitsentsinnung als Folge der Fließ⸗
arbeit faͤllt der Betriebsingenieur Eduard Michel in einer Arbeit:
„Arbeitsvorbereitung als Mittel zur Beschleunigung der Produktion“,
1924, S. 149ff., wenn er schreibt: Dem Wandertisch liegt ein mehr
einseitig wirtschaftliches als ein soziales Moment zugrunde. Er bietet
der Arbeitsperson wenig Freiheit, die Leistung individnell zu entfalten.
Ihre Arbeitsgeschwindigkeit ist unmittelbar abhaͤngig von der Ge⸗
schwindigkeit des Tisches, der gleichsam als Schrittmacher wirkt. Vom
rein technisch⸗wirtschaftlichen Standpunkt aus ist er ein vorzügliches
Mittel, um von der Initiative der Arbeitsperson soweit wie möglich
unabhangig zu werden... Das mechanische Prinzip, das der Wander⸗
tisch verkörpert, kann als letzte Entwicklung der Arbeitsteilung ange—
sehen werden: Die Ausschaltung des persönlichen Elements wird hier
mit aͤußerster Konsequenz durchgeführt, so daß der Faktor Mensch nur
noch als integrierender Bestandteil des Mechanismus vorhanden ist.“

Im Gegensatz zu diesen Stimmen meint Professor Friedrich von
Gottl⸗Ottlilienfeld freilich in seiner erwäͤhnten Schrift „Fordimus“
        <pb n="155" />
        152

(Jena, Kommissionsverlag von G. Fischer, 1924, S. 17 ff.), über den
sozialpsychologischen Wert der Serienfabrikation: „Die dooo Ver⸗
richtungen bedeuten ebensoviel Probleme, den Arbeitern zur Lösung
anvertraut! Zwar ist die Aufgabe oft ein einziger Handgriff, unsäglich
klein“. Aber „die Mannigfaltigkeit ist für den dauernden Beobachter
immer noch unendlich groß“, „der Varianten gibt es zahllose, die Mög⸗
lichkeit also einer Verbesserung ... bleibt unerschöpflich“. „Und dieser
Spielraum rettet dem Arbeiter die Persönlichkeit als Arbeiter! Er ist
nicht entpersönlicht durch die Festnagelung auf starren Lösungen wie
bei der Taylorei... Er kann, was er will, nicht muß er wollen, was er
kann“. In der Bandarbeit werde, wenn er von seinem Posten am
Ufer (des Produktionsstromes) aus stromab⸗ und ⸗aufwaͤrts blickt,
lebendige Anschauung davon gewinnen, „wie er in sinnvoller Be⸗
schränkung mitschafft an einem gewaltigen Gesamtwerk“. Die Idee
Willy Hellpachs von der Erneuerung der Arbeitsfreudigkeit auf dem
Boden der Gruppenfabrikation sei von der Fordarbeitsorganisation
bereits „in großzügiger Tat vorweggenommen“.

Auch die Außerungen namhafter Wirtschaftspraktiker lauten opti⸗
mistisch. So spricht Ford in dem Kapitel seines Buches „Mein Leben
und mein Werk“, das von dem „Terror der Maschine“ handelt, zwar
von den „zweifellos überaus eintönigen Handgriffen“ — „so eintönig,
daß man es kaum für möglich halten sollte, daß ein Arbeiter sie auf die
Dauer verrichten möchte“, ohne jedoch negative Schlußfolgerungen
hieraus zu ziehen. Für ihn sind die Wissenschaftler und Literaten, die
sich mit der Frage der seelischen Wirkungen der Monotonie befassen,
„Salon⸗Experten“, die sich von der körper⸗ und seelenschädigenden
Wirkung der repetitiven Arbeit ein Bild zurecht gemacht haͤtten, das
ihrer eigenen Empfindsamkeit entspräche. Er selbst habe die Erfah⸗
rung gemacht, daß für die meisten Menschen das Denkenmüssen eine
Strafe sei. So gesehen aber sei es für die Mehrzahl eine Notwendig⸗
keit, einen gewissen Turnus in der Arbeit einzuführen und die Arbeit
repetitiv zu gestalten, da sie sonst nicht genügend schaffen würden,

B. Betrachtungen
        <pb n="156" />
        II. Rationalisierung und Ethik — 153
um davon leben zu können. An einer anderen Stelle seines
Buches heißt es mit Bezug auf die Erfahrungen, die er selbst und seine
Betriebsführer in Hinsicht auf die Neigungen oder Abneigungen der
Arbeiterschaft zur monotonisierten Arbeit gemacht hätten: „Die bei
weitem überwiegende Majoritaät jedoch will dort bleiben, wo sie hin⸗
gestellt ist. Sie will, daß man in jeder Beziehung für sie handelt und
ihr die Verantwortung abnimmt“ (S. 116). Kaum mehr als fünf
Prozent der Lohnarbeiter seien bereit, die mit einer Lohnerhöhung
verbundene erhöhte Verantwortung und Arbeitsmenge auf sich zu
nehmen. Selbst die Zahl jener, die sich zu Gruppenführern erheben
möchten, betrüge nur 25 Prozent, und die Mehrzahl von ihnen erkläre
sich nur deshalb hierzu bereit, weil die Bezahlung eine bessere sei als
an der Maschine.

Auch aus den Reihen der Arbeiterschaft sind abfällige Meinungs⸗
aͤußerungen über die entseelende Wirkung der Arbeitsteilung selten.
Soweit sie, meist in Antworten auf Enqueten sozial interessierter
Literaten oder Gelehrter, erfolgt sind, geschah dies vor allem im Hin⸗
blick auf das Verhältnis des Menschen zur Maschine. Hierbei
—
der qualifizierten Arbeiterschaft, der in der Werkgestaltung, im Arbeits⸗
vorgang als solchem, in psychischer Hinsicht noch zum Ausdruck seiner
selbst, zur Gestaltungs⸗ und Lebensbefriedigung zu gelangen vermag,
die innerlich „berufsfremd“ gebliebene Masse der Arbeiterschaft, die
ihre Arbeit nur um des Erwerbs willen verrichtet, und schließlich das
Gros jener gelernten und ungelernten Arbeiter, die zum mechanischen
Arbeiten geboren sind und solche Arbeit geradezu suchen.

Zu einer ahnlichen Einteilung ist der Psychologe Herbert Wunderlich
in seinen Untersuchungen über die Arbeitsmonotonie gelangt*). Er
unterscheidet einen „Ganzheitstypus“, dem er den Typus des Schyzo⸗
x) Die Einwirkung einförmiger zwangsläufiger Arbeit auf die Persönlichkeits—
struktur (Schriften zur Psychologie der Berufseignung und des Wirtschaftslebens.
1925, Seite 43).
        <pb n="157" />
        14
thymikers gegenüberstellt, der zur Spaltung seines Bewußtseins bis
zu einem gewissen Grade neigt und fähig ist, sich mehr oder weniger
rasch zu gewöhnen und anzupassen. Bei dem Typ der Anpassungs⸗
faͤhigsten arbeitet der motorische Nervenapparat fast willenlos, ohne
bewußte Sinneskontrolle unter dem rhythmischen Zwange der me⸗
chanisierten Arbeit, die Gedanken dieses Arbeitertypus können fast
unbeschwert von der Arbeit sinnieren oder in die Ferne schweifen. Bei
der mittleren Gruppe teilt sich das seelische Erleben zwischen der Arbeit
und ihrem mechanischen Verlauf einerseits, die man nach eingetretener
UÜbungsgelaͤufigkeit aus einer Art Gewissenhaftigkeit nebenher noch
kontrolliert, um nicht viel Fehler zu machen, und einem aus Gleich⸗
gültigkeit gegen die reizlose Arbeit erklärlichen Abgleiten der Gedanken
auf andere Dinge. Ein ruhiges Phlegma läßt hier keine starke Aktivität
in der Arbeit oder im Gegensatz zur Arbeit aufkommen. Der zuerst
genannte Typus aber, der Ganzheitstypus, der mit voller Persoönlich⸗
—DD00—
widmet, will die Arbeit bewußt auch richtig meistern und sucht einen
fehlerfreien ausgiebigen Arbeitseffekt mit zielsicherem Willen zu er⸗
streben. Dabei geraͤt seine geistige Spontaneität aber oft in Konflikt mit
dem Zwange, den die Gleichförmigkeit des Arbeitsverlaufs mit ihrem
vorgeschriebenen Tempo seinem Vorwaͤrtsstreben entgegenstellt;
körperliche Fehler und andere Hemmungen treten ein und schaffen ein
Unlustgefühl, das der gleichgültige Phlegmatiker kaum kennt und das
förmlich kontrastiert zu dem anscheinenden Behagen, mit dem der
neutrale Typ seine eingeübten Sinne und Muskeln mit dem Arbeits⸗
rhythmus automatisch laufen läßt, während er gedanklich außerhalb
der Arbeit steht und von dem Vergnügen oder dem Arger träumt, die
nach Verlassen der Arbeitsschicht daheim oder in einer Versammlung
seiner warten.

Auch die englische Psychologin Isabel Burnett hat — worauf
Professor Waldemar Zimmermann in einer bedeutsamen Artikel⸗
serie über „Psychische Wirkungen der Rationalisierung auf die Ar⸗

B. Betrachtungen
        <pb n="158" />
        II. Rationalisierung und Ethik

155
beiterschaft“ hinweiste) — bei ihren im Auftrage des „Industrial
Fatigue Research Board“ ausgeführten Untersuchungen an siebzehn⸗
jährigen Maͤdchen einer Schule für jugendliche Erwerbslose im Ein⸗
klang mit ihren früheren Ermittlungen drei Typen unterschieden,
deren Verhalten gegenüber monotoner Arbeit sich deutlich nach ihrem
Intelligenzgrade abstuft. Danach war der mittelmaͤßig begabte Typ
für die monotone Arbeit am besten zu gebrauchen und mochte sie
ziemlich gern; der unintelligente Typ erwies sich als zu lässig und
ungeschickt, und die Intelligentesten zeigten deutliche Abneigung gegen
diese Art Arbeit und keineswegs die höchsten Leistungen.

Vergleicht man die autobiographischen Bekenntnisse der Arbeiter⸗
schaft über das Maschinisierungsproblem mit diesen experimentellen
Ermittlungen, so findet man eine erstaunliche Übereinstimmung
zwischen Theorie und Praxis. So beantworten beispielsweise in dem
Buch von Levenstein „Die Arbeiterfrage“ xx) zwei Weber die Fragen:
„Verspüren Sie irgendwelche Ermüdung oder sonstige Beschwerden
durch immer dieselbe Arbeit?“ völlig verschieden. Der eine schreibt:
„Ob ich webe, ob ich die Ketten oder Poilen aufbäume oder ob ich
Faden um Faden andrehe und verankere, alles zum Sterben lang⸗
weilig, eintoönig, einschlaͤsernd und ermüdend. Es ist vollständig
gleichgültig, ob ich diesen oder jenen Artikel webe... Die Haupt⸗
beschäftigung ist Stehen und Beobachten. Ofters erfaßt mich eine
Arbeitswut, die Unruhe der Maschine übertraͤgt sich dann auf mich ...
Dann laufe ich um den Stuhl herum, und dann möchte ich der
Maschine helfen, daß sie noch schneller arbeite ... Alles trägt dazu bei, die
Arbeit zur Qual und zur Unruhe zu gestalten ... Dieses verdammte
Stahlgeschöpf, es muß siegen in einem Kampf, der kein Kampf ist...“
Der andere Weber aber erklärt: „Sie (die Maschine) erscheint mir als
ein willfähriges Werkzeug oder als mein Brotpferd ... Sogar Ver⸗
gnügen macht mir die einförmige Arbeit am Webstuhl ... Wenn der

) Reichsarbeitsblatt Nr. 44 v. 24. 11. 26 und 45 vom 1. 12. 26.
xx) Levenstein, Die Arbeiterfrage, München, E. Reinhardt, 1912, S. 45/46.
        <pb n="159" />
        1566

dumpfe Stoß und Schlag der Treiber Takt in das Tohuwabohu der
hastenden Maschinen bringt, dann ist es mir oft, als ob der rasche
Takt der Maschinen sich mir mitteilt und einen inneren Anschluß her⸗
stellt ...“ Und wieder andere Arbeiter bekennen, daß sie die halb⸗
automatisch verlaufende Arbeit deshalb schätzen, weil sie dabei unge⸗
stört philosophieren oder sich unterhalten können.

Neuere Untersuchungen scheinen zu beweisen, daß für die Stellung
zur Maschine neben der Verschiedenartigkeit des psychischen Typus vor
allem auch die Art der Maschinenarbeit entscheidend ist. In den Er⸗
hebungen über die Arbeitsfreude von De Man) z. B. zeigt sich die
verschiedene Bewertung der Maschinenarbeit für die Arbeitsfreude
davon bestimmt, ob der betreffende Gutachter eine hoch qualifizierte
Maschine selbst zu lenken hat oder ob es sich um Maschinen handelt,
durch die fortgesetzt bis aufs äußerste zerlegte Teilarbeit verrichtet
wird, wobei der Arbeiter nichts anderes als nur die Zuführung des
Materials zur Maschine und den Arbeitsprozeß zu beobachten, und die
Abnahme der fertigen Stücke zu überwachen hat. Das Verhältnis
der befragten Arbeiter und Angestellten zur Maschine schwankt
zwischen Enthusiasmus und kühler Billigung. Nirgends tritt eine
grundsatzliche Ablehnung hervor.

Zu den begeistertsten Freunden der Maschine zählen vor allem die
Metallarbeiter, denen die Einführung der Maschinenarbeit zweifellos
zu einer wesentlichen Arbeitserleichterung verholfen hat. „Ich glaube,“
schreibt ein Metallbohrer, „daß es kein Zufall ist, wenn man meine
Maschine' sagt ... eine dieser Maschinen ... eine große Seilbohr⸗
maschine mit automatischem Verschub habe ich direkt gern.“ „Ich
liebe meine Maschine,“ bekennt eine Stenotypistin, „nur will ich dabei
nicht gehetzt werden.“ Ein Zigarettenmaschinenführer schätzt den
Rhythmus der Maschine hoch, darum habe er sich, obgleich gelernter
Maschinenschlosser, „in seinem derzeitigen Beruf am wohlsten gefühlt“.
H Der Kampf um die Arbeltsfreube, Diederichs, Jena 1927.
        <pb n="160" />
        157
„Die Zigarettenstrangmaschine hat eine Seele ()), Pflicht des
Maschinenführers ist, sie nicht zu verstimmen“.

Soweit dennoch eine seelische Loslösung der Arbeiters von seiner
Arbeit erfolgt, kann sie in der Berufs⸗ oder doch in der sonstigen
Lebensgestaltung anscheinend unschwer kompensiert werden. „Wie
dem alten Dogma von der übermäßigen Freisetzung von Arbeitern
durch die Maschine eine oökonomische Kompensationstheorie entgegen⸗
gestellt worden ist, die darauf hinweist, daß der von einer Stelle durch
die Maschine verdrängte Arbeiter entweder mit der Erweiterung des
Absatzmarktes infolge der durch die Maschine gesteigerten Produktivitaͤt
mit der steigenden Nachfrage nach Arbeitskräften zur Herstellung der
Arbeitsmaschinen an einer anderen Stelle der Volkswirtschaft (selbst
wenn diese nicht dynamisch ständig wüchse) wieder Arbeitsgelegenheit
findet, so kann man auch dem seelischen Verelendungsdogma in der
rationalisierten Arbeitswelt eine sozialpsychische Kompensations⸗
theorie entgegenstellen ).“

Eines der wirksamsten Mittel zur Kompensierung der durch die
Mechanisierung entstandenen Arbeitsnot ist zweifellos die Erweckung
und Starkung des Bewußtseins, für die Gemeinschaft wichtige Dienste
zu leisten. De Man sagt hierüber: „Die Berichterstatter entgehen den
schlimmsten Wirkungen der Arbeitsteilung auf Grund der geistigen
Richtung, die mit ihrer Teilnahme an der Arbeiterbewegung zusam⸗
menhangt.“ „Als Sozialist konnte ich“, schreibt ein Krankenkassen⸗
angestellter, „gerade den unteren Schichten gegenüber, denen ich selbst
entstamme und angehöre, helfend gegenüberstehen“. Ein Handlungs⸗
gehilfe erklaͤrt: IIm Konsumverein finde ich im Gedanken an das
Schaffen für eine große Gemeinschaft eine Freude, obwohl ich mich
dabei durch die Arbeit selbst ganz nicht befriedigt fühle.“ Ein Setzer
empfindet bei seiner Arbeit in einer sozialistischen Zeitungsdruckerei
größere Arbeitsfreude in dem Gefühl, „daß für die Allgemeinheit ge⸗

II. Rationalisierung und Ethik

x*x) W. Zimmermann, Reichsarbeitsblatt 1926, Nr. 44, S. 782.
        <pb n="161" />
        t58

B. Betrachtungen
arbeitet wird“. Dieses Motiv der Arbeitsfreude wird noch gesteigert,
wenn der einzelne Arbeiter sich in der Lage sieht, sich auch der eigenen
Kollegenschaft gegenüber dienstbar zu erweisen. Ein Metallbohrer
gibt an, daß er zum erstenmal als Versuchsbohrer so etwas wie Arbeits⸗
freude empfunden habe; „wußte ich doch, daß es viel von mir abhing,
ob den Kollegen die Möglichkeit des Verdienens gegeben war“.
„Wirklich dringende Arbeiten wurden durch die gegenseitige Hilfs⸗
bereitschaft mit einer Schnelligkeit durchgeführt, wie sie mit einem
Zwangssystem niemals erreicht werden kann“, berichtet ein Schlosser.
In engster Verknüpfung mit diesem Drang zur sozialen Veraut⸗
wortung steht das gesteigerte Verlangen nach Mitbestimmung
im Betriebe. Ein Buchdruckmaschinenmeister erklärt: „Die Arbeits⸗
freude kann noch gehoben werden durch möglichste Gewährung von
Mitbestimmung und Einblick von Betriebsräten in die Geschäfts⸗
führung. Man will wissen, was im Betrieb los ist.“ Ahnlich lauten
einige andere Zeugnisse.

Der deutsche Gesetzgeber hat diesem Drang nach Erkenntnis der
Betriebszusammenhänge weitsichtig Rechnung getragen. In der Be⸗
gründung zum Betriebsrätegesetz heißt es: „Der Arbeiter will nicht
mehr nur als Arbeiter an der Arbeitsstelle mitgebunden an Arbeits⸗
aufgaben ohne Ausblick auf das wirtschaftliche Ganze leben und sterben,
es draͤngt ihn, über die Arbeitsstelle hinaus das wirtschaftliche Ganze
zu sehen, seine Sachkunde und Erfahrungen dafür fruchtbar zu machen
und an der produktiven Entwicklung mitzuschaffen.“ In diesem Satze
ist der Kernpunkt der kulturellen Problematik des wirtschaftlichen Raͤte⸗
gedankens richtig gesehen: Blick und UÜberblick des Arbeiters so zu
weiten, daß es ihm möglich wird, „das Ganze zu sehen“. Hegel sagt:
„Ein Zweck, für welchen ich tätig sein soll, muß auf irgendeine Weise
auch mein Zweck sein; ich muß meinen Zwech zugleich dabei befriedigen,
wenn der Zweck, für welchen ich tätig bin, auch noch viele andere
Seiten hat, nach denen er mich nichts angeht. Dies ist das unendliche
Recht des Subjekts, daß es sich selbst in seiner Tätigkeit und Arbeit
        <pb n="162" />
        152
befriedigt findet. Wenn die Menschen sich für etwas inter⸗
essieren sollen, so müssen sie sich selbst darin haben und
ihr eigenes Selbstgefühl darin befriedigt finden.“ GHegel
—DV Zuhörer bei Er⸗
zffnung seiner Vorlesungen in Berlin am 22. Oktober 1818.)

Die erste Voraussetzung für eine solche Befriedigung des Selbst⸗
gefühls der Arbeiterschaft ist die Schulung und Bildung der
Arbeiterschaft für diesen „Blick für das Ganze“. Diese Bildung
darf sich jedoch nicht verlieren in asthetischen „Rundgesprächen“ über
den „Erlebnisgehalt“ der Arbeit und die Möglichkeit, ihn unmittelbar
oder mittelbar wiederherzustellen. Sie darf es auch nicht in erster
Linie mit der Vermittlung sogenannter „Kulturgüter“, mit der Ver⸗
anstaltung literarischer, philosophischer, künstlerischer Vortraäge, musi⸗
kalischer und dramatischer Darbietungen, naturwissenschaftlicher Be⸗
trachtungen usw. bewenden lassen; so wertvoll diese Darbietungen als
Inhalt der allgemeinen Volksbildung auch sein mögen, so wenig
gehören sie in den Rahmen der speziellen Arbeiterbildung als
eines Kompensationsmittels gegen die Schäden der Arbeitsteilung.
Diese kann ihre Wurzeln nur im Beruf haben. „Narrenpossen sind
eure allgemeine Bildung und alle Ansichten dazu; daß der Mensch
etwas ganz entschieden verstehe, vorzůglich leiste, wie nicht leicht ein
anderer in der näͤchsten Umgebung, darauf kommt es an. Eins recht
wissen und ausüben gibt höhere Bildung als Halbheit
im Hundertfältigen ...“ (Goethe).

Arbeit und Beruf müssen der seelische, die Fabrik der ortliche Stand⸗
punkt sein, von dem aus Wissen und Lehre sich für den Arbeiter er⸗
strecken sollen. Vom „Betrieb“ bringt der Arbeiter den Erfahrungs⸗
kompler mit, der in wirtschaftlicher, rechtlicher, technischer, sozialer und
staatsbürgerlicher Hinsicht erweitert werden muß. Die Wirtschafts⸗
lehre kann anknüpfen an die unmitttelbaren Produktions⸗ und Arbeits⸗
vorgänge, sie wird das Sinnvolle der Einzelfunktion, der Detailarbeit
erklaͤren, ihre Bedeutung für den Gesamtprozeß verdeutlichen, sie wird

II. Rationalisierung und Ethik
        <pb n="163" />
        t60

B. Betrachtungen
so die Zusammenschau der Arbeitsleistungen zu schaffen versuchen, die
in der Arbeitsteilung räumlich wie zeitlich verlorengegangen ist. Die
Sozial⸗ und Rechtslehre kann ihren Ausgangspunkt nehmen in den
taͤglichen Rechtserfahrungen der Arbeiterschaft, in der Arbeits- und
Fabrikordnung, in der Gestaltung der Arbeitsbedingungen und des
Wohlfahrtswesens, an der die Belegschaft durch ihre Vertretung, den
Betriebsrat, aktiv mitzuwirken berufen ist. Sie wird sich weiterhin auf
die Lehrgebiete des Arbeits-⸗ und Versicherungsrechts, auf die Unfall⸗
verhütungsvorschriften wie auf die Problematik der Wirtschafts⸗
demokratie erstrecken müssen. Die technische Lehre wird Werkzeug⸗
und Maschinenkunde, die Entwicklung und die Folgen der Technik
umfassen, sie wird das Problem Mensch und Maschine in seinen wirt⸗
schaftlichen wie in seinen seelischen Zusammenhängen würdigen, sie
wird das Unausweichliche der Technisierung und Mechanisierung dar⸗
stellen müssen. Die staatsbürgerliche Lehre schließlich wird beginnen
mit der Überleitung des jugendlichen Arbeiters in den Beruf, mit der
Bedeutung der Berufswahl in persönlicher wie gesellschaftlicher Hin⸗
sicht. Sie wird dann die Verflechtungen des einzelnen in die Ord⸗
nungen der Gesellschaft, des Staates und Volkes, seine Rechte und
Pflichten in ihnen beschreiben, die Entwicklung zu fortschreitender
Selbstverwaltung und Selbstverantwortung verdeutlichen, die natio⸗
nale Schicksalsverbundenheit der Stände im allgemeinen und in der
Gegenwart im besonderen behandeln müssen.

Die vorhandenen staatlichen oder privaten Lehreinrichtungen suchen
diesen Forderungen bereits weitgehend zu entsprechen. Die höchste
paͤdagogische Wirkung werden sie jedoch erst dann erzielen, wenn sie auf
einen Gesamtplan abgestimmt sind und systematisch so ineinander⸗
greifen, daß jede Doppelarbeit vermieden wird. Davon kann heute
noch keine Rede sein. Staatliche und private Bildungsbestrebungen
arbeiten haͤufig noch ohne organische und organisatorische Verknüpfung
nebeneinander her und aneinander vorbei. Auch scheint es, als ob
namentlich die gesetzgebenden Körperschaften sich der kulturpolitischen
        <pb n="164" />
        II. Rationalisierung und Ethik 161
und staatspolitischen Bedeutung der Arbeiterbildung als eines der
wenigen wirksamen Kompensationsmittel gegen die schaͤdlichen
Wirkungen der Arbeitsteilung noch keineswegs bewußt sind. Die
Gleichgültigkeit, mit der manche Parlamente dieser Aufgabe und ihrer
Erfuͤllung gegenüberstehen, die Geringfügigkeit der Sachmittel, die
hierfür ausgeworfen sind, zeigen, daß auch in staatspolitisch geschulten
und verantwortungsfreudigen Kreisen die außerordentliche Bedeutung
der Arbeiterbildung für Staat und Gesellschaft noch selten erkannt
wirdx)J.

Daß die günstige Gestaltung der Arbeitszeit und des Arbeits⸗
lohnes als Kompensationsmittel gegen die Arbeitsentgeistigung
gleichfalls eine bedeutsame Rolle spielen, bedarf kaum einer besonderen
Erwahnung. Wenn auch die Annahme Fords, wonach 95)6 aller
Unlustgefühle bei der Arbeit — selbst die Gefühle werden, wie man
sieht, von dem trefflichen Vollblutamerikaner in Prozenten fest⸗
gelegt! — durch Lohnerhöhung kompensiert werden können, über⸗
trieben sein duürfte, so steht doch fest, daß der unmittelbare Zusammen⸗
hang zwischen Rationalisierung und Verbesserung der Lebenshaltung
die positive Haltung der amerikanischen Arbeiterschaft zur Rationali⸗
sierungsfrage entscheidend beeinflußt. Fuͤr eine Lohnsteigerung von
199 im Jahre 1920 auf 250 im Jahre 1926 (1913 * 100 gesetzt), bei
gleichzeitiger Senkung der Preise von 226 auf 151, und eine Ver⸗
kürzung der Arbeitszeit von 191321926 um rund 795, nimmt man
schon allerhand „Arbeitsentsinnung“ mit in Kauf. Wenn sich dann
noch ergibt, daß die Arbeitsbewegungen durch die Rationalisierung
x) Einen guten Überblick über die vorhandenen Organisationen der
Arbeiterbildung vermittelt die Broschüre von Theodor Leipart und Lothar
Erdmann, „Arbeiterbildung und Volksbildung“, Berlin 1928, Verlagsgesellschaft
des ADGwB, die die freigewerkschaftliche Einstellung zum Arbeiterbildungsproblem
wiedergibt. Uber die Grundlagen und Ziele des Bildungswesens der christlichen
Sewerkschaften unterrichtet anschaulich die Broschüre von Franz Röhr, „Grund—⸗
lagen und Ziele des gewerkschaftlichen Bildungswesens“, Christl. Gewerkschafts⸗
Verlag, Berlin⸗Wilmersdorf, 1926.
Rauecker
        <pb n="165" />
        162

B. Betrachtungen
einfacher und müheloser gestaltet werden können, die Arbeitsordnung
und Arbeitslenkung systematischer, die Gliederung des Betriebes, der
einzelnen Werkstätten und Magazine übersichtlicher und planvoller, die
Arbeitsraͤume aͤsthetisch und hygienisch befriedigender werden, wenn
Werkzeuge und Arbeitsmaschinen mit geringerer Mühe als früher zu
handhaben sind, so wird das Bedauern über den Verlust der handwerk⸗
lichen Schaffenstotalitaͤt gering sein.

Neben diesen Kompensationsmöglichkeiten sind alle übrigen Ver⸗
suche das durch die Arbeitsteilung entstandene Leid anderwärts zu
kompensieren, sekundärer Natur. Dies gilt vor allem auch für ein in
den letzten Jahren viel erörtertes System: die sogenannte „Gruppen⸗
fabrikation.“ Professor Hellpach hat als Leiter des sozialpsychologischen
Seminars an der technischen Hochschule in Karlsruhe eine Reihe von
Arbeiten über Arbeitspsychologie herausgegeben, von denen das Buch
des Diplomingenieurs R. Lang über „Gruppenfabrikation“ (er⸗
schienen als Band J der „Sozialpsychologischen Forschungen des
Instituts für Sozialpsychologie an der Technischen Hochschule Karls⸗
ruhe“, Verlag Springer, Berlin, 1922) die umfassendste und auf⸗
schlußreichste ist. Hellpach hat zu dem Langschen Buch ein Geleitwort
geschrieben, in welchem er die Fabrikfrage schlechthin die Lebensfrage
der industrialisierten Volker des Abendlandes nennt, und in dem
er fragt: „Wie kann Fabrikarbeit ein Glied im Menschentum des sie
Leistenden werden, wie aus einer Serie von Verrichtungen ein Ganzes
von Leistungen — wie ein Beruf statt einer bloßen Beschäftigung ?“
Die Zukunft der Industrievölker häänge davon ab, „ob es ihnen gelingt,
für die gewerbliche Großproduktion Formen zu finden, die den wert⸗
vollen Antrieben der Fabrikarbeit eine angemessene Verwirklichung
und Auswirkung ermöglichen. Gelingt das nicht, so wird derjenige
Teil der Produktivkräfte, dem die überkommenen Produktionsformen
zu eng geworden sind — die menschlich⸗seelischen Kräfte — diese Pro⸗
duktionsformen sprengen und dann vielleicht das Phänomen Fabrik
für immer zerstören!“ (S. 85). Hellpach sieht die Erfordernisse einer
        <pb n="166" />
        II. Rationalisierung und Ethik 163
Gesundung der Fabrik darin, daß sie „diese menschlich⸗seelischen Kraͤfte
sich innerlich assimiliert, als positive und produktive Kraͤfte in den
Dienst ihrer Aufgabe zu stellen weiß und sich nicht darin erschöpft, sie
als negative und störenfriedliche Elemente lediglich auszubalancieren
und kaltzustellen. Diese Kraͤfte sind in ihrer Gesamtheit das inhaltliche
und methodische, einzelmenschliche und menschengemeinschaftliche,
—E Fabrik⸗
arbeit“. Lang selbst hat die Wiederherstellung dieses Verhältnisses
am Beispiel der Gruppenfabrikation bei der Automobilherstellung zu
schildern versucht. Danach sollen alle „Elementteile“ und Arbeitsver⸗
richtungen zur Fertigstellung des „Teilorgans“ in der „Gruppe“ bei⸗
sammen bleiben, deren Produktion zwar, verglichen mit dem aufs
Außerste untergeteilten Arbeitsprozeß der ungegliederten Fabrikation,
mehr Maschinen, mehr Aufsichtspersonal benötigte, die aber anderer⸗
seits durch die Belebung der Arbeitsfreude auch die Fertigkeit des
einzelnen Arbeiters wachsen, die Anregungen zur Vervolllommnung
der Arbeit und des Arbeitsgegenstandes von seiten der Arbeiterschaft
selbst sich vermehren ließe. Hellpach stellt mit Recht diesen Ergebnissen
Langs die Frage: „Existieren die psychologischen Folgewirkungen, die
Lang der Gruppenfabrikation beiläufig unterstellt, wirklich?“ Und
wenn ja: „Wie verhalten sie sich zu den Möglichkeiten einer Uberwin⸗
dung der sachlichen und menschlichen Automatisierung des arbeitenden
Fabriklers ?“

Die Antwort, die er sich selbst erteilt, klingt steptisch. Wenn man,
so meint er, auch die psychischen Wirkungen der Gruppenfabrikation
erst nach längerer Zeit, nach Jahren, ja nach Jahrzehnten endgültig
beurteilen könne, so stehe doch jedenfalls heute schon fest, daß die Fabrik⸗
arbeiter in der Gruppenfabrikation „genau so indifferent aussaãhen, wie
es für den Fabrikarbeiter überhaupt charakteristisch“ sei. Das ist nicht
höflich, aber es ist wenigstens eindeutig. Dennoch scheint Hellpach zu
glauben, daß die Gruppenfabrikation, die wenigstens die Tatsachen
einer organischen Verbundenheit der Arbeitenden und eines organi⸗

1*
        <pb n="167" />
        164

B. Betrachtungen
schen Zusammenhanges des natürlichen Fertigungsprozesses schaffe,
spaͤter einmal echte organische Gemeinschaftsgebilde der Gruppen⸗
glieder ergeben könne.

Wichtiger als dieser wenig Erfolg versprechende Versuch zur
Wiederherstellung einer Betriebs⸗ und Arbeitsorganik, sind alle Be⸗
strebungen auf Wiedervereinigung des mechanisierten Arbeitsmenschen
mit dem Ursprung allen organischen Lebens mit der Natur. Hierher
gehören die beschleunigte Durchführung der Siedlung, deren Ver⸗
nachlässigung in der ersten Nachkriegszeit einer der dunkelsten Punkte
der Sozialpolitik seit 7x918 war. Hierher gehört die Aufrechterhaltung
der Pachtschutzordnung, die den Kleintierhaltern und den Kleingarten⸗
besitzern den befristeten Besitz ihres Gütchens sichern soll, hierher
gehört vor allem die Verbilligung und Verbesserung des Vorort⸗ und
Sonntagsverkehrs. Mit besonderem Nachdruck muß gefordert werden,
daß die Reichsbahn den Wandervereinigungen der Jugendlichen in
staͤrkerem Maße entgegenkommt, als dies bisher geschehen ist. Uber⸗
haupt verdient die Freizeit der arbeitenden Jugend in diesem Zusam⸗
menhange besondere Beachtung. Die Zahl der erwerbstätigen Jugend⸗
lichen dürfte heute rund 1N/, Millionen betragen. Es ist klar, daß die
Mechanisierung der Arbeit auf diese Kategorie besonders nachteilig
wirkt. Nicht nur, daß die Jugend erfahrungsgemäß die Mechani⸗
sierung am allerschwersten verträgt, da sie mehr als die Erwachsenen
physisch und psychisch darauf angewiesen ist, ihre motorischen Ge⸗
staltungstriebe auszuwirken, entfallen auch in der monotonisierten
Arbeit die charakterformenden Möglichkeiten der Lehre oder einer
—
die Jugendlichen ein Freizeitgesetz gefordert werden, das die
Arbeitszeit der Jugendlichen auf ein Mindestmaß beschränkt und
edem Jugendlichen einen Anspruch auf bezahlten Urlaub gibt.

Als eine letzte Kompensationsmöglichkeit von Gewicht gegen die
Mechanisierung des Arbeitsinhaltes ist schließlich die durch die Ratio⸗
nalisierung erleichterte Freizügigkeit des Arbeiters anzusehen, die
        <pb n="168" />
        II. Rationalisierung und Ethik 168
neugeschaffene Moͤglichkeit für den modernen Industriearbeiter, sich
ohne Schwierigkeiten zu „veraͤndern“, seine Stelle, falls ihm die Arbeit
nicht behagt, beliebig zu wechseln. Der Arbeiter ist heute infolge der
fortgeschrittenen Arbeitszerlegung und Mechanisierung viel weniger
als ehedem an bestimmte Betriebe und Branchen gebunden. Das be⸗
deutet nicht nur wirtschaftlich⸗sozial einen gewissen Vorzug — dem
allerdings die ebenso leichte Ersetzbarkeit, also Entlaßbarkeit, gegen⸗
uͤbersteht —, sondern neben der Minderung der Betriebsgebundenheit
und Abhängigkeit vom Arbeitgeber auch eine erhöhte Möglichkeit,
„die Welt in breiteren Ausschnitten kennen zu lernen, sich geistig regsam
zu halten und Erwerbschancen zu finden, die ihm bei enger Ver⸗
flochtenheit seiner Arbeit mit wenigen Fachbetrieben sich kaum er⸗
schließen würden“. (Waldemar Zimmermann, Reichsarbeitsblatt 1926,
Nr. 44, S. 7858.)

In dieser Befreiung von handwerklichen Bindungen kommt die
Rationalisierung nun wiederum der leitenden Grundidee unserer
Epoche, entgegen: dem Willen zum Leben um jeden Preis. Das
Leben, „als die alleinige Bestimmung seiner selbst, als die alleinige
Substanz aller seiner Inhalte“ (Simmel, Der Konflikt der
modernen Kultur, S. 15), sucht seinen Zweck im Leben selbst,
in der „Steigerung, im Mehrwerden, in der Entwicklung zu Fülle
und Macht, zu Kraft und Schönheit aus sich selbst heraus, nicht
an einem angeblichen Ziele, sondern an der Entwiclung seiner
selbst, dadurch, daß es mehr Leben wird“. Hieraus erklaͤrt sich zweifel⸗
los die moderne Gegnerschaft gegen das Prinzip der Form, gegen
jedwede Endguültigkeit und Bindung in allen Lebensgebieten. Wahrend
in der griechischen Klassik die Idee des Seins, des Maßes, der Vernunft,
der „Ratio“ den natürlichen und gottgewollten Zentralbegriff bildete,
dem der einzelne sich anzupassen und einzufügen hatte, während im
Mittelalter das gesamte Leben vom Gottesbegriff her und nur von
ihm Bedeutung, Weihe und Zielsetzung erhielt, während die Renais⸗
sance die „Natur“ als tragenden Leitgedanken setzt, kennt das 19. Jahr⸗
        <pb n="169" />
        tös

B. Betrachtungen
hundert keine übergeordnete Grundidee mehr. Das 20. Jahr⸗
hundert aber erhebt wiederum „das Leben“ schlechthin zum Zentral⸗
begriff, von dessen Wirklichkeit her die individuellen und sozialen, die
aͤsthetischen und religiösen Werke ihren Ausgang und ihre Zweck⸗
bestimmung erhalten.

Hiermit hangt auch die teils rational, teils irrational zu wertende
Frage der Geburtenbeschränkung zusammen. Gewiß ist die
bewußte kunstliche Beschraͤnkung der Geburten, die sich seit einer Reihe
von Jahren in der fortschreitenden Abnahme der Geburtenziffern
geltend macht, in erster Linie auf die Verbreitung rationalistischer
Ideale zurückzuführen, auf die „Aufklärung“ über die Moͤglichkeit und
den Nutzen der Antikonzeption. Auch tragen Motive der Genußsucht,
der Bequemlichkeit und dergleichen dazu bei, die Kinderzahl gering zu
halten. In der mechanisierten Atmosphaͤre der Großstadt ist der
Geschlechtsverkehr vielfach zu einer bewußten Angelegenheit liebeleerer
Triebbefriedigung geworden. Dennoch schwingt in der gewollten
Enthaltsamkeit von der Kinderzeugung auch vielfach ein ethisches
Motiv mit, das der Schonung und Pflege des Lebens, des Lebens vor
allem der Frau, aber auch der bereits geborenen Kinder. „Die Frau“,
schreibt Staatssekretär Professor Dr. Julius Hirsch in einer lesens⸗
werten Abhandlung „Neues Werden in der menschlichen Wirtschaft,
Gustaf Fischer, Jena, 1927“, „war der erste Sklave, das menschliche
Arbeitswesen, von der Natur scheinbar rettungslos in die zweite Klasse
menschlichen Soldatenstandes versetzt. Körperkraͤfte regierten die Welt.
Das Los der Frau war kurze Blütezeit und dann endlose Schwanger⸗
schaften mit kläglichem Verblühen und hilfloser wirtschaftlicher Ge⸗
bundenheit an den Ernährer (S. 27). Mit diesem System hat die
neue Zeit gründlich gebrochen. Die Geburten sollen nicht mehr Schick⸗
salsschlag sein, die zwangsläufige Nachkommenschaftsgemeinschaft
schwindet; mit ihr die furchtbarste Drohung einer jeden von Liebe
ergriffenen Frau, in wichtigen Gesellschaftsschichten auch die Aus⸗
schließlichteit der Ehe als Sexualgemeinschaft.“ (S. 28.)
        <pb n="170" />
        II. Rationalisterung und Ethik 167
Es mag dahingestellt bleiben, ob die Rationalisierung der Sexual⸗
gemeinschaft die Grenzen des ethisch zu Billigenden in der Mehrzahl der
Faͤlle nicht überschreitet, ob tatsächlich nur wirtschaftliche Enge, soziale
Not, körperliche Schwaͤche die Veranlassung zur künstlichen Geburten⸗
enthaltung bilden oder nicht auch und vielleicht in viel stärkerem Grade
noch der schwindende Wille zum Kinde, die Denaturierung der Frau.
Jedenfalls hat die Schonung der mütterlichen Kräfte bereits eine
nennenswerte psychische und körperliche Aufwertung der Frau und
der von ihr geborenen Kinder zur Folge gehabt — ein vom Stand⸗
punkt der Menschheitsentwicklung hoher Gewinn. Kulturlos und
banausenhaft ist es jedoch, diese Entwicklung sub specie bconomicae
zu würdigen. Ein Satz wie: „Den Produktionsausfall an Kindern
ersetzt der Menschheit vorerst die Mehrproduktion von Frauenhand“
Hirsch, S. 28) zeigt die seelische Trostlosigkeit einer Zeit, die selbst das
geheiligte Geheimnis der Menschwerdung in erster Linie unter wirt⸗
schaftlichen Gesichtspunkten beurteilen zu müssen glaubt.
        <pb n="171" />
        III. Rationalisierung und Kunst

Seit Worringers grundlegenden Betrachtungen über „Ab⸗
straktion und Einfühlung“*), als Pole des künstlerischen Schaffens,
—R
Selbstgenuß und Abstraktion als dem Willen, die Einzelheiten zur
typischen Einheit zusammenzufassen. Das, was wir Kunstwissen⸗
schaft nennen, stellt eine fortwaͤhrende Auseinandersetzung zwischen
diesen beiden Tendenzen dar, die man Naturalismus und Stil
nennt. Beide Tendenzen sind ihrerseits Ausdrucksformen eines
einheitlichen Kunstwollens, das nach geheimnisvollen Gesetzen
bald als Einfühlung in das Einzelne, bald als Willen zu Erlösung
vom Einzelnen in die Erscheinung tritt. Die Einfühlung findet ihre
Erfüllung im Organischen, in der schönen Lebendigkeit der unzähligen
Formen, in die wir unser eigenes Lebensgefühl hineinversenken.
Die Abstraktion dagegen ist das Ergebnis jener „großen inneren
Beunruhigung des Menschen durch die Erscheinungen der Außen⸗
welt“xx), die uns alle beherrscht, ein Drang, „in der Betrachtung eines
Notwendigen und Unverrückbaren erlöst zu werden vom Zufälligen
des Menschenseins überhaupt, von der scheinbaren Willkür der allge⸗
meinen organischen Existenz“*xxx). Wo die Lebensbedingungen, die
klimatischen und sonstigen Verhältnisse, eine unmittelbare Vertraut⸗
heit des Menschen mit der Umwelt gestatten, sind die Epochen der
„Einfühlung“, des Naturalismus anhaltender, überdauert eine welt⸗
fromme Diesseitigkeit, die im Pantheismus, Polytheismus und

x) Wilhelm Worringer, Abstraktion und Einfühlung, Verlag Piper &amp; Co.,
—A

*xx) Worringer, a.a.O., S. 9, 10.
xxx) Worringer, a.a.O. S. 31.
        <pb n="172" />
        III. Rationalisierung und Kunst —169
Monismus ihre religibsen Formen findet, die Zeiten der Abstraktion.
Solche Einfühlung weiß sich eins mit der Welt und empfindet des⸗
halb „die objektive Außenwelt nicht als Fremdartiges, das zu der
inneren Welt des Menschen hinzutritt, sondern in ihr die antwortenden
Gegenbilder zu den eigenen Empfindungen erkennt“ (Goethe).
Deshalb sieht das Altertum, dessen künstlerische Kultur genährt
wird von der Kraft und Eindringlichkeit der südlichen Natur, sein
künstlerisches Ziel darin, „die Außendinge in ihrer klaren stofflichen
Individualitãt wiederzugeben und dabei gegenüber der sinnfälligen
Erscheinung der Außendinge in der Natur alles zu vermeiden und zu
unterdrücken, was den unmittelbar überzeugenden Ausdruck der stoff⸗
lichen Individualitaͤt trüben und abschwächen könnte“x). Deshalb
sucht auch die Renaissance, die in der beglückenden Umwelt Italiens
ihre natürlichen Wurzeln hat, die Steigerung des Selbstgefühls in
der Darstellung und im Sichfinden in der organischen Form.
Dagegen kann der Einfühlungsdrang als Triebkraft des künst⸗
lerischen Wollens und Gestaltens dort keinen oder doch nur einen
vorübergehenden Einfluß gewinnen, wo tiefere Erkenntnis vor der
Unsicherheit der Erscheinungen und ein stets waches Mißtrauen
gegenüber dem Vordergrund und der schnell wechselnden Oberflãche
der Dinge den Menschen fernhaͤlt von einer optimistischen Vertraut⸗
heit mit der Natur. Das Kunstwollen der Naturvölker ist ebenso wie
das Weltgefühl der Orientalen und der Christen beherrscht von der
pessimistischen Furcht vor der Unergrundlichkeit des Daseins. Das
künstlerische Korrelat zu diesem Pessimismus ist die Abstraktion,
insofern sie die Möglichkeit bietet, aus dem draͤngenden, problema⸗
tischen Wechsel des Diesseits erloöst zu werden zum Jenseits des
Absoluten. Alle Transzendentalkunst strebt deshalb nach dem „Ding
an sich“, nach unbedingten, zeitlich nicht mehr gebundenen Notwen dig⸗
keitswerten, nach der Darstellung der „Idee“ schlechthin. In diesem
Sinne weist Schiller der Kunst die Aufgabe zu, den Menschen über
H Riegl, Spaͤtromische Kunstindustrie, zitiert bei Worringer a.a. O., S. 28.
        <pb n="173" />
        170

B. Betrachtungen
sein sinnliches Dasein hinaus zu Begriffen des sittlichen, von den
Begrenztheiten des eigenen Daseins unabhaͤngigen Gedankens zu
erheben. Schopenhauer sieht in ihr das Mittel, das innere Wesen
einer Kulturerscheinung, ihre Idee unmittelbar zu erfassen und dar⸗
zustellen.

Um die Erfassung und Darstellung einer „Idee“ handelt es sich
nun aber auch bei jenen Rationalisierungsvorgaͤngen, die wir
Typisierung und Normalisierung nennen. Auch sie erfordern die
Versenkung in das „innere Wesen einer Kulturerscheinung“. Auch sie
stellen in ihrer Art die volllommenste Lösung dar, den Wesensausdruck,
die Einheit als Zusammenfassung zahlloser Einzelheiten. Auch sie sind
sonach Elemente der Abstraktion.

Damit ist freilich noch nicht gesagt, daß der Typus an und für
sich auch schon künstlerische Vollkommenheit in sich birgt. Um den
aͤsthetischen Charakter der technisch⸗typischen Losung geht vielmehr
seit Jahrzehnten ein heftiger Streit. Zwar hat das ästhetische Gefühl
seit den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine ent⸗
schiedene Wandlung durchlebt. Während noch um die Wende des
19. Jahrhunderts die Schönheit des Zweckmäßigen schlechthin ge⸗
leugnet und Kunst nahezu mit Putz gleichgesetzt, jeder dicke Formballast
pflichtschuldigst bewundert wurde“ ), setzt sich vom ersten Jahrzehnt
des 20. Jahrhunderts ab die Freude an der Ratio durch, an der
immanenten Logik der Funktionen. Der Gegensatz von Zweck und
Form scheint überbrückbar, die Erkenntnis erwacht, daß das Un⸗
praktische nicht schoͤn sein könne, das aͤsthetische Gefühl beginnt sich
gegen die Zumutung zu sträuben, daß nur das Überflüssige ästhetisch
wertvoll sein soll.

Naheliegenderweise gewinnen solche Überzeugungen am frühesten
und staͤrksten in den am meisten zweckbestimmten Künsten Raum:
in der Architektur und im Kunstgewerbe. Schon 1895 schreibt Otto
x) Adolf Behne, Der moderne Zweckbau, Drei⸗Masken⸗Verlag, München,
Wien, Berlin 1926, S. 10.
        <pb n="174" />
        171
Wagner, der Altmeister der neueren Wiener Architektenschule, in seiner
„Baukunst unserer Zeit“ im Schlußkapitel:

„Fasse ich das in dieser Schrift Gesagte zusammen und versuche
ich ein Essentiale derselben in wenige Worte zu prägen, um den Bau⸗
kunstjüngern bei jeder Art des Schaffens den kürzesten und besten Weg
zum Ziele zu weisen, so würden diese Worte und die Reihenfolge
ihrer Anwendung wie folgt lauten:

r. Peinlich genaues Erfassen und vollkommenes Erfüllen des
Zweckes (bis zum kleinsten Detail),

2. glückliche Wahl des Ausführungsmaterials (also leicht erhaͤltlich,
gut bearbeitungsfähig, dauerhaft, okonomisch),

3. einfache und ökonomische Konstruktion — und erst nach Erwägung
dieser drei Hauptpunkte

4. die aus diesen Prämissen entstehende Form (sie fließt von selbst
in die Feder und wird immer leicht verständlich).“

Mehr und mehr wird von nun ab in der Architektur vollendete
Zweckmäßigkeit und künstlerische Vollkommenheit gleichgesetzt. „Der
Naturalismus in der Baukunst ist die Zweckmaßigkeit“, schreibt Karl
Scheffler in seinem Buche über „Messel“ (Seite 14) und Peter Behrens
rechtfertigt die Grundsaͤtze, nach denen er seine bahnbrechenden, auf
typische Lösungen eingestellten AEG-⸗vBauten in Berlin errichtet hat,

im Juni⸗Heft 1920 der Zeitschrift „Plakat“ mit folgenden Worten:

„Bei den Formfragen aller gewerblichen Anlagen handelt es sich

stets darum, aus dem Wesen der zu gestaltenden Dinge selbst ihren

Charakter zu schöpfen, den Typus zu ergründen, wie ja alle Kunst der

vergangenen Zeiten auch heute im Rückblick noch ihre erhabene

Größe dadurch offenbart, daß sie für die jeweilige Bestim⸗

mung typisch war. Das heißt nichts anderes, als auf alle Be⸗

dingungen, die eine Anlage den künstlerischen und technischen Mitteln
stellt, einzugehen, diese zu unterstützen, ja sie zum Grundsatz zu erheben
und diesen zum sichtbaren Ausdruck werden zu lassen.“

III. Rationalisierung und Kunst
        <pb n="175" />
        172

B. Betrachtungen
Immerhin halten Peter Behrens und seine Zeitgenossen — die
AEG⸗Bauten sind in den Jahren 1900 - 12 entstanden — noch an der
künstlerischen Interpretation des Zweckes durch die Form fest. Die
zeitgenössische Architektengeneration dagegen hat jedwede Formal⸗
ästhetik aus den Prinzipien der Architektur verbannt. Nicht mehr
von der Seele des Architekten, auch nicht vom formalen Ausdrucks⸗
bedürfnis des Bauherrn aus soll der Bau gestaltet werden. Einzig
und allein die praktischen Gegebenheiten sollen hierfür bestimmend
sein. Unter deutlichem Bezug auf den Typ des Fordschen Autos
erklärt einer der Wortführer dieser Gruppe, der Schweizer Le
Corbusierx): Ein Bautypus solle gefunden werden, „der anerkannt
wird, als entsprechend den Funktionen der Maximalleistung, dem
Verbrauch geringster Mittel, der wenigsten Handgriffe und des
geringsten Materials: an Worten, Tönen, Farben, Formen“. Die
rationalste Bauleistung, der „Bau an sich“, das „Standardgebäude“
soll jene aͤsthetischen Funktionen erfüllen, die ehedem der Rhythmus
der Bauglieder, die Formen und Ornamente zu leisten hatten. Der
Unterschied zwischen Organisator, Konstrukteur, Ingenieur und
Architekt ist in dieser „KLunst“ völlig aufgehoben. Der Dienst an der
Ordnung und Allgemeingültigkeit tritt an die Stelle des Dienstes an
der aͤsthetischen Idee.

Das politisch⸗soziale Spiegelbild dieser rationalistischen Kunst⸗
auffassung ist der Kollektivismus. Der typische Bau, die typisierte
Wohnung wurzeln ihrer Idee nach in dem Bewußtsein und Willen
des Erbauers wie der Bewohner, sich restlos der menschlichen Gemein⸗
schaft ein⸗ und unterzuordnen. Der Gegenpol hierzu ist der Funktional⸗
bau, die Individualwohnung, die aus der Einfühlung des Architekten
hervorgegangen sind. Diese Einfühlung mag die Einordnung des
Pantheisten in die Natur sein, ein Sichauflösen in das Allgemeine und
Kosmische, — sie wird trotzdem die Vereinzelung nicht aufheben
können, in der der Erbauer gestaltet! „Denn Einordnung in die

x) Zitiert bei A. Behne, a.a. O., S. 54.
        <pb n="176" />
        III. Rationalisierung und Kunst 173
Natur bedeutet Einordnung in das unendlich Vieldeutige, d. h. in
alles und nichts, ist kein Widerspruch zur Vereinzelung*). — wie der
Eremit beweist“.“

Die sozlologische Strukturwandlung der letzten Jahrzehnte, die
Zunahme der beruflich Abhaͤngigen, die Nivellierung ihrer Lebens⸗
umstaände, die Vereinheitlichung ihrer Arbeitsleistungen durch die
Mechanisierung hat die Entindividualisierung erheblich vorangetrieben.
Das gesellschaftliche und politische Fundament, in dem der moderne
Zweckgedanke wurzelt, ist breiter geworden. Typisierung und Norma⸗
lisierung entsprechen der allgemeinen Nivellierung, die der Kapitalis⸗
mus ausgeloͤst hat. Die Gleichsetzung von Rationalität und Kunst ist
identisch geworden mit dem Wesen der Zeit.

Die Wissenschaft hat sich zu einer Anerkennung dieser Sachlage
freilich noch nicht bereitgefunden. In seinem Buche ‚Renaissance und
Barock“, zweite Auflage, Seite 57, sagt Wölfflin hierüber: „Eine
technische Entstehung einzelner Formen zu leugnen, liegt mir natürlich
durchaus fern. Die Natur des Materials, die Art seiner Bearbeitung,
die Konstruktion werden nie ohne Einfluß sein. Was ich aber aufrecht⸗
erhalten möchte — namentlich gegenüber einigen neuen Bestrebungen

ist das, daß die Technik niemals einen Stil schafft, sondern wo man
von Kunst spricht, ein bestimmtes Formgefühl immer das Primare
ist. Die technisch erzeugten Formen dürfen diesem Formgefühl nicht
widersprechen; sie klönnen nur da Bestand haben, wo sie sich dem
Formgeschmack, der schon da ist, fügen.“ In einer asthetischen Ab⸗
handlung über den Henkelx), spricht Georg Simmel von der Nütz⸗
lüchkeit und der Schönheit als „zwei einander fremden Forderungen“,
die erit in einer „sozusagen über aͤsthetischen Schönheit mit den
gesamten Forderungen von Idee und Leben zu der synthetischen Form
zusammengefaßt werden, die eben diese engere oder speziellere,
x) Behne, a.a.O., S. 51.
«*) Georg Simmel, Philosophische Kultur, Verlag Klinghardt, Leipzig 1911,
S. 131ff.
        <pb n="177" />
        74

B. Betrachtungen
bisher aber fast ausschließlich von der Kunstwissenschaft analysierte
Schönheit an den unmittelbaren Elementen des Daseins vollzieht“.
„Wie die asthetische Form nicht so eigenwillig werden darf, um für
die Anschauungen die Zweckmäßigkeit ... zu dementieren ..., — so
entsteht ein widerwärtiges Bild, sobald die Zweckmäßigkeit nach so
verschiedenen Seiten hin wirkt, daß sie die Einheit des Eindrucks
zerreißt.“

Auch aus der Mitte der Baukunstler ist gelegentlich die Gleichstellung
von technischer Notwendigkeit und ästhetischer Form zurückgewiesen
worden. Professor Pölzig, einer der repräsentativsten deutschen
Architekten der Gegenwart, außert sich in einer Rede, die er 1921 in
Salzburg zur Erläuterung seines Festspielhaus⸗Entwurfes hielt, über
das Zwedproblem *): „Alle rein technischen Erwägungen sind dem
Hünstler von vornherein ein Greuel. Und wenn er auch weiß, daß dieses
rein Technische nicht zu umgehen ist, daß es bewältigt werden muß,
so weiß er doch auch und fühlt beständig, daß das Technische im Leben
der heutigen Zeit eine viel zu große Rolle spielt, und er wird immer
wieder von neuem den Kampf gegen die Herrschaft der Technik auf⸗
nehmen. Technische und künstlerische Anschauung sind und bleiben
krasse Gegensaätze, und der Künstler weiß nur zu gut, daß gerade der
Kunst der Deutschen das krause, vielgestaltige, Umwege machende,
das ganz und gar Unrationalistische den Zauber aufdrückt.“

Heftiger noch als in der Architektur wird im Kunstgewerbe um
den Zwedgedanken gerungen. Waͤhrend in der Architektur die soziale
Gegebenheit des Zweckes und die Mittel, ihn zu erreichen vorgezeichnet
sind, einheitliche Gruppenbedürfnisse als soziale Voraussetzungen des
Formgedankens sich in dem Maße herausbilden, in welchem die
Strukturwandlungen des Wirtschaftlebens die gesellschaftliche Nivel⸗
lierung fördert, — waͤhrend also der Zweckbau wo nicht als unmittel⸗
bares aͤsthetisches Korrelat zum Kollektivgefühl, so doch als Element
der Lebenserleichterung von den breiten Massen anerkannt wird, ist

x) „Kunstblatt“ 1921, Heft 3, S. 77 ff.
        <pb n="178" />
        III. Rationalisierung und Kunst

125
das Kunstgewerbe um seiner weit ornamentaleren Funktionen willen
viel mehr ein Bereich des individuellen Geschmacks geblieben.

Dies bedingt auch den schärferen Konflikt zwischen den Anhaͤngern
der Typenbildung und jenen der individuellen Kunstform. Jene
haben der unlauteren Verklitterung billiger, von der Maschine oder
doch mit ihrer Hilfe geschaffener Zweckformen mit äußerlich aufge⸗
klebtem oder aufgenageltem, von „akademisch“ gebildeten Zeichnern
in historischem Stile entworfenem Zierrat den Kampf angesagt.
Diese halten am Handwerklichen und Handgearbeiteten grundsatzlich fest
und lehnen die Identität von Form und Zweck nach wie vor ab.

Die ersteren haben sich im Jahre 1908 unter dem Motto der Zweck⸗
— DD Konstruktionsmäßigkeit, die
man als unerlaͤßliche Anforderungen an eine „Qualitaͤtsware“*) be⸗
zeichnete, im deutschen Werkbunde zusammengeschlossen. Dort werden
sie vom Fachverband für die wirtschaftlichen Interessen des Kunst⸗
gewerbes bekaͤmpft, in welchem die Kunsthandwerker alten Schlages
an „Personlichkeitskultur“ für das Handwerk zu retten suchen, was
noch zu retten ist.

Tatsächlich ist von der Identitaͤt von Zweck⸗ und Kunstform auch
mnerhalb des Werkbundes anfaͤnglich nicht die Rede gewesen. Auf
seinen ersten Tagungen bis zum Jahre 1914 wurde über Qualitaͤt,

Geschmack, okonomische Brauchbarkeit diskutiert, nicht aber über die
ästhetischen Werte der Zweckmaͤßigkeit. Erst unmittelbar vor dem
Kriege trat die Krise ein. „Die Bewegung, die sicherlich aus künst⸗
lerischen Impulsen entstanden war, konnte sich mit der negativen
Reinigungsarbeit keinesfalls zufrieden geben. Vielmehr drängte
sich mit Macht, über alle Zweckmaͤßigkeit und Materialgerechtigkeit
hinweg, das eigentliche Ziel der Bewegung, das Firmal⸗Architekto⸗
nische hervor. Man erkannte bald, daß es sich im Grunde der Sache
um die Proportionierung und Rhythmisierung handelte, also um

*) E. K. Fischer, Deutsche Kunst und Art; von den Künsten als Ausdruck der
Zeiten, Sybillen⸗Verlag 1924, S. 2 60.
        <pb n="179" />
        76

B. Betrachtungen
die uralten architektonischen Gesetze, die unserem menschlichen Gehirn

von der Natur als Richtschnur für unser gesamtes sichtbares Gestalten

gegeben worden sind“*).

Auf der Werkbundtagung 1914 in Köln zog Muthesius, als der
damals anerkannte Führer der Werkbundbewegung, das ästhetische
Fazit aus diesen Feststellungen in einem Vortrag über „die Zukunft
des deutschen Werkbundes“: „1. Die Architektur und mit ihr das
ganze Werkbundschaffensgebiet drängt nach Typisierung und kann
nur durch sie diejenige allgemeine Bedeutung wiedererlangen, die
ihr in Zeiten harmonischer Lultur eigen war. 2. Nur mit der
Typisierung, die als das Ergebnis einer heilsamen Konzentration
aufzufassen ist, kann wieder ein allgemein geltender,
sicherer Geschmack Eingang finden.“

Hiergegen erhob der Deutsch⸗Belgier van de Velde, damals
Direktor der Weimarer Kunstgewerbeschule, eine der stärksten Be⸗
gabungen unter den Bahnbrechern der neueren Architektur wie des
modernen Kunstgewerbes, Protest. Er erklaͤrte:

„1. Solange es noch Künstler im Werkbunde geben wird und so
lange diese noch einen Einfluß auf dessen Geschicke haben werden,
werden sie gegen jeden Vorschlag des Canons oder einer Typi⸗
sierung protestieren. Der Künstler ist seiner innersten Essenz
nach glühender Individualist, freier und spontaner Schöpfer;
aus freien Stücken wird er niemals einer Disziplin sich unter⸗
ordnen, die ihm einen Typ, einen Canon aufzwingt. Instinktiv
mißtraut er allem, was seine Handlungen sterilisieren könnte,
und jedem, der eine Regel predigt, die ihn verhindern könnte
seine Gedanken bis zu ihrem eigenen freien Ende durchzudenken
oder die ihn in eine allgemein gültige Form hineintreiben will,
in der er doch nur eine Maske sieht, die aus einer Unfähigkeit
eine Tugend machen möchte.
x) Hermann Muthesius, in der Magdeburgischen Zeitung v. 5. Juni 1913.
        <pb n="180" />
        177
2. Gewiß hat der Künstler, der eine „heilsame Konzentration“
treibt, immer erkannt, daß Strömungen, die stärker sind, als
sein einzelnes Wollen und Denken von ihm verlangen, daß er
erkenne, was wesentlich seinem Zeitgeiste entspricht. Diese Strö⸗
mungen können sehr vielfältige sein, er nimmt sie unbewußt als
allgemeine Einflüsse auf, sie haben materiell und moralisch etwas
für ihn Zwingendes; er ordnet sich ihnen willig unter und ist für
die Idee eines neuen Stiles an sich begeistert. Und seit 20 Jahren
suchen manche unter uns die Formen und die Verzierungen, die
restlos unserer Epoche entsprechen.
Keinem von uns ist es jedoch eingefallen, diese von uns gesuchten
oder gefundenen Formen oder Verzierungen anderen nunmehr
als Typen aufzwingen zu wollen. Wir wissen, daß mehrere
Benerationen an dem noch arbeiten müssen, was wir ange⸗
fangen haben, ehe die Physiognomie des neuen Stils fixiert
sein wird, und daß erst nach Verlauf einer ganzen Periode von
Anstrengungen die Rede von Typen und Typisierung sein kann.
Wir wissen aber auch, daß nur solange dieses Ziel nicht erreicht
ist, unsere Anstrengungen noch den Reiz des schöpferischen
Schwunges haben werden. Langsam fangen die Kräfte, die
Gaben aller an, ineinander überzugehen, die Gegensätze werden
neutralisiert, und in eben dem Augenblicke, wo die individuellen
Anstrengungen anfangen zu erlahmen, wird die Physiognomie
—D
brauch von Formen und Verzierungen ein, bei deren Herstellung
niemand mehr den schöpferischen Impuls aufbringt; die Zeit
der Unfruchtbarkeit ist dann eingetreten.
Das Verlangen, einen Typ noch vor dem Werden eines Stiles
erstehen zu sehen, ist geradezu dem Verlangen gleichzusetzen, die
Wirkung vor der Ursache sehen zu wollen. Es heißt, den Keim im
Ei zerstören. Sollte wirklich jemand sich durch den Schein, damit
rasche Resultate erzielen zu können, blenden lassen? Diese vor⸗
Rauecker

190
        <pb n="181" />
        B. Betrachtungen
zeitigen Wirkungen haben um so weniger Aussicht, eine wirksame
Ausstrahlung des deutschen Kunstgewerbes auf das Ausland
zu erreichen, als eben dieses Ausland einen Vorsprung vor uns
voraus hat in der alten Tradition und der alten Kultur des
Geschmacks.

Deutschland hingegen hat den großen Vorzug, noch Gaben zu
haben, die anderen aͤlteren, müderen Völkern abgehen, die Gaben
der Erfindung nämlich, der persönlichen geistreichen Einfälle.
Und es heißt geradezu eine Kastration vornehmen, wenn man
diesen reichen, vielseitigen schöpferischen Aufschwung jetzt schon
festlegen willr).“

Eine Lösung des Zwiespaltes hat spaͤterhin der Leiter der modernen
Abteilung am Nationalmuseum in München, Günther Freiherr
bon Pechmann, versucht, indem er dem unter Anwendung von
Maschinenarbeit hergestellten Typus zwar künstlerische Eigen⸗
schaften abspricht, ihm hingegen ästhetische Qualitäten zubilligt.
„Die Unvereinbarkeit maschineller Herstellung mit jener persön⸗
lichen Beseelung des Stoffes, ohne die ein Kunstwerk nicht denkbar
ist, führt zu der unerbittlichen Forderung, bei dem Maschinenerzeugnis
sowohl in der Form wie im Ornament auf jede ‚künstlerische Wirkung
zu verzichten. Zu diesem Verzicht muß entschlossen sein, wer einen
Gegenstand mittels der Maschine so gestalten will, daß er aͤsthetisch
erfreuen kann, daß er schön und geschmackvoll wirken kann. Er ge⸗
winnt dafür die Möglichkeit, den Gegenstand zum Typus zu ent⸗
wickeln, denn ... die Unpersoͤnlichkeit der Erscheinung ist eine Vor⸗
aussetzung für ihre Geltung als Typus.“ „Van de Veldes Indivi⸗
dualismus ist überall berechtigt, wo es sich um handgearbeitete Werke

) Es ist für die Unvereinbarkeit der aͤsthetischen Gegensätze, die in dieser
Polemik zum Ausdruck kommen, kennzeichnend, daß auch auf der diesjaährigen
Werkbundtagung (1928) in München die Professoren Alfred Weber und Wilhelm
pinder sich in ähnlich antithetischen Ausführungen ergingen. (Vgl. hierfür
Werkbundfragen, Flugschriften der Form'“, Nr. ꝛ, Verlag Hermann Renkendorf.
Berlin 1928.)

—
        <pb n="182" />
        III. Rationalisierung und Kunst 179
handelt — angefangen von der kleinsten Goldschmiedearbeit bis zum
großen Werk der Baukunst. Typische Formen im Sinne von Mu⸗
thesius dagegen schafft die Maschine — muß sie schaffen, wenn sie
nicht zur Erzeugung von Talmikunstwerken erniedrigt werden soll.
Jenen Schöpfungen der menschlichen Hand kommt in ihrer hoͤchsten
Vollendung künstlerische Bedeutung zu — die Tyven der maschinellen
Produktion können zu aͤsthetischer Volllommenheit gesteigert werden.
Wenn jede der beiden Produktionsarten ihrem eigenen Gesetz treu
hleibt, können sie beide Kulturwerte schaffen *).“

Auch innerhalb der Volkswirtschaftslehre ist das Problem
der Zweckform seiner wirtschaftlichen Auswirkungen willen in Mei⸗
nungen und Gegenmeinungen eroͤrtert worden. Waentig, einer der
ersten nationalokonomischen Gelehrten, die sich mit dem Zusammen⸗
hange von Kunst und Wirtschaft befaßt haben, aͤußert sich in seinem
Buche „Wirtschaft und Kunst“ positiv über den künstlerischen Reiz
der Maschinenware, für die er den Begriff der „Marktware“ gebraucht.
Er meint, man werde ihre Diskretion, ihre Neutralität als einen be⸗
sonderen Vorzug zu betrachten haben. „Oder würde etwa eine reich
gedeckte Tafel in unseren Augen gewinnen, wenn Porzellan und
Kristall, Waͤsche und Silber für jedes einzelne Gedeck individuell
gestaltet waren? Gerade die rhythmische Wiederholung der gleichen
thpischen Einheiten befriedigt unser asthetisches Empfinden; denn
sie bringt recht eigentlich das innere Wesen der Tischgenossenschaft als
einer Gemeinschaft Gleicher auch künstlerisch zum Ausdruck* N.“
Werner Sombart dagegen, der in seiner Wertung kunstgewerblicher
„Valeurs“ nicht von ihrer Wirkung auf den Beschauer, sondern vom
Geist des Schaffenden ausgeht, meint in seinem „Modernen Kapitalis⸗
mus“: „Wo ehedem der lebendige Mensch mit seinen leiblichen
Organen schaffte, da arbeiten jetzt tote Körver: wie soll aus ihrem
*) Günther Freiherr von Pech mann, die Qualltaãtsarbeit, Frankfurter
Sozietaͤtsdruckerei, 1924, S. 104 ff.
24) Zitiert bei Pechmann, a. a. O., S. 42.
        <pb n="183" />
        80

B. Betrachtungen
Wirken ein lebendiges Werk entspringen, etwas Persönliches, etwas,
das eine Seele hat? Ein mit der Maschine geschnitzter Stuhl ist
etwas Grundverschiedenes von dem handgeschnitzten; die mit der
Hand getriebene Kupfer⸗ oder Messingplatte ist durch keine maschinell
gearbeitete zu vertreten, die mit der Hand bemalte Vase, die von
Künstlerhand nachgearbeitete Bronze oder Büste werden immer
ihren Sonderwert bewahren, weil sie Handarbeit enthalten.“ Ein⸗
stellung und Urteil beider Gelehrter sind weitgehend von ihren
sozialen Uberzeugungen und Neigungen bestimmt: Während Waentig
dem Sozialismus angehört, neigt Sombart dem romantischen
Individualismus zu.

Zwischen den Anhängern der „Einfühlung“ und den Freunden
der „Abstraktion“, zwischen Individualisten und Kollektivisten,
zwischen Funktionalisten und Rationalisten, zwischen den Befür⸗
wortern der Einzelform und den Enthusiasten für den Typus herrscht
sonach vorerst noch ein ungeschlichteter Streit. Wird eine Versöhnung
moͤglich sein? Die Antwort hierauf ist abhaͤngig von dem Maße,
in welchem sich der eine wie der andere Teil bereit erweist zu einer prin⸗
zipiellen Anderung seiner Einstellung zu den letzten Dingen. Nur
in einer neuen Ordnung, die auf den Menschen bezogen ist und
nur auf ihn, in der Organisation, Technik und Kunst nicht mehr
Selbstzwecke sind, sondern Ausdruck einer tieferen allgemeineren,
humaneren Geistigkeit, wird Kunst und Zweck gleichgesetzt werden
konnen. Denn in ihr dienen beide einem höheren Dritten: dem be⸗
seelten Menschentum. Die Rationalisierungsbewegung hat als Faktor
des Wirtschaftslebens wie als Inhalt der geistigen Kultur unserer
Zeit dieser neuen Ordnung die Wege bereits geebnet. Sie hat die
Wirtschaft und ihre Formen vereinfacht und damit überschaubarer
gemacht, leitbarer, lenkbarer vom einzelnen Menschen aus. Sie hat die
verwirrende Vielzahl der Dinge vermindert und ihre Anpassung an den
Menschen erleichtert. Sie hat die Einsicht in die Zusammenhaänge, denen
der einzelne zugehoͤrt, gesteigert und hier durch die Geltung des leben⸗
        <pb n="184" />
        III. Rationalisierung und Kunst

187
digen Menschen innerhalb der versachlichten Natur erst wieder möglich
gemacht. Sie hat den Menschen aus dem Chaos, in das ihn dle un⸗
bewaltigte Organisation, Technik, Kunst und Wissenschaft geworfen
hatte, herausgeführt in eine Welt, die zwar noch nicht gebändigte
Kraft ist, aber dennoch den Willen hierzu bereits vielfältig beweist.

Unendlich viel organisches Formgefühl, sicherer Instinkt für die
Verhaltnisse und das Zusammengehöͤrige sind hierbei verloren⸗
gegangen. Was frühere Zeiten als höchste Vollendung, maßvolle Ge⸗
stalt, gerundete Endgültigkeit empfanden und ehrten, als schön und
weise, bedeutend und wahr, erscheint den Menschen der rationalistischen
Lebenshaltung als klein und eng, als spielerisch und sentimental.
Die Welt der unmittelbaren Menschlichkeit ist verdraäͤngt. Das
Unpersonliche hat gesiegt. Die Menschen werden mehr und mehr
abgeneigt, die Dinge in ihrer Nacktheit so zu sehen, zu formen und zu
genießen, wie sie nun einmal sind. Sie suchen nach Zwischenschaltungen,
nach Symbolen und Zeichen, nach Stellvertretungen und Typen.
alus einem ersten und ursprünglichen Verhaltnis zu den Dingen sind
sie zu ihrer Wertung als Ausdrucksmittel der Idee, als abgeleiteter
Abstraktionen gekommen.

Allein dies ist der Weg aller Kultur. „Kultur wird, wenn der Mensch
aus dem bloß Vorhandenen zum Bedeutungsvollen, Wesenhaften
vordringtx).“ Der Mensch der rationalen Lebensführung hat mit
dem kulturverbundenen Menschen aller Zeiten das eine gemein, daß
er sich von der Vereinzelung, von der Einmaligkeit loslöst zu einer
Beherrschung der Wirklichkeit durch ein Gebaren, das typisch, das
für alle Faͤlle „richtig“ ist.

Damit aber sind wir wiederum beim ,Stil angelangt, bei den „mei⸗
nenden Zeichen, die nicht mehr auf besondere Dinge gehen, sondern auf
alle Dinge dieser Art“xx). Angelangt also auch bei der „Zweckkunst! un⸗
Romano Guardini, Briefe vom Comosee, Mathias Grünewald-Verlag,
Mainz 1927, S. 26.
xx) Guardini, a. a. O. S. 29.
        <pb n="185" />
        182

B. Betrachtungen
serer Zeit. Die Peripetie, die wir hierbei durchschritten haben, ist eine
vollkommene: das Rationale erscheint zum Irrationalen sublimiert, das
Mechanische vom Organischen beseelt, das Einzelne ins Allgemeine
aufgelsöst und wiederum das Allgemeine vom Einzelnen in lebendiger
Wechselwirkung befruchtet. Die Einheit des Weltbildes ist hergestellt.

So stehen wir nun vor einer neuen Subjekt⸗Objekt⸗Bezogenheit,
die wir durch Arbeitsteilung und Mechanisierung einstmals zerstoͤrt
erfanden. Wir sehen Entsprechungen der Persoͤnlichkeit zur versach⸗
lichten Kultur allenthalben entstehen. In der Baukunst zeigen sie sich
als Entsprechungen der sachlich⸗konstruktiven Forderungen und der
Forderungen, die sich aus der Natur unserer Wahrnehmungsorgane
ergeben, in der expressionistischen Malerei als der Wille, den extremen
Individualismus einmünden zu lassen in primitive Form von all⸗
gemeiner Gültigkeit, in der Bildhauerei als die Absicht, mehr und mehr
zur Darstellung typischer Gestalten überzugehen. Auch in der Dich⸗
tung und im Drama verdraͤngt die Darstellung des Allgemeinen und
Allgemeingültigen die Wiedergabe des Einzelnen und Vereinzelten. Ja
sogar in der eigenwilligsten aller Künste, in der Musik, herrscht bei aller
Feindschaft gegen das Schema der Wille zum Gesetz: „Die Absichtlichkeit
im Umgehen der Gesetze kann nicht Schaffenskraft vortäuschen, noch
weniger erzeugen. Der echte Schaffende erstrebt im Grunde nur die
Vollendung. Und indem er diese mit seiner Individnalität im Ein⸗
klang bringt, entsteht absichtslos ein neues Gesetz“ (Busoni).

In ihrer Sehnsucht nach dem Überpersönlichen sucht die Kunst
unserer Zeit die Brücke zu schlagen zwischen Zweck und Form, zwischen
Naturalismus und Stil, zwischen Einfühlung und Abstraktion. Hart
und umrißlos erscheint sie uns vorerst noch. Es fehlt ihr die organische
Haltung der früheren Epoche. Aber eine andere Form beginnt in
ihr wirksam zu werden, in der Freiheit und Verantwortlichkeit sich
zu vereinigen streben. Überall drängt es nach solcher Gestalt, nach einer
Vermaͤhlung der beiden tragenden Krafte des Lebens, von Seele
und Geist.
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II. Rationalisierung und Ethik

151
upo muß er schaffen, denn auch seine Nachmaͤnner sind
Band gebunden, ebenso auf seine gleichmäßige Vor⸗
en, wie er mit seinen Vormännern. Das Band ist der
inn auf Beschluß der Fabrikleitung durch einen Hebel⸗
o des Bandes um, sagen wir, zehn Prozent beschleunigt
die Hunderte, Tausende, Zehntausende von Händen in
ch eben um zehn Prozent schneller zu rühren. Denn wie
die Galeere, so sind sie an die Apparatur des Bandes
as ist — wenn das Wort beliebt wird — die Idee des
Die Entsinnung kann bis zur Vollständigkeit gehen:
iter und Arbeiterinnen in Reihen eng nebeneinander⸗
tühlen, die sie niemals verlassen dürfen, an dem Bande
larbeiten beschaͤftigt, deren Zweck ihnen gänzlich ver⸗
sie niemals sehen, was vorher geschah und was nachher

Urteil über die Arbeitsentsinnung als Folge der Fließ⸗
r Betriebsingenieur Eduard Michel in einer Arbeit:
reitung als Mittel zur Beschleunigung der Produktion“,
f., wenn er schreibt: „Dem Wandertisch liegt ein mehr
haftliches als ein soziales Moment zugrunde. Er bietet
son wenig Freiheit, die Leistung individuell zu entfalten.
zeschwindigkeit ist unmittelbar abhäängig von der Ge⸗
es Tisches, der gleichsam als Schrittmacher wirkt. Vom
wirtschaftlichen Standpunkt aus ist er ein vorzügliches
in der Initiative der Arbeitsperson soweit wie möglich
werden... Das mechanische Prinzip, das der Wander⸗
t, kann als letzte Entwicklung der Arbeitsteilung ange⸗
Die Ausschaltung des persönlichen Elements wird hier
Konsequenz durchgeführt, so daß der Faktor Mensch nur
rierender Bestandteil des Mechanismus vorhanden ist.“
satz zu diesen Stimmen meint Professor Friedrich von
nfeld freilich in seiner erwähnten Schrift „Fordimus“

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