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        <title>Revolution und Konterrevolution in China</title>
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            <forname>Aleksandr</forname>
            <surname>Lozovskij</surname>
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N 2532
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        A. LOSOWSKY

Revolution und
Konterrevolution
in China

Js)

1928
Verlag der Roten Gewerkschafts - Internationale, Moskau
Auslieferuns: Führer-Verlag, Berlin SW48, Wilhelmstr. 1531-32
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        ‚Seite

Das 20. und 12. Jahrhundert im China der Gegenwart . . 3

Formen und Methoden der imperialistischen Herrschaft in

. China 2 wm MU

Die treibenden Kräfte der chinesischen Revolution -

Bauernschaft und Bauernbewegung . + + + +

Die Arbeiterbewegung und die Lage der Arbeiterklasse

Das städtische Kleinbürgertum . » + + +

Studentenschaft und bürgerliche Intelligenz .

Die Kräfte der Konterrevolution .

Das militärische System in China

Die Kuomintang und ihre Politik

Wie die linke Kuomintang gegen die Konterrevolution

„kämpfte“ 2.00.0000 0 HH Sr 30

Wie der General Tangtschentsi den Huaner „Zwischenfall”
beilegte +0 000004 404 HH NN 33
Das. Gesicht der Neo-Konterrevolulion 35
Die drei Prinzipien Sunjatsens . . 42
Die revolutionäre Lehre Sunjatsens . 45
Die chinesische Kommunistische Partei 47
Die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung . 54
Die reformistisch-faschistischen Gewerkschaften 57
Der Aufstand Jehtings und Holungs 58
Schlußfolgerungen . - 62

Inhaltsverzeichnis

Anhang I
Ein Brief aus Kanton
Anhang Il
Die chinesischen Gewerkschaften und die Revolution
gear

(Eu. RA
S Bibloihek ©
ZUR
KH
        <pb n="5" />
        DAS 20. UND 12. JAHRHUNDERT IM CHINA
DER GEGENWART

Die stürmischen, sich wie auf einem Filmstreifen abrollenden
Ereignisse in China stellen alle früheren Begriffe über China als einem
in ‚seiner Entwicklung stehengebliebenen toten Land auf den Kopf.
Dabei muß betont werden, daß die Sowjetpresse bedeutend mehr Nach-
richten über China bringt als eine beliebige andere Presse der Welt.
Der ständige Wechsel von Personen. der Uebertritt früher revolutio-
närer Gruppen von der Revolution zur Konterrevolution, die zahl-
reichen Berichte über neue Konstellationen und Ereignisse erfordern
eine sorgfältige Analyse, ein sorgfältiges Hineinleuchten in die Ursachen
und treibenden Kräfte der großen Geschehnisse. der ‚chinesischen
Revolution,

Das erste, was jeden betroffen macht, der mit China in unmittel-
bare Berührung kommt, ist die erstaunliche Verkettung des 20. und
12, Jahrhunderts, Damit soll nicht gesagt sein, daß China die Durch-
schnittssumme dieser beiden Jahrhunderte darstellt; das besagt viel-
mehr, daß geographisch territorial buchstäblich unmittelbar neben der
europäisch-amerikanischen Technik, neben einem modernen öffentlichen
Leben mittelalterliche patriarchalische Sitten und Bräuche bestehen.
Auf der einen Seite sieht man ein ganz neuzeitliches hochentwickeltes
Verkehrswesen, auf der anderen — Menschen als Zug- und Lasttiere,
hier — Großstädte, wie Schanghai usw., in denen moderne soziale und
Klassengegensätze herrschen, dort, im Innern Chinas, vom Geiste
unserer Zeit unberührte Städtchen und Ortschaften mit altväterlichen
Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital. Einerseits — Klassenkampf
in den modernsten Formen, andererseits — auf dem flachen Lande
noch immer ein aus der Zeit des Feudalismus und der Leibeigenschaft
Stammendes System und die rückständigsten an das Mittelalter
erinnernden Wechselbeziehungen ‘nicht nur in einzelnen entlegenen
Gegenden, sondern auch auf weiten Flächen des Chinesischen Reiches,
Auf den Wellen schaukeln nebeneinander der moderne europäische
Riesendampfer und die primitive Dschunke, das Straßenbild beleben
Kraftwagen und Rikschas, man sieht Riesengebäude im amerikanisch-
englischen Stile und dicht daneben armselige mit Bastmatten gedeckte
Hütten, Das alles zusammen ergibt ein so eigenartiges, auf den ersten
Blick verwirrendes Bild, daß es der Anspannung aller Sinne bedarf,
um hinter dem äußeren Scheine die im modernen China entscheidenden
treibenden Kräfte zu erkennen, die Linie des sozialen Kampfes festzu-
Stellen, deren Kenntnis notwendig ist für die Orientierung in der
gegenwärtigen chinesischen Revolution.
        <pb n="6" />
        China ist nur dem Namen nach ein einheitliches Land. Es befindet
sich tatsächlich als Staat noch in der Periode des Lehnssystems, des
mittelalterlichen Lehnsstaates. Jede Provinz ist in Wirklichkeit poli-
tisch, wirtschaftlich und sogar sprachlich selbständig, Ein an sich
einheitliches Volk ist in miteinander nur lose verbundene Teile zer-
rissen, Ein Teil Chinas versteht den anderen nicht: Der Süden kann
sich nicht mit dem Norden, der Norden nicht mit Mittelchina ver-
ständigen. Dies und die zahlreichen Ueberreste des Mittelalters beein-
flussen in. eigenartiger Weise die politischen Ereignisse, die nationale
Revolution und die Wechselbeziehungen zwischen dem gegenwärtig
aufständischen chinesischen Volke und der Außenwelt. Kommt man
nach China, so lernt man zunächst den modernen Teil kennen, man
gerät nach Schanghai, in das industriell schon mehr oder weniger ent-
wickelte chinesische Küstengebiet. Begibt man sich aber vom
industrialisierten und sich noch im Industrialisierungsprozeß befind-
lichen Gebiet in das Innere; etwa von Schanghai den Jangtsekiang
(Großer oder Gelber Fluß). aufwärts, so kann man, wenn man sich
die Muße nimmt, aus nächster Nähe die förmlich übereinander ge-
lagerten Schichten der verschiedenen, uns aus dem Geschichtsunter-
richt bekannten historischen Perioden beobachten und studieren, Damit
muß man in erster Linie rechnen, das muß man vor: allem im Auge
behalten. Wer an China als ein einheitliches Industrie- oder voll-
ständig feudales Land herantritt, der wird von den stürmischen Ereig-
nissen, die sich heute im sogenannten „toten“ China abspielen, nichts:
begreifen.
FORMEN UND METHODEN DER
IMPERIALISTISCHEN HERRSCHAFT IN CHINA

Das Nächstfolgende, das den aufmerksamen Beobachter erstaunen
läßt, ist die Art, wie der Imperialismus China durchdringt. In unseren
schriftlichen und mündlichen Betrachtungen setzen wir häufig — weil
wir unwillkürlich den Vergleich mit unserer Revolution ziehen — den
imperialistischen Einfluß gleich dem äußeren Druck des Imperialismus.
Uns, die wir die Oktoberrevolution und die Jahre des Kampfes gegen
den Imperialismus erlebt haben, scheint die imperialistische Be-
drückung Chinas als Folge der Ideenverbindung etwa die gleiche zu
sein wie der seinerzeit oder jetzt noch auf die Sowjetunion ausgeübte
Druck. Dem ist aber nicht so. In China befindet sich der Imperialis-
mus im Innern des Landes selbst, er ist im chinesischen Wirtschafts-
leben verankert, beherrscht die wichtigsten wirtschaftlichen Arterien
und Hilfsquellen des ungeheuren, vorläufig aber noch industriell
schwach entwickelten Chinesischen Reiches, Das tritt wiederum bei
der ersten flüchtigen Berührung mit China am stärksten zutage, Gewiß.
in erster Linie wird das Auge gefesselt von den militärischen Kräften
der Großmächte (Flotte, Artillerie, Flugzeuge usw.), den zahlreichen
fremden Panzerkreuzern im Hafen von Schanghai (im Juni waren-.es
40 Kriegsschiffe aller Nationen) oder von Hankau (wo wir rund 30
solcher Schiffe zählten) und auf dem Jangtsekiang (auf dem wir sie
        <pb n="7" />
        zu Dutzenden vorbeistampfen sahen), die die werktätigen Massen un-
mittelbar bedrohen. Das sind natürlich wichtige und überzeugende,
aber nicht die einzigen und nicht die allerwichtigsten Argumente des
Imperialismus im Kampf gegen China. Entscheidend ist, wie gesagt,
daß die größten kapitalistischen Staaten sich wirtschaftlich im Innern
Chinas befinden, Die bedeutendsten Banken, Finanz- und Industrie-
unternehmungen, Transportgesellschaften, Eisenbahnen, Bergwerke
usw. sind in ausländischen Händen, In den sogenannten Vertrags-
häfen (insgesamt 48) haben die Ausländer nicht nur einen außer-
gewöhnlichen, sondern einen überragenden Einfluß, Ganze Stadtviertel,
in denen große Massen der chinesischen Bevölkerung leben, unter-
stehen der Leitung von Ausländern, In demselben Schanghai, im
Fremdenviertel (Settlement), leben unter englischer Oberhoheit mehr
als eine Million Chinesen, in der französischen Konzession mehr als
200 000. Ganz Hankau, sein europäischer Teil, mit einer Bevölkerung
von etlichen 100 000 Chinesen setzt sich zusammen aus früheren und
augenblicklichen Konzessionen, aus der früheren russischen, deutschen
und der englischen Konzession und aus den gegenwärtigen japanischen
und französischen Konzessionen. Diese Konzessionen bilden zusammen
eine moderne Riesenstadt. Demnach äußert sich der Einfluß des Welt-
imperialismus innerhalb Chinas u. a. in der unmittelbaren Verwaltung
ganzer Teile der Großstädte, der wirtschaftlichen Nervenstränge der
jeweiligen Gebiete.

Ich werde nicht eingehen auf die große Zahl von Fabriken und
Werken, auf die Textilindustrie, die schon jetzt mit der englischen
konkurriert, Die sowjetrussische Presse hat darüber schon mehr oder
weniger ausführlich berichtet. Doch eines muß immer wieder betont
werden: will man eine richtige Vorstellung von China erhalten, so muß
man wissen, daß sich der Imperialismus im Innern des Landes befindet,
daß ihn tausende Fäden mit dem Wirtschafts- und Finanzsystem ver-
binden, daß der internationale Kapitalismus auf tausenden Wegen,
durch tausende Kanäle Millionen- und Milliardenwerte dem unge-
heueren chinesischen Reich erpreßt in die betreffenden Metropolen
pumpt.
Daneben besteht noch eine Methode der imperialistischen Durch-
dringung. In China leben und „arbeiten“ seit Jahrzehnten tausende
Missionäre, Die Missionäre sind bekanntlich dazu da, die heidnischen
Seelen vor dem Fegefeuer zu retten. Daher bahnen sie stets den
Kapitalisten ihres Landes den kürzesten Weg. In China, auf der
Pazifikkonferenz, erzählte man mir eine Anekdote, die die Lage auf
den Philippinen und in einigen Ländern Zentralamerikas blitzartig
beleuchtet: „Bevor die Missionäre ins Land kamen, waren die Bauern
die Besitzer des Bodens, die Missionäre hatten ihren Gott, Nachdem
die Missionäre einige Zeit im Lande „gearbeitet“ hatten, besaßen die
armen Bauern Gott, die Missionäre den Grund und Boden.“ Das ist
auch bezeichnend für die Tätigkeit der Seelsorger in China. Es genügt
die Feststellung, daß auf dem Gebiete Schanghais die besten Grund-
        <pb n="8" />
        stücke den Missionsgesellschaften gehören, die an Pachtzinsen jährlich
viele Millionen einstecken. '

Vergegenwärtigt man sich die wirtschaftliche Verankerung Eng-
lands, Japans, der Vereinigten Staaten, Frankreichs usw. im Innern
Chinas, die „religiöse“ und schließlich die politische Beeinflussung
durch eine Spezialpresse — die tonangebende Presse erscheint in eng-
lischer Sprache, jede ausländische Macht gibt ein halbamtliches Blatt
englisch heraus —, so gewinnt man Einblick in die eigenartige Situa-
tion, in der sich augenblicklich der Kampf der chinesischen werktätigen
Massen entwickelt, und in die gewaltigen Schwierigkeiten, auf die die
chinesische Revolution stößt,

DIE TREIBENDEN KRÄFTE DER CHINESISCHEN
REVOLUTION

Wie sind diese treibenden Kräfte beschaffen? Welches ist die
Grundlage aller Ereignisse? Warum wechseln Personen und Regierungen
so kaleidoskopisch? Was geht vor? — China ist augenblicklich —
bildlich dargestellt — ein aufgewühltes, stürmisch erregtes Meer, In
Europa und in der USSR hatte man bisher von China eine nur sehr
unklare Vorstellung, Das größere Interesse für China begann erst,
nachdem sich dort ernste Ereignisse abgespielt hatten, d, h. etwa im
Mai 1925 — nach dem berühmten Schanghaier Streik. Das ist ver-
ständlich, denn vergleicht man die Periode von 1911 bis 1925, d, h,
die Periode nach der ersten chinesischen Revolution, mit der von 1925
bis 1927, so erkennt man, daß in den letzten zwei Jahren in China
mehr geschehen ist als in den 15 Jahren vordem, genauer; in den
letzten zwei Jahren der chinesischen Revolution ist mehr geschehen
als bis dahin in Jahrhunderten, Maßgebend dafür sind zwei Er-
scheinungen:

1. Die Industrialisierung Chinas, die zur Entstehung eines
modernen Proletariats und zur Anwendung moderner Formen des
Klassenkampfes durch die proletarischen Massen führt,

2. Das gigantische Wachstum der Bauernbewegung — hervor-
gerufen durch den außergewöhnlichen wirtschaftlichen Druck der
herrschenden Klassen auf die Bauern, Diese Bewegung der Bauern-
massen wühlt auf, erschüttert heute das bisher tote China.
BAUERNSCHAFT UND BAUERNBEWEGUNG

Ich sagte schon, daß China kein einheitliches Gebilde ist, Daher
kann man auch nicht die Bauernschaft als eine einheitliche Masse
betrachten, Nach den Berechnungen verschiedener Quellen hat China
60 bis 65 Millionen Bauernhöfe. Die außerordentlichen wirtschaft-
lichen Unterschiede, der ungleiche Grad der Entwicklung, die
ungleichen Bodenbesitzverhältnisse verhindern eine ganz China um-
fassende Charakteristik. Es sollen nur einige Gebiete und einige
wenige Ziffern angeführt werden, um die Arbeits- und Lebens-
        <pb n="9" />
        bedingungen des chinesischen Bauern zu schildern. Nehmen wir die
Provinz, in der die Bauernbewegung am stärksten entwickelt ist und
den Prozeß der politischen Differenzierung beschleunigt hat, .die
Provinz. Hunan, deren gewaltige Bauernbewegung gegenwärtig wohl
zerschlagen, aber nicht unterdrückt ist. Zahlreiche speziale Erhebungen
ergeben folgendes Bild der wirtschaftlichen Lage in den Dörfern der
Provinz Hunan: bis 70 Prozent der ländlichen Bewohner sind Zwerg-
und Kleinbauern, 20 Prozent Mittelbauern und 10 Prozent entfallen
auf die übrigen Kategorien, d. h. auf die Großgrundbesitzer, Gentrys,
Großbauern usw. Die Mehrzahl der Bauern sind Pächter. Der Pacht-
zins wird in Naturalien erhoben und beträgt bis zu 70 Prozent des
Ernteertrages. Dazu kommen zahlreiche Steuern jeder Art, eine
Sonderabgabe von einer Garbe für ein bestimmtes Quantum geernteten
Reis, dreimal jährlich Geschenke an den Pachtherrn und Vermittler,
Frohnarbeit beim Großgrundbesitzer an bestimmten Tagen. Dieses
System, das noch ergänzt wird durch den ungeheuren Steuerdruck
des militärischen Apparats, von dem noch weiter unten die Rede sein
wird, treibt die Bauern den Wucherern, den Gentrys, den Großgrund-
besitzern in die Arme, die sich das Darlehen, das der Bauer zur Be-
zahlung der ihm „auferlegten‘“ Summen benötigt, durchschnittlich mit
10 Prozent pro Monat, d, h. mit 120 Prozent pro Jahr (Provinz Hunan),
verzinsen lassen. Nur in einem Kreis, in einem Dorf haben wir einen
Zinsfuß von 3 Prozent pro Monat, d. h, 36 Prozent pro Jahr, fest-
gestellt. In zahlreichen Fällen entrichteten verschuldete Bauern
solch wucherische progressiv steigende Zinsen, daß sie Üüber-
haupt nicht mehr aus den Schulden herauskamen ... Und dann
das Steuersystem — oder die steuerliche Willkür. Ein solches System,
das jedem Generalgouverneur gestattet, soviel an Steuern zu erheben,
wie er erpressen kann, ist schon mehr eine systematische Plünderung.
In vielen Provinzen haben die Bauern die Steuern im voraus für 20 bis
25 Jahre bezahlt, nicht freiwillig und nicht, weil es ihnen besonders gut
geht, sondern weil man sie dazu mit den brutalsten Mitteln zwingt.
Die ausgebeutete, ausgeplünderte, in immer größere Not geratende
Bauernschaft bildet daher eine äußerst erbitterte Masse, in der es
ständig gährt. In China stehen gemeinsamen Aktionen der Bauern
keine geographischen Hindernisse im Wege, wie etwa im vorrevolutio-
nären Rußland, wo die Entfernung zwischen den einzelnen Dörfern
Dutzende Kilometer betrug. Im Gebiet des Jangtsekiang leben mehr
als 200 Millionen Chinesen. Fährt man auf diesem mächtigen Fluß,
der zwei- bis dreimal so breit ist wie die Wolga, so sieht man an seinen
Ufern Dorf an Dorf gereiht.: Die Dichtigkeit der Bauernbevölkerung,
die einerseits das Elend steigert, den Kampf um das Dasein außer-
ordentlich erschwert, schafft andererseits bis zu einem gewissen Grade
die Voraussetzung für kollektive Handlungen,

Die charakteristische Eigenart Chinas, seiner revolutionären Ge-
biete ist das ungewöhnlich rasche fieberhafte Wachsen der Bauern-
verbände parallel mit dem der Gewerkschaften in den Städten, In
zahlreichen Gegenden haben sich bei der geringsten Möglichkeit die
        <pb n="10" />
        Bauern ganzer Dörfer geschlossen organisiert. Der Vormarsch der
südlichen Truppen von Kanton nach dem Norden über die Provinz
Hunan hinaus, war das Signal des Aufstiegs der Bauernbewegung. Im
September 1926 waren in Hunan nur wenige hundert Bauern organi-
siert, im Dezember umfaßten die Bauernverbände schon 1,3 Millionen
Mitglieder, im Januar 1927. — 2 Millionen und im Mai 1927 — 5,2 Mil-
lionen Mitglieder, Dabei konnten die Zeugen dieses Wachstums gleich-
zeitig in den Dörfern der Provinz Hunan feststellen, wie sich der
Kampf um den Verband und zwischen dem Verband und den alten bis-
herigen Verwaltungsorganen verschärfte,

Nach den mir vorliegenden Angaben bestanden im Dezember 1926
in der Provinz Hunan: 6887 Dorf- und 462 Gemeindeverbände, die
sich wie folgt zusammensetzten: Landarbeiter 17,4 Prozent, Pächter
47 Prozent, Teilpächter 17,5 Prozent, selbständige Bauern 9,3 Prozent,
Handwerker 7 Prozent, Dorfschullehrer 0,78 Prozent, Händler
0,25 Prozent, Frauen und Sonstige, ein sehr geringer Prozentsatz, Die
überwiegende Mehrheit der Organisierten bestand also aus Pächtern,
die sich nicht aus abstrakten Erwägungen dem Verbande anschlossen,
sondern wegen der dringenden Notwendigkeit des Kampfes gegen ein
Erpressungssystem, das ihnen ganz abgesehen von den Steuern, Ab-
gaben usw. 70 Prozent ihres Arbeitsertrages raubte.
Die gleiche riesige Entwicklung der Bauernorganisationen erlebte
die Provinz Hupei, wo noch im Juli 1926 kaum einige Dutzende Mit-
glieder, im März 1927 dagegen schon 800000 Mitglieder gezählt
wurden. In sozialer Beziehung war aber der Bestand der Verbände in
Hupei schon etwas anders wie in Hunan. Sie vereinigten: selbständige
Bauern — 34 Prozent, Teilpächter — 26 Prozent, Pächter — 25 Pro-
zent, Landarbeiter — 4 Prozent, Intellektuelle (Dorfschullehrer) —
5 Prozent, Handwerker — % Prozent usw. Auch hier sind zwei inter-
essante Momente festzuhalten, Die Bauernverbände werden nicht aus-
schließlich von den Bauern gebildet, sondern vereinigen ebenfalls
Handwerker, Intellektuelle und Kleinhändler und andererseits besteht
die Mehrheit aus Teilpächtern, Pächtern und sogar aus teils selb-
ständigen Bauern, _

Welche Ziele verfolgte der Kampf? Ich erwähnte schon: In vielen
Landkreisen übernahmen die Verbände tatsächlich die Macht. Und
da in den chinesischen Dörfern andere Bodenbesitzverhältnisse be-
standen, als z. B, im vorrevolutionären Rußland mit seinem geschicht-
lich verankertem Großgrundbesitz, gegen den die bäuerliche Bevölke-
rung in einer bestimmten Zeitphase geschlossen auftrat, — da in den
chinesischen Dörfern von Anfang an nicht nur gegen den Großgrund-
besitz, sondern auch gegen die reichen Bauern und die Gentrys, d. h,
die Provinzbehörden gekämpft wurde, nahm der Klassenkampf auf
dem Lande solch zugespitzte Formen an, wie meines Erachtens in
Rußland nicht einmal in der Periode 1917/18, Der Kampf wurde
geführt zum Sturz des Großgrundbesitzes unter den Losungen: „Macht,
Land, Bewaffnung der Bauern“.
        <pb n="11" />
        Nun einiges über die Kampfmethoden., War ein Bauernverband
gegründet, so wählte er sofort eine Untersuchungskommission, die fest-
zustellen hatte, ob die öffentlichen Gelder rechtmäßig verausgabt
waren. War das nicht der Fall, so wurden die verantwortlichen Be-
amten verhaftet, teils hingerichtet, teils zu hohen Geldstrafen ver-
urteilt [(bis zu etlichen 10000 mexikanischen Dollars) (1 mexikanischer
Dollar“ rund 2 Reichsmark). Die Bauern auferlegten den Genossen-
schaften Zwangsspenden (große Summen). Der Verband lud diejenigen
zum Verhör vor, die im Ruf standen, die Bauern und Landarbeiter
schlecht behandelt zu haben. /Die Bauern erfanden eine originelle
Art der Bestrafung, die darin bestand. daß sie z. B. in der Provinz
Hunan die Gutsbesitzer besuchten, was auf den ersten Blick keineswegs
eine Strafe scheint. Man stelle sich aber vor: es versammeln sich
200 bis 300 Bauern, begeben sich zum Gutsbesitzer, verbringen bei ihm
2 oder 3 Tage, lassen sich bewirten und .,.., essen ihn arm! In einem
Dorf waren es z.B, sogar 15000 Bauern, die bei sechs Gutsbesitzern vier
Tage zu „Gast weilten. Man rechne sich aus, was sie bei dieser
Gelegenheit verzehrten. Oder eine andere Art von Strafe, Hatten die
Bauern einen, wie man in China sagt, „schlechten Gentry‘, einen Be-
amten verhaftet, der staatliche Gelder unterschlagen hatte, und konnten
sie ihn wegen seines Vergehens nicht zum Tode verurteilen, so setzten
sie ihm einen Zylinderhut auf den Kopf und führten ihn in diesem
Aufzuge durch das ganze Dorf, womit sie ihn unmöglich machten.
Nach chinesischer Sitte bedeutete das nämlich die größte Beschimpfung,
die man einem Gentry zufügen konnte, er verlor das „Gesicht“, Die
Bauern verfügten häufig, daß die von ihnen Verhafteten durch die alten
Behörden ins Gefängnis gesteckt wurden, wobei sie Zettel folgenden
Inhalts ausstellten: „Früher habt ihr uns eingesperrt, jetzt sperren wir
Euch ein.“ In der Provinz Hunan wurde ein besonderes Gericht für
Gentrys und dunkle Geschäftsleute eingesetzt, das in vielen Fällen die
Todesstrafe durch Erschießen verhängte. In einigen Landkreisen
wurden diese Urteile auch vollstreckt;

Von den wirtschaftlichen Kampfmethoden der Bauern sind zu er-
wähnen: Verbot der Ausfuhr von Reis und Getreide aus einer Provinz
in die andere, Richtpreise für Reis, Verbot der Aufspeicherung großer
Getreidevorräte, Durch solche Maßnahmen wurden die Preise für
Reis gesenkt. Sodann verboten die Bauern die Pacht zu erhöhen,
setzten die Pacht herab, verboten die Kündigung der Pachtverträge,
beschränkten den Zinsfuß für Darlehen auf einen Höchstsatz und ver-
weigerten die Steuern,

In der Provinz Hunan hatten die Großgrundbesitzer bis dahin eine
bewaffnete Schutztruppe von 50000 Mann zur Verfügung gehabt, die
eine ähnliche Rolle spielten, wie im vorrevolutionären Rußland die
Landgendarmen, Sie wurden jetzt von den Bauern entwaffnet und auf-
gelöst, Die Bauern schufen sich eine eigene Schutztruppe, die sie in
Stärke von 50 000 bis 100 000 Mann auf die einzelnen Kreise verteilten.
Aus Mangel an modernen Waffen war jedoch die Bauernwehr zum
großen Teil nur mit Lanzen ausgerüstet.
        <pb n="12" />
        Das sind so einige Tatsachen aus dem Leben und Kampf der
chinesischen Bauernschaft gegen ihre unmittelbaren Bedrücker, Selbst-
verständlich mußten solche Aktionen der Bauern, die sich wellen-
förmig auf alle Provinzen ausdehnten, den Zusammenstoß auf dem
flachen Lande außerordentlich zuspitzen. Auch auf dem Territorium
der Wuhan-Regierung nahm der Kampf der Bauern gegen die Aus-
beuter die gleichen scharfen Formen.an. Bezeichnend für die Er-
bitterung, mit der man kämpfte, sind die Angaben, die mir nur aus der
Provinz Hupei über die Lage in 30 von 89 Kreisen vorliegen. In den
30 erfaßten Kreisen der Provinz Hupei, wurden nach den Ermittlungen
des dortigen Bauernverbandes zur Zeit der Wuhanregierung vom Fe-
bruar bis Juni 1927 rund 4700 Personen getötet und viele verwundet,
Von den Opfern waren 800 Frauen, Arbeiter und Verbandsfunktionäre.
Wie es im Bericht heißt, sind die zahlreichen im geheimen lebendig
Begrabenen in die Verlustliste nicht aufgenommen.

Daraus ersieht man, welche Schärfe der Kampf in den Provinzen
erreicht hatte, in denen die Bauernbewegung einen großen Umfang
gewonnen hatte, Ihr Wachstum steigerte die politische Differenzierung,
schweißte zusammen die revolutionsfeindliche Front der Gentrys, der
Beamtenbürokratie in der Provinz, des Militärklüngels usw., die nicht
nur durch den Großgrundbesitz, sondern auch durch das wucherische
Kapital miteinander verbunden waren und ebenfalls auf die Intellek-
tuellen einen großen Einfluß ausübten. Die Konterrevolution machte
auch vor den Städten nicht Halt, auch dort stieg sie in demselben
Maße, wie die Ereignisse immer weitere Kreise zogen, Nicht nur der
rechte Flügel, sondern auch der linke Flügel der Kuomintang wechselte
in das Lager der Konterrevolution hinüber, eben weil er sich nicht
mit dem Wachsen der Bauernbewegung abfinden wollte,

Berücksichtigt man, daß in die Bewegung schon Dutzende von
Millionen Bauern hineingezogen waren, daß in Wuhan vor der Zer-
störung der Arbeiter -und Bauernverbände die Bauernorganisationen
bereits mehr als 10 Millionen Mitglieder zählten, so gewinnt man erst
eine richtige Vorstellung von dem Umfange der Bewegung und den
Erschütterungen sozialwirtschaftlicher Natur, die die gigantisch an-
steigende Welle der aufständischen Bauern mit sich bringen mußte.

DIE ARBEITERBEWEGUNG UND DIE LAGE DER
ARBEITERKLASSE &gt;

Gleichzeitig entwickelte sich ebenfalls die Arbeiterbewegung, deren
Entfaltung und Wachstum in ähnlicher Weise innerhalb der nationalen
Front die Reibungsfläche vergrößerte, — Von der nationalen Front
wird noch an besonderer Stelle die Rede sein. —

Vor 1918 hatten in China moderne Arbeiterverbände überhaupt
nicht bestanden. Die chinesische Kommunistische Partei zählte noch
1925 nur 300 bis 400 Mitglieder, Die Gewerkschaften wuchsen erst
nach dem Weltkriege aus den Streiks und Zusammenstößen der letzten
Jahre empor, Der Weg der chinesischen Arbeiter- und Gewerkschafits-

mn
        <pb n="13" />
        bewegung führte von 1923 über den Streik in Honkong zum Schang-
haier Streik.

Sodann ist der Zustand der Sklaverei zu berücksichtigen, in der
die chinesische Arbeiterklasse noch heute lebt. Es dürfte bekannt sein,
daß die anläßlich des Maistreiks in Schanghai aufgestellten Forde-
rungen unter anderem das Verbot der Körperstrafe verlangten, Die
Körperstrafe wurde noch 1925 angewandt, sie besteht auch heute noch
in vielen Städten und Ortschaften. Das chinesische Proletariat ist
ja in seiner überwiegenden Mehrheit im Handwerk beschäftigt.
Gewiß, es gibt auch einige Industriezentren mit stark entwickelter Ar-
beiterbewegung, so Tientsin, Wuhan und Schanghai, das chinesische
Leningrad mit 800 000 Arbeitern, — diese Industriestädte sind aber in
China nur Oasen.

Nach dem Bericht des Vorsitzenden des Chinesischen Gewerk-
schaftsbundes auf der Pazifikkonferenz leben in China rund 2,750 Mil-
Llionen Industriearbeiter und 12 Millionen in Handwerksbetrieben, Klein-
gewerbliche Betriebe findet man nicht nur in der städtischen Klein-
industrie, sondern sogar im Bergbau, wo zahlreiche primitiv eingerichtete
kleine Unternehmungen mit einer Belegschaft von 1 bis 2 Arbeitern
existieren. Es ist also notwendig, daß man das Ueberwiegen dieses
Elementes in der Arbeiterklasse Chinas besonders beachtet.*)

Nun zur wirtschaftlichen Lage der chinesischen Arbeiter, Sie ist
die Erklärung für die ungeheueren revolutionären Energien, die immer
wieder nach Entladung drängen und verhindern, daß man die Arbeiter-
klasse in den alten Rahmen hineindrängt, ihr die alten Fesseln anlegt.

Aus der mir vom Februar 1927 vorliegenden Tabelle der durch-
schnittlichen Löhne in Wuhan, d. h. im Industriezentrum (die Angaben
sind in mexikanischen Dollar gemacht und zum mittleren Kurs von
1 mexikanischer Dollar gleich 2 deutsche Reichsmark umgerechnet),
ergibt sich, daß gezahlt wurden: in der Metallindustrie, Spitzenlohn
3,40 Mark, Mindestlohn 0,44 Mark (täglich), Tabakindustrie 2 Mark
bzw. 0,38 Mark, Hafenarbeiter 1,40 und 0,60 Mark, graphisches Ge-
werbe 1,20 bzw. 0,50 Mark, Eisenbahnwesen 4,80 und 0,50 Mark, Post-
angestellte 2 Mark und 1,10 Mark, Telegraphisten 2,60 und 0,66 Mark.
Handlungsgehilfen 2 Mark und 0,28 Mark.

Als Durchschnittslohn sämtlicher aufgezählten Kategorien erhalten
wir also ein sehr niedriges Lohnniveau, Die bestbezahlten Arbeitskräfte
waren in Wuhan die Elektrotechniker und Elektromonteure mit einem
monatlichen Einkommen von 102 Mark, dem aber ein Mindest-
einkommen von monatlich 3,60 Mark gegenüber stand.

Die Nominallöhne sind aber kein richtiger Maßstab für die tat-
sächliche Lage der Arbeiter. Ausschlaggebend ist das Existenzminimum.
Und wie ist es damit bestellt. Nach den Angaben des Vorsitzenden
des Chinesischen Gewerkschaftsbundes (Bericht auf der Pazifik-Kon-
ferenz) betragen die Kosten des monatlichen Existenzminimums der:
*) Die Zahlen sind dem schriftlichen Bericht des Vorsitzenden des chine-
schen Gewerkschaftsbundes an das Pazifiksekretariat entnommen.
        <pb n="14" />
        Ledigen Verheirateten
(Fünfköpfige Familie)
5.45 11,10
3:9 2,13
6:7 1,92
0,78 2,78
0,71 0,85
2.25 2,56
10,85 "21,34

Das ist das Existenzminimum des chinesischen Arbeiters, Ver-
gleichen ‚wir dieses erschreckend niedrige Minimum mit den Löhnen,
so werden wir feststellen müssen, daß nur die hochqualifizierten Ar-
beiter das zum Leben Notwendige verdienen, während die ungelernten
Arbeiter und Arbeiterinnen noch an diesem Hungerminimum sparen
müssen, Die überwiegende Mehrheit der Arbeiter, Arbeiterinnen und
Angestellten gehört aber doch zur unteren, nicht zur höheren Kategorie.

Es liegt auf der Hand, daß solche wirtschaftliche Verhältnisse der
Arbeiterklasse beim geringsten Anlaß eine Explosion herbeiführen
mußten,

Zur Ergänzung mögen noch folgende Daten dienen, die ich dem
„People Tribune‘, dem offiziellen Organ der Kuomintang, vom 12. März
1927 entnehme, Der Korrespondent der genannten Zeitung hat einige
Fabriken persönlich aufgesucht und schreibt darüber:

„Heute besuchte ich die englische Pack- und Preßfabrik, die
mehrere hundert Frauen und Kinder beschäftigt. Die Frauen und
Kinder arbeiten täglich 12 Stunden in einem von Baumwollstaub
stickigen Raum. . Hier werden die Ballen Rohbaumwolle für die Preß.
und Packabteilung vorbereitet. Der Tagelohn der Frauen und Kinder
beträgt 20 Koper (18 Pfennige),

In der Preß- und Packabteilung wird das Schwungrad von einem
einzigen Arbeiter‘ bedient, der methodisch in. regelmäßigen Zeit-
abständen mit Anspannung aller Muskeln auf den Hebel drückt, und
so das Rad in Bewegung hält, Die anderen Arbeiter sind mit Pressen
und Verpacken beschäftigt. Sie zählen unter der Belegschaft der
Fabrik zu den „Aristokraten” — sie verdienen täglich 130 Koper.

Das Aussehen der Arbeiter ist grauenerregend, Immer wieder
schallt durch die Fabriksäle heiseres Husten, Die Arbeiter sind mager,
bleich. Auf ihren eingefallenen Wangen leuchtet grell hektische Röte.
Hier geht der Tod um,

Nebenbei gesagt, die Betriebsleitung zahlt keinen Pfennig Kranken-
geld. Es gibt keine Räume, in denen sich die Arbeiter in den Pausen
erholen können, Feiertage oder freie Tage sind nicht ausgemacht,
Arbeiter, die am Sonntag oder an einem anderen Feiertage nicht än-
treten, ‚erhalten keinen Lohn. Verspäten sie sich um 2 Stunden, so
wird ihnen‘ ein halber Tageiohn abgezogen, Für die Betriebsleitung
sind die Arbeitskräfte nur ein Ausgabeposten, der auf ein Minimum
herabgedrückt werden muß. Niemand sorgt für menschenwürdige Ar-
beitsbedingungen,

Im Sortierraum wimmelt es von kleinen Kindern. die auf dem

Lebensmittel ............
Kleidung ......0.00000000
Heizung .....4.....
Miete ....0.00000
Beleuchtung, Wasser ....
Wäsche usw. .-
        <pb n="15" />
        Boden die Baumwolle sortieren, In einem Raum, der vom Staub wie
in Nebel gehüllt ist, verbringen sie täglich 12 Stunden, Mittagspausen
gibt es nicht, „dafür“ verdienen sie täglich bis 20 Koper.

An demselben Tage besuchte ich. noch drei Fabriken, in denen der
Zwölistundentag eingeführt ist, Der größte Teil der Arbeiten wird von
Frauen und Kindern ausgeführt. .

Die Arbeitsbedingungen in der Seidenfabrik sind so entsetzlich,
daß einem die Sprache vergeht, Unter den Maschinen und Werk-
bänken hängen Körbe, in denen die Arbeiterinnen ihre Säuglinge unter-
bringen. Die Arbeiterinnen haben eben niemand, dessen Obhut sie
die Kinder während der Arbeitszeit anvertrauen können.

Die Fabrikräume sind niedrig und dunkel, Ventilation gibt es
nicht. Arbeiter und Mädchen stehen in langer Reihe ver besonderen
Holztrögen mit kochendem Wasser, in denen die Seidenkokons geweicht
werden, Die Luft ist von Gestank verpestet. Ueberall sieht man Brust-
kinder, die in irgendeiner Ecke untergebracht sind, überall Fällt das
Auge auf abgemagerte, bleiche Mädchen, die die schwersten Arbeiten
verrichten.. Die Revolution ist scheinbar an dieser alten unfireundlichen
Fabrik vorbeigegangen,

Die einzige Aenderung ist, daß die Arbeiterinnen 20 Prozent Lohn-
zulage und wöchentlich einen freien Tag erhaiten haben, Gegenwärtig
zahlt man in dieser Fabrik Kindern und Jugendlichen 60 Koper täglich,
den erwachsenen Arbeiterinnen 35 Cent. Demnach verdient eine Frau
in 12 Stunden unter tfürchterlichen Arbeitsbedingungen im Monat

10 Dollar. Wer in Hankau lebt, weiß was das bedeutet. Das bedeutet:
chronische Unterernährung, Lumpen anstatt Kleider, ein Strohdach
über dem Kopfe usw., bedeutet, daß die Frauen die Brustkinder in die
Fabrik mitnehmen müssen, wo sie den ganzen Tag auf einem Lager
aus Lumpen in Körben zubringen müssen, die unter den Maschinen
und Werkbänken stehen, bedeutet, daß die.Arbeiterin nach einem Tage
mühevollster Arbeit abends noch die notwendigsten Hausarbeiten ver-
richten muß. Daher haben die Frauen und Mädchen in der Seiden-
tabrik ein so fürchterliches Aussehen, Sie sehen nie die Sonne,”
Analoge Beispiele könnte man aus den verschiedensten Teilen
Chinas anführen, Sogar in einem der größten Industriezentren Chinas,
in Schanghai, gibt es Fabriken, in denen die Arbeitsbedingungen an die
erste Zeit der Kapitalsakkumulation erinnern. Je weiter man sich von
den Industriezentren entfernt, um so primitiver und drückender werden
die Verhältnisse. Sogar in den Gegenden, über die die Welle der
revolutionären Bewegung hinwegspülte — sie erfaßte den ganzen
Süden und den mittleren Teil Chinas — herrschen in den Fabriken,
Werkstätten und Handelsunternehmungen äußerst schwere Arbeits-
bedingungen. In China ist der Arbeiter ein Stück Arbeitsvieh und
wird wie ein Stück Vieh behandelt. Ganz abgesehen von den euro-
päischen Ausbeutern, die die chinesischen Arbeiter verächtlich über
die Achsel ansehen, auch die einheimische Bourgeoisie verhält sich
nicht anders. Der chinesische Bourgeois ist unter Vorbehalten geneigt,
den qualifizierten Arbeiter als Mensch anzuerkennen, die Kulis dagegen
sind für ihn ein für allemal Lasttiere. Einer solchen verächtlichen
Behandlung der Kulis, d, h, der Millionen ungelernten Arbeiter, konnte
man sowohl in Kanton, als auch in Wuhan und in den anderen von
19
        <pb n="16" />
        den südlichen Truppen besetzten Gebieten Chinas begegnen. Die Bour-
geoisie sah und sieht in den Arbeitern das Kanonenfutter der Revo-
lution, nichts mehr. Aktionen der Arbeiter, Forderungen der Arbeiter
oder überhaupt ein selbständiges Handeln der Arbeiter stört ihres Er-
achtens die Einheitsfront, d, h. die Interessen der nationalen Bour-
geoisie, als deren Vertreter die Kuomintang in rechter und linker
Schattierung stets auftrat. Man könnte noch viele erschütternde Tat-
sachen über die Not und das Elend der Arbeiter und Arbeiterinnen
anführen.

Unsere Delegation, die eine ganze Reihe Fabriken besuchte, sah
selbst siebenjährige Kinder bei der Arbeit, sah in den Textilfabriken
unter den von den Müttern bedienten Werkbänken und Maschinen
Säuglinge liegen und dazwischen Kinder ihre ersten Gehversuche
machen. Und dabei besteht in Wuhan nach den Angaben desselben
Vorsitzenden des Gewerkschaftsbundes nur in einigen Fabriken, als
Ergebnis langer erbitterter Kämpfe, der Achtstundentag. In der Regel
werden 12 bis 13 Stunden gearbeitet, in einigen Fällen 18 bis 20 Stun-
den, \Es ist hier nicht möglich die Industriezweige mit solch aus-
gedehnter Arbeitszeit aufzuzählen. Die angeführten Beispiele ver-
mitteln schon eine Vorstellung von den Zündstoffen, die sich in der
Arbeiterklasse angesammelt hatten und in Brand geraten mußten, als
die südlichen Truppen vormarschierten und in Wuhan die sogenannte
revolutionäre Regierung aufgerichtet wurde, \

Ende 1926 und Anfang 1927 brach auf dem ganzen Territorium
der Wuhanregierung, d, h. in Hunan, Hupei, Kiangsi usw. ein erbitterter
Klassenkampf aus, ein Klassenkampf innerhalb der nationalen Einheits-
front, in Stadt und Land, eine Welle wirtschaftlicher Streiks mit be-
stimmten wirtschaftlichen Forderungen, eine Welle von Bauern-
aufständen. Ein solcher Druck der Arbeiter und Bauern mußte die
chinesische Bourgeoisie sehr hart treffen, Die Periode der Revolution,
in der es sich nur um den Imperialismus, um die äußeren Feinde
gehandelt hatte, diese Periode der Revolution war schon überwunden,
Der Vormarsch nach dem Norden brachte Millionen, Dutzende Mil-
lionen Menschen in Bewegung, stellte einerseits die Landfrage, anderer-
seits die Arbeiterfrage und alle sozialen Probleme auf die Tagesord-
nung, denen die Kuomintang bisher sorgfältig ausgewichen war. Und
gerade die Arbeiterfrage zog in der Kuomintang den scharfen Tren-
nungsstrich.

Die offizielle Philosophie der Rechten und der Linken in der
Kuomintang lautete: Erst Sieg dann Reformen. Die aufständischen Ar-
beiter und Bauern konnten jedoch nicht länger warten, sie forderten
von ihren direkten Klassenfeinden sofortige Konzessionen. Sie
kämpften doch gegen den 20-Stundentag, gegen die mittelalterlichen
Zustände auf dem Lande, Und das setzte voraus nicht nur den Kampf
gegen das ausländische Kapital, nicht nur gegen den Imperialismus,
sondern auch gegen die nationale Bourgeoisie, die gar nicht daran
dachte, auf eine für sie vorteilhafte Gesellschaftsordnung zu verzichten.
Die Einheitsfront war verhältnismäßig breit, als es sich um den Kampf
        <pb n="17" />
        gegen den Imperialismus handelte — als aber die Arbeiter und Bauern
die revolutionäre Bewegung mit ‚sozialem Inhalte füllten, von der
Außen- zur Innenpolitik übergingen und auf dem mit ihrer Hilfe von
den südlichen Truppen eroberten Territorium versuchten, ihre Klassen-
interessen zu verteidigen, mobilisierte die Bourgeoisie unmittelbar und
durch die Kuomintang gegen die Arbeiter- und Bauernbewegung den
gesamten Staatsapparat.

Freilich auch schon früher war es innerhalb der nationalen Ein-
heitsfront und in der Provinz Hunan zu Zusammenstößen gekommen,
in den letzten Monaten entwickelten sich aber die Ereignisse in un-
geheuer beschleunigtem Tempo. Es war kein Zufall, daß Tschangkai-
schek abtrünnig wurde, als er vor Schanghai anlangte, es war kein
Zufall, daß die linke Kuomintang nach dem Aufenthalt in Wuhan und
Hunan zerfiel. Mit den Truppen rückte das Zentrum der Revolution
von Süden nach Norden vor, d, h, die nationale Bourgeoisie kam mit
der Massenbewegung der Arbeiter und Bauern in Berührung, was sofort
in der nationalen Einheitsfront den Scheidungsprozeß hervorrief, Die
Arbeiter begrüßten enthusiastisch den Vormarsch der Südtruppen auf
Schanghai, derselben Truppen, die in Schanghai als Henker und Mörder
cinmarschierten, weil die Einnahme Schanghais den unvermeidlichen
Uebertritt der gesamten Bourgeoisie zur Konterrevolution und Zwangs-
maßnahmen gegen die Arbeiter bedeutete, Ein analoges Bild entstand
im Gebiete der Wuhan-Regierung.

Mit einem Wort der Vormarsch der Südtruppen auf die wichtigsten
Zentren der Arbeiter- und Bauernbewegung beschleunigte die Spal-
tung, die Scheidung der Kräfte: es kam der Bruch mit Tschangkaischek
und dann reiften in Wuhan die Ereignisse heran, die Wuhan auf eine
Stufe mit Nanking stellten,
DAS STÄDTISCHE KLEINBÜRGERTUM

Das Kleinbürgertum, das sich aus Gewerbe- und Handeltreibenden
zusammensetzt, bildet eine zahlenmäßig starke und sehr wichtige
Schicht der städtischen Bevölkerung. Mit Ausnahme weniger Zentren
dominiert in ganz China das Kleingewerbe, Der Händler oder der
kleine selbständige Handwerker beutet in der Regel die eigenen Ange-
hörigen und Verwandten aus, er beschäftigt aber auch Lohnarbeiter
und -arbeiterinnen und Lehrlinge. Gearbeitet wird direkt auf der
Straße. Die Arbeitszeit ist unbeschränkt, Es besteht nur die natür-
liche Grenze der 24. Stunde. Die Löhne sind minimal, Die Arbeiter
wohnen und essen beim Unternehmer. Die Kost besteht aus schlechtem
Reis mit Wasser. Aber auch der Unternehmer, der kleine Handwerks-
meister schlägt sich kaum durch. Man muß sehr gewandt und außer-
gewöhnlich anpassungsfähig sein, um im Kampf um das Dasein irgend-
wie zu bestehen,

Das Kleinbürgertum als unterste, als, wenn man so sagen darf,
„Bettler‘“-Schicht der Bourgeoisie ist von allen Seiten Schlägen aus-
gesetzt. Es wird wirtschaftlich niedergedrückt durch das fremde
        <pb n="18" />
        Kapital, seine Fabriken, seine wachsende Wareneinfuhr — und durch
den eigenen. Landsmann, den chinesischen Fabrikbesitzer und Groß-
händler; es wird ausgeplündert durch den Militärklüngel, der ihm das
letzte Hemd vom Leibe zieht, Daher beteiligte sich das Kleinbürger-
tum an. den Demonstrationen und war bereit zum revolutionären Kampf
gegen den Imperialismus, Militarismus und die chinesische Groß-
bourgeoisie.

Als aber der Kampf begann und einen Massencharakter annahm,
stellten auch die Arbeiter im Kleingewerbe und die Handlungsgehilfen,
die in. den ersten Reihen der revolutionären Bewegung standen, an die
Miniaturunternehmer wirtschaftliche Forderungen. Hatten sie bisher
18 bis 20 Stunden täglich gearbeitet und keinen freien Tag gehabt, so
verlangten sie jetzt zumindest alle zwei Wochen einen Ruhetag und
Herabsetzung der Arbeitszeit auf 12 bis 13 Stunden. Und dann die
Kinder! Sie traten in die Pioniergruppen ein, mußten auf Verlangen
der Gewerkschaften nicht nur für bestimmte Stunden beurlaubt wer-
den, man. mußte sie auch aus eigener Tasche mit einer Pionier-
ausrüstung ausstatten, Und dazu noch die allgemeine Krise, die Ent-
wertung des Geldes, die drückende Last der wachsenden Kriegssteuer,
mit einem Wort die Lage des städtischen Kleinbürgertums wurde immer
unerträglicher, Solange die Arbeiterbewegung schwach war, eine
untergeordnete Rolle spielte, stand das Kleinbürgertum auf dem linken
Flügel der nationalen Bourgeoisie, es sympathisierte mit der Ideologie
und Taktik der linken Kuomintang, Der Verband der Kleinhändler
und die Organisationen der Miniaturunternehmer nahmen in den revo-
lutionären Ereignissen einen wichtigen Platz ein. Das städtische Klein-
bürgertum, das sich an allen politischen Demonstrationen usw. aktiv
beteiligte, war einer der Pfeiler der nationalen Einheitsfront. Daher
lautete bei allen politischen Aktionen die Parole: „Einheitsfront der
Arbeiter, Bauern, Händler und Studenten“. Die Bildung der Wuhan-
Regierung, der Bruch mit Tschangkaischek waren sicherlich nicht nur
die Folgen des Einflusses der Arbeiter und Bauern, sondern auch des
städtischen Kleinbürgertums, das zum entschlossenen Kampf gegen den
Militarismus und Imperialismus drängte, Das Kleinbürgertum wollte
aber nicht den Klassenkampf, es fürchtete ihn und versuchte die
Klassengegensätze und Risse zu überbrücken und zu verkleistern, den
Lärm der Klassenschlacht durch den Kriegsruf gegen den Imperialis-
mus zu übertönen, dem Klassenkampf die nationale Revolution ent-
degenzustellen,

Da aber die Mechanik der Revolution darin besteht, daß sich der
Klassenkampf mit jedem Tag verschärft, schwankte das Kleinbürger-
tum, sehnte es sich nach irgendeiner Ordnung, pendelte es, weil es sich
zwischen Hammer und Ambos befand, von einer Partei zur anderen
und drückte der Politik der Radikalsten in der linken Kuomintang das
Siegel der Unentschlossenheit, Schwankung, Angst und Verworrenheit
auf, Das Kleinbürgertum träumte von einer Revolution, die ihr sofort
wirtschaftliche Vorteile bringen würde, es machte sich keine Gedanken
darüber, daß die Revolution nicht nur politische, sondern auch wirt-
16
        <pb n="19" />
        schaftliche Folgen haben müßte und die Arbeiter in den Kleinwerk-
stätten und Läden nicht mehr gesonnen sein würden, unter den alten
sklavischen Verhältnissen zu leben und zu arbeiten. — Muß man aber
daraus schließen, daß das städtische Kleinbürgertum bereits seine
revolutionäre Phase durchschritten hat? — Nein, Hätte die Spitze der
linken Kuomintang nur die Interessen des Kleinbürgertums vertreten,
so hätte sie noch lange zwischen der Revolution und Konterrevolution
geschwankt. Der linke Flügel der Kuomintang vertrat aber die mittlere
und einen Teil der nationalen Großbourgeoisie — das war der Grund
der Katastrophe, des raschen Uebertritts zur Konterrevolution und des
vollständigen Bruches mit der Arbeiter- und Bauernbewegung,

Die augenblicklich in Wuhan herrschende Reaktion bedrückt von
neuem das Kleinbürgertum, Das Kleinbürgertum wird sich überzeugen,
daß der Sieg der Militärs den weiteren Ruin des Landes, in erster Linie
den Ruin der wirtschaftlich schwachen Elemente bedeutet, Daher wird
das kleinbürgerliche Pendel jetzt nach links ausschlagen, Das Klein-
bürgertum wird in der neuen Etappe vorübergehend den revolutionären
Kampf der Arbeiter und Bauern gegen die Konterrevolution der
rechten und linken Kuomintang unterstützen, Der Kleinhändler und
der Miniaturunternehmer machen augenblicklich einen Kursus der
angewandten Revolution durch. Genau so, wie in den ersten Jahren
der Oktoberrevolution die mittleren Bauern zwischen den Roten und
Weißen schwankten, so schwankt jetzt das chinesische Kleinbürgertum
zwischen den beiden Lagern, obwohl ihre Interessen durch die revo-
lutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauern am
besten gesichert werden können.
STUDENTENSCHAFT UND BÜRGERLICHE
INTELLIGENZ
Für den Einblick in die chinesischen Ereignisse ist es sodann not-
wendig, wenn auch nur ganz flüchtig die Rolle der Studenten und
bürgerlichen Intellektuellen in der Revolution zu beleuchten, Vor
dem Erscheinen des Schanghaier Proletariats in der politischen Arena
standen die Studenten und die bürgerlichen Intellektuellen im Vorder-
grund, Im Mai 1925 trat jedoch das Proletariat vor die Rampe. So
sagte mir in Wuhan ein Genosse, den ich über die soziale Zusammen-
setzung der vorbeimarschierenden Demonstranten befragte: „Noch
1925 dominierten auf allen Meetings und Demonstrationen Studenten.
Heute bilden sie bei allen öffentlichen Aktionen nur einen unbedeuten-
den Prozentsatz.“ Die Studentenschaft tat sich im Kampf gegen den
Imperialismus und den ‚eigenen Militarismus am stärksten hervor. In
jener Periode hatten die Studentenmanifestationen einen allgemeinen
Volkscharakter, die Studenten marschierten an der Spitze der revo-
lutionären Ereignisse. Da es in China überhaupt nur sehr wenige des
Lesens und Schreibens Kundige und erst recht wenig Leute mit Bildung
gab (und gibt), spielten in den politischen Ereignissen der letzten Zeit
        <pb n="20" />
        Intellektuelle und Studenten eine unverhältnismäßig große Rolle,
Ferner hatte ein bedeutender Teil der chinesischen Intellektuellen in
amerikanischen, japanischen, englischen, französischen und deutschen
Hochschulen studiert, also neben der liberalen Freiheitsliebe gleich-
zeitig auch den Geist der europäisch-amerikanischen bürgerlich-
kapitalistischen Kultur aufgesogen,
Das Ideal der überwiegenden Mehrheit der chinesischen Intellek-
tuellen ist es eben, dem Engländer oder Amerikaner zu ähneln. Man
kann in dieser Beziehung in China groteske Dinge erleben. Chinas
bürgerliche Intelligenz möchte ihr Land frei und unabhängig sehen.
Sie betrachtet aber die Freiheit im englischen oder amerikanischen
Gesichtswinkel, d. h. sie möchte einen unabhängigen kapitalistischen
Staat unter bürgerlich-demokratischer Flagge aufbauen. Gewiß, ihr
Wortschatz ist ein anderer als der der europäisch-amerikanischen
Kollegen — sie unterhalten sich gern über die Weltrevolution, über
Sunjatsens Lehre, den Sunjatsenismus, und sogar über die Kommu-
nistische Partei, aber immer nur unter der Voraussetzung, daß sie die
Massen führen werden, Wollen die Massen ihre eigenen Wege wandeln,
bestimmen sie sich selbst aus ihren eigenen Reihen die Führer, ver-
suchen sie mit Gewalt ihre sozialen Forderungen durchzusetzen, so
haben sie sofort mit der scharfen Opposition der Studenten und
bürgerlichen Intellektuellen zu rechnen,

Während Litisin und Tschangkaischek das Wort dem Bajonett und
der Bleikugel einräumten, versuchte die bürgerliche Intelligenz unter
die Konterrevolution eine theoretische Basis zu ziehen. Die Spaltung
zwischen Nanking und Wuhan bedeutete ebenfalls eine Spaltung der
Studentenschaft und der bürgerlichen Intellektuellen. Hier wie dort
waren sie bestrebt, wenigstens etwas Theorie hineinzutragen, eine
besondere Ideologie ins Leben zu rufen, Während aber in Nanking
unter den schützenden Fittichen Tschangkaischeks und in Kanton
unter dem Schutze Litisins eine in allen Einzelheiten ausgearbeitete
Ideologie der bürgerlichen Konterrevolution entstand, machte man in
Wuhan vergebliche Anstrengungen, die rechten Taten mit linken
Phrasen zu decken. Erst nachdem die Spitze der linken Kuomintang

mit ganz wenigen Ausnahmen in das Lager der Konterrevolution
hinüberwechselte, begannen auch die Worte den Taten zu entsprechen.

Der Zusammenschluß Wuhans und Nankings war der Anschluß
der überwiegenden Mehrheit der Studenten und Intellektuellen an die
bürgerliche Konterrevolution. Damit endete in der Geschichte der
chinesischen Studentenschaft und Intelligenz die heroische Periode.
Nur wenige sind heute vollständig auf die Seite der Arbeiter und
Bauern getreten, befinden sich im Lager der Revolution — die er-
drückende Mehrheit ist jenseits der Barrikaden geblieben. Sie stellte
und stellt eine große Macht dar, gegen die es sehr schwer sein wird
zu kämpfen, weil in China die bürgerliche Intelligenz in der Politik
und Oekonomik alle beherrschendem Höhen von jeher besetzt hält,

&gt;]
        <pb n="21" />
        DIE KRÄFTE DER KONTERREVOLUTION

Die Kräfte der Konterrevolution sind sehr groß, wenn man berück-
sichtigt, daß alle sogenannten zivilisierten Großmächte immer bereit
sind, jede reaktionäre konterrevolutionäre Bande mit Waffen, Geld
und militärischen Machtmitteln zu unterstützen. Der Weltimperialis-
mus hat den größten Nutzen von der Rivalität der verschiedenen
„Thronprätendenten‘, denn sie, die Prätendenten auf die Macht, be-
folgen mit größter Bereitwilligkeit für ein angemessenes Handgeld die
Direktiven der imperialistischen Herren. Im Norden, wo Japan Herr
der Lage ist, unterstützen die Imperialisten Tschangtsolin. Besonders
aggressiv und aktiv ist England, das den Einfluß der chinesischen
Revolution auf Indien fürchtet, Englands Kapitalsinvestierungen und
Konzessionen in China sind außerordentlich groß, deshalb schädigt
sogar eine gemäßigte bürgerliche nationale Revolution bestimmte auf
der wirtschaftlichen und politischen Versklavung Chinas entstandenen
Gruppen der englischen Bourgeoisie. Das erklärt den eng-
stirnig-reaktionären Charakter der englischen Gesandten in
Hongkong und Schanghai, von denen der „Manchester Guardian”
schrieb, daß sie noch in der Zeit des Burenkrieges leben
und an ihnen die letzten 25 Jahre der Geschichte der
Menschheit und alle Weltereignisse spurlos vorübergegangen sind.
England und Japan helfen häufig der Konterrevolution nicht nur mit
Geld und Waffen, sondern auch mit Truppen. In der Armee von
Tschangtsolin und Suntschuanfan trifft man nicht nur militärische
Instrukteure, sondern auch japanische‘ und englische Truppenteile an,
Das muß man bei der Einschätzung der konterrevolutionären Kräfte
in China sehr wohl im Auge behalten. Es versteht sich von selbst,
daß die Imperialisten nicht nur die Militaristen, sondern überhaupt
alle konterrevolutionären Gruppen unterstützen, um die chinesische
Revolution zu schlagen und zu vernichten, den ihre koloniale Herr-
schaft bedrohenden revolutionären Brand auszutreten.

Die Rolle der Imperialisten in allen konterrevolutionären Unter-
nehmungen ist so bekannt, daß sich darüber weitere Ausführungen
erübrigen. Es soll hier hauptsächlich von der inneren Konterrevolution
und ihrer Bedeutung die Rede sein. Sie stütz sich auf: 1, den Groß-
grundbesitz und den halbfeudalen Grundbesitz, 2, den bürokratischen
Apparat auf dem Lande, die Gentrys, Großbauern und Banditen,
3, die Kompradors (chinesische Bourgeoisie, die von Kommissions-
geschäften mit der ausländischen Handelswelt lebt), 4. auf die natio-
nale, mittlere und Großbourgeoisie (Industrie-, Finanz- und Handels-
bourgeoisie}, 5. die bürgerliche Intelligenz, 6. die Militärs,

Die konterrevolutionäre Rolle des Großgrundbesitzes, der Gentrys
und der ganzen ländlichen Bourgeoisie ist bereits im Zusammenhang
mit der Bauernbewegung beleuchtet worden, Was die konterrevolu-
tionäre Rolle und Tätigkeit der eigentlichen chinesischen Bourgeoisie
betrifft, so wollen wir zunächst unsere Aufmerksamkeit auf die
Kompradors lenken, auf die wirtschaftlichen und politischen Agenten
        <pb n="22" />
        des Imperialismus, die sich an den Kommissionsgeschäften, an der
Vermittlung zwischen dem chinesischen und dem Weltmarkt bereichern.
Dieser Teil der chinesischen Bourgeoisie ist für die alte Ordnung, gegen
jede politische Neuerung sogar bürgerlich gemäßigten Charakters, Im
Hinblick auf die Industrialisierung Chinas, auf den trotz des Bürger-
krieges ständig wachsenden Import und Export stellt sie eine ernste
Macht dar, um so mehr, da sie für ihre gegen die Revolution gerichteten
Ziele über die ungeheueren Mittel der Kreise verfügen, deren Stroh-
männer sie sind. Die nationale Industrie-, Finanz- und Handels-
bourgeoisie dagegen nahm in der ersten Periode der Revolution eine
andere Stellung ein, In Wuhan hörte ich behaupten, in China gäbe
es überhaupt keine einheimische Großbourgeoisie, sondern nur ein
Kleinbürgertum, Das hatten sich die linken Anhänger der Kuomintang
ausgedacht (wobei sie leider von einigen Kommunisten unterstützt
wurden), um die Gelüste der chinesischen Großbourgeoisie zu ver-
schleiern. Tatsächlich besteht in China eine sehr umfangreiche
Industrie-, Finanz- und Handelsbourgeoisie, die hervorgegangen ist aus
dem Industrialisierungsprozeß und aus dem Wachstum des Außen- und
Innenhandels. Sie besitzt zahlreiche Fabriken, Werke, Gruben, Banken,
Großhandels- und Transportunternehmungen usw, Noch zahlreicher
ist das mittlere Bürgertum vertreten, Der Einfluß der chinesischen
nationalen Bourgeoisie auf die Volkswirtschaft ist sehr groß, obwohl
sich die wichtigsten Stellungen in den Händen des ausländischen
Kapitals befinden. Wenn das nicht so wäre, so könnte man die Vor-
gänge in China überhaupt nicht verstehen, man würde nicht begreifen.
auf wen sich eigentlich die Konterrevolution stützt.

Es ist schon richtig, in den einzelnen Teilen Chinas bestehen
zwischen der chinesischen nationalen Bourgeoisie Unterschiede, In
den großen Industrie- und proletarischen Zentren ist die Bourgeoisie
gut organisiert, kampfbereit und hat bestimmte politische Ziele. Es
ist kein Zufall, daß in Schanghai unter dem unmittelbaren Einfluß der
nationalen Bourgeoisie der Revolution der schwerste Schlag zugefügt
wurde, — In den anderen Teilen Chinas hat die Bourgeoisie noch
nicht ein solches Niveau erreicht. Freilich, die ganze nationale
Bourgeoisie ersehnt die Unabhängigkeit Chinas als Staat, die Befreiung
von den Imperialisten, von den Konzessionen und Kapitulanten-
verträgen, freilich will sie die Befreiung der chinesischen Städte von
der Bevormundung der Fremden, ein einheitliches Geld- und Steuer-
system, freilich will sie der Willkür des Militärklüngels und dem
Bandenunwesen einen Riegel vorschieben usw. -— die nationale
Bourgeoisie möchte auch den Feudalismus restlos beseitigen, die Bahn
für die ungehinderte kapitalistische Entwicklung säubern, die nationale
Bourgeoisie ist am Kampf gegen den Imperialismus interessiert — in
bestimmten Etappen hat sie der Revolution geholfen, aber stets im
Bestreben, die Revolution sich und ihren Interessen zu unterordnen —
dieselbe Bourgeoisie denkt aber gar nicht daran, auf die billigen
Arbeitskräfte, auf die kolonialen Methoden zur Ausbeutung der eigenen
Arbeiter zu verzichten. Ihr Ideal ist eine Revolution, in der die

m
        <pb n="23" />
        Bauern und Arbeiter das Kanonenfutter wären. Daher stürzte sie sich
förmlich auf die Kuomintang und sicherte sich in ihr den bestimmenden
Einfluß, Die gleiche Taktik verfolgte sie gegenüber dem Staatsapparat,
um jedoch in demselben Maße, wie sich die Arbeiter- und Bauern-
bewegung entfaltete, der Konterrevolution beizutreten, wobei sie in der
ersten Periode innerhalb der Kuomintang tätig war. Als aber das
Schanghaier Proletariat zu den Waffen griff, trat die nationale Bour-
geoisie offen zu den Konterrevolutionären über und schuf sich in
Nanking ein eigenes bürgerliches gegenrevolutionäres Zentrum.

Die Ereignisse in Schanghai, die die gewaltige revolutionäre
Energie des chinesischen Proletariats aufzeigten, waren schon 1925 der
Anlaß des ersten Differenzierungsprozesses, Die chinesische Bourgeoisie
zog den Forderungen der Arbeiter und Bauern das Bündnis mit dem
Imperialismus vor, Der Flügel der chinesischen Bourgeoisie, der gehofft
hatte, mit Hilfe der Arbeiter und Bauern den Prozeß der nationalen
Befreiung zu beschleunigen (linke Kuomintang und Wuhaner Regie-
rung), glaubte, daß es ihm gelingen würde, die Arbeiter- und Bauern-
massen zu zügeln, Dieser Teil der Bourgeoisie erachtete den Bruch
mit der Arbeiter- und Bauernbewegung im April 1927 als verfrüht, sie
wollte die Arbeiter und Bauern noch im Interesse der Nation, d. h.
derselben Bourgeoisie, ausnutzen, So entstand die Spaltung zwischen
Wuhan und Nanking oder die Spaltung in den Reihen der nationalen
Bourgeoisie, die Meinungsverschiedenheit in der Frage der Methoden
zur Ausnutzung der Revolution im Interesse der herrschenden Klassen.
Die Spaltung der Kuomintang zwang den linken Flügel, sich allerdings
vorübergehend auf die Arbeiter und Bauern und das städtische Klein-
bürgertum zu stützen, Daher begünstigte die Kuomintang die Arbeiter-
und Bauernbewegung, daher hatte Wuhan in der ersten Periode eine
revolutionäre Bedeutung. Andererseits half der Kampf der militä-
rischen Cliquen gegeneinander (wiederum in der ersten Periode, nach
dem Einmarsch der südlichen Truppen in Wuhan), die revolutionären
Kräfte in Stadt und Land zu entfesseln,

Das Wachsen der Arbeiter- und Bauernbewegung in Hupei, Hunan
und Kiangsi schweißte aber die Bourgeoisie und das Militär zusammen.
Es begann der offene Kampf gegen die Arbeiter und Bauern und gegen
den Träger und Organisator ihrer Bewegung, die Chinesische Kommu-
nistische Partei, Damit, mit dem offenen Auftreten Wuhans gegen die
Arbeiter und Bauern, ist die Einheitsfront der gesamten Bourgeoisie
gegen die Revolution hergestellt, und daß muß zur Wiederherstellung der
Kuomintang nicht nur ohne die Arbeiter und Bauern, sondern gegen
sie führen. Die Vereinigung Wuhans und Nankings bedeutet die
Schaffung eines einheitlichen Zentrums der bürgerlichen Konterrevo-
lution. Ich unterstreiche absichtlich der bürgerlichen, denn die Konter-
revolution Wuhans und Nankings hat eine andere soziale Basis als die
Tschangtsolins,

Die Ereignisse in Wuhan und die Einigung zwischen Wuhan und
Nanking schließen eine Etappe der chinesischen Revolution ab: die
gewachsene Arbeiter- und Bauernbewegung hat nicht nur die mittlere
        <pb n="24" />
        und Großbourgeoisie, sondern sogar einen Teil des Kleinbürgertums
bewogen, von der Revolution abzuspringen. Die chinesische Konter-
revolution hat sich vereinigt, sie ist stärker geworden, aber nicht so
stark, um die Arbeiter und Bauern endgültig zu schlagen, sich vom
imperialistischen Joch zu befreien und die bürgerliche Revolution zu
beenden.
DAS MILITÄRISCHE SYSTEM IN CHINA

Eine der wichtigsten Stützen der chinesischen Konterrevolution ist
das militärische System, wenn man überhaupt von einem System
sprechen kann, da es sich in China um eine zur Hälfte aus Banditen
gebildete militärische Organisation, um eine am stärksten ausgeprägte
Tradition aus der Zeit des Mittelalters handelt. Es lohnt sich schon,
auf diese innere urwüchsige konterrevolutionäre Macht näher einzu-
gehen, die in der chinesischen Konterrevolution eine außergewöhnliche
Rolle spielt und deren Einfluß von den politischen Führern stets als
Faktor der Revolution betont wird.

Das chinesische militärische System ist etwa ein System der Lehns-
zeit. Der General ist ein Unternehmer, der soviel Soldaten anwirbt,
wie er bezahlen kann, und der in seinem Gebiete Steuern und Abgaben
erhebt, Seine Armee ist ein Söldnerheer im chinesischen Stile, das
hauptsächlich aus dem Lumpenproletariat der Städte, zum großen Teil
aus berufsmäßigen Banditen und den ärmsten Schichten früherer Dorf-
bewohner gebildet wird. Die Armee ist ein Unternehmen und als
solches nach dem Prinzip der „Rentabilität‘ aufgebaut, wobei unter
Rentabilität die Erpressung im Interesse der Führer der Armee zu
verstehen ist, Alle großen militärischen Führer vergessen sich nicht
bei der Erhebung von Steuern, Daher hat der chinesische General fast
immer ein großes Bankguthaben oder ist der Besitzer von umfang-
reichen Grundstücken, Litisin, der Diktator von Kanton, z. B. besitzt
ein Bankkonto von 2 Millionen Dollar und ist Teilhaber vieler Finanz-
und Handelsunternehmungen. Auch Wupeifu ist kein Verächter
irdischer Güter, Nach seiner Niederlage fand man in seinen Häusern
in Wuhan Einrichtungsgegenstände und Vorräte (Möbel, Bilder, Seiden-
stoffe, Schmucksachen usw.) im Werte von vielen Millionen,

Dem Beispiel der Generale folgen die Offiziere, die — selbst-
verständlich auf Kosten der Bevölkerung. — allerhand zusammen-
sparen, Das ganze Offizierskorps ist mit dem Grund- und Handels-
kapital liiert, denn jeder Offizier, der etwas.auf sich hält, ist bestrebt,
sein Glück zu machen und „bodenständig'”‘ zu werden. In China ist
es schwer, den Unterschied zwischen Wegelagerer und General festzu-
stellen. Das sind hart aneinander grenzende, häufig verwandte Berufe.
Ein glänzendes Beispiel dafür ist der alte Tschangtsolin, der augen-
blicklich im Norden Chinas sein Unwesen treibt. Mit einem Wort, das
leitende Prinzip des chinesischen Militärklüngels ist: die Armee ist
die Einnahmequelle der Führer.

Der Soldat erhält sein Gehalt und muß sich selbst beköstigen, Er
dient weder dem Volke, noch dem Staate (unter dieser Firma tritt

m
        <pb n="25" />
        bekanntlich die Bourgeoisie als Klasse häufig auf), sondern dem
General, der ihn angeworben hat, der ihm das Gehalt bezahlt. Eine
solche aus Söldnern gebildete, von ihrem General besoldete Armee,
der es gut geht, wenn der General mit Feuer und Schwert dem Volke
Abgaben erpreßt, eine solche Armee ist tatsächlich in den Händen des
Militärklüngels ein stummes Werkzeug, Daher haben wir bisher in der
chinesischen Armee nur sehr wenige tatsächliche Soldatenaufstände
erlebt. Bei allen militärischen Aufständen wird der Name des einen
oder anderen Generals, der Name des einen oder anderen großen
militärischen Unternehmers genannt.

Die militärische Macht in China ist die organisierte Konter-
revolution. Die Rivalität der Generale besteht von jeher. In den
letzten Jahren, in Verbindung mit der sich entwickelnden Massen-
bewegung, haben einige der Generale, um eine bestimmte Provinz zu
erobern, sehr radikale Ansichten geäußert. Im Grunde genommen ist
aber sowohl die Armee Tschangtsolins, als auch die Tschangkaischeks
und auch Wuhans Armee ein Söldnerheer, dessen oberste Leitung zum
größten Teil aus Führern besteht, die sich an der Armee und mit Hilfe
der Armee bereichert haben, Die Generalität und die Offiziere dieser
Armeen sind mit wenigen Ausnahmen durch tausende Fäden mit dem
Großgrundbesitz, dem Finanz- und Industriekapital verbunden,

Wenn wir also von den konterrevolutionären Kräften in China
sprechen, so muß man die spezifische Organisation der chinesischen
Armee im Auge haben, man muß die Tatsache festhalten, daß es
der Revolution im Verlaufe mehrerer Jahre nicht gelungen ist, die
Armee sozusagen auf neuen Grundlagen aufzubauen, die Armee mit
revolutionären Arbeitern und Bauern zu durchsetzen. Das ist die
Erklärung für die konterrevolutionäre Rolle fast aller Truppenteile
unter der Leitung ihrer Generale, Diejenigen Generale, die im ersten
Stadium der Ereignisse mit der Revolution gingen (Tschangkaischek,
Litisin, Tangtschentsi, Tschupeitok, Fengjuhsiang, Tschangfakui usw.),
begegneten mit unverhülltem Mißtrauen allen Versuchen, die Soldaten-
masse zu schulen, ihr kulturelles Niveau zu heben. Die politischen
Abteilungen bei den Armeen z. B. waren mehr eine Einrichtung für die
Offiziere als für die Soldaten, Jeder General achtete streng darauf,
daß die politischen Abteilungen nicht über den Rahmen des Kampfes
gegen den Imperialismus und über die abstrakte Erörterung der drei
Prinzipien Sunjatsens hinausgingen. Der General Litisin machte noch
vor dem Umsturz die politische Abteilung zu einer Waffe seiner Politik.
Der General Tschangkaischek schmiedete noch vor seiner Henker-
tätigkeit in Schanghai aus der politischen Abteilung ein Hilfswerkzeug
der Bourgeoisie, der General Fengjuhsiang verbot den politischen
Abteilungen die Bildungstätigkeit, der General Tschupeitak (der
Diktator der Provinz Kiangsi) schickte 200 Kommunisten und
Funktionäre der politischen Abteilung nach dem Wahlspruch „Geht
mit Gott, aber geht“ auf Reisen, nachdem er ihnen 30 000 Dollar aus-
gezahlt und für sie einen Dampfer bereitgestellt hatte. Das alles
geschah unter der nationalen Regierung.
        <pb n="26" />
        Was die chinesischen „revolutionären“ Generale unter ihren Auf-
gaben verstehen, ergibt sich aus folgenden zwei Beispielen: Nach dem
konterrevolutionären Umsturz in Hunan (am 21. Mai) sandte die
nationale Regierung in Wuhan nach langen Schwankungen und Zögern
(die Fäden des Hunaner Komplotts spannen sich von der nationalen
Regierung und dem Politbüro der Kuomintang in Hunan) nach
Tschangscha zur Untersuchung des Zwischenfalles (!) den General
Tsaolan, der das Offizierskorps versammelte und Iragte: „Was geht
bei Euch vor?" und erhielt zur Antwort, daß die militärischen Behörden
die Meuterer und Konterrevolutionäre (die Arbeiter, Bauern und
Kommunisten !), die durch ihre Exzesse die Revolution schädigten,
unterdrückt hätten, daß ein Komitee zur Rettung der Kuomintang
gebildet und die „Reorganisierung‘“ der Arbeiter- und Bauernverbände
in die Wege geleitet wäre (die „Reorganisierung‘ bestand darin, daß
man mehr als tausend Personen über die Klinge springen ließ). Was
tat Tsaolan? Er trat in das Komitee ein und sanktionierte dadurch
die Konterrevolution, — Der General Tschangfakui, der Kommandeur
der 4, eisernen Division, der den ganzen Feldzug von Kanton bis
Tschangtschou mitgemacht hatte, erklärte in Wuhan ziemlich offen:
„Was ist denn los, ich kämpfe und kämpfe, erringe Sieg auf Sieg und
habe noch immer keine Provinz erhalten?“

Es war nicht erstaunlich, daß der Militärklüngel den bewaffneten
Streikposten der Arbeiter und den bewaffneten Formationen der
Bauern mit unverhülltem Haß begegnete. Sie sahen in diesen Arbeiter-
und Bauernwehren etwas Fremdes, Feindseliges, für ihr System Gefähr-
liches. Die sogenannten revolutionären Generale nahmen nur äußerst
ungern bewaffnete Arbeiter und Bauern in die Armee auf, Taten sie
es dennoch, so verwandten sie die Arbeiter- und Bauernformationen
für solche Operationen und Expeditionen, von denen nur sehr wenige
zurückkehrten.

Das ist in kurzen Umrissen das militärische System, das sich
genügend zähe und elastisch erwies, um die Revolution auszunutzen.
Man vergegenwärtige sich ferner, daß jeder militärische Diktator als
politische Berater zahlreiche Zivilpersonen um sich hat, die ebenfalls
von diesem System leben und das organisierte Räuberunwesen ideo-
logisch begründen, Fügt man dem Gesamtbilde noch die außergewöhn-
liche Korruption der Generale hinzu, die von den Imperialisten so
geschickt ausgeschlachtet wird, so hat man eine zwar unvollständige,
aber immerhin eine Vorstellung von dem chinesischen militärischen
System und dem chinesischen Militärklüngel, Daraus ergibt sich nur
die eine Schlußfolgerung: entweder die chinesische Revolution ver-
nichtet das mittelalterliche militärische. System, oder dieses System
wird die Revolution vernichten.

DIE KUOMINTANG UND IHRE POLITIK
Wir gehen jetzt zu den politischen Parteien Chinas und in erster
Linie zur Kuomintang über. Wir werden da die Frage zu lösen haben,
        <pb n="27" />
        was in dem Durcheinander der Kräfte, von dem bisher gesprochen ist,
die politische Partei vorstellt, die bis in die jüngste Zeit die Revolution
geführt hat. Was ist — nicht in der Theorie, sondern in der Praxis —
die entscheidende politische Partei Chinas, die sich in zwei Teile
gespalten hat und deren Einheit jetzt wieder aufgerichtet wird, aber
schon auf neuen Grundlagen? Was ist die Kuomintang in ihren beiden
_— in der rechten und linken — Erscheinungen?

Zunächst, wie setzt sich die Kuomintang sozial zusammen, was
hat sie für eine Klassenbasis? In sozialer Beziehung war die Kuomin-
tang stets das Sammelbecken der verschiedensten Elemente, In der
ersten Periode ihrer Entwicklung war sie die Partei der national-
revolutionären Bourgeoisie, die sich auf die Massenbewegung der
Arbeiter und Bauern stützte, Sie besaß keine straffe Organisation,
sie wurde von oben gebaut. Daher waren die leitenden Organe der
Kuomintang am besten organisiert. Je weiter man sich vom Politbüro
entfernte, um so chaotischer, uneinheitlicher wurde die Organisation.
Die populärste Losung war stets „Alle Macht der Kuomintang‘, Die
Massen konnten nie einen direkten, sondern nur einen indirekten Ein-
fluß auf die Spitze ausüben. Die Kuomintang verkörperte die nationale
Einheitsfront, sie trug in sich die Gegensätze, die in der nationalen
Front bestanden. Der Kampf innerhalb der Kuomintang dauerte un-
unterbrochen, Es kämpften die verschiedenen Klassen um die Erobe-
rung des Apparates zur Leitung der Revolution, — Die Rolle und
Bedeutung der Kuomintang kann man daher nur dann verstehen, wenn
man ihre Tätigkeit im historischen Querschnitt betrachtet,

{n der ersten, in der Kantoner Periode, spielte die Kuomintang,
gestoßen von der Massenbewegung, eine offensichtlich revolutionäre
Rolle. Wenn man von der Kuomintang spricht, so soll man sie sich
nicht als einen Parteiaufbau vorstellen, wie etwa die Kommunistische
Partei der Sowjetunion. Die Kuomintang wird unten von der Masse
gebildet, deren Bewegung noch nicht in eine bestimmte Form gegossen
ist, oben von der kristallisierten bürgerlich-intellektuellen Spitze, die,
je nach dem Druck von unten, den. Bauern und Arbeitern Teil-
konzessionen machte, und die allgemeine Aufmerksamkeit bewußt nur
auf den Kampf gegen den Imperialismus konzentrierte, um die Massen
von der Lösung der inneren Fragen der chinesischen Revolution abzu-
lenken. In der Kuomintang propagierte man die Theorie — ich selbst
hatte Gelegenheit, mich darüber zu unterhalten — erst nach Ueber-
windung des Imperialismus und Militarismus könnte man an die inneren
Reformen herantreten. Die Losung der linken und der rechten Kuo-
mintang lautete: erst Sieg, dann Reformen. Die in der Entfaltung
begriffene chinesische Arbeiter- und Bauernbewegung konnte sich mit
einer‘ solchen Formulierung nicht begnügen, Der Klassenkampf im
Innern der Kuomintang während der ganzen Zeit ihres Bestehens war
die spezifische Besonderheit der chinesischen Revolution, Die Kuo-
mintang vereinigte Teile der mittleren Bourgeoisie, einige Elemente
der nationalen Großbourgeoisie, einen bestimmten Teil des Kleinbürger-
tums, bürgerliche Intellektuelle, Kaufleute, Bauernorganisationen — ihr
        <pb n="28" />
        gehörten an die Kommunistische Partei, sie wurde unterstützt von den
Gewerkschaften usw. Die Kuomintang bildete in gewisser Hinsicht
einen Block, in dem sich schon in der Zeit ihres Sitzes in Kwangtung
ein erbitterter Klassenkampf um die Arbeiter- und Bauernfrage ab-
spielte, In den letzten zwei oder drei Jahren der Kuomintang-Regie-
rung in Kanton konnte man deutlich erkennen, wie sehr der Kampf
zugespitzt war und wie die Führer der Kuomintang in Kanton
manövrierten, um die offene Auseinandersetzung zu vermeiden, die
Lösung der aktuellsten Fragen bis zur Besiegung der Imperialisten
zu vertagen. Die erste Spaltung der Kuomintang erfolgte — ich sagte
es schon — in dem Augenblick, in dem die südliche Armee mit der
Massenbewegung in Berührung kam,

Was bedeutete die Bildung der Regierung Huhanmin in Nanking
und der Regierung Wangtschinwei in Wuhan? — Der größere Teil der
Großbourgeoisie ging mit einem Teil der mittleren Bourgeoisie offen zur
Konterrevolution über, die Arbeiter- und Bauernbewegung nahm ge-
wisse Teile der chinesischen nationalen Bourgeoisie ins Schlepptau und
diese Teile gründeten die Regierung in Wuhan. Die beiden benach-
barten Zentren, die nur durch einige hundert Kilometer voneinander
getrennt waren, spiegelten die eigenartige Etappe der chinesischen
Revolution wider, die gekennzeichnet wurde durch den vollständigen
Uebertritt eines Teiles der Bourgeoisie zur Konterrevolution und durch
die Schwankungen in dem ‚bedeutend kleineren Teile, der sich end-
gültig entschied, als die Bauernbewegung ausbrach, die Ziele und
Wünsche der Arbeiter und Bauern offen an den Tag traten. In diesem
Augenblick fiel die Bourgeoisie geschlossen von der Revolution ab —
wir erlebten den Fall Wuhan,

Welche Politik verfolgte Nanking, Tschangkaischek?, Eine Politik
der Zerstörung der Arbeiter- und Bauernbewegung, Sowohl Tschang-
kaischek, als auch Huhanmin (dieser war der geistige Vater, jener das
ausführende Werkzeug) gingen mit den brutalsten Mitteln gegen die
Arbeiter- und Bauernorganisationen vor, um der eigenen und der
fremden Bourgeoisie zu beweisen: wir können die „Ordnung herstellen”
und der Arbeiter- und Bauernbewegung Herr werden, die „Revolution
bedeutet die Ordnung, nicht die Unordnung‘. Die Kuomintang hoffte,
durch die brutale Unterdrückung der Arbeiter und Bauern zwischen
sich und dem Imperialismus die Brücke zu schlagen. Man versuchte
aber wieder gleichzeitig die national-revolutionären Probleme zu lösen,
die Regierung in Nanking versuchte, den Imperialisten die Zähne zu
weisen, die Erhöhung der Einfuhrzölle, die Beseitigung einiger Privi-
legien der Ausländer und sogar die Zollautonomie durchzusetzen.
Nanking, das die Basis — die Arbeiter und Bauern — verloren hatte,
die imperialistischen Großmächte gegen sich hatte, an mehreren Fronten
kämpfen mußte, vermochte nicht den Druck zu parieren, es suchte nach
einem Kompromiß. Im Lager Tschangkaischeks und Huhanmins hatte
man die ganze Zeit geschwankt, Anstrengungen gemacht, um eine
Verständigung mit Wuhan zu erzielen, obwohl man nach außen Wuhan
erbittert bekämpfte,

IE
        <pb n="29" />
        Da die Wuhaner Regierung durch die Massenbewegung zur Macht
gelangt war, mußte es, wenn auch nur anfänglich, eine andere Politik
als Tschangkaischek einschlagen. Die Wuhaner Regierung hatte aber
auch bei jenen Teilen der nationalen mittleren Bourgeoisie und haupt-
sächlich des Kleinbürgertums Unterstützung gefunden, die die Rettung
in der Revolution sahen, und deren Interesse sie vertrat. Das Wachs-
tum der Arbeiter- und Bauernbewegung schreckte jedoch die linke
Kuomintang, die schon nach wenigen Monaten, obwohl sie in Worten
Nanking und besonders Tschangkaischek nach wie vor bekämpfte, tat-
sächlich sich Tschangkaischek näherte, Während der ganzen Periode,
in der Wuhan als Zentrum der linken Kuomintang bestand, vom April
bis Juni 1927, wurden ständig Versuche unternommen, die feindlichen
Brüder zu versöhnen. Zwischen Nanking und Wuhan verkehrten
dauernd jeder Art Ratgeber, die hinter geschlossenen Türen über die
Wiederherstellung der Einheit der Kuomintang auf Kosten der Arbeiter-
und Bauernbewegung verhandelten, In Wuhan wußte jeder, daß die
Mitglieder des Politbüros der Kuomintang Sunfo, Hominju, Tanjenkai
und Sutsen im Wachen und Schlafen nur den einen Gedanken hegten,
mit der wachsenden Arbeiter- und Bauernbewegung Schluß zu machen.
Auf dem Bankett, das die nationale Regierung und das Zentralkomitee
der Kuomintang «der Delegation des Zentralrates der Gewerkschaften
der Sowjetunion gab (Ende Mai) begegnete ich der leitenden Gruppe
der linken Kuomintang, darunter Tanjenkai und dem früheren Rektor
der Pekinger Universität, dem Freunde des Justizministers Sutsen, der
seinerzeit zusammen mit Fengjuhsiang die USSR besucht hatte. Trotz
der sprichwörtlichen chinesischen Höflichkeit konnte man deutlich
sehen, wie sich beide uns gegenüber feindselig verhielten, Später stellte
sich heraus, daß die gesamte Spitze der Kuomintang uns gegenüber
wegen unseres ungeschminkten Urteils über die Konterrevolution, die
gleichen Gefühle hegte. Ich persönlich konnte beobachten, wie die
Konterrevolution ideologisch und politisch vorbereitet wurde, wie die
linke Kuomintang immer rascher in das Lager der Konterrevolution
abglitt.

© Wie erfolgte die ideologische und politische Vorbereitung der
Konterrevolution? Am 13. Mai langten wir in Wuhan an. Die Atmo-
sphäre war sozusagen noch von der Diskussion in den leitenden Kreisen
der Kuomintang geladen: „Erweiterung oder Vertiefung der Revolu-
tion.“ Von unserem Standpunkt bestand da kein Gegensatz, von
unserem Standpunkt mußte man das eine und das andere tun, er-
weitern und vertiefen. Für die Kuomintang dagegen lagen die Dinge
anders, Die Erweiterung der Revolution bedeutete die Entfernung von
den Arbeiterzentren, den Vormarsch in die agrarischen Gebiete im
Innern China, von Schanghai mit seinem anspruchsvollen Proletariat,
den Vormarsch nach Peking, die Umgehung der Bauernfrage und der
aktuellen Fragen der. Arbeiterbewegung, Die Vertiefung der Revolu-
tion bedeutete die Lösung der Bauernfrage, die Befriedigung der Forde-
rungen, wenn auch nur zum Teil, usw. Die Diskussion hatte sogar die
Leitung der Kommunistischen Partei angesteckt. Auch dort disku-
2
        <pb n="30" />
        tierte man, d, h. man wußte nicht recht; sollte man in die agrarischen
Gebiete vorstoßen, wo es keine Arbeiterbewegung gab, und die Er-
füllung aller Forderungen der Arbeiter und Bauern bis zum Siege über
Tschangtsolin vertagen, Die Losung „erweitern oder vertiefen‘ stellte
die nationale Revolution dem Klassenkampf gegenüber, Mit anderen
Worten, die Konstruierung der Frage war schon der Anfang der
Konterrevolution. Die linke Kuomintang wollte selbstverständlich
nichts von der Vertiefung der Revolution wissen, d. h. von der radi-
kalen Lösung der Land- und Arbeiterfrage,

Die Evolution der linken Kuomintang nach rechts begann mit dem
Erscheinen der Bauernmassen in der Kampfarena. Auf dem Gebiete
der Bauernfrage machte die linke Kuomintang vollständig Bankrott,
Sogar die Agrarkommission des ZK der linken Kuomintang fürchtete
sich, die radikale Lösung der Landirage auf die Tagesordnung zu
stellen. Die Bauern konnten und wollten aber nicht länger warten,
sie heischten Antwort, Während. man sich in der Innenpolitik mit
herrlichen Deklarationen aus der Affäre ziehen konnte, während man
bis zum Beginn der Bauernbewegung die Bauernfrage mit einem ver-
schwommenen Programm abtun konnte, war jetzt, nachdem die Be-
wegung der Bauernmassen das Land wie eine Sturzsee überflutete,
ein solches Programm nicht mehr ausreichend, man brauchte etwas
Reales, Was hatte die Kuomintang den Bauern zu sagen? — Die
Kommission beim ZK der Kuomintang arbeitete eine Erklärung aus,
die fünf Losungen enthielt: Herabsetzung des Pachtzinses um 25 Pro-
zent, Verbot der Entrichtung des Pachtzinses im voraus, Verbot der
Erhebung der Bodensteuer im voraus, Verbot von Wucherzinsen für
Darlehen (der Zinsfuß wurde auf jährlich höchstens 20 Prozent fest-
gesetzt). Außerdem enthielt die Erklärung noch die Theorie der
differenzialen Bodenbenutzung, die uns an die Ideologie der Sozial-
revolutionäre erinnerte, und noch verschiedenes andere. Die reale
Antwort auf die stürmischen Forderungen der gigantischen Bewegung
beschränkte sich jedoch auf die schon erwähnten fünf Punkte, die
nicht einmal verwirklicht wurden, weil ihre Verwirklichung in den
Dörfern nur mit Waffengewalt möglich war, weil auf dem Lande sich
die Konterrevolution geschlossen gegen die Bauernverbände, gegen
jeden Versuch erhoben hatte, die alten sozialwirtschaftlichen Be-
ziehungen zu ändern,

In Wuhan hört ich ebenfalls die Führer der Regierung die eigen-
artige Theorie von der Unreife der chinesischen Arbeiter- und Bauern-
bewegung vertreten, Die Leiter der Kuomintang mußten die Ablehnung
der Forderungen der Arbeiter und Bauern begründen, Sie erfanden
eine eigene Theorie: Die Arbeiter- und Bauernbewegung ist unreif, sie
leidet an den Kinderkrankheiten, die Arbeiter und Bauern wollen alles
mit Gewalt lösen, während die Lösung nur auf der Grundlage des Ge-
setzes möglich ist. — Daß die Arbeiter und Bauern nicht warten wollten,
ungeduldig geworden waren, erklärte man als Kinderkrankheit des
Radikalismus. Den Beweis der Unreife sah man in den „Exzessen“,
in den übertriebenen Forderungen, die — wie man mir sagte — den
79
        <pb n="31" />
        Zusammenbruch der Revolution herbeiführen könnten. Ueberall schlug
man Lärm über die Exzesse der Arbeiter und Bauern. Presse und
politische Redner betonten, welche Gefahren die Ausschreitungen der
ungebildeten rückständigen Massen für die Sache der nationalen Revo-
lution in sich berge.

Wie gesagt, man hatte sich eine ganze Theorie zurechtgelegt über
die Unreife der Arbeiter- und Bauernbewegung, über die Aus-
schreitungen der Arbeiter und Bauern, darüber, daß die Bauern-
bewegung die Konterrevolution darstellt. Leider wurden durch diese
Theorie auch einige führenden Elemente der Kommunistischen Partei
infiziert. Auch dort schwankte man, sprach man über die Unreife der
Arbeiter- und Bauernbewegung. Und dabei war gerade diese neu aus-
geklügelte Theorie die Konterrevolution, denn sie hatte das Ziel, den
Boden für die Zerstörung der Arbeiter- und Bauernbewegung politisch
vorzubereiten. Das Geschrei in der Presse und in den Versammlungen
erweckte schließlich den Eindruck, ‚als ob in China eine Ausschreitung
die andere jage. In zahlreichen Artikeln und Aufrufen wurden die
Arbeiter und Bauern zur Vernunit gemahnt. Als ich begann, der
Sache auf den Grund zu gehen, festzustellen, was denn an dem Gerede
über die Unreife der Arbeiter- und Bauernbewegung wahr wäre uSW.,
ergab sich, daß man die revolutionäre Lösung der Landfrage durch
die Bauern als Ausschreitung und das Verlangen der Arbeiter nach
einem wöchentlichen Ruhetag (in China wird das runde Jahr ge-
arbeitet), nach Erhöhung und Verbesserung der Arbeitsbedingungen
usw. als übertriebene Forderungen bezeichnete,

Der politische Zweck der Kampagne war vollständig klar. Die
linke Kuomintang wollte die Arbeiter- und Bauernbewegung in die
Bahn der reinen Politik drängen: Beschäftigt euch mit dem Imperialis-
mus, käuet wieder die drei Prinzipien Sunjatsens, laßt aber die Finger
von der Landfrage, der Arbeitszeit, der sozialen Gesetzgebung usw. —
Was die Arbeiter bisher auf dem Gebiete der Arbeitszeitverkürzung,
der Lohnerhöhung und einiger minimaler Arbeitsschutzvorschriften er-
reicht hatten, wurde über den Kopf der Kuomintang hinweg und gegen
ihren Willen durch den Klassenkampf erobert, der seit Gründung der
Kuomintang auch nicht eine Stunde verstummt war,

Da sich die wirtschaftliche Lage Wuhans durch die Sabotage der
Bourgeoisie und der ausländischen Banken verschlechterte, begann
man nach einem Prügelknaben zu suchen. Die linke Kuomintang fand
ihn. Nach ihrer Meinung waren es die Arbeiter und Bauern, die durch
ihre „unvernünftigen“ Forderungen die ehrlichen, der Revolution er-
gebenen Unternehmer abschreckten usw. Die Offensive gegen die

Arbeiter und Bauern wurde an der ganzen Front geführt, wobei man
sich hinter revolutionären Fragen verschanzte. Es war ein wirklich
interessantes Bild: Unter der antiimperialistischen, Tschangkaischek
feindlichen radikalen Fahne der linken Kuomintang reifte die Konter-
revolution heran. Die Hülle war noch revolutionär, der Kern bereits
konterrevolutionär. Ich hielt mich in dieser Zeit in Wuhan auf, sah
und fühlte also, wie die Konterrevolution heranrückte, wie die linke
37
        <pb n="32" />
        Kuomintang geschickt operierte, um den günstigsten Moment für den
entscheidensten Schlag zu wählen,
WIE DIE LINKE KUOMINTANG
GEGEN DIE KONTERR£VOLUTION „KÄMPFTE“
Ich erwähnte schon, daß die ganze Agitation und Propaganda der
nationalen Regierung und des Politbüros der Kuomintang gegen die
„Exzesse‘” gerichtet war, d. h. gegen die revolutionären Arbeiter und
Bauern. Gleichzeitig mit der ideologischen Vorbereitung wurden auch
alle von dem ZK der Kuomintang unter dem Druck der Massen ge-
faßten Beschlüsse systematisch sabotiert.. Der Beschluß des ZK, an die
Arbeiter einen bestimmten Prozentsatz der Waffenproduktion aus dem
Arsenal in Hanjang abzugeben, wurde tatsächlich nicht ausgeführt,
Mehr noch, das Zentralkomitee traf alle Maßnahmen, um die Streik-
posten der Arbeiter — immer wieder unter dem Vorwand der Aus-
schreitungen — an der Ausübung ihrer Tätigkeit zu behindern und zu
entwaffnen.
Anfang 1927 erließ man ein Dekret über die Beschlagnahme Yes
Eigentums der Konterrevolutionäre, die offen gegen die Wuhaner Re-
gierung auftreten, Und was war der Erfolg? Auf Grund dieses
Dekrets wurde das Vermögen von nur 40 Personen beschlagnahmt.
Bereits Juni folgte ein neuer Erlaß, der den vom Anfang des Jahres
aufhob. Das Justizministerium, d. h. Sutsen, befreite systematisch die
Konterrevolutionäre, die ins Gefängnis zum Teil auf Veranlassung der
Streikposten eingeliefert worden waren.

Da der Kampf in den Dörfern einen immer erbitterteren und
blutigeren Charakter annahm — die organisierte Konterrevolution
mordete die Bauern buchstäblich zu Hunderten —, traf das Politbüro
der Kuomintang Maßnahmen .,, zur Reorganisierung der Bauern-
verbände, indem es die linken Führer durch gemäßigte Elemente er-
setzte. Als im Mai der von Sadsuin geleitete Aufstand ausbrach, wurde
längere Zeit überhaupt nichts unternommen, obwohl Sadsuin den
Arbeiter- und Bauernorganisationen und Führern mit Feuer und
Schwert zu Leibe rückte, Man bot erst dann das Militär auf, als sich
herausstellte, daß Sadsuin nach den Anweisungen und im Interesse
von Tschangkaischek handelte, Besonders charakteristisch war die
Haltung des ZK der Kuomintang gegenüber dem Aufstand in Hunan
und der Vertreibung der Kommunisten und Linken aus Kiangsi durch
den General Tschupeitak. — Ich habe bereits davon Erwähnung ge-
tan, es muß aber noch einmal darauf zurückgekommen werden, weil
dieser Zwischenfall die Verhältnisse in der Kuomintang besonders klar
kennzeichnet,
Am 21. Mai kam es in Hunan zu einem konterrevolutionären
Umsturz. Die von Sukeisiang befehligten Truppen in Tschangscha
umzingelten die Arbeiter- und Bauernorganisationen, zerstörten Sie,
ermordeten ihre Leiter und begannen die „Ordnung“ herzustellen. —

&gt;
        <pb n="33" />
        Mit Recht durfte man erwarten, daß nunmehr Alarm geschlagen und
die Niederwerfung der Aufständischen gefordert werden würde, Was
tat aber das ZK der Kuomintang? Die Presse reagierte in keiner
Weise. Eine Woche, zwei Wochen vergingen — kein Wort, als ob
überhaupt nichts vorgefallen wäre. Aus Hunan trafen Delegationen
von Arbeitern, Bauern und Händlern ein, Das Zentralkomitee der
Kuomintang schob jedoch die Angelegenheit auf die lange Bank...
Es war „beschäftigt, Endlich ernannte das ZK eine Kommission, die
sich an Ort und Stelle begeben sollte, um die aufständischen Konter-
revolutionäre zu überreden, mit den Waffen keinen Mißbrauch zu
treiben. Die aus fünf Mitgliedern unter dem Vorsitz von Wagtschinwei
gebildete Kommission reiste nach Tschangscha ab, kehrte aber unver-
richteter Sache zurück, da die Aufständischen die Eisenbahnverbindung
unterbrochen hatten und sich weigerten, die Kommission mit Wangt-
schinwei als Hauptwortführer nach Tschangscha durchzulassen,

Die Zeit verging, Schlecht bewaffnete Formationen der Bauern
rückten gegen Tschangscha vor. Man empfing sie mit Maschinen-
gewehrfeuer und richtete unter ihnen ein fürchterliches Gemetzel an.
Das Komitee zögerte noch immer, Mitte Juni raffte es .sich endlich
auf ,., es entsandte den General Tsaolan, der den Zwischenfall bei-
legen sollte. Er reiste ab. Und ihn ließ man nach Tschangscha, denn
er war ja einer der Ihrigen, Tsaolan berief das Offizierskorps ein.
An der Versammlung nahm auch der General Sukeisiang teil. Tsaolan
eröffnete den Offizieren, ihr Verhalten hätte das Zentralkomitee der
Kuomintang in „Erstaunen“ versetzt. Man antwortete ihm, es wäre
zu Ausschreitungen gekommen, man hätte die Ordnung herstellen
müssen und sie hätten schon ein Komitee zur Rettung oder Säuberung
der Kuomintang gebildet, Was tat darauf der Abgesandte der Kuo-
mintang, der General Tsaolan — er trat in das Komitee ein, legalisierte
also die Konterrevolution,

Sogar für den Außenstehenden, für mich z, B., war es nach kurzem
Aufenthalt klar, daß die Fäden der Ereignisse in Tschangscha sich
unmittelbar zum Zentralkomitee der Kuomintang, unmittelbar zur
nationalen Regierung spannten. Schriftliche Beweise habe ich nicht,
eine ganze Reihe indirekter Anhaltspunkte weisen aber darauf hin, daß
das Mitglied des Politbüros Tanjenkai die Seele der Sache war, Wie
sicher sich die Konterrevolution fühlte, geht aus folgender Tatsache
hervor, die ich erst später erfuhr, Sie bestätigte mir, daß die Konter-
revolution mit den leitenden Organen der Kuomintang und der natio-
nalen Regierung verbunden war.

Ende Mai: versammelte sich in Wuhan die Generalität zur
Beratung der Frage des Aufstandes von Sadsuin und Sukeisiang, Der
Kriegsrat beschloß einmütig, die Tat Sukeisiangs — den Aderlaß der
Arbeiter und Bauern — zu billigen. Die Militärs sympathisierten eben-
falls mit Sadsuin und seinem Feldzug gegen die Bauern. Die Frage
stand so: soll man die Kollegen unterstützen, oder nicht? Man war
allgemein für die Unterstützung. Die Meinungsverschiedenheiten ent-
standen erst in den Schlußfolgerungen aus einer solchen Unterstützung.
1
        <pb n="34" />
        Die einen forderten die Versöhnung mit Tschangkaischek, die anderen
— die Anhänger von Tangtschentsi — erachteten die Versöhnung für
unmöglich. Nur diese Meinungsverschiedenheit verhinderte, daß man
in Wuhan schon Ende Mai losschlug, obwohl bereits alles vorbereitet
war und ein besonderer Ausschuß auf dem Territorium der japanischen
Konzession funktionierte, War das Politbüro der Kuomintang dar-
über unterrichtet? Sicherlich, Kann man annehmen, daß weder die
Regierung, noch das Politbüro der Kuomintang in einer Versammlung,
die von 50 bis 60 der prominentesten militärischen Führer besucht war,
keinen ihrer Anhänger hatte? Das Politbüro wußte alles, genau so
wie es wußte, daß der General Tsaolan, der die Arbeiter- und Bauern-
bewegung haßte, nichts unternehmen wird, um die Hunaner Konter-
revolutionäre in ihrer Tätigkeit zu behindern.

Zum Schluß noch eine Tatsache, Als der General Tschupeitak die
Arbeiter- und Bauernorganisationen verbot, 200 Kommunisten und
linke Anhänger der Kuomintang auf einen Dampfer schaffen ließ, ihnen
30 000 Dollar und den Rat mitgab, sich von dannen zu begeben,
betrachtete man das als unbedeutenden Zwischenfall. Die Presse unter-
schlug die Nachricht von dem Ueberfall auf die Arbeiter und Bauern.
Nach zwei oder drei Wochen beauftragte das Zentralkomitee der
Kuomintang einen Vertreter mit der Untersuchung des Falles Kiangsi.
Das war wieder eine versteckte Mittäterschaft, eine niederträchtige
Verhöhnung der Arbeiter- und Bauernbewegung. Der Delegierte klärte
auf, Tschupeitak entschuldigte sich, die Ausweisung blieb aber in
Kraft, die Arbeiter- und Bauernorganisationen blieben verboten.

Und nun noch ein Beispiel der Doppelzüngigkeit des Politbüros
der linken Kuomintang. Anfang Juni, nach der Vereinigung der
Armeen Wuhan mit Fengjuhsiang, beschloß das Politbüro eine feier-
liche Beratung der militärischen und politischen Führer abzuhalten.
Noch vordem begaben sich zwei Mitglieder des Politbüros zu
Feng, um ihm die Vermittlung zwischen Wuhan und Nanking
anzutragen, Während man auf der Beratung selbst, die
inzwischen zusammengetreten war, Reden hielt über den Kampf
gegen den Imperialismus und über die Notwendigkeit, Tschang-
kaischek zu erledigen, bereitete man gleichzeitig eine Konferenz
zwischen Fengjuhsiang und Tschangkaischek vor, wobei die beiden
vorerwähnten Mitglieder des Politbüros — Sutsen und Sunfo — an
den Vorbereitungen regen Anteil nahmen. Die Rollen waren vorzüg-
lich verteilt: während Wangtschinwei am 21. Juni auf dem 4.. Chine-
sischen Gewerkschaftskongreß Tschangkaischek in der heftigsten Weise
angriff und im Namen des Zentralkomitees der Kuomintang zum
Kreuzzuge gegen den Verräter aufrief, machten seine Kollegen
zwischen Wuhan und Nanking das Geschäft perfekt,

Vielleicht wußte aber die eine Hand nicht was die andere tat?
Vielleicht handelten Sunfo und Sutsen aus eigener Initiative, ohne
Wissen des Zentralkomitees der Kuomintang? Wenn dem so gewesen
wäre, so hätten das Zentralkomitee und der redselige Wangtschinwei
die Kuppler desavouieren können. Aber weder das Zentralkomitee
m
        <pb n="35" />
        noch Wanstschinwei taten das auch nur mit einem Wort, Mehr noch,
derselbe Wangtschinwei erwähnte nicht nur nicht auf dem 4. Gewerk-
schaftskongreß die Verhandlungen zwischen Tschangkaischek und
Fengjuhsiang, er hatte ebenfalls Hunan und die konterrevolutionären
aktiven Maßnahmen Tschupeitaks „vergessen‘‘. Wangtschinwei stimmte
seine Leier auf das Lied von den hohen Materien, er fürchtete sich
vor der sündigen Erde. Das war die Taktik der linken Kuomintang,
Die Mitglieder des Politbüros hatten, wie gesagt, die Rollen verteilt:
die einen veranstalteten geheime Verschwörungen gegen die Arbeiter
und Bauern, die anderen deckten ihr Tun mit revolutionären Phrasen.
Da war es wirklich nicht verwunderlich, daß mein Auftreten auf dem
4, Gewerkschaftskongreß das Zentralkomitee der Kuomintang und die
nationale Regierung äußerst erbitterte. In meiner Rede stellte ich
nicht nur die Frage der an der Konterrevolution unmittelbar Schuldigen
auf Biegen und Brechen, ich nannte nicht nur Sukeisiang, Tschupeitak
und die anderen, sondern stellte auch die Frage der Helfershelfer und
Hehler der konterrevolutionären Banditen, Meine (in der „Prawda“
veröffentlichte) Rede wurde als „taktlos“ und „unhöflich‘ qualifiziert.
Doch niemand nahm sich die Mühe, nachzuweisen, daß sie un
richtig war.

Man könnte noch Dutzende Beispiele der konterrevolutionären
Tätigkeit des Politbüros der Kuomintang in Wuhan und der nationalen
Regierung anführen. Die bisherigen genügen jedoch, um aufzuzeigen,
wie die Kuomintang in Wuhan gegen die Konterrevolution „kämpfte‘

WIE DER GENERAL TANGTSCHENTSI

DEN HUANER „ZWISCHENFALL“ BEILEGTE

Als die Reise des Generals Tsaolan ergebnislos verlaufen war.
wurde Tangtschentsi mit der Lösung der Hunaner Frage beauftragt.
Dieser General -— selbst Großgrundbesitzer — der am Tage zumindest
99 mal die Weltrevolution im Munde führte, begab sich nach Hunan,
nachdem mit Fengjuhsiang bereits eine Einigung erzielt war und man
offener sprechen konnte.

Der Vertrauensmann des ZK der Kuomintang war in seinen
Schlußfolgerungen und Vorschlägen sehr offenherzig, obwohl auch ihm
bekannt gewesen sein dürfte, daß es immer nützlich ist, die Fratze der
Konterrevolution mit revolutionären Phrasen zu verschleiern. Von
seiner Inspektionsreise sandte der General Tangtschentsi an die
Wuhaner Regierung zwei Telegramme, Im ersten Telegramm hieß es:
„Die letzten Ereignisse haben deutlich gezeigt, daß die Schwierig-
keiten auf dem Wege der Arbeiter- und Bauernbewegung auf zwei Ur-
sachen zurückzuführen sind: 1. Mangel an guten Führern, 2. Unvoll-
kommenheit der Arbeiter- und Bauernorganisationen. Zwischen den
beiden Ursachen besteht eine enge Verbindung, die auf den ersten Blick
belanglos erscheinen mag, Die unzulängliche Organisierung der Arbeiter
und Bauern hängt aber teilweise vom Mangel an Führern ab, Unter
solchen Umständen ist die Reorganisierung notwendig. Das Prinzip der
Kuomintang ist die Kontrolle der Partei über das Land, Auch die natio-
        <pb n="36" />
        naie Regierung erkennt die Kontrolle der Partei an. Die Arbeiter- und
Bauernorganisationen in der Provinz werden aber scheinbar bisweilen
nicht von der Partei kontrolliert. Die Provinzbehörden sind nicht im-
stande gewesen, die Mängel zu beheben, und die nationale Regierung hat
häufig wegen zu großer Belastung darauf nicht die Aufmerksamkeit
gelenkt,

In den Fällen, wo die Arbeiter und Bauern sogar gute Führer haben,
machen die bestehenden Organisationen den Eindruck von selbständigen,
sich der Parteikontrolle nicht unterordnenden Organisafionen. Gegen-
wärtig können die Verbände mit Rücksicht darauf, daß das Volk noch
nicht für solche Organisationen reif ist, leicht von unerwünschten Ele-
menten ausgenutzt werden, Ihre Manipulationen tragen nicht dazu bei,
die materiellen Verhältnisse der Arbeiter und Bauern zu verbessern, ver-
schlechtern. vielmehr ihre Lage, Wenn sich erst die bösen Ergebnisse
ausgewirkt haben werden, wird es schon zu spät sein, die Situation zu
korrigieren, Daher dürfen wir mif der sofortigen Durchführung der Re-
formen nicht mehr zaudern, Ich habe bereits angeordnet, daß die Be-
zirksverbände der Arbeiter und Bauern, sich der Kontrolle der Arbeiter-
und Bauernabteilungen der Provinz- und Ortsverwaltungen der Kuo-
mintang für den Zusammenschluß der Arbeiter und Bauernbewegung
unterordnen.

Wenn auch das eine vollständige Reorganisierung. scheint, wird es
die Entwicklung der revolutionären Gewerkschaftsbewegung nicht behin-
dern. Während der Revolution kann man keine Regeln fixieren. Es ist
klüger die Vorschriften nach den Umständen zu ändern, als sich an die
alten Prinzipien zu klammern, die den Fortschritt der Arbeiter- und
Bauernbewegung hemmen.‘
Diese allgemeinen Erwägungen schienen dem General Tangt-
schentsi offenbar noch nicht ausreichend. Er sandte ein zweites
Telegramm mit praktischen Vorschlägen, Am meisten beunruhigte ihn
der Mangel an „guten Führern, — Es braucht wohl nicht näher
erklärt werden, was vom Standpunkt des Generals ein „guter‘‘ Führer
ist. Wir überlassen das Wort dem General selbst. Er möge sein
Programm der „Befriedung‘“ der Hunaner Provinz entwickeln, — Das
zweite Telegramm an .die nationale Regierung lautete:

„Die Arbeiter- und Bauernbewegung in Hunan muß so organisiert
werden, daß sie nicht der bestehenden Lage der Dinge widerspricht, Es
müssen folgende Maßnahmen durchgeführt werden:

In der Arbeiterbewegung: 1. Organisierung eines allgemeinen Ar-
beiterverbandes der Provinz Hunan, der eine Schule zur Heranbildung
von Führern der Arbeiterbewegung einrichten wird. 2, Bezirksverbände
in den Bezirken mit großen Massen von Arbeitern, 3. Keine Gründung
von Ortsgruppen der Gewerkschaiten, bis ein genügender Stamm von
Führern für die Leitung der Bewegung zur Verfügung steht. 4, Händler
dürfen in die Arbeiterverbände nicht aufgenommen werden, sie sind
besonders zusammenzufassen.

In der Bauernbewegung: 1, Organisierung eines Bauernverbandes
der Provinz Hunan, der eine Schule zur Heranbildung von Bauern-
Jührern gründen wird, 2. Provisorische (vorbereitende) Ausschüsse für
die Organisierung von Bauernverbände dürfen nur in den großen Be-
zirken geschaffen werden, sie sind mit allen Angelegenheiten zu
        <pb n="37" />
        betrauen, die die Gründung von Ortsverwaltungen der Bauernverbände
betreffen. 3. In den mittleren und kleinen Bezirken müssen ebenfalls
Ausschüsse für die Einrichtung von Verwaltungsstellen gebildet werden.
4, Die Gründung von Bauernverbänden in den Bezirken ist erst vor-
zunehmen, nachdem die Hörer der Schule für die Bauernbewegung ihre
Ausbildung beendet haben. 5. Auch Sektionen der Bauernverbände
dürfen erst organisiert werden, wenn eine genügende Anzahl von ge-
schulten Führern der Bauernbewegung vorhanden ist.*)

Hier ist jedes Wort eine Perle, Alles hängt von der Schule ab!
Die Führer werden einige Monate lernen, man wird ihnen Weisheiten
eintrichtern und dann die Leitung so gestalten, daß sie „nicht der
bestehenden Lage der Dinge widerspricht“. Der General spricht sich
umsichtig gegen die Organisierung von unteren Verbandszellen aus.
Die Leitung der Arbeiter- und Bauernverbände muß gut geschult sein
und den Massen nicht zu nahe stehen, dann wird alles in Butter sein,
Es entsteht aber die Frage: was soll man mit den Mördern tun? Was
soll man mit denen seiner Kollegen tun, die mehr als tausend Menschen-
leben auf dem Gewissen haben? Darüber macht sich der General
keine Gedanken. Er für sich hat entschieden, daß die Ermordeten
schuld sind, und bemüht sıch jetzt nur mit der Herstellung der Ordnung
in den Arbeiter- und Bauernorganisationen, indem er seinen lächer-
lichen Plan der Gewerkschaftsschule und der „guten Führer propa-
giert. Wenn erst die Führer der Arbeiter- und Bauernorganisationen
ebenso „klug“ sein werden wie-er, d. h. sich ein solides Vermögen an
Grundstücken und barem Gelde zusammengeraubt haben, dann wird
alles gut sein.
Ich hätte den Plan des Generals nicht zitiert, wenn er nicht so
außerordentlich charakteristisch wäre. Es lohnt aber nicht die Mühe,
sein den Arbeitern und Bauern feindliches Geschwätz Punkt für Punkt
durchzugehen. Wichtig ist nur zu betonen, daß diese neue Vertrauens-
person des Politbüros der Kuomintang und der nationalen Regierung
von neuem den konterrevolutionären Umsturz und den hinterlistigen
Ueberfall Sukeisiangs auf die Arbeiter- und Bauernbewegung sank-
tioniert und legalisiert hat, Das ist die Hauptsache, alles andere ist
verbrämendes Beiwerk.
So haben die linke Kuomintang und ihre „revolutionäre‘ Generale
den Hunaner „Zwischenfall beigelegt“. Kann man sich überhaupt eine
größere Verhöhnung der Arbeiter- und Bauernbewegung und der chine-
sischen Revolution ausdenken als ein solches Verhalten gegenüber den
Ereignissen in Hunan? — Wohl kaum.

DAS GESICHT DER NEO-KONTERREVOLUTION
Nachdem man so ideologisch, organisatorisch und politisch für
den Ueberfall auf die Arbeiter und Bauern vorgesorgt hatte, war es
nicht mehr schwer, in Wuhan selbst die Sache der Konterrevolution
*) Beide Telegramme sind im Zentralorgan der Kuomintang, im „People
Tribune“ von Anfang Jul 1927 abgedruckt.
        <pb n="38" />
        durchzuführen, Nach einem im voraus entworfenen Plan und aul
Anweisung des Zentralkomitees der Kuomintang stürzte sich der
Militärklüngel auf die Kommunistische Partei und die Gewerkschaften,
wobei man nach altem Rezept bei den Streikposten begann. Man
„reorganisierte‘”‘ die Verbände, d. h, man ermordete die Führer,
ersetzte sie durch loyale Studenten und veranstaltete Massenhinrich-
tungen von Kommunisten,

Ich werde hier nicht weiter auf die Tatsachenseite der Ereignisse
in Hunan eingehen. Sie sind in der Presse ausführlich geschildert
worden — sondern nur auf die „Ideologie“ der neuen Konterrevo-
lution, Welche Basis hat sie? Worauf stützt sie sich in ihren Ver-
suchen, den Ueberfall auf die Arbeiter und Bauern zu rechtfertigen?

Der Klassenkampf widerspricht der nationalen Revolution ‚ . lautet
das Leitmotiv aller Erklärungen, Da die Kommunisten für den
Klassenkampf sind und da die Arbeiter- und Bauernverbände den
Klassenkampf in der Praxis durchführen, müssen sie vernichtet werden.
Hat man dieses Thema erschöpft, so zieht man Sunjatsen an den
Haaren herbei, manchmal beruft man sich auch auf Bakunin und sogar,
wie weiter unten ersichtlich, auf Dostojewski, um die Notwendigkeit
der Vernichtung der Kommunistischen Partei zu beweisen, deren
Sünden und Verbrechen sofortige Sühne heischen. Ich führe einige
Beispiele der antikommunistischen Kampagne an. General Tangt-
schentsi, derselbe General, der sich bei der Wiederherstellung de:
„Ordnung“ in Hunan so „glänzend“ bewährt hatte, äußerte sich über
die Ursachen des Feldzuges gegen die Kommunisten wie folgt:

„Der Kommunismus hat keinen Anteil an der gegenwärtigen Revo-

Iution, Die Kommunisten sind der Meinung, daß sie ihre eigenen Gesetze

haben, sie unterordnen sich nicht den Gesetzen der Regierung, Als

Tschangkaischek der Regierung den Gehorsam verweigerte, wurde er

abgesetzt, Die Kommunisten sind aus der Partei der Kuomintang aus-

geschlossen, weil sie eine Verschwörung (!) gegen die Kuomintang or-
ganisiert haben, Einige ihrer Verschwörungen sind bereits in der

Oeffentlichkeit bekannt geworden, andere sind zu wichtig, um sie jetzt

schon in die Oeffent’ichkeit zu tragen,“

Klarer kann man sich nicht ausdrücken. Erinnert man sich, daß
auf dem Territorium der Wuhaner Regierung in den Händen dieses
Generals die ganze Zeit die reale Macht lag, so wird es niemand
Wunder nehmen, daß der General nun von antikommunistischen
Worten zu antikommunistischen Taten überging,

Ebenso redselig ist ein anderer General, der sogenannte christ-
liche General Fengjuhsiang, Vor kurzem veröffentlichte unsere Presse
eine Art von Manifest Fengjuhsiangs, desselben Fengjuhsiangs, der in
Moskau versicherte, er würde sieben Jahre in die Fabrik arbeiten gehen,
desselben Fengjuhsiangs, der zu den geriebensten Gaunern der chine-
sischen Generale gehört , . , und das will was besagen, denn jeder
einzelne chinesische General ist auf dem Gebiete der Gaunerei ein
Meister, Der General Fengjuhsiang, der Vermittler, der Kuppler
zwischen Wuhan und Nanking, ist ein äußerst interessantes Schul-

x
        <pb n="39" />
        jeispiel raffinierter Heuchelei und gefährlicher Demagogie. Unter
seinen Kollegen nimmt er von jeher eine besondere Stellung ein. Bald
ist er, wenn es ihm vorteilhaft scheint, christlicher General, dann
wieder propagiert er die Lehre Sunjatsens, den Sozialismus, bald ist
°r im Bündnis mit uns, dann wieder gegen uns, Fengjuhsiang führt
oin spartanisches Leben, Er imponiert durch betonte Einfachheit seiner
Kleidung und mit seligmachenden Sentenzen. Schlau, ohne Prinzipien,
berrschsüchtig, von der Diktatur über ganz China träumend, verfolgt
Feng sein Ziel kaltblütig abwartend, Er spricht leise und langsam (um
„nicht die Schale der Weisheit überfließen zu lassen‘ — wie es in
einem chinesischen Sprichwort heißt) und ist bestrebt alle und alles
für seine Zwecke auszunutzen, Mit einem Wort, es ist ein General,
der die spezifische Schlauheit des alten chinesischen Diplomaten mit
zinigen Kenntnissen auf dem Gebiete der Volkspsychologie und sogar
der Weltrevolution verknüpft, In China gibt es augenblicklich zahl-
reiche Generale, die „hoch die Weltrevolution” rufen, indem sie hinzu-
fügen: „Nieder mit der Kommunistischen Partei!‘, weil „die Kommu-
nistische Partei die chinesische Revolution hindert“, Nun derselbe
General Fengjuhsiang gebar ein Manifest, in dem er sagte:

„Ich habe mich der Kuomintang später angeschlossen als die an-
deren und wage es daher nicht; über Parteiangelegenheiten eine
besondere Meinung zu haben. Doch die Uneinigkeif, die in allen Pro-
vinzen im Flußtale des Jangtse entstanden ist, Iäßt mich keine Nacht
ruhen. Die Lage ist bedrohlich, Die Genossen aus beiden Lagern, die
ich verehre und als meine Lehrer betrachte, sind selbst daran schuld,
[ch habe die ganze Zeit versucht, beide Parteien zusammen zu führen,
um die Strafexpedition gegen die Militaristen fortzusetzen, ‚Mir schien,
daß der innerparteiliche Kampf bis zum Siege über die Militaristen zu-
+ückgestellt werden müßte, um dann aus dem ganzen Reich die Ver-
'reter zu berufen und das Programm der Partei auszuarbeiten. Die
Genossen hörten aber nicht auf meine Worte, sie versuchten mit Waffen-
sewalt den Streit zu lösen. Den kommunistischen Genossen muß ich
mit Bitterkeit raten: „Wenn Eure revolutionären Methoden nicht voll-
ständig mit der Revolution auf der Grundlage der drei Prinzipien der
Kuomintang zusammenfallen, so würde ich Euch bitten vorübergehend
zus der Front der nationalen Revolution auszuscheiden und in der Ar-
beiter- und Bauernbewegung den Klassenkampf einzustellen, um die
Entstehung einer falschen Vorstellung von Euren Handlungen als Hand-
lungen zu vermeiden, die die national-revolutionären Kräfte im Rücken
entblößen. Im anderen Falle werden beide Parteien der national-revo-
lutionären Bewegung geschlagen werden, die Militaristen werden wieder
berechtigt sein, von ihrer Wiedergeburt zu träumen. Auch die Imperia-
‚isten werden ihrerseits die Tätigkeit fortsetzen, und die Hoffnung auf
die Vernichtung der ungleichen Verträge wird schwinden,

Die Genossen aus der Sowjetunion sind nach China gekommen, um
der nationalen Revolution zu helfen, Wenn man jetzt fälschlicherweise
slaubt, daß diese Genossen geheime Pläne schmieden, so ist es besser,
sie gehen beizeiten, Im anderen Falle kann das frühere gute Verhältnis
zu den Genossen aus der Sowjetunion sich in Haß verwandeln. Um die
guten Gefühle des chinesischen Volkes den Sowjetgenossen gegenüber
zu erhalten und zu verhindern. daß das Volk micht dem Vermächtnis
3%
        <pb n="40" />
        Sunjatsens über das Bündnis mit Sowjetrußland den Rücken kehrt,
müssen die Sowjetgenossen möglichst rasch freiwillig gehen — das
wird der beste Ausweg aus der entstandenen Lage sein.

Das chinesische Volk befindet sich in der wirtschaftlichen Knecht-
schaft der Imperialisten. Unsere Militaristen und Bürokraten sind
genau So, wie die Kapitalisten in den Händen der Imperialisten eine
Waffe. Neben den von mir aufgezählten Gruppen gibt es in unserem
Staate keine andere Klasseneinheit. Wozu braucht man da den
Klassenkampf? Dieser Kampf wird den Brudermord bedeuten, der in
die Allgemeinheit die größte Verwirrung hineintragen muß. In China
kann es nur eine nationale Revolution, nicht den Klassenkampf geben.
Nach Beendigung der nationalen Revolution muß man die Arbeiter und
Bauern befreien, das Prinzip der Gleichheit auftrichten und Gesetze er-
lassen, die den Kapitalisten Schranken ziehen und die Lage der Ar-
beiter und Bauern verbessern. Anstatt Klassen zu schaffen und damit
den eigenen Untergang vorzubereiten, wäre es doch wohl angebracht,
an eine außerhalb der Klassen stehende Gesellschaft zu denken! —
Das ist der Rat, den ich den Genossen in der Chinesischen KP, gebe,
Alle unsere Genossen befinden sich in einer gefährlichen Lage, In
dem Augenblick, da sich die Militaristen gegen uns rüsten, darf man
sich nicht gegenseitig aufreiben und dadurch den Feinden die Mög-
lichkeit des Sieges in die Hand spielen. Dem Streite einiger Männer
zuliebe darf man nicht das Leben von hunderttausenden Soldaten der
revolutionären Truppen opfern, Ich und meine Truppen und alle revo-
lutionären Genossen anerkennen nur das eine: im Innern Vernichtung
aller Rebellen, nach außen Kampf um die Beseitigung der ungleichen
Verträge, Gegenwärtig erachte ich es für unmöglich, die Chinesen in
‚Rechte‘ und ‚Linke‘ oder in ‚Rote‘ und ‚Weiße‘ einzuteilen, das würde
nur Unglück und Verwirrung heraufbeschwören.“

Diese Erklärung ist ein bemerkenswertes Beispiel der chinesischen
Generalspolitik, Die Kommunisten „bittet er — vorübergehend zu
verschwinden” {in China bedeuten solche Bitten häufig die Verkürzung
des Menschen um einen ganzen Kopf), Klassenkampf gibt es nicht, es
gibt nur Militaristen, Bürokraten, zu denen selbstverständlich weder
er noch seine Wuhaner und Nankinger Freunde zählen, Er ist dagegen,
daß „Klassen geschafft werden‘ und schlägt vor, über eine „außerhalb
der Klassen stehende Gesellschaft“ nachzudenken, wobei er wie alle
„Ueber-den-Klassen-Politiker”, in China weder Rote, noch Weiße,
weder Rechte, noch Linke sieht — mit einem Wort es ist kein General,
sondern ein biblischer Hohepriester, Aber der Minnesänger der über
den Klassen stehenden Gesellschaft, der die Chinesen weder in Rechte
noch in Linke teilt, hat die Bauernbewegung in Hunan und Hupei als
eine Bewegung von Apachen und Bettlern erklärt, er wütet mit Feuer
und Schwert gegen die Arbeiter- und Bauernorganisationen,

Wie schon das Geschwätz von Tangtschentsi, enthüllt auch das
Manifest Fengjuhsiangs das Gesicht der chinesischen Konterrevolution,
die sich die ihr notwendig erscheinende Anzahl von „klassenlosen“
Feigenblättern beschafft hat. Der eine wie der andere sind typische
Vertreter der Konterrevolution. Nach der Beratung in Tschangtschou
hatte Fengjuhsiang in Sutschou eine Zusammenkunft mit Tschangkai-
14}
        <pb n="41" />
        schek. Wie die Presse berichtete, brachen Fengjuhsiang. und Tschang-
kaischek bei der Begrüßung in Tränen aus, was sie selbstverständlich
nicht hinderte, gemeinsam einen Aktionsplan gegen die Revolution
auszuarbeiten. Beide Generale wandten sich in einem Aufruf an das
chinesische Volk, Fengjuhsiang sandte außerdem noch ein Telegramm
nach Wuhan, in dem er die Frage des Bruches mit den Kommunisten
ultimativ stellte. Nach allem Anschein war das Ultimatum Fengjuh-
siangs mit den Vertretern des Politbüros der Kuomintang, Sutsen und
Sunfo, vereinbart, um Wangtschinwei, Tanjenkai und Co. den Beschluß
energischer Maßnahmen gegen die Kommunistische Partei und die
Arbeiter- und Bauernbewegung zu erleichtern. — Diese jesuitische
Taktik ist typisch für den Politiker Fengjuhsiang.

Die Offenbarungen Fengjuhsiangs sind nicht ausschließlich seine
Erfindungen. In allen Provinzen Chinas stößt man auf die Antiklassen-
propaganda, Man begegnet ihr im Süden, in Kanton, wo sie vom
Diktator Litisin, dem „Reorganisator”“ der Gewerkschaften gepflegt
wird usw. Man findet denselben Gedanken in zahlreichen Erklärungen
der Führer der Tschangkaischek’schen Gewerkschaften in Schanghai
usw. Das ist die gemeinsame Plattform der gesamten chinesischen
Konterrevolution,

Um ihre konterrevolutionäre Politik zu rechtfertigen, halten die
Generale, die Vertreter der chinesischen Bourgeoisie, dem Klassen-
kampf die nationale Revolution entgegen, sie fordern von der Arbeiter-
klasse und Bauernschaft den vollständigen Verzicht auf den Klassen-
kampf, d, h, die vollständige Unterstützung der Bourgeoisie bei der
Durchführung der Revolution. im Interesse der herrschenden Klassen.
In diesem Sinne sind die letzten Reden Wangtschinweis, des typischen
Repräsentanten der linken Kuomintang, sehr charakteristisch. Anfäng-
lich umgab Wangtschinwei nach seiner Rückkehr nach China die
Gleriole des Radikalen — er war von Tschangkaischek verfolgt wor-
den. Wangtschinwei als ausgesprochener kleinbürgerlicher Politiker
sah seine wichtigste Aufgabe im Lavieren zwischen den Rechten und
Linken, d. h. Kommunisten, Als kleinbürgerlicher Politiker fürchtete
er die Massenbewegung und hatte nur einen Gedanken; die Massen von
Aktionen zurückzuhalten, die seines Erachtens die Sache komplizieren
könnten. Auf die Erklärung von Tanjenkai antwortete Wangtschinwei
Anfang Juni mit einer Artikelserie, um den offenen Uebertritt der
tinken Kuomintang zur Konterrevolution zu begründen, Aus seinen
langatmigen Artikeln geht hervor, daß er — ein Gegner des Klassen-
kampfes ist. Ich lasse einige Zitate aus seiner „Philosophie der Konter-
revolution‘ folgen:

„Die nationale Revolution ist der Kampf gegen die Imperialisten
ınd diejenigen, die in den Händen der Imperialisten ein Werkzeug sind,
Dieser Kampf muß auf. der Linie des regulären Krieges geführt werden.
{n diesem Kriege muß die leitende Macht konzentriert, die strengste
Disziplin aufgerichtet werden. Die Führer der Massenbewegung Sagen
Zäufig, daß die Massen weder der Kuomintang, noch der nationalen
Regierung, daß sie nur sich selbst vertrauen. Das entfremdet der Partei
Jie Massen und führt dazu, daß sie sich weigern, die Richtlinien der
IC
        <pb n="42" />
        Partei oder der nationalen Regierung zu erfüllen. Ich erkenne an die
Prinzipien Sunjatsens, die in der Formel ausgedrückt sind; ‚Jeder Bauer
muß sein eigenes Land bewirtschaften.‘ Sunjatsen erachtete es für
notwendig, die Landfrage mit Hilfe legaler politischer Methoden und
Iriedlicher Verständigung zu lösen, aber nicht im Wege der Expropriie-
rung der Großgrundbesitzer und der Verteilung des Bodens unter die
Bauern.
Die Kuomintang ist die Partei mehrerer Klassen, die für den Sturz
des Imperialismus kämpfen, Daran sind alle Klassen interessiert. Da-
her kann die Kuomintang nicht die Interessen einer einzelnen Klasse
hüten, Wenn sich nicht alle Klassen für das gemeinsame Ziel vereinen.
so ist das Bündnis zwischen uns unmöglich,

Sunjatsen erkannte wohl die Ideen von Marx an, aber nicht seine
Methoden, Nach Sunjatsen ist in China der individuelle Kapitalismus
nicht bodenständig geworden, daher betrachtete er es für notwendig,
das Privatkapital durch den Staatskapitalismus zu ersetzen, damit das
Volk die Vorteile des kapitalistischen Systems genießt und nicht unter
diesem System leidet, Demnach war Sunjatsen bestrebt, in China den
Klassenkampf zu vermeiden,

Die Massenbewegung muß der Leitung der Partei und der natio-
nalen Regierung untergeordnet sein, um eine allgemeine Katastrophe der
allgemeinen nationalen Bewegung zu vermeiden, Die Losungen der
Massenorganisationen müssen geändert werden. Die Hauptlosung muß
werden:

‚Die Kuomintang, die nationale Regierung und das Volk müssen
Schulter an Schulter marschieren, ihre Kräfte in die starke geschlossene
Faust. der nationalen Revo!ution vereinigen.”
Das sind in den Artikeln von Wangtschinwei die entscheidenden
Momente, Gedanken, die die Aufzählung der alten kleinbürgerlichen
Ideechen darstellen, wie sie in allen Ländern unter den Liberalen und
Reformisten im gange sind, Wangtschinwei und seine Kollegen von
der militärischen Fakultät bewiesen aber in der Praxis durch Massen-
erschießungen von Arbeitern und Bauern, daß der „Klassenkampf nicht
bestehe”, Der seichte Politikaster, der nur so weit sieht, wie seine
Nase reicht, der ewig kombinierende, aalglatte, ständig schwankende,
dem General Tangtschentsi - beigegebene Politiker Wangtschinwei
lavierte, solange die Massen gezügelt werden konnten. Als die Massen
aufhörten, seinen honigsüßen Worten zu lauschen, hörte er auf zu
schwanken und zu kombinieren, er führte zunächst theoretisch und
dann auch praktisch den Schlag gegen die Arbeiter- und Bauern-
bewegung und die Kommunistische Partei,

Zur Vervoillständigung des Bildes sei noch auf die Ausführungen
eines anderen Mitgliedes des Politbüros der Kuomintang, Hominju,
hingewiesen. Anfang Juli veröffentlichte Hominju unter dem Titel
„China am Kreuzwege: ein Weg führt zum Nihilismus'' im Wuhaner
Organ der Kuomintang einen sehr interessanten Artikel, in dem er den
Antiklassenstandpunkt zu begründen versuchte und sich dabei nicht
nur auf Sunjatsen, sondern auch auf Bakunin und Dostojewski berief.
Der Artikel wurde unmittelbar vor dem bewaffneten Ueberfall auf die
        <pb n="43" />
        X ommunistische Partei geschrieben, Daher tischte man dem Lesern
1en Kommunismus als Nihilismus auf: = Via

„Die Revolution der Kuomintang ist eine schöpferische\Retolution.
Unser Lehrer hat ganz eindeutig gesagt, daß die Zerstörung Yaf- Mittel, .
die Schöpfung das Ziel sein müssen. Darüber dürfen kein&amp;. Zweifeli
bestehen. Die revolutionäre Bewegung ist vor kurzem von diesen Prinz
zip abgewichen, Sie hat unter dem Vorwand der Revolution einen
falschen Weg eingeschlagen. Wir sehen das klar an den sogenannten
unreifen Handlungen und Aktionen der Massen. Alle Tatsachen geben
uns Anlaß zur Schlußfolgerung, daß die wirkliche revolutionäre Be-
wegung allmählich in eine nihilistische Bewegung umgewandelt wurde.

Der Nihilismus ist für die Zerstörung, weil er kein bestimmtes Ziel
im Auge hat. In einigen Ortschaften Chinas ist die gegenwärtige Be-
wegung, die keine praktische Ziele haft, vollständig destruktiven Anft-
saben gewidmet. Nihilisten führen die Bewegung, ohne die bestehenden
sozialwirtschaftlichen Verhältnisse zu berücksichtigen. Daher können
wir sie eben als eine rein nihilistische Bewegung betrachten,

Ein von Dostojowski geschriebenes Buch sagt uns einiges über die
Ideen des Nihilismus und die Mittel, die die Nihilisten anzuwenden
versuchen. Dostojewski schreibt (wo? wann? — A. L.): Die kommende
Geselischaft muß von den Massen nach vollständiger Zerstörung des
zestehenden Systems aufgebaut werden, Die Zerstörung muß in
kürzester Frist durchgeführt werden. — Die Nihilisten sagen, daß
Zerstörung die Hauptsache ist. Sie kennen nur die Zerstörung, Sie
machen sich keine Gedanken über die Ergebnisse ihrer destruktiven
Methoden. Die Nihilisten erklären alles Gerede über Verbesserungen
als Dummheit und blicken auf alle, die für die Verbesserung des be-
stehenden Systems sind, wie auf Dummköpfe herab. Je mehr man
sich bemüht, das bestehende System zu verbessern, um so schlechter
wird es. Das Geschwätz über die Verbesserung betrachten sie als eine
Maßnahme zur Verlängerung des gegenwärtig bestehenden Systems, Die
Zerstörung muß so rasch wie möglich beginnen, und muß’ beginnen bei
der Familie (!).

Die Quelle der obigen Ideen des Nihilismus finden wir bei Bakunin.
Nichts in der Welt geschieht ohne Grund. Die Mefhoden, die einige
Personen in China anwenden, decken sich erstaunlich mit den Ideen
Bakunins. Nach Bakunin wird die Revolution von Banditen, Gaunern
and Tagedieben, nicht von produzierenden Arbeitern gemacht. Die
ındere Klasse der Menschen, die nach Meinung Bakunins, die Revolu-
on machen kann, sind nicht die Bauern, ist viel mehr der Abschaum
des Dorfes. Die Revolution, die unabhängig ist von der Unterstützung
der produzierenden Arbeiter und Bauern, wird — das ist klar — die
Revolution von Menschen sein, die keine Verbindung mit der Allgemein-
heit und den Produktionsorganisationen haben. Und diesen Weg ver-
sucht ein Teil unseres Volkes zu gehen.”

Nachdem man mit Hilfe Bakunins und Dostojewskis den Nihilis-
mus so „glänzend“ charakterisiert hatte, war es nicht mehr schwer,
aus dem dummen Zeug die folgenden „konstruktiven‘ Schlußfolge-
rungen zu ziehen;

„Das Ziel der drei Volksprinzipien: der Aulbau, das Ziel der Niht.
listen dagegen die reine Zerstörung, die vollständige gründliche Zer-

An
x.
Sr
z.
X
        <pb n="44" />
        Störung als solche, Daraus folgt, daß sich die drei Prinzipien nicht
mit dem Nihilismus vertragen,

Die Revolution in China steht am Kreuzwege, Der eine Weg führt
zur Realisierung der drei Volksprinzipien, zum schöpferischen Aufbau
mit den Methoden der passiven Zerstörung und einem bestimmten Ziel
im Blickfeld, Der andere Weg führt zum Nihilismus, der die Schöpfung
vorspiegelt, um zu zerstören, Die drei Volksprinzipien führen uns zum
Aufbau einer staatssozialistischen. Nation. Der Nihilismus dagegen
beschwört die permanente Revolution herauf. Mag sein, daß die perma-
nente Revolution gut ist, wenn sie vom Volk gewollt ist. Aber eine
permanente Revolution, die gegen den Willen des Volkes nur von den
berufsmäßigen Revolutionären unterstützt wird, ist ein Fehler.”

Hier ist zwar auch sehr viel dummes Zeug zusammengeschwätzt
und getragen, man versteht jedoch, was gespielt wird, Es handelt sich
darum, den Kommunisten eins auszuwischen, ie als Zerstörer nicht
nur des Privateigentums, sondern auch der Familie ({!}) zu schildern.
Der zitierte Artikel ist zwar sehr naiv, er vermittelt uns aber eine
Vorstellung sowohl vom Niveau des leitenden Kerns der Kuomintang,
als auch von den Methoden ihres Kampfes gegen die KP und der
„unreifen” Arbeiter- und Bauernbewegung. Soll man den Unsinn im
Artikel widerlegen? Es lohnt sich wirklich nicht.

Doch ein kleiner Hinweis: die linke Kuomintang hat für ihren
Kampf gegen den Kommunismus nichts Neues erfunden. Acehnlich
argumentiert die gesamte imperialistische Presse, besonders die in
China erscheinende und tagtäglich die Schrecken des Kommunismus
ausmalende imperialistische Presse, um der chinesischen Bourgeoisie
mit der Sowjetperspektive Entsetzen und Furcht einzujagen.

Und untersucht man das Auftreten Tschangkaischeks in der letzten
Periode, so weht auch dort derselbe Geist, Wuhan ist Nankings
würdig. Die Bourgeoisie, die das Feuer der tatsächlichen Arbeiter-
und Bauernrevolution gefühlt hat, greift den Organisator dieser Revo-
lution, die Avantgarde der werktätigen Massen Chinas, die Kommu-
nistische Partei, wütend an. Um den Kommunismus zu diskreditieren,
mißbraucht die chinesische Konterrevolution den Namen Sunjatsens,
sie duckt sich hinter die Fahne des Sunjatsenismus, der Sunjatsen’schen
Lehre, Das ist ein taktisches Manöver, nichts mehr. De facto haben
die Herren Wangtschinwei, Tschangkaischek, Tangtschentsi und Fens-
juhsiang am allerwenigsten das Recht im Namen Sunjatsens zu
sprechen und seine Lehren vorzuschützen.

DIE DREI PRINZIPIEN SUNJATSENS

Da sich die gesamte Konterrevolution immer wieder auf Sunjatsen
beruft, wollen wir kurz auf seine Lehre eingehen, Ich schicke voraus,
daß man in China überall von Sunjatsen hört, Es gibt keine Versamm-
lung, kein Meeting, keinen Kongreß, auf dem nicht das Vermächtnis
Sunjatsens verlesen und seinem Bilde die Ehrenbezeugung erwiesen
wird, Gewöhnlich verläuft das so: die Versammlung erhebt sich, alle
Anwesenden kehren sich mit dem Gesicht zum Bilde Sunjatsens und
        <pb n="45" />
        verbeugen sich dreimal. Darauf verliest der Vorsitzende das Ver-
mächtnis, das andächtig angehört wird. In den Theatern und Kinos
— mit Ausnahme der europäischen und amerikanischen — erlebt man
dasselbe: die Zuschauer verneigen sich vor dem Bilde Sunjatsens, das
Vermächtnis des großen Revolutionärs wird laut vorgelesen, In allen
Städten, die ich besuchte, in Kanton, Schanghai und Wuhan, überall
sah man Bilder, Plakate und Abzeichen von Sunjatsen, Sunjatsen
wird fast wie ein Heiliger verehrt, Das macht die Versuche sogar der
finsteren Konterrevolution, der faschistischen Gewerkschaften ver-
ständlich, aus seiner Popularität Kapital zu schlagen, eben deswegen
wird die chinesische Kommunistische Partei beschuldigt, sie erfülle
nicht die drei Prinzipien und das Vermächtnis Sunjatsens, ;

Was stellen die Lehre Sunjatsens und die drei Prinzipien dar?

Der sogenannte Sunjatsenismus hat zwei Seiten, eine ohne Zweifel
revolutionäre und eine kleinbürgerlich-utopische. Die revolutionäre
Seite besteht nicht darin, daß Sunjatsen die Frage der Befreiung vom
Imperialismus stellt, als hauptsächlich darin, daß er diese Befreiung
mit Hilfe der Massenbewegung der Bauern für möglich hält, Sunjatsen
glaubte an die Massen und suchte in ihnen eine Stütze, Das ist wie
gesagt die revolutionäre Seite seiner Lehre. Seine drei Prinzipien sind
bekanntlich: Nationalismus, Demokratie und Sozialismus, Der
Nationalismus umschließt zwei Momente: 1, Befreiung Chinas von der
ausländischen Vormundschaft und vom Imperialismus, 2, Gleichheit
aller Rassen und Nationen, die China bevölkern, Die Demokratie in
Sunjatsen’scher Auffassung ist eine eigenartige Form der Selbstver-
waltung mit dezentralisierten Behörden, wobei, wie er sagt, das Volk
im Interesse des Volkes und durch das Volk regiert, Den Sozialismus
stellte er sich sehr nebelhaft vor, Er betrachtete ihn hauptsächlich
vom Standpunkte des Verbrauchers, sprach vom Wohle des Volkes
usw., ohne die Frage der Expropriierung der Expropriateure zu stellen,
befürwortete die Enteignung des Bodens im Wege der Entschädigung
der Grundbesitzer usw. Sunjatsen war ein humanitärer Sozialist, In
seinem Buche „Die internationale Entwicklung Chinas” drückte er die
Hoffnung aus, daß „es gelingen wird, den Klassenkampf zwischen
Arbeit und Kapital zu vermeiden”.

Die kleinbürgerliche Seite seiner Lehren hinderten Sunjatsen nicht,
ein großer Revolutionär seiner Epoche zu sein und den werktätigen
Massen des chinesischen Volkes die Meilensteine zu legen, den Weg zu
weisen, Sunjatsen war ein großer Demokrat und Revolutionär, ein
höchst befähigter Mensch von eisernem Willen, der, vor nichts zurück-
scheuend, seinen Weg ging. Er war ein großer Führer der Massen,
die er zum Kampf aufrief gegen den Imperialismus, Er war ein großer
Revolutionär, trotz seiner theoretischen Schwäche, trotz der Utopie
und der mangelhaften Disziplin seiner sozialistischen Anschauungen.
Da er sein ganzes Leben gegen den Imperialismus und die innere
Reaktion einen verzweifelten Kampf führte, ging er in die Geschichte
ein von dieser Seite seiner Tätigkeit,

Heute ist seine Lehre zurechtgestutzt, Die Reaktion verwendet
        <pb n="46" />
        ihre Unklarheiten gegen die Arbeiter und Bauern, Heute wird Sun-
jatsen von der Konterrevolution buchstäblich gekreuzigt. In der Dar-
stellung seiner heutigen Nachfolger war Sunjatsen ein Feind der
Arbeiter- und Bauernbewegung, Daher hat die Witwe Sunjatsens, Sung-
tschinling tausendmal recht, wenn sie gegen den Mißbrauch des Namens
Sunjatsens im Interesse der Konterrevolution protestiert, In ihrer
Deklaration schreibt sie, daß die „Idee der agrarischen Revolution das
ganze Leben hindurch eine der wichtigsten Losungen Suns war.” Das
Zeugnis von Sungtschinling wird durch die 40jährige Tätigkeit Sun-
jatsens erhärtet, Mit Recht behauptet sie also in derselben Deklaration,
daß die gegenwärtigen Politiker in Nanking, Kanton und Wuhan „seine
Ideen und Ideale vergewaltigen‘,

Es ist mir an dieser Stelle nicht möglich, auf die Lehre Sunjatsens
noch ausführlicher einzugehen, Das Gesagte genügt aber für die Er-
kenntnis, daß ihr revolutionärer Kern von den Nachfolgern verraten
und vergessen ist, daß Sunjatsens Namen von der Reaktion und den-
jenigen, die die Arbeiter- und Bauernbewegung mit Feuer und Schwert
ausrotten, für ihre schmutzigen Geschäfte mißbraucht wird.

Dafür ein Beispiel, Ich persönlich habe in Kanton den konter-
revolutionären Umsturz miterlebt. Er erfolgte an dem Tage der An-
kunft der Delegation des Zentralrates der Gewerkschaften der USSR.
Einige Tage später unterhielt ich mich mit dem militärischen Diktator,
dem General Litisin, über die Enthaftung einiger Delegierten der
Pazifikkonferenz. Auf meine Frage: „Was geht hier bei Euch vor?“
antwortete mir der General Litisin: „In einigen Arbeiter- und Bauern-
organisationen hatten sich Konterrevolutionäre eingeschlichen, die wir
jetzt beseitigt haben. Diese Konterrevolutionire waren gegen den
nördlichen Feldzug, sie desorganisierten den Rücken der Armee, Wir
waren gezwungen, gegen sie Maßnahmen zu ergreifen.” Die Konter-
revolutionäre waren die Mitglieder der Chinesischen Kommunistischen
Partei, Unmittelbar nach dem Sturz begann man Kanton und die Pro-

vinz Kwangtung in dem Sinne zu bearbeiten, daß die Chinesische KP
die Grundlage und das Zentrum der Konterrevolution in China wäre.
In 10000 und 100 000 Exemplaren wurden Flugblätter verbreitet, die
mit den Losungen begannen und endeten: „Nieder mit der Kommunisti-
schen Partei, sie ist gegen den nördlichen. Feldzug und die nationale
Revolution!” „Nieder mit der Chinesischen Kommunistischen Partei,
sie stört die Weltrevolution! Nieder mit der Chinesischen Kommu-
nistischen Partei, sie spaltet die Kuomintang in Rechte und Linke!‘
Mit etwa zwei Dutzend solcher „Losungen‘ erschöpfte man die Frage.
Jedem „Nieder!“ folgte aber „Hoch die Lehre Sunjatsens!“,

So wurde Sunjatsen, der große Revolutionär, gegen seinen Willen
von der Konterrevolution beschlagnahmt. Dasselbe geschah in Wuhan,
wo die Konterrevolution ebenfalls auf die Fahne den Sunjatsenismus
schrieb.

Und da die Konterrevolution Anspruch erhebt auf Sunjatsens
Fahne, ist es besonders dringend notwendig, das Richtige und Unrichtige
in den Lehren des großen chinesischen Revolutionärs festzustellen.
        <pb n="47" />
        Eins steht fest, Sunjatsen würde sich von solchen Nachfolgern los-
sagen, denn er War ein revolutionärer Kämpfer, kein Konter-
revolutionär.
DIE REVOLUTIONÄRE LEHRE SUNJATSENS
Wenn heute Sunjatsens Lehre die offizielle Parole der Konter-
revolution geworden ist, SO entsteht die natürliche Frage: Gibt es in
China revolutionäre Nachfolger Sunjatsens? Oder mit anderen Worten:
Kann nach dem Bankrott der linken Kuomintang eine neue revolutionäre
Kuomintang entstehen? Um darauf zu antworten, muß man sich. die
Plattform der vereinigten Konterrevolution ins Gedächtnis zurückrufen.
Der Zusammenschluß der Konterrevolution erfolgte auf folgender
ideologischer und politischer Basis: 1. nicht Klassenkampf, sonder:
nationale Revolution; 2. nicht Revolution von unten, sondern Reformen
von oben: 3, zunächst Vereinigung Chinas, dann Reformen; 4, absolute
vollständige Unterordnung der Arbeiter- und Bauernbewegung unter
die Interessen der nationalen Bourgeoisie; 5. Verzicht auf die Erfüllung
des Vermächtnisses von Sunjatsen (Zusammenarbeit mit den Kommu-
nisten, Zusammenarbeit mit der USSR). — Entscheidend ist die Massen-
bewegung und in erster Linie die agrarische Revolution, In diesem
Gesichtswinkel muß man diejenigen prüfen, die jetzt gegen die Wuhaner
Konterrevolution auftreten, Der Leiter der politischen Abteilung der
Armee und Mitglied des Politbüros der Kuomintang, Tanenda, ver-
öffentlichte eine Erklärung gegen die Politik Wuhans, das die Arbeits-
gemeinschaft mit dem Zentralkomitee der linken Kuomintang abgelehnt
hatte. In der Erklärung beschuldigte Tanenda seine Kollegen, daß sie
„Sunjatsens Prinzipien entstellt haben“, indem er folgendes ausführte:

„Diejenigen, die früher dem Feldzuge gegen Tschangkaischek zu-
stimmten, sind heute für ein Kompromiß und bereit zu kapitulieren.
Diejenigen, die früher sich begeistert für das Bündnis aller revolutio-
nären Kräfte aussprachen, schiagen gegenwärtig den Bruch mit der
Kommunistischen Partei vor. Diejenigen, die früher die Notwendigkei!
vertraten, die Interessen der Arbeiter und Bauern zu schützen, ver-
anstalten jetzt Massenmorde an Arbeiter und Bauern. Die wahre Kraft
der Partei muß aber aufgebaut sein auf der politischen Arbeit unter
den Bedrückten und Ausgebeuteten,

Sollte die Kuomintang den Kurs fortsetzen, den sie eingeschlagen
hat, so. wird sie ihre Bedeutung als revolutionäre Organisation ver-
lieren. Der Einfluß der Partei auf die Massen wird abnehmen, die
Partei wird zu einer konterrevolutionären Organisation werden. Sollte
der militärische Feldzug gegen Tschangkaischek nicht das Ziel haben,
die von ihm geleitete feudalistische Konterrevolution zu zerschlagen,
sondern gegen ihn persönlich gerichtet sein, dann wird dieser Feldzug
nur eine der Episoden des Kampfes zwischen den Imperialisten bleiben.
Sollte die Kuomintang nicht die Interessenvertretung der Arbeiter und
Bauern übernehmen und nicht die agrarische Frage lösen, so wird sie
die Bedeutung einer, die Revolution führenden Partei einbüßen — das
Resultat davon wird, wie 1911, die Niederlage der Revolution sein,“
In der Erklärung wird versucht, auf dem Boden des Vermächt-

nisses Sunjatsens zu bleiben. Der Verfasser zieht aber aus der scharfen
        <pb n="48" />
        Kritik seiner Kollegen im Zentralkomitee nicht die politische Schluß-
folgerung, obwohl sie sich einem von selbst aufdrängt und nicht so
schwer zu formulieren ist, Die Schlußfolgerung lautet: Nieder mit der
Konterrevolution! Hoch die agrarische Revolution! Trotzdem die Er-
klärung keine bestimmten Schlüsse zieht, ist sie doch im höchsten Grade
symptomatisch, Sie widerspiegelt die ideologische Krise in einem Teile
des linken Kuomintangflügels, eine Krise, die zum Kampf zwischen den
revolutionären und konterrevolutionären Nachfolgern Sunjatsens führen
muß. Noch charakteristischer ist, was uns die Witwe Suniatsens,
Sungtschinling, zu sagen hat:

„Dr. Sun hat seine drei Prinzipien aufgestellt, die uns, angewandt
auf die chinesische Revolution, als Leitfaden dienen sollen, Sein drittes:
Prinzip — das Prinzip des Volkswohles — ist gegenwärtig auf das
Spiel gesetzt, Eben dieses Prinzip gibt die Antwort auf die Fragen,
die die entscheidenden sozialen Wandlungen in China betreffen. Es
wurde von Dr, Sun als das grundlegende unserer Revolution betrachtet.
Auf diesem Prinzip baute er auf, seine Analyse der sozialen Be-
ziehungen, mit seiner Hilfe bestimmte er die Rolle der Arbeiter und
Bauern, Diese Klassen sind die Basis unserer Kraft im Kampfe zum
Sturz des Imperiatismus und zur Beseitigung der ungleichen Verträge
geworden, Diese Klassen dienen als Fundament für den Aufbau eines
neuen freien China, Ohne ihre Unterstützung werden die politischer
Losungen unbestimmt. Befolgen wir eine Politik, die die Unterstützung
seitens dieser Klassen schwächt, so erschüttern wir damit die Grund-
lage unserer Partei, wir betrügen die Massen und brechen unserem
verstorbenen Führer die Treue.

In der Vergangenheit unserer Partei sind viele Reden gesprochen
und Erklärungen abgegeben worden, aber die gegenwärtigen Reden und
Erklärungen sind bestrebt, die Verantwortung von unseren, auf fremde
Schultern abzuwälzen, Gewiß, es kamen Fehler vor, wir müssen aber
daran denken, daß es nicht einfach Fehler waren, sondern daß sie die
Zeichen unseres Wachstums waren. Wir haben die Fehler mit begangen,
wir müssen sie auch korrigieren. Die revolutionären Fehler müssen
aber mit revolutionären Methoden korrigiert werden. Wir dürfen nicht
das Volk täuschen. Wir haben in ihm große Hoffnungen geweckt, es
ist uns großes Vertrauen entgegengebracht worden. Dieses Vertrauen
verpflichtet uns.

Sun hat mir oft erzählt, daß er gerade in den jungen Tagen seines
Lebens, als Sohn eines armen Bauern zum Revolutionär wurde. Da-
mals beschloß er, das elende Schicksal der chinesischen Bauernschaft
zu ändern; es dürfte nicht mehr sein, daß die kleinen chinesischen
Knaben keine Schuhe an den Füßen und kein Reis zur Sättigung ihres
Hungers haben. Dem Kampf für dieses Ideal opferte er 40 Jahre seines
Lebens, Heute ist das Schicksal der chinesischen Bauernschaft noch
elender, als in den Tagen, da der Gram über die Leiden der Mensch-
heit Sun in die Bahn der Revolution drängte. Heute denken und
sprechen die Leute, die erklären, daß sie der Fahne Sunjatsens Folgen,
über die Revolution in Ausdrücken, die den Leiden der Millionen am
Hungertuch nagenden Bauern fremd sind. Wir haben sogar Worte
gehört, die die Arbeiter- und Bauernbewegung als eine frühzeitige oder
uns Fremde verurteilten, Das ist eine Lüge,

Wird es der Kuomintang gegenwärtig gelingen, sich ihrer Ideale
        <pb n="49" />
        würdig zu zeigen, wird sie zu ihren Fehlern die revolutionären
Korrekturen finden, oder wird sie in der Schamlosigkeit der Reaktion
und des Kompromisses endgültig versinken, — Wie dem auch sei, die
drei Prinzipien des Dr. Sunjatsen werden letzten Endes siegen, denn
die Revolution in China ist eine historische Notwendigkeit.“

Die Erklärung ist nicht so sehr als Charakterbild Sungtschinlings,

sondern für die Charakteristik eines gewissen Teiles der ehrlichen revo-
lutionären Demokraten in der linken Kuomintang von Interesse, Außer-
dem entsprechen die beiden zuletzt zitierten Erklärungen mehr der
Lehre Sunjatsens, als die gefälschte Lehre Wuhans und Nankings. Die
Erklärung Sungtschinlings wird durch einige Unklarheiten beeinträchtigt.
Sie ist trotzdem ein revolutionärer Akt, der Beweis, daß in China neben
der KP noch Platz ist für eine revolutionäre Partei des Kleinbürger-
tums. Das bedeutet, daß im Endergebnis des Uebertritts der linken
Kuomintang in das Lager der Konterrevolution eine neue revolutionäre
Kuomintang, ein vorübergehender Bundesgenosse der KP in den kom-
menden Kämpfen entstehen wird. Damit wird, freilich in neuer
Situation und bei verändertem Kräfteverhältnis, die Frage der Stellung
der KP zur neuen Kuomintang aufgeworfen. Für mich besteht gar kein
Zweifel, daß man die alte Taktik wird anwenden müssen: Eintritt in die
revolutionäre Kuomintang und Zusammenarbeit mit dieser, Selbstver-
ständlich müssen die Erfahrungen der Einheitsfront und der Zusammen-
arbeit mit der Kuomintang in den früheren Perioden der Revolution in
Betracht gezogen werden, aus denen hervorgeht, daß man nicht die
bestehenden Klassengegensätze vertuschen darf, weil das zu noch
traurigeren Folgen führen kann. Aber augenblicklich interessieren mich
nicht die Wechselbeziehungen zwischen der KP und der revolutionären
Kuomintang, mich interessiert die Frage, ob in China der objektive
Boden für die Gestaltung einer neuen revolutionären Kuomintang vor-
handen ist und ob man der Reaktion die populäre Fahne Sunjatsens
überlassen muß, Ein solcher Boden ist sicherlich vorhanden. Die revo-
lutionäre Kuomintang besteht schon jetzt, wenn auch nicht in klar
umrissenen Formen. Und es wäre ferner der größte Fehler, wenn die
revolutionären Arbeiter und Bauern der Reaktion gestatten würden,
den Namen Suniatsens und seine Lehren zu prostituieren,
DIE CHINESISCHE KOMMUNISTISCHE PARTEI

Zur Vervollständigung des Bildes von den Ereignissen ist not-
wendig eine wenn auch nur kurze Charakteristik des revolutionären
Flügels der Arbeiterbewegung in China und der Kommunistischen
Partei, sowie der Verbände, die sie führt. Erst dann wird der ver-
schärfte Kampf verständlich, der sich jetzt in ganz China gegen den
Kommunismus abspielt, erst dann kann man die Perspektive des
weiteren Kampfes stellen.

Ich sagte schon, daß die Chinesische Kommunistische Partei 1925,
im Anfang der Schanghaier Ereignisse, nur 400 Mitglieder hatte. Auf
dem letzten 5, Parteitage, der Ende April und Anfang Mai. 1927 in
Hankau abgehalten wurde, vereinigte sie schon 57 000 Mitglieder. -—
        <pb n="50" />
        Die Partei ist also ungeheuer gewachsen, und nicht nur zahlenmäßig,
Der Einfluß der Kommunistischen Partei auf die Arbeiter- und Bauern.
bewegung ist gewaltig, Die ganze Gewerkschaftsbewegung mit wenigen
Ausnahmen wird von der KP beeinflußt. Ebenso groß ist der Einfluß
der KP auf die Bauernbewegung und die Bauernverbände. Das Eigen-
artige an der Situation ist, daß der Einfluß der Chinesischen KP
dauernd und rasch wächst, daß das Vertrauen der Massen ihr gegen-
über ständig zunimmt, Und gerade das bewegt die chinesische Konter-
revolution in allen Schattierungen, den Kampf gegen die KP und. die
von ihr geleiteten Organisationen zuzuspitzen,

_ Bekanntlich war China das einzige Land, in dem sich die Kommu-
nistische Partei bis zur jüngsten Zeit innerhalb einer bürgerlich-demo-
kratischen Partei befand, wie es die Kuomintang war. Sie befand sich
demnach in einer Organisation mit den verschiedenen Schichten der
nationalen Bourgeoisie, Eine solche Taktik widerspricht scheinbar
unserer Vorstellung von einer Kommunistischen Partei, deren organi-
satorische Selbständigkeit für uns ein Grundsatz ist. Diese Linie steht
aber nur auf dem ersten Blick im Widerspruch zu unseren Prinzipien.
Wenn man sich die Frage stellt, ob es für die Arbeiterklasse prinzipiell
zulässig ist, den Kampf der Bourgeoisie gegen den Imperialismus zu
unterstützen, ob prinzipiell die Einheitsfront mit der nationalen Bour-
geoisie eines bedrückten Landes zulässig ist, so antworten wir auf die
prinzipielle Frage in positivem Sinne. Eine solche Unterstützung ist
zulässig, die Einheitsfront ist, selbstverständlich unter bestimmten Vor-
aussetzungen, möglich: die Bourgeoisie muß tatsächlich den Kampf
führen, sie darf nicht die Organisierung der Arbeiter und Bauern
hindern usw, Unter diesen Bedingungen, in diesen Grenzen ist die Ein-
heitsfront mit der nationalen Bourgeoisie der bedrückten Länder, nur
der bedrückten Länder möglich.

Ich werde nicht länger bei der prinzipiellen Frage verweilen, weil
über sie schon viel schriftlich und mündlich diskutiert ist, und es sich
wohl erübrigt, darüber noch viel Worte zu verlieren. Ich möchte aber
jene Fragen schärfer beleuchten, die weniger bekannt sind, und unter-
suchen, was die Kommunistische Partei innerhalb der Kuomintang er-
reicht hat, Also, war vom Standpunkt der Ergebnisse die taktische
Linie des Verbleibens in der Kuomintang richtig, wäre es nicht besser
gewesen, wenn die Kommunistische Partei von Anfang an von außen,
nicht von innen gearbeitet hätte? Hat die Kommunistische Partei inner-
halb der Kuomintang etwas durchgesetzt? — Sicherlich, ] Die Erfolge
der kommunistischen und revolutionären Bewegung in China in den
letzten zwei Jahren stehen zweifellos in Verbindung mit dem Ver-
bleiben der KP in der Kuomintang. Ich erwähnte schon, daß die
Kuomintang keine festgefügte Organisation mit bestimmten Formen und
Rahmen, daß sie vielmehr bis zuletzt eine auf die Massenbewegung der
Arbeiter und Bauern gestützte Organisation darstellte, In einer solchen
Periode hätte das Verweilen außerhalb der Kuomintang, ein Verweilen
außerhalb der Massenbewegung, d. h. außerhalb der Arbeiter- und
Bauernbewegung bedeutet, die Partei wäre also zu einer kleinen sek-
        <pb n="51" />
        tiererischen Gruppe geworden, Wenn die Partei es verstanden hat,
die ganze chinesische Gewerkschaftsbewegung zu erobern, wenn sie
heute der Hauptfeind nicht nur des Imperialismus, sondern auch der
chinesischen Bourgeoisie und der gesamten chinesischen Konterrevo-
lution geworden ist, wenn sich gegenwärtig gegen die KP nicht nur die
mittlere und Großbourgeoisie, sondern. sogar Teile des Kleinbürger-
tums erheben — so ist das ein Beweis dafür, daß die Partei eine ernste
Macht darstellt. Konnte sie das werden, wenn sie in der vorigen
Periode außerhalb der Kuomintang geblieben wäre? Ge nicht!
Das stürmische Tempo in der Entwicklung der Revolution, der Arbeiter-
und Bauernbewegung, das Wachstum der Partei, des Jugendverbandes,
die ungeheure Zunahme der Pionierbewegung, die in China nicht nur
Kinder von 12 bis 13 Jahren, sondern ebenfalls die jungen Leute von
16 bis 17 Jahre umfaßt, — das alles ist der Erfolg der eigenartigen
Taktik, die man in der eigenartigen chinesischen Situation anwenden
mußte. Die Kommunistische Internationale bestand _ darauf, daß die
Kommunistische Partei in der Kuomintang blieb./_Die Erfahrungen
haben der KI Recht gegeben, mögen die verschiedenen Arten ultra-
linker Wirrköpfe darüber auch anderer Meinung sein. Das Ver-
bleiben in der Kuomintang bedeutete in der gegebenen konkreten Lage
die Durchführung der Leninschen Politik in der Situation einer bürger-
lich-demokratischen Revolution in einem vom Imperialismus bedrückten
Lande,

Freilich, dadurch entstanden eine Reihe Schwierigkeiten und Kom-
plikationen, Die Kuomintang forderte von der Chinesischen KP Unter-
ordnung unter die Disziplin, sie sprach ihr das Recht selbständiger poli-
tischer Aktionen usw. ab. Hätte es sich um die Disziplin im Kampfe
gegen den Imperialismus und gegen die innere Konterrevolution ge-
handelt, so wären keine Schwierigkeiten entstanden. Man verlangte
aber von der Kommunistischen Partei Disziplin bei der Verheimlichung
und Unterstützung der Konterrevolution, bei der Verteidigung der herr-
schenden Klassen gegen den Ansturm der Arbeiter und Bauern, Einer
solchen Disziplin konnte sich die KP nicht fügen, sie konnte nicht auf
selbständige politische Aktionen und selbständiges Auftreten verzichten,
Daher fand in der Kuomintang zwischen dem bürgerlichen und kommu-
-nistischen Flügel die ganze Zeit ein äußerst erbitterter Kampf statt,
Innerhalb der Kuomintang sein und kommunistische Taten vollbringen
war bedeutend schwieriger, als außerhalb der Kuomintang stehen und
sich in kommunistischen Reden üben. Da jedoch nur der eine schwere

Weg der Weg zu den Arbeiter- und Bauernmassen war, mußte man ihn
und keinen andern beschreiten.

Wenn auch der Beschluß richtig war, so ging deswegen noch lange
nicht alles wie geölt. Man kann nicht sagen, daß die Linie der Chine-
sischen KP, besonders in den letzten Monaten der Wuhan-Periode, zu
100 Prozent richtig gewesen ist. Es ist notwendig, das auszusprechen,
was die Komintern in zahlreichen Beschlüssen bereits getan hat, man
muß hinweisen auf die vielen im höchsten Grade ernsten Fehler seitens
der KP, auf die Fehler, die sehr traurige Folgen hatten, und aus dener
        <pb n="52" />
        wir dringend die Lehren ziehen müssen, um sie nicht zu wiederholen.
Obwohl die Chinesische KP inzwischen die Fehler schon selbst korri-
giert hat, muß man über sie sprechen, um in der Zukunft solche falschen
Abweichungen zu verhindern.

Worin bestanden die Fehler der Chinesischen KP.? Betrachten wir
uns die Ereignisse der letzten wenigen Monate, so lassen sich die Ab-
weichungen und Schwankungen der Leitung der KP sehr deutlich
erkennen, Die kommunistischen Führer fanden sich sehr häufig in der
Kuomintang-Theorie nicht zurecht, sie erachteten es für notwendig, im
Namen falsch verstandener Interessen der nationalen Revolution den
Klassenkampf zu bremsen. Die führende Gruppe der Kommunistischen
Partei hatte eine falsche Einstellung zur agrarischen Revolution, Einige
glaubten, daß ihre Entfaltung die nationale Revolution gefährden
könnte, sie stolperten offensichtlich über die Theorie der Erweiterung
der Revolution, während es notwendig gewesen wäre, die Revolution zu
vertiefen, Die führende Gruppe der KP unterlag zu häufig der Agitation
und Propaganda der Kuomintang, betreffend die Unreife der Arbeiter-
und Bauernbewegung, die Exzesse. Man hörte häufig von den Führern
der KP solche Aeußerungen, die Kommunisten nicht anstanden, die
offensichtlich kleinbürgerlicher Herkunft waren, In den leitenden
Kreisen der KP dominierten in der letzten Zeit Kombinationen, die sich
auf die Spitze beschränkten und die Aktionen der Massen ersetzen
sollten, Die Partei reagierte nicht genügend auf die sich abrollenden
Ereignisse, Sie ließ häufig der Kuomintang den Vortritt; anstatt die
linke Kuomintang ins Schlepptau zu nehmen, befand sie sich nicht selten
im Schlepptau dieser. Die Führer der KP bemühten sich sehr häufig,
die Rolle, Bedeutung und den Einfluß der Partei zu vertuschen, um
nicht der Kuomintang einen Schreck einzujagen. Das führte dazu, daß
die KP häufig keine selbständige Rolle spielte, in einigen Fragen von
der linken Kuomintang am Leitseil gehalten wurde.

Diese Fehler verdienen die ernsthafteste Beachtung, Ergeben sie
sich aber aus der Tatsache, daß die Kommunistische Partei innerhalb
der Kuomintang war? Vielleicht wären sie nicht begangen worden,
wenn die KP außerhalb der Kuomintang gestanden hätte? — Meines
Erachtens wird die Frage der Fehler nicht dadurch gelöst, daß man an
sie vom Standpunkt herantritt: hätte die Partei innerhalb oder außer-
halb der Kuomintang sein müssen. In allen Ländern bestehen sozial-
demokratische Parteien, die organisatorisch vollständig unabhängig
sind, sie gehören weder bürgerlichen, noch bürgerlich-demokratischen
Parteien an und führen dennoch eine bürgerliche Politik, Die organi-
satorische Selbständigkeit ist also an sich keine Sicherheit gegen eine
unrichtige Politik und garantiert nicht die richtige Politik, Die Spitze
der KP, die in das Zahnradgetriebe der Einheitsfront geriet, verlor
häufig die revolutionären Perspektiven aus dem Auge, Die Stimmungen,
Ansichten, Forderungen der Mitgliedermassen und das Herantreten an
die unmittelbaren Aufgaben und Fragen seitens der Parteimassen und
der Parteileitung waren eben verschieden. Der Gegensatz zwischen der
Spitze und den Parteimassen stellte für die weitere Entwicklung, Be-
“Q
        <pb n="53" />
        griffe und das weitere Wachstum und die Entfaltung der Arbeiter- und
Bauernbewegung in China die größte Gefahr dar.

Ich betone noch einmal, die Fehler ergaben sich nicht aus der
organisatorischen Verbindung mit der Kuomintang, Ich unterstreiche
das deswegen, weil sowohl innerhalb als auch außerhalb unserer Partei
und der KI eine solche Theorie Anklang findet, Es entsteht da die
natürliche Frage, was denn eigentlich die Chinesische Kommunistische
Partei ist. Einige behaupten, sie wäre im Grunde genommen eine
menschewistische Partei unter der Fahne der Kommunistischen Inter-
nationale, sie wäre — wie der „Sozialistitscheskij Westnik‘ („Sozia-
listischer Bote”) sich ausdrückt — nur durch die „internationale Lage
nicht in Amsterdam, nicht in Zürich, sondern in Moskau angelangt‘.
Ist die Chinesische Kommunistische Partei eine bolschewistische Partei,
deren Führung eine Reihe schwerer Fehler begangen hat, oder ist sie
eine menschewistische Partei mit bolschewistischen Abweichungen?
Der „Sozialistitscheskij Westnik” stellt die Frage so. Die russischen
Reformisten, die „im Hinblick auf die Ereignisse in Schanghai die
Kreml-Provokation‘ brandmarken, an den Gräbern der angeblich von
der KI provozierten chinesischen Arbeiter einige Tränen vergießen.
machen den chinesischen Bolschewiki folgenden ‚schmeichelhaften‘“
Vorschlag:
„Die chinesische Partei muß die Schlußfolgerung ziehen: die
historischen Umstände, die sie nach Moskau geführt haben, haben sich
geändert — die weitere Verbindung mit der Organisation, die sie in
die Bahn blutiger Abenteuer drängt, in ihre Reihen Verwirrung hinein
trägt, die chinesischen proletarischen Massen als Kanonenfutter für
ihren Interessen fremde Ziele ausnutzt, wird ihr nichts als neue bittere
Enttäuschungen und zahllose Opfer bringen. Neue Wege rufen sie
zur Verwirklichung des gemeinsamen Ideals Schulter an Schulter mit
den Parteien des europäischen Proletariats, zu jener „zweiten‘‘ sozia-
listischen Revolution, deren Vorbereitung die Chinesische Kommu-
nistische Partei mit Recht als die Grundaufgabe des Proletariats in
dem allgemeinen nationalen Befreiungskampf betrachtet, der China er-
schüttert.'
Demnach folgern die Menschewiki aus dem Konflikt zwischen der
KI und den Führern der Kommunistischen Partei in China, daß die
Chinesische KP eine menschewistische Partei ist, der nichts anderes
bleibt, als sich der 2. Internationale anzuschließen und damit den
Schlußstein hinter die Linie zu legen, die sie bisher durchgeführt hat.
Die Menschewiki erklären die Fehler der Chinesischen KP damit, daß
in China nur eine nationale Politik möglich ist, wobei sie unter natio-
nale Politik selbstverständlich das Einholen der Klassenfahne, die
Unterordnung der Interessen des Proletariats unter die Interessen der
nationalen Bourgeoisie im Namen der nationalen Revolution verstehen,
d. h. die Menschewiki stehen vollständig auf dem Standpunkt
Wangtschinweis, Fengjuhsiangs u. Co. Muß man da noch nachweisen,
daß die menschewistischen Phrasen leeres Geschwätz sind, daß die
Chinesische Kommunistische Partei — eine der kampffreudigsten Sek-
tionen der KI —- mit der menschewistischen Theorie und Praxis nichts
        <pb n="54" />
        gemein haben kann, und daß die Freude der Menschewiki zumindest
unbegründet ist? Gewiß, die Leitung der Chinesischen KP hat, wie
schon mehrfach hervorgehoben, verschiedene schwere Unterlassungen
begangen, was eine gewisse Krise heraufbeschwören mußte, das ist aber
eine Krise des Wachstums, keine Krise des menschewistischen Zerfalls
und Niederganges, Darüber können keine Zweifel bestehen.

Kann man in China eine richtige bolschewistische Politik führen?
Die Chinesische KP hat in der Praxis bewiesen, daß man es kann, denn
sie hat im Verlaufe längerer Zeit die richtige Politik innegehalten, Die
Abweichungen erklären sich daraus, daß die Partei die neue Situation
nicht erfaßte, nicht begriff, daß die Revolution in ihrer Entwicklung an
einem Kreuzweg angelangt war, was größte Elastizität, rasches Handeln
und Orientieren in der sich stündlich ändernden Situation voraussetzte.
Die schwierigsten Momente der Partei sind die scharfen Kurven der
Geschichte, an denen am häufigsten Fehler vorkommen. Aus den Er-
fahrungen der KI wissen wir, wie häufig die Linie sogar alter bolsche-
wistischer Parteien ausgerichtet werden muß, Erinnern wir uns doch
der Bulgarischen Kommunistischen Partei, ihres Verhaltens während
der Uebernahme der Macht durch Zankow, und der Polnischen Kommu-
nistischen Partei in der Zeit des Pilsudski-Umsturzes, Um die Ursachen
der Fehler zu begreifen, muß man die Aufmerksamkeit auf eine ganze
Reihe spezifischer äußerer und innerer Bedingungen lenken, die die
Arbeit der Chinesischen KP äußerst erschweren und ihre Taktik beein-
{lussen.

Zunächst ein wichtiger Umstand: die Chinesische Kommunistische
Partei besteht nur wenige Jahre, sie hat keine langjährigen Er-
fahrungen, sie tritt erst zwei oder drei Jahre als ernster politischer
Faktor auf, So gut die Resolutionen der KI auch sein mögen, welche
reichen Erfahrungen immer auch sie hat, solange eine Kommunistische
Partei nicht selbst im Kampfe gehärtet ist, sich im Kampfe Narben ge-
holt hat, kann sie nicht wachsen, kann sie keine wirkliche bolsche-
wistische Partei werden. Wenn in den europäischen Ländern mit reifer
Arbeiterbewegung, mit alten Kommunistischen Parteien im höchsten
Grade ernste opportunistische Fehler begangen worden sind, so sind
diese in China, wo die Partei nur wenige Jahre besteht, eine natürliche
Erscheinung, sie sind verständlicher als die der anderen, der euro-
päischen Parteien,

Der zweite Umstand: die Situation in China ist äußerst kompliziert.
Uns, die wir uns weit von China befinden, scheint alles sehr einfach.
Unsere Gedanken bewegen sich häufig nach dem Schema: Da war das
Jahr 1905, dann kam der Februar und dann schließlich der Oktober.
So entwickelten sich die Dinge bei uns, warum soll es in China anders
sein? Unsere Pläne sind für uns gut. In China liegen die Verhältnisse
ganz anders, Auch die Pläne sind dort ganz anders, der Revolutions-
kalender ist dort anders. Daher sind solche Schemata für China nicht
ganz geeignet, Ihre Uebertragung auf die chinesischen Verhältnisse, die
Voraussetzung, daß dort das Jahr 1905 gewesen ist, ihm das Jahr 1917
folgen wird, ist gekünstelt. Wie gesagt, die Situation in China ist
a
        <pb n="55" />
        komplizierter, als sie es seinerzeit in Rußland war, die Partei ist
schwächer und kleiner, als es die unsrige war, Man vergegenwärtige
sich die Februar- und die Oktoberrevolution, Wir besaßen damals eine
festgefügte, vom genialsten Führer der Weltarbeiterbewegung geleitete
Partei, eine Partei, die nicht nur die Kinderschuhe ausgetreten hatte,
sondern die auch mannbar geworden war, Unsere Partei hatte schon
Jahrzehnte des Kampfes und der Erfahrungen hinter sich, In China,
wo äußerst eigenartige wirtschaftliche Sozialverhältnisse herrschen, wo
man gegen den gesamten Weltimperialismus manövrieren muß, wo der
Weltimperialimsus sich im Innern des Landes befindet, wo die Fäden
bedeutend wirrer verlaufen als in unserer Revolution — haben wir eine
junge Partei, einen jungen Funktionärkörper, eine junge Arbeiter-
bewegung. Wie soll man unter solchen Verhältnissen keine Fehler be-
gehen? Sie sind der chinesischen Arbeiterbewegung teuer zu stehen
gekommen und sie kommen ihr teuer zu stehen, sie sind aber in der
Entwicklung der revolutionären Ereignisse, im Hinblick auf das Wachs-
tum der Arbeiter- und Bauernbewegung Chinas unvermeidlich, ———
Und schließlich noch eins: in China besteht die Leitung sämtlicher
Arbeiter- und Bauernorganisationen zu 75 Prozent aus Intellektuellen.
Die Schicht der aus der Arbeiterklasse und Bauernschaft organisch
hervorgegangenen Führer beginnt sich erst zu bilden, wobei die Reak-
tion, die heute in allen Teilen Chinas das Haupt erhebt, bestrebt ist,
das Wachsen dieser Schicht aufzuhalten, sie abzutragen, Dort mordet
man doch nicht einzelne oder Dutzende, dort werden die Führer zu
Hunderten gemordet, dort wird die Massenvernichtung des Funktionär-
körpers der KP und der Gewerkschaftsbewegung organisiert. In drei
Monaten — vom April bis einschließlich Juni — wurden in China mehr
als 10 000 Menschen niedergemetzelt, darunter sehr viele Kommunisten,
Nur in Schanghai wurden mehr als 1000 Funktionäre erschlagen, er-
schossen, hingerichtet.
"” Zieht man das alles in Betracht, so erhält man ein klares Bild von
den gigantischen Schwierigkeiten, gegen die die Chinesische KP in
ihrer Arbeit ankämpfen muß, und die Fehler unvermeidlich machen.
Es kommt aber nicht hauptsächlich darauf an, ob sie begangen worden
sind oder nicht, sondern darauf, ob sie korrigiert worden sind und ob
die Chinesische KP genügend Kräfte hat, um nach Korrektur der
Fehler sich in Richtung auf das festgelegte Ziel fortzubewegen, Alle
Nachrichten aus China besagen, daß die Fehler bereits korrigiert sind,
daß die Linie bereits ausgerichtet ist und daß die KP trotz der
Schwierigkeiten gegen die internationale Reaktion und die Konter-
revolution im Innern einen heldenmütigen Kampf führt,. Bei der Aus-
richtung der Linie der KP hat die ruhmvolle im Kampf gestählte chine-
sische kommunistische Jugend eine aktive Rolle gespielt. Die Krise ist
überwunden. Alles beweist, daß in China eine tatsächliche bolsche-
wistische Kampfpartei besteht, die mit Verachtung an den „schmeichel-
haften‘ Vorschlägen der menschewistischen Totengräber vorübergehen
wird.
        <pb n="56" />
        DIE REVOLUTIONÄRE GEWERKSCHAEFTS-
BEWEGUNG

Der Einfluß der Kommunistischen Partei wächst dauernd. Am
stärksten ist der kommunistische Einfluß und die kommunistische Füh-
rung in der Gewerkschaftsbewegung. Hier hat die KP fast gar keine
Konkurrenten, wenn man von den beiden Organisationen amerika-
nischen Typus in Kanton und den faschistischen Verbänden absieht, die
die rechte Kuomintang nach dem Schlage gegen die Kommunistische
Partei und die revolutionären Gewerkschaften gegründet hat, Die
chinesischen Gewerkschaften sind die jüngsten der Welt, Sie sind erst
vor wenigen Jahren entstanden und außergewöhnlich rasch gewachsen.
Infolge der eigenartigen Struktur der chinesischen Arbeiterklasse be-
steht die Mehrheit der Gewerkschaftsmitglieder aus Handwerkern,
Genau so wie in Rußland sind in China die Gewerkschaften nicht
täglich, sondern stündlich gewachsen. Wenn heute in vielen Teilen
Chinas die Gewerkschaftsbewegung zurückgeht, so deswegen, weil sie
stets den ersten Schlägen der Konterrevolution ausgesetzt ist, In China
spielen die Gewerkschaften trotz ihrer Jugend und organisatorischen
Schwäche in der Revolution eine außerordentlich große Rolle, Da sie
neben dem allgemeinen politischen Kampf noch für die unmittelbaren
Interessen der Arbeiter (Lohnforderungen, Verkürzung der Arbeitszeit,
wöchentlicher Ruhetag, Krankenunterstützung, bezahlter Urlaub usw.)
kämpfen, ist es nicht erstaunlich, daß die Bourgeoisie den Gewerk-
schaften mit größtem Haß begegnet, daß überall die Konterrevolution
mit der Zerstörung der Arbeiterverbände, der Entwaffnung und Er-
mordung der Streikposten beginnt, Der ununterbrochene Bürgerkrieg
hat es mit sich gebracht, daß die chinesische Gewerkschaftsbewegung
noch immer nicht genügend zusammengefaßt und zentralisiert ist. Jede
Stadt und jede Provinz hat einen eigenen Gewerkschaftsrat, der der
tatsächliche Führer der Arbeitermassen des jeweiligen Bezirkes ist.
Die Eigenart der Gewerkschaftsräte besteht darin, daß sie in den akuten
Momenten des revolutionären Kampfes de facto die Rolle von Sowjets
der Arbeiterdeputierten (Arbeiterräte) erfüllen. In dieser Beziehung
ist die Rolle des Schanghaier Gewerkschaftsrates besonders charakte-
ristisch, der in den Augenblicken des Höhepunktes der revolutionären
Ereignisse das Zentrum des Kampfes war und in solchen Augenblicken
nur durch die fremden Truppen an der Uebernahme der Macht in der
Stadt gehindert wurde.
Der gewaltige Einfluß der Gewerkschaften auf die chinesische
Arbeiterbewegung ist ein hervorstechendes Merkmal, Der einfache
Arbeiter vertraut seinem Verband unbeschränkt, er schüttet ihm in
allen Fällen sein Herz aus und folgt seinem Rufe, Das ist die Erklärung
dafür, daß die organisatorisch schwachen Verbände in der Revolution
von so hervorragender Bedeutung sind} Es war mir nicht möglich, in
Kanton und Schanghai die Gewerkschaftsbewegung kennen zu lernen
— die Verbände waren damals schon zerstört. Ich sah aber den
chinesischen Gewerkschaftsbund und den Gewerkschaftsrat der Provinz
        <pb n="57" />
        Hupei an der Arbeit. Außerdem wohnte ich dem 4, Gewerkschafts-
kongreß bei. Der Gesamteindruck war: die chinesische Gewerkschafts-
bewegung stellt trotz ihrer organisatorischen Schwächen eine große
Macht dar. Besonderen Eindruck hinterließ bei der Delegation des
Zentralrates der Gewerkschaften der USSR der 4. Chinesische Gewerk-
schaftskongreß. Trotz des weißen Terrors und der Verfolgungen waren
aus verschiedenen Gegenden Chinas 400 Delegierte anwesend, Dabei
bestanden damals (am 19. Juni) die Gewerkschaften nur in Wuhan
legal, im übrigen China waren sie in die Illegalität gedrängt, Bei
keinem Delegierten bemerkte man aber Niedergeschlagenheit oder
Pessimismus. Aus allen Rednern sprach die Leidenschaft des Kampfes
und das Feuer der Revolution, Ihre Ausführungen atmeten den festen
Glauben an den Sieg. Aber nicht das setzte uns in Erstaunen, sondern
die Art, wie die einfachen Delegierten an alle Fragen herantraten. Der
Durchschnitt der Delegierten des chinesischen Gewerkschaftskongresses
stand selbstverständlich, was das äußere Kulturniveau betrifft, auf einer
niedrigeren Stufe als die Delegierten der englischen, amerikanischen
oder deutschen Gewerkschaftskongresse, Sie waren nicht so gepflegt,
sie hatten nicht jene bürgerliche oberflächliche Kultur, die die euro-
päischen und amerikanischen Gewerkschaftsbürokraten mit solcher
Vorliebe zur Schau tragen, politisch dagegen überragten die. Delegierten
des chinesischen Gewerkschaftskongresses die rechten und linken
Amsterdamer um zehn Köpfe, Als ich Textilarbeiterinnen aus Kanton
und Schanghai nicht nur über die Schrecken des weißen Terrors, son-
dern auch über die nächsten Aufgaben der Gewerkschaften sprechen
hörte ‚dachte ich bei mir: „Diesen leidenschaftlichen Kämpfern können
die europäischen, vom Sumpffieber geschüttelten Reformisten der
2. und der Amsterdamer Internationale nicht das Wasser reichen.“
Der 4. Gewerkschaftskongreß nahm mehrere wichtige Beschlüsse
an über politische, wirtschaftliche und organisatorische Fragen, Und
diese Beschlüsse waren von echt proletarischem Kampfgeiste erfüllt.
in Verbindung damit erwähne ich meine Beobachtungen in der
Gewerkschaftsschule des chinesischen Gewerkschaftsbundes, Da der
Kongreß vom 1. Mai auf den 19. Juni vertagt werden mußte, veran-
staltete man für die in Wuhan zum Kongreß eingetroffenen Delegierten
einen Gewerkschaftskursus, in dessen Verlauf ich elf Vorlesungen hielt,
Im Anschluß an die Vorlesungen stellten die Hörer (150 vom chine-
sischen Gewerkschaftsbund und 100 von der Gewerkschaftsschule der
Kuomintang) schriftliche und mündliche Fragen. Und diese Fragen
zeugten vom hohen Niveau der Gewerkschaftsfunktionäre, Die
Fragen bewegten sich auf gleichem Niveau als 'z. B, in der
Gewerkschäaftsschule des Zentralrates der Gewerkschaften der USSR.
Berücksichtigt man, daß die chinesische Gewerkschaftsbewegung be-
deutend jünger ist als die unsrige, so ist das eine Tatsache, die unsere
ernste Aufmerksamkeit verdient. ;

Ich beabsichtige nicht, die gesamte Geschichte der chinesischen
Gewerkschaftsbewegung zu schildern und ein ausführliches Bild von

FE
        <pb n="58" />
        der Lage nach Provinzen und Verbänden zu geben — das würde zu
weit führen,. Ich bemerke mur, daß die Gewerkschaften zur Zeit des
4. Kongresses 2,8 Millionen Mitglieder hatten, trotzdem sie auf neun
Zehntel des chinesischen Territoriums illegal waren. Heute sind auch
die Gewerkschaften Wuhans und der Provinz Hupei in die Illegalität
gedrängt, die revolutionäre Gewerkschaftsbewegung ist also in ganz
China illegal. Man wird vielleicht fragen, können denn überhaupt die
Gewerkschaften illegal existieren? — Sie können es und existieren. In
Schanghai, in diesem chinesischen Petersburg, leifet der illegale Gewerk-
schaftsrat noch heute den ganzen Kampf; ähnlich liegen die Verhält-
nisse in Kanton, Wuhan, Tientsin usw. Gewiß, für europäische und
amerikanische Gewerkschaftsbürokraten existieren illegale, verfolgte
Gewerkschaften nicht, wir können uns aber nicht mit einem solchen
bürokratischen Herantreten an die Dinge einverstanden erklären, Die
Gewerkschaften können allerdings nicht längere Zeit illegal bestehen,
wenn es aber in den Massen gärt, so ist das möglich,

In China ist die Arbeiterklasse bis ins tiefste Innere revolutionär,
daher sind auch die Gewerkschaften revolutionär, Die in China
erscheinenden imperialistischen Zeitungen beklagen sich jetzt häufig
über die „Unverschämtheit‘, der Forderungen und die „Frechheit‘ der
Arbeiter und daneben auch darüber, daß unter den Schanghaier
Arbeitern das „empörende‘ Lied von Lenin weit verbreitet ist. Wir
lassen dieses „Lied von Lenin‘ (in Prosa) folgen: ;

„Lenin — unser Führer kämpfte gegen den Kapitalismus, Lenin
proklamierte die Weltrevolution.

Lenin gründete die Sowjetregierung in Rußland. Er weckte die
Arbeiter und Bauern zum politischen Leben. Alle Schmarotzer wurden
in seinem Lande vernichtet, Dort herrschen jetzt Glück und Zu-
Friedenheift,
Lenin organisierte die internationale Kommunistische Partei zum
Kampt gegen die Kapitalisten, Großgrundbesitzer und Könige in der
ganzen Welt,

Die Arbeiter in Rußland sind glücklich und gleichberechtigt, Sie
arbeiten acht Stunden am Tage, erhalten hohe Löhne.

Und wie ist unsere Lage, Wir versinken im Elend. Wollen wir
glücklich sein, so müssen wir Lenin folgen.“

Arbeiter, bei denen solche Linder populär sind, verstehen auch
dann den Kampf fortzusetzen, wenn in der jeweiligen Periode die
Umstände ungünstig sind, Daher bestehen trotz des Massenmordes an
Gewerkschaftsfunktionären die revolutionären Gewerkschaften und
setzen ihren Kampf fort. Daß kein Terror sie brechen kann, beweist
ihre außerordentliche Kraft und Zähigkeit, Als ich die einfachen
Arbeiter und Gewerkschaftstunktionäre kennen lernte, auf dem 4. Ge-
werkschaftskongreß Arbeiter aus verschiedenen Bezirken Chinas
sprechen hörte, begriff ich, warum die chinesische Revolution unbesieg-
bar ist.
        <pb n="59" />
        DIE REFORMISTISCH-FASCHISTISCHEN
GEWERKSCHAFTEN
Die Konterrevolution der Kuomintang beschränkt sich nicht nur
auf die Zerstörung der Arbeiter- und Bauernverbände, sondern ist
gleichzeitig bestrebt neue, eigene Gewerkschaften zu gründen (in China
nennt man das „Reorganisation‘), Bisher haben nur in Kanton zwei
Verbände amerikanischen Typus bestanden: der Verband der Mecha-
niker (8000 Mitglieder) und die Gewerkschaftsföderation der Provinz
Kwangtung (30 000 Mitglieder). In den anderen Städten und Provinzen
Chinas ist es nicht gelungen, etwas Nennenswertes zu schaffen, Der
chinesische hausbackene Sozialismus ist eben schwindsüchtig, er ist in
der Kuomintang verwässert worden, deren Führer — man vergesse das
nicht — mit derselben Redseligkeit wie die Helden der 2. Internationale
über den Sozialismus schwätzen. | Man hat in China versucht, eine Art
von company unions zu schaffen, daraus ist aber nichts geworden, Als
im April in Kanton der konterrevolutionäre Aufstand ausbrach, be-
teiligten sich der Verband der Mechaniker und die Gewerkschalfts-
föderation Kwangtungs gemeinsam mit den Soldaten Litisins an der
Entwaffnung der Streikposten und an der Ermordung der Arbeiter, die
als Streikposten verwandt wurden, Sodann ernannte man an Stelle
der „geflohenen‘ andere Führer, Die „ganze” Gewerkschaftsbewegung
wurde im Sinne Litisins patriotisch. Das war natürlich nur ein Possen-
spiel. Der militärische Diktator bestellte einfach einige Studenten zu
Vorsitzenden und Sekretären der Verbände, Sie vertraten aber ebenso-
wenig die Arbeitermassen Kantons, wie Litisin das chinesische Volk.
Immerhin hatte man einen Versuch im großen Maßstabe gemacht.
Noch umfassender war die provokatorische Taktik in Schanghai,
wo man nach der Zerstörung des Gewerkschaftsrates eine Gewerk-
schaftskommission für den Zusammenschluß bildete, die die „Reorgani-
sation‘ in die Wege leitete, d. h. die Gewerkschaftsbewegung zerschlug.
Die Kommission, die sich zusammensetzte aus Vertretern der poli-
tischen Abteilung der Armee, der — von der rechten Kuomintang ins
Leben gerufenen — Gesellschaft zur Pflege der Ideale Sunjatsens und
der Apachenorganisation der „Blauen, beschäftigte sich nicht so sehr
mit der Organisation als mit der Jagd auf. Kommunisten, mit der Er-
mordung der Kommunisten.‘ Der „Gewerkschaftskommission‘ ist eine
besondere Geheimabteilung (politischer Spionagedienst) angegliedert.
die in den Fabriken die verdächtigen Elemente, die Kommunisten,
herausfischt. Sie besitzt ein eigenes Gefängnis, wo die Verhafteten
barbarisch gefoltert werden, um ihnen die Adressen und Namen der
anderen Verdächtigen zu erpressen. Das ist die Hauptbeschäftigung
der Gewerkschaftskommission, die sich von einem Polizeirevier nur
durch den Namen unterscheidet. In der von polizeilicher Tätigkeit
freien Zeit beschäftigen sich die in ihr sitzenden „Gewerkschafter‘“ mit
Gewerkschaftsarbeit: sie geben antikommunistische Flugblätter heraus
und achten darauf, daß die Arbeiter ja nicht die armen Unternehmer
bedrücken, In Schanghai gelang es der Kommission mit Methoden der
m
y'
        <pb n="60" />
        polizeilichen und militärischen Einschüchterung 20 000 bis 25000 Ar-
beiter und Angestellte unter ihre Fahne zu sammeln, darunter einen
großen Prozentsatz Meister, Streikbrecher, berufsmäßiger Mörder und
eine sehr kleine Anzahl rückständiger eingeschüchterter Arbeiter und
Arbeiterinnen, Auf die Frage eines amerikanischen Journalisten,
welchen Verbänden in den anderen Ländern sie am nächsten ständen,
antwortete der Vorsitzende der polizeilich-militärischen Gewerkschafts-
kommission: „Am nächsten stehen uns ideologisch und nach ihren
Aufgaben die faschistischen Gewerkschaften Italiens.“

Bilden diese Verbände insofern eine Gefahr, als sie die Arbeiter
von der Revolution ablenken? — Keineswegs, Sie halten sich nur dank
dem polizeilich-militärischen Terror. Bei der geringsten Belebung der
Arbeiterbewegung geben ihre Führer Fersengeld, so vor kurzem in
Schanghai, als sich dort die Arbeiter regten, Nein, diese Verbände sind
nicht gefährlich. Freiwillig schließen sich die Arbeiter ihnen nicht an,
zum Eintritt kann sie nur der Polizeiknüppel zwingen, Und das ist für
sie selbst und das Regime, das sie geschaffen hat, eine schlechte Stütze.

Neuerdings werden ebenfalls in Wuhan konterrevolutionäre Ge-
werkschaften gegründet. Auch dort ist die Welle der „Reorganisation“
im Steigen. Die Resultate werden die gleichen sein: der linken Kuo-
mintang wird es gelingen, die Räume der Gewerkschaften zu besetzen,
den Schein von Gewerkschaften aufrecht zu erhalten, in deren Namen
die Vertreter der. Konterrevolution auftreten. Die Arbeitermassen
haben jedoch zu diesen Verbänden ebensowenig Beziehungen, wie zu
den polizeilich-faschistischen Verbänden Tschangkaischeks, Alle
faschistischen und :„reorganisierten‘‘ Verbände kämpfen, unter der
Fahne: gegen den Kommunismus, Für den Sunjatsenismus, Kınd es wird
mich nicht überraschen, wenn die papiernen Organisationen der rechten
und linken Kuomintang eines Tages auch versuchen werden, in der
internationalen Arena eine Rolle zu spielen, Hat doch Suzuki, der
Vorsitzende des reformistischen Gewerkschaftsbundes in Japan, bereits
mit der rechten Kuomintang und den faschistischen Verbänden Schang-
hais die Verbindung aufgenommen,

Es fehlt nur noch Amsterdam, um die polizeilich-Faschistisch-
reformistische Allianz zu vollenden und sie durch ein Amsterdamer
polizeiliches Führungszeugnis zu bekräftigen.

DER AUFSTAND JEHTINGS UND HOLUNGS

Das gegenwärtige Regime ist labil trotz des weißen Terrors und
der Versuche, unter das Regime eine durch Gewinnung der Arbeiter-
und Bauernmassen feste Basis zu ziehen, Dafür ein Beispiel: Mit dem
UVebertritt Wuhans auf die Seite der Konterrevolution geriet ganz
China in die Hand der Konterrevolution. Im Norden, in Schanghai, in
Nanking, in Kanton und Wuhan — überall war die Losung des Tages:
„Nieder mit den Kommunisten!‘, „Nieder mit der Arbeiter- und
Bauernbewegung!‘“ Und ungeachtet dessen, daß ganz China einen
konterrevolutionären Anstrich erhielt, daß überall der Feldzug ‘zur
„eo
        <pb n="61" />
        Vernichtung der Kommunisten und der anderen revolutionären Führer
der Arbeiter- und Bauernbewegung organisiert wurde, ungeachtei
dessen kam es in Nantschang zu einer Explosion, in demselben Nant-
schang, in dem der berühmte General Tschupeitak — einer der soge-
nannten revolutionären Feldherren Wuhans — seinen Sitz hatte und
die ganze Provinz regierte, Von diesem General war schon die Rede,
Er war es, der die Kommunisten anwies, indem er ihnen das Reisegeld
in die Hand drückte und empfahl, das Weite zu suchen, In seiner
Domäne brach unter Leitung des Divisionskommandeurs Jehtings, eines
Mitgliedes der Kommunistischen Partei, und des Generals Holung der
Aufstand aus, Nach Presseberichten standen den beiden Generalen
16 000 bis 18 000 Gewehre zur Verfügung, Die aufständischen Truppen
blieben nicht in Nantschang, sondern marschierten, nachdem der Hand-
streich gelungen war, weiter in Richtung auf Kanton. Der Aufstand
wurde von Jehting mit Hilfe der Kommunistischen Partei unter den
Truppenteilen organisiert, die aus Kanton stammten, sich seinerzeit
mit Fengjuhsiang vereinigt hatten und nun in ihre Heimat zurück
wollten.

Nimmt man die Karte Chinas zur Hand, so sieht man, daß Jehting
auf seinem Marsch nach Kanton rund 1000 Kilometer zurücklegen muß,
Eisenbahnen gibt es in der Gegend nicht, auch von der Seeseite kann
man von Nantschang aus Kanton nicht erreichen, Die Strecke muß
also zu Fuß zurückgelegt werden. Die Schwierigkeiten werden noch
dadurch erhöht, daß das gesamte Gepäck einschließlich der Artillerie
von Kulis befördert werden muß, In China folgt jedem Feldheer ein
zweites Heer von Lastträgern, Nun ist aber zu berücksichtigen, daß
im gegebenen konkreten Falle die Kräfte der Aufständischen in dem
Maße, wie sie sich der Provinz Kwangtung nähern, durch bewaffnete
Bauern aufgefüllt werden, die zu ihnen einzeln und in Gruppen stoßen,
Dazu kommt, daß selbst in den Provinzen, wo der weiße Terror
herrscht, nicht nur Geheimorganisationen bestehen, die nach wie vor
die Arbeiter- und Bauernbewegung leiten, sondern aus bewaffneten
Bauern gebildete Freischärlertruppen, die immer bereit sind, sich der
Bewegung anzuschließen.

Der Aufstand Jehtings, der in der Situation des verschärften Bürger-
krieges ausbrach, hatte also die Sympathien breiter Arbeiter- und
Bauernmassen hinter sich. Er ist also von außergewöhnlicher Bedeu-
tung, er überragt in dieser Beziehung alle militärischen Aufstände, an
denen die Geschichte Chinas in den letzten Jahren so reich ist. Die
Truppen Jehtings, die auf Kanton marschieren, wachsen und erstarken
von innen, sie bewegen sich wie eine Lawine nach dem Süden, während
bisher die Richtung der Revolution von Süden nach Norden gewesen
ist. Heute, nach Einnahme Wuhans und Nankings durch die Konter-
revolution, bewegt sich die Revolution umgekehrt: zurück nach Kanton,

Was beweist der neue Durchbruch an der konterrevolutionären
Front? — Zunächst die Unbeständigkeit aller konterrevolutionären
Siege. Der Durchbruch zeugt davon, daß die konterrevolutionären
Sieger nicht nur nicht die Fragen lösen können, die die nationale
        <pb n="62" />
        Revolution stellt, sondern auch sich nicht längere Zeit an der Ober-
fläche halten können. Man vergegenwärtige sich das geradezu ge-
spenstische Verschwinden Tschangkaischeks, Wer hätte gedacht, daß
Tschangkaischek zurücktreten würde? Der Bruch zwischen ihm und
Wuhan erfolgte doch wegen der Kommunisten, wegen des Ueberfalls
auf die Arbeiter und Bauern. Wuhan hatte sich aber politisch auf den
Boden Tschangkaischeks gestellt und trotzdem verschwand er. Mit
ihm tauchte unter Huhanmin. Heute weiß die Presse zu berichten, daß
Fengjuhsiang Tschangkaischek bewegen will, wieder zurückzukehren,
daß zu diesem Zweck bereits eine Delegation unterwegs ist, Es ist
schon möglich, daß Tschangkaischek nur den Spröden spielt, sich wie
ein Säufer vor dem ersten Glase Schnaps ziert, sich schließlich doch
überreden lassen wird, Das ist aber an sich belanglos, Nicht darum
geht es, Die Tatsache seines Rücktrittes allein zeugt von der äußersten
Unbeständigkeit der chinesischen Konterrevolution. Die Bewegung der
Truppen nach dem Süden, der Anschluß Litisins an Wuhan, den die
Zeitungen melden, der Plan Kantons, Wuhans und Nankings, mit ver-
einten Kräften Jehting und Holung zu umzingeln und zu schlagen — sie
sind die Zeichen des drohenden Charakters des Aufstandes, die Zeichen
einer neuen Umgruppierung der Kräfte, der Beweis dafür, daß unsere
Kräfte in China trotz der ernsten Niederlagen nicht geschlagen sind.
Wenn man schon einen Vergleich zwischen unserer und der chine-
sischen Revolution anstellt, so nur in dem Sinne der in China viel
kürzeren Intervallen. Nach der Vereinigung Wuhans und Nankings
schien es, daß die Periode zwischen zwei Wellen der Revolution zu-
mindest ebenso lange dauern würde wie in Rußland die Periode
zwischen dem Aufstande von 1905 und der Oktoberrevolution. Diese
Annahme hat sich als nicht berechtigt erwiesen, weil China nicht ein
aus einer Form gegossener Staatskörper ist. Dort ist jede Provinz ein
abgeschlossener selbständiger Organismus, in jeder Provinz schwankt
die am Ruder befindliche Macht, tobt zwischen den Generalen ein
erbitterter Kampf, Der Kampf geht um neue Futterkrippen. Gelingt
es einem General, ein oder zwei Provinzen an sich zu reißen, so er-
wächst ihm daraus keine reine Freude, sein Besitz wird ihm von den
anderen Generalen streitig gemacht. Und das steigert die Labilität,
die Unsicherheit, schafft der Massenbewegung Möglichkeiten des
Durchbruches in den verschiedensten Formen: in Form eines Arbeiter-,
Bauern- oder militärischen Aufstandes usw.

Die Lage ist augenblicklich so, daß Wuhan, d, h, die linke Kuo-
mintang, endgültig den Boden der rechten Kuomintang bezogen hat,
was selbstverständlich die Konsolidierung, die Vereinigung der Kräfte
der Bourgeoisie bedeutet, Je labiler die Lage in China wird, je stärker
die Arbeiter- und Bauernbewegung anwächst, um so größere Anstren-
gungen werden von den verschiedenen Schichten der Bourgeoisie
gemacht, in ihren Reihen die Einheit herzustellen, Schon jetzt spricht
man von der Uebersiedelung der Wuhaner Regierung nach Nankins.
Wahrscheinlich wird so etwas wie ein Ministerium der nationalen Ein-
heit gebildet werden, dessen Programm natürlich auch die Arbeiter-
en
        <pb n="63" />
        und die Bauernfrage zieren wird, den Kampf gegen den Imperialismus
enthalten wird usw. Man wird aber sicherlich den größten Nachdruck
auf den Kampf gegen den Kommunismus, gegen die Arbeiter- und
Bauernbewegung legen, um jeden Preis bestrebt sein, mit allen Kräften
und Mitteln die Arbeiter- und Bauernbewegung zu zerschlagen, die
Arbeiter und Bauern den Interessen der nationalen Bourgeoisie zu
unterordnen.

Kann mit Rücksicht auf die ganze Situation der Aufstand erfolg-
reich sein? Werden Jehting und Holung Kanton erreichen? Wird es
ihnen gelingen, die Kantoner Diktatur zu stürzen und für eine gewisse
Periode Kanton wieder zum Zentrum der chinesischen Revolution, aber
schon eines anderen Typus, zu machen, weil der gegenwärtige Aufstand
einen anderen sozialen Charakter, eine andere sozialpolitische Be-
deutung hat als die früheren Aufstände? Während der nördliche Feld-
zug vor dem Bruche mit Tschangkaischek die Aufrichtung der natio-
nalen Einheitsfront und die Spaltung zwischen Wuhan und Nanking
eine Spaltung der Bourgeoisie bedeutete, so vollzieht sich jetzt der
Zusammenschluß der Bourgeoisie, und der neue Aufstand ist schon ein
Aufstand der Arbeiter und Bauern, Die im Zusammenhang damit enf-
standene Armee nähert sich dem Typus unserer Roten Armee, nicht in
der Art der Auffüllung, sondern nach den Zielen, den Aufgaben und
Methoden, mit denen sie die sozialwirtschaftlichen Forderungen der
breiten werktätigen Massen in die Tat umsetzt. ;

Ob die aufständische Armee Kanton erreichen wird, läßt sich nicht
so ohne weiteres sagen, Voraussagungen sind eine schwierige Sache,
besonders in China, Man muß aber sagen, daß die Chancen groß sind,
weil in Kanton die Regierung auf unsicheren Füßen steht, In Kanton
ist es die ganze Zeit über unruhig. Die durch die militärische Diktatur
gefesselte Arbeiterbewegung durchbricht immer wieder diese Diktatur.
Der Durchbruch zeigt sich in zahlreichen Streiks, Demonstrationen usw,
Trotz des Terrors, der Massenmorde ist die Lage in Kanton äußerst
gespannt. Auf der anderen Seite dauern in der Provinz Kwangtung die
Bauernaufstände an. Dort kämpfen bewaffnete Bauernformationen
sowohl gegen Litisin, als auch gegen die Großgrundbesitzer. Sodann
ist hervorzuheben, daß die Gegensätze zwischen Kanton und Nanking
einerseits, die noch nicht abgeschlossenen Verhandlungen zwischen
Nanking und Wuhan andererseits und schließlich die Aktivität der
Armee Tschangtsolins gegenüber Nanking die Nankinger und Wuhaner
Truppen hindern, sofort den Feldzug gegen die Aufständischen zu
beginnen. Daher erscheint es sehr wahrscheinlich, daß es ihnen gelingen
wird. Kanton zu erreichen,

Aber selbst vorausgesetzt: der Aufstand wird unterdrückt — ist
damit der chinesischen Bourgeoisie die Möglichkeit gegeben, die Auf-
gabe zu erfüllen, vor denen jetzt die chinesische Revolution steht? Es
gab eine Periode, in der die chinesische Bourgeoisie diese Absicht hatte,
versuchte, sich die Arbeiter- und Bauernbewegung zu unterordnen.
Das Wachstum der Kommunistischen Partei, der Gewerkschaften, der
Bauernbeweguns, die Formgestaltung der Arbeiter- und Bauern-

6
        <pb n="64" />
        verbände, ihr unmittelbarer Kampf — das sind die Zeichen dafür, daß
sich die Arbeiter- und Bauernbewegung der politischen Führung der
rechten und linken Kuomintang entwindet. Die chinesische Bourgeoisie
macht die größten Anstrengungen, sie will die nationalen Probleme aus
der Welt schaffen, indem sie die Arbeiter- und Bauernbewegung in der
Hoffnung unterdrückt, daß es mit solchen Methoden möglich sein wird,
die Bourgeoisie in ihrer Gesamtheit zu mobilisieren und mit eigenen
Kräften die nationale Revolution durchzuführen. In China muß aber
die nationale Revolution solche Fragen lösen, die ohne die Arbeiter-
und Bauernbewegung nicht gelöst werden können, Zu lösen ist die
agrarische Frage, zu lösen ist das Problem der Unabhängigkeit Chinas,
d, h. die Vertreibung der Imperialisten usw. Diesen Fragen ist die
chinesische Bourgeoisie nicht gewachsen und kann sie auch nicht
gewachsen sein, Mit anderen Worten, schaltet man die Arbeiter und
Bauern aus, so wird aus der Revolution eine Restaurierung. Die Ver-
suche der chinesischen Revolution, die jetzt vor China stehenden
Probleme ohne und gegen die Arbeiter und Bauern zu lösen, werden
Führen zur Restaurierung des alten Regimes, zur Wiederherstellung des
Lehnssystems, zur weiteren Verschärfung des Kampfes, zur weiteren
Zergliederung Chinas, zur Stärkung der Macht der Imperialisten und
zur endgültigen Umwandlung Chinas in eine Kolonie. Man muß sich
doch darüber klar sein, daß den Imperialisten nur eine Sache Respekt
einflößt, und das ist der gewaltige Umfang der Arbeiter- und Bauern-

bewegung. Die Arbeiter haben seinerzeit in Hankau gegen den Willen

des Zentralkomitees der Kuomintang und der nationalen Regierung die
englische Konzession besetzt. Der englische Imperialismus hat damals

dem Druck der Massen nachgegeben. Heute, nach der Zerstörung der

Arbeiter- und Bauernbewegung, liegen die Dinge allerdings anders,

heute kennt die Frechheit der Imperialisten keine Grenzen, heute sind

sie darüber unterrichtet, wie an der politischen Börse die chinesischen

Militaristen und ihre Diplomaten (in Dollar und Pfund) notieren.
SCHLUSSFOLGERUNGEN
Welche Schlußfolgerungen kann man aus der gegenwärtigen Lage
in China ziehen? Welche Wechselbeziehungen bestehen zwischen der
Konterrevolution und Revolution? Die Schlußfolgerungen sind: Ent-
weder vollständige Unterordnung unter den Imperialismus und voll-
ständige Restaurierung, oder Arbeiter- und Bauernrevolution, Das ist
der Sinn der neuen Ereignisse und dessen, was sich gegenwärtig in
Nantschang abspielt. Der Aufstand, der sich jetzt in Richtung auf den
Süden entfaltet, bedeutet noch nicht das Ende, Sollte sogar Kanton
erreicht werden, so wird der endgültige Sieg der Arbeiter- und Bauern-
revolution in China noch einen langwierigen zähen Kampf erfordern.
Der Aufstand zeugt aber von den genügenden Kräften unter den werk-
tätigen Massen und davon, daß sich die chinesische Revolution in der
nächsten Etappe unter folgender Losung entwickeln wird: gegen den
Imperialismus, gegen die eigene Bourgeoisie, gegen die Großgrund-

rm
        <pb n="65" />
        besitzer, d. h. die chinesische Revolution wird in der nächsten Periode
den Charakter einer Arbeiter- und Bauernrevolution annehmen,
Wieviel Jahre werden darüber vergehen? Kann man einen
kalendermäßigen Plan ausarbeiten usw.? Weder das eine noch das
andere ist möglich. Die Richtung der Ereignisse läßt sich aber schon
jetzt erkennen, sie wird angedeutef durch die unterirdischen Stöße im
Gebiet der Wuhaner Regierung, in Schanghai und in Nanking, in
Nantschang und in Kanton, Der innere Kampf zwischen den ver-
schiedenen Schichten und Fraktionen der Bourgeoisie, der Kampf, der
durch die. Manöver der Großmächte verschärft wird, der Kampf
zwischen allen Generalen bei gleichzeitigem Anwachsen des Klassen-
hasses gegen die Arbeiter- und Bauernmassen muß unvermeidlich zu
neuen, noch stärkeren umfassenderen Explosionen und zum Siege der
tatsächlichen Arbeiter- und Bauernrevolution in China Hühren.
        <pb n="66" />
        ANHANG I

EIN BRIEF AUS KANTON

Ich benutze die Gelegenheit, um die Ereignisse zu schildern, deren Zeuge
ich war. Aus meinen Telegrammen — vorausgesetzt, daß sie Euch erreicht
haben — und aus der ausländischen Presse werdet Ihr wahrscheinlich schon
eine Vorstellung von dem erhaiten haben, was sich in Kanton am 14, und
15, April abgespielt hat, Da ich aber nicht die Gewißheit habe, daß Ihr
meine Telegramme erhalten habt, und da mein über die portugiesische
Kolonie Makao gesandtes Telegramm das englische Kabel passieren muß und
vielleicht aufgehalten oder entstellt ist, nehme ich wie gesagt, die Gelegen-
heit war, um mehr oder weniger ausführlich die Ereignisse in Kanton und
die gegenwärtige Lage zu schildern,

Kanton war bekanntlich mehrere Jahre das Zentrum der nationalen
Revolution. In Kanton wurde der Feldzug nach dem Norden organisiert, Doch
die nationale Revolution, die sich gegen den Imperialismus richtete, barg in
ihrem Inneren die tiefsten Klassengegensätze, die sich mit dem Vormarsch
der revolutionären Truppen und der Eroberung immer neuer und neuer Pro-
vinzen zuspitzen mußten, Gegensätze ergaben sich bereits vor dem nörd-
lichen Feldzug in der Frage der sozialen Forderungen der Arbeiter- und
Bauern, Die Leitung der Kuomintang beschränkte sich auf revolutionäre
Phrasen und eine formelle politische Demokratie, sie vertagte immer wieder
die Erfüllung der sozialen Forderungen der Arbeiter- und Bauernmassen.
Die Revolution besteht aber geräde darin, daß sie an die Spitze die sozialen
Forderungen der kämpfenden Klassen stellt, d, h. die Fragen des Arbeits-
tages, der Löhne, des Streikrechtes, Steuerfragen, die agrarische Frage, die
Frage des mittelalterlichen Schachers mit Aemtern und Würden usw. Auf
dem Territorium, das die nationale Regierung besetzte, mußten in diesen
Fragen diejenigen Klassen und sozialen Zwischenschichten kollidieren, die
in der Einheitsiront der nationalen Revolution zusammengefaßt waren, Die
Großhändler und die mit dem ausländischen Kapital arbeitenden Kom-
missionäre versuchten in der ersten Zeit der Revolution offen Widerstand zu
leisten, In dem Maße aber, wie sie sich überzeugten, daß die linken Phrasen
und das linke Programm der Kuomintangführer ihre Klasseninteressen nicht
schädigten, daß sich in der Leitung der nationalen Befreiungsbewegung und
in der Regierung Millionäre befanden — schiugen sie eine andere Taktik
ein, sie gingen dazu über, sich in der Kuomintang,. sowie im militärischen
und staatlichen Verwaltungsapparat festzusetzen, Dadurch steigerte sich
der Gegendruck der Bourgeoisie gegenüber den sozialen Forderungen der
Arbeiterklasse, dadurch mußten sich innerhalb der nationalen Revolution
mit jedem Tage die Meinungsverschiedenheiten verschärfen,

Die chinesische Bourgeoisie und die Militaristen nutzten sehr geschickt
die Spaltung der Arbeiterbewegung aus, trieben den Keil immer tiefer, indem
sie den Verband der Mechaniker (8000 Mitglieder) und die Gewerkschalts-
föderation von Kwangtung (30000 Mitglieder) zu einem Werkzeug ihrer auf
die Desorganisierung der Arbeiterbewegung gerichtete Politik machten, sie
        <pb n="67" />
        po’itisch und wirtschaftlich zum Schaden der Klasseninteressen den natio-
nalen Interessen unterordneten, Der Mechanikerverband und die Gewerk-
schaftsföderation, die ein Fünftel der organisierten Arbeiter- und An-
gestellten der Provinz Kwangtung umfassen (die Delegiertenkonferenz ver-
einigt rund 150000), waren die ganze Zeit die Stütze der rechten Politik
der Reaktionäre in der Kuomintang und wurden zunächst geheim, in der letzten
Zeit offen, nicht nur moralisch, sondern auch materiell von der Reaktion
unterstützt,

Die Gegensätze innerhalb der nationalen Front mußten mit dem Vor-
rücken nach dem Norden, mit der Eroberung der chinesischen Industrie-
gebiete immer stärker anwachsen, Die Militaristen, für die die Armee ein
rein kaufmännisches, hohe Gewinne abwerfendes Unternehmen ist, und der
reaktionäre bürgerliche Flügel der Kuomintang begegneten dort einem In-
dustrieproletariat, das in seinen Forderungen bedeutend weiter ging und die
Stellung des Proletariats in der nationalen Revolution als Klasse viel klarer
formulierte. Das bedingte sowohl ein Anwachsen des Kampfes zwischen dem
rechten und linken Flügel der Kuomintang, als auch die Verschärfung des
gesamten Kampfes in der Frage des Verhaltens zur Kommunistischen Partei,
d. h. gegenüber der Arbeiterklasse und ihren Forderungen. Die objektive
Situation war also so, daß sich die Gegensätze anhäuften und in dem Maße
zuspitzten, wie sich der nördliche Feldzug entwickelte, wie man sich
Schanghai, dem Hauptzentrum des chinesischen Proletariats, näherte,

Zur Vervollständigung des Bildes muß man auch die Tätigkeit der Im-
perialisten in China, besonders der Engländer, in Betracht ziehen, Die Eng-
tänder, Amerikaner und Japaner versuchten durch Drohungen und Ver-
sprechungen die chinesische Bourgeoisie für eine friedliche Lösung des
Streites zwischen der chinesischen Revolution und dem Imperialismus zu
gewinnen, Soweit die direkten und indirekten Quellen Anhaltspunkte er-
geben, haben die Engländer Tschangkaischek ziemlich unverblümt zu ver-
stehen gegeben, daß sie unter folgenden zwei Bedingungen zu einer
Verständigung und sogar zu Konzessionen bereit wären: 1. Bruch mit der
USSR, 2, Unterdrückung der Arbeiterklasse, in erster Linie selbstverständ-
lich der Kommunistischen Partei. Beide Bedingungen kamen den hbürger-
lichen Flügeln der Kuomintang sehr gelegen. Beschränkung der nationalen
Revolution auf rein politische Ziele, weitere Ausbeutung der Arbeiter-
massen, Trennung von der Kommunistischen Partei, von der USSR und Auf-
nahme in die Gemeinschaft der „zivilisierten” Nationen — eben davon hatte
die chinesische Großbourgeoisie geträumt, Die Politik der Imperialisten
steigerte demnach die inneren Gegensätze der chinesischen Revolution, die
sich in den letzten Monaten herausgebildet hatten: den Zusammenstoß
zwischen dem staatlichen Verwaltungsapparat und dem militärischen Apparat
einerseits und den Arbeiterorganisationen andererseits, Sie verschärfte den
Kampf der rechten Kuomintang und der rechten Elemente der nationalen
Regierung gegen die Arbeiterklasse in dem Augenblick, als der Kontakt mit
den breiten Massen hergestellt war, Die Auseinandersetzung zwischen den
Rechten und den Linken, zwischen der Arbeiterklasse, dem Kleinbürgertum
und der Bauernschaft auf der einen Seite, der mittleren und Großbourgeoisie,
den Imperialisten und Militaristen auf der anderen Seite, wurde un-
vermeidlich,

Man muß auch die Eigenart des militärischen Apparates in China be-
rücksichtigen, Man vergesse nicht, daß die überwiegende Mehrheit der
Generäle der nationalen Armee Militärs aus der vorrevolutionären Zeit sind,
alte Generäle, die gewohnt sind auf Kosten der Armee zu leben, für die die
56
        <pb n="68" />
        Truppen ein Machtmittel sind, um der Bevölkerung Steuer zu erpressen, um
sich persönlich zu bereichern, Viele Generäle sind dank diesem System
schwerreiche Leute geworden, Teilhaber von Großunternehmungen, Besitzer
von siebenstelligen Bankkonten, Die nationale Revolution hat weder das
System der Steuererpressung durch den Apparat der Armee, noch das Werbe-
system von Soldaten, noch die Wechselbeziehungen zwischen Armee und
Bevölkerung an der Wurzel geändert, Jeder Truppenteil ist ein selbständiges
Unternehmen. Verständigt sich der Inhaber des Unternehmens, der General,
mit der Revolution oder Konterrevolution, so schließt er sich mit seinen
Söldnern der jeweiligen Partei an und hütet eifersüchtig seine „Unabhängig-
keit vor Eingriffen nicht nur der Zivil-, sondern auch der Militärbehörden.
Dieses mi’tärische System hat im Verlaufe des nördlichen Feldzuges die
Vergrößerung des Heeres von anfänglich 6 auf 40 Korps ermöglicht, dasselbe
System. birgt aber gleichzeitig die größten Gefahren in sich, weil die mili-
tärischen Machthaber jeden Augenblick der Revolution in den Rücken fallen
können und jedenfalls stets bereits sind, die Bajonette gegen die Arbeiter
und besonders gegen die Bauern zu richten, deren Bewegung ihren materiellen
Wohlstand unmittelbar bedroht. — Das war die Lage bei unserer Ankunft,

Anfang April fand im Hauptquartier Tschangkaischeks eine Beratung
der prominenten Führer der rechten Kuomintang statt, an der sich auch der
krank gemeldete Kommandeur der 4, Division, das militärische Haupt der
Provinz Kwangtung Litisin, und einer der reaktionärsten Führer der Kuo-
mintang in Kwangtung, Huansiansing, beteiligten. Die Konferenz selbst und
die Teilnahme Litisins wurde streng geheim gehalten. Auf der Konferenz
hatte man — wie aus den Aktionen ersichtlich — beschlossen, sofort zu
handeln, den revolutionären Arbeiter- und Bauernorganisationen einen ent-
scheidenden Schlag zu versetzen. Wie gründlich alles vorbereitet und organi-
siert war, ergab die Tatsache, daß überall fast gleichzeitig losgeschlagen
wurde, In Schanghai überfielen die Truppen auf Befehl Tschangkaischeks
die Arbeiter am 12, April, in Kanton, Swatou, Amoe und in vielen anderen
Küstenstädten begann die Offensive gegen die Kommunistische Partei und
die Arbeiter- und Bauernorganisationen am 14, und 15, April, Die Vor-
bereitungen wurden streng geheim gehalten, Wohl schwirrten in Kanton
Gerüchte von einem bevorstehenden Angriff der Konterrevolution umber.,
Aber niemand wußte etwas bestimmtes, Daher endete der militärische Ueber-
fall mit dem Erfolge der Reaktion.

Die Ereignisse in Kanton entwickelten sich wie folgt, Wir trafen in
Kanton am 14. April um 3 Uhr nachmittags ein. Wir ahnten selbstverständ-
Mich nichts, stiegen als Sowjetbürger, die sich auf dem Territorium einer
befreundeten Revolution befanden, im Hotel ab und versuchten sofort mit
den Vertretern des Chinesischen Gewerkschaftsbundes die Verbindung auf-
zunehmen, Sie sagten uns, daß die Lage in Kanton sehr gespannt wäre, die
Kommunisten sich in die Illegalität zurückziehen mußten und Zusammen-
stöße jeder Art möglich wären, Wir verabredeten mit den chinesischen und
den Genossen der Sowjetkolonie eine Begegnung am nächsten Tage. In der
Nacht wurden die wichtigsten strategischen Punkte von militärischen
Truppenteilen besetzt, man riegelte nach einem bestimmten Plan die ein-
zelnen Stadtteile ab und begann mit der systematischen Entwaffnung der
Streikposten und der Zerstörung der gewerkschaiftlichen Organisationen, An
der Entwaffnung und am Ueberfall auf die Gewerkschaften beteiligten sich
ebenfalls aus Mitgliedern des Mechanikerverbandes und der Gewerkschalfts-
föderation Kwangtung gebildete Wehren, die unter dem Schutz des Militärs
gemeinsam mit den Soldaten und Polizisten an den politischen Gegnern
CH
        <pb n="69" />
        Rache übten, Zusammenstöße, welche in allen Stadtteilen die ganze Nacht
vom 14, auf den 15. April und am Morgen des 15, Aprils stattfanden. Be-
sonders heftigen Widerstand leisteten die Eisenbahner, die rund 1000- Mann
bewaffnet hatten, Sie kämpften bis zum Morgengrauen, verloren etwa
100 Mann an Toten und Verwundeten, mußten aber dann der militärischen
Jebermacht weichen, bemächtigten sich einiger Züge und flohen in nördlicher
Richtung, wobei sie sämtliche Waggons mitnahmen, In einigen Fällen be-
irugen die Verluste der Arbeiterformationen ein Drittel ihres Bestandes,
Gleichzeitig fanden in der ganzen Stadt Massenverhaftungen statt. Sämtliche
Kinos wurden in einer Nacht mit Gefangenen überfüllt. In den Straßen sah
nan immer neue, von Soldaten eskortierte Scharen von gefesselten Arbeitern,
Am Morgen des 15. Aprils lag über der Stadt drückende Stille. Der eine
Teil der Stadt war von dem anderen abgeschnitten, Wir hatten keine Ver-
bindung, weder mit den Vertretern des Chinesischen Gewerkschaftsbundes,
„och mit der Sowjetkolonie, Der Ueberfall auf die Arbeiterorganisationen
war nach allen Regeln der Kriegskunst durchgeführt worden. Der
Sieg des Militärs schien, zumindest in den ersten Tagen, vollständig. Gleich-
zeitig mit den revolutionären Gewerkschaften hatte man auch die Kriegs-
schule Wampu besetzt und die Hörer entwaffnet, Ich werde nicht weiter
lie Trophäen der Truppen Litisins an Toten und Verwundeten aufzählen,
sondern zur Ideologie dieser Bewegung übergehen,

Der Organisator war das Komitee der Kuomintang in Kwangtung, das
sich offen dem Zentralkomitee in Wuhan widersetzte, Dieses Komitee war
seinerzeit durch Wahlfälschung gebildet worden. Seine Führer weigerten
sich aber trotz mehrfachen Protestes der Mitglieder der Kuomintangorgani-
sation in Kwangtung Neuwahlen auszuschreiben. Die Zerstörung der Arbeiter-
organisationen erfolgte unter den Losungen: „Für die Kuomintang, gegen die
Kommunistische Partei‘, „für die nationale Revolution, gegen die Reaktion”,
‚für den nördlichen Feldzug, gegen die Spalter”. In allen konterrevolutio-
nären Angriffen spielten, wie schon erwähnt, die Mechaniker und die Ge-
werkschaftsföderation Kwangtungs eine sehr aktive Rolle, Wie man den
Handstreich nach außen bemäntelte, erkennt man aus folgenden Dokumenten.
Das Komitee der Kuomintang in der Provinz Kwangtung erließ einen Auf-
ruf mit nachstehenden Losungen, die für sich selbst sprechen;

1. Nieder mit der Chinesischen Kommunistischen Partei, dem Ver-
räter an unserem verstorbenen Sunjatsen,

2. Nieder mit der Chinesischen Kommunistischen Partei, dem
Feinde der drei Prinzipien Sunjatsens,

3, Nieder mit der Chinesischen Kommunistischen Partei, dem
Spalter der nationalen Revolution,

4, Nieder mit der Chinesischen Kommunistischen Partei, dem Zer-
störer des nördlichen Feldzuges,
5, Nieder mit der Chinesischen Kommunistischen Partei — sie
;tützt sich auf Banditen und Verräter, um die Arbeiter und Bauern zu
bedrücken,

6. Nieder mit der Chinesischen Kommunistischen Partei — sie
beleidigt das Andenken unseres verstorbenen Führers,

7, Nieder mit der Chinesischen Kommunistischen Partei — sie
zerstört durch ihre Intriguen die Kuomintang.

8, Gegen die drei Prinzipien handeln — heißt Konterrevolutio-
när sein.
        <pb n="70" />
        9, Gegen die Kuomintang handeln — bedeutet die Konter-
revolution,

10. Alle Macht der Kuomintang,

11, Alle aufrichtigen Anhänger der Kuomintang — vereinigt Euch,

12, Nieder mit den Reaktionären.

13. Nieder mit den Opportunisten,

14, Stärkt die Macht der Kuomintang,

15, Nieder mit dem Imperialismus, .

16. Nieder mit den korrumpierenden Mandarinen und dem Rache
brütenden Adel,

17, Habt ein Auge auf die rechten Elemente.

18, Die Organisierung von Streiks gegen die Kuomintang — be-
deutet die Konterrevolution,

19. Die Masse, die sich nicht den Anordnungen der Kuomintang
fügt, ist nicht revolutionär,”
Diese Parolen sind ein Schulbeispiel dafür, mit welch zynischer Frech-
heit die Reaktion die Oeffentlichkeit über ihre wahren Pläne irreführt.

In derselben Zeit verbreitete man in den Straßen F lugblätter fo’genden
Inhalts:
„Genossen, Arbeiter! Seit Jahren hütet die Kuomintangregierung,
die die Arbeiter- und Bauernpolitik unseres verstorbenen Führers
lortsetzt, die Interessen der Werktätigen. Und trotzdem haben die
Arbeiter nicht nur nicht materielle Vorteile zu verzeichnen, sondern
werden noch mehr als früher bedrückt, Woran liegt das? Wer ist
der Bedrücker der Arbeiter? — Die Imperialisten, Militaristen und
das Großkapital, Das wissen alle. Tatsächlich sind aber die größten
Bedrücker der Arbeiter die Verräter. Ihr müßt wissen, daß die Partei
der Kuomintang für die Befreiung des Proletariats tätigt ist und seine
Interessen verteidigt. Sie unterstützt die Anstrengungen der Arbeiter-
klasse, ihr Leben zu verbessern, Doch die Verräter täuschen die Ar-
beiter, opfern sie, um die Macht der Kuomintang, des tatsächlichen
Freundes der Arbeiterklasse zu stürzen und sie im eigenen persön-
lichen Interesse zu erobern, Die klassenbewußten Arbeiter leiden unter
ihrem Joch, wissen sich aber nicht zu helfen. Daher ist es notwendig,
lie Verräter auszurotten,

Der Oberbefehlshaber der militärischen Kräfte hat gegenwärtig
vom Kontrollkomitee den Auftrag erhalten, den Kampf gegen alle
heuchlerischen Agitatoren und Verräter aufzunehmen. In Erfüllung
des Vermächtnisses unseres Führers müssen wir seine Arbeiter- und
Bauernpolitik fortsetzen und die Verräter hassen,

Genossen, Arbeiter! Erhebt Euch! Vereinigt Euch unter die
Fahne der Kuomintang, vereinigt Euch mit der Regierung, um die
Feinde und Verräter zu vernichten. Unterstützt die Kuomintang,
Unterstützt Tschangkaischek in seinem Feldzug gegen den Norden,
Nieder mit dem Imperialismus! Laßt uns die drei Losungen zur Ver-
wirklichung der nationalen Revolution erfüllen. Das ist der einzige
Weg zum Schutze der Interessen der Arbeiterklasse,

Die Polizeiabteilung der Kuomintang.“
Das Flugblatt erläutert nur das, was schon in den Losungen gesagt ist,
aber rein polizeilich, was sicherlich bemerkenswert ist. Um in die Reihen
der Arbeiter Verwirrung hineinzutragen, sie zu demoralisieren, verteilte man
in den Arbeitervierteln auch noch andere Flugblätter offensichtlich provo-
        <pb n="71" />
        katorischen Charakters, Es werden zwar immer wieder die gleichen Losungen
wiederholt, immerhin ist eines dieser Flugblätter geeignet, unsere Aufmerk-
samkeit auf sich zu lenken. Ich lasse es ungekürzt folgen:

„Genossen, Arbeiter! Unsere Kuomintangpartei kämpft für die
Befreiung der Arbeiter und für ihre ‚Beteiligung an der Staatsver-
waltung, Diese Partei ist der Beschützer des Proletariats und seiner
Organisationen, die nach Verbesserung der Lebensbedingungen der Ar-
beiter streben, Männer, die das tatsächliche Ziel der Kuomintang
vergessen, die Arbeiter irre führen, sie ihrem Ehrgeiz und ihren Inter-
zssen opfern, versuchen, die Macht zu erobern, ohne an den Sieg oder
die Niederlage der Revolution zu denken — diese Männer sind Feinde
der Kuomintang und der Arbeiter, Verbündete des Militarismus und
Imperialismus, Sie sind nicht nur unsere Feinde, sondern auch Ver-
räter am Vermächtnis unseres verstorbenen Führers, Wenn wir sie
nicht ausrotten, so werden wir Arbeiter ihre ersten Opfer sein.

Gegenwärtig reicht die Macht der Revolution bis zum Gelben Fluß.
Doch die Verräter, die sich in den Gewerkschaften festgesettz haben
und die Interessen der Arbeiter opfern, zerstören die Errungenschaften
des Proletariats, Daher kämpft der Oberbefehlshaber der militärischen
Kräfte im Auftrage der Kontrollkommission und im Interesse der
Arbeiterklasse gegen alle Verräter, er ermöglicht damit den Arbeitern,
ihre Lebensbedingungen zu verbessern, den nördlichen Feldzug und
lie nationale Revolution durch Verwirklichung der Prinzipien unseres
verstorbenen Führers zu unterstützen. Wir hoffen, daß unsere Ge-
nossen die notwendigen Maßnahmen begreifen und sich nicht ver-
wirren lassen werden. .

Vereinigt Euch unter die Fahne der Kuomintang, laßt uns unsere
Interessen schützen, das Kontrollkomitee unterstützen, das Arbeiter-
und Bauernprogramm der Kuomintang durchführen, Nieder mit den
Heuchlern, Opportunisten, Kompromißlern und Kapitalisten! Helft der
Kuomintang, helft Tschangkaischek, dem loyalen Freund der Kuo-
mintang, Unterstützt den nördlichen Feldzug und vernichtet alle,
die ihn im Wege stehen, Laßt uns vom heutigen Tage die Inter-
essen der Arbeiterklasse verwirklichen, den Wunsch unseres ver.
storbenen Führers erfüllen: die Hauptstadt nach Nanking verlegen,
Nieder mit dem Imperialismus und Militarismus! Hoch die Kuo-
mintang! Hoch die nationale Revolution! Hoch die Freiheit und Un-
abhängigkeit Chinas!

. Alle Mitglieder des Chinesischen Gewerkschaftsbundes.
Alle Mitglieder des Chinesischen Landesverbandes der Eisenbahner.
Alle Mitglieder der Konferenz der Arbeitervertreter Kwanstungs.“
Ins Auge fallen die Unterschriften. Die Fälschung ist offensichtlich.
Nicht eine Organisation verbreitet das Flugblatt, sondern „alle‘* Mitglieder
des Chinesischen Gewerkschaftsbundes, „alle“ Mitglieder des Eisenbahner-
verbandes und „alle Mitglieder der Konferenz der Arbeitervertreter Kwang-
lungs, Der Zweck der Uebung ist nicht zu verkennen. Um die Köpfe der
Arbeiter zu verwirren, mißbraucht man die Autorität des Eisenbahner-
verbandes und des Gewerkschaftsbundes,

Gleichzeitig mit‘ dem militärischen Ueberfall und der Zerstörung der
Organisationen wurde der Kriegszustand verhängt, man verbot alle kommu-
nistischen und linken Zeitungen, führte die Zensur ein — stellte also die
„Ordnung” her. In den Erlassen, die in der Stadt an öffentlichen Ste'len
        <pb n="72" />
        angeschlagen wurden, erwähnte man immer wieder die verdächtigen Elemente,
Unruhestifter, „Aufwiegler” usw. Mit Hilfe der Truppen, der Kriegszensur,
Morde und Verhaftungen, war der Umsturz gelungen — jetzt handelte es
sich darum, seine Notwendigkeit zu begründen, Man mußte sagen, wozu der
Veberfall dienen sollte, warum man die Arbeiterorganisationen zerstört, die
Führer der Bauernverbände verhaftet hatte. Man begann also die ideo-
(ogisch-politische Bearbeitung der Massen, Die Agitations- und Propaganda-
abteilung der Kuomintang veröffentlichte in der Presse eine Erklärung über
die Notwendigkeit, das Land von den Kommunisten zu säubern. Es wird
die Frage gestellt: Welche Verbrechen haben die Kommunisten begangen? —
und die Antwort gegeben:

„Die Kommunisten sind schuldig: 1, der Intrigue mit dem Ziel der
Eroberung der Kuomintang, 2, der Machenschaften mit dem Ziel der
Verfeindung der Führer untereinander und der Spaltung der Kuo-
mintang in Rechte und Linke — alle Meinungsverschiedenheiten inner-
halb der Kuomintang sind das Werk Borodins -— 3, der Zerstörung der
Arbeiter- und Bauernbewegung, 4. der Zerstörung des nördlichen Feld-
zuges, 5, der Verbreitung falscher Gerüchte,”

Da aber die Führer der Kuomintang wußten, daß man sich darauf allein
nicht stützen konnte, schlossen sie ihr Anklagedokument wie folgt:

„Wir marschieren von der nationalen Revolution zur Weltrevo-
hution, wir sind überzeugt, daß die Weltrevolution nur dann siegreich
enden wird, wenn die nationale Revolution siegt. Die Kommunistische
Partei, die die nationale Revolution und den nördlichen Feldzug zer-
schlägt, ist illoyal gegenüber der nationalen Revolution und damit
auch gegenüber der Weltrevolution, Zur Befreiung der Völker der
ganzen Welt, haben wir die Kommunistische Partei, diesen Verräter
der Weitrevolution, gestürzt,”

Wir sehen, die rechte Kuomintang versteht sich nicht schlecht auf revo-
lutionäre Phrasen, hinter denen sie ihre schwarzen konterrevolutionären
Absichten verbirgt,

Am 17, April erschien in der Zeitung noch folgender Aufruf der Arbeiter-
abteilung der Kuomintang in der Provinz:

„Genossen, revolutionäre Arbeiter! In China besteht augenblick-
lich folgende Lage: es greifen an von außen die Imperialisten, von
innen die Militaristen, Großgrundbesitzer und die sonstigen Aus-
beuter, Es ist also klar, daß die revolutionären Kräfte die nationale
Revolution durchführen müssen, die die einzige Möglichkeit zum Sturz
des Imperialismus, der einzige Weg zur Befreiung Chinas ist. Die
Kuomintang ist die einzige Partei, die die nationale Revolution leitet
und auf der Grundlage der Lehren Sunjatsens eine neue Gesellschaft
aufbaut, die Arbeiter und Bauern schützt. Im Programm und in den
Beschlüssen unserer Partei wird der Arbeiterklasse besondere Auf-
merksamkeit gewidmet, Die Besitzlosen, die Arbeiter und Bauern,
müssen sich unter die Fahne unserer Partei sammeln. Nur durch die
nationale Revolution kann man das imperialistische Joch abschütteln,

Der Führer unserer Partei, Sunjatsen, nahm 1923 zur Stärkung
der Revolution, der revolutionären Front und zum Kampf gegen die
Reaktion in die Kuomintang, unter die Leitung der. Kuomintang, die
Chinesische Kommunistische Partei auf, Doch die Kommunisten achten
nicht den Großmut des Führers, sie fügen sich nicht seinem Ver-
mächtnis, verstoßen gegen die Lehren Suniatsens, unterhöhlen den
        <pb n="73" />
        nördlichen Feldzug, spalten die Partei der Kuomintang, des Führers
der Revolution, und versuchen, die Macht an sich zu reißen. Die
Kommunisten haben gegenwärtig das Zentralkomitee der Kuomintang
in Wuhan erobert. Die Kommunisten hetzen die Gewerkschaften
gegeneinander auf und demorajisieren dadurch die Arbeiter- und
Bauernbewegung, Die Konflikte zwischen den Arbeitern in den pri-
vaten Oelmühlen und den Holzarbeitern waren ein Werk der Kom-
munisten. Die Kommunisten haben ein Wolisherz, Revolutionäre
Arbeiter! Ihr wißt, der Kommunismus paßt nicht für chinesische Ver-
hältnisse. Die Kommunistische Partei ist der Wolf in unserer Partei.
Ihr wißt schon, daß die Kommunistische Partei versucht, in unserer
Partei Streit und Zank zu säen. Ihr wißt, daß unsere Partei der
Hüter Eurer Interessen ist. Ihr müßt die Kuomintang unterstützen
und die Kommunisten vertreiben, Wir müssen Euch aufklären, warum
unsere Partei die Kommunisten verhaftet und bei ihnen Haussuchungenab-
hält. Das geschieht, um die von der KP geplante Spaltung der Arbeiter.
organisationen zu verhindern, Revolutionäre Arbeiter unterstützt die
Kuomintang, die mit Eurer und mit Hilfe der Bauern Eure Interessen
schützen wird, Das besondere Komitee der Kuomintang in Kanton hat
in den Honkonger Streikausschuß und zur Delegiertenkonferenz der
Arbeiter in Kanton die tüchtigsten Genossen entsandt, um dort die
Arbeit zu reorganisieren, Solite jemand versuchen, Euch zur Nieder-
legung der Arbeit zu bewegen, so werden wir mit Eurer Unterstützung
solche Versuche energisch unterbinden und Eure Interessen bis zum
Ende wahrnehmen.‘
Es folgen die Losungen der früheren Flugblätter, nieder mit dem Kom-
mMunismus usw.
Hier wird nach Beschuldigung der Kommunistischen Partei konter-
revolutionärer Absichten, nach Verleumdungen verschiedenster Art schon der
Beschluß organisatorischer Maßnahmen mitgeteilt, Tatsächlich geht” die
siegreiche Reaktion nach den Presseberichten von gestern und heute bereits
an die „Reorganisierung‘ der Arbeiter- und Bauernverbände heran. Der Ver-
band der Mechaniker ist beauftragt, die Organisation der Eisenbahner zu
reorganisieren. Es ist bereits ein Aufruf erschienen, der den bisherigen
Verband der Eisenbahner als liquidiert erklärt. Der Verband der Mechaniker
macht bekannt, daß sich alle Eisenbahner von neuem organisieren müssen!
Auf diese Weise wil man die wichtigste revolutionäre Macht der Provinz
Kwangtungs beseitigen, Gleichzeitig melden die Zeitungen, daß die Kuo-
mintang die „Reorganisierung” des revolutionären Bauernverbandes in die
Wege geleitet hat, Die Reorganisierung besteht darin, daß die {früheren
Führer ins Gefängnis gesteckt und an ihre Stelle andere ernannt werden.
Heute weiß die Presse zu berichten, daß eine solche „Reorganisierung' auch
im Seeleuteverband im Gange ist, Der Mechanikerverband und die Gewerk-
schaftsföderation Kwangtung haben offiziell (nach Pressenotizen) die Auf-
fösung der Konferenz der Kwangtunger Arbeiterdelegierten gefordert, wobei
als Begründung ihrer reaktionärer (!} Charakter angegeben wird.

Das Kräfteverhältnis zwischen den drei Organisationen ist aus bei-
gelegter Tabelle ersichtlich. Die Angaben stammen von Ende 1926, sie
spiegeln den Stand der Arbeiterorganisationen in der Provinz Kwangtung
wider. Aus der Tabelle geht hervor, daß die militärische und bürgerliche
Konterrevolution mit Hilfe demagogischer Losungen einen bestimmten Teil
der Arbeiter gegen die Mehrheit der organisierten Arbeiterklasse ausspielen.
        <pb n="74" />
        Stand der Gewerkschaftsorganisationen in Kanton und der Provinz Kwangtung
Konferenz deı
Arbeiterdeleg.

Gewer‘-sch.
Föderation
Kwangtung

Verband d,
Mechaniker | Insgesamt

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3 = Ss S

 S &gt; =
Transportwesen
Metallindustrie .
Gemeindearbeiter
Textilindustrie .
Getränkeindustrie
Baugewerbe . .
Holzindustrie , .
Schneider , . .
Schuhmacher . , . ,..
Graphisch, u, Papiergewerbe
Sanitätsarbeiter , . , ..
Angestellte, .... .
Graveure ‚„......
Markthelfer ., .. ..
Tabakindustrie ......
Glasgewerbe ....,.,
Arbeiter in ausländischen
Betrieben (Zollwesen) .
Sonstige. .

20

28 287
2750
9 266
6109

19 400
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7447
7363
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608
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11.079
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6350
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11579
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Fl

4100
472
50
300
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3000
” 12825
Zusammen | 128 | 142 038 | 36 | 34 304 | 6 |8 325 | 171 | 194 956

3 00
8825

Daneben sind auch alle anderen revolutionären Organisationen zerstört
worden, so die Frauen- und Studentenorganisationen, die Rote Hilfe UsSW,,
wobei die fünf Diktatoren (General Litisin, Taninwai, Lifulin, der Leiter
der Arbeiterabteilung der Kuomintang, Lifumu und der Finanzminister
Kuinfan) bis zum Ueberdruß immer wieder das gleiche wiederholen: wir
sind für die nationale Revolution, wir sind für die Weltrevolution, wir sind
gegen die Reaktionäre, für den nördlichen Feldzug usw.

Selbstverständlich sind die militärischen Operationen gegen den Norden
in den Händen der Konterrevolution der größte Trumpf, Es gibt überhaupt
kein Dokument, in dem nicht die Kommunisten beschuldigt werden, daß sie
den nördlichen Feldzug stören. Im Erlaß über die Verhängung des Kriegs-
zustandes heißt es:
„In Kanton verbreiten böswillige Elemente Gerüchte, die die Be-
völkerung irreführen, die Ruhe und Ordnung in der Stadt gefährden
und den Rücken der nördlichen Feldarmee bedrohen.”

Und daraus zieht man dann die notwendigen Schlußfolgerungen zur
Vernichtung und Ausrottung der Kommunisten.
Der Mangel an Zeit hindert mich, die Ereignisse ausführlicher zu
schildern. Ich glaube aber, daß die angeführten Tatsachen vollständig ge-
nügen, um sich über die wahren Hintergründe des Ueberfalls auf die Arbeiter-
und Bauernorganisationen klar zu werden. Die Provinz Kwangtung, das
frühere Zentrum der Revolution, ist gegenwärtig das Zentrum der Konter-
revolution. Es unterliegt keinem Zweifel, daß auf der Konferenz im Haupt-
72
        <pb n="75" />
        quartier (Anfang April) die Frage sehr ernst beraten wurde, der Konter-
revolution eine territoriale Basis weiter ab von den Arbeiterzentren zu
schaffen. Tschangkaischek bereitet sich für den Fall eines Rückzuges eine
soiche Basis vor. Nach den Methoden, die gegenwärtig von Tschangkaischek
selbst und seinen Generalen im Norden angewandt werden und nach den
Vorgängen in der Kuomintang zu urteilen, war der Plan in allen Einzelheiten
ausgearbeitet, Während in Kwangtung die revolutionären Gewerkschaften
teorganisiert werden, wird von Tschangkaischek in Schanghai in derselben
Weise „reorganisiert‘‘, seine „Reorganisation hat als Begleiterscheinung
Massenmorde, jeder, der nicht „reorganisiert sein will, wird ermordet, Die
chinesische Konterrevolution trägt also offensichtlich kemalistisch-faschi-
stische Züge, von denen noch an anderer Stelle die Rede sein soll. Eben-
‘alls steht fest: die Repressalien gegen die Arbeiter- und Bauernorgani-
sationen. werden noch verschärft werden, wobei man natürlich die Ordnung,
das Gesetz und die Verteidigung der Revolution vorschützen wird, In dieser
Beziehung hatte ich eine bemerkenswerte Unterredung mit General Litisin,
dem militärischen Diktator der Provinz Kwangtung, Nachdem ich auf seine
Frage — mit wem die Einberufung der Pazifik-Konferenz nach Kanton ver-
einbart wäre — geantwortet hatte, sie wäre 1924 mit dem verstorbenen Sun-
jatsen vereinbart, fragte ich ihn, wie sich seine Erklärung, er halte zur Welt-
revolution, mit den Verhaftungen und den Ueberfällen auf die linken Arbeiter-
organisationen vereinbaren läßt, General Litisin erwiderte mir: Kommu-
nismus und Sunjatsenismus widersprechen einander nicht. Sicherlich sind
in den anderen Ländern die Kommunisten ein revolutionärer Faktor, die
chinesische KP dagegen wünscht nicht den Verhältnissen und der eigen-
artigen Situation in China Rechnung zu tragen, sie spielt daher eine reaktio-
näre Rolle. Die Maßnahmen — uhr er fort — die hier getroffen sind,
richten sich nicht gegen die gewerkschaftlichen Organisationen, sondern
gegen einige Elemente, die an der Spitze dieser Organisationen stehen, gegen
die Gegner der Regierung. Es wäre überhaupt besser — sagte Litisin — wenn
nicht die Chinesische KP, sondern die Kuomintang der Kommunistischen
Internationale angehören würde, dann würden die Wechselbeziehungen viel
xlärer sein. — Ich riet dem General Litisin aufmerksam zu verfolgen, wie
sich die imperialistische Presse in Honkong und Schanghai zu den Ereig-
aissen in Kwangtung äußern wird, und mir dann zu sagen, ob diese Ereignisse
der Weltrevolution oder der Weltreaktion zum Vorteil gereicht hätten.

Augenblicklich hat die Reaktion gesiegt, Der Sieg wird gefeiert durch
Manifeste „an das Volk“, Verbreitung von Aufrufen durch Automobile, die
die ganze Stadt durcheiien, Banketts usw. Die Kommunistische Partei hat
sich noch vor dem Umsturz in die Illiegalität zurückgezogen, die Führer der
‚evolutionären Verbände sind geflohen, die Verbandsräume sind von Be-
waffneten besetzt, über der Stadt weht die entweihte konterrevolutionäre
Fahne der Kuomintang, Was tun aber die Kommunistische Partei und die
revolutionären Gewerkschaften? Ueber die Kräfte und Pläne der Revolutiog
ein anderes Mal.

Kanton, den 19, April 1927,
        <pb n="76" />
        ANHANG II
N

DIE CHINESISCHEN GEWERKSCHAFTEN UND
DIE REVOLUTION
Rede, gehalten auf dem 4, Chinesischen Gewerkschaftskongreß,
Wuhan, den 19. Juni 1927.

Werte Genossen!
Im Namen der Roten Gewerkschaftsinternationale und der Gewerk-
schaftsbewegung der USSR überbringe ich dem durch den Kongreß ver-
tretenen Proletariat und den werktätigen Massen Chinas brüderliche
Grüße, Das internationale Proletariat verfolgt mit größter Aufmerksamkeit
die Fluten und Ebben der chinesischen Revolution und den großen Kampf
gegen die nationale und soziale Bedrückung. Ebenso wie in der Periode, in
der die Oktoberrevolution um ihre Existenz kämpfte, ist auch heute die
Welt in zwei Parteien gespalten — in Feinde und Freunde der chinesischen
Revolution, Alle, die von Arbeit fremder Hand leben, die in ihren Ländern
die Volksmassen ausbeuten, die glauben, daß die Welt nur auf kapitalistischer
Grundlage und durch die Ausbeutung der Millionen in den Kolonien und
Halbkolonien bestehen kann, alle Bankiers, Großgrundbesitzer, Kapitalisten,
Kirchenfürsten und ihre Handlanger sind gegen die chinesische Revolution,
Alle Ausgebeuteten und Bedrückten, alle, die gegen das schändliche System
der kapitalistischen Ausbeutung kämpfen, die den Sturz des Kapitalismus
als wichtigste Aufgabe betrachten — sind {für Euch, sie helfen Euch, sie
Freuen sich über Eure Siege und trauern mit Euch, wenn Ihr Niederlagen
erleidet.
Die ganze Welt verfolgt mit angehaltenem Atem die Ereignisse, die sich
hier bei Euch entwickeln, Mit besonderer Aufmerksamkeit werden sie von
den revolutionären Arbeitern der ganzen Weit verfolgt, mit denen ihr,
Arbeiter Chinas, durch die Gemeinsamkeit der Anschauungen, des Pro-
gramms und der Taktik verbunden seid. Die chinesischen Gewerkschaften
sind der Roten Gewerkschaftsinternationale angeschlossen. Daher ist die
RGI besonders daran interessiert, daß die Arbeiten Eures Kongresses be-
iruchtend wirken, daß der 4. Gewerkschaftkongreß in der Entwicklung der
chinesischen Revolution ein wichtiger Meilenstein wird, Damit Euer Kongreß
in der Geschichte den Platz einnimmt, der dem chinesischen Proletariat
gebührt, ist es notwendig, daß er auf die wichtigsten Fragen der chinesischen
Revolution antwortet und die Aufgaben des chinesischen Proletariats in der
augenblicklichen Phase der Revolution festlegt,

Wir sind nicht zusammengekommen, um nichtssagende Liebenswürdig-
keiten auszutauschen, wir sind zusammengekommen, um ernste revolutio-
näre Arbeit zu leisten. Daher werde ich auf die Fragen eingehen, die am
meisten zugespitzt sind, die die internationale Arbeiterbewegung erregen
und von deren richtiger Lösung das Schicksal der chinesischen und Welt.
1
        <pb n="77" />
        tevolution abhängt, Um es im voraus zu sagen, ich bin noch ein sehr
junger Chinese, Wenn .ich hier einige Erwägungen über unsere Aufgaben
in der chinesischen Revolution ausspreche, so deswegen, weil die chine-
sische Revolution trotz ihrer Eigenarten und besonderen Formen sich in
den bereits erforschten und von den Gesetzen der Geschichte bestimmten
Bahnen bewegt. Die von Marx und Lenin festgelegten Gesetze der Ge-
schichte und Revolution können auch in China angewandt werden, Eben
vom Standpunkt der marxistisch-leninistischen Theorie und Praxis der
Revolution werde ich an die Fragen herantreten, die vor den Gewerkschaften
und der Arbeiterklasse Chinas stehen,

Zunächst, was ist die Revolution? — Die Revolution ist die schärfste
Form des Klassenkampfes, Das bedeutet, daß sowohl die Revolution, als
auch die Konterrevolution sich auf bestimmte Klassen stützen, die mit Ge-
walt einerseits neue Beziehungen schaffen, andererseits das Alte erhalten
wollen. Der scharfe Klassenkampf ist ohne Bürgerkrieg unmöglich, Dem-
nach ist der Bürgerkrieg der Weggenosse jeder Revolution, Daraus fo}gt,
daß die friedliche Lösung der Fragen, die die Revolution stellt, unmöglich
ist, unmöglich deswegen, weil es sich um die Interessen ganzer Klassen
handelt und die Geschichte kein Beispiel dafür kennt, daß die herrschen-
den Klassen zum Nutzen der anderen Klassen auf ihre Privilegien und Vor-
teile freiwillig verzichten, Friedliche Revolutionen gibt es nicht, In der
Revolution kommt es hauptsächlich darauf an, daß Millionen, Dutzende
Millionen Menschen in Bewegung geraten. Ist das geschehen, erheben sich
Millionen zum Kampf, so ist der Erfolg der Revolution gesichert.

Der erfolgreiche Verlauf der Revolution hängt aber in bedeutendem Maße
davon ab, ob wir gegen die Konterrevolution kämpfen und wie wir gegen
sie kämpfen, Vergegenwärtigen wir uns, daß sich die Konterrevolution,
d, h. das Streben nach Wiederherstellung des Alten, auf den Interessen
bestimmter Klassen oder Gruppen stützt, so werden wir begreifen, daß der
Kampf gegen die Konterrevolution zwei Seiten haben muß, eine politische
und eine sozialwirtschaftliche Seite. Nicht die Konterrevolution ist gefähr-
lich, die ihren Standort außerhalb der Gebiete der Wuhanregierung hat
[Tschangtsolin, Tschangkaischek, Litisin usw.), sondern diejenige, die sich
auf dem Territorium der Wuhanregierung befindet, Vom ihr droht die größte
Gefahr. Auf welche Klassen und Gruppen stützt sich hier die Konter-
revolution? — Auf die: 1. Großgrundbesitzer, 2, Gentrys, 3. Kompradors
[Vermittier), 4, Handels-, Industrie- und Finanzbourgeoisie, die das Alte
dem Neuen vorzieht, 5. auf einen Teil des Militärs, das mit den besitzenden
Xlassen liiert ist und sich eine Gesellschaftsordnung ohne Ausbeutung der
Massen nicht vorstellen kann, 6, auf das ausländische Kapital mit seinen
Banken, 7. auf die imperialistischen Mächte, die tausende Fäden mit der
chinesischen Konterrevolution verknüpfen und die jeden Augenblick bereit
sind, ihr durch ihre offizielien und inoffiziellen Vertreter Hilfe und Unter-
stützung in jeder Form zu gewähren. Man vergesse nicht, daß all diese
Klassen und Gruppen verzweigte Verbindungen, organisatorische Erfahrungen
haben, daß sie die entscheidenden Nervenstränge des Wirtschaftslebens des
Landes beherrschen, über ungeheuere Mittel verfügen, Hält man sich das
vor Augen, so erkennt man, wie stark und gefährlich die Konterrevolution
ist. — Ich soll Beispiele anführen? Ich werde es tun.

Bedarf es des Beweises, daß die Großgrundbesitzer und Gentrys die
Träger der Konterrevolution sind? Haben nicht sie in Hunan und Hupei den
Ueberfall, die Zerstörung der Bauernverbände organisiert? — Das ist doch
        <pb n="78" />
        woh} einleuchtend, Wer hat vor zwei bis drei Wochen eine Finanzpanik
hervorgerufen? Wer hat den Boykott der von der nationalen Regierung
herausgegebenen Zahlungsmittel organisiert — die ausländischen Banken
gemeinsam mit der örtlichen Finanz-, Handels- und Industriebourgeoisie,
Sind aber die Organisierung einer Finanzpanik und der Boykott der Zah-
lungsmittel nicht konterrevolutionäre Handlungen?

Der Aufstand. Siangduins und die Ereignisse in Hunan beweisen, daß
es unter den Befehlshabern der nationalen Armee Konterrevolutionäre gibt,
die nur auf den Augenblick lauern, um loszuschlagen und die Revolution
zu ersticken, Die blutigen Ereignisse in Hunan dürften einen wohl zu
ernstem Nachdenken zwingen. Während die nationale Revolution sich nach
dem Norden vorschiebt, tauchen aus den Reihen der Revolution Personen
empor, die zu den schlimmsten Feinden des Volkes werden. Mehr noch,
während in Hunan hunderte und tausende Führer der Arbeiter- und Bauern-
organisationen abgeschlachtet werden, nimmt man in Wuhan eine abwartende
Haltung ein, man sendet einen Delegierten, um die Mörder zur Vernunft zu
bringen und zu überreden! — Die Konterrevolution muß vernichtet werden,
und das ist bisher nicht geschehen. Anstatt die Konterrevolution zu ver-
nichten, werden zwischen dem General Tsaolan und den Hunaner Mördern
sehr merkwürdige Verhandlungen gepflogen. Ich frage noch einmal, was
soll das alles bedeuten?

Ferner, Erst vor wenigen Tagen hat General Tschupeitak aus Kiangsi
alle politischen Funktionäre, Kommunisten und linke Anhänger der Kuo-
mintang, ausgewiesen und die Arbeiter- und Bauernorganisationen verboten.
Tschupeitak gibt sich als revolutionärer General aus. Auf wen will sich
denn dieser revolutionäre General stützen? Was ist das für eine Revolu-
tion, in der jeder General tut, was ihm gut dünkt? Was in Kiangsi ge-
schehen ist, ist der erste Schritt zur Restaurierung — das heißt: auch an
diesem Abschnitt der Front rückt die Konterrevolution vor, Welche Schluß-
folgerung kann man aus den Tatsachen ziehen? Nur eine: man muß die
Generäle und überhaupt das Militär der Kontrolle der Arbeiter und werk-
tätigen Massen in Stadt und Land unterstellen, Geschieht das nicht, so wird
die Revolution untergehen,

Aus den Erfahrungen der russischen Revolution wissen wir, wie die
Konterrevolution ihre Schläge vorbereitet und wie sie von den ausländischen
Mächten unterstützt wird, 1918 ertappten wir den englischen Konsul Lokhard
auf der Tat: er versorgte die Monarchisten mit Geld, organisierte und unter-
stützte Verschwörungen usw, Der französische Botschafter Noulens iinan-
zierte Sprengstoffattentate auf Brücken und Eisenbahnzüge, Aufstände usw.
Während der ganzen Dauer des Bürgerkrieges lieferten England, Frankreich,
Japan, Amerika an die Konterrevolution und die konterrevolutionären
Generäle Geid, Waffen usw. Daß die imperialistischen Mächte Tschangtso-
lin, Tschangkaischek usw. unterstützten, ist Euch bekannt, glaubt ihr aber,
daß der Aufstand Siangduins und die Ereignisse in Hunan so ganz ohne
Verbindung mit den Vertretern der imperialistischen Mächte standen? Man
muß schon sehr naiv sein, wenn man auch nur eine Minute vergißt, daß die
Imperialisten stets bereit sind, eine beliebige Verschwörung, eine beliebige
Gruppe Banditen, eine beliebige Gruppe Reaktionäre zu unterstützen, sie
mit Geld, Waffen, Instrukteuren zu versorgen, ihnen in ihren Konzessionen
Zuflucht zu gewähren, um in den Rücken der Revolution den Dolchstoß zu
führen,

Die Konterrevolution stellt eine ernste Macht dar, mit der man ernst
        <pb n="79" />
        kämpfen muß, nicht in Worten, sondern durch Taten, auf Tod und Leben,
Man muß mit ihr nach zwei Richtungen kämpfen: politisch und wirtschalt-
ch, Man muß in erster Linie die innere Konterrevolution schwächen,
Mit anderen Worten: nur die bis zum Ende durchgeführte agrarische Revolu-
tion. auf dem Lande und der Kurs auf Nationalisierung der Großindustrie
und der Banken in der Stadt vermag der Konterrevolution den tödlichen
Schlag zu versetzen. Die agrarische Revolution wird der Konterrevolution
den Boden entziehen, die Kräfte der Revolution verzehnfachen, Daher
nuß die Arbeiterklasse, müssen die Gewerkschaften entschlossen für die
möglichst baldige Enteignung der Großgrundbesitzer, für die Vertreibung
der Gentrys aus den Dörfern, für den Ersatz des alten Verwaltungsapparates
in den Dörfern durch eine gewählte demokratische Selbstverwaltung der
Bauern eintreten, Ich weiß, daß ein solches entschlossenes Programm
manchen zurückschrecken wird. Doch, wer die agrarische Revolution fürchtet,
der legt sich nicht Rechenschaft davon ab, daß dies der einzige Weg zum
Sieg ist, daß ohne die agrarische Revolution China noch Jahrzehnte die
Zeute der Imperialisten und Militaristen bleiben wird,

Der Kampf gegen die Konterrevolution ist auch noch deswegen eine
sehr ernste Angelegenheit, weil es der Konterrevolution häufig gelingt, sich
‘m Herzen der revolutionären Organisationen einzunisten, dort Panik zu
säen, Zwistigkeiten heraufzubeschwören und die Aufmerksamkeit der Massen
in fa’sche Bahnen zu lenken, Dafür ein Beispiel, Es ist Euch sicherlich
aufgefallen, daß man in den letzten Wochen, besonders am Vorabend der
blutigen Ereignisse in Hunan, überall! von Exzessen gesprochen hat, Man
hat die Bewegung der Millionen Bauern in Hunan als ununterbrochene Aus-
schreitungen dargestellt, Für einzelne Fehler, die bei einer Massenbewegung
unvermeidlich sind, macht man die gesamte Bewegung verantwortlich. Man
hat die Hunaner Bauernschaft ohne Ausnahmen a’s Banditen und Räuber
verschrien. — In wessen Interesse war es, die Bauernbewegung in Hunan
zu verleumden? Im Interesse der Großgrundbesitzer, Gentrys und der
Konterrevolution. Wem nutzte das Gerede über die Exzesse in Hunan?
Der Konterrevolution, Stimmt das? Freilich stimmt es. Die Agitation und
Propaganda sollte die Armee zum Umsturz vorbereiten und in den Massen
segenüber den Hunaner Bauern und ihren Organisationen Mißtrauen wecken,
Als man das erreicht hatte, folgte der Ueberfall. Die an sich scheinbar
unbedeutende Frage der Exzesse war also tatsächlich eine große Frage
unserer revolutionären Politik. Die Großgrundbesitzer und Gentrys, die die
Bauernrevolution hart traf, erhoben ein großes Geschrei, auf das viele Revo-
‚utionäre hineinfielen. Sie krochen ihnen auf den Leim, begannen sich eben-
ialls über die Exzesse aufzuregen, sie begriffen nicht, daß es Revolutionen
»hne Exzesse nicht gibt, Es soll solche geben, die von der Revolution etwa
lie Vorstellung eines Tanzsaales haben, wo sich die Paare zier'ich, manier-
ich drehen und wenden, wo man sich sozusagen in weißen Handschuhen
vergnügt, Das ist keine Revolution, Das ist leeres Geschwätz über die
Zevolution. Eine Revolution, die Dutzende Millionen bedrückter Menschen
in Bewegung bringt, gleitet nicht wie auf dem Parkett dahin, Die Revolution
ist ein grausames Ding. Wenn sich von der Kultur nur wenig berührte,
vom Hunger und Elend zur Verzweiflung gebrachte Massen erheben, so
brauchen sie keinen guten Ton und keine guten Manieren, Man muß be-
greifen, daß diese ungebiidete, rückständige, verelendete Bauernmasse ein
historisches fortschrittliches Werk vollbringt, während die zivilisierten Euro-
päer, Amerikaner und ihre chinesischen militärischen und zivilen Anhänger
am schwarzen Werk der Weltreaktion arbeiten, China und die ganze Mensch-
        <pb n="80" />
        heit rückwärts drängen, Und darauf kommt es an, alles andere ist ‚neben-
sächlich, Die Ausschreitungen werden in dem Augenblick aufhören, in dem
man die Bauern befriedigt.
Heute hat man sich eine neue Theorie ausgedacht, man sagt, die Arbeiter
und Bauern verfolgen „enge egoistische persönliche Interessen‘, nicht die
Interessen der Allgemeinheit, daher muß man die Forderungen der werk-
tätigen Massen begrenzen, Für die Revo'ution ist das eine sehr gefährliche
Theorie, aus der schon mehrfach die Konterrevolution entstanden ist und
jetzt wieder in China entstehen kann, Was bedeutet sie? — Man schlägt
den Arbeitern und Bauern vor, sich auf die reine Politik zu beschränken
und auf ihre wirtschaftlichen Forderungen zu verzichten, d. h, man will in
Stadt und Land die alten sozialen Beziehungen unverändert lassen. Und
weiter, was ist schon dabei, wenn die Arbeiter- und Bauernmassen ihre so-
genannten „egoistischen'” Ziele durchsetzen? Sie bilden doch mehr als
90 Prozent des chinesischen Volkes, Und was ist dabei, wenn die Revolu-
tion die überwiegende Mehrheit des chinesischen Volkes befriedigt? Glaubt
Ihr denn, die Revolution wäre möglich, wenn die Massen nicht für ihre Inter-
essen kämpften? Man sagt, in erster Linie die Nation, dann die Klasse.
Was ist aber die Nation? Für uns ist sie im jeweiligen Land die erdrückende
Mehrheit der Bevölkerung, für die Bourgeoisie nur die besitzenden Klassen.
Wie man auch an die Frage herantritt, die Opposition gegen die „egoistischen‘
Interessen der Arbeiterklasse und der Bauern ist eine Opposition gegen die
Revolution, gegen das chinesische Volk.
In Verbindung damit möchte ich noch eine Theorie berühren, die Theorie
über die Unreife und die Kinderkrankheiten der Arbeiter- und Bauern-
bewegung in China, Diese Theorie hat sich in der letzten Zeit das Bürger-
recht erworben, man schreibt und spricht über sie, sie hat sogar einige chine-
sische Gewerkschaftsführer infiziert, Ich muß mich kategorisch gegen diese
Theorie aussprechen, ‚denn aus ihr ergibt sich eine für die revolutionäre
Arbeiterbewegung unannehmbare Praxis, Was bezweckt man? Was will
man damit sagen? — Die Arbeiter- und Bauernbewegung in China ist jung.
Das stimmt, Sind aber nicht auch die anderen revolutionären Organisa-
tionen jung? In China sind die Handelskammern die ä’testen Einrichtungen.
Daraus folgt aber nicht, daß ihre Politik für die werktätigen Massen annehm-
bar ist, Alle revolutionären Organisationen sind jung, darauf beruht ihre
Macht und Stärke. Scheinbar will man aber mit der Theorie etwas anderes
sagen, und zwar: die Arbeiter- und Bauernorganisationen stecken noch in
den Kinderschuhen, man muß sie bevormunden, sie ständig überwachen, man
muß sie reorganisieren, man muß andere Führer einsetzen usw. Da tut ein
energischer Widerstand not, Eine solche Tendenz ist gegen die revolutio-
nären Führer der Arbeiter- und Bauernorganisationen gerichtet, Ueberlassen
wir es doch den Millionen Arbeitern und Bauern selbst, die sich ihre Ver-
bände geschaffen haben, die Fehler zu korrigieren. Zwingt ihnen nicht
Führer auf, die ihnen fern stehen, die keinen Begriff haben von dem schweren
Leben und der schweren Arbeit der Bauern- und Arbeitermassen.

Nun noch eine Frage, die unsere Aufmerksamkeit verdient. Das ge-
fährlichste in der Zeit der Revolution sind die Schwankungen, die gefähr-
lichsten Leute während des Bürgerkrieges diejenigen, die die Revolution
mit der Konterrevolution versöhnen wollen, In Wuhan wimmelt es heute
von solchen Vermittlern, Es gibt Menschen, die derartige Vermittlungen
zu ihrer Spezialität gemacht haben, Sie sind bestrebt, die Wuhanregierung
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        mit Tschangkaischek auszusöhnen, Was heißt jedoch: Frieden mit Tschang-
kaischek? — Die Rechtfertigung seines Verrates und die Sanktionierung der
von ihm verübten Arbeitermorde, Wer für den Frieden mit Tschangkaischek
ist, ist ein Feind der Revolution und ein Feind des Volkes, Das muß sich
jeder klassenbewußte Arbeiter, jeder klassenbewußte Revolutionär sagen,
Keinen Waffenstillstand, keinen Frieden mit der Konterrevolufion, keinen
Frieden mit Tschangkatschek — müssen die Gewerkschaften auf ihre Fahnen
schreiben. .
Zum Schluß noch einige Worte über die besonderen Aufgaben der chine-
‚ischen Gewerkschaften als Organe zum Schutze der Arbeiterklasse, Die
„hinesischen Gewerkschaften haben durch ihren Kampf bewiesen, daß sie
an der Spitze der Massen marschieren — das ist einer ihrer größten Ver-
lienste. Die chinesischen Gewerkschaften haben ferner bewiesen, daß sie
die Interessen aller Werktätigen über die der einzelnen Gruppen stellen, Das
ist ihr zweiter wichtiger Verdienst, Die chinesischen Gewerkschaften haben
sodann durch ihre letzten Proteststreiks bewiesen, daß sie bereit sind zum
Kampf gegen die Konterrevolution, das ist ihr dritter Verdienst, Mit einem
Wort, die chinesischen Gewerkschaften haben unter Beweis gestellt, das sie
revelutionäre Klassenorganisationen und der Internationale würdig sind, der
sie angehören. Aber das, was sie in kurzer Frist erreicht haben, genügt noch
nicht, Ihr müßt in erster Linie die Arbeitermassen zu den Gewerkschaften
heranziehen, den faschistischen Gewerkschaften aller Art, die jetzt unter dem
Schutz von Tschangkaischek und Litisin entstehen, den rücksichtslosen Krieg
erklären, ihr müßt energisch gegen diejenigen kämpfen, die die revolutionären
Arbeiter für die faschistischen Organisationen gewinnen wollen, Man muß
die Verbindung der Verbände mit den Massen enger gestalten, in jedem Ver-
bande und in jeder Zelle die Aktivität und Initiative der Mitglieder steigern,
aus den Massen der Arbeiter und Arbeiterinnen neue Führer heranziehen,
nan muß den Erlaß einer umfassenden sozialen Gesetzgebung zum Schutze
ler Arbeit und Gesundheit der Arbeiter, Arbeiterinnen und Kinder durch-
setzen, Es ist notwendig, auf die Organisierung der Arbeiter in den wich-
tigsten Industriebezirken und Zweigen der Volkswirtschaft (Bergbau, Hütten-
“ndustrie, Eisenbahnwesen und Schiffahrt, Textilindustrie usw.) die schärfste
Aufmerksamkeit zu richten, man muß in jeder Industrie einen entsprechenden
Landesverband schaffen. Man muß das Kampfbündnis zwischen den
Arbeitern, Bauern und Soldaten festigen und sich durch gegenseitige Kon-
zessionen mit dem städtischen Kleinbürgertum über den gemeinsamen Kampf
gegen die Konterrevolution verständigen, Man muß ferner das brüderliche
Bündnis der chinesischen Gewerkschaften mit den Arbeitern an der ganzen
Küste des Stillen Ozeans und in erster Linie mit den Arbeitern der USSR,
Japans und Indiens festigen, Notwendig ist eine aktivere Beteiligung an
len Arbeiten der RGI und eine enge Verbindung mit der revolutionären
Arbeiterbewegung der ganzen Welt.
Das sind die gigantischen Aufgaben, die der chinesischen Gewerkschafts-
bewegung und der chinesischen Revolution harren, Ich bringe die Ueber-
zeugung zum Ausdruck, daß der 4. chinesische Gewerkschaftskongreß in der
augenblicklichen komplizierten kritischen Situation die richtige Linie finden,
den Massen den richtigen Weg weisen und ihnen richtige Losungen geben
wird. Ihr vertritt nach den Gewerkschaften der USSR die größte Sektion
der RGL Ihr werdet Euch mit Ehren der Mission entledigen, die Euch die
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        Geschichte auferlegt hat, Ihr werdet die chinesische Revolution zum sieg-
reichen Ende führen.
Nieder mit der Konterrevolution, ihren Hehlern und Handlangern!

Nieder mit denen, die die Revolution mit der Konterrevolution versöhnen
wollen!

Nieder mit den faschistischen Gewerkschaften und ihren Organisatoren!

Hoch die agrarische Revolution!

Hoch die Einheitsfront aller Werktätigen in Stadt und Land!

Hoch die revolutionäre chinesische Gewerkschaftsbewegung!

Hoch die einheitliche Klassenkampfinternationale der Gewerkschaften!

Druck: „Peuvag“, Papier-Erzeugungs- und Verwert.-A.-G., Abt. Friedrichstadt-Druckerei Berlin
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nicht in Worten, sondern durch Taten, auf Tod und Leben,
ihr nach zwei Richtungen kämpfen: politisch und wirtschaft-
„uß in erster Linie die innere Konterrevolution schwächen.
Worten: nur die bis zum Ende durchgeführte agrarische Revolu-
Lande und der Kurs auf Nationalisierung der Großindustrie
ken in der Stadt vermag der Konterrevolution den tödlichen
\setzen, Die agrarische Revolution wird der Konterrevolution
»ntziehen, die Kräfte der Revolution verzehnfachen, Daher
jeiterklasse, müssen die Gewerkschaften entschlossen für die
'dige Enteignung der Großgrundbesitzer, für die Vertreibung
us den Dörfern, für den Ersatz des alten Verwaltungsapparates
ırn durch eine gewählte demokratische Selbstverwaltung der
sten. Ich weiß, daß ein solches entschlossenes Programm
ckschrecken wird. Doch, wer die agrarische Revolution fürchtet,
nicht Rechenschaft davon ab, daß dies der einzige Weg zum
ohne die agrarische Revolution China noch Jahrzehnte die
verialisten und Milkitaristen bleiben wird.
pf gegen die Konterrevolution ist auch noch deswegen eine
ngelegenheit, weil es der Konterrevolution häufig gelingt, sich
er revolutionären Organisationen einzunisten, dort Panik zu
eiten heraufzubeschwören und die Aufmerksamkeit der Massen
hnen zu lenken. Dafür ein Beispiel, Es ist Euch sicherlich
aß man in den letzten Wochen, besonders am Vorabend der
inisse in Hunan, überall von Exzessen gesprochen hat, Man
“ung der Millionen Bauern in Hunan als ununterbrochene Aus-
argestellt, Für einzelne Fehler, die bei einer Massenbewegung
sind, macht man die gesamte Bewegung verantwortlich, Man
ner Bauernschaft ohne Ausnahmen als Banditen und Räuber
In wessen Interesse war es, die Bauernbewegung in Hunan
n? Im Interesse der Großgrundbesitzer, Gentrys und der
on. Wem nutzte das Gerede über die Exzesse in Hunan?
olution, Stimmt das? Freilich stimmt es. Die Agitation und
ıllte die Armee zum Umsturz. vorbereiten und in den Massen
Hunaner Bauern und ihren Organisationen Mißtrauen wecken,
zrreicht hatte, folgte der Ueberfall, Die an sich scheinbar
Frage der Exzesse war also tatsächlich eine große Frage
tionären Politik. Die Großgrundbesitzer und Gentrys, die die
‚on hart traf, erhoben ein großes Geschrei, auf das viele Revo-
_nfielen, Sie krochen ihnen auf den Leim, begannen sich eben-
” Exzesse aufzuregen, sie begriffen nicht, daß es Revolutionen
nicht gibt, Es soll solche geben, die von der Revolution etwa
3 eines Tanzsaales haben, wo sich die Paare zierlich, manier-
nd wenden, wo man sich sozusagen in weißen Handschukhen
3 ist keine Revolution, Das ist leeres Geschwätz über die
ine Revolution, die Dutzende Millionen bedrückter Menschen
ringt, gleitet nicht wie auf dem Parkett dahin, Die Revolution
‚mes Ding, Wenn sich von der Kultur nur wenig berührte,
ınd Elend zur Verzweiflung gebrachte Massen erheben, so
seinen guten Ton und keine guten Manieren, Man muß be-
liese ungebi*dete, rückständige, verelendete Bauernmasse ein
rtschrittliches Werk vollbringt, während die zivilisierten Euro-
ner und ihre chinesischen militärischen und zivilen Anhänger
Werk der Weltreaktion arbeiten, China und die ganze Mensch-
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