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        <title>Meer und Weltwirtschaft</title>
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            <forname>Max</forname>
            <surname>Eckert</surname>
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        </author>
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| SM . &amp;amp; . )

Band. 9

HERAUSGEGEBEN VON DrFADOLF GRABOWSK.

Max Eckert

Meer =
und Weltwirtschaft

ZMNTRALVERLAG GMBH: BERLIN VA &amp;gt;

1
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        eltpolitische Bücherei
Herausgegeben von Dr. Adolf Grabowsky
Band 9

Grundlegende Reihe

Meer und Weltwirtschaft
Mit 19 Karten und Diagrammen

Von Dr. Max Eckert
”’rofessor an der Technischen Hochschule Aachen

197%

entral-Verlag G.m.b.H., Berlin W35
        <pb n="3" />
        rf

Die „Weltpolitische Bücherei“ erscheint in Einzelbänden (fortlaufende
 Nummern). Die Einführung in das Gesamtwerk be:
findet sich als Einleitung in Band 1, „Staat und Raum“ von
Dr. Adolf Grabowsky. Die 1. Reihe ist betitelt:,Grundlegende
Reihe“. Die 2. Reihe ist betitelt: „Länderkundliche Reihe“. Die
Zeichnungen, teils nach Entwürfen der Verfasser, wurden ausge:
führt im Zeichenatelier des Deutschen Lichtbild-Dienstes G.m.b.H..
Berlin W 35
Reproduktion in jeder Form verboten
Copyright by Zentralverlag G. m. b. H. Berlin 1928
Druck: Saladruck Zieger &amp;amp; Steinkopf. Berlin SO 16

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        Inhaltsverzeichnis

I Größe und allgemeine Bedeutung der Meere
II Die Eigenproduktion des Meeres
III Weltverkehr und Weltwirtschaft zur See
IV Meer und Menschheit
Weltpolitik und ozeanische Kraftfelder

Seite
5
21
37

57
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        Größe und allgemeine Bedeutung der Meere
Die mannigfachsten und von verschiedenartigstem Zwecke geleiteten
 Reisen haben uns die räumliche Anordnung der Weltinseln
im Weltwasser erwiesen. Die weitere Folge war die Bestimmung
der Größe der Erdteile. Nur als Inseln schwimmen diese in dem
Weltwasser, das sich den Festländern gegenüber bei seiner zweieinhalbmal
 größeren Flächenausdehnung als das größte Ganze
unserer Erdkugel erweist. Mithin ist das Antlitz der Erde überwiegend
 ozeanisch (s. Abb. 1). .
Wenn wir von der Erde reden, denken wir zunächst an den festen
Erdball, der den Weltenraum
 durchschwebt,
wir denken an die Festländer,
 weniger an die
Meere; selbst wenn wir
von der wirtschaftsgeographischen
 Erde sprechen,
 tritt uns das
Feste der Erde mehr
vor den Geist als das
Flüssige. Und doch ist
es gerade das Flüssige,
das dem Erdball seinen
 eigenen Charakter
verleiht, das der Urquell
 aller höheren kul
turellen Entwicklung
ist. Das Weltwasser
kennt keine Grenzen
wie die Festländer;
seine Grenzen liegen

Abb. 1. Wasser und Land auf der Erdkugel in %o

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%
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        allein in der der Erde als Weltkörper eigentümlichen Gestalt
 bedingt. Schon den Alten war der Ozean das Weltmeer, das
Ringmeer, das Meer ohne Grenzen. Uns jedoch ist erfahrungsgemäß
 das Weltmeer allumfassend geworden, nachdem wir es fast
bis in die äußersten Winkel kennengelernt und teilweise schon
durchforscht haben.

Von welcher Seite wir uns auch den Globus anschauen, immer
tritt uns die gewaltige Ausdehnung des Weltwassers entgegen.
Wohl hat man einer Wasserhalbkugel eine Landhalbkugel gegenübergestellt,
 indessen ist selbst auf dieser Landhalbkugel, deren
Polpunkt in der Nähe der Loiremündung liegt — im weltverkehrsgeographischen
 Sinne können wir auch London als Polpunkt annehmen
 —, das Wasser noch mit 51% im Uebergewicht (Abb. 2).
Auf der Wasserhalbkugel finden wir nur 9% Land. Denken

Landhalbkugel Nordhalbkugel

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EANase
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Verteilung
von Wasser u.Land
zz auf den Halbkugeln
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‘“z6serhalbkugel Südhalbk"q:

DL.D.

Abb. 2. Wasser und Land in ihrer Verteilung auf den Erdhalbkugeln in %o
        <pb n="7" />
        wir selbst an Nord- und Südhalbkugel, entfallen auf erstere
40% Land und auf letztere 19% Land, einschließlich der Antarktis
(Abb. 2). Lediglich in den nördlichen Breiten von 40 bis 70° überwiegt
 die Kontinentalmasse.
Die nordsüdliche Anordnung
 der Festländer,
 das Anlehnen der
Kontinente mit breiter
Schulter an das arktische
 Mittelmeer und die
auffällige südliche Zuspitzung
 der kontinen:
talen Endländer bedingen
 die Gestalt der
Meere. Der breite und
von den Kontinenten
kreisförmig umrandete
Große oder Pazifische
 Ozean bedeckt
 als größtes Weltmeer
 mehr als ein Drittel
 (180 Mill. qkm) der
gesamten Erdoberfläche
 (510 Mill. qkm),
der schlanke, s-förmig
gekrümmte Atlantische
 Ozean rund die Hälfte des Großen Ozeans und
der auf die Südhalbkugel verschobene Indische Ozean
zwei Fünftel des Großen Ozeans oder drei Viertel des
Atlantischen Ozeans (Abb. 3). Rechnen wir die Nebenmeere ab,
verändern sich etwas die Größenzahlen, am wenigsten beim Indischen,
 am meisten beim Atlantischen Ozean (Abb. 4). Jener

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        Größe der Ozeane und einiger
Wichtiger Nebenmeerye

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Abb. 4. Größe der Ozeane und ihrer Nebenmeere, sowie der Mittelmeere
und der Nord: und Ostsee

ist infolge weniger Nebenmeere und seiner Ausbreitungsform
plump gestaltet. Diese Plumpheit tritt noch mehr bei dem Großen
Ozean zutage, obwohl er nicht arm an Nebenmeeren ist. Reich an
solchen ist der Atlantische Ozean. Unter seinen Nebenmeeren
nimmt das Arktische Mittelmeer mit rund zehn Millionen
akm die erste Stelle ein.
Die Geographie des Meeres kennt heute nicht mehr ein Nördliches
 und ein Südliches Eismeer, Jenes schiebt sich wie ein
echtes Mittelmeer zwischen die Kontinente ein, und dieses hat
keine Daseinsberechtigung, nachdem man den siebenten Erdteil
am Südpol anerkennt und die großen Ozeane ihre antarktischen
Ausläufer bis zu diesem Kontinent vorschicken. Uebrigens war die
Bezeichnung „Südliches Eismeer‘“ schon seit Jahren nichts mehr
und nichts weniger als eine „Verlegenheitsbildung‘‘.
Von den drei anderen Mittelmeeren ist das Australasiatische
        <pb n="9" />
        mit seinen rund fünf Millionen gkm am größten (s. Abb. 4).
Es ist weniger geschlossen als die beiden andern und hat nicht
wie diese in seinem Verkehr kontinentale Schranken zu durchbrechen.
 Die kontinentale Westschranke des Amerikanischen
Mittelmeeres ist vom Panamakanal geöffnet worden. In sich
am meisten abgerundet und geschlossen ist das Romanische
oder Eurasisch-afrikanische oder kurzweg das Mittelmeer.
 Von, den Mittelmeeren ist es mit noch nicht drei Millionen
qkm das kleinste. Die enge, 14 bis 20 km breite Straße
von Gibraltar ist der einzige natürliche Zugang zum Weltmeere,
 Seit 1869 hat es am entgegengesetzten Ende einen zweiten,
jedoch künstlichen Aus- und Eingang im Kanal von Suez gefunden.
 Von den Nebenmeeren seien als die bedeutenderen genannt:
 Das Rote, Persische, Ochotskische und Japanische Meer,
die Chinesische Ost- und die Chinesische Südsee, schließlich noch
die Nord- und Ostsee, die allerdings sehr kleine Wasserbecken
gegenüber den Ozeanen darstellen (s. Abb. 4).

Die Gestalt der Ozeane fördert von Natur aus einen nordsüdlichen
 Verkehr und umgekehrt. Der westöstliche Verkehr hat sein
naturgegebenes Gebiet im Süden der Kontinente; doch wurde ihm
der eigentliche Lebensimpuls erst gegeben, als die vertikalen kontinentalen
 Nordsüd-Schranken durch Suez- und Panamakanal gebrochen
 waren. Die Weltmeere werden jetzt nach allen Himmelsrichtungen
 durchkreuzt. Ausgeschlossen sind die Gebiete des Feldund
 Packeises des Arktischen Mittelmeeres und des eisstarrenden
Randes rings um die Antarktis.
Wichtig ist ferner für den Schiffsverkehr die Treibeisgrenze
 (s. Abb. 5). Durch den kalten Labradorstrom wird sie im
Nordatlantischen Ozean stark nach Süden und Südosten gedrückt.
Der Labradorstrom und der Grönlandstrom führen mächtige Eis-
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—— &amp;gt; Kalte (Potar-) Strömungen
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Abb. 5. Meeresströämungen der Erde
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Warme Zone
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Kalte

9.1.0.

Abb. 6. Klimakarte der Erde
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        berge gen Süden. Je nachdem diese weit nach Süden getrieben
werden, ändert sich der Dampferkurs, d. h. ob er im Osten
oder Südosten von Neufundland mehr oder weniger südlich ausbiegt.
 Im Süden der Kontinente wird die Treibeisgrenze wesentlich
 durch den Verlauf der Westwindtrift und der antarktischen
Strömung bestimmt; sie biegt am Kap Hoorn und Feuerland herum
bis zum 40° s. Br., wo sie eine Östliche Richtung bis Kap der
Guten Hoffnung einnimmt, um sich sodann wieder in.höhere südliche
 Breiten zurückzuziehen.

Die Meeresströmungen sind der Schiffahrt (je nach Kursrichtung)
 förderlich; so der Floridastrom mit einer Geschwindigkeit
 von rd. 100 Seemeilen im Etmal, d. h. innerhalb 24 Stunden
von einem Mittag zum andern; das bedeutet vier bis fünf Seemeilen
(je 1852 Meter) in einer Stunde oder 2 bis 2,5 Meter in der Sekunde,
 was der Geschwindigkeit von Flüssen bei Hochwasserzeit
gleichkommt. Das ist allerdings eine seltene Geschwindigkeit der
Meeresströmungen, wird doch schon eine von 40 bis 60 Seemeilen
im Etmal als eine starke bezeichnet. Von Wichtigkeit sind ferner
die Passat-Triften für ostwestliche Fahrten, die Golfstromtrift für
nordöstliche und östliche Fahrten usw. (s. Abb. 5). Die Strömungen
 werden in ihrem Verlauf wesentlich durch die Winde
unterstützt; zuletzt sind diese eine der Hauptursachen der Meeresströmungen.
 Der Südost- und Nordost-Passat (s. Abb. 6) haben
wie die nordatlantischen Westwinde für die Schiffahrt die größte
Bedeutunes.

Als Cabral im Jahre 1500 nach Ostindien segeln wollte, wurde
sein Schiff von den Strömungen und einem „Schralen‘‘ (= halb
von vorn kommend) Passat nach Westen abgelenkt, und er wurde
somit der unfreiwillige Entdecker Brasiliens. Die Monsune des
Indischen Ozeans, die der Region der Passatwinde angehören,
12
        <pb n="13" />
        wie überhaupt die Passatwinde sind für die Segelschiffahrt der
Tropengebiete unentbehrlich. Sie führen bei den Seefahrern auch
den englischen Namen „trade winds‘‘, was nicht mit „Handelswinde‘‘
 zu übersetzen ist, sondern mit „Winden, die ihre Richtung
einhalten‘‘, „to blow trade‘ to blow always in the same course.
Die Franzosen nennen die Passate ‚vents alizes‘‘, Südlich des
45° s. Br. hat sich eine Zone vorherrschender Westwinde ausgebildet;
 sie erzeugen die mehr oder minder zusammenhängende
Westwind-Trift, die in höheren südlichen Breiten als geschlossener
 Luft- und Meeresströmungsring die Erde umkreist. Da
sie beständig wehen („brave winds‘), erleichtern sie den Segelverkehr.


Nicht allein, daß die Meeresströmungen für die Schiffahrt von
großem Nutzen sind, haben sie noch weittragende Bedeutung im
Haushalte der Natur. Die Erzeugnisse verschiedener Gegenden
werden durch sie ausgetauscht. Die Labradorströmung bringt in
ihren kühlen Wassermassen ungeheure Fischmengen mit nach
Süden, die sich beim Auftreffen auf die warme Strömung des Golfstromes
 stauen. Das geschieht bei Neufundland. Deshalb ist hier
der reichste Fischereigrund der Erde anzutreffen. An die vegetationslosen
 Küsten nordischer Gebiete bringen die Ausläufer des
Golfstromes Treibhölzer. Die Strömungen haben durch ihren Samentransport
 die Bepflanzung und Bewaldung bewirkt; ohne sie
würden die Koralleninseln des Großen Ozeans öde Eilande sein.
Einen weiteren Nutzen der Meeresströmungen erblicken wir in
der Milderung des Klimas nördlicher Breiten. Freilich darf man
diesen Nutzen nicht zu hoch anschlagen; er erstreckt sich vornehmlich
 auf die Küstengebiete. Dabei ist zu erwägen, daß es besonders
 die Winde sind und die mit ihnen geführten Wasserteilchen,
die das Klima eines Landes weit binnenwärts beeinflussen.
        <pb n="14" />
        Bei all diesen Betrachtungen muß man sich immer wieder die
Größen der Ozeane vor Augen halten. Erst dann wird man die
Bedeutung des Meeres für Handel und Verkehr, überhaupt für
unsere Kultur verstehen. Die Geschichte der Beherrschung der
Größe des Weltmeeres ist zugleich eine Geschichte der geistigen,
wirtschaftlichen und politischen Ausgestaltung der Staatswesen.

Wirtschaftspolitisch wie wirtschaftsgeographisch spielt unter den
Weltmeeren der Atlantische Ozean die größte Rolle; er wird
auch stets die größte Rolle spielen, solange die Verteilung von
Land- und Wassermassen so bleibt, wie sie uns heute entgegentritt.
 Die Bedeutung des Atlantischen Ozeans verhält sich zu der
des Großen Ozeans umgekehrt wie die Größen der Ozeane, d. h.
in kultureller Beziehung ist der Atlantische Ozean der Große
Ozean. Doch lassen wir dem Großen Ozean seine ihm von Natur
gegebene Größe. Der Atlantische Ozean hat sich für den modernen
Verkehr zu dem Range des alten Mittelmeeres emporgeschwungen,
und der Indische Ozean ist nur die Zwischenhalle, durch die in der
Hauptsache der Handel zwischen atlantischen und pazifischen Gebieten
 hin- und herflutet. Physisch läßt sich der Indische Ozean
vielleicht als eine Vorhalle des Großen Ozeans ansehen. Verschiedene
 Forscher wollen ihn überhaupt nur als einen Teil des
Großen Ozeans betrachtet wissen. Weltwirtschaftlich kann man
dem nicht beistimmen, da der Indische Ozean wirtschaftsgeographisch
 bisher noch mehr den atlantischen als den pazifischen Staaten
 zuneigt.

Wie das alte Mittelmeer, das „Mittelländische Meer‘ für den
Kulturkreis des Altertums und des Mittelalters das Weltmittelmeer
 war oder kurzweg das Meer, „Thalatta‘‘, das in der Mitte
der Oekumene, der von Menschen bewohnten Erdoberfläche, lag,
so haben sich heute die meisten und hauptsächlichsten Kultur-14
        <pb n="15" />
        staaten um den Atlantischen Ozean gruppiert und haben diesem
Wasserbecken die führende Stellung unter den Ozeanen gegeben.
Heute, wo der Verkehr die ganze wirtschaftstätige Erde umspannt
und selbst geschichtlich erloschene Gebiete wieder belebt hat,
drängt sich die Frage auf: Warum ist das alte Mittelmeer nicht
das Weltmittelmeer für unsere Zeit geblieben? — Das wäre es geworden,
 wenn ihm auf die umgebenden Länder und darüber hinaus
eine dauernde Beeinflussung möglich gewesen wäre. Dazu mußte
es‘ jedoch einen gewissen selbständigen Raum auf dem Erdball
einnehmen, das heißt einen Raum, der über den ganzen Erdball
hin, zum mindesten über den größten Teil der Oekumene seine
Wirkung auszuüben vermochte. In dem „Kampf um Raum“,
der das Merkmal jeglicher Lebensentwicklung auf Erden ist, mußte
das Mittelländische Meer seine Rolle ausspielen, sobald die Erde
noch bewohnbare Räume aufwies, deren Eroberung und Besitz
einer raschen Lebensentfaltung weniger hinderlich ‚war als das
engumzirkte Mittelmeerbereich.
Das Mittelländische Meer mißt in seiner Längserstreckung reichlich
 ein Neuntel innerhalb des 35. Breitenringes, ganz dieselbe
Ausdehnung, die die Vereinigten Staaten von Nordamerika in der
gleichen Breite besitzen. Wäre diese Längserstreckung nur um das
Drei- oder Vierfache größer, hätte es ein Weltmittelmeer werden
können, das schwerlich der Mensch aus der führenden Kulturstellung
 herauszurücken vermocht hätte. Aber das kleine Mittelländische
 Meer mit seinen drei Millionen Quadratkilometern ist
nur der 22, Teil des Atlantischen Ozeans, also nur ein ozeanisches
Bruchstück, eben ein Nebenmeer, dessen Bedeutung bei der Erweiterung
 des Wirtschafts- und Verkehrslebens der Erde notwendig
 verblassen mußte. Ein Weltmittelmeer in ostwestlicher Richtung
 wie das alte Mittelmeer konnte sich infolge der Lagerung

15
        <pb n="16" />
        der Festlandmassen nicht entwickeln. Es blieb die nordsüdliche
Richtung übrig. Nur zwei Ozeane berühren Nord- und Südpolargebiete,
 der Atlantische und der Pazifische Ozean. Von diesen
beiden ungeheuren Wasserschalen konnte sich einzig und allein
der Atlantische Ozean zu einem kulturellen Mittelmeer entwickeln.
Seine Ufer laufen wie bei einem Tale, wie Alex. v. Humboldt
bereits sagte, oder wie bei einem Stromlaufe fast parallel zueinander in
einer durchschnittlichen Entfernung von 5500 Kilometern, die Küsten
des Großen Ozeans hingegen fliehen einander und sind da am
weitesten voneinander entfernt, wo gerade ihre Annäherung mehr
als erwünscht wäre. Die Entfernung von Panama bis zu den
Küstengestaden Hinterindiens beträgt in gleicher Höhe 180 Grade,
d. h. den halben Erdumfang, oder, auf dem zehnten Parallelkreise
gemessen, 19733 Kilometer (rund 20000 Kilometer). Somit ist
die Entfernung ungefähr dreiundeinhalbmal größer als die der
atlantischen Ostküste zur Westküste in gleicher Breitenlage. Die
riesigen pazifischen Strecken, die verkehrstechnisch große Hindernisse
 bedeuten, und das gesamte Areal des Großen Ozeans lassen
von vornherein eine derartige Bezeichnung „der Große Ozean
das Mittelmeer der Zukunft‘, die von Napoleon herrührt und in
unseren Tagen so oft wieder zitiert wird, als gedankenlose Phrase
erscheinen. Im Folgenden wird noch Öfters Gelegenheit gegeben
sein, gerade die Haltlosigkeit dieses Ausspruches erkennen zu
lassen.

Wirtschaftsgeographisch ist der Atlantische Ozean im Norden
völlig abgeschlossen; obendrein ist er hier noch bedeutend eingeengt,
 wie das Globusbild lehrt, und sein wirtschaftliches Nordende
 erscheint weiter nichts als eine grönländisch-skandinavische
Bucht, deren Mitte 800 bis 900 Kilometer von den begrenzenden
Ländern entfernt ist. Das Südende des Atlantischen Ozeans stößt
an das bis auf den Fang von Fell- und Trantieren wirtschaftlich

10
        <pb n="17" />
        ziemlich wertlose antarktische Gebiet. Zwischen Antarktien und den
Enden der südwärts mehr und mehr verkümmernden Süderdteile
steht der Atlantische Ozean durch natürliche Wege mit den zwei
anderen wirtschaftlich wertvollsten Meeresräumen der Erde in Verbindung.
 Wie das alte Mittelmeer nur an einer Seite, und zwar
an einem Ende: der Längserstreckung, natürlich geöffnet ist, so
ist gleichfalls, wirtschaftsgeographisch betrachtet, der Atlantische
Ozean an der einen Schmalseite durch natürliche Pforten offen.
Das Mittelländische Meer trennte die den Alten bekannten Gebiete
 Europas, Asiens und Afrikas; seine Anwohner waren durch
Kolcnien und Eroberungen mehr und mehr zusammengewachsen
und hatten sich allmählich durch ihre gegenseitigen Wirtschaftsund
 Verkehrsinteressen untereinander mehr oder weniger abhängig
gemacht. Sie bildeten zusammen die mittelmeerische Völkerverwandtschaft
 und Kulturgemeinschaft oder, da sie auf gemeinsame
Lebensinteressen angewiesen waren, eine geographische Lebensgemeinschaft.
 Inder Lebensgemeinschaft hat man in wirtschaftspolitischer
 und handelspolitischer Beziehung das Hauptmerkmal
 eines Mittelmeeres zu suchen.
Unter allen Meeresteilen, selbständigen wie unselbständigen, ist
kein Meeresgebiet innerhalb des gesamten Wirtschaftsbereiches zu
einer solchen Lebensgemeinschaft wie der Atlantische Ozean ausgewachsen.
 In wirtschafts- und verkehrsgeographischer Beziehung
ist er heute das Mittelmeer, das alte Mittelmeer hingegen nur
noch ein Durchgangsmeer. Der Atlantische Ozean ist das
Mittelmeer der Gegenwart und aller Zukunft. Die
größten und bedeutendsten Flüsse ergießen sich in den Atlantischen
Ozean, vier Kontinente von den sechs wirtschaftlich tüchtigen,
nämlich die beiden Amerika, Afrika und Europa, selbst mehr als ein
Drittel Asiens dachen sich nach dem Atlantischen Ozean ab, die
größten Ebenen und Becken verschmelzen in ihren tiefsten Niveaus

Meer und Weltwirtschaft 2

17
        <pb n="18" />
        mit der atlantischen Küste, die größten F ruchtgelände der gemäßigten
 und subtropischen Zone senden ihre Ueberschüsse über
den Atlantischen Ozean und die größten Jungfräulichen, noch der
Weltwirtschaft zu erschließenden Gebiete liegen im Hoheitsbereich
des Atlantischen Ozeans. Nur die Westseite des Pazifischen Ozeans
kann sich einigermaßen mit der des Atlantischen vergleichen, in
keiner Weise die Ostseite, die von den Kordilleren wie mit einer
Riesenschranke hart am Meeresrande gesperrt ‚wird. Der gesamte
amerikanische Kontinent kehrt dem Großen Ozean den Rücken zu
und bietet sich dagegen hydrographisch, Oorographisch und wirtschaftsgeographisch
 offen dem Atlantischen Ozean dar.
Mögen auch die Völker und Völkerteile sich zersplittern und auflösen,
 führt dennoch die Einheit der Natur, wie sie vorzugsweise
in einem Mittelmeer zum Ausdruck kommt, immer wieder die
Völker zusammen. Wenn auch das Dominion of Canada und die
Vereinigten Staaten von Amerika (U.S.A. = Usamerika)
zisatlantische Schöpfungen sind und die Kulturgemeinschaft
zwischen Ost- und Westküste des nördlichen Atlantischen
 Ozeans sich trotz der Erschütterungen des Weltkrieges
 als etwas natürliches Entstandenes und Gewachsenes
erweist, wachsen doch die gesamten atlantischen Wirtschaftsgebiete
 von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer inniger zu einer Lebensgemeinschaft
 zusammen. Und wer dies vor dem Kriege noch
nicht glaubte — leider waren darunter bedeutende Staaten —, dem
hat die Nachkriegszeit eine bittere Lehre gegeben. Wie sich auch
manche Staaten drehen und wenden wollen, sie müssen anerkennen,
daß eine gegenseitige und allgemeine Ergänzung angebahnt ist.
Die wirtschaftliche Gesamtbefriedigung wird von
Jahr zu Jahr sicherer. Fichte sagt bereits: „Ein geschlossener
 Handelsstaat ist eine Unmöglichkeit‘‘. Die Weltwirtschaft des
großen atlantischen Mittelmeergebietes durchbricht im Sinne einer

18
        <pb n="19" />
        einzigen Lebensgemeinschaft unaufhaltsam, unbezwinglich selbst die
politische Schranke. Schon äußerlich gibt sich dies durch den
welterobernden und weltverbindenden Siegeszug des Eisenbahn-,
Telegraphen- und Kabel-, des Land- und Wasserstraßen- und
schließlich des Luftverkehrsnetzes kund.

Die Arbeitsleistung in der Weltwirtschaft paßt sich schon mehr
und mehr geographischen Bedingungen an: wenigstens hat die
Massenerzeugung von der Natur ganz besonders bevorzugte und
ausgestattete Stellen in der Nähe der atlantischen Küstenregion
aufgesucht, sei es zur Produktion von Roherzeugnissen, wie von
Baumwolle, Zuckerrüben, bestimmten Zerealien, oder sei es zur
Produktion industrieller Gegenstände, wo Kohle und Eisen mehr
oder weniger verschwistert auftreten, also in den Riesenindustriebezirken
 des atlantischen Randes, wie in Rheinland-Westfalen, Lothringen,
 Sachsen, in den englischen und schottischen Gebieten
zwischen Birmingham, Liverpool, Manchester, Lancaster, York,
Sheffield und Nottingham, zwischen Glasgow und Edinburgh, in
den belgischen Gebieten zwischen Antwerpen, Brüssel, Lüttich-Seraing
 und Mons, im nördlichen F rankreich zwischen Valenciennes,
 Douai, Roubaix und Lille, im zentralen Frankreich St. Etienne
 und Le Creuzot, und in den Alleghaniesgebieten der Vereinigten
 Staaten von Nordamerika. — Anzeichen des allmählichen Aufgehens
 in eine einzige Lebensgemeinschaft, in eine Art politische
Symbiose liegen auch in den Staatsverträgen vor, die
die atlantischen Mächte miteinander abgeschlossen haben und abschließen,
 ferner in der internationalen Arbeit des Kapitals.
 Innerhalb des Kreises der atlantischen Mächte ist zuerst
 der Kredit international geworden.

19
        <pb n="20" />
        GROSZER \
A

DISC

AN

rs akut

wijchbr?‘ ın- -rodukte von Landtieren-Thunfisch
 7 Elfenbein
Sadeschwämmea "” Seidenraupenzucht
k Perlen, Parlmutter 9 KJ Höute- u, Fellausfuhrgehleht

‚DL.D

Abb. 7 Karte der Meereserzeugnisse und wichtigster Handelserzeugnisse von Landtieren
        <pb n="21" />
        Die Eigenproduktion des Meeres
Wenn von der Bedeutung der Weltmeere gesprochen wird, denkt man
gewöhnlich an die Ausdehnung der Schiffahrt auf den einzelnen Meeren. Der
Verkehr ist aber mehr eine passive Seite des Weltmeeres, insofern es an
sich nichts zur Beförderung des Verkehrs beiträgt, sondern ihn vielmehr erleidet.
 Indessen haben die Meere auch eine aktive Seite und greifen direkt
in das Leben der Völker ein. Sie liefern Nahrungsmittel, Schmuckgegenstände
und industriell verwertbare Rohstoffe (s. Abb. 7). Dadurch erhalten sie eine hohe
wirtschaftliche Bedeutung. Viele Küstengebiete, wie die norwegischen, die
kanadischen, sind wegen des Fischfangs erst besiedelt worden.
Die Großfischerei zur See ist recht eigentlich ein Stück der Weltwirtschaft.
 Wenn der Ausfuhrwert Norwegens fast zu einem Drittel durch
Fischereiprodukte gedeckt wird, kann man die aktive Bedeutung des Meeres
für das Wohl und Wehe eines Volkes recht wohl ermessen. Es sind ganz
außerordentliche Zuschüsse, die das Meer mit seinen Produkten zum Haushalt
einzelner Staaten beisteuert. Großbritannien zieht an jedem Wochentage für
durchschnittlich 700 000 Mk. Lebensmittel aus dem Meere heraus. Dabei haben
solche Zuschüsse kein Anlagekapital zum Produzieren nötig. Auch das Dasein
niedriger stehender Völker ist an die Ausbeute von Meeresprodukten gebunden,
so das Leben verschiedener Polynesier, der Grönländer, der Eskimos an der
westlichen Wasserkante der Baffinsbay, am Boothia-Isthmus und anderer Naturvölker
 mehr. Die genannten nordischen Völker müßten ohne Seehund zugrunde;
gehen. Pennant sagte schon vor mehr als hundert Jahren: „Man kann diese
Tiere (die Seehunde) füglich die Viehherden der Grönländer und vieler an.
derer arktischer Völker nennen.‘
Tierische, pflanzliche und mineralische Schätze entreißt
der Mensch dem Schoße der Meere. Am wichtigsten sind für ihn die Nahbrungsmittel
 liefernden Schätze, die Fische. Sie sind in vielen Küstengebieten zum
Volksnahrungsmittel geworden. Der raschere Versand von Seefischen
nach dem Binnenlande ermöglicht immer mehr die Ausbreitung der Fischnahrung.
Dieser billigen und preiswerten Nahrung schenken die Staaten immer erhöhtere
Aufmerksamkeit,
Es kann hier nicht der Ort sein, alle die in Frage kommenden Fischarten
nach Verbreitung und Menge einzeln zu beschreiben. Wie vielerlei Fische allein
jährlich in Wesermünde (Geestemünde) verauktioniert werden, zeigt ein
Blick in die ahresstatistik der Fischereihafen-Betriebsgenossenschaft. Für

31
        <pb n="22" />
        uns kann es sich nur darum handeln, die charakteristischen Züge der Seefischerei
 wiederzugeben, damit man mit ihrer Hilfe ein annähernd richtiges
Bild von dem Produktionswert des Meeres erhält.
Unter allen Ozeanen steht an wirtschaftlicher Bedeutung der Atlantische
Ozean obenan. Seine eigene Produktivität kommt vor allem in dem Fischreichtum
 zur Geltung. Der wichtigste Fisch, der im Nordatlantischen Ozean an
den Küsten Irlands, Schottlands, Norwegens, Islands, Neufundlands, auch an
schwedischen, dänischen und deutschen Küsten gefangen wird, ist der Hering.
Weißes Meer und Kaspisches Meer sind reich an Heringen. Die Hauptsitze
der großen britischen Heringsfängerei sind in Schottland, wo an der Ostküste
die Heringshäfen Wick, Fraserburgh und Peterhead liegen; in England ist
Great Yarmouth bedeutend. Als die besten Heringe gelten die isländischen
und holländischen, die in der Nähe der shetländischen und orkadischen Inseln
gefangen werden. Außer Großbritannien und Irland sind an dem Heringsfange
 Norwegen und in weit geringerem Maße Deutschland und Schweden beteiligt.
 All diese Länder fangen des Jahres etwa drei Millionen Faß (1 Faß
im Durchschnitt zu 125 kg), wovon Deutschland der beste Abnehmen ist.
Die deutsche Heringsfischerei muß noch mehr entwickelt werden.
Reichlich 10 Mill. Mk. beträgt ihr jährlicher Wert und acht- bis zehnmal mehr
zahlen wir jährlich dem Ausland allein für Salzheringe.
Der Heringsfang ist sehr alt. Schon die Kelten und germanischen Küstenstämme
 betrieben Heringsfang. In den Muschelhaufen oder Kjökkenmöddinger
Dänemarks zeigen sich neben den Fischgräten von Schollen, Dorsch, Aal auch
solche von Heringen. An den Heringsfang knüpft sich die Blüte der Hansa
an. Der Verbrauch an Heringen stieg, als man das Einsalzen oder Pökeln
des Herings verstand, Dies soll der Holländer Beukelsens am Ende des
14. Jahrhunderts erfunden haben; indessen wird diese Konservierungsmethode
schon um 1300 in hanseatischen Urkunden erwähnt. Auf alle Fälle ist aber
die Einsalzung des leicht verderbenden Fisches noch viel älter, wie aus der
skandinavischen (altnordischen) Bezeichnung „‚silt‘‘ geschlossen werden kann;
denn dieser Name ist weit nach Osten gewandert (russisch „selidi‘‘, „seledka‘“‘,
litauisch „silke‘“, altpreußisch „sylecke‘‘, finnisch „,sill“), was auf einen weit
verbreiteten Heringshandel hindeutet, Uebrigens verstanden schon die alten
Griechen das Einpökeln der Fische im großen.
Von mindestens ebensogroßer Bedeutung wie der Heringsfang ist der
Kabeljaufang auf den großen Meeresbänken, so auf der Lofotbank an
der norwegischen Küste, der Doggerbank in der Nordsee, in den isländischen
Gewässern und namentlich auf der großen Neufundlandbank. Hier ist,

29
        <pb n="23" />
        besonders nördlich vom 42%, der größte Fischfang der Erde, der
schon im Jahre 1500 begann. Heute betreiben hier vorzugsweise Franzosen,
Briten und Nordamerikaner den Fang. Ebenso fangen die Norweger bei ihren
Lofotinseln jährlich große Mengen Kabeljau (in Norwegen „Torsk‘‘, „Dorsch“
genannt), die ihnen eine jährliche Einnahme von 60 bis 80 Millionen Mark
bringen. Der getrocknete Kabeljau bildet als „Stockfisch'* einen wichtigen
Handelsartikel nach den katholischen Ländern Südeuropas und Südamerikas.
Gesalzen und nachher auf den Klippen des norwegischen Strandes getrocknet,
heißt er „Klippfisch‘, bloß eingesalzen (gepökelt) „Laberdan‘. Die getrockneten
 und gesalzenen Kabeljau, die jährlich auf den Weltmarkt gebracht werden,
 haben einen Wert von etwa 200 Mill. Mk. Erwähnenswert ist noch den
Kabeljaufang an der afrikanischen Küste, und zwar da, wo die Sahara an den
Atlantischen Ozean stößt. Deutsche Fischdampfer fischen zuweilen auch an
der marokkanischen Küste,
Die Nordsee und Nachbargebiete bergen in erheblichen Mengen Schellfisch,
 Steinbutt, Heilbutt, Schollen, Seezungen. Letztere bringt man auf den
Londoner Markt sogar von den Fischbänken des Kaplandes, besonders von
der Agulhasbank. Hier herrschen fast ähnliche Verhältnisse, wenn auch nicht
in dem großen Maßstabe, wie bei der Neufundlandbank.
Der Lachs oder Salm ist ein gewinnbringender Küstenfisch in den
Gebieten des nordatlantischen Ozeans. Vom Mittelmeer ist er ausgeschlossen;
darum war er auch den Griechen und Römern nicht bekannt. Die letzteren
lernten ihn kennen, als sich ihnen die Fischereigründe Galliens und Germaniens
 erschlossen. Plinius sagt in Hist. natur. IX, 68; „In Adquitania
salmo fluviatilis marinis omnibus praefertur‘. Der Lachsfang wird in Irland;
Norwegen und Schottland im großen betrieben. Diesen Ländern schließt sich
Nordrußland an, wo die größten Lachse in der Petschoramündung und im
Koladistrikt ‚gefangen werden.
Eine ähnliche Bedeutung wie der Hering für den Norden hat der Thunfisch
 für die Südländer Europas, wo er im Mittelmeer an der dalmatinischen
Küste, an der Westküste Italiens, an den Küsten Siziliens und Sardiniens, an
französischen und spanischen und sodann an der portugiesischen Küste gefangen
 wird.
Makrelen- werden rings um Europa gefangen, besonders an den Küsten
Englands. Im Norden werden sie nur frisch und geräuchert genossen, in Südeuropa
 aber gesalzen. Hier werden sie auch tief ins Binnenland gesandt.
Von kleineren, den Heringen sehr ähnlichen Fischen seien die Sprotten,
Anchovis und Sardinen hervorgehoben. Die Sprotten bevölkern in un-SC
        <pb n="24" />
        geheuren Schwärmen die Nord- und Ostsee. Die Kieler Sprotte ist besonders
geschätzt. In England werden diese kleinen Fische wegen ihrer übergroßen
Menge als Dungmittel benutzt, wie ähnliche Fische und Heringsabfälle in
Japan. Die Anchovis vertreten im Mittelmeer, hier „Sardou‘“ genannt, und
bis an die Küsten der östlichen Nordsee teilweise den Hering. Gesalzen und
gepfeffert, versendet man sie als „Sardellen‘“ in großen Mengen. Unter
„Anchovis‘“ versteht der deutsche Handel nicht die Sardellen, sondern die
kleineren, in einer scharfen Brühe eingelegten Sprotten, die hauptsächlich von
Oslo aus versandt werden, auch von Riga aus. In der Rigaer Bucht bleiben
vielfach die Anchovis aus; dann werden aus Danzig die Breitlinge gekauft,
die daselbst eimerweise verkauft und nach ‘Riga gebracht werden, um als
Anchovis zubereitet und, mit russischer bzw. 'lettischer Marke versehen, in
die Welt, auch wieder nach Deutschland, hinauszugehen, Die Sardine (oder
unechte Sardelle) hat für das Mittelmeer und die atlantischen Küsten Frankreichs
 und der Pyrenäenhalbinsel dieselbe Wichtigkeit, wie die Sprotte für
die Nord- und Ostsee (oder der Pilchard für die atlantischen Küsten des westlichen
 Europas). Der Kopf wird abgeschnitten und die Sardine ungesalzen in
Olivenöl eingelegt, darum „Oelsardine‘. Der Hauptausfuhrort der Oelsardinen
ist immer noch Nantes, obwohl der Sardinenfang an den französischen Küsten
sehr schwankt und häufig Sardinen aus Spanien eingeführt werden, damit
nur einigermaßen die Nachfrage gedeckt wird.
Wegen ihres guten Fleisches, ihres Rogens (Kaviar) und ihrer Schwimmblase
 (Hausenblase) sind Stör, Hausen und Sterlet beliebt. Sie kommen
in den Küstengebieten Nordamerikas, Westeuropas und des Mittelmeeres vor,
am häufigsten in den südrussischen Flüssen und Meeren (im Kaspischen und
Schwarzen Meer), wo sie der Hauptgegenstand der Fischerei sind. Schon den
Griechen und Römern war der Stör ein beliebter Fisch; seine geschätzteste
Gabe aber, den Kaviar, kannte das Altertum nicht. Der Kaviar hat seine
eigene Geschichte.
Die russische Ausfuhr an Kaviar schwankte vor dem Kriege zwischen
1000000 und 1400000 Pfund in einem Werte von 12 bis 20 Mill. M. In
neuerer Zeit tritt auch Nordamerika als Kaviarproduzent auf und Deutschland
 bezieht bereits etwa die Hälfte seines Konsums aus Amerika. Die Störfischerei
 in Florida wächst zusehends.
Außer den Fischen liefert der Atlantische Ozean eine Menge Mollusken
als Nahrungsmittel, hauptsächlich Austern und Miesmuscheln. Die
Auster belegt alle von der Golfstromtrift berührten Küsten. Im Gebiet des nordöstlichen
 Atlantischen Ozeans sind die britischen Inseln die größten Austern-
        <pb n="25" />
        produzenten und -konsumenten. In London ist die Auster zur Volksnahrung
geworden; hier sollen durchschnittlich im Jahre 800 Millionen Austern und
mehr verzehrt werden. Fast an allen Küsten des Inselreiches wird die Auster
gefangen, in der Temsebucht, auch in Austerngärten gezüchtet (Austernparks).
 Der Austernfang im deutschen N ordseegebiet ist nicht allzu bedeutend.
Holland sendet ein Drittel seines Fanges, der sich jährlich auf 40 bis 50 Mill.
Austern beläuft, nach England. Der Hauptort für die holländischen Austern ist
Bergen op Zoom. Die Austern- und Miesmuschelfischerei steht in Frankreich
fast auf ähnlich hoher Stufe wie in Großbritannien. Die Austern werden hauptsächlich
 an der französischen Westküste gefangen, wo die Austernbänke der
Bucht von Arcachon berühmt sind. Das Mittelmeer liefert gleichfalls Austern
für den Weltmarkt, besonders die nördlichen Küsten des Adriatischen Meeres
(Venedig, Triest), von wo aus fast der gesamte Bedarf Südeuropas und der euro-Däischen
 Südosthalbinsel, einschließlich Rumäniens, gedeckt wird.
Ganz hervorragend ist die Austernfischerei in Nordamerika. Der Schwerpunkt
 liegt an der Ostküste der Chesapeakebai, wo die unerschöpflichen
natürlichen Bänke 8000 qkm, das ist die Hälfte des Freistaates Sachsen,
bedecken. Auch für Neuyork ist die Auster zum wirklichen Volksnahrungsmittel
 geworden. Der Austernproduktion wird künstlich nachgeholfen, so durch
lie Austernparks an der Ostküste, von Massachusetts an bis Virginien, auch
an der Mississippimündung, An der mexikanischen Ostküste befinden sich
reiche Austernbänke, die erst in neuerer Zeit ausgebeutet werden.
Die Austerngegenden des nördlichen Atlantischen Ozeans sind auch reich
an Hummern und anderen Krustentieren. N ordeuropa verzehrt jährlich über
fünf Millionen Stück Hummern. Die Garneelen, wie unsere Krabben der
Nord- und Ostsee, bilden ein wichtiges Fischereiprodukt. Holland allein exportiert
 das Jahr über zwei Millionen Liter nach Großbritannien und Belgien.
Die zentral- und südamerikanischen Meeresgebiete innerhalb der Tropenzone
 liefern viele Schildkröten, deren Fleisch teilweise gegessen wird,
und deren Eier zur Brennölgewinnung dienen. Der Handel unterscheidet Green-Turtle,
 Loggerhead und Hawksbill (Karettschildkröte). Alle drei liefern Schildpatt,
 die ersten beiden auch Fleisch und Eier.
Was für Delikatessen dem Atlantischen Ozean abgewonnen werden, mag
anter anderm auch der Fang von Seeanemonen (Actiniae) zeigen, die
in Triest mit Mehl bestäubt und in Oel gebacken ganz vorzüglich schmecken
sollen (Tutti frutti).
Außer Nahrungsmitteln liefert das Meer andere wichtige Produkte, an
lie sich unsere Kulturwelt so gewöhnt hat, daß sie sie nicht entbehren möchte.

kr
        <pb n="26" />
        Es sind dies Felle, Häute, Fischbein und Tran. Tran liefernde Tiere
sind vor allem der Seehund, wie überhaupt die meisten Robbenarten und
dieWale. Leider ist der Grönland wal im nordatlantischen Meere schon seltener
geworden. An Stelle des Grönlandwals werden von den Norwegern kleinere
und geringwertige Wale gefangen, jährlich an die 2000 Stück. Der Wert eines
solchen kleinen Wals beträgt etwa 5000 M. Im Durchschnitt liefern diese Wale
je 7 (Tonnen Tran und 200 kg Barten. Ein Grönlandwal wird bis 20 Meter
lang und erreicht ein Gewicht von 100000 kg, er ist mithin so schwer wie,
25 Elefanten (1 Elefant == 4000 kg) oder 67 Rinder (1 Rind gemästet = 1500 kg)
oder 1333 Menschen (Durchschnittsgewicht 75 kg). Ein Tier von etwa 15 m
Länge wiegt durchschnittlich 63000 bis 64000 kg und liefert gegen 28000 kg
Leber und Fettgewebe, woraus 21000 kg Tran gewonnen werden können.
Außerdem liefern die Barten gegen 1350 kg Fischbein, das in den letzten
Jahren wieder stark im Preise gestiegen ist. Das Skelett eines ausgewachsenen
Wales von Durchschnittsgröße (15 Meter) hat allein ein Gewicht von 25 000 kg.
Ein Walfisch liefert Tran und Barten im Durchschnitt für 30000 M. In den
tropischen und benachbarten Meeren, wie bei den Azoren, Bermudas, wird der
riesige Pottwal (Pottfisch) gefangen.
Der gemeine Seehund lebt im nördlichen Teil des Atlantischen Ozeans,
Für die Bewohner der hier gelegenen Polarländer ist er das wichtigste Jagdtier,
 von dem kein Körperteil unbenutzt bleibt. Fleisch und Fett werden genossen,
 das Fell dient zur Herstellung von Kleidern, Stiefeln usw. Der Ertrag
eines Tieres ist durchschnittlich mit 15 M. zu bemessen. Der Robbenschlag
ist für den Hafen St. Johns auf Neufundland die hervorragendste Einnahmequelle.
 In günstigen Jahren haben es die Robbenschläger der Erde bis auf
eine Million und mehr Stück Felle gebracht. Der südatlantische Ozean hat
gleichfalls seine Robben; hier sind anstatt der Fett mehr die Pelz liefernden
 Robben vertreten, wie am Kap Kroß in Südwestafrika, auf der Lobosinsel
 an der Küste von Uruguay, ferner auf den Inselgruppen, die Antarktien
umschwärmen. In den nördlichen Eismeergebieten ist das seltenere Walroß
sehr geschätzt, dessen Stoßzähne härter wie Elfenbein sind und weniger vergilben.
 Ein Tran lieferndes Tier ist auch die Seekuh (Lamandin) an der
Ostküste Südamerikas und an der Westküste des tropischen Afrikas,
Andere Fischereiprodukte des Atlantischen Ozeans sind Edelkorallen,
Schwämme und Perlen, bzw. Perlmuscheln. Korallen liefert nur
das Mittelmeer. Die italienische Korallenfischerei hat in manchen Jahren Korallen
im Werte bis über 2 Mill. M. in Handel gebracht. Die Werthöhe hängt zunächst
von der Mode und der von ihr beeinflußten Nachfrage ab. Die Hauptgewinnungs-26
        <pb n="27" />
        gebiete sind für Italien Sciacca, die sardinischen Gewässer und Gebiete zwischen
St. Maria di Leuca und Otranto. Die japanische Korallenfischerei hat den
italienischen Erträgen viel Abbruch getan. Livorno und Genua sind die
Haupthandelsplätze für Korallen. Wie aus den Fangberichten an der leukadischen
 Küste Griechenlands ersichtbar ist, scheinen die hellenischen Gewässer
sehr reich an Korallenbänken zu sein, Die atlantische Schwamm fischerei hat in
den anderen Ozeanen keine Konkurrenten; sie ist auf das amerikanische Mittel.
meer (Bahama, Florida, Gonave) und europäisch-afrikanische (Lampedusa,
Tarent, Sfax) beschränkt. Der Perlen- und Perlmutterfischerei bietet
der Atlantische Ozean wenig Fanggründe dar. Nur die Bahamas liefern etwas
Perlschalen.

An pflanzlichen Produkten liefert der Atlantische Ozean Seegras
und Seetange. Das Seegras wird besonders von den Küsten des Baltischen
und Adriatischen Meeres in Handel gebracht und dient als Ersatzmittel der
Roßhaare zum Polstern. Für verschiedene Fischer aus Büsum, Friedrichstadt,
Pellworm und Amrum gestaltet sich die Gewinnung von Seemoos (Sertularia)
 recht lohnend. Die Seetange sind eine Meeresalgenart, die bis ins
Polarmeer vorkommt; sie werden vom Meere ausgeworfen und dienen in den
Küstengegenden meistens als Viehfutter, Streumaterial und Dünger. Außerdem
werden sie zur Jodgewinnung verwendet (Normandie, Schottland).
Selbst mineralische Erzeugnisse werden dem Meere, besonders
dem Atlantischen Ozean, abgerungen, Indem man das Seewasser in flache
Becken, sogenannte Salzgärten, leitet und es daselbst verdunsten läßt, gewinnt
 man in salzarmen Ländern Salz, so an den Küsten Italiens, Spaniens,
Portugals, Frankreichs, Hollands usw. Die Bernsteinfischerei ist nur
an der Ostsee zu einem gewinnbringenden Gewerbe geworden (Bernsteinausbeute
 jährlich im Werte von etwa 4 bis 5 Millionen M.), wie hier auch die
Steinfischerei, die in bestimmter Entfernung von der Küste (denn nahes
Küstengeröll ist Küstenschutz) auf diluviale Geröllsteine, die ein geschätztes
Fundamentierungsmaterial ‚ergeben, ausgeht.
Die produktive Seite des Indischen Ozeans ist gegenüber der des
Atlantischen Ozeans sehr gering anzuschlagen. Nur der Fang von Haifischen
ist nennenswert, Er wird großenteils, wie auch der übrige Fischfang in diesem
Ozean, von den Eingeborenen getrieben, so z. B. von den Somalis an :den
afrikanischen Küste, Die Haifischflossen sind ein wichtiger Exportartikel nach
China. Seit 1927 entwickelt sich nördlich von Perth, der Hauptstadt Westaustraliens
 ein rationell betriebener Haifischfang. Von 514 verschiedenen Haifischarten
 gewinnt man eine Menge Produkte (aus Haut = Leder, aus Leber

27]
        <pb n="28" />
        = Oel, aus Fleisch und Flossen = Delikatessen für China und Japan, aus
Kncchen = Viehfutter, aus Nase = Leim, aus Bauchspeicheldrüse == Beize).
In keinem Ozean ist die Perlenfischerei so gewinnbringend wie im
Indischen Ozean. Die Perlenauster findet sich auf den Meeresbänken des
Roten Meeres, des Persischen Meerbusens und an der Westküste von Ceylon.
In der Ausfuhr Arabiens haben die Perlmutterschalen den größten Wert; sie
wurden vor dem Kriege vom Oesterreich-Ungarischen Lloyd nach Triest verschifft
 oder in schönsten Stücken nach Jaffa und weiterhin nach Jerusalem
gebracht, wo sich ein ansehnlicher Industriezweig zur Erzeugung von Perlmüuttergegenständen
 gebildet hat. Die Perlen der Bahreininseln waren schon
bei den chaldäischen und phönizischen Kaufleuten, die den Transithandel
zwischen Indien, Arabien und den Mittelmeerländern unterhielten, eine gesuchte
 Ware. Ueber 4000 Boote, jedes mit 4 bis 40 Perlenfischern bemannt,
obliegen zur bestimmten Jahreszeit der Perlenfischerei, die in glücklichen
Jahren auf je einen Mann einen Gewinn von 650 bis 800 M. ‚abwirft. Dieser
Fischereizweig ist sehr gefährlich; die Arbeit 'unter dem Wasser führt zu
Augenkrankheiten, vielfach zu Erblindungen; Hai- und Sägefische fordern ihre
Opfer, jede Saison 18 bis 20 Menschenleben. Der Hauptperlmarkt ist auf der
kleinen Insel „Delma‘. Die Perlfischereidistrikte „Pearl Fiskery Camps“
Ceylons befinden sich an der Nordwestküste der Insel. In günstigen Jahren
werden gegen 50 Millionen Muscheln eingesammelt. Zwei Drittel dieser Perlmuscheln
 steht der britischen Regierung zu. 1000 Stück Perlmuscheln werten
30 bis 80 M.; von schönen Perlen wird das Stück mit 600 bis 5000 M. und
mehr verkauft.
Der Indische Ozean bietet die hauptsächlichsten Fundstätten der Kaurimuschel,
 vorwiegend bei den Lakkediven und Malediven, an der afrıkanischen
 Küste von der Rufidschimündung an bis zur Mündung des Sambesi.
Die Kauris dienen zunächst in Indien als Schmuckgegenstand, bis sie kleinste
Scheidemünze wurden, was sie heute noch im Innern Afrikas und in Melanesien
sind. Der Tauschwert der Kaurimuschel ist schwer festzustellen. 500 Stück
Kaurimuscheln schätzte Emin Pascha gleich einem Maria-Theresia-Taler oder
3,50 bis 4 M. Für 1000 Stück konnte man in Unioro, Uganda und den benachbarten
 Gebieten ein Schaf oder 2 kg Salz kaufen, einen Ochsen für 6000 bis
7000 Stück.
Der Große Ozean hat hinsichtlich seiner Produktionskraft in seinem nördlichen
 Teile viel mit dem nordatlantischen Ozean gemeinsam, in seinem südlichen
 Teil ähnelt er mehr dem Indischen Ozean, Wir enthalten uns darum der
Aufzählung der einzelnen Erzeugnisse.

AM
        <pb n="29" />
        Während der tropische Teil des Großen Ozeans reichan Pottfischen ist, beherbergt
 der Nordteil noch den Grönland wal. Aber auch der Fang dieses gewinnreichsten
 Wales ist zurückgegangen; kaum 50 Wale werden in günstigen
Jahren noch erbeutet. Zur besseren Ausnützung der Tiere hat man, wie an der
norwegischen Küste, auch an den amerikanischen, russischen, koreanischen und
japanischen Küsten mit Dampf betriebene „Walstationen‘ errichtet, in denen
nicht bloß Barten und Speck zu Fischbein und Tran, sondern auch Knochen
und Fleisch zu Leim und Düngemittel verarbeitet werden.
Robben sind im Süden und Norden des Großen Ozeans verbreitet. Durch
seinen Pelzrobbenreichtum besitzt der Große Ozean einen großen Vorzug gegenüber
 dem Atlantischen. Aber auch diesen Reichtum sieht der Pazifische Ozean
schwinden. Früher wurden von Pelzrobben über 100000 Stück auf den
Markt gebracht, gegenwärtig kaum noch die Hälfte. Der Seebär (Callorhinus
ursinus) namentlich hat unter der maßlosen Verfolgung der Europäer und
Japaner zu leiden gehabt, und nur neuere internationale Vereinbarungen
 haben ihn vor gänzlicher Ausrottung geschützt. Die besten Seebärenfelle,
 „Sealskins‘‘, kommen von den unter der Oberherrschaft der Vereinigten
 Staaten stehenden Pribylowinseln im Beringmeer. Auch für die russische
Krone waren die Pelzrobben, die „Kotiki‘, eine gute Einnahmequelle. Der
nordpazifische Ozean ist ferner das Fanggebiet der kostbaren Seeotter. Wenige
Exemplare werden hin und wieder in Kalifornien gefangen.
Für den Großen Ozean sind noch die Guanoinseln und -klippen bemerkenswert;
 denn von da aus erfolgt noch, weil die wenigen Guanofundstellen am
südatlantischen Rand, wie am Kap Kroß, völlig ausgebeutet sind, ein Guanoexport.
 Allerdings ist auch der Ertrag sowohl von Fanning, Malden und Starbuck
 wie von den amerikanischen Küsteninseln bei Chile, Peru (Chinchainseln)
und Mexiko ganz auffällig zurückgegangen. Zuletzt kann man bei den Erzeugnissen
 der Ozeane auch die Produkte mit einrechnen, die die Seevö gel
in Bälgen, Federn u. a. m. liefern.
Veberblicken wir die Seefischereien der Erde, sehen wir, daß sie sich ausschließlich
 nördlich vom Aequator befinden; südlich davon, an den Küsten
Afrikas, Südamerikas und Australiens sieht man nur verheißungsvolle Ansätze.
Die Ozeane gehören mit ihren Erzeugnissen zu den ausschlaggebenden
 Faktoren der Weltwirtschaft. Ihrer Bedeutung
 ist man sich vielfach erst in neuester Zeit bewußt geworden. Nicht bloß
darin, daß sie direkt Nahrungsmittel liefern, besteht ihre wirtschaftliche Bedeutung,
 sondern auch in der Schaffung von Grundlagen zugroßen
Industrien.

Au
        <pb n="30" />
        Unerreicht sind die norwegischen Lebertranfabriken. Der beste
Lebertran wird auf den Lofotinseln aus den Winterfängen des Dorsches bereitet.
 Fernerhin blühen in Norwegen ‘allerhand Fischkonservierungs- und
Fischverpackungsanstalten, ebenso verschiedene Fischguanofabriken. Auf
deutschem Boden ist in Wesermünde hauptsächlich die Fischtran- und Fischguanoindustrie
 emporgeblüht. An diesem Ort, besonders aber in Kiel und dessen
Nähe befinden sich große Fischräuchereien und Marinieranstalten. Ueber 50
Millionen Mark beträgt der Wert der jährlich in Deutschland zu Räuchereien
und Marinaden verarbeiteten Fische.

Geradezu großartig ist die Fischguanofabrikation in Japan entwickelt,
Der hergestellte Fischdünger hat einen jährlichen Durchschnittswert von 30 bis
40 Millionen M. Sieben Zehntel der Erzeugung entfallen auf die Insel Jesso.
Je nachdem getrocknete Fische und Fischreste oder Knochen und Rückstände
der Fischölgewinnung weiter zu Fischdünger verarbeitet werden, unterscheidet
man verschiedenerlei Dünger. Sardinen und .Heringe dienen in der Hauptsache
zur Herstellung von Fischguano. Vom Hering werden erst Rücken und Seitenteile
 entfernt, geräuchert und konserviert, und Skelett, Kopf und Schwanz sodann
 verarbeitet. Der Heringsfischdünger wird mit Vorliebe für die Reisfelder
benutzt. 56 bis 75 kg genügen, um 10 Ar zu düngen, der dritte Teil davon zur
Düngung von Getreidefeldern. Erstklassiger Heringsdünger hat sich für die
Orangenkultur als ganz vorzüglich erwiesen, so daß schon die Nordamerikaner
solchen Dung für ihre Agrumenkultur nach Kalifornien exportiert haben. Der
Sardinenguano ist besonders für die Indigokultur geeignet.
Vergleicht man die Weltmeere nach ihrer produktiven Seite, steht der
Atlantische Ozean weit über den andern Ozeanen. Ihm folgt der Große
Ozean. Der Indische Ozean wird in dieser Bedeutungsskala stets nachhinken.
Ihm fehlen eben die von der Natur gegebenen Fischgründe gemäßigter Klimate.
Den Wirtschaftswert der einzelnen Ozeane nach ihrer Produktion festzustellen,
 ist nur in ganz allgemeinen Umrissen möglich. Die Statistik ist zu
lückenhaft. Auch läßt sich noch gar kein Einblick in den Konsum der Naturvölker
 gewinnen, der in vielen Gegenden unseres Erdballs doch ein recht ansehnlicher
 ist wie in Polynesien. Nur in enger umzirkten Meeresteilen kann
man sichere Erhebungen über die Fischmengen anstellen.

Der jährliche Weltbetrag an Fischprodukten ‘hatte vor dem
Kriege eine Höhe von rund 1 Milliarde M. Den größten Anteil daran hatten
die Vereinigten Staaten von Amerika mit reichlich 200 Millionen und Groß-20
        <pb n="31" />
        britannien mit ungefähr 200 Millionen M. auf. Die nächstwichtigen Fischerei
länder waren Kanada, Norwegen, Rußland, Frankreich, Holland, Deutschland
 (etwa für 50 Millionen M.), Spanien und Portugal, Italien und Japan
(dieses Land für reichlich 120 Millionen M.). Die mitgeteilten Zahlen wären nach
dem heutigen Geldwerte reichlich zu verdoppeln.

Einige Länder haben ihren
Fischfang wesentlich zu erhöhen
 verstanden, im Jahre
1920 hatte die Ausbeute an
Seefischen in CGroßbritannien
 und Irland einen Gesamtwert
 von 581 Mill. M.,
m Norwegen von 90, in
Frankreich von 200, in Holland
 von 59 Mill. M.
Die Fischmenge des
gesamten Fischfanges
 der Erde hatte man
vor dem Kriege mit rund
vier Millionen Tonnen
 annähernd richtig ermittelt
 (vgl. Abbildung 8).
Davon lieferten in 1000
Tonnen die Vereinigten
Staaten 920 (23%), Groß-Sritannien
 880 (22%), Kanada
 520 (13%), Norwegen
etwa ebensoviel, Rußland
240 (6%), Frankreich 160
(4%), Holland 120 (3%),
Deutschland 100 (2% %),
Spanien und Portugal etwa
ebensoviel, Italien 60 (114%) und Japan 420 (101/,%).
Im Jahre 1920 betrug die Gesamtmenge der gelandeten Seefische in Großbritannien
 und Irland in 1000 Tonnen 1096, in Norwegen 561, in Frankreich
197, in den Niederlanden 143 und in Deutschland 194.
Durch den Fischfang erhalten viele Menschen Brot und Nahrung. Eigentliche
 Fischer zählen die Kulturstaaten zusammen rund eine halbe Million: aber

‘1
        <pb n="32" />
        in die Millionen geht die Anzahl der Leute, die weiterhin durch den |Fischfang,
 besonders durch Konservieren, Räuchern, Einpacken, Versand und Verkauf
 der Fische und Fischereiprodukte, beschäftigt werden.

Der hohe wirtschaftliche Wert der Meereserzeugnisse tritt in der neuen
Volkswirtschaft immer mehr zutage, und die Maßnahmen werden leicht er
klärlich, die jeder weitblickende Staat dem Fischereigewerbe zuteil werden
läßt. Um die Sicherung der Fischgründe sind schon blutige Kriege geführt
worden. Die Neufundlandfrage ist erst vor wenigen Jahren geschlichtet worden;
die Robbenfrage im Beringmeer ist jetzt erst endgültig geregelt. Für die
verschiedensten Fanggebiete gibt es schon gesetzliche Vorschriften über Fangzeit,
 Fangart,. Fangnetz usw.

i 1

Weltverkehr und Weltwirtschaft zur See

Wie wir eingangs des zweiten Abschnittes andeuteten, steht das
Meer im großen und ganzen den Versuchen des Menschen, es
wirtschaftlich zu beherrschen, passiv gegenüber. Das Weltwasser
bietet sich dem Menschen als ein abstrakter Raum dar, der aber
seine Abstraktheit durch das sich mehr und mehr verdichtende Geflecht
 der den Erdball umspannenden Schiffahrtlinien allmählich
einbüßt. Die Seewege, die die fernen Länder an das heimische
Gestade knüpfen, sind weltwirtschaftlich von größter Bedeutung.
Wer die meisten und kürzesten dieser Wege beherrscht, beherrscht
das Meer, oder wirtschaftspolitisch ausgedrückt: die Weltherrschaft
 übt der Staat, der die meisten, kürzesten
und leistungsfähigsten Seewege besitzt und beherrscht.
 Seeweg und Gütertransport sind für das moderne
Wirtschaftsleben von vitalster Bedeutung geworden; denn die west-3)
        <pb n="33" />
        und mitteleuropäischen Staaten verlangen, wenn sie nicht verhungern
 oder in dem VUeberfluß ihrer erzeugten Waren ersticken
wollen, Erweiterungen und Ergänzungen ihrer heimischen Volkswirtschaft,
 sie verlangen über See gelegene Rohproduktionsmärkte
und Absatzgebiete. Die Kenntnis von der Lage und der Beherrschung
 der Wege, die nach diesen außereuropäischen Gebieten
führen, ist für uns, die wir uns früher und jetzt wieder auf den
Hochbahnen des Weltverkehrs bewegen, ein wichtiges Erfordernis.

Wirtschaftsgeographisch und weltpolitisch ist es wichtig, neben
dem Wege die Zeit zu wissen, die Menschen und Waren zum
Transport benötigen. Von der Natur der Waren ist es abhängig, ob
sie einen langen oder kurzen Weg vertragen. Wie auf den Festlandwegen
 durch Eisenbahn und Kraftfahrzeug immer größere
Fahrgeschwindigkeiten angestrebt werden, so auch durch die Schiffe
auf den Seewegen. Die Neuzeit hat es gegenüber den früheren Jahrhunderten,
 in denen die Schiffahrt das Privileg weniger, von der
Natur bevorzugten Völker war, zu erheblichen Mehrleistungen gebracht,
 allerdings nicht ganz in dem Grade wie die Beförderungsmittel
 zu Lande.

Die mittlere Tagesleistung der Schiffahrtgeschwindigkeit ergab im Altertum
rund 3 Knoten (Seemeilen) in der Stunde. Bei gutgebauten Ruderschiffen ist
eine doppelte Geschwindigkeit anzunehmen. Im Schiffbau wie in der Fahrgeschwindigkeit
 waren die Karthager, die Engländer des Altertums,
 allen anderen Völkern überlegen. Sie erreichten von ‚Karthago aus
die Säulen des Herkules durch Tag- und Nachtfahrt in 7 Tagen; das ergibt
eine 5-Knoten-Geschwindigkeit, Als höchste Geschwindigkeit auf einer größeren
Strecke kann man, 6 Knoten in der Stunde annehmen, die sich aus einer Fahrt
des Valerius Maximus von Puteoli nach Alexandrien (in 9 Tagen) ermitteln
 läßt. Die außerordentlich kurze Zeit von 9 Stunden, d. h. reichlich
T Knoten oder 13 km in der Stunde, für die Ueberfahrt von Brundisium nach
Corcyra des Aemilius Paulus dürfte weder im Altertum noch im Mittelalter
 öfter wiederholt worden sein.

Meer u. Weltwirtschaft 3

39
        <pb n="34" />
        Mit der Schnelligkeit von fünf Knoten oder nahezu zehn
Kilometern in der Stunde rechnete man als Höchstleistung im gamzen
 Mittelalter und als Durchschnittsleistung für die Segelschiffahrt im
ozeanischen Verkehr bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die
Leistungen der modernen großen Segler lassen, wie schon Dinklage
 in den „Analen der Hydrographie und maritinen Meteorologie‘
 ausgeführt hat, dieses Maß nicht mehr gelten. Wenn die im
Jahre 1910 an den Klippen von Dover gestrandete ‚„Preußen‘‘
1903 vom Kanal aus in 57 Tagen (16. Februar bis 1. Mai) nach
Iquique an der Salpeterküste Südamerikas segelte, hat sie die abzusegelnde
 Entfernung von 9940 Seemeilen mit einer durchschnittlichen
 Geschwindigkeit von 7% Knoten überwunden; einzelne
Strecken wurden sogar mit 14 bis 18 Knoten in der Stunde genommen.
 Das alles ist eine Leistung, die dem gewöhnlichen Ozeanfrachtdampfer
 nichts nachgibt, die keinem andern Segler auf gleich
großer Strecke bisher gelungen ist, und die die Geschwindigkeiten
der berühmten englischen Klipperschiffe der fünfziger und
sechziger Jahre des vergangenen Säkulums wieder einholt. Die
größten Seefahrtgeschwindigkeiten, 23% bis 25 und
mehr Knoten in der Stunde werden auf dem Atlantischen Ozean
erzielt; vor dem Kriege von den Dampfern, den „Ozeanwindhunden‘‘,
 der großen deutschen und englischen Reedereien (vgl. Abb.
9). Heute legt die neu entstandene deutsche Ozeanfahrt weniger
Wert auf eine Rekord-Schnelligkeit als vielmehr auf angenehme
und bequeme Fahrt und auf gute Ausstattung und Verpflegung,
überhaupt auf die Qualität der Schiffe. Eine Neuerung sind für die
Passagierschiffahrt die „formstabilen Anschwellungen‘‘, die eine
auffallend große Stabilität bei Seegang gewährleisten, weshalb derartig
 ausgestattete Schiffe, wie „Albert Ballin‘*, „Deutschland‘‘
und „New York‘ von der Hamburg-Amerika-Linie, „Schiffe ohne
Seekrankheit‘‘ genannt werden. Nebenbei sei bemerkt, daß außer
        <pb n="35" />
        ne Geschwindigkeit der Ozean-Segeischiffe
döchstleistung der Ozean-Segelschiffe
Mittetle t . der 0. Frachtdampfi
Htelleistung der Ozean-Frachtdampfer
mp3 0 LP
Mittelleistung der Ozean-Passagierdampfer
jöchstleistung der Ozean-Passagierdampfer
r 46
VL von Kreuzern
—
1öchstieistung van Torpedofahrzeugen
! I U pP
Jöchsto Gaschw. der Meereswellen
+
1öchste Geschw.des es
NE
WE SechwW. der Eisenbahn-Güterzüge
Mittlere BR der Personenzüge
Milflere Geschw. der Fxpreszüge
Schnellster Eisenbahnzu
A
Mittlere Kraftweaen-Geschwindigkeit
x
Dekordieistung

Geschwindigkeitsvergleiche

(Geschwindigkeit (6s.)
inöfunden = km/ )
Stand der Geschwindigkeitsleistung
 1.3. 1926.

— u 245
° "&amp;gt; ges lenkbaren Luftschiffes
eschw. des FIUugzeuges
EC
Tuazeuqg-Rekordleistung

O.L.D.

--. 3 -—— A ——

FEN EEE AL
a a REN WE DAT N ERREGT

480

Abb. 9. Geschwindigkeitsvergleich nach dem Stande der Geschwindigkeitss
leistung im Jahre 1926

den Hochseetorpedos neuzeitliche Kreuzertypen gegen 35 Seemeilen
 oder 60 bis 70 Kilometer und mehr in der Stunde zurücklegen,
 mithin Schnelligkeiten, wie sie als Durchschnittsgeschwindigkeiten
 von manchen deutschen Schnellzügen noch nicht erreicht
und nur von den Expreßzügen übertroffen werden.
Lassen sich bezüglich der Größe der Fahrzeuge und Fahrtgeschwindigkeiten
 eine Anzahl Parallelen zwischen Altertum und
Neuer Zeit ziehen, begegnen wir indessen in der Ausnutzung der

35
        <pb n="36" />
        Schiffahrt, in der Schiffahrtdauer, erheblichen Unterschieden.
Wohl verstand man mit dem Winde vorwärts zu segeln, die Meeresströmungen
 zu benutzen, aber gegen den Wind vorwärts zu kommen,
 gelang erst dem späten Mittelalter. Auch trotz der Erfindung
des Kompasses und seines Gebrauches in der Nautik und trotz der
Rumbenkarten *) (Portulankarten) klebte die mittelländische Schifffahrt
 noch zu sehr an den. Küsten, und erst der Atlantische
Ozean führte die völlige Befreiung von der Küstenschiffahrt
 herbei; der Atlantische Ozean führte zur eigentlichen
 Hochseefahrt. Erst‘ dieser war es möglich, eine Weltherrschaft
 zur See anzubahnen, die weiterhin durch den ausgiebigen
Gebrauch der Dampfschiffe wesentlich gefördert wurde. Erst
die Dampfschiffahrt hat eigentliche Seevölker geschaffen;
 erst die Dampfschiffahrt leitete die Großzügigkeit unserer
 Gegenwart ein, durch die sich unsere Zeit vor den kleinlichen
 Verhältnissen vorkolumbischer Zeiten auszeichnet.
Der Vorteil der Dampfer gegenüber den Seglern besteht nicht
allein in der Bewältigung größerer Transportmengen und darin,
daß sie weniger von Wind und Wetter abhängig sind, sondern auch
in dem weit schnelleren und pünktlicheren Verkehr; Zeitersparnisistzuletztdas
 Zielaller Schiffsökonomie. Infolge
der Abwägungen dieser natürlichen Vorteile der Dampfer gegenüber
 den Seglern, die allerdings die billigere Frachtbeförderung
voraushaben, hat man sich daran gewöhnt, bei der Leistungsfähigkeit
 einer Flotte den Raumgehalt der Dampferflorte mit drei zu
multiplizieren und dieses Resultat mit dem einfachen Tonnengehalt
der Segler zu addieren. Diese Auffindung der Summe der „effektiven
Leistungsfähigkeit‘‘ oder der ‚,Transportleistungsfähigkeit‘‘ einer
Handelsflotte scheint für die jetzige und kommende Zeit kaum noch

*) Ueber Rumbenkarten vergl. M. Eckert: Die Kartenwissenschaft Bd. II
1925 S. 55 ff.
        <pb n="37" />
        zu Recht zu bestehen, besonders wenn man an die moderne Segelschiffahrt
 des Weltverkehrs und an neue Schiffstypen (Rotorschiffe
usw.) denkt. Selbst in neueren Schiffsregistern fängt man bereits
an, die Transportleistungsfähigkeit nicht mehr besonders zu er:
erwähnen, viel weniger zu berechnen.
Die gesamte Welthandelsflotte umfaßte 1913 46 970 100 Registertonnen
 Brutto. darunter 3 890 900. die auf Segler entfielen. 1925 hat

Welthandelsflotte
1924/25 64 64 400 B.R.to
(&amp;lt;= Staaten
von Amerika
237%

1913 43079200 B.R.to

„rn

"/ Staaten v
‚Ameriko
114%

Großbritannien
mit Irland und
Kolonien
454%

A
&amp;amp;
4 zz

Großbritannien
mit Irland und
Kolonien
344%

Italien 47%
KM £02
BO
Jbrige SS J
Länder
10.7%

hrige x
‚änder
106%

DLD.

Abb. 10. Vergleich der Größe der Welthandelsflotte in den Jahren 1913
und 1924/25 in %o

die Handelsflotte 65192900 Registertonnen brutto erreicht, von
denen nur 1925 600 den Seglern angehören. Mithin ist der Schiffsbestand
 an Segelschiffen bedeutend zurückgegangen. Den Löwenanteil
 an der Welthandelsflotte (mit 34%) besitzt immer noch
Großbritannien einschließlich Irland und Kolonien (vgl.
Abb. 10). Von diesen Prozenten kommt gut ein Drittel auf die
Flotte der Kolonien, die sich seit dem Kriege mächtig entwickelt

3°
        <pb n="38" />
        hat. Ganz auffällig ist die Flotte der Vereinigten Staaten
gewachsen; 1927 mit rund 21 %, Ein verhältnismäßig stetes Wachstum
 zeigt auch die japanische Handelsflotte, deren Anteil an
der Welthandelsflotte 6 % überschritten hat; sie reiht sich damit
an dritter Stelle ein. Während früher die deutsche diesen Platz
einnahm, hat sie aus bekannten Gründen nach dem Kriege die
größte Einbuße erlitten, und erst seit 1922 ist ein erfreuliches
Aufsteigen wieder zu erkennen, so daß die jetzigen 5% 1927 überschritten
 sind. An die vierte Stelle ist 1927 Italien mit reichlich 5,3 %
eingerückt. Die französische Handelsflotte, die mit Subventionen
über Subventionen aufgepäppelt ist, herrscht gegenwärtig mit 5,3 %
noch an fünfter Stelle. 4% bis 5 % Anteil zeigen die Handelsflotten
von Italien, Norwegen und den Niederlanden, 1 bis 2% die von
Schweden, Spanien und Dänemark. Die übrigen seefahrenden
Nationen zeigen weit weniger Anteil an der Welthandelsflotte.
den, Spanien und Dänemark. Die übrigen seefahrenden Nationen
zeigen weit weniger Anteil an der Welthandelsflotte.
Interessanter wird der Einblick in die Welthandelsflotte, wenn
man ihre Entwicklung verfolgt. Schon die Gegenüberstellung der
Jahre 1913 und 1924/25 (s. Abb. 10) läßt die Entwicklung erkennen,
 deutlicher jedoch das Bild 11, das die Entwicklung von
1900 ab festzuhalten sucht. Vor allem bringt es die bedeutende
Tatsache zum Bewußtsein, daß sich innerhalb eines Vierteljahrhunderts
 die Welthandelsflotte verdoppelt hat.

Während 1913 von den Schiffen der Welthandelsflotte der Anzahl
wie der Tonnage nach rund 95% im Atlantischen Ozean beheimatet
war, so 1925 auffallend weniger, 88%. Immerhin ist das Uebergewicht
der Welthandelsflotte im Atlantischen Ozean noch gewaltig und
es sagt genugsam, daß hier die größte Konzentration der wirtschaftlichen
 Kräfte der Erde stattfindet. Für das Meeresgebiet

28
        <pb n="39" />
        %9-65:


50-55-




0

ER

”

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£

1009 02 04 C6 6R 10 12 1° 16 18 90 22

„0

Dir

Abb. 11. Entwicklung der Welthandelsflotte, insbesondere der Handels:
flotte von Deutschland, England, Vereinigten Staaten und Japan von
1900 his 1925

selbst zeigt sich das am deutlichsten in dem Verkehr, der sich über
den breiten Rücken des Ozeans dahinbewegt. Der Atlantische
Ozean dürfte — nein! er wird für alle Zukunft das erste Verkehrsgebiet
 der Erde bleiben, wenn sich auch noch mancherlei zugunsten
des zweiten Verkehrsgebietes, des Indischen und Großen Ozeans
zusammen, verschieben wird. Verhielt sich der gesamte Weltverkehr

30
        <pb n="40" />
        der beiden großen Seeverkehrsgebiete vor dem Kriege fast zwei
Dezennien wie 10:3, verhält er sich heute beinahe wie 10:4.
Ein großer Unterschied zwischen der Schiffahrt des Mittelmeeres
und der heutigen Ozeanfahrt besteht in den Transversalrouten
der letzteren. Im Mittelmeer fuhr man z.B.von Tyrus nach Leptis
über Cypern, Rhodus, Kreta. Corcyra war für die Griechen der
Brückenpfeiler für den Verkehr mit Sizilien. Spät wagte man erst
das östliche Mittelmeer an seiner schmalsten Stelle, 330 Kilometer
zwischen Kreta und Cyrene, zu queren, und die Römer verfolgten
bei ihren Fahrten nach Aegypten stets diesen Kurs: Westitalien,
Syrakus, Melita, Kreta, Cyrene (Apollonia), Alexandria. Längere
direkt verlaufende Schiffahrtlinien gehören erst dem späten Mittelalter
 an; für den ozeanischen Verkehr aber wurden sie zur Notwendigkeit.

Der Atlantische Ozean weist in seinem Nordteil das verkehrsreichste
 Gebiet der Erde auf. Die meisten Schiffahrtlinien
laufen von den nordwesteuropäischen Häfen nach den nordamerikanischen.
 Das nächstverkehrsreichste Band geht von der atlantischen
Nordostküste nach den südbrasilianischen und den Laplatahäfen.
Außerdem gehen nach allen Himmelsrichtungen Querverbindungen
zwischen den verschiedenen Punkten der Ufer des Atlantischen
Ozeans. Der Transversalverkehr der Ozeane ist erst durch die
Dampfschiffahrt richtig in Fluß gekommen.
Die regelmäßige transozeanische Dampfschiffahrt wurde im Jahre
1838 durch die Dampfer „Sirius‘‘ und „Great Eastern‘ zwischen
Bristol und Neuyork begonnen, nachdem ‚aber schon im Jahre 1819
das Schiff „Savannah‘‘ als erster Dampfer den Atlantischen Ozean
zwischen Neuyork und Liverpool gekreuzt hatte, und zwar in
26 Tagen, wovon 18 Tage lang gedampft und acht Tage lang
ausschließlich gesegelt wurde. In dieser Zeit gelangen wir heute
von unseren Häfen bis zu den fernen ostasiatischen. T

10
        <pb n="41" />
        “reite der Verkehrsrauten entspricht der Menge der auf
den Routen gein-und ausgehenden Registertonnen nella | D.L.D

Abb. 12. Verkehrskarte der Erde
        <pb n="42" />
        Zeichnen wir heute jede Route der Ozeanschiffahrt in eine Karte,
entsteht ein Gewirre von Linien, aus dem man sich kaum
herausfinden kann. Bei schärferem Hinsehen merkt man, wie sich
die einzelnen Routen bei Berücksichtigung der transportierten
Güter zu gewissen Hauptrouten zusammenballen (s. Abb. 12). In
der Hauptsache verdichten sie sich zu einer „nordatlantischen‘‘,
„mittelatlantischen‘‘, „südatlantischen‘‘ und „indisch-ostasiatischaustralischen
 (über Suez) Route‘. Die „südatlantische Route‘ wendet
 sich der südamerikanischen Ostküste zu. Ihr entspricht auf der
andern Seite des Ozeans die ‚„westafrikanische Route‘. Beide
Routen streben über den Atlantischen Ozean hinaus, die südatlantische
 nach dem Pazifischen Ozean, wo sie sodann als ein
Teil der „atlantisch-pazifischen Route‘, die von Westeuropa ausgeht,
 erscheint, und die „westafrikanische‘‘ um das Kap der Guten
Hoffnung herum nach dem Indischen Ozean und dem Westen des
Großen Ozeans. Die historische Bedeutung der alten „Kaproute‘‘
ist verblaßt, nachdem sie von der „Suezroute‘‘ abgelöst wurde.
Immerhin hat sie noch Bedeutung für den Segler- und Dampferfrachtverkehr
 nach Indien und Australien. Die Schiffahrt wird dabei
 von den „braven Winden‘ unterstützt (s. S. 13). Teile der Suezroute
 sind die „nordafrikanische‘‘ und „ostafrikanische Route‘‘.
Einvon Europaausgehender, die Erde umspannender
 Verkehrsring (in regelmäßiger Fahrt) fehlt, da auch
heute noch nicht, trotz des der Schiffahrt seit 1915 dienenden Panamakanals,
 transpazifische Routen in das regelmäßige, von Europa
aus unterhaltene Verkehrsnetz eingegliedert sind. Es dürfte wohl
auch schwerlich von Europa aus ein regelmäßiger transpazifischer
Verkehr unterhalten werden, da die Inselwolken des Großen Ozeans,
die großer bedürfnisreicher Hinterländer ermangeln, und die Erzeugnisse
 der Inseln keinen regelmäßigen Verkehr erheischen.

A9
        <pb n="43" />
        Nach dem Weltkriege haben sich insonderheit die Routen entwickelt,
 deren Ursprung im nordamerikanischen Hafengebiet liegt.
Auf der Ostseite haben die Routen größeren Umfang gewonnen,
ganz gleich, ob sie sich nach Südamerika, Europa, dem Mittelländischen
 Meer oder Afrika wenden. Von letzteren splittert sich eine
wichtigere ab und läuft direkt nach dem Kap der Guten Hoffnung
und weiter nach dem Indischen Ozean. Ferner haben die Ausstrahlungen
 nach der Ostküste Südamerikas gewonnen. Vor der
Eröffnung des Panamakanals spielte die Route eine große Rolle,
die um Kap Hoorn herum die Ostküste der Vereinigten Staaten
mit deren Westküste verband. Dieser einzige Seeweg, der für diese
Verbindung zur Verfügung stand, war die Verkehrsstraße der
„Großen Küstenfahrt‘‘. Sie bildete einen Teil der „pazifisch-atlantischen‘
 oder der „ostpazifischen Route‘‘. Der Panamakanal hat sie
gebrochen und eine „Nordpanama‘‘- und „Südpanamaroute‘‘ entwickeln
 lassen mit einem von Jahr zu Jahr sich steigernden Transportumfang.


Von der Westküste Nordamerikas laufen wohl noch dünne Routen
nach dem asiatischen und australischen Osten sowie nach verschiedenen
 Inselgruppen (Hawaii-, Gesellschafts-, Samoainseln, Philippinen).
 Nach dem Kriege haben sie sich mehr oder minder gekräftigt.
 Vor allem hat der gegenseitige Verkehr von
Usamerika (Vereinigte Staaten von Nordamerika) mit Japan und
China gewonnen. In Zukunft wird sich zweifelsohne noch mehr die
„nördliche transpazifische Route‘ als die „südliche transpazifische
Route‘‘ entwickeln. Es entsteht im nördlichen Pazifischen Ozean
gewissermaßen ein Gegenbild zum nördlichen Atlantischen Ozean,
was aber in seiner Wucht und Stärke nimmermehr das Urbild erreichen
 wird; es sei denn in ganz späten Zeiten, wenn lediglich
ein einziges Riesenindustriegebiet auf Erden, und zwar das in China
übrig bleiben sollte. Doch damit haben die nächsten Jahrhunderte

4.2
        <pb n="44" />
        noch nicht zu rechnen. Von westpazifisch beheimateten Routen
kämen jetzt nur die japanischen in Frage, die teils mit der nördlichen
 pazifischen Route, teils mit der atlantisch-indisch-ostasiatischen
 Route zusammenschmelzen. An beiden Routen besitzt Japan
merklichen Anteil.

Im Suez-, Panama-
 und Kaiser-Wilhelm
 -.Kanal
hat der Weltverkehr
drei Kardinalpunkte,
deren Verkehrsdurchgang
 sich in fast stetigem
 Steigen befindet.
Die zwei ersten sind die
eigentlichen Weltverkehrskanäle.
 Seinen beiden
 großen Brüdern
reiht sich der Kaiser-Wilhelm-Kanal
 würdig
an. Obwohl er nur
Nordsee mit Ostsee
verbindet, bewältigt er
mit seinen 18,2 Mil.
Registertonnen netto
Abb. 13. Vergleich des Verkehrs der drei Weltkanäle a a MI Ka
gleichen Umfang des Verkehrs, der durch jeden der beiden anderen
Kanäle flutet (s. Abb. 13). Mit Ausnahme der Kriegsjahre ist der
Verkehr im Suez-Kanal fast stetig gewachsen, bis zum Jahre
1913, wo er eine Höchstziffer von 20 Millionen Registertonnen
netto erreichte. 1917 waren es nur 8,3 Millionen, 1923 jedoch waren
        <pb n="45" />
        wieder 18,7 und 1926 nicht ganz 21 Millionen erreicht. Der Nettoraumgehalt
 der Schiffe im Panama-Kanal fing 1915 mit 3,8 Mill.
Registertonnen an, 1923 erreichte er bereits 14,9 Millionen und
1926 hat er rund 20 Mill. Registertonnen netto bewältigt. 1924
hatte sein Verkehr bereits einmal über dem des Suez-Kanals gestanden,
 gewiß eine bemerkenswerte Tatsache, die sich in Zukunft
 noch mehr auswirken wird, verursacht hauptsächlich durch
den riesigen Anteil des U.S.A.-Verkehrs. Von dem Verkehr, der
durch den Panamakanal hin- und herflutet, beanspruchen die Küsten
der Vereinigten Staaten */,0 bis °/0 des Gesamtverkehrs, die südamerikanischen
 Westküsten gegen ?/, Australien nicht ganz !/,o und
der Ferne Osten reichlich !/,0.
Hierbei sei bemerkt, daß man beim Gebrauch statistischer Angaben
 des Verkehrs recht vorsichtig sein soll und wissen muß, wie
lie Angaben entstanden und zu bewerten sind. Der „Nauticus‘‘ gibt in seinem
statistschen Anhang einfach den Verkehr, wie ihn die Amerikaner angeben; darnach
 hat der Verkehr im Panamakanal 1926 rd. 25 Mill. Reg.-Tons netto, wäh-1913

 Seeverkehr 1924/25
| 536.535 000 Nettoregistertonnen
4.4.6 128 000 Naitoregistertonnen

rl,

N

/

Australier
Afrika Zur

A

u.

Hika2.0%
Australien 15%

Abb. 14. Vergleich des Seeverkehrs der einzelnen Festländer nach %o

15
        <pb n="46" />
        rend die deutsche Reichsstatistik nur rd. 20 Mill. zählt. Die letztere Angabe
ist die wichtigere, denn der Raumgehalt ist nach deutscher Messung (100
Reg.-Tons deutsche Vermessung == 125 Reg.-Tons Panamakanalvermessung)
umgerechnet worden, Auch bringt die Nauticus-Statistik beim Suez-Kanal den
Verkehr einschließlich Kriegsschiffe und Kriegstransportfahrzeuge, weshalb die
hohe Ziffer von 26 Mill. Registertonnen netto im Jahre 1926 erklärlich wird;
für den Handelsverkehr kommen jedoch nur 20,6 Millionen in Frage. Um
statistisch vergleichbare Bilder zu erhalten, muß man auf einer einheitlichen
 Vergleichsbasis aufbauen, sonst ist ihr Wert ganz illusorisch.

Der Seeverkehr hat im Jahre1913 446 128 000 Registertonnen
netto bewältigt, 1924/25 dagegen 536535 000 Registertonnen netto,
was eine Steigerung des
Umschlags von 20% bedeutet
 (vgl. Abb. 14).
Diese Steigerung geht
weniger zugunsten des
europäischen Verkehrs
als vielmehr zu dem
von Amerika und Asien.
Während Europa in der
Zeitspanne von 1913 bis
1925 seinen Verkehr
nicht wesentlich vermehrt
 hat, geschah dies
von Amerika um ein
Drittel und von Asien
um rund 100% (vgl.
Abb. 15). Lediglich der
afrikanische Seeverkehr
hat abgenommen. Der
australische hat sich
prozentual mehr vergrö-Bert
 als der europäische.

Abb. 15. Vergleich des Umfanges des Seeverkehrs
der Festländer in den Jahren 1913 und 1925.

18
        <pb n="47" />
        Vielfach schätzt man den Seeverkehr nach der einfachen
Summe der Nettoregistertonnen der in den Häfen ein- und ausfahrenden
 Schiffe, obwohl hierbei auch die nicht beladenen
Registertonnen mitgezählt werden, wie es z.B. bei der Schiffsbewegung
 und -notierung Antwerpens geschieht. Nach dem Kriege
ist man auch in dieser Beziehung strenger und vorsichtiger geworden,
 um dem wahren Bild des Güterumschlags so nahe wie
möglich zu kommen. Der Auslandsverkehr wird besonders geschieden,
 dabei wiederum die mit Ladung angekommenen und abgegangenen
 Schiffe und schließlich wird innerhalb dieser Gruppen
weiter zwischen eigener und fremder Flagge unterschieden. Außerdem
 gewinnt man jetzt vielfach den Mittelwert von Ein- und Ausgang
 der Schiffe. Vielleicht ergibt dies noch das beste Vergleichsbild
 von der Bedeutung des Verkehrs der einzelnen Häfen. Wie
verschieden groß die Werte sind, je nach welcher Seite hin die
Einschätzung vorgenommen wird, mag folgendes Beispiel illustrieren:
 In Hamburg waren 1925 im Auslandverkehr 14 Mill. Registertonnen
 netto angekommen und 11,7 Mill. abgegangen. Das
macht einen Gesamtverkehr nach alter Berechnung von 25,7 Mill.
Registertonnen. Da hätte Hamburg den größten Umfang unter den
europäischen Kontinentalhäfen gehabt und sogar Liverpool, Rotterdam
 und Antwerpen geschlagen. Lediglich London und Hongkong
hätten je mit 33 Mill. Registertonnen größeren Verkehr bewältigt. Berechnet
 man nun die Mittel von Ein- und Ausgang, wird das Bild
ein wesentlich anderes, da sinkt Hamburg auf 15,2 Mill. Registertonner.
 netto zurück und die anderen genannten Häfen stehen sogar
über Hamburg, wie Abb. 16 deutlich zeigt.

Verschiedene Versuche liegen vor, die Häfen nach ihrer wirtschaftlichenEigenart
 zugruppieren. A.Philippson gliedert
 die Häfen in örtliche Häfen, Handelshäfen, Passagierhäfen und

A}
        <pb n="48" />
        Kriegshäfen. Etwas ausführlicher
 unterscheidet
K. Hassert zwischen
Handels-, Kriegshäfen,
Kohlenstationen,
Fischer-, Winter- und
Zufluchtshäfen. K.
Wiedenfeld will die
Häfen nach ihrer Verkehrsbedeutung
 in
Welt-, Groß-, Lokal-,
Sammel- und Verteilungshäfen
 gegliedert
sehen. Wenn man zur
sicheren Wertschätzung
der Bedeutung der einzelnen
 Häfen in wirtschaftsgeographischer

und weltpolitischer Beziehung
 gelangen will,
Abb. 16. Vergleich des Verkehrsumfanges der ist es am besten, den
wichtigsten Häfen Europas in den Jahren Umfang des Verkehrs,
1913 und 1925 den die einzelnen Häfen
bewältigen, zu ermessen. Auf dieser Grundlage läßt sich eine Klassifikation
 finden, die den Anforderungen vom weltverkehrlichen
Standpunkt aus vollkommen entspricht, eine Klassifikation, die
ihrem äußeren Rahmen nach feststeht, aber innerhalb dieses die
wünschenswerte Bewegungsfreiheit gestattet, was hinwiederum vom
weltpolitischen Standpunkt aus sich als vorteilhaft erweist. Von
diesen Gedanken geleitet teilen wir die Seehäfen des Weltverkehrs
ein in Riesenverkehrs-, Großverkehrs-, Mittelverkehrs-
 und Kleinverkehrshäfen, wobei die Durch-KH‘
        <pb n="49" />
        gangshäfen (D. H.) besonders namhaft zu machen wären, da
sie weniger die Bedeutung als Umschlagshafen als vielmehr als
Kohlenstationen haben.
Mit Berücksichtigung der heutigen schärferen Auffassung des
Ein- und Ausgangs von Schiffen im Mittel, wie es oben an dem
Beispiel Hamburg usw. erläutert worden ist, unterscheiden wir zunächst
 die Riesenverkehrshäfen ‚ die eine Schiffsbewegung
der ein- und auslaufenden Dampfer und Segler zusammen von über
10 Mill. Registertonnen im Auslandverkehr aufweisen. Großverkehrshäfen
 sind solche mit 3 bis 10 Mill., Mittelverkehrshäfen
 mit 1 bis 3 Mill. und Kleinverkehrshäfen
sind Häfen, die unter 1 Mill. Registertonnen Schiffsbewegung haben.
Nach der für uns jetzt geltenden Einschränkung in der Beurteilung des Seever:
kehrs der einzelnen Häfen besitzen wir gegenwärtig auf Erden zwölf Riesenver:
kehrshäfen, wovon sieben auf den Atlantischen Ozean entfallen, nämlich Hamburg
London, Liverpool, Rotterdam (D. H.), Antwerpen (D. H.) und Cherbourg (D. H.)
auf europäischer Seite und Neuyork auf amerikanischer, Der Indische Ozean be:
sitzt einen Riesenverkehrshafen, Ceylon (D. H.) und der andere, die Straits
Settlements insgesamt (Singapore, D. H. insbes.), liegt auf der Grenze zwischen
indischem und pazifischem Verkehr. Der Große Ozean zählt drei Riesenverkehrs:
häfen: Schanghai, Hongkong und Kobe. Zu den Großverkehrshäfen gehören:
Cardiff, Glasgow, Hull, Newcastle (einschl. North- und South-Shields), Plymouth
(D. H.), Southampton (D. H.), Amsterdam (D. H.), Le Havre, Marseille, Genua,
Neapel, Montreal in Kanada, Galveston in Texas, Massachusetts (Boston, Charleston
 usw.), New Orleans (Louisiana am Mississippi), Washington, (Seattle am
Großen Ozean), Cuba-Havana, Bahia (San Salvador), Rio de Janeiro, Santos, Uruguay»
Montevideo, Argentinien-Buenos Aires, Ägypten-Alexandria, Britische Besitzungen
in Arabien » Aden (D. H.), Canton, Hankau, Kiukiang, Nanking, Tschinkiang,
Wuhu, Dairen, Moji, Osaka, Yokohama und Sydney. Unter den Mittelverkehrss
häfen seien genannt: Stettin, Bremerhaven, Bremen, Gothenburg, Helsingborg,
Malmö, Stockholm, Trelleborg, Narvik, Oslo, Kopenhagen (D.H.), Dover (D.H.),
Grimsby (einschl. Immingham Haven), Leith, Manchester (einschl. Runcorn), Cork
(einschl. Queenstown), Dublin, Bordeaux, Boulogne, Dünkirchen, Rouen, Barcelona,
Brindisi (D. H.), Livorno, Triest (vor 1913 noch Großverkehrshafen), Venedig, Constantza,
 Galatz, Halifax, Maryland (Baltimore), Philadelphia, Sabine (Texas), San

Meer und Weltwirtschaft 4

49
        <pb n="50" />
        Francisco, Pernambuco (Recife), Antofagasta, Iquique, Valparaiso, Callao, Mollendo,
Payta, Port Said (D. H.), Durban (D. H.), East London (D. H.), Kapstadt, Port Elizabeth,
 Calcutta, Bombay, Karachi, Rangoon (Burma), Batavia (Java), Sabang (Sumatra),
 Soerabaja (Java), Manila (Philippinen), Tschifu, Nagasaki, Fremantle (D.H.)
und Newcastle. — Die übrigen noch dem Welthandel verbleibenden Häfen gehören
 den Kleinverkehrshäfen an.
Binnenhandelsstaaten haben von jeher ein beengtes Dasein
 gefristet. Dagegen die Handelsstaaten, die an das
Meer stoßen und über das Meer hinauswachsen können, haben
sich stets größerer Unabhängigkeit erfreut. Sie haben es stets zu
größerer Blüte als die Binnenhandelsstaaten gebracht. Das spricht
sich deutlich in ihrem Warenumsatz aus. Noch deutlicher aber
spricht sich die wirtschafts- und weltpolitische Bedeutung der Staaten
 für die Weltwirtschaft aus, wenn die Art der Wege untersucht
wird, auf denen die Waren der einzelnen Staaten ein- und aus-{luten.
 Dabei erkennen wir, daß die Existenz der Großstaaten, mit
Ausnahme von Rußland, im höchsten Grade vom Seeverkehr abhängig
 ist, daß sie alle auf dem Standpunkt der Seewirtschaft
angelangt sind,
Es ist leicht, sich ein ganz genaues Bild vonder Warenein- und
.ausfuhr zur See zu machen. Nur ganz allgemeine Schlüsse
kann man ziehen. Daß die Ein- und Ausfuhr Großbritanniens infolge
 der Insellage im Außenhandel ganz, also zu 100 Prozent,
auf den Seeverkehr angewiesen ist, leuchtet ohne weiteres ein, ebenso
 wie bei Japan, Australien mit Neu-Seeland, selbst bei den Vereinigten
 Staaten, wo etwa 94% der Einfuhr und fast ebensoviel
Prozent der Ausfuhr den Seeweg bevorzugen. Wie soviele Staaten
scheidet Deutschland im Außenhandel nicht Land- und Seeweg
(was allerdings bis 1891 geschah). Trotzdem läßt sich feststellen,
daß am deutschen Außenhandel 1913 bei der Einfuhr der Anteil
des Seehandels 75% und bei der Ausfuhr 60% betrug. Daß von
dem Welthandel der größte Teil über See geleitet wird, bedarf keiner

„(
        <pb n="51" />
        näheren Begründung. Vergleichen wir den Welthandel von 1913
mit 1924, sehen wir auch hier eine bedeutende Steigerung von
rund 40%, Allerdings ist der heutige Warenpreis zu berücksichtigen.
 Interessant aber ist es, wie das Bild des Welthandels (Bild
17) so ungefähr dem des Seeverkehrs (Bild 14, S. 45) entspricht.

‚Welthandel 1913 Welthandel 1924
rund 170 Milliarden Mark (Ein-u. Ausfuhr) TUund240 Milliarden Mark(Fin-u Ausfuhr

; HN
"Hm
AAN
FA
EA
A

D.L.D.

Abb. 17. Vergleich des Welthandels der Jahre 1913 und 1924 in
Milliarden Mark

wie auch hier Amerika und Asien auf Kosten Europas gewonnen
haben.
Daß selbst der modernste Verkehr (der Luftverkehr) das
Luftbereich über dem Meere nicht meiden kann, wissen wir aus
den geplanten Linien des transkontinentalen und transozeanischen
Luftverkehrs. Zu letzteren gehören die Linien von Europa nach
Indien (großenteils Landflug), Südafrika (großenteils Landflug),
Sücamerika und Nordamerika, desgleichen von Nordamerika nach

57
        <pb n="52" />
        Südamerika. Nehmen wir beispielsweise eine Durchschnittsgeschwindigkeit
 von 250 km für je eine Stunde an. ferner für ein
Flugzeug 5 Stunden ununterbrochenen Flug und für einen Tag
(24 Std.) 20 Stunden, in denen wirklich geflogen ist, erhalten
wir für den Weg London—Indien (etwa 8000 km) als kürzeste
Reisezeit 45 Stunden, also nicht. einmal zwei Tage. Für den gleichen
Weg beträgt jetzt die kürzeste Reisezeit mit Bahn und Schiff 384
Stunden oder 16 Tage. So wird demnach das Flugzeug in weitgehendstem
 Maße den Raum- und Zeitfaktor überwinden, was
schließlich auch dem Verkehr über See zugute. kommt. Für den
sransozeanischen Flug hat das Zeppelin-Luftschiff zunächst den
Weg gezeigt.

Unter den Weltmeeren ist der Atlantische Ozean so recht
3in Tummelplatz des Warenverkehrs. Da er Zonen aller Klimate
bespült und die Waren dieser Zonen direkt in Verkehr bringt, da
ar von den wirtschaftlich tätigsten Kulturländern der Erde begrenzt
 wird, ist dieses Uebergewicht des Atlantischen Ozeans erclärlich.
 Wohl ist es eine lohnende Aufgabe, der gegenseitigen und
allseitigen Abhängigkeit der verschiedenen Seemächte und seefahrenden
 Völker in den verschiedenen Gruppen des Warenverkehrs
nachzuspüren, indessen würde das hier zu weit führen. Es sei
darum nur auf weniges hingewiesen, hauptsächlich auf einige Erzeugnisse
 der Pflanzenwelt. Die Pflanzenwelt liefert vorzugsweisedie
 Massenartikeldes heutigen Verkehrs.
Der atlantische Westen zum größten Teil und der atlantische Südosten
 sowie die gesamten Tropengebiete, deren gewaltige Ausdehnung
 erst auf einer flächentreuen Weltkarte zum Bewußtsein kommt
(s. Abb. 18), stehen als Rohproduzenten dem atlantischen Nordosten
und zum geringen Teil auch dem atlantischen Nordwesten gegenüber.
 Unter den Roherzeugnissen steht das Getreide obenan,
von dem der Weizen die Hauptrolle spielt. Die Weizenüberschuß-#4


N
        <pb n="53" />
        A a

Alzen-u.Tı1 SZ)
südesteuro&amp;amp;isch-asiat, Steopenc

;unen
"subtropischen Länder:
Agrumen-u Olivenzong
ubiropische Gersten-u. Datteipaimzane
» Baumwolizone
‚Das Gebiet der Tropen

Q.L

Abb. 18. Die Landbauzonen der außertropischen Länder und die Ausdehnung
des Tropengebietes
        <pb n="54" />
        länder sind in der Reihe ihrer Bedeutung: Argentinien, Kanada,
Usamerika, Australien und in geringerem Maße auch Vorderindien.
Sie verfügen über einen Vorrat von 150 bis 180 Mill. Tonnen. Die Zu -
schußländer sind: Großbritannien, Deutsches Reich, Italien,
Frankreich, Belgien, Niederlande, Oesterreich, Tschecho-Slowaker,
Schweiz u. a. m. Sie gebrauchen etwa 100 bis 130 Mill. Tonnen
Weizen. Am meisten bedarf Großbritannien des Zuschusses, im
Jahre 30 bis 40 Mill. Tonnen Weizen, Deutschland halb soviel.
Die atlantischen Länder sind die Anbaugebiete der den Europäern
am meisten zusagenden Brotfrüchte. Der Anbau von Zuckerrohr
und Zuckerrübe weist uns in der Hauptsache auf atlantische Länder.
In Kakao sind Europa und Nordamerika fast ganz auf Süd- und
Zentralamerika, Westindien und das afrikanische Guineagebiet angewiesen.
 Neben den großen westafrikanischen Kakaokulturen gewinnen
 die im Bereiche des Indischen Ozeans an Bedeutung. Auf dem
Rücken der Ozeane werden in der Hauptsache die Agrumen, die
Bananen, die Ananas nach nördlicheren Gebieten verfrachtet. Der
Atlantische Ozean steht hier wiederum obenan, und diese führende
Stellung wird er auch fernerhin behaupten, ganz gleich, ob es sich
um Genuß- und Reizmittel liefernde Pflanzen, wie um Kaffee, Tabak,
 Vanille, Piment u. a. handelt oder um Nahrungs-, gewerblichen
 und industriellen Zwecken dienende Pflanzen, wie Olive,
Erdnuß, Oelpalme, Kokospalme, Baumwolle, Sisalhanf, Esparto u,
vr. a. m.

Der Austausch tierischer Produkte ist wohl auf jedem
Ozean entwickelt, nirgends indessen so umfangreich wie auf dem
Atlantischen Ozean. Es sei nur daran erinnert, welche Menge von
Häuten der amerikanische Kontinent dem europäischen liefert,
so besonders an Rindshäuten, die von Buenos Aires, Rio Grande,
Bahia, -Pernambuco, Mexiko ausgeführt werden. Die hauptsächlichsten
 Wollieferanten sind Australien mit Neu-Seeland, Argenti-54
        <pb n="55" />
        nien, Uruguay und die südafrikanische Union. Großbritannien führt
jährlich für 700 bis 900 Mill. Mark Fleischwaren ein, Deutschland
für ein Drittel des englischen Wertes, (Vergl. auch Abb. 7.)

Mineralische Produkte werden ebenfalls in großen Mengen
über die Ozeane verschifft. In der Menge stehen die Kohlen obenan.
Die englische Kohle, desgleichen die deutsche Kohle wird nicht
bloß in großen Frachtdampfern nach europäischen und außereuropäischen
 Randgebieten gebracht, sondern auch in Seglern, die
sie gern als Ballast für ihre langen transozeanischen Fahrten mitnehmen.
 Von außereuropäischen Ländern sind Aegypten, Algerien,
Argentinien, selbst die Vereinigten Staaten Abnehmer der deutschen
 Steinkohle. Für deutsche Kalisalze sind die Vereinigten
Staaten die besten Käufer, gebrauchen sie sie doch als Düngemittel
nicht bloß für Früchte ihres engeren amerikanischen Bodens, sondern
 auch für ihre Ananaspflanzungen auf Hawali. Der moderne
KEdelmetallverkehr ist vorzüglich auf die ozeanischen Wege anrewiesen.


Der Nordosten des atlantischen Randgebietes ist die große Industriewerkstatt
 der Erde. Von hier aus wird der gesamte
Erdball mit Fabrikaten überschwemmt, so z. B. mit Maschinen
und Eisenwaren, mit Baumwollen-, Wollen- und Seidenwaren, mit
Chemikalien, keramischen Erzeugnissen, Manufaktur-, Holz- und
Spielwaren, Büchern, Karten, Bildern u. v. a. m. Diese Waren
und viele andere noch werden seewärts umgesetzt. Auch im
Nordwesten des Atlantischen Ozeans, in den Vereinigten Staaten,
hat sich ein neues Industrieexportgebiet entwickelt, dessen Konkurrenz,
 vor allem in Maschinen, Automobilen, Eisen- und Baumwollwaren,
 den alten europäischen Ländern schon recht unangenehm
fühlbar geworden ist. Das sich in Südamerika von Rio de Janeiro
an bis Montevideo und Buenos Aires entwickelnde Industriegebiet

39
        <pb n="56" />
        kommt als Exportgebiet für industrielle Erzeugnisse: noch nicht
in Frage. Das usamerikanische Exportgebiet hat noch ein zweites
Kraftlinienbereich, das von der Westseite Amerikas bis zum westpazifischen
 Rand reicht. Hier berührt es sich eng mit dem ostasiatischen,
 in dem Japan insonderheit seine wirtschaftliche Konkurrenz
 zur Geltung bringt.
Die Ozeane dienen in hervorragender Weise dem Nachrichtenverkehr.
 Der Ozeanboden ist das Ausdehnungsfeld der Unterseekabel,
 von denen heute das Britische Reich über rund
300000 km = 7% Aequatorlängen verfügt. Die Nordamerikaner
besitzen halb soviel Kabel wie die Briten und die Franzosen ein
Fünftel soviel. Bis je 20000 km verfügen Deutschland, Dänemark,
Japan und die Niederlande. Andere kleinere Unterseekabelbesitzer
sind Spanien, Italien, Norwegen, Union der Sowjetrepubliken,
China, Venezuela, Schweden, Türkei und einige andere Staaten.
Als das erste Unterseekabel im Jahre 1850 von Dover nach
Calais gelegt wurde, verwandte der englische Ingenieur John
D. Brett eine Erfindung von Werner Siemens, dem es gelungen
 war, die Kabelseele durch das damals fast unbekannte Guttapercha
 vor den elektrischen Einflüssen der Außenwelt zu schützen.
Die Engländer erkannten frühzeitig, daß die Schaffung überseeischer
 Kabelverbindungen ein gutes Geschäft bedeute, und ihre
weltpolitische Einsicht überzeugte sie auch bald davon, daß die
Beherrschung des Kabelnetzes große weltwirtschaftliche Vorteile
für den englischen Kaufmann mit sich bringen würde. Schon vor
dem Kriege nutzten sie also die deutsche Erfindung entsprechend
aus und schufen sich ein Kabelnetz, das weitumspannendste der
Erde, das dem wirtschaftlichen Aufschwung ihres Landes sehr
zustatten kam.
Da nach dem Versailler Diktat die ehemals deutschen Kabel in
englisch-französischen Besitz übergegangen. sind, und die abge-15
        <pb n="57" />
        schnittenen Kabelenden inzwischen auch mit englischen und französischen
 Stationen verbunden wurden, mußte das Deutsche Reich
im Interesse seiner Wirtschaft daran gehen, wieder ein eigenes
Ueberseekabel zu schaffen. Das geschah im Jahre 1926. Von Borkum
 geht es durch den Aermelkanal nach der Station Horta auf
der Azoreninsel Fayal, wo es Anschluß an amerikanische Kabel
findet, Das neue Kabel ist ein Meisterwerk deutscher Technik.
Es wurde in den Norddeutschen Seekabel-Werken in Nordenham
hergestellt und hat eine Länge von rund 1900 Seemeilen. Durch
eine völlige Neukonstruktion des Kabels erzielt man eine größere
Telegraphiergeschwindigkeit und eine bessere Aufnahmefähigkeit
der Telegramme. Bei unseren früheren Kabeln konnte man nur
140 und später 175 Buchstaben in der Minute senden, jetzt dagegen
1050 Buchstaben, das bedeutet eine sechsmal größere Leistung
den älteren Kabeln gegenüber. So besitzt Deutschland nunmehr die
modernste und leistungsfähigste überseeische Drahtverbindung der
Welt; und die technische Leistungsfähigkeit Deutschlands ist, wie
wir wissen, die beste Propaganda, die man für die deutsche Wirtschaft
 im Ausland betreiben kann.

IV

Meer und Menschheit

Weltpolitik und ozeanische Kraftifelder

Die wichtigsten und kulturell höchstentwickelten Staaten werden
von den Fluten des Atlantischen Ozeans bespült. Die nordatlantischen
 Ränder sind besser besiedelt als die südatlantischen, was
neben historischen vorzüglich in tellurischen Ursachen seine Erklärung
 findet; denn die Küsten des nordatlantischen Ozeans liegen

7
        <pb n="58" />
        einander wesentlich näher als die des südatlantischen; dort weit
ausgedehnte bedürfnisreiche Hinterländer, hier dagegen vorderhand
ncch schmale und bedürfnisarme, deren Produktions- und Konsumtionskraft
 erst im Erschließen ist.

Die Erschließung der ozeanischen Randgebiete und der damit
verbundene Austausch von Waren führt außer zum Austausch
von Kulturanschauungen und Ideen zu einem sowohl mittelbaren
wie unmittelbaren Austausch der Bevölkerungen. Wie die alten
Mittelmeerländer der Schauplatz großer Völkerwanderungen und
Völkerverschiebungen waren, so hat der Atlantische Ozean ein
anderes Aussehendesursprünglichenethnographischen
 Bildes bewirkt. Der Indische Ozean und der Große
Ozean weisen mit geringen Ausnahmen nirgends einen so intensiyen
 Völkeraustausch auf wie der Atlantische Ozean.

Abgesehen von den an sich unbedeutenden Völkerverschiebungen
auf den Inselwolken der Südsee ist vor allem die chinesische
und japanische Auswanderung bemerkenswert. Während
jene lediglich auf wirtschaftliche Betätigung ausgeht, erfolgt diese
außerdem mit mehr oder minder Verstecktheit politische Ziele. Die
meisten chinesischen Auswanderer finden wir in Niederländisch-Ostindien
 (rund 900000), während die japanischen kaum 5000
zählen. Chinesen sind auch in Australien in größerer Anzahl (17 000)
als Japaner (3000), desgleichen in Peru (45000 gegenüber 2000),
in Mexiko (13000 gegenüber 2500). In Bolivien ist die Einwanderung
 asiatischer Kulis verboten. Hingegen sind die Philippinen ein
wichtiges Einwanderungsgebiet, wo 1924 allein reichlich 13000
Chinesen einwanderten, dagegen nur 900 Japaner. In Kanada begegnet
 man rund 40000 Chinesen und noch nicht die Hälfte Japaner.
 Umgekehrt ist das Verhältnis in den Vereinigten Staaten
und Hawali: dort zählt man über 111000 Japaner und halb soviel

AR
        <pb n="59" />
        /

(rain,

Abb. 19. Politischgeographische Karte der Erde
        <pb n="60" />
        Chinesen und hier sogar 130 000 Japaner und nur 25000 Chinesen.
Auf Hawaii bringen Nordamerikaner, Briten, Deutsche und Russen
zusammen erst eine Kopfzahl von 36000 auf, während die Hawalier
(Kanaken) bloß noch über 45000 Köpfe verfügen. Außer den genannten
 Gebieten stößt die japanische Auswanderung weiter vor
nach Neu-Kaledonien (3000), Russisch-Asien (10000?), Mandschurei
 (200 000?), China (198 000). Bei der japanischen und chinesischen
Auswanderung ist zu bedenken, daß China ein politischer Machtbereich
 von rund 8 Mill. qkm mit 400 Mill. Menschen darstellt, Japan
 dagegen ein solches (einschließlich Außenbesitz) von 674000
akm mit 85 Mill. Menschen, also bezüglich der Fläche nur ein
Zwölftel der chinesischen und bezüglich der Bevölkerung etwa
ein Fünftel der chinesischen besitzt.

Die europäische Auswanderung und Kolonisation
haben dem süd- und nordamerikanischen Kontinent ein europäisches
Gepräge verliehen. Afrika hat europäische Völker nur in den Gebieten,
 die den Tropen, zum wenigsten tropischen Klima entrückt
sind, dauernd festgehalten. Der Große Ozean ist lediglich im Osten
von der europäischen Auswanderung beeinflußt worden und in
der kleinen Südwestecke, in Australien und Tasmanien und Neu-Seeland.


Andere Aufgaben erwarten den Europäer in Ostasien.
Früher waren China und seine Nachbarländer dem europäischen
Westen ein geographisches Problem, heute sind sie mehr
ein welt- und handelspolitisches Problem, wie die
europäischen Kulturvölker bisher noch keines zu lösen gehabt
haben. Amerika zu entdecken und zu bevölkern, Afrika zu teilen,
Australien aufzuschließen, wo man es überall mit den niedrigststehenden
 Naturvölkern zu tun hatte, war eine leichte Aufgabe
gegen die Erschließung Chinas, das heißt gegen die Ausbeutung

RO)
        <pb n="61" />
        Chinas durch westlichen Handel und durch westliche Industrie.
Hier steht der Westeuropäer einer eigenartigen hohen Kultur gegenüber,
 einer Bevölkerung von 400 Millionen Menschen, deren
Daseinsdrang so gewaltig ist, daß die Besieger Chinas binnen kurzer
Zeit stets von den Besiegten verzehrt und aufgesogen wurden.
Wenn es nun dem Europäer auch nicht gelingt, den asiatischen
Osten seinem Volkstum anzugleichen, ist es ihm doch schon teilweise
 gelungen, den Ostaslaten an seine Waren und zuletzt auch
an europäische Bedürfnisse zu gewöhnen. Was die dem Ostasiaten
angeborene Zähigkeit im Verein mit europäischen Kenntnissen
und Erzeugnissen vermag, hat Japan, nur ein winziger Bruchteil
 jener gelben Rasse, seit Ende des vergangenen Jahrhunderts
bis jetzt gerade genugsam bewiesen.

Dadurch, daß es Europa gelang, die Weltnautisch zu bezwingen,
 wurde zugleich die völkererzeugende Kraft des europäischen
 Erdteils geweckt. Darin steht Europa über allen anderen
Kontinenten der Erde, und das dadurch geschaffene Uebergewicht
charakterisiert den Gang der Geschichte in den letzten 2000 Jahren.
 Europa tritt den anderen Kontinenten als kulturfähiges Stammland
 gegenüber. Das ist fest begründet, selbst wenn auf die zwei
europäischen Jahrtausende ein amerikanisches Jahrtausend folgen
sollte. wie es wirtschaftspolitisch den Anschein hat.

Die Beherrschung der Weltmeere befähigte die europäischen
Staaten, ihren Bevölkerungsüberschuß nach anderen überseeischen
Gebieten abzulenken, und so kam es zur Kolonisation, Kultivation,
 hauptsächlich zur Europäisierung überseeischer Länder,
ja wir können geradezu sagen: zur Europäisierung der
Erde. Dadurch entstanden aber zuletzt auch neue Abarten von
Menschengruppen, wie sie uns entgegentreten im Australier und
Neuseeländer, im Boeren, im Yankee, im kanadischen Franzosen,

51
        <pb n="62" />
        im süd- und zentralamerikanischen Latiner. Im großen und ganzen
bleibt jedoch das weiße Ansehen der neu entstandenen Menschenarten
 bewahrt. Nur in dem weißen Ansehen der Vereinigten Staaten
von Nordamerika stört ein schwarzer Fleck, das Negerelement;
wohnen doch in Usamerika allein 10,5 Mill. Neger und Mulatten, d.
h. 10% der Gesamtbevölkerung. Es rächen sich eben alte Sünden.
Die Negersklaven bildeten im Gebiet des Atlantischen Ozeans
während des 17. und 18. Jahrhunderts den begehrtesten und rentabelsten
 Handelsartikel für Engländer, Franzosen und Holländer.
Von einem ähnlichen Handelsartikel, wie mit „lebendem Elfenbein‘“‘,
ist der Große Ozean verschont geblieben, wenn auch hie und da
durch Kriegszüge Menschen aus der Inselwelt geraubt worden sind
oder, wie es selbst in neuerer Zeit gelegentlich in nicht ganz einwandfreier
 Weise geschehen ist, Insulaner, „Miokesen‘‘, auf Schiffe
gelockt und als Arbeitsmaterial nach tropischen Plantagen und
australischen Bergwerksgebieten geschleppt worden sind.
Die wirtschaftsgeographische und -politische Bedeutung der Weltmeere
 läßt sich ferner in dem erzieherischen Einfluß der
Meere auf die Völker erkennen. Der Raum des Landes ist vielfach
begrenzt, er beschränkt auch die politische Auffassung der Völker,
wenn nicht gerade weite Becken und Tiefländer etwas von der
Wirkung des weiten Meeres auf die politischen Expansionen der
Völker übertragen. Der Meeresraum aber mit seinen endlosen Horizonten
 hat vorzugsweise zur Schärfung und Erweiterung des politischen
 und wirtschaftlichen Blickes beigetragen und einen großen
Zug von Kühnheit in den politischen Charakter der Seevölker hineingetragen.
 Das Meer hat die Seevölker zur Staatenbildung förmlich
 hingedrängt, und in der Europäisierung der Erde hat die größte
Seemacht, Großbritannien, das meiste geleistet. Selbst wer
den Engländern nichts nachrühmen wollte, müßte doch anerkennen,
 daß die staatenbildende Kraft den Mittelpunkt der geistigen

B2
        <pb n="63" />
        Anlagen des Engländers ausmacht. In dieser Beziehung ähnelt
das moderne England dem alten Rom. Ueberall, wo das Inselvolk
hinkam, fand es gewisse Aehnlichkeiten mit den Küsten seines
Heimatlandes und nahbenachbarter Länder wieder, und so wuchs
ein Gefühl der „Weltbeheimatung‘‘ in das englische Volk hinein.
Der Seehandel ist nicht bloß eine Quelle des Reichtums
für die Völker, sondern auch eine unerschöpfliche Quelle der
Kraftäußerung der Völker. Vielerlei geistige Kräfte werden
durch den Handel und die damit zusammenhängende Seeherrschaft
ins Spiel gesetzt.
In einem fast schon vergessenen, aus der ersten Hälfte des vergangenen
Jahrhunderts stammenden Buche des Anton Freiherrn v. Mylius heißt
es: „Ohne Handel — heutigentags insbesondere ohne Seehandel — kann
die menschliche Gesellschaft gar nicht bestehen, Durch denselben ist unsere
Existenz bei weitem angenehmer und gemächlicher geworden. Der Handel
bringt das Gedeihen der übrigen Arbeiten, welche zur Begründung des
physischen Wohlstandes erfordert werden, und schafft uns Reichtum und
Freuden des Lebens. Die geistige Kultur ging großenteils aus der durch
den Handel erzeugten Annäherung und Vereinigung der Menschen, aus den zu
seinem Betriebe erforderlichen Kenntnissen und Verhältnissen, aus der Verbreitung
 des Wissens durch seine Kolonien, aus dem durch ihn vervollkommenten
 Staatsverbande, aus der durch ihn bewirkten Erweiterung und Verschönerung
 unseres Daseins, hervor. Der Handel verdrängt den Raub, bedingt
 zu seinen Geschäften eine hohe Rechtlichkeit und ruft strenge Gesetze
 zu deren Aufrechterhaltung hervor.‘*
Die Seemacht, die sich auf Grund eines weitverzweigten Seehandels
 entwickelt hat, ist nicht das Werk eines einzigen; viele
müssen dabei mithelfen; und dadurch wird sie die beste Schule
großer, viele Kräfte verbrauchender Völker. Friedrich Ratzel
sagt treffend: „Durch die Geschichte der Menschheit geht ein
Wachsen der Vertrautheit mit dem Meere und der Unterwerfung
des Meeres unter Geist und Willenskraft.‘“ Dies Wachstum spricht
sich kaum deutlicher aus als in der Vermehrung der Seevölker
und Seemächte.

A.
        <pb n="64" />
        Das Meer veranlaßt wohl die Vermehrung der Seestaaten,
 aber selbst schafft es durch seinen Raum keine neuen politischen‘
 Gebilde. Jeder selbständige Meeresraum, auch der
kleinste, entbehrt der charakteristischen Seite der Landräume,
durch irgendwelche Grenzfestsetzungen in kleinere oder größere
Oberhoheitsgebiete zergliedert zu werden. Kein Meeresraum kann
in politische Teile zerfallen; da er eigentlich weder geschlossen
noch geöffnet werden kann. Schon die alten Römer sagten: „Mare
natura omnibus patet.‘‘ Völlig der Natur läuft es zuwider, wenn
irgend ein Meeresbecken, selbst wenn es auf allen Seiten von
ein- und derselben politischen Macht begrenzt wird, als „Eigentumsmeer‘‘
 des betreffenden Staates betrachtet wird, wie solche
Meeresteile von Perels im „Internationalen öffentlichen Seerecht
der Gegenwart‘ bezeichnet werden. Die Macht auf der See geht,
im Grunde genommen, nirgend weiter als sie von Kanonen beherrscht
 wird. Wenn England auch die Weltherrschaft zur See
besitzt, die durch viele Kolonien und Stützpunkte gesichert ist,
wodurch ihm vor allem eine schnelle Konzentration von Schiffen
an irgendwelchen Punkten der Erde ermöglicht wird, ist es ihm
doch unmöglich, irgend ein großes Ozeangebiet nach seiner ganzen
Ausdehnung zu beherrschen, selbst nicht einmal den Indischen
Ozean, obwohl sich seine Gestade zu einem „Britischen Indiameerreich‘
 ausgebildet haben. Dadurch wird aber auch andern seetüchtigen
 Völkern die Möglichkeit gegeben, sich zur Seemacht zu
entwickeln, und wo es engbegrenzte politische Verhältnisse, wie
bei den Niederlanden, bei Norwegen, bei Dänemark, nicht erlauben,
 sieht man doch das Streben, sich durch Seehandel und
Seeverkehr einige Macht zu sichern.

Die Entwicklung der heutigen Volkswirtschaft führte die Großstaaten
 zur See und zwang sie, Seemacht zu werden. Günstiger
        <pb n="65" />
        war die Entwicklung bei England, wenn es auch erst seit den
Tagen der Elisabeth anfängt, Seemacht zu werden und seine Lage
als Seestaat entsprechend auszunützen. Denn es liegt ja inmitten
der Landhalbkugel, zwischen den wirtschaftlich wertvollsten Seiten
 Europas und Nordamerikas und gegenüber den Ausgangspforten
 der wirtschaftlich wichtigsten Länder Europas. Seine isolierte
 Lage als Inselland ließ Großbritannien verhältnismäßig
schnell zur Weltseemacht entwickeln. Das ist dieselbe Erscheinung,
die wir jetzt, allerdings in weit rascherem Tempo, bei Japan wahrnehmen.


Keine Seemacht ist aber durch die Küste groß geworden. Wenn
nur einige wenige Küstenstellen vorhanden sind, hängt von ihrer
mehr oder minder intensiven Ausnutzung die Machtstellung des
betreffenden Staates ab. Eine Seemacht nur auf Küstenmacht beschränken,
 heißt, ihr einen ephemeren Charakter geben. Es sei
hier an das alte Sidon, an Portugal u. a. erinnert.
Die Entwicklung der modernen Seemächte treibt immer mehr
darauf hin, eine tüchtige Handels- und Kriegsflotte mit einem
widerstandsfäiähigen Körper zu Lande zu verbinden. Hier ist und
wird immer deutlicher die Achillesferse des englischen Weltreiches.
Man weiß das jenseit des Kanals gar wohl und hat mit richtigem
Blick erkannt, daß die Kriegsflotte stets ausreichend sein muß,
um eine Blockade des eigenen Landes unter allen Umständen abwehren
 zu können. Würde dieser Eisenring einmal zerschlagen,
bedeutete dies eine Zertrümmerung der gesamten britischen Weltmacht,
 was im letzten Weltkrieg sicherlich geschehen wäre, wenn
nicht die Nordamerikaner eingesprungen wären und noch einmal
das Verhängnis glücklich abgewendet hätten. Als eine Folge der
Erkenntnis der eben geschilderten Wahrheiten ist auch das Streben
nach einem engeren Zusammenschluß von Mutterland und Kolonien

Meer u. Weltwirtschaft 5

65
        <pb n="66" />
        anzusehen, der dem Gesamtreiche zur See wie zu Lande zweifelsohne
 einen stärkeren Rückhalt sichert.

Die Seemacht gewährt den Völkern den besten Schutz ihrer
wirtschaftlichen Tätigkeit. Die Zeit, wo einzig und allein die wirtschaftliche
 Tüchtigkeit entscheidet, scheint noch in ferner Zukunft
 zu schlummern, trotz der laut tönenden Abrüstungsvorschläge
gerade von seiten der Staaten, die am meisten gerüstet sind und
rüsten, und trotz des Völkerbundes. Die Seemacht führt nicht allein
zur Erweiterung der Handelsgebiete, sondern stärkt gleichfalls
den Unternehmergeist und erhöht die Sicherheit des Absatzes. Das
ist eine sehr wichtige Erkenntnis der Weltwirtschaft, und das
rechtzeitige Verstehen dieser großen Wahrheit, dieser Wertschätzung
 der seewirtschaftlichen und seepolitischen Machtfaktoren,
 dieser Großzügigkeit des gegenwärtigen Jahrhunderts war das
Kennzeichen der deutschen Staats- und Handelspolitik vor dem
Kriege. Der Weltkrieg hat die Weltschiffahrt und den Welthandel
aus ihren Bahnen geworfen. Langsam richten sich alte Machtgebiete
wieder ein, langsam bekommen die neuen sichern Halt. Auch dies
zu erkennen, muß eine ernste Pflicht des deutschen Staates
sein. Die Zeichen scheinen nicht zu trügen, daß sich der neue deutsche
Staat, wenigstens erkenntnismäßig, die Bedingungen der heutigen
Weltwirtschaft und Weltpolitik zu eigen macht. Dadurch unterscheidet
 sich die deutsche Staats- und Handelspolitik bereits vor
wie nach dem Kriege von der Bismarckschen Periode des vergangenen
 Jahrhunderts, die noch nicht mit den Raumgrößen der
heutigen Weltwirtschaft zu rechnen gelernt hatte; denn sie war
ganz und gar in dem Monopol einer europäischen Großmachtreihe
begründet. Das Monopol mußte stürzen, seitdem die Vereinigten
Staaten im Kriege mit Spanien glücklich hervorgingen, Kuba besetzten
 und sich eine Etappenstraße durch den Großem Ozean

A506
        <pb n="67" />
        nach Asien hinüber sicherten und seitdem sich eine weitere Weltmacht
 im fernen Asien zu entwickeln beginnt.

Von welcher Seite wir die Entwicklung der Machtbereiche auch
anschauen, überall zeigt es sich deutlich, daß eine Großmacht von
heute nur eine Landmacht in Verbindung mit einer bedeutenden,
Acktung gebietenden Seemacht sein kann. Weltmächte von
planetarischem Ausmaße, also weltumspannende Mächte sind nur
Großbritannien und die Vereinigten Staaten von Nordamerika.
Selbst Frankreich, das im Besitz eines großafrikanischen Kolonialreiches
 und asiatischer Kolonien ist, übt trotz aller krampfhaften
 Versuche keine weltumspannenden Wirkungen aus. Seine
weltpolitische Sendung ist längst erfüllt, das war im 18. und in
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ein Land, das seine abnehmende
 Bevölkerung durch Farbige zu ergänzen sucht, kann
nicht mehr da eingreifen, wo es sich um weltpolitische Probleme
der Weißen handelt. Die Interessenreiche Frankreichs in Ostabessinien
 (Dschibutibahn!), in Südchina (Jünnan) und Ostasien
spielen im Weltgeschehen eine ganz geringe Rolle. Abessinien und
das Schutzgebiet Syrien (vgl. Polit. Weltkarte, Abb. 19), wo Frankreich
 durch seinen Anspruch auf Alexandrette und Hinterland eine
türkische Irredenta geschaffen, sind weiter nichts als französische
Schacherobjekte. Italien und Spanien haben seit August 1926 ihre
mittelmeerischen Interessen genau geregelt und bieten heute der
Londoner Politik das erwünschte Mittel für eine „balance of power‘‘
 im Mittelmeer.

Frankreich, Italien und Japan sind Großmächte mit beschränktem
 Machtbereich. Wenn Japan sich im Großen
Ozean auszudehnen sucht, ist das im Grunde genommen kein Weltmachtbegehren,
 sondern ein machtpolitisches Erweiterungsstreben
innerhalb eines Gebietes, das ihm von Natur aus zusteht (s. Polit.

V
        <pb n="68" />
        K., 5.59), das jedoch durch das Eingreifen nichtasiatischer Mächte
zu einem Kraftfeld weltwirtschaftlichen Machtbegehrens wird. Nachdem
 am 25. Oktober 1922 die letzten japanischen Truppen Wladiwostok
 verlassen hatten, rückte Rußland wieder bis zur pazifischen
Küste vor, und der russisch-japanische Vertrag vom 20. Januar 1925
gab den Russen Nordsachalin zurück, räumte aber den Japanern
ausgedehnte Kohlen- und Petroleumkonzessionen auf dem russischen
Teil der Insel ein. In diesem Vertrag mit der Sowjetunion gewann
Japan zugleich einen Rückhalt gegen die angelsächsische Front, wodurch
 die „Verlegenheitsfreundschaft‘* Japans mit Frankreich nicht
mehr wie vordem von Bedeutung ist.

Den asiatischen Kontinent kann Japan als Lieferer wichtiger
Rohprodukte durchaus nicht entbehren. Siam liefert vorzugsweise
das wichtigste Volksnahrungsmittel, den Reis. Korea und die Man-Aschurei
 und andere Gebiete müssen Kohle und Eisen senden, ohne
eine Gegengabe von Japan zu empfangen. Darum muß Japan seine
chinesischen Festlandbeziehungen sichern, insbesondere in Nordchina,
 da hier auch ein Industrialisierungsprozeß beginnt. Hier
aber heißt es zugleich den Russen auf die Hände sehen.

Unter anderem ist die japanisch-amerikanische Spannung auf
die Entwicklung der japanischen Politik von größtem Einfluß.
Wohl hängt die Freundschaft beider Staaten an einem „seidenen
Faden‘‘ — auch real gedacht, denn in der japanischen Handelsbilanz
 erscheint die Seidenausfuhr nach Nordamerika als der wertvollste
 Posten — und Japan möchte sich gar zu gern zur einzigen
Großmacht des Großen Ozeans aufschwingen, indessen ist es von
dem amerikanischen Golde noch abhängig, was offenbar auch den
Frieden auf dem Großen Ozean verbürgt. Dieser Friede schlägt
weite Wellen. Im „Temps‘‘ vom 15. Februar 1925 heißt es in dem
Artikel L’Oz6an Pazifique et le Fosse€ Rhenan: „Wenn man die

a!
        <pb n="69" />
        Sicherheit des Rheingrabens gewährleisten will, muß man zunächst
einmal den Krieg im Stillen Ozean vermeiden.‘‘ Von Mexiko konnte
Japan die Magdalenen-Bucht durch das Einschreiten der Vereinigten
 Staaten nicht erwerben, dafür kam es zu dem für Usamerika
 wenig erfreulichen Friedens-, Freundschafts- und Handelsvertrag
 zwischen Japan und Mexiko. Hart und zäh verfolgt Japan
sein Ziel: „Asien den Asiaten unter japanischer Führung‘‘, was
sich auch in seiner zielbewußten Auswanderung auspricht '(s. S. 60).
Rußland und das Deutsche Reich sind gegenwärtig latente
Großmächte, deren Machtäußerungen vorläufig noch gebunden, gehemmt
 sind, die sich aber nicht dauernd binden lassen und bei gegebener
 Zeit infolge des Druckes einer großen und teilweise dichten
arbeitswilligen Bevölkerung zur Betätigung hindrängen. Deutschlands
 Seehandel ist auch heute schon wieder Welthandel. Infolgedessen
 kann Deutschland von den weltpolitischen und weltwirtschaftlichen
 Geschehnissen nicht unberührt bleiben. Gerade heute
ist es notwendiger als je für das Deutsche Reich, die großen Zusammenhänge
 und Entwicklungen von Weltwirtschaft und Weltpolitik
 zu wissen und zu verstehen. Sie weisen in der Hauptsache
auf Uebersee.

An den ozeanischen Rändern sind ferner die Gebiete zu suchen,
die sich in Zukunft als Großmächte ausbilden. Die Großmachtkerne
 dieser Staaten schälen sich schon mehr oder minder offensichtlich
 heraus, wie es die dem britischen Mutterlande gegenüber
schon selbständiger werdenden älteren Kolonialgebiete offenbaren,
so Australien, Kanada und die Vereinigten Staaten von Südafrika;
ferner gehören in diese Reihe Argentinien und Chile.
Wenn man unter einer Welt- bzw. Großmacht eine solche versteht,
 die den Machtwillen des eigenen Staates gegenüber andern
zur Macht aufstrebenden Staaten durchsetzt, ist es Großbri-0
        <pb n="70" />
        tannien ım vollkommensten Sinne. In keinem andern Volke ist
ein solcher Gedanke treibende Kraft wie im Engländer selbst, und
zwar in einem Maße, daß er das gleichberechtigte Streben anderer
 Völker geradezu „als eine Versündigung an der Zivilisation
und der Idee der Menschheit‘ ansieht. Oberst Repington prägte
1915 das Wort: „Die Grenzen des britischen Reichs sollen dem
Erdumfang gleichen.‘

Jede Großmacht birgt notgedrungen etwas Aggressives in sich;
sie muß den Besitz wahren, den sie hat, und jeder Besitz ruft mit
der Zeit nach Vermehrung, denn Kapital will Arbeit haben und
neues dazu gewinnen. Nur zeitweilig sind die Großmächte „saturiert‘‘,
 wie Bismarck sich ausdrückte; immer dann, wenn sie
aufs neue ihr Schäflein ins Trockene gebracht haben. Wenn sie
sich zurückgesetzt oder gar übergangen fühlen, sind sie ganz von
selbst aggressiv (s. das heutige Italien!). Im Europa von heute sind
die Großmächte mit dem vollen Magen außer Frankreich vor allem
England, das seinen festländischen Burenkrieg hinter sich hat.

Viele Wege führen nach Rom, und noch mehr Wege führen —
gemäß englischer Politik — nach Indien. Was nicht auf dem berühmten
 und berüchtigten „Wege nach Indien‘ liegt, das liegt
sicherlich am Rande irgendeines Umweges: die politische Operationsbasis
 des indischen Reiches reicht über den Suezkanal hinaus,
führt durch Aegypten und den Sudan bis Kapstadt. Was rechts
und links dieses Weges, dieser breiten Operationsbasis liegt, kann
sich ruhiger Entwicklung nur auf Grund einer dritten Macht, hauptsächlich
 der britischen Macht erfreuen, die, im Verfolg eigener
Interessen, die Belange der Nachbarn zu ihren eigenen zu machen
vorgibt. So steht es mit Persien, mit Afghanistan, zum Teil mit
Abessinien, ja sogar mit der Türkei (hier ist die dritte Macht Frankreich).
 Nach wie vorher betrachtet England Persien und Afghanm
        <pb n="71" />
        nistan, das südliche chinesische Turkestan, Nordtibet, Westszetschuan
 und Westsiam als Außenglacis zum Schutze Indiens, des
Juwels der englischen Krone. Nachdem es das Mandat über
Deutschostafrika zu einem dauernden Besitz zu gestalten gedenkt und
Mosambik zu seinen Interessengebieten gehört, hat es den gesamten
Indischen Ozean mit Anrainländern in eine einzige große Machtsphäre
 verwandelt, so daß wir berechtigt sind, heute von einem
Britischen Indiameerreich zu sprechen (vgl. Pol. K., S. 59).
Dadurch ist Großbritannien auf den Höhepunkt seines indischen
Macht- und Kraftfeldes angelangt. Die Freude hierüber ist indessen
 nicht ganz ungemischt. Die russischen Umtriebe in Persien
und Afghanistan und in anderen nachbarnahen oder -fernen Gebieten
 kommen nicht zur Ruhe. Ferner ist das Problem China seit
1925 Erschütterungen ausgesetzt, die Vorboten von Verwicklungen
und Ereignissen sein können, die sich weiter nach Westen, nach
Hinter- und Vorderindien fortsetzen, auch bei der heutigen straffern
Gestaltung Chinas.

Im Westen und Osten hängt das Britische Indiameerreich an zwei
bedeutenden Angeln, am Suezkanal und an der Malakkastraße (Singapore).
 Die wichtigere von beiden ist offenbar der Suezkanal, von
dem Bismarck schon sprach, daß er der Nerv im Genick
des britischen Weltreiches ist. Der militärische Ausbau von Singapore
 zeigt, wie hochgeschätzt ebenfalls diese Eingangs- und Ausgangspforte
 ist. Auch in ihrer weiteren Fortsetzung ist die Suezöffnung
 weltpolitisch mehr als die Ostöffnung bevorzugt. Die westliche
 Etappenstraße zieht sich über Cypern, Malta und Gibraltar
zum Atlantischen Ozean. Wir erkennen in ihr den wichtigsten Weg
zum Indischen Ozean. Zugleich ist sie ein Beleg dafür, daß Machtnolitik
 auch ohne Besitz größerer entsprechender Räume getrieben
werden kann. Das ist aber auch nur Großbritannien in vorliegen-71
        <pb n="72" />
        dem Fall im Stande bei seinem übergroßen Besitz und einer Seemacht,
 die die Etappenpunkte jederzeit genügend zu stützen vermag.
Die Vereinigten Staaten von Amerika sind das einzige
biozeanische Weltreich, dessen glückliche Lage zwischen den beiden
 größten Weltmeeren weltwirtschaftlich durch schier unerschöpfliche
 Mengen der wichtigsten Rohstoffe ergänzt und erhöht wird.
Neben einer außerordentlich leistungsfähigen Landwirtschaft finden
wir die bedeutendste Erzeugung von Kohlen und Erdöl, Eisenerzen,
Zink, Blei und Kupfer. Damit marschiert Usamerika an der Spitze
der betreffenden Welterzeugnisse. Außerdem verfügt es seit dem
Kriege über nahezu zwei Drittel des gemünzten Goldes der Erde.
Bei ihrer Machtentfaltung haben die Vereinigten Staaten die von
der abendländischen Staatskunst gelehrte Methode, wichtige Punkte
als eigenes Gebiet einzuverleiben, befolgt: 1898 Portoriko, Hawali
und die Philippinen, 1904 die Panamazone, 1917 St. Croiz, St. John
und St. Thomas. Die Besitzergreifung von Nikaragua in irgendeiner
Form (wegen eines zweiten atlantisch-pazifischen Kanals) ist doch
nur eine Frage der Zeit. Schon munkelte man, daß sie sich die englischen
 und französischen Besitzungen in Westindien als Ablösung der
Ententekriegsschulden abtreten lassen wollen. Jetzt scheint man
diese Methode verlassen zu haben und sucht mehr die direkte Beherrschung
 durch wirtschaftliche Vormacht, die Methode der
„Dclardiplomatie‘‘. Das letzte Ziel ist die Pan American Union,
gegen das sich allerdings die ABC-Staaten Südamerikas (Argentinien,
 ‘ Brasilien und Chile) sträuben, während Mexiko, die mittelamerikanischen
 Republiken, Kolumbien, Ekuador und das nordwestliche
 Venezuela, schon mehr oder minder im Interessenkreis
der Nordamerikaner liegen. .

Die großen Kraftlinien der usamerikanischen Weltpolitik zeigen
sich kaum stärker und auffälliger als in der völligen Beherrschung
        <pb n="73" />
        der Land- und Seezugänge des Panamakanals. Neben der den
Südeingang der Windwärts-Durchfahrt zwischen Jamaika, Kuba und
Haiti beherrschenden Insel Navassa, die übrigens schon seit 70
Jahren nordamerikanisch ist, haben sich die Vereinigten Staaten
1914 pachtweise auf 99 Jahre die beiden Maisinseln (Corn Islands)
gesichert, als Seitendeckung des Ostausganges eines geplanten Nikaraguakanals.
 Ferner gehören zu dieser Etappen- und Stoßlinie
die Karibischen Klippen (Caribbean Cays) und die Swan-Inseln
(zwei ursprünglich zu Honduras gehörige Inseln). Im Atlantischen
Ozean ist auf den Ausbau von Boston, Key West (Florida) und die
Insel Culebra (Virgin-Inseln im Bahamameer) großes Gewicht gelegt
 worden, im Pazifischen Ozean auf den Ausbau von Puget
Sound, San Francisco, San Diego (Kalifornien), Samoa, Guam und
Cavite (Philippinen). Ferner hat man die Kanalzone nach beiden
Seiten beträchtlich ausgebaut. Von größter Wichtigkeit ist der
Ausbau des Hafens von Pearl Harbor auf Oahu, der großen Hawaii-Insel.
 Dieser Hafen soll die größte Flottenstation der Welt
werden, das heißt mit andern Worten: Nordamerika will die Vormacht
 im Großen Ozean sein. Daß es auch zum Besitz der größten
Kriegsflotte strebt, zeigt sein neuestes Flottenbauprogramm.
Ueberblicken wir die Welt- und Großmächte und deren wirtschaftliche
 und politische Machtäußerungen, zeigen sich die Ozeane
und ihre größeren Nebenmeere als weltpolitische Kraftfelder
 oder Zielgebiete weltpolitischen Machtbegehrens.
 Nur der Indische Ozean scheint davon‘ ausgeschlossen
 zu sein, nachdem es Großbritannien gelungen ist, diesen
Ozean samt Randgebieten zu einem britischen Meere zwecks Sicherung
 Indiens zu machen. Die Kraftlinien, die Niederländisch-Ostindien
 entfalten könnte, hat England schon längst matt zu legen
verstanden, indem es die ganze Inselflur durch die von ihm beizeiten
 besetzte Melville-Insel, Ashmore-Riff, Donnerstags- und

73
        <pb n="74" />
        Weihnachts-Inseln, Kokos-Inseln, Nikobaren und Andamanen zu
umstellen verstand. Freilich lecken einige andere Kraftlinien nach
dem Indischen Ozean, so außer französischen insbesondere amerikanische,
 und diese nach Gebieten, die Oelvorkommen zeigen. „Weil
das Oel zu einer Voraussetzung technischer Energien der Machtpolitik
 wurde, bringt seine Erzeugung Machtmittel hervor, deren
Voraussetzung wiederum bei der Raumverbundenheit der Produktion
 irgendeine Macht über Boden und Raum ist‘‘ (K. Hoffmann
 im Nauticus 1926). Darum ist auch die Oelpolitik mit der
großen Wirtschafts- und Weltpolitik verknüpft.

Im Atlantischen Ozean treffen gegenwärtig die Kraftlinien
der Vereinigten Staaten mit denen Englands zusammen. Durch die
Beteiligung Usamerikas am Weltkrieg ist es zu einer atlantischen
 Macht geworden. Hauptsächlich laufen nach dem europäischen
 Kontinent finanzielle und wirtschaftliche Ausstrahlungen.
Vor dem Eingreifen Amerikas war der atlantische Raum das unbestrittene
 Machtbereich, ja das Heimatgebiet der Briten. In den
historischen Unterbau der englischen Großmacht haben die Nordamerikaner
 eine empfindliche Bresche geschlagen. Das von Natur
gegebene Erweiterungs- und Machtbereich Englands bleibt eigentlich
 nur auf den Nordteil des nordatlantischen Ozeans beschränkt,
während der Südteil jetzt von den Vereinigten Staaten umfaßt wird,
die zielsicher in dieses Gebiet hineinwachsen (vgl. Pol. K. S. 59). Diese
Tatsache ist für England ebenso schmerzlich wie die, daß Deutschland,
 obwohl es wegen Wirtschaftsneid von seiten Großbritanniens
weltwirtschaftlich ganz zerschmettert werden sollte, doch infolge
seiner unverwüstlichen Arbeitskraft wieder hochkommt und wieder
Anteil am Welthandel gewinnt. Das ist der unerschütterliche Gang
der Geschichte. Schließlich kommt der Engländer dabei auch

74
        <pb n="75" />
        gicht zu schlecht weg, denn Deutschland war immer ein guter
Kunde Englands, wenn nicht der beste.

Außer nach Osten und Südosten üben die Vereinigten Staaten
ganz besonders kräftige Wirkungen nach Süden und Westen aus.
Nordsüdlich verlaufen die Kraftlinien des Panamerikanismus. Im
Karibischen- und Bahama-Meer stoßen amerikanische und britische
Kraftlinien senkrecht aufeinander. Kollisionen werden nimmermehr
ausbleiben. Als die mächtigeren scheinen sich auch in diesem
Kraftfeld die nordamerikanischen zu erweisen. Nach Westen vertaufen
 die usamerikanischen Kraft- und Stoßlinien in gerader
 Richtung auf Ostasien zu. Beide Richtungen, die nordsüdliche
 und die ostwestliche, werden durch den Panamakanal, der
heute eine Südküste der Vereinigten Staaten ist und der, wie kaum
ein anderes politisch-wirtschaftliches Gebilde eine raumpolitische
Idee von hemisphärischem Ausmaße verkörpert, verbunden, und
ihre Energiemöglichkeiten werden zu einheitlichem Handeln gezwungen.


Die Machtverhältnisse im Großen Ozean haben sich nach
dem Weltkriege gleichfalls verschoben, insofern Deutschland aus
der pazifischen Politik ausgeschieden ist und Rußland als erst
jüngst zurückgekehrter, politisch noch niedergedrückter Anrainer
kaum etwas zu sagen hat. Es bleibt hier bloß noch das politische
Dreieck, Japan, England und Nordamerika, übrig. Vorläufig sind
die bedeutendsten Komponenten England und Usamerika. Ob als
gewünschte Resultante die Vernichtung der japanischen Macht
herausspringt, ist sehr fraglich. Wohl hat die Konferenz von
Washington vom November 1921 bis Februar 1922 den angelsächsischen
 Block zusammengeschmiedet, der als künftiger ruler
of the world sich aufspielt; indessen hören die gegenseitigen politischen
 Eifersüchteleien zwischen den beiden großen Brüdern nicht

7
        <pb n="76" />
        auf, waren doch beispielsweise Englands Antwort auf die Maßnahme,
Pearl Harbor zu einer Flottenstation erster Ordnung auszubauen,
die großen Befestigungsanlagen von Singapore. Von hier aus gehen
britische Machtausläufer nicht bloß nach dem südlichen Teil des
Großen Ozeans, sondern auch nach Norden (s. Pol. Karte, S. 59). In
die Hypothenuse des Mächtedreiecks Nordamerika, Japan und
Australien, also in die Kraftlinienzone Australien— Nordamerika
schiebt sich ein japanischer Keil ein, der von den beiden andern
Weltmächten recht unangenehm empfunden wird; das ist der alte
deutsche Kolonialbesitz, der den Japanern als Mandat zugesprochen
worden ist.

Von so wirkungsvollen wirtschaftlichen Vorstößen über See
können gegenüber den genannten Weltstaaten die andern Reiche
kaum reden. Die Sowjetunion ringt in Europa an drei Stellen,
im Schwarzen Meer, in der Ostsee und im Weißen Meer nach Luft.
Frankreichs stärkster Impuls richtet sich nach Algerien und
dessen Hinterland. Italien strebt einmal in seiner naturgegebenen
 Richtungslinie, in nordsüdlicher Richtung, direkt nach
Afrika (Tunis!, Tripolitanien) und sodann nach dem Südosten und
Osten des Mittelmeerbeckens.

Während sich im Atlantischen Ozean die Kraftlinien zweier Großmächte
 kreuzen, so im Großen Ozean die von dreien. Dadurch
werden die weltpolitischen Maßnahmen und ihre wirtschaftlichen
Stoßlinien bereits komplizierter. Amerika würde den Philippinen
sicher schon längst volle Autonomie gegeben haben, wenn es nicht
befürchten müßte, daß sie dann früher oder später eine Beute der
Japaner würden. Die Ausdehnung, deren Energieentwicklung sich
in den Kräftelinien verkörpert, bringt jederzeit Reibung mit sich,
und wirtschaftliche und politische Kollisionen sind die unausbleiblichen
 Folgen einer ausdehnungsstarken Weltpolitik. Noch immer

i6
        <pb n="77" />
        waren die Seekriege Handelskriege. So waren schon die
Kämpfe zwischen Chalcis und Eretria, Samos und Aegina und viele
andere, die hauptsächlich das Zurückdrängen der Phönizier aus
dem Aegäischen Meere bezweckten, die sich späterhin um die
Lösung der Carthagofrage usw. handelten, nichts anderes als Handelskriege.
 Aus einem mehr denn hundertjährigen Kampfe mit
Franzosen und Holländern, gestützt auf eine ausgezeichnete insulare
Lage, ist Großbritannien als erste Seemacht des 19. Jahrhunderts
hervorgegangen. Fast ein volles Säkulum beherrschte Großbritannien
 das Verkehrs-, insonderheit das gesamte Frachtfuhrwesen
des Atlantischen Ozeans, bis an der Wende des Jahrhunderts
Deutschland und die Vereinigten Staaten von Amerika ihm hart
zuzusetzen beginnen, letztere seit dem letzten Weltkriege in ganz
besonders unangenehm merklicher Weise.
Während früher die Seekriege nur hie und da engbegrenzte Gebiete
 des Wirtschaftslebens eines Volkes beeinflußten, ist heute
ein Seekrieg, der infolge der modernen Verkehrsmittel und
Kriegswerkzeuge zugleich Küsten- und Landkrieg ist, ohne Lahm:
legung des größten Teils des Wirtschaftslebens der kriegführenden
Mächte nicht denkbar. Das Gewitter, das sich dereinst im Gebiet
des Großen Ozeans entladen wird, wird von der furchtbarsten
Wirkung sein; es wird eine Wirtschaftskrise schwerster Art hervorrufen,
 deren verheerender Wellenschlag weit über die Grenzen
der nicht beteiligten Staaten hinaus bemerkbar sein und selbst in
Europa noch nachzittern wird.

Indessen ist die von Japanern und Nordamerikanern vertretene
Ansicht, daß sich der Mittelpunkt der Weltgeschichte unabänderlich
dem Stillen Ozean zu bewege, weiter nichts als ein großer historischer
 Trugschluß, der jeder tellurischen Begründung bar ist.
Mögen in Zukunft auch einige gewaltige Schlachten, RiesenfAr
        <pb n="78" />
        schlachten der Weltgeschichte, in den ostasiatischen Gewässern
zum Austrag kommen, mag sich in Ostasien ein wichtiges Rohproduktions-,
 vielleicht dereinst auch ein Weltindustriezentrum entwickeln,
 immer wird der Schwerpunkt des Lebens, Handels und
Wandels unseres Erdballes im Atlantischen Ozean liegen.
Und wollen wir uns doch einmal die ganz reale Frage vorlegen:
Was kann uns der Große Ozean mit seinen Randländern bieten?
Denn die Wirtschaftsfrage und zuletzt die Magenfrage ist noch
immer die Haupttriebfeder zu jeglicher Ausdehnung über die Erde
gewesen. Der Große Ozean kann in seiner gesamten Gütererzeugung
 und in seinem gesamten Gütertransport nicht an den
Atlantischen Ozean heran. Alle Güter aber sind Formen von Kraft,
deren Stärke sich mit der Größe von Angebot und Nachfrage
ändert. Die Spannungsdifferenz, die durch das Vorkommen
angebotener Güter an einem und durch das Bedürfnis nach ihnen
an einem andern Ort entsteht, ist im Großen Ozean bezüglich des
Welthandels gering, da Ostasien Waren erzeugt, die für das Leben
des überfüllten Westeuropas nicht unbedingt notwendig sind. Wesentlich
 anders ist die Spannungsdifferenz, deren Ausgleich Sache
des Verkehrs ist, im Atlantischen Ozean. Das kommt in der gewaltigen
 Transportleistung der Schiffe zum Ausdruck, wie es recht
anschaulich Abbildung 12 illustriert.

Der amerikanische Kontinent kehrt dem Großen Ozean den
Rücken, und die Erzeugnisse des pazifischen Amerikas haben ihre
nächsten und besten Hauptabnehmer doch in den europäischen
Weststaaten, die jetzt durch den Panamakanal viel näher als früher
liegen; der andere pazifische Rand bietet für den Europäer wohl
einen ganz günstigen Absatzmarkt seiner Waren dar, indessen
ein nur an wenigen Punkten besiedlungsfähiges Land; seine Waren-7:
        <pb n="79" />
        erzeugung für europäische Bedürfnisse ist, wie wir oben nachwiesen,
 auch nicht von weltwirtschaftlichem Ausschlag. Die von
der Natur dem Stillen Ozean verliehene übergroße Einheit wirkt
dezentralisierend auf die menschliche Wirtschaft, dagegen die Eıinheit
 des Atlantischen Ozeans zentralisierend, und in diesen beiden
eigentümlichen Tätigkeitsrichtungen liegt die wirtschaftliche Zukunft
 und zuletzt auch die weltpolitische Zukunft der Ozeane begründet.
        <pb n="80" />
        Soeben erschien
die erste 7er):

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Band 1:

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schaftsprovinzen und
Wirtschafisbezirke
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Politische Grenzen
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Oesterreich
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5’aat vrd Klima
Prof. Dr. Thorbecke:
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Dr. Pahl:
Der Kampf um die
Rohstoffe
Prof. Dr. Machatschek:
Tschechoslowakei
Professor Dr. Eckert:
Meer und Weltwirtschaft

Dr. März:
Landmächte und Seemächte


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        Art a
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DD
3

len, Uruguay und die südafrikanische Union. Großbritannien führt
ihrlich für 700 bis 900 Mill. Mark Fleischwaren ein, Deutschland
ür ein Drittel des englischen Wertes, (Vergl. auch Abb. 7.)

Mineralische Produkte werden ebenfalls in großen Mengen
} ber die Ozeane verschifft. In der Menge stehen die Kohlen obenan.
je englische Kohle, desgleichen die deutsche Kohle wird nicht
Floß in großen Frachtdampfern nach europäischen und außer-+
 uropäischen Randgebieten gebracht, sondern auch in Seglern, die
€ gern als Ballast für ihre langen transozeanischen Fahrten mit-7
 ehmen. Von außereuropäischen Ländern sind Aegypten, Algerien,
rgentinien, selbst die Vereinigten Staaten Abnehmer der deut-:hen
 Steinkohle. Für deutsche Kalisalze sind die Vereinigten
 Haaten die besten Käufer, gebrauchen sie sie doch als Düngemittel]
cht bloß für Früchte ihres engeren amerikanischen Bodens, son-°rn
 auch für ihre Ananaspflanzungen auf Hawaii. Der moderne
delmetallverkehr ist vorzüglich auf die ozeanischen Wege anwiesen.

Der Nordosten des atlantischen Randgebietes ist die große Inuüstriewerkstatt
 der Erde. Von hier aus wird der gesamte
rdball mit Fabrikaten überschwemmt, so z. B. mit Maschinen
tıd Eisenwaren, mit Baumwollen-, Wollen- und Seidenwaren, mit
. ıemikalien, keramischen Erzeugnissen, Manufaktur-, Holz- und
Foielwaren, Büchern, Karten, Bildern u. v. a. m. Diese Waren
d viele andere noch werden seewärts umgesetzt. Auch im
&amp;gt;rdwesten des Atlantischen Ozeans, in den Vereinigten Staaten,
t sich ein neues Industrieexportgebiet entwickelt, dessen Kon-/renz,
 vor allem in Maschinen, Automobilen, Eisen- und Baumilwaren,
 den alten europäischen Ländern schon recht unangenehm
ılbar geworden ist, Das sich in Südamerika von Rio de Janeiro
bis Montevideo und Buenos Aires entwickelnde Industriegebiet

55

&amp;gt;
—

5
        <pb n="83" />
        <pb n="84" />
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