<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Die Lehren des Marxismus im Lichte der russischen Revolution</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>B. D.</forname>
            <surname>Bruckus</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1777228913</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        Die
Lehren de:

ZrXISMUS
im Lichte
der russischen Revolution

z7on

Boris Brutzkus
Prof. des Russischen Wissenschaftlichen Instituts in Berlin,
eh. Prof. der Landwirtschaftlichen Hochschule in Petrograd

SO -
Z en. AG £
Z... BERUN + 4x
CE W35
m
B 963

VERLAG HERMANN SACK / BERLIN W 35
        <pb n="2" />
        Die
Lehren des Marxismus
im Lichte
der russischen Revolution

Boris,Brutzkus
Prof. des Russischen Wissenschaftlichen Instituts in Berlin,
eh. Prof, der Landwirtschaftlichen Hochschule in Petrograd

| S) \
\

‚ax 8

VERLAG HERMANN SACK / BERLIN W35
        <pb n="3" />
        Alle Rechte vorbehalten
Sopyright 1928 by Verlag Hermann Sack, Berlin W35

N
Ka
Ana ; 5

m PAD ® zo

tra Rinlicil Ze

ZZ EMMEN

DE Sn
Ct 2 * EN

Po 5

Ki x De /

in

. N
KAM
        <pb n="4" />
        Vorwort.

Die soziale Revolution in Rußland besitzt in mancher Be-
ziehung eine welthistorische Bedeutung. Diese Bedeutung
kommt ihr namentlich auch deshalb zu, weil sie zuerst den
Versuch unternahm, den Sozialismus aus der Höhensphäre
eines leuchtenden Zukunftstraums in den Bereich der nüch-
ternen Wirklichkeit zu überführen. Sie redete nicht bloß
vom Sozialismus, sondern setzte ihn in die Tat um.

Dadurch zwang die russische Revolution die National-
Ökonomen endlich, über den Sozialismus als Problem eines
realen Aufbaues ernstlich nachzudenken. Die Sozialisten
selbst beschäftigten sich, dem Beispiele Marxens folgend,
mit dieser Frage nicht. Aber auch ihre Gegner sannen die-
sem Problem nur wenig nach, — so wenig real erschien
as ihnen.

Die in der vorliegenden Schrift niedergelegten Gedanken
reiften bei dem Verfasser in Petrograd während der furcht-
baren Jahre des Aufbaus des Kommunismus. Weder hielt
der Verfasser damals für möglich, diese Gedanken schrift-
lich darzulegen, noch hegte er die Hoffnung, sie einmal
einem größeren Kreise mündlich. vortragen zu können. Es
gab allzuviel Wahrscheinlichkeiten, durch Hunger, Kälte,
Flecktyphus oder durch die Hand der Tscheka aus dem
Leben fortgerafft zu werden. Allein dem Verfasser glückte
es, diese unselige Zeit zu überleben. Ende 1920, als der
Sieg an den verschiedenen Fronten des Bürgerkriegs sich
offensichtlich der Revolution zuzuneigen anfing, hat.der
Druck des terroristischen Regimes in Petrograd etwas nach-
zelassen. Die Intellektuellen kamen nach und nach aus
ihren Verstecken heraus, sie erhielten selbst die Möglich-
keit, sich hie und da zu versammeln und Worte zu wech-
seln, sei es auch nur unter sich.

Es war ein feuchter, regnerischer Abend Ende August
1920, als ich vor einer Versammlung erschönpfter und aus-

n
        <pb n="5" />
        zemergelter Petrograder Gelehrten einen Vortrag über „Die
Probleme der Volkswirtschaft im Rahmen des Sozialismus“
hielt, — unter diesem Titel verbarg ich meine prinzipielle
Kritik des wissenschaftlichen Sozialismus. Der Kommunis-
mus war damals von seinen Siegen berauscht. Die Sowjet-
regierung führte ihren Kampf mit Wrangel erfolgreich zu
Ende und versprach nun, wo sie die Hände bald frei haben
wird, auch mit allen wirtschaftlichen Schwierigkeiten schnell
fertig zu werden. So versicherten uns ihre Anhänger. Also
mitten in diesem größten Triumph der kommunistischen
Stimmungen erlaubte ich mir in meinem Vortrage zu be-
haupten, daß das ökonomische Problem des marxistischen
Sozialismus unlösbar, daß der Untergang unseres Sozialis-
mus unvermeidlich sei, und ich zeichnete‘ sogar einige
Übergänge zu der kapitalistischen Wirtschaftsordnung vor,
die später bei der Einführung der Neuen Wirtschaftspolitik
teilweise denn auch verwirklicht wurden. Mein Vortrag er-
regte Aufmerksamkeit. Ich mußte ihn in geschlossenen
Versammlungen vielmals wiederholen.

Der Rückzug des russischen Sozialismus trat bald ein.
im März 1921 mußte Lenin die Neue Wirtschaftspolitik
(NEP) proklamieren. Gleichzeitig entstanden Hoffnungen
auf eine Wiedergeburt einer nichtkommunistischen Literatur.

{m Grunde hatte ja der Kommunismus in der Zeit seiner
größten Entfaltung noch keinen prinzipiellen Kampf der
Wortfreiheit angesagt. Indem er alle Äußerungen freien
Geistes unterdrückte, berief er sich entweder auf die Kriegs-
notwendigkeit oder auf den Mangel an materiellen Hilfs-
quellen. Es fehlte an Papier selbst für Propagandaflugschrif-
en, — wie sollte man es für die Herstellung von Erzeug-
aissen bürgerlicher Schriftsteller hergeben ?!

Mit dem Verschwinden der Kriegsfronten und dem Wieder-
aufleben der Wirtschaft unter der NEP fielen diese Ein-
wendungen weg. Privatverlage traten ins Leben, in Petro-
grad wurden sogar einige nichtkommunistische Zeitschriften
gestattet. Da entschloß ich mich in der Zeitschrift „Ökono-
mist‘, die seit Ende 1921 von der „Russischen Technischen
Gesellschaft‘ in Petrograd herausgegeben wurde, meine
Aufsätze über den Sozialismus drucken zu lassen. Ich sagte
mir: Die Zauberkraft, die der Marxismus bisher auf die Kom-
munisten ausgeübt hatte, ist nunmehr, nach der bitteren
Erfahrung, stark erschüttert, und es wird diese vielleicht
        <pb n="6" />
        interessieren, einmal eine zeitgemäße russische Kritik des
Sozialismus zu lesen. Freilich schrieb ich zurückhaltend.
Meine Hoffnung auf die Duldsamkeit der Kommunisten be-
wahrheitete sich diesmal. Meine Abhandlung war in drei
Heften der Zeitschrift gedruckt; die Zensur erlaubte sich
nur einige polemische Absätze auszumerzen — und dies
trotz des Wutgeheuls, das sich in der Sowjetpresse schon
beim Erscheinen des ersten Heftes unserer Zeitschrift erhob.

Allein das „lucidum intervallum‘“ der kommunistischen
Duldsamkeit war nur von sehr kurzer Dauer und wahr-
scheinlich nicht ohne provckatorische Hintergedanken. Schon
im Sommer 1922 verschärfte sich die Strenge der Zensur.
Die GPU!) zeigte ein unverhohlenes Interesse für das Re-
daktionskollegium des „Ökonomist‘“. Nach Erscheinen des
Doppelhefts 4/5 wurde die Zeitschrift verboten und die vor-
handenen Exemplare in den Buchhandlungen beschlagnahmt.

Auf dem kommunistischen Parteitag im August 1922 ver-
kündete Sinowjew einen „geistigen Kampf“ gegen die bür-
gerliche Ideologie. Der erste Akt dieses „geistigen Kamp-
fes‘‘ bestand in Massenverhaftungen von Intellektuellen in
Moskau und Petrograd. Am Frühmorgen des 17. August 1922
saß schon ein großer Teil des Redaktionskollegiums des
„Ökonomist‘“, darunter auch der Schreiber dieser Zeilen,
in dem berüchtigten Gefängnis der Tscheka in der Gorocho-
waja-Straße.

Die Verhafteten hatten mit Politik nichts zu ‚tun. Es
waren Professoren der Philosophie, der Rechtswissenschaft,
der Nationalökonomie, ja auch der höheren Mathematik,
so wie einige bekannte Publizisten und Literaten, die im
Laufe von vier Jahren keine Möglichkeit hatten, auch nur
eine Zeile zu veröffentlichen. Der Apolitismus vermag aber
freilich im kommunistischen Rußland Nichtkommunisten
zor keiner Gewaltmaßnahme zu schützen.

Immerhin war die Haltung der kommunistischen Macht-
haber diesmal von einer ungewöhnlichen Milde. Man machte
uns keinen Prozeß vor dem Revolutionstribunal, der ge-
wöhnlich Todesurteile zur Folge hat, ja, man hat uns nicht
einmal in ein hinter dem Polarkreis liegendes Konzentra-
“onslager verbannt, sondern uns nur aufgefordert, das Land

1) Die Staatspolitische Verwaltung, die unter der NEP. die Funktionen
ler Tscheka übernahm.
        <pb n="7" />
        zu verlassen. „Präventivhumanität‘, Charakterisierte Trotzki
dieses Verhalten der Sowjetregierung. uns gegenüber. „Ge-
lehrte Ideologen,‘“ so ließ er sich in der‘ „Prawda‘“ ver-
nehmen, „sind heute für die Sowjetmacht ungefährlich. Aber
es könnten äußere oder innere Überraschungen kommen,
und dann müßte man diese Ideologen erschießen lassen,
also mögen sie lieber ins Ausland gehen.‘ So kamen wir
Jdenn außer des Landes.

Indem ich nun meine damaligen Aufsätze über den Sozia-
lismus heute in deutscher Sprache veröffentliche, glaube
ich doch, sie nicht auf Grund der neuen Literatur über den
Sozialismus, die ich inzwischen im Auslande kennengelernt
habe, ändern oder ergänzen zu dürfen. Dies würde nämlich
das eigenartige ursprüngliche Gepräge dieser einzigen öffent-
lichen Kritik des Sozialismus, die durch einen Zufall unter
ler Ägide der Sowjetmacht im Druck erscheinen konnte,
ändern?). Meine Kritik konnte natürlich nur deshalb das
Licht der Welt erblicken, weil sie einen wissenschaftlich-
theoretischen Charakter besaß, weil sie für „sapientes“ ge-
schrieben war. Aber der aufmerksame Leser wird sicher-
lich hinter den theoretischen Formeln meine moralische
Wertung dieses sozialen Experiments am lebendigen Körper
nes großen Volkes fühlen.

Der Übergang zur neuen Wirtschaftspolitik in Rußland
darf keineswegs das Interesse an der Erforschung des
Wesens des folgerichtigen Sozialismus schwächen. Erstens
ist auch die Neue Wirtschaftspolitik durch den sozialisti-
schen Gedanken der Planwirtschaft durchdrungen, und zwei-
‘ens wird sie von den meisten Kommunisten nur als eine
vorübergehende Erscheinung betrachtet. Sie ist ein neuer
Weg zu demselben Ziel — zum Aufbau des folgerichtigen
naturalwirtschaftlichen Sozialismus. Wäre es der Ill. Inter-

nationale gelungen, den Sieg der sozialen Revolution auch
ım Westen zu erringen, so könnte man sogleich zum echten
Kommunismus mit Erfolg zurückkehren. Durch die Neue
Wirtschaftspolitik ist die Frage des orthodoxen Sozialismus
ron der Tagesordnung keineswegs entfernt worden.

Ich darf zum Schlusse die Hoffnung aussprechen. daß
?) Ich habe mir lediglich erlaubt, einige von der Zensur unterdrückte
Stellen wieder einzuschalten, sowie einen Schlußabsatz anzufügen, der
ich zwar aus dem ganzen Inhalt des Aufsatzes ergab, in Rußland aber
nicht zum Ausdruck gebracht werden konnte.
        <pb n="8" />
        meine konzis abgefaßte Schrift von all denen mit Nutzen
gelesen wird, die des Willens sind, in die Theorie des So-
zialismus tiefer einzudringen. Das Thema bleibt nicht nur
für Rußland, sondern auch für die ganze Kulturwelt von
aktueller Bedeutung:

Berlin-Lichterfelde,
Oktober 1927.

Der Verfasser.
        <pb n="9" />
        Inhaltsverzeichnis.
Seite
[. Der Marxismus und das Problem der sozialistischen
Volkswirtschaft ‚ . . . .. 9—15
IL Das wirtschaftliche Prinzip und der Sozialismus 15—21
IL Die Arbeitswertrechnung in der sozialistischen
Wirtschaft... .000000000000. , 21—26
!V. Die Arbeitskosten und der Marktpreis . . . .26—33
V. Der Einheitsplan der sozialistischen Wirtschaft , 33—48
VI. Das Verteilungsproblem und der Sozialismus . 48—62
VIL Die wirtschaftliche Freiheit und der Sozialismus 62—76
VII Die subjektiven Faktoren der sozialistischen Volks-
wirtschaft , . .. 7 26—81
IX. Der Sozialismus und die Landwirtschaft .. . 81—84
X. Schlußbetrachtungen 84— 90
        <pb n="10" />
        Der Marxismus und das Problem der
sozialistischen Volkswirtschaft.
Man pflegt die Entwicklungsgeschichte der sozialistischen
Lehren in zwei einander folgende Perioden einzuteilen: die
Periode des [utopischen und die des [wissenschaftlichen So-
zialismus. Diese Einteilung ist etwas allzu schroff, denn man
Kann wissenschaftliche Elemente auch in dem sog. utopi-
schen Sozialismus aufzeigen und unwissenschaftliche Ele-
mente in dem sog. wissenschaftlichen Sozialismus entdecken.
Dennoch bleibt die Einteilung ihrer Grundidee nach zutreffend.
Die Grenzscheide zwischen den beiden Perioden wird durch
die Werke des größten sozialistischen Denkers und Poli-
likers Karl Marx gebildet. Marx versuchte, die Vorgänge der
sozialökonomischen Entwicklung zu begreifen, indem er von
der Idee der Evolution ausging, und diese Methode erwies
sich im Bereiche der Sozialwissenschaften als ebenso frucht-
bar, wie auf allen anderen Wissensgebieten. In der zweiten
Hälfte des verflossenen Jahrhunderts errang der Marxismus
sine unbedingte Vorherrschaft innerhalb der sozialistischen
Bewegung und auch gegenwärtig bleibt er das Dogma des
revolutionären. Proletariats. Ebenso liegt der Marxismus
auch dem Programm der russischen kommunistischen Partei
zugrunde.

Die utopischen Sozialisten hatten die Vorstellung, daß
die sozialistische Gesellschaftsordnung das Ergebnis der
[nitiative kleiner gesellschaftlichen Gruppen sein werde, die
von dem Glauben an die Wohltaten des Sozialismus durch-
drungen durch ihre von diesem Glauben beseelte Tatkraft
auch die ganze übrige Gesellschaft mit sich fortreißen wer-
den. Im Gegensatz zu einer solchen Auffassung der Entwick-
lung der sozialen Erscheinungen behauptete Marx, daß die
3sozialökonomischen Vorgänge mit elementarer Naturkraft
ablaufen. Allein gerade die objektive Erforschung der kapita-
        <pb n="11" />
        listischen Entwicklung führt, nach Marxens Ansicht, zu der
unwiderleglichen Schlußfolgerung, daß der Kapitalismus un-
abwendbar seinem eigenen Untergang zustrebt, und daß in
seinem Schoße Elemente einer neuen sozialen Ordnung, und
zwar der sozialistischen, heranreifen. Für die aktuelle Auf-
gabe seiner Zeit hielt daher Marx nicht die Gründung kleiner
gesellschaftlicher Gruppen auf sozialistischer Grundlage, son-
dern die Aufklärung und die Organisation des Proletariats
als einer Klasse, die dazu berufen sei, in einem bestimm-
ten Zeitpunkte der sozialwirtschaftlichen Entwicklung — im
Augenblick der Endkrisis des Kapitalismus — den Umbau
der ganzen Gesellschaft auf sozialistischer Grundlage in ihre
Hände zu nehmen.

Im Zusammenhang damit änderte sich aber auch der
sigentliche Inhalt der sozialistischen Lehren. Hatten die
atopischen Sozialisten die Aufgabe des Aufbaus einer neuen
Gesellschaft in den Vordergrund geschoben, so konzentrierte
der wissenschaftliche Sozialismus seine Hauptaufmerksam-
keit auf die kritische Erforschung des bestehenden Systems
der Volkswirtschaft, sowie auf die Erklärung der Entwicklung
dieses Systems. Gewiß durch diese Entwicklung werden
angeblich auch einige Grundlagen der kommenden soziali-
stischen. Gesellschaft vorgezeichnet, allein mit der Aufgabe
einer systematischen Konstruktion dieser Gesellschaft hat
sich Marx nicht befaßt.

Ebensowenig widmeten dieser Aufgabe ihre Aufmerksam-
keit Marxens Anhänger. Selbst ein so vielseitiger und. aus-
aehmend fruchtbarer Schriftsteller wie Karl Kautsky, der
sich um die Erforschung‘ der sozialökonomischen. Vorgänge
mit Hilfe der Methoden des Marxismus so verdient machte,
blieb auf dem uns interessierenden Gebiete unfruchtbar.

Die soziale Umwälzung, die sich in Rußland vollzog, schien
die Aufgabe der Konstruktion des Sozialismus als einer posi-
tiven Lehre endlich in ihrer ganzen Schärfe vor den russi-
schen orthodoxen Sozialisten aufgestellt zu haben. Allein
auch die russische sozialistische Literatur vermochte vorder-
hand nach dieser Richtung hin nichts zu leisten. N. Bucha-
tin, der hervorragende Theoretiker des Bolschewismus, be-
gnügt sich in seiner „Ökonomik der Übergangsperiode‘. mit
der Behauptung des alten Satzes des Sozialismus, daß die
Kategorien der kapitalistischen Wirtschaftsordnung unter
dem Sozialismus ihre Bedeutung einbüßen, machte aber
0
        <pb n="12" />
        nicht den Versuch klarzulegen, welche Kategorien denn die
Produktion und die Konsumtion unter der neuen Wirtschafts-
ordnung regeln werden. Wohl gibt es in der russischen
Literatur einen Versuch, den Sozialismus als eine positive
Lehre zu konstruieren; allein dieser Versuch ist von dem
verstorbenen M. J. Tugan-Baranovski unternommen worden,
der natürlich nicht als orthodoxer Marxist bezeichnet werden
kann. So muß also zweifelsfrei die folgende verblüffende
Tatsache festgestellt werden: Der wissenschaftliche
Sozialismus, indem er sich vollständig auf die
Kritik der kapitalistischen Wirtschaftsord-
nung einstellte, hat bisher keine Theorie der
sozialistischen Wirtschaftsordnung geliefert.

Und doch hatte der Marxismus keinen zureichenden Grund,
auf‘ die Aufstellung einer solchen Theorie zu verzichten.
Denn obschon Marx die evolutionäre Methode zum Angel-
punkt seiner Anschauung machte, hat er deswegen nicht
aufgehört, ein Revolutionär zu sein. In dem bekannten Streite
zwischen Kautsky und Lenin darüber, ob Marx die Umwand-
lung der kapitalistischen Gesellschaft in eine sozialistische
als einen langsamen, sich aus einer Reihe von Teilreformen
zusammensetzenden Vorgang voraussah — wie Kautsky be-
hauptet —, oder aber als eine simultane Umwälzung — wie
Lenin glaubt —, in diesem Streite müssen wir entschieden
Lenin recht geben. Ja Kautsky selbst hat in seiner Schrift
„Die soziale Revolution“ der gleichen Anschauung gehuldigt.
Gerade das von Marx anerkannte Hegelsche Schema der
dialektischen Entwicklung, laut der sich unter den alten
Formen allmählich quantitative Veränderungen heranbilden,
gerade dieses Schema postuliert revolutionäre Eruptionen, in
denen als Ergebnis der angehäuften quantitativen Verände-
rungen qualitative Veränderungen der sozialen Materie zu-
tage treten.

Sehr häufig vergleicht Marx die Entstehung einer neuen
Gesellschaft mit der physiologischen Geburt. Wollen wir
diese Analogie uns zu eigen machen und versuchen, aus ihr
die notwendigen Schlüsse zu ziehen. Das Kind kommt zur
Welt, erst nachdem alle seine Organe sich bereits im Mutter-
leibe gebildet haben; dennoch ist seine Geburt nicht lediglich
ein mechanischer Akt, sondern sie bedeutet auch eine tief-
gehende physiologische Umwandlung des in die Welt hinaus-
zeworfenen Lebewesens. Um in dem neuen Milieu leben zu

11
        <pb n="13" />
        rönnen, muß das Neugeborene die vollkommen neuen physio-
logischen Vorgänge des Atmens und des Saugens ausführen,
lie in ihm instinktiv entstehen. Analoge Erscheinungen müs-
sen also auch bei der Entstehung einer neuen sozialen Ge-
sellschaft stattfinden. Der dem Profit nachgehende Unter-
nehmer, der bisher den ganzen wirtschaftlichen Mechanismus
der Gesellschaft in Bewegung setzte, verschwindet in der
neuen Gesellschaft. Neue Triebfedern müssen im Wirtschafts-
'eben entstehen. Allein ... die Gesellschaft ist doch kein Or-
zanismus, und sie ermangelt darum irgendwelcher richtung-
gebender Instinkte. Die neuen Vorgänge, die in einem orga-
nischen Lebewesen instinktiv entstehen, müssen vielmehr,
wenn sie in einem sozialen Verband stattfinden sollen, erst
vorher von dessen leitenden Kreisen überlegt werden.
Wenn nun die kapitalistische Gesellschaft, die die Befriedi-
zung ihrer wichtigsten Bedürfnisse der freien Initiative ihrer
Mitglieder überläßt und die ökonomischen Funktionen des
Staates nur auf eine gewisse Regelung der wirtschaftlichen
Tätigkeit der Bürger beschränkt, wenn diese. Gesellschafts-
ordnung die Wissenschaft der Wirtschaftspolitik hervorge-
dracht hat, um wieviel notwendiger ist eine solche Wissen-
schaft für eine sozialistische Gesellschaft, in der dem Staate
aine unendlich verantwortlichere, unendlich mannigfaltigere,
ınendlich kompliziertere wirtschaftliche Tätigkeit zufällt! ...
Die Tatsache, daß der Sozialismus als aufbauende Lehre
'nnerhalb des Marxismus bisher ein brachliegendes Feld dar-
stellt, können wir uns nicht nur dadurch erklären, daß die
Marxisten nicht den Mut besaßen, die Lösung eines Problems
zu versuchen, das von Marx selbst ungelöst gelassen worden
war. Für die Erfüllung jener praktischen Aufgabe, die Marx
sich vor allen Dingen stellte, für die Organisation einer ein-
3eitlichen internationalen Arbeiterbewegung, war eine ver-
iefte Ergründung der Theorie der sozialistischen Wirtschaft
zeineswegs absolut notwendig. Um das Proletariat für einen
Kampf gegen den Kapitalismus zu organisieren, genügte es
rielmehr, die Schattenseiten der kapitalistischen Wirtschafts-
ordnung kritisch und grell zu beleuchten und ihr den Sozialis-
mus nur in den allgemeinsten. verlockenden Umrissen gegen-
überzustellen. Allein nach Marxens Ableben schritt doch die
zsozialökonomische Entwicklung unausgesetzt fort und ge-
wann das Problem der sozialen Umwälzung und des Aufbaus
einer neuen Gesellschaftsordnung eine immer größere Ak-
190
        <pb n="14" />
        ‘ualität. Es tat not, sich für diese Aufgaben vorzubereiten,
und der Umstand, daß die Zeit die Marxisten unvorbereitet
vorfand, mußte nachteilige Folgen für die sozialistische Be-
wegung haben. In einer Zeit, in der als Folge eines Welt-
krieges von unerhörter destruktiver Kraft das ganze wirt-
schaftliche Leben der vorgeschrittenen Länder vor der Ge-
fahr völliger Zerrüttung zu stehen schien und der Kapitalis-
mus einer bis dahin noch nicht vorhandenen Krise aus-
gesetzt war, mußte der Nachteil jener Unterlassung der so-
zialistischen Theorie sich vollends offenbaren. Ganz unver-
hofft wurden die Führer des westeuropäischen Sozialismus
von der ständigen Opposition zur Macht berufen. Da sie nun
aber keinen eingehenden Plan des Aufbaus einer neuen Ge-
sellschaftsordnung besitzen, wagen die alten Führer des
westlichen Sozialismus, im vollen Bewußtsein ihrer schweren
Verantwortung vor der Arbeiterklasse, diese nicht mehr zu
einer sozialen Revolution aufzurufen. Ihr Glaube daran, daß
der Sozialismus unter den obwaltenden, schwierigen Bedin-
gungen imstande sein werde, die schweren Leiden der
Gegenwart zu heilen, ist dahin. Selbst in ihren‘ Reform-
entwürfen sind sie zaghaft in der ständigen Befürchtung,
das ohnehin zerrüttete Wirtschaftsleben vollends zu des-
arganisieren. Auf der anderen Seite aber sehen sich die
machthabenden russischen Sozialisten, die ja konsequentere
Anhänger der marxistischen Lehre und von Natur aus wage-
mutiger und entschlossener sind, heute, nach bereits voll-
zogener sozialer Umwälzung, gezwungen, planlos von einem
Experiment zum anderen überzugehen — in einer Zeit, da
man angesichts der äußerst kritischen Lage der Volkswirt-
achaft doch hätte möglichst sicher vorgehen sollen.

Berücksichtigt man nun all diese wichtigen negativen
Folgen, die der Mangel einer für die Bedürfnisse der sozia-
listischen Gesellschaft systematisch durchgearbeiteten. Theo-
rie der sozialistischen Wirtschaft zeitigt, so wird man wohl
zu dem Schlusse geführt, daß diese Tatsache kein bloßer
Zufall ist. Diese auffallende Lücke muß vielmehr tiefere
Gründe haben. Wir werden sie in unserer weiteren Darstel-
lung bloßlegen. ...

Der Marxismus hat also keine systematische Theorie der
sozialistischen Wirtschaft geliefert, doch hat er immerhin
deren Grundlinien festgelegt, und zwar teils als Folgen des
Umstands, daß der Sozialismus im Wege der Umwandlung

{2
        <pb n="15" />
        des Kapitalismus entstehen müsse, teils als Postulate der
sozialen Klasse, die den Sozialismus in die Tat umsetzen
30ll, d.h. des Industrieproletariats.

Diese Grundlinien könnten folgendermaßen gekennzeichnet

werden: Der marxistische Sozialismus ist vor allem kein
Sozialismus kleiner Gemeinden, sondern ein Sozialismus
ım großen Stile, im Rahmen eines Staates, einer Nation.
Dieser Sozialismus lehnt den Markt und die Marktpreise als
Regulatoren: der Produktion bzw. der Verteilung der Pro-
duktionskräfte grundsätzlich ab. Diese Regulierungsmethoden
der kapitalistischen Wirtschaft erscheinen, vom Standpunkte
des Marxismus gesehen, als unhaltbar; immer wieder betont
der Marxismus die „Anarchie der kapitalistischen Produk-
ionsweise‘‘, die unvermeidlich zu periodischen Krisen führe.
Und eben diese Anarchie betrachtet er als einen der größten
Nachteile des Kapitalismus, den zu überwinden der So-
zialismus. berufen sei. Im Vergleich mit dem Kapitalismus
arscheint ihm der Sozialismus als die vollkommenste Form
volkswirtschaftlicher Organisation. Der Sozialismus leite
lie Wirtschaft nach einem einheitlichen Staatsplan, der auf
den Grundlagen der Statistik beruht. Gleich.den Marktpreisen
düßen ferner auch die anderen Grundkategorien der kapitali:
schen Wirtschaft unter der Herrschaft des Sozialismus ihre
Bedeutung ein; in der sozialistischen Gesellschaft gebe es
keinen Arbeitslohn, keinen Profit, keine Rente, denn alle
arbeiten hier und erhalten das Produkt ihrer Arbeit ohne
Abzug irgendwelcher Einkommensarten, die nicht auf werk-
‘ätiger Arbeit beruhen. Die sozialistische Gesellschaft an-
erkenne die Produktionskosten nur in der einzigen Form
des Arbeitsaufwandes; die Quantität dieses Aufwandes wird
nach der Zeit, die sie erfordert, bemessen. Die Arbeit und
nichts als die Arbeit sei selbst in der kapitalistischen Gesell-
schaft die einzige wertschaffende Kraft, — so behauptet Marx
im ersten Bande des „Kapitals‘“; desto mehr trifft diese Be-
hauptung für die sozialistische Wirtschaftsordnung zu. Die
Verteilung der Wirtschaftsgüter muß in der sozialistischen
Gesellschaft gemäß dem Prinzip der Gleichheit geschehen:
ist die Freiheit die Leitformel der Bourgeoisie, so ist die
Gleichheit die Losung des gewerblichen Proletariats. Um
lieser Losung willen vollziehe es ja die große soziale Um-
wälzung.

Das sind also die leitenden Ideen des marxistischen So-
        <pb n="16" />
        zialismus für den Aufbau der neuen Volkswirtschaft. Ob
es nun aber gelingen kann, die Aufgabe einer theoretischen
Konstruktion der sozialistischen . Wirtschaftsordnung auch
wirklich zu lösen, das werden unsere weiteren Darlegun-
gen zeigen; jedenfalls ist die dieser Aufgabe gewidmete Ar-
beit von großer Bedeutung auch für die bessere Erkennt-
nis der Natur der kapitalistischen Wirtschaft. Die Unter-
suchung der Grundprobleme der sozialistischen Wirtschaft
gibt uns die Hoffnung, auch die Probleme der kapitalisti-
schen Wirtschaft unter neuen Gesichtspunkten zu beleuchten.

I.
Das wirtschaftliche Prinzip und der
Sozialismus.

Schwerlich wird irgendein Nationalökonom die Richtigkeit
des Satzes bestreiten wollen, daß jede wirtschaftliche Tätig-
keit, ob sie im Rahmen der Naturalwirtschaft, der kapitali-
stischen oder der sozialistischen Wirtschaft verlaufe, das
Prinzip zu befolgen hat, daß ihre Resultate dem Kostenauf-
wand entsprechen müssen, Nicht umsonst gilt dieses Prinzip
als das Wesensmerkmal der wirtschaftlichen Tätigkeit, das
zie von jeder andern Art menschlicher Betätigung unter-
scheidet. Nur ist anzunehmen, daß dieses Prinzip im So-
zialismus in einer dem Wesen dieses letzteren angemessenen,
sigenartigen Form zutage treten muß.

Die Art und Weise, wie das Prinzip der Wirtschaftlichkeit
in der Naturalwirtschaft verwirklicht wird, ist einleuchtend..
Ein enger Kreis von Personen, die miteinander durch Bluts-
bande und Lebensgemeinschaft verbunden sind, arbeitet
und verbraucht alle von ihm erzeugten Güter; hier entsteht
natürlicherweise eine gewisse, subjektiv bestimmte Pro-
portionalität zwischen den Kosten, die vorwiegend in Arbeits-
aufwand bestehen, und dem Werte der Produkte dieser
Arbeit, die von den Werktätigen selbst sowie von ihren An-
gehörigen verbraucht werden, Der geringe Umfang und die
vollständige Übersichtlichkeit des ganzen Produktionspro-
zesses bieten hier eine gewisse Gewähr dafür, daß jene Pro-
portionalität stets eingehalten wird.

In der kapitalistischen Wirtschaft benutzt der Unternehmer
die Arbeit fremder Leute, deren Wohlsein ihn nicht an-.
15
        <pb n="17" />
        geht, er benutzt ferner in reichlichem Maße Stoffe und Werk-
zeuge, die Erzeugnisse vorangegangener Produktionsprozesse
darstellen, sowie Naturkräfte, zu denen er in ein ganz ande-
res Verhältnis tritt als es in der Naturalwirtschaft der Fall
war. Dennoch entsteht auch in diesem ungleich komplizier-
;jeren Wirtschaftsprozeß ein rationales Verhältnis zwischen
den Aufwendungen und dem Resultate der Produktion, — ein
Verhältnis, das hier sogar noch einen konsequenteren und
klareren Ausdruck findet als in der Naturalwirtschaft. Alle
Elemente der Produktion: Arbeit, Betriebsstoffe, Maschinen,
Kapital- und Bodennutzung erlangen nämlich ebenso wie alle
Erzeugnisse der Produktion einen Marktwert. Hierbei ge-
schieht: diese Bewertung kraft eines spontanen Prozesses,
dessen Ergebnisse der Unternehmer als Daten hinzunehmen
hat. Deckt nun der Preis (Marktwert) der Erzeugnisse seiner
Produktion nicht die zu ihrer Hervorbringung aufgewendeten
Kosten, so verliert der Unternehmer die Möglichkeit, über
die Produktionsmittel weiter zu verfügen und erhält seine
Demission, unweigerlich und unerbittlich, durch den elemen-
tar sich vollziehenden Wirtschaftsprozeß. Denn er ver-
mochte nicht jene Aufgabe zu erfüllen, die die Gesellschaft
ihm als Unternehmer gestellt hatte, nämlich die Elemente. der
Produktion so zu kombinieren, daß sie sich in dem Markt-
preise des mit ihrer Hilfe erzeugten Produkts bezahlt machen
werden. Andererseits überhäuft die kapitalistische Gesell-
schaft niemanden so freigebig mit ihren Gaben, weder ein
Genie der Wissenschaft, noch ein Genie der Kunst, wie eben
einen geschickten Unternehmer, der die Elemente der Pro-
duktion erfolgreich zu kombinieren weiß, und seien es nur
die allerprosaischsten Bedürfnisse der Gesellschaft, die er
mit seinen. Produkten befriedigt. In der kapitalistischen Ge-
sellschaft befindet sich daher der Unternehmer im Zustande
ständiger Anspannung, und diese ist er bestrebt, auch allen
anderen Teilnehmern der Produktion mitzuteilen. Die einen
sucht er unmittelbar am Resultate der Produktion zu inter-
essieren, die anderen spornt er durch erhöhte Belohnung
an, die dritten hält er durch Angst vor Entlassung im Zaume.
So verwirklicht sich das wirtschaftliche Prinzip in der in
Klassen und einzelne Besitzgruppen zergliederten kapitalisti-
schen Gesellschaft.

In welcher Weise kann nun aber das gleiche Prinzip in
der sozialistischen Gesellschaft verwirklicht werden? Die
18
        <pb n="18" />
        sozialistische Gesellschaft ermangelt, im Unterschied von der
kapitalistischen, einer. Armee von Unternehmern, die kraft
ihrer ganzen ‚wirtschaftlichen Stellung am Erfolge der Pro-
duktion interessiert sind. Die Leiter sozialistischer Unter-
nehmungen haben hingegen keinen materiellen Vorteil, wenn
der Betrieb erfolgreich arbeitet, ebensowenig erleiden sie
einen Nachteil, wenn der Betrieb wirtschaftlich versagt.
Denn nicht sie sind es, die für die Benutzung von Arbeit,
Kapital und Naturkraft im Produktionsprozesse bezahlen
müssen, ebensowenig erlangen sie irgendeinen Vorteil von
den der Gesellschaft gelieferten Produkten. Das Risiko eines
jeden sozialistischen Betriebs wird von all seinen Teil-
nehmern auf die Gesellschaft im ganzen abgewälzt.

Wir wollen hierbei nicht noch bei den Schwierigkeiten
subjektiver Art verweilen, denen der Aufbau einer sSozla-
listischen Gesellschaft im Zusammenhang mit dem soeben
erwähnten psychologischen Umstand begegnet, denn die Er-
forschung der subjektiven Elemente der wirtschaftlichen
Tätigkeit ist sehr schwierig, und die Ergebnisse einer hierauf
sich beziehenden Untersuchung werden stets umstritten sein.
Wir wollen nur die sachliche Schlußfolgerung ziehen, deren
Richtigkeit aus dem Gesagten klar hervorgeht: Die Wirt-
schaftsrechnung besitzt für die sozialistische
Gesellschaft eine weitaus größere Bedeutung
als für die kapitalistische. Der kapitalistische Unter-
nehmer mag, wenn er es will, überhaupt keine Bücher führen.
Desto schlimmer für ihn — er wird mit seinem Unternehmen
ein Glücksspiel treiben. Seine Verantwortung vor der Volks-
wirtschaft bleibt aber darum nicht geringer, denn die Ge-
sellschaft liefert ihm alles zu einem bestimmten Preise und
aimmt ihm alles gleichfalls zu einem. bestimmten Preise ab.
„Und dem Gerichte der Welt wird er nicht entgehen . . .1)‘“
Für die Verschwendung der Produktionskräfte wird er mit
seinem Vermögen und seiner sozialen Stellung bezahlen
müssen. Anders in der sozialistischen Gesellschaft. Leitet
hier der Vorsteher eines Großbetriebes diesen ohne gehörige
Berechnung, so kann er dennoch persönlich vollkommen
ruhig. leben, wie groß auch die Verschwendung sein mag,
die die von ihm geleitete‘ Unternehmung infolge der-irratio-
nalen Organisation des Betriebes mit den Produktionsmitteln
1) Worte aus „Boris Godunow" von Puschkin. (Bemerk. z. deutsch.
Übersetz.}

? Brutzkus, Die Lehren des Marxismus.
        <pb n="19" />
        der Gesellschaft treiben mag. Aber ein solcher Betrieb ist
dennoch wie ein krankes Glied eines volkswirtschaftlichen
Organismus, und ist auch die Krankheit nicht entdeckt, so
wird sie darum nicht weniger gefährlich; ebenso wie im
tebenden Organismus die Wunde am gefährlichsten ist, die
keine Schmerzen verursacht. Also nichts kann soweit für
die sozialistische Gesellschaft gefährlicher werden als die
Atrophie der Wirtschaftsrechnung, denn sie wird die Des-
arganisation der ganzen Volkswirtschaft unvermeidlich nach
sich ziehen.

Gerade diese Atrophie der Wirtschaftsrechnung haben wir
in Rußland beobachtet, parallel mit dem stürmischen Wachs-
‘um der sozialistischen Wirtschaft auf Kosten der Privat-
wirtschaft, parallel mit dem Absterben des Marktes und der
Geldwirtschaft. Bereits in der erwähnten Arbeit von N. Bu-
charin „Die Ökonomik der Übergangszeit‘“ wird am Beispiel
les Eisenbahnwesens überzeugend nachgewiesen, daß die
alten Methoden der Kostenrechnung heute jeden Sinn ver-
ioren haben. Diese Überzeugung hat indes offenbar keine
Unruhe in dem Theoretiker des Sozialismus geweckt. Bucha-
cin erkennt zwar die Notwendigkeit, irgendein anderes System
der Rechnungslegung zu schaffen, geht aber auf die nähere
Erörterung dessen Grundlagen nicht ein. Hier aber liegt ge-
rade der wunde Punkt unserer sozialistischen Wirtschaft. Wir
bekommen ja Milch, backen Brot, reparieren die Eisenbahn-
wagen, transportieren Kohle: allein niemand vermag es zu
sagen, was uns die Herstellung von Milch, das Backen des
Brotes, die Reparatur der Eisenbahnwagen, der Transport
von Kohle kostet. Diese Lage der Dinge mußte die Volks-
wirtschaft zur Katastrophe führen, und die Katastrophe ist
1enn auch eingetreten.

Der. Staat, der die Möglichkeit der früheren Kostenrech-
aung nicht mehr besaß, konnte dennoch auf die Kontrolle
über seine Betriebe natürlich nicht verzichten. Allein es
war ihm möglich, nur einzelne Produktionsfaktoren zu kon-
rollieren. Hierbei mußte er aber sehr weit gehen, beträcht-
lich weiter, als die Kapitalisten es taten. Eine minutiöse
Überwachung der äußeren Sorgfalt der Angestellten, der Aus-
nutzung des Materials, der Maschinen und des Inventars
wurde eingeführt. Revisionen über Revisionen wurden ver-
anstaltet, und. es entstand ein abnormes Mißverhältnis zwi-
schen dem produzierenden und dem kontrollierenden Appa-
IR
        <pb n="20" />
        rat. Und doch bietet diese ganze Kontrolle über die Ele-
mente der Produktion keine Gewähr für die wirtschaftliche
Rationalität des ganzen Produktionsprozesses und besitzt.
nicht jene entscheidende Bedeutung, die der Kostenrechnung
im Kapitalismus innewohnte. Den Moralisten zum Ärger
muß sogar gesagt werden, daß die Ehrlichkeit der Betriebs-
leiter, die jene Kontrolle bestenfalls erzielen kann, die Volks-
wirtschaft doch nicht vor Nachteilen zu sichern vermag und,
umgekehrt, ihre Unehrlichkeit kann sich mit volkswirtschaft-
lichem Nutzen paaren. Alles hängt eben von einer glück-
lichen oder aber einer mißglückten Organisation der Produk-
on ab, für die jedoch jene Kontrolle kein Kriterium ab-
geben kann.

Heute sehen wir denn auch, daß der Staat die Unmöglich-
keit eingesehen hat, die Wirtschaft in dieser Weise fortzu-
führen. Einen Ausweg fand er aber in der Wiederherstellung
des freien Marktes und in der Rentabilitätsrechnung der ein-
zelnen. Staatsunternehmungen, die auf den vom Markt aus-
gehenden Direktiven beruht. Dieser Ausweg liegt indessen
nicht mehr im Rahmen der sozialistischen Wirtschaft, wie
diese vom Marxismus aufgefaßt wird. Uns interessiert aber
die Lösung des Problems der Wirtschaftsrechnung gerade
im Rahmen des marxistischen Sozialismus.

N. Bucharın glaubt, nachdem er die Atrophie der alten
Formen der Wirtschaftsrechnung festgestellt hat, daß diese
durch eine Naturalrechnung ersetzt werden müssen. ' Diesen
Gedanken entwickelte weiter A. W. Tschajanow, der der An-
sicht ist, daß die neue Methode es ermöglichen werde, die
ainzelnen Unternehmungen der sozialistischen Wirtschaft
nach dem Grad der Rationalität ihrer Organisation mitein-
ander zu vergleichen. Indem er seine Methode auf die land-
wirtschaftlichen Unternehmungen anwendet, gelangt er bei-
spielsweise zu folgender Art Berechnung: für die Erzeugung
von 1000 Einheiten von Kornprodukten mußten aufgewendet
werden — 30 Einheiten Arbeit, 90 Einheiten Lebensmittel,
8,6 Einheiten Boden, 0,2 Einheiten Transport, 25,6 Einheiten
Bauten, 0,4 Einheiten Inventar, 1,5 Einheiten Material, 0,03
Einheiten Heizung. Um zu dieser gehörig komplizierten For-
mel zu gelangen, mußte Tschajanow eine gemeinsame Ein-
heit für alle Lebensmittel, eine gemeinsame Einheit für alle
Bauten, eine für alle Arten von Inventar von der Egge bis
zur Dampfdreschmaschine, eine für alle Materialien von
1Q
        <pb n="21" />
        lem Schmieröl. bis zum Strick aufsuchen. Es versteht sich
nun von selbst, daß alle diese Einheiten einen sehr bedingten
Wert haben oder vielmehr ganz willkürlich sind. Soweit
aber ihnen irgendeine reale Bedeutung zukommt, ist es nur
sofern sie auf Grund eines gemeinsamen Wertprinzips her-
ausgerechnet sind, das zu formulieren, dem Verfasser jedoch
nicht gelungen ist. Ferner, wenn der Vorsteher der Sowjet-
güter die Bilanzen nur in der besagten Form erhalten werde,
wird er mit ihnen nichts anfangen können. Sollen aber alle
die Meßeinheiten der Bauten, der Lebensmittel, des ‚Bodens,
des Inventars auf einen Generalnenner gebracht werden, so
muß doch ein solcher namhaft gemacht werden.

Kein Wunder, daß Tschajanows Versuch mißglückte.
S. Strumilin und E. Varga, die in der „Ekonomitscheskaja
Zhiznj‘“1) das Problem der Wirtschaftsrechnung in Angriff
genommen haben, lehnten beide Tschajanows Methode ab
und kamen beide zu dem Ergebnis, daß ebenso wie die kapi-
talistische Wirtschaft in dem Rubel einen allgemeinen Wert-
messer habe, so auch die sozialistische Wirtschaft eine ana-
loge Einheit für die Wertbemessung ihrer Elemente besitzen
müsse. Diese Schlußfolgerung ist allerdings unbestreitbar:
ohne Wertrechnung ist ein rationelles Wirt-
schaftsgebaren unter einem wie immer gearte-
ten Wirtschaftssystem gänzlich unmöglich. In
voller Übereinstimmung mit den Grundprinzipien des Mar-
gismus stellten nun Varga und Strumilin fest, daß die Arbeit
als Wertmaßstab fungieren müsse. Ist die Arbeit nach Marx
bereits in der kapitalistischen Gesellschaft die tatsäch-
liche, wenn auch verkappte, Grundlage der sozialen Bewer-
tung der Wirtschaftsgüter und die Grundlage ihres Tausch-
werts, so müsse die Arbeit erst recht. bewußtermaßen der
Wertbemessung in der sozialistischen Gesellschaft zugrunde
gelegt werden. ;

Im folgenden wollen wir daher prüfen, was die Wert-
bemessung durch Arbeit in der sozialistischen Gesellschaft
zu leisten vermag. Das Problem ist von ungeheurem theo-
retischem Interesse, denn es steht im engsten Zusammen-
hange mit der theoretischen Bedeutung der Grundauffassun-
zen, die der Marxismus über die wirtschaftliche Tätig-
keit hat.

1) Die führende Wirtschaftszeitung im heutigen Rußland. (Bemerk. z.
Zeutsch. Übersetz.)

N
        <pb n="22" />
        I.
Die Arbeitswertrechnung in der sozialistischen
Wirtschaft.
Versuchen. wir uns die Berechnung des Arbeitswerts der
Wirtschaftsgüter konkret vorzustellen.

Als Maßstab des Arbeitsquantums erscheint in unserer
sozialistischen Gesellschaft die Zeit. Allein es ist auch in
einer sozialistischen Gesellschaft unmöglich, eine so wesent-
liche Eigenschaft der Arbeit wie ihre Produktivität zu über-
sehen. Kann man doch die Arbeit nicht allein nach der Zeit
bemessen, die der Arbeiter in der Fabrik, der Werkstatt oder
sogar an der. Drehbank zugebracht hat! Selbst unser von
Stimmungen der Gleichmacherei so sehr durchdrungener so-
zialistischer Staat mußte von einer solchen Bewertung der
Arbeit Abstand nehmen und führte einen von der Produktivi-
tät abhängigen Arbeitslohn ein. Als Werteinheit erscheint -so-
mit nicht einfach die Arbeitszeit, etwa der Arbeitstag, son-
dern der Arbeitstag von bestimmter Produktivität, die man
als normal annimmt. Diese Produktivität äußert sich in einer
bestimmten Menge der durch den Werktätigen hervorgebrach-
ten Produkte: in einer bestimmten Anzahl. durchgesägter
Baumstämme, gehobelter Bretter,‘ geschleifter Zapfenlager
u. dgl. m. Da jedoch in einem Einzelunternehmen, das
bestimmte Erzeugnisse hervorbringt, die Arbeit verschiede-
ner Fachleute Anwendung findet und jeder von ihnen ver-
schiedene Arbeiten ausführt, so wird man für alle Fach-
arbeiten entsprechende Normalarbeitstage bestimmen müssen.

Allein auch innerhalb jedes einzelnen Betriebes kommt
Arbeit von verschiedener, hoher und niederer, Qualifikation
zur Anwendung: neben einer Arbeit, die keine große Schu:
lung erfordert und stets in Hülle und Fülle zur Verfügung
steht, auch solche, die langjährige Ausbildung, zuweilen auch
eine gewisse Begabung oder wenigstens eine natürliche Zu-
neigung voraussetzt. Können wir nun diese hochqualifizierte,
nur in geringstem Umfange verfügbare Arbeitsleistung, mit
der die Gesellschaft doch sparsam umgehen muß, Tag für
Tag als Ausgabeposten nach derselben Norm, die für die
ungelernte Arbeit gilt, bewerten? Wie stark immer unsere
gleichmachenden Bestrebungen auch in der Arbeitslohnpoli-
ük sein mögen, so können wir bei der Arbeitswertrechnung

921
        <pb n="23" />
        nicht handeln. Auch bei Marx finden wir einen Hinweis dar-
auf, daß die Zeiteinheit einer hochqualifizierten. Arbeit der
Zeiteinheit einer unqualifizierten, nur multipliziert mit einem
gewissen Koeffizient, gleichgesetzt werden darf. Allein wie
sind solche Koeffizienten zu bestimmen? Vergeblich würden
wir die Lösung dieser Frage bei Marx suchen. Man pflegt
freilich als Lösung des Problems einen Vergleich zwischen
den Kosten der Ausbildung eines gelernten und eines unge-
lernten Arbeiters vorzuschlagen. Diese Aufgabe gehört nicht
zu den leichteren. Ist nun aber die hohe Qualifikation durch
eine natürliche Begabung, wenn auch keine exzeptioneller
Art, bedingt, so ist die vorgeschlagene Methode vollends un-
anwendbar. Es ist also einleuchtend, daß unsere Koeffizien-
ten einen sehr bedingten Wert haben oder gar willkürlich
sein werden.

Da ferner jeder Betrieb Materialien und Werkzeuge von
außerhalb bezieht, so ist es klar, daß keine Produktion ab-
geschätzt werden kann, wenn nicht zugleich auch eine Ab-
schätzung des Arbeitsaufwands im ganzen Bereiche der
Volkswirtschaft stattfindet, wenn nicht alle Arten von Ar-
beitsform und Arbeitsqualifikation auf einen Generalnenner
gebracht werden. Wir sehen also, daß die Bemessung des
Arbeitswerts, die vielen als etwas äußerst Einfaches und
Öbjektives vorschwebt, in Wahrheit sehr kompliziert und
lange nicht objektiv ist. Obwohl diese Methode im Sowjet-
staate soeben als obligatorisch vorgeschrieben ist, müssen
wir ihre Realisierbarkeit dennoch bezweifeln, — so dunkel
und unklar ist dieselbe1). Unwillkürlich drängt sich uns aber
die Frage auf, auf welche Weise verstehen es denn die Ver-
braucher, die ja die Produktionsbedingungen nicht kennen
und nicht kennen wollen, die von ihnen konsumierten Wirt-
schaftsgüter gemäß dem Marxistischen Grundsatz, der schon
auf den ersten Seiten des I. Bandes des „Kapital“ niedergelegt
ist, d.h. nach dem Arbeitsaufwand, den.diese Güter erfordern,
bewerten können, da sich sogar für uns, die wir doch tiefer
in den Produktionsprozeß eindringen wollten, eine solche
Bewertung als ganz verschwommen und willkürlich heraus-
stellte? Doch lassen wir diesen Zweifel beiseite und unter-
stellen wir, daß die Bewertung der Wirtschaftsgüter nach

1) Diese Verordnung blieb tatsächlich nicht ausgeführt. (Bemerk. z,
deutsch. Übersetz.)
DO
        <pb n="24" />
        der in sie investierten Arbeit im ganzen Riesenbereiche der
Volkswirtschaft und ihren unzähligen. Betrieben auf die eine
oder andere Weise durchgeführt worden ist. Wird eine solche
Arbeitswertrechnung etwas leisten, was ihrer Bedeutung
nach der Wertrechnung der kapitalistischen Wirtschaft, die
ihre Direktiven von der freien Marktkonjunktur erhält, an die
Seite gestellt werden könnte?

Die Summe des Arbeitsaufwands wird eine Art Debet der
kapitalistischen Rechnung darstellen. Was wird nun aber
den Kredit bilden? Folgen wir Marx, so wird das Resultat
der Produktion nach dem Arbeitswert bemessen, den die er-
zeugten Produkte nicht unter den tatsächlichen Bedingungen
der betreffenden Produktion, sondern unter Bedingungen, die
als normal angesehen werden müssen, haben; und zwar wird
der Wert der Produkte durch die zu ihrer Hervorbringung ge-
sellschaftlich-notwendige Zeit bedingt. Allein wie soll diese
gesellschaftlich-notwendige Zeit festgelegt werden? Marx
gibt keine konkreten Hinweise zur Lösung dieser Frage. Wir
für unseren Teil glauben jedoch, daß hier irgendeine ab-
strakte Konstruktion einer normalen Produktion unstatthaft
wäre. Wir werden vielmehr als gesellschaftlich-notwendig
die Durchschnittskosten. der einzelnen Unternehmungen an-
sehen müssen.

Versuchen wir nun, das uns interessierende Problem in
dieser Weise zu lösen, — die uns am konformsten mit der
Marxschen Lehre erscheint —, so wird, soweit ein Pro-
duktionszweig nur durch einen einzigen Betrieb vertreten
wird, unsere Arbeitsrechnung offenbar nichts leisten können.
Ebensowenig fruchtbar ist diese Methode bei einer geringen
Anzahl von Unternehmungen, die die Volkswirtschaft be-
dienen. Doch nehmen wir an, daß solche Unternehmungen
in großer Anzahl vorhanden sind. Was wird dann unsere
Rechnung ergeben?

Die Unternehmungen werden in zwei Gruppen zerfallen:
die eine Gruppe wird ein Übergewicht des Kredits über dem
Debet, die andere ein Übergewicht des Debets über dem
Kredit aufweisen. Nunmehr erscheint es, angesichts der
großen Anzahl der betrachteten Unternehmungen als aus-
sichtsvoll, daß wir endlich wertvolle Hinweise darauf er-
halten werden, welche dieser Unternehmungen rationell und
welche unzweckmäßig betrieben werden.

Allein solche Hinweise könnten einen objektiven Wert für

99
        <pb n="25" />
        sich lediglich in Fällen beanspruchen, die nur selten. sind,
nämlich wenn alle Unternehmungen eine annähernd gleiche
Betriebsstruktur ‚hätten, d.h. wenn die Kombination von
Arbeit verschiedener Art und verschiedener Qualifikation
in. allen Betrieben ungefähr die gleiche oder eine ähnliche
wäre.. Nur unter dieser Voraussetzung würde unsere Rech-
nung nicht allzu sehr unter dem Umstand leiden, daß wir
N. ziemlich willkürlicher Weise verschiedene Arbeitsarten
und Arbeitsqualifikationen auf eine Arbeitseinheit gebracht
haben. Allein solche Ähnlichkeit der Betriebsstruktur kommt
:n Wirklichkeit nur selten vor und bietet dabei wenig Lehr-
reiches. Belangreicher sind vielmehr die zahlreicheren Fälle,
wo ein und derselbe Produktionszweig. wesentliche Unter-
schiede in der Organisation der einzelnen Betriebe aufweist,
wo also'in verschiedenen Unternehmungen, die
lasselbe Produkt erzeugen, eine verschiedene
Kombination von Arbeitsarten und Arbeitsqua-
lifikationen stattfindet. Aber gerade in diesen Fällen
tut die bedingte Geltung des Modus, nachdem
wir die verschieden geartete und qualifizierte
Arbeit auf eine Arbeitseinheitbringen, unserer
ganzen Aufstellung Abbruch. Wird in einem Betriebe
sine Arbeitsart stark beansprucht, die sonst in der Gesell:
schaft nur spärlich vorhanden ist, deren‘ sie aber dringend
zum Vollzuge ihrer wichtigsten Funktionen bedarf, und wird
liese Arbeitsart, gemäß den in der sozialistischen Gesell-
schaft herrschenden gleichmacherischen Tendenzen, nur
anbedeutend' höher denn eine ungelernte, reichlich verbrei:
'efe Arbeitsart bezahlt, so daß sich die Arbeitskosten des
vetreffenden Betriebs als gering darstellen, so ist es dennoch
sehr fraglich, ob die Produktion auch. weiterhin in. der glei-
;hen Weise fortgeführt werden soll. Vielleicht dürfte sie,
m Gegenteil, zweckmäßig in der Weise betrieben werden,
laß jene Arbeitsarten, über die die Gesellschaft im reich-
'ichen Maße verfügt, in größtmöglichem Umfange verwendet
werden sollten, — mag die Aufstellung der Arbeitskosten be-
sagen, was sie will.

Vollends verliert aber die Kalkulation der Ar:
beitskosten jede Bedeutung, wenn verschiedene
Unternehmungen unter verschiedenen Natur:
bedingungen arbeiten und das Kapital/in ab:
weichender Proportion benutzen. Stellen wir uns
D4.
        <pb n="26" />
        einmal eine Anzahl landwirtschaftlicher Betriebe vor, die den
Markt mit gleichen Produkten beliefern, jedoch auf Grund-
stücken von verschiedener Fruchtbarkeit gelegen sind, und
ferner, infolge des verschiedenen Abstands vom Markte,
auch verschiedene Transportkosten zu tragen haben. Welche
Bedeutung hat hier ein Vergleich der Arbeitskosten, durch
den die Zweckmäßigkeit der Organisation dieser Betriebe ge-
prüft werden soll? — Gar keine, denn in diesem Falle
bleiben ja die Unterschiede der Bodenbeschaffenheit und der
Entfernung vom Absatzmarkt außer Rechnung. ,

Nehmen wir ferner an, daß irgendein Industrieprodukt,
sagen wir Hanfseile, einerseits in gut ausgerüsteten Seil-
fabriken, anderseits von Heimarbeitern angefertigt werden.
Unter normalen Bedingungen wird die Aufstellung der Ar-
beitskosten ergeben, daß die Fabrikseile weniger kosten
denn die von Hausindustrie produzierten. Folgt nun hieraus,
daß man die Seilproduktion durch Erweiterung der Fabriken,
nicht aber. der Hausindustrie fördern soll? Diese Schluß-
folgerung wäre zutreffend, verfügte die sozialistische Gesell-
schaft über unbegrenzte Möglichkeiten der Kapitalbeschaf-
fung. Leider besitzt weder die kapitalistische, noch die so-
zialistische Gesellschaft solche‘: Möglichkeiten, wenngleich
viele es zu vergessen scheinen. Gerade um das in begrenzter
Menge vorhandene Kapital treten alle Zweige der Volks-
wirtschaft in Konkurrenz miteinander, und ob es vorteilhafter
ist, dieses Kapital in Seilfabriken oder, sagen wir beispiels-
weise, in die Fabrikation landwirtschaftlicher Maschinen zu
investieren, ist noch sehr fraglich. Aus dem Umstande, daß
Fabrikseile, nach der Auskunft der Arbeitsrechnung, weni-
ger kosten als die von den Heimarbeitern erzeugten, läßt
sich also nicht der Schluß ziehen, daß die Seilfabriken
arweitert werden müssen; leidet die, Volkswirtschaft an
Kapitalsarmut, so ist es vielmehr möglich, daß die Seilfabri-
ken nach Ausnutzung der vorhandenen Maschinen liquidiert
werden müssen und die ganze Seilproduktion den Heimarbei-
tern. überlassen werden muß. In-der Tat handelte unser ver-
armter sozialistischer. Staat immer wieder. gemäß dieser
Notwendigkeit, und er tat recht daran.

Die Tatsache, daß die Produktion stets ein Zu-
sammenwirken dreier Faktoren: der Arbeit, des
Kapitals.und der Natur darstellt, behält also
ihre.Bedeutung auch unter der sozialistischen

DB
        <pb n="27" />
        Wirtschaftsordnung und läßt sich nicht ignorieren. Der
Schöpfer des wissenschaftlichen Sozialismus hat freilich im
{. Band des „Kapital‘‘ versucht, sie zu ignorieren und den
Satz zu prägen, daß die Arbeit die einzige Grundlage des
Tauschwerts der Wirtschaftsgüter sei. Allein im II. Bande
des „Kapital‘ entwickelte er doch eine andere Theorie des
Tauschwerts, die auch die beiden anderen Faktoren der Pro-
duktion mitberücksichtigt, die aber mit der Werttheorie des
I. Bandes kaum vereinbar ist. Und wenngleich auch diese
spätere Theorie vom Standpunkte der heutigen National-
ökonomie als veraltet angesehen werden muß, so steht sie
doch nicht in so schroffem Widerspruch zu der Wirklichkeit
wie die im I. Bande des ‚Kapital‘ entwickelte Lehre.

V.
Die Arbeitskosten und der Marktpreis.

Der Arbeitskostenkalkül konnte uns also
keine irgendwie brauchbaren Hinweise über
zrößere oder geringere Wirtschaftlichkeit un-
serer Unternehmungen liefern. Wir müssen jedoch
außerdem einsehen, daß es auch bestenfalls diejenigen ent-
scheidenden Direktiven, die für Regelung der gesellschaft-
lichen Produktion unumgänglich sind, zu erteilen nicht ver-
mag, während in der kapitalistischen Gesellschaft solche Di-
vektiven durch die Wertrechnung gegeben werden. In der
Tat: der Kapitalist hat keinen Einblick indie Geschäftsbücher
seines Konkurrenten, die ja für ihn. Geschäftsgeheimnis sind.
Er braucht einen solchen Einblick aber auch gar nicht, denn
die Volkswirtschaft selbst erteilt ihm die unmittelbare Aus-
kunft darüber, ob er unter .der gegebenen Organisation
seinen Betrieb fortführen kann oder nicht. Denn seinen
Selbstkosten steht der Preis des von ihm hervorgebrachten
Produkts gegenüber, der auf dem Markte auf die eine oder
andere Weise unabhängig von den Vorgängen in der Werk-
statt entsteht. Bei uns hingegen steht den Selbstkosten eines
Produkts eine Größe gegenüber, die wiederum von den glei-
chen. Selbstkosten, jedoch nicht wie diese sich in dem be-
ireffenden Unternehmen, sondern in allen den Markt bediene-
den Unternehmen stellen, abgeleitet ist, denn nach der
6
        <pb n="28" />
        Lehre von Marx entsprechen diese Durchschnittskosten dem
wahren Werte des Produkts. Wird ein spontan verlaufen-
der Vorgang analysiert, so kann ein Irrtum leicht mitunter-
laufen, der Fehler macht sich jedoch, bei dem Versuch,
den Vorgang bewußtermaßen zu reproduzieren, leicht be-
merkbar.

Stellen wir uns vor, daß unsere sozialistische Wirtschaft
von der kapitalistischen alle deren Spitzenfabriken und -werk-
stätten geerbt hat. Nehmen wir ferner an, daß die Spitzen-
herstellung in einer gegebenen Fabrik einen Aufwand an
Arbeit verlangt, der beträchtlich geringer ist als die zu dem
gleichen Zwecke erforderliche „gesellschaftlich-notwendige‘‘
Arbeitszeit. Folgt nun daraus, daß die Spitzenherstellung
in der Fabrik fortgeführt, ja sogar erweitert werden darf
oder nicht? In einer Gesellschaft, deren Mitglieder ihren
Hunger nicht stillen können, nichts anzuziehen haben, kein
Heizmaterial besitzen, erübrigt sich eine solche Frage. In
einer solchen Gesellschaft haben die Spitzen ihren‘...
„Wert‘‘ verloren. Ich muß den Leser um Entschuldigung
bitten. Bei der Analyse der Theorie des marxistischen So-
zialismus hielt ich es bisher für meine Pflicht, auch seine
Terminologie festzuhalten. Allein soeben mußte ich den
Ausdruck „Wert‘“ nicht im marxistischen Sinn gebrauchen,
denn es läßt sich in dem fraglichen Zusammenhange nun ein-
mal kein anderes Wort finden. ‘

Nehmen wir ein anderes Beispiel. Unterstellen wir, daß
eine sozialistische Gesellschaft, die von .der Außenwelt
blockiert wird, von der kapitalistischen Wirtschaftsordnung
eine große Anzahl von Sensenfabriken geerbt hat. Nehmen
wir an, daß ein Teil dieser Fabriken wenig produktiv ist und
die Sensen mit einem Arbeitsaufwand herstellt, der die
Durchschnittsnorm bei weitem übersteigt. Sollen wir nun
diese Fabriken schließen? Auch diese Frage ist unange-
bracht, denn es leuchtet ein, daß wir unter den besagten all-
gemeinen wirtschaftlichen Bedingungen wohl bereit wären,
weitere Sensenfabriken zu gründen, selbst wenn diese noch
weniger produktiv als die bereits vorhandenen arbeiten
würden.

Diese beiden Beispiele beweisen uns aufs klarste, daß es
Werterscheinungen gibt, die der Marxismus verkennt oder be-
wußt ignoriert. Der Wert, von dem soeben die Rede war,
steht nämlich in keinerlei direkter Abhängigkeit von dem Ar-

7
        <pb n="29" />
        beitsaufwand, sondern er ist eine Funktion der sozialen Be-
dürfnisse. Daß dieser Wert vielmehr unabhängig von dem
Arbeitsaufwand sich ändern kann, geht gleichfalls aus den
angeführten Beispielen hervor: ist doch in der Wirtschafts-
führung der Spitzenfabriken keine Änderung eingetreten,
— und doch haben die Spitzen ihren Wert verloren; ebenso
wenig hat sich etwas an der Organisation der Sensenfabriken
geändert, — und doch ist der Wert der Sensen gestiegen,
Auf dieses Phänomen und nur auf dieses wendet die mo-
derne Nationalökonomie, die auf den großen Errungenschaf-
ten von Menger, Walras und Jevons fußt,’ den Begriff Wert
“neHHOCTE, value, valeur) an, das hingegen, was Marx als
Arbeitswert bezeichnete, betrachtet die heutige Nationalöko-
nomie lediglich als einen Bestandteil der Kosten (cTonMOcTB,
zost, frais). Beide Begriffe werden in der modernen Natio:
Marxismus, scharf auseinandergehalten — und zwar nicht
ohne Nutzen für die Wissenschaft. Den Werterscheinun-
zen legen subjektive Wertschätzungen zugrunde; diese sum:
mieren und objektivieren sich in dem Marktpreise, der die
Intensität des gesellschaftlichen Güterbedarfs wiederspie-
gzelt. Bei der Bewilligung der Marktpreise geht nicht nur der
Rentner, was auch Bucharin zuzugeben gewillt ist, son-
dern auch der Proletarier von seinen Bedürfnissen aus?).
Auch dieser wird, wenn er auf dem Markte einen warmen
Überzieher neben allerfeinsten Brüsseler Spitzen vorfindet,
nicht das mindeste Interesse der Frage schenken, wie groß
der Arbeitsaufwand bei der Herstellung des Mantels bzw. der
Spitzen war. Er wird vielmehr lediglich der Dringlichkeit
seiner Bedürfnisse Rechnung tragen. Ist die Herbstkälte
xingetreten, So wird er den nötigen Preis für den Mantel
antrichten, für die Spitzen aber würde er nur einen äußerst
geringen Preis bezahlen, wenn die Preisfixierung für diese
von ihm abhängen würde. Allein den Markt besucht auch der
kapitalkräftige Rentner, und dieser hat erst recht kein Inter-
asse dafür, ob die Brüsseler Spitzenkünstlerinnen viel oder
wenig arbeiten müssen; dafür kennt er aber gut die Launen
der Dame seines Herzens, und sein vollgefülltes Portemon-
naie erlaubt ihm diese zu befriedigen: also bezahlt er einen

‚1X Der Verfasser. polemisiert hier gegen. die Ansichten Bucharins, die
lieser in seinem Buche „Die Nationalökonomie des Rentiers‘‘ ‚entwickelte,
nit diesem Namen bezeichnet Bucharin nämlich die sog. österreichische
Schule der Nationalökonomie, (Anmerkung zur Ühersetzung.)
IQ
        <pb n="30" />
        Preis, durch den die Mühe der Brüsseler Spitzenarbeiterin-
nen mehr oder weniger belohnt wird. .

Eben die erzielten Marktpreise, in denen die Intensität
der Warennachfrage in der kapitalistischen Gesellschaft mit
ihren verschiedenen Besitzklassen zum Ausdruck kommt,
notiert der Fabrikant beim Verkauf seiner Ware und trägt
sie auf die Kreditseite seiner Rechnung ein. Erst hiernach
kann er über die Größe seines Debets urteilen. Auf diese
Weise erteilt die kapitalistische Gesellschaft vermittelst der
Marktpreise allen Organisatoren der Produktion zwingende
Direktiven und befiehlt ihnen, ihre Aufwendungen gemäß
diesen Preisen zu regeln. Daher entsteht denn auch, unter
dem dauernden Druck dieser Direktiven, eine gewisse Pro-
portionalität zwischen den Marktpreisen und den Produk-
tionskosten (nicht aber zwischen den Marktpreisen und den
Arbeitsaufwendungen, denn die Arbeit ist nur einer der Fak-
toren der Produktion und folglich auch nur ein Bestandteil
der. Produktionskosten). Nur. solange die Gesetze der sub-
jektiven Wertschätzung und deren Summierung und Objek-
tivierung in den Marktpreisen von der Wissenschaft uher-
forscht blieben, konnten auch tief eindringende Geister wie
David Ricardo und, diesem folgend, auch Karl Marx zu dem
irrigen Schluß gelangen, daß die Marktpreise von den Pro-
duktionskosten bestimmt werden.

Übrigens vermochte der Vater dieser Theorie, David Ri-
cardo, sie nicht konsequent in dem weiten Bereiche der
Preisbildung landwirtschaftlicher Produkte durchzuführen,
Hier mußte er vielmehr zugeben, daß der Preis nicht den
durchschnittlichen, sondern den Grenzkosten der Produktion
entspricht. Diese letzteren werden aber in der Landwirt-
schaft durch die Nachfrageintensität bestimmt. Hier hat also
Ricardo die Priorität der Nachfrage bei der Preisgestaltung
anerkannt. Die gleiche Theorie der Preisbildung bei land-
wirtschaftlichen Erzeugnissen hat auch Marx anerkannt.
Die moderne Nationalökonomie erkennt aber diese Art der
Preisbildung, die von Ricardo, um seine Theorie nicht
zu unterwühlen, nur als eine, allerdings weitgehende, Aus-
nahme hingestellt wurde, heute als die einzig geltende an.

Die Gestaltung der Marktpreise wird in jedem gegebenen
Augenblick einzig und allein von den Bedürfnissen der Ge-
sellschaft bedingt. Infolge der Veränderlichkeit des Ver-
brauches kann es keine vollständige Proportionalität zwi-
29
        <pb n="31" />
        schen den Marktpreisen und den Produktionskosten geben,
die lediglich in einem fingierten „stationären Staatswesen“
mit seinen „normalen‘‘ Preisen denkbar ist. Auf den Märkten
unserer sozialistischen Republik werden die Waren ebenso
wie auf jedem anderen Markte für Preise verkauft, die zwar
den Bedrüfnissen unserer Gesellschaft, keineswegs aber den
Kosten ihrer Produktion entsprechen, denn die letztere ist
bei uns dermaßen desorganisiert, daß sie auf die Hinweise
der Marktkonjunktur gar nicht zu reagieren vermag. Mehr
noch: auf unseren Märkten wird eine Menge Wirtschafts-
züter verkauft, deren Produktionskosten unerrechenbar sind,
ja die betreffenden Gegenstände nicht wieder reproduziert
werden können; und doch werden ihre Preise vollkommen.
'ational aus dem gegebenen Stand der sozialen Bedürfnisse
abgeleitet.
Woher soll aber unsere sozialistische Gesellschaft ihre Di-
rektiven für die Organisation der Produktion erhalten, auf
welche Art sollen die Produktionsleiter den Grad der Inten-
sität der sozialen Bedürfnisse ermessen? Hätten wir selbst
anerkannt, daß der Arbeitswertkalkül die relative Vor-
;eilhaftigkeit der Produktion in diesem oder jenem Unter-
nehmen erweisen könnte, so ist er doch völlig un-
fähig, uns einen Maßstab zu geben, ob ein Un-
ternehmen überhaupt wirtschaftlich ist oder
nicht. Gewiß, in dem oben angeführten Beispiele könnte
der Staat kategorisch erklären, daß er an die Produktion von
Spitzen gar nicht denken kann. Allein dieser Fall ist doch
sin. exzeptioneller. Er betrifft einen Staat, der sich in einer
ungewöhnlich schweren Lage befindet, und einen Gegen-
stand, der ausschließlich Luxusbedürfnissen dient. In der
überwiegenden Mehrzahl der Fälle aber lohnt sich die Er-
zeugung einer gegebenen Warengattung bei den einen Kosten,
nicht dagegen bei den anderen. Wo soll nun die soziali-
stische Wirtschaft einen Maßstab für die Wirtschaftlichkeit
1er Produktion finden?
Die gleiche Frage gilt übrigens ebenso scharf auch für den
Außenhandel. Was soll im Auslande eingekauft werden:
Mehl, Bohnen, Heringe oder vielleicht Schuhe und Medika-
mente? Wo ist der Mechanismus, vermittelst dessen unser
Außenhandelskommissariat mit den Bedürfnissen des Lan-
les in Fühlung kommt? Woher weiß es, daß ein Warenpreis
30
        <pb n="32" />
        annehmbar, ein anderer aber unannehmbar ist? — Diese
Fragen bleiben ohne Antwort.

Der Marxist Strumilin, der den Versuch machte, in das
Problem der Wirtschaftsrechnung in dem sozialistischen
Staate tiefer einzudringen, und der im Gegensatz zu uns,
auf der objektiven Bedeutung des Arbeitswertkalküls be-
steht, mußte dennoch in Übereinstimmung mit uns zugeben,
daß es völlig unzureichend für die Regelung der sozialisti-
schen Produktion sei. Strumilin hält es daher für notwendig,
den Begriff der Nützlichkeit der Wirtschaftsgüter einzu-
führen: der Arbeitsaufwand muß sich auf die Produktion ver-
schiedener Wirtschaftsgüter gemäß ihrer Nützlichkeit ver-
teilen. Wir sehen also, daß Strumilin bestrebt ist, in der
sozialistischen Gesellschaft denselben Mechanismus wieder-
herzustellen, der, den Ansichten der modernen National-
5konomie zufolge, in der kapitalistischen Wirtschaft wirkt.
Das Problem ist von Strumilin richtig gestellt; seine Termi-
nologie bleibt aber marxistisch. Was er als Wert bezeichnet,
fällt in der heutigen Nationalökonomie unter den Begriff der
Kosten, das aber, was er Nützlichkeit nennt, unter den Be-
griff des Werts. Aber das ist natürlich nicht wesentlich.

Indem Strumilin nun das Problem der Nützlichkeit der
Wirtschaftsgüter untersucht, entdeckt er eine der Wirtschafts-
wissenschaft allerdings längst bekannte Erscheinung: mit
der Zunahme der Menge der Wirtschaftsgüter verringert
sich ihre Nützlichkeit. Hierbei erinnert sich Strumilin an
das psychophysische Gesetz Fechners von der Verminde-
cung der Reaktionsintensität bei Reizwiederholung. Offen
gestanden, waren wir bei der Lektüre der betreffenden Aus-
führungen. Strumilins verwundert, daß der verehrlichte Na-
tionalökonom sich nicht an die Lehre vom Grenznutzen er-
innerte, die ja eine Übertragung des genannten psychophysi-
schen Gesetzes auf die Erscheinungen der Wirtschaft dar-
stellt. Oder gehört vielleicht auch Strumilin zu jenen weiten
Kreisen russischer Intellektueller, die das „Kapital‘‘ von
Marx zum Range eines heiligen Korans erhoben haben und
nun nach der Omar zugeschriebenen Formel glauben, daß,
wenn die Marx nachfolgende Nationalökonomie das „Kapi-
tal‘ wiederhole, sie überflüssig sei, wenn sie aber be-
haupte, was im „Kapital“ nicht enthalten ist, sie erst
recht überflüssig sei? .

Allein wie sonderbar auch die Ausführungen Strumilins

31
        <pb n="33" />
        klingen‘ mögen, der angeblich zum ersten Male Wahrheiten
entdeckt, die in der Wirtschaftswissenschaft schon längst.
feststehen, — das Problem der Regelung der sozialistischen
Wirtschaft ist von ihm richtig erkannt worden.

Nur ist er, im Gegensatz zu uns, davon überzeugt, daß es
durchaus möglich sei, die Wirtschaft ohne Fühlungnahme
mit dem Markte zu regulieren. Er macht sich vielmehr an-
heischig, die Nützlichkeit der Wirtschaftsgüter a priori zu
errechnen mit Hilfe der von der Wahrscheinlichkeitstheorie
her bekannten Formel Daniel Bernoullis über die. sog. mora-
lische Erwartung... Er übersieht dabei, daß diese Formel
sich auf das Geld, d. h. das abstrakte Äquivalent aller Wirt-
schaftsgüter bezieht. Hingegen wäre es wohl Daniel Ber-
noulli nie eingefallen, daß jemand seine Formel dazu .be-
nutzen könnte, das Sinken des Wertes konkreter Wirtschafts-
züter, wie Brot, Milch, Holz, Mäntel oder Gummischuhe,
je nach ihrer Menge zu errechnen. Das Problem der Er-
forschung der Gesetze, die den Konsum all dieser Güter
beherrschen, ist erst vor kurzem aufgestellt worden, und es
ist noch wenig zu seiner Lösung getan. Jedenfalls wissen
wir aber soviel, daß die Bedarfsintensität für jedes Wirt-
schaftsgut ihre eigentümliche Gesetzmäßigkeit aufweist, daß
es Wirtschaftsgüter mit elastischer und unelastischer Nach-
frage gibt und daß die Zusammenhänge zwischen der Nütz-
lichkeit der Wirtschaftsgüter und ihrer Menge sich nicht
durch eine. einfache Formel umfassen lassen. Ferner hat
aber Strumilin es unterlassen, nachzuweisen, in welcher
Weise er die Nützlichkeit verschiedener Wirtschaftsgüter
auf eine Einheit. bringen will; hier wird man also Koeffi-
zienten einführen müssen, die man, ebenso wie die Koeffi-
zienten beim Vergleich qualifizierter und: unqualifizierter
Arbeit, eben deshalb als „gewisse“ bezeichnen wird, weil sie
angewiß sind.
Wir wundern uns deshalb nicht, daß unsere Staatsgewalt,
die, dem Vorschlage Strumilins folgend, die Arbeitsaufwert-
rechnung obligatorisch einführte, dennoch nicht erst das
Resultat dieser Wertrechnungen abwartete, ja sich nicht
einmal der Formel Bernoullis bediente, um die Nützlichkeit
der zu produzierenden Wirtschaftsgüter a priori zu be-
stimmen, sondern in dem Wunsche, die Staatsunternehmun-
gen in Ordnung zu bringen, diesen die Anweisung gab, sich
30
        <pb n="34" />
        nach dem Markte zu orientieren !).' Gewiß, unser Markt ist
heute äußerst unvollkommen organisiert, viel weniger als in
der Zeit des Kapitalismus. Dennoch ist es besser, sich nach
diesem unvollkommenen Markte zu orientieren, als vollkom-
men im Dunkeln zu tappen. Dadurch tritt freilich unsere
Staatswirtschaft aus dem Rahmen des Sozialismus, wie er
vom Marxismus aufgefaßt wird, heraus.

Allein gelingt es nicht die sozialistische Wirtschaft von
unten herauf durch eine zweckmäßige Wirtschaftsrechnung
in Ordnung zu bringen, so sucht man sie von oben herab
durch einen statistisch begründeten einheitlichen Wirt-
schaftsplan zu regeln. Zugleich mit den leitenden Wirt-
schaftszentralen glaubt an die Möglichkeit einer solchen
Lösung dieser Aufgabe auch ein beträchtlicher Teil unserer
Intellektuellen und kritisiert deshalb streng die Regierung,
die sie bisher nicht zu bewältigen vermochte. So ist auch
Tschajanow davon überzeugt, daß eine Zeit kommen wird,
da die Wirtschaftszentralen imstande sein werden, anzu-
geben, wieviel Weizen, Milch, Schweinefleisch der soziali-
stische Staat braucht und wieviel Aufwendungen zur Er-
zeugung eines jeden dieser Produkte gemacht werden kön-
nen, so daß der Staat, auf dies&amp;n Angaben fußend, einen
festen Boden unter den Füßen haben wird, um die Staats-
güter zweckmäßig zu organisieren.

Wir müssen jetzt daher die Möglichkeit der Aufstellung
eines einheitlichen staatlichen Wirtschaftsplans und seine
Bedeutung für die Regelung der sozialistischen Wirtschaft
untersuchen.

V.
Der Einheitsplan der sozialistischen
Wirtschaft.
Der Einheitsplan der sozialistischen Wirt-
achaftistder tragende Gedanke des Marxismus.
Mit Hilfe dieses Planes verspricht der Sozialismus nicht nur
die hochentwickelte Technik des Kapitalismus intakt zu
übernehmen, sondern er hofft, sie durch weitere Konzentra-
ion der Produktion sowie durch die Auswahl vollkommen-
35 Der Verfasser hat hier die Einführung der neuen Wirtschaftspolitik
Im Auge, (Anmerkung zur Übersetzung.)
&gt; Brutzkus, Die Lehren des Marxismus.

37
        <pb n="35" />
        ster Betriebsformen auf den Gipfel zu erheben und eine
Harmonie zwischen der Produktion und den Bedürfnissen
der Gesellschaft zu erzielen, die dem Kapitalismus uner-
reichbar bleibt. Spricht doch der Marxismus, wie wir bereits
erwähnten, wiederholt von der „Anarchie der kapitalisti-
schen Produktion‘, die zu überwinden er sich anheischig
macht.

Die kapitalistische Wirtschaft entstand im Wege eines
natürlichen Entwicklungsprozesses; sie besitzt kein Subjekt,
das sie nach einem bestimmten Plane führe. Gewiß, die
Staatsgewalt treibt in kapitalistischen Ländern Wirtschafts-
politik. Allein diese besteht — wenn wir von exzeptionellen
Fällen absehen — lediglich in partiellen Maßnahmen der Ein-
wirkung auf die Volkswirtschaft und verfolgt nicht den
Zweck, das privatwirtschaftliche Interesse und die Privat-
initiative aus ihrer entscheidenden Rolle zu verdrängen. So-
fern läßt sich von einer „Anarchie der kapitalistischen Pro-
duktion‘“ sprechen.

Allein diese „Anarchie‘‘, d. h. der Mangel einer die sozia-
ten Beziehungen regelnden Gewalt, bedeutet nicht notwen-
dig, daß diese Beziehungen sich im chaotischen Zustande
befinden. In Wahrheit besitzt denn auch der Kapitalismus
gewisse regulative Kräfte, und diese wirken deutlich und
zwingend genug. Die kapitalistische Produktion wird näm-
lich von den Marktpreisen geregelt.

Der Kapitalismus ist ein Regime der freien Konkurrenz,
die ihren Ausdruck sowohl auf dem Markte der Verbrauchs-
güter als auf dem der Produktionsmittel findet. Die freie
Konkurrenz der Konsumenten, die bestrebt sind, ihre Be-
dürfnisse am vorteilhaftesten zu befriedigen und die freie
Konkurrenz der Produzenten, die auf dem Markte eine be-
stimmte Warenmenge zu realisieren suchen, hat zur Folge,
daß der Preis der einzelnen Verbrauchsgüter einen be-
stimmten Stand erreicht, auf dem Angebot und Nachfrage
sich ausbalancieren. Dieser Preis entspricht dem Grenz-
nutzen, den die betreffenden Wirtschaftsgüter für die Ge-
sellschaft als Ganzes darstellen; seine Höhe wird von der
subjektiven Wertschätzung und der Kaufkraft aller Mit-
glieder der Gesellschaft bestimmt.

Die Preise reagieren empfindlich auf jede Veränderung des
Angebots und der Nachfrage, ebenso wie das Zünglein einer
genauen Wage auf jede Veränderung in der Belastung der
34
        <pb n="36" />
        Wagschalen reagiert. Die Veränderung des Preises kann
durch die Nachfrage bewirkt werden. Wenn beispielsweise
die Herbstkälte unverhofft früh eintritt, so empfinden die
Käufer ihren Bedarf nach warmer Kleidung intensiver; ist
aber diese Kleidung nur in einem Umfange vorrätig, der auf
die üblichen Wetterverhältnisse berechnet ist, so treibt die
Konkurrenz der Verbraucher ihren Preis in die Höhe. Ein
anderes Beispiel: Wird ein Land, das dem Weltmarkt einen
beträchtlichen Teil von Lebensmitteln liefert, von einer Miß-
ernte betroffen, so steigen die Preise der Lebensmittel; da
aber diese der Befriedigung lebenswichtiger Bedürfnisse
dienen, so wird die Befriedigung weniger dringender Bedürf-
nisse aufgeschoben, und die Preise der betreffenden Ver-
brauchsgüter sinken. — Ebensogut kann eine Veränderung
im Angebot stattfinden. Wir erwähnten soeben die Abhängig-
keit der Preise landwirtschaftlicher Produkte von den
Schwankungen der Ernte. Häufiger in der kapitalistischen
Wirtschaft ist allerdings ein Fortschritt der Produktion, der
es ermöglicht, mit den gleichen Aufwendungen eine immer
größere Menge von Produkten zu erzeugen. Diese können
dann auf dem Markte nur zu niedrigeren Preisen als bisher
realisiert werden. Der Marktpreis der Verbrauchsgüter be-
stimmt dann seinerseits den Umfang der Mittel, die zur weite-
ren Erzeugung eines jeden dieser Güter herangezogen wer-
den dürfen.

Neben dem Markte der Verbrauchsgüter existiert aber auch
ein Markt der Produktionsmittel, auf dem ein Wettbewerb
der Unternehmer stattfindet. Durch vollkommene Konkur-
renz erlangt jedes Produktionsmittel einen Preis, der seiner
Grenzproduktivität, d.h. dem Maße entspricht, in dem die
Produktivität eines Betriebes durch die Heranziehung des be-
treffenden Produktionsmittels gehoben wird. Auf diese Weise
entsteht ein gewisses labiles Gleichgewicht zwischen dem
gesellschaftlichen Bedarf und. der Produktionsorganisation.
Dieses Gleichgewicht ergibt sich bald bei diesem, bald bei
jenem Preisniveau, bald bei diesem, bald bei jenem Umfang
der Produktion. Der Gleichgewichtspunkt verschiebt sich
fortwährend infolge der Stöße, die bald aus der Sphäre der
Nachfrage; bald aus der des Angebots — der Produktion
kommen. Der Vorgang der Preisbildung verläuft spontan, die
Menschen, die an diesem Vorgang teilnehmen, gehen von
keiner Theorie aus und greifen nur selten zum statistischen
25
        <pb n="37" />
        Zahlenwerk. Weder das eine noch das andere empfinden die
Unternehmer als unentbehrlich für die Lösung ihrer ak-
tuellen praktischen Aufgaben.

Und dennoch muß man zugeben, daß der Mechanismus im
Großen und Ganzen vortrefflich funktioniert. Trotzdem es
weder ein Subjekt noch einen Plan der kapitalistischen Wirt-
schaft gibt, werden hier die Bedürfnisse der Gesellschaft mit
der größten Beständigkeit befriedigt; noch mehr, der Markt
ist bestrebt, auch den verfeinertsten Bedürfnissen, den will-
kürlichsten Launen der Konsumenten entgegenzukommen.

Nichtsdestoweniger hat diese ganze automatische Anpas-
sung der Produktion an den Verbrauch auch ihre Mängel,
die sich von Zeit zu Zeit in der Entstehung einer Überpro-
duktion äußern, d.h. in der Unmöglichkeit, die Waren auf
dem Markte zu einem Preise zu realisieren, der die Herstel-
lungskosten. deckt. Bei dem engen Zusammenhang aller Ele-
mente der Volkswirtschaft in den Ländern des entwickelten
Industriekapitalismus und bei der gegenseitigen Abhängig-
keii dieser Elemente, die in der Kreditorganisation wurzeit,
haben aber die Krisen, die in einem wichtigen Produktions-
zweig, am häufigsten in der Herstellung der Produktions-
mittel, in der sog. „schweren Industrie‘, entstehen, die Ten-
denz, sich zu allgemeinen Industriekrisen auszuwachsen; ja
sie breiten sich von einem Land zum anderen aus und wer-
den zu Weltkrisen. Sie ruinieren die Unternehmer und rufen
in der Arbeiterklasse die Massenarbeitslosigkeit mit ihrem
ganzen Elend hervor.

Die Grundursache der Krisen erblickte Marx in der un-
richtigen Verteilung, genauer in dem Umstande, daß die Lage
der Arbeiter sich verschlechtere und so ein Mißverhältnis
zwischen den schnell wachsenden Produktionskräften der
Gesellschaft einerseits und der Kaufkraft der Volksmassen
andererseits bewirke. Daher erwartete Marx denn auch,
daß mit den Fortschritten des.Kapitalismus die Krisen immer
schärfer würden, bis diese ganze „Anarchie der kapitalisti-
schen Wirtschaft‘‘ zu dem vollständigen Zusammenbruch
führen werde.

Diese beängstigende Prognose hat sich indessen nicht be-
wahrheitet. Der Kapitalismus überwindet immer wieder die
Krisen und erlebt sogar hierauf Perioden einer Blüte, ın
denen die Produktion sich noch zu einer höheren Stufe er-
hebt als die, die sie vor der Krise eingenommen hat. Ferner
26
        <pb n="38" />
        aber weisen die Krisen gerade in dem Lande des am weite-
sten vorgeschrittenen Kapitalismus — in England — die Ten-
denz auf, milder zu werden: die Perioden des industriellen
Aufschwungs zeigen nämlich die Tendenz, ohne große Er-
schütterungen in Perioden industrieller Depression überzu-
gehen. Der Industriekapitalismus entwickelt sich in seinen
höheren Stadien also in einem pulsierenden Tempo. Die uns
gegenwärtigen Krisen der Nachkriegszeit lassen wir hierbei
selbstverständlich außer acht. Die Industriekrisen waren es
indessen offensichtlich, die Marx zur Verneinung des Marktes
als eines Regulators der Produktion geführt haben.

Das vom wissenschaftlichen Sozialismus hingegen vorge-
schlagene System der Regelung der Produktion hat nichts
mit dem innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft wir-
kenden gemeinsam. Der Einheitsplan der sozialistischen
Wirtschaft ist nicht die Summe der einzelnen Produktions-
pläne, wie sie in den Einzelunternehmungen der kapitalisti-
schen Wirtschaft aufgestellt werden, sondern wird auf einer
prinzipiell verschiedenen Grundlage aufgebaut. In der sozia-
listischen Gesellschaft gibt es keinen Markt. Alle Verteilungs-
funktionen sind vielmehr bei Spezialbehörden zentralisiert,
die dem wirtschaftlichen Staatsplan gemäß handeln. Alle
Betriebe des sozialistischen Staates arbeiten für den „ge-
meinsamen Kochtopf‘ und werden aus demselben auch be-
liefert.

Die Wirtschaftsgüter, insonderheit die Produktionsmittel,
zirkulieren im sozialistischen Staate ohne Kauf und Verkauf
— ohne Äquivalent. Nicht umsonst finden alle russischen
Forscher der sozialistischen Wirtschaft, wie Bucharin, Tscha-
janow, Larin, in der letzteren Züge der Naturalwirtschaft.
In der Tat: wir können uns dieses Vergleichs bedienen. Wir
könnten die sozialistische Wirtschaft namentlich der bäuer-
lichen Naturalwirtschaft an die Seite stellen. Auch in dieser
gibt es verschiedene Arten nutzbaren Landes, der Ackerbau
pflegt verschiedene Früchte, die Viehzucht kennt verschie-
dene Zweige, und alle diese Wirtschaftselemente stehen im
engsten Zusammenhang miteinander. Die Erzeugnisse der
Felder, der Weiden und der Wiesen werden dem Vieh dar-
gereicht; die Arbeit der Pferde und der Dünger werden auf
dem Felde und beim Gemüsebau verwertet; und dieser ganze
Umlauf der Werte aus einem Wirtschaftsgebiet ins andere
geschieht ohne Kauf und Verkauf. Ebensowenig gibt es in

97
        <pb n="39" />
        der bäuerlichen Wirtschaft eine schroffe Demarkationslinie
zwischen der Produktion und der Haushaltung, dem Ver-
brauch, was wiederum auch für die sozialistische Gesell-
schaft. kennzeichnend ist.

Dieser Vergleich, bei dem sich unsere Forscher des So-
zialismus offenbar beruhigen, würde in der Tat wesentlich
zur Lösung des Problems der Regelung der sozialistischen
Wirtschaft beitragen, wenn ..: nun, wenn die beiden Wirt-
schaftsorganisationen sich auch in ihrem Umfang nahekom-
men. würden. Die bäuerliche Wirtschaft 1äßt sich von einem
gesunden Bauernverstand übersehen und handhaben. Reicht
aber eine analoge Intuition hin, um nicht nur die soziali-
stische Wirtschaft des großen Rußlands, sondern auch schon
die eines Kleinstaates zu übersehen?! In derartigen Fällen
werden eben die quantitativen Unterschiede zu qualitativen.

Das Zentralorgan der sozialistischen Wirtschaft, sagen
wir der Oberste Volkswirtschaftsrat, wird, da er den schnell
reagierenden Barometer der Marktpreise nicht mehr besitzt,
gezwungen sein, um die Produktion in Harmonie mit den
sozialen Bedürfnissen zu bringen, zuerst irgendwelche Unter-
lagen zu sammeln, um die Art und die Menge der zur Be-
friedigung dieser Bedürfnisse nötigen Gegenstände zu be-
stimmen; sodann wird er die verfügbaren Produktionsmittel
veranschlagen, unter denen ein so eigenartiges und unbe-
ständiges Element wie die Arbeitskräfte der Bevölkerung am
bedeutsamsten ist. Hiernach wird der Oberste Volkswirt-
schaftsrat die vorhandenen Produktionsmittel unter den wich-
tigsten Zweigen der Volkswirtschaft, ferner durch die Zen-
tralen unter den einzelnen Unternehmungen verteilen, die
Kombination der Produktionselemente in den Betrieben je-
loch den Lokalorganen überlassen müssen.

Bei uns ist die Redensart gang und gäbe geworden: „So-
zialismus ist Rechnungslegung‘. In der Tat: da der soziali-
stische Staat des Mechanismus der Marktpreise ermangelt,
muß er im Besitze eines ungeheuren und ungewöhnlich voll-
kommenen statistischen Apparates sein, der alle Seiten des
Volkslebens umfaßt und elastisch und ununterbrochen funk-
joniert, um alle Veränderungen des sozialen Lebens einzu-
langen. Einen so riesenhaften und teuer arbeitenden statisti-

schen Apparat besitzen aber naturgemäß nicht einmal die
kulturell vorgeschrittensten Staaten des Westens, erst recht
nicht Rußland. Doch wir wollen bei diesen technischen
38
        <pb n="40" />
        Schwierigkeiten uns nicht aufhalten und zu dem prinzipiellen
Kern der Frage übergehen.

Ist der Bedarf der Bevölkerung an Wirtschaftsgütern
a priori zu bestimmen? Wir glauben, eine solche Idee ist
bei Marx unter dem unerfreulichen. Eindruck der Lage der
englischen Arbeiterschaft in der ersten Hälfte des verflosse:
nen Jahrhunderts, wie sie in der berühmten Schrift seines
Freundes Engels geschildert ist, entstanden. Kann der Kap:
talismus — so lautete wohl sein Gedankengang — dem
Arbeiter nur ein Existenzminimum gewähren, wobei jedoch
auch dieses infolge der periodisch eintretenden Arbeitslosig-
keit unsicher bleibt, so wird die Arbeiterklasse selbst in dem
Falle viel gewinnen, wenn der Sozialismus ihr wenigstens
das Existenzminimum garantieren könnte.

Mehr als ein halbes Jahrhundert ist verflossen, seitdem
Ferdinand Lassalle so dramatisch das „eherne Lohngesetz‘‘
verkündete. Aus vielen Gründen, unter denen die eigene
Aktivität der Arbeiterklasse nicht zuletzt steht, erwies sich je-
doch das Gesetz des Arbeitslohnes in Wahrheit als aus einem
bedeutend weicheren Material denn Eisen geschmiedet. Die
Werktätigen in Westeuropa, von der neuen Welt ganz zu
schweigen, haben sich schon längst abgewöhnt, sich nur mit
dem Minimum an Wirtschaftsgütern zu begnügen, das zur
Befriedigung ihrer elementaren Bedürfnisse unbedingt er-
forderlich ist. Ihre Bedürfnisse ... sie sind nicht zu er-
messen, wie denn die Bedürfnisse zivilisierter Menschen ja
überhaupt a priori unmeßbar sind. Freilich, der Befriedigung
ihrer Bedürfnisse sind bestimmte Grenzen gezogen, und zwar
durch die objektive Tatsache, daß die Kaufkraft der Werk-
tätigen begrenzt ist.

Soweit daher der Sozialismus sich das Ziel vorsetzt, den
standard of life der Arbeiterschaft nicht herunterzudrücken,
sondern zu heben, besteht seine Aufgabe gar nicht darin, das
Minimum an Wirtschaftsgütern, das die Werktätigen benö-
tigen, zu bestimmen. Man müßte vielmehr die Wirtschafts
güter in einer Riesenskala aufstellen, in der jedes’ Gut ent-
sprechend seiner Einschätzung durch die Verbraucher einen
Platz findet. Dann würde es sich aber herausstellen, daß
ein und dasselbe Wirtschaftsgut auf verschiedenen Stufen
der Skala erscheint, denn in einer bestimmten Menge kann
es zwar unbedingt notwendig sein, während weitere Mengen
desselben an Bedarfswert verlieren. Ein gelernter englischer
30
        <pb n="41" />
        Arbeiter, Mitglied einer Trade-Union, ist gewöhnt, Beefsteak
zu essen und. dazu eine Kanne Ale zu trinken; er hat ferner
die Gewohnheit, außerhalb der Stadt in einem kleinen Cot-
tage zu wohnen und die Stadt durch die Untergrundbahn
(tube) zu erreichen; Sonntags geht er in einem schwarzen
Gehrock und mit einem Seidenzylinderhut angetan aus;
Wahrscheinlich gewöhnt sich jetzt auch der englische Ar:
beiter, gleich seinem amerikanischen Genossen, den „Ford“
zu benutzen. Gewiß, die Dockarbeiter sind, ebenso wie an-
dere ungelernte Arbeiter, gezwungen, bedeutend bescheide-
ner zu leben, allein der Sozialismus ist doch nicht dazu da,
um den standard of life der Arbeiterklasse herabzudrücken.

Der Arbeiter selbst kennt natürlich den abgestuften Wert,
den die verschiedenen Wirtschaftsgüter für ihn haben. Wahr:
scheinlich wird er weder auf Beefsteak noch auf die erste
Kanne Ale jemals verzichten wollen; der dritten und der
vierten Kanne aber wird er wohl, falls er eine Familie hat,
ein drittes Zimmer im Cottage vorziehen; einer weiteren Ver-
größerung des Cottage wird er aber wohl einen schwarzen
Gehrock, ein Festkleid für seine Frau usw. vorziehen. Im
übrigen haben auch die Arbeiter als Kulturmenschen einen
individuell verschiedenen Geschmack, und sie stellen ent-
sprechende Forderungen an den kapitalistischen Markt, 'auf
dem die unendlich mannigfaltige Nachfrage ohne jegliche
Statistik summiert wird.

Aber wie sollen wir als Funktionäre des sozialistischen
Öbersten Volkswirtschaftsrats diese Probleme a priori lösen,
welche objektive Unterlagen besitzen wir für eine solche
Lösung, wenn kein Markt da ist, auf dem die Konsumenten
selber den Intensitätsgrad ihres Bedarfs zum Ausdruck brin-
gen können? Selbst eine Vorausbestimmung des elementar-
sten Bedarfs stellt, in Ermangelung eines Marktes, keines-
wegs eine so leichte Aufgabe dar, wie viele es sich vorstellen.

Beginnen wir mit den Nahrungsmitteln. Nehmen wir an,
daß die Statistik uns zeitgemäße und genaue Angaben über
die Zahl der Bevölkerung, ihren Geschlechts- und Alters-
aufbau sowie ihre Berufsgliederung liefert. Die Physiologie
gibt uns ferner die Zahl der Kalorien an, die Menschen
verschiedenen Geschlechts und Alters bei verschiedener
Arbeitsanspannung brauchen. Die Wissenschaft gibt uns
an, welches Minimum von Eiweiß in der Nahrung enthalten
sein muß; die übrigen Kalorien können durch Fette und
‘n
        <pb n="42" />
        Kohlehydrate bestritten werden. Da wir nun die Zusam-,
mensetzung der Nahrungsstoffe kennen, können wir eingd
Ration zusammenstellen, in der eine genügende Anzahl vor
Kalorien, mit Einschluß von Eiweiß, enthalten sein würde.

Es muß immerhin bemerkt werden, daß alle diese zahlen-

mäßigen Aufstellungen von sehr relativem Werte sind, denn

die Kalorienzahl, die ein erwachsener Arbeiter braucht,

schwankt sehr, je nach der Arbeitsanspannung, von 214 bis

8 Taus. Kalorien am Tage; die Nahrungsmittel selbst ferner

haben eine sehr wechselnde Zusammensetzung, jede Portion

Nahrung aber einer chemischen Analyse zu unterwerfen, ist

natürlich unmöglich. Doch die Hauptschwierigkeit besteht

in etwas anderem.

In den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts hat der Be-
gründer der modernen energetischen Ernährungstheorie, der
deutsche Physiologe Rubner, den folgenden Satz aufgestellt:
Führt man einem Lebewesen mit der Nahrung ein Minimum
von Energie zu, die zur Aufrechterhaltung seiner Funktionen
notwendig ist, so verhält sich der Organismus bis zu einem
gewissen Grade gleichgültig dazu, ob diese Energie ihm in
der einen oder der anderen Form zugeführt wird. Seitdem
dieser Satz aufgestellt wurde, ist ein Vierteljahrhundert ver-
gangen. Die energetische Ernährungstheorie hat ihre Be-
deutung zwar beibehalten, doch viele Korrekturen erfahren.
Bekanntlich braucht der Organismus ein Minimum an Ei-
weiß, doch stellte es sich heraus, daß es vollwertiges und
nicht vollwertiges Eiweiß gibt und daß vor allem ersteres
unentbehrlich ist. Ferner wurde nachgewiesen, daß die Nah-
rung unbedingt auch Lezithin, Nuklein und die noch wenig
erforschten Vitamine enthalten muß. Weiterhin stellte es
sich aber heraus, daß auch die Fette von sehr verschiedenem
Nährwert sind. Man kann also der Bevölkerung ein genügen-
des Quantum von Kalorien, ja vom Eiweiß zuführen und sie
dennoch zu Massenerkrankungen an Skorbut bringen.

Nun wird man uns wohl erwidern, wenn der Oberste
Volkswirtschaftsrat, dem ja doch alle Erfahrungen der Wis-
senschaft zur Verfügung stehen, dennoch nicht imstande ist,
eine notwendige Ration zusammenzustellen und der Pro-
duktion entsprechende Direktiven erteilen, — wie soll der
einfache Bürger dazu imstande sein? — In Wahrheit braucht
aber der letztere auch keine Wissenschaft. Er empfindet
vielmehr unmittelbar den Zustand seines Magens und seines

41

a
        <pb n="43" />
        Organismus und stellt, seinem Instinkte folgend, fest, daß
es ihn sehr nach Fleisch oder aber nach Käse, nach einer
Mohrrübe oder einem Ei gelüste. Und dieser Instinkt betrügt
ihn nicht. Ist nun ein Markt da, so werden alle diese Gelüste
summiert, und als deren Resultat entstehen Direktiven für
die Produktion, die viel richtiger sind, als die Physiologie
nebst der Statistik sie ergeben können.

Allein die Bestimmung des Nahrungsbedarfs ist noch lange
nicht die schwierigste Aufgabe. Wer kann aber ausrech-
nen, wieviel Holz die Einwohnerschaft Petrograds braucht,
um dem Frieren zu entgehen? Wollten wir dafür die alten
Normen benutzen, so sind diese unanwendbar, da man gegen-
wärtig nur einzelne Wohnungen oder gar einzelne Zimmer in
sonst leer gewordenen Häusern, die in ihrer ganzen Kon-
struktion für Zentralheizung eingerichtet sind, beheizen muß.
Neue Normen sind jedoch nicht da. Wie kann aber die so-
zialistische Gesellschaft die Richtigkeit ihrer a priori-Normen
überhaupt nachprüfen, da sie doch keinen Mechanismus be-
sitzt, der die Intensität des Holzbedarfs der Einwohner an-
zeigt?

Mit der Norm für Bekleidung steht es noch schlimmer.
Denn so sehr wir, angesichts der schweren Lage der Repu-
blik, darauf bestehen mögen, daß die Bürger nur die Be-
friedigung ihrer elementarsten Bedürfnisse verlangen dür-
fen, — auf diesem Gebiete läßt sich Notwendiges von Kon-
ventionellem nicht trennen. Mögen wir Männer uns mit der
elementarsten, einförmigsten Kleidung begnügen — ein mäch-
tiger Instinkt wird es den Frauen für ihren Teil nicht er-
lauben, sich mit einem solchen Zustand zu versöhnen. Im
Rahmen der freien Tauschwirtschaft wird die Frau sich
lieber etwas vom Essen absparen, als auf eine gewisse
ästhetische Verschönerung ihrer Kleidung verzichten. Ist
unsere Republik, selbst in ihrer schweren Lage, berech-
tigt, diesen Instinkt zu unterdrücken?! Wir glauben kaum:
Auf die Herstellung wie vieler notwendiger Gegenstände
muß nun die Republik verzichten, um den Minimalbedarf der
Frauen an Schmuck, an Bändern, Spitzen, Federn zu be-
iriedigen?

Man wird einwenden: Übernimmt es nicht auch der kapi-
tahstische Staat, nach bestimmten Normen die Bedürfnisse
gewisser Bevölkerungsgruppen zu befriedigen, und wird er
dieser Aufgabe nicht in vollem Maße gerecht? Wir haben ja
492
        <pb n="44" />
        dafür ein prägnantes Beispiel — die Versorgung von Riesen:
armeen. — Gewiß, allein in diesem Falle ist die Aufgabe
außerordentlich vereinfacht. Wir haben hier eine Anzahl
von Menschen gleichen Geschlechts und Alters vor uns, die
eine gleichförmige Arbeit verrichten und gemeinsam unter-
gebracht sind. Diese ganze Menschenmasse ist wohl über-
sichtlich, man steht mit ihr in ständiger Fühlung, und die
Folgen der einen oder der anderen Art, sie zu versorgen,
treten klar in die Erscheinung. Allein — selbst der best-
versorgte Soldat wird sich unglücklich fühlen, wenn er kein
Geld für sich hat; denn das heißt, daß er von der Tausch-
gemeinschaft ausgeschlossen ist, daß er nicht einmal die
minimalste Freiheit der Befriedigung seiner Bedürfnisse hat.

In dem Augenblick, da der Kommunismus bei uns auf den-
Gipfelpunkt seiner Entfaltung stand, schwebte es.auch unse-
rer Staatsmacht vor, die Bürger einem ebenso einförmigen
Regime zu unterstellen. Daher die Experimente mit den
Arbeiterheimen, die Zwangseinquartierungen, die Kommunal-
speisungen. Allein all diese Versuche waren nur von ge-
ringem Erfolg. Das Programm ließ sich nicht durchführen,
denn seine Voraussetzung war Abschaffung der Einehe, die
die Bürgerin Kollontaj konsequenterweise denn auch ver-
langte, zu der sich aber unsere Staatsmacht denn doch nicht
entschließen konnte. Aber selbst wenn die Regierung die
Experimente bis zu ihrem logischen Abschluß treiben wollte,
hätte sie bestenfalls nur das Glück der ... „satten Kaserne‘
geschaffen.

Somit ist der sozialistische Staat selbst mit
dem ganzen Rüstzeug der wissenschaftlichen
Theorie und eines statistischen Riesenappara-
tes nicht imstande, den Bedarf seiner Bürger
zu ermessen, nicht imstande, ihn abzuwägen,
und daher auch nicht in der Lage, der Produk-
tion die erforderlichen Direktiven zu geben.
Die schwächste Seite der sozialistischen Wirt:
schaft besteht aber in dem Bestreben des sozia-
listischen Staates, in den Händen.seiner Bu-
reaukratie sämtliche Verteilungsfunktionen zu
zentralisieren.

Im Rahmen der freien Tauschwirtschaft muß jedes Unter-
nehmen sich in dem Existenzkampf fortwährend selbst be-
haupten. Es braucht stets Rohstoffe, es muß die Produk-
4?
        <pb n="45" />
        tionsmittel erneuern, die Arbeiter brauchen ihre tägliche
Nahrung, und das investierte Kapital muß einen Gewinn
abwerfen. Sämtliche hierzu erforderlichen Mittel bezieht das
Unternehmen selbst aus der Volkswirtschaft, indem es seine
Erzeugnisse auf den Markt wirft. Sind diese Erzeugnisse für
die Volkswirtschaft vom Wert, ist die Produktivität des Un-
ternehmens hoch, so wird der Markt dem Unternehmer ge-
nügend Mittel in der Form des allgemeinen Wertäquivalents
erstatten. Für den Erlös seiner Ware wird der Unter-
nehmer selbst Rohstoffe und neue Maschinen erwerben, die
Arbeiter und die Angestellten bezahlen; der Rest wird seinen
Profit bilden, und ist dieser groß genug, so wird der Unter-
nehmer einen Teil davon zur Erweiterung der Produktion
verwenden, Hat das Unternehmen sich als lebensfähig be-
währt, so gewährt die Volkswirtschaft dem Unternehmer
einen Kredit, der es ihm erlaubt, seinen Betrieb über den
Rahmen dessen hinaus zu erweitern, was sein eigenes Ka:
pital ihm gestattet hätte. Umgekehrt, ist die Produktivität
des Unternehmens niedrig, so wird der Erlös der von ihm
erzeugten Waren nicht hinreichen zur Fortführung des Be-
triebes; das ist ein memento mori, das bedeutet, daß die
Volkswirtschaft es nicht mehr lange dulden will, daß ihre
Mittel durch eine organisatorisch mangelhafte Produktion
weiter verschwendet werden. Kurzum, die Entwicklung eines
jeden kapitalistischen Unternehmens entspricht genau seiner
Produktivität.

In der sozialistischen Wirtschaft aber ist die Lage prinzi-
piell verschieden; hier besteht zwischen der Produktivität
eines Unternehmens und dessen Versorgung kein direkter
Zusammenhang. Hier finden zwei Akte statt: der erste — die
Erzeugnisse des Unternehmens ergießen sich in den „ge-
meinsamen Kochtopf“, und der zweite — aus dem „gemein-
samen Kochtopf‘ erhält das Unternehmen die Mittel für die
weitere Produktion. Der Kreislauf der Wirtschaftsgüter voll-
zieht sich in der sozialistischen Gesellschaft nicht auf Grund
regelmäßiger Kauf- und Verkaufstransaktionen, deren Verlauf
von dem Willen der an ihnen teilnehmenden Personen un-
abhängig sind und lediglich von der Marktkonjunktur be-
stimmt werden. In den Köpfen mancher Funktionäre des
Obersten Volkswirtschaftsrats mag wohl eine Verbindung be-
stehen zwischen dem Akte des Einlaufs der Produkte in den
„gemeinsamen Kochtopf‘ und dem Akte des Bezugs von Pro-
        <pb n="46" />
        duktionsmitteln aus demselben „Kochtopf“. Allein in Wirk-
lichkeit ist diese Verbindung sehr wohl problematischer
Natur.
Würde selbst der Staat den Funktionären des Obersten
Volkswirtschaftsrats es anempfehlen, sich den Zusammen-
hang der beiden Akte zur Richtschnur zu machen, so würden
jene doch nicht dazu imstande sein aus dem bereits erwähn-
ten Grunde — infolge des Mangels eines allgemeinen Wert-
maßstabs in der sozialistischen Wirtschaft. Ein Sowjetgut
hat zum „gemeinsamen Kochtopf“ so und so viel Milch, so
und so viel Pud Fleisch, so und so viel Pud Getreide beige-
steuert. Wieviel Pud Qualitätssaatgut, Mineraldünger, Kraft-
futtermittel, wieviel Stück Zuchtvieh, wieviel Kleidungs-
stücke und welche Menge Heizmaterial darf es nun hierfür
beanspruchen? Der Versuch, den unser angesehener Fach-
mann auf dem Gebiete der landwirtschaftlichen Betriebs-
lehre, A. W. Tschajanow, unternommen hat, ist mißglückt,
— das ist nicht nur unsere Ansicht, sondern auch die
der Marxisten. Und zwar ist der Versuch deshalb ge-
scheitert, weil, wie wir oben näher gezeigt haben, die Auf-
gabe im Rahmen einer marktlosen Volkswirtschaft überhaupt
unlösbar ist. ı
Würden also die Funktionäre des Obersten Volkswirt-
schaftsrats an dem Grundsatz unentwegt festhalten, daß die
Belieferung der Unternehmen ihrer Produktivität entsprechen
muß, ja, wären sie in der Lage, sich die riesenhafte Arbeit
aufzubürden, jedes einzelne der zahllosen Unternehmen, die
ihnen unterstehen, zu erforschen, so würden wir dennoch
nicht imstande sein, ihnen ein objektives Kriterium für die
Abschätzung dieser Unternehmen zu liefern. Also wird. alles
auf diesem Gebiete letzten Endes doch von dem subjektiven
Ermessen der Beamten abhängen müssen. Damit aber öff-
nen sich Tür und Tor dem Einfluß verschiedener politischer
Faktoren auf das wirtschaftliche Leben, der ja auch schon
ohnehin in dem sozialistischen Staatswesen, in dem die
politische Macht mit der wirtschaftlichen identisch ist, sich
weitaus stärker äußern muß als in irgendeinem anderen
Staate. Darum ist es auch möglich, daß in einem sozialisti-
schen Staate, der sich in einer überaus schwierigen Wirt-
schaftslage befindet, der Restteil der Mittel dennoch für
Zwecke verschwendet wird. die wirtschaftlich durchaus un-
45
        <pb n="47" />
        begründet sind, wohl aber von politischen Erwägungen der
Regierung diktiert werden ?!).
Allein auch selbst dann, wenn der Oberste Volkswizt-
schaftsrat ein Unternehmen als wirtschaftlich gesund aner-
kennt, ist diesem eine normale Weiterentwicklung deshalb
noch durchaus nicht gesichert. Die Verteilung der einzelnen
Produktarten und Produktionsmittel unter den verschiedenen
Unternehmen muß im sozialistischen. Staate im Wege der
Arbeitsteilung besonderen Behörden, den sog. Zentralen
{(Glawki) anvertraut werden. Bei diesen Zentralen findet
also ein Wettbewerb der Unternehmungen statt, die alle be-
liefert werden wollen, und die miteinander durch Eingaben
und Worte, die doch billig zu stehen kommen, konkurrieren,
im Gegensatz zu der kapitalistischen Wirtschaft, wo man
durch Preise konkurrieren muß. Alle’angeforderten Produk-
tionsmittel sind aber komplementär, und so ist es notwendig,
daß in allen Zentralen für jedes Unternehmen gleiche
Beschlüsse in entsprechenden Zahlen ausge-
drückt gefaßt werden. Diese Aufgabe ist unendlich kom-
plizierter als in der kapitalistischen Wirtschaft, wo man
schlimmstenfalls beim Erwerb dieses oder jenes Produk-
tionsmittels einen Preiszuschlag machen muß. Kein Wunder
deshalb, daß das harmonische Funktionieren eines Unter-
nehmens im sozialistischen Staate nicht die Regel, sondern
eine Ausnahme darstellt. Viele Köche verderben den Brei ...
Einstimmig wurde es anerkannt, daß das Naphtharayon von
Grosny am ergiebigsten ist, diese Anerkennung hinderte je-
doch nicht, daß das Rayon ohne Lebensmittel blieb. Wer
kann bezweifeln ferner, daß die Astrachaner‘ Fischereien
für Rußland die wichtigsten sind? Nichtsdestoweniger blie-
ben die Fischer ohne Netze, und Millionen Pud Fische sind
der Wirtschaft verloren gegangen, da den Heimarbeitern von
Nischni-Nowgorod, die seit altersher diese Netze verferti-
gen, das dazu nötige Material nicht geliefert worden war.
Man wird sagen: noch unvollkommene Organisation. Kann
indessen etwas derartiges in der vollständig unorganisierten,
anarchischen, kapitalistischen Gesellschaft vorkommen?
Selbstverständlich nicht. Im Besitze eines so wertvollen
Wirtschaftsgutes wie Naphtha wird der Unternehmer zweifal-

1) Eine Andeutung auf die großzügigen Elektrifizierungsarbeiten wäh.
rend der Hungerjahre. (Anmerkung zur Übersetzung.}
IA
        <pb n="48" />
        los stets Lebensmittel finden für die, die das Erdöl gewinnen.
Ebenso wird der Einkäufer der Fischernetze stets das den
Heimarbeitern notwendige Material auftreiben; schlimmsten-
falls wird er einen Goldrubel mehr für einen Pud Hanf be-
zahlen, den der Fischereibesitzer von Astrachan ihm natür-
lich zurückerstatten wird.

Dieser Unterschied ist naturgemäß nicht etwa dadurch be-
dingt, daß die Wirtschaftsleiter in der kapitalischen Gesell-
schaft intelligenter und gewissenhafter sind als die Ange-
stellten des Obersten Volkswirtschaftsrates, sondern da-
durch, daß in beiden Fällen die Formen. der wirtschaftlichen
Organisation prinzipiell verschieden sind. Es stellt sich
nämlich heraus, daß die sozialistische Wirtschaft
in Wirklichkeit eines Mechanismus zur Koordinie-
rung jeder einzelnen Produktion mit der Volks-
wirtschaft vollkommen ermangelt.

Daher geschah es denn auch, daß nur jene Unternehmun-
gen in der Sowjetrepublik sich ihre Lebensfähigkeit erhalten
haben, die trotz der ganz erheblichen Gegnerschaft der Wirt-
schaftszentralen im Kontakt mit dem freien Markte verblieben
und sich selbst um die eigene Versorgung kümmerten, ohne
sich auf die Gnade der Zentralen zu verlassen. Mehr noch;
eben diese Betriebe, die nicht von staatswegen aus dem
„gemeinsamen Kochtopf“ gespeist wurden, gaben dem Staate
mehr ab als die Betriebe, die bei ihm in voller Kost standen,

Nun könnte man vielleicht folgendes einwenden: Weist
denn der Kapitalismus selbst nicht eine Tendenz zur Zen-
tralisation auf? Und schreitet nicht der Sozialismus im
Grunde genommen nur auf demselben Wege fort, den bereits
der Kapitalismus eingeschlagen hat? — In der Tat; die Stan-
dard Oil Company verfügt über das ganze Erdöl der Ver-
einigten Staaten und der Stahltrust über deren ganze Metal-
lurgie. Nicht umsonst ist denn auch, in Nachahmung des
amerikanischen Vorbilds, das Wort „Trust“ zu einem Lieb-
lingswort in unserer sozialistischen Praxis geworden. Allein
zwischen dem kapitalistischen und dem sozialistischen Trust
bleibt ein grundsätzlicher organisatorischer Unterschied be-
stehen. Der kapitalistische Trust orientiert sich immerhin
nach dem Absatzmarkt, der sozialistische negiert diesen. Der
kapitalistische Trust realisiert seine Erzeugnisse auf dem
Markte und dingt in freiem Wettbewerb mit anderen Unter-
nehmungen Arbeiter, kauft Motoren, Werkzeuge, Metalle
AN
        <pb n="49" />
        u, dgl. ein. Von anderen kapitalistischen Unternehmungen
unterscheidet er sich nur durch seine besondere Art, den
Preis seiner Waren zu bestimmen. Allein. auch dieser Preis
wird nicht nur von der Willkür des Trust bestimmt. Denn
jede. Preiserhöhung bewirkt ein Sinken der Nachfrage und
somit ein Steigen der Ausgaben pro Einheit des Produkts.
Deshalb bedeutet die Bildung eines Trusts nicht notwendig
eine hohe Preisfestsetzung. In weiser Voraussicht senken
vielmehr die Trusts häufig die Preise unter die für sie im
gegebenen Augenblick vorteilhafteste Norm, um weitere Be-
völkerungsschichten an den Gebrauch des betreffenden. Pro-
dukts zu gewöhnen sowie um der Verbreitung eines konkur-
rierenden Produkts vorzubeugen. Somit haben die Trusts
nicht nur in ihren Zwecken, sondern auch in ihrer ökono-
mischen Organisation mit dem Sozialismus nichts gemein-
sam ...

Damit könnten wir eigentlich unsere Untersuchung ab-
schließen. Es ist offensichtlich, daß ein Wirtschaftssystem,
dem ein Mechanismus zur Koordinierung der Produktion mit
den Bedürfnissen der Allgemeinheit fehlt, unhaltbar sei.
Der Sozialismus überwindet die „Anarchie der kapitalisti-
schen Produktionsweise‘, indem er die Volkswirtschaft in
einen Zustand von „Superanarchie“ versetzt, dem gegen-
über die kapitalistische Wirtschaft das Bild größter Har-
monie darbietet. Wir könnten bei dieser Feststellung stehen
bleiben, wenn der Marxismus nichts als wissenschatftliche
Theorie wäre. In Wirklichkeit ist jedoch der Marxismus als
ökonomisches Programm zu der vorherrschenden Losung der
größten sozialen Bewegung der Gegenwart geworden ...
Dieser Umstand verpflichtet uns, den Marxismus auch unter
anderen wesentlichen Gesichtspunkten zu betrachten. -

VI.
Das Verteilungsproblem und der Sozialismus.
Jeder Sozialist wird wohl, wenn er diese Überschrift liest,
behaupten, daß das Verteilungsproblem nur in einer Gesell-
schaft belangreich sei, in der die besitzenden Klassen sich
in der Form der Rente und des Profits das Produkt fremder
Arbeit aneignen, während ein solches Problem im Rahmen
der sozialistischen. Gesellschaft gar nicht existiere.
iR
        <pb n="50" />
        Kann indessen die sozialistische Gesellschaft dem Ar-
beiter in der Tat den Wert des hergestellten Produkts aus:
zahlen, ohne jeglichen Abzug für die im Prozesse der Arbeit
benutzten Naturkräfte, soweit diese uns im begrenzten Um-
fange verfügbar sind, sowie ohne irgendeinen Abzug für das
benutzte Kapital? Ja, wird nicht eine solche Ordnung der
Dinge zu Ungereimtheiten oder gar zu Ungerechtigkeiten
führen? Untersuchen wir das Problem eingehender. ‘

Die sozialistische Gesellschaft entsendet zwei Arbeiter-
gruppen nach zwei Bergwerken. Beide Gruppen arbeiten
gleich eifrig und geschickt und gewinnen eine gleiche Menge
Erz. Allein aus dem einen Erz wird Eisen, aus dem anderen
aber Platin gewonnen. Auch in der sozialistischen Gesell-
schaft wird Platin höher geschätzt werden als Eisen. Wird
nun jede Arbeitergruppe im Verhältnis der von ihr geschaffe-
nen Werte’ belohnt — oder nicht?

Nehmen wir noch ein anderes Beispiel. Die sozialistische
Gesellschaft stellt zwei Landarbeitergruppen. von gleicher
Mitgliederzahl zwei Grundstücke zur Verfügung. Beide Grup-
pen haben ein Jahr lang mit gleichem Eifer und gleicher Ge-
schicklichkeit gearbeitet; infolge der verschiedenen Boden-
beschaffenheit ergab jedoch das eine Grundstück 11% mal
mehr Produkte als das andere. Auch in der sozialistischen
Gesellschaft werden 11% Pud Getreide einen‘ höheren Wert
haben als 1 Pud. Wird nun die sozialistische Gesellschaft
beide Gruppen je nach den von ihnen geschaffenen Werten
belohnen ?

Man wird vielleicht einwenden, daß das Platinbergwerk
intensiver als das Eisenbergwerk ausgebeutet und das
fruchtbare Grundstück intensiver als das weniger frucht-
bare bearbeitet werden müsse — und daß dann dem Grenz-
aufwand an Arbeit auch ein gleicher Produktwert entspre-
chen würde. Allein darum bleibt die elementare Tatsache
doch nicht weniger bestehen, daß die Arbeitergruppen aus
dem fruchtbaren Grundstück im ganzen mehr Produkte als
aus dem weniger fruchtbaren gewinnt. Aus diesem Grunde
wirft im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft das Platin-
bergwerk eine größere Rente ab als das Eisenbergwerk bzw.
das fruchtbare Grundstück eine größere Rente als das weni-
ger fruchtbare.

Kehren wir jetzt zu dem von uns bereits in, einem anderen
Zusammenhange benutzten Beispiel der Herstellung von
4 Brutzkus, Die Lehren des Marzismus,

49
        <pb n="51" />
        Seilen in Fabriken und in den Werkstätten der Heimarbeiter
zurück. Bei gleicher Geschicklichkeit und gleichem Fleiß
wird eine Gruppe von Arbeitern in der Fabrik eine größere
Menge und vielleicht auch eine bessere Qualität der Seile
aervorbringen als eine Heimarbeitergruppe von gleicher
Zahl. Auch in der sozialistischen Gesellschaft werden die
Seile je nach der Menge und der Qualität geschätzt werden.
Wird nun die sozialistische Gesellschaft die beiden Gruppen
je nach dem Werte des von ihnen geschaffenen Produkts be-
zahlen oder nicht?

Die Antwort auf diese Fragen dürfte unzweifelhaft sein.
Sozialisten, die bis zuletzt konsequent sein wollen, werden
vielleicht versuchen, unsere Fragen durch das Argument
abzuwehren, daß sie es ja überhaupt nicht für nötig halten,
die Entlohnung des Arbeiters abhängig von dem Resultate
der Produktion, bei der er gerade tätig ist, zu machen. Allein
sine konsequente Durchführung auch dieses Prinzips ist
ınmöglich. Auch der russsche Kommuinismus neigte ur-
sprünglich mehr zu dem Grundsatz: „Jeder nach seinen
Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“ Aber der
Staat sah doch bald den verderblichen Einfluß dieses Grund-
satzes auf die Arbeitsintensität ein und mußte zu einem
Lohnsystem greifen, das eine gewisse Proportionalität zwi-
schen Leistung und Entlohnung herbeizuführen bezweckte.
Allein wenn die sozialistische Gesellschaft gleich der kapi-
:alistischen nun einmal gezwungen ist, bei der Entlohnung
der Werktätigen differenzierend vorzugehen, so wird hierbei
lie Arbeitsproduktivität offenbar nur soweit zugrunde gelegt
werden, als diese lediglich von der Intensität und Geschick-
lichkeit der Arbeit bestimmt wird, nicht aber sofern das
Arbeitsresultat von gewissen Naturbedingungen und ciner
zrößeren. oder geringeren Menge befruchtenden Kapitals ab-
hängt. Dann aber muß auch im Rahmen der sozialistischen
Gesellschaft im Werte des hergestellten Produkts der Teil,
ler der Arbeit zugerechnet werden muß, unterschieden
werden von den beiden anderen Teilen, die der Natur und
dem Kapital zuzurechnen sind. In der kapitalistischen Ge-
sellschaft werden diese beiden Teile als Rente bzw. Profit
bezeichnet; klingen diese Bezeichnungen dem sozialistischen
Ohr unangenehm, So können andere gefunden werden, allein
ler Kern der Sache wird dadurch nicht geändert. Wir müs-
sen uns hier an die Schlußfolgerung erinnern, zu der wir
30
        <pb n="52" />
        bereits oben, bei der Untersuchung des Problems der Arbeits-
wertrechnung gelangt sind: „Die Tatsache, daß die Produktion
stets das Zusammenwirken dreier Faktoren: der Arbeit, des
Kapitals und der Natur darstellt, diese Tatsache behält auch
unter der sozialistischen Wirtschaftsordnung ihre Bedeutung
bei und läßt sich nicht ignorieren.‘ Kapitalsertrag und
Rente sind somitnicht historische, sondern lo-
gische Kategorien der Wirtschait.

‚Wir sind uns wohl bewußt, daß unsere Ansicht in diesem
Punkte grundsätzlich abweicht nicht nur von den Anschau-
ungen der Kommunisten und der Sozialisten, sondern auch
aller russischen Intellektuellen, die alle in der Gedankenwelt
des wissenschaftlichen Sozialismus befangen sind. Selbst der
verstorbene Tugan-Baranowski], der als erster den Mut fand,
in der marxistischen Zeitschrift „Sowremennyj] Mir‘ („Die
zeitgenössische Welt‘) die Grenznutzentheorie zu entwickeln,
blieb doch in der erwähnten Frage dem wissenschaftlichen
Sozialismus treu und bezeichnete den Kapitalsertrag und die
Rente als historische Kategorien der kapitalistischen Wirt-
schaft. Daher befürchten wir, daß unsere Leser sich nicht
leicht mit unseren Schlußfolgerungen befreunden und jeder
Einwendung gegen diese zugänglich sein werden. Wir sehen
uns also zu einer noch eingehenderen Beweisführung ver-
anlaßt. Versuchen wir nun, dem Zickzacklauf zu folgen, den
der sozialistische Gedanke ausführen würde in seiner Be-
strebung, die Kette unserer Schlußfolgerungen zu durch-
brechen.

Um die Grundauffassung des wissenschaftlichen Sozialis-
mus zu verteidigen, wird wohl zunächst die folgende Aus-
legung versucht werden. Marx hätte angeblich gar nicht be-
hauptet, daß der Wert eines konkreten Produkts durch den
Arbeitsaufwand eben der Arbeiter, die an seiner Erzeugung
beteiligt waren, bestimmt werde. Er hätte vielmehr nur be-
hauptet, daß alle Werte, die in der Volkswirtschaft erzeugt
worden sind, als Arbeitsprodukt der Gesamtheit der Arbeiter-
klasse betrachtet werden müssen. Im Zusammenhang damit
gelte jeder Arbeiter, unter der Voraussetzung normalen. Flei-
Ges und durchschnittlicher Geschicklichkeit als Produzent
eines Durchschnittswerts, der weder von den Natureinflüs-
sen, noch von der Befruchtung der Arbeit durch das Kapital
Abhängig ist. Nun, wir könnten zwar aus dem ersten Bande
des „Kapital‘, in dem die Ware stets als „kristallisierte Ar-
51
        <pb n="53" />
        beit‘“ auftritt, eine genügende Anzahl von Zitaten beibringen,
die unsere realistische Auslegung der Marxischen Theorie
rechtfertigten, — aber ebenso wären wohl auch unsere Oppo-
nenten in der Lage, aus dem IN. Bande des „Kapital“ eine
ausreichende Anzahl von Stellen zugunsten ihrer abstrakte-
ten Interpretation der Marxischen Theorie anzuführen. Wir
glauben allerdings, daß die Auffassung, die im I. Bande nie-
dergelegt ist, heute zwar veraltet ist, sich aber durch große
Prägnanz und Folgerichtigkeit auszeichnet und darum auf
die Entwicklung der Wissenschaft einen großen Einfluß aus-
geübt hat. Die im IM. Bande entwickelten ökonomischen
Ansichten sind hingegen weniger klar, sie sind verschwom-
men’und besitzen daher einen geringeren wissenschaftlichen
Wert. Sie sind der Ausdruck dessen, daß Marx in der letzten
Periode seines Lebens Zweifel an der Richtigkeit der realisti-
schen Auffassung des I. Bandes bekam und versuchte, diese
zu mildern, ohne jedoch imstande zu sein, seine Ansichten
von Grund aus umzuarbeiten, so daß die ganze Arbeit ver-
mutlich aus diesem Grunde unvollendet blieb. Übrigens bin
ich bereit, mich auf den Ständpunkt meiner Opponenten zu
stellen und anzunehmen, daß die abstrakte Werttheorie dem
Geiste des Marxismus besser entspreche. Allein dies kann
dennoch nicht unsere Schlußfolgerungen ins Wanken
bringen.

In zwei sozialistischen Republiken arbeiten die Werktäti-
gen gleich fleißig und geschickt; doch in der einen unter ge-
ringerer, in der anderen aber unter reicherer Befruchtung
durch das Kapital. Das Arbeitsresultat ist natürlich hier und
dort verschieden. Welchem Faktor ist nun dieser Unter-
schied zuzurechnen?

In zwei sozialistischen Republiken arbeiten die Werktäti-
gen gleich eifrig und geschickt sowie unter gleicher Zuhilfe-
nahme des Kapitals. Allein. die eine Republik verfügt ledig-
lich über Braunkohlenlager, Eisenerze mit geringem Metall-
zehalt, unfruchtbarem, sandigem Boden, während gute Natur-
häfen ihr gänzlich fehlen; die zweite Republik hingegen be-
sitzt ausgezeichneten Anthrazit, metallreiche Eisenerze,
[ruchtbaren, tonigen Boden und gute Naturhäfen. Es leuchtet
ein, daß das Arbeitsresultat in beiden Republiken ein ver-
schiedenes sein wird. Welchem Faktor muß dieser Unter-
schied in der volkswirtschaftlichen Produktivität zugerechnet
werden?
392
        <pb n="54" />
        (Unsere theoretischen Konstruktionen. können eine. sehr
zreifbare Gestalt annehmen, und wir können vor sehr ak-
iuelle. Aufgaben gestellt werden. 0

Nehmen wir einmal an, daß.der Sieg des Sozialismus auf
Erden zur Tatsache geworden. ist. Auch hiernach wird es
dennoch kapitalarme und kapitalreiche Völker geben. Stellen
wir uns nun vor, daß die verarmte russische Arbeiterschaft
sich an die englische mit der Bitte wendete, ihr Lokomotiven,
Maschinen, Werkzeuge und Düngemittel zu borgen; nach
25 Jahren soll dieses ganze Kapital bzw. dessen Äquivalent
zurückerstattet werden. Der Kapitalzins gilt ja, als eine
Folgeerscheinung der Ausbeutung, und vielleicht wird es den
russischen Arbeitern als eifrigen Marxisten auch gelingen,
die jeder abstrakten Theorie sonst abholden Engländer da-
von zu überzeugen, daß es Proletariern schlecht anstehe,
Zinsen zu verlangen, zumal wenn diese Zinsen von anderen
Proletariern bezahlt werden sollen. Allein ein solcher Sieg
des russischen Standpunktes könnte für die russischen: Ar-
beiter sehr nachteilige Folgen haben. Wir fürchten nämlich,
daß die englischen Arbeiter ihren russischen Genossen er-
widern würden: „Gewiß, ihr braucht das Kapital dringender
als wir. Aber auch wir haben es nicht im Überfluß. Die ame-
rikanischen Genossen, die haben ja schon jeder ein Auto,
bei uns aber fehlt den Autofabriken noch die nötige Aus-
rüstung. Ferner: wir haben zwar begonnen, unsere Garten-
städte aufzubauen, allein bis zum Ende dieses Werks ist
noch ein sehr weiter Weg, und inzwischen müssen wir in
alten düsteren Städten hausen, die an die bitteren Zeiten des
Kapitalismus erinnern. Sollen wir nun die Befriedigung all
dieser Bedürfnisse um eine Generation verschieben? Vergeßt
ja nicht, Genossen, daß die Kapitalien, die wir haben, nicht
der Bourgeoisie angehören, sondern. unser Schweiß und Blut
sind.‘ Wir müssen es den Marxisten überlassen, eine Ant-
wort auf diese Argumente der englischen Arbeiter zu finden:
wir für unsern Teil wissen darauf nichts zu erwidern. Es ist
nämlich evident, daß auch nach dem Siege der sozialen Re-
volution nur zwei Möglichkeiten bestehen werden: entweder
wird der internationale Umlauf des Kapitals aufhören — zum
größten Schaden nicht nur für die Entwicklung der produk-
tiven Kräfte der Menschheit, sondern auch für den Fort-
schritt der Kultur; oder wird man gezwungen sein, die Kate-
gorie des Kapitalzinses in den internationalen Beziehungen

58
        <pb n="55" />
        als rechtmäßig anzuerkennen — mag der Lehrer Marx hier-
über gesagt haben, was er wolle.

Nun können wir uns aber auch eine andere Situation
vorstellen. Es wird wohl einmal der Tag kommen, wo die
anglischen Arbeiter an ihre russischen Genossen das folgende
Ansinnen stellen werden: „Genossen, ihr habt sibirische Wäl-
der, Allein ihr seid nicht in der Lage, sie gehörig auszu-
beuten, da es euch an Kapital, an geschulten Arbeitern sowie
an Organisatoren fehlt. Laßt uns doch diese Wälder aus-
beuten.‘“ Ja, die englischen Arbeiter könnten hierbei noch
mit größerem Rechte, als vorhin die russischen, und selbst
ohne Berufung auf die Worte des Meisters hinzufügen:
„Nicht ihr, Genossen, habt diese Wälder gezüchtet, sondern
sie sind selbst aus dem Boden gewachsen, und vielleicht
steht es euch nicht an, eine Entschädigung für ihre Aus-
beutung zu verlangen.“ Doch noch wahrscheinlicher ist es
Treilich, daß solche Ideen den praktischen Engländern, die
die in ihnen tief wurzelnden Überlieferungen des Kapitalis-
mus noch nicht überwunden haben werden, gar nicht ein-
fallen werden und sie ihren russischen Genossen für die
Erlaubnis der Abholzung ganz einfach eine Rentenentschä-
ligung anbieten werden, auf die die Russen aller Wahr-
scheinlichkeit nach nicht verzichten werden.

Die Darstellungsweise, die wir angewandt haben, um mög-
lichen Einwendungen unserer Opponenten zuvorzukommen,
hat sich als besonders fruchtbar erwiesen deswegen, weil sie
es ermöglicht, die Beziehungen zwischen den sozialen Klas-
sen, die ja sonst durch ihre Einwirkung auf unsere emotio-
nale Seite die Problemstellung verdunkein, in dem hier zur
Untersuchung stehendem Falle gänzlich auszuschalten. Der
logische Charakter der Rente und des Kapitalzinses als Kate-
gorien jeglicher Wirtschaftstätigkeit tritt ja in den zwischen-
staatlichen Beziehungen besonders deutlich hervor.

Würden nun meine vermutlichen Opponenten aus dem
Lager des wissenschaftlichen Sozialismus zwar keine ent-
scheidenden Einwendungen gegen die letztere Schlußfolge-
rung finden können, so würden sie dennoch in bezug auf
len Profit wohl behaupten, daß, wenn dieser auch eine lo-
gische Kategorie der Wirtschaft sei, er letzten Endes doch
der Arbeit zugeschlagen werden müsse, denn das Kapital
sei, in letzter Instanz, ein Produkt der Arbeit. Allein wir ver-
54
        <pb n="56" />
        mögen auch diese Behauptung des wissenschaftlichen Sozia-
lismus nicht gutzuheißen.

Schalten wir wiederum die das Problem verdunkelnden, so-
zialen Beziehungen aus. Gesetzt, wir hätten zwei soziali-
stische Republiken in gleichen Naturbedingungen mit glei-
chem Kapitalvorrat und gleichermaßen fleißiger und geschick-
ter Arbeiterschaft vor uns. Nur ein einziger Unterschied
besteht zwischen den beiden. In der einen Republik hat die
Arbeiterschaft vom Zeitalter des Kapitalismus eine in diesem
sehr verbreitete Eigenschaft — die Umsicht — geerbt. Dank
dieser Eigenschaft bewahrt sie nicht nur das alte Kapital,
sondern vermehrt es von Jahr zu Jahr. Die Arbeiterschaft
der zweiten Republik leidet hingegen an einem gewissen Man-
gel an Umsicht. Daher verringert sich ihr Kapital jahraus,
jahrein. Werden die Dinge denselben Lauf auch weiter
nehmen, so wird die Arbeiterschaft der ersteren Republik
immer reicher werden: sie wird ihre Bedürfnisse immer yoll-
ständiger befriedigen, und es wird ihr immer leichter fallen,
ihr Kapital zu vermehren. Im Gegenteil: die Arbeiterschaft
der zweiten Republik wird, trotzdem sie ebenso fleißig und
geschickt ist, immer ärmer werden; und wenn die Not sie
schließlich auch klüger machen wird, so wird ihre Lage, in-
folge der geringen Produktivität ihrer kapitalarm geworde-
nen Volkswirtschaft, nur schwer zu bessern sein. Freilich
die reiche aber friedliche sozialistische Republik wird nun
nicht mit Dreadnoughts, Zeppelins und weittragenden Ka-
nonen anrücken, um die arme Nachbarin nach imperialisti-
scher Art, wie es unter dem Kapitalismus denn auch nicht
selten geschah, zu unterwerfen. Vielmehr ist zu vermuten,
daß, nachdem sich die eigene Volkswirtschaft mit Kapital
gesättigt haben wird, sie den Überschuß der verarmten Nach-
barin gegen einen gewissen Zinssatz anbieten und durch das
zur Zinsgewinnung ausgeliehene Kapital einem befreundeten
Volke, das durch eigenen Leichtsinn der Armut verfallen
war, aus der Not heraushelfen wird.

Dieses Beispiel, das wir abermals absichtlich so gewählt
haben, daß soziale Beziehungen nicht hineingreifen, zeigt uns
deutlich, daß die Arbeit zwar ein unentbehrlicher Faktor jeg-
licher Produktion, folglich auch der Produktion von Kapital
sei, daß aber die Produktion, und folglich auch
die Arbeit, als solche, noch kein Kapital er-
schaffen. Für die Schaffung und selbst für die Bewahrung

55
        <pb n="57" />
        dieses letzteren ist vielmehr noch etwas erforderlich ... .
Vielleicht Enthaltsamkeit? Allein dieser Ausdruck ist bereits
von Lassalle witzig verspottet worden, mit Hilfe des Bildes
sines Haufens kapitalistischer Asketen mit Rothschild an
der Spitze, die durch ihre „Enthaltsamkeit‘ die Hauptmasse
Jes Kapitals schaffen. Die, die sich ein Kapital von ihrem
bescheidenen Einkommen ersparen, müssen in der Tat Ent-
haltsamkeit üben; doch je größer das Einkommen ist, desto
weniger angebracht wird dieser. Ausdruck, denn die An-
häufung von Kapital erfordert in diesem Falle lediglich Um-
sicht, Berechnung. Die englischen Nationalökonomen haben
lafür eine noch objektivere Bezeichnung — „Warten‘‘
waiting) — eingeführt. Doch es handelt sich nicht um die
Ausdrucksweise, sondern es kam uns darauf an, zu be-
weisen, daß das Kapital eine besondere Kategorie des Wirt-
schaftslebens sei, die man nicht einfach auf die Arbeit, die
”roduktion zurückführen kann. ;

Wir sehen also, daß die Anhänger des wirtschaftlichen
Sozialismus in ihrer Auflehnung gegen die individuelle An-
aignung der Rente und des Profits zu weit gegangen sind,
indem sie der Rente und dem Profit den Charakter logischer
Wirtschaftskategorien überhaupt absprachen und damit auch
den mit der Arbeit und der Produktion nicht identischen Ur-
sprung des Kapitals leugneten. In Wahrheit ist vielmehr keine
rationelle Wirtschaftsorganisation möglich ohne die Vertei-
lung des vervorgebrachten Werts auf die drei Kategorien des
Einkommens: den Arbeitslohn, den Profit und die Rente.

Wir machten einen langen theoretischen Exkurs. Doch
wir sind aus ihm mit wertvollen Erkenntnissen, nicht für
die marxistische Doktrin allerdings, wohl aber für den
praktischen Sozialismus zurückgekehrt. Schon die Erfahrung
ler russischen Revolution beweist, daß der Versuch des
Kommunismus, die Entlohnung der Arbeit unabhängig von.
leren Resultaten zu machen, unvermeidlich zu einer Läh-
mung der Energie der Werktätigen führt. Heutzutage ist da-
her unsere Republik bestrebt, den Arbeitslohn in eine mög-
lichst strenge Proportionalität zur Arbeitsleistung zu bringen.
Hierbei wird es aber vollkommen unmöglich, an dem Stand-
punkt festzuhalten, daß der Arbeiter das volle von ihm her-
zestellte Produkt beanspruchen dürfe. Die Frage wurde
aktuell insbesondere seit dem Augenblick, wo unsere Repu-
blik, die marxistische Auffassung des Sozialismus durch-
56
        <pb n="58" />
        brechend, einzelnen Fabriken erlaubte, ihre Produkte auf
dem Markte zu realisieren. Darf nun die Arbeiterschaft einer
nationalisierten Tabakfabrik den ganzen Erlös der Produk-
tion, ‚unter Abzug nur eines Teiles, der zur Amortisation des
Kapitals dient, für sich beanspruchen? Vom Standpunkte der
marxgistischen Wirtschaftstheorie aus ist die Frage zu ber
jahen, von dem hier entwickelten Standpunkte aus aber zu
verneinen. Da nämlich das Kapital der Republik, als der
Gesamtheit der Werktätigen, gehört, da die Arbeitsprodukti-
vität vom Kapital abhängt, so ist die Republik befugt, von
den Arbeitern dafür eine Entschädigung zu verlangen, daß
sie ihnen die Möglichkeit bietet, ihre Arbeitskraft in der
Fabrik anzuwenden ... sie ist befugt, Kapitalzins zu ver-
langen. Würde die Republik den Arbeitern Boden zur Be-
wirtschaftung und Nutznießung überlassen, so wäre sie be-
rechtigt, hierfür die Entrichtung einer Rente zu fordern.

Noch deutlicher tritt die tatsächliche Unhaltbarkeit der
marxistischen Doktrin im Rahmen unserer Neuen Ökonomi-
schen Politik hervor — bei der Verpachtung nationalisierter
Fabriken an Private. Dürfen die Arbeiter für sich das volle
Arbeitsprodukt verlangen, so ist es schon ein Eingriff in
dieses Recht, wenn man ihnen einen Unternehmer aufdrängt,
der sie ausbeutet. Mit welchem Rechte fordert nun aber die
Republik obendrein noch von dem Unternehmer eine Pacht-
zahlung, die ja den Verdienst der Arbeiter natürlich noch
mehr schmälert? Ein schwacher Trost wäre hier für die
Arbeiter der Hinweis darauf, daß unsere Republik ein Ar-
beiterstaat sei, — denn der Finanzfonds der ganzen Arbeiter-
klasse ist ja doch nicht der Fonds der hier in Frage stehen-
den Arbeiter.

Von unserem Standpunkt hingegen macht sich die Repu-
blik, indem sie dem Unternehmer eine Pachtzahlung ab-
nötigt, keines Eingriffs in die Rechte der Arbeiter schuldig.
Um aber die Größe der Pachtzahlung näher zu bestim-
men, müssen wir den kapitalistischen Gewinn zergliedern.
Vom Standpunkt der modernen Nationalökonomie ist dieser
Gewinn nicht ein Vorrat von „Mehrwert‘, sondern er zer-
fällt. in folgende, ziemlich klar umrissene Elemente: Ent-
schädigung für die Benutzung des Kapitals, Entschädigung
für das subjektive und das objektive Risiko, sowie Unter-
nehmergewinn. Es ist nun evident, daß die Republik für
sich die Entschädigung für die Benutzung des Kapitals
57
        <pb n="59" />
        und für das subjektive Risiko, teils auch für das objektive

Risiko beanspruchen darf; der Unternehmergewinn, teil-

weise aber auch die Entschädigung für das objektive Ri-

siko müssen dem Unternehmer überlassen werden. In
dieser ganzen Organisation gibt es natürlich auch nicht
ein Körnchen des Marxismus, wohl aber Elemente des So-
zialismus im weiteren Sinn, denn die Gesellschaft behält für
sich die arbeitslosen Einkommensarten, zu denen jedoch der

Unternehmergewinn nicht gehört.

{m übrigen muß zugegeben werden, daß die Republik so-
wohl die Rente als den Kapitalzins sehr wohl gebrauchen
zann. Trägt doch der sozialistische Staat tatsächlich das
Hauptrisiko der Produktion und kann er doch bei dem ge-
ringsten Fehlgriff sein Grundkapital zugrunde richten. Noch
wichtiger ist es, daß die ganze Struktur der sozialistischen
Gesellschaft dazu angetan ist, bei deren Mitgliedern jeden
Antrieb zur Sparsamkeit zu lähmen; hierdurch wird aber
der unter dem individualistischen Wirtschaftsregime so
mächtige Prozeß der Kapitalbildung an der Wurzel unter-
bunden. Eben darum muß das sozialistische Gemeinwesen
sich die schwere, vielleicht seine Kräfte sogar übersteigende
Bürde der erweiterten Reproduktion des Kapitals aufladen.
Ferner soll doch dieses Gemeinwesen die kollektiven Be-
dürfnisse seiner Mitglieder, namentlich deren Kulturbedürf-
nisse, in bedeutend größerem Maßstabe befriedigen, als es im
Zeitalter des Kapitalismus geschah, da die Kulturbedürfnisse
der Gesellschaft zu einem beträchtlichen Teil aus privaten
Mitteln und aus Privatinitiative hin befriedigt wurden. Nun,
alle hierzu erforderlichen Mittel können doch nicht aus
den Steuern allein geschöpft werden. Die Steuern lassen
sich übrigens in der kapitalistischen Gesellschaft, wo ein
beträchtlicher Teil des Volkseinkommens sich bei einer
kleinen Bevölkerungsgruppe konzentriert, leichter eintreiben
als in einer Gesellschaft, wo es aus nivellierenden Tendenzen
heraus in gleichmäßige Teilchen zersplittert ist.

Schon Marx hat übrigens in einem seiner Briefe auf die
Notwendigkeit der Abzüge vom’ Arbeitslohn hingewiesen,
deren Zweck die erweiterte Reproduktion des Kapitals sowie
die Befriedigung der kulturellen Bedürfnisse der Staatsbür-
ger sein müsse. Allein er hat keine Angaben über den ge-
nauen Umfang gemacht, in dem diese Abzüge rechtmäßiger-
weise vorgenommen werden können.

38
        <pb n="60" />
        Unsere Schlußfolgerungen hinsichtlich der Natur der Rente
und des Profits sind ferner von Bedeutung auch für das
jem Sozialismus verwandte Genossenschaftswesen. Dieses
nährt sich vorderhand noch von den Theorien des wissen-
schaftlichen Sozialismus und gerät daher bei der Berührung
mit der Arbeiterfrage in eine sehr zweideutige Lage.

Eine der wichtigsten und aktuellsten Aufgaben der Kon-
sumgenossenschaften, z.T. auch der anderen Genossen-
schaften, ist die Eigenproduktion zu entwickeln. Diese Auf-
gabe ist von großer Bedeutung nicht nur für die Genossen-
schaftler, sondern auch für die Arbeiterschaft, denn die Ge-
nossenschaftsbewegung werde sich gewiß auf der Grund-
lage der hohen Arbeitslöhne aufbauen und einen wohltäti-
gen Einfluß auf die Lage der Arbeiter in der kapitalistischen
Wirtschaft ausüben, Allein die Ideologie des modernen So-
zialismus bringt in das Problem des Verhältnisses zwischen
der Genossenschaft und den in ihren Unternehmungen. täti-
gen Angestellten und Arbeitern die größte Verwirrung hinein.

In dieser Beziehung sind sehr kennzeichnend die folgen-
den Ausführungen des verstorbenen M. Tugan-Baranowskij,
der gleichzeitig Genossenschaftler und Sozialist war?!): „Das
ganze Produkt, das in der Fabrik einer Konsumgenossen-
schaft hergestellt wird,“ sagt er in voller Übereinstimmung
mit der Lehre von Marx, „ist von den Arbeitern erzeugt
worden, die mittelbar oder unmittelbar an der Produktion
beteiligt waren. Die Konsumgenossenschaft, die der Fabrik
das Kapital zur Verfügung stellte, hat dadurch keinen Mehr-
wert geschaffen und darf daher von dem hergestellten Pro-
dukt nur die Erstattung jenes Teils beanspruchen, dessen
Wert dem verbrauchten Kapital entspricht. Ist dem aber so,
dann fragt es sich, welches Interesse die Konsumgenossen-
schaft überhaupt hat, die Fabrik ins Leben zu rufen? Wird sie
nur das verbrauchte Kapital zurückerhalten, so bietet ihr
die ganze Fabrikgründung gar keinen Vorteil.‘ Tugan-Bara-
nowskis Schlußfolgerung aus der marxistischen Prämisse ist
nicht nur zutreffend, sondern sogar noch etwas gemildert.
In Wirklichkeit ist die Fabrikgründung für die Konsumge-
nossenschaft nicht nur nutzlos, sondern direkt schädlich.
Denn sie lenkt die genossenschaftlichen Gelder ab und setzt

1) Tugan-Baranowskij „Die sozialen Grundlagen des Genossenschafts-
wesens‘‘, (russ.} S. 170—181.
        <pb n="61" />
        3zie einem Risiko aus. Hier entsteht also ein unlöslicher Wi-
derspruch, und Tugan-Baranowskij gelangt denn auch zu-
letzt zu dem für einen Genossenschaftler und Sozialisten
ziemlich traurigen Schlusse: „Die Genossenschaft ist nicht
\mstande, die von ihr beschäftigten Arbeiter mit dem vollen
Produkt ihrer Arbeit zu entlohnen.‘“ Nach dieser Schlußfolge-
rung erscheint es nur als ziemlich schwacher Trost, wenn
T’ugan-Baranowskij betont, daß die Genossenschaft den höch-
sten Lohn, der in kapitalistischen Unternehmungen gebräuch-
lich ist, bezahlen werde, 'd. h. (im Sinne des Sozialismus)
ihre Angestellten und Arbeiter nur mäßig ausbeuten. werde.
Nach der. Auffassung der modernen Nationalökonomie ist
hingegen die Konsumgenossenschaft durchaus berechtigt, für
sich sowohl den Kapitalzins und die Risikoprämie, wie auch
len Unternehmergewinn zu behalten, md — wie wir noch
hinzufügen könnten — der Gewinn der Konsumgenossen-
schaft, der ja doch durch ein aus den Spargroschen der
kleinen Leute bestehendes Kapital. erzielt wird, darf am
allerwenigsten vom den Arbeitern der genossenschaftlichen
Fabrik, ja auch von der Allgemeinheit beansprucht werden.

Muß also auch in der sozialistischen Gesellschaft nur ein
Ceil des Arbeitsprodukts dem Arbeitslohn, den die Arbeiter
für sich beanspruchen dürfen, zugeteilt werden, während der
andere Teil als Gewinn und Rente dem Staate, der den Pri-
vatunternehmer ersetzt hat, zugewiesen werden muß, so ist
die praktische Lösung dieser Aufgabe im Rahmen des Sozia-
lismus beim Fehlen eines Marktes für Verbrauchsgüter wie
{für Produktionsmittel unmöglich. In der kapitalistischen Wirt-
schaft wird ja die Aufgabe von selbst durch die Konkurrenz
der Unternehmer auf dem Markte der Produktionsmittel ge-
löst. Hierbei ist es weder für den Boden, noch für das Ka-
pital, noch für die Arbeit angebracht, irgendwelche Durch-
schnittsberechnungen anzustellen. Für jedes Grundstück
wird vielmehr eine konkrete Rentenzahlung, für jedes Ka-
pitalstück eine bestimmte quasi-Rente und für jede Arbeits-
art ein den gegebenen. Bedingungen. entsprechender Lohn
festgesetzt. Jedes Produktionsmittel wird, wenn die Kon-
kurrenz sich ungehemmt auswirkt, nach seiner Grenzproduk-
tivität bewertet. In der sozialistischen Gesellschaft hingegen
wären wir, selbst beim Vorhandensein eines Marktes für
Verbrauchsgüter — der freilich auch fehlt — doch nicht in
der Lage, jene Zurechnungsaufgabe mit der gleichen Voll-
30)
        <pb n="62" />
        kommenheit zu lösen, wie es durch den spontanen Vorgang
der Konkurrenz geschieht.

Eine ganz andere Lage wird jedoch durch die Neue Wirt-
schaftspolitik geschaffen.” Da wieder ein Markt für Ver-
brauchsgüter entsteht und der Staat gleichzeitig auch an der
Wiederherstellung eines Marktes für Produktionsmittel ar-
beitet, so wird, wenn auch in unvollkommener Form, jener
spontane Zurechnungsprozeß wieder ins Leben gerufen.

Indem wir die Rente und den Unternehmergewinn als
logische Kategorien einer jeden volkswirtschaftlichen Orga-
nisation. anerkennen: und einen spezifischen. Ursprung des
Kapitals behaupten, - wollen wir indessen damit noch nicht
ohne weiteres auch die Richtigkeit. der Schlußfolgerung an-
erkennen, die viele Natoinalökonomen aus diesen Behauptun-
gen ziehen, nämlich — die volle und unbedingte Rechtmäßig-
keit der individuellen Aneignung des Bodens und des Kapi-
tals, der unkontrollierbaren Verfügung über beides, sowie der
individuellen Aneigung der Rente und des Profits. Alle diese
Fragen unterliegen, selbst nach der Anerkennung unserer
obigen Grundsätze, noch einer besonderen Betrachtung. Gegen
diese Schlußfolgerung könnten auch nach der Annahme dieser
Grundsätze gewichtige Argumente ins Feld geführt werden.
Mag die Zerlegung des Nationaleinkommens wohl die Folge
ler von uns als objektivi erwiesenen Tatsachen, die die
Arbeitsproduktivität bestimmen, sein, — ihre Verteilung
wurzelt doch letzten Endes in einer äußerst ungleichen Ver-
teilung des Eigentumsbesitzes, deren Ursprung nicht so sehr
im Wirtschaftsleben als in der politischen Vorherrschaft der
oberen Klassen oder, wenn wir in die Jahrhunderte noch
weiter zurückblicken wollen, direkt in Vergewaltigung und
Raub liegt. Ferner aber ist die Produktivität des Bodens und
des Kapitals. nicht ein Verdienst der Grundbesitzer und der
Kapitalisten, sondern ein Resultat der politischen und kultu-
rellen Entwicklung der Allgemeinheit. Liegt doch die Zeit
gar nicht weit zurück, da der Boden ohne eine an ‚ihn ge-
fesselte Bevölkerung gar keinen Wert besaß, und das Ka-
pital nicht nur keinen Gewinn abwarf, sondern. noch beson-
dere Aufwendungen zu seiner Bewahrung verlangte. Daher
kann die Allgemeinheit den Boden und das Kapital in einem
gewissen Sinne als ihr Eigentum betrachten und einen ge-
wissen Anteil an dem von diesen beiden Faktoren erzielten
Ertrag‘ für‘ sich beanspruchen. Diese Rechtsidee reifte im
61
        <pb n="63" />
        L9. Jahrhundert heran, und sie liegt der heutigen Sozial-
politik zugrunde, die nicht nur auf Erwägungen der Zweck-
mäßigkeit beruht, sondern auch im Zeichen eines bestimmten
Rechtsbewußtseins stehen muß. Unsere Kritik der marxisti-
schen Theorie richtet sich ja also durchaus nicht gegen diese
(dee, die das 19. Jahrhundert in seinem Schoß unter vielen
sozialen Leiden ausgetragen hat; wir wollen nicht das Prin-
zip des laissez faire in Schutz nehmen, wir kämpfen nur
zegen ein System, das bestrebt ist, jenes Prinzip auszurotten,
das die wahre Triebfeder der europäischen Zivilisation dar-
stellt, nämlich das Prinzip der wirtschaftlichen Freiheit. Die
Stellungnahme des Sozialismus diesem Prinzip gegenüber
soll nunmehr betrachtet werden.

VII.
Die wirtschaftliche Freiheit und der
Sozialismus.

„Der Sozialismus ist ein Sprung aus dem Reiche der Not-
vendigkeit in das Reich der Freiheit‘, — so behauptet Engels.

Um in das katholische Paradies zu gelangen, muß man
durch das‘ Purgatorium hindurchgehen; um in das soziali-
stische Freiheitsreich zu kommen, muß man erst durch die
Diktatur des Proletariats hindurchpassieren. Die soziale Um-
välzung bringt uns also vorderhand nur zur Diktatur.

Wie sich die Diktatur des Proletariats zum Prinzip der
persönlichen Freiheit verhält, geht aus dem Begriff der Dik-
tatur selbst hervor und ist durch die russische Erfahrung
genugsam veranschaulicht worden. Ganz hoffnungslos sind
die Versuche Kautskys und der russischen Menschewiki,
Jiese einfache und klare Frage durch eine Annäherung der
marxschen Diktatur an die Demokratie zu vertuschen. Marx
selbst hingegen wußte wohl diese beiden Begriffe ausein-
anderzuhalten, und wenn er, um das politische Regime
in der Übergangsepoche zwischen dem Kapitalismus und
dem Sozialismus zu kennzeichnen, den Ausdruck „Diktatur“
wählte, so tat er es nicht „pour 6pater le bourgeois‘‘, dafür
war es ihm viel zu ernst,

Immerhin soll das Regime der Diktatur, nach der marxi-
stischen Auffassung, lediglich ein vorübergehendes sein.
29
        <pb n="64" />
        Zwar sucht Bucharin uns in seiner „Ökonomik der Über-
gangszeit‘‘ davon zu überzeugen, daß der Umbau der Gesell-
schaft nicht Jahre, sondern Jahrzehnte erfordern werde, und
die russische Erfahrung scheint in der Tat dafür zu sprechen,
daß ein solcher Umbau nicht allzu stürmisch in Angriff ge-
aommen. werden. darf.

Allein früher oder später, wenn die Diktatur des Prole-
tariats die Klassengliederung der Gesellschaft endgültig über-
wunden haben wird, werde sie sich nach der marxistischen
Auffassung von selbst auflösen; noch mehr, es wird dann
der marxistischen Lehre zufolge, ein Absterben des Staates
beginnen. Behauptet doch der wissenschaftliche Sozialismus,
daß der Staat nichts als die Organisation der Klassenherr-
schaft sei. In der Demokratie übt die Bourgeoisie vermittelst
des Staates ihre Herrschaft über das Proletariat aus; durch
die Diktatur des Proletariats werde nun aber wiederum mit
Hilfe des Staates die umgekehrte Aufgabe verwirklicht wer-
den. Nachdem jedoch die soziale Klassengliederung gänzlich
verschwunden sein wird, werde auch der Staat überflüssig
werden. In der sozialistischen Gesellschaft werde es keine
Herrschaft von Menschen über Menschen geben, sondern
lediglich die Organisation der Produktion — also die Herr-
schaft der Menschen über Dinge, über Natur. Der Sozialıs-
mus führe die Menschheit, wenn auch auf ganz anderem Wege,
zu dem gleichen seligen staatenlosen Zustand, den ihr auch
der Anarchismus verheißt.

Diese ganze Konstruktion eines staatenlosen. Zustandes er-
weckt indessen bei näherer Betrachtung starke Bedenken.
Trifft es wirklich zu, daß die sozialistische Gesellschaft ledig-
lich die Herrschaft der Menschen über leblose Dinge, über
die Natur kennt? Nehmen wir an, ich bin im Rahmen der
bürgerlichen Gesellschaft ein Eigentümer eines Hauses. Ist
28 nicht einleuchtend, daß damit nicht meine Beziehung zu
einem physischen Körper, nämlich zum Hause, gekennzeich-
net wird? Es wird vielmehr durch jene Bezeichnung das
rechtliche Verhältnis zwischen mir und meinen Mitbürgern
in bezug auf das Haus charakterisiert. „Das Haus gehört
mir‘ bedeutet, daß niemand von meinen Mitbürgern es ohne
meine Erlaubnis benutzen darf. Genau denselben rechtlichen
Charakter werden aber die analogen Beziehungen auch im
Rahmen der sozialistischen ‚Gesellschaft beibehalten. Nur
witt hier statt des einzelnen Hauseigentümers die Allgemein-
53
        <pb n="65" />
        heit auf, die vermittelst ihrer rechtmäßigen. Organe über das
Haus verfügt, während die anderen Bürger zu einer solchen
Verfügung nicht befugt sind. ;

Ebensowenig umfaßt die Organisation der Produktion ledig-
lich das Verhältnis der Menschen zu der Natur. Kann man
stwas Derartiges allenfalls noch von isolierten bäuerlichen
Wirtschaften aussagen, so ist diese Behauptung in bezug
auf die sozialistische Volkswirtschaft doch sehr merkwür-
dig, denn die letzte baut sich auf dem Großbetrieb auf und
setzt die stärkste Differenzierung und die umfassendste
Integration der Arbeit der Bürger sowie die strengste Koor-
dinierung aller Zweige der Volkswirtschaft voraus. Es leuch-
tet ein, daß die sozialistische Gesellschaft von ihren Mit-
gliedern jedenfalls keine geringere Disziplin erfordert als die
kapitalistische. Auch in ihr werden vielmehr sehr kompli-
zierte Beziehungen zwischen den einzelnen Bürgern infolge
der in der Produktion nun einmal unvermeidlichen Hier-
archie entstehen. Es liegt weiterhin kein Grund vor, anzu-
nehmen, daß jeder Bürger sein Privatinteresse mit dem. Inter-
asse der Allgemeinheit identifizieren wird. Bestehen aber
in einer Gesellschaft komplizierte Rechtsbeziehungen und
sind in ihr Gegensätze wenn nicht zwischen sozialen Klas-
sen, so doch zwischen einzelnen Bürgern sowie diesen und
der Allgemeinheit möglich, so muß auch eine Zwangsorgani-
sation — ein Staat da sein, der die gegebene Rechtsordnung
lurch seine Autorität aufrechterhalte. Wenn nur die Men-
schen nach dem Siege des Sozialismus sich nicht samt und
sonders in Engel verwandeln, dürfte diese Schlußfolgerung
kaum bestreitbar sein. Die Idee eines staatenlosen Zustan-
des erweist sich somit auch für die sozialistische Gesell-
schaft als ein Traum. Gewiß, die Formen des staatlichen
Zwanges können beträchtlich gemildert werden, allein eine
solche Milderung strebt, und zwar nicht ohne Erfolg, auch
schon der heutige demokratische Staat an.

Wir wollen indessen dem Sozialismus keinen Vorwurf
daraus machen, daß er Marxens Verheißung einer staaten-
losen Existenz nicht zu verwirklichen vermag. Wir können
uns aber nicht ohne weiteres auf die Versprechungen des
wissenschaftlichen Sozialismus, das Reich der Freiheit auf
Erden einzuführen, verlassen, müssen vielmehr untersuchen,
ob der Sozialismus hierzu genügende wirtschaftliche Vor-
aussetzungen darbietet.

54
        <pb n="66" />
        Prüfen wir vorerst, wieweit der Sozialismus mit dem Prin-
zip der wirtschaftlichen Freiheit, namentlich mit deren drei
grundlegenden. Elementen: der Freiheit der wirtschaftlichen
[nitiative, der Freiheit der Organisation des Verbrauches und
der Freiheit der Arbeit verträglich ist.

Die Freiheit der wirtschaftlichen Initiative ist zwar für die
Einzelpersönlichkeit von großem Wert, doch dürfte ihr
Wert für die Allgemeinheit vielleicht noch größer sein. Die
außergewöhnliche Entfaltung der Produktivkräfte in der kapi-
talistischen Gesellschaft steht im engsten Zusammenhange
mit dem Grundsatze der wirtschaftlichen Freiheit und dem
Grundsatze der freien Konkurrenz. Im Rahmen einer freien
Tauschwirtschaft besitzt nämlich keine Produktionsorgani-
sation das Monopol, für die Allgemeinheit diese oder jene
Funktionen auszuüben. Jede Organisation kann vielmehr
von einer anderen, die die betreffenden Funktionen vollkom-
mener, billiger versieht, verdrängt werden. Hierauf beruht
der Fortschritt der Volkswirtschaft.

Es ist nun unschwer einzusehen, daß die sozialistische Ge-
sellschaft viel ungünstigere Bedingungen für die Betätigung
der freien Initiative darbietet. Vor allem fällt bei mehr oder
weniger gleichmäßiger Arbeitsentlohnung ein beträchtlicher
Teil jener Triebfedern weg, die in der kapitalistischen Welt
den Unternehmungsgeist anregen. Wissenschaftliche Entdek-
kungen geschehen freilich nicht aus Gewinnsucht, sondern
aus dem unauslöschbaren Wahrheitsdrange des mensch-
lichen Geistes. Bei Erfindungen tritt. das wissenschaftliche
Interesse in den Hintergrund und gewinnen praktische Mo-
tive eine größere Bedeutung. Allein die unmittelbare wirt-
schaftliche Entwicklung treiben ja weder Gelehrte noch selbst
Erfinder, sondern Organisatoren und Praktiker vorwärts.
Deren Aufgabe besteht nicht in wissenschaftlichen Entdek-
kungen noch in Erfindungen, gewöhnlich auch nicht in der
praktischen Auswertung der letzteren, sondern darin, die er-
folgreichste Kombination von Produktionsfaktoren zu finden,
die es erlauben würde, dieses oder jenes Produkt mit dem
geringsten Kostenaufwand herzustellen; sie besteht darin,
neue billigere oder vollkommenere Mittel zur Befriedigung
des Bedarfs der Allgemeinheit zu finden, oder endlich darin,
einem neuen Bedürfnis der Allgemeinheit nachzuspüren und
billige Methoden zu seiner Befriedigung zu finden. Die Un-
ternehmer, die also zumeist mit den materiellen Bedürf-

5 Brutzkus. Die Lehren des Marxismus.

BR
        <pb n="67" />
        nissen der Menschen zu tun haben, können naturgemäß, nicht
durch ideelle Bestrebungen geleitet werden, — der, Antrieb
'hrer Tätigkeit ist Bereicherungssucht.

Dieses Interesse fällt in der sozialistischen Gesellschaft
weg, da es ihrem egalitären Geiste zuwiderläuft. Allein
sollte der Unternehmungsgeist in der sozialistischen. Gesell-
schaft nicht ganz verschwinden, würde es ihm, angesichts
der vollständigen Bureaukratisierung des Wirtschaftslebens,
schwer fallen, sich durchzusetzen. Man wird vielleicht
einwenden, die sozialistische Gesellschaft werde an die
Spitze ihrer Unternehmungen möglichst begabte Organisa-
toren stellen, die allen vorgeschlagenen technischen Neue-
rungen die größte Aufmerksamkeit schenken würden, Allein
auch der Sozialismus bietet keine Gewähr gegen Vetternwirt-
schaft, und die Unmöglichkeit eines genauen Wertkalküls
wird die Einschätzung der Neuerungsvorschläge durch die
höheren Beamten aufs äußerste erschweren. Aber auch bei
der glücklichsten Besetzung der höchsten Ämter bleibt doch
die Gefahr, daß jede Neuerung nur an einer bestimmten
Stelle geprüft werden kann. Um wie viel mächtiger erscheint
in dieser Hinsicht die kapitalistische Gesellschaft dank dem
Umstand, daß die Konkurrenz der einzelnen Kapitalisten sie
dazu antreibt, jede sich bietende glückliche Neuerung sich so
schnell wie möglich zu eigen zu machen! Ja, der Neuerer
selbst kann über Kapital verfügen oder in der Lage sein, zur
Verwirklichung seiner Idee Kredit zu erlangen.

Wäre es also der sozialistischen Wirtschaftsorganisation
gelungen, stabile Formen anzunehmen, so würde sie sich
Jurch einen ungeheuren Konservatismus und Trägheit aus-
zeichnen. Sie würde nichts darbieten, was dem ewigen
Flusse des Wirtschaftslebens in der kapitalistischen Gesell-
schaft an die Seite gestellt werden könnte.

Gewährt der Sozialismus also der Initiative auf dem Ge-
biete der Produktion keinen Spielraum, so ist er noch weni-
ger imstande, die Freiheit im Bereiche der Konsumtion zu
sichern. Schon daraus, daß der Sozialismus die Produktion
organisiert, ohne sich nach der Willensäußerung der Ver-
braucher, wie sie sich auf dem Markte kundgibt, orientieren
zu können, schon aus diesem Umstande geht die Tendenz,
des Sozialismus zu einer autoritär-vrormundschaftlichen Ver-
teilung der Wirtschaftsgüter hervor. Gewiß, ein beträcht-
licher Teil der Marxisten pflegt sich als Sozialisten im eigent-
TE
        <pb n="68" />
        lichen Sinne dieses Wortes den Kommunisten, die für eine
autoritäre Verteilung der Wirtschaftsgüter eintreten, gegen-
überzustellen. Allein in Wahrheit läßt sich in dieser Be-
ziehung ein tiefes inneres Band ‚zwischen dem Sozialismus
und dem. Kommunismus nachweisen. Nicht umsonst haben
ja Marx und Engels ihr berühmtes Manifest als „Das kom-
munistische Manifest‘ bezeichnet, und nicht umsonst hat der
aktivistische Teil der russischen Sozialdemokratie sich im
Augenblick. der sozialen Umwälzung in eine kommunistische
Partei umbenannt.

Die Marxisten, die den Kommunismus ablehnen, stellen
sich vor, daß der sozialistische Staat die Arbeit seiner Bürger
durch Bons bezahlen werde, die.sie nach freiem Ermessen
gegen beliebige Wirtschaftsgüter werden eintauschen können.
Da nun aber die Preise in der sozialistischen Gesellschaft
unabhängig von dem Marktbedarf festgesetzt werden, so
kann es hier kein Gleichgewicht zwischen Angebot und
Nachfrage geben. Vielmehr wird der Preis mancher Wirt-
schaftsgüter zu niedrig sein und die Nachfrage nach ihnen
das Angebot übersteigen, während‘ der Preis anderer Waren
wieder allzu hoch sein wird, so daß bei diesem die Nach-
frage hinter dem Angebot zurückbleiben: wird. Es liegt nun
auf der Hand, daß es sinnlos wäre, die ersteren Warengat-
tungen denen zu überlassen, die sie zufällig zuerst ergattert
haben, die zweiten aber in den Lagern vermodern zu lassen.
So bleibt uns übrig, die einen wie die anderen Waren: von
Staats wegen zu verteilen.

Man wird vielleicht einwenden, daß ein solches Mißver-
hältnis zwischen Angebot und Nachfrage nur ein vorüber-
gehendes sein und die Produktion mit dem Fortschreiten der
Wirtschaftsentwicklung sich an die Nachfrage anpassen
werde. Allein auch in der kapitalistischen Gesellschaft, in
der eine solche Anpassung das brennende Interesse der Un-
ternehmer bildet, wird das Gleichgewicht zwischen Angebot
und Nachfrage doch lediglich durch eine ständige, ja zu-
weilen sogar recht erhebliche Sehwankung der Preise erzielt.
Wie kann man nun: aber von der weitaus schwerfälligeren so-
zialistischen Wirtschaft erhoffen, daß sie jenes Gleichge-
wicht bei unveränderlichen Preisen herstellen werde? Die
autoritäre Verteilung der Verbrauchsgüter muß also einen
wesentlichen Zug im System des Sozialismus, der ja die Re:
zulierung der Preise durch die Marktkonjunktur verwirft,

67
        <pb n="69" />
        bilden. In Sowjetrußland kam noch ein anderer Grund hin-
zu, der zu einer skrupulösen Verteilung der Wirtschaftsgüter
zwang: die außerordentliche Erschöpfung des Landes, in
dem Existenzmittel nur in sehr beschränktem Umfange vor-
handen waren. Allein an diesem distributiven Verfahren
würde man — bei einem Weiterbestehen des Sozialismus —
selbst dann festhalten müssen, wenn es dem Lande gelingen
würde, diesen Zustand äußerster Erschöpfung zu überwin-
den; nur würden die Rationen reichlicher werden.

Durch die autoritäre Verteilung der Wirtschaftsgüter wird
das Recht auf freie Befriedigung der Bedürfnisse negiert. Die
autoritäre Verteilung der Wirtschaftsgüter bedeutet, daß. ich
die Speise essen muß, — mag sie vortrefflich zubereitet
sein —, die mir die kommunale Speiseanstalt vorsetzt, daß
ich für mich nicht das Möbelstück zu wählen berechtigt bin,
das mir gefällt, daß dem jungen Mädchen nicht zusteht, den
Hut zu tragen, der es am besten ziert.

Allein durch die obrigkeitliche Güterverteilung wird auch
die freie Befriedigung unserer höheren, geistigen Bedürfnisse
ausgeschlossen, die ja gleichfalls ein materielles Substrat er-
fordert. Es muß an dieser Stelle betont werden, daß der So-
zialismus, der zwischen sich und den Kommunismus einen
Trennungsstrich ziehen will, im Falle seiner Realisierung
doch bestenfalls nur die freie Befriedigung der elementaren,
keineswegs aber der höheren Bedürfnisse sichern könnte.
Wird das ganze Druckereigewerbe vom Staate beherrscht, so
ist schwerlich anzunehmen, daß. dieser etwa Werke zur meta-
physischen Philosophie herausgeben würde, auch wenn sie
die Bürger noch so interessieren würden, da ja der Staat
solche Werke mindestens für unnütz hält ; ebensowenig
würde der antireligiös gestimmte Staat etwa Kirchen bauen
u. dgl. m. 1)

1} „Friß, was du kriegst!“, — mit diesem lakonischen Aphorismus aus
Tsckechows Erzählung „das Beschwerdebuch“ kennzeichnete Strumilin
am Schlusse des Jahres 1920 in der „Ekonom, Zhisn‘“ das damals in
Rußland geltende Verteilungssystem; mit dem gleichen Aphorismus charak-
serisierte ich bereits drei Monate vorher in einem Vortrag das kommu-
nistische, Verteilungssystem, Eine so verblüffende Ähnlichkeit der Bewer-
ung, ja der Ausdrucksweise zweier so verschieden gesinnter Autoren
beweist, daß der erwähnte Anspruch hätte eigentlich als Motto die
Artikel Larins schmücken müssen, in denen er die Arbeitsentlohnung in
natura und die Abschaffung des Geldwesens — also die beiden Grund-
lagen dieses Verteilungssystems — so beredt verteidigte, (Diese Anmer-
kung wurde von der Zensur unterdrückt.)

58
        <pb n="70" />
        Die autoritäre Zuweisung von Wirtschaftsgütern — ebenso
wie die Bureaukratisierung des Wirtschaftslebens  über-
haupt — begrenzt aber nicht nur die Freiheit der Bürger
auf das äußerste, sondern sie drückt auch die Produktivität
der Volkswirtschaft auf eine niedere Stufe herab. Wenn wir
sine bestimmte Menge von Wirtschaftsgütern unter einer be-
stimmten Anzahl von Menschen behördlich verteilen lassen,
so werden deren Bedürfnisse schlechter befriedigt werden, als
wenn man denselben Menschen es ermöglichte, die gleichen
Wirtschaftsgüter frei gemäß ihren differenzierten Bedürf-
nissen unter sich zu verteilen. Gegenstände werden zu Wirt-
schaftsgütern gewissen Wertes letzten Endes nicht durch
sich selbst und nicht einmal durch den in ihnen steckenden
Arbeitsaufwand (wie die Marxisten glauben), sonder einzig
und allein soweit sie die vorhandenen Bedürfnisse der Men-
schen befriedigen. Wenn aber eine Organisation der Ver-
teilung den Bedürfnissen der einzelnen Persönlichkeiten, aus
Jenen die Gesellschaft besteht, nicht Rechnung trägt, so ist
as gleichbedeutend einer Produktivitätsminderung.

Im übrigen hat unsere russische Erfahrung deutlich genug
erwiesen, daß die behördliche Güterverteilung die schwer-
fälligste und teuerste Verteilungsmethode ist, die sich über-
haupt denken läßt.

Haben die russischen Bolschewiki im Augenblick der so-
zialen Revolution den Zusammenhang zwischen dem Sozia-
lismus und dem Kommunismus im angegebenen Sinne richtig
erfaßt, so blieb für sie dennoch der innere Zusammenhang
des Sozialismus mit der Zwangsorganisation der Arbeit bis
zuletzt unklar. Die Notwendigkeit, zu einer solchen Zwangs-
organisation zu greifen, erstand vor der machthabenden Par-
tei vielmehr vollkommen unverhofft inmitten des Aufbaues
des Sozialismus, und sie war geneigt, diese Zwangsorgani-
sation für eine vorübergehende, mit den Kriegsereignissen
zusammenhängende Maßnahme zu halten. Nur einer der ent-
schlossensten und konsequentesten Führer des russischen
Kommunismus erfaßte intuitiv den hier obwaltenden inneren
Zusammenhang und bejahte ihn!). Und doch ist es un-
schwer, einzusehen, daß der Zusammenhang des Sozialis-
mus und des Kommunismus mit der Zwangsorganisation der
Arbeit kein zufälliger, sondern ein notwendiger ist.
i) Der Verfasser meint Leo Trotzki. (Anmerk, zur Übersetz.)

Hy
        <pb n="71" />
        Im Rahmen der freien Tauschwirtschaft steigt der Preis
beim Mangel an einer Ware und sinkt beim Überflusse. Die
Preisbewegung beeinflußt. die Höhe des Arbeitslohns in den
verschiedenen Zweigen der Volkswirtschaft, was nun seiner-
seits eine erneute Verteilung. der Arbeitskraft auf die ver-
schiedenen Produktionsgebiete — entsprechend den aktuel-
len sozialen Bedürfnissen — zur Folge hat. In der sozialisti-
schen Gesellschaft hingegen beeinflußt die Schwankung der
Nachfrage nach Waren deren Preise nicht und die Arbeits-
entlohnung ist vom Prinzip der Gleichheit beherrscht. Daher
verfügt die sozialistische Wirtschaft nicht über einen Me-
chanismus, der eine spontane Verteilung der Arbeitskraft auf
verschiedene Produktionszweige gemäß den Bedürfnissen der
Allgemeinheit bewirken könnte; da aber eine solche Vertei-
lung doch eine soziale Notwendigkeit ist, so bleibt eben
nichts anderes übrig, als sie im Wege des Zwanges vorzu-
nehmen. Die Arbeitsarmeen erschienen daher im Rahmen
des Sozialismus als eine ideale Organisation der Arbeit.

Braucht man indessen im 20. Jahrhundert noch zu be-
weisen, daß erzwungene Arbeit weniger ergiebig als die
freie sei?

Das Problem der politischen Freiheit führt uns zwar über
den Rahmen unserer Untersuchung hinaus, doch dürfte es
nach dem Ausgeführten ohne weiteres klar sein, wie es sich
mit dieser Freiheit im Sozialismus verhält. Der wissen.
schaftliche Sozialismus behauptet — unserer Ansicht nach
mit vollem Recht —, daß öffentlich-rechtliche Institute nicht
im luftleeren Raume schweben können, daß sie vielmehr ein
wirtschaftliches Fundament besitzen müssen. Die kapitali-
stische Gesellschaft hat die Rechte des Menschen und des
Bürgers verkündet, und diese Deklaration hängt denn auch
eng mit den wirtschaftlichen Grundlagen des Kapitalismus
zusammen: mit der freien Konkurrenz, mit der freien Ge-
staltung des Konsums, mit der Freiheit der Arbeit, vor allem
aber mit dem Prinzip des Privateigentums. Solange diese
Grundlagen fest bleiben werden, wird auch die Deklaration

der Rechte in Kraft bleiben. In der sozialistischen Gesell-
schaft hingegen fehlen die wirtschatlichen Voraussetzungen
für die individuelle Freiheit überhaupt und die politische
Freiheit insbesondere, und unsere Kommunisten lehnen da-
her vollkommen folgerichtig diese Freiheiten als eine Insti-
tution der bürgerlichen Gesellschaft ab.

70
        <pb n="72" />
        Gewiß, der Sozialismus stellt zum Trost über diesen Ver-
lust der Freiheit die Behauptung auf, daß sich auch in der
bürgerlichen Gesellschaft unter der formalen Freiheit tat-
sächlich eine Negation derselben, eine Vergewaltigung des
wirtschaftlich Schwachen durch den wirtschaftlich Starken
verborgen habe. An dieser sozialistischen Kritik der kapita-
listischen Freiheit ist wenn auch nicht alles, so doch vieles
wahr. Daher haben sich denn auch die modernen Demokra-
tien von dem bürgerlichen Grundsatz ‚„laissez faire, laissez
passer‘‘ losgesagt; in das System der freien Tauschwirt-
schaft sind bereits viele Korrekturen eingeführt, deren. Zweck
die Stärkung der Lage der wirtschaftlich Schwachen ist, und
noch viele andere Verbesserungen müssen erst geschaffen
werden. Allein dadurch wird freilich die Sache der persön-
lichen Freiheit nicht gewinnen, daß diese nun sowohl in for-
maler Hinsicht als auch in ihrem inneren Wesen ja über-
haupt abgeschafft werden wird 1).

Worin besteht dann aber der Sinn der Worte von Marx
und Engels vom Sozialismus als von einem „Reiche der
Freiheit‘? Ist es doch keine Redensart, die ihnen nur zu-
fällig entschlüpft ist, sondern eine der Grundlagen ihrer
Lehre von der Gesellschaft der Zukunft.

Der Sinn dieser Worte ist folgender: Der Entwicklungs-
gang der kapitalistischen Gesellschaft ist ein elementarer
Vorgang. Jedes Mitglied dieser Gesellschaft nimmt zwar
Teil an der Gestaltung der Beziehungen der kapitalistischen
Wirtschaft, dennoch treten diese sowohl der Allgemeinheit
als dem einzelnen als etwas objektir Gegebenes, das weder

1) Die Unvereinbarkeit der sozialistischen Gesellschaftsordnung mit der
individuellen Freiheit war für alle die klar, die sich bemühten, in seine
Struktur tiefer einzudringen, selbst wenn sie hierbei von den Prämissen
des wissenschaftlichen Sozialismus ausgingen. Diese Unvereinbarkeit
stellten nicht nur die bekannten Gegner des Sozialismus, wie Spencer
und Eugen Richter, fest, sondern auch, zum eigenem Leidwesen wie zu
dem seiner Leser, ein so warmer Verehrer des Sozialismus wie M.
Tugan-Baranowskij, der seinen Schwanengesang dem Sozialismus widmete,
„Die im sozialistischen Staat herrschende Zentralisation,‘“ sagt Tugan-
Baranowskij, „setzt einen strengen Gehorsam der einzelnen Persönlich-
keit dem Befehl der Zentralgewalt gegenüber, eine Abtretung der
gesamten wirtschaftlichen Initiative und der ganzen Verantwortung für
das regelmäßige Funktionieren der Volkswirtschaft an die gleiche Zentral.
gewalt voraus — und entspricht daher nicht dem Ideal der größtmög-
lichen Freiheit der Persönlichkeit“ („Der Sozialismus als positive Lehre“,
russ, S.83.) Hierbei drückt sich Tugan-Baranowskij als ein Verehrer des
SoriasKemus natürlich ziemlich mild aus.
71
        <pb n="73" />
        vom Willen der einzelnen noch vom Willen der Allgemein-

heit abhängig ist, entgegen. Jeder Fabrikant arbeitet in der

Zeit der industriellen Hochkonjunktur unwillkürlich auch der

hierauf unvermeidlich folgenden industriellen Krisis vor,

die ihn selbst empfindlich treffen wird, und kann dennoch
nichts an seinem Verhalten ändern, ebensowenig wie die

kapitalistische Gesellschaft in ihrer Gesamtheit nicht im-

stande ist, der Industriekrisis vorzubeugen. Insofern ist die

kapitalistische Wirtschaft ein Reich der Notwendigkeit.

Im Rahmen des Sozialismus hingegen nimmt die Gesell-
schaft ihr Schicksal selbst in die Hände. Sie organisiert die
Wirtschaft nach einem einheitlichen rationellen Plan; in ihr
wirken nicht blinde Kräfte, sondern der Wille der Allgemein-
heit. In ihr gibt es keine Überraschungen, denn auch die
wirtschaftliche Entwicklung wird von dem Willen .der All-
gemeinheit geregelt. Insoweit ist der Sozialismus ein Reich
ler Freiheit.

Leider befaßten sich Marx und Engels nicht eingehender
mit der Erforschung der Ordnung, zu deren revolutionären
Verwirklichung sie aufriefen; und darum blieb die Idee des
„Reiches der Freiheit“ bei ihnen nicht näher bestimmt. Ver-
suchen wir nun, diese Idee zu analysieren.

Es ist evident, daß die sozialistische Gesellschaft kein
Reich der freien Persönlichkeit ist. Ganz im Gegenteil: die
Persönlichkeit büßt jede Freiheit ein, damit die Gesellschaft
[rei über das eigene Schicksal verfügen könnte. Doch durch
welches Organ betätigt die Gesellschaft ihre freie Selbstbe-
stimmung? Offenbar durch den Staat. Marxens Idee von
ainem staatenlosen Zustand der sozialistischen Gesellschaft
muß also mit aller Entschiedenheit verworfen werden. Ge-
rade im Rahmen des Sozialismus tritt der Staat in seiner

ganzen Allmacht sowohl auf. politischem wie auf wirtschaft-
lichem Gebiete auf, Weder der ehemalige monarchische
Staat des Westens noch der heutige demokratische Staat,
sondern eben der sozialistische Staat ist jener Leviathan
von Hobbes, der die Persönlichkeit restlos absorbiert.

Ist aber der sozialistische Staat derart allmächtig, so ge-
winnt das Problem seiner politischen Organisation, mit dem
der wissenschaftliche Sozialismus sich fast gar nicht befaßt
hat, eine entscheidende Bedeutung für den Sozialismus. Heut-
zutage bildet sich der Kommunismus ein, in Übereinstim-
mung mit einigen Ideen des französischen Syndikalismus
79
        <pb n="74" />
        neue Grundsätze der staatlichen Organisation gefunden zu
haben, die es ermöglichen, den Willen des Volkes besser
zum Ausdruck zu bringen, als es gegenwärtig in den west-
lichen Demokratien geschieht. Der Verfasser der vorliegen-
den Schrift will kein Urteil in dieser Frage abgeben. Doch
auf eins möchte er hinweisen: die Führer der Revolutionen
von 1789 bis 1848 legten bei der Behandlung der Frage, wie
eine Staatsgewalt geschaffen werden soll, in der der Volks-
wille einen getreuesten Ausdruck findet, das größte Pathos
an den Tag, während wir ein solches Pathos bei der Behand-
lung der gleichen Frage durch die Kommunisten gänzlich
vermissen. Haben doch jene von der neuen Organisation der
Staatsmacht die „miracles de la republique‘ erwartet, von
denen Robespierre so gern sprach. Allein in Wirklichkeit
zeigte es sich, daß das Problem der Offenbarung des Volks-
willens weitaus komplizierter ist, als man es sich vorgestellt
hatte. Die Menschheit hat auf diesem Gebiete schon manche
Enttäuschung erlebt. Ist es lange her, daß der Sozialist Las-
salle die glühendsten Hoffnungen in das allgemeine Wahl-
recht setzte? Heute aber wird die auf diesem Wahlrecht be-
ruhende Staatsordnung von den Kommunisten schonungslos
angegriffen; denn die Staatsgewalt, die auf dem allgemeinen
Wahlrecht beruht, bedeutet. ihrer Meinung nach nicht eine
Volksherrschaft, sondern die Herrschaft des Finanzkapitals.

Glauben nun aber die Sozialisten ihrerseits, indem sie die
Persönlichkeit aller ihrer Rechte berauben und dem Staate
überantworten, das Problem der Volksherrschaft gelöst zu
haben? Sie setzen doch viel mehr aufs Spiel, als die mo-
derne Demokratie es tut. Als diese die Staatsmacht organi-
sierte, opferte sie nicht die Persönlichkeit dem Staate, son-
dern bemühte sich vielmehr, ‚die Rechte der ersteren nach
Möglichkeit zu sichern. Wir müssen dessen eingedenk blei-
ben, daß die Geschichte viele zertrümmerte Illusionen kennt
und daß der Versuch einer kommunistischen Staatsorgani-
sation noch nicht durch die Prüfung der Geschichte hin-
durchgegangen ist.

Die Zuversicht der Kommunisten beruht übrigens nicht
auf der Bildungsart der neuen Staatsgewalt, sondern auf
dem Charakter des sozialen Milieus, in dem sie aufgebaut
wird. Da die soziale Klassengliederung überwunden ist,
— argumentieren sie —, so besteht keine. Gefahr, daß eine
privilegierte Minderheit sich die Herrschaft über die Volks-

73
        <pb n="75" />
        mehrheit anmaßen werde. Umgekehrt: besteht eine Klassen-

gliederung, so wird kein Mechanismus, auch nicht das all-

gemeine und geheime Wahlrecht, es verhindern können,
daß die Demokratie in ‚eine Oligarchie ausartet.

Sind aber die Kommunisten so sehr sicher, daß in der so-
zialistischen Gesellschaft, an deren Spitze die wirtschaftliche
Herrschaft über die schaffenden Kräfte des Volkes den
höchsten Grad der Konzentration erreicht, die Entstehung
von Klassengegensätzen wirklich unmöglich sei? Kennt doch
die Geschichte eine ganze Anzahl von Fällen, daß in einer
wirtschaftlich undifferenzierten, aus den Ruinen ‚einstiger
Hierarchie emporgekommenen Gesellschaft dennoch aber-
mals eine soziale Differenzierung. entstand. ‚Sollte aber eine
Oligarchie. sich einmal jener staatlichen Allgewalt bemäch-
tigen, — welches Schicksal steht dann der sozialistischen Ge-
sellschaft. bevor? Und all das wird um des einheitlichen Wirt-
schaftsplanes willen aufs Spiel gesetzt, dessen Grundsätze,
wie wir oben gezeigt haben, eigentlich im Dunkel bleiben!

Doch wir sind uns wohl bewußt, mit dieser Argumenta-
tion an eine taube Wand gekommen zu sein. Es gibt zwei
Weltanschauungen, zwischen denen kein Übereinkommen,
kein Kompromiß möglich ist. Gemäß der einen. strebt die
Menschheit einem glücklichen Endzustand entgegen; die
nähere Beschaffenheit dieses seligen Zustandes steht bereits
fest und, um den entsprechenden Mechanismus ins Leben
zu rufen, ist nur eine Heldentat in idealistischem Auf-
schwunge erforderlich. In der neuen, dann zustandekommen-
den Gesellschaft, die eine Realisierung des Idealzustandes
darstellt, ist aber die persönliche Freiheit überflüssig, denn
diese hat ja in einer vollkommenen Gesellschaft nichts zu
suchen. Was soll der heil. Augustin in seiner „civitas Dei“
und was soll auch Karl Marx in seiner sozialistischen Ge-

sellschaft mit der freien Persönlichkeit anfangen?!

Es gibt indessen auch ‚eine andere Weltanschauung. Da-
nach gebe es keinen idealen Gesellschaftszustand. Ein Mittel,
um das Paradies auf Erden einzuführen, ist unbekannt. Man
hat nur in jeder geschichtlichen Epoche die Aufgaben zu
lösen suchen, die das Leben selbst den Menschen stellt.
Man kann der Menschheit nur die allgemeinsten Richtlinien
vorzeichnen, darf ihr aber nicht verhehlen, daß mit jedem
erreichten Ziele vor ihr neue Widersprüche und neue Auf-
gaben erstehen werden.

74
        <pb n="76" />
        Das Glück der Menschheit besteht eben in diesem ewigen
Streben. Die Trägerin des ewigen Fortschritts der Mensch:
heit ist aber die schöpferische Persönlichkeit. Dies erkannt
zu haben, ist der große Vorzug der heutigen europäischen
Zivilisation, vor allen yorhergegangenen Zivilisationen. Die
Idee von der Freiheit der menschlichen Persönlichkeit ist in
Stürmen der Reformation geboren, als Luther vor der Ver-
sammlung der mächtigsten weltlichen und geistlichen Wür-
denträger seine großen Worte aussprach: „So denke ich und
anders kann ich nicht.‘ Für die, die auf dem Boden einer
solchen Weltanschauung stehen, ist die freie menschliche Per-
sönlichkeit der oberste Wert, das höchste und letzte Krite-
rium. Und diese unsere Erstgeburt, in der der heilige Talis-
man‘ der ganzen europäischen Zivilisation verborgen ist,
wollen wir nicht für die Utopie eines Paradieses auf Erden
hergeben.

Die Intellektuellen waren naturgemäß in der Geschichte
Europas die ersten Vorkämpfer für die. freie menschliche
Persönlichkeit. Für diese bestiegen sie die Scheiterhaufen,
nahmen Leiden auf sich und verschmachteten in Gefäng-
nissen. Suchen wir uns auch die seelischen Beweggründe
zu vergegenwärtigen, die die russischen Intellektuellen, die
ja wohl in ihrer Mehrzahl adligen oder bürgerlichen Ur-
sprungs waren, zum Sturmkampf gegen die Autokratie an-
trieben, so werden wir auch hier finden, daß dem revolutio-
närem Drang, wenn auch nicht immer bewußtermaßen, eine
Sehnsucht nach persönlicher Freiheit, eine Empörung gegen
die Sklaverei zugrunde lagen. In diesem Freiheitskampf
stützten sich diese Intellektuellen bald auf diese, bald auf
andere sozialen Schichten, deren Kräfte für Sieg und Nieder-
lage im Kampfe ausschlaggebend waren. Jener Teil der In-
tellektuellen jedoch, der in der Hitze des Kampfes das Prin-
zip der freien Persönlichkeit den Interessen einer bestimm-
ten sozialen Klasse opfert, begeht Verrat an seiner geschicht-
lichen Sendung. Die Geschichte mag darüber entscheiden,
ob dieses Opfer dem Volke das Glück bringen wird.

Wir haben uns von unserem ökonomischen Grundthema
weit entfernt. Doch das Problem der wirtschaftlichen Freiheit
ist nun einmal derart, daß es mit dem allgemeinen Problem
der Freiheit der menschlichen Persönlichkeit unzertrennlich
verhunden ist.

75
        <pb n="77" />
        VII
Die subjektiven Faktoren der sozialistischen
Volkswirtschaft.

Viele Sozialisten behaupten, daß man bei der Gesamtbe-
wertung der sozialistischen Wirtschaft die außerordentlich
arhöhte Arbeitsproduktivität mit berücksichtigen müsse, die
eine Folge des Umstandes sein werde, daß der Antagonismus
zwischen Arbeitern und Unternehmern verschwunden sein
wird. Auch Marx erwartet eine Veränderung der Arbeiter-
psychologie von dem Einfluß der neuen Wirtschaftsordnung,
wenngleich die Wirkung dieses Einflusses ihm nicht als so-
iortig erscheint. Er erwartet aber, daß der Bürger der sozia-
listischen Gesellschaft mit der Zeit zu einem so sozial ge-
sinnten Wesen werden werde, daß er auf die Forderung einer
Proportionalität zwischen Lohn und Arbeit verzichten und
sich das echt kommunistische Prinzip zu eigen machen
werde: „Jedermann nach seinen Fähigkeiten, jedermann nach
seinen Bedürfnissen‘“. Mit dieser neuen sozialen Psycho-
logie verband Marx denn auch die Idee von dem staaten-
losen Dasein der Zukunftsgesellschaft.

In Wirklichkeit besteht indessen kein Grund anzunehmen,
daß die soziale Umwälzung als solche die Arbeitsintensität
günstig beeinflussen könnte. Der der Umwälzung voran-
gehende verschärfte Klassenkampf mag wohl psychologisch
die Arbeiterklasse günstig beeinflussen, indem er in ihr das
Gefühl der Klassensolidarität, ja die Fähigkeit zur Selbst-
aufopferung stärkt, allein er vermag nicht die Aufmerk-

samkeit und die Liebe des Arbeiters zu seiner produk-
tiven Tätigkeit zu steigern. Wird auch durch die soziale Um-
wälzung in der Produktion der Gegensatz zwischen Unter-
nehmer und Arbeiter beseitigt, so wird mit dem Übergang
der Produktion in die Hände der Gesellschaft es noch nicht
erreicht, daß der Arbeiter seine eigenen Interessen bewußter-
maßen mit den Interessen der Allgemeinheit identifiziert.
„Der Arbeiter einer Staatsfabrik,“ sagt M. Tugan-Baranow-
skij 1), „besitzt keinen Antrieb, mehr als die mittlere Arbeits-
intensität zu entwickeln und über das Mittel des Arbeits-
resultats zu schaffen.“ Die soziale Umwälzung, die die bis-
herige Hierarchie beseitigt, kann nicht umhin, auch die bis-
1) Der Sozialismus als positive Lehre {russ,) S, 88.
in
        <pb n="78" />
        herige Arbeitsdisziplin zu zerrütten. Und der sozialistische
Staat muß nicht wenige Anstrengungen machen, um diese
Disziplin wiederherzustellen. Zu diesem Zweck wird er aber
zu annähernd der gleichen hierarchischen Organisation der
Großindustrie wie bisher zurückkehren müssen. Der Ver-
such, unmittelbar nach der Revolution der Arbeiterklasse
den kommunistischen Grundsatz „Jedermann nach seinen
Fähigkeiten, jedermann nach seinen Bedürfnissen‘ aufzu-
drängen, kann auf die Produktivität der Arbeit nur den ver-
derblichsten Einfluß ausüben; unsere Republik kann auf
eine bittere Erfahrung in dieser Hinsicht zurückblicken, und
sie ist daher heute aus allen Kräften bestrebt, zwischen Ar-
beitslohn und Arbeitsproduktivität die strengste Proportio-
nalität herzustellen.

Allein nicht nur gleich nach der sozialen Umwälzung sind
keine grundsätzlichen Veränderungen in der Psychologie der
Werktätigen zu erwarten, sondern auch prinzipiell hat man
bei jedem wirtschaftlichen Aufbau davon auszugehen, daß
der Mensch in seiner wirtschaftlichen Betätigung sich von der
Triebfeder des Egoismus leiten läßt. Dafür, daß sie dieses
Prinzip außer acht ließ, mußte unsere Republik nicht wenig
büßen. Indem wir aber die Geltung dieses Grundprinzips der
klassischen Nationalökonomie auch in der sozialistischen
Gesellschaft behaupten, wollen wir damit keineswegs etwa
die Bedeutung der altruistischen Gefühle für das soziale
Leben leugnen. Allein Uneigennützigkeit und sogar die Fähig-
keit zur Selbstaufopferung zeigen die Menschen nur in höch-
ster schöpferischer Arbeit, im Kampfe um Werte, die sie
für unvergänglich halten (mögen auch andere diese Werte
lediglich für Fiktionen halten), und schließlich in ihrem
intimen Leben. Ein Irrtum wäre es aber, von den Menschen
zu erwarten, daß sie tagaus, tagein uneigennützig Brot
backen, Schuhe steppen oder Kleider nähen, und zwar nicht
einmal für ihre Nächsten, sondern für ihnen gänzlich fern-
stehende, unbekannte Menschen, die sie vielleicht nie zu
Gesicht bekommen. In der Tat: das russische Proletariat hat
im Kampfe um sein soziales Ideal wohl ein außergewöhn-
liches Heldentum an den Tag gelegt, aber an der Drehbank
mit einer Intensität gearbeitet, die der Entlohnung entsprach.
Allein auch die Titanen des menschlichen Geistes haben
nicht anders gehandelt. Spinoza schrieb seine Traktate aus
einem tiefen seelischen Drange heraus und würde sie auch

m
        <pb n="79" />
        dann schreiben, wenn ihm dafür Kerker drohen würde, aber
Gläser schliff er doch gegen Belohnung. Und ich werde wohl
auch niemand in seinem religiösen Gefühl verletzen, wenn
ich sage, daß der Schöpfer der Religion der Liebe für seine
Predigt das Martyrium des Kreuzes übernommen hat; be-
schäftigte Er sich einmal mit Zimmerarbeit, so hat Er sein
Handwerk gegen Entlohnung ausgeübt, — so ist es, wenn Er
von menschlichem Wesen inne hatte. Geht man beim Aufbau
einer. Wirtschaft nicht von diesem Grundsatz der National-
ökonomie aus, so verkennt man ganz und gar das mensch-
liche Wesen. Der Fortschritt der Kultur äußert sich u. a.
darin, daß der Arbeiter seinen Verpflichtungen aufs gewis-
senhafteste nachkommt. Dies ist sowohl im Rahmen der ka-
pitalistischen wie auch natürlich im Rahmen der sozialisti-
schen Gesellschaft erreichbar.

Nachdem die hochgeschraubten Hoffnungen darauf, daß
der Sozialismus einen ungeheuren Aufschwung der Produk-
tivität der Volkswirtschaft herbeiführen werde, nicht in Er-
füllung gegangen waren und sich das Gegenteil herausge-
stellt hatte, waren viele Sozialisten sowohl des rechten wie
des linken Flügels leichten Herzens bereit, die Verantwortung
für diesen Mißerfolg der Arbeiterklasse zuzuschreiben, bald
unter dem Vorwand, daß diese sich als unvorbereitet er-
wiesen habe, bald unter dem Hinweis auf den die Arbeiter-
klasse ‚angeblich immer wieder überwältigenden Einfluß der
kleinbürgerlichen Umgebung, die ja in der sozialistischen
Literatur zu einem Sündenbock für alles geworden ist. Wir
für unser Teil halten es indessen kaum für richtig, die Ur-
sache der Mißerfolge unseres sozialistischen Aufbaus in der
Psychologie der Arbeiterklasse zu erblicken, Freilich, es
sind nach der sozialen Umwälzung keine Zeichen und Wun-
der geschehen, doch es bestand auch gar kein Grund, solche
zu erwarten. Wenn aber die Leistungsfähigkeit der Ar-
beiter auf das Minimum herabsank, so entsprach es durch-
aus den ungünstigen äußeren Bedingungen — der völligen
Desorganisation der Volkswirtschaft und insonderheit dem
schweren Verpflegungsstande. Grundsätzlich besteht. hin-

gegen kein Anlaß, daran zu zweifeln, daß der Arbeiter an
der Drehbank einer sozialistischen Fabrik weniger fleißig
sein wird als an der Drehbank des Kapitalisten.

Wenn jedoch dem Aufbau einer sozialistischen Volkswirt-
schaft eine in subjektiven Faktoren wurzelnde Gefahr droht,
7Q
        <pb n="80" />
        so liegt diese nicht in der Psychologie der Arbeiterklasse,
sondern. in der Psychologie der Organisatoren der Produk:
tion. beschlossen,

Für den wissenschaftlichen Sozialismus ist nämlich seine
einseitige Auffassung des Produktionsvorganges als eines
Prozesses bloßer mechanischer Arbeit kennzeichnend. Die
ungeheure Rolle des Händlers in der kapitalistischen Ge-
sellschaft leugnet hingegen der Marxismus völlig: er sieht in
diesem nur einen Parasiten. Er leugnet aber auch die Bedeu-
tung des wirtschaftlichen Leiters der Produktion, der ihm
vielmehr lediglich als ein Spezialist für Wegpumpen des
Mehrwerts erscheint. Und schließlich unterschätzt der Mar-
xismus auch die Rolle des technischen Organisators der
Produktion.

In Gemäßheit einer solchen Ansicht gestaltete sich denn
auch das Schicksal der wirtschaftlichen und selbst der tech-
nischen Produktionsleiter nach der russischen Revolution
überaus traurig. Die letzteren sollten ursprünglich durch
Kollegien politisch aufgeklärter Arbeiter, die ersteren. aber
durch Intellektuelle, die das „Kapital‘ von Marx mehr oder
weniger gut kannten, ersetzt werden. Erst nach der bitteren
Erfahrung, die er gemacht hatte, sah der Staat ein, daß die
Sache denn doch nicht so einfach war, wie er es sich vorge-
stellt hatte. Und die bereits verdrängten wirtschaftlichen und
technischen Produktionsleiter wurden rehabilitiert und als
„Spezy‘“ (Spezialisten) in ihre Stellungen wieder eingesetzt.

Dennoch dürfen wir weder von den alten, noch von den
neuen Spezy die gleichen Leistungen erwarten, die sie in der
kapitalistischen Gesellschaft vollbrachten. In der Tat: der
Erfolg der Produktion hängt vor allem von ihrer Organisation
nicht nur in technischer, sondern auch in wirtschaftlicher
Hinsicht ab; die ausschlaggebende Rolle spielt die Schonung
des Grundkapitals, die sparsame Verwendung der Rohstoffe,
eine glückliche Kombination von Arbeit und Kapital, das
Auffinden guter Rohstoffquellen und Absatzmärkte — ohne
all diese Voraussetzungen werden selbst die eifrigsten und
geschicklichsten Leistungen der Arbeiter nichts nutzen. Die-
ser hohen Verantwortung der Organisatoren entspricht die
Psychologie des Unternehmers in der kapitalistischen Ge-
sellschaft. Ihn vor allem trifft der Mißerfolg des Unterneh-
mens, aber er ist auch der erste, der von seinen Erfolgen
profitiert. Daher seine ungeheure Willensanspannung. Seine
79
        <pb n="81" />
        Arbeit wird durch niemand normiert, — sie wird einzig
durch die Erfordernisse des Unternehmens bestimmt.

Ganz anders ist die Psychologie des wirtschaftlichen Orga-
nisators im sozialistischen Staate. Hier ist er nur ein Be-
amter. Wird er auch besser als der Arbeiter entlohnt, — wo-
zu sich der auf dem Grundsatz der Gleichmäßigkeit aufge-
baute Staat nur schwer entschließt —, SO hat dieses Mehr
an Entlohnung keine Bedeutung als Ansporn zur Arbeit.
Denn das Risiko des Unternehmens lastet nicht auf dem
Organisator, sondern auf dem Staate; jener verliert also nur
wenig im Falle des Mißerfolgs, gewinnt aber auch nichts im
Falle des Erfolgs. Dazu enthebt ihn der Mangel einer rich-
tigen Kalkulationsbasis beinahe der Möglichkeit, kontrol-
liert zu werden. Hat er seine 6 oder 8 Stunden im Bureau
gewissenhaft gearbeitet, so glaubt er seine Pflicht erfüllt zu
haben. Allein das wirtschaftliche Schaffen erfordert doch
etwas anderes als formal korrekte Pflichterfüllung,

Viele Mißerfolge unseres sozialistischen Aufbaus stehen
denn auch in einem evidenten Zusammenhange mit den Män:
geln in der Psychologie unserer Organisatoren. Man hat von
den Bauern Millionen Pud Kartoffeln erhalten — und ver-
faulen lassen; man stapelt Holz auf — es wird gestohlen
u. dgl. m. Man kann sicher sein, daß, wenn ein kapitalisti-
scher Unternehmer sich zur Lieferung von Kartoffeln oder
Holz verpflichtet, jene nicht verfaulen werden, und dieses
nicht gestohlen wird. Denn der Unternehmer wird sich
nicht so leicht den Gewinn entgehen lassen, um den er sich

bemüht, und mit Zähnen wird er ein Attentat auf sein Kapital
abwehren. Auf einem Meeting klagten die Arbeiter darüber,
daß die vom Außenhandelskommissariat eingekauften Schuhe
sich als schlecht erwiesen haben. Hierauf erklärte der Ver-
treter des Kommissariats: Wir, Proletarier, sind ja keine
Kaufleute, und so haben uns die amerikanischen Kapita-
listen, die die Schuhe lieferten, über den Löffel barbiert.
Diese Erklärung nahmen die Arbeiter mit einer proletari-
schen Gutmütigkeit hin. Die kapitalistische Wirtschaftsord-
nung aber kennt eine solche Gutmütigkeit nicht; ein Kauf-
mann, der sich beschwindeln läßt, wird nicht lange seines
Amtes walten, und es gibt für ihn keine Entschuldigung.

Aber dem Sowjetbeamten fehlt es an Energie und Tatkraft
nicht nur zu einer gehörigen Organisation der Produktion,
sondern auch zu einer offenbar noch einfacheren Aufgabe
RO)
        <pb n="82" />
        wie dem Schutz des vorhandenen Kapitals fehlt es ihm an
entsprechender Einstellung. Denn auch hier tut der Blick
des Wirtes not, sogar sehr not, und fehlt dieser, so stürzen
Häuser ein, versinken Schiffe, gehen Drehbänke in die
Brüche und wird das Material gestohlen.

Nein, wenn der sozialistische Aufbau auf Schwierigkeiten
subjektiver Art stieß, so wurzeln diese durchaus nicht in
der Psychologie der Arbeiterschaft, sondern. vielmehr in der
Mentalität der Organisatoren. Denn die Antriebe, die die so-
zialistische Gesellschaftsordnung ihnen zu geben imstande
ist, entsprechen nicht der Verantwortung, die die in der
Wirtschaft tätigen Kräfte in Anbetracht der von ihnen zu
lösenden Aufgaben zu tragen haben. Diese Verantwortung
ist indessen bei der ungeheuren Konzentration aller wirt-
schaftlichen Funktionen in den Händen des Staates wahrlich
riesengroß, ja sie ist in der sozialistischen. Gesellschaftsord-
nung noch größer als im Rahmen des Kapitalismus.

IX.
Der Sozialismus und die Landwirtschaft.

Wir sind von der Voraussetzung ausgegangen, daß schon
vor der sozialen Umwälzung, d. h. im Laufe der natürlichen
Entwicklung des Kapitalismus, eine Konzentration der gan-
zen Produktion in Riesenunternehmungen stattfindet und
diese Unternehmungen dann nationalisiert werden. In der
verarbeitenden Industrie zeigt sich in der Tat eine starke
Tendenz zu einer derartigen Konzentration, die zur Folge
hat, daß die Bedeutung der Kleinindustrie daneben immer
mehr herabsinkt. Nichtsdestoweniger ist die Rolle der Klein-
industrie, absolut betrachtet, noch überall sehr erheblich und
ihre Nationalisierung führt, wie unsere Erfahrung zeigt, zu
ihrem völligen Untergang — und zwar zum großen Schaden
der Volkswirtschaft.

Begegnet somit die Nationalisierung der Produktion schon
auf dem Gebiete der Industrie nicht unerhebliche Schwierig-
keiten, so werden diese geradezu unüberwindlich in der
Landwirtschaft. Denn etwas, was dem schnellen Tempo der
Konzentration’ in der Industrie auch nur annähernd gleich-
kommen würde, läßt sich in der Landwirtschaft nicht nach-
weisen. Es gibt nur ein Land, in dem die Landwirtschaft

6 Brutzkus., Die Lehren des Marzismus.

Q1
        <pb n="83" />
        beinahe gänzlich kapitalistisch organisiert ist, nämlich Eng-
land; aber diese Organisation ist das Produkt einer Agrarent-
wicklung, wie sie in einer längst verflossenen Epoche unter
Bedingungen, die von den gegenwärtigen, grundsätzlich ver-
schieden sind, stattgefunden hat. Aber auch in diesem Eng-
land gibt es immer noch etwa 14 Million landwirtschaftlicher
Betriebe, eine Wirtschaft von 100 ha gilt schon als recht be-
Tächtlich, und lassen sich keine Tendenzen zu einer weite-
ten Konzentration feststellen. Auf dem europäischen Fest-
land aber, insonderheit in Rußland, herrscht hingegen. der
Kleinbetrieb, der auf der Arbeit des Bauern und seiner Fa-
milie beruht, durchaus vor. Selbst in den Vereinigten Staaten,
diesem Lande des Riesenkapitalismus, der Trusts und der
Milliardäre, stellt der Kleinbetrieb, in. dem die Lohnarbeit
nur von untergeordneter Bedeutung ist, die vorherrschende
Form der landwirtschaftlichen Produktion dar. Freilich an
Flächenraum übertreffen die amerikanischen Farmen die
bäuerlichen Betriebe Europas, allein dies ist die Folge des
axtensiven Charakters der amerikanischen Landwirtschaft.
Die Nationalökonomen. streiten noch über den Grad der
Differenzierung des Bauerntums, über die Frage, ob inner-
halb des Bauerntums ein Prozeß der Nivellierung oder aber
einer weiteren Differenzierung stattfindet. Diese Kontro-
verse ist in der Tat recht bedeutungsvoll für die Lösung des
Problems, ob die soziale Revolution auch auf dem flachen
Lande Wurzel fassen kann. Die Kommunisten suchen nun, zu
beweisen, daß man Anhänger der sozialen Revolution nicht
nur unter den landwirtschaftlichen Arbeitern, die wenig
zahlreich und dabei noch zerstreut. sind, sondern. auch unter
den ärmsten Schichten des Bauerntums werben könne. Es
trifft auch zu, daß die bäuerlichen Massen in der russi-
schen sozialen Revolution die aktivste Rolle gespielt haben;
doch wir glauben, daß dies nicht das Resultat einer weit-
gehenden Differenzierung innerhalb des Bauerntums, son-
dern. vielmehr seiner althergebrachten Mirverfassung sei),
und wir sind der Ansicht, daß die Idee der sozialen Revolu-
tion in dem Dorfe bei bäuerlichen Eigentümern einen weit-
Aus weniger günstigen Boden besitzen wird.
Allein zunächst interessiert uns das Ergebnis der sozialen
1) Ausführliches darüber siehe in meinem Buche: Agrarentwicklung
und ‚Agrarrevolution in Rußland. Osteuropa-Institut in Breslau. Berlin
1926. (Anmerk. zur Übersetzung.)

30
        <pb n="84" />
        Revolution auf dem Lande. Darüber aber ist nun kein Zwei-
fel möglich: der Zauber des Eigentums wirkt auf die ärmste
Bauernschaft, teilweise aber auch auf die Landarbeiter, so
stark, daß das Ziel dieser Bauern nur die Erweiterung ihres
Besitzes auf Kosten der Großbetriebe sein kann. Das Er-
gebnis der sozialen Revolution auf dem flachen Lande kann
daher lediglich in der Zertrümmerung der kapitalistisch orga-
nisierten Landwirtschaft und in der völligen Zersplitterung
der Produktion bestehen.

Was soll nun aber der sozialistische Staat mit diesen Mil-
lionen von Zwergbetrieben anfangen? Wie kann er diese
gewaltige kleinbürgerliche Masse in den Rahmen der Plan-
wirtschaft eingliedern und ihnen den Antrieb zur baldmög-
lichen Verschmelzung in kollektive Großbetriebe geben?
Selbst wenn irgendwelche Aussichten für eine solche Ver-
schmelzung beständen, so würde diese doch eine ungeheure
Zeitspanne zu ihrer Vollendung erfordern. Allein worauf
könnte man eine Hoffnung auf Erfolg hier gründen? Hat
doch die landwirtschaftliche Genossenschaftsbewegung bei
all ihrer ungeheuren Entwicklung noch nirgends zur Ent-
stehung von ländlichen Kollektivbetrieben geführt.

Die Produktivgenossenschaft kann nicht einmal auf dem
Gebiete der industriellen Produktion auf irgendwelche erheb-
lichen Erfolge hinweisen, obgleich nicht wenig Anstrengun-
gen nach dieser Richtung hin gemacht wurden. Ja, es läßt
sich mit einem’ gewissen Grunde behaupten, daß die Idee
des Staatssozialismus im Zusammenhange mit den Miß-
erfolgen der Produktivgenossenschaft entstanden sei. Soll
nun die Produktivgenossenschaft im Bereiche der Landwirt-
schaft vielleicht deswegen Erfolgsschancen haben, weil hier
die Vorteile des Großbetriebs selbst zweifelhaft sind? Oder
deswegen, weil die genossenschaftliche Verschmelzung der
landwirtschaftlichen. Betriebe auch diejenige der Haushalte
erfordert, was nun seinerseits mit eigentümlichen Schwierig:
keiten verbunden ist? Unsere Versuche, ländliche Kollektiv-
wirtschaften künstlich ins Leben zu rufen, konnten natürlich
nichts Positives zeitigen.

So bleibt, um die Bauern in die Planwirtschaft einzuglie-
dern, nur das eine Mittel übrig: sie als Landarbeiter zu be-
trachten, die auf staatlichem Boden sitzen und verpflichtet
sind, nach Weisungen des Staates zu wirtschaften und das
ganze Produkt ihrer Arbeit dem Staate abzuliefern. Allein
83
        <pb n="85" />
        dies hieße, der kleinbäuerlichen Wirtschaft all ihre Schwä-
chen zu belassen, ihr aber ihren einzigen Vorzug — das per-
sönliche Interesse des Werktätigen am Resultat seiner Ar-
beit — zu nehmen.

Wir vermochten uns nicht davon zu überzeugen, daß der
sozialistische Staat imstande sei, die Industrie zu organi-
sieren; wohl aber kann er sich dieser bemächtigen, — dies
hat Marx vorausgesagt und unsere Revolution hat es be-
stätigt. Ganz anders verhält es sich aber mit der Landwirt-
schaft. Die soziale Revolution auf dem flachen Lande ent-
hält nicht ein Körnchen Sozialismus, sie bringt die Landwirt-
schaft dem sozialistischen Ideal nicht näher, sondern umge-
kehrt, — sie wirft diese von demselben unendlich weit zurück.

Will man jedoch mit diesem „kleinbürgerlichen Element‘
paktieren, will man seinem organischen Verlangen nach
freiem Tauschverkehr stattgeben, so wird dadurch, zumal in
einem ausgesprochenen Agrarlande, das ganze System der
sozialistischen Wirtschaft — d.h. das System planmäßiger
Verteilung der Wirtschaftsgüter im gesamtstaatlichen Maß-
stabe — umgestoßen.

A
Schlußbetrachtungen.

So stehen wir vor einem sonderbaren Schauspiel: Sozia-
listen, überzeugte Sozialisten, welche Lehre und Leben als
eins betrachten, die vor nichts zurückschrecken, um ihre Idee
&amp;riumphieren zu lassen, — vernichten mit eigenen Händen
die Früchte ihres Schaffens, ersetzen eine angeblich harmo-
nische Gesellschaftsordnung, die keine Ausbeutung kennt,
durch eine anarchische, auf Ausbeutung beruhende Ordnung
und ‚erwarten gerade von der letzteren die Vermehrung der
Hilfsquellen der Republik und die Besserung der Lage der
Werktätigen. Wir sehen, daß die Sozialisten ausländisches
Kapital herbeizulocken suchen, damit es in unserem Lande
den Mehrwert einheimst, den abzuschaffen sie sich doch erst
berufen glaubten.

Wie kann diese sonderbare Erscheinung erklärt werden?
Der rechte Flügel der Sozialisten antwortet hierauf: „Es ist
nichts Verwunderliches daran. Dieses traurige Resultat haben
84
        <pb n="86" />
        wir ja vorausgesehen. Marx sagte, daß die soziale Revolu-
tion. nur dort aussichtsreich ist, wo alle Voraussetzungen
für die Einführung des Sozialismus gegeben sind; in Ruß-
Jand aber, dem Lande der bäuerlichen Wirtschaft, waren
solche Voraussetzungen nicht vorhanden.‘

Diese Auffassung kann allerdings durch die verba ma-
gistri, d.h. Marxens, begründet, durch einige Zitate aus
seinen Schriften bestätigt werden, doch dürfte sie kaum dem
Gesamtgeiste der Marxschen Lehre entsprechen.

Gewiß, der Industriekapitalismus erreichte in Rußland nur
eine mäßige Entwicklung und zog nur einen unbeträchtlichen
Teil der russischen. Bevölkerung in seine Dienste. Soweit
jedoch ihr Ausmaß reichte, war die russische Industrie für
eine soziale Revolution im Sinne der Marxschen Lehre be-
reits reif. Dank nämlich dem Umstand, daß die russische
Industrie sich nicht in dem Maße organisch wie die Industrie
Westeuropas entwickelte, sondern vielmehr im beträchtlichen
Maße im Laufe der beiden letzten Jahrhunderte von Regie-
rung, Adel und ausländischem Kapital gezüchtet worden
war, — dank diesem Umstand bot sie das Bild einer erstaun-
lichen Konzentration sowohl in horizontaler als in vertikaler
Richtung, d. h. im Sinne der Verbindung der einzelnen auf-
einanderfolgenden. Stadien der Herstellung eines Produkts
samt den verschiedenen Nebengewerben. Die russische
Schwerindustrie — Werke von Putilow, Obuchow, Malzew,
die von Brjansk, sowie die Unternehmungen der russischen
Textilindustrie sind Riesenbetriebe nicht nur mit russischem,
sondern auch mit internationalem Maße gemessen. Sowohl
die Kartellierung wie die Syndikatsbildung war in der russi-
schen Industrie am Vorabend der Revolution schon ziemlich
weit vorgeschritten. Die russischen Hauptstädte stellten
ungeheure Ansammlungszentren des Industrieproletariats dar,
das im Schoße der Riesenunternehmungen organisiert war.
Das Fehlen eines demokratischen Regimes und die Unmög-
lichkeit, ihre wirtschaftlichen Interessen auf gesetzlichem
Wege wahrzunehmen, hielt die Kampfstimmung der Arbeiter-
schaft aufrecht und arbeitete einer sozialen Eruption vor.
Der Konzentration der Industrie entsprach eine Anhäufung
des Reichtums in einer dünnen Schicht der Großbourgeoisie.
Aus dem gleichen Grunde, den wir vorhin erwähnten, näm-
lich infolge des unorganischen Charakters der Entwicklung
der russischen Industrie, fehlte es ferner in Rußland an

RB
        <pb n="87" />
        jenen breiten Schichten des‘ städtischen Kleinbürgertums,

die in den Städten Europas zwischen dem Proletariat und

der Großbourgeoisie stehen und deren Gegensatz mildern.

Und schließlich war der Kontrast zwischen dem Luxus der

Spitzen der Gesellschaft und der Armut der niederen Schich-

'en. in der russischen Stadt auffallender als irgendwo sonst.

Alles in allem war die russische Stadt für den vom. wissen-

schaftlichen Sozialismus vorausgesagten „Zusammenbruch“

vollkommen reif,

Nun werden die Sozialisten des rechten Flügels sicher ein-

wenden, daß, wenn man bezüglich der russischen Stadt im-
merhin darüber diskutieren kann, ob sie für die von Marx
prophezeite soziale Revolution reif war oder nicht, das so-
zialökonomische Antlitz des russischen Dorfes doch jeden-
lalls nicht in das Schema von Marx hineinpaßte. Sei aber
las russische Dorf für die soziale Umwälzung noch nicht reif,
5o sei es auch das ganze Land nicht, das ja ein Agrarland
per excellence ist. — Allein, will man die Reife Rußlands für
den Sozialismus nach der Entwicklung des russischen Dorfes
messen, so ist wohl die Frage an. die Sozialisten des rechten
Flügels gestattet: Wann wird denn, bei einer so wörtlichen
Auslegung der Marxschen Lehre, ein Land wie Rußland für
den Sozialismus überhaupt reif werden? Sind doch der In-
dustrialisierung bestimmte Grenzen gezogen; selbst Ländern
wie England und Deutschland, die ja eine bei weitem gerin-
gere Bevölkerung haben als Rußland, ist die Welt eng ge-
worden. Die russische Industrie wird aber auch in abseh-
barer Zukunft sich fast ausschließlich auf den inneren Markt
stützen müssen und Rußland, das ein Sechstel des. Fest-
lands der Welt einnimmt, ein Agrarland bleiben. In der rus-
sischen Landwirtschaft sind indessen keine greifbaren. An-
zeichen. einer Konzentration zutage getreten. Will man also
am Buchstaben der Marxschen Lehre festhalten, so wird man
zugeben müssen, daß weder Rußland noch irgendein anderes
Agrarland in absehbarer Zukunft für die soziale Revolution
reif sein wird — mit anderen Worten, daß das Schema des
wissenschaftlichen Sozialismus auf Agrarländer überhaupt
ananwendbar sei. Damit wird die Allgemeingültigkeit des
Schemas von Marx in Abrede gestellt.

Aber auch die politische Taktik der Sozialisten des rech-
en Flügels ruft starke Bedenken hervor. Halten sie das Land
ür noch unreif für die soziale Revolution und sind sie über-
36
        <pb n="88" />
        haupt nicht imstande, den Eintritt dieser Reife auch in ent-
fernter Zukunft abzusehen, welchen Sinn hat dann ihre so-
zialistische Propaganda unter den Massen? Welchen Sinn
hat es, den demokratischen Rechtsstaat in den düstersten
Farben zu schildern als einen sicheren Weg zur Verelendung
der Werktätigen, die sozialistische Ordnung aber in den
leuchtendsten Farben zu malen — und zum Schlusse dieser
ganzen Propaganda dennoch die Werktätigen aufzufordern,
hübsch artig zu warten, bis die Gesellschaft für den Sozia-
lismus reif werden wird? Weigern sich aber die durch die
Propaganda aufgestachelten Volksmassen auf den Eintritt
lieser besseren Zukunft untätig zu warten, so dürfen die So-
zialisten‘ nicht die Hände in Unschuld waschen und er-
klären, sie könnten nichts dafür, sie hätten den Massen zu
warten geraten. Freilich, auch Marx gab nicht jedem Ar-
beiteraufstand seinen Segen, doch ist seine Propaganda von
dem festen Glauben an den nahen Triumph des Sozialismus
durchglüht, und dieser tatenfrohe, tief revolutionäre Charak-
ier seiner Lehre läßt sich durch keine zufälligen Zitate aus
seinen Schriften vertuschen.

Glauben sich aber die Sozialisten vom rechten Lager zum
Kampf um konkrete Interessen der Arbeiterschaft berufen,
so brauchen sie diese nicht erst durch das sozialistische
[deal zu blenden. Das, was uns erst in; ferner Zukunft er-
wartet, kann man wohl in gelehrten Büchern schildern, man
soll aber darüber nicht auf der Straße reden. In der Politik gilt
die Sorge dem Tage. Wer wollte die Bedeutung bezweifeln,
die die Trade-Unions für die englische Arbeiterbewegung
haben, — und doch marschieren sie nicht einmal unter der
roten Fahne.

Dem Geiste des revolutionären Marxismus werden, unserer
Ansicht nach, nicht die Sozialisten des rechten, sondern
die des linken Flügels gerecht. Nur bei diesem weichen
Theorie und Praxis wirklich nicht voneinander ab. Ist der
Sozialismus ein Glück, so muß man ihn nicht erträumen —
sondern aufbauen. Die schöpferischen Kräfte der neuen
Ordnung werden zutage treten und die Welt umwandeln,
mag auch die Wirklichkeit heute noch nicht in allen Teilen
dem aufgestellten Entwicklungsschema entsprechen. Selbst
das größte Genie kann nicht die ganze Vielgestaltigkeit der
menschlichen Entwicklung voraussehen. Schon die Möglich-
reit der sozialen Revolution. schon der Umstand, daß das Prole-
R7
        <pb n="89" />
        tarlat die Kraft besitzt, sie zu vollziehen, bezeugt, der Marxi-
schen Lehre zufolge, daß „die Zeit gekommen ist“, denn die
politische Kraft einer sozialen Klasse beruht nach Marx auf
wirtschaftlichen Voraussetzungen. — So und nicht anders
können unseres Erachtens die echten Anhänger der Marx-
schen Lehre denken. Nicht umsonst gab der hervorragendste
Vertreter des wissenschaftlichen Sozialismus in Westeuropa,
Mehring, der russischen Revolution seinen Segen.

Doch wie kommt es, daß diese Revolution, die in der
Stadt begann, die aber in ihren Wirbel auch das Dorf mit
hineinriß, die Konterrevolution glänzend besiegte und in der
Außenpolitik Erfolge errang, — wie kommt es, daß diese Re-
rolution. sich in dem wirtschaftlichen Aufbau schließlich so
ınglücklich erwies? 1)

Die offizielle Erklärung lautet: die Festung des Kapitalis-
mus ist durch einen allzu stürmischen Angriff erobert
worden.

Port Arthur müsse durch langsame, systematische Belage-
rung erobert werden. So wie die Dinge aber heute liegen,
müsse man aus der Festung wieder herausgehen, um sie
herum wieder Schützengräben aufwerfen und erneut eine
systematische Belagerung beginnen. — Nun, der Schreiber
lieser Zeilen ist zwar kein Stratege, doch eins weiß er: daß
noch niemals eine Festung darum zurückgegeben wurde, weil

sie nicht lege artis eingenommen worden war. Über die
Sieger sitzt man nicht zu Gericht, und die Einnahme einer
Festung rechtfertigt immer die Methoden ihrer Belagerung.

Doch muß vielleicht unter jener „Festung‘“ der Weltkapi-
lalismus verstanden werden, der sich freilich immer noch
behauptet? — Zum Unterschied von der landläufigen Vor-
stellung halten wir aber die Weltrevolution nicht für eine
anerläßliche Voraussetzung des erfolgreichen sozialistischen
Aufbaus in Rußland. Würde es sich freilich um ein so aus-
gesprochen industrielles Land wie England handeln, so
könnte man sich in der Tat hier schwerlich eine soziale
Revolution vorstellen, ohne daß die letztere, wenn nicht in

der ganzen Kulturwelt, so doch zumindest auch in den
britischen Kolonien stattfände. Die Existenz, Englands ohne
Außenhandel ist undenkbar: dieser wird aber vollständige zer-
1) In den folgenden drei Absätzen polemisiert der Verfasser mit Lenin ;
die zwei ersten Absätze wurden von der russischen Zensur unterdrückt.
(Anmerk, z, Übersetz,)

38
        <pb n="90" />
        rüttet sein, wenn in den Ländern, mit denen sich dieser
Handel abwickelte, ganz entgegengesetzte Rechtsnormen
noch in Geltung bleiben würden. Würde aber der britische
Außenhandel ganz aufhören, so würde England gleich im
ersten Jahre nach der sozialen Revolution Hungers sterben.
Der Versuch des sozialistischen Aufbaus muß somit, ent-
gegen der herrschenden Ansicht, in erster Linie nicht in Län.
dern mit hoher, aber einseitiger industrieller Entwicklung,
sondern. vielmehr in Ländern, die gewissermaßen in wirt-
schaftlicher Autarkie leben könnten, unternommen werden.
Zu solchen Ländern gehören vor allem die Vereinigten Staa-
ten, dann aber auch Rußland.

In der Tat: ist denn unsere Volkswirtschaft derart von
Europa abhängig, daß wir durch die Blockade allein ins
tiefste Elend gekommen wären? Sind wir nicht allein daran
schuldig, indem wir nicht verstanden, unsere Wirtschaft
in Ordnung zu bringen? Lebensmittel hatten wir stets in
Hülle und Fülle. An Textilrohstoffen haben wir manche
(Flachs, Hanf) in Riesenmengen ausgeführt, was aber an
anderen (Baumwolle, Wolle) fehlte, hätte durch Erweiterung
der eigenen Produktion leicht ergänzt werden können. Wir
besitzen ungeheure Waldungen und Naphthaquellen, sind
also imstande, durch diese beiden Brennstoffe sowie durch
Torf den Mangel an Steinkohle wieder gut zu machen. Auch
an Erzen sind wir reich. Eisenbahngleise wurden in unseren
Fabriken gewalzt und Lokomotiven hergestellt. Einige kom-
plizierte Maschinen wurden bei uns allerdings nicht fabri-
ziert; doch ist der Sozialismus wirklich eine höhere Produk-
tionsform, so wären auch diese kleinen Lücken durch
eigene Mittel bald ausgefüllt. . Spricht man bei uns davon,
daß Rußland infolge der Blockade hungere, so kommt einem
anwillkürlich die ironische Einwendung der Engländer in
den Sinn: New-Castle (die Hauptstadt des englischen Kohlen-
exports) hat nichts zu brennen, weil die Blockade ihm die
Kohlenzufuhr abgeschnitten habe. Gerade in Rußland, einem
Lande von fast vollkommener wirtschaftlicher Autarkie,
sollte der Versuch des sozialistischen Aufbaus die meisten
Erfolgschancen haben.

Wir wissen jedoch, daß die Wirklichkeit diese in der Lehre
des Marxismus wohl begründeten Hoffnungen Lügen strafte.
Es läßt sich kein einziger volkswirtschaftlicher Zweig nen-
nen, der unter dem neuen Wirtschaftsregime aufblühte. Und
QQ
        <pb n="91" />
        zerade ‚diese vollständige Evidenz des Mißerfolgs zwang
selbst die überzeugten Kommunisten, ihre Hoffnung auf
Besserung nunmehr in eine partielle Rückkehr zum freien
Güteraustausch und zum Kapitalismus zu setzen.

Die Erklärungen des Mißerfolgs des Aufbaus einer sozia-
listischen Volkswirtschaft, die uns sowohl die Sozialisten
des rechten als die-des linken Flügels geben, erscheinen. uns
also gleichermaßen unhaltbar. Eine wirkliche Erklärung
dieses Mißerfolgs glauben wir vielmehr durch unsere ganze
vorhergehende Darstellung gegeben zu haben.

Unter dem Gesichtspunkt der sozialistischen Theorie ge-
sehen, waren die verschiedenen Elemente der russischen
Volkswirtschaft nicht im gleichen Grade reif für den soziali-
stischen Umbau. Und artete dieser nach dem eigenen Ge-
ständnis unserer Kommunisten immer wieder in eine „Ka-
‘astrophenserie‘ aus, während der Verzicht auf den Sozia-
lismus im Laufe der Neuen Wirtschaftspolitik umgekehrt
fast stets zur Besserung der Lage führte, so liegt es auf der
Hand, daß das Scheitern des sozialistischen Wirtschaftsbaus
nicht nur durch die Ungeeignetheit der Zeit und des Ortes
erklärt werden kann. Die russische Erfahrung veranschau-
licht vielmehr in der prägnantesten Weise unsere grundsätz-
liche Schlußfolgerung, daß das Prinzip des Sozialismus kein
schöpferisches sei, daß es das Wirtschaftsleben der Gesell-
schaft nicht der Blüte, sondern der Zersetzung entgegen-
führt.

30
        <pb n="92" />
        Vom gleichen Verfasser erschien:
Agrarentwicklung und
Agrarrevolution in Russland
Mit einem Vorwort von M. Sering
1926
Broschiert RM. 12.—

Aus den Besprechungen

»Wer den Verlauf einer wirklichen Revolution beurteilen will,
Jer muß ihren eigentlichen historisch bestimmten Kern be-
greifen. Ich wüßte dafür keinen bessern Weg als das Studinm
des Werkes von Brutzkus, ...«

Prof. Hollmann. »Bericht über Landwirtsch.« B. v. I. H. 5.
»Die Abhandlung darf als schlechthin grundlegend bezeichnet
werden. ‚..« »Zeitschr. f. Geopol.« Oktober 1926.
&gt;»Man muß bei der Gesamtwürdigung des Werkes, den Worten
Max Serings anschließen, der in seinem Vorwort von der ‚rück-
aaltlosen Wahrhaftigkeit dieses Buches, die es zur unentbehr-
lichen Erkenntnisquelle für jeden Wahrheitssucher macht‘,
spricht.« Dr. EL Hurwiecz. »Berl. Tag.« v. 27, V. 1926.
‚Es ist mir kein deutsches Buch bekannt, das in so gedrängtem
Umfange und dabei doch so umfassend und mit solcher Weite
ler Blickeinstellung die Kenntnisse der ländlichen Verhältnisse
Rußlands vermittelt, wie dieses Werk des bekannten russischen
Agrarökonomen B, Brutzkus. ...« E.J. »Berl. Börs.-Zeit.« v.9. 1X. 1927.
»Das Buch ist mit gründlicher Sachkenntnis geschrieben und
liefert eine in dieser Form bisher in einer nicht russischen
Sprache noch nicht vorhandene Schilderung der Entwicklung
des Agrarproblems in Rußland seit dem Beginn des russischen
Staates bis zur Gegenwart.« J.L. »Berl.Börs-Kur.« v. 12. VI11.1926,
»Die umfangreiche Schrift von Professor Brutzkus gibt eine ganz
vortreffliche soziologische Untersuchung der russischen Agrar-
revolution. ... Das Buch von einem berufensten Sachkenner ge-
schrieben, dürfte jedem, der sich für die russische Frage inter-
assiert. unentbehrlich werden.« D. »Danz. Stat. Mitt.« 1927. N 1.

VERLAG HERMANN SACK ,/ BERLIN W z5
        <pb n="93" />
        Veröffentlichungen des Osteuropa-Instituts
in Breslau

Quellen und Studien
Abteilung Wirtschaft
Neue Folge
HEFT ı:
Hessen, Das Staatsbudget Sovetrußlands
Broschiert RM. 5.—
HEFT 3:
Nimptsch, Die russische Erdölwirtschaft
Broschiert RM. 3.50
HEFT 4:

Markoff, Die finanziellen Probleme der
sovetrussischen Kommunalwirtschaft
Broschiert RM. 4.—

HEFT 5:

Markoff, Kreditwesen in Sovetrußland

Broschiert RM. 7.— ;
HEFT 6:
Wollert, Die Industrie Lettlands
Broschiert RM. 4.20
HEFT 7:
Krause, Die Agrarreformen in Estland und Lettland
Broschiert RM. 4.50
HEFT 8:
Matl, Die Agrarreform in Jugoslavien
Broschiert RM. 6. —

VERLAG HERMANN SACK BERLIN W225

*Buchdruckerei Julius Klinkhardt, Leipzig
        <pb n="94" />
        <pb n="95" />
        30
HEN

3
:
i&gt;
53%
Oo
N

I
Sr

X
Mm

]

Vom gleichen Verfasser erschien:

8.
r

Agrarentwicklung und
Agrarrevolution in Russland
&gt;
Ay

x

.
-

m
a

5

_
Oo

DO
Co)

&gt;
©]

a
x]

D
=

el)
rn

Mit einem Vorwort von M. Sering
1926
Broschiert RM. ı2.—

Aus den Besprechungen

»Wer den Verlauf einer wirklichen Revolution beurteilen will,
der muß ihren eigentlichen historisch bestimmten Kern be-
greifen. Ich wüßte dafür keinen bessern Weg als das Studium
des Werkes von Brutzkus. ...«

Prof. Hollmann. »Bericht über Landwirtsch.« B.v. I. H, 3.
»Die Abhandlung darf als schlechthin grundlegend bezeichnet
werden. ..,« »Zeitschr. f. Geopol.« Oktober 1926
»Man muß bei der Gesamtwürdigung des Werkes, den Worten
Max Serings anschließen, der in seinem Vorwort von der ‚rück-
haltlosen Wahrhaftigkeit dieses Buches, die es zur unentbehr-
lichen Erkenntnisquelle für jeden Wahrheitssucher macht‘,
spricht.« Dr. El. Hurwicz. »Berl. Tag.« v. 27. V. 1926.
»Es ist mir kein deutsches Buch bekannt, das in so gedrängtem
Umfange und dabei doch so umfassend und mit solcher Weite
der Blickeinstellung die Kenntnisse der ländlichen Verhältnisse
Rußlands vermittelt, wie dieses Werk des bekannten russischen
Agrarökonomen B. Brutzkus, ...« E.J. »Berl, Börs.-Zeit.« v.9. IX. 1927.
»Das Buch ist mit gründlicher Sachkenntnis geschrieben und
Gefert eine in dieser Form bisher in einer nicht russischen
Sprache noch nicht vorhandene Schilderung der Entwicklung
les Agrarproblems in Rußland seit dem Beginn des russischen
Staates bis zur Gegenwart.« J.L. »Berl.Börs.-Kur.« v. 12. VIIL 1926.
»Die umfangreiche Schrift von Professor Brutzkus gibt eine ganz
vortreffliche soziologische Untersuchung der russischen Agrar-
revolution. ‚.. Das Buch von einem berufensten Sachkenner ge-
schrieben, dürfte jedem, der sich für die russische Frage inter-
essiert, unentbehrlich werden.« D. »Danz. Stat. Mitt.« 1927. N I.

A
CZ

VERLAG HERMANN SACK , BERLIN W535
X
".

&gt;
al

Q
A

2 0
+ &amp;

X
Y

&gt;
©
Q
©
X
—
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
