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            <forname>Rudolf</forname>
            <surname>Kobatsch</surname>
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        WIRTSCHAFTLICHKEITS-

LEHRE

SYSTEMATISCHE DARSTELLUNG UND BEGRÜNDUNG
ALLER ARBEITEN

DER
RATIONALISIERUNG

VON
DR. RUDOLF KOBATSCH

PROFESSOR AN DER KONSULARAKADEMIE
PRIVATDOZENT AN DER TECHNISCHEN HOCHSCHULE

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WIEN 1928
DRUCK UND VERLAG DER ÖSTERREICHISCHEN STAATSDRUCKEREI
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        WIRTSCHAFTLICHKEITS-
LEHRE

SYSTEMATISCHE DARSTELLUNG UND BEGRÜNDUNG
ALLER ARBEITEN
RATIONALISIERUNG

ON
DR. RUDOLF,KOBATSCH
PROFESSOR AN DER KONSULARAKADEMIE
PRIVATDOZENT AN DER TECHNISCHEN HOCHSCHULE

WIEN 1928
DRUCK UND VERLAG DER ÖSTERREICHISCHEN STAATSDRUCKEREI
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        ALLE RECHTE,
INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNG, VORBEHALTEN

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        Inhalt.

Seite
1. Wesen, Sinn und Umfang der Rationalisierung .

2. Individuelle Rationalisierung

3. Rationelle Hauswirtschaft
Rationelle Bevölkerungspolitik .
Rationalisierung des Bau- und Wohnungswesens . .

4, Rationelle Naturbeherrschung . .

5. Rationalisierung der Landwirtschaft . . .

8. Rationalisierung in Industrie und Gewerbe
Die Rolle der Technik und Maschine .
»Verlustquellen« der Industrie, . .
Taylorismus ......
Die Normung . ...
Typisierung, Standardisierung, Spezialisierung .
Rationelle Betriebsorganisation; Fließarbeit . .
Die Konzentration als Mittel der Rationalisierung .........
Bessere Marktbeherrschung — ein Gebot der Rationalisierung . ..

7. Rationalisierung im Kleinbetrieb, namentlich im Gewerbe. . .

8. Die Rationalisierung des Warenvertriebes . . .
Das moderne Bureau. .....
Kundenwerbung, Verkäuferschulung
Werbewesen .........
Besondere rationelle Arten der Verkaufsgeschäfte .
Die rationelle Verpackung -

9. Rationalisierung des Verkehrswesens ....

(0. Rationalisierung des Geld- und Kreditverkehres .

\1. Soziale Rationalisierung‘. .....
Arbeitskundliche Grundlagen der Rationalisierung
Die Psychotechnik als Mittel der Rationalisierung
Ermüdungs- und Zeitstudien ........
Rationalisierung der Arbeitszeit und der Pausen

12. Soziale Wirkungen der Rationalisierung
Rationalisierung und Arbeitslosigkeit

1

6
16
24
27
34
39
54
54
57
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65
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76
78
87
87
94
97
98
101
102
107
110
112
118
123
128
130
40
        <pb n="9" />
        V

Seite

13. Positive (innerbetriebliche) Mittel der sozialen Rationalisierung . . . . . 142

Unfallverhütung, Fabrikspfleger ....... . 142

Der Leistungskoeffizient ....... 145

Fähigkeitsschulung und Arbeitserziehung 146

Die Suggestions . ......... 149

Das Mitbestimmungsrecht der Arbeiter „4. 151

Gewinn- und Kapitalsbeteiligung . . . . . 162

Schlichtung und Schiedswesen . .. „ 170

14. Stellungnahme von Wirtschaftsführern und Politikern zur Rationalisierung . 171
15. Öffentliche Rationalisierung (Rationalisierung der öffentlichen Verwaltung

und des ParlamentarismuS) . . . 0000000000000 00000020400 4, 175

16. Internationale Rationalisierung (Privater und staatlicher Konventionalismus) 188

17. Vorschläge . . . 200
        <pb n="10" />
        1. Wesen, Sinn und Umfang der Rationalisierung.
Doch Ordnung lehrt euch Zeit gewinnen.
Goethe.
Die Rationalisierungswelle, die von Amerika nach Europa her-
überflutete und hier fast alle Länder, am stärksten wohl das Deutsche
Reich, ergriff, hat auch vor dem kleinen und vielfach als so wirt-
schaftsschwach bezeichneten Österreich nicht haltgemacht. Man
spricht und schreibt über Rationalisierung, Einrichtungen und
Organisationen dieser Art entstehen, und selbstverständlich streitet
man auch über Sinn und Wert der Rationalisierung. Es herrschen
eben manche Mißverständnisse, so manche Unklarheiten verleiten
zu vorschnellem Urteil. Die einen setzen Rationalisierung mit » Taylor-
system«, die anderen mit »Fordismus« (Fließarbeit) gleich, dritte
wieder erblicken in der (industriellen) Konzentration den Kern der
Rationalisierung, Physiologen und Psychologen (Psychotechniker)
betreuen vor allem die menschliche Arbeit (Arbeitsleistung) mit ihrem
Interesse (Arbeitskunde), während eine stattliche Schar von Fachleuten
und viele Fachwerke ihre besondere Aufmerksamkeit der kommerziellen
Seite des Wirtschaftslebens, dem einen oder anderen Teilprobleme
des Warenvertriebes (Verkaufsschulung, Werbewissenschaft, modernes
Bureau u. a) zuwenden. Viele dagegen glauben, die Rationalisierung
begreife im wesentlichen die technischen Probleme des Betriebes in sich
und widmen sich demgemäß der Normung, der Verbesserung der
Energiewirtschaft, der Automatisierung der Arbeitsmaschinen u.a. Nicht
zuletzt ist jene zahlreiche Gruppe von Fachleuten zu erwähnen,
die den Schwerpunkt auf die bessere Organisation des Betriebes
legen, für welche Fragen sich ja auch ein eigener Beruf der
Organisatoren gebildet hat. Manche Unternehmer sehen den Ratio-
nalisierungsbestrebungen mit etwas Skepsis zu, wenngleich hinter
dieser Skepsis nicht selten das Trägheitsmoment, die mächtige vis
inertiae, verborgen wirkt, wogegen die Vertreter der Arbeiterschaft
häufig vermeinen, die Rationalisierung sei nichts anderes als ein
neuer, indirekter Vorstoß der Ausbeutungspolitik. Man könnte dieses
buntscheckige Bild der Vorstellungen und Urteile über Rationali-
sierung noch beliebig vermehren — das Gesagte wird aber genügen,
Kobatsch. Wirtschaftlichkeitslehre.
        <pb n="11" />
        um zu beweisen, daß man etwas tiefer und gründlicher schürfen
muß, wenn man die treibenden Kräfte begreifen will, die jetzt So
allgemein zur Rationalisierung führen, wenn man Sinn und Wesen
dieser neuen und wichtigen Phase der Lehre und der Politik der
Volkswirtschaft erfassen soll.

Es ist daher ein durchaus »rationelles« Unternehmen, eine be-
friedigende Antwort auf diese Grundfragen des Rationalisierungs-
wesens zu suchen. Dabei muß man sich davor hüten, zu glauben,
daß wieder einmal, wie schon so Oft in der sozialen und Wirt-
schaftsgeschichte, mit einem bloßen Schlagwort (Mutterschlag-
wort) eine Besserung der tatsächlichen Verhältnisse erzielt werden
könne; nur das rationelle Denken und Handeln sind es, von denen
der Erfolg im Wirtschaften, mithin auch bei der Anwendung dieser
oder jener Rationalisierungsmaßregel abhängt. Denn nicht bloß äußere
Rationalisierung, wie z. B. die Einstellung einer neuen, noch auto-
matischer arbeitenden Maschine oder einer vielgepriesenen Bureau-
maschine oder die organisatorische Beratung allein bringen Erfolg.

Rationalisierung ist im Wesen nichts Neues, nichts anderes als
die neuzeitliche, systematische und allgemeine Anwendung des
altbekannten »wirtschaftlichen Prinzipes«, d. i. die Erzielung
des größtmöglichen und dauernden wirtschaftlichen Erfolges mit dem
geringstmöglichen Aufwand an (toter und lebendiger) Energie. Die
Beseitigung des »Leerlaufes« im technischen Sinne, der » energetische
[mperativ« Wilhelm Ostwalds sind nur konkrete Formulierungen
des »wirtschaftlichen Prinzipes«. Nicht so sehr »die Vermehrung
und Verbilligung« der Produkte, wie dies z. B. das (deutsche)
‚Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit« behauptet, sind Zweck der
Rationalisierung, sondern lediglich deren Begleiterscheinung, etwa auch
deren Folgewirkung. Auch die bessere Befriedigung der Bedürfnisse
ist nicht, wie am angeführten Orte und auch sonst oft gesagt wird,
das Wesen der Rationalisierung; viel eher könnte man ihr als einen
hauptsächlichen Zweck die Verbesserung des persönlichen Arbeits-
verhältnisses, der Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeit-
nehmer, zuschreiben (soziale Rationalisierung), Es ist ferner eine
lückenhafte, einseitige Auffassung der Rationalisierung, wenn man
sie so häufig auf Industrie und Technik beschränkt und dabei
zwar die physiologisch-psychologischen Probleme der (industriellen)
Arbeit miteinbezieht, die soeben erwähnte, weit wichtigere soziale
Seite des Arbeitsverhältnisses aber übersieht.
        <pb n="12" />
        3

Soll die Rationalisierung Erfolg, einzel- und volkswirtschaftlichen
Erfolg bringen, so muß sie alle Zweige der Volkswirtschaft in
gleichem Maße und zu gleicher Zeit erfassen und alle wirtschaft-
lich Tätigen mit gleichem Geiste erfüllen. Die Rationalisierung ist
somit auch zu studieren in ihrer Anwendung auf die Hauswirt-
schaft ebenso wie auf die Landwirtschaft, auf die Produktion ebenso
wie auf den Warenvertrieb und auf die verschiedenen Arten des Ver-
kehrs sowie aut den Güterkreislauf, auf die private Wirtschaft
sbenso wie auf die Staats- und Weltwirtschaft (öffentliche und
internationale Rationalisierung); allen diesen Teilproblemen der
ıaeuen Lehre — man könnte sie etwa Wirtschaftlichkeitslehre
nennen — ist als grundlegender erster Teil die »individuelle
Rationalisierung«, die wirtschaftlichere F ührung des Einzelnen, seine
Erziehung zur Wirtschaftlichkeit und zur wirtschaftlicheren Be-
:ätigung im Berufe, voranzustellen. So aufgefaßt, in diesem uni-
versellen Geiste behandelt, ist die Wirtschaftlichkeitslehre eine
notwendige zeitgemäße Ergänzung und Fortentwicklung der Volks-
wirtschaftslehre und der Volkswirtschaftspolitik. Die neue Lehre
ist — und muß sein — im wesentlichen, trotz aller technischen,
psychologischen und anderweitigen Einschläge und Behelfe, volks-
wirtschaftlich orientiert, eine bewußte Wertbestimmung des
Wirtschaftens, eine Zielsetzung, also im Gegensatze zur »reinen«
der theoretisch-abstrakten sowie zur historischen Volkswirtschafts-
lehre eine neue Fassung des obersten Prinzipes der Volkswirt-
schaftspolitik.

Daß die Volkswirtschaftslehre so lange und so geflissentlich
der Wert- und Zielsetzung aus dem Wege ging, hatte zur Folge,
daß außerhalb ihrer und neben ihr eine ganze Reihe neuer Diszi-
plinen entstanden, die jenem Bedürfnisse nach Systematisch-wissen-
schaftlicher Behandlung und Anwendung des wirtschaftlichen Prin-
zipes entgegenkamen; es sei nur erinnert an die Arbeitswissenschaft,
an die Psychotechnik (angewandte oder soziale Psychologie), an
die Werbewissenschaft, Verkäuferschulung, an die wissenschaftliche
Betriebsführung (scientific management), an die Konjunkturforschung,
an die Betriebswirtschaftslehre, insoweit sie auf Rationalisierung ab-
gestellt ist u.a.m., durchwegs Teildisziplinen der Wirtschaftlichkeits-
lehre, durchwegs Disziplinen, die bewußt dem Zwecke dienen,
über das Tatsächliche der Wirtschaft hinaus besseres, erfolgreicheres
Wirtschaften zu lehren und systematisch anzuwenden im Interesse
        <pb n="13" />
        des einzelnen und der sozialen Gebilde, Disziplinen, die einen
neuen Wertbegriff benützen, der weit ab liegt von dem in der
Volkswirtschaftslehre herkömmlichen Wertbegriffe,

Der Wirtschaftlichkeitslehre darf man keineswegs den Vorwurf
machen, daß sie die Menschen noch weiter von der Wirtschaft,
von dem »Materiellen« abhängig sein lassen oder machen will,
als es bisher der Fall war. Sie ist nichts weniger als bloßer Ma-
terialismus, nichts weniger als, worauf allerdings der Name »Ratio-
nalisierung« deuten würde, nackte Herrschaft der ratio, der Vernunft,
verbunden mit der Vertreibung des Gefühles, des Willens, der Sitte
und des Rechts.
Das Grundmerkmal, von der die Wirtschaftlichkeitslehre ausgeht,
ist die persönliche Tüchtigkeit in der Einzelwirtschaft und im
Berufe, zunächst subjektiv verstanden und erst dann auch im
objektiv-wirtschaftlichen Sinne, in Beziehung auf die Sachen. Dazu
kommt, als zweites grundlegendes Merkmal, das planvolle
Zusammenarbeiten .(co-operation) aller in einem wirtschaftlich-
sozialen Gebilde — Haushalt, Betrieb, öffentliches Gemeinwesen —
also freiwillig, vertragsmäßig oder sonst rechtlich vereinigten Personen,
die starke Betonung der übereinstimmenden Interessen dieser
Gemeinschaftsangehörigen gegenüber ihren — allerdings ebenfalls
realiter vorhandenen — gegensätzlichen Interessen; die neue Lehre
dient daher hohen, sozialethischen, man könnte sagen pazifistischen
Zielen. Denn immer steht für die Wirtschaftlichkeitslehre der Mensch
im Mittelpunkte der Erörterung, nicht äußere Dinge, nicht ver-
schwommene »Verhältnisse«, »Beziehungen« u. dgl., sondern der
wirtschaftende Mensch, der von Bedürfnissen strotzende Mensch;
von ihm gehen aus — zu ihm führen wieder alle Untersuchungen,
für ihn werden Reformgedanken erprobt und in die Praxis übersetzt;
Jie rationellere Produktion und der rationellere Absatz samt Verkehr
sollen vor allem mit immer besserer Versorgung der einzelnen
Menschen verbunden sein.

Die Wirtschaftlichkeitslehre appelliert dabei nicht an die Gesetz-
gebung, sie hält den Zwang von oben oder außen für kein
rationelles Rationalisierungsmittel, sondern vermeint, daß nur durch
unausgesetzte Belehrung und Aufklärung, durch Vorführung praktisch
erprobter besserer Mittel und Methoden des Wirtschaftens die ratio
von immer mehr Wirtschaftsmenschen zu immer größerer Wirtschaft-
lichkeit gebracht werden kann. So aufgefaßt, entspricht die neue
        <pb n="14" />
        zZ

Lehre durchaus dem reinen Sozialismus, aber auch der, religiös
oder national gefärbten Volkswirtschaftslehre, denn sie zielt auf echte
Volksgemeinschaft, auf bestmögliche Betätigung der von Gott dem
Menschen verliehenen Fähigkeiten, auf kooperativen Solidarismus.
Alle Sparten der Wirtschaft — der privaten und Öffentlichen
Wirtschaft — müssen gehoben werden, wirtschaftlicher gestaltet
werden, soll der volle Erfolg für jedes einzelne Gebiet eintreten.
Es ist, im Grunde genommen, irrationell, nur bei einer wirtschaft-
lichen Gruppe, z. B. bei der Industrie oder beim Handel, mit der
Rationalisierung einzusetzen, oder nur in einer Richtung, z. B. im
Technischen oder in der Verrechnung oder Buchung (counting),
die anderen Gruppen und Richtungen aber zu vernachlässigen.
Eine derart vereinzelte Rationalisierung kann sich volks- und
zumeist auch privatwirtschaftlich nicht zur Gänze auswirken, nicht
zu ihrem optimalen Erfolge vordringen; sie ist und bleibt behindert,
unvollkommen. Was nützt es der rationalisierten Industrie, wenn
Landwirtschaft und Haushaltungen noch im Rückstand, also noch
viel zu wenig aufnahmefähig sind? Was nützt der rationalisierte
Warenvertrieb (Verkäuferschulung, Werbekunst usf.), wenn nicht
die Produktion entsprechend rationalisiert, z. B. standardisiert ist?
Und was besagt die Rationalisierung in der privaten Sphäre, wenn
die Öffentliche Wirtschaft rückständig, teuer, schwerfällig ist, wenn
sie daher irrationell viel — zu viel — Mittel aus den privaten
Wirtschaften ausschöpft, ihre Ausgaben nicht nach den volks-
wirtschaftlich zulässigen Einnahmen richtet? Was nützt rationalisierte
Produktion, wenn das Verkehrswesen irrationell, d.h. zu teuer und
zu langsam funktioniert? Und wenn das Geld- und Kreditwesen
irrationell verwaltet wird? Oder wenn der internationale Verkehr
schlecht geregelt ist? Das volkswirtschaftliche Gewebe, reißt es
nur an einer Stelle, wird bald alle Maschen verlieren; und die-
jenigen, welche in ihrem Bereiche eifrigst Wirtschaftlichkeit trieben,
arbeiteten pro nihilo. Ähnliches gilt von partieller Rationalisierung
in den Betrieben: es nützt nichts, nur technisch und nicht auch
organisatorisch und kommerziell wirtschaftlicher zu verfahren,
sondern hier beim gewohnten Alten zu bleiben; ebenso ist erfolg-
reiche Rationalisierung des Betriebes unmöglich, wenn nicht auch
das persönliche Verhältnis der im Betriebe Tätigen »best-
gestaltet« wird, ihrer aller einverständliche Mitarbeit an der Rationali-
sierung nicht gegeben ist (soziale Rationalisierung). Diese Erkenntnis
        <pb n="15" />
        darf uns aber nicht entmutigen; das verstieße gegen den Geist der
Rationalisierung, der ein solcher des realen Optimismus ist; diese
Erkenntnis muß vielmehr dazu führen, mit noch mehr Entschlossen-
heit als bisher, auf allen nur gangbaren Wegen, für die universelle
Rationalisierung einzutreten.

2. Individuelle Rationalisierung.
Mit Recht sagte der Textilindustrielle Dr. Grohmann (Würben-
thal) in einem Bericht über die Rationalisierung seines Betriebes
(Standardisierung), daß man zunächst sich selbst rationalisieren
müsse. Bei objektiver Betrachtung zeigt sich, daß die letzten
elementaren Tatsachen der Volkswirtschaft die dreifache, sich
wechselseitig bedingende Abhängigkeit des wirtschaftenden Menschen
ist, u. zw. von der äußeren Natur, von seiner eigenen Arbeit und
Tüchtigkeit und von der Arbeit anderer Menschen. Der wirtschaft-
liche Erfolg des Einzelnen ist daher abhängig von der bestmöglichen
Benützung dieser drei Wirtschaftsfaktoren; darunter spielt nun die
sigene Tätigkeit zweifellos die größte Rolle. Die äußere Natur, ihre
Schätze und Kräfte zu werten, ist Aufgabe der Technik, desgleichen
die Abwehr der Elementarschäden; die wechselseitige Abhängigkeit
der wirtschaftenden Menschen (sozialer Nexus), die sich in den
sozialen Gebilden und Bindungen (Familie, Volk, »Gesellschaft«,
Staat; Sitte und Recht) offenbart, ist eine positive — das Für- und
Miteinander — und eine negative — das Ohne- und Gegeneinander.
Rationelle Wirtschaftspolitik zielt auf möglichste Stärkung der
positiven gegenüber den negativen sozialen Kräften. Da nun, in
aller Geschichte, der einzelne nur vergesellschaftet (mit andern und
gegen andere) wirtschaften kann, so übt die wirtschaftliche Tätigkeit
des einzelnen deutliche Wirkungen auf die Wirtschaft der anderen,
sein besseres oder schlechteres Wirtschaften gräbt mehr oder
weniger tiefe Spuren in die Wirtschaft der anderen. Bekanntlich
gibt es vielerlei Theorien über den »sozialen Nexus«, radikal-
axtrem, historisch-revolutionär, ethisch-religiös gerichtete; das eine
aber sollte man endlich und endgültig zugeben: das Individuum ist das
Grundlegende, das Primäre, nicht ein fiktiv-mystisches Kollektivum
(Gesellschaft, Staat u. dgl.), denn die Güte einer Volkswirtschaft,
als Ganzes fingiert, die Macht und der politische Einfluß eines Staates
hängen im wesentlichen von der Güte der Einzelwirtschaften ab
        <pb n="16" />
        im privaten und erwerbswirtschaftlichen Bereiche). Dies ist nicht
»Individualismus«, individualistischer Liberalismus, sozialer Atomismus
der wie man sonst diese Auffassung stigmatisieren will; es ist
vielmehr der getreue Ausdruck der tatsächlichen Zustände und es
entspricht auch der national oder religiös indizierten Volkswirtschafts-
lehre, indem man den einzelnen im Volke an seiney nationale Pflicht
gemahnt, sein Bestes an die Entwicklung seine Fähigkeiten zu
setzen oder, anders ausgedrückt, die ihm von Gott verliehenen Gaben
werktätig zu gebrauchen; der Einzelne soll sich nicht zu viel auf
die anderen, auf anderes, auf Hilfe von außen oder von oben ver-
lassen, sondern zunächst selbst Hand anlegen, denn: fortuna fortes
adjuvat, jeder ist seines Glückes Schmied, nicht, wie oft von
schwachen Geistern behauptet wird, der Zufall, das Geschick, die
Umstände, die Verhältnisse, diese oder jene Einrichtungen —
lauter außermenschliche Instanzen, an die der schwache Mensch
nur allzu gerne rekurriert. Er übersieht zu oft, daß Mißgeschick
in der Regel eine Funktion des — Ungeschickes und nicht des
Schicksals ist — »wie sich Verdienst und Glück verketten, das
fällt den Toren niemals ein!« (Goethe). »Ich bin immer vom Miß-
geschick verfolgt« — wer so spricht, bekennt, daß er sich selbst
verfolgt, sein eigener Feind ist... So mancher modern Denkende
hat nicht bloß das ora!, sondern auch das labora! vergessen —
ar arbeitet zu wenig, zu wenig tüchtig.

Die Qualität der Einzelwirtschaft ist wieder bedingt durch die
eigenen physisch-psychischen und _charakterologischen Voraus-
setzungen, unter denen der Einzelne zu wirtschaften imstande ist.
Ein tüchtiger Mensch meistert auch schwierige »Verhältnisse« und
wird sich auch wirtschaftlich behaupten, es vorwärtsbringen und
die Gebote rationellen Wirtschaftens immer besser befolgen. Von
diesen Betrachtungen ist auszugehen, wenn man die Aussichten der
Rationalisierung im Erwerbsleben richtig beurteilen und die Schwierig-
keiten begreifen will, die einer wirtschaftlichen Höherentwicklung
einer Volkswirtschaft entgegenstehen. Denn wie einer bei sich
zu Hause wirtschaftlich denkt und handelt, so wird er wahr-
scheinlich auch in seinem Berufe denken und handeln, seine
individuellen Mängel und Fehler wird er nicht leicht abstreifen
können, wenn er draußen, in der scharfen Luft oft rücksichtslosen
amtlichen oder geschäftlichen Wettbewerbes, tätig ist und sich be-
haupten soll — ebenso wie individuelle Vorzüge sich auch in der
        <pb n="17" />
        3
beruflichen Tätigkeit zu äußern pflegen. Zur erfolgreichen‘ Durch-
führung der Rationalisierung in den Betrieben einer Volkswirtschaft
ist es daher unerläßlich, auch die einzelnen Mitglieder dieser Volks-
wirtschaft zur Wirtschaftlichkeit zu erziehen, sie möglichst tüchtig
und arbeitsam zu machen.

Es handelt sich hiebei offenbar um wichtige, bisher allzu selten
beachtete Aufgaben der Erziehung im Elternhaus und in der Schule,
Aufgaben, die gerade für Völker, die einen durchschnittlich weniger
starken Charakter haben, von großer nationaler Wichtigkeit sind,
um nicht wirtschaftlich immer mehr hinter Völkern zurückzubleiben,
die mit größerer Tüchtigkeit in economicis begabt sind und gegen
welche man sich vergebens auf ideale Güter, Qualitätsarbeit versus
Massenproduktion u. ä. berufen mag.

Auf welche Fehler der Persönlichkeit kommt es nun bei diesem
Erziehungswerk an? Diese Fehler sind vor allem: schwacher Wille,
Leichtlebigkeit, nicht genügende Regsamkeit des Geistes, allzu
stark ausgebildetes Beharrungsvermögen (vis inertiae, quieta non
movere, Traditionswerte. ..). Gegen diese Fehler ist nicht leicht
anzukämpfen. Die Ursachen des psychisch-rationellen Versagens
liegen zum Teil in einer ungünstigen Veranlagung, zum Teil in den un-
günstigen Einwirkungen der Umwelt. Dementsprechend sind vom
Erzieher oder Lehrer auch die Mittel zu wählen, um den jungen
Menschen zu größerer Wirtschaftlichkeit, zu einer der Rationali-
sierung mehr entsprechenden Lebensführung zu erziehen. Es ist
ein psychisch-ethisches Training notwendig, ein Vorzeigen guter,
nachahmungswerter Beispiele, unter Umständen eine‘ Verpflanzung
des Zöglings in eine andere, d. h. günstigere Umwelt. Jedenfalls
sollte schon in den Elementarschulen regelmäßig Unterweisung in
Wirtschaftlichkeit, selbstverständlich angepaßt der kindlichen Psyche
stattfinden, u. zwar in eigenen Lehrstunden und gelegentlich des
übrigen Unterrichtes. Aufgabe der Unterrichtspolitik ist es daher,
nicht bloß für die körperliche Ertüchtigung der Jugend zu sorgen,
nicht bloß einen bestimmten Wissensstoff zu übermitteln, sondern
auch wirtschaftlich tüchtige Staatsbürger heranzubilden, das »mensch-
liche Kapital« des Staates oder Volkes möglichst ertragreich zu
gestalten.
Es sollen nun einige wichtigere Charaktereigenschaften besprochen
werden, auf die es bei dieser Erziehung zur Wirtschaftlichkeit
besonders ankommt.
        <pb n="18" />
        Q

Alle Kenner der Pädagogik bestätigen, daß normal gesunde
Kinder einen starken Geltungs- und Betätigungstrieb zeigen;
dieser darf nicht unnötigerweise unterbunden werden, weil sich
sonst leicht ein Minderwertigkeitsgefühl einstellt, das dem Menschen
auf seinem späteren Lebenswege schwere Nachteile bringen kann,
auch vom Standpunkte der Wirtschaftlichkeitsidee. — Jene Kinder,
die schwachen Willen zeigen, müssen zu größerer Entschlußkraft
befähigt werden, sie müssen dazu angehalten werden, mehr »aus
sich herauszutreten«, sich mehr zur Geltung zu bringen, Eigen-
schaften, auf die es im wirtschaftlichen Leben, wie bekannt, So sehr
ankommt.

Viele Kinder scheinen mit Gedankenlosigkeit oder Zerstreut-
heit geradezu erblich belastet zu sein oder mit großer Vergeßlich-
keit. Hiegegen anzukämpfen, ist eine Hauptaufgabe des Wirtschaft-
lichkeitslehrers, Er muß seine Schüler anleiten, daß sie imstande
sind, ihre Gedanken zu »sammeln«, bei jeder Verrichtung oder Arbeit
aur an das zu Tuende zu denken (»bei der Sache bleiben«). Wie-
viel Zeit gewinnt man dadurch! Wieviel unnütze Arbeit erspart
man dadurch! Hier ist sogar die charakterologische Keimzelle der
vielgenannten »Fließarbeit« (nicht zu verwechseln mit dem bloßen
Fließband, s. später) gegeben, u. zw. im Zusammenhang mit einer
anderen, rationaliter höchst wertvollen Eigenschaft: dem Ordnungs-
sinn. Gedankenlosigkeit, Zerstreutheit sind die Ursache oft bedeuten-
der wirtschaftlicher Nachteile. Hier nur einige wenige Beispiele aus
dem Alltage: Tierquälerei; das Beschädigen der Kulturen auf Aus-
Nügen; das Wegwerfen von Obstschalen und -kernen auf der Straße,
was zu ernsten Unfällen führen kann; das Lösen eines Fahrscheines
bei jedesmaliger Benützung der Straßen- oder Stadtbahn — statt
Vorverkaufskarten zu verwenden (Vorbild des — rationellen — bar-
geldlosen Zahlungsverkehrs); das achtlose Liegenlassen von leeren
Konservenbüchsen, von Knochen usf. auf Touren — weidende
Tiere, welche derartige Überbleibsel verschluckten, sind daran zu-
grunde gegangen. Aber nicht bloß die negative Eigenschaft der Ge-
dankenlosigkeit (Zerstreutheit) ist zu bekämpfen, sondern auch die
positive Eigenschaft der Geistesgegenwart zu entwickeln und zu
stärken. Diese höchst wertvolle Eigenschaft erspart dem Menschen
viele (wirtschaftliche) Verluste und Schäden, die unbedingt vermieden
werden können, also nur irrationaliter eintreten, nicht eintreten müssen.
Geistesgegenwart bietet oft das einzige taugliche Mittel der Rettung
        <pb n="19" />
        10

oder Bewahrung vor Schaden; sagt doch Goethe: »Viel Rettungs-
mittel bietest du, was heißt’s? Die beste Rettung: Gegenwart des
Geist’s!«

Jede Arbeit gedeiht, bringt Erfolg, wenn der Mensch dabei nur
an sie und an sonst nichts denkt, insbesondere nicht schon an eine
künftige Arbeit oder an ein späteres Vergnügen. Auch hier haben wir
aine Keimzelle der Rationalisierung im Betriebe, der mechanischen
oder der Bureauarbeit, vor uns.

Nun zum Ordnungssinn, wohl dem Königsmerkmale rationellen
Wirtschaftens. Alle Behelfe der Arbeit sind stets auf dem gleichen
Platz aufzubewahren; alle seine »sieben Sachen« soll der Mensch
»in Ordnung halten«; vor Beginn einer Arbeit oder Verrichtung soll
er alle notwendigen Behelfe in bequemster Anordnung, leicht » greifbar «
zurechtlegen. Handelt er anders — wieviel überflüssige Zeit ver-
trödelt er mit dem lästigen Suchen! Wieviel kleine Dinge werden
dann verlegt, gehen verloren! Wieviel Gänge müssen wiederholt
werden! Darüber versäumt man sogar die Zeit zum Beginn der
beruflichen Arbeit, zu der man überdies verärgert, nicht gesammelt,
also weniger gut disponiert, antritt. Verlegte oder verlorene Gebrauchs-
gegenstände sind neu anzuschaffen — ein weiterer wirtschaftlicher
Schaden! Es widerstreitet auch dem Ordnungsgebote, zwei oder gar
mehrere Arbeiten gleichzeitig zu verrichten: es ist dies eine durch-
aus falsche Zeitersparnis, weil man doch längere Zeit benötigt, um
fertig zu werden, überdies werden beide Arbeiten schlechter aus-
Fallen, als wenn sie jede für sich, aber mit voller Aufmerksamkeit,
yetan würden.
Sehr geringen Ordnungssinn zeigt es, wenn jemand immer
wieder klagend ausruft: »Ich hab’ keine Zeit dazu!« Oder: »Die
Zeit verrinnt unglaublich schnell!« »Man sollte vier Hände haben!«
Diese und ähnliche Ausrufe sind unbewußte testimonia paupertatis,
sind Einbekenntnisse, daß der Bedauernswerte es nicht gelernt hat,
seine Zeit rationell einzuteilen und ordnungsgemäß zu gebrauchen.

Ordnungsliebe darf allerdings nicht übertrieben werden. Sonst
wird man leicht Pedant, schwerfällig und gereicht seinen Neben-
menschen zum Mißvergnügen. Vor allem soll die Frau als »Haus-
frau« mit Ordnungs- und Reinigungssinn nicht zu weit gehen.
Erzeugt ein Ordnungs- oder Reinlichkeitsfanatiker bei den anderen
Unmut und Unbehagen, so wird er deren Widerstand entfesseln
oder sie aus dem Hause treiben — also vielleicht größere wirt-
        <pb n="20" />
        L1

schaftliche Schäden stiften, als er glaubt, vermieden zu haben. Über-
haupt darf man nicht meinen, daß Rationalisierung nur vernunft-
gemäßes Handeln und nichts anderes bedeute. Auf die feinen
psychischen Obertöne rationellen Handelns ist sehr wohl zu achten
— nicht bloß in der individuellen Sphäre, sondern erst recht in der
Betriebsrationalisierang, was später im Abschnitt über »soziale Ra-
tionalisierung« näher dargestellt werden soll.

Zwei höchst wertvolle Eigenschaften des Menschen sind hier
noch zu erwähnen: die Kunst, sich zu beherrschen, und das
Vermeiden ungünstigen, nachteiligen Verhaltens gegenüber
anderen. Scheinbar schon in das Gebiet der Ethik gehörend, haben
diese Eigenschaften aber auch sehr hohen praktischen Wert.
Schon der junge Mensch lerne, sich zu beherrschen; er wird dieser
Kunst viele Erfolge im Leben verdanken und durch sie noch weit
mehr Nachteile vermeiden können. Wenn man z. B. irgendwelche
Dinge verlegt und lange Zeit vergeblich gesucht hat, gerät man
leicht in Zorn, äußert diesen den Nebenmenschen (Hausgenossen)
gegenüber, schließlich zerbricht oder zerschlägt man in der Wut
einen oft recht wertvollen Gegenstand, dem man überdies — ganz
mit Unrecht — ein schmähendes Epitheton beilegt. Wie irrationell!

Viel weitere Verbreitung hat die Sucht gefunden, anderen
Schlechtes nachzusagen, ja sie zu verleumden. Dies geschieht oft
nicht aus schlechten Motiven, sondern aus purer Gedankenlosigkeit,
aus Geschwätzigkeit. Was man Nachteiliges über einen anderen ge-
nört, wird, ohne jede Nachprüfung, weitererzählt, manches Mal nur,
um sich interessant zu machen. Und die Fama wächst blitzesschnelle
ins Riesenhafte. Schwere berufliche oder wirtschaftliche Schäden
des Objektes der Rederei, aber auch des Verleumders selbst sind
die naturgemäßen Folgen; der Beleidigte oder Gekränkte wird nur
selten versäumen, von dem heiligen Rechte der Rache Gebrauch
zu machen. »Das Echo, horcht! — erwidert: Rache!« Dante ver-
vannt mit gutem Grunde die Verleumder, namentlich diejenigen,
welche sich Freunde oder Verwandte zum Opfer auserkoren, in
zinen der tiefsten Höllenkreise. Und versöhnt man sich, so bleibt
doch immer etwas hängen. Ist es nun nicht die leerste aller Zeit-
vergeudungen, über andere, ohne rechtlich-sittlichen Zwang,
schlecht zu reden, selbst wenn das Weitererzählte auf Wahrheit
beruht? Das gleiche gilt vom Wiederholen dessen, was andere
Schwätzer über jemanden erzählt haben. Es gibt aber leider viele
        <pb n="21" />
        2

Thersites-Naturen, von denen Goethe sagt: »Doch wo was Rühm-
liches gelingt, es mich sogleich in Harnisch bringt.« Denn diese
Leute können es nicht ertragen, wenn man vor ihnen über einen
anderen Günstiges mitteilt — dieser andere muß irgendwie geschmäht,
sein Verdienst kleiner gemacht werden. Aus den Schmähungen ent-
stehen zahllose wirtschaftliche Nachteile, oft auch für den Schmäher
z. B. das Nichtzustandekommen einer günstigen geschäftlichen Ver-
bindung oder Zeit, Geld und Ärger kostende Prozesse — durchaus
Zeichen ausgesprochener Irrationalität. Man sollte glauben, daß dem
Menschen nichts leichter fallen müßte, als Güte zu zeigen, ge-
fällig zu sein. Es ist leicht und erleichtert das menschliche Zusammen-
leben, ist daher ein wichtiges Expediens der Rationalisierung. »Wer
Gutes will, der sei erst gut!« Schon beim Kinde ist mit der Er-
ziehung zum Wohlwollen, zur Güte, zur Gerechtigkeit zu be-
ginnen; das sind die unsterblichen Grundideen aller Moralsysteme,
aus welchem Ursprunge man auch die Moral sonst ableiten mag.
Und hier berührt sich Moral mit Wirtschaftlichkeit, hier zeigt sich
klar, daß die Wirtschaftlichkeitsidee auch ethischen Inhalt in sich
birgt — tüchtigere und bessere Menschen züchten, ist die Losung...

Zur hier verlangten Stärkung des Willens und Charakters ist noch-
mals zu sagen: Gerade wie einer den Widerwärtigkeiten des Lebens
zu begegnen weiß, ist zum guten Teil seine eigene Sache. Es ist
gefährlich für den wirtschaftlichen Erfolg, wenn man sich allzu-
sehr auf andere verläßt oder auf. ein mystisches Eingreifen von
außen wartet, irgend welcher höherer Instanzen, nach Art des orientali-
schen Fatalismus. »Hilf dir selbst, dann wird dir Gott helfen«, sagt
sogar das religiöse Wort. Wir wiederholen es: Es ist sittlich-reli-
ziöses Gebot, seine Fähigkeiten bestmöglich zu entfalten, Kenntnisse
zu erwerben, Fleiß autzuwenden. Wir wiederholen ferner: Mit dieser
Denk- und Handlungsart nützt man auch am meisten seinem Volke
oder seiner sozialen Gruppe.

Nun hört man oft die Äußerung: Im Wirtschaften wird jeder
Mensch vom Eigennutz beherrscht, vom self-interest, daher die
Rücksichtslosigkeit gegen Kollegen oder Konkurrenten. Und doch:
bei näherem Zusehen ergibt sich, daß die Menschen eigentlich nur
so tun, als ob sie im eigenen Interesse handelten. Allerdings ist
richtig, daß positive Opfer für andere oder auch nur die volle
Erfüllung der Pflichten gegen andere selten anzutreffen sind, der
rein negative Egoismus ist stark verbreitet, was sehr oft zu nam-
        <pb n="22" />
        13

haften Schäden beider Teile führt, also im Grunde genommen nicht
rationell genannt werden kann. Aber der Egoismus im positiven
Sinne ist ebenso häufig nur ein scheinbarer, d. h. die Menschen
handeln in der Regel durchaus nicht so »rationell« auch in ihren
aigenen Wirtschaften, wie man annehmen müßte. Von den zahlreichen
Fehlern und Mängeln charakterologischer Art war schon die Rede.
Dazu kommen die vielen Exzesse im Genusse von Speise und
Trank und von Rauschgiften; die Menschen machen sich geradezu
selbst krank, was ihnen und dem Staate (d. h. den anderen) viele
und große, sehr irrationelle Auslagen bereitet. Viele Menschen lernen
zu wenig und kommen im Leben nicht recht voran, weil sie zu
wenig kennen und können; tüchtigere Leute werden ihnen vor-
gezogen — handeln diese Menschen im eigentlichen Sinne des
Wortes »egoistisch«? Sie handeln vielmehr, allerdings unbewußt,
altruistisch, im Interesse anderer, sehen aber ihre eigene Schuld
nicht ein, sondern schieben sie anderen zu. Auch über diese Zu-
sammenhänge sollte im Unterricht über Wirtschaftlichkeit gesprochen
werden.
Das soeben Gesagte gilt nun auch von dem Wirtschaftlichkeits-
index katexochen, von der Verwendung des Einkommens.
Das ist wohl eine der wichtigsten Fragen im Training für indivi-
duelle Rationalisierung. In der Volkswirtschaftslehre wurde diese
Frage bisher ziemlich vernachlässigt, ebenso wie die Lehre vom
Konsum. Manche Nationalökonomen lehren sogar, daß beim Ver-
brauche der Güter die Wirtschaft eigentlich aufhöre; vom Einkommen
interessiert sie nur dessen Bildung und Verteilung (Zurechnung).
Um so mehr befaßte man sich mit dem Werte (eines Gutes), aber
nicht auch mit der sehr großen Verschiedenheit des Wertes, je
nachdem ein Ding oder das Geld in die Hände eines rationellen
Wirtschafters oder eines Geizhalses, eines Verschwenders oder
sonst eines irrationellen Wirtschafters gelangt. Der rationelle Wirt-
schafter wird trachten, selbst wenn das Einkommen gering ist,
damit »auszukommen«, es sich »einzuteilen« und, wenn auch ge-
ringfügige, Ersparnisse zu machen. Die Volkswirtschaftlehre bedarf
auch in dieser Hinsicht einer Ergänzung durch die Wirtschaftlichkeits-
lehre: neben die herkömmliche Lehre vom Einkommen gehört eine
solche vom »Auskommen«. Die Ersparnisse sind notwendig, um
unvorhergesehene Ausgaben bestreiten zu können. Diese rationelle
Einkommensverwendung besagt natürlich nicht, daß jeder Wirtschafter
        <pb n="23" />
        14

nicht mit allen rechtlichen und anständigen Mitteln, vor allem mit
seiner Tüchtigkeit, dahin streben soll, sein Einkommen ständig zu
vergrößern.

Es war von Verschwendung und Geiz, als den zwei Extremen
irrationeller Verwendung des Einkommens, die Rede; mit diesem
Begriffspaar darf man nicht ein anderes, Komfort und Sparsam-
keit, verwechseln; diese beiden Arten der Einkommensverwendung
sind durchaus rationell.

Die rationelle Verwendung des Einkommens erfordert jedenfalls,
daß die Ausgaben sich jeweils nach der Höhe der Einnahmen zu
richten haben (ein Grundsatz, der auch — im Gegensatze zu den
gebräuchlichen Lehren der Finanzwissenschaft — vom Staate gilt;
s. später » öffentliche Rationalisierung«). Aus diesem Grundsatze folgt
das Gebot, solange und soweit als nur möglich Personalschulden
zu vermeiden (die nicht mit gerechtfertigten Krediten im Erwerbs-
leben zu verwechseln sind), denn der Einzelwirtschafter gerät dann
leicht auf eine schiefe Bahn und in.die Hände offener oder ver-
steckter Wucherer, das Irrationellste auf dem Gebiete der privaten
Wirtschaftsführung, das man sich vorstellen kann. Wohl aber ist die
Anschaffung eines Gutes gegen Ratenzahlung nicht unbedingt ab-
zulehnen (neuartige Konsumfinanzierung), vorausgesetzt, daß es ein
wirklich benötigter Gegenstand ist, dessen Gebrauchsdauer mindestens
so lange ist als der Zeitraum der Zahlungen, und daß die einzelnen
Raten mit den innerhalb des gleichen Zahlungstermines anfallenden
Einkommen in gesundem Verhältnisse stehen.

Ein Wort ist noch zu sagen über die Notwendigkeit, ein Mindest-
maß von rechtlichen und technologischen (Waren-)Kennt-
nissen zu besitzen, wenn man als Einzelwirtschafter rationell in
der Verwendung des Einkommens vorgehen soll. Rechtliche Kennt-
nisse benötigt man z. B., wenn man Zahlungen leistet und darüber
eine Urkunde ausgestellt wird; technologische Kenntnisse benötigt
man heutzutage deshalb, weil so vielerlei und so rasch wechselnde
Waren, und dazu oft in sehr aufdringlich-geschickter Art, angeboten
werden; ferner zur Entscheidung der Frage, ob man z. B. gute, aber
teure oder billigere, aber minderwertige Stoffe kaufen soll, ob eine
Reparatur noch lohnend ist und vieles andere mehr. Jedenfalls ist es,
wie es jetzt eine eigene Verkäuferschulung (s. später) gibt, auch an
der Zeit, die Käufer zu schulen: wieder ein Thema für den Unter-
richt in Wirtschaftlichkeit.
        <pb n="24" />
        15

Zur rationellen Verwendung des Einkommens gehört es schließ-
iich, mit all den gekauften und benützten Gegenständen sorgsam,
pfleglich, sachgemäß umzugehen — ihre Amortisation nicht
vorzeitig, d. h. vor der technisch und gebrauchsgemäß natürlichen
Abnützungszeit, eintreten zu lassen. Achtung vor dem Material,
auch vor unscheinbaren, unwichtigen Gegenständen, schon dem
Kinde einzuprägen, gehört somit ebenfalls zum Lehrprogramme des
Wirtschaftlichkeitskurses.

Zuletzt, aber nicht zumindest sei daran erinnert, was den ameri-
kanischen Wirtschafter charakterisiert und so sehr zu seinen Erfolgen
beiträgt und was sehr wohl auch dem europäischen Wirtschafter
vonnöten ist, ohne deshalb eine wahllose Annahme amerikanischer
Sitten und Gebräuche zu empfehlen. Wir meinen zunächst den
gesunden Optimismus, den Glauben an den Erfolg, an die eigene
Leistungsfähigheit, das Vertrauen in die eigene Tüchtigkeit; einer
Art Rationalisierungs-Coueismus bedürfen gerade jene Völker und
jene Leute in Europa, die den Hang zum Pessimismus, eine Ver-
xleinerungssucht, einen Klagefanatismus zeigen (durchwegs sehr
irrationelle Charaktereigenschaften!). Ist man im Berufe verärgert,
blieb irgend ein erhoffter Erfolg aus — man arbeite mit erneuter
Kraft und lasse sich ja nicht bange machen! Kopf hoch! Zuversicht
verleiht Schaffensfreude und ermöglicht doch Erfolg. »Zuversicht
strafft den Körper wie ein wunderbares Fluidum und hellt den Geist
auf.« Persönlicher, namentlich wirtschaftlicher Erfolg ist, wie mehr-
mals betont wurde, keine bloße »Glückssache«, sondern die Wirkung
einer planmäßigen Vorbereitung, die man ebenso rationalisieren kann
wie die bloße Herstellung und den Verkauf von toten Waren. Mit
neuer Zuversicht erfüllt, gehe man ans Werk, arbeite wieder in
seinem Berufe und man muß Erfolg haben; dieser wird aber aus-
aleiben, wenn man im Berufe verdrießlich, mürrischen Blickes, ein
Gegenstand des Ärgers auch für die anderen, bleibt; man wird Fehler
und Mißgriffe begehen und Mißerfolg haben. Keep smiling! sagt
der Amerikaner (vgl. den Vortrag des Ing. Hersley im Wiener
»Amerika-Ausschuß«, Oktober 1925). Diese psychische Einstellung,
liese positive Autosuggestion ist eines der wertvollsten Mittel. um
»wirtschaftlich« zu wirtschaften.

Damit schließt dieses kurze Vademekum der individuellen Ratio-
nalisierung, das etwa ein Abriß wirtschaftlicher Lebensweisheit
sein wollte; möge es mehr beherzigt werden als die vielen und so
        <pb n="25" />
        16

schönen Aphorismen zur ethischen Lebensweisheit! Wenn wir die
Rationalisierung in diesem Sinne auffassen, werden wir unmöglich
der Meinung sein können, sie schädige die Kultur, sie entseele
die Arbeit (wie z. B. kürzlich Prof. W. v. Dyck, Berliner Illustrierte
Zeitung Nr. 3, 1928, oder Oskar Schmitz in einem Wiener Vortrage
am 25. Januar 1928 behaupten); im Gegenteile: die Rationalisierung
wirkt veredelnd auf den Menschen und seine Arbeit, sie lehrt ihn
Ordnung und will jene unbedingt schädlichen Eigenschaften des
Menschen bekämpfen, die, wie Gedankenlosigkeit, Faulheit, Unordnung
sine — auch vom Standpunkte der Kultur und Ethik — geradezu
strafbare Verschwendung von Zeit, Arbeit und Kosten darstellen.
3. Rationelle Hauswirtschaft. ;
Es ist kein Wunder, sondern nur Folgerichtigkeit, daß die Ratio-
nalisierungsidee, nachdem sie zuerst in der Industrie und im Handel
Einzug gehalten, sich auch der ältesten und am meisten verbreiteten
Arbeitsgemeinschaft der Menschen, des familialen Haushaltes, be-
mächtigte. Auch hier kam der Anstoß von Amerika und wurde
selbst in so konservativen und auf Individualität und Qualitäts-
arbeit abgestellten Ländern wie Frankreich (wo die rationelle Haus-
wirtschaft »Taylorisme chez soi« heißt) und Österreich willig auf-
genommen ... Zum Erfolge der Rationalisierung in der höheren
und breiteren Sphäre des Erwerbslebens ist es aber, worüber schon
in der Einleitung gehandelt wurde, unerläßlich, daß wie die Einzel-
wirtschaft auch die Hauswirtschaft rationeller gestaltet werde, sind
loch die Haushalte die eigentliche reale Grundlage der »Volks«-
wirtschaft, vollzieht sich doch in den Hauswirtschaften täglich und
stündlich unausgesetzt jene Bedürfnisbefriedigung, von der in den
Lehrbüchern der Nationalökonomie zwar als von dem Ziele des
Wirtschaftens gesprochen wird, die aber fast gar nicht weiter unter-
sucht zu werden pflegt — hört ja die Wirtschaft mit dem Ver-
brauche auf (s. oben). Die Art und Güte dieses hauswirtschaftlichen
Güterkonsums ist aber von entscheidender Bedeutung für das Ge-
deihen der Volkswirtschaft, ja der Staatswirtschaft, bestimmt Rich-
tung und Blüte der Produktion und des Verkehres — rationelle
Hauswirtschaft muß daher als eine der ersten Forderungen moderner
Wirtschaftspolitik gelten.
Daß man sich heutzutage mit allem Interesse der Verbesserung
der Hauswirtschaft und in ihr der so ungemein wichtigen Tätigkeit
        <pb n="26" />
        17

der Hausfrau widmet, während früher von dieser Arbeit oft nicht
sehr respektvoll gesprochen wurde, hat seine tiefere Ursache in
den Kriegs- und Nachkriegserscheinungen, in der »Hungerblockade«,
die über die Mittelmächte verhängt wurde (von der Lloyd George
sagte: The blocade was one of the most efficient weapons of the
war... ), in der furchtbar würgenden Not an Lebensmitteln und
Rohstoffen; die Not, die stärker ist als Gesetze, auch als alt-
angesehene »wirtschaftliche Gesetze«, zwang uns, umzulernen, trieb
Lehre und Politik an, sich mit physiologischen Ernährungsfragen
(wir erinnern an die Kalorientheorie, an das Nemsystem u. a.) und
mit den »Konsumenteninteressen« zu befassen, in welcher Hinsicht
als äußerlich oberste Krönung des Werkes die Errichtung eigener
Ernährungsministerien gelten darf; eigene Konsumentenorganisationen
entstanden, neben dem bisher allein maßgebenden Produzenten-
interesse mußte in der Wirtschafts- und Handelspolitik auch das
der Konsumenten beachtet werden, die Hausfrauenprobleme
wurden immer eifriger erörtert und darauf bezügliche Maßregeln in
Angriff genommen.

Zur Zeit der heftigen Kämpfe um die Frauenemanzipation
war der Hausfrauenberuf weniger geachtet; die Frauen drängten in
alle männlichen Berufe, forderten und erreichten auch, fast in allen
Ländern, die Gleichberechtigung, selbst das politische Wahlrecht.
Nun trat aber eine merkwürdige re-actio, allerdings im Zeichen der
erwähnten wirtschaftlichen Not, ein: die hauswirtschaftliche Tätigkeit,
der Beruf der Hausfrau gelangte wieder zu Ehren, ihre große volks-
wirtschaftliche, aber auch bevölkerungspolitische und soziale Be-
deutung wurde immer mehr erkannt und anerkannt. Parlamente und
Regierungen befaßten sich mit diesen Fragen, vielerlei Fachschulen
und berufliche Vereine entstanden, und Literatur über Literatur ergoß
das Füllhorn ihrer (oft nicht allzu hohen) Weisheit auf Leser und
Leserinnen. Da ist es nur selbstverständlich, daß auch der neue
Rationalisierungsgedanke in das weite Reich der Hauswirtschaft und
der Frauenarbeit eindrang.

Die Hauswirtschaft ist eines der wichtigsten Quellgebiete der
Rationalisierung. Schon der gute alte Sprachgebrauch beweist dies:
für rationelles Wirtschaften sagt man »haushälterisch«, d. h.
wie in einem gut oder wirtschaftlich geführten Haushalte zu Werke
gehen. Empirisch, in groben Zügen, haben allerdings die Menschen
auch schon bisher — sie sind in ihrer Masse doch nicht so eng-
Kobatsch; Wirtschaftlichkeitslehre.
        <pb n="27" />
        5)

stirnig, wie Menschenverächter oft annehmen — erkannt und
danach gestrebt, ihre eigene, bzw. Hauswirtschaft immer besser
zu gestalten, und die deutsche Hausfrau hat nicht mit Unrech}
als ein Muster der Wirtschaftlichkeit gegolten. Nur daß jetzt syste-
matisch, wissenschaftlich, durch Versuch, analytische Studien, die
besten Methoden und ‚Arbeitsweisen erforscht und durch Belehrung
Ausstellungen, Propaganda u. a. anempfohlen werden. Aber auch
hier gilt der Satz: Die bloßen Sachen sind von den zumeist ziem-
lich irrationellen Menschen zu unterscheiden, denn die erfolgreiche
Rationalisierung des Haushaltes ist nicht bloß »Technik im Haus-
halt«, sondern auch, u. zw. entscheidend, der rationelle Geist der im
Haushalte tätigen Menschen, insbesonders der Frauen. (Vgl. Dr. Erna
Mayer, Der Neue Haushalt, Wien, 1927.)

Was sind nun die wichtigsten Merkmale einer rationellen
Hauswirtschaft? 1. Keine Verschwendung an Zeit, Arbeit und
Geld. 2. Arbeiten, die ohne wirtschaftlichen Schaden, d. h. ebenso
gut, ja besser und billiger, von der Maschine oder außer Hause
getan werden können, Sollen nicht aus bloßer alter Gewohnheit
doch mit der Hand, bezw. zu Hause verrichtet werden. Daher 3.
Man verwende gute, erprobte, Zeit und Arbeit sparende Behelfe;
aber auch 4. man sorge für eine rationelle Einteilung der Arbeiten
(richtige »Organisation«). 5. Der rationelle Geist im Haushalt soll
sich auch auf dem sozialen Gebiete bewähren: die Dienstgeberin
erblicke in der Hausgehilfin einen gleichberechtigten Mitmenschen,
die Hausgehilfin sei arbeitsam und pflichtbewußt, im Rahmen der
Gesundheit und der naturgemäßen persönlichen Freiheit, sie Sei
nicht generell in Opposition (vgl. das Wiener Fachblatt »Die Un-
zufriedene«), vielmehr soll es auch in diesem kleinsten »Betriebe«
zu verständnisvoller Kooperation kommen.

Zu diesen Punkten wäre noch ‚folgendes zu sagen. Das Be-
streben an Zeit und Geld zu sparen, darf nicht übertrieben werden,
nicht in Knauserei und Geiz ausarten, nicht zu einem kurzsichtigen
»Zusammenkratzen« jedes Groschens werden; das verekelt den
Hausgenossen das Dasein im Hause, treibt sie in Gast- oder Kaffee-
häuser, hat also schwere ideelle und wirtschaftliche Nachteile. Aber
in den Alltagsarbeiten läßt sich vernünftigerweise viel sparen,
viel Unwirtschaftliches ausmerzen. Einige Beispiele dafür. Abfälle
sollen nicht überlange Zeit hindurch angehäuft werden; das erzeugt
Staub, Ungeziefer und nimmt Platz weg. Man trage nicht zu große
        <pb n="28" />
        19
Lasten auf einmal und gehe lieber zweimal, sonst entsteht leicht
die Gefahr des Stolperns, Anstoßens, Fallens und Zerbrechens. Man
mache nicht eine halbstündige Straßenbahnfahrt, um zu einer
‚angeblich) billigeren (auch besseren?) Einkaufsquelle zu gelangen
— das ist doppelter Verlust: des Fahrgeldes und der Zeit. Jeden
Gebrauchsgegenstand (Schlüssel, Reinigungsbehelfe usf.) gebe
man nach Gebrauch zwangsläufig wieder auf seinen bestimmten
Platz; dann wird man keine nützliche Zeit auf höchst unnütze
Sucherei vergeuden. Vor und bei jeder, auch der unbedeutendsten
Arbeit sammle man seine Gedanken, habe alle notwendigen Be-
helfe zur Stelle, in bequem erreichbarer Nähe und richtiger Anord-
nung (Arbeits- Vorbereitung); man wolle nicht zwei oder gar
drei Arbeiten — aus falscher Zeitökonomie — gleichzeitig verrichten,
z. B. Kochen und Romane lesen oder in einem klassischen Konzerte
Strümpfe stricken. Vor dem Gange in die Geschäfte, um »einzu-
kaufen«, überlege man ruhig, was alles benötigt wird, um Zzwei-
der gar dreimaliges Ausgehen zu vermeiden. Eine gute Versiche-
rung gegen Feuer, Einbruch und Unfall liegt ebenfalls im Auf-
zabenkreise einer rationellen Führung des Haushaltes.

In der neueren Zeit finden immer mehr technische Behelfe
des Haushaltes Anwendung, die jedenfalls nur dann angeschafft
werden sollen, wenn sie von objektiver Seite (etwa in Wien vom
Verein »Technik im Haushalt«, von einer ernsten F rauenvereinigung,
von einer Haushaltungsschule) erprobt und empfohlen sind; hier
zeigt sich deutlich der Unterschied zwischen der bloß sachlichen
Seite der Rationalisierung und dem wahren Geiste der Wirtschaft-
lichkeit. Der abschreckenden Beispiele irrationeller Haushaltungs-
gegenstände gibt es wahrlich genug; da ist die Kaffeekanne, die
nicht gießt und sich leicht verstopft, da sind die Gläser, die schwer
zu reinigen sind oder kein genügendes Postament haben; da sind
die Krüge, aus denen nur sehr schwer eingeschenkt werden kann;
da sind jene Staubsauger, deren Greifer nicht unmittelbar die
Teppiche und Stoffe berühren usf.

Die hauswirtschaftliche Entwicklung liegt zweifellos in der
Linie, immer mehr Arbeiten außer Hause Oder, wenn sie noch im
Hause verrichtet werden, mechanisch verrichten zu lassen. Vor
100 Jahren, noch zur Zeit unserer Großmütter — was für Arbeiten
wurden damals noch im Hause getan! Die Hausfrau war eine Art
technisches Universalgenie: sie buk selbst das Brot und hatte
        <pb n="29" />
        20

oft sogar ihre eigene kleine Mühle; sie verfertigte Strümpfe,
Wämser, Kleider und Wäsche, ja sie spann und wob noch selbst
die Wolle der eigenen Schafe; sie goß selbst die Kerzen und
putzte mit dem Wachs der eigenen Bienen die Fußböden; sie
trocknete (dörrte) ihre Pflaumen und kochte Obst ein; sie brannte
und mahlte den Kaffee u. a. m. All diese Arbeiten könnten heute
schon rein technisch und zeitökonomisch nicht mehr im Haushalte
verrichtet werden; dies wäre eine ungeheure Zeit- und Arbeits-
verschwendung. Man kauft all die genannten Dinge fertig oder läßt
sich Verschiedenes ins Haus liefern, vom Warenhaus, vom Kon-
sumverein u. a. Die Hausfrau ist im wesentlichen nicht mehr
Selbstproduzent, sondern nur Konsument, Käuferin. Der wirt-
schaftliche Nachteil dieser Metamorphose ist das Dahinschwinden
wertvoller technologischer Kenntnisse und technischer Fertigkeiten;
ein Hauptgebot der rationellen Hauswirtschaft ist es daher, den
Hausfrauen wieder mehr Waren- und technische Kenntnisse
zu vermitteln, Kenntnisse vom Heizwerte der verschiedenen Brenn-
stoffe, vom Nährwerte der fertig gelieferten Eßwaren, von der
Qualität der Textilien usf. Diese Kenntnisse müssen vor allem
die allgemeinen und fachlichen Schulen, die von Mädchen besucht
werden, bringen; dazu kommen Vorträge, Ausstellungen, Führungen,
Fachzeitschriften.

Die Modernisierung des Haushaltes zeigt sich vielleicht am
gdeutlichsten auf dem Gebiete des Heizens und Kochens. Gas,
Mineralöl und besonders elektrischer Strom beherrschen die Technik
dieser wichtigen Arbeiten. Diese Fortschritte brachten und bringen
1och immer weitere Entlastung der Hausfrau von vielerlei manu-
aller Arbeit. In einem Wiener Vortrage »Der elektrische Haushalt «
‘1927) wurde dies sehr anschaulich geschildert. Man erinnere sich
an den Gaskocher, an den Gas- oder Petroleumofen, an das elektri-
sche Licht, an die elektrisch angetriebenen Werkzeuge wie Bügel-
3isen, Nähmaschine (seinerzeit schon ein rationeller Fortschritt —
‚die Fee des 19. Jahrhunderts« — genannt), an den elektrischen
Herd und Badeofen. Wieviel, zum Teil sehr schwere Arbeit, ist
damit der Hausfrau (oder der Hausgehilfin) erspart worden und
wieviel Zeit wurde für sie frei für die Kinderpflege und -er-
ziehung, für geistige und soziale Arbeiten! Früher mußte die Haus-
frau Kohle aus dem Keller schleppen (falls kein Lastenaufzug im
Hause war), das Holz zerkleinern, den Kohlenherd, das Bad usw.
        <pb n="30" />
        21

anheizen — und wie viele Reinigungsarbeiten waren mit diesen
Tätigkeiten verbunden!

Die Technisierung der häuslichen Arbeiten hat aber auch
ihre Nachteile, bzw. erfordern wieder neue Kenntnisse und
Erfahrungen, insbesondere heizungstechnischer Natur, elektrohygieni-
scher Art, elektrotechnische Elementarkenntnisse überhaupt. Auch
hier also hat die Frauenschule neue und wichtige Lehraufgaben.
Diese Unterweisung ist ebenso unerläßlich, wie die ständige Ab-
spaltung bisher hauswirtschaftlicher Arbeiten und ihre Verlegung
außer Hause oder ihre zunehmende Mechanisierung eine unauf-
haltsame Entwicklung darstellt. Vergebens würde ein einzelnes
Volk in allzu starrem Festhalten an der Tradition sich gegen diese
Entwicklung stemmen wollen, wenn sie bei anderen Völkern fort-
schreitet; der Widerstand wäre nicht bloß vergeblich, sondern würde
das isoliert bleiben wollende Volk auch bald weltwirtschaftlich ins
Hintertreffen geraten lassen.

Auch noch aus einem Grunde als dem dieser Selbst-
behauptung darf man jener Entwicklung nicht entgegentreten: Die
Nachkriegszeit brachte es nun einmal mit sich, daß in vielen
Völkern die Frauen, Töchter und auch Mütter selbst einem
Berufe oder Erwerbe nachgehen müssen, um das Gesamtein-
kommen der Familie zu erhöhen. Insolange es nicht gelingt, das
Einkommen des Gatten, Vaters oder Bruders so zu steigern, daß
2s zur Erhaltung der im Haushalte vereinigten Personen be-
friedigend ausreicht, wird die Erwerbstätigkeit der Frau, sosehr
man sie aus bevölkerungspolitischen und sozialethischen Gründen
bedauern mag, nicht zu umgehen sein. Um nun trotzdem einen
Haushalt aufrecht führen zu können, bedarf die Frau einerseits
weitestgehender Entlastung von hauswirtschaftlicher Arbeit — eben
mit Hilfe von außen und durch deren Technisierung —, ander-
seits jener gediegenen. wirtschaftlichen, technischen und technologi-
schen Kenntnisse, von denen soeben die Rede war. In diesem
Sinne ist also die Rationalisierung des Haushaltes auch ein Gebot
positiver Familien- und Bevölkerungspolitik und entspricht
durchaus dem Volksethos, widerstreıtet ihm keineswegs, wie dies
oft behauptet wird.

Nun stellt aber die Rationalisierung der Hauswirtschaft auch
ihrerseits Forderungen an Technik und Industrie, um die
Führung des Haushaltes möglichst zu erleichtern und zu ver-
        <pb n="31" />
        22

pilligen. Wir denken dabei vor allem an die Normung und Stan-
dardisierung oder Typisierung (Vereinheitlichung) der Haus-
haltungsgegenstände. Hier stoßen wir zum ersten Male in unseren
Betrachtungen auf zwei termini technici der Rationalisierung, die
n der allgemeinen Diskussion über sie wohl am häufigsten ge-
braucht werden, wenngleich nicht immer in klarer Unterscheidung.

Unter »Normung« sollte man nur die Herstellung eines Gegen-
standes in gleichen Maßen (man denke z. B. an das genormte
Papierformat), unter »Standardisierung« die‘ möglichste Ver-
ringerung der Zahl der Qualitäten und Sorten eines Gegen-
standes verstehen. Gegen beide Maßregeln der Rationalisierung —
wir wollen schon hier davon handeln — wird häufig der Vorwurf
erhoben, daß sie dem Geiste der Individualität, der Qualitäts-
arbeit, der »persönlichen Note«, überhaupt der alten europäischen
Kultur zuwider vorgeschlagen werden — ein durchaus unberech-
tigter Vorwurf, denn im Bereiche der vielen Gebrauchsgegenstände
des Alltages spielt künstlerisches Denken und Entwerfen, indivi-
düeller Geschmack und Persönlichkeit wahrlich keine Rolle; Nor-
mung und Standardisierung haben vielmehr den entscheidenden
Vorteil, daß sie uns befähigen, diese Dinge in größerer Menge
gleichartig, also weit billiger herzustellen und damit sowohl zur
reichlicheren Deckung des Bedarfes an ihnen als auch zur besseren
Befriedigung wirklich individuell zu deckender Bedürfnisse (der
Kultur) beitragen. Es ist somit ein wirtschaftlicher und ein kul-
:ureller Vorteil gegeben.

Das Gesagte findet nun seinen Beweis schon in der Sphäre der
Hauswirtschaft. Hat es irgendeinen vernünftigen Grund, daß z. B.
die Bestandteile der technischen Haushaltungsbehelfe (Fleischhack-
maschinen, Einmachgläser, Herdplatten, Roste, Bügeleisen, Wasch-
rumpeln U. a. m.) nicht genormt sind oder daß von diesen Dingen
Dutzende verschiedener Sorten hergestellt werden? In Deutschland
hat man nicht weniger als 91 verschiedene Typen von Herdplatten
gezählt; es gibt da eigene Berliner, Posener, bayrische usw. Platten,
alle in verschiedenen Größen, mit verschiedener Anordnung der
Löcher! Eine Firma liefert allein 283 verschiedene Typen von Rost-
stäben für Kochherde; jede Stadt hat ihre besonderen Stäbe —
liegt dies etwa im Sinne eines berechtigten »Lokalpatriotismus«?
3 bis 4 Typen, richtig dimensioniert, würden nach der Ansicht von
Fachleuten durchaus genügen. Wenn an einer Fleischhackmaschine
        <pb n="32" />
        23
eine Schraube bricht oder ein Bestandteil verloren geht, ist ein
Ersatzstück schwer oder gar nicht zu erwerben; die Hausfrau läuft
in 4, 5 Läden, verliert viel Zeit und muß Schließlich eine neue
Maschine kaufen, da die frühere vielleicht überhaupt nicht mehr
geführt wird. Ähnlich verhält es sich in dem Falle, wenn ein Ofen-
ring springt, ein Einmachglas entzwei geht oder eines von 6 Trink-
gläsern bricht. Warum wurde hier nicht genormt und standardisiert,
wie dies endlich auch in Deutschland und Österreich zur Durch-
führung kommt? Die Glühbirnen sind einheitlich konstruiert so daß
jede Hausfrau sich sehr wundern würde, wenn sie beim Bruche
der Versagen einer Birne sofort eine neue Lampe kaufen müßte.
Hier gibt es sogar, dank der internationalen Konvention, international
zinheitliche Maße und Größen.) Warum paßt eine in Wien gekaufte
Schreibfeder auch in einen Federhalter, der in München erstanden
wurde? Frauen-Vereinigungen und andere Organisationen, auch
die »Normen-Ausschüsse« in Deutschland und Österreich, bemühen
sich daher mit gutem Grunde, all die vielen alltäglichen Haushaltungs-
Dehelfe zu normen und zu standardisieren. Sie bedienen sich dabei
ziner vorsichtigen aber berechtigten Methode, d. h. sie suchen
zunächst das Einvernehmen aller Interessenten: Erzeuger, Händler
und Verbraucher (Hausfrauen), herzustellen.

Auch die sonstigen Fragen der Rationalisierung des Haus-
haltes, so insbesondere die rationelle Organisation des Haus-
haltbetriebes und seiner Arbeiten, wurden von den fachlichen
Körperschaften behandelt. In Ausstellungen, Fachkursen und
Veröffentlichungen (Zeitschriften, Werbeschriften u. a.) gelangen
diese Ideen zur Darstellung. Das Motto ist: » Spare Zeit und Kraft!»
Da gab es z. B. in einer Wiener Ausstellung der Ver. Fachkurse
für Volkspflege (1927) nicht bloß viele technische Neuerungen,
rationell konstruierte Geräte für den Haushalt, sondern auch prakti-
sche Belehrungen und Gebrauchsanweisungen für Kochkisten
Wärmeschirme u. a. m.; alle zum »Aufräumen« benötigten Utensilien,
wurden, in einem netten Korbe gesammelt vorgeführt; auf einem
Brettchen sah man all die kleinen Dinger, die, wie Reißnägel, Nadeln,
Knöpfchen usw., So leicht verlorengehen, fest angebracht; es fehlte
nicht eine Unterlage für die Knie beim Fußbodenreinigen u. a. m.

Es wurde schon davon gesprochen, daß es in besonderem Maße
Aufgabe der Schulen ist, die Mädchen für die Rationalisierung des
Haushaltes zu erziehen und darin zu belehren. In Deutschland
        <pb n="33" />
        24

besorgen dies in steigender Zahl die städtischen hauswirtschaftlichen
Frauenschulen. Eintrittserfordernis ist neben entsprechender Schul-
bildung eine einjährige praktische Tätigkeit; das Unterrichtsziel ist
sowohl allgemeine Haushaltungsbildung als auch die Ausbildung zu
Leiterinnen größerer Wirtschaftsbetriebe (Sanatorien, Heime u. a.).
In Wien besorgen diese Aufgabe in vorzüglicher Weise die
Haushaltungsschulen, z. B. die des Frauen-Erwerbvereines. Viele
Eltern machten ursprünglich den Einwand, die Mädchen würden
doch nur als »Köchinnen« ausgebildet und verwendet. Man unter-
schätze aber nicht diesen wichtigen hauswirtschaftlichen Beruf,
vielleicht den wichtigsten im Haushalte. Viele Familien müssen heute
ohne fremde Hilfe (Hausgehilfin) wirtschaften, die Mutter oder eine
Tochter bedarf daher einer guten kochwirtschaftlichen Aus-
bildung (in der Ernährungskunde, in technisch-chemischer Richtung,
in der Warenkunde, in der Kalkulation usw.). Neben dem eigent-
lichen hauswirtschaftlichen Unterrichte bieten die Haushaltungs-
schulen, auch in Wien, sowie die Haushaltungskurse an Mädchen-
schulen (Mittelschulen)- auch Unterweisung‘ in der Kinder- und
Krankenpflege und in der Hilfe bei Unfällen; ein gewiß höchst
rationeller Zweig der Mädchenausbildung. Daß eigene, gut ein-
gerichtete Kindergärten und -heime ergänzend hinzutreten müssen,
ist bei der schon erwähnten beruflichen (außer Hause stattfindenden)
Tätigkeit vieler Hausfrauen ebenfalls eine Notwendigkeit.

Wie sehr die Frauen selbst schon die Wichtigkeit guter, rationeller
hauswirtschaftlicher Bildung erkennen, geht daraus hervor, daß sie
zigene wissenschaftliche Lehranstalten für die Vermittlung dieser
Kenntnisse verlangen, so forderte z. B. die Wiener Hausfrauen-
versammlung im Mai 1927 eigene Lehrstühle für Haushaltungs-
zunde an den Hochschulen sowie eine Bundeskommission für
Ernährungs- und Hauswirtschaft. In Deutschland besteht schon eine
»Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit« mit einer
‚Fakultät« zur Erforschung der wissenschaftlichen (d. h. rationellen)
Grundlagen der Hauswirtschaft, zur möglichst fortschrittlichen Ent-
wicklung der Hauswirtschaft.

Rationelle Bevölkerungspolitik.
So erfreulich all diese Bestrebungen und Einrichtungen auch
genannt werden müssen, so ist leider doch noch eine ernste Frage
zu stellen — gilt hier nicht das Wort Stauffachers: »Wohl steht
        <pb n="34" />
        25
der Bau, allein es wankt der Grund, auf dem wir bauten?« Das
heißt: Wozu die vielfachen Bemühungen um Besserung oder
Rationalisierung der Hauswirtschaft, wenn deren ethisch-soziales
Fundament, das Familienleben, die Ehe, die Geburten, scheinbar
immer mehr in Frage gestellt sind? Scheinbar gehört dieses ernste
kultur- und bevölkerungspolitische Problem nicht in den Rahmen
der Wirtschaftlichkeitslehre, ja manche Kritiker können mit Ironie
daran erinnern, daß die »Rationalisierung des Geschlechts-
verkehres«, wie man die Beschränkung der Geburten nannte,
durchaus im Sinne der neuzeitlichen Rationalisierungspolitik gelegen
sei und daß, wenn schon alles auf der Welt »rationell« gestaltet
werden soll, auch das oft sehr kostspielige und riskante Heiraten
sowie die beständige Division des Einkommens durch neue Kinder als
irrationelles Gebaren zu verurteilen sei. Hier wird aber Falsches mit
Richtigem vermengt. Eine geläuterte, wahrhaft soziale Bevölkerungs-
politik hat gewiß nicht mehr als Maxime: möglichst viele Menschen
im Staate, sondern: möglichst viel gesund (leiblich und seelisch)
zeborene und möglichst lange gesund bleibende Menschen, d. h.
nicht mehr nackte quantitative Bevölkerungspolitik, sondern sozial
und hygienisch (eugenetisch) indizierte qualitative Bevölkerungs-
politik ist allein am Platze. Das verstößt durchaus nicht gegen
Familien- und Ehepolitik, sondern soll nur einzel- und volkswirt-
schaftlich schädigende Ereignisse möglichst vermeiden. Das Familien-
hafte soll mitnichten geschmälert, der Familiensinn nicht noch
weiter demoliert werden. Wohl tritt der Eugenetiker für sorgsame
Kinderpflege, für Jugendpflege und Jugendfürsorge (für gefährdete
Jugendliche) ein, er weiß aber, daß nichts dem Kinde das Familien-
heim, die sorgende Mutter ersetzen kann, die allerdings zur Er-
ziehung der Kinder geeignet sein und, wenn nötig, dazu selbst
erzogen werden soll. Der Eugenetiker will auch in der reiferen
Jugend den Familiensinn erhalten und gepflegt sehen und kümmert
sich besonders um die Ferien- und Mußezeit der Jugend, denn
das Schicksal des Menschen entscheidet sich in den Mußestunden.
Der Eugenetiker begrüßt aber auch alle — früher erwähnten —
Rationalisierungsmittel der Hauswirtschaft, weil sie dazu beitragen,
das Leben der Hausfrau und in der Familie zu erleichtern, an-
genehmer und daher wünschenswerter zu machen.

Nun aber die Kernfrage: Wie verhält man sich vom Rationali-
sierungsstandpunkte zur Geburtenbeschränkung? Ist sie als
        <pb n="35" />
        26

unbedingt »rationell« anzusprechen oder nicht? Aus der oben
formulierten bevölkerungspolitischen Maxime ergibt sich leicht die
Antwort: Nicht unbeschränkte Vermehrung des Volkes, sondern
dessen Zunahme und stete qualitative Verbesserung ist das Ziel.
Daher wird der Rationalisierungspolitiker für alle Maßregeln ein-
treten, die dazu dienen, Leben und Gesundheit der Menschen, der
jungen und der erwachsenen, zu schützen und zu fördern; er wird
alle Maßregeln gutheißen, die geeignet sind, Körper und Seele der
Menschen gesund zu erhalten und ihn zu besseren Leistungen zu
entwickeln; er geht also einen Weg mit dem Rassen- und Sozial-
hygieniker, mit dem Gesundheitspolitiker, und ist nicht so kurz-
sichtig, Aufwendungen auf diesen Gebieten, weil sie etwa »kontra-
selektorisch« wirken könnten, als irrationell' abzulehnen.

Er wird aber auch jene Maßregeln unterstützen, die eine
materielle Begünstigung Verheirateter und kinderreicher
Familien bezwecken. Hieher gehört auch eine energische Wohnungs-
politik, denn die Wohnungsnot verdirbt Leib, Seele und Geist;
wer kein Heim hat, kein Familienleben, dem fehlt leicht auch der
Begriff von Ordnung in der Wirtschaftsführung und — im Staate:
man erinnere sich nur an die tieftraurigen Erscheinungen des Bett-
geher- und Untermieterunwesens, der überbelegten Schlafräume.
Die jetzige geringere Wohndichte in Wien ist daher an und für sich
ein Fortschritt.

Der Rationalisierungspolitiker befürwortet ferner auch die Steuer-
begünstigungen und Prämien für kinderreiche Familien, wie sie
jetzt z. B. in Frankreich gewährt werden; in Italien wird ihnen
darüber hinaus gewährt: billigere Reisekosten, auch auf den Straßen-
bahnen, mäßigere Kosten in Kurorten und Bädern, Rückersatz der
städtischen Verbrauchssteuern, Befreiung vom Schulgeld, freie Lehr-
mittel, Stipendien. Strittig ist das Problem des (höheren) Familien-
‚Ohnes; gegen ihn wird eingewendet, daß dann die ledigen und
kinderlosen Arbeit- und Dienstnehmer bevorzugt würden. Besser
ist.daher wohl eine Ausgleichskasse, in die Ledige und Kinder-
lose höhere Beiträge als die Kinderreichen zu zahlen hätten. Vom
Rationalisierungsstandpunkte aus darf man deshalb für derartige
Maßregeln eintreten, weil die Güte der Berufsarbeit stark von
den häuslichen und Familienverhältnissen beeinflußt wird und die
Familienvorstände leistungsfähig erhalten werden sollen. Am geeig-
netsten ist vielleicht eine Elternschafts- und Kinderrenten-
        <pb n="36" />
        27

versicherung Ööffentlich-rechtlicher Natur (vgl. dazu Grotjahn u. a.)
mit Beiträgen, die nach dem Familienstande und der Kinderzahl
abgestuft sind, mit Leistungen (Renten) etwa vom dritten oder
vierten Kinde an sowie mit einer einmaligen Geburtenbeihilfe.
Diese und noch andere wohlgemeinten Maßregeln werden aber
in keinem Lande nennenswerte Erfolge haben, wenn man nicht
auche eine sozialethische Rationalisierung ermöglicht, wenn man
wieder die arg gefährdete Geschlechts- und Ehemoral zu heben
versteht, die verderbliche Schund- und Schmutzliteratur und ähnliche
»Kunst«-darbietungen — nicht etwa unterdrückt, sondern durch
geschickte Gegenpropaganda verächtlich und lächerlich zu machen
weiß und »Aufklärung« auch darüber verbreitet, wie schädlich für
Gesundheit und Eigenwirtschaft übertriebene Vergnügungssucht ist
und wie wohltätig für Leib, Seele und — Geldtasche ein behagliches
Heim, ein geordnetes Familienleben ist. Diesen äußerst wichtigen
bevölkerungspolitischen Zwecken sollten weit mehr Öffentliche
Gelder als bisher gewidmet werden; das sind wahrlich keine zu
hohen Versicherungsprämien für die körperliche, Sittliche und
zeistige Gesunderhaltung der nationalen Produktivkräfte! »Zuerst für
Reserven an menschlichen Kräften sorgen, dann erst für Geld-
reserven !« (Kapitalbildung.) »Der Mensch, die Familie, die Bevöl-
kerung kommt vor der Dividende.« Die Familie ist und bleibt die
unersetzliche Stütze der Volkswirtschaft und des Staates. Das
Wohl der »Gemeinschaft« hängt nicht nur von einer blühenden
Wirtschaft ab, sondern wie diese selbst von gesunden sozialen
und Familienverhältnissen. Das ist auch Rationalisierungsgedanke,
Rationalisierung im edelsten und gründlichsten Sinne des Wortes.

Rationalisierung des Bau- und Wohnungswesens.

Die Wohnung als sachlich-räumliche Grundlage des hauswirt-
schaftlichen Betriebes, des Familienlebens, die auf dieses unaus-
gesetzt, täglich und stündlich, eindringlich und unabweislich einwirkt,
muß in ganz besonderem Maße rationell gestaltet und eingerichtet
sein, um das Wohnbedürfnis wirklich befriedigen zu können.
Der Wohnungsbau zeigt gewiß so manche althergebrachte Eigen-
‚Umlichkeiten, die einer Rationalität des Wohnens widersprechen
und daher beseitigt oder verbessert werden sollten. Nur ist die
Frage, ob alles, was als neuartige Wohnbauweise (»neue
Sachlichkeit«) verkündet wird, auch den Geboten echter Rationalität
        <pb n="37" />
        28

gerecht wird oder doch übers Ziel schießt. Man muß daher prüfen,
was von den Neuerungen in Wirklichkeit das Wohnen der Menschen
rationeller macht und nicht bloß dem Neuheitsdrange irgend welcher
‚Baukünstler« dienen soll.

Die Voraussetzung rationell gestalteter Wohnungen ist eine
rationelle Bauweise. Wie in einem Berichte des »Reichskuratoriums
für Wirtschaftlichkeit« (Berlin 1927) dargelegt wird, sind, während
so viele technische Neuerungen auf zahlreichen Gebieten geschaffen
wurden, die meisten Zweige des Bauwesens noch so altertümlich
geblieben wie zur Zeit der Ägypter; man verwendet kleinformatige
Bauteile (Ziegel) und legt vielfach noch mit Hand einen Teil auf
lien anderen, sofern noch nicht die Ziegelsetzmaschine Eingang
gefunden hat. In den letzten Jahren sind allerdings Fortschritte bei
den Zweckbauten, in Zusammenarbeit der Interessenten und der
Bauführer, geschehen, so für Industrien, Warenhäuser, Silos u. a.
wobei auch neuartige Baustoffe (Beton, Betoneisen) und neue Ver-
:ahren (z. B. das Spritzverfahren) angewendet werden. Nur beim
Wohnbau sind noch keine solchen Fortschritte erzielt worden, die
Bauteile sind erst selten genormt oder standardisiert und doch
haben 90. Prozent der Bevölkerung so ziemlich das gleiche Wohn-
bedürfnis, wenngleich man hier doch auch Unterschiede der Bildung
und der Familie berücksichtigen muß. Als Voraussetzungen rationellen
Wohnbaues werden am angeführten Orte genannt: klare Finan-
zierung auf lange Sicht; Serienbau von Zwei- bis Vier-Familienhäusern;
Normung der Bauteile und baugewerblichen Hausbestandteile (Türen,
Fenster usw.).

Umstritten ist die Rationalität der von vielen Kommunen in den
letzten Jahrzehnten betriebenen Bodenvorratspolitik. Gegen sie
Spricht daß oft zu viel Interkalarzinsen auflaufen, das Bauen also
verteuert wird; für sie läßt sich geltend machen, daß sie der Terrain-
spekulation einen Riegel vorschiebt. Richtig ist wohl, daß am billigsten
gebaut wird, wenn man den Boden unmittelbar sofort aus der land-
wirtschaftlichen Nutzung dem Baumarkte zuführt. Rationell muß das
Baugelände auch erschlossen werden; es soll günstig liegen,
günstige Niveauverhältnisse haben; die bloßen Wohnstraßen können
schmäler sein und brauchen nicht wie früher 10, ja 20 Meter breit
angelegt und asphaltiert zu werden, um billiger zu bauen; dafür
nüssen die Verkehrsstraßen so breit sein, daß alle Wohnräume
zenügend besonnt werden, und dauerhaft gebaut sein.
        <pb n="38" />
        20

Was die »Architektur« der Häuser betrifft, so berufen sich
die einen zur Verteidigung einer einfachen, zweckdienlichen Bau-
weise auf die Vorbilder der Natur- und Bergvölker, die so bauen,
wie es den örtlichen Verhältnissen und den Lebens- und Arbeits-
gewohnheiten des Volkes angepaßt ist. In der neueren Zeit wurden
viele »neue« Stile angepriesen, einer jagte den anderen, zum Teil
sind es uralte Stilmotive, die man ausgrub. Nach dem Kriege
zwang die große Geld- und Wohnungsnot zu billigen und einfachen
Notstandsbauten, die leider nicht immer rationell ausgeführt
wurden, indem man minderwertiges Material und nicht genügend
solide Verfahren wählte, so daß baldige Reparaturen notwendig
wurden und das Wohnen in solchen Bauten — man denke z. B.
an zu niedrige Zimmer und zu dünne, schalldurchlässige Zwischen-
wände — nicht günstig beeinflußt wurde. Und jeder Bau, der
dessen obersten Zweck: die Wohnlichkeit, nicht erfüllt, muß
irrationel!l genannt werden, genau so wie die schrecklichen »Zins-
kasernen« aus den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts.

Dabei bleibt aber noch genug Spielraum für Rationalisierung
dort, wo sie durchaus gerechtfertigt ist, wie z. B. für die Normung
der Bauteile und für ihre zweckdienlichere Herstellung und Ge-
staltung. Man empfiehlt z. B. statt der alten kleinen Ziegel, die
viel Wasser enthalten, den Eisen- oder Holzfachbau, Betonplatten,
die Einschaltung von Hohlräumen in das Mauerwerk u. a. m.
Nach dem Frankfurter »Montageverfahren« werden, ähnlich wie in
Amerika, die Hausbestandteile serienweise, im großen, erzeugt und
auf der Baustelle maschinell aufgestellt und zusammengesetzt; dabei
ist die Wandhöhe jedes Geschosses in drei Platten zerlegt. Das
Haus ist in wenigen Wochen fertig; die kurze Bauzeit erspart
beträchtliche Zinsen, beim Montagebau ist jeder »Leerlauf« ver-
mieden, der schädliche Saisoncharakter des Bauens ausgeschaltet.
Wenn man gegen diese großzügige Rationalisierung soziale Bedenken
vorbrachte, indem man nicht jetzt, da es so viele Arbeitslose gibt
rationalisieren soll, so ist (vom Standpunkte Deutschlands) zu be-
merken, daß infolge der wesentlichen Verbilligung des Bauens (und
des Wohnens) mehr gebaut werden kann und daß in Nachbar-
ländern doch rationell, d. h. billig gebaut wird, daß die industriellen
Arbeiter dort billiger wohnen, also eine geringere Quote ihres
Lohnes auf die Wohnung verwenden, daß also die dortige Industrie
konkurrenzfähiger wird.
        <pb n="39" />
        30

Und nun zur Rationalisierung der Wohnung selbst, Viele neuere
Baufachleute vertreten die Einfachheit, die Zweckdienlichkeit und
die Einheitlichkeit der Wohnungen, so z. B. Professor Wichert
(Frankfurter Zeitung vom 9. Dezember 1927), Gropius (Stuttgart),
Otto Polak-Hellwig (Wien), Le Corbuzier (Genf) u. a. Nach Wichert
ist das einzig gültige das Zweckdienliche, der Funktionalismus; die
Architektur der Wohngebäude ist zu erklären als »der Spielraum
für die in der herrschenden Gesellschaftsform wirkenden Trieb- und
Willenskräfte«, als »reiner Ausdruck des Lebensgefühles«, der
»geistigen Mechanik der Zeit«. Die neue Bauweise könnte man
:unktionelle oder stereometrische Bauweise nennen. »Immer allge-
meiner wird die Geltung der: Technik, der Wirtschaft, der Wissen-
schaft, immer einheitlicher die Lebensgewohnheiten auf der ganzen
Erde.« Der Kampf um das flache Dach sei das Bild eines viel
größeren Vorganges: »aus einer individuellen Kultur will sich rein
universale Kultur entwickeln«; »die individuellen Komponenten des
Lebens — Nation, Landschaft, Rasse — verlieren immer mehr an
Kraft« (?); »die traditionsgebundenen Individualwerte müssen der
neuen Zukunft geopfert werden« ...

Wenn wir schon jetzt behaupten, daß in den Gedanken dieser
Neuerer zwar ein richtiger Kern enthalten ist, daß sie aber viel zu
weit gehen, wollen wir, ehe wir diese Kritik näher begründen,
zunächst im einzelnen darstellen, wie sie sich die Wohnung der
»neuen Sachlichkeit«, die »Wohnung ohne Sorgen« denken. Oberster
Grundsatz ist: sachliche, klare, einfache Gestaltung. Die Ablagerung
von Schmutz und Staub ist möglichst zu vermeiden (was nützt
aber die dagegen im Innern gefeite Wohnung, wenn dank unzu-

länglicher Straßenpflege immer wieder Staub von außen in sie
äringt?). Eine Folge dieser Grundsätze ist: glatte Fußböden, glatte
Wände, nur wenige oder noch lieber gar keine Bilder, keine
schweren Vorhänge oder gar »Makartbuketts« und Nippes, kurz:
Verbannung alles Arabeskenhaften. Den gleichen Gesetzen unterliegt
auch die Gliederung der Wohnung und die Gestaltung ihrer Be-
standteile: nicht eine »Flucht« von Räumen zu Wohn- und Gesellig-
keitszwecken, sondern ein größerer Raum, der in eine »Wohn-
abteilung« (moderner wäre es, zu sagen: »Abteil«) und ein »Speise-
segment«, deren Trennung durch ein bis zwei Stufen (Bitte, nicht
zu stolpern!) bezeichnet wird; das Speisesegment ist unmittelbar
mit dem »Küchenraum« — 6 bis 8 Quadratmeter groß — verbunden,
        <pb n="40" />
        31

von ihm durch Vorhang, Schiebetür oder verschiebbare Zwischenwände
getrennt. (Die Schiebetür [oder die einflügelige Tür] ist jedenfalls
rationeller, nimmt weniger Raum in Anspruch als die altmodischen,
aus den »Herrschaftswohnungen« stammenden Zweiflügeltüren.)
Die gleiche Ökonomisierung kennzeichnet die einzelnen Wohn-
-äume. Das Schlafzimmer darf keine Draperien und Polstermöbel
haben; es hat keinen Waschtisch, der nur eingebaut gestattet ist
oder überhaupt in den Baderaum gehört. Auch in den Wohn- und
Eßräumen duldet man keine freistehenden Schränke (»Staubfänger«,
Raumersparnis!), sondern baut sie ein; ebensowenig freistehende
Betten, sondern nur eine eingeschobene, herausziehbare Bettstatt.
Dieses »Schlafabteil« hat eine verteufelte Ähnlichkeit, auch in der
Größe, mit dem Schlafabteil der Eisenbahnwagen. Die Schränke
haben kein Ornament und keine Flügeltüren, sondern Rolläden:
soll man aber auch zu Hause ständig an diese Charakteristika des
Bureaus erinnert werden? Die Türklinken sollen nicht mehr aus
Messing mit einer Messingplatte, .die rasch verunreinigen, sondern
aus schwarzem Kunstharz (Galalith u. a.) mit einer Glasplatte
bestehen; dasselbe gilt von den Teppichstangen. Die Fenster macht
man möglichst groß, größer in der Breite als in der Höhe; man
bringt bequeme, halboffene Terrassen an und auf dem flachen Dache
Dachgärten — zweifellose Vorzüge des neuen Baustils, wenngleich
die kubusartigen Häuser ein wenig an den Orient erinnern. Lobens-
wertes ist von den neuen Stühlen zu sagen: sie haben Schulter-
und Kreuzlehne aus elastischen Stoffen, die Lehnen sind entsprechend
der natürlichen Körperhaltung beim Sitzen geneigt, das Kreuz wird
durch eine vorgerückte kleine Querlehne gestützt u. a. Empfehlens-
wertes ist auch vom modernen Kinderzimmer zu berichten:
keine Ornamente und Säulchen; die Möbel sind so gebaut, daß
auf und mit ihnen Kinder auch spielen können, die kleinen Schränke
bewegen sich auf Rollen usw.

Nun zur modernen Küche. Sie war früher ein ziemlich großer
Raum, in den ein Kohlenherd gesetzt wurde; an den Wänden
standen verschieden große Schränke, ein bis zwei Tische, Stühle; be-
sonders unhygienisch war früher das sogenannte »Tafelbett«. Der
Kochdampf (in Wien »Dunst«) durchnäßte den ganzen Raum, die
Speisegerüche machten ihn und die Nebenräume unbehaglich. In den
Mitteilungen des R. K. W. wird eine sogenannte »Normalküche«
beschrieben. die schon in vielen tausenden Wohnungen eingerichtet
        <pb n="41" />
        32

wurde, Diese Küche ist ein in Form einer Nische von der übrigen
Wohnung abgetrennter Raum, der Dampf wird zum großen Teil
abgezogen. Die »Kochnische« ist von dem Wohn(oder Speise)-
raum am besten durch eine Mauer abgetrennt, in der sich eine
Schiebetür befindet. Die Normalküche hat selbstverständlich genormte
Türstöcke (nur in zwei bis vier Größen) und andere genormte Bau-
vdestandteile. Die Arbeit in der Normalküche ist wesentlich erleichtert,
vereinfacht und verringert. In den bisher üblichen großen Küchen
zab es eine Menge überflüssiger Arbeit, viel Hin- und Hergehen,
‘hr Sauberhalten war sehr zeitraubend. Jetzt ist der Küchenraum,
nicht eine »schöne Stube«, der Mittelpunkt der Wohnung; durch
seine Einbauten und sein kleines Flächenmaß ist er so zweck-
mäßig geformt, daß die Frau alle Behelfe rasch, mit einem Hand-
griff, findet; mehrere eingebaute Schubläden aus Aluminium, mit
aufgepreßten Aufschriften, haben Ausgußöffnungen, um Mehl usw.
unmittelbar in den Kochtopf usw. gießen zu können (erfahrene
Hausfrauen wenden ein, daß bei dieser Methode selten die richtige
Dosierung der Zutaten der Speisen möglich sei); an der Wand
hängt ein Bügelbrett, durch einen Hebel abklappbar; die Geschirr-
schränke usw. sind eingebaut, ebenso die Kochkiste neben dem
Herde u. a. m. Dieses Küchensystem, das aus Amerika zu uns
zxam, bietet eine Reihe von arbeit- und zeitsparenden Vorteilen und
sollte, wenn auch nicht in seiner extremen Form, bei allen Neu-
der Umbauten angewendet werden. Es ist einem anderen System,
dem des (Wiener) »Einküchenhauses«, vorzuziehen, da dieses
zwar rationell gedacht, aber doch geeignet ist, die letzten Reste des
geschlossenen, familienhaften Haushaltes zu zerstören, und bei noch
30 kollektivistischer Grundeinstellung der Bewohnerinnen des Hauses
doch leicht zu Zwisten führt.

Nach der Küche die Heizung und Beleuchtung. Der Wiener
Heiztechniker Prof. Hofbauer fordert von einer rationellen Heizung:
1. Wärmeschutz des Hauses, d. h. das Haus soll so gebaut sein,
daß möglichst wenig Wärmeverlust entsteht, und 2. rationelles Heiz-
verfahren, d. h. höchstmöglichen Wirkungsgrad des Ofens oder der
Heizanlage. Nach Hofbauer kosteten in Wien im Herbste 1926
1000 effektive Kilogramm Kalorien (in Groschen): beim elektrischen
Lichtstrom 61, beim elektrischen Industriestrom 32, bei Gas 63, bei
Petroleum 2:6, bei Kohle 5:9 bis 3:7 und bei Koks 49 bis 3‘1. Die
elektrische Heizung, vom arbeits- und zeitökonomischen Stand-
        <pb n="42" />
        33

punkte zweifellos die rationellste (wahrscheinlich auch vom gesund-
heitlichen Standpunkte), ist für die meisten Haushalte dermalen noch
viel zu teuer; diese hohen Kosten entstehen, weil der Strom einen
langen Umweg über Feuerung (Kessel, Turbine, Generator, Fern-
leitung) machen muß, so daß von 6000 Kalorien nicht weniger als
5300 verloren gehen; dem technischen Fortschritte wird es aber
gelingen, diese Verlustquellen zu verstopfen und dadurch die
elektrische Heizung wesentlich zu verbilligen. Besonders billig ist
derzeit die Petroleumheizung, da sie mit nahezu 100 Prozent
Wirkungsgrad arbeitet und Petroleum bekanntlich einen hohen
Heizwert hat; eine wesentlicher Nachteil dieser Heizart sind aber
die Abgase. Am meisten verwendet ist die Kohle, deren Verheizung
bei Verwendung zweckmäßig und solid gebauter Öfen (mit wenig
Wärmeverlust, ohne zu große Luftzufuhr usw.) einen recht hohen
Wirkungsgrad erzielt. Gegen den Wärmeverlust schützen die neueren
Zusatzgeräte, deren leichte Verrußung neuerdings wesentlich ver-
mindert wurde. Die Zentralheizung (aller Wohnungen eines Hauses
oder Wohnteile) ist meist ziemlich rationell, hat aber den hohen
gesundheitlichen Nachteil schwerer Regulierung der Wärme je nach
persönlichem Bedarf; das gleiche gilt von der neuesten Zentral-
fernheizung mit Gas u. a.

In bezug auf die Beleuchtung der Wohnräume bietet die
neuere lichttechnische Forschung und Speziallehre namhafte rationelle
Fortschritte; arbeit-, zeit- und geldsparende Leuchtarten finden
immer mehr Anwendung; das auch in dieser Hinsicht an erster
Stelle zu nennende elektrische Licht wird schon recht billig geliefert,
so daß es fast Massenkonsum wurde; Belehrung über die Gefahren
des elektrischen Stromes gehören zu dem neuzeitlichen Rationalisie-
rungslehrplan der Schulen. Den nachteiligen Einfluß des elektrischen
Lichtes auf die Augen versteht man dadurch abzuhelfen, daß die
Glühfäden der Lampe von keiner Stelle des Wohnraumes gesehen
werden können; diese Wirkung erzielt man durch Überwurfgläser
nder Blender.

Die neuzeitliche Technik des Wohnbaues und der Wohnungs-
senützung bringt, wie hier nur beispielsweise dargestellt wurde,
namhafte Vorteile und wird gewiß noch weitere bringen; der
Hausfrau wird immer mehr Arbeit abgenommen, immer mehr Zeit
der Arbeit erspart und alle diese Fortschritte auch immer billiger
yeboten. Vom reinen Nützlichkeits- oder Wirtschaftlichkeitsstand-

Kobatsch. Wirtschaftlichkeitsliehre.
        <pb n="43" />
        34

punkte könnte man damit zufrieden sein. Und doch scheinen die
Wohnreformatoren in ihrer bilderstürmenden Neuerungsgier zu weit
zu gehen. Zugegeben sei, daß die Wohnung einfache Gestaltung,
&gt;»phrasenlose Sachlichkeit« (Zweckmäßigkeit) zeigen soll. Wenn
Architekt Gropius aber so weit geht, zu sagen, daß wir »Heimstätten für
ein neues Geschlecht brauchen, das sich mit dem Leben unsentimental,
geschäftsmäßig auseinandersetzt«, keine »allzusehr betonte Gemüt-
lichkeit« im Hause wünscht, sondern »automatisch-präzises In-
einandergreifen der einzelnen Teile der Einrichtung«, um Zeit zu
sparen, So ist hier das Kind mit dem Bade verschüttet. Aus dem
Architekten darf kein Ingenieur, aus meinem Heim keine Wohn-
maschine werden. Ich will in der Wohnung noch etwas anderes
inden, als 100prozentige Nützlichkeit, ich will dort ein wenig Muße
ınd Müßiggang erleben und durchleben, ich will an passender Stelle
das Bild lieber Verstorbener oder gerne besuchter Alpengebiete vor
mir sehen, der oder das Abgebildete soll gleichsam mit mir das
Heim bewohnen, es wohnlicher machen. Ich fühle Mißbehagen,
wenn die »Räume«, die man mir als durchrationalisierte »Wohnung «
darbietet, mich nicht ansprechen, mich kalt lassen wie eine
schrecklich nüchterne Außenfassade, wenn sie mich auch zu Hause,
in meinem Heime, an Werkstatt, Büro oder Amtsstube gemahnen.
Die Wohnung soll zwar zweckmäßig gestaltet und eingerichtet sein,
sie soll der Frau alle überflüssige Arbeit auf billigstem Wege
ersparen, aber sie muß vor allem wohnliche und bewohnbare
Wohnung bleiben. Nur dann ist ihre Neugestaltung echte Rationali-
sierung.
4. Rationelle Naturbeherrschung.
Wie schon ausgeführt wurde, unterliegt der wirtschaftende Mensch
ınentrinnbar einer dreifachen Abhängigkeit: von seiner eigenen
Arbeit und Tüchtigkeit, von der äußeren Natur und von der Tätig-
keit anderer Menschen. Wie die persönliche, individuelle Ratio-
nalisierung ist auch die rationelle Beherrschung (und Nutzung) der
äußeren Natur ein Gebot höchster Wirtschaftlichkeit. Dies umfaßt _
nicht bloß — woran aber fast ausschließlich gedacht wird — die
Verwendung der Naturkräfte (Energie-, Wärmewirtschaft u. a.) und
die Nutzung der Naturschätze und des Bodens (Urproduktion, Berg-
bau, Landwirtschaft), sondern auch eine negative Wirkung der
Natur auf unsere Wirtschaft: die Elementarschäden, u. zw.
        <pb n="44" />
        35
kosmischen (tellurischen) und organischen Ursprunges, während
die Unfälle technischen Ursprunges nicht hieher gehören; sie zu
vermeiden, ist Aufgabe der rationellen Sicherung in Betrieben und
auf Verkehrswegen.

Hier soll nun, wenn auch nur grundsätzlich, von der rationellen
Bekämpfung der natürlichen Elementarschäden gehandelt werden.
In dieser Hinsicht sind der technischen Forschung und Arbeit
sowie den Öffentlichen Faktoren wichtige Aufgaben gestellt, denn
Schaden verhüten ist immer weit rationeller als ihn hinterher zu
ersetzen, sei es durch Notstandsmaßregeln oder durch eine magere
Versicherung. Wer sich vergegenwärtigt, was für Schäden an Leib
und Gut der Menschen nur im Jahre 1927 dadurch gestiftet wurden,
daß Hochwässer, Springfluten, Wirbelstürme, Erdbeben, Hagel, Frost,
Eisberge u. a. nicht, nicht rechtzeitig oder nicht genügend abgewehrt
werden konnten, wird sich der großen Bedeutung rationeller Ver-
hütung solcher Naturschäden wohl bewußt sein. Der »Katastrophen-
sommer« 1927 erforderte über 100.000 Todesopfer, dreimal soviel
Personen wurden leichter oder schwerer verletzt, der Sachschaden
ging in die Milliarden Dollar. Dazu kommen die Elementarschäden
organischen Ursprunges, verursacht an Tier, Pflanze und Mensch
durch jene kleinen Lebewesen, deren oft scheinbar plötzliches und
massiges Auftreten bisher ebenfalls nicht immer rationell abgewehrt
werden konnte.

Welche Mittel gibt es und welche wurden schon angewendet,
um der Natur auf diesem Gebiete Herr zu werden? International
einheitliche, systematische Beobachtung dieser Ereignisse, Erforschung
«:hrer Ursachen und ihres Verlaufes und technische Maßregeln,
tauglich, den Schaden abzuwehren. Wenn man z. B. eine Gesetz-
mäßigkeit im Verlaufe des einen oder anderen Elementar-
ereignisses feststellen kann, läßt sich sein künftiger Eintritt vorher-
sehen, ähnlich wie man Sonnen- und Mondesfinsternisse, Kometen
u. a. vorherbestimmt, während der Verlauf des Wetters bis jetzt exakt

erst auf sehr kurze Zeit vorausgesagt werden kann; aber schon ein
Tag Vorherbestimmung genügt dem wirtschaftenden Menschen, sich
rechtzeitig vorzusehen und Schaden zu verhüten. Die Technik liefert
schon jetzt wertvolle Mittel, einer Reihe von Elementarschäden wirk-
sam vorzubeugen. Den Hochwässern und Überschwemmungen z.B. 1äßt
sich dadurch begegnen, daß man am richtigen Orte, im Ober- und
Mittellaufe eines Flusses und seiner Nebenflüsse, außer Wildbach-
        <pb n="45" />
        36

verbauungen vor allem Stauweiher, in genügender Größe und Zahl,
im unteren Laufe Schutzdämme, ferner Wehren baut; selbstverständlich
gehört dazu ein entsprechender Nachrichten- und Rettungsdienst
(Wasserwehr). Die dafür ausgelegten Gelder verzinsen sich reichlich,
indem sie Menschen und Güter erhalten helfen. Gegen Frostschäden
schützen Rauchfeuer. Gegen die Gefahr der Eisberge (der 1912 die
»Titanic« mit 1500 Menschen zum Opfer fiel) wendet man jetzt die
Sprengung, bzw. Schmelzung durch Aluminiumthermit (Verfahren des
Professors Barnes, Montreal) mit Hilfe einer eigenen Zerstörerflottille an.
Was die Naturschäden organischen Ursprunges betrifft, seien als
Beispiele der Abwehr erwähnt: die Raupenleimringe zum Schutze
der Obstbäume vor dem Frostspinner; die systematische Entfernung
der Eier des Schwimmspinners von den Eichbäumen in Slawonien
Meider brachte man — es ist dies eine sehr irrationelle Finanz- und
Wirtschaftspolitik — zu wenig Geld auf, um diese großen Volks-
werte zur Gänze zu retten); das Ziehen hoher Drahtgitter ‚viele
Kilometer weit in Argentinien gegen die Heuschreckeninvasion; die
rationelle Bekämpfung der gefährlichen Tsetsefliege in Südafrika
u. a. m. Jedenfalls sollte eine rationelle Wirtschaftspolitik, wenn
nötig, auch in internationaler Zusammenarbeit, mit viel mehr Syste-
matik und mit weit größeren Beträgen als bisher die möglichste
Vermeidung der Schäden durch Elementarereignisse sich zum Ziele
setzen; diese Mittel stehen auf gleicher Linie wie die für Bildung,
Erziehung und Gesundheit ausgegebenen Summen und sind volks-
wirtschaftlich weit rationeller als die traurig-berühmten Rüstungs-
ausgaben (s. später »Internationale Rationalisierung «).

Über die rationelle Bewirtschaftung der Naturschätze (Erze,
Kohle, Holz, Mineralöl u. a.) können hier nur einige wenige generelle
Bemerkungen vorgebracht werden. Eine Hauptaufgabe der offiziellen
Wirtschaftspolitik ist die wirksame Verhinderung des Raubbaues
dieser zum Teil nur in beschränkten Mengen auf der Erde vor-
gefundenen Roh- und Betriebsstoffe; ferner die technische und
arganisatorische Rationalisierung der Gewinnung (Förderung,
Bringung) der Naturschätze zu betreiben. Z. B. ist die Kohlen-
förderung je Arbeiter und Schicht in verschiedenen Ländern (oder
Ländergebieten) sehr verschieden günstig; die F ortschritte im Bau
rationeller Fördermaschinen und in Arbeit erleichternden Verfahren
sollten immer größere Verbreitung finden. Rationell ist auch die
Verhütung von Bergwerkskatastrophen, So z. B. die in Deutschland
        <pb n="46" />
        37

und Amerika schon stark benützte Steinstaubmethode (rock-dusting).
Die stets neue Erfolge bringende Verwertung der Kohle zur Gewinnung
nützlicher Nebenprodukte, die Verflüssigung der Kohle (Kohlenöl
nach dem Berginverfahren) zum Ersatz des immer knapper
werdenden Mineralöles bieten ein großartiges Bild technisch-rationellen
Könnens und Organisierens.

Auch auf dem Gebiete der Benützung der Naturkräfte machte
der menschliche Geist bedeutende Fortschritte und es sind gewiß noch
weitere Erfolge zu gewärtigen. Man erinnere sich nur an die
gewaltige Entwicklung, welche die Entnahme von Energie aus dem
fallenden Wasser von der alten Wassermühle und den alten
primitiven Holzturbinen (z. B. in Albanien) bis zu gigantischen
Kraftwerken durchgemacht hat, die in Amerika, Europa und Asien
Japan) im Gange sind. In Deutschland, der Schweiz, Italien und
Frankreich verbindet man mit der Gewinnung von Energie aus
einem Flusse in sehr rationeller Weise auch dessen Schiffbar-
machung und den besseren Schutz der bewohnten Ufer vor Hoch-
wasserschäden, so z. B. in Augst-Whylen bei Basel am Rhein.
Die kostenlos, aber leider nicht regelmäßig von der Natur zur
Verfügung gestellte Energie des Windes wird noch lange nicht
rationell ausgenützt; abgesehen von den altbekannten »Windmühlen«
Windrädern) gibt es derzeit nur in wenigen Staaten, so z. B. in
Dänemark, eine größere Anzahl von akkumulatorisch ausgebauten
Windkraftanlagen, die der Landwirtschaft zahlreiche kleinere und
billige Energiemengen liefern; hier harrt der Technik in den meisten
Ländern noch eine im höchsten Sinne des Wortes rationelle Aufgabe.
Der revolutionierenden Wirkung der Verwendung des Dampfes als
Triebkraft sei in aller Ehrfurcht gedacht, ebenso der bedeutenden
Fortschritte, die in bezug auf die immer größere Ökonomisierung
der Erzeugung und Verwendung des Dampfes (Turbine, überhitzter
Dampf, fortschreitende Kohlenersparnis, Verwendung der Abwärme,
Verringerung des Wärmeverlustes u. a. m.) zu melden sind. Möglichste
Ökonomie bei der Verwandlung der toten in Arbeitsenergie ist
überhaupt ein Hauptgebot der rationellen Energie- und Wärme-
wirtschaft. So hat auch die Verwendung des Öles als motorische
Kraft beträchtliche Fortschritte gemacht, die gewiß noch weiter
fortgesetzt werden.

Ansonsten ist energiewirtschaftlich vom Rationalisierungsstand-
yunkte zu sagen, daß man zwar jeweils die bestbilligste Energie-
        <pb n="47" />
        38

quelle verwenden soll, dabei aber wichtige volkswirtschaftliche
Gesichtspunkte mitzuberücksichtigen hat, wie z. B. den Umstand,
daß kohlenarme Länder ihre Wasserkräfte unbedingt auszubauen
aaben, weil sie dadurch vom Auslande unabhängig werden und
zahlreichen Arbeitskräften Beschäftigung geben, ja sogar zur Strom-
ausfuhr (statt der Kohleneinfuhr) gelangen. In der Elektrizitäts-
wirtschaft sind die allgemein anerkannten rationellen Grundsätze
folgende: nicht zu viele kleine Werke, sondern lieber weniger, aber
größere und modernst eingerichtete Anlagen, zentrale Bewirtschaftung
größerer Gebiete mit Vereinheitlichung der Stromarten und rationellem
Stromausgleich, zu dem in Zeiten besonderer Wasserarmut auch
Dampf- oder Ölwerke beitragen können; Bau moderner Fernleitungen
mit Höchstspannungen. Für Großbritannien wurde berechnet, daß
die zentrale Elektrizitätsbewirtschaftung eine jährliche Ersparnis von
14 Millionen Pfund Sterling bedeutet, bei erheblich billigerem Strom
ınd Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie — durchwegs
besonders rationelle Ergebnisse.

Mit der Frage, wie man sich einmal einzurichten haben werde,
wenn die eine oder andere Energiequelle im Verhältnisse zum
— bekanntlich stets zunehmenden — Bedarfe fühlbar abnehmen
sollte, braucht sich der rationelle Volkswirt derzeit nicht zu befassen.
Noch immer gelang es dem technischen Genie, Ersatzstoffe und
Ersatzenergieträger zu entdecken und nutzbar zu machen. Von der
Windkraft wurde schon gesprochen. Die Verwertung der Kräfte, die
beim Wechsel von Ebbe und Flut frei werden, und die motorische
Verwertung der Sonnenwärme wird unausgesetzt studiert. Die
deutschen Ingenieure Meinicke und Dr. Bräuer haben ein Verfahren
ersonnen, nach welchem die verschiedenen Temperaturen des Meer-
wassers (in verschiedenen Tiefen) ausgenützt werden sollen. Inzwischen
bleibt dem rationellen Energiepolitiker noch genug Arbeit von
unmittelbar praktischer Bedeutung, um den Wirkungsgrad der
Benützung der jetzt zur Verfügung stehenden Energiequellen
beständig zu erhöhen.

Schon hier soll auf die ungemein wertvolle Förderung hingewiesen
werden, die durch internationale Zusammenarbeit der Ratio-
nalisierung im allgemeinen, der bestmöglichen Gewinnung, Verteilung
und Verwertung der Naturkräfte und Naturschätze im besonderen
zuteil werden können. Im letzten Abschnitte dieses Buches wird von
ler Rationalisierung auf internationalem Gebiete ausführlicher ge-
        <pb n="48" />
        39

handelt; hier sei bloß hervorgehoben, daß die Völker nur durch
gegenseitige Verständigung und Vereinbarungen den vollen
Nutzen aus der neuen technischen Gestaltung der Produktion
und des Verkehres erzielen können. Ing. Bretschneider führte
diesen Gedanken des näheren in einem Vortrage aus, der in der
»Sparwirtschaft« (Jänner 1928) veröffentlicht wurde, und im einzelnen
die Weltkraftkonferenzen, die internationalen Vereinigungen für
Wärme-, Kälte- und Elektrotechnik, die International Standardi-
zation Association, den Internationalen Verband für Materialprüfungen
u. a. schildert.

5. Rationalisierung der Landwirtschaft,
Wir gelangen nunmehr zu der ältesten und, trotz aller Indu-
strialisierung, noch immer wichtigsten Produktion: Getreidebau, Zucht
von Groß- und Kleinvieh, Gemüse-, Obst- und Futtermittelbau, Forst-
wirtschaft, Weinbau, Fischzucht, Agrumen, in Überseeländern Bau
von Baumwolle, Jute u. a. Das sind die unentbehrlichen Quellen
unseres Lebens, sie liefern uns das »tägliche Brot« und die ebenso
unentbehrlichen gewerblichen Rohstoffe, namentlich für die Kleidung
aller Art. Gerade diese älteste Art echter wirtschaftlicher Tätigkeit
des Menschen, nachdem er seßhaft geworden, zeigte lange Zeit,
vielfach noch bis in unsere Tage rastloser technischer Fortschritte
und sozialwirtschaftlicher Umschichtungen, die gleichen Arbeits-
und Betriebsmethoden, ererbt von Vater und Großvater, gehütet vor
unerprobten Neuerungen; die Landwirte geben nur zögernd der
motorischen Kraft Raum, sind nur schwer belehrbar und zu er-
giebigeren Verfahren zu erziehen. Auch sie haben die Nachteile
ihrer Vorzüge, in ihrer wurzelechten, bodenständigen Art und ihrer
:aandeigenen, mehr konservativen Gesinnung. Bevölkerungs-, ernäh-
ungs- und handelspolitische Motive waren wirksam, das »Landvolk«
und seine Tätigkeit durch verschiedenartige Maßregeln der Wirt-
schaftspolitik zu erhalten und zu fördern. Zum Teil waren dies
esoterische Mittel, d. h. von außen und nicht von innen heraus, aus
der Wirtschaftspsyche und Betriebsenergie der Landwirte, wirkend
wie Schutzzölle, Einfuhrverbote u. ä,, Subventionen an landwirt-
schaftliche Genossenschaften, ohne auch auf die rationelle Gebarung
derselben maßgebenden Einfluß zu nehmen, oft nicht ohne partei-
und personenpolitische Rücksichten. Aber auch wirksame, sachliche
        <pb n="49" />
        10
Mittel der Förderung gab es schon vor der jetzt auch in die Land-
wirtschaft eindringenden Rationalisierung, wie unter anderem gute
Fachschulen mittleren und höheren Grades sowie Fachkurse und
Wanderlehrer; das weite Gebiet-der »Landeskultur« (Urbarmachung
von Öd- und Moorland, Entwässerung von Wiesen und Ackergründen
sowie Bewässerung zu trockener Böden; im Gebirge Wildbachver-
bauung und Bannwälder); Anlage von Verkehrswegen; Ausstellungen
und Prämien bester Erzeugnisse; Förderung der landwirtschaftlichen
Genossenschaften, Buchstellen u. a. m. Die Erfolge waren im all-
gemeinen gute, wenngleich der Fortschritt sich nur langsam, oft zu
langsam vollzog; es fehlte noch der systematische, alle Fragen
des Betriebes erfassende Charakter der Förderungspolitik, wie er sich
nunmehr in der »agrarischen Rationalisierung« kundtut. Jetzt handelt
2s sich darum, auch in den europäischen Ländern die Landwirtschaft
merkbar emporzubringen, ihr den Rationalisierungsgeist einzuimpfen,
nd wissenschaftlich erprobte und. organisatorische Mittel der höchst-
möglichen Steigerung des Ertrages, bei möglichst weitgehender Ver-
ingerung der Kosten an Zeit und Arbeit, zuzuführen. ;

Daß die Landwirtschaft in Europa, besonders‘ in Mitteleuropa
noch weitgehender Rationalisierung bedarf, möge an einigen mar-
kanten Beispielen dargetan werden. In Österreich liefert z. B. ein
Huhn durchschnittlich im Jahre 50 bis 60, nach Angabe anderer
Fachleute 70 »greifbare« Eier, man könnte mindestens den doppelten
Ertrag erzielen, wenn die Tiere rationeller gefüttert und behauset
würden; die Einfuhr: würde vermindert werden. Für Deutschland
wurde der Durchschnittsertrag der Milchkühe jährlich mit 1800 bis
2000 Kilogramm Milch errechnet, während er in Dänemark — bei
ungefähr gleichen Böden, gleichen klimatischen und Betriebsverhält-
nissen — 3000 Kilogramm (Liter) ausmacht. Dieser Unterschied be-
deutet, bei einem Milchpreis von 19 Pfennig einen Verlust der deutschen
Volkswirtschaft von 1 Milliarde Mark (9 Millionen Kühe angenommen),
der durch Rationalisierung des Stallbetriebes, der Haltung, Fütterung
und Milchgewinnung in kurzer Zeit auszumerzen wäre; zu diesem
Erfolge wäre auch bessere Aufzucht (Verwendung von Zuchttieren)
notwendig. Der Ertrag des Weinbaues in Österreich und anderen
Ländern ist unter anderem auch deshalb quantitativ und qualitativ
zurückgeblieben, weil man jene Reben nicht rechtzeitig ausgemerzt hat,
die gegen Frost und Erkrankung nicht widerstandsfähig sind. In
Deutschland und Österreich wird ein erheblicher Teil der Grünfutter-
        <pb n="50" />
        11

ernte verregnet, geht also verloren oder hat viel geringere Nährkraft; in
Amerika, Dänemark und anderen Ländern wird diese Pflanze nicht
bloß getrocknet, etwa wie Dörrgemüse, sondern auch wie Sauerkraut
singesäuert, in große Silos — die in Amerika, aber selbst in dem
etwas rückständigen Frankreich fast jede Farm besitzt — einge-
bracht, wo das Futter Schutz gegen unwirtschaftliche, aber vermeid-
bare Witterungsverluste findet. In Deutschland und Österreich wird,
im Gegensatz zur Schweiz, erst in wenigen Fällen Jauche und
Dünger ständig aufgesammelt (»Gold des Landwirtes«!) und für
die weitere Verwendung im Kreislaufe des Stoffwechsels entsprechend
vorbereitet; der irrationelle Verlust besteht darin, daß ein großer Teil
der Nährstoffe, die durch den ziemlich unwirtschaftlich arbeitenden
Tiermagen hindurchgeleitet wurden, der Landwirtschaft verloren
geht. Noch selten wird in Österreich die Wiese (Gras- und Klee-
boden) regelmäßig gedüngt, was durch praktische Jauchepumpen,
die in der Schweiz angewendet werden, geschehen kann; der Erfolg
ist mehr und gehaltvolleres Gras, bzw. Heu, infolgedessen schwereres
und ertragreicheres Vieh; ebenso selten ist noch systematische
Futtersamenzucht.

Diese Beispiele könnten noch vermehrt werden; sie allein be-
weisen aber schon, auf wie vielen Gebieten systematische Ratio-
nalisierungsarbeit in der Landwirtschaft Europas notwendig und
möglich ist. Angeeifert von dem Beispiele der Vereinigten Staaten
und Kanadas, geht man denn jetzt mit mehr Energie als bisher,
vielfach bewogen durch handelspolitische Rücksichten (Versorgung
mit Nahrungsmitteln, die im Inlande erzeugt werden), daran, den
landwirtschaftlichen Betrieb und dessen Ertrag zu verbessern. Wie
in Deutschland, bemüht man sich auch in Italien (»battaglia di grano«,
vgl. »Reichspost« vom 27. September 1927), in Polen, Ungarn und
in Österreich (wo Bundespräsident Dr. Hainisch und Minister
Thaler sehr eifrige Förderer moderner, intensiver Landwirtschaft
sind), die Landwirtschaft in allen ihren wichtigeren Zweigen zu
größerem Ertrage zu bringen.

Es sollen nun einige konkrete Probleme der Rationalisierung der
Landwirtschaft besprochen werden.

Da ist zunächst die rationelle oder irrationelle Lage der Grund-
stücke zueinander. In Süd- und Westdeutschland, auch in Österreich
ist kleinerer Bauernbesitz vorherrschend mit linearer Erbteilung; eine
sehr schädliche Folge davon ist der »Streubesitz«, der einen
        <pb n="51" />
        2

bedeutenden »Leerlauf« der landwirtschaftlichen Arbeit verursacht,
indem bis zur Hälfte der aufgewendeten Arbeitszeit auf unproduktive
Wege, Holung und Bringung, verloren geht; das mit dem Streubesitz
verbundene Wende- und Tretrecht macht‘ ernste Fortschritte der
Bodenkultur geradezu unmöglich, ebenso die Anwendung von
Maschinen. Seit Hunderten von Jahren wird die »Flurbereinigung«
vetrieben, eigene »Kommassierungs-« oder »Arrondierungs«gesetze
erschienen — ihre Durchführung läßt aber sehr zu wünschen übrig,
wenigstens in Österreich. Die Rationalisierung des landwirtschaftlichen
Betriebes fordert mithin als eine Grundvoraussetzung. die energische,
großzügige Reform der Grundstückeverteilung. »Bauerngeschlechter
folgen Geschlechtern auf nassem, saurem Boden — sie haben nicht
den Gemeinsinn, die Einsicht, mit den Nachbarn zur gemeinsamen
Beseitigung der Übelstände zusammenzuarbeiten.« Die Bauern in
Westfalen, Hannover und Sachsen sind besser daran, weil sie das
Anerbenrecht, also mehr geschlossene Besitztümer, kennen (vgl.
»Reichspost« vom 29. September 1927).

Die weitere besitzpolitische Frage, ob Groß- oder Kleinbesitz
vorteilhaftere Bewirtschaftung verbürge, ist nicht generell und apo-
diktisch zu beantworten. Wahrscheinlich ist eine gesunde Mischung
der Besitzgrößen und eine namhafte Zahl mittlerer Bauerngüter
das beste Mittel zur Entwicklung des Ertrages. Großbesitze ermög-
lichen die Verwendung maschineller Arbeitsbehelfe, die rationellere
Verwertung wichtiger Nebenprodukte und die Anlage der sogenannten
land- und forstwirtschaftlichen Industrien. Die nach dem Kriege in
mehreren Staaten Ost- und Südosteuropas erfolgte, mehr weniger weit-
gehende Zerschlagung der Großbesitze (Agrar- oder Bodenreform)
hat, wie das Internationale landwirtschaftliche Institut in Rom be-
richtet (1926), auf die Bewirtschaftung dieser Böden im allgemeinen
nicht vorteilhaft gewirkt, eher nachteilig, wenn man davon absieht,
daß in manchen Gebieten vom Getreidebau zur Viehzucht über-
gegangen wurde, was an und für sich ein Vorteil sein kann, aller-
dings nicht zu sein braucht.

Wichtige Verbesserungen wurden in manchen Staaten, so auch
in Deutschland, für den Bau und die Anlage (Einrichtung) der land-
wirtschaftlichen Gebäude vorgeschlagen und zum Teil schon in
Anwendung gebracht. Früher wurde oft unpraktisch (irrationell) und
zu teuer gebaut, zu viel »Kapital« in den »Hof« gesteckt, Ställe,
Scheunen, Keller usw. ohne Rücksicht auf den Arbeitsaufwand bei
        <pb n="52" />
        43

ihrer Benützung errichtet, so daß zur Erntezeit und beim Drusche
zuviel Menschenkräfte notwendig waren; hier ergaben sich also mit
Hilfe der Rationalisierung wirksame Mittel, der »Leutenot« zu steuern.
Neuerdings findet in Deutschland der »Sparhof« immer mehr Ver-
breitung. Die Grundregel seiner Konstruktion ist, menschliche Arbeit
für Tragen, Wege usw.) möglichst zu ersparen. Dieser Erfolg wird
zunächst durch eine rationelle Lage der Gebäude zueinander und
durch Einbau zweckmäßiger Transporteinrichtungen (Geleise, Hänge-
bänke, Förderer, Aufzüge u. ä.) erreicht — wie man sieht, tritt auch
hier der Grundgedanke der Fordschen »Fließarbeit« deutlich hervor.
Bei rationell konstruierten Dreschanlagen z. B. sind nur mehr 3 statt
12 bis 15 Personen erforderlich. Auch die Stallungen sind ähnlich
3aingerichtet; sie werden mit Transportvorrichtungen für die Zufuhr
des Futters und der Streu sowie für die Abfuhr des Düngers zur
(ebenfalls rationell gebauten und gelagerten) Dungstätte versehen,
was die Kosten und den Ertrag der Viehhaltung aufs günstigste
beeinflußt. Daß man für Einrichtungen zu sorgen hat, die den
Geboten moderner Stallhygiene dienen, ist selbstverständlich; die
gesundheitlichen Gefahren der Viehhaltung lassen sich (wie beim
Menschen) zum größeren Teil vermeiden. Peinliche Reinhaltung der
Tiere und ihrer Behausung, ihre sorgfältigste Wartung und ihre
periodische ärztliche Untersuchung sind naturgemäße Forderungen
der Rationalisierung. Übrigens sollen zementierte Ställe, ein schein-
barer Fortschritt gegenüber Ställen aus Holz oder feuchten Stein-
bauten, sich bei Schweinen nicht bewährt haben.

Das große Gebiet der landwirtschaftlichen Arbeit selbst ist in
Amerika und wird nun auch in Europa in stets zunehmendem Maße
"ationalisiert, vor allem durch die Mechanisierung und Motori-
sierung der Arbeit. In einem Berichte über Kanada, betitelt »Die
Maschine als Landmann« (Vossische Zeitung, 9. September 1927),
erzählt ein deutscher Auswanderer. daß er zur Gänze umlernen mußte,
daß kaum eine Lehre der deutschen Landwirtschaft dort Anwendung
äinde. Allerdings sind die anderen Arbeitsweisen bedingt durch das
andere Klima und das weite Flachland; aber gewisse techniche Ver-
Desserungen sind durchaus auch in Mitteleuropa anwendbar. In Kanada
erfordert z. B. die Heuernte fast keine Handarbeit mehr — die
Maschine schneidet (mäht), harkt, wendet; reichere Farmer benützen
sinen automatischen Auflader (Heugabel — ade!): ein kleiner Elevator
arfaßt das Heu und schafft es auf den (Automobil-) Heuwagen.
        <pb n="53" />
        ba

Gewöhnlich verwenden vier Farmer eine Dreschmaschine. Diese
Maschine braucht keine menschliche Bedienung, der Traktor nicht.
ainmal dauernde Aufsicht. Das gedroschene Korn läuft armdick an
der anderen Seite der Maschine in hohe, fest verspundete Kasten-
wagen und wird sofort in die Speicher oder an die Bahn gefahren
und hier mit Saugrohren aus den Kästen gesogen. Diese und andere
Behelfe vermindern Zahl und Kosten der Arbeiter bedeutend, trotz-
lem der einzelne »farmhelp« fünf- bis zehnmal so viel wie sein
deutscher Kollege an Lohn bezieht und bei einigem Fleiß und Spar-
samkeit sich in fünf bis sechs Jahren selbständig machen kann..In
dreieinhalb Wochen werden 300 Acres (etwa 130 Hektar) fertig bestellt,
mit dem Traktor (der ja auch in Deutschland und Österreich schon
größere Anwendung findet) gepflügt, geeggt und besäet. ‘Ähnliche
Rationalisierung wird von der Viehhaltung berichtet. Der Farmer
benötigt nur ein Viertel der Arbeit, die der deutsche Bauer leisten
muß; verdient aber bei etwas Tüchtigkeit in fünf Jahren mehr als
ler Deutsche im Leben. ;
Erfreulicherweise macht die‘ Mechanisierung "der landwirtschaft-
‘ichen Arbeit auch in den Staaten Europas beständig Fortschritte.
In Deutschland, heißt es in einem Berichte der Frankfurter Zeitung
(1926), ist wohl kein anderer Wirtschaftszweig in so weitem Umfange
alektrisiert wie die Landwirtschaft. Die Kraftwerke dehnen ihre
Versorgungsnetze immer weiter aus, auch ins entlegenste Dorf, so:
weit dort nicht billige lokale Wasserkraftwerke zur Verfügung stehen.
Dem Lokomobile mit seinem Dreschsatz ist im Elektromotor ein
iberlegeher Konkurrent entstanden (vgl. Kölner Illustrierte Zeitung
vom 27. August 1927). Man erkannte, daß jedes Gerät totes Kapital
während der Zeit der Nichtbenützung ist; das gilt wohl vom Loko-
mobile, nicht aber vom Elektromotor, der andauernd benützt werden
kann, zumal er fahrbar oder — bei kleineren Aggregaten — tragbar
eingerichtet wird. So arbeitet er an einem Tage in der Scheune,
wo er eine Futterreinigungsmaschine treibt, dann im Gemüsegarten
zum Wasserpumpen, später an der Jauchepumpe, an der Ölkuchen-
oresse u. a. m;, um abends das Licht zu liefern. Ebenso wird er zum
Antriebe der Dreschmaschine verwendet. Weitere rationelle Vorzüge
dieses Tausendkünstlers sind: er nimmt weit weniger Raum in An-
spruch als das Lokomobil, man muß nicht beständig Feuer unter-
halten, nicht Wasser in den Kessel pumpen und er braucht keine Be-
dienung. Das ist Rationalisierung, das ist »Ökonomie« der Ökonomie!
        <pb n="54" />
        45
Dem Nachteile, daß die Frucht oft weit vom Gehöft aufgestapelt ist,
hilft man dadurch ab, daß man die Leitungen beliebig weit über Land
führen kann; die Kabel können leicht verlegt und ohne Gefahr mit
der Fernleitung verbunden werden, wobei der Hochspannungsstrom
auf Gebrauchsstrom mit Hilfe kleiner, fahrbarer Transformatoren um-
gewandelt wird. Dieser Strom ermöglicht überdies gefahrlos die
Nachtarbeit beim Drusch und gleichzeitig die Beleuchtung (Schein-
werfer), ein Vorteil, der bei drohendem Wetterumschlag besonders
deutlich wird. Der Elektromotor dient auch der Viehwirtschaft,
zu Molkereimaschinen, in der Elektrokäserei u. a.

Einen Nachteil zeigen die modernen Maschinen und Geräte
‘Motore) für die Landwirtschaft noch: sie sind in Europa noch zu
wenig genormt und standardisiert (hier wenigstens wird man
nicht den Einwand der Gefahr für Qualitätsarbeit und Individualität
bereithalten können), daher noch ungerechtfertigterweise zu teuer,
somit auch noch zu wenig verbreitet. Wie in den Vereinigten Staaten
sind nun energische Reformen im Gange. Man bemüht sich z. B,.,
eine einheitliche Spurweite der Fuhrwerke, einheitliche Achsenmaße
durchzuführen. Am angegebenen Orte wird mitgeteilt, daß auf einem
Hofe Ackerwagen mit 20 verschiedenen Achsenspuren verwendet
werden; ein (rasches) Auswechseln der Räder ist unmöglich. Bis vor
kurzem gab es 40 verschiedene Systeme von Motorpflügen in Deutsch-
land, wo einige drei bis vier Sorten genügten.

Eine weitere wichtige Rationalisierungsaufgabe ist die Standardi-
sierung der landwirtschaftlichen Produkte, verbunden mit einer
Qualitätsverbesserung. Dies ist außerordentlich wichtig für die
Verkaufsmöglichkeit, schon wegen der ausländischen Konkurrenz.
Pflanzliche und tierische Produkte müssen in bezug auf Geschmack,
Haltbarkeit und Aussehen (Verpackung) von einwandfreier, ein-
heitlicher Beschaffenheit, Markenware sein. Dieser Erfolg hängt zu-
nächst von der Beschaffenheit der Produktionsstätte (Acker, Wirt-
schaftsgebäude, Stall u. a.) und der Arbeitsorganisation ab. Wesentlich
ist auch die wirksame Ausschaltung schädlicher Mikroben aus
dem Wachstum von Pflanze und Tier. Es wird auch für die euro-
päischen Staaten nach dem Beispiele der Vereinigten Staaten emp-
fohlen, eine öffentliche Kontrolle schon am Beginne des Pro-
duktionsprozesses, nicht erst des fertigen Produktes (etwa nach Art
des Österreichischen Lebensmittelgesetzes, der Marktpolizei) einzu-
Führen; es werden amtliche certificates ausgestellt, so z. B. eine
        <pb n="55" />
        46

Stallkontrolle; hier sind den landwirtschaftlichen Berufsvertretungen
ilankbare Aufgaben: gestellt.

Der Grundsatz der Standardisierung der Produkte und der
Herausbringung gleicher Markenware spielt z. B. bei dem kali-
fornischen Obst eine große Rolle. Die übergroße Zahl der Sorten
in Europa erschwert den Absatz, verteuert überflüssig die Ware.
in Deutschland wurde 1926 erhoben (vgl. Berliner Tagblatt vom
9. Februar 1927), daß es über 2000 Kartoffelsorten gab, ebenso
einige hundert Getreidesorten: es würde genügen, entsprechend dem
Boden und dem Klima einige wenige, aber beste Sorten zu züchten.
Die einzelnen Obstarten werden vielfach noch als ein nicht be-
sonders beachteter Nebenzweig der landwirtschaftlichen Tätigkeit
Ähnlich wie Geflügel- und Eierzucht), u. zw. in unzähligen Sorten,
gezogen Oder, besser gesagt, wachsen gelassen; dazu kommt die
unvorsichtige Erntemethode, die oft mangelhafte Verpackung, so daß
die überlegene und nicht teure ausländische Ware bevorzugt wird.
In dem Berichte, dem diese Zeilen entnommen sind (Frankfurter
Zeitung vom 27. September 1927), heißt es dann, daß »edle Ge-
müter entsetzt sein werden, daß die edlen Früchte eines Aprikosen-
vaumes nun auch von dem +++-Rationalisierungsfimmel erfaßt werden
sollen« — aber der Verfasser setzt hinzu: »Es wird bald der Tag
kommen, da überhaupt kein deutsches Obst auf der Tafel zu finden
sein wird, wenn nicht die Absatzfähigkeit des inländischen Obstes
gesichert und der ausländischen Konkurrenz wirksam begegnet wird. «
Heute kann der Obstbauer oft kaum die Kosten des Anbaues
decken, da die bessere Auslandware trotzdem billig (weil sie oft
als Schiffsballast keine Frachtkosten hat) verkauft wird, also den
Preis drückt. Man muß daher den Obstverbrauch, aber auch den
Obstbau heben und hiebei die in den Vereinigten Staaten und in
Holland bewährten Methoden anwenden: Zucht einiger weniger
Qualitätssorten; peinlich genaue Sortierung nach Größe und Güte;
sorgfältige, gefällige Verpackung; Organisation der Züchter für diese
Reformen; Ausstellungen mit Prämien. In Deutschland hat man mit
diesem Programm schon den Anfang gemacht und bereits sehr gute
Erfolge erzielt. Auch in Österreich zeigt sich die gleiche erfreuliche
[nitiative, so wurde z. B. Ende 1927 in Oberösterreich von der Land-
wirtschaftskammer die Standardisierung des Obstes und die Ver-
packungsfrage in Angriff genommen; ebenso in Kärnten. Auch die
'andwirtschaftlichen Wiener Messen beweisen, daß ständig Fortschritte
        <pb n="56" />
        4.7

getan werden. Ähnlich wie für Obst, ist auch für Blumen noch
so manche Rationalisierungsmaßregel notwendig, um die inländische
Erzeugung zu heben.

Daß die Viehzucht durch systematisches Hinwirken aut »Best-
leistungen« merklich gefördert werden kann, ist vielleicht auch in
Laienkreisen bekannt, weiß man ja von Zuchthengsten, Zuchtstieren,
Zuchtebern, von Stierschauen, wo die besten Tiere prämiiert werden.
Aber eine durchgreifende, die Inlandproduktion merklich — quanti-
:ativ und qualitativ — hebende Rationalisierungspolitik erfordert noch
viele andere tierzüchterische Arbeiten. Da ist z. B. die Rationali-
sierung der Fütterungsmethoden, Anlage von Futtlersilos, regel-
mäßige Düngung der Wiesen und Kleefelder, Gras- und Kleesaat-
auswahl u. a. Durch Vermehrung und Veredlung des Rinderbestandes
vermehrt und verbessert sich die Milchproduktion, es fällt mehr
Buttermilch ab, was wieder die Fütterung der Jungschweine fördert.
Die Schweinemast wird ferner rentabler gemacht, wenn die Kartoffel-
trocknung wirtschaftlicher gestaltet werden kann, wenn dieses
Futter dem Vieh auch in der kartoffelarmen Zeit zu Gebote steht;
die dadurch bewirkte Senkung des Kartoffelpreises wirkt auch auf
den Schweinepreis, wie überhaupt die überragende Bedeutung der
Futterpreise für die Viehpreise noch viel zu wenig beachtet wird
(vgl. Vossische Zeitung vom 10. August 1927).

Die agrarische Rationalisierung kann ebensowenig wie die der
Industrie (siehe unter »soziale Rationalisierung«) vor der Arbeiter-
[rage haltmachen. Die schon erwähnte »Leutenot« der Landwirt-
schaft, eine Folge der Anziehung der Stadt und oft unzulänglich
wohnlicher und sonstiger Verhältnisse auf dem Lande, kann,
u. zw. durch zunehmende Mechanisierung der Landarbeit bekämpft
werden; aber immer wird man »Leute« brauchen und diesen die
Arbeit anziehend zu machen, die richtige Arbeits- und Lohnmethode
zu wählen, ist eine Hauptaufgabe der sozialen Rationalisierung aut
jem Lande. Mit Recht verwies der »Deutsche Landwirtschaftsrat«
11926) darauf, daß dem Landarbeiter die Arbeit angenehm und leicht
gemacht werden muß; man soll ihn auf praktische Handgriffe auf-
merksam machen und praktische Werkzeuge anschaffen: jede un-
nütze Anstrengung ist auszuschalten — kleine Wasserkräfte, der
Elektromotor (von dem früher die Rede war) sind daher als wahre
Freunde des Arbeiters anzupreisen. Eine richtige Lohnmethode ver-
langt, daß jeder Arbeiter nach seiner Leistung entgolten werde,
        <pb n="57" />
        43

selbstverständlich bei Zusicherung eines Mindestbezuges für alle
Auch für zulängliche Behausung der Arbeiter ist zu sorgen und
in Ländern, wo soziale Versicherung besteht, sollte man sich
nicht in kleinlicher Engherzigkeit gegen die Erstreckung der Ver-
sicherung auf die Landarbeiter wehren; durch Pauschalierung der
Prämien läßt sich auch die Versicherung rationalisieren. Man tritt
in deutschen Fachkreisen ferner dafür ein, daß die Anschauung, als
ob die Landarbeit unbedingt sehr anstrengend und für ungelernte
Leute bestimmt sei, als unrichtig verschwinde; in den Landbetrieben
können gegenwärtig vielmehr nur geübte, gelernte Arbeiter ver-
wendet werden. Es ist daher auch fraglich, ob die saisonweise
Verwendung ausländischer Arbeiter (Wanderarbeiter), die zwar
geringere Löhne beanspruchen, aber auch weniger tüchtig. sind, ein
wirtschaftlicher Vorteil ist.

Da in den bäuerlichen Betrieben — also in der weitaus größten
Zahl von landwirtschaftlichen Betrieben — der Arbeitsfaktor aus-
schlaggebend ist, kommt der richtigen (rationellen) Organisation
der Arbeit in sachlicher und persönlicher Hinsicht große Bedeutung
zu. Eine Erhebung der niederösterreichischen Buchstellen ergab,
daß zwei Drittel des Einkommens des Bauern auf Arbeitseinkommen
und die Hälfte des Rohertrages auf Arbeitsaufwand entfallen. Im
Durchschnitte werden 70 Prozent der Arbeit von Familienmitgliedern
destritten. Es ist also eine Lebensfrage der Landwirtschaft, den
Arbeitsaufwand möglichst herabzudrücken, sei es durch Mechani-
sierung, sei es durch rationelle Anordnung und Reihenfolge der
ainzelnen Verrichtungen, sei es durch .die organisierte Selbst-
hilfe: die Genossenschaften.

In Deutschland, England, Frankreich, in Österreich und anderen
Nachfolgestaaten ist man längst zur Erkenntnis gelangt, daß die
Landwirtschaft, ähnlich wie in den Vereinigten Staaten, in der
Schweiz und besonders in Dänemark, eine möglichst lückenlose
Organisation, einen Zusammenschluß in Genossenschaften
brauche, eine wirtschaftliche »Einheitsfront«, gleichberechtigt mit
den großen Verbänden der Industrie und des Konsums, um maß-
gebenden Einfluß auf den Markt der agrarischen Produkte zu
nehmen. Jetzt ist der Preis für den Landwirt oft unrentabel, ohne
daß der Konsument davon einen Vorteil hätte; hier einen rationell
organisierten Vertrieb einzurichten, ist wohl eine Hauptaufgabe der
führenden Agrarpolitiker. Ein sehr taugliches, also rationelles Mittel
        <pb n="58" />
        49

der besseren Organisation in Produktion, Betrieb, Ein- und Verkauf,
Kredit u. a. bietet nun die altbewährte freie Genossenschaft, die
Cooperative, die Societe cooperative. Vorbild kann hier Dänemark
sein, wo die Genossenschaften wahrhaft rationell organisiert sind:
Srtliche und fachliche Genossenschaften, Bezirks- und Landes-
verbände, Reichszentrale; für alle Zweige des landwirtschaftlichen
Betriebes bestehen fachliche Genossenschaften; zudem ist für gründ-
liche Fach- und allgemeine Bildung der Bauern gesorgt. Auch im
jetzigen Österreich wird der genossenschaftlichen Organisation der
Landwirte größte Aufmerksamkeit, u. zw. mit steigendem Erfolge,
gewidmet, Als ein Muster sei die 1919 begründete Aschbacher
Molkerei-Genossenschaft angeführt. Sie zeichnet sich aus durch
moderne Einrichtung, peinliche Sauberkeit; sie verfügt über eine
Saatgutbearbeitungsanlage, das Saatgut wird nach Größe und Ge-
wicht sortiert; sie hat eine Musterwiese, mit besten Gräsern und
Klee bestellt, und verbessert alte Wiesen durch Einsaat besten Gras-
samens; sie besitzt einen Getreidezuchtgarten, d. h. ein Versuchsfeld
für Sortenanbau, sie macht systematische Düngeversuche u. a. m.
Alle minderwertigen Sämereien und Pflanzen werden ausgeschieden,
getreu dem Obersten Gebote der Rationalisierung: mit geringsten
Mengen höchste Erträge erzielen. Die angeschlossenen Höfe der
1200 Mitglieder (1926) werden ständig von »Leistungsprüfern« kon-
trolliert und beraten, Aufklärung über Fütterung, Viehhaltung und
Milchgewinnung wird durch Fachlehrer verbreitet, die auch technisch-
chemische Kenntnisse vermitteln. Mit wahrer Freude besichtigt man
die eigentliche Molkereianlage: jede eingelieferte Kanne wird geprüft
{in den Ställen gelangten elektrische Melkapparate zur Verwendung),
alle Futter- und Stallgerüche sind vermieden, alle Arbeiten sind in
sinnvoller Reihenfolge aneinander angeschlossen (Grundsatz der Fließ-
arbeit!), viele Arbeiten geschehen schon motorisch: mustergültig ist
auch die Käserei eingerichtet.

Auch aus der Tschechoslowakei kann Günstiges über die
Rationalisierung der landwirtschaftlichen Genossenschaften berichtet
werden (vgl. Prager Presse vom 25. Dezember 1926). Drei Ziele
schweben den Genossenschaftsführern vor: Die Erzeugnisse auf
dem Wege vom Bauern zum Verbraucher so wenig als möglich
mit überflüssigen Unkosten zu belasten; den Einkauf des Land-
wirtes mit möglichst wenig Regie durchzuführen; dıe Produktion
mit möglichst billigem Kredit zu versorgen. Zu dem letzteren Zwecke
Kobatsch, Wirtschaftlichkeitslehre.
        <pb n="59" />
        30

wurden die alten, gut bewährten Raiffeisenkassen, die fast gar keine
Verwaltungskosten machen (nur 0:3 Prozent der verwalteten Gelder),
gefördert und eine Zentrale der Kreditgenossenschaften gebildet. (Ähn-
liches geschah in Österreich durch die Gründung der Girozentrale.)
Die Einkaufsgenossenschaften (und deren Zentrale) können mit den
xartellierten Industrien weit erfolgreicher arbeiten als der einzelne;
derart wurde z. B. ein günstiger Vertrag mit der Kaliindustrie ge-
schlossen, der die Einkaufs- und Verkaufsregie bedeutend herab-
minderte und die geschäftlichen Beziehungen stabilisierte,. Der ge-
ı1ossenschaftliche Verkauf ist bisher noch nicht genügend verein-
heitlicht, aber gerade hier handelt es sich um wichtige Interessen,
wie: Schutz vor Preisrisken, vorteilhafte und regelmäßige Verwertung
der Erzeugnisse, Ersparungen beim Absatze u. a. Die Hindernisse
dieses Fortschrittes sind nicht bloß kommerzieller, sondern auch
produktionell-organisatorischer Natur, d. h. es müssen gute, be-
währte Saatsorten, beste technische Einrichtungen, Motore, Maschinen
zur Reinigung des Korns usw. verwendet. werden. Selbstverständlich
wurden auch die Lagerhausgenossenschaften weiter ausgebaut. .

Auch von den Genossenschaften in Deutschland, der Schweiz,
Frankreich und anderen europäischen Ländern könnten so manche
ir die Kenntnis der Rationalisierung wichtige Daten berichtet werden.
Wir beschränken uns auf einige weniger bekannte Charakteristika
ler Genossenschaften in Amerika. In Kanada wurden in den letzten
Jahren zahlreiche Farmervereinigungen zu dem Zwecke gebildet, um
las Getreide im Verlaufe des Winters, je nach der Preislage, zu ver-
kaufen; der Erlös wird in drei oder mehreren Raten ausgezahlt,
so daß die Farmer stets Betriebsmittel zur Hand haben und ihr
Risiko stark verringert ist. In den Vereinigten Staaten zwang die
oft sehr weite Entfernung der Farmen vom Markte zur Bildung von
Ein- und Verkaufs- und von Lagergenossenschaften, die gleichzeitig
die Züchtung von Markenprodukten, mit gleichbleibenden Qualitäten
und standardisierter Sortenzahl, ferner die Schädlingsbekämpfung
betreiben. Man zählte 1925 etwa 12.000 Farmergenossenschaften, die
einen Umsatz von 2 Milliarden Dollar erzielten. Auch der sehr rationelle
Jberbau der Genossenschaften, der Verband, fehlt nicht, u. zw. für
Bezirke und ganze Staaten, die, ähnlich wie z. B. die Zentralen
der Konsumgenossenschaften in England u. a. schon reine Groß-
betriebe, mit bestbezahlten Direktoren und kaufmännischer Führung,
darstellen. Die amerikanischen Genossenschaften umfassen nicht bloß
        <pb n="60" />
        51
Getreide- und Viehzüchter, sondern insbesondere auch Tabakpflanzer,
Reis-, Baumwoll- und Schafwollproduzenten. Die Frage, ob diese
immerhin mächtigen, allerdings von unten her begonnenen »Zusammen-
schlüsse« nicht gegen das Antitrustgesetz verstoßen, wurde aus-
drücklich verneint und ein eigenes Genossenschaftsgesetz geschaffen
(1922). Es ist nicht anzunehmen, daß die genossenschaftliche Organi-
sation zu Produktions- oder Absatzmonopolen führen werde; dazu
gibt es zu viele Farmer (über sechs Millionen) und eine zu stark
spezialisierte Erzeugung, ein Tatbestand, der übrigens auch von
den Genossenschaften in den kleineren Ländern Europas gilt und
gegen das Ideal eines »Genossenschaftssozialismus« spricht; die
Farmer Labour-Party ist bisher zu keiner Bedeutung gelangt. Die
praktischen Amerikaner benützen ihre Genossenschaften allerdings
dazu, durch einen gut ausgebildeten Marktnachrichtendienst
(marketing) das Schwanken der Produktion und der Preise möglichst
zu mildern, ähnlich wie dies die »Konjunkturforschung« für die
industriellen Artikel versucht. Eine weitere Rationalisierungsmaßregel
ist die jährlich fortschreitende Standardisierung der Produkte,
wodurch, was schon betont wurde, die Konkurrenzfähigkeit der
Produkte auf dem Weltmarkte stark erhöht wurde. Die genossen-
schaftlichen Lagerhäuser stellen, ebenso wie in Europa, Warrants
(Lagerscheine) aus, die eingelieferte Ware ist belehnbar, unabhängig
von der Zeit ihres Verkaufes.

Auch in der Landwirtschaft kann die Rationalisierung nur Erfolg
bringen, wenn sie im richtigen Geiste, mit Verständnis, betrieben
wird, denn nicht gesetzliche Zwangsmaßregeln oder Verwaltungsakte
sind entscheidend. Dazu gehört planmäßige Unterweisung, An-
leitung der Landwirte, ihre Erziehung zur rationellen Arbeit, in
der Schule und außerhalb derselben. Wie es in einem deutschen
Fachberichte heißt, stellt die moderne Landwirtschaftskunde nicht
wie die alte (agrarische) »Betriebs«(Wirtschafts)lehre das Landgut,
sondern den Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung; sie
pflegt die weitestgehende Nutzbarmachung der Fähigkeiten aller
Menschen, die in der Landwirtschaft tätig sind, durch deren gründ-
liche Ausbildung, durch deren Erziehung zum Nachdenken, Beob-
achten, wirtschaftlichen Rechnen (vgl. Frankfurter Zeitung vom
5. Mai 1927). Die rationelle agrarische Lehre vermeidet fremdklingende
Fachausdrücke und sucht vor allem durch lebendigen Anschauungs-
unterricht, der der Psyche des Landwirtes angepaßt ist, durch prak-
        <pb n="61" />
        52

tische Demonstrationen an Ort und Stelle zu wirken. Jugendliche
werden allerdings systematisch in eigenen Lehranstalten gebildet,
während man auf erwachsene Leute nur durch jene spezifische
Lehrmethode Einfluß gewinnen kann. In mehreren Ländern mit
besonders gut durchrationalisierter Landwirtschaft verwendet man
mit Erfolg ‚geschickte Wanderlehrer, z.B. in Dänemark die »Kon-
sulenten«, in den Vereinigten Staaten die county agents, die, in
einem landwirtschaftlichen College ausgebildet, in vielen Tausenden
ihr extension work eifrig betreiben, unterstützt durch Bundeszuschuß.
Die stärkere Verwendung von Maschinen und Motoren wird
übrigens. in den Vereinigten Staaten auch seitens der Fabriken land-
wirtschaftlicher Maschinen in intensiver Propaganda (Einrichtung von
Musterfarmen, Vorträgen, Kinos, Ausstellungen u. a. m.) gefördert. In
Österreich hat sich zu diesem Zwecke im Dezember 1927 ein
besonderer Ausschuß gebildet, dem Vertreter der beteiligten zwei
Hochschulen und Ministerien sowie der Industrie und der Land-
wirtschaft angehören und der hoffentlich die Mechanisierung der
Betriebe in rascheren Fluß bringen wird.

Bemerkenswert ist es, daß die Landwirte selbst in England,
von dem man sonst nur industrielle, kommerzielle und soziale
Kenntnisse besitzt, neuerdings sich für die Rationalisierung lebhaft
interessieren, um die Inlandproduktion zu heben. Die Labour Party
verficht zwar eine radikale Agrarreform, ist aber mit den übrigen
Parteien. darin einig, daß alle denkbaren Mittel gegen das »bad
arming«, gegen das »neglect of equipment« und für eine »concen-
rated intelligence« der Landwirtschaft angewendet werden müssen
Baldwin trat für die Verbesserung der marketing-Methoden ein, ferner
dafür, daß die Produkte in einer mehr »attractif form« verpackt
werden sowie für ein »scientifically grading« der Produkte.

Um die geradezu universelle Verbreitung des Rationalisierungs-
zedankens darzutun, sei noch darauf verwiesen, daß in Polen
'etzter Zeit bedeutende Anstrengungen zur Rationalisierung der Vieh-
zucht und der Verarbeitung tierischer Produkte gemacht werden;
as. entstanden zahlreiche moderne Molkereigenossenschaften, einige
Schinkenfabriken, moderne genossenschaftliche Schlachthäuser; die
Ausfuhr von Butter und Eier ist gestiegen.

Auch die Wissenschaft ist fast überall im Dienst der agrarischen
Rationalisierung tätig. Hier sind die landwirtschaftlichen Hochschulen
mit ihren zahlreichen Muster- und Studienbetrieben, mit ihren Unter-
        <pb n="62" />
        53

suchungs- und Prüfungsanstalten (deren es auch autonome Stellen
gibt) zu nennen. Es gilt die exakte Erforschung der Gesetze, die
sich auf das Leben der Handelspflanzen und Nutztiere, aber nicht
minder auch ihrer Schädlinge (siehe oben: Bekämpfung der Elementar-
schäden organischen Ursprunges) beziehen, also Probleme der Physio-
logie, Biologie, Bakteriologie, Serumlehre, aber auch der Vererbungs-
'ehre. Praktisch wirkt sich die Forschung aus in der Kontrolle des
Saatgutes (hinsichtlich Reinheit, Keimfähigkeit und Gehalt), der
Zuchttiere, des Düngers, der Futtermittel u. a. m.; eigene Anbau-
und Zuchtversuche, genügend lange und in genügender Zahl vor-
genommen, unterstützen die Theorie; nach dem Beispiele Professor
Neubauers (Dresden) werden neuerdings auch in Österreich moderne
»Bodenuntersuchungsstellen« errichtet (vgl. Arbeiter-Zeitung vom
17. Oktober 1927).

Besonders verheißungsvoll für erfolgreiche Höherleistung der
Landwirtschaft darf die moderne Vererbungslehre genannt werden.
Auf dem Internationalen Kongresse für Vererbungswissenschaften
Berlin 1927; vgl. Vossische Zeitung vom 26. August 1927) wurde
die große Ertragssteigerung in der Landwirtschaft und Viehzucht
durch Beobachtung der genetischen Erkenntnisse einmütig festgestellt.
Man beherrscht jetzt, wie Professor Baur (Institut für Vererbungs-
forschung in Dahlem) mitteilte, die Vererbungsfaktoren und kann
willkürlich (durch entsprechende Kombination der Merkmale) neue
Rassen züchten. Die einzelnen Rassenmerkmale können auch einzeln
vererbt werden. An interessanten Züchtungserfolgen seien beispiels-
weise angeführt: Züchtung von Rebensorten, die gegen Ungeziefer
und Pilze immun sind; Züchtung von Pelztieren in Mitteleuropa;
Höherzüchtung des Getreidekornes, die als »Rationalisierung« der
chemischen Fabrik bezeichnet wird, als welche das Getreide (Her-
stellung von Kohlehydraten und Eiweiß) gilt; Kreuzung rumänischer
Schweine, die immun gegen Schweinepest sind, mit deutschen
Rassen, um auch diese Tiere zu immunisieren; Züchtung der
Zuckerrübe auf höheren Gehalt u. a. m. Den (laienhaften) Einwand,
daß bei Vermehrung und Verbesserung, z. B. des Kornes, ein Preis-
rückgang zu befürchten sei, widerlegt eine klare volkswirtschaftliche
Erkenntnis: der noch vielfach, auch physiologisch zu geringe Ver-
brauch würde derart steigen, daß die Preise aus diesem Grunde
allein gewiß nicht zu sinken brauchen, abgesehen davon, daß über-
Nüssige Einfuhr vermieden wird.
        <pb n="63" />
        3

6. Rationalisierung in Industrie und Gewerbe.
Die Rolle der Technik und der Maschine.
Die Industrie ist die älteste Domäne der Rationalisierung, wo
liese bisher auch die größte Verbreitung fand und von wo sie erst
auf die übrigen Wirtschaftszweige übergriff. Der moderne Fabriks-
betrieb war selbst schon eine Art Rationalisierung des älteren Hand-
werkes und der Manufaktur, als man motorische Kraft und
Arbeitsmaschinen an Stelle der Handwerkzeuge zu benützen
ernte. Damit war auch die Entstehung und Verwendung größerer,
einheitlich disponierter Kapitalien verbunden, aber auch die zu-
nehmende Abspaltung der Arbeiter, später auch der Angestellten,
von den Produktionsmitteln, ihre seelische Entfremdung vom Betriebe
und damit auch ihre politisch benützte Gegnerschaft zum Betriebe
und zu dessen Eignern und ihrem Besitz (»&gt;Kapital«). Die fabriks-
mäßige Produktion mußte Massenproduktion sein, verbilligte die
Produkte und erweiterte gewaltig ihren Absatz, auch ins Ausland
Expansion, Kampf um die Märkte). Man sagt oft, daß ohne diese
verbilligte Massenerzeugung die stark vermehrte Bevölkerung nicht
der nur unzulänglich versorgt werden könnte. Es ist aber gar nicht
zu sagen, welche Entwicklung Bevölkerungszahl und Produktion
genommen hätten, wenn jene technischen Voraussetzungen der
Industrie (Motor und Arbeitsmaschine) nicht erfunden worden wären.
Es ist müßig, diese hypothetischen Bilder weiter auszumalen, zumal
viel wichtigere Gegenwarts- und Wirklichkeitsaufgaben gestellt
sind: es gilt nicht weniger, als Mittel zu finden, um das ernstlich
zestörte soziale und internationalwirtschaftliche Gleich-
zewicht wiederherzustellen. Und da muß die Frage untersucht
werden, ob uns nicht gerade die richtig verstandene und richtig
angewandte Wirtschaftlichkeitsiehre solche wertvolle Mittel an die
Hand gibt, ob nicht gerade die Technik, die, ohne es zu wollen,
die soziale Frage aufgerollt hat, nicht auch die Mission hat, eine
sefriedigende Antwort auf diese Frage zu geben. Wir werden später
»soOziale Rationalisierung«) sehen, daß diese Antwort nur möglich
st, wenn die Rationalisierung der Betriebe und der Arbeit von
aeiden Gruppen — Unternehmern und Arbeitern — in verständnis-
voller Gemeinschaftsarbeit durchgeführt wird.

Daß die europäischen Industrien sich nunmehr auch intensiver
nit Rationalisierung befassen, hat hauptsächlich zwei Gründe. Einer-
        <pb n="64" />
        55

seits wirkte hier das verblüffende Beispiel Amerikas geradezu
suggestiv, anderseits zwang die wirtschaftliche Not zu rationellerer
Wirtschaftsführung, die Not, die aus dem immer schärferen Kampfe
um den Absatz, infolge der zunehmenden Industrialisierung immer
zahlreicherer, auch kleinerer Staaten, entsprang und Höchst- und
Bestleistungen der Produktion erforderte.

Bevor die wichtigeren Maßregeln industrieller Rationalisierung
geprüft werden, soll ihr deutlichstes äußeres Stigma, die Technik,
und ihre Rolle in der Volkswirtschaft kurz behandelt werden. Auch
ist auf den wesentlichen Unterschied zu verweisen, der zwischen
den älteren »Materialprüfungs- und Versuchsanstalten« (öffentlichen
und privaten) und der technischen Rationalisierung besteht; jene
gehen stets von gegebenen Tatsachen aus, die in irgend einer Hin-
sicht geprüft und attestiert werden, diese dagegen strebt bewußt
Änderungen der gegebenen Tatsachen an, Fortschritte, Ver-
besserungen, sei es in der Verwendung von Rohstoffen, sei es im
Verfahren, sei es im Arbeitsprozesse und in der Arbeitsorganisation.
Dabei ist es wohl vorgekommen, daß Verbesserungen aus der
Prüfung oder Untersuchung hervorgingen.

Daß der (industriellen) Technik eine sehr bedeutende, wenn-
gleich nicht die einzige Rolle innerhalb des Gesamtgebietes der
Rationalisierung zufällt, ist offenkundig; wir werden aber sehen,
welche Wichtigkeit noch andere Faktoren — Organisation, Arbeiter-
psyche, sozialer Nexus, Warenvertrieb — für die erfolgreiche Ra-
tonalisierung besitzen, so daß wir uns vor einer übertriebenen
Einschätzung der Technik hüten müssen. »Gescholten viel und viel
bewundert« kann auch die Technik von sich sagen. Während sie
die einen für all die schweren sozialen Übel verantwortlich machen
‚durchaus unrichtigerweise), schreibt ein Th. Edison begeisterte
Oden unter dem Titel »Freiheit durch die Maschine« (1927); die
Sklaverei werde nicht eher völlig abgeschafft sein, als bis jede
Arbeit, die heute noch durch Menschenhand geschieht, durch eine
Maschine getan wird, allerdings fügt er doch hinzu: soweit diese
Arbeit von der Maschine in gleicher Güte getan werden kann; der
alte Handarbeiter (Handwerker) habe kaum freie Zeit für kulturelle
Beschäftigung, die Langsamkeit der Handarbeit zwinge ihn zu über-
mäßig langer Arbeitszeit. Die Maschinenarbeit sei durchaus nicht
monoton, liefere aber gleichförmige, verläßliche Erzeugnisse; sie führe
auch nicht zur Überproduktion., denn die Bedürfnisse der Menschen
        <pb n="65" />
        €

seien unbegrenzt, die Lebensführung der meisten lasse sich noch
sehr wesentlich ausgestalten. Wohl liefen die Handarbeiter im Anfang
Zzegen die (mechanische) Arbeitsmaschine Sturm und vernichteten
sie, So die Ludditen, so die Handweber in England, als der power-
ijoom sein Debut feierte, so die Ruderer und Segler, als Fulton sein
Dampfboot auf dem Hudson verkehren ließ, und so denkt man auch
noch in unserer aufgeklärten Zeit, als Protest z. B. gegen die Setz-
maschine, gegen die Owensche Glasblasmaschine, gegen die Ziegel-
legmaschine u. a. erhoben wurde und insofern man sich vor der
technischen Rationalisierung deshalb fürchtet, weil sie Arbeit spart,
die Produktion erleichtert, beschleunigt, verbilligt. Dabei begeht man
den‘ gleichen Denkfehler, den die armen, unwissenden englischen
Handweber vor eineinhalb Jahrhunderten begingen; sie. glaubten,
die Menge der benötigten Gewebe sei begrenzt (einen ähnlichen
Fehler machten die Lohnfondtheoretiker), daß daher, da ein power-
loom (mechanischer Stuhl) damals die Arbeit von zehn Handstühlen
leistete, 10 — 1 = 9 Handweber brotlos werden müssen; der Denk-
fehler lag darin, daß die Lohnkosten der maschingewebten Ware nur
sin Zehntel der handgewebten Ware waren, daß somit auch die
Preise wesentlich gesenkt wurden, so daß der Absatz rasch und
stark stieg, was wieder neue Arbeit erforderte. Ebenso stieg die
Menge der beförderten Personen und Waren auf den New Yorker
Dampfbooten. Die Nähmaschine hat die Zahl der Arbeiter in den
Bekleidungsgewerben um das Fünfzigfache vermehrt und Edison
fügt ironisch hiezu, die Arbeiter würden heute streiken, wenn man
ihnen die Arbeitsmaschine wieder nehmen wollte. Nun gibt es, selbst
in Amerika, noch viele Beispiele schlechter, d. h. irrationeller Arbeits-
organisation. Als wichtiges Beispiel führt Edison an, daß das Getreide
zwar maschinellgepflanzt, geerntet und verarbeitet, aber noch langenicht
rationell dem Konsum zugeführt wird: es gelangt zwar auf (noch lange
nicht vollkommenen) Maschinen, den Eisenbahnen, nachNew York, dort
aber ist Schluß mit den leistungsfähigen Methoden. Arbeitende Hände
bemächtigen sich des Gutes, die Kosten steigen dann auch rapid an —
die Verteilung der Lebensmittel ist noch viel zu irrationell organisiert.
Vielleicht noch weiter in der Überschätzung der Technik und
der Maschine (zum Teil auch der technischerf Rationalisierung) geht
Sowjetrußland. Die Fertigung mit der Maschine hat im Leben
des Proletariers von Anfang an eine große Rolle gespielt; nur war
Jie Maschine früher Dienerin kapitalistischer Interessen, während sie
        <pb n="66" />
        57

jetzt in Rußland im Besitz des Volkes ist und zum vollkommenen
Instrumente der kollektiven Interessen werden soll, zum besten Aus-
drucke des mechanisch-kollektiven Prinzipes, als Ebenbild einer
höheren Gesetzmäßigkeit; die ganze menschliche Gesellschaft muß
nach technischen Prinzipien organisiert werden. Wie früher Mystiker
den Menschen zu einem Ebenbilde Gottes machten, so fordern jetzt
die »Ekstatiker des Rationalismus« das völlige Aufgehen in dem »Ma-
schinismus«. Alle organischen Bewegungen werden als mechanische
Funktionen bezeichnet (ähnlich die pantechnizistischen Welterklärer).
Das unendliche, vielgestaltige und wechselnde Leben wird in rein
mechanische Konstruktionen eingefangen. Wie Ingenieur Tschimer
ldazu bemerkt, zeigt die Technik des Westens mehr Besonnenheit; sie
deschränkt sich nach dem Worte Fichtes darauf, zu erreichen, daß
xein größerer Aufwand an Arbeitsbemühen erfordert werde, als ihrer
der Mensch zu seiner Entwicklung und Ausbildung bedarf und diese
Arbeit soll keine Last sein. In diesem Sinne aufgefaßt, verstößt die
Technik, d. h. die Mechanisierung (und Rationalisierung) der Arbeit,
durchaus nicht gegen die Persönlichkeit, ist »kein bloßes Rechen-
sxempel der Naturforschung und Volkswirtschaftslehre«, vielmehr
immer weitere Befreiung des Lebens, ganz im Sinne Edisons, die
aus der vorhergegangenen Arbeit an der Maschine entstehen soll.
Die Vertreter der technischen Rationalisierung verwahren sich denn
auch mit Recht gegen den so oft gehörten Einwand, als sei diese
eine »Entgeistigung« oder »Entseelung« der Arbeit. Bleibt allerdings
noch der »soziale Nexus«, die soziale Seite des Arbeitsverhältnisses,;
in welcher Hinsicht, wie wir später hören werden, gerade der
richtig verstandenen Rationalisierung — neben ihren sachlichen
Aufgaben — sehr wichtige, ergänzende Aufgaben gestellt sind.
» Verlustquellen« in der Industrie.
Wenn wir uns nunmehr den konkreten Fragen der industriellen
Rationalisierung zuwenden, so ergibt sich als ihr Hauptzweck die
Beseitigung (oder wenigstens die Verminderung) der Verlustquellen
/wastes) in bezug auf Zeit, Material und Arbeit; als Maßregeln, die
diesem Ziele dienen, sind bisher bekannt und benützt worden: das
Taylorsystem; die Normung; die Typisierung und Standardisierung;
rationelle Arbeitsvorbereitung und -organisation; die Fließarbeit nach
dem Systeme Fords; Psychotechnik und arbeitskundliche Methoden;
Konzentration; Konjunkturforschung und Marktstudien.
        <pb n="67" />
        33€

In einer Studie der »Arbeitsgemeinschaft deutscher Betriebs-
ingenieure« (1927) wird zwar dem Grundgedanken: »Beseitigung
der Verlustquellen in der Industrie«, wie ihn für Amerika Hoover
formulierte, zugestimmt, ebenso der Pflicht jedes einzelnen
Betriebsingenieurs, in seinem Werke zu untersuchen, wo Ver-
'uste vorkommen und wie sie zu beseitigen seien, aber doch daran
erinnert, daß der Deutsche — und das gilt wohl von den meisten
Völkern Europas — nicht den naiven Sinn des Amerikaners habe,
der willig einer Parole folgt; ihm fehle die Einheitlichkeit des Den-
kens und Handelns; die deutschen Werke haben oft — es ist dies
nicht immer ein Vorteil — ihre »Tradition«; die Organisationsform,
die Art der Zusammenschlüsse, die Regeln für die Festsetzung der
Löhne und Preise sind vielfach verschieden. Doch müsse man auch
in Deutschland für eine erfolgreiche Rationalisierung der Industrie
eintreten, schon aus elementaren Konkurrenzgründen, also auch für die
Beseitigung der Verlustquellen. Insofern nun auch Betriebsangestellte
sich dieser Aufgabe widmen, werde dies von der Betriebsleitung nicht
.mmer gelohnt oder anerkannt; doch gebe es auch schon viele gegen-
'eilige Beispiele, denn die Aufdeckung von Fehlern bedeute ja nicht eine
Bloßstellung des Werkes, sondern soll es fördern. Erfolge auf diesem
Gebiete seien sogar bekanntzumachen, um erzieherisch auf andere Be-
triebe zu wirken, also: fort mit der unklugen. »Geheimniskrämerei«!

in dem bekannten Buche, das Hoover über seinen »Feldzug«
gegen die Verlustquellen in der Industrie veröffentlichte, wird eine
sehr beherzigenswerte Liste von »Verschwendungen« (wastes) zu-
sammengestellt, die -— trotz der Reservationen der deutschen Be-
triebsingenieure — wohl internationale Geltung beanspruchen darf.
Diese Liste enthält folgende Tatbestände:

Spekulation, ungeordnete Marktverhältnisse: übermäßige Haussen,
dann wieder Arbeitslosigkeit und Bankrotte;

saisonmäßiger Charakter vieler Produktions- und Absatzzweige;

Mangel an Standards nach Qualität, Art und Maßen (Normung);

alsche oder unnötige Transporte;

ınzulängliche Information über vorhandene Gütermengen und
über ihre Produktions- und Absatzbedingungen; daraus folgen Risiko
und Spekulation;

ungeheurer Aufwand an Kraft und Geld für Reklame ohne genügende
nformative Grundlage; ruinöser Wettbewerb; zu viele Glieder in der
Verteilungskette und zu viele Ketten im Verteilungssysteme;
        <pb n="68" />
        59

Mangel an Übereinstimmung von Geschäftsgebräuchen und ähn-
lichen, woraus Mißhelligkeiten und Prozesse entstehen;

Verschwendung beim Materialgebrauch.

1921 veranstaltete ein Komitee von 18 Industrieingenieuren
unter Hoovers Leitung Untersuchungen in der Industrie bezüglich
der Verluste. Von der aufgewendeten Zeit wurde als Verlust erhoben:
in der Metallindustrie 29 Prozent, in der Schuhindustrie 41 Prozent,
in der Textilindustrie 49 Prozent, im Baugewerbe 53 Prozent, in
der Herrenkonfektion 64 Prozent — im Durchschnitte 49 Prozent!
Also die Hälfte der aufgewendeten Energie, der Arbeitsleistungen
geht verloren, wird vergeudet. Der Produktionswert dieser Industrien
ist rd. 60 Milliarden Dollar — die Hälfte davon ist Verlust, muß
also von den Bewohnern des Landes getragen werden! Das Komitee
stellte hierauf die Hauptursachen der »wastes« fest, ähnlich wie es
früher in der »Liste« mitgeteilt wurde, und prüfte, wer für die Ver-
'uste verantwortlich sei: weit über 50 Prozent treffen die Betriebs-
‚eitung, 25 Prozent die Arbeiter, der Rest entfällt auf Ursachen,
die von außen wirken und die nur schwer durch technisch-organi-
satorische Einrichtungen oder persönliche Kontrolle zu erfassen sind.
Als Mittel zur Beseitigung der vermeidbaren »wastes« wurden
hierauf vorgeschlagen: Verbesserung der Organisation und der Kon-
rolle des Betriebes; bessere Anpassung der Produktionskapazität an
lie tatsächliche Nachfrage (marketing); vermehrter Gebrauch indu-
strieller (Betriebs-) Statistik; größere Anwendung einheitlicher Kal-
kulationsmethoden; wirksamere Verhinderung von Unfällen und
Betriebskrankheiten; Standardisierung (Vereinheitlichung) der
Produkte; bessere Beziehungen einzelner Industrien zueinander;
gemeinsames Arbeiten der Käuferschaft mit der Betriebsleitung
und der Arbeiterschaft an der Verringerung der »wastes,« denn das
Hauptproblem liegt vielfach bei den Käufern der Ware, die zur
Wirtschaftlichkeit im Einkaufe erzogen werden müssen, namentlich
was die Standardisierung betrifft, aber auch in der Hinsicht, daß
die Käufe gleichmäßiger auf das ganze Jahr verteilt werden. Im
Handelsministerium wurde eine eigene Abteilung für praktische
Vereinfachung, ein Clearinghouse für den Austausch aller Gedanken
and Erfahrungen eingerichtet, das, gegliedert in 300 Fachgruppen,
die Aufgabe hat, Fabrikanten, Kaufleute und Käufer dahin zu bringen,
gemeinsam für die Rationalisierung der Produktion und des
Verkaufes, insbesondere für die Standardisierung, zu arbeiten. Mit
        <pb n="69" />
        30

starker Betonung werden die praktischen Vorteile der Rationali-
sierung für die beteiligten Wirtschaftskreise verkündet. Die Vorteile
des Fabrikanten sind: wirtschaftlichere Fabrikation, geringere Kosten
der Produktionseinheit; wirksamere Verwendung der Arbeit infolge
geringerer Saisonschwankungen, größerer Leistung der einzelnen,
sinfacherer Aufsicht, geringeren Arbeitswechsels und höherer Löhne;
Verringerung der Kapitalsanlagen in Rohstoffen, Lagern, Maschinen
und Reserveteilen (es sind weniger Werkstücke der Maschinen not-
wendig). Die Vorteile des Kaufmannes sind: gesteigerter Umsatz,
rascheres »Lichten« der Lager, da keine schwer absetzbaren Waren
mehr vorkommen, schärfere Konzentration des Verkaufsgeschäftes;
bessere und gründlichere Bedienung infolge geringerer Handelsun-
xosten, geringerer Lagerentwertung, kleinere Zahl der Angestellten;
schnellere Lieferung und geringerer Kapitalsbedarf (wie beim Fabri-
zanten). Die Vorteile des Käufers sind: größere Kaufkraft des Geldes,
vessere Qualität der Waren, promptere Lieferung, schnellere Ersatz-
möglichkeit, leichtere Auswahl beim Kaufe, besserer Schutz vor
Qualitätsbetrug.

Zusammenfassend sagt ein Bericht des Hoover-Komitees, daß
durch konsequente Verringerung der Fabrikations-, Verkaufs- und
Verteilungskosten Mittel, die jetzt nutzlos festgebunden sind, für
wirtschaftlichere Zwecke frei werden, für die Belebung und Ver-
vesserung derProduktion und zur Senkung der Preise verwendet werden
zönnen — Erfolge, die wohl nicht bestritten werden können und
in Europa genau ebenso notwendig, ja noch viel notwendiger sind
als im großen, reichen Amerika. Denn, wie Hoover mit Recht sagt:
die erste Pflicht der organisierten Gesellschaft ist: die Lebensmöglich-
keiten zu erweitern, den Lebensstandard aller Menschen zu heben.
Hauptvoraussetzung dieses sozialen Erfolges ist aber die ständige
Verbesserung von Produktion und Verteilung; dann werden auch
bessere menschliche (soziale) Beziehungen eintreten (über welche
Frage im besonderen der Abschnitt »soziale Rationalisierung« handelt).

Es sollen nun die wichtigeren Methoden der industriellen Ratio-
nalisierung, zunächst solche technischer und betriebs- oder arbeits-
oyrganisatorischer Natur kurz besprochen werden.

Taylorismus.
Wohl die älteste, jetzt allerdings schon mehr in den Hintergrund
getretene Methode ist das Taylorsystem, nach welchem aber auch
        <pb n="70" />
        61

jetzt noch oft die gesamte Rationalisierung genannt wird und
welches Unkundige auch häufig mit Fordismus verwechseln. Daher
soll das Wesentliche des Taylorsystems festgehalten werden. Als
Lehrling in einem Werke war der junge Taylor erstaunt, zu sehen,
wie schlecht die Werkzeuge und die Tätigkeit der Arbeiter ver-
wendet wurden. Deshalb erfand er eine exakte Methode (daher
Jder so oft gebrauchte Name »Scientific management«), alle Behelfe
und Arbeiten im Betriebe genau zu analysieren, und zu untersuchen,
wie sie zweckmäßiger gestaltet, bzw. die einzelnen Arbeiten (alle
Teile der Arbeit) in kürzerer Zeit und mit weniger Anstrengung
verrichtet werden können; er prüfte insbesondere (und das ist vor-
nehmlich von ihm bekannt geworden), ob die einzelnen Bewegungen,
die der Arbeiter vorzunehmen hat, nicht einfacher, rascher, in geringerer
Zahl und mit weniger Mühe auszuführen seien. Er war auch einer
der ersten, der nach der wissenschaftlichen Methode des Professors
Münsterberg die Menschen nach ihrer Eignung (Psychotechnik) aus-
wählte und der für alle Arbeitsverrichtungen besondere Anweisungen,
die von Betriebsfachleuten entworfen waren, ausgab (Pensa). Der
Erfolg dieser Reformen war die Beiseitigung vieler »Verlustquellen«
(wastes) in den Betrieben, weniger Übermüdung und höhere Löhne.
Der bekannte Einwand, daß das Taylorsystem eine zu intensive Arbeit
bewirke, ist nicht unbedingt richtig, wenngleich das System in
dieser Richtung mißbraucht werden kann und auch tatsächlich miß-
braucht wurde, namentlich wenn die Stück- oder Akkordsätze zu
niedrig erstellt waren. Ein anderer Einwand bezieht sich auf die
hohen Kosten des Systems, des Beamtenapparates, der dafür erfor-
derlich. ist, und des Zeitverlustes, der mit den vielen Erhebungen
und Versuchen verbunden ist, so daß es wohl nur in sehr großen
Betrieben durchgeführt werden konnte, obwohl seine Grundge-
danken — rationellere Einteilung und Verrichtung der Arbeit —
auch für kleinere Betriebe Geltung haben (s. unter: Rationalisierung
im Gewerbe).

Die Normung.

Eine zweite, ebenfalls schon länger bekannte Maßregel der in-
dustriellen Rationalisierung ist die Normung, die, wie schon einmal
erwähnt wurde, mit der Standardisierung im Grundgedanken: ein-
fachere Produktion (simplifying) verwandt, aber nicht identisch ist.
Nach einem Vortrage des Ingenieurs Ettl (vom Österr. Normenaus-
        <pb n="71" />
        32

schusse), den er im Österr. »Amerika-Ausschusse« 1926 hielt, sei das
Wichtigste über Normung kurz dargestellt. Die ersten und ältesten
»Normen« sind die Maße und Gewichte, ursprünglich vom mensch-
lichen Körper genommen. Auch die Zünfte kannten schon bestimmte
Stärken (Maße), z. B. für Baubeschläge und Hufeisen, ebenso die
Industrie, aber nur empirisch, nicht systematisch. Im Gegenteil:
die freie Konkurrenz zwang jeden Fabrikanten, seine Erzeugnisse
so verschieden als nur möglich von denen anderer Betriebe her-
zustellen. So kam es, daß man, wenn man in Europa eine ameri-
kanische Maschine gekauft hatte, wegen einer Schraube nach
Amerika schreiben mußte. Diese Vielfalt der Ausmaße erweckte
in Einsichtigen den Plan der Wirtschaftlichkeit: die Gebrauchs-
gegenstände und ihre Teile in gleichen Maßen (einer bestimmten,
möglichst geringen Zahl) zu erzeugen (»Fabriksnormung«). Einer
der frühesten Normungsfälle ist der der elektrischen Glühbirnen,
dann die Normungen in der Hüttenindustrie (&gt;»Branchennormung«);
diese Normung hat auch schon internationale Organisation. Der Krieg
förderte diese Entwicklung ganz besonders, da Munition, Ausrüstungs-
zegenstände rasch austauschbar sein mußten. So wurde 1917
der Deutsche_Normenausschuß_ gebildet, nachdem ein solcher in
England schon vor dem Kriege gegründet war. Der bald darauf
zeschaffene Österr. Ausschuß (in welchem stets alle Interessenten
vertreten sind) arbeitet mit dem deutschen Ausschuß zusammen;
1926 wurde in einer Konferenz zu New York die internationale
Zusammenarbeit beschlossen. An -dem erwähnten Beispiele der
genormten Glühbirne 1äßt sich der große Vorteil der Normung für
alle Interessenten deutlich zeigen. Das elektrische Licht hätte wohl
nie die große Verbreitung gefunden, wenn es nicht genormte Birnen
gegeben hätte. Ursprünglich hatte jede Lampenfabrik ihre eigenen
Maße, ‚eigene Befestigungsarten (Steckfassung, Schraubengewinde
u. a). In Amerika, wo die größte Erzeugung war, gab es zwei
Maupttypen: Edison und Swant; eine internationale Kommission
antschied sich für den Edison-Typus. Man kam zu der wichtigen,
volkswirtschaftlichen Erkenntnis: es ist falsch, die Konkurrenz bloß
von der anders gearteten Gestaltung (Ausmessung) der Ware ab-
hängig zu machen. Wesentlich geholfen hat der Normung in diesem
Falle allerdings auch die straffe nationale (und internationale)
Kartellierung, die es sogar verstand, die Preise zu ermäßigen. Das
Wesentliche war aber: gleichartige Ware, leichteste Austauschbarkeit,
        <pb n="72" />
        63

daher größte Verbreitung, die wieder vermehrte Produktion zur
Folge hatte. Und die Konkurrenzfähigkeit liegt nur in der Güte
(Qualität, Stromersparnis, Lichtstärke) der Lampe. Wie Ingenieur
Hellwig (Verein deutscher Ingenieure) sie definierte, ist also die
Normung nichts anderes als »die Beseitigung der technisch und
wirtschaftlich unbegründeten, ja schädlichen Vielheit in den Ab-
messungen der industriell-gewerblichen Ergeugnisse «,

Es gibt nun schon eine ganze Reihe verschiedenartiger Normungen,
so die technischen Normen (einheitliche Abnahmebedingungen für
Maschinen u. ä.; Vorschriften über Baustoffe in bezug auf zulässige
Beanspruchungen), Gestaltungsnormen (für Maschinenelemente,
Schrauben, Nieten, Transmissionen — besonders wichtige Fälle!),
Stoffnormen (für die Werkstoffe, z. B. für Stähle u. a., d. h. welche
Eigenschaften von einem Werkstoffe »normalerweise« zu verlangen
sind). Ein ganz besonders praktischer Vorteil dieser Normen ist
die Vermeidung oder wenigstens rasche Entscheidung von Lieferungs-
prozessen, in denen von den Sachverständigen nicht mehr jeder
eine andere Meinung haben kann. Ein anderer praktischer Erfolg
der Normen ist die Verringerung des Lagers, d. h. des »toten
Kapitals«. Eine andere: Gruppe von Normen sind schließlich die
einheitlichen Zeichen (Namen) für industriell-technisch wichtige
Dinge, wie z. B. PS. (HP.), KWh u. a.; leider ist hier noch nicht
überall Einheitlichkeit zustande gebracht worden; z. B. schreibt
man in Österreich m”, m®, in Deuschland dagegen qm, cbm. Un-
bedingt notwendig wäre es auch, daß die Angelsachsen zum
metrischen Gewichts- und Maßsystem übergingen, nachdem nunmehr
selbst Japan, Rußland und die Türkei ihre »nationalen« Maße auf-
gegeben haben; aber es scheint noch: die »League for British
Weights and Measures« zu bestehen und Geltung zu haben...

An wichtigeren Beispielen von praktisch in Durchführung be-
griffenen Normungen seien noch die einheitlichen Papierformate
210X V2= 297) für Amts- und Geschäftsbedarf erwähnt; in der
österreichischen Staatsverwaltung ist das Normpapier schon ein-
geführt. Dazu kommt die Normung des Geschäfts- und Amts-
stiles, Anschrift; Postsparkassen- und Bankkonti, Fernsprecher u. a.
sollen an einheitlicher Stelle abgedruckt werden. Dadurch wird
viel »Leerlauf« der Schreibmaschinen vermieden, aber auch die
Ablage (Registratur)arbeit erleichtert. In der Schuhfabrik Be-Ka
Mödling) verlor ein Beamter zweieinhalb Stunden wöchentlich damit.
        <pb n="73" />
        34

daß er jene Angaben auf den Briefen erst suchen mußte. Manche
Drucksachen der Unternehmungen der Gemeinde Wien, z. B. der
Gaswerke, sind nicht nur nicht genormt, sondern tragen auch keine
Fernsprechnummern u. ä,

Ettl faßt die »zwölf Gebote« der Normung in gefälliger Über-
sicht zusammen; Normung ist:

L. nützliche Gemeinschaftsarbeit, ein Vorteil für jeden einzelnen;

2. billigere Herstellung, weil Massenerzeugung;

3. Ersparung an Rohstoffen, weil sie Auslese des Notwendigsten ist;

4. vereinfachte und daher billigere Lagerhaltung;

5. verringerte und billigere Haltung von Werkzeugen;

6. leichtere Austauschbarkeit der Bestandteile;

7. Verkürzung der Lieferzeiten, besonders für Ersatzteile;

8. Entlastung des Personals von überflüssigen Konstruktions-
ınd Schreibarbeiten;

9. Verminderung der Kosten für die Anlernung neuer An-
gestellter;

10. Vereinfachung der Betriebsorganisation und wirtschaftlichere
Fertigung;

11. Kauf derselben Erzeugnisse an verschiedenen Orten und
Stellen, d. h. Wahl des bequemsten Bezugsortes, und

12. Verteilung großen Bedarfes auf verschiedene Lieferanten,

Die Normung bringt aber auch dem internationalen Ver-
kehre große Vorteile, worauf in der erwähnten Konferenz (New
York, April 1926) hingewiesen wurde. In der Regel gibt es für ein
Erzeugnis mehrere Erzeugerländer; die Verbraucherländer (Käufer)
haben ein Interesse daran, bei diesen Erzeugern nach gleichen
Lieferbedingungen bestellen zu können und wirklich gleiche
Ware zu erhalten. Z. B. sind Anbote aus verschiedenen Ländern
auf eine elektrische Anlage in einem Südamerikastaate nur ver-
gleichbar, wenn alle Anbote auf Grund gleicher (genormter) tech-
nischer Bedingungen erstellt sind (bezüglich Spannung, Isolierungs-
festigkeit, Belastungszulässigkeit, Sicherheit u. a.). Umgekehrt haben
die Erzeugerländer ein Interesse daran, daß ihnen von den ver-
schiedenen Käufergebieten gleiche Lieferbedingungen gestellt
werden. Die Normung ist daher, was man von dieser schlichten,
sachlich-technischen Reform kaum glauben würde, »ein wichtiges
Instrument der Weltwirtschaft«. Dies wurde zuerst in England
erkannt, das auch die Anregung zur New Yorker Konferenz gab.
        <pb n="74" />
        65

Nach dem Gesagten ist nicht mehr viel zu den üblichen Ein-
wänden gegen die Normung zu bemerken. Sie zerstört deshalb nicht
den »individuellen Charakter« der Ware, und ist deshalb kein Feind
des Kunstgewerbes, weil sie sich ja nur auf Gegenstände des täg-
lichen Gebrauches erstreckt, wo eben ein wirtschaftliches Bedürfnis
nach ihr besteht. Hat es z. B. einen Sinn, daß eine Bank täglich
L000 Briefe erhält, bei denen 100 verschiedene Formate und Größen
vorkommen? Welcher »Leerlauf« der Bureauarbeit nur beim Öffnen
lieser Briefe! Und eine rationelle Ablage ist unmöglich. Dagegen
kann man ja gewisse Fertigwaren, wie Spielzeuge, kleine Keramiken
und Bronzen u. ä., verschiedenmaßig herstellen, obwohl derlei
Krimskrams nur selten eine »künstlerische Note« zeigt. Aber:
Besen, Mörser, Suppenteller, Trinkgläser zum täglichen Gebrauch
sind unbedingt zu normen (und zu standardisieren). In den Ab-
schnitten über hauswirtschaftliche und agrarische Rationalisierung
wolle man andere Beispiele nachlesen. Ein Vorwurf kann allerdings
den Normungsausschüssen — die wie alle Rationalisierungsorgani-
sationen durchaus ohne Zwang arbeiten — nicht erspart werden:
sie arbeiten etwas zu langsam und sollten ihrer wichtigen Aufgabe
im Dienste der Volkswirtschaft doch etwas mehr Nachdruck verleihen.

Typisierung, Standardisierung, Spezialisierung.

Wir gelangen nun zur Besprechung jener Maßregeln der Ratio-
nalisierung, die man speziell in Europa »Typisierung« und
»Standardisierung« nennt, während die amerikanischen Fach-
leute unter »standardization« die Vereinfachung (simplifying), Ver-
einheitlichung, Verbesserung und Verbilligung der Produktion (und
des Absatzes), kurz die gesamte rationelle Organisation des Betriebes
zu verstehen pflegen. In Europa, besonders in Deutschland, Österreich
und anderen Nachfolgestaaten, heißt » Typisierung « (auch »Typung«)
die Methode, nach welcher man eine bestimmte, nicht zu große
Zahl von Typen (Sorten, Arten) eines Gegenstandes herstellt. Es
ist irrationell, z. B. Motore für jeden Besteller in besonderer Gestalt
und PS.-Leistung herzustellen, also 3-, 5-, 7 1/,-. . .30-, 25-, 351/ pfer-
dige usw. Motore. Umgekehrt verlangen die Käufer durchaus ver-
schiedentypige Motore, einer z. B. wünscht einen 42 pferdigen Motor,
die Motorenfabrik baut aber nur 40- und 43 pferdige. Es ist kein
Wort darüber zu verlieren, daß weitgehende Typung gerade wichtiger
Produktionsmittel und Bedarfsgegenstände wesentlich zur Verein-
Kobatsch. Wirtschaftlichkeitslehre.
        <pb n="75" />
        36

fachung und Verbilligung, also auch zur Förderung der Produktion,
Deitragen muß.

Die weitere Entwicklung führt dann zur Spezialisierung der
[ndustrie. Es ist widersinnig, wenn ein und dieselbe Ware von
einem Dutzend oder noch mehr Fabriken gleichzeitig hergestellt
wird, bzw. wenn jede Fabrik alle die vielen Typen und Sorten, ja
auch dieselben Vorprodukte einer Fertigware erzeugt. Es ist viel
rationeller, wenn jedes Werk nur einige wenige bestimmte Arten
der Typen einer Ware oder nur deren Vorprodukte oder ihre Be-
standteile produziert. Als abschreckendes Beispiel diene eine »Metall-
waren«fabrik, die von der Kaffeemühle bis zum Kraftwagen die
verschiedensten Waren herstellte. Doch werden wir von der — so
überaus rationellen — Spezialisierung ausführlicher erst im Abschnitte
über Konzentration handeln, da die Spezialisierung ohne Zu-
sammenschluß oder ein Abkommen der beteiligten Werke kaum
lurchführbar ist.

Hier sei nun einiges über die Standardisierung (im
zuropäischen Sinne des Wortes) gesagt. Von den oben mitge-
'eilten »Verlusten« (wastes) in zehn typischen Industrien Amerikas
— 49 Prozent der aufgewendeten Zeit oder Arbeit — entfielen nicht
weniger als ein Drittel auf die »over-diversity of varieties«, d. h. auf
die zu große Verschiedenheit der Sorten und Qualitäten der Er-
zeugnisse. Ford verdankte seinen großen Aufstieg (abgesehen von
der Fließarbeit: s. unten) auch der weitestgehenden Standardisierung,
indem er Wagen nur einer Type und Karosserien in fünf Typen
hergestellte (allerdings ging er 1927, veranlaßt durch die Konkurrenz
der General Motor-Car Cy., zur Erzeugung einiger weniger neuer und
besserer Typen über). In einer Studie amerikanischer Ingenieure wird
berechnet, daß die jährlichen Verluste in 30 untersuchten Industrien,
verursacht durch irrationelle Verwendung der Produktionsfaktoren,
15 Milliarden Dollar ausmachten und die bloße Standardisierung in
diesen Industrien 450 Millionen Dollar Ersparnis gebracht hat. Nun
wird die Standardisierung dnrch die privatkapitalistische Konkurrenz
gehemmt: jeder will die Kunden an sich fesseln und legt ihnen daher
möglichst viele Sorten des begehrten Produktes vor; man gedenke
des sprichwörtlichen »wohlassortierten Lagers«. Und da die eigent-
lichen Verkäufer, die Händler nicht standardisieren, können es auch
Jie Fabrikanten nicht; dies gilt namentlich von Konsum- und Mode-
waren, in deren Bereiche ja geradezu immer Neues (&gt;Nouveautes«)
        <pb n="76" />
        67

ersonnen wird, was man eigentlich gar nicht benötigt hätte; man
brauchte durchaus noch keinen neuen Hut oder eine neue Krawatte,
aber es ist eine neue Form, eine neue Farbe »modern«, ergo kauft
man unwirtschaftlicherweise das neue Ding. In diesem Sinne ist die
Privatwirtschaft wohl ein Hindernis der Standardisierung, aber nicht
unbedingt, d. h. dieses Hindernis kann wohl überwunden werden,
und ist in den Vereinigten Staaten zum guten Teil überwunden;
auch in Europa zeigen sich erfolgreiche Ansätze. Standardisieren
kann man einen Artikel nur dann, wenn Erzeuger, Händler und
Abnehmer zusammenwirken. Die Verringerung der Zahl der mannig-
fachen Sorten und Qualitäten einer Ware verstößt ebensowenig
gegen Kunst und Kunstgewerbe wie die Normung, da sie wie
diese sich lediglich auf Produktionsmittel z. B. Motore und auf
Dinge des gewöhnlichen Gebrauches bezieht. Wenn man bedenkt,
daß der Übergang von einer Sorte zu einer anders gearbeiteten
verlorene Energie bedeutet, selbst wenn der Arbeiter bei derselben
Maschine bleiben kann, so wird man der unnötig großen Zahl der
Sorten nicht mehr das Wort reden. Auch wenn ein Produkt nur in
anderen Dimensionen herzustellen ist, tritt Zeit-, bzw. Energieverlust
2in, denn die Maschine muß anders eingestellt werden, wenn ein
größeres oder kleineres Werkstück als bisher an die Reihe kommt:
man muß die Arbeitsstücke aus der Maschine nehmen, in das Lager
iragen, von dort ein anderes Arbeitsstück holen, in die Maschine
einfügen und dort befestigen. Im übrigen: 80 Prozent der Menschen
in allen Großstädten der Welt: kleiden oder »tragen« sie sich nicht
schon heute ziemlich gleich? Persönliche oder nationale Unterschiede
spielen eine immer geringere Rolle.

Rationelle Betriebsorganisation; Fließarbeit.

Wir haben jetzt ein sehr wichtiges Kapitel der industriellen
Rationalisierung zubesprechen: die rationelle 0 rganisationderArbeit
ım Betriebe. Oberster Grundsatz ist auch hier: mit immer weniger Auf-
wand an Energien aller Art immer größere Resultate erzielen. Es wird
zweckmäßig sein, nach dem guten Vorbilde Professor Ermanskis
Internat. Hochschulkurse, Wien 1926) zunächst die Rationalisierung der
»toten« Produktionsfaktoren und hierauf die der lebendigen Pro-
Jluktionsfaktoren, also der menschlichen Arbeit, zu besprechen.

Die Rationalisierung hat aus den vorhandenen Produktionsfaktoren
mechanischen und lebendigen En ergien [E]) ein größeres Resultat (RR)
        <pb n="77" />
        38

dadurch zu erzielen, daß sie eine bestimmte Menge neuer Kräfte
Jazugibt (quantitativ) oder, ohne neue Kräfte, die gegebenen Kräfte
zweckmäßiger (rationeller) ausnützt, durch eine andere Zusammen-
setzung oder Zusammenarbeit derselben. Nicht jede Veränderung der
Kräfte-Kombination gibt ein‘ größeres, bzw. besseres Resultat,
sondern jeweils nur eine bestimmte Kombination (positive Kombi-
nation). Dazu ist die wissenschaftliche Kenntnis der Eigenschaften und
Wirkungsgrade der gegebenen Kräfte notwendig, z. B. die Psycho-
;echnik hinsichtlich der Arbeitskraft, die Prüfung der Werkstoffe u. a.
Bisher versuchte man R auf rein empirischem Wege zu bessern —
die Rationalisierung gibt systematisch-wissenschaftliche Methoden
an die Hand und vermag oft viel rascher ein besseres R zu erzielen,
wirkt also nach Art der Katalysatoren in der Chemie.

Zweck ist immer: mit einer kleinerer E ein größeres R zu ge-
winnen. Untersuchungen ergeben, daß in vielen Betrieben E nicht
unmittelbar in R verwandelt wird, d.h. man trägt z. B. Lasten von
ainer Stelle zu einer anderen, zu einer dritten und vierten Stelle
und wieder zurück: es wird viel Arbeit geleistet, ohne daß sie
nützliche Arbeit wäre. Hier liegt ein Fehler der betrieblichen Organi-
sation in technischer Hinsicht vor; man muß die Bewegungen in
anderer Form ausführen, anders disponieren. Praktiker behaupten,
daß bis zu 60 Prozent der verwendeten E (und der Zeit) derart
nutzlos verwendet (also verschwendet) werde. Hiermit kommen wir
zum Grundgedanken des Fordismus, zum Prinzip der »fließenden
Arbeit«; demgegenüber ist das ‘oft. genannte Fließ- oder Trans-
portband nur ein äußeres Zeichen, nicht einmal ein wesentliches
Merkmal dieses Systems. Professor Ermanski erläuterte dieses
Prinzip sehr anschaulich an folgendem Beispiele. Jetzt sind die
Arbeitsräume so angeordnet, daß je eine Werkstatt die Gießerei,
die Dreherei (mit Drehbänken), die Bohrerei (mit den Bohrmaschinen),
die Fräserei usw. enthält; diese Werkstätten sind in der Reihenfolge
der zu verrichtenden Arbeiten angeordnet: die Gußstücke gelangen
in die Dreherei, von dort in die Bohrerei usw., schließlich in die
Werkstätte, wo die Schraubengewinde geschnitten werden. Etwa
100 Gußstücke werden durch einen Kran in die Dreherei befördert,
dort eingelagert, aufgestapelt und jedes Stück auf eine Drehbank
gebracht; von dort wandern die gedrehten Stücke ebenso in die
Bohrerei, wo die Stücke auf die Bohrmaschinen verteilt werden usw.
Der organisatorisch-technische Fehler ist klar: Es ist außerordentlich
        <pb n="78" />
        69

viel — vier- bis fünfmaliger — Transport notwendig, der überflüssiger-
weise mechanische oder menschliche EX konsumiert; die Werkstücke
werden vier- oder fünfmal gelagert und aufgestapelt, was ebenfalls
wieder unnötige E beansprucht. Alle diese Nebenarbeiten können
durch wirklich rationelle Anordnung der Arbeit — nach Ford — ver-
mieden werden, indem man nicht alle gleichen Arbeitsmaschinen
nebeneinander, in besonderen Werkstätten aufstellt, sondern die ver-
schiedenen Maschinen in der Reihenfolge der technisch aufeinander-
folgenden Teilarbeiten (Drehen, Bohren, Fräsen usw.) unmittelbar
nebeneinander anbringt, u. zw. in der erforderlichen Anzahl. Das
Werkstück wandert dann automatisch (oder auf dem Fließband, das
nicht unbedingt notwendig ist, in der Regel aber den Fluß der Arbeit
erleichtert) von einer Maschine zur andern, um schließlich in die
automatische Montage zu gelangen, von wo die fertigen Waren
automatisch emballiert und zum Versand gebracht werden. Das
Wesentliche und das Höchstrationelle dieses Systems ist also: alle
Arbeiten werden in einem Flusse, ohne jede überflüssige Unter-
brechung oder Nebenarbeit, verrichtet (ganz ähnlich sind, wie wir
später sehen werden, die Arbeiten im modernen Bureau angeordnet).
Der große wirtschaftliche Vorteil dieses planning der Arbeit ist: große
Ersparnis an Arbeit und Zeit für mehrmalige Transporte, für mehr-
maliges Holen und Aufstapeln der Stücke. Die Anhäufung von Werk-
stücken (Materialien usw.) in Zwischenlagern wird heutzutage über-
haupt verworfen, da sie E vergeudet, denn solche Warenhaufen
nehmen viel Raum in Anspruch, stören die Arbeit, belegen die Auf-
merksamkeit mit Beschlag. Die Werkstücke müssen unmittelbar an
die Maschine gebracht werden, ohne mehr oder weniger lang zu
iagern. Auch das fertige Produkt soll nicht erst »auf Lager« ge-
bracht werden, sondern sofort auf dem Markt zum Versand gelangen
(Wozu allerdings gute Marktkenntnis — Ss. später — gehört).
Auf ein großes Lager darf der moderne Fabrikant ebensowenig
mehr stolz sein wie auf — rauchende Schlote, denn das ist auch
verlorene E: Rauch und Abgase müssen rationell ausgenützt werden.

Die richtige »Organisation« des Betriebes ist überhaupt das
sigentliche, innerbetriebliche Problem der Rationalisierung. Worin
vesteht diese Organisation? Sie ist die zweckmäßige Ordnung und
Gliederung aller im Betriebe geleisteten (oder zu leistenden) Arbeiten
höheren und niedrigen Ranges oder auch: die planvolle Zu- und
Unterordnung aller im Betriebe tätigen Personen.
        <pb n="79" />
        70

An erster Stelle ist da zu nennen: die lebendige (nicht bureau-
kratische!), alle Abteilungen und Arbeiten beherrschende Leitung.
Wenn in einem Betriebe keine rechte Ordnung herrscht, wenn un-
vefriedigende Zustände zu beklagen sind, so liegt die Hauptschuld an
der leitenden Persönlichkeit, die ihrer Aufgabe nicht gewachsen ist

An zweiter Stelle ist die rationelle Verteilung der Arbeiten
und Aufgaben im Betriebe, bzw. auf seine Abteilungen zu erwähnen,
lerart, daß alle Abteilungen wie die Räder eines Uhrwerkes pünktlich
‘ineinandergreifen.

Dann folgt die rationelle Reihung der zu verrichtenden Arbeiten
in Werkstatt und Bureau (Näheres s. Fließarbeit), d. h. jede Arbeit
soll sich an die ihr technisch oder kommerziell folgende Arbeit
möglichst unmittelbar, reibungslos anschließen, ohne jede Zeit-
verschwendung, ohne jede überflüssige Nebenarbeit.

Natürlich muß jede Doppelarbeit vermieden werden: einer von
den zwei Personen arbeitet in diesem Falle mit 100 Prozent überflüssig.
Zu solchen »Doppelarbeiten« ist auch jede unnötige »Kontrolle «
oder »Revision« eines »höheren« Betriebsorganes zu rechnen; rationell
ist vielmehr, daß jeder im Betrieb Tätige genau weiß, was er zu tun
hat, aber auch, daß er dies unter voller eigener Verantwortung
tut; stichprobenweise Kontrollen genügen. Zuviel Kontrolle, namentlich
nit Hilfe der noch sehr verbreiteten » Zettelwirtschaft«, ist purer Bureau-
kratismus, also so ziemlich der strikte Gegensatz der Rationalität.

Die einzelnen Abteilungen des Betriebes sollen also möglichst
unter eigener Verantwortung ‘arbeiten, vielleicht sogar nach
eigener Verrechnung und Gewinnbeteiligung (so in der Schuhfabrik
Bata, Zlin); jedenfalls treibt die eigene Verantwortung. noch am
ahesten zu Bestleistungen. Doch ist ein ständiger Kontakt. der
Abteilungen notwendig, am besten zu erzielen durch periodische
Konferenzen der Abteilungsleiter (und etwaiger Referenten). Zu
vermeiden ist das einseitige Überwiegen einer Abteilung über die
anderen, z. B. der finanziellen über die technische, kommerzielle
und sozial-persönliche Abteilung, Es kann z. B. ein von einer Bank
Äinanzierter Industriebetrieb oft nicht die notwendigen technischen
Investitionen oder Ausgaben für Rationalisierung machen, weil die
Betriebsleitung in der Hauptsache finanziell eingestellt ist, d. h.
auf Dividendenpolitik sieht. Ebenso irrationell ist es auch, selbst
berechtigten Forderungen der Angestellten oder Arbeiter nur aus
»grundsätzlichen« Bedenken längeren Widerstand entgegenzusetzen.
        <pb n="80" />
        71

Zuletzt, aber nicht zumindest, ist die aktiv interessierte Mit-
arbeit aller im Betriebe tätigen Personen, ihre verständnisvolle
Zusammenarbeit (co-operation) zu erwähnen. Daran fehlt es bekannt-
lich noch vielerorts, in Europa mehr als in Amerika — und hier
Amerika nachzustreben, kann wahrlich nicht unrichtig sein. Im
Abschnitte »Soziale Rationalisierung« soll dieses — für den Erfolg
aller anderen Rationalisierung entscheidende — Thema und die
Mittel besprochen werden, deren man sich bedienen kann, um die
co-operation zu erreichen.

Zur Frage der »Betriebsorganisation« selbst sei noch bemerkt,
daß es nicht genügt, einen »Organisator« einmal zu Rate zu
ziehen oder irgend einen besonders empfohlenen neuen technischen
Behelf einzustellen; in solchen Fällen oberflächlicher, flüchtiger
Reform versagt diese und die Rationalisierung als solche ist dann
diskreditiert. Man muß vielmehr alle Teile des Betriebes auch in
der Reform aufeinander abstimmen und die dort Beschäftigten auf
die neuen Methoden einschulen lassen, kurz gesagt: auch hier
genügen nicht die Sachen, sondern erforderlich ist wahrer Rationa-
lisierungsgeist. Verläßliche Organisationsberater und Einschuler
beabsichtigt der Amerika-Ausschuß (Wien, I, Eschenbachgasse 11;
Obmann: Kommerzialrat Hugo Meinl) zu empfehlen.
Die Konzentration als Mittel der Rationalisierung.

{In Laienkreisen, aber auch in manchen industriellen Kreisen wird
angenommen, Rationalisierung sei nichts anderes als Konzentration,
während diese in Wirklichkeit nur eines der tauglichen Rationali-
zierungsmittel ist. In der Tat kann durch Vereinbarung (Kartell) oder
noch weiter gehende Gemeinschaft (Trust, Fusion) so mancher techni-
scher, organisatorischer, kommerzieller Rationalisierungszweck leichter
und erfolgreicher erfüllt werden, als wenn die betreffenden Betriebe
jeder für sich rationalisieren wollten. So wurde z. B. für Österreich
die stärkere Konzentration der Industrie zur Durchführung der
Rationalisierung als eines Selbsthilfemittels (gegen das Passivum
der Handelsbilanz), zur rascheren Intensivierung der Industrie und zur
Verbreitung der Serienerzeugung empfohlen. Als Hindernisse der
Konzentration wurden genannt: die Überzahl und die Verschieden-
artigkeit der Betriebe, selbst in der Maschinen- und Metallwaren-
industrie, die ungünstigen Steuergesetze (Wertzuwachs-, Syndikats-
steuer), Hindernisse persönlicher Art (hohe Abfertigungen u. ä..
        <pb n="81" />
        (2
Obwohl wiederholt Zusammenschlüsse versucht wurden, sind sie erst
in wenigen Zweigen durchgeführt, wie in der chemische Gummi-,
Brau-, Baustoff-, Waggonbauindustrie. Durchtführbar wären sie aber
auch in der Säge-, Kalk-, Gips-, Leder-, Schuh- und Bekleidungs-
industrie. Die Wirkung eines Zusammenschlusses ist vor allem eine
rationellere Produktions- und Absatzbasis. Der Arbeiterstand braucht
nur vorübergehend zu sinken, denn, wie die Erfahrung lehrt, nach
jeder Rationalisierung ist der Bestand an Aufträgen so gestiegen, daß,
oft wenige Monate später, sogar mehr Arbeiter beschäftigt sind als
früher; die Konzentration bewirkt eben eine Senkung der Kosten,
lamit eine Hebung der Konkurrenzfähigkeit und des Absatzes.

Hiemit rühren wir an die heikelste Stelle des Konzentrations-
oroblemes: an die Preispolitik der zusammengeschlossenen Be-
;riebe. Die Einstellung für oder gegen die »Kartelle« (Trusts u. a.)
ist im wesentlichen bestimmt durch die Erfahrungen, die man hin-
sichtlich der Preise kartellierter Produkte gemacht hat. Wie nun
Professor Levy (Weltwirtschaftszeitung, 1926) ausführt, scheinen die
konzentrierten Industrien seit einiger Zeit eine den Verbraucher
mehr befriedigende Preispolitik zu treiben. Die Konzentration wird
im Großgewerbe jetzt zu Oorganisatorischen Zwecken, d. h. zur
‚eichteren Durchführung der Rationalisierung, angestrebt. Während
in der Inflationszeit die Tendenz bestand, »vertikale« Konzerne zu
bilden (um die rapid steigenden Materialkosten zu umgehen),
herrscht jetzt in Deutschland die »horizontale« Kombination vor
Das Ziel ist nicht wie früher das Monopol, Hochhaltung der Preise
sondern die Rationalisierung: die Kosten. zu ‚Senken, das Verfahren
zu vereinfachen, die Betriebe einer Branche zu spezialisieren und
sonst Ersparnisse in der Produktion und im Vertrieb zu machen.
Man will die Konzentrierung der verfügbaren Mittel auf Höchst-
leistungsbetriebe, was die Stillegung der anderen Betriebe zur Folge
aat; man erstrebt ein dauernd richtiges Verhältnis zwischen Be-
'riebsumfang und Markt (siehe: Marktbeherrschung); man erstrebt
weiters die Rationalisierung der Arbeitsmethoden, die Typisierung
‘wenig Typen, diese aber in höchster Vollendung hergestellt). Auch
Arbeitervertreter, wie z. B. Abgeordneter Erkelenz. haben diese
Tendenzen anerkannt.

Auch in Frankreich macht die industrielle Konzentration in
Verbindung mit der Rationalisierung Fortschritte, aber man geht
oehutsamer, schrittweise zu Werk. Die französische Volkswirtschaft
        <pb n="82" />
        78

beruht zum großen Teil — abgesehen von der starken landwirt-
schaftlichen Quote — auf mittleren und kleineren Betrieben der
Fertigwarenerzeugung. Zudem ist im französischen Wirtschafter
noch starker Individualismus und Traditionalismus ausgeprägt. Man
defürchtet von der Rationalisierung, daß dann der für die mittleren
ınd kleineren Betriebe notwendige Nachwuchs nicht mehr heran-
gebildet werden könnte. Die Inhaber dieser Betriebe wollen ihre
Eigenart und ihre Selbständigkeit behaupten und scheuen daher die
Konzentration. Trotz dieser Widerstände hat aber auch in Frankreich
der Zusammenschluß ebenso wie die Rationalisierung Anhänger ge-
wonnen. Während aber für Deutschland die Form der Konzentration
die Fusion oder der Trust ist, wird hiefür in Frankreich (wo die
Kartelle, welche die freie Preisbildung gefährden, nach der Ver-
fassung und dem Strafgesetz geahndet werden) mehr das — auch
gesetzlich begünstigte — »Syndikat« oder eine lose Vereinbarung
gewählt oder eine Berufs(Branchen)vertretung mit dieser Aufgabe
betraut, So daß die geschäftliche Selbständigkeit der Betriebsinhaber
nöglichst gewahrt bleibt. Dabei macht aber die Mechanisierung der
Arbeit, die Zerlegung und Vereinfachung des Arbeitsprozesses, selbst
die Standardisierung der Waren (natürlich abgesehen von allen Luxus-
und Kunstgewerben) ständig Fortschritte. Jedenfalls schwankt noch
das Urteil über die Konzentration. Als zwei Antipoden seien Yves
Guyot und Loucheur angeführt.

Guyot, als alter liberaler Dogmatiker, beruft sich auf Ad. Smith,
wenn er behauptet, daß der freie Markt und die freie Konkurrenz
am ehesten die Annäherung der Produktionskosten und Verkaufs-
preise bewirken können. Er ist daher gegen jede Art von Kartellen,
insbesondere gegen die Rationierung oder das Quotensystem, denn
das ist ein Kampf gegen den Kunden, während auf freiem Markte
der Kampf um den Kunden herrscht und preissenkend wirkt. Wenn
Guyot als Beweis die Politik der U. S. Steel Corporation anführt,
die den Weltmarkt monopolisieren wollte, die Inlandpreise hoch-
hielt, aber bewirkte, daß die Vereinigten Staaten bald an die fünfte
Stelle im Stahlwelthandel gedrängt wurden, worauf man hohe Zölle
gegen deutschen und englischen Stahl forderte, so übersieht er,
daß inzwischen die Stahlindustrie Englands und noch mehr die
Deutschlands sich mächtig entwickelt hatte, was der amerikanischen
Industrie wahrscheinlich noch mehr Abbruch getan hätte, wenn sie
nicht organisiert gewesen wäre. Guyot beschwört schließlich eine
        <pb n="83" />
        7/4

soziale Gefahr der Kartelle: gegen sie werden sich die Gewerkschaften
wehren, es werden die sozialen Gegensätze vertieft, wogegen die
Unternehmer nach einem faszistischen Regime rufen werden: aber in
keinem Lande, wo konzentrierte Industrien Rationalisierung durch-
führten, ist diese Folge wahrzunehmen; im Gegenteil: die Gewerk-
schaften, z. B. in Deutschland, anerkennen immer mehr die Vorteile
der konzentrierten Rationalisierung (siehe später).

Loucheur tritt entschieden für die horizontale Konzentration der
[ndustrie ein, mit dem Hauptziele der Rationalisierung, d, h. wissen-
schaftliche Organisation der Arbeit, Serienerzeugung, Fließarbeit,
Standards und Typen, Spezialisierung. Der Zweck der Konzentration
darf aber nicht die Erhöhung der Preise sein, sondern muß in der
stetigen Senkung der Kosten und damit auch der Preise erblickt
werden. Er führt Beispiele aus Amerika und Deutschland an, so
z. B. den deutschen »Chemietrust« mit 1 Milliarde Mark Aktienkapital
und einem 300 prozentigen Aktienkurse; der Erfolg ist die Wieder-
gewinnung des herrschenden Platzes im Welthandel, demgegenüber
die vorübergehende Arbeitslosigkeit (und die damit verbundenen
Lasten und etwa eine radikalere Politik) das kleinere Übel zu
aennen sind.

Hier folge noch das Wesentliche eines Aufsatzes, der unter
dem Titel »A lesson from Germany« in den Times (April 1927)
arschienen ist, und der englischen Industrie das Konzentrations-
vorbild der deutschen Industrie empfiehlt. Die industrielle Kom-
bination sei in England lange Zeit mit Mißtrauen, als Verschwörung
/conspiracy) gegen den hilflosen Konsumenten, betrachtet worden.
Aber die wirtschaftliche Not, die schrankenlose Konkurrenz schon
vor dem Kriege und erst recht nach ihm haben auch in England
umlernen lassen. Es bildeten sich price-fixing associations, selling
vools; in einigen Industrien sei der Zusammenschluß weiter gediehen
and große Truste ’ zustande gekommen, doch sei man noch weit
ainter Amerika und insbesondere hinter Deutschland zurückgeblieben,
wo in den letzten zwei Jahren der Wiederaufbau der Industrie durch
Konzentration und Rationalisierung durchgeführt wurde. Nach der
Stabilisierung der Mark waren die Ausfuhrindustrien überdimensioniert,
hatten keine liquiden Mittel und entbehrten die Ausfuhrprämie einer
sich ständig entwertenden Valuta; dazu kamen die großen Zahlungen
und Leistungen für die Kriegsentschädigung (reparation). Da war die
ainzige Hilfe: straffe Organisation, um die Kosten der Produktion auf
        <pb n="84" />
        75

ein Mindestmaß herabzudrücken; daher stammen die horizontalen
Truste, so besonders in der Kohlen-, Eisen- und Stahl-, chemischen
und Verkehrsmittelindustrie. Die ältere Form des Kartells (Syndikat),
wobei die Mitglieder relativ unabhängig sind, hätte sich jetzt nicht
bewährt; daher paßte man sich an die neuen Bedürfnisse an und griff
zur Form des Trusts oder der Fusion. Als Beispiel wird der Ruhr-
stahltrust (»Stahlwerksverein«) erläutert: er ist der Zusammen-
schluß einer größeren Zahl ähnlicher Einheiten unter einheitlicher
Führung; er ermöglicht "die Konzentrierung der Produktion in den
leistungsfähigsten Betrieben mit dem geringsten Aufwande; weitere
Ersparungen bringt der zentralisierte Verkauf, ferner die Standardi-
sierung, Spezialisierung und der Austausch technischer Erfahrungen.
Für England sind solche Vorteile erst unvollständig erreicht worden,
aber, schon aus Konkurrenzgründen, dringend notwendig. Als Beispiel
wird die Kohlenindustrie besprochen, in der zwar freier Wettbewerb
herrscht, dieser habe aber weder zu niedrigen Preisen noch zur Pro-
sperität der Industrie geführt; daher ist eine straffe Organisation
unbedingt vorzunehmen; das gleiche gilt von der englischen Eisen-
and Textilindustrie. Nur die chemische Industrie habe schon den
cichtigen Weg beschritten und einen trustähnlichen Zusammenschluß
vollzogen. Die Gefahr eines Monopols bestehe insolange nicht, als
es freie Einfuhr gebe. Immerhin brauche das Land einen Schutz
gegen Exzesse der Konzentrationen; in Deutschland gebe es den
Kartellgerichtshof, den Öffentlichkeitszwang; ähnliches werde man
auch in England schaffen müssen. Gegenwärtig sei aber das Monopol
aine Frage zweiten Ranges; viel wichtiger sei, überhaupt erst zu
tragfähigen industriellen Zusammenschlüssen zu gelangen, die wirk-
same Rationalisierung durchzuführen und so der stärkeren aus-
‚Ändischen Konkurrenz gewachsen zu sein.

Wie immer man über industrielle Konzentrationen denken mag,
das eine wird aus den mitgeteilten Urteilen wohl klar geworden
sein: die Entwicklung geht in der Richtung zu großen Kombinationen,
ja sogar zu solchen internationalen Charakters (worüber im Ab-
schnitte »Internationale Rationalisierung« gehandelt wird). Gewiß
darf man in Europa nicht die amerikanischen Konzentrationen
sklavisch nachahmen, wie überhaupt nicht die einzelnen Mittel der
Rationalisierung. Während z. B. in Amerika die Vereinheitlichung
der Produktion durch den Bedarf, d. h. durch die Denkweise der
Käufer, selbst gefördert wird, herrschen in Europa noch andere
        <pb n="85" />
        7/6
Käufergewohnheiten; dazu kommt, daß die europäischen Industrien
auf die Ausfuhr in sehr verschieden geartete Länder, also auch_auf
verschiedene Qualität und Art der Ausfuhrwaren Bedacht nehmen.
müssen. Aber man erkennt doch an, daß die Erzeugung in Europa
zu-sehr Zersplittert, zu sehr differenziert ist; daher ist die Zusammen-
ziehung der Betriebe und deren Rationalisierung, die größere Ein-
{achheit und Einheitlichkeit der Produkte bis zu einem gewissen
Grade (der sich von selbst ergibt) wohl geboten. Außerdem bringt
der Zusammenschluß noch folgende rationelle Vorteile: gemeinsamer,
daher billigerer Einkauf der Rohstoffe; Verteilung der Erzeugung
auf die frachtlich günstigst gelegenen Gebiete; Zentralisierung und
Verbilligung der Werbearbeit; gemeinsamer und billigerer Verkauf.
Auch ist der nationale Zusammenschluß der (wichtigeren) Betriebe
sines Industriezweiges die Voraussetzung seines Anschlusses an
aine internationale Kombination.

{rrationell wäre es nur, wenn eine industrielle Konzentration
über das gerechtfertigte Maß hinaus die Verkaufspreise hoch-
halten oder gar erhöhen wollte; das hieße der Rationalisierungs-
idee den schwersten Nachteil zufügen und würde auch sehr bald
zur stärkeren Einfuhr billigerer Auslandsware drängen. Kluge Berater
der Industrie in den Körperschaften, die dem Rationalisierungs-
gedanken dienen, haben die wichtige Aufgabe, in solchen Fällen zu
warnen, nicht wieder in den alten Fehler zu verfallen: lieber weniger,
aber zu hohen Preisen, als möglichst viel, aber zu mäßigen Preisen
zu verkaufen; derGewinn ist nämlich im letzten Falle sogar größer und
xann immer größer werden, im ersten Falle dagegen schrumpft er ein.

Bessere Marktbeherrschung — ein Gebot der Rationalisierung.

In dem erwähnten Hoover-Bericht wird als größte Verlustquelle
waste) oder Verschwendung des heutigen Wirtschaftssystems die
periodische Inflationshausse mit . folgendem Rückschlag — die
Krisen — bezeichnet; dieser Faktor nimmt daher in der mitgeteilten
»Liste« der Verlustquellen die erste Stelle ein. Auch Prof. M. Keynes
bezeichnet die Schwankungen im Güterumschlag und in der Be-
schäftigung‘ als »die ernsteste Erkrankung« unserer Wirtschafts-
ordnung. Was für Heilmittel werden gegen dieses Leiden vor-
geschlagen? Welche Heilmittel kann auch der Rationalisierungs-
politiker gutheißen?
        <pb n="86" />
        77

Alle von Hoover autgezählten Arten der wastes, mithin auch die
Krisen, lassen sich letzten Endes auf mangelhafte Information
der Geschäftsleute über die Marktlage zurückführen; daher das
Irregehen in bezug auf die zu produzierende Menge, daher die
‚»Ladenhüter«, daher der günstige Nährboden für die (reine) Spe-
kulation. In Amerika und neuerdings auch in Deutschland und
Österreich erstellt man infolgedessen eine gute, rasch veröffentlichte
Statistik aller wichtigeren wirtschaftlichen Vorgänge, bekannt unter
dem Namen »Konjunkturforschung«. Das zu beobachtende Material
muß aber in eine Form gebracht werden, die eine verläßliche Be-
abachtung gestattet: durch Vereinfachung der Geschäftsgebräuche,
durch übersichtlichere Organisation der Wirtschaft u. a., um die
Faktoren verläßlich, eindeutig beobachten zu können, welche die
‚Konjunktur« bestimmen. Diese offizielle Konjunkturbeobachtung
bedarf aber einer Ergänzung durch eine gute, fortlaufend erstellte
Statistik jedes einzelnen Betriebes, welche die Kurve jedes
wichtigeren Teiles des Betriebes registriert und dazu dient, die
allgemeine Statistik an der eigenen Betriebsstatistik und umgekehrt
zu verifizieren und dadurch zu kontrollieren.

Nun wendet man aber gegen die Wirksamkeit der Konjunktur-
statistik ein, daß, wenn sie z. B. eine drohende Überproduktion
einer Ware erwies, jeder Produzent denken wird: die anderen, die
ja auch diese Statistik lesen, werden ihre Produktion einschränken,
das wırd genügen, um eine Überproduktion zu verhindern; er selbst
arbeitet ohne Einschränkung weiter. Da aber die meisten Produzenten
so denken werden, dürfte kein Betrieb eingeschränkt werden und
die gefürchtete Überproduktion kommt, trotz der Statistik. Wie wir
schon gehört haben, läßt sich eine rationelle Regelung der Pro-
duktionsmengen eben nicht mit Hilfe der Statistik allein, sondern
nur in Verbindung mit Abmachungen oder Zusammenschlüssen der
betreffenden Produzenten durchführen (s. oben: Die Konzentration
als Mittel der Rationalisierung).

Zur Beseitigung der höchst irrationell wirkenden Krisen wurden
auch drastischere Mittel vorgeschlagen. So meint Dr. Paul Bengt,
daß man die Beseitigung der Krisen durch die »managed currency«
nach dem Vorschlage Keynes’, Irving Fishers u. a. sozusagen er-
zwingen könne; eine amtlich, d. h. von der Notenbank geregelte
Währung besagt, daß bei drohender Überproduktion die Kredite
eingeschränkt, ja gedrosselt werden sollen. Einem Produktionszweig
        <pb n="87" />
        78

muß, bei einem bestimmten Produktionsindex, rechtzeitig der Kredit
verweigert werden, d. h. der Wechseleskomptekredit durch die
Notenbank; dann werden auch private Geldgeber solchen Firmen
keine Kredite gewähren, da bei einem Preissturz infolge einer Über-
produktion diese Kredite verloren wären. Man erstrebt also in erster
Linie nicht Stabilität der Wechselkurse, sondern eine solche der
Preise, um Konjunkturschwankungen und Krisen zu vermeiden. Die
genannten Forscher, denen sich auch Reichsbankpräsident Schacht
anschloß, verlangen von der modernen Geld- und Kreditpolitik eben
mehr als gesicherte Devisenpolitik, Die eigenen Untersuchungs-
‚Enquete)ausschüsse, die in den Vereinigten Staaten, in England,
Deutschland zur Erhebung von Ersparungs(Rationalisierungs)mög-
lichkeiten in der Wirtschaft bestellt wurden, befassen sich denn
auch mit dem Ausbau der wirtschaftlichen Statistik und damit,
Krisen nicht bloß rechtzeitig zu erkennen, sondern auch Mittel
dagegen in Vorschlag zu bringen. Ob nun die managed currency,
gewiß ein sehr grobes Mittel, auch ein taugliches Mittel zu nennen
sei, ist sehr bestritten; man fürchtet, daß es auch große Schäden,
Zahlungseinstellungen, Nichterfüllung der Lieferpflicht u. ä. zur Folge
haben könnte. Man kann ferner einwerfen, daß die Warenpreise
nicht bloß eine Funktion des Kredites sind, und daher von der
Kredit(oder Geld)seite her allein nicht entscheidend zu beein-
Jussen-sind. Abzulehnen sind wohl auch jene — utopisch, daher
irrationell zu nennenden — Abhilfemittel, welche in einer mehr
weniger zwangsweisen Regelung der Produktion, von Staats
wegen oder von autonomen Verbänden, enthalten; das Fiasko der
‚Kriegswirtschaft« und die Unzulänglichkeit des sowjetistischen zen-
:;ralen »Wirtschaftsplanes«, der mehrmals im Jahre geändert werden
muß, beweisen die Unmöglichkeit, ein so vielgestaltiges.Gebilde wie
die Produktion eines modernen Staates von oben her einheitlich regeln
zu wollen.

7. Rationalisierung im Kleinbetrieb, namentlich im
Gewerbe.
Kann man denn überhaupt die beiden Wörter » Rationalisierung «
und »Gewerbe«, die Symbole der neuen und der alten Zeit, in einem
Atem nennen? Ist denn der gewerbliche Kleinbetrieb, die »hand-
werkliche« Betriebsform nicht etwas sehr Irrationelles, das längst
        <pb n="88" />
        79

nicht mehr in unsere moderne Zeit der Groß- und Massenproduktion
gehört? Schon das Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie
(1875), ja sein geistiger Ahne, das »Kommunistische Manifest« (1845)
hatten, auf Grund eines — allerdings selbstherrlich gegebenen —
Entwicklungsgesetzes, das Kleingewerbe zum Niedergange und Aus-
sterben verurteilt, und auch heute gibt es Volkswirte und Politiker,
welche dieses Urteil durchaus bestätigen. Es war aber, wie so oft
in der Geschichtslehre ein Fehlurteil. Denn das »Gewerbe« hat sich
in allen Staaten, auch in solchen mit gewaltig emporgeschossener
Großindustrie, in Deutschland, Frankreich, ja auch in England und
selbst in den Vereinigten Staaten durchaus erhalten und sogar —
eben infolge der immer neuen Techniken und Fachindustrien —
neue Blüten getrieben, neue Zweige seinem altknorrigen Stamme an-
gesetzt. Daß das Gewerbe sich erhalten und weiterentwickeln konnte,
ist mehreren Ursachen zu danken: einmal der vis inertiae, die auch
in wirtschaftlichen Dingen sehr mächtig ist; dann dem zunehmenden
Bedarfe an individuellen Mitteln der Bedürfnisbefriedigung (mit
steigendem Wohlstande), daher die Existenzberechtigung der Kunst-
und feinen Modegewerbe; ferner dem Bedarfe an Reparaturen aller
Art; dazu kommen die Gewerbe der persönlichen Dienstleistungen,
Am wichtigsten aber sind, wie schon erwähnt, die Nebengewerbe der
naeuen Industrien und Techniken. Mercier verweist im Abschnitte
‚Rationalisation et artisanat« darauf, daß selbst Ford eine von
seinem Riesenwerke ganz verschiedene Organisation zu Hilfe ge-
nommen habe, die »familiale« Werkstatt und das Handwerk, um
dort Hilfsmittel und Bestandteile für seine Produktion herstellen zu
lassen; natürlich müssen es völlig gleichartige Erzeugnisse sein, um
zur Montage an einem beliebigen Verkaufsorte dienen zu können
Auch die wunderbaren Fortschritte in der Verteilung der elektrischen
Energie sichern dem Handwerke neue, zahlreiche Betätigungsarten. Auf
dem Lande ist eine Mischung von gewerblicher und landwirtschaftlicher
Arbeit, je nach Jahreszeit und Tagesstunde, eine sehr wirtschaftliche
Betriebsform. Aber selbst was die modernen, automatisierten Betriebe
anbelangt, ist hier ausgezeichnete gewerbliche Facharbeit noch durch-
aus nicht zu entbehren, so zur Vorbereitung der Montage, zur
fachgemäßen periodischen Prüfung (Demontierung, Ausbesserung und
Wiederzusammensetzung) der Werkzeuge (Werkzeugmaschinen), die
Äußerst genau arbeiten müssen, wenn sie Präzisionsarbeit verrichten
sollen: für diese Tätigkeiten braucht man sehr geschulte Mechaniker,
        <pb n="89" />
        30

Maschinenschlosser, Monteure, die einer gewerblich-technischen Fach-
ausbildung bedürfen und diese am besten in den Werkstätten tüchtiger
Gewerbetreibender (in Verbindung mit dem Besuche von F. achschulen)
zerhalten.

[st somit die volkswirtschaftliche Existenzberechtigung des Ge-
werbes in mehrfacher Hinsicht erwiesen, so wirft sich die weitere
Frage auf: Kann die Rationalisierung auch auf das Gewerbe an-
gewendet werden, und wenn, in welcher Hinsicht, mit welchen
Mitteln?

Ähnlich wie die Landwirtschaft, erfuhr auch das Gewerbe schon
disher eine mehr weniger erfolgreiche »Förderung«, sei es durch
staatliche Gesetze, sei es durch besondere Verwaltungsmaßregeln.
Die Gesetze versuchten, wie z, B. 1883 in Österreich, eine gesicherte
gewerbliche Organisation und die Bürgschaft fachlich-tüchtiger und
lauterer Elemente im Gewerbe zu bieten; aber der volle Erfolg blieb
aus und so begann man 1892 in Österreich — seinem Vorbilde folgten
viele andere Staaten — mit der » Gewerbeförderung« (auf Grund eines
Antrages des Abgeordneten Dr. Max Menger), die, ohne jeden Zwang,
dem Gewerbe mehr fachtechnische Kenntnisse, neuere technische
Behelfe, mehr kommerziellen Geist und Gesetzeskenntnisse vermitteln
sollte, ein Teil der Gewerbepolitik, der seither von den Gewerbe-
förderungsinstituten der Handelskammern und den Verbänden der
‘Zwangs-) Gewerbegenossenschatten mit schönem Erfolge weiter
verfolgt wird. Dazu tritt der wichtige Kampf gegen Pfuscher und
‚Störarbeit« (»Schwarzarbeit«, z. B. der Gehilfen der Kleidermacher)
und gegen die Übergriffe der »öffentlichen Hand« ( Gemeinden, Länder)
auf gewerbliches Gebiet.

insoweit nun all diese gesetzgeberischen oder verwaltungs-
mäßigen Mittel nicht den gewünschten Erfolg brachten, ist es
zweifellos geboten, zu prüfen, ob nicht die moderne Wirtschaftlich-
zeitslehre helfend eingreifen soll. Und sie vermag dies: sie lehrt
den hohen rationellen Wert geschlossener fachlicher Organisation
\»Konzentration«) — hier anzuwenden auf die beruflichen Ver-
iretungen und auf gewerbliche (freie) Erwerbs- und Wirtschafts-
zgenossenschaften; sie lehrt ferner eine Reihe moderner Betriebs-
Fortschritte, die auch dem Gewerbe billiger, sparsamer, erfolgreicher
zu wirtschaften gestatten. Es geht dies aus Arbeiten und den zahl-
reichen Veröffentlichungen deutlich hervor, die von dem vorbildlich
wirkenden »Forschungsinstitut für rationelle Betriebsführung im Hand-
        <pb n="90" />
        81

werk« in Karlsruhe (auch in Stockholm gibt es ein »Handwerks-
institut«) herausgegeben werden, dessen Wirksamkeit übrigens im
ganzen Reiche viel Anklang gefunden hat. Es ist daher erfreulich,
daß die erwähnten Gewerbeförderungsinstitute der Österreichischen
Handelskammern sich neuerdings auch etwas mehr als bisher der
gewerblichen Rationalisierung widmen.

Untersuchen wir nun, welche konkreten Fragen der Rationalisierung
besondere Anwendung auf den Kleinbetrieb finden können.

Da ist zunächst die Frage des Nachwuchses, die Gewinnung
geeigneter junger Kräfte für das Gewerbe. Bisher fand selten eine
fachmännische Eignungsprüfung statt — Knaben, die nicht ge-
zignet waren zu studieren, Söhne von Gewerbetreibenden oder Fach-
arbeitern oder Waisen gingen in die Lehre, ohne daß man weiters
ihre Eignung (höchstens in körperlicher Hinsicht) untersuchte. Ein
Klavierbauer z. B. hatte in seinem Leben 150 Knaben auszubilden —
davon sind nur neun wirkliche Klavierbauer geworden; soweit die
anderen sich nicht anderen Berufen zukehrten, blieben sie bei einer
Teilarbeit, z. B. bei der Klaviertischlerei, stecken. Kammerrat Kandl
hat gewiß recht, wenn er Kindern, die zeichnerische, »gestaltende«
Fähigkeiten haben, empfiehlt, sich einem Kunstgewerbe zuzuwenden;
er irrt aber, wenn er diese Gewerbe in allzu starkem Gegensatz zu
unserer »trostlosen Zeit« der »Mechanisierung aller Arbeit« bringt,
wo keiner mehr ein »Werk« vollenden könne, die das Leben freuden-
leer mache usw. Die moderne rationalisierte industrielle oder sonstige
Betriebsarbeit bietet dem Denkenden so viele Anregungen, treibt ihn
ständig an, weitere Verbesserungen zu ersinnen und vorzuschlagen,
stellt ihm so viele, auch ideelle Vorteile in Aussicht und befreit ihn
vor allem so sehr von der Sklavenarbeit an untauglichen Mitteln,
gibt ihm auch so viele (ja die einzigen!) Chancen, die eigene wirt-
schaftliche Lage und die seiner Angehörigen zu verbessern, daß man
jenes strenge Urteil wohl als in den Tatsachen nicht begründet zurück-
weisen muß. Es liegt jedenfalls im Interesse des Lehrherrn und des
Lehrlings, sich der gewerblichen Eignungsprüfung weit mehr als
bisher zu bedienen. Schon jetzt veranlassen kluge Meister auf eigenen
Antrieb solche Prüfungen: der Lehrling ist nicht verpflichtet, sofort
die gewerbliche Arbeit zu beginnen, sondern wird erst auf jene Eigen-
schaften geprüft, die für tüchtige Arbeiter in diesem Gewerbe er-
forderlich sind. In vielen Ländern gibt es öffentliche Beratungsstellen
für Lehrlinge (Lehrplätze) und in Deutschland suchen schon etwa
Kobatsch. Wirtschaftlichkeits!iehre.
        <pb n="91" />
        82

die Hälfte aller schulentlassenen Kinder diese Stellen auf. In Öster-
reich besorgen diese Tätigkeit sowohl die Arbeiterkammern als auch
die Schulen und die Industriellen Bezirkskommissionen, ebenso die
Landesjugendämter; doch handelt es sich zumeist nur um bloße
Lehrstellenvermittlung, nicht überall findet wirkliche fachmännische
Berufsberatung statt, und erst in der letzten Zeit kommt es zu eigent-
lichen Eignungsprüfungen, so in dem Psychotechnischen Institute der
Wiener Bezirkskommission (für Mechaniker, Gastwirte u. a.), wobei
nicht mehr bloß die körperliche, sondern auch die geistig-charaktero-
logische Eignung des Anwärters geprüft wird. In Deutschland gibt
2s solche Prüfungsstellen schon in jeder mittleren Stadt und in vielen
zrößeren Betrieben.

Was den gewerblichen Betrieb selbst betrifft, so kann auch
hier so manche Maßregel der Rationalisierung angewendet werden.
Normung, Standardisierung und Spezialisierung sind sehr
wohl auch in vielen Gewerben von praktischem Wert, weil dadurch
auch hier die Regien verringert werden. Zunächst ist es ein Vorteil,
wenn das Geschäftspapier, die zahlreichen Halb- und Zwischen-
fabrikate des Gewerbes genormt, in Serien hergestellt werden;
zweckmäßig kann dies in Genossenschaften des betreffenden Ge-
werbes geschehen. Es ist aber auch wertvoll, wenn der Fabrikant
oder Händler, welcher dem Gewerbetreibenden Maschinen liefert,
möglichst wenig Arten und Sorten dieser Erzeugnisse und ihrer
Ersatzteile auf Lager halten muß, denn er wird um so mehr brach-
liegendes Kapital brauchen, je größer die Zahl dieser Arten ist,
infolgegessen auch mehr Zinsen berechnen, also um so teurer
verkaufen müssen. Es ist durchaus nicht notwendig, daß eine
Holz- oder Metallbearbeitungsmaschine von jeder Fabrik in anderen
Typen erzeugt wird; dies ist eine ganz und gar unnütze Verteuerung
ınd Erhöhung des gewerblichen Betriebskapitals.

Auch die Organisation des gewerblichen Betriebes vermag
in mehrfacher Hinsicht rationeller. gestaltet zu werden. Ob großer
ader kleiner Betrieb: die Ordnung und Zweckmäßigkeit der
Lagerung der Werkzeuge und Materialien erspart viel Zeit des
Suchens, Holens, Tragens. Ebenso ist die sparsame Behandlung
des Materials notwendig. Das Karlsruher Institut erhob z. B. in einer
mittelgroßen Schreinerwerkstätte, daß etwa 50 Prozent der »Arbeits-
zeit« auf solche durchaus überflüssige Verrichtungen entfielen.
Ferner ist es ein Unterschied, welche Betriebskraft der Gewerbe-
        <pb n="92" />
        33

treibende wählt, ob er nicht zu große Motore oder zu größe
Arbeitsmaschinen einstellt, die dann nicht voll ausgenützt werden
können, also zum namhaften Teil »totes« Kapital, das »Zinsen
frißt«, darstellen. Die richtige Wahl der Kraft- und Arbeitsmaschinen
ist überhaupt von größter rationeller Bedeutung. Im allgemeinen
wird die Elektrizität, zufolge der Fortschritte der elektrischen Kraft-
übertragung und der Verbilligung der Elektromotore, für den Ge-
werbebetrieb die zweckmäßigste Kraftart sein. Die Maschinen-
betriebe im Gewerbe Deutschlands zeigen denn auch, seitdem die
weitverzweigten Stromnetze instand gesetzt wurden, eine bedeutende
Zunahme. Am deutlichsten, man kann im wahren Sinne des Wortes
sagen, am »handgreiflichsten« erweist sich der maschinelle Fort-
schritt im Friseurgewerbe, wo die elektrische »Haarschneide-
maschine« bedeutende Zeit- und Arbeitsersparung brachte. Von den
38.000 handwerksmäßigen Bäckereien Deutschlands haben 45.000
elektrischen Antrieb (vgl. Walter Bucerius, Karlsruhe, Die Maschini-
sierung des Handwerks, Frankfurter Zeitung, Wirtschaftshefte,
Dezember 1927). Doch ist auch der Dieselmotor mit Erfolg zu
verwenden. Wie erwähnt, muß der rationell arbeitende Handwerker
sich davor hüten, zu große Maschinenaggregate zu kaufen, um
nicht den Fehler einer zu geringen Benützungsdauer zu begehen.
Die Maschinenfabriken erzeugen denn auch besondere Handwerks-
maschinen, ja sogar eigene »Maschinenwerkzeuge«, die je nach
Bedarf motorisch oder auch mit der Hand betrieben werden können
und auch außerhalb der Werkstätte, bei Monteur- oder Reparatur-
arbeiten, benützt werden können (vgl. Bucerius, a. a. O.). Intensives
Zusammenwirken von Industrie und Handwerk wird auf diesem
Gebiete gewiß noch manchen rationellen Fortschritt bringen. ;

Andere Fragen der Betriebsführung betreffen die kaufmännische
Seite des Gewerbes. Ingenieur Bandat vom Wiener Gewerbe+
förderungsinstitut erwähnte in einem Vortrage (Dezember 1926) vor
allem: Genauigkeit in der Geschäftsführung, genaue Einhaltung der
Liefertermine, aber auch ordentliche Ausführung der übernommenen
Arbeit, Bekämpfung des höchst irrationellen »Borgungswesens« (wir
meinen: am besten durch eine gewerbliche Kreditstelle und durch
Erziehung auch der Käufer zur Rationalität), richtige Behandlung
der Kunden, zweckmäßige und klare Betriebsaufzeichnungen, ' nicht
zuletzt richtige Vor- und Endkalkulation, um eine richtige Preis-
und Ertragberechnung und eine wirksame Betriebskontrolle: zu er-
        <pb n="93" />
        34

möglichen. Bezüglich der Aufschreibungen in einem Gewerbebetriebe
möchten wir nicht so weit gehen wie Ingenieur Bandat, der eine
ziemlich große Liste verschiedener »Bücher« empfiehlt. Wohl aber ist
zu beherzigen, was er über die Sorgfalt sagt, die den Belegen
‚Rechnungen u. a.) — und das gilt sowohl von ihrer sachkundigen
Verfassung als von ihrer Aufbewahrung — zu widmen ist. Für
kleinere Betriebe ist es gewiß nicht rationell, ja in der Regel auch
gar nicht möglich, mehrere Bücher zu führen; viel rationeller ist
es, wenn sie ihre Aufzeichnungen durch einen fachlich gebildeten
Vertrauensmann der Genossenschaft oder durch ein gut empfohlenes
Bureau (z. B. in Wien das des Dr. Prziborsky) gegen mäßige
Gebühr führen lassen, was ungemein erzieherisch wirkt.

Zu besprechen ist weiter die Rationalität der (freien) Genossen-
schaften des Gewerbes. Leichter zu bilden und mehr verbreitet
sind die Genossenschaften für den gemeinsamen Einkauf. der Roh-
stoffe, für den gemeinsamen Verkauf sowie Kreditgenossenschaften;
schwer zu bilden dagegen sind die Werk- und Produktivgenossen-
schaften, weil sie hohen Gemeinsinn und eine gewisse Entsagung
voraussetzen, da sie die geschäftliche Selbständigkeit. des einzelnen
stark vermindern. Aber die Genossenschaft ‚als »Konzentration« ist in
ler gewerblichen Sphäre ebenso ein Mittel der Rationalisierung wie
n der industriellen und landwirtschaftlichen Sphäre. Nur kommt es
ei den Genossenschaften, sollen sie ihren wirtschaftlichen Zweck
erfüllen, immer auf zwei Voraussetzungen an: der Geschäfts-
führer muß sachkundig und gewissenhaft seinj dann wird
»&gt;ine Genossenschaft auch ohne (staatliche u. a.) Subvention, auch
öähne den Schutz einer politischen Partei prosperieren und ihren
Mitgliedern den gewünschten rationellen Erfolg (billigerer Bezug
des Rohstoffes, leichterer und vermehrter Absatz ihrer Erzeugnisse,
bequemerer und billigerer Kredit usw.) bringen.

Auch die berufsständische Organisation des Gewerbes
bedarf der Rationalisierung. Nicht zu vielerlei Parallelorganisationen!
Für jedes Fach und für jeden nicht zu großen Bezirk eine terri-
toriale Organisation, eine Spitzenorganisation, das würde genügen.
Der deutsche Handwerker- und Gewerbekammertag (München 1927)
faßte in dieser Hinsicht sehr rationelle Beschlüsse, namentlich was
die Vereinfachung im Organisationswesen betrifft. In Österreich gibt
2s zweifellos zu vielerlei gewerbliche Organisationen, welche die
Zeit jener Männer, die fachliche Arbeit für das Gewerbe leisten
        <pb n="94" />
        85

können und wollen, in zu hohem Maße in Anspruch nehmen und
dazu den Gewerbetreibenden zu viel Beiträge kosten; außerdem
gibt es Organisationen nach politischen Gesichtspunkten: eine
schlagkräftige Interessenvertretung ist unter solchen Umständen
schwer möglich — ein Fehler an rationeller Organisation.

Zum Schlusse sei der öfter geäußerte Einwand erledigt, die
technische) Rationalisierung des Gewerbes schädige die »persönliche
Note«, die »Qualitätsarbeit«. Aus dem früher Gesagten ergibt sich
leicht die Widerlegung. Dort, wo es sich wirklich um individuelle
Arbeiten, um wirkliches Kunstgewerbe handelt, denkt niemand an
Normung oder Standardisierung; aber das, was u. a. über rationelle
Organisation des Betriebes gesagt wurde, kann auch vom noch s6ö
künstlerisch veranlagten Handwerker zu seinem Vorteil angewendet
werden. Im übrigen dürfen wir uns auf zwei unverdächtige
Zeugen berufen. Das »Forschungsinstitut für rationelle Betriebs-
führung im Handwerk« hat 1927 mit der »Arbeitsgemeinschaft
für deutsche Handwerkskultur« einen engeren Zusammenschluß
eingegangen. Und die Werkbundtagung in Mannheim (1927)
trat für die Zusammenarbeit des Bundes und des Handwerkes ein;
es sei statistisch erwiesen, daß das Handwerk von der oft prophe-
zeiten Verelendung durch die Industrie weit entfernt ist, es habe
zine überraschend große Lebenskraft bewiesen. Die Arbeitsgemein-
schaft mit dem Werkbunde, der bisher mehr die Gestaltung des
Einzelwerkes gepflegt, werde nunmehr auch die soziale und
wirtschaftliche Seite der Handwerksfrage beachten. Viel radikalere
Ansichten äußerte allerdings der moderne Architekt Gropius, der
vom Verschwinden des Typus »Individualmensch« spricht, den das
alte Handwerk noch auf uns vererbt habe; es müsse zur Ver-
schmelzung der Gegensätze von Handwerk und Industrie kommen,
die auch ein Vorteil für die Angleichung des Nachwuchses sein
werde, Möglich, daß die Entwicklung diesen Weg nehmen wird;
wie immer er aber verläuft, muß das Handwerk aus Gründen der
wirtschaftlichen Selbsterhaltung überall dort, wo es seine Natur
zuläßt, mit allen Kräften rationeller arbeiten als bisher.

Zur Erreichung dieser Ziele ist aber wie in der Industrie auch
die Soziale Rationalisierung im Gewerbe notwendig. In dieser Hin-
sicht sind die gewerblichen Betriebe (und mittleren Industriebetriebe)
in einer etwas günstigeren Lage als die Groß- und Riesenbetriebe.
Es gibt da noch den täglichen persönlichen Verkehr des Betriebs-
        <pb n="95" />
        36.

inhabers mit den Arbeitern; der »Meister« arbeitet mit ihnen, »leitet«
aicht bloß, ähnlich wie der Kleinkaufmann, die Arbeiter können daher
schwerer zum (falschen) Urteile gelangen, daß der Betriebsinhaber
»arbeitsloses« Einkommen, das von Rechts wegen ihnen gebühre,
beziehe. Bei einigem guten Willen und Einsicht auf beiden Seiten —
der Charakter des Österreichers sollte hier helfend mitwirken —
müßte eine Verständigung über die Fragen des Arbeitsverhältnisses
nicht allzu schwer zu erreichen sein, namentlich wenn rein politische
Einflüsse davon abgehalten werden. So aber wird das Dogma vom
Klassenkampf auch auf die Kleinbetriebe erstreckt (die allerdings
vorerst, wahrscheinlich weil es technisch unmöglich wäre, noch nicht
sozialisiert werden sollen); auch in der kleinbetrieblichen Arbeit
herrscht Organisationszwang — aber in der Praxis sind diese mehr
politisch orientierten Velleitäten doch oft wesentlich abgeschwächt,
das Arbeitsverhältnis doch viel menschlicher gestaltet. In kleinen
Betrieben hat der Arbeitgeber am Samstag häufig nicht Mittel
zenug, um die paar Löhne voll auszuzahlen: die Arbeiter begnügen
sich .mit einer Abschlagszahlung, denn sie haben sich von der
finanziellen Notlage ihres Brotherrn überzeugt. Dazu kommt, daß
Meister (oder Prinzipale) in der Regel aus dem Gehilfenstande hervor-
zingen, da hier doch noch vielfach dieser (bescheidene) soziale
Aufstieg möglich ist, so daß auch die Gehilfen sich des Öfteren als
künftige Gewerbeinhaber fühlen; das »give him a chance« des
amerikanischen Arbeiters wirkt gerade im Kleinbetriebe noch stark
mit, um eine ‚verträglichere soziale Lage zu schaffen. Die gelernten
professionellen Arbeiter des Gewerbes mit ihren Fachschulen und
Prüfungen haben auch etwas Standesbewußtsein und auch das Be-
wußtsein, Angehörige eines Fachgewerbes zu sein. Auf dem deutschen
Erziehungskongreß (Hamburg, September 1927) wurde mit Recht
betont, daß im Handwerk meist nur noch hochwertige Arbeiter unter-
kommen. Sozial versöhnlich (rationell) wirken ferner auch im Klein-
aetriebe: die Beteiligung am Umsatz für Verkäufer und Gehilfen
ınd das Anregungssystem (suggestions) mit Prämien.

Wenn als Hauptaufgabe der Rationalisierung im Gewerbe (wie
in allen anderen Wirtschaftsgruppen) die Erziehung zur Wirt-
schaftlichkeit im Berufe sein soll, so muß dieser wohltätige Geist
auch diesem Berufe schon an seinen Fach(und Fortbildungs)-
schulen beigebracht werden. Etwa an zwei Stunden in der Woche
sollte »Wirtschaftlichkeitslehre« vorgetragen werden, aber haupt-
        <pb n="96" />
        87

sächlich praktisch, mit Vorführungen (wie man’s machen soll und
wie es falsch gemacht wird), mit Besichtigungen rationalisierter Be-
trjebe u. a. m. Aber auch sonst müßte mehr als bisher im Unter-
richte Denken und Handeln des Fachschülers im Rationalisierungs-
sinne beeinflußt werden (und das Hauptinteresse nicht auf Sport,
Ausflüge, Organisation, Schülerrat u. a. gelenkt werden): dieses Er-
ziehungsprinzip kann sich geltend machen bei der Behandlung der
Lehrbehelfe, des Arbeitsmaterials (Achtung vor dem Material!); man
lege eine kleine Schülerbank an mit Einlagen und Abhebungen,
man versuche es mit dem gemeinsamen Einkauf von Unterrichts-
behelfen, mit der Selbstverwaltung der Bücherei (Kartei), mit Prämien
‘gute Bücher u. a.) für besonders tüchtige »Rationalisten«. Dazu
müßten nun auch die Lehrkrätte an diesen Schulen besonders
vorgebildet werden, u. zw. in eigenen Lehrerkursen für Rationali-
sierungsunterricht.

8. Die Rationalisierung des Warenvertriebes.
Das moderne Bureau.
Verkaufen ist oft weit schwieriger als produzieren. Zwar wird
man rationalisiert hergestellte Produkte leichter und mehr davon
absetzen können als früher, aber der Schwierigkeiten gibt es trotzdem
noch in Fülle, sodaß auch im Warenvertrieb, besonders im Handel,
eine ganze Reihe spezifischer Mittel der Rationalisierung eingesetzt
werden müssen, um deren Vorteile (größerer Umsatz bei billigstem
Betrieb) zu erreichen.

Von vornherein abzulehnen sind jene teils radikalen, teils
naiven Vorschläge, welche darauf abzielen, den »Zwischenhandel«
als etwas Irrationelles überhaupt auszuschalten, Erzeuger und
Verbraucher in unmittelbaren Verkehr zu bringen (z. B.: »Stadt«
und »Land«). Eine solche Reform wäre schon rein vertriebstechnisch
nicht durchführbar, weil es heutzutage viel zu viele Produzenten und
noch viel mehr Konsumenten gibt; sie wäre aber auch unwirtschaftlich,
weil die Waren dann teurer zu stehen kämen als jetzt, da ein be-
sonderer Vertriebsapparat — eben an Stelle des Handels — not-
wendig wäre, der, weil nicht von Sselbstverantwortlichen Unter-
nehmern, sondern von gewählten oder beamteten Funktionären be-
sorgt, bedeutende zusätzliche, aber unproduktive Kosten verursachen
würde. Dagegen ist vom Oobjektiv-volkswirtschaftlichen (und ratio-
        <pb n="97" />
        38

nellen) Standpunkte nichts gegen die »oOrganisierte Selbsthilfe«
sowohl der Erzeuger als auch der Käufer (Verbraucher) — in der
bekannten Form der Genossenschaften — einzuwenden, deren
sich ja auch der Handel bedienen kann und bedient; nur sollte
kein Typ dieser Genossenschaften mit öffentlichen Geldern (Sub-
ventionen) unterstützt‘ werden, denn jede Genossenschaft muß ihre
Lebensberechtigung aus sich selbst heraus erweisen. ;
Es gibt nun Mittel genug, den Handel — Groß- und Einzelhande! ——
arfolgreich zu rationalisieren. Beginnen wir mit der Beziehung der
Standardisierung zum Einzelhandel. Wie die Beratungen ‘der
Spitzenverbände des Einzelhandels in Deutschland (Oktober 1927)
und zahlreiche Studien in deutschen und österreichischen Zeitungen
dartun, dringt die Erkenntnis von der Notwendigkeit rationelleren
Betriebes in immer weitere Kreise auch des Handels. Zwar: bhe-
‘UÜrchten noch so manche Einzelhändler, daß bei verringerter : Zahl
der Typen und Sorten der Absatz zurückgehen werde, weil die
Kunden nun einmal sehr wählerisch seien und weil man sich eben
dem raschen Wechsel der Mode, der Technik und der Konjunktur
anzupassen habe. Diese mehrfachen X werden aber in ihrer Macht
lenn doch sehr überschätzt; gewiß üben sie einen nicht unbe-
ldeutenden Einfluß auf die Psyche des Marktes, aber sie sind durch-
aus: auch ihrerseits beeinflußbar; eben weil sie aus Willen, Laune;
Vorliebe usw. der Menschen hervorgehen, können sie mit dem
Willen der Menschen und durch ihn auch geändert, gelenkt u. zw.
auch in eine vernünftigere Entwicklungsbahn gelenkt werden. Gerade
weil die Marge des Händlers zwischen Ein- und Verkaufspreis: ge-
ringer wurde, gerade weil seine Betriebs- und Verkaufsspesen ver-
schiedener Art stark stiegen (Steuern, Miete, soziale Abgaben, Zu-
stellung ins Haus u. a.), gerade weil der Kaufmannsberuf in Deutsch-
'ard, Österreich und anderen Ländern übersetzt ist (durch. den
Zuzug abgebauter Offiziere und Beamten), also jedes Geschäft
weniger absetzt als früher, muß der Handel trachten, seine ‘Be-
riebskosten möglichst zu senken und den Absatz möglichst zu heben.
Um dieses Ziel zu erreichen, darf der Kaufmann sich nicht der
Standardisierung ‚seiner Waren widersetzen, muß vielmehr mit den
Fabrikanten- und den Verbraucherorganisationen über die zweck-
dienliche Verringerung der Zahl der Sorten sich einigen und
ebenso für stets gleiche Qualität der Waren sorgen. Das
wird auch den Käufern sehr bald als ihr Vorteil einleuchten und
        <pb n="98" />
        10

sie werden sich — schon kraft des Gesetzes der Nachahmung
"Tarde) — daran gewöhnen. (Ausgesprochene Luxus- oder kunst-
gewerbliche Artikel scheiden selbstverständlich aus.) Der Kaufmann
hat aus der Standardisierung folgende Vorteile: geringere Lager-
kosten, billigerer Einkauf, rascherer Umschlag (weniger Ladenhüter),
leichteres Anlernen des Personals, weniger Aufschreibungen u. a. m.
Diesen gewichtigen geschäftlichen Argumenten gegenüber möge der
Kaufmann nicht mehr allzu ängstlich auf seinem wohlassortierten
Lager beharren; er studiere die Gründe des Absatzes und Nicht-
absatzes, die Wirkungen, die der Gebrauch der Ware auf den
Käufer macht, und suche aus dieser Mannigfaltigkeit die Tendenz,
die Regelmäßigkeiten herauszufinden, um den Markt rationell be-
herrschen zu lernen. So wird er imstande sein, die Rationalisierung
aus der Sphäre des Exakt-technischen (in der Industrie) auch in seine
Sphäre, in die des mehr Problematischen, mit Erfolg zu verpflanzen.

Und man ist beherzt genug gewesen, der besseren Einsicht
auch im Einzelhandel zum Durchbruche zu verhelfen. Es wird dar-
über berichtet, daß in Deutschland, zum Teil auch schon in
Österreich, die Herrenmode standardisiert wurde, z. B. die Hüte
und die Herrenkragen (statt 300 nur — sieben Sorten); ferner die
Haushaltungsgegenstände (Einkochgläser, Töpfe, Ofenringe u. a.);
weiters die Artikel für‘ den Bureaubedarf (Schreibmaschinen,
Papier, Behälter usf.). Auch die Textilien wurden dieser Reform
unterzogen. Man versucht, die große Zahl der Gewebebreiten
zu verringern. Dr. ‚Grohmann (Textilindustrieller in Würbenthal,
Tschechoslowakei) z. B. hat von den rund 2000 Sorten, die er
bisher erzeugen mußte, 200 besonders gangbare Sorten ausgewählt,
diese mit fünf Prozent billiger angeboten, alle anderen — mit fünf
Prozent Aufschlag; nach kurzer Zeit hatte er diese 200 Sorten bei
den Händlern restlos durchgesetzt, zudem Seine Regie ‚erheblich
verringert und so viel erspart, daß er die Löhne erhöhen konnte.
Nun sträuben sich aber die Geschäfte, welche feine Textilien, bzw.
Bekleidungswaren‘ führen, gegen die Standardisierung, weil sie
meinen, ihre Kunden an die mittelguten Geschäfte zu verlieren;
das mag in einzelnen Fällen eintreten, in der Regel wird aber auch
ein feines Geschäft seine Kunden erhalten können, zumal. die
‘einsten Sorten und Qualitäten ja nicht standardisiert werden sollen.

Auch von seiten des Großhandels wurde ein Bedenken gegen
die Rationalisierung geäußert, indem man glaubte, sie werde den
        <pb n="99" />
        570)
Großhandel ausschalten. Diese Furcht ist nicht begründet, denn der
Großhandel wird wegen seiner unentbehrlichen Funktionen auch
weiterhin bestehen: durch seine Lagerhaltung und Kreditierung
unterstützt er den Einzelhändler in der Auswahl der bestabsetz-
baren Typen, ebenso durch seine weiterschauende Marktübersicht;
3r sollte daher nicht seinerseits Widerstand gegen die Verringerung
ler Warensorten leisten.

Außer der Standardisierung (Typisierung) der Waren gibt es
aber noch andere Mittel, durch die der Handelsbetrieb rationeller
gestaltet werden kann. Da ist zunächst die Rationalisierung des
Bureaus, und — beim kleineren Kaufmann — des Geschäfts-
raumes. Das Bureau spielt hauptsächlich in der Industrie und
im Großhandel, bzw. im Großbetrieb des Einzelhandels. (Waren-
haus) eine wichtige Rolle — die Bestgestaltung des Bureaus er-
spart namhafte Kosten, erleichtert und beschleunigt die Arbeit und
‚rägt somit zur Vermehrung des Absatzes bei. Wir lassen hier den
wesentlichen Inhalt der Schriften folgen, die Lord Beaverbrook,
H. N. Casson u. a. Über das Ideale Bureau veröffentlicht
naben.
Die obersten Grundsätze sind auch hier: Ordnung — Klar-
heit — Übersicht. »Ein Kaufmann, der Erfolg haben will, muß
sich der wissenschaftlichen Entwicklung des Geschäftes widmen«
alle Fehler des Betriebes ausmerzen; viele Firmen seien ge-
schädigt worden, ja zugrunde gegangen, nur weil ihr Bureau
schlecht organisiert war. In einem guten Bureau darf nichts
verloren gehen (man erinnere sich hier an das im Abschnitte über
Individuelle Rationalisierung Gesagte), nichts verzögert werden;
Liederlichkeit sei unbekannt, Genauigkeit Herrscherin; man treibe
aicht zu wenig, aber auch nicht zu viel Buchhaltung. Das Bureau
muß zunächst rationell gebaut und eingerichtet, darf nicht bloß
Anhängsel der Fabrik, bloßer Notbehelf sein. Zu viele kleine Räume
stören die Übersicht und Zusammenarbeit, befördern das Verlegen
von Akten und Briefen. Im idealen Bureau müssen alle Angestellten
gemäß dem Laufe des Geschäftes gruppiert sein (»Progreßsystem«
ein Analogon zur Fließbarbeit, siehe oben). Ein gutes Bureau habe
wenig, aber helle Wände, dafür viele Fenster, weil es nie genug
Licht haben kann; Bureauarbeit ist Sache hoher »Sichtbarkeit«;
es habe ferner gerade, genügend breite Durchgänge und stets
frische Luft, weil das Personal sonst schläfrig wird und ermüdet.
        <pb n="100" />
        91

Es sei auch für bequeme Sitze, Arbeitstische und sonstige Behelfe
gesorgt, sonst wird die Gedankensammlung behindert und es leiden
Güte und Menge der Arbeit. Der Arbeitstisch sei kein Lagerplatz,
ebensowenig die Tischladen, deren Inhalt überprüft werden Soll. —
Die technische Bureauarbeit soll zwar möglichst erleichtert,
mechanisiert werden, aber man glaube auch hier nicht, daß billige
Schreibkräfte wirklich billig seien; sie schreiben auf der Maschine
langsamer und machen mehr Schreibfehler als besser gezahlte, tüchtige
Kräfte. Man verwende übrigens neue bureautechnische Behelfe
‘Kartei, Buchungs- und Rechenmaschinen, Sortier- und Tabellier-,
Adressier-, Siegel-, Aufklebe-, sogar Unterschriftenmaschinen) nur
nach reiflicher Prüfung! und nur nach Maßgabe des Bedarfes, d. h.
des jetzigen und wahrscheinlichen nächsten Geschäftsumfanges.
Dagegen ist es immer zu empfehlen, vorhandene Maschinen ständig
rein zu halten und nachprüfen zu lassen. Kleineren Geschäften
dienlich ist, wenigstens die Registerkasse anzuschaffen. Die
Beratung durch einen Betriebsorganisator ist zu empfehlen, nur
muß er die neue Technik auch in Gang bringen helfen. Übrigens
genügt es zur Rationalisierung nicht, technische Neuerungen einzu-
führen, sondern es muß der rationelle Geist der Geschäftsführung
dazukommen: im Einkauf, in der Kalkulation und im Verkaufe.
Die Leitung muß auf Grund der technischen Behelfe und Arbeiten
jederzeit die Lage der Firma abteilungs- und gruppenweise über-
blicken können (Zwischen- und Rohbilanzen) und darf nicht erst
in Wochen nach Jahresende eine mühsam errechnete Bilanz er-
halten (alte Methode). Für den Verkauf wird eine zentrale Kunden-
kartei, mit deren Qualifizierung nach Bonität zu empfehlen sein.

Was die modernen Buchungsarten (Durchschreibverfahren,
Losblattsystem, Kartei, Hollerithsystem u. a.) betrifft, so ist es
wichtig, festzustellen, daß, wie die Berliner Handelskammer (Oktober
1927) erklärte, daraus keine straf- oder zivilprozessualen Nachteile
folgen, wenn diese Buchung die Geschäfte der Firma und die Lage
ihres Betriebes nach den Grundsätzen ordnungsmäßiger Buch-
führung ersichtlich macht; der Reichsfinanzminister schloß sich
dieser Anschauung an. Ob es rationell ist, in der Berechnung
des »Gewinnes« so weit zu gehen (wie Professor Schmalen-
ı Z. B. empfiehlt die eine Gruppe von Firmen das Durchschreibe verfahren,
während andere Firmen das Umdruckverfahren als die billigste, automatisch ar-
beitende Buchhaltung anpreisen.
        <pb n="101" />
        32

bach und andere Vertreter der neuen Betriebswirtschaftsiehre
empfehlen), daß man peinlichst »Außeneinflüsse« und »Betriebsein-
Nüsse«, also »Außengewinn« und »Betriebsgewinn«, unterscheidet
und’ zur Kontrolle der Gebarung und der Leistung nur den Betriebs-
Zzewinn heranzieht, mag man bezweifeln, da jeder Gewinn erst
durch die faktische Berührung mit dem Markte entsteht und z. B.
3ine Veränderung des »Preisgefälles« — ein außenbetrieblicher Ein-
1uß — oft gerade eine Folge der Betriebsrationalisierung ist. .
Von ausschlaggebender Bedeutung für erfolgreiche Bureauarbeit‘
ist und bleibt.die persönliche Leistungsfähigkeit der Angestellten.
Psychotechnische ‚Auswahl und Arbeitszuweisung, Schulung der
Aufmerksamkeit, Sauberkeit, Pünktlichkeit, Geduld und Selbstbeherr-
schung ‘— das sind einige wichtigere Dinge, auf die man hier zu
achten hat. Die Bureauarbeit braucht den Kopf mehr als den Finger,
der Beamte ist nicht als Automat anzusehen — die Intelligenz der
Leute, ihr Selbstdenken ist zu wecken und anzuwenden. Man sorge
ferner‘ für die rationelle Arbeitsweise: keine nervöse Eile! Das‘
rechte Ding am rechten Platz! Keine Schreib- und  Rechenfehler!
Peinlichste Genauigkeit und Ordnung! Das Verlegen eines Auftrages
hatte. ‘oft den Verlust eines Kunden zur Folge.‘ Arbeiten unter
sigener‘ Verantwortung und nicht zwei oder drei Revisions-
nstanzen! (Auch in öffentlichen Ämtern zu beachten!) Man plane‘
stets an der Arbeitsweise, um’ sie immer ‘mehr zu verbessern und
veranstalte zu diesem . Zwecke periodische. Konferenzen der
leitenden Personen, lasse aber auch Suggestions (Vorschläge) aller
Angestellten zu! Jeder soll wissen: Ich behalte‘ meinen Posten nür,
wenn ich mich. voll bezahlt mache durch den von mir bewirkten
Verkauf, der nicht geringer sein darf als mein Gehalt. Umsatz-
beteiligung ist daher sehr ‚zu empfehlen, ansonsten‘ Bezahlung
nach‘ Leistung, nicht nach bloßer Zeit oder nach’ Dienstalter. ;
Ein gut funktionierendes Bureau muß auch gut organisiert
und gut geleitet sein. Oft.ist es überhaupt nicht organisiert; ein
Abteilungsvorstand verrichtet z.B. die Arbeit eines Gehilfen oder
umgekehrt. Die Bureaus sind eben zumeist allmählich entstanden,
sozusagen um :einen Beamten herum, haben aber jetzt Dutzende
verschiedene Arbeiten, die in wohldurchdachter Weise zu organi-
sieren sind, damit das Bureau nicht »ein bunter Haufen kleiner
Einheiten«,. sondern selbst eine Einheit werde. Die leitenden Per-
sonen müssen von laufender Arbeit entlastet sein, um wirklich
        <pb n="102" />
        93

»Jeiten« zu können. Der Arbeit unter eigener Verantwortung wurde
schon gedacht. Man sollte auch Nachfolger rechtzeitig heranbilden.
Bei ‚aller Spezialisierung der Arbeiten ist es doch gut, Ersatzleute,
die vielerlei verstehen, bereit zu haben. Die Leitung verlangt
mehrere besondere Fähigkeiten: suggestive Kraft, Menschenbehand-
lungskunde, Strenge mit Gerechtigkeit gepaart, Erweckung des Ehr-
geizes und des Interesses der Angestellten am Betriebe.

Noch einige Worte über die Korrespondenz, die Reform der
Posterledigung und die Ablage (Registratur). Es ist falsch, fast
jeden Anfänger Geschäftsbriefe schreiben zu lassen, sogar an wich-
iige Kunden. Der Geschäftsstil ist oft noch viel zu weitwendig,
schlecht, unklar und der Brief enthält nichtssagende Phrasen (am
Beginn und Ende).! Viele Briefe sind überheblich oder lau, ja un-
freundlich oder verärgert abgefaßt; aber ein Brief kostet oft weit
mehr als Porto, Papier und Zeit. Bei Meinungsverschiedenheiten
trachte man dahin, sie besser mündlich zu bereinigen. Eine gute
Ablage erspart viel Zeit, Arbeit und Ärger. Der Leiter der Ablage
eines größeren Betriebes sollte ein geschulter Büchereifachmann

1 Ein lehrreiches Beispiel guten und schlechten Briefstiles veröffentlicht der
österr.) &gt;Ausschuß für wirtschaftliche Betriebsführung«.
Firma A bestellt bei Firma B. Diese bestätigt Auftrag, empfiehlt billigeren Trans-
portweg und erbittet Zustimmung.
Sprechbrief:
Betrifft: Auftragsbestätigung.
Wir danken für Ihre Bestellung vom
14. ds. Versand erfolgt gegen den 25. ds. Über
5imbach wäre Fracht billiger. Sollen wir so
versenden? Bitte vor 25. ds. zu verfügen.
Hochachtungsvoll N. N.

Bisherige Schreibweise:
Betrifft: Auftragsbestätigung.

Wir empfingen Ihre w. Bestellung vom
14. ds., die wir mit bestem Danke zur rasche-
sten Effektuierung gegen den 253. ds. in Vor-
merkung genommen haben.

Wir gestatten uns jedoch, Sie vor Aus-
führung höfl. aufmerksam zu machen, daß es
zweckmäßiger wäre, die Expedition wegen der
billigeren Frachtsätze statt über Passau lieber
über Simbach vorzunehmen. Sollten Sie mit
unserem Vorschlage einverstanden sein, So
wären wir Ihnen verbunden, wenn Sie uns Ihr
Einverständnis noch vor dem Expeditions-
;ermin, dem 25. ds., bekanntgeben wollten.

Wir sehen Ihrer gesch. Rückäußerung
antgegen und zeichnen, uns ihren weiteren
Diensten bestens empfehlend

hochachtungsvoll N. i7.
Dauer des Diktates ..... -. 100 Sek.
Schreibdauer .......... 180
Lesedauer bei Unterschrift . . .» 30
Zeitaufwand 310 Sek. *
oder rund 5:2 Min.

Dauer des Diktates . ....... 30 Sek.
Schreibdauer . ......0.... 60
Lesedauer bei Unterschrift ...-. 6
Zeitaufwand 96 Sek. *
nder 1:6 Min.
Zeitersparnis bei obigem Briefe 31/2 Minuten oder rund 70 Prozent.
\lan bedenke, wieviel dies im Tag und im Jahr ausmacht.
* Alle Zeiten mit Stoppuhr gemessen.
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sein — von den vier Millionen Büchern des »British Museum« kann
jedes in fünf Minuten hervorgeholt werden. Doch überschätze man
den Wert der Ablage nicht: Abhilfe gegen Unordnung schafft nicht
lie beste Ablage, auch nicht eine »Wo ist es?-Abteilung«, ein
Fehlerkorrigiersystem, sondern nur tüchtige Menschen.

Wir gelangen nunmehr zu einer der wichtigsten wirtschafts-
psychologischen Maßregeln im Vertriebe: zur »Verkaufskunst«
der »Kundenwerbungslehre«, Die amerikanischen Universitäten
lehren diese Disziplinen in mehreren ausführlichen Kollegien; große
Betriebe Amerikas, auch schon in Deutschland und Österreich,
naben ihre eigenen Verkäuferschulen; neben der persönlichen
Rolle, die der Verkäufer — im Geschäfte oder als Reisender —
zu spielen hat, kommt neuerdings die sachliche Frage der Kunden-
werbung, die Werbekunst, die Werbewissenschaft (Reklame),
zu immer größerer Bedeutung.
Kundenwerbung, Verkäuferschulung.

Die Hauptgesichtspunkte, die bei der Kundenwerbungslehre
in Betracht kommen, sind, was nach vielerlei Schriften und Vor-
lIrägen (des Ingenieurs Spitz, des Professors Schigut u. a., gehalten
im Wiener »Amerikaausschusse«) etwa folgende. Der Verkäufer
muß dafür sorgen, daß ehebaldigst zwischen ihm und den Kunden
die sogenannte »Kaufatmosphäre« geschaffen werde, er muß dem
Käufer die Überzeugung beibringen können, daß sein Kauf für ihn
von Nutzen ist, daß die vorgelegte Ware in Qualität und Preis
seinen Wünschen voll entspreche. Der Verkäufer darf nicht egoistisch
Geld erraffen wollen, ein Stück um möglichst hohen Preis an .den
Mann bringen wollen. Er soll den Gegenstand, wenn irgend möglich,
im Gebrauch zeigen, denn Bewegung interessiert immer, besonders
bei Argwohn. Amerikanische, neuerdings auch deutsche Firmen der
Schwer- und Maschinenindustrie statten ihre Reisenden nicht mehr
mit toten Diagrammen und Beschreibungen aus, sondern mit einem
Taschenkinoapparat, der die Maschinen in Tätigkeit vorführt. Zögert
oder mißtraut der Kunde, so wird der Verkäufer zunächst eine
‚Parallelität der Gedankenreihe« beider Personen (z. B. dadurch, daß
er selbst einige Fehler zugibt) hervorrufen, um daran anknüpfend
mit der Zeit doch die Zustimmung des Kunden zum Kaufe zu
erzielen. Die Fachleute schildern dann recht ergötzlich, wie die
einzelnen Kunden je nach ihrem Charakter, den der Verkäufer so
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rasch als möglich zu erkennen hat, verschieden zu behandeln sind,
lie schwer und die leicht entschlossenen Käufer, die langsamen,
umständlichen Käufer, die schweigsamen und die gesprächigen, die
laienhaften und die (oft nur scheinbar) sachkundigen Käufer usf.
Z. B. wird auch der schweigsame Kunde zum Reden zu bringen
sein, etwa dadurch, daß er die vorgezeigten Muster verschieden
nahe zu sich legt, verschieden lange besieht: er redet mit den
Augen. Mit dem redseligen Kunden unterhält man sich über seine
Familienverhältnisse oder über seinen Beruf, über Tagesereignisse,
übers Wetter. Immer aber muß der Verkäufer, der, wie man Sieht,
ein guter praktischer Psychologe sein soll, trachten, den Kaufprozeß
arfolgreich zu Ende zu führen. Er darf in Gegenwart des Kunden nie
ermüden, er muß die Überzeugung seiner Persönlichkeit haben, über-
reden können, nicht aufdringlich werden. Wie Ingenieur Spitz aus-
führt, bedarf der reisende Verkäufer noch ganz besonderer Eigen-
schaften. Er hat die richtigen Kunden auszuspüren, das wirkungs-
volle »Entree« durch die geschickte Art seines Ein- und Auftretens
zu ermöglichen, die Verhandlungen mit Überzeugung von der Güte
seiner Waren zu führen, sich als ein sattelfester Debatter zu erweisen,
der auf alle Einwände höflich, aber entschieden zu antworten weiß,
und unter allen Umständen zu einem positiven Geschäfte zu ge-
langen. Nicht bloß Waren- und Ortskenntnisse, sondern auch Be-
darfs- und Menschenkenntnis sind einem tüchtigen Reisenden von-
nöten.

In weiterer Folge ergibt sich die Aufgabe, einmal gewonnene
Kunden auch zu erhalten. Es gilt, ihr Interesse an der Firma
und deren Waren stets rege zu machen, indem man ihnen Neu-
heiten schickt usf. Das weitaus beste Mittel, sich einen Stock
von Kunden zu sichern, ist aber, sie schon beim ersten Kaufe
möglichst zufriedenzustellen, nicht »Schund« »billig« abgeben
oder sonstwie unreell — und gleichzeitig unklug — vorgehen. Der
Verkäufer muß sich immer im Dienste der Kunden fühlen, der
Servicegedanke muß ihn beherrschen wie die gutgeschulten Salesmen
(Verkäufer) in Amerika. Mit Recht unterhalten größere Kaufgeschäfte,
namentlich die Warenhäuser, in Amerika eigene Service clercs,
d. h. Beamte, welche die Angestellten auf ihre Dienstesqualität hin
zu überwachen haben.

Um auch in Europa — wo noch vielfach eine andere, d. h.
irrationelle Mentalität der Verkäufer anzutreffen ist — jenen Service-
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        FI

gedanken mehr. zu verbreiten, sind in. Jetzter Zeit Verkäufer-
kurse zum Teil an Handelslehranstalten, zum Teil in großen Be-
:rieben (auch in Wien) eingeführt worden. Professor Schigut
verichtet. über den ersten Verkäuferkurs, den er 1925 abhielt,
folgendes. Die Verkaufstechnik soll erst nach dem Unterricht in
den Grundbegriffen des Verkaufens gelehrt werden; diese sind:
\. Berufskunde, 2. Arbeitsliebe, 3. Warenkunde. . Zu 1.: Dilettanten
des Einzelhandels glauben, die Kundschaft sei ihnen tributpflichtig,
und sie hätten bloß die Preise (alle Spesen + »bürgerlichen Nutzen«)
/estzusetzen, ohne zu begreifen, daß sie trachten müssen, die Waren
so billig, so prompt‘ und. so gefällig als möglich feilzubieten.
Diese Denkart muß anerzogen werden, sonst hilft die beste Ver-
kaufstechnik nicht. Zu 2.: Der Mangel an Ehrgeiz, die Arbeitsunlust
muß aus dem Verkäufer verschwinden; er ‚darf seine Zeit nicht
»%loß abdienen, sondern soll ‘seine Vorrückung durch gute Arbeit,
zeine bessere Bezahlung durch Erzielung guter Geschäfte und hoher
Umsatzprovisionen anstreben. Um seinen Beruf lieben zu lernen,
nuß dem jungen Kaufmann schon der Unterricht interessant gestaltet
werden, z. B. verweist man darauf, wie fesselnd es ist, Charakter
ınd Temperament der Käufer zu studieren, welche Vorteile das
Erkennen des »inneren« Käufers dem Verkäufer in die Hand gibt, wie
dessen Liebenswürdigkeit, der Optimismus, sich leicht auf den Kunden
iberträgt. Ein Angestellter, der sich für seinen Beruf nicht interessiert,
wird ihn stets nur mangelhaft, ohne die notwendige Geistes“ und
Willenskraft; ‚ausüben, und- gewisse Phrasen, ein gewisser »Schmiß«
sind kein Ersatz für die fehlende Käuferbehandlungskunst. Die Mehr-
zahl der Adepten Schiguts ließen sich erziehen und die ungeeigneten
werden bald aus der Praxis ausscheiden oder zurückbleiben. Eine
solche Salesmen-Schule ist daher auch eine psychotechnisch gute
»Eignungsprüfung«. Zur Lehre von der eigentlichen Verkaufstechnik
gehören: Sprechkunde (keine leeren Phrasen! Deutliche Aussprache‘);
Übung der Sinne; Schulung der Aufmerksamkeit und Beobachtungs-
gabe, Entwicklung des (Personen- und Zahlen-) Gedächtnisses sowie
des logischen Denkens und der Kunst, sachlich zu debattieren; Ent-
/altung der Initiative, nicht zuletzt eine der schwersten Künste (siehe
ben: »Individuelle Rationalisierung«): Ausbildung von Ausdauer
und Geduld. Dazu kommen noch andere Unterrichtsfächer, wie Ver-
ständnis für die Lokal- und Schaufensterbedeutung und für deren
Ausnützungsmöglichkeiten. Für alle Stufen des Unterrichtes muß
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die richtige Erarbeitungsmethode gewählt werden, damit das
Erlernte im Kopfe des Schülers haften bleibe und der Trieb, es in
die Praxis umzusetzen, erweckt werde. Aber auch auf sein Äußeres,
sein Benehmen muß der Verkäufer achthaben, sagt doch der
Amerikaner: »No salesman is properly dressed, unless he has a
smile on his face«.

Werbewesen.

Ähnlich wie die Schulung zum konkreten, persönlichen Ver-
kaufen, wird heutzutage auch die allgemeine, nicht von Person
zu Person sich vollziehende Gewinnung von Kunden — das Werbe-
wesen (Reklame) — als eines der wichtigsten Mittel rationalisierter
Verkaufspolitik erkannt und in mannigfacher Richtung erforscht,
zelehrt und ständig zu verbessern gesucht. In den Business Admini-
strations-Abteilungen der großen amerikanischen Universitäten sind
dem Advertising (Werben) ausführliche Kollegien gewidmet, die sich
auf die Werbepsychologie, auf das Recht der Reklame, auf die Lehre
vom richtigen Werbetext (sprachlich-literarischer Unterricht) aut
Typographie und Optik (Werbebilder, Plakate) u. a. m. beziehen.
Größere Firmen haben schon längst ihre eigenen Reklamechefs,
große Reklamebureaus besorgen die Reklame anderer Firmen. Ähnliche
Einrichtungen bildeten sich in den letzten Jahren auch in Europa
aus, So auch in Wien, wo 1927 eine eigene reklamewissenschaftliche
Kursfolge eingerichtet wurde, die unter der Ägide des klassischen
Forschers auf dem Gebiete der Reklame, des Ministers a. D.
Professor Viktor Mataja, arbeitet.

Da die Fragen des Werbewesens von allen Rationalisierungs-
methoden im großen Publikum wohl am meisten bekannt sind,
dürfen wir uns hier auf wenige Bemerkungen allgemeiner Natur
beschränken. Als herrschende Meinung kann festgestellt werden,
daß heute alle Beteiligten. grundsätzlich von der großen Wirkung
richtig aufgemachter Reklamen (die allerdings nie apodiktisch
vorhergesagt werden kann) überzeugt sind, ebenso davon, daß die
Reklame den Umsatz, die Verkäufe wesentlich zu erhöhen im-
stande ist, ja oft neue Bedürfnisse hervorruft, Käufer und Verkäufer
oft überhaupt erst zusammenführt, nicht selten zu Fortschritten
der Technik, aber auch der Gesundheitspflege (man denke z.B. an
all die Zahn- und anderen Pflegemittel) geführt hat und vielen
tausenden Betrieben mit einer großen Zahl von Beschäftigten

Kobatsch, Wirtschaftlichkeitslehre.
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Erwerb und Verdienst gibt. Das Entscheidende bei der Reklame ist
die massenpsychologisch richtig gewählte Form (Art, Farbe, Text;
Bild usw.), ihr Appell an günstige Vorstellungen und Lustgefühle
im Beschauer oder Leser, ihre Knappheit und ihr packender, ein-
deutiger, sofort und angenehm wahrnehmbarer Charakter (»Blick-
fang«) ferner rechtzeitig einsetzende Abwechslung, aber auch das
Vermeiden allzu grober Mittel, allzu langer Texte, allzu aufdringlicher
Anbringung. Man soll auch nicht die Firma, nicht so sehr den
Gegenstand selbst oder ein Phantasiewort in den Vordergrund
rücken, sondern das persönliche Interesse des Lesers oder Be-
schauers, den Nutzen, der für ihn aus dem Erwerb und dem
Gebrauche der Ware hervorgeht; dazu verhilft gewiß ein witziges
Plakat, ein gutgewähltes Schlagwort, ein gut stilisierter Inseratentext,
Einig sind alle Fachleute darin, daß schlecht gewählten Reklame-
mitteln ebenso der Erfolg versagt bleiben muß, wie der — wenn
auch an sich guten — Reklame für eine minderwertige Ware.
Aus diesen wenigen Ausführungen ergeben sich von selbst die
Forderungen, die man vom Standpunkte der Rationalisierung an
lie Reklame stellen muß und die wohl zu beachten jedem Geschäfts-
mann dringendst empfohlen werden muß. Den Rat eines erfahrenen;
zgewissenhaften F achmannes vorher einzuholen, wird unter allen
Umständen rationell sein.
Besondere rationelle Arten der Verkaufsgeschäfte. C,

Am Schlusse dieses Abschnittes sollen noch einige wichtige
Arten des geschäftlichen Warenvertriebes besprochen werden, welche
z. B. von Amerika aus in Europa Eingang fanden und von vielen
Fachleuten. als besonders rationelle Methoden des Verkaufes
qualifiziert wurden.

Da. sind zunächst die Kettengeschäfte (chain stores), d. h.
sine Firma errichtet in einer Stadt oder in mehreren Städten durchaus
gleich ausgestattete, die gleichen Waren führende Filialen, also einen
Massenfilialbetrieb. Dieses System ist auch in Europa, so auch’ in
Österreich, bekannt. Seine tatsächlichen Vorteile sind: der Kunde
erhält überall die gleiche gewohnte Ware zum selben Preise; der
Kaufmann macht durch diese Kette von Filialen für sich wirkungs-
volle Reklame, er kann, namentlich wenn: er selbst produziert oder
Fabriken ‚ausschließlich für sich arbeiten läßt, rascher und leichter
zur Standardisierung und Spezialisierung: vordringen, jedenfalls
        <pb n="108" />
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seine Unkosten in mehrfacher Hinsicht erheblich vermindern, daher
billiger verkaufen als andere Firmen.

Eine andere Verkaufsform sind die Einheitspreisläden und
die Selbstbedienungsgeschäfte, beide wohl geeignet, die Regien
wesentlich zu ermäßigen, die Ware daher zu verbilligen; vom Stand-
punkte des Käufers ist nur zu erwähnen, daß die Gefahr des Er-
werbes minderwertiger oder verdorbener Waren möglich ist.

In Europa weniger als in Amerika, dem Lande der riesigen
Entfernungen, verbreitet ist der Typus der Postversandhäuser
‚Mail order houses). Sie verkaufen nicht an Ladenkunden, sondern
versenden Kataloge, auf Grund deren man bei ihnen bestellt und
das Haus die Ware »postwendend« an den Besteller absendet. Die
großen amerikanischen Firmen dieser Art vertreiben alle erdenklichen
Gegenstände, unterhalten eigene Fabriken, eigene Druckereien, Post-
ämter und Bahnen, haben den Geschäftsbetrieb weitestgehend mechani-
siert und automatisiert und versorgen einen namhaften Teil der
Landbevölkerung und der kleinen Städte mit Waren. Sie ersparen
rationellerweise folgende Regien: Agenten, Reisende, Groß-
handel, Kundenbedienungspersonal; ein weiterer Vorteil ist die Ein-
sendung (Überweisung) des Kaufpreises mit der Bestellung,
also eine namhafte Zinsenersparnis; bei Nichtkonvenieren der Ware
wird der Preis sofort zurückgezahlt oder die Ware umgetauscht.

Noch einer neuzeitlichen, vielfach als rationell bezeichneten Art
des Warenvertriebes sei gedacht: der »Konsumfinanzierung«
der Abzahlungsgeschäfte (in Amerika »Instalment stores«). Ihr Wesen
ist die Erwerbung von Gebrauchsgegenständen gegen ratenweise
Zahlung des Preises, aber. nicht nach Art der altbekannten Raten-
geschäfte, sondern in der Weise, daß ein dritter Faktor zwischen
Kaufmann (Warenhaus) und Käufer tritt, eine Bank‘ oder eine Ver-
sicherungsgesellschaft, die das Risiko übernimmt, bzw. die Ab-
wicklung dieser Kaufgeschäfte finanziert (z. B. Schecks ausstellt,
mit deren Hilfe die Raten gezahlt werden). In Deutschland,. auch

in Österreich begannen sich weitere Kreise des Einzelhandels für
diese Verkaufsart zu interessieren und darauf bezügliche Ein-
richtungen zu schaffen. Veranlassung hiezu gab wohl vor allem die
Stagnation im Warengeschäfte und die Hoffnung, auf Grund der
erleichterten Zahlungsart mehr als bisher abzusetzen. Als Notstands:
maßregel gedacht, ist somit die Konsumfinanzierung kaum anzu-
echten. Man wirft ein, daß der nun einmal bestehende Mangel
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        00
an Kaufkraft breiter Schichten des Volkes durch Preisstundung und
Ratenzahlung nicht ersetzt werden kann; aber wenn mehr Kauf-
zeschäfte als sonst zustande kommen, ist immerhin ein volkswirt-
schaftlicher Vorteil erreicht. Die Preise brauchen durchaus nicht
höher zu sein als im Falle des Barkaufes, weil das Verkäuferrisiko
1urch die Kreditversicherung auf breitere Schultern überwälzt und
jaher bedeutend verringert wird. Ein Nachteil ergibt sich nur dann,
wenn Käufer zu irrationellen Einkäufen verleitet und der Gefahr der
jauernden Verschuldung ausgesetzt werden; dieser Nachteil ist nicht
vorhanden, wenn an sich nützliche und wirklich benötigte Gegen-
stände gekauft werden, u. zw. preiswert, wenn ferner die Raten in
gesundem Verhältnisse zum Einkommen, das im gleichen Zeitraume
anfällt,, stehen, so daß die Deckung wichtiger Bedürfnisse nicht
zefährdet wird. Die durch die Konsumfinanzierung erzielten Mehr-
verkäufe können, indem sie der Stagnation kräftig entgegenwirken,
sogar zur Senkung der Preise, mindestens zur Erhaltung derselben
beitragen.

Noch einige Worte über die Rationalisierung kollektiver Kauf-
;inrichtungen, wie es Märkte, Börsen, Ausstellungen, Messen
ınd Auktionen sind. Derlei Veranstaltungen, zum Teil sehr alten
Datums, dienen dazu, eine Vielzahl von Käufern und Verkäufern
‚egelmäßig : wiederholt (täglich oder in längeren Zeitabständen)
„usammenzuführen und können dadurch den Absatz wesentlich
arleichtern, ja überhaupt erst ermöglichen, aber auch auf die so
vünschenswerte Stabilisierung der Preise wirken oder wenigstens
Irohende Preisexzesse ausgleichen. Sind diese Einrichtungen also
an sich als wertvolle Behelfe des Absatzes auf das Konto em-
pirischer Rationalisierung zu buchen, indem sie oft »versteckte«
zäufer oder Verkäufer ans Licht, »auf den Markt« bringen, die
Seschäftslust anregen und damit auch die Produktion, so bedürfen
sie doch in der heutigen Zeit einer sorgfältigen Prüfung darauf hin,
»b ihre Organisation rationell, d. h. mit den geringsten Kosten,
nit der bestbilligsten Verwaltung und mit dem gröstmöglichsten
Nirkungsgrade funktioniert. Man wird eine staatliche (oder
städtische) Aufsicht über sie nicht ablehnen können, da sie wichtigen
volkswirtschaftlichen Interessen dienen und da verschiedene
Mißbräuche vorkamen und noch vorkommen, die hintanzuhalten
sind. Nur soll diese Aufsicht nicht so weit gehen, Beamte an die
Stelle von Kaufleuten zu setzen oder zu maßgebendem Einflusse
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        101
auf die Abwicklung der Geschäfte gelangen zu lassen. Auch ist
es von fraglichem Werte, z. B. eine Ausstellung oder Messe mit
öffentlichen Mitteln zu unterstützen und ihre Existenz nicht aus
eigenem bestreiten zu lassen. In manchen Ländern haben sich
Auktionen gut bewährt, die man wohl auch in Wien einführen
sollte.

Jede Veranstaltung dieser Art muß auf gesunder wirtschaftlicher
Grundlage ruhen, eine juristische Person bilden, mit genau um-
schriebenen Rechten und Pflichten und mit voller rechtlicher Ver-
antwortung (Garantiefonds u. ä.) für alle Ausgaben, so daß Liefe-
ranten, Teilnehmer und andere Personen nicht ungerechtfertigter-
weise zu Schaden kommen. Lieber weniger, aber gesicherte Aus-
stellungen u. dgl. Noch in einer anderen Hinsicht ist eine Ratio-
nalisierung der Messen und Ausstellungen notwendig. Der Reichs-
verband der deutschen Industrie setzte 1906 ein Ausstellungs- und
Messeamt ein, um hier Ordnung zu schaffen, eine rationelle
Reihenfolge in der Veranstaltung dieser »Schauen« zu erzielen,
einem Übermaß daran vorzubeugen, auf Messen nur Typenwaren
(Muster) zuzulassen, die Gebiete der Messen abzugrenzen, also den
»kollektiven Absatz« ebenfalls zu organisieren. Auch eine inter-
nationale Regelung des Austellungs- und Messewesens wurde in
Angriff genommen.

Die rationelle Verpackung.

Eine kaufmännische Detailfrage, die in Amerika schon viel Be-
achtung der Rationalisierungsfachleute fand, ist die Verbesserung
der Verpackung der Ware. Vor dem Kriege ging man damit in
Europa ziemlich verschwenderisch um, nach dem Kriege verfiel
man in den Fehler allzu großer Sparsamkeit, obwohl mangelhafte
Verpackung durchaus irrationell ist, indem beträchtliche Mengen
von Waren auf dem Transporte verlorengehen, verderben, be-
schädigt werden oder mit anderen Waren in Berührung kommen
und darunter leiden; daraus folgen dann: Zeitverlust bei der Be-
handlung solcher Waren unterwegs und Prozesse, also sehr uner-
wünschte, irrationelle Wirkungen. In Amerika, wo man schon seit
geraumer Zeit auf gute und gefällige Verpackung Sieht, besteht
aine Versuchsstelle für wirtschaftliche Verpackung; 1926 wurde in
Deutschland ein Unterausschuß im Reichskuratorium für Wirtschaft-
lichkeit bestellt. der auf Grund der Erfahrungen der Industrie, des
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        102

Handels, der Verkehrs- und Versicherungsunternehmungen, Richt-
linien für rationelle Verpackung, namentlich auch für Übersee-
Sendungen, ausarbeitet.

Die Verpackung soll an sich zweckmäßig, unter den gegebenen
Verhältnissen die billigste sein, das Material soll so gewählt
werden, daß es als solches wieder verwendet werden kann; sie
soll der Eigenart des Gutes sowie ihrer Beanspruchung unterwegs
angepaßt sein; sie soll auch Umfang und Gewicht des Gutes nicht
unnötig vergrößern. Ein weiterer Gesichtspunkt ist die Beachtung
les Werbecharakters der Packung; »das Auge des Kunden ist der
3rste Angriffspunkt des Kaufmannes« und der Absatz vieler Waren,
namentlich der Markenartikel hängt zum guten Teile von der Ver-
vackung ab. Oft sagt der Kunde: »Ich möchte das grüne Paket
mit dem..roten .. Band!« Also die Farbe, die Zeichnung auf der
‚.Umhülle soll einprägsam sein, wohltuend wirken; die darauf ver-
wendeten. Kosten werden durch reichlicheren Absatz leicht herein-
zebracht.

3

9, Rationalisierung des Verkehrswesens. W

Es ‚ist nur folgerichtig, . daß eine gesunde Wirtschaftspolitik
heutzutage außer der Rationalisierung. der Privatwirtschaft, der
Produktion und des Handels auch die der Verkehrsunter-
nehmungen (Straßen, Post, Telegraph und Telephon, Eisenbahnen,
Kraftwagen, Schiffahrt, Luftverkehr, Nachrichtendienst) als not-
wendige .Ergänzung anstreben muß, weil sonst die beste Durch-
rationalisierung in Industrie und Handel nur Stückwerk bleibt. Die
einzelnen Verkehrsbetriebe müssen daher auch ihrerseits danach
trachten, mit dem möglichst geringen Aufwand (Kosten) einen möglichst
großen Effekt zu erzielen, und zu diesem Zwecke ihre gesamte
Organisation. in technischer, kommerzieller und sozialer Hinsicht
ımstellen, ständig verbessern, vereinfachen, wirkungsvoll gestalten.
Stillstand ist auch hier Rückschritt.

Die oft erörterte, grundlegende Frage, ob und welche Verkehrs-
vetriebe von Privaten oder vom Staate (einer Gemeinde) geführt
werden sollen, ist rationell nicht eindeutig zu beantworten, da diese
Antwort von den jedem Lande eigentümlichen geschichtlich-
politischen Auffassungen und wirtschaftlichen Verhältnissen abhängt,
d. h. der Staatsbetrieb wird in dem einen Lande vorteilhaft, in
einem anderen dagegen nachteilig sein und umgekehrt. Wenn
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        103

aber Staatsbetrieb gewählt wird, so darf die Volkswirtschaft erst
recht verlangen, daß er mustergültig, rationell geführt werde, da
man etwaige Defizite vom Staate, d. h. aus den Steuergeldern,
bestreiten muß. Und es ist nicht rationell, die Ausgaben nur durch
oeriodische Erhöhung der Preise der Verkehrsleistungen (Post-
vorti, Tarife) decken zu wollen, sondern es sind die Ausgaben eben
durch Rationalisierung des Betriebes, des Dienstes, des Material-
ainkaufes u. a. derart zu senken, daß mit wirtschaftlich erträg-
lichen Tarifen und Porti das Auslangen gefunden werden kann.
Die moderne Technik und Betriebslehre geben genug Mittel an,
um auch die Verkehrsunternehmungen So rationell als möglich zu
führen.

Den rationellen Fortschriften im Verkehrswesen stehen nun einige
sicht leicht zu überwindende Hindernisse entgegen. Da ist zunächst
der weitverbreitete, tiefwurzelnde Bureaukratismus (den wir auch
im Abschnitte »Öffentliche Rationalisierung« kennen lernen werden),
der die »vis inertiae« in reinster Form darstellt und jeder Neuerung
abhold ist. Umlernen, anders denken und handeln als bisher, liegt
nun einmal für den Bureaukraten außerhalb der Möglichkeit und der
schädliche, retardierende Einfluß des Bureaukratismus zeigt sich etwa
nicht bloß in öffentlichen (staatlichen) Verkehrsbetrieben, sondern
auch in solchen, die einer privaten Führung unterstehen, da er
aine untrennbare Funktion jedes Unternehmens mit großem,
mehrtausendköpfigem Beamtenkörper, selbst von Industrie- und
Bankaktiengesellschaften zu sein Scheint... Nur sehr. energische
Führerpersönlichkeiten, mit überragendem Intellekt und weitem
Blick sind imstande, entgegen der »passiven Resistenz« der
Bureaukraten die notwendigen Reformen des Betriebes in rascher
Zeit durchzuführen.

Bei staatlichen Verkehrsunternehmungen kommt als erschwerend
hinzu der — man könnte sagen — fiskalische Bureaukratismus,
der sich in der Regel in einer fürchterlich irrationellen Engherzig-
keit äußert und lähmend auf jeden Reformgeist wirken muß. Beim
gewöhnlichen administrativen Bureaukratismus ist der hauptsäch-
liche finanzielle Schaden der, daß selbst wichtige Entscheidungen,
wie der rechtzeitige Einkauf von Materialien zu einem günstigen
Preise oder dringend notwendige Instandhaltungsarbeiten an Bauten
u. dgl., übermäßig lange hinausgezögert werden, weil zu viele Re-
visions- und andere Instanzen mitzureden haben und niemand da
        <pb n="113" />
        104

ıSt, der auf eigene Verantwortung handeln will. Der Fiskalist
verweigert nun obendrein fast jede, auch noch so berechtigte Aus-
gabe, verweist auf mögliche »Ersparungen« (ohne aber konkrete
Vorschläge zu machen) oder aber auf die Erhöhung der Ver-
kehrspreise.

Wenig rationell dürften jene unklaren Konstruktionen Sein,
welche, wie z. B. bei den Österreichischen Bundesbahnen, ein
zemischtes Betriebssystem verwirklichen wollen: zwar Sselb-
ständiger Wirtschaftskörper, der nach kaufmännischen Grundsätzen
zu führen ist, aber doch Zuschüsse des Staates und dessen, wenn
auch verkümmerte Einflußnahme auf die Gebarung und Tarif-
bildung der Bahnen. Hier sind Feuer und Wasser vermengt, da
gibt es Dampf, der aber den Bahnen und der Volkswirtschaft recht
‘euer zu stehen kommt. Wenn z. B. die Österreichische Finanz-
verwaltung sich gegen die (derzeitige) Fortsetzung der Elektri-
fizierung der Bahnen aussprach (vgl. Debatte im Verkehrsaus-
schusse am 11. Jänner 1928), weil die Rentabilität (die aber
derzeit eine Gleichung mit zwei Unbekannten ist) nicht gegeben
wäre (was also entsprechende Staatszuschüsse bedeuten würde), So
muß von‘ einer höheren Warte doch — abgesehen von den
bekannten wirtschaftlichen, gesundheitlichen und _handelspoli-
ischen Gründen für die Elektrifizierung — daran erinnert werden,
daß der Staat jene Beträge, die er zur Arbeitslosenunter-
stützung beiträgt, in jenem Maße erspart, in welchem Arbeiter
durch die vielfältigen Arbeiten, die mit der Elektrifizierung ver-
bunden sind, neu und länger beschäftigt sind. An diesem aktuellen
Beispiele 1äßt sich deutlich der Unterschied zwischen herkömm-
icher, irrationeller und moderner, rationeller Finanzpolitik er-
zennen.
{m einzelnen mögen folgende wichtigere Fragen der Rationali-
sierung der Verkehrsbetriebe kurz erörtert werden.

Im Post-, Telegraphen- und Telephonbetriebe kann durch
rationelle Organisation des in- und externen Dienstes und durch
technische Neuerungen (z. B. Automatik im großen Paketdienste,
im Telephonbetriebe u. a.) die Verwaltungsregie wesentlich herab-
zemindert werden, in welcher Hinsicht der letzte Bericht der
Deutschen Reichspost (über 1926/1927) erfreuliche Fortschritte
meldet, namentlich die Tatsache, daß ein wesentlich vermehrter
Dienst mit weniger Personal bewältigt werden konnte; statt des
        <pb n="114" />
        105

‚geistlosen Dienstvollzuges« herrscht Erkenntnis des Zusammen-
hanges der Post mit der Wirtschaft und dem Volksganzen —
sxempla trahant!

Was den Straßenverkehr betrifft, so müssen die alten Straßen,
die durch den Bahnenverkehr in den Hintergrund traten, beim
jetzigen dichten Kraftwagenverkehr umgebaut oder überhaupt
neu gebaut werden, zu welcher Reform man aber Zz. B. in Öster-
reich deshalb so lange Zeit braucht, weil keine Klärung der Frage
erfolgt, wer die Kosten der Reform tragen soll, und in welcher
Art — Anleihe oder Abgabe — sie aufzubringen sind. Ist wieder
der fiskalische Bureaukratismus daran schuld? Daß einheitliche
Vorschriften über den Straßenverkehr notwendig sind, bedarf
keiner besonderen Erwähnung.

Die Eisenbahnen waren schon frühzeitig aus in ihrem Wesen
liegenden Gründen zur Normung vieler Betriebsmittel (Spur,
Achse, Signale u. a.) genötigt, auf welchem Gebiete auch inter-
nationale Normungen eingeführt wurden, die neuerdings Erweite-
rungen erfahren, wie z. B. durch den Bau einheitlicher Personen-
wagen für den internationalen Schnellzugsverkehr. Ob das rollende
Material rationeller in eigener Regie der Bahnen oder von der
privaten Industrie hergestellt wird, ist umstritten. Jedenfalls müssen
die Bahnen für rascheste und gute Reparatur dieses Materials
sorgen und es scheint, daß die Organisation dieses Dienstes, den
Ing. Taussig bei den Österreichischen Bundesbahnen einführte
‘zentrale Werkstätte für größere Reparaturen und kleinere Werk-
stätten bei den Direktionen für kleinere, augenblicklich notwendige
Reparaturen), als rationelle Lösung des Problems bezeichnet
werden darf. Die Deutsche Reichsbahn hat in den letzten Jahren
aine sehr rationelle Neuerung — durchlaufende Güterzugsbremsen —
aingeführt, die namhafte Ersparungen an Betriebskosten brachte.
Weitere rationelle Maßregeln sind: Verbesserung der Fahrtsicher-
beit, größere Übersichtlichkeit der Frachttarife und Tarifbestimmungen ;
Normung der Drucksachen und rationelle Textierung derselben;
die automatisierte Fahrkartenausgabe wie in Amerika und anderen
Staaten, so in Deutschland die Regina-Maschine, der indirekte
Zwang zur Benützung der Vorkaufskarten; die Vermeidung der
Zugsverspätungen (durch Erziehung des Personals und der Fahr-
zäste) u. v. a. m. Vom sozialen Standpunkte ist es an sich zu
begrüßen, daß die Bahnangestellten eigene Personalvertretungen,
        <pb n="115" />
        L06
wie z. B. in Österreich, haben; nur müßten diese Ausschüsse,
wenn ‚sie rationell genannt werden sollen, mit den geringsten
Mitteln (Beiträgen der Angestellten) und außerhalb der Dienstzeit,
wie das in Amerika Sselbstverständlich ist, arbeiten; sie müßten
‘ferner von ihrem wertvollen Mitbestimmungsrecht (siehe den
Abschnitt Soziale Rationalisierung) weit mehr als bisher im positiv
aufbauenden Sinne Gebrauch machen, d. h. ihrerseits Vorschläge
'suggestions) zu ständigen Fortschritten des Betriebes, des Dienstes
und seiner Einteilung im Sinne der Rationalisierung machen. Dann
werden sie auch ihren Auftraggebern am besten dienen, weil
diese bei steter Verminderung der Betriebsausgaben auf die Dauer
nehr Aussicht auf bessere Bezüge haben als jetzt, wo vielfach
;rrationelle, d. h. zu teure Organisation des Dienstes und . daher
stets. ein latentes Defizit zu beklagen ist.

Die Bahnen haben in den Kraftwagen und Luftfahrzeugen
neue ‚und ernste Wettbewerber erhalten, ebenso. wie. mit ihnen
die Binnenschiffahrt in Wettbewerb steht. Diese Interessenkonflikte
wirtschaftlich und vernünftig zu regeln, ist eine Pflicht .rationeller
Verkehrspolitik der Regierungen; das Rationelle besteht in der
Erkenntnis, daß man die modernen Verkehrsbedürfnisse nicht
znebeln kann, -sondern für eine friedliche Teilung der Verkehrs-
arten auf die einzelnen Betriebsgattungen, etwa auch für einver-
ständliche Durchführung bestimmter Verkehre Sorge tragen Soll.
Neue Verkehrsmittel haben noch immer neuen Verkehr geschaffen,
so daß alle Verkehrsbetriebe daraus Vorteil ziehen können.

In der europäischen Binnenschiffahrt herrschen noch ‚in so
nancher Hinsicht sehr irrationelle Zustände... Schon der sehr
umständliche und schwer bewegliche Apparat der Internationalen
Donaukommission behindert die notwendigen Verkehrsfort-
schritte und verzögert auch die darauf bezügliche. Tätigkeit der
ainzelnen Uferstaaten. So wird die Donau 1935 oder 1937, da der
neue Großschiffahrtsweg vom Rhein zur Donau fertig sein wird,
kaum imstande sein, diesen wichtigen Verkehr klaglos zu führen.
Wie Staatssekretär Dr. Hantos erst kürzlich wieder ausführte
/»Neues Wiener Journal« vom 29. Jänner 1928), herrscht im Donau-
verkehr »die größte Unwirtschaftlichkeit, die es je auf einem
Strome gegeben hat«. Einzelne Uferstaaten verhalten sich anderen
Staaten gegenüber verkehrswidrig: man verhindert das Anlegen
von Schiffen oder man sperrt wichtige Häfen überhaupt, weil sie
        <pb n="116" />
        107

an einem Nebenflusse der Donau oder an einem Kanale liegen;
andere Staaten machen große Paß- und Zollschwierigkeiten;: das
rlußbett ist stellenweise in recht kläglicher Verfassung, einzelne
Stellen sind seit Jahren nicht gebaggert, die Donaumündung ist
durch Monate versandet; hier gilt es wahrlich, mit der größten
Energie Wandel zu schaffen, denn das Irrationelle im Verkehr
ınd auf internationalem Gebiete tritt wohl kaum anderswo So
deutlich zutage als in der Donaufrage.

10. Rationalisierung des Geld- und Kreditverkehres.
Auch hier handelt es um eine notwendige Ergänzung der
Rationalisierung der Produktion und des Handels. Es gibt Mittel
und Wege, um die Kosten des Zahlungs- und Kreditverkehres
erheblich zu senken und dadurch nicht bloß den Kredit zu ver-
billigen, sondern auch der Wirtschaft reichlichere Beträge zu
ihrer Entwicklung zuzuführen, also eminent rationelle Ziele, insbe-
sondere auch in dem Sinne, daß dann die technische und organi-
satorische Rationalisierung der Betriebe rascher und in größerem
Umfange möglich ist.

Die weitaus wichtigste Frage, die uns hier zu beschäftigen hat,
ist die Verbilligung der Kosten des Kredits durch Verminderung
der Betriebskosten der Kreditinstitute. Wie bei jeder Ware,
müssen auch beim Kredit durch Rationalisierung die Herstellungs-
kosten ständig verringert und damit der »Absatz« dieser Ware
ständig vermehrt werden. In Deutschland befaßte man sich wieder-
holt mit diesem Problem; wir verweisen auf einen Aufsatz in der
‚Frankfurter Zeitung« vom 1. Mai 1925 und auf die Debatte über
‚Rationalisierung des Bankgewerbes« im Unterausschusse des
Enqueteausschusses, Oktober 1926, wo Direktor Schoele den
Bericht erstattete. Er verwies einleitend auf den außerordentlichen
Betrag der »Unkosten« der Banken, der also im volkswirtschaft-
lichen Interesse unbedingt soweit als möglich verringert werden
müsse. 1925 betrugen bei den sieben Berliner Großbanken die
Unkosten 84 Prozent (die reinen Unkosten 76 Prozent) des Roh-
gewinnes, um ein Drittel mehr als 1913. Seine Reformvorschläge
waren: Kontonumerierung wie beim Postscheckverkehr; Durch-
schreibverfahren (noch 1921 stellte eine D-Bank Schlußbrief-
Duplikate aus); vermehrte Anwendung moderner Buchungs-
        <pb n="117" />
        108

maschinen und moderner Buchungssysteme; Numerierung der Orte,
der Kunden, der Wertpapiere, der Zahlungsmittelvordrucke; Formular-
strenge (einheitliche Formulare usw.). In der Aussprache (vgl. »Berliner
Tagblatt« vom 17. Dezember 1926) gaben die Vertreter der Groß-
banken zu, daß noch manche Reformen notwendig seien, betonten
aber, daß bei den Banken eifrig an der Rationalisierung gearbeitet
werde. Doch wurde erwähnt, daß eine Zusammenarbeit der Banken
zwar im Außenverkehr (Stempelvereinigung), nicht aber im inneren
Verkehr (Vereinheitlichung!) statthabe; jede Bank müsse die für
sie passende Form der Rationalisierung entwickeln. Gegen die
Ortsnumerierung wurde eingewendet, daß bei einheitlicher Nume-
frierung sieben- bis achtstellige Zahlen herauskämen. Die Konten-
numerierüng sei zwar für Amerika günstig, wo die Überweisung
mit Fernschecks eine große Rolle spielt, während bei den deutschen
Banken weit mehr Arbeit dem Effektenverkehr gewidmet werde.
Daher sei die einheitliche Effektennumerierung besonders wichtig
und werde auch durchgeführt, doch müßten auch alle Börsen ein-
heitliche Bezeichnungen und Kurszettel einführen (was doch wohl
keine Unmöglichkeit ist). Die Formularstrenge dürfte auf Hinder-
nisse bei der Kundschaft und bei den kleinen Banken stoßen —
warum? Gerade Sparkassen haben mit dieser Einrichtung gute
Erfolge erzielt. Doch ist die Vereinheitlichung der Formularien
immerhin in Angriff genommen worden. Die neuen bureautechnischen
Maschinen ließen sich meist rationell nur in großen Betrieben ver-
wenden. Sie setzen Beamte frei, aber in nicht allzu großer Zahl,
weil sich auch neue Arbeiten ergeben, wie größere Kontroll-
:ätigkeit der Korrespondenten, intensivere Betriebstätigkeit u. a.!

In bezug auf die Art der Bankgeschäfte ist zu beklagen, daß
viele Institute in Mitteleuropa weit mehr als in den angelsächsischen
Ländern bloße Effekten- und Valutengeschäfte, die mit Spekulation
verknüpft sind, machen, als positive Waren- und KGeschäfts-
Investitions)kreditgeschäfte, daß die Institute daher oft zu wenig
Mittel den produktiven Zwecken der Wirtschaft zur Verfügung

i Es ist sehr anerkennenswert, daß die österreichischen Organisationen der
Bank- und Versicherungsbeamten mit den Industrieangestellten kürzlich
26. Jänner 1928) eine Arbeitsgemeinschaft zum Studium der Rationalisierungs-
fragen gebildet haben. Auch der Vortrag, den Prof. Julius Ziegler in Wien im
Jänner 1928 über Rationalisierung im Bankbetriebe hielt, enthält viel wertvolles
Material.
        <pb n="118" />
        109

stellen können, was den rationellen Ausbau so mancher Industrie-
betriebe verzögert oder gar. verhindert. Auch darf man erwähnen,
daß jene Kreditinstitute, welche Industrie- oder Handelsunter-
nehmungen »finanzieren«, z. B. deren Umwandlung in eine Aktien-
gesellschaft durchführen, sich bei der Verwaltung dieser Betriebe
allzu häufig von rein finanziellen Gesichtspunkten leiten lassen,
zo daß auch in diesen Fällen die notwendigen Arbeiten für tech-
nische und organisatorische Rationalisierung nicht oder nur in ver-
kümmertem Ausmaße geleistet werden können; die Kreditinstitute
sollten daher in die Verwaltung solcher Industriebetriebe nicht nur
Änanziell (bankmäßig) geschulte Funktionäre, sondern auch industrie-
technische Vertrauensmänner entsenden, womit in der letzten
Zeit immerhin der Anfang gemacht wird.

In bezug auf den Geld- und Zahlungsverkehr sind haupt-
sächlich folgende Rationalisierungsmaßregeln anzuführen:

Für den Kleinverkehr sollen die Münzen und Noten rationell
‚gestückelt« sein, d. h. die richtigen Vielfachen und Unterteilungen
der Währungseinheit in Umlauf sein. Warum fehlt z. B. in Öster-
reich noch immer das 5-Groschenstück, während in vielen anderen
Staaten das Fünffache der unteren Währungseinheit ausgegeben
wird; und warum gibt es noch keine 50-Schillingnoten? (Daß unsere
Noten typographisch und werbepolitisch nicht entsprechen — man
denke nur an die 1-£-Note oder an die amerikanischen Noten —,
ist nur indirekt als irrationell zu tadeln; jedenfalls sollten alle
Noten nach einem einheitlichen Plane entworfen und hergestellt
werden.)

{m Kleinverkehr herrscht noch vielfach — in Deutschland klagt
man darüber ebenso wie in Österreich und den Nachfolgestaaten —
die sogenannte »Borgunwirtschaft«, d. h. man ist gewohnt,
selbst solche Zahlungen an Steuerämter oder Gewerbetreibende,
die man rechtzeitig leisten könnte, hinauszuschieben, sich selbst
eine beliebige »Stundung« zu bewilligen, während man seinerseits
sehr energisch auf fällige Einnahmen (Gehalt, Mietzins u. a.) dringt.
Die Verkürzung der Verjährungsfrist gewerblicher Forderungen
auf drei Jahre (3. Teilnovelle zum Österreichischen bürgerlichen
Gesetzbuche) brachte keine merkliche Besserung. Die gewerblichen
Lieferanten können sich gegen diesen Unfug nur durch straffe
kreditwirtschaftliche Organisation (Genossenschaft) wehren; Aufgabe
der Erziehung zur »individuellen Rationalisierung« (siehe oben) wäre
        <pb n="119" />
        '10

es aber, dahin zu wirken, daß diesem höchst irrationellen Übel-
stande auch von. der Schuldnerseite her begegnet werde.

Von großem: rationellen Werte ist der bargeldlose Zahlungs-
verkehr, d.h. die Zahlung mit Überweisungsschecks einer Bank
ader:der Postsparkasse, Leider ist diese segensreiche Einrichtung, die
so viel Zeit und Arbeit erspart, im kontinentalen Europa, und so
auch in Österreich, noch viel zu wenig verbreitet, im Gegensatz zu
Amerika und England, wo der Scheck die gewöhnliche Zahlungs-
art ist. Ausgiebige Propaganda für den bargeldlosen Verkehr,
Ermäßigung der ihn noch irrationeller Weise belastenden Gebühren
und Unterweisung der Jugend in den Schulen müssen zusammen-
wirken, um auch hierzulande zur rationellen Zahlungsweise mit
Scheck zu gelangen.

11. Soziale Rationalisierung.
Wir gelangen jetzt zu dem nach unserer Ansicht weitaus wich-
üigsten Teile der Wirtschaftlichkeitslehre: zu den Mitteln, deren man
sich bedient oder bedienen sollte, um das Arbeitsverhältnis in
jeder Hinsicht besser zu gestalten, Hieher gehören nicht bloß die
sehr beachtlichen Untersuchungen, denen sich die reine »Arbeits-
wissenschaft«, auch »Arbeitskunde« genannt, widmet, nicht bloß die
unter dem Namen »Psychotechnik« bekannt gewordene, sehr wert-
volle Teildisziplin, sondern. auch neben den technischen und
physiologischen (gesundheitlichen) Fragen die sozialpsycholo-
gischen Probleme des Arbeitsverhältnisses, die Wirkung .tech-
nischer und organisatorischer Rationalisierung auf die wirtschaftliche
Lage und die Psyche des Arbeiters und weiters seine ganze seelische
Einstellung zum Arbeitgeber und zum Betriebe. Die Stellung des
Arbeiters als Menschen als im Produktionsprozesse, im Betriebe (des
Angestellten im Bureau) in allen ihren Teilfragen ist zu untersuchen
und zu prüfen, durch welche praktischen Mittel — vor-, inner- und
außerbetrieblicher Art — diese Stellung optimal — für den Menschen
als Arbeiter und für die Volkswirtschaft — gestaltet werden kann. So
verdienstlich jede der genannten Teildisziplinen ist, wie z. B. die
Arbeiten des »Ausschusses für gesundheitsmäßige Arbeits-
gestaltung« (Deutsche Gesellschaft für Gewerbehygiene, 1927) oder
des »Instituts_für technische Arbeitsschulung«, Düsseldorf, oder
des British Institute for Industrial Psychology, ‚entscheidend für
        <pb n="120" />
        111

rationelleres Arbeiten ist und bleibt die seelisch-geistige Ein-
stellung des Arbeiters zum Betriebe und Unternehmer, das spezifisch
Sozialpsychologische am Arbeitsverhältnisse; daher die große Wich-
tigkeit der Mittel, die tauglich sind, gerade diese Seite des Arbeits-
verhältnisses »besser«, optimal zu gestalten.

Diese Untersuchungen sind deshalb schwierig, weil wir gewohnt
sind, das Arbeitsverhältnis durch die politische Brille zu besehen,
die bekanntlich von verschiedener Farbe (rot, gelb, schwarz ...) zu
sein pflegt. Das Arbeitsverhältnis ist ein Politikum geworden und
somit auch das Urteil darüber. Dieses Politikum ist in verschiedenen
Ländern verschieden gestaltet, verschiedengrädig — man denke nur
an die Extreme: Vereinigte Staaten und Sowjetrußland. Der Geist der
Arbeiterschaft ist von vornherein beherrscht durch eine mehr weniger
schroffe Gegnerschaft gegen Unternehmer und »Kapital«, die nicht
einfach durch Übelwollen, Agitation, Irreleitung, Eigeninteresse der
Führer zu erklären ist. Der tiefere massenpsychologische Grund der
nun Schon jahrzehntealten Gegnerschaft ist die tatsächlich ein-
getretene Entfremdung der Arbeiter von den Betrieben und deren
Inhabern, ‚die »Abspaltung« der Welt der Arbeit von den übrigen
Lebensbereichen, die Scheidewand zwischen Gebildeten und Un-
gebildeten, die vielfach zum Gegensatze zwischen Besitzenden
und Besitzlosen wurde.‘ Und man tat lange Zeit nichts, um die so
notwendige Brücke zu bauen. Erst die Organisationen der Arbeiter
selbst erzwangen Sich, allerdings später unterstützt durch die
sozialen Gesetze, bessere Arbeits- und Lebensbedingungen, ver-
schafften auch den Arbeitern steigenden Anteil an den übrigen
Lebensbereichen, an Wissenschaft, Kunst, Kultur. Muß sich aber
dieser kulturell und sozial günstige Aufstieg der Arbeiterkreise
unbedingt auch weiterhin im Zeichen ihrer absoluten Gegnerschaft
zu den Unternehmern, nur in der Hoffnung auf radikale Um-
gestaltung der Wirtschaftsordnung vollziehen? Gibt es nicht Wege,
auf denen beide Gruppen — von Natur aus so vielfach in ihrem
Gedeihen aufeinander angewiesen — sich wieder, auch wirtschaftlich,
nähern könnten? Diese, wie man zugeben wird, weitaus wichtigste
Frage im ganzen Bereiche der Wirtschaftlichkeitslehre und der
Arbeitswissenschaft ist der Hauptgegenstand dieses Abschnittes.
Zugegeben wird, daß die arbeitskundlichen Teildisziplinen, die früher
beispielsweise erwähnt wurden, wertvolle Vorarbeit zur eigentlich
»sozialen Rationalisierung« leisteten und noch leisten. lenkten sie
        <pb n="121" />
        ‚12

doch erst recht die öffentliche Aufmerksamkeit auf die verschiedenen
hygienischen, physiologischen, didaktischen und psychischen Probleme
des Arbeitsverhältnisses und brachten sie damit auch die Erörterung
des Grund- und Hauptproblems: Bessergestaltung des Arbeitsver-
hältnisses auch in sozialpsychologischer Hinsicht in Fluß. .

Ehe nun dieses Hauptproblem selbst behandelt wird, sollen die
wichtigeren Ergebnisse der Arbeitskunde dargestellt werden,
'nsoweit sie dem Ziele der Rationalisierung (besseren Bewirt-
schaftung der Arbeit) dienen.

Wir beginnen mit den grundlegenden arbeitsphysiologischen
"ragen (zu denen sich aber auch die psychologische Betrachtung
zesellen muß). Hier handelt es sich hauptsächlich um Fragen der
optimalen Arbeitzeit, der (physiologischen) Ermüdung und der
rationell gelagerten und bemessenen (aber auch rationell verwendeten)
Pausen.

Arbeitskundliche Grundfragen der Rationalisierung.

Nach dem Vortrage Professor Ermanskis aus Moskau (Inter-
nationale Hochschulkurse, Wien, September 1926) handelt es sich bei
der rationellen Arbeitsorganisation darum, alle Faktoren der Produktion
/Energien) nach dem Prinzipe des Optimum (nicht des bloßen
Maximum) zu benützen, d. h. der Quotient % von Energien (E) zu
Resultat (R) muß dauernd möglichst groß sein, ohne bei irgend-
einer der Energien, z. B. der Arbeit, ein schädliches Übermaß an
Benützung (»Ausnützung«) zu bewirken. Oder: alle optimal genützten
Faktoren sind miteinander nach dem Prinzipe der »positiven Aus-
lese« (Kombination) in Einklang zu bringen. m bezeichnet dann
die wirkliche Produktivität der Arbeit (nicht bloß die Rentabilität
= finanziell ausgedrückter Erfolg). Zu beachten ist ferner der Unter-
schied zwischen Produktivität und Intensität. Wenn R dadurch
größer wird, daß mehr E verwendet wird und R nicht mehr steigt
als E, dann liegt Intensivierung der Arbeit vor; wenn dagegen R
dadurch größer wurde, daß E gar nicht vergrößert wurde oder
sogar verringert werden konnte oder wenigstens nicht mehr ver-
zrößert wurde als R, so ist Produktivität gegeben. Rationalisierung
der menschlichen Arbeit bedeutet nun nicht höhere Intensität, son-
dern höhere Produktivität. Dazu führt nur qualitative Besserung der
Nutzung aller Elemente der Produktion, insbesondere planvolle
Zusammenarbeit aller lebendigen und toten Produktionsfaktoren.
        <pb n="122" />
        113

Bloße Intensivierung ist es, wenn höherer Lohn bloß infolge Fertig-
stellung von mehr Stücken im Tage erzielt wird, also keine
Besserung der Art der Arbeit eintritt. Die Produktivität kann bis
ins Unendliche gesteigert werden — die Intensität der Arbeit darf
fund kann) nur bis zu einem gewissen Grade vermehrt werden;
denn je mehr Kräfte ausgegeben werden, desto mehr Einnahme
von Kräften (Ersatz der Kräfte) ist notwendig: der Mensch kann
aber nicht ins Unendliche Nahrung aufnehmen, ebenso ist sein
Herz und sein Muskelsystem von begrenzter Leistungsfähigkeit.
Doch soll auch die Intensität der Arbeit nicht kleiner sein, als
möglich und (gesundheitlich) zulässig ist, sondern optimal sein (in
welchem Falle das m” am größten ausfällt).

Die Entwicklung der menschlichen Arbeit ist charakterisizrt
durch das Wachstum der Produktivität, nicht der Intensität. Z.B
leistet eine Spinnerin jetzt 2000 mal so viel im Tage als vor 100
der 150 Jahren: aber nicht infolge größerer Intensität (wahrscheinlich
wird sogar weniger E ausgegeben), sondern infolge bedeutend ver-
größerter Produktivität, dank der großen Verbesserung der Werk-
zeuge und des Verfahrens.

Man unterscheidet absolute und relative Intensivierung der Arbeit,
jene liegt vor, wenn zwar nicht die menschliche Energie (E) in der
Zeiteinheit, aber die Länge des Arbeitstages vergrößert wird; diese
ist gegeben, wenn, ohne Verlängerung der Arbeitszeit, aus dem
Menschen mehr E herausgeholt wird. Vor 100 und mehr Jahren;
zur Zeit der ersten Einführung der Maschinen, herrschte die absolute
Intensivierung der Arbeit vor; heutzutage braucht die Technik keine
Verlängerung der Arbeitszeit, um mehr E aus dem Menschen heraus-
zuholen — ja sie konnte sogar immer mehr verkürzt werden, auf
neun, dann auf acht und sieben Stunden, und doch blieb R gleich
der wurde sogar größer. Daraus ergibt sich, daß vielfach arbeits-
kundlich falsche Vorstellungen im Streite um die Länge des Arbeits-
;ages vorkommen. Daß E sogar in kürzerer Arbeitszeit größer wird, dazu
haben beigetragen: dietechnische Rationalisierung inihren verschiedenen
Arten; neue Lohnformen (Prämien u. a), aber auch die Gewinn- und
Kapitalsbeteiligung der Arbeiter (s. später). Diese Methoden bewirken
eben die relative Intensivierung der Arbeit und gleichzeitig die Ver-
nehrung der Produktion: E ist vergrößert, aber noch mehr R.

Es wird interessieren, einiges über die Messung der mensch-
lichen Energie, wie sie von Ermanski nach dem Vorbilde der Arbeits-
Kobatsch, Wirtschaftlichkeitslehre.
        <pb n="123" />
        114

physiologen dargestellt wurde, zu vernehmen. Die Energie (E) kommt
im menschlichen Organismus dadurch zustande, daß der Kohlenstoff
der Nahrung durch Vermittlung des Sauerstoffes oxydiert, zu Kohlen-
säure (CO2) wird: »das ist die Formel des ganzen Lebens«; alle
Muskel- und Nervenkräfte (fraglich und umstritten ist, ob auch die
geistigen und seelischen Kräfte!) basieren auf diesem Oxydations-
prozesse, der dem Menschen sein E liefert. Je mehr nun der Mensch
während einer Arbeit X ausgibt, desto mehr muß er auch »0o0xy-
dieren«, d. h. Sauerstoff einatmen. Man mißt die Menge des ein-
geatmeten Sauerstoffes, etwa zunächst während zweier Minuten Ruhe,
dann während zweier Minuten Arbeit und berechnet den Unterschied.
1 Liter Sauerstoff entspricht 49 Kalorien (1 Großkalorie == 1000 Klein-
kalorien).
Wie Professor Ermanski (a. a. O.) richtig bemerkt, trachtete der
wirtschaftlich tätige Mensch seit jeher, meist unbewußt, gewohnheits-
mäßig, zur »positiven Auslese«, d.h. zum bestmöglichen Zusammen-
wirken der Produktionselemente, zum optimalen Verhältnisse von
Energie /(E) : Resultat (R) zu gelangen. Beispiele des Alltages
bestätigen dies, Wiederholt jemand die gleiche Leistung, so wird
ler psycho-physiologische Apparat des Menschen von selbst »ratio-
nalisiert«. Alle Muskelgruppen, die für diese Arbeit nicht not-
wendig sind, werden allmählich ausgeschaltet, während bei
Beginn dieser Tätigkeit noch alle Muskeln mehr weniger mitge-
arbeitet haben. Wer zum ersten Male auf einem Fahrrade fährt, muß
fast alle Muskel, Hals-, Kopfmuskel, usw. anstrengen, um im Gleich-
zewicht zu bleiben. Der geübte Geigenspieler spielt zwei, drei
Stunden, ohne wesentlich zu ermüden, indem er sein Instrument
nur in der linken Hand hält; ein Schmied könnte die Geige kaum
sine halbe Stunde spielen: er müßte zu viel Kräfte einsetzen. Eine
andere Feststellung: eine ununterbrochene, gleichartige Be-
wegung läßt sich leicht »automatisieren«, d.h. das Zentrum des
Gehirns (das Bewußtsein) wird entlastet, die Bewegungen werden
‚unterbewußt«, was zwar nicht Muskel-E, wohl aber Nerven-EX
arspart. Durch Rhythmisierung der Bewegung, die ununterbrochen
die gleiche ist, wird neben Nerven-E auch Muskel-E erspart. Ein
rationeller Arbeiter disponiert vor der Arbeit: er legt die Werkzeuge,
die er mit der rechten Hand zu nehmen hat, rechts neben sich
und umgekehrt, die er öfter benützen muß, näher zu sich als jene,
die er seltener benötigt und anderes mehr; jeder Gegenstand, der
        <pb n="124" />
        1153
Sfter gebraucht wird, liegt stets an der gleichen Stelle. Durch diese
Methode, die Arbeit rationell vorzubereiten, wird die Kopftätigkeit
wesentlich entlastet, man braucht weniger Aufmerksamkeit und
Willensenergie, um die Arbeitsbehelfe zu erlangen, kann aber dafür
die ganze Energie der eigentlichen Arbeit widmen.

Jede menschliche Tätigkeit, im Betriebe und anderswo, besteht
aus zwei Elementen: aus der gegebenen Energie (E) und dem
srreichten Resultat (R), der geleisteten Arbeit. Das Zeichen rationeller
Arbeit ist nicht die Größe von R an sich, ebensowenig die Größe
(oder Kleinheit) von E an sich, sondern das Verhältnis R: E —

R_ mM; B_ nn; m = x d. h. welches R auf die Einheit

E R n
der verwendeten E erreicht wurde. Eine Arbeit ist rationell organi-
siert, wenn  ) %, d.h. wenn m möglichst groß, u möglichst gering
st. Das ist das Prinzip des Optimum (nicht Maximum); es handelt
sich also nicht um die absolut größte Menge, sondern um die beste
Art der Nutzung der Kräfte. Verwende ich z.B. 2 X E, R wird
aber zehnmal so groß, so ist die Menge der auf die Einheit von
R entfallenden E wesentlich geringer, ich habe rationell gearbeitet.
Jede organisierte Summe (von Arbeitselementen) muß größer sein
als die bloße arithmetische Summe dieser Elemente. Jener Ar-
Deiter, der seine Werkzeuge so rationell disponierte, arbeitete, wie
die übrigen Leute, siebeneinhalb Stunden mit einer halbstündigen
Pause, also acht Stunden, erreichte aber 50 Prozent mehr Resultat
(KR) als die anderen, d.h. es war, als ob er 3 + 4 = 12 Stunden
gearbeitet hätte; er erhielt auch mehr Lohn, ohne daß er sich mehr
anZustrengen hatte als die anderen. Wäre die organisierte Summe
der Produktionselemente nicht größer als die arithmetische Summe
S (a,b,c) ) a + b + 0), würden die Organisationskomplexe nicht
so sehr bevorzugt werden. Jede technische Aufgabe wird nach
liesem Prinzipe gelöst. In der organischen und anorganischen Natur
gibt es überall solche Komplexe.

Ihre wichtigste Anwendung in der Wirtschaft ist nun die Be-
stimmung der Leistungsnorm in einem Betriebe: es ist der Kern
des Streites zwischen Kapital und Arbeit. Der Arbeiter sagt: ich
kann im Tage nur 50 Stück herstellen, der Ingenieur aber sagt:
2s sind 200 Stück möglich. Soll hier immer nur die stärkere Macht,
Streik, oder soll etwa das Gesetz, der Richter, entscheiden? Wir
xönnen die Frage auch objektiv-wissenschaftlich entscheiden. Man
        <pb n="125" />
        (16
untersucht nämlich, ob die Leistung von 50 Stück der normalen
Anstrengung der Arbeitskraft entspricht. R wird in Kilogrammetern
/kgm), E in Kalorien gemessen (eine Kalorie: um 1 Kilogramm
Wasser von 0 auf 1° C zu erwärmen). Wir veranlassen den Arbeiter,
etwas intensiver zu arbeiten, etwa 80 Stück herzustellen: R ist
also größer — ist auch mehr E verbraucht worden? Ist R mehr
yestiegen, so wird ZZ = m größer sein; ist aber K mehr gestiegen,
30 wird m kleiner ausfallen. Ob R mehr steigt als E, hängt nicht
von einem Zufalle ab, sondern von der Gesetzmäßigkeit der mensch-
lichen Organe und ihrer Funktionen, vom Gleichgewicht des mensch-
ichen psycho-physiologischen Apparates.

{in einem frischen, nicht ermüdeten Zustande wird ein größeres
Arbeits-R geleistet, mit kleinerer X; wenn aber ermüdeter Zustand
aintritt, dann ist für das gleiche R weit mehr E notwendig. In ver-
schiedenen Ländern haben zahlreiche Fachleute Studien über Arbeits-
armüdung, Ermüdungsintensität und ähnliches angestellt. Wir müssen
das Verhältnis von E:R nach dem tatsächlichen Ermüdungszustande
des Arbeiters beurteilen. Da werden wir finden, daß weder der
Arbeiter (80. Stück) noch der Ingenieur (200 Stück) recht hatte,
wohl aber daß 120 Stück als optimale Leistung anzusehen sind;
vei höherem Stücklohn oder besonderer Vergütung werden noch
weitere Stücke geleistet werden, aber es ist die Frage, wo dann
die optimale gesundheitliche Grenze zu ziehen ist. Wenn die
Intensität der Arbeitssteigerung ihren Sättigungspunkt — die opti-
nale Leistung — erreicht, ist eine Erhöhung darüber hinaus nicht
mehr zweckmäßig, sondern bloß maximal, übermäßige Nutzung
der Arbeit. Die Arbeitsphysiologen haben ein Gesetz aufgestellt,
das besagt: die Intensität, die als optimaler Wert zu erreichen ist,
steht im umgekehrten Verhältnisse zur Dauer der ausgeführten
Arbeit. Zum Beweise dieses Satzes wird angeführt, daß man wäh-
"end ganz kurzer Zeit die Intensität viel höher steigern kann als
bei dauernd ausgeführter Arbeit. Ein Mensch läuft 6 bis 7 Kilo-
meter in einer Stunde, ja vielleicht 10 Kilometer und mehr, aber
ıur, wenn es sein muß, wie es z. B. bei sportlichen Rennen der
Fall ist; er wird aber schon nach den ersten 100 oder 200 Metern
nicht mehr so rasch laufen wie beim Start. Zwischen solchen kurz-
zeitigen (sportlichen) Leistungen und regelmäßig wiederkehrender
Arbeit ist aber ein großer Unterschied, der von den Ingenieuren,
        <pb n="126" />
        117

die nach dem Taylorsystem vorgingen, zum Teil übersehen wurde:
man folgerte daraus, weil ein Arbeiter in zwei Minuten 20 Stück
fertigt, daß er in einer Stunde 30 mal, in acht Stunden 240 mal
soviel Stücke usw. fertigen werde. Das war ein Irrtum, führte tat-
sächlich zu Überanstrengung, konnte übrigens nie voll erreicht
werden, weil ein Arbeiter nicht den ganzen Tag und nicht an
jedem Tag mit der gleichen Intensität arbeiten kann.

In Wirklichkeit gibt es in allen Industrien sogenannte Leistungs-
normen (bestimmte Größen der Intensität), nach denen gearbeitet
werden soll, denn in vielen Fällen ist die tatsächliche Intensität
kleiner als diese (optimale, normale) Intensität, in anderen Fällen
größer: das eine wie das andere ist sowohl für den Arbeiter als
auch für die Volkswirtschaft von Schaden. Ist die Intensität zu gering,
so erhält die Volkswirtschaft nicht jenen Nutzen aus dieser Arbeit,
der gerechterweise, bei rationeller Arbeitsorganisation, zu erzielen
wäre; ist die Intensität zu groß, so liegt »Ausnützung« der mensch-
lichen Arbeit vor, »Raubbau« an ihr, Zerstörung des Gleichgewichtes
der Kräfte im menschlichen Organismus, Verkürzung der Lebens-
dauer oder vorzeitige Invalidisierung des Arbeiters, wofür die All-
gemeinheit, d.h. die anderen, zu früh und in zu vielen Fällen auf-
kommen muß. Durchaus objektive Erhebungen des »Vereines für
Sozialpolitik« über »Auslese und Anpassung der Arbeiter in der
deutschen Großindustrie« (1910) zeigten, daß die durchschnittliche
Lebensdauer dieser Arbeiter nicht über 40 Jahre ging, ihre Arbeits-
fähigkeit sogar schon nach dem 36. Lebensjahre langsam abzusinken
begann: die Arbeitskraft wurde offenbar nach dem Maximum, nicht
nach dem Optimum genutzt. Nach dem 36. Jahre war der Arbeiter
allerdings nicht vollinvalid, nur berufsinvalid, er konnte zu leichteren
Arbeiten verwendet werden, mußte aber während seiner beruflichen
Tätigkeit zu große Muskel- und Nervenanspannung, zu große Auf-
merksamkeit und Willenskraft ausgeben, wozu er eben nach dem
36. Jahre nicht und immer weniger tauglich war. Der Weltkrieg
kostete der Menschheit 10 Millionen Tote, 14 Millionen Invalide und
mehrere 100 Milliarden Dollar Sachschaden; aber wieviel mehr un-
nötige Verluste bewirkt die Nichtbeachtung der arbeitsphysiologi-
schen Gesetze in so vielen Betrieben! Für die weitere, gesunde und
erfolgreiche Entwicklung der Volkswirtschaft lehrt die arbeitskund-
liche Rationalisierung mit zwingender Deutlichkeit, daß die Leistungen
’ptimal gehalten werden müssen. Dazu kommen nun noch die nicht
        <pb n="127" />
        118

minder wichtigen psychologischen, man könnte sagen: sozialpsycho-
logischen Faktoren, die noch einläßlicher zu besprechen seinwerden und
die geeignet sind, das Optimum der Leistung wesentlich zu erhöhen.

Die Psychotechnik als Mittel der Rationalisierung.

Der Name Psychotechnik (eigentlich: angewandte Psychologie)
wird, wie so manche im großen Reiche der Wirtschaftlichkeitslehre,
ım weiteren und engeren Sinne gebraucht. Im engeren Sinne ver-
steht man darunter die Prüfung der Eignung des Menschen (in
psychischer, aber auch physiologischer Hinsicht) für einen bestimmten
Beruf, in Verbindung mit Berufsberatung und Berufsschulung,
wohl auch mit Umschulung Arbeitsloser oder Kriegsverletzter; es
aandelt sich also um vorbetriebliche Mittel der (sozialen) Rationali-
sierung. Die Psychotechnik im weiteren Sinne begreift außerdem
lie wichtigen Untersuchungen arbeitsphysiologischer Natur in sich,
wie die Ermüdungslehre, Zeit- und Bewegungsstudien, Betriebs-
hygiene, Studien über die optimale Arbeitszeit und über Arbeits-
vausen; manche beziehen auch ein die Lehre von den Wirkungen
der Rationalisierungsmaßregeln, z. B. der Fließarbeit, auf die Psyche
‚und die Physis) des Arbeiters, kurz, wie es in einem Berichte des
?”sychotechnischen Institutes der Wiener Industriellen Bezirkskom-
nission (1927) heißt: »Die auf das praktische Leben angewandte
Lehre von den Bewußtseinszuständen (früher sagte man: Seele) des
Menschen.« Anfangs verlacht, wie alles Neue, als »wertlose Spielerei «
der Gelehrten verspottet, später als Eingriff in den persönlichen
Bereich des Individuums getadelt (als ob der einzelne‘ je unab-
aängig von den anderen sich entscheiden und handeln könnte”),
aroberte sich die Psychotechnik doch in fast allen Ländern ernste
Beachtung und gelangte zu eigenen Forschungsinstituten, inner- oder
außerhalb der Hochschulen.!)

Wir wollen nunmehr die wichtigen Aufgaben der »Psychotechnik«
‚oder der »Arbeitskunde«, wenn wir jenen weiteren Sinn zugrunde
'egen) im einzelnen kurz besprechen.

Da ist zunächst die Eignungsprüfung. Sie bezieht sich nicht
bloß auf die psychische, sondern auch auf die körperliche und
1) In Deutschland gab es 1927 schon 211 Anstalten dieser Art (darunter 108
private), in England 58, in Rußland 50, in der Tschechoslowakei 11, in Österreich 7;
auch die Schweiz, Frankreich, Holland, Italien, Spanien und andere Länder besitzen
solche Institute.
        <pb n="128" />
        119
charakterologische Eignung des Prüflings für einen Beruf, bzw. auf
seine Nichteignung.

Wie die Psychotechniker mit Recht bemerken, hatte die deutsche
‘und österreichische) Psychologie lange Zeit keine Berührung mit
dem wirtschaftlichen Leben, auch nicht, als die Großbetriebe mit
völlig neuen Problemen — Arbeitermassierung, Entfremdung der
Arbeiter vom Betriebe — entstanden waren. Wenn man hier recht-
zeitig mit sozialpsychologischen Untersuchungen und sozialer Thera-
peutik — wie in Amerika (und das soll man in Europa ohne
weiteres nachahmen!) — eingesetzt hätte, so wäre die soziale Frage
in Europa nicht zu einem so unbefriedigenden, Wirtschaft und Staat
aufwühlenden Probleme geworden: Und mit der ziemlich verschwom-
menen »Soziologie« vermochte man diesem ernsten Probleme nicht
beizukommen. Von der Neuen Welt kamen uns die ersten Anregungen
zur sozialpsychologischen Forschung, etwa vor zweieinhalb Jahr-
zehnten. Die Grunderkenntnis war: Trotz aller Wunder der Technik
bleibt (und wird es in stets höherem Maße) der arbeitende Mensch
auch rein wirtschaftlich besehen, von überragender Bedeutung für
den Ertrag der Unternehmungen; dazu kam die weitere Erkenntnis:
Die rücksichtslose Ausnützung der Arbeitskraft ist ein Raubbau an
dem Volke, wodurch auch der Ertrag der Betriebe auf die Dauer
schwer geschädigt wird. So gelangte man allmählich dazu, das
Arbeitsproblem, dessen Bedeutung bisher rein rechnerisch (Lohnhöhe)
und später gesetzgeberisch (Sozialpolitik) zum Bewußtsein gekommen
war, auch psychologisch zu untersuchen, die Lehren der Seelenkunde
auf den Arbeiter als Menschen, als Glied des Betriebsorganismus und
in seinen Beziehungen zur Leitung sowie auf deren Einstellung
zum Arbeiter anzuwenden. Hier ist die geistesgeschichtliche Wurzel
der »Psychotechnik« im weiteren Sinne (etwa gleich »Arbeitswissen-
schaft«, soweit sie psychologische Probleme behandelt) bloßgelegt.

Der Ursprung der Psychotechnik im engeren Sinne geht auf
Professor Münsterberg (Harvard-Universität, Amerika) zurück. Die
Sell Telephone Cy. (mit 16.000 Beschäftigen) hatte gefunden, daß von
den neu aufgenommenen Arbeitskräften ein Drittel nach nicht allzu
langer Zeit als nicht geeignet wieder entlassen werden mußte; das
war ein großer Schaden sowohl für diese Mädchen als auch für den
Betrieb. Die Gesellschaft wandte sich daher an Professor Münster-
derg mit der Frage, ob nicht vor der Anstellung oder Ausbildung
zu erkennen wäre, ob im Bewerber Anlage für diesen Beruf vor-
        <pb n="129" />
        120

handen sei oder nicht. (Diese Tatsache ist wichtig wegen der
späteren Kritik der Psychotechnik: Anlaß zu ihr haben praktische
Geschäftsleute, nicht etwa Gelehrte gegeben.) Münsterberg, dem
zweifellos die Methoden seines berühmten deutschen Kollegen
W. Wundt, des Begründers der experimentellen Psychologie, bekannt
waren, studierte an bewährten Arbeitern die Voraussetzungen ihrer
Eignung und fand als solche: Schnelligkeit und Treffsicherheit der
Tand, gutes akustisches Zahlengedächtnis, ein bestimmtes Maß all-
gemeiner Intelligenz und Bildung, Sprechgewandtheit und deutliche
Aussprache u. a. Er ersann besondere Methoden — tests —, um
das Vorhandensein der berufswichtigen Eigenschaften an einem
Menschen festzustellen: das war der Anfang der »Eignungsprüfung«.
Ähnlich verfuhr man dann bei den Prüfungen der Wagenlenker
'Straßenbahnführer, Chauffeure), der Lokomotivführer u. a. m., bis
sich diese Methode auf fast alle Berufe erstreckte.

Bei der Feststellung der Eignung handelt es sich um die Unter-
suchung der allgemeinen Intelligenz und der berufswichtigen Eigen-
schaften. Ursprünglich war die »apparative« Methode stark ver-
oreitet, die auch hauptsächlich Grund zur Kritik gab: die Apparate
seien zu kostspielig; der Prüfling könne leicht Apparatescheu
haben, also unter besonderen Hemmungen leiden; die bloß mecha-
nische Aufzeichnung der Prüfergebnisse am Apparate sei oft un-
verläßlich usw. Wohl soll der Apparat den geschulten Psychologen
nur unterstützen und ihm liegt an der scharfen Beobachtung des
Prüflings das meiste (»symptomatische Beobachtungen«). Trotzdem
setzte sich in neuerer Zeit die zweite Methode durch, die der
tests, der Arbeitsproben, die möglichst dem wirklichen Leben ent-
nommen sind, aber in einfachen Aufgaben bestehen, bei denen der
Prüfling keinerlei besondere Hemmungen erfährt und die weit zu-
verlässiger sind. Ein anderer Einwand besagt, daß eine Untersuchung,
die sich an einer Stelle bewährte, an anderen Orten Mißerfolg habe:
dasUntersuchungsobjekt, der Mensch, ist eben sehr empfindlich und viel
hängt davon ab, wie der Prüfer den Prüfling für die Untersuchung ein-
zustellen vermag. Der Prüfer wird jedenfalls noch zu beachten haben:
Schulbildung, Abstammung, Familie, bisherige Beschäftigung des
Prüflings. Zum Beispiel wird eine Test-Reihe, die von einer englischen
Arbeitergruppe aufgenommen wurde, bei russischen Arbeitern ganz
andere Ergebnisse bringen. Der Untersucher muß eben jede Unter-
suchung auf ihre Anwendbarkeit im einzelnen Falle prüfen.
        <pb n="130" />
        121

Ein ernster Einwand ist folgender: Solange die wirtschaftliche
Krise dauert, gibt es nicht genug Arbeitsstellen, um den Prüfling
in jenem Berufe unterzubringen, für den er die beste Eignung hat;
ferner wirft man ein, die Industrie wähle die Besten der Geeigneten
aus, die anderen, obwohl geeignet, werden sich selbst überlassen. Diese
Einwände verkennen das Wesen der Prüfung: Diese soll nur vor
Berufen warnen, in denen jemand zufolge seiner Veranlagung
keine günstigen Aussichten hätte, während er anderen Berufen, je
nach der Marktlage, zugeführt werden kann. Die Prüfung ist also
nur eine präventive soziale Fürsorge; sie soll auch keine Best-
auslese sein, sondern zur richtigen Verteilung der arbeitenden
Menschen auf die ihnen entsprechenden Berufe beitragen.

Die Erfahrung lehrt, daß die Prüfung, wenn sie richtig und
gewissenhaft vorgenommen wurde, Sich stets bewährt hat. Sie muß
allerdings durch die Bewährungskontrolle ergänzt werden: der
psychotechnisch geprüfte Arbeiter (Schüler) soll vom Werkmeister
(Lehrer) während der Arbeit oder in der Schule auf seine Tüchtig-
keit beobachtet werden, bzw. daraufhin von :Zeit zu Zeit geprüft
werden. Diese Kontrolle ist zumeist noch recht mangelhaft, geschieht
unregelmäßig, oft auch willkürlich, selten systematisch; jeder Beob-
achter gelangt zu einem anderen Ergebnisse, jeder Mensch kann
eben von verschiedenen Gesichtspunkten aus beurteilt werden; es
sollten aber nur die für eine bestimmte Leistung maßgebenden
Eigenschaften beurteilt werden.

Für die allgemeine Anwendung der Eignungsprüfung spricht
vor allem ein wichtiger wirtschaftlicher Grund: nicht bloß Baustoffe
sollen vor ihrer Verwendung auf ihre inneren Eigenschaften
Eignung) untersucht werden, sondern vor allem der Mensch, den
man nicht nach dem äußeren Merkmale (»allgemeiner Eindruck«)
oder nach Zeugnissen oder nach irgend einer »Empfehlung« ver-
wenden darf, sondern erst auf Grund genauer, sachkundiger Erhebung
seiner gesamten und inneren Eignung für eine Arbeit. Diese Prüfung
soll mehrfachen Schaden verhüten: den des Prüflings selbst und
den anderer. Der Mensch soll nicht auf Posten gelangen, wo er
versagen muß oder Minderes leistet als anderswo; der Unternehmer
soll nicht überflüssigerweise Mühe und Zeit auf die Anlernung un-
geeigneter Personen vergeuden. Solche Ungeeignete werden auch
leichter die Ursache (und das Opfer!) von Unfällen leiblicher und
seelischer Art.
        <pb n="131" />
        122

Das Urteil über die Prüfungsleistung ist in der Regel auf Zahlen
and Messungen gegründet: gebrauchte Zeit, richtige oder fehler-
aafte Lösung einer Arbeitsaufgabe u. a. m., und man reiht die
Leistungen nach der Güte eines bestimmten Merkmales auf. Ent-
scheidend ist aber nicht bloß das Zahlenmäßige der Leistungen,
sondern auch die Ruhe, die Geduld, die Anstelligkeit, die Zusammen-
fassung des Arbeitswillens kommen in Betracht; daraus ergibt sich
der »Arbeitscharakter« einer Person (wie sie sich zur gegebenen
Aufgabe stellt, die Arbeit meistert, die Arbeit als etwas erlebt, das
ihrer Natur angepaßt ist, woraus in ihr ein Lustgefühl, gesteigerter
Persönlichkeitswert entspringt). Der Tunichtgut ist bei der Arbeit
oft der — allerdings nur für kurze Zeit — geschickteste; ein dem
Arbeitgeber sympathischer Mensch versagt bei der Arbeit.‘ Der
Arbeitscharakter ist aber keine ohne weiteres meßbare Größe,
sondern kann erst auf Grund wiederholter, systematischer Beobach-
‘ungen des Menschen in Lagen erkannt werden, die den Arbeits-
Charakter gleichsam hervorrufen. Neben den arbeitscharakterologi-
schen Daten sind auch die sich kundgebenden Persönlichkeits-
Äußerungen des Prüflings zu beschreiben — all dies ergibt dann
sein »Arbeitscharakterbild«; das in allen Versuchen Wiederkehrende
nuß herausgearbeitet werden, dasjenige, was dem Menschen inne-
wohnt, für ihn »charakteristisch« ist.

Bei jeder Untersuchung besteht die Gefahr der (bewußten)
Täuschung des Prüfers. Das beste Mittel dagegen ist, den Versuch
50 vorzunehmen, daß der Prüfling restlos gefesselt (beschäftigt)
wird, teils durch das Maß an einzusetzender Kraft, teils durch
das Vergnügen, das die Form und die Art des Versuches
gewähren; dann dringt die natürliche Haltung bald durch und
verdrängt die etwa beabsichtigte künstliche Haltung. Doch ist die
Nachprüfung des ersten Befundes immerhin geboten.

In dem verdienstvollen Buche, das Professor E. Atzler (vom
[nstitut für Arbeitsphysiologie, Zürich) unter dem Titel »Biologie
der Arbeit« (1927) herausgab, wird mit Recht bemerkt, daß es dem
Rationalisierungsgedanken entspricht, eine Kraft nur dort einzusetzen,
wo sie zwar voll ausgenützt, aber ohne Raubbau bewirtschaftet
wird, Man soll daher keinen Menschen an einer Stelle verwenden,
der an einer anderen Stelle mehr leisten kann. Diesem Zwecke
dient die Eignungsprüfung; sie bietet Schutz vor Mißgriffen, ist
Auslese für den Unternehmer und erleichtert ihm den Zugriff. Aber
        <pb n="132" />
        123

die Prüfung verbürge keine unbedingt verläßliche Erkennung
der wirklichen Leistungsfähigkeit. Man sollte sich daher nicht auf
den Ausfall der Prüfung allein verlassen, sondern den Menschen
selbst im Auge behalten. Zur Berufswahl sei daher vor allem der
geschulte Psychologe wichtig, nicht bloß der Prüfungsapparat
oder die tests. Gewiß handelt es sich um den ganzen Menschen,
nicht um die eine oder andere Eigenschaft desselben; dies verstößt
aber nicht gegen das Zweckmäßige der Eignungsprüfungen,
vorausgesetzt, daß man die oben dargelegten Vorsichtsmaßregeln
anwendet. Nicht umsonst spricht man neuerdings auch von »Persön-
lichkeitsforschung«, für welche schon eigene Institute geschaffen
wurden, obwohl hier vielleicht schon etwas zu weit ab von praktisch-
wirtschaftlichen Zielen abstrakte Lehre vorliegt.

Bezeichnend ist es, daß die Vertreter der Psychotechnik es schon
zu vier internationalen Kongressen (vierter Kongreß: 10. bis
14. Oktober 1927, Paris) gebracht haben, wo alle Haupt- und
Nebenfragen der Lehre erörtert wurden, wo man ebenso über
Berufsberatung, Eignungsprüfung und die Berufe, die sich ihrer
vedienen sollen, und über ihre Methoden debattierte, wie über
Persönlichkeitsforschung, über Psychotechnik und soziale Fürsorge,
und wo ein Redner (O. Lipmann, Berlin) sogar ein System der
»Technopsychologie« vorschlug. Vieles mag noch unklar sein, aber
Tatsache ist, daß in allen Ländern schon eine stattliche Zahl von
Fachleuten sich mit der Vertiefung und dem Ausbau der an-
zewandten oder praktischen Psychologie (Psychotechnik) befassen,
daß hier eine neue, wichtige Sonderdisziplin vorliegt, die wohl
auch in Österreich eine besondere Lehr- und Forschungsstelle
verdient.
Ermüdungs- und Zeitstudien.
Die rein technisch orientierte Richtung der Rationalisierung, wie
sie noch bei Taylor und seinen Mitarbeitern vorherrschte und wie
sie in den Organisationen für Normung u. ä. zutage tritt, ist
größtenteils der wirtschaftlich und sozial gerichteten Rationalisierung
zewichen; die komplexe Natur des Problemes »Arbeit« wurde immer
mehr gewürdigt; nachdem die menschliche Arbeit einmal in die
Rationalisierung einbezogen war, ergab sich die Notwendigkeit,
neben Technikern auch Volkswirte, Physiologen und Psychologen
als Sachverständige zu hören.
        <pb n="133" />
        124

Ist Rationalisierung »Höchst-« oder »Bestleistung«, so ist dieses
oberste Ideal selbst bei der Maschine nicht zu erreichen, ihre
stärkste Beanspruchung nicht dauernd zulässig: man muß Rücksicht
auf ihre Abnützung nehmen. Um wieviel mehr gilt dies vom
arbeitenden Menschen, der seine »Betriebskraft« selbst erzeugt und
ihren Stoff verbraucht! Daher ist, wie an anderen Orten gezeigt
wurde, die größte Anstrengung (Intensität) nicht gleichbedeutend
mit der größten Ergiebigkeit der Arbeit (Produktivität). »Wozu
dienen auch sehr hohe Löhne, wenn der Genuß des verbesserten
Lebensstandards durch allzu intensive Arbeit verhindert wird?« Nun
liegt es erfreulicherweise in der Richtung der tatsächlichen Ent-
wicklung, den Anteil der menschlichen Arbeit an der Energie-
ausgabe ständig zu verringern, die geleistete Arbeit ständig zu
erleichtern; die Arbeit wird zugleich zu höheren Leistungen be-
fähigt, die Leistungsfähigkeit des Arbeiters aber länger als früher
erhalten. Z. B. können Arbeiter an automatischen Webstühlen bis
zum 60. Lebensjahre gleich hohe Löhne erzielen — in primitiv
ausgestatteten Betrieben fallen sie schon im 32. Lebensjahr stark ab.

Nun muß man im Phänomen der »Ermüdung« mehrere Unter-
arten scharf unterscheiden: die Abnützung (des Körpers), d. 1.
sine chronische Wirkung der Arbeit (laboriundo consumor); die
Ermüdung, d. i. die akute Wirkung der Arbeit im objektiven
Sinn, und die Müdigkeit, d. 1. das subjektive Gefühl des Müdeseins
(vgl. »Ermüdungsstudien« auf dem Internationalen Kongresse für
sozialen Fortschritt, Wien 1927).

Wie die Physiologen (Professor Durig, Professor Atzler u. a.)
mitteilen, sind bei der »Ermüdung« die Angriffspunkte einzelner
Arbeitsarten verschieden, ebenso die Reaktionsweisen der Angriffs-
ounkte (Körpergewebe). Die Entstehung der Muskelermüdung ist
näher bekannt, die anderen Ermüdungsvorgänge weniger. Doch
arstreckt sich die »Ermüdung«, auch wenn sie nur von einem
Teile des Körpers (Muskel) ausgeht. früher oder später auf seine
sämtlichen Teile.

Gewisse Äußerungen der menschlichen Natur zeigen den Eintritt
ider Ermüdung an; diese Symptome hat man zu Ermüdungstests
verwendet. Schon der Mitarbeiter Taylors, Gilbreth, hat das Er-
müdungsproblem studiert und mit Professor Münsterberg Methoden
zur Erfassung der physischen und psychischen Ermüdungser-
scheinungen ermittelt. Andere Fachleute haben die Abnahme der
        <pb n="134" />
        125

Muskelkraft und das gleichzeitige Einsetzen von Hilfsmuskulaturen
bei Ermüdung erforscht, so die »Ergo-Schule«, die Dynamometrie;
man bedient sich der Messung des Blutdruckes, des Herzschlages
u. a. Neuerdings wurde die Methode angewendet, die Sauerstoffmenge
zu bestimmen, die der Mensch zur Unterhaltung der Oxydation
braucht, welche durch die Energieausgabe bei der Arbeit verursacht
wird. Die »Deutsche Gesellschaft für Gewerbehygiene« behandelte
in ihrer Tagung 1927 diese Methode kritisch. Man kann z. B. die
Rationalität (Optimum) körperlicher Arbeit durch Bestimmung des
Sauerstoffbedarfes erforschen, ebenso unproduktive Arbeitsformen,
°erner die beste Haltung des Arbeiters, die beste Lage und Form
les Werkstückes und der Werkzeuge, das für die Dauer günstigste
Tempo der Arbeitsbewegungen kann exakt erhoben werden (was
besonders für die Fließarbeit wichtig ist). Auch ist man bestrebt,
die Abhängigkeit der Ermüdung von der gewerbehygienischen
»Umwelt« (Arbeitsstätte — Licht — Luft u. a.) zu bestimmen. Nach
M. Lukieski (»Licht und Arbeit«, 1926) ist z. B. die in Deutschland
zebrauchte Lichtstärke nur die Hälfte der in Amerika üblichen, die
aber selbst vier Fünftel hinter der Lichtstärke zurückbleibt, die von
der Wissenschaft als hygienisch wünschenswert bezeichnet wurde.

Über die exakte Ermittlung der rationellen (optimalen) Arbeits-
zeit und der Pausen wird, wegen der Wichtigkeit dieser Frage,
in einem besonderen Abschnitte gehandelt.

Die bisherigen Methoden sind allerdings zumeist Laboratoriums-
versuche, die also nicht ohne weiteres in die Praxis übertragen
werden können; aber sie haben doch starke Annäherung an die
Wirklichkeit — allerdings soweit die bloß physiologische Seite
der Ermüdung usw. in Betracht kommt. Die »Müdigkeit«, die
psychische Seite des Phänomens, ist noch weniger erforscht und
gerade davon hängen aber Leistung und Wirkung der Arbeit auf
den Arbeitenden oft sehr stark ab. Der in der Praxis meist ver-
wendete Ermüdungstest: der »Leistungsabfall« z. B. ist von so
vielen Umständen (auch psychischen) bedingt, daß er kein objektiver
Maßstab genannt werden kann. Daher müssen die Methoden noch
weiter ausgebaut werden, u. zw. durch ständige Zusammenarbeit
von Ingenieuren, Ärzten (Physiologen), wie z. B. im Frankfurter
»Institut für Arbeitsforschung«; außerdem müssen Volkswirte und
Psychologen mitwirken; selbstverständlich ist die Mitarbeit von Ver-
*retern der Unternehmer und Arbeiter.
        <pb n="135" />
        126

Die außerordentliche wirtschaftlich-soziale Wichtigkeit der richtigen
Erhebung und Behandlung jener Erscheinungen, die man »Ermüdung«
nennt, braucht wohl nicht erst bewiesen zu werden. Die objektive
Ermüdung kann nur durch entsprechende Ruhe und Ernährung
behoben werden, die subjektive Müdigkeit dagegen durch bloße
Willensanstrengung, allerdings nur im Rahmen der psychisch
zünstigen Einstellung des Arbeiters zum Betrieb und selbstverständ-
lich nur bis zur Grenze der objektiven Ermüdung, ferner unter
Berücksichtigung der allmählichen Abnützung des ‚Körpers als
Energiequelle. Die objektive Ermüdung möglichst zu verringern,
ist aus folgenden wichtigen Gründen ein Gebot der Arbeitsrationali-
sierung. Die Folgen der Ermüdung sind nämlich: Abnahme der
Leistungsfähigkeit nach Menge und Güte der Arbeit;. geringere
Sicherheit der Bewegungen, schlechtere Auffassung äußerer Reize,
laher größere Unfalisgefahr (was statistisch erwiesen ist) oder Fehler
Jeim Rechnen, z. B. in der Buchhaltung oder beim Schreiben, z. B.
nn der Korrespondenz; Verflachung des Gedankenganges, der Er-
müdete bewegt sich gerne, unbewußt, in »ausgetretenen« Gedanken-
bahnen, seine Aufmerksamkeit nimmt ab, ebenso seine Merkfähigkeit,
z. B. beim Diktat, in der Ablage u. a., es »haftet« nichts mehr im
Gehirn, es entsteht Zerstreutheit, was z. B. im Eisenbahndienst zu
schweren Katastrophen führen kann; die Stimmung wird schlechter,
die Reizbarkeit größer, Ärger, Verdrießlichkeit tritt ein usw. Durch-
wegs individuell und sozial höchst ungünstige Folgen.

Mit gutem Grunde verweist Professor Atzler am angeführten
Orte darauf, daß Krieg und Hungersnot die körperliche Wider-
standskraft weiter Volkskreise stark vermindert haben; um so mehr
st es ein Gebot der Arbeitsrationalisierung, haushälterisch mit dem
xeste der verbliebenen Menschenkraft, »unseres wichtigsten Besitztums«,
umzugehen. Wohl sind alle Kräfte anzuspannen, um die furchtbare
Xrise zu überwinden, aber nicht auf Kosten der Volkskraft. Jeder einzelne
soll zwar möglichst viel produktive Arbeit leisten, aber es ist unklug,
irrationell, wenn dies zu einer vorzeitigen Abnützung der Arbeitskraft
ührt; und dazu trägt auch die täglich sich wiederholende, zu große
Arbeitsermüdung bei. Physiologen und Techniker müssen vereint daran
arbeiten, jeden Arbeitsprozeß so zu gestalten, daß mit immer weniger
Ausgabe lebendiger Energie (Arbeitskraft) immer höhere Leistungen
arzielt werden (echte Rationalisierung) und davor warnen, sich nur
um höhere Leistungen zu bekümmern (falsche Rationalisierung )
        <pb n="136" />
        127
Auf gleicher Linie bewegen sich die Forschungen, die das
britische »Institute for Industrial Psychology« unternimmt.

Zu diesen rein physiologischen Betrachtungen kommt noch eine
solche psychologischer Art (wie überhaupt alle arbeitsphysiologischen
Thesen stets noch psychologisch zu determinieren sind!). Der
britische »Medical Research Board« verweist mit Recht darauf, daß
die Einführung von rest pauses an sich noch nicht die Leistungs-
fähigkeit des Arbeiters zu erhöhen braucht, aber günstig auf seine
Psyche und somit mittelbar auch auf die Qualität seiner Leistung
wirkt. Z. B. wurde für die Wollweberei in Yorkshire nach vielen
Versuchen als optimale Zeiteinteilung gefunden: 7 bis 81% Uhr
Arbeit — 1/, Stunde Pause — 9 bis 103/, Uhr Arbeit — 1!/, Stunde
Pause — 11 bis 12 Uhr Arbeit — 3/, Stunden Mittagspause —
(!/, bis 31/, Uhr Arbeit — 1/, Stunde Pause — 31/, bis 5 Uhr
Arbeit: 10 Stunden Bruttoarbeitszeit mit 2 Stunden Pause. Für
‚eitende Beamte wurde als optimale Zeiteinteilung erhoben: 9!/, bis
1'/, Uhr Arbeit — 1/„ Stunde Pause — 1%, bis 41/4 Uhr Arbeit
"»Durcharbeit«).

Auch über die »optimale« Verwendung der Pausen liegen nach
dieser englischen Quelle Erhebungen vor (auf Grund zahlreicher
Versuche):

Art der Verwendung
Vollständige Ruhe
Gespräch, Zeitunglesen
Musikhören
Spazieren

Steigerung
der Leistungsfähigkeit
93
8:3
3:9
1:5
Die letzte Angabe überrascht, ist aber daraus zu erklären, daß
der Arbeiter in diesem Fall offenbar länger braucht, um wieder in
die Arbeit »hineinzukommen.«.

Im Gegensatze zur rein technischen und wirtschaftlichen Seite
der Arbeit wird besonders deren menschliche (seelische) Seite be-
rücksichtigt. Ziel des Institutes ist, dazu beizutragen, daß jede
unnötige Überanstrengung und Aufregung beseitigt und das
Interesse des Arbeiters an der Arbeit erhöht werde. Das Institut
vefaßt sich auch mit rationeller Organisation der Arbeit, der Werk-
zeuge, mit Eignungsprüfung, mit Zeit- und Pausenstudien u. ä.
Wichtig ist sein Grundsatz, den wir auch für Deutschland und
Österreich empfehlen: keine Trennung von Psychologie und
        <pb n="137" />
        ‚28

Physiologie, d.h. man muß auch jene körperlichen Zustände be-
trachten, die durch den geistigen Zustand des Arbeiters beeinflußt
werden. Hervorheben möchten wir die Schaffung eines besondern
Industrial Fatigue Research Board (1918), der staatlich unterstützt
ist und an dem alle Fachkreise mitwirken. Eine gute, echt englische
Einrichtung des Institutes ist es, daß es seine Versuchsleiter in
die Betriebe entsendet, um die Elemente des Arbeitsprozesses zu
studieren und daraufhin Verbesserungen im Gang der Arbeit, zur
Hebung der Berufstüchtigkeit und des Wohlbefindens der Arbeiter
vorzuschlagen. Von Anbeginn seiner Tätigkeit wirken in ihm Arbeiter
und Gewerkschaften mit. Die Konsultatoren des Institutes werden
schon in zahlreichen Fällen zu Rate gezogen, Unternehmer und
Arbeiter scheinen von ihm sehr befriedigt zu sein, obwohl so manche
Firmen hinter den Psychotechnikern zuerst »Industriespione« ver-
mutet hatten. Das Institut bildet übrigens geeignete Psychologen
heran, die z. B. die Eignungsprüfung vorzunehmen haben (in Öster-
reich fehlt noch eine Forschungsstätte zur Ausbildung sozialer
Psychologen); es veranstaltet zahlreiche Vorträge, gibt Anleitungen
für Werkmeister und Arbeiter heraus. Im März 1927 beschäftigte
das Institut schon 30 Funktionäre (meist Versuchsleiter); Beiträge
leisten unter anderem auch zwei große Gewerkschaften. Ein großer
englischer Industrieller sagte, das Institut leiste nicht nur der Industrie
große Hilfe, sondern dem ganzen Lande unschätzbare Dienste.
Rationalisierung der Arbeitszeit und der Pausen.

Eines der sozial- und industriepolitisch am meisten umstrittenen
Probleme war und ist das der Dauer der (täglichen) Arbeitszeit.
Tiefgründige volkswirtschaftliche Untersuchungen, allen voran das
klassische Werk Lujo Brentanos, wurden diesem Thema gewidmet.
Allmählich rangsich, durch alle politisch und vom einseitigen Interessen-
Standpunkt aus diktierten Anschauungen hindurch, doch die geläuterte
Anschauung zur Geltung, daß wenigstens eine schrittweise Verkürzung
des Arbeitstages, etwa (im allgemeinen) bis auf acht Stunden, durchaus
nicht eine Verminderung des Produktionsertrages bedeuten müsse, im
Gegenteil: es wurden zahlreiche Fälle berichtet, in denen sogar der
Ertrag zugenommen hatte, da »technische Verbesserungen« die kürzere
Arbeitszeit wettgemacht hatten. Dazu kam die moderne soziale Ein-
sicht, daß ein zu langer Arbeitstag ernste gesundheitliche und auch
bevölkerungspolitische Nachteile bewirken muß.
        <pb n="138" />
        129

Nun schritt auch die neue Arbeitskunde, ausgestattet mit dem
Rüstzeug physiologischer und psychologischer Wissenschaft, an
die Erforschung des alten Problems der richtigen (rationellen)
Dauer der Arbeitszeit und gelangte bisher im wesentlichen zu
folgenden Ergebnissen.

Zunächst konnte festgestellt werden, daß der 8-Stunden-Tag
durchaus nicht das Optimum, wenigstens nicht für alle Arten von
Arbeit sei, man denke z. B. nur an den großen Unterschied zwischen
einem Bergarbeiter (Häuer) und einem Verkäufer oder einem Spinner.
Man bemühte sich, wie Professor Ermanski am angeführten Ort
vemerkt, für jede Art der Arbeit, den wissenschaftlich genauen
Wert der Arbeitsdauer festzustellen. Man maß bei jeder Länge des
Arbeitstages Resultat (R) und Energie (E) und erreichte in einem Falle
das Optimum dieses Verhältnisses etwa bei 8 Stunden, für andere
Arbeiten bei 71% oder 7 Stunden. In der Praxis erfolgt allerdings die
Festsetzung der Arbeitszeit meist auf Grund der Kollektivverträge.

Ähnlich verfuhr man mit der Erhebung der Arbeitspausen,
Ihrer rationellen Legung und Länge. Nirgends gibt es mehr ununter-
prochene Tagesarbeit. Zunächst ist die Zweiteilung üblich, fast
überall, durch Einschiebung einer größeren Mittagspause. Außerdem
ist es wichtig, die kleineren Pausen rationell einzuschalten; da gibt
es zwar viele Möglichkeiten, aber stets nur eine Lösung, die ein
Optimum darstellt. Einzelne Arbeitsphysiologen sind dabei vom
Vergleiche mit dem menschlichen Herzen ausgegangen, welches
zwar — scheinbar — ununterbrochen arbeitet, aber regelmäßige
Pausen einschiebt. Es macht 75 bis 80 Schläge in 1 Minute; auf

N
| Schlag entfallen Sr =075, jeder Schlag besteht aber aus zwei
Teilen, der Systole oder der eigentlichen Arbeit, und der Diastole,
der Erholungspause; die 0.75” zerfallen in 253” Arbeit und 2X 25 — 50”
Pausenzeit: das Spiegelbild der 8-Stunden-Bewegung! Es besteht die
Proportion: Arbeitszeit : Erholungszeit = 1:2. In den englischen
Rüstungsindustrien ging zur Kriegszeit die Arbeitsleistung zurück,
weil zu große Intensität erforderlich war, weil zu große Ermüdung
2intrat; das Verhältnis zwischen Arbeitszeit und Erholungsdauer war
ungesund. In der Fachliteratur wird oft folgendes Beispiel erzählt.
Zwei englische Soldatenabteilungen für Erdarbeiten wetteten, welche
rüher mit der Arbeit fertig sein werde. Der eine Offizier ließ alle seine
Leute mit der größten Anspannung der Kräfte arbeiten. der andere
Kobatsch, Wirtschaftlichkeitslehre.
        <pb n="139" />
        130

teilte seine Abteilung in drei gleich starke Gruppen, ließ eine Gruppe
3 Minuten arbeiten, die anderen zwei aber erholten sich inzwischen
und lösten die arbeitende Gruppe ab; diese Abteilung war mit der
Arbeit lange fertig, nicht im geringsten erschöpft, während die andere
Abteilung noch schwer, aber immer langsamer arbeitete. Die siegreiche
Abteilung hatte das richtige Verhältnis 1:2 für Arbeit und Erholung
gewählt. Professor Ermanski gibt noch andere Beispiele, aus dem
-"ussischen Eisenbahnbau und aus einer russischen Textilfabrik, zur
Erhärtung des Satzes, daß Arbeit und Pausen sich optimal wie
|; 2 verhalten sollen. In einer Textilfabrik zeigte sich, daß die
esten Leistungen erzielt wurden, als folgende Einteilung getroffen
war: 13/, Stunden Arbeit — 1!/, Stunde Pause — 1%, Stunden
Arbeit — Mittagspause; nachmittags die gleiche Einteilung. In anderen
[ndustrien wurden ähnliche Einteilungen für richtig erwiesen. Die
ohysiologische Erklärung, warum die Arbeiter gewisser Pausen
bedürfen, ist folgende. Die Arbeitsfähigkeit sinkt infolge der Er-
nüdung und wird im Verlaufe des Arbeitstages immer geringer,
wenn keine genügenden Erholungspausen eingeschaltet sind, während
welcher die schädlichen Ermüdungsstoffe ausgeschieden werden
können. Bei entsprechend gewählten Pausen herrscht nach der
Pause fast die gleiche Arbeitsfähigkeit wie zu Beginn der Arbeit;
allerdings zeigt sie naturgemäß im ganzen Arbeitstage eine, wenn
auch gering fallende Kurve; bei ununterbrochener Arbeit ist das
Gefälle viel größer. Anderseits ist zu beachten, daß in den Muskeln
angehäufte Übung enthalten ist, die sich nur dann ungemindert
arhält, wenn der Mensch ohne längere Unterbrechung arbeitet (vgl.
Sprachübung, Musikspielen, sportliche Betätigung). Übung ist auch
ain wichtiger positiver Faktor in der Auslese; sie erhöht die Arbeits-
fähigkeit. Ermüdung ist dagegen ein negativer Auslesefaktor. Daher
müssen Dauer und Zahl der Pausen rationell, d. h. derart gewählt
werden (nicht zu lange — nicht zu viele, ebenso wie nicht zu
kurze — nicht zu wenige Pausen), daß der Vorteil durch Ent-
fernung der Ermüdungsstoffe größer bleibt als der Nachteil des
Verlustes der angehäuften Übung.
12. Soziale Wirkungen der Rationalisierung.
Es wurden in verschiedenen Ländern Untersuchungen darüber
angestellt, welche Wirkungen die technisch-organisatorische Rationali-
sierung auf die wirtschaftliche Lage, sowie auf Körper und Seele
        <pb n="140" />
        134
des Arbeiters übe, ob dies hygienisch oder sozial günstige‘ oder
ungünstige Wirkungen seien. Von diesen sachlichen Untersuchungen zu
unterscheiden sind die Äußerungen, welche von Politikern oder von
Funktionären der beruflichen Organisationen der Arbeitgeber und
Arbeiter über die Wirkungen der Rationalisierung abgegeben wurden,
Äußerungen, die stets auf den politischen oderInteressentenstandpunkt
geprüft werden müssen, den die betreffende Persönlichkeit einnimmt.

Was nun zunächst die erwähnten sachlichen Untersuchungen
betrifft, so mag an erster Stelle abermals daran erinnert werden,
daß es bei aller Rationalisierung entscheidend auf ihre psychische
Wirkung ankommt, d. h. wie sie die Psyche des Arbeiters beeinflußt,
bzw. darauf, daß sie diese Psyche günstig beeinflusse. Auf der
“deutschen) »berufspädagogischen Woche« (Dezember 1925) wurde
auch ein Referat über »die seelischen Wirkungen der modernen
Arbeitsordnung«, des Arbeitsraumes, der Arbeitszeit u. a. erstattet;
Trotz aller Rationalisierung müssen die Menschen sich Zeit nehmen
für die Seele, zumal jetzt nicht mehr der »Ich-Raum« zugleich
»Arbeitsraum« ist. Und es ist kein Zweifel, daß eine Rationali-
sierungsmaßregel nur dann Aussicht auf Erfolg hat, wenn sie von
den Arbeitnehmern des Betriebes günstig beurteilt wird.

Da ist zuvörderst die Wirkung der — infolge der Rationalisierung
häufig — verkürzten Arbeitszeit. Professor Heyde (Kiel) be-
richtete auf dem Kongresse der Internationalen Vereinigung für
sozialen Fortschritt (Wien, September 1927) über die Methoden, nach
denen der deutsche Enqueteausschuß die Wirkungen veränderter
Arbeitszeit erheben will. Zu untersuchen sind: der Zusammenhang
der Arbeitszeit mit der Leistung des Arbeiters; der Einfluß, den die
Länge der Arbeitszeit und die Lohnhöhe auf den Gan g der Arbeit
und auf die Qualität der Leistung des Betriebes nimmt. Hiebei sind
zu berücksichtigen: Zustand der Betriebe, Lohnsystem, Lage des
Betriebes in Stadt oder auf dem Lande, Beschaffenheit der Arbeits-
räume, Art der Arbeit; ferner die Verschiedenheit der »inneren«
Bedingungen der Arbeit, z.B. Ernährungszustand, Familienverhält-
nisse des Arbeiters, Rauchen und Trinken, Unterhaltung während
der Arbeit, selbstverständlich Alter, Geschlecht, Bildung, Schulung,
Organisationszugehörigkeit, Zeitbilanz u. a. des Arbeiters; von
besonderer Bedeutung ist weiters das Verhältnis der Löhne zu den
Gestehungskosten, zu der Menge des Arbeitsproduktes nach Tagen
und Lohnperioden u. a. m.
        <pb n="141" />
        52

Aus diesen Daten erhellt deutlich, wie schwierig einwandfreie
Untersuchungen über die Wirkung geänderter, bzw. verkürzter
Arbeitszeit sind. Professor O. Lippmann (vom »Institut für ange-
wandte Psychologie«, Berlin) hat nicht unrecht, wenn er sagt, daß nur
wenige Untersuchungen dieser Art wissenschaftlich verwertbar sind;
man verfügt erst über wenige einwandfreie Betriebsstatistiken; oft
wird nur eine Ursache für eine beobachtete Wirkung angeführt oder
nur eine Wirkung, z. B. Verminderung der Produktion, eine Ver-
änderung der Arbeitsbedingungen, z. B. verkürzter Arbeitszeit, ins
Auge gefaßt — der alte und häufige Fehler falschen Schließens! Es
'st daher - sozialpsychologisch und wirtschaftswissenschaftlich nicht
richtig, wenn Professor Heyde (a. a. O.) die isolierende Methode
ampfiehlt. Lippmann fordert mit Recht die Erhebung aller Bedin-
gungen, welche eine beobachtete Wirkung ausgelöst haben könnten,
and schlägt vor, etwa für je zwei Arbeitsperioden desselben
Arbeiters oder für je zwei Arbeiter, die erheblich verschiedene
Produktionserträge aufweisen, die Untersuchung zu führen,

Die Arbeitszeit spielt aber in der Rationalisierung nicht bloß
hinsichtlich ihrer Länge, sondern auch hinsichtlich der Art ihrer
Benützung, der Art der in ihr zu verrichtenden Arbeit, eine große
Rolle. Wie H. Ford (in »Saving the time«) ausführt, ist der Zeit-
verlust im Betriebe am schwersten zu korrigieren, weil er sich —
unsichtbar vollzieht. Welche Warnung wäre es, wenn all die ver-
geudeten Minuten oder Stunden physisch um den Menschen herum-
‚ägen wie etwa ein zerbrochenes Werkzeug! So. aber versinken die
nicht genutzten Minuten in den Abgrund, unberechnet, nur hinterher,
durch die erschreckende Wahrnehmung, daß nur mehr sehr
wenig Zeit für eine noch große Arbeit zu Gebote steht, kommt
der Zeitverlust zum Bewußtsein. In einem Betriebe, der rationell
geführt wird, darf keinerlei Zeit verschwendet werden, denn die Zeit
ist das Hauptrohmaterial. Nicht, daß man jede Minute des Tages
mit fieberhaft gesteigerter Tätigkeit ausfüllen soll, aber die Zeit muß
wirtschaftlich verwendet, dabei darf keinerlei Energie vergeudet
wurden. Unzweckmäßige Geschäftigkeit ist irrationell; auch die-
jenigen, welche stehen und warten, können dem Betriebe dienen,
falls sie nur stets von dem spirit of service (am Verbraucher und
am Volke) beseelt sind.

Neben der Arbeitszeit ist der Lohn. das wichtigste Element des
Arbeitsverhältnisses: es ist daher wiederholt untersucht worden,
        <pb n="142" />
        133

welche Wirkung die Rationalisierung auf die Lohnhöhe übe. So
befaßte sich auch der erwähnte Kongreß für sozialen Fortschritt
eingehend mit diesem Probleme. Im Berichte Professor Devinats!
wird ausgeführt, daß viele glauben, die Rationalisierung beabsichtige
und bewirke, nach dem amerikanischen Beispiele, eine Erhöhung
der Löhne. Andere dagegen befürchten eine Senkung der Löhne,
weil die Rationalisierung zunächst Arbeiter frei setzt, was naturgemäß
einen Druck auf das Lohnniveau übt. (Über die Frage der Arbeits-
losigkeit wird unten gehandelt.) Die Erhöhung der Löhne ist dort
zerechtfertigt, wo die Rationalisierung vom Arbeiter größere An-
strengung verlangt; die Rationalisierung ist aber oft rein arbeits-
technischer oder betriebsorganisatorischer Art, die Arbeitsintensität
aber wird nicht gesteigert und die höhere Stückleistung ist dann
auf” Umstände zurückzuführen, an denen der Arbeiter kein Verdienst
hat, so daß er eigentlieh keinen höheren Lohn beanspruchen könnte
Es ist unrichtig, wenn in der Debatte des Kongresses vielfach an-
genommen wurde, daß jeder Steigerung der Produktion auch eine
größere Anstrengung des Arbeiters entspreche. Devinat bemerkte hiezu
— mit vollem Rechte, wie wir glauben —, daß der Unternehmer
trotzdem gut tun wird, schon aus psychologischen Gründen,
höhere Löhne zu zahlen, weil er bei der Einführung rationeller
Methoden die willige Mitarbeit der Arbeiter braucht, um die
Reibungen im Verfahren oder Arbeitsflusse raschestens zu beheben,
die bei einer Umstellung des Betriebes so oft eintreten. Wir möchten
noch hinzufügen, daß man zwischen Stücklohn und Tages- oder
Wochenverdienst unterscheiden muß. Die Rationalisierung bewirkt
die Herstellung einer größeren Stückzahl, mithin automatisch einen
höheren Zeitverdienst, falls nicht der Stücklohn allzu stark herab-
zesetzt wurde (was psychologisch gewiß eine sehr verkehrte Maß-
‚egel wäre).

Eine andere lohnpolitische Frage ist die Hebung des Real-
lohnes, die durch die Verbilligung des Produktes — als eine häufige
Folge der Rationalisierung — bewirkt wird; dabei kann der Geld-
ohn sogar gleichgeblieben sein. Insbesondere von H. Ford wird
liese lohn- und konsumpolitische Absicht der Rationalisierung be-
ichtet. Devinat und andere Redner des Kongresses glaubten, daß
liese Auffassung für Europa nicht allgemein zu empfehlen sei

1 Vgl. den ausführlichen Bericht über diesen Kongreß in »Sparwirtschaft«, Heft 11,
1927 (Wien).
        <pb n="143" />
        F34
Lohnsteigerungen aus Anlaß der Rationalisierung müssen sich nach
der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens richten; bei der Ratio-
nalisierung sei der Lohn nach Aufwand und Leistung zu bemessen,
u. ZW. in Zusammenarbeit von Betriebsleitung und Arbeitervertretung.
Wir. sind der Meinung, daß, wenn die Rationalisierung, was ja ihr
Zweck ist, die Herstellungskosten senkt, auch die Preise entsprechend
ermäßigt werden sollen, um den Absatz zu vermehren; diesen
betriebs- und volkswirtschaftlich wertvollsten Effekt der Rationali-
sierung kann man nun noch wesentlich dadurch verstärken, daß
man die Geldlöhne, soweit dies mit der Senkung der Preise ver-
einbarlich ist, erhöht. Für den Erfolg der Rationalisierung ist es
psychologisch sehr wichtig, daß der Arbeiter das Gefühl habe,
jeder Steigerung .der Leistung entspreche auch eine gerechte
Steigerung. der Löhne.

Von besonderer Wichtigkeit ist der Einfluß, den die Automati-
sierung der Arbeit und die damit häufig verbundene Monotonie
der Arbeit auf den Arbeiter übt, namentlich im Zusammenhalte mit dem
rascheren Arbeitstempo. Die Urteile über diese Wirkungen lauten ver-
schieden. Die einen, worüber z.B. der Physiologe Professor Durig(Wien)
berichtet, erblicken den eigentlichen Grund frühen Invalidisierens in
der einseitigen, immer wiederkehrenden, gleichartigen Beanspruchung
der gleichen Muskeln oder Muskelgruppen; diese werden vorzeitig
abgenützt, ebenso die Nervenzellen, die ständig die gleichen Impulse
zu geben haben; so zeigt sich z. B. beim Feilenhauer Lähmung, beim
Violinspieler und Melker Fingerkrampf; beim Mäher Gelenks-
entzündung, beim Schuster Herzfehler, beim Bergmann Augenzittern
u. a. m. Die frühere Abnützung einzelner Muskeln sei um So be-
denklicher, als es gerade jene Muskeln sind, die für die berufliche
Arbeit am meisten gebraucht werden, wodurch der Betreffende aus
seinem Berufe in einem Alter auszuscheiden gezwungen wird, in
welchem er kaum mehr eine andere Arbeit erlernen kann. Eine
weitere Gefahr wird darin erblickt, daß die Muskelabnützung bei
teichteren Arbeiten erst spät wahrgenommen wird, während bei
schwererer Arbeit die Ermüdung eintritt und als heilsames Schutz-
mittel wirkt.

Das sind ohne Zweifel schwere Anklagen, die, wenn sie begründet
sein sollten, als ein ernstes Argument gegen die technische Ratio-
nalisierung verwendet werden könnten. Zum Glück ist aber hier
ein rein physiologisches Forum zu Gerichte gesessen, ohne daß
        <pb n="144" />
        135

technische, volkswirtschaftliche und sozialpolitische Sachverständige
gehört worden wären. Vor allem kommt es auf die Zeitdauer und
das Tempo der Arbeit an. Ist die Dauer nicht zu lang, das Tempo
nicht zu schnell, sind rationell gelegte Pausen vorhanden, wird für
vernünftige Beschäftigung in der Freizeit (Turnen, Sport, Belehrung u. a.)
gesorgt (wozu gerade in der jetzigen Zeit außerordentlich Gelegenheit
und Anleitung geboten werden), So tritt ein gesunder Ausgleich in
der Beanspruchung aller Muskeln und Nerven ein oder der Ab-
nützungskoeffizient wird auf nahezu Null herabgedrückt. Kommt
dazu der wohltätige (auch physiologisch gesprochen) Einfluß des
Rhythmus der Arbeit, so wirken auch psychologisch günstige
Momente einer allzu starken oder allzu raschen Abnützung einzelner
Muskeln entgegen. Freilich wird sich stets mit der Zeit eine allmähliche
Abnützung wie bestimmter Muskeln so auch des ganzen Körpers ein-
stellen — gegen das natürliche Altern ist kein Kraut gewachsen;
aber vielleicht entdeckt ein arbeitsphysiologischer Steinach oder
Boronoff auch noch dieses Kraut. Die Vertreter der Rationalisierung,
die sie aus triftigen volkswirtschaftlichen und handelspolitischen
Gründen verteidigen, müssen — und darin gehen sie mit jedem
Sozialpolitiker und Sozialhygieniker einig — nur dafür sorgen, daß
die automatisierte, gleichförmige Arbeit nicht zu lange dauere, daß
nötigenfalls ein Arbeitswechsel vorgenommen werde, daß ferner das
Tempo optimal gewählt werde und schließlich daß für andersartige
Beschäftigung — in den Pausen und außerhalb der Betriebe — Vor-
sorge getroffen werde.

Auch der erwähnte internationale Kongreß für sozialen Fortschritt
gelangte, nach dem Berichte Devinats, zu einem ähnlichen Ergebnisse.
Es wird sogar festgestellt, daß die Automatisierung, die Wiederholung
ziner und derselben Arbeit, nicht bloß die Leistung steigert, sondern
auch sogar dem Arbeiter die Arbeit erleichtert; nicht automatisierte
Arbeit strenge wesentlich mehr an, insbesondere auch geistig. Bei
der Automatik ergebe sich Freiheit im Spiele der Gedanken des
Arbeitenden, die in manchen Fällen durchaus angenehm empfunden
werde. Berichte aus allen Ländern bezeugen, daß die Monotonie
ur selten ungünstig auf die Persönlichkeit des Arbeiters wirke, sogar
manche Intelligenzgruppen empfänden eine monotone Arbeit durchaus
nicht unangenehm. Gegen Monotonie seien viel weniger Arbeiter
empfindlich, als man in intellektuellen Kreisen oft annimmt. Übrigens
xönne die Eignungsprüfung sich auch auf Monotonieempfindlich-
        <pb n="145" />
        136
keit erstrecken, um Personen festzustellen, welche die Monotonei
schwer ertragen. Viele moderne Rationalisierungsfachleute empfehlen
auch, die Arbeit sportlich zu gestalten, um das Unangenehme der
Monotonie abzuschwächen; man bringe einen gewissen Rhythmus
in die Arbeit, man veranschauliche dem Arbeiter seine Leistung,
berücksichtige überhaupt möglichst die psychologischen günstigen
Begleitumstände der Arbeit.

Zur weiteren Bekräftigung dieses, unserer Ansicht nach durchaus
richtigen, günstigen Urteiles über rationalisierte Arbeit seien noch,
man könnte sagen, zwei Kronzeugen zitiert, nämlich Personen, die
längere Zeit in den Fordwerken gearbeitet haben und über ihre
Erfahrungen berichteten. Der eine ist E. Hultzsch, der in einem
Vortrage (Dresden, 27. März 1925) über seine Erfahrungen berichtete.
Er wurde als Lehrling aufgenommen (das Arbeitsbureau umfaßt nur
zinen Leiter und drei Beamte für 40.000 Arbeiter!); er mußte sich zuerst
einer ärztlichen Prüfung in bezug auf Sehschärfe, Herz, Lunge usw.
unterziehen und wurde dann, ohne weitere Instruktion, sofort an
die Linie gestellt; nur ein Werkmeister gab.eine kurze Anweisung
über die Arbeit — für die technische Ausbildung sorgte der Werk-
unterricht der Lehrlingsschule. Hultzsch lobt das große Ver-
antwortlichkeitsgefühl und die Sachlichkeit der Beamten; die Arbeiten
werden unausgesetzt durch die Werkmeister und foremen beobachtet.
Hultzsch war zuerst im Tractor Assembly Department beschäftigt;
für je 20. bis 40 Arbeiter gab es einen foreman,. außerdem war da
sin foreman für den Fernsprecher und die Prüfung der Zeitkarten;
ein. weiterer foreman beaufsichtigte den Nachschub des Materials usw.
Ein Safety firstman überwachte die Sicherheit der Maschinen und
Betriebseinrichtungen, stellte die Ursache einer Verletzung fest und
besprach in periodischen Versammlungen alle Vorsichtsmaßregeln
(s. später »Unfallverhütung«). Im Gegensatz zu Taylor, der einen
zroßen‘ Stab von Beamten, ein kompliziertes Arbeitsbureau u. ’ä.
hat, ist bei Ford all dies auf ein Mindestmaß gebracht. Im weiteren
Gegensatze zu Taylor — der mit starren Leistungsaufträgen
arbeitet (auf genau vorgeschriebenen Arbeitszetteln), die genauen
Zeitstudien entsprechen, die nie individuell, sondern typisch vor-
genommen werden — gibt Ford nur die Zeitspanne des: ge-
samten. Arbeitsvollzuges an, niemals die Zeitdauer des einzelnen
Handgriffes (wie Taylor); diese Zeitspanne ist aber immer nur ideell
vorhanden, wirkt nicht eingedrillt als Zwang. Hultzsch hatte z. B.
        <pb n="146" />
        137

die Nockenwellen in den Motorblock einzupassen; nicht die einzelnen
Bewegungen und ihre Dauer waren vorgeschrieben, nur die Zeitspanne
für den Gesamtvollzug seiner Leistung. Die Zeitspanne war aber
nur ein zeitliches Ungefähr; elastisch, wie die Bewegungen des
laufenden Bandes, waren auch die Bewegungen des arbeitenden
Menschen — es herrschte also das Zusammenwirken zweier Be-
wegungskomponenten, von denen nur die eine: die des laufenden
Bandes, von der Leitung bestimmt war. Es ist nur scheinbar das-
selbe, ob der Arbeiter die einzelnen Handgriffe mit ihren Sekunden-
ziffern (Taylor) diktiert erhält oder ob er eine Zeitspanne des Voll-
zuges (Ford) hat, innerhalb derer er seine Handgriffe auszuführen
hat, u. zw. nach seinem Willen, nicht als eingedrillte Drahtpuppe
des Arbeitsbureaus. Auch das Tempo des laufenden Bandes ist viel
elastischer, als man glaubt. »Taylor denkt nur in Quantitäten, nicht
in Funktionen wie Ford« und bleibt an der Gestaltung der Rest-
zeit hangen; Ford will die technisch beste Gestaltung des Pro-
duktionsprozesses, der er auch eine Reihe von Aufsichtspersonen
's. oben) widmet, um jeder Kleinigkeit sofort abzuhelfen. Die Arbeit
ei Ford ist also zwar technisch automatisiert, aber nicht auch psycho-
logisch, und wirkt daher günstig auf den Arbeiter.

Ein anderer Deutscher, der bei Ford arbeitete, widerlegt zunächst
die oft gehörte Behauptung, daß bei Ford, wegen der Monotonie,
starker Arbeiterwechsel vorkomme; Ford habe vielmehr sehr geringen
Wechsel, den geringsten unter den Großunternehmungen, höchstens
3 Prozent monatlich, was allein für das Erträgliche der Arbeit
zeugt. Es ist richtig, daß »Platzgebundenheit« vorkommt, aber
daraus folgen: Selbstbeherrschung, Energie und Erziehung der
Arbeiter. Übrigens erzählt der Berichterstatter von den zwei Betrieben,
wo er arbeitete, daß dort meist Arbeiter des amerikanisch-englischen
Typus beschäftigt waren — Leute mit ernsten Gesichtszügen zwar,
aber‘ mit beständiger Bereitschaft zum freundlichen Lächeln oder
zar zur Fröhlichkeit. Die Disziplin sei nicht allzu streng — oft
wurde zum Maschinenlärm gesungen und gelacht, ja zuweilen boxte
man: daraus ersieht man, daß das Tempo des Bandes doch nicht
50 Schnell sein konnte, wie es A. Feiler [Amerika—Europa, 1926]
schildert, indem er sagt, ein Arbeiter könne nicht einmal eine F liege
von der Nase jagen. Die Urteile über Tempo sind eben sehr
verschieden. War Nachtschicht und krähten morgens die Hähne,
ingen die Arbeiter an mitzukrähen oder andere Tierstimmen nach-
        <pb n="147" />
        138

zuahmen. Durch die ganze Abteilung pulste »schaffender Rhythmus,
der Freude macht und jeden mitreißt«. Dieser Rhythmus wurde sehr
gefördert durch den ständigen Antrieb, die Zahl der abgelieferten
Werkstücke von Stunde zu Stunde zu erhöhen (sportlicher Charakter
der Arbeit). Allerdings ließ das Tempo in der sechsten oder siebenten
Stunde merklich nach; der eine oder andere verschwand für längere
Zeit von seinem Platze — der foreman bemerkte es nicht. Aus diesem
Grunde wird bei der Fließarbeit ein Teil der Arbeit von vornherein
als Verlust einkalkuliert. Das Arbeitstempo hing doch sehr vom
Befinden und von der Stimmung der Arbeiter ab (s. oben:
slastisches Tempo). In der Sonntagsnacht z. B. arbeiteten dieselben
Leute, die in einer Montagsnacht 3168 Stücke gefertigt hatten,
nur 2592 Stücke. Die Sonntagsnacht kam dem Berichterstatter
unerträglich lang vor; die Unterbrechungen, während welcher er auf
neue Arbeitsstücke warten mußte (also kein zu schnelles Tempo
des Bandes!), machten ihm die Arbeit qualvoll und ermüdend.. Ganz
anders die Montagsnacht: das Tempo stieg immer mehr, in der
siebenten Stunde war das dreitausendste Stück überschritten; »be-
riedigt zog ich um 8 Uhr morgens im hellen Sonnenschein nach Hausee«.,

Über die Zeitempfindung schreibt dieser Fachmann folgendes
Nie Th. Mann (&gt; Zauberlehrling«) sagt, werden Stunden, ja Tage und
Jahre als kurz empfunden, in denen regelmäßige, gleichbleibende
Eindrücke zufließen. Solche Monate verfliegen wie Wochen, solche
Tage wie Stunden. So sei auch die Zeitempfindung bei gleich-
förmiger Arbeit. Der Berichterstatter erzählt von vielen Leuten, die
jahrelang bei Ford die gleichen Arbeiten leisteten, einfache, nach
ınseren Begriffen sogar monotone Arbeiten, daß sie einen durchaus
zufriedenen, durchaus nicht invalidisierenden, sondern behäbigen
Eindruck machen. » Vielleicht verfliegt dem Manne mit der maschinen-
mäßigen Handarbeit die Zeit rascher als dem hochqualifizierten
Arbeiter, der die automatischen Maschinen zu leiten hat und oft
rechte Langeweile empfindet.« Es sei auch irrig, anzunehmen, daß
jeder Arbeiter immer nur einen Handgriff zu machen habe; sonst
wäre auch dieser schon durch die Maschine ersetzt. Tatsächlich
aätte jeder Arbeiter in der Abteilung, wo der Berichterstatter arbeitete,
acht, zehn und mehr verschiedene Handgriffe hintereinander aus-
zuführen. Jeder hatte zehn Sekunden Zeit beim Werkstück — in
dieser Zeit ließen sich schon allerlei Handgriffe machen; es wäre
arbeitspsychologisch nicht richtig, auch diese Bewegungen zu
        <pb n="148" />
        139

maschinisieren. Auch dieser Gewährsmann bespricht den (schon dar-
gestellten) Unterschied zwischen Taylor und Ford; bei Ford könne
der Arbeiter die Bewegungen so ausführen, wie es seiner Individualität
entspricht — nur Bewegungen, die der Sicherheit dienen, müßten
vorschriftsgemäß ausgeführt werden. Auch werde keine (physiologisch
ungesunde) Höchstleistung verlangt, denn die Technik leiste so viel,
daß Ford auf künstlich gesteigerte Leistungen verzichten könne.

Der Berichterstatter bestreitet ferner, daß in ihm (und seinen
Mitarbeitern) ein Unlustgefühl infolge der Monotonie der Arbeit
entstanden sei. Eine Arbeit, die aus Bewegungen besteht, die gleich-
lörmig sind und aufeinanderfolgen, sei durchaus nicht unlustvoll
und wirke nicht eintönig, und wenn, so sei dies — wie der
Psychologe Sander, Leipzig, sagt — ein Beweis dafür, daß der
Arbeiter noch nicht zu einer rhythmischen Gestaltung der moto-
rischen Komplexe gelangt ist. Der Berichterstatter hatte dieselbe
Bewegung 3216mal in einer Nacht auszuführen (an der Bohr-
maschine) — die Zeit verging sehr rasch. In einer anderen Nacht
hatte er eine individuelle Arbeit zu leisten: in den Hauptteil des
Vergasers eine kleine Schraube von Hand einzuschrauben; fast
jedes Schräubchen hatte ihre Eigenheiten und Tücken — war es
deswegen eine interessante, weil abwechslungsreiche Arbeit? Nach
vier Stunden konnte unser Mann kaum mehr gegen eine er-
müdende Monotonie ankämpfen, er wurde nervös, unlustig und
erklärt dies damit, daß er keine Möglichkeit sah, in diese Arbeit
auch nur ein wenig Rhythmus zu bringen. Bei der früheren Arbeit
war es ganz anders: den Bewegungen der Bohrmaschine getreu,
örachte er, seine eigenen Bewegungen, die seiner Hände, die Haltung
seines Körpers in einen Takt, den er selbst bestimmen konnte.
Beim bloßen Zusehen glaube man leicht, daß solche Arbeiten an-
strengender seien als an Maschinen, wo nicht so viele Bewegungen
nötig sind; das sei aber falsch und daher stammten wohl auch die
vielen kritischen Urteile (der Laien und Theoretiker) über die auto-
matische Arbeit. Die Art des Vollzuges der Arbeit sei eben dem
Arbeiter selbst überlassen, und der praktische Amerikaner habe sich
an die psychologisch vorteilhaftesten Arbeitsbewegungen
herangetastet. Auch sei das Tempo des Bandes nicht dem Arbeiter
einfach oktroyiert, nicht künstlich gezüchtet, sondern umgekehrt —
die Wahrheit ist auch hier sehr einfach — dem sich natürlich
ergebenden Tempo der Arbeit abgelesen worden.
        <pb n="149" />
        ‚40

Die leichte Beweglichkeit der Arbeiter, die ihren Posten kündi-
gungslos verlassen (oder wechseln) können, trägt dazu bei, daß
die Arbeitsstellen nach und nach so lustvoll als möglich aus-
gesucht worden sind. Dazu nehme man die hohen Löhne, die
gute Ersparnisse ermöglichen, so daß der Arbeiter nicht leicht-
fertig eine auch eintönig scheinende Beschäftigung verlassen wird.
Übrigens kann jeder Mann, dem die Arbeit zu unlustig wird, um
Versetzung ansuchen. Seinerzeit wollte Ford jedem Arbeiter, eben
wegen der vermeintlichen Gefahr der Monotonie, nach drei Monaten
eine neue Arbeit zuweisen, aber die Arbeiter waren selbst gegen
diesen Wechsel, was der Berichterstatter nach seinen eigenen Er-
fahrungen sehr gut begreifen kann.

Die rationalisierte, automatische, fließende Arbeit ist also weder
unlustvoll, noch ermüdet sie übermäßig. Dazu tragen wohl auch ihre
günstigen psychologischen Begleitumstände bei: gute Bezahlung;
das Bewußtsein, jeden Tag die Arbeit verlassen zu können, wenn
sie nicht mehr gefallen sollte (eben deshalb gefällt sie aber in der
Regel); anständige Behandlung; keine allzu strenge Disziplin; ge-
achtete gesellschaftliche Stellung und gesicherte wirtschaftliche Lage
des Arbeiters. Was will man mehr von der sozialen Rationali-
sierung, wenn sie die technische Rationalisierung erfolgreich unter-
stützen soll?
Rationalisierung und Arbeitslosigkeit.

Ein gewichtiger Einwand gegen die Rationalisierung besagt, daß
sie Arbeiter freisetze, also die so ungünstig wirkende (und kost-
spielige) Arbeitslosigkeit vermehre. In dieser Hinsicht muß man
unterscheiden zwischen vorübergehender und dauernder Wirkung,
aber auch zwischen mangelhaft, kurzsichtig und verständig und
vollständig durchgeführter Rationalisierung. Je gründlicher man
rationalisiert, je weiser man in bezug auf Verkaufspreise zu Werke
geht, desto weniger Leute brauchen arbeitslos zu werden und desto
kürzer werden sie arbeitslos bleiben. Freilich, dem einzelnen arbeits-
jos gewordenen Arbeiter ist dies ein geringer Trost, aber immerhin
ain Trost, und außerdem ein Ansporn, auch seinerseits für die best-
mögliche Durchführung der Rationalisierung tätig zu sein, statt sie
zu sabotieren oder ihr entgegenzuarbeiten.

Je vollkommener das Verfahren gestaltet wird, desto mehr sinkt
jer Anteil des Lohnes an den Herstellungskosten des Erzeugnisses
        <pb n="150" />
        141

und desto weniger steigen die Unkosten. Die Gesamtheit der Her-
stellungskosten wird geringer, die Verkaufspreise können (und
sollen es auch bei richtiger Rationalisierung!) verringert werden,
der Absatz vermehrt sich, es kann immer mehr produziert, also
wieder mehr Arbeiter, oft nach kurzer Zeit, eingestellt werden.

Auch der mehrfach zitierte Internationale Kongreß für sozialen
Fortschritt gelangte zu ähnlichen Schlüssen. Die Rationalisierung
verursache lediglich zeitweilige Arbeitslosigkeit, zu deren Behebung
oder Milderung parallel laufende Mittel anzuwenden sind. Die über-
zähligen Arbeiter können an anderen Stellen oder zu anderen
Arbeiten des Werkes (oder des Bureaus) verwendet werden; sonst
muß die Arbeitslosenfürsorge einsetzen.

Es kommt auch auf das Tempo an, in welchem die Rationali-
sierung durchgeführt wird. Manchmal zwingt die Konkurrenz zu
ainem rascheren Tempo, als mit Rücksicht auf die Arbeiter geboten
wäre. Wenn alle Betriebe eines Landes gleichzeitig rationalisiert
würden, dann wäre allerdings die Gefahr der Arbeitslosigkeit un-
geheuer groß; das tritt aber nicht ein. Denkfaulheit, schwacher
Wille, persönliche und finanzielle Hindernisse wirken dem entgegen.

Auf dem Kongresse wurde ferner mit Recht darauf verwiesen,
daß gerade die rückständigen Betriebe am ehesten zur Einschränkung
der Produktion, ja zur Stillegung gezwungen sind, Als Beispiele
wurden der Kohlenbergbau und die Schiffahrtsindustrie Englands
angeführt, wo denn auch die größte Arbeitslosigkeit vorkommt, wo
aber auch Verfahren und Organisation rückständig sind. Auch aus
Deutschland und Österreich wurden solche Beispiele erwähnt. Der inter-
nationale Wettbewerb zwingt nun einmal zu möglichst billiger Pro-
duktion, die nur durch das Mittel der Rationalisierung erreicht werden
kann. Und man darf fragen: Um wieviel müßte die Zahl der Arbeits-
losen größer werden, wenn ein Land die eine oder andere Industrie
nicht rationalisieren wollte, während ihre wichtigeren Konkurrenten
tatkräftig rationalisieren? Es ist also, wie Devinat auf dem Kon-
gresse erklärte, vielfach nicht die Rationalisierung, sondern vielmehr
der Mangel an ihr schuld an länger dauernder Arbeitslosigkeit. Und
es wurde auf Deutschland verwiesen, wo die Arbeitslosenziffer sank,
als die Rationalisierung sich auszuwirken begann (1925 bis 1927).

Unser Problem fand eine besondere Behandlung vom Stand-
punkte der französischen Volkswirtschaft in einer Studie, die
Ch. Mercier über die sozialen Wirkungen der Rationalisierung ver-
        <pb n="151" />
        142

Öffentlichte (1926). Die Gefahr der chömage (infolge der Rationali-
sierung) wurde in Frankreich durch folgende Faktoren kompensiert:
Die Inflation hielt die Löhne unter Weltpari, was die Betriebe zu
einer gewissen Verschwendung in bezug auf die Arbeit verleitete;
der starke Menschenverlust durch den Krieg hatte sogar einen
Mangel an Arbeitskräften verursacht, so daß Frankreich zahlreiche
ausländische Arbeiter beschäftigen muß (1927: 2:8 Millionen). Falls
infolge der Rationalisierung Arbeiter frei werden, könnte man den
Zuzug ausländischer Arbeiter beschränken, ja eine bestimmte Menge
ausländischer Arbeiter repatriieren. Übrigens bestehe auch starker
Bedarf der französischen Kolonien nach Arbeitskräften. Die Ratio-
nalisierung vollziehe sich auch nicht so rasch, so daß genügend
Zeit der Anpassung gegeben sei. Schließlich sei auch. die sehr
schwache Bevölkerungszunahme in Rechnung zu stellen.

13. Positive (innerbetriebliche) Mittel der sozialen
Rationalisierung.
Unfallverhütung; Fabrikspfleger.

Wir beginnen diesen Abschnitt mit einer Maßregel, die unmittelbar
den Arbeiter betrifft, für sein Leben und seine Gesundheit am
wichtigsten ist: mit der Unfallverhütung, und beschließen den
Abschnitt mit der Gewinn- und Kapitalbeteiligung, einer Ein-
richtung, die geeignet ist, auf friedlichem Wege das Ideal des
Sozialismus: die Mitunternehmerschaft der Arbeiter, zu verwirklichen,
um daran Maßregeln paritätischer Instanzen zur Erhaltung des
»sozialen Friedens« zu reihen.

Die wirksame Unfallverhütung, weit wichtiger als eine noch so
gute Unfallversicherung (für welche die zünftigen Sozialpolitiker und
Versicherungsmathematiker fast allein Interesse haben), ist deshalb
ain Gebot der Rationalisierung, weil sie das wertvollste Gut, über
welches eine Volkswirtschaft verfügt: die menschliche Arbeitskraft,
vor vorzeitigem Verluste oder Schmälerung bewahrt, also eine der
schädlichsten Verlustquellen (wastes) verstopft.

Einer der letzten Berichte über die Unfallversicherung in Österreich
stellt fest, daß nur ein Viertel der Unfälle eigentliche maschinelle
Unfälle waren, während die anderen in persönlichen Ursachen be-
gründet waren. Zahl und Schwere der Unfälle sind eben abhängig
von der Fähigkeit des Arbeiters, die Gefahr zu erkennen und sich
        <pb n="152" />
        143
ihr gegenüber richtig zu verhalten; auch die sogenannte Antreiberei
ist an manchen Unfällen schuld. Es tut daher eine systematische
Propaganda not, um die Aufmerksamkeit der Arbeiter auf die
Möglichkeit der Gefahr zu lenken und ihn derart zu erziehen, daß
er sich unbewußt vorschriftsmäßig verhält; es gilt den Kampf gegen
Gleichgültigkeit, Sorglosigkeit, Leichtsinn. Aber lange Ausführungen
über die Verhütung von Unfällen werden kaum gelesen, und wenn,
so machen sie wenig Eindruck; wirksamer ist eine geschickte
Bilderreklame gegen Unfälle, wie sie in den Vereinigten Staaten,
in England, in Deutschland und nun auch in Österreich gehandhabt
wird. Da sind z. B. die Bilder, welche die deutsche Unfallverhütungs-
bilder A. G., in der Unternehmer und Arbeiter gemeinsam arbeiten,
herausgibt. Wie aber dem Verfasser ein Funktionär (Dr. Erben) der
Österreichischen Alpinen Montan A. G. mitteilte, wirken manche der
deutschen Bilder zu kraß, erzeugen im Arbeiter Angst vor der
Maschine oder Arbeit; psychologische Versuche ergaben, daß
80 Prozent der damit befaßten Arbeiter diese Art von Plakaten
abgelehnt haben; besser sei es, auf den Verstand als auf die
Angst zu wirken, zu zeigen, wie eine Arbeit richtig, ohne Gefahr
auszuführen ist, und wie sie falsch, mit Gefahr verbunden, aus-
geführt wird und welche Folgen dies hat.

Die Schweiz hat eine Einrichtung, die geeignet ist, den Unfällen
wirksam zu begegnen: die gesetzliche Bestimmung, daß nicht bloß
Betriebsinhaber, die vorgeschriebene Verhütungsmaßregeln nicht ein-
führen, sondern auch Arbeiter gestraft werden (mit Geld), die sich dieser
Vorrichtungen nicht bedienen. Am rationellsten ist wohl eine wirklich
arbeitende Unfallverhütungskommission oder Fachausschüsse,
von Unternehmern, Arbeitern und Ingenieuren beschickt, wie sie die
deutschen Berufsgenossenschaften der Unfallversicherung kennen,
die vielfach sehr erfolgreich arbeiten. Zum Beispiel wurde Zahl und
Schwere der Unfälle in einer Hochbauberufsgenossenschaft weit
unter das errechnete Ausmaß herabgedrückt, so daß auch die Umlage
ıinter dem Betrage zurückblieb, den die (bloß rechnenden) Mathe-
matiker kalkuliert hatten. In Österreich gab (und gibt) es nur Territorial-
anstalten, so daß die rein fachliche Bekämpfung der Unfälle arg
vernachlässigt wurde; auch die Verhütungskommissionen gelangten
zu keiner rationellen Tätigkeit.

Eine besonders wirksame Unfallpolitik treibt man in den Ver-
zinigten Staaten. Es gibt da einen eigenen großen National Safety
        <pb n="153" />
        144

Council, der nicht bloß die erwähnte Bilderreklame besorgt, sondern
auch praktische Handbücher der Verhütung herausgibt, Auskünfte
erteilt, Aufklärungsschriften verbreitet, Wanderausstellungen, Kino-
und Lichtbildervorträge u. ä. veranstaltet (letzteres Werbemittel
verwenden in Wien zum Teil die Gewerbeinspektoren). Besonders
praktische Bedeutung aber hat es, daß — wie schon kurz erwähnt —
jeder foreman im Betriebe für die Verhütung von Unfällen ver-
antwortlich ist; er muß angeben, wo Schutzvorrichtungen fehlen
und welche anzubringen sind; er muß ständig persönliche Fühlung
mit den Arbeitern haben, um die Arbeiter zur Benützung der Schutz-
maßregeln anzuhalten. Seine Bezüge werden häufig durch die Zahl
der Unfälle bestimmt, die in seiner Abteilung (Gruppe) vorkommen,
und er wird entlassen, wenn er die Benützung der Schutzmaßregeln
nicht durchgesetzt hat und infolgedessen Unfälle stattfinden. Sie sind
daher Männer von Geschicklichkeit, Intelligenz und Energie, aber
auch — von Geduld und Mitgefühl mit den ihnen anvertrauten
Arbeitern. In größeren Betrieben gibt es überdies, wie wir schon
gehört haben, eigene Safety Engineers zur Unterstützung der foremen.
Manchmal bedient man sich in Amerika auch drastischer Mittel der
Unfallbekämpfung. So hatte z. B. eine Waggonfabrik am Eingang ein
großes — Waggonrad mit zwölf Speichen, je eine für jeden Monat
des Jahres, angebracht; wenn in einem Monat Unfälle vorkommen,
lie Entgang an Arbeit verursachen (lost time accident), so wird eine
zerbrochene Speiche eingesetzt. In einer anderen Unternehmung ist
as Brauch, eine große weiße Fahne zu hissen, wenn kein Unfall
stattfand, und die eingeholt wird, wenn ein Unfall stattfindet. Oder
es wurden, wenn ein Unfall vorkam, in den Werkräumen Tafeln
aufgezogen, die verkünden: »Ein Mann versäumte, seine Maschine
zu stoppen, und verlor deshalb zwei Finger. — Hab acht! Mach
du es anders!«

Während in Österreich die betrübliche Tatsache gemeldet wurde,
jaß die Unfälle 1926 zugenommen haben (es fehlte eben an einer
wirksamen Verhütungsstelle), ist die Zahl der Unfälle in Amerika
ständig im Rückgang; in der Metallindustrie z. B. entfielen auf eine
Million geleisteter Arbeitsstunden 1913 noch 60, 1918 nur 29,
1923 nur noch 13 und 1924 nur 10 Unfälle. Auch in England und
Deutschland wird eine Abnahme der Unfälle festgestellt. Vielleicht
wäre es internationale Rationalisierung, wenn die Österreichischen
Betriebe (deren es in den meisten Branchen zu wenig gibt, um
        <pb n="154" />
        145

eine fachliche Verhütungsstelle zu bilden) sich — an die fachlich zu-
ständigen deutschen berufsgenossenschaftlichen Unfallverhütungs-
stellen anschlössen. Jedenfalls würden dann die irrationell hohen
Kosten der österreichischen Unfallversicherung wesentlich herab-
gemindert werden können.

Eine sozial wertvolle Einrichtung ist in Amerika, England,
Deutschland und auch schon in Österreich eingeführt: die besonderen
Fabrikspfleger und -pflegerinnen, welche, als Vertrauenspersonen
der Leitung und der Belegschaft tätig, sich um die persönliche
Wohlfahrt, um das Wohlbefinden der Arbeiter und Arbeiterinnen zu
bekümmern haben, auf gesundheitlichem Gebiete Ratschläge erteilen
und Verbesserungen in gewerbehygienischer Hinsicht vorschlagen,
also z. T. die Tätigkeit der Fabriksinspektoren zu ergänzen berufen sind.

Der Leistungskoeffizient.

Eine nachahmenswerte soziale Maßregel findet sich in vielen
Betrieben Englands (vgl. darüber Ing. Baclesse, in »Betrieb und
Organisation«, Oktober 1925). Bei besserer Leistung werden Vorteile,
aber zunächst nicht materieller Natur gewährt: Jeder Arbeiter erhält
einen Leistungskoeffizienten, wobei 5 Faktoren berücksichtigt
werden: die ausgeführte Arbeit, die Dauer der Beschäftigung im
Betriebe, die verlorene Zeit, Fabrikationsabfälle und Vorschüsse
Schulden). Der Einreihung wird die Leistung eines Durchschnitts-
arbeiters (der Abteilung) zugrunde gelegt. Die Leistungszahlen
werden für jeden Arbeiter auf Karten eingetragen, die aber nicht
etwa ein (in Staatskanzleien des Kontinentes üblich gewesenes)
System »geheimer Konduitenlisten« (so ziemlich das Irrationellste
vom sozialen Standpunkte) darstellen, sondern jederzeit von den
Arbeitern kontrolliert werden können. Nach diesen Karten wird
eine Art Rangliste der Arbeiter angelegt, die man in folgender
Weise auswertet: Ist Abbau notwendig, so werden zuerst jene
Arbeiter gekündigt, die die niedrigste Leistungszahl haben, aber
auch die gekündigten Leute werden in einer Liste weitergeführt;
bessert sich der Beschäftigungsgrad, so stellt man zunächst jene
Arbeiter wieder ein, die die besten Leistungsindizes hatten. Die
Arbeiterschaft hat sich mit diesem System einverstanden erklärt,
weil es offenbar gerecht ist und überdies den Werkmeistern das
Entlassungsrecht entzieht. In so manchem Betriebe ergab sich schon
nach wenigen Jahren eine namhafte Steigerung der Erzeugung, bis
Kobatsch. Wirtschaftlichkeitslehre.
        <pb n="155" />
        146
zu 50 Prozent. je Arbeiter, sowie eine erhebliche Abnahme der
Abfälle oder des Ausschusses, bis zu 60 Prozent — also Wirkun-
gen, die sowohl der technischen als auch der sozialen Rationali-
sierung entsprechen.
Fähigkeitsschulung und Arbeitserziehung. ;

Neuerdings widmet man sich in mehreren Ländern einer Auf-
yabe, die als »Wertarbeit« oder »Fähigkeitsschulung« der jugend-
ichen und anderer Arbeiter bezeichnet wird, worüber z. B. Professor
ingenieur A. Friedrich, Karlsruhe (1926) schrieb. Jeder Mensch,
heißt es da, trägt, oft unbewußt, Belastungen, Angst vor Mißerfolg
in sich, erzeugt aus dem Gefühl, nicht frei- handeln zu können. (Die
noderne. »Individualpsychologie« spricht in diesen Fällen von
‚Minderwertigkeitsgefühlen«.) Für die Betriebspolitik folgert man
aus dieser Erkenntnis, daß es irrationell ist, einem Arbeiter von
vornherein zu (relativ) schwere Aufgaben zu stellen; er soll nur
gradatim zu schwierigeren Aufgaben verwendet werden, und nennt
lies »Staffelung der Aufgaben«. Ist damit auch kaum mehr Einsicht
gewonnen, als das alte Wort »Aller Anfang ist schwer« besagt,
so gehen die Vertreter dieser Lehre aber weiter und wollen Mittel
anwenden, die das Interesse des Arbeiters wecken sollen. Es
bedeute für die Volkswirtschaft einen großen Verlust an Kraft und
Geld, daß der Arbeiter oft teilnahmslos während der Arbeit bleibt,
um dann am Feierabend mit frischen Kräften in seinen Beschäfti-
gungen aufzugehen. Man schlägt nun folgende Mittel der Abhilfe
vor: Jugendschulung, d.h. dort ist zu beginnen, wo dem Menschen
noch nicht zuviel Belastungen . (s. oben) entgegenwirken, und
Fähigkeitsschulung, »um eine innere Verbindung von Mensch
und Arbeit zu Schaffen«, Das spezifisch Neue und auch praktisch-
rationell Wertvolle dieser Richtung liegt darin, daß man nicht die
ganze Fähigkeit zur Verrichtung einer bestimmten Arbeit, z. B. des
Feilens, anstrebt, sondern danach, »Teiltätigkeiten« (»Auswirkungs-
felder«&lt;), die. dieser Arbeit zugrunde liegen, beherrschen zu lernen.
Beim Feilen z. B. sind dies: die Beherrschung der Druckverlagerung,
des Geradeführens der Feile und des rhythmischen Arbeitens;
beim Schmieden die Beherrschung der Schlagstärke, das Abfühlen
des Materialwiderstandes u. a. Arbeitspsychologisch richtig, . daher
auch rationell, ist, daß die schnelle, richtige Handhabung aller Feil-
arbeiten netwendig ist, . wenn .eine sorgfältige, rasche Erledigung
        <pb n="156" />
        147

der ganzen Arbeit gewährleistet sein Soll. Auf dem Werkplatze
selbst können diese »Untertätigkeiten«. nicht (nicht mehr) syste-
matisch gelehrt werden, weil sie eben miteinander untrennbar
zusammenhängen; daher ist eine eigene Schulung für sie erforderlich.
Der große praktische Erfolg . wird dadurch erwiesen, daß das
Anlernen eines Arbeiters in der Hälfte bis zu einem Drittel. der bis-
herigen Zeit geschehen kann, daß sich ferner stärkere »Arbeits-
verbaindenheit« ergibt und daß größere und bessere Gesamtleistungen
ermöglicht werden. Ein weiterer Vorteil ist die größere Beweglichkeit
und Umstellungsfähigkeit des Arbeiters; er wird auch alle wichtigen
Arbeitsgrundlagen rascher erkennen und sie sicherer beherrschen;
diese Schulung führt daher im Sinne’ der Arbeitsrationalisierung zu
Höchst- und Bestleistungen. Für den Erfolg ist ausschlag-
gebend — wie übrigens bei jeder Schulung und Prüfung — die
Persönlichkeit des Übungsleiters. Die Eigenschaften, über die er
verfügen . muß, sind: Einfühlung, Vertrauen erwecken, Frohsinn,
Glaube an die Entwicklungsfähigkeit der Menschen, zielsicherer,
unerschrockener Sinn, suggestive Kraft — die aber im. Schüler
nicht das Gefühl der Selbständigkeit verdrängt. Solche. »Arbeits-
Uunterweiser« sollten besonders herangebildet werden: (etwa an
einem Forschungsinstitut für Psychotechnik oder Arbeitswissen-
schaft); in jedem Betriebe sollten ‚an einer Stelle alle auf
derartige Schulungen bezüglichen praktischen Erfahrungen ge-
sammelt werden, von wo aus sie wieder nach außen abgegeben
werden.

Ein in Amerika und zum Teil auch schon in Deutschland und
anderen europäischen Ländern übliches innerbetriebliches Mittel der
50zialen Rationalisierung (das eigentlich ziemlich nahe läge) ist die
Belehrung der Angestellten und Arbeiter über Ursachen ‚und (schäd-
liche) Wirkungen von Stoff- und Zeitvergeudung. Nach einem
:nstruktiven Berichte der National Register Cassa Cy. (Dayton) soll
man nicht Zwang oder Gesetze, sondern. die Erziehung . dazu be-
nützen, den Arbeitnehmern klarzumachen, daß jene : Vergeudung
den Reinertrag schmälern und ihre Beschäftigung gefährden. muß.
[m Film z. B. wird gezeigt, wie die Arbeit rationell und wie sie nicht
gemacht. werden soll. Wenn ein Arbeitnehmer . in dieser Hinsicht
Fehler begeht, ‘so soll nicht . sofort Tadel. oder. gar Strafe:. folgen,
sondern er soll, der sich oft der Tragweite seiner Handlung (Gedanken-
losigkeit! Gewohnheit). gar nicht bewußt ist. über die bessere Arbeits-
        <pb n="157" />
        148
methode unterrichtet werden; man zeigt ihm, welche Nachteile bei
Wiederholung des Fehlers für das Werk, aber auch für ihn selbst,
entstehen können (Kündigung wegen geringeren Ertrages). Aber
nan zeigt auch, daß er die Zeit, die er dem Unternehmen ver-
nietet hat, nicht beliebig verwenden darf, daß das Material ein ihm
anvertrautes Gut ist, mit dem sparsam und sorgfältig umzugehen
seine Ehrenpflicht ist. Man zeigt ferner, welch großer Schaden nicht
nur aus einem groben Fehler, sondern auch aus zahlreichen kleinen
Tehlern entstehen. In drastischen Filmbildern wird dargetan, wie
3in Kugellager, weil man vergaß, es zu Ölen, durchbrannte oder wie
lie schlechte Aufsicht über eine Maschine zu großem Materialverlust
nd zu Unfällen führt, wie nachteilig auf die Arbeit nutzloses Herum-
aufen (um Briefe und Belege zu holen, statt das Telephon zu be-
1ützen) wirkt und um wieviel rascher dadurch — die Schuhe ab-
zenützt werden, wie das Plaudern während der Arbeit an der
Maschine leicht Unfälle zur Folge hat, wie das Schwätzen bei der
Ausgabe der Werkzeuge, ihr unordentliches Weglegen nach getaner
Arbeit namhafte Zeitverluste bewirkt u. a. m.

In anderer arbeitspsychologisch wertvoller Richtung sind jene
Fachleute tätig, welche, wie z. B. Ing. Arnhold vom »Institut für
:echnische Arbeitsschulung« (Düsseldorf) die fachgemäße Aus-
und Fortbildung der Arbeiter im Betriebe und für denselben, im Auge
haben. Die Arbeiter werden, psychotechnisch ausgewählt, in Lehr-
werkstätten herangebildet und dazu angehalten, die Arbeit mit dem
Geiste zu durchdringen. Man will sie zu schaffens- und lebensfrohen
Menschen erziehen, denen die Arbeit nicht Last ist, sondern Freude
bereitet. Aus der Lehrwerkstätte, die zwei Jahrgänge umfaßt, gelangen
die jugendlichen Arbeiter in die Betriebswerkstätte, legen dann die
Gesellenprüfung ab und sind hierauf volle Facharbeiter. Unterrichts-
gegenstände sind: technologische Fachkunde, Mathematik, Zeichnen
und Konstruieren, Turnen und Sport, Gemeinschafts- und Bürger-
kunde; außerdem werden Handfertigkeit, Steuern von Kraftwagen u. a.
gelehrt. Fremde Werke werden besucht, Wanderungen durch die
Lande, in kameradschaftlichem Geiste, Seefahrten auf deutschen
Meeren treten ergänzend hinzu. Diese neuartigen Lehrstätten sind
schon in vielen großen Werken des Westens eingerichtet, aber auch
im Bauhandwerk durchgeführt. Der Nachwuchs soll so vorgeschult
werden, daß der Arbeiter die Arbeit mit Verständnis und Liebe voll-
führen kann, daß er sich als Mitarbeiter an einem großen Werke
        <pb n="158" />
        149
fühlt. Hier sehen wir in der Tat eine Maßregel vor uns, die sozial
versöhnlich wirken soll, und, im Zusammenhalte mit den später zu
besprechenden positiven Maßregeln der sozialen Rationalisierung,
ainen Ausblick in eine bessere, gesündere und wohl auch natür-
lichere Gestaltung des Arbeitsverhältnisses gestatten.

Die Suggestions.

Eine sehr wirksame Maßregel positiver sozialer Rationalisierung
ist das von Amerika her bekannte System der Suggestions, der
Verbesserungsvorschläge der Arbeitnehmer. Wie in der »Neuen
Wirtschaft« (Wien, November 1926) ausgeführt wird, ist bei der
Rationalisierung der Faktor Mensch in erster Linie zu beachten;
nur wenn die Interessen von Unternehmer und Arbeiter gleich-
gerichtet sind, darf man optimale Leistungen erwarten. Dazu dienen
nun sehr wesentlich die Arbeitervorschläge zur Verbesserung der
Methoden oder Werkzeuge; dadurch werden die Arbeiter zu aktiven
Mitberatern des Betriebes und aus ihrer Interessenlosigkeit gerissen,
in welcher eine starke psychische Hemmung des Fortschrittes zu
erblicken ist. Der Arbeiter, der so mitverantwortlicher Faktor des
Betriebes wird, ist auch dazu erzogen, die Hemmungen der Arbeits-
unlust zu überwinden. Zum rationellen Erfolge gehört nicht bloß
das fehlerfreie, mechanische Funktionieren der Betriebseinrichtungen,
sondern hauptsächlich der stete Kontakt der Leitung mit den
Arbeitern; im Arbeiter muß das Minderwertigkeitsgefühl beseitigt,
sein Geltungstrieb dagegen angeeifert werden, u. zw. konstruktiv,
im Interesse des Betriebes. Wie Direktor Renner (Neue Wirtschaft,
April 1927) bemerkt, werden durch die Suggestions wertvolle,
bisher ungenützt schlummernde Kräfte erweckt, die Verwaltung in
Industrie und Handel erst so recht demokratisiert. Der moderne
Betriebsleiter ist sich dessen bewußt, daß alle organisatorischen
Kräfte und Ideen, die in jedem Arbeiter schlummern, geweckt und
herangezogen werden müssen. Auch unbedeutende Vorschläge er-
geben in ihrer Gesamtheit am Ende des Jahres einen großen
organisatorischen Fortschritt.

Die nächste Frage ist: Wie soll das System der Suggestions
auch rationell durchgeführt werden? Da gibt es verschiedene Wege,
die zum Ziele führen, und es verstieße gegen den Geist der
Rationalisierung, wollte man schablonisierend nur einen Weg als
den richtigen bezeichnen.
        <pb n="159" />
        BU

In Amerika, wo diese gute soziale Maßregel .beheimatet und
stark eingebürgert ist, gilt zunächst ein negativ wirkendes Mittel:
Angestellte, welche nach einiger Zeit der Beschäftigung noch keine
Vorschläge gemacht haben, werden ermahnt; sie seien nicht bloß
dazu im Betriebe, um ihre Zeit abzudienen, sondern müssen auch
positiv zur Verbesserung des Betriebes beitragen. Wenn einige
solche Mementos erfolglos blieben, erfolgt die Kündigung, also
wieder: Auslese. In deutschen Werken, ebenso jetzt in der Öster-
reichischen Alpinen Montan A. G., verwendet man die Werkzeitung
zur Durchführung des Suggestions-Systems, so z. B.in den Borsig-
Werken, Berlin. Der Chef setzt sich z. B. mit einem Schlosser
zeines . Werkes über technische, aber auch über sozialpolitische
Fragen des Betriebes auseinander; es herrscht volle Offenherzigkeit
auf beiden Seiten. Vor 20 Jahren hätte man eher an den Einsturz
des Himmels gedacht als an diese so vernünftige, demokratische
Verwaltung des Betriebes. Das ist Fortschritt, das ist Aufstieg, das
läßt uns doch von der Zukunft Besseres erhoffen!

Sehr häufig; auch in Amerika, ist die Bestellung eines besonderen
Ausschusses zur Prüfung der Vorschläge; im Ausschusse: sitzen
Vertreter der-- Leitung und der Arbeitnehmer (Angestellten). In
Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei gibt es Betriebs-
‚äte, denen schon kraft Gesetzes das Recht zu Verbesserungs-
vorschlägen gegeben ist, von dem sie aber leider nur in wenigen
Fällen Gebrauch machen. . Wenn es sich darum handelt, ein
5bjektives Forum für die Vorschlagsprüfung zu schaffen, so muß
wohl der Leitung, neben der Vertretung der Arbeiterschaft, ein
oaritätischer Einfluß gewahrt bleiben. Anderseits wird man der
Arbeitervertretung, etwa dem Betriebsrate, auch nicht zu viel
Entscheidungsrecht gewähren dürfen, sondern jedem einzelnen
Betriebsangehörigen das Recht sichern, seine Vorschläge der Leitung
zur Kenntnis zu bringen. Ein Hindernis, das dem Suggestions-
System in Europa, namentlich in Mitteleuropa, noch entgegenwirkt,
muß vor allem beseitigt werden: es ist der weitverbreitete Wider-
wille der — namentlich älteren — Vorgesetzten gegen Vorschläge
jüngerer Untergebener, die als unbequeme Neuerer oder Besser-
wisser gebrandmarkt werden —: man soll umlernen und will es
doch so ungern! Ähnlich verhalten sich die Kollegen, welche in
sinem  Vorschlagenden mißgünstig einen Streber erblicken, mit dem
sie oft gar nicht mehr verkehren. Diese‘ gänzlich veralteten,
        <pb n="160" />
        151
wirtschaftlich höchst schädigenden Anschauungen, die wahr-
scheinlich von der staatlichen Bureaukratie stammen, müssen ' mit
Stumpf und Stiel ausgerottet werden, sonst dringt die Rationali-
sierung in Mitteleuropa niemals durch, sonst können sich auch die
sozialen Verhältnisse in den Betrieben niemals entscheidend zum
Bessern wenden,

Die Suggestions, welche von dem zuständigen Forum für
geeignet befunden wurden, müssen in einer geeigneten Weise
Anerkennung finden. Es ist psychologisch wichtig, daß diese
Anerkennung nicht bloß in materiellen Werten (Prämien, rascheres
Vorrücken) bestehe, sondern auch in ideeller Hinsicht belohnt
werde, z. B. durch Besprechung des approbierten Vorschlages in
der »Werkzeitung« und durch Veröffentlichung des Bildes des
Vorschlagenden; noch viel wichtiger aber ist es, in dem Bewußtsein
der Arbeitnehmer die Überzeugung zu befestigen, daß sie, jeder
einzelne, von der Leitung als wertvolle Mitarbeiter an der steten
Emporentwicklung des ihnen gemeinsamen Betriebes voll anerkannt
sind, daß gute Vorschläge zur Vorrückung führt, daß die einzelnen
nicht — wie es in dem Schreiben einer großen deutschen VerlagS-
firma an ihre Angestellten heißt — »ein eingereihtes Glied in einer
langen Kette bleiben müssen«. Es muß aber auch der Irrtum, den
manche Arbeitervertreter (vgl. darüber Direktor Renner, a. a. 0.)
hegen, widerlegt werden, als ob alle Suggestions zu Entlassungen
(ühren müssen; die Ausgaben des Betriebes sind ja nur zum Teil
Lohn und Gehalt, zum anderen Teile Sachaufwand: gegen dessen
Verminderung kann ein Betriebsrat wohl nichts einwenden. Und
soweit tatsächlich eine Verringerung der Beschäftigtenzahl eintritt, so
zilt auch hier das über Rationalisierung und Arbeitslosigkeit Gesagte
“Seite 140 ff.).
Das Mitbestimmunesgsrecht der Arbeiter.
Die Mitwirkung (das Mitbestimmungsrecht) der Belegschaft an
Fragen des Betriebes ist eine überaus heilsame Maßregel der
»sozialen Rationalisierung«, so recht das Symbol der modernen,
demokratisch regierten, »konstitutionellen Fabrik«, und hat in den
letzten Jahren immer weitere Verbreitung gefunden, sei es in der
zesetzlichen Form der Betriebsräte (in Österreich, Deutschland,
der Tschechoslowakei), sei es in den freiwillig gebildeten shops
der works councils (Amerika, England). Im wesentlichen handelt
        <pb n="161" />
        152

8s sich darum, im Arbeiter (und Angestellten) das Bewußtsein zu
erwecken, daß er ein aktives Mitglied der ganzen Betriebsgemein-
schaft, ein Subjekt des Betriebes und nicht bloß ein Objekt des-
selben sei, gleich der stummen Maschine und dem stummen Material,
das den Betrieb nur als Lohnempfänger interessiert und das der
Betrieb auch nicht anders als Lohnauszahler zu interessieren pflegt.
Diese Demokratisierung der Betriebe vollzog und vollzieht sich nicht
leicht, Widerstände verschiedener Art wirken ihr entgegen, aber
wohl ohne Aussicht auf Erfolg. Ein merkbarer Ruck nach vorwärts
geschah, als nach Kriegsende der »Räte«gedanke von Rußland her
auch in Mittel- und Westeuropa an Boden gewann. Zwar konnten
sich die verschiedenen Bauern-, Soldaten- und Arbeiterräte nicht
lange halten, sie widerstritten denn doch zu sehr den Sstaatlich-
politischen Auffassungen in Kultureuropa. Wohl aber kondensierte
sich der Räte-Gedanken in den genannten Ländern zu Gesetzen
iiber die »Betriebsräte«, die, im Grunde nur eine Fortentwicklung
der bekannten Einrichtung der Vertrauensmänner, zu keiner be-
herrschenden Stellung gelangen konnten, hauptsächlich deshalb, weil
die Personen, die zu Betriebsräten gewählt wurden, eine doppelte
Mission zu erfüllen haben: einerseits sollen sie die Interessen ihrer
Wähler vertreten (welche Funktion aber schon die alten Gewerk-
schaften versahen), anderseits sollen sie ein Vermittlungsorgan
zwischen Leitung und Belegschaft und Mitarbeiter an Fragen der
Betriebsgestaltung sein. Nun könnten die Betriebsräte in der Tat sehr
wertvolle Mitarbeiter an der Verbesserung der Betriebsverhältnisse
sein, gibt ihnen doch z. B. das österreichische Gesetz das Recht, mit
der Leitung »gemeinsame Beratungen über Verbesserung der Ein-
-ichtungen und der allgemeinen Grundsätze der Betriebsführung ab-
zuhalten« und bestehen doch eigene Kurse für Betriebsräte, wo auch
sechnische und kommerzielle Fragen der Betriebe erörtert werden.
Leider haben die Betriebsräte sich bisher nur wenig mit dieser ihrer
Aufgabe befaßt, und mehr Interesse für ihre gewerkschaftlich-politi-
schen Agenden bekundet. Sie wären auch .die berufenen Mittler
zwischen Leitung und jenen Arbeitnehmern, welche Suggestions
Verbesserungsvorschläge) erstatten wollen, und sollten diese segens-
reiche Einrichtung (s. a. a. O.) viel mehr als bisher pflegen, um auf
diesem Wege das sozial und wirtschaftlich so fruchtbare amerika-
nische Prinzip der co-operation auch in Europa einbürgern zu
helfen. Auch im jungen Industriestaate Japan kennt man schon works
        <pb n="162" />
        153

zommittees, ebenso eine Gesellschaft für co-operation (Kyocho-Kai;
vgl. die englische Zeitschrift Co-partnership, Dezember 1927).!

[n Amerika betätigen sich die works councils, joint committees
1. ä. mit außerordentlichem Erfolge für Arbeiter und Betrieb, sind
wertvolle Organe der praktischen Kleinarbeit im Sinne der Ratio-
nalisierung. So wurden dort z. B. in der Bekleidungsindustrie,
gemeinsam mit der Gewerkschaft, standards ausgearbeitet, wodurch
die Kosten sich um 15 bis 20 Prozent verringerten und — die Löhne
antsprechend erhöht werden konnten; in der Holzverarbeitung
brachte die (ebenso cooperativ ausgearbeitete) standardization eine
noch größere Erhöhung der Löhne und eine noch bedeutendere
Verminderung der Kosten (bis zu 25 und 30 Prozent). Ähnliche
Erfolge der co-operation verzeichnen die Papierindustrie, die Kon-
struktionswerkstätten(vgl.Näheres im früher zitierten »Hoove Bericht «).*

Von geradezu mustergültiger und beispielgebender Klarheit und
tiefer Wirkung auf die Öffentlichkeit war aber die Konferenz, welche
Trade unions von Philadelphia, einer der ältesten und größten
[ndustriestädte der Vereinigten Staaten, über die Beseitigung der
Verlustquellen in der Industrie (April 1927) veranstalteten und
an welcher auch zahlreiche Unternehmervertreter sowie Zivil-
ingenieure teilnahmen. Das ist wahrhaft soziale Rationalisierung, im
besten, eigentlichen Sinne des Wortes. Aus dem ungemein inter-
sssanten Protokolle der Konferenz können hier nur einige wenige,
desonders markante Stellen wiedergegeben werden. Der Präsident
der American Federation of Labor, William Green, sagte die lapidare
Wahrheit: »Ersparnisse in der Produktion gehen alle an, die am
Betriebe teilnehmen und aus einer Zunahme der Spanne zwischen
Kosten und Verkaufspreisen Nutzen ziehen.« Die Initiative zur Ratio-
nalisierung soll von der Leitung ausgehen, die Gewerkschaften
nüssen an ihrer Durchführung mitwirken und können durch prak-
ische co-operation und good will den Unternehmungen unschätzbare
Dienste leisten.

1 Das wirtschaftspolitische Programm, das die liberale Partei Englands am
3. Februar 1928 veröffentlichte, enthält u. a. den Vorschlag, die Work councils
Betriebsräte) für alle Unternehmungen, die mehr als 50 Leute beschäftigen, obli-
yatorisch einzuführen.

? Ein wertvolles Mittel, die Betriebsangehörigen zur Mitarbeit an Fragen des
Betriebes zu gewinnen, sind auch die »Werkzeitungen«, welche jetzt in Deutsch-
‚and und Österreich (z. B. in der Alpinen Montan A. G.) Verbreitung finden.
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Es wurden in der Konferenz bemerkenswerte Daten über die all-
mählich fortschreitende Rationalisierung mehrerer wichtiger Industrien
erörtert und hiebei die Mitwirkung der Arbeiter und ihrer Organi-
sationen klargelegt. Die Gewerkschaften sorgten z. B. für tüchtige
Leiter, die in wenigen Monaten die Verbesserung vernachlässigter
Betriebe (Weberei) zustande brachten; oder sie entlasteten die
Weber von zeitraubenden Nebenarbeiten, für die ein eigener Mann
eingestellt wurde. — die Weberarbeit stieg dadurch um 80 Prozent;
der sie ließ die Abfallgarne sammeln, sortieren und nicht telquel,
sondern nach Qualität zum Verkaufe bringen. Der Obmann der
großen Strumpfwirkergewerkschaft schilderte höchst anschaulich
die entscheidende Wichtigkeit, die eine sorgfältige, hingebungsvolle
Arbeit des‘ Mannes an den so ungemein subtilen modernen Wirk:
maschinen für die Erzeugung fehlerfreier, qualifizierter Ware hat.
/Nebenbei: Die Kurzrockmode der Damen hat die Erzeugung der
Seidenstrümpfe in Philadelphia von 11 Millionen Dutzendpaaren in
1923 auf 16 Millionen Dutzendpaare in 1926 gesteigert.) Die sorg-
same Behandlung des Rohstoffes (Seide) und der teuren Wirk-
maschinen verbürgt die Erzeugung bester Qualitäten, was hohe
"öhne und gute Preise bedeutet, Der Wirker muß daher das Ver-
hältnis ‚der IIa-, bzw.‘ fehlerhaft gearbeiteten Ware zur Gesamt-
arzeugung möglichst herabmindern; denn der Unterschied der Preise
von Prima- und Sekundaware ist größer als die Löhne: für die besten
Strümpfe. Die Unternehmer . sollen nicht den kurzsichtigen Fehler
begehen, statt bester Seide solche minderer Qualität einzukaufen —
das bringt ihnen (und den Arbeitern). große Verluste. Der Ersatz
schadhafter Teile des Wirkstuhles ist sofort zu besorgen. Für den
Betrieb von Vorteil ist eine gut disziplinierte, aufmerksamst arbeitende,
aber auch eine gut organisierte Belegschaft. Niedrige Löhne ist
industrieller Selbstmord«, weil dann schlecht gearbeitet wird, und
die Arbeitskosten je Paar Strümpfe durchaus nicht niedriger werden,
30 sogar höher sind. Durch hohe Löhne vermindern wir aber die
&gt;sozial wastes«, die Armut der Arbeiter und die sorgenerfüllte, daher
schlechte Arbeit. Arbeit zu fairen Bedingungen steigert sehr die
Leistung, auch ‚des Betriebes. Der Vertreter der Printing Pressmen
Zeitungsdrucker-JUnion berichtet über den — technischen
Dienst, den diese Gewerkschaft für die höhere Efficiency in den
Zeitungsdruckereien eingerichtet hat: die Betriebe werden von Fach-
leuten periodisch kritisch geprüft und Fachleute zur Verbesserung der
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\laschinen und des Verfahrens zur Verfügung gestellt und ähnliches
mehr. Die Beziehungen der Gewerkschaft zu den Unternehmern sind
die denkbar besten, denn diese haben erkannt, was jene zur Rationali-
sierung der Industrie beiträgt und welchen betrieblichen Wert die
Verwendung organisierter Mannschaften hat. Der Standard des
Arbeiters hängt von dem Anteil ab, den er aus dem Betriebe, wo
ar tätig ist, herausbekommen kann; er hat daher das größte Inter-
esse, durch Intelligenz und Tüchtigkeit zur möglichsten Entwicklung,
zur rationelleren Produktion beizutragen, denn Verluste an Kraft und
Zeit wirken sich deutlich in der Lohnzahlung aus. Der »technische
Dienst« einer Gewerkschaft weicht von der üblichen Politik derselben
ab, oft glauben ja die Arbeiter, sie hätten sich um die Betriebs-
führung nicht zu kümmern; das ist falsch — die Arbeiter müssen
sich um sie weit mehr kümmern als um alle anderen Faktoren in
der Industrie, denn »jede schlecht geführte Anlage beschäftigt auch
schlecht gezahlte Arbeiter«. So trägt auch der Arbeiter, durch seine
Gewerkschaft, die volle Verantwortung für das Gedeihen der Industrie.
Ähnliche, nur allzu wahre, in so manchen Staaten Europas sehr zu
beherzigende Worte äußerte der Obmann der Tapetenweber-:
yewerkschaft. Früher hätten die Arbeiter sich für Fragen der Be-
triebsführung nicht interessiert, ob der Stuhl lief oder nicht und
warum nicht, ob die Garne guter Qualität waren oder oft rissen,
was die Arbeit unterbrach (und die Löhne verkürzte), war dem
Arbeiter früher ebenso gleichgültig wie den meisten Unternehmern. Der
Sprecher, der auf eine industrielle Tätigkeit von 50 Jahren zurückblickt,
erzählte anschaulich, wie er sich seinerzeit um diese Dinge zu be-
kümmern begann, dem Betriebsleiter, anfangs vergeblich (»es kostete
zu viel!«) später doch mit Erfolg, zuredete, diesen oder jenen Schaden
am Stuhle doch ausbessern zu lassen, denn er bewies, daß ein tech-
nischer Schaden, dessen Reparatur 600 Dollar kostete, wenn sie
ıicht jetzt durchgeführt würde, am Ende des Jahres zehnmal so
große Verluste zur Folge hätte. Als später die Gewerkschaft stärker
wurde, setzte sie eigene Efficiency committees ein, zum Anlernen
der Lehrlinge u. a, besonders aber zum Studium der Ersparnisse
(Rationalisierung) ihrer Industrie. Eigene shop committees sorgen
in jedem Betriebe für tadellose Arbeit der dort Beschäftigten, die
anfangs freundlich ermahnt und zu besseren Arbeitsmethoden hin-
geleitet werden -— nach der dritten Mahnung wird ihm das con“
silium abeundi erteilt. Denn »wir fühlen uns verantwortlich für
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die Belegschaft und für den Wirkungsgrad (efficiency) unserer Mit-
glieder; daher dulden wir keinen in unserer Mitte, der unsere
standards nicht befolgen will« (aus dieser ckarakteristischen Gewerk-
schaftspolitik erklärt sich so manches abfällige Urteil, das Europäer,
die an ein allzu gemächliches Tempo, an nicht sehr genaue
Arbeit gewöhnt waren und die in Amerika schwer gute Posten
fanden, über die dortigen Gewerkschaften fällten). »Wir müssen
die technische Moral der Arbeiter aufbauen«, heißt es weiter
in der Rede dieses alten, wahrhaft bewunderungswürdigen Textil-
arbeiters ... Die Unternehmer, auch in der Textilindustrie, seien
zuerst gegen das Mitreden der Arbeiter in Betriebsfragen gewesen,
hätten aber längst den großen Vorteil erkannt, der ihnen aus der
co-operation mit der Gewerkschaft und den shop-committees erwächst.
Diese »Union Management Co-operation« (gewerkschaftliche Mit-
arbeit an der Betriebsrationalisierung) wird auch von anderen Arbeiter-
führern berichtet, so z. B. von der Typographischen Gewerkschaft,
die mit dem Arbeitgeberverband — beide Gruppen müssen eben
zunächst organisiert sein — einen Joint Conference Council (ge-
meinsamen Beratungsausschuß) gebildet haben, dem je vier Unter-
nehmer- und Arbeitervertreter angehören, welche acht Männer »sich
um denselben Tisch versammeln und frei, ohne Haß und Leiden-
schaft« die vielen Probleme diskutieren, an denen beide Gruppen
»existenzinteressiert« sind; daraus hat sich ein goodwill gebildet, die
Achtung vor der Meinung des andern. Hauptaufgabe ist auch hier:
Verbesserungen der Betriebe, Beseitigung von Verlustquellen, außerdem
ein Tarifvertrag, ein Schiedsgericht u. ä. Die Lösung einer schwierigen
Aufgabe gelang dem Komitee auf friedlichem Wege: nach dem
Kriege waren viele Betriebe »überausgestattet« mit Maschinen und
Personal — man beschloß einstimmig (1919), die Arbeitswoche von
48 auf 44 Stunden zu verkürzen. — Auch Vertreter der großen
Eisenbahnunternehmungen konnten über erfolgreiche co-operation
im Interesse der Rationalisierung der Betriebe Mitteilung machen.
Leitung und Angestellte haben sich geeinigt, systematisch an der
Beseitigung der Verlustquellen zu arbeiten und dadurch ihre gegen-
seitigen Interessen zu fördern. »Nur durch planvolle Zusammenarbeit
können die Arbeiter den gebührenden Anteil am gemeinsamen Produkt
von Kapital und Arbeit erhalten«, »der Geist des Streiks, des Auf-
ruhrs ist ansteckend — aber auch das Recht und anständiges Handeln
sind ansteckend und hoffentlich auf die Dauer mehr als die ent-
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gegengesetzten Dinge«; »die Zeit wird kommen, da die verlust-
bringenden, unsinnigen Kämpfe und Methoden, industrielle Fragen
zu erledigen, verschwinden und die Vernunft zur Herrschaft gelangt«.
Die Eisenbahnverwaltungen berichten über die großen Erfolge der
xooperativen Rationalisierung; sie erzählen von den zahlreichen,
verwertbaren suggestions, die von den Angestellten zur Beseitigung
von Verlustquellen, zur Ersparung von Arbeit und Zeit, zur Qualitäts-
steigerung der Leistungen u. ä. erstattet wurden. (Bei der Baltimore
&amp; Ohio Railroad z. B. sind 18.000 suggestions gemacht, davon 16.000
gebraucht worden.) Von einem begeisterten Redner wird die ge-
werkschaftliche Mitarbeit an der Rationalisierung (Union Management
Co-operation) so sehr gerühmt, daß sie die Arbeiterbewegung Amerikas
zu der most farsighted (der weitestblickenden) in der Welt stempelt;
der Mann hat wahrlich nicht so unrecht. Wiederholt nehmen Ge-
werkschaftsvertreter gegen Streiks — als eine der größten »Ver-
lustquellen« in der Industrie — Stellung, welche Gefahr wenigstens
möglichst zu verringern sei. Ebenso wird die möglichste Ver-
minderung der Zahl der Unfälle gefordert, deren Kosten den
einzelnen und die Allgemeinheit belasten, Einläßlich befaßten
sich Gewerkschaftler und Unternehmer mit der Bekämpfung der
Arbeitslosigkeit, deren Eintritt im Gefolge von Rationalisierungs-
maßregeln möglichst zu minimisieren und jedenfalls irgendwie zu
kompensieren sei (Notstandsarbeiten, Umleitung zu anderen Beschäfti-
gungen, Fürsorge); am vorteilhaftesten aber sei es, wenn die Ratio-
nalisierung auch zur Stabilität der Beschäftigung führe und dazu
djenützt werde. Allerdings wirken, wie der Präsident der Taylor
Society ausführte, auf die Arbeitslosigkeit vielerlei Ursachen ein,
auch solche internationaler Natur, auf die das Inland wenig Einfluß
nehmen kann. Aber die Erforschung all dieser Fragen ist von
größter Wichtigkeit (wird doch die Arbeitslosigkeit als die wichtigste
individuelle »Verlustquelle« bezeichnet) und es bestehen schon Lehr-
kanzeln für Arbeitslosigkeit an den größeren Universitäten sowie
an den Handels- und Gewerbeschulen. Als besondere Abhilfsmittel
schlug dieser Redner vor: eine gewährleistete Zahl von Arbeitswochen
im Jahre und eine wirksame Art der Versicherung.

Von einem Betriebsingenieur wurden die vier Hauptforderungen
rationeller Arbeitsgestaltung erläutert: equity — safety — interest —
economy (billige Rücksichtnahme — Sicherheit — Interesse — Spar-
samkeit); der große Schaden, der darin lag, daß die Arbeiter im
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19. Jahrhundert den Betrieben völlig entfremdet wurden, ‚müsse wett-
gemacht werden durch aktive Mitarbeit der Arbeiter (der Gewerk:
schaften) an der Betriebsführung und den Studien zu ihrer Ver-
besserung. Der Redner schildert aus eigener Erfahrung die erste
Periode der »Naivität« der Rationalisierung, wo ein betriebs-
fremder Mann mit der Stoppuhr Messungen an den Arbeitern vor-
nahm, sie über dies und jenes theoretisch befragte und ihnen dann
eine. andere Drehbank oder ein anderes Schneidewerkzeug zum
Gebrauch zuwies. »Mir war, als ob die Substanz des Betriebes
plötzlich in Luft aufgelöst wäre«, »als ob ich wie ein Mannequin,
wie in einem Puppentheater, behandelt würde.« »Ich blieb nur mit
halbem Herzen bei der Arbeit, noch einige. Wochen; auch der Bonus
reizte mich nicht und ich trat aus, sobald ich ein anderes Unternehmen
fand, wo ich zwar weniger Lohn, aber volle Freiheit hatte,« Arbeits-
psychologisch sehr interessante Bekenntnisse. Woher diese Unzu-
iriedenheit mit den Direktiven aus dem planing bureau? Weil früher
Anforderungen an die Intelligenz des Arbeiters gestellt und damit
sein Interesse geweckt wurde, während er jetzt der Möglichkeit
und auch der Notwendigkeit beraubt war, seinen eigenen Witz
zu üben.
Jene frühere »Scientific management« war durchaus unangebracht,
was aber nur in einer ungesunden Anfängerschaft begründet lag.
Und es bedurfte 15 Jahre Beobachtung, Versuche und Nachdenken,
vis die richtige Methode, das ist die der co-operation, der Gemein-
schaftsarbeit mit den Arbeitern gefunden war (Dr. Person, Direktor
der Taylor Society). Die neue Methode berücksichtigt die Indi-
vidualität des Arbeiters, seine subjektive Einstellung zum Betriebe
wird nicht übersehen, sondern erhalten, ja gefördert. Jener Betriebs-
ingenieur tritt für eine Einrichtung ein, die noch über die shops
committees hinausgeht, für joint job analysis committees
(Komitees für gemeinsame Betriebsanalyse), denen Vertreter der
Unternehmer (Leitung), der Arbeiter und technische Fachleute an-
gehören, wie solche Ausschüsse schon in vielen fortschrittlichen
Betrieben bestehen. Auch der bekannte englische Sozialpolitiker
Sidney Webb (in The Works Manager To-day 1926) tritt für
solche gemischte gemeinsame Rationalisierungsausschüsse ein, ohne
eine feste Regel dafür zu empfehlen; das Wesentliche sei: paritätische
Vertretung von Leitung und Belegschaft, (Die mitteleuropäischen
»Betriebsräte« genügen also, dieser Forderung nicht;. es müßten
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        159

wohl aus Vertretern der Leitung und der Arbeiterschaft eigene
gemeinsame Ausschüsse für Rationalisierung gebildet werden;
außerdem könnten die Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände
solche Ausschüsse für den gesamten Industriezweig gründen.) Auf-
gaben der Betriebsausschüsse in Amerika und England sind in erster
Linie: Gewinnung von Kenntnissen, wie ein bestimmter Betrieb am
besten gestaltet werden könne (Ersparung an Zeit, Material und
Kraft; Sicherheit und Gesundheit der Arbeiter); zweckmäßige co-
ardination (Anordnung, Reihung) und Gebrauch von Material, Werk-
zeugen, Maschinen; beste mechanische Ausrüstung der Arbeitsräume;
Verbesserung der Monotonie und Ermüdung, etwa durch Arbeits-
wechsel u. a. m. Der gemeinsame Betriebsausschuß nimmt selbst-
verständlich alle auf seine Aufgaben bezüglichen Suggestions jedes
Arbeiters entgegen und prüft sie sorgfältig, belohnt sie in mate-
rieller und honoreller Hinsicht. Hier zeigt sich deutlich die neue
Verantwortlichkeit der Arbeiterbewegung und der Gewerk-
schaften, the new spirit of industry (der neue Geist in der Industrie),
u. zw. auf beiden Seiten, der auch in Mitteleuropa nottäte. Jeder
Leser möge diesen Geist in seiner Berufsphäre verbreiten, für ihn
werben! — In der hier besprochenen Konferenz wurde keine Gruppe
der Klasse angeklagt, sondern nur Kritik an veralteten Betriebs-
methoden geübt und dafür bessere empfohlen. »In der Industrie gibt
es keine Erzengel, sagte ein Redner, weder unter den Unternehmern
noch unter den Arbeitern«, aber belehrbar seien sie schließlich doch
und besserer Arbeit fähig.

Solche leitende Gedanken trug auch einer der führenden Volks-
wirte Amerikas, Irving Fisher, in der Konferenz vor (in Europa
befassen sich die Volkswirte noch wenig mit diesen so wichtigen
Fragen der »sozialen Rationalisierung«). Fisher begann mit der Fest-
stellung, daß die Meinung sich geändert habe, als ob der Ertrag
eine begrenzte Größe sei (man vergleiche z. B. die Lohnfondstheorie)
oder als ob der Bedarf begrenzt sei (vgl. oben das über die Hand-
weber versus mechanischen Webstuhl Gesagte). Die Gewerkschafts-
kommission habe 1925 ‘den richtigen Gedanken erfaßt: Wir ver-
langen die Beseitigung der Verlustquellen in der Produktion und
wollen ‚daran mitarbeiten, damit die Verkaufspreise niedriger und
die Löhne trotzdem höher werden können. Die Ermäßigung der
Preise bedeute übrigens auch ’schon eine Erhöhung der (Real-) Löhne.
Diese einfache Wahrheit sei deshalb so schwer zu begreifen, weil
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sie durch die Vielfalt unserer Zivilisation verdunkelt wird und viele
kaum weiter als bis zu ihrer Nasenspitze sehen können. Die arbeit-
sparenden Maschinen seien die besten Freunde der Arbeiter in ihrer
Gesamtheit; der Arbeiter in Amerika habe einen höheren Reallohn
als der englische, weil er zwei- bis fünfmal so viel Pferdekräfte mehr
Helfer in der Produktion hat. Professor Moore habe erwiesen, daß
die Löhne steigen und fallen wie die Produktivität steigt oder fällt.
Wohl werden durch die Maschinen einige Arbeiter frei, aber nur
"ür kurze Zeit, weil billigerer Absatz wieder mehr Produktion be-
wirke; würden Arbeit und Kapital nicht mehr feilschen über die
Verteilung des augenblicklichen Ertrages, sondern darüber beraten,
wie dieser Ertrag vermehrt werden kann, so wären beide Teile viel
besser daran (Taylor). Fisher polemisiert dann gegen die Ansicht,
daß, wenn die vermehrte Produktivität die Preise senkt, dies ein
Nachteil für die Produzenten sei, zumal wenn ohnehin, nach deren
Ansicht, zu viel produziert werde; diese Produzenten müßten trachten,
so billig zu produzieren, daß sie trotzdem bestehen könnten, sonst
müßten einige von ihnen ausscheiden, denn das Interesse der Käufer
sei das wichtigere; es sei ein volkswirtschaftlicher Schaden, wenn
Produzenten künstlich Knappheit erzeugen und Schutz gegen Wett-
bewerb suchen.

Zum Schlusse faßte Präsident Green die Ergebnisse der Kon-
ierenz zusammen, wobei er einen wahrhaft großzügigen, die wirt-
schaftlichen und sozialen Probleme der Rationalisierung meisternden
Geist bekundete. »Zeit und Erfahrung haben eine neue Vorstellung
von den Lebensproblemen der Industrie entwickelt.« »Unser Stand-
unkt bezüglich der Wirkung der industriellen Prozesse auf die
Wohlfahrt aller an der Industrie Beteiligten ist revolutionär geändert. «
;»Die Trennungslinie zwischen den einzelnen Gruppen in der
Industrie kann nicht mehr gezogen werden, die Interessen aller
Gruppen sind unentwirrbar ineinanderverwoben.« Die »Antreiberei«
‘driving) sei als unwissenschaftlich erkannt, der erfolgreiche Unter-
aehmer führe die Arbeiter dazu, dem Betriebe ihr Bestes frei und
zerne zu geben. Die Arbeiter begriffen, daß hohe Löhne von dem
Grade ihrer Wirksamkeit (efficiency) abhängen und von der kollek-
tiven Produktivität aller; die moderne Industrie erfordere eine plan-
volle Führung usw. Früher habe die Leitung autokratisch Löhne, Zeit,
Arbeitsbedingungen festgesetzt, was für die Arbeiter ungerecht war,
die eine gemeinsame Tätigkeit (mit der Leitung) in bezug auf die
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Betriebsfragen verlangten und auch erreichten. »Den starken un-
sichtbaren Kräften, dem Denken und Fühlen des arbeitenden Teiles
unseres Volkes, woraus Anregungen und Fortschritt kommen, mußte
Gelegenheit geboten werden, neben der physischen Arbeitsleistung
zur Geltung zu kommen.« Aus dieser co-ordination aller Kräfte
des Arbeiters folge erst die Bestleistung im Betriebe. Green besprach
hierauf nochmals die drei Hauptfälle der Verlustquellen: die ma-
teriellen, die menschlichen (human) und die geistigen (spiri-
tual) Verluste, deren Beseitigung das oberste Gebot der Rationali-
sierung sei. Von den menschlichen Verlusten seien zu eliminieren:
Unfälle, Krankheiten und Arbeitslosigkeit. Er fordert hier unter
anderem die allgemeine Anwendung des erprobten Systems des
»rock-dusting« (Steinstaub) zur Verhütung von Kohlenstaubexplo-
sionen in Bergwerken (welches System in Preußen schon mit Ver-
ordnung vom 21. September 1921 eingeführt wurde). Er schildert dann
die physischen Leiden, die Angst und seelischen Qualen der Arbeiter,
ihrer Frauen und Kinder, die »Opfer der industriellen Tragödie«
der Arbeitslosigkeit werden; alle erdenklichen praktischen Mittel und
Methoden sind anzuwenden, um das Leben des Arbeiters zu schützen
und ihm Arbeit zu verschaffen. (Stabilisierung der Beschäftigung,
gesetzliche Fürsorge u. a.) Die »spirituellen« Verluste, die nicht
in Geld auszudrücken sind, erblickt Green in dem Mangel des
Rechtes und der Koalition, im Mangel einer hohen Arbeitsethik und
jenes »Geistes, der vom Eifer und von der Begeisterung für den
Dienst inspiriert ist«. Die Leitung müsse diesen Geist ermutigen,
aneifern, durch Zahlung entsprechender Löhne, durch Schaffung von
Gelegenheiten zur Erholung und Unterhaltung und durch Beratung
mit den Arbeitern. Autokratische Leitung lasse diesen unersetzlichen
Geist nie aufkommen, vernichte das Arbeitsethos und das Interesse
der Arbeiter am Betriebe. Auch die bloß patriarchalische Methode
(paternalistic way) habe sich als nicht genügend wirksam erwiesen,
die sittlich-geistigen Kräfte der Arbeiter zur Bestleistung zu bringen.
Green erinnerte schließlich, wie schon andere Redner daran, daß
Europa darangeht, die amerikanischen Rationalisierungsmethoden
einzuführen, und rief aus: »Unsere Nation kann ihre industrielle
Suprematie unter allen Völkern der Erde nur behaupten, wenn
sie diese geistigen und moralischen Werte entwickelt und fördert,
die so unendlich viel zur Erfolgwirkung (efficiency) der amerikani-
schen Arbeiter beiträgt.« Wahre und sozial gedachte Worte! Wenn
Kobatsch, Wirtschaftlichkeitslehre.
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auch nichts anderes von der Rationalisierung als dieser Geist in den
europäischen Betrieben herrschend wird, dann wird es hier mit der
Wirtschaft vorangehen; Unternehmer und Arbeiter, vor allem die
beiderseitigen Führer, sollten daher endlich umlernen, denn dieser
Geist des sozialen Solidarismus ist nicht wie manch andere Mittel
der Rationalisierung an spezifisch amerikanische Voraussetzungen
gebunden, sondern kann auch in kleinen Wirtschaftsgebieten, auch
in kleineren Betrieben durchaus mit Erfolg angewendet werden. .

Gewinn- und Kapitalsbeteiligung.

Nun gibt uns Amerika, in geringerem Maße aber auch England
und Frankreich, noch ein. Mittel der »sozialen Rationalisierung« an
die Hand: die Gewinn- und Kapitalsbeteiligung der Arbeiter
und Angestellten, eine Einrichtung, die in Mitteleuropa noch viel zu
wenig Beachtung findet und wie wenig andere geeignet ist, sozial-
osychologisch äußerst günstig zu wirken. In England gibt es seit
langem eine eigene Co-partnership-Society, in Frankreich noch länger
aäine »Societ&amp; pour la participation aux benefices«; beide Vereine
zeben Monatsschriften heraus, studieren das Problem im In- und
Auslande, empfehlen es den eigenen Unternehmungen, . hüten sich
aber, irgend einen äußeren Zwang vorzuschlagen. In England war
die eine. oder andere Art der Co-partnership 1926 in rund 300 Be-
‚rieben mit rund 400.000 Arbeitern. (etwa 8 Prozent der Arbeiter-
schaft) eingeführt.

{n Frankreich wurde 1917 ein Gesetz geschaffen, welches die
Aktiengesellschaften ermächtigt, eine Gewinnbeteiligung in Verbindung
mit der Ausgabe von Arbeiteraktien (actions de travail) zu schaffen;
im Motivenberichte dieses Gesetzes heißt es, daß die Arbeiter ein
»benso notwendiger Produktionsfaktor seien. wie das Kapital, daher
auch einen Anteil an dem Ertrage des Unternehmens erhalten sollen.
Die Arbeiteraktionäre werden in eine Association zusammenge-
schlossen, die Aktien unentgeltlich ausgegeben (was wir für einen
sozialpsychologischen Fehler halten), lauten auf Namen und sind
nicht übertragbar (ebenfalls ein Fehler). Die Arbeiter sollten die Aktien
kaufen können, allerdings etwas unter pari unter dem Kurse, sich
nicht als »Beschenkte« fühlen (patriarchalisches Prinzip!) und über
die Aktien frei verfügen können; höchstens wäre ein Rückkaufrecht
der Gesellschaft zuzulassen. Daß die Arbeiteraktionäre eine Ver-
tiretung‘ in den Verwaltungsrat wählen, ist recht und billig, übrigens
        <pb n="172" />
        163

ist dieses Recht in den (früher erwähnten) Betriebsrätegesetzen
Österreichs usw. ohnehin enthalten, bedürfte aber seiner wirtschaftlichen
Fundamentierung und Ergänzung durch den Aktienbesitz. Ein Fehler
des französischen Gesetzes ist weiters, daß die Arbeiter am Gewinne
erst teilnehmen, wenn die Kapitalsaktionäre einen bestimmten Zins
Dividende) erhielten; alle Aktionäre sollten gleich behandelt werden,
ja die Arbeiteraktionäre könnten sogar »Vorzugsaktien« (preferred
shares, wie sie einige Betriebe in England kennen) erhalten, mit
einer bestimmten, bescheidenen Verzinsung. Bis 1926 hatten etwa
200 Aktiengesellschaften von dem hier besprochenen Gesetz Ge-
brauch gemacht. Ein anderes Gesetz regelt im besonderen die
Arbeiteraktien bei Eisenbahnunternehmungen.

In Deutschland gab und gibt es einzelne Fälle der Gewinn- und
auch der Kapitalsbeteiligung, so bei der Ilseder Hütte, bei der
Schultheiß-Brauerei; eine besondere Art dieser Institution führten die
optischen Zeiß-Werke (Jena) ein. Auch die Krupp-Aktiengesellschaft
(Essen) hatte Arbeiteraktien (Vorzugsaktien mit 6 Prozent Dividende)
geschaffen, diese Einrichtung, unter den Wirkungen der Ruhr-
vesetzung, leider vorläufig wieder außer Geltung gesetzt.

In England vertritt Sir A. Mond folgendes System: Jeder Arbeiter
kann Stammaktien seiner Werke (Imperial Chemical Industries, zu
21/2 Shilling unter dem Marktpreise beziehen; allen Arbeitern mit
200 Pfund Sterling oder weniger Bezügen im Jahre wird für vier
Aktien eine Gratisaktie gegeben, doch je ein Arbeiter und Jahr nur
bis zu einem Höchstbetrage. Die Aktien können auch in Raten ge-
kauft werden, im Todesfalle des Erwerbers erhalten seine Erben
die Aktien ohne jede Restzahlung. Die Arbeiter sollen mit ihren
Aktien nicht spekulieren; in dieser Hinsicht besteht zwar kein Verbot,
wohl aber kann die Zuteilung weiterer Aktien an Arbeiter ver-
weigert werden, wenn sie davon nicht den richtigen Gebrauch
machen. Wenn die »Frankfurter Zeitung« (September 1927) diese
Bonusse (2!/, Shilling unter dem Kurs, Gratisaktie) als »eine kleine
Versicherungsprämie« der Unternehmer gegen Störung des sozialen
Friedens, klein im Vergleiche mit dem Kapitalsgewinn, etwa bei
Bildung eines Trusts, tadelt, so beweist dies nur die Verkennung
der Tendenz und Natur dieser Einrichtung: der Arbeiter kann eben
nicht »Großaktionär« werden; der Aktienbesitz verleiht dem Arbeiter
Interesse am Unternehmen, er fühlt sich als Mitunternehmer und
wird aus der trostlosen Sphäre des bloßen Lohnempfängers heraus-
        <pb n="173" />
        64
gehöbeh;‘ Mond bildete dann eine Art Betriebsrat (works council)
ür jedes Werk des Konzerns, der aber paritätisch von der Leitung
und der Belegschaft beschickt wird und sich’ mit allen‘ Arbeitsfragern
4es Betriebes zu befassen hat (s. oben); allen einzelnen councils
sind ini einem General Works Council vereinigt.! |

Zu ganz gewaltiger Entwicklung ist aber die Kapitalsbeteiligung
der Arbeiter und Angestellten in Amerika gelangt. Ich habe selten ein
Büch mit mehr Interesse gelesen als die Broschüre »Every worker
a Capitälist« (Jeder Arbeiter ein Kapitalsbesitzer), die 1926 der
Präsident der großen Bell Telephone-Gesellschaft, D. F. Houston,
herausgab. Ein Ziel, dem die Industrie sich beständig nähert, ist die
Überleitung der Kontrolle der großen Gesellschaften aus der Hand
»iner kleinen Gruppe in die der Armee der Beschäftigten (toilers).
Höuston stellt‘ fest, daß die Zahl der Gesellschaften (auf Aktien)
ständig zunimmt, daß etwa 90 Prozent der Unternehmungen in der
[ndustrie und der; öffentlichen . Dienste (Verkehr u. ä.) schon
Gesellschaften sind. Die Öffentlichkeit hege jetzt viel weniger Miß-
trauen gegen die großen Gesellschaften, weil es einerseits eigene
Kontrollgesellschaften gibt, welche die groben Mißbräuche von
früher ausgemerzt haben und man von der Rationalität der Produktion
im großen überzeugt ist, weil aber anderseits das Eigentum an
diesen Unternehmungen sich gründlich geändert hat. Früher waren
sie von brutalen »business men« in geringer Zahl beherrscht, jetzt
yehört ein namhafter Teil der Aktien den Arbeitern und den Käufern
4es Betriebes. Zum Beispiel hatte die Standard Oil Cy. (New Yersey)
1911 nur 6078 Aktionäre (share-holders) und acht Personen besaßen
30 Prozent der Aktien; jetzt gibt es über 300.000 Aktionäre, wovon
der vierte Teil auf Angestellte entfällt. Die großen Meat trusts
und Packing houses (Fleischgewinnungsfabriken in Chicago) waren
früher Familienbesitz, jetzt zählt man bei Armour 77.000 Eigner,
von denen 70.000 nur 1 bis 24 Aktien, 5248 25 bis 49 Aktien be-
sitzen; in der Swift Cy. gibt es 46.751 Eigner, in beiden Gesell
schaften sind 55.000 Angestellte Aktionäre. Die U. St. Steel Corporation
satte 1902 im ganzen 43.019, 1924 dagegen 139.000 Aktionäre,
jarunter rund 50.000 Angestellte; ähnlich verhält es sich mit dem
zroßen Bethlehem-Stahlwerk. 18 große Eisenbahnlinien zählten 1900

ı Das schon angeführte wirtschaftspolitische Programm der liberalen Partei
Englands fordert die compulsory (d. h. obligatorische) Einführung des Profit-
;haring‘ in allen Betrieben mit mehr als 50 Beschäftigten.
        <pb n="174" />
        165

nur 110.965, 1923 schon 602.000 Aktionäre, davon waren 60 Prozent
Angestellte, Bei 56 Elektrizitätsgesellschaften waren rund 40 Prozent
des Personals im Besitze von Aktien des Unternehmens, der durch-
schnittliche Besitz eines Aktionärs waren fünf Stück. Die Bell-
Telegraphen- und Telephonbetriebe hatten 1875 nur 1382 Aktionäre
mit durchschnittlich je 244 Aktien im Besitze, 1923 gab es
26.376 Aktionäre mit einem durchschnittlichen Besitz von 38 Stücken.
Sehr stark sind die Aktien auch unter den Angestellten der Ver-
sicherungsgesellschaften verbreitet, ebenso verhält es sich mit den
Detailhandelsgesellschaften u. a. m. Houston führt außerdem zur Er-
weisung des »demokratischen Wohlstandes« des Volkes. an, daß
11.Millionen Familien (= etwa 30 bis 40 Millionen: Menschen) im
aigenen Hause wohnten, daß 21 Milliarden Dollar Spareinlagen (von
36 Millionen Einlegern) gezählt wurden, daß 72 Prozent des be-
bauten Bodens im Besitze von 3!/ Millionen kleiner Farmer ist (in
Frankreich 53 Prozent, in England 10 Prozent). Die Volksbanken
haben 150 Millionen Dollar investiertes Kapital u.a. m. Von den
Dividenden der Aktiengesellschaften entfielen auf Aktionäre mit.einem
jährlichen Einkommen zwischen 1000 und 5000 Dollar 1917 erst
95 Prozent, 1922 schon 18:4 Prozent, 1926 schon 25 Prozent; die
Gesamtzahl der Aktienbesitzer war 1900 erst 44, 1920 schon 144
und 1926 sogar 30 Millionen. Und ein Beobachter fragte: Kaufen
lie Arbeiter den Kapitalismus, indem sie die Kapitalisten auskaufen?

In der Ford-Fabrik in Trefford Park, Manchester, England, ist
nicht nur die Gewinnbeteiligung der Arbeiter eingeführt, sondern
auch ihre volle Mitbestimmung. »Die Industrie, die diesen Weg geht,
beschäftigt nicht ,Taglöhner‘, sondern Menschen, zielbewußt, begeistert,
die die Beachtung der Werkleitung finden« .(Ford). »Wir bauen nicht
ıur Motor-Cars, sondern fördern auch die Menschen und ihr Werk.«

Professor Carver stellt fest, daß in den Vereinigten Staaten das
Eigentum an den Betrieben und dem Material viel rascher in die
Hände der Arbeiter übergeht als sonstwo, u. zw. ohne jeden Re-
f/ormator, sondern weil die Arbeiter dank der wirtschaftlichen Ent-
wicklung das nötige Geld in der Hand haben, um Besitzer der
Betriebe zu werden, wo sie arbeiten. »Unsere Wirtschaftspolitik hat
zin viel rationelleres Programm angenommen als die irgend eines
Landes, weil es uns gelungen ist, viel mehr Wohlstand unter allen
Klassen der Gesellschaft zu verbreiten.« Diese Demokratisierung der
Industrie sei aber erst in den Anfängen, entwickle sich aber von
        <pb n="175" />
        ‚66
Tag zu Tag rascher, weil die Unternehmungen daran sind, ihr
Personal und ihre Käuferschaft an ihren Betrieben zu interessieren.
Den Unternehmungen wurde derart eine Solide finanzielle Basis
gesichert und die Kapitalsbeschaffung immer mehr erleichtert; der
Aktienerwerb sei stets mehr begünstigt. »Die Millionen amerikanischer
Männer und Frauen, die in Arbeit stehen, werden auch Eigentümer der
nationalen Industrie werden.« Das ist friedliche Sozialisierung,
ahne jedes Gesetz und ohne Politik; das gibt aber auch Bürg-
schaften gegen ungünstige soziale Erscheinungen, falls einmal eine
Krise eintreten sollte.

Wo viel Licht, ist auch viel Schatten. Jene europäischen Volks-
wirte, die mit süßsaurer Miene über die Eigentümlichkeiten des ameri-
zanischen Wirtschaftslebens urteilen und ihm ärgere soziale Kämpfe
orophezeien als je in Europa vorkamen, sind dann auch mit einer
Reihe von Argumenten gegen die Gewinn- und Kapitalsbetei-
tigung auf den Plan getreten. Daß die (älteren) Lehrbücher der
Nationalökonomie (von Schmoller, Philippovich, Gide u. a.) diese
Einrichtung nur sehr nebenher und nicht immer günstig beurteilten,
darf nicht wundernehmen. — Die Zeiten und in ihnen die Sitten
und Anschauungen haben sich aber gründlich geändert. Deutlich
erhellt dies z. B. aus dem Einwande Schmollers, daß mit der Ge-
winnbeteiligung der Arbeiter diese auch das Mitbestimmungsrecht
verlangen würden; und Philippovich glaubte noch, daß diesesInstitut
auf wenige Betriebsarten, u. zw. auf solche beschränkt bleiben müsse,
wo besonders qualifizierte Hilfskräfte arbeiten. Immerhin erkennt
Schmoller an, daß eine Aktiengesellschaft mit Gewinnbeteiligung
ieichter zu leiten ist als eine Produktivgenossenschaft, mit der sie
Ähnlichkeit habe. Warm tritt der Franzose Gide für die Gewinn-
beteiligung ein: sie hebt die Würde des Arbeiters, steigert die Pro-
duktivität der Arbeit, erhöht das Einkommen des Arbeiters, verringert
lie Gefahr der Arbeitslosigkeit und verbessert die Beziehungen
zwischen Unternehmer und Arbeitern — also in nuce schon 'die
Erkenntnis des Wesens der »sozialen Rationalisierung «.

An Einwänden gegen die Beteiligung, wie sie in neuerer Zeit
z. B. von dem Schweizer Wirtschaftspolitiker Dr. Tschumi u. a.
vorgebracht wurden, sind die folgenden zu besprechen.

Der durchschnittliche Arbeiter wird, trotzdem er Werksaktien
sesitzt, dorthin gehen, wo höherer Lohn oder bessere Arbeit winkt,
also doch kein nachhaltiges Interesse am Betriebe nehmen; denn
        <pb n="176" />
        167

die Dividende erhält er erst nach einem halben oder einem Jahre,
den höheren Lohn sofort. Aber es gibt jetzt fast überall kollektiv-
vertraglich festgesetzte Durchschnitts- oder Mindestlöhne, außerdem
äinen gewerkschaftlich kontrollierten Arbeitsnachweis, So daß Arbeits-
wechsel nicht so leicht ist.

Der Aktienbesitz müßte so hoch sein, daß er ein Gegengewicht gegen
Veränderungen in der technischen Arbeitoder im Einkommen bildet. Das
ist allerdings finanziell nicht möglich, aber auch gar nicht notwendig.
Die Dividende solldurchaus kein »Lohnzuschuß«, keine neue Art von
»Prämie« sein. Aktienerwerb und Höhe der Dividende sind eine Funktion
der Güte der Arbeitsleistung und — der Leitung, also des Ertrages.

Die durch die Aktien angestrebte höhere Leistung läßt sich auch
durch Prämien, gleitende Löhne u. ä. erreichen. Das ist aber sozial-
psychologisch doch nicht dasselbe. Die Prämie wird als zu starke
Anspannung der Arbeitskraft kritisiert; Arbeitsfreude, Interesse am Be-
ıriebe werden durch Aktienbesitz weit mehr und unmittelbarer erweckt.

Wie verhält es sich mit der Arbeiteraktie in Zeiten der De-
pression oder wenn Verluste eintreten? Erhält der Arbeiter auch
dann eine (Mindest-) Dividende, so kann das zur Aufzehrung des
Kapitals führen. Diese Frage wird in den verschiedenen Fällen
auch verschieden zu beantworten sein. Ist der Minderertrag nur
eine vorübergehende Erscheinung, ist reichliches Kapital vorhanden,
30 ist es wohl möglich, dem Arbeiter eine Mindestdividende, ohne
jeden Schaden für den Betrieb, auszuschütten. Ist die Depression
von längerer Dauer, ist wenig Kapital bereit, so wird auch der
Arbeiter keine oder bestenfalls eine verkürzte Dividende erhalten.
Sein Verlust ist übrigens nicht allzu groß. Aber es liegt im Wesen
der Kapitalsbeteiligung, daß auch der Arbeiter voll und ganz als
Teilunternehmer behandelt werde und sich fühle, also wie am
Gewinne so auch am Verluste teilnehme.

Die Arbeiteraktionäre werden, namentlich in ihrer großen Masse,
wenig Einfluß auf die Geschäftsführung, in der Generalversammlung
usw. ausüben können. Dieses Los teilen sie nur mit allen Klein-
aktionären. Immerhin haben sie eine Vertretung in der Verwaltung
und können auch sonst in Fragen der Betriebsführung mitreden — das
ist ja der rationalisierungspolitische Zweck der Einrichtung. Die Klein-
aktionäre werden sich eben zu organisieren haben, um ihre (finanziellen)
Interessen besser zur Vertretung zu bringen; gegebenenfalls sind die
Schutzbestimmungen des Aktienrechtes zu verschärfen.
        <pb n="177" />
        ‚68

Es ist ein erfreuliches Zeichen wachsender sozialer Einsicht
auch in Österreich, daß vor kurzem zwei Vorschläge zur Gewinn-
und :Kapitalsbeteiligung der Arbeit- und Dienstnehmer erstattet
wurden. Ein Vorschlag stammt von dem Organisationsfachmanne
Johann Grimeisen (in »Volkswohl«, November 1927), der, im
Gegensatze zu Amerika, unseren andersgearteten Verhältnissen ent-
sprechend, keine »Arbeiteraktien«, sondern kleine, verlosbare Genuß-
scheine empfiehlt, die den Charakter von Industrieobligationen
hätten und mit hypothekarischer Sicherstellung auszustatten wären.
Den zweiten Vorschlag machte Rechtsanwalt Dr. Max Neuda (in
sinem an den Verfasser gerichteten Schreiben), der davon ausgeht,
daß zwar die bestehenden Gesetze die Ausgabe solcher Arbeiter-
prioritäten (Obligationen) zulassen (allerdings mit staatlicher Ge-
nehmigung), daß aber zum Anreize ein eigenes Gesetz über
diesen Gegenstand geschaffen werden söllte, welches einfach und
klar verfaßt, Verzinsung, Laufzeit, Sicherstellung und Übertragbarkeit
dieser Obligationen, ferner das Recht ihrer Inhaber (oder ihres Aus-
schusses) auf Büchereinsicht und Rechnungsprüfung, aber auch
ihren Einfluß auf die Gebarung zu regeln hätte, um z. B. zu ver-
hindern, daß die Angestellten hilflos einer frivolen Verwirtschaftung
des Unternehmens zusehen müssen. Besonders wertvoll wäre es,
wenn die für die Angestelltenbeteiligung ausgeworfenen Mittel der
Gesellschaft bei der Bemessung der Körperschaäftssteuer in Ab-
zug gebracht und die Abfertigung von derart beteiligten An-
gestellten entfallen würde, die eben durch die Realisierung der
Obligationen entschädigt werden könnten. Wie immer man das
neue Institut konstruiert, wesentlich daran ist, daß der beteiligte
Angestellte (Arbeiter) gewöhnt wird, sich als Mitunternehmer zu
betrachten, dadurch zu erhöhter Arbeitsfreude, zu werktätigem Inter-
asse am Betriebe erzogen und damit der gesamten Volkswirtschaft
wertvolle positive Dienste geleistet werden.

In den letzten Jahren befaßten sich zahlreiche Volkswirte und
auch Politiker in Deutschland einläßlicher mit dem Beteiligungs-
orobleme, u. zw. äußerten sie sich fast durchwegs in zustimmendem
Sinne. Wir könnten eine lange Reihe solcher Äußerungen zitieren,
so von Georg Bernhard, Direktor Guggenberg (Essen), Caledon,
Stinnes, Dr. Silverberg u. a. m. Stinnes (Weltwirtschaftszeitung 1923)
dolemisierte gegen die zwangsweise Planwirtschaft und trat ‘statt
'hrer dafür ein, daß die Arbeiter zu Teilhabern der Unternehmungen,
        <pb n="178" />
        169

atwa durch Erwerb von Kleinaktien, werden. Der Nationale Verband
jer Gewerkschaften empfahl (1920) ebenfalls die Arbeiteraktie und
schlug vor, um das Argument, die Aktie verstöße gegen die Frei-
zügigkeit, zu entkräften, Aktien einer ganzen Betriebsgruppe aus-
zugeben; aber es genügt, wenn der Arbeiter das Verkaufsrecht,
gegebenenfalls mit Voranbot an die Gesellschaft, hat; außerdem
würde dann nicht das so wertvolle Interesse des Arbeiters an
seinem Betriebe geweckt. Die christlichen Gewerkschaften und die
deutschen Gewerkschaften sind (1921) rückhaltlos für die Arbeiter-
aktie eingetreten; es wurde auch die günstige Wirkung vom Stand-
punkte der Kapitalsbildung betont und empfohlen, die Aktien auf
Namen auszustellen, um ihren Aufkauf durch die Großaktionäre zu
verhindern. Auch die deutschdemokratische Partei, bzw. Abgeordneter
Erkelenz befürwortete (1921) warm die Beteiligung. Man brauche
ein modernes Rechten- und Pflichtenverhältnis; die heutigen Besitz-
verhältnisse seien nichts Unabänderliches; die Arbeiter sollen im
Betriebe nicht bloß mitreden, sondern auch Miteigentümer werden.
Dr. Silverberg verwies (1922) zunächst auf den großen Geldbedarf
der Produktion; viele frühere Kapitalsbesitzer seien nicht mehr da
oder ihr Besitz sei stark entwertet, dagegen hätte sich das Ein-
kommen aus der Arbeit verbreitert, daher sollten diese Kreise mehr
als bisher zur Bildung von Kapital und zur Beteiligung an Unter-
nehmungen herangezogen werden. Die Kleinaktie müsse aber jeden
Charakter einer Fürsorge- oder Sparaktion wie in der früheren Zeit
vermeiden. Das Handelsgesetz biete schon jetzt die Möglichkeit der
Ausgabe von Kleinaktien, in welchem Sinne sich auch der Deutsche
Juristentag (1921) aussprach. Die Betriebsräte allein seien nicht
genügend, ja sie könnten nachteilig für den Betrieb wirken, wenn
die Arbeiter nicht auch durch Kapital am Unternehmen beteiligt,
A. h. daran auch materiell interessiert sind.

Die Wirtschaft in Europa wird in der Tat kaum eine andere
Wahl haben als zwischen dem Prinzip des sowjetistischen Ruß-
ands, dem Faszismus Italiens (der aber mit seinem Zwangscharakter
auch nicht zusagt, in socialibus übrigens — vgl. die carta di lavoro
vom 21. April 1927 — nicht Neues bringt) und der friedlichen
Sozialisierung nach entsprechend adaptiertem amerikanischem
Muster; auch die europäischen Arbeitervertreter sollten sich nicht
änger, kurzsichtig oder aus Dogmatismus, dieser Erkenntnis ver-
schließen.
        <pb n="179" />
        ‚70

Schlichtung und Schiedswesen.

Von großer Bedeutung für die »soziale Rationalisierung« waren
und sind jene Einrichtungen, welche, sei es paritätisch aus Ver-
tretern der Arbeitgeber und der Arbeiter bestellt — gerichtartige
Vermittlungs- und Schiedsinstanzen (conciliation und arbitration),
Gewerbe- und Kaufmannsgerichte —, sei es amtlich bestellte
neutrale Organe, wie z. B. der »Schlichter« in Deutschland, dazu
berufen sind, einzelne oder kollektive Arbeits- und Lohnkonflikte
ohne Kampf (Streik, Lockout) zum Austrage zu bringen. Der
Bestand dieser wertvollen Einrichtungen hat — die Streikstatistik
beweist dies — die Zahl der friedlich-schiedlich beendeten sozialen
Konflikte überall zuungunsten der »sozialen Kämpfe« gesteigert,
sie sind also gleichsam ein Mittel des sozialen Pazifismus, mithin
im hohen Grade rationell zu nennen. Nichts ist bezeichnender für
die zunehmende Einsicht in die Rationalität dieser sozialen Politik,
als die Ende 1927 begonnenen Versuche Sir A. Monds, des eng-
lischen Großindustriellen, im Einvernehmen mit den Führern der
Trade Unions zu einer paritätischen Organisation zu gelangen,
welche für die Erhaltung des sozialen Friedens zu sorgen haben
wird. Es bedarf nicht vieler Worte, um zu beweisen, wie irrationell
jeder soziale Kampf ist, welche Verluste er den einzelnen Beteiligten —
Arbeitern und Unternehmern —, aber auch der Volkswirtschaft
bringt, um wieviel vernünftiger (rationeller) daher die friedliche Aus-
:ragung sozialer Meinungsverschiedenheiten ist. Auch der Minister
a. D. Philipp Snowden von der Labour Party äußerte sich (»Neue
Freie Presse«, August 1927) in diesem Sinne. Er wendet sich ent-
schieden gegen den (General-) Streik und befürwortet die Rationali-
sierung der Austragung von Interessenkonflikten. Gar ein politisch
indizierter Generalstreik stehe völlig außerhalb der legalen Funktionen
der Trade Unions. Diese hätte die wirtschaftlichen Fragen des
Arbeitsverhältnisses so ziemlich gelöst und ließen sich daher jetzt
öfter zur Behandlung politischer Fragen drängen, seien aber nur
dazu berechtigt, ihre Forderungen auf konstitutionellem Wege (im
Parlamente) zu verfechten. Snowden befürwortet dann die Schaffung
aines Wirtschaftsparlamentes, von welchem wir im Abschnitt »öffent-
liche Rationalisierung« handeln werden.

Auch eine Reihe außerbetrieblicher Mittel gibt es, deren eine
erfolgreiche »soziale Rationalisierung« nicht entbehren kann. Da ist
        <pb n="180" />
        171

zunächst die »gesellschaftliche« Gleichstellung der Arbeiter mit
den übrigen Staatsbürgern zu nennen, wie sie besonders in Amerika
herrschend wurde und wogegen noch so manche Anschauungen
im verkasteten, traditionsbeschwerten Europa verstoßen. Weiters ist
das allgemeine gleiche Wahlrecht zu erwähnen, im Gegensatze zum
Kurien- oder Klassenwahlrecht und zu anderen Wahlrechtsprivilegien,
Dinge, welche Mißmut, Gegnerschaft in den minder berechteten
Klassen hervorrufen mußten. Auch die Klassenjustiz, die
Klassenverwaltung sollte in jeder Hinsicht vermieden werden, d. h.
die Gerechtigkeit soll weder nach rechts noch nach links schauen,
sondern ihre Binde unverrückt tragen. Aber auch ein Organi-
sationszwang (Terror) der einen oder anderen Gewerkschafts-
gruppe ist ein Vergehen gegen die wahre und freie Demokratie, ist
Intoleranz, verbittert die Gemüter und liefert dem unseligen politischen
Hader immer neuen Nährstoff.

14. Stellungnahme von Wirtschaftsführern und Politikern
zur Rationalisierung.
Es ist nicht gleichgültig, wie in einem Lande die Führer
Funktionäre) der wirtschaftlichen Organisationen (Verbänüe, Ge-
werkschaften) und der — ihnen oft ziemlich nahestehenden —
politischen Parteien über Rationalisierung, insbesondere über deren
soziale Wirkungen, denken. Je nachdem diese Personen eine
zünstigere oder weniger günstige Meinung in dieser Frage haben,
wird die Rationalisierung (aufhalten läßt sie sich nun einmal nicht,
da sie eine Voraussetzung der wirtschaftlichen Selbstbehauptung
st) rascher oder langsamer vonstatten gehen, werden die ohnehin
großen Hindernisse leichter oder nur sehr schwer zu überwinden
sein, die der Rationalisierung aus der Trägheit, dem Beharrungs-
vermögen des Bestehenden und Gewordenen ständig erwachsen.
Es ist somit wichtig, die Urteile führender Personen über die
Rationalisierung zu kennen, um notwendigenfalls schiefe Urteile
richtigstellen zu können.

Wir beginnen — Amerika braucht wohl nach dem, was z. B.
über die Konferenz der Gewerkschaften von Philadelphia und über
die Kapitalsbeteiligung gesagt wurde, hier nicht noch einmal be-
handelt zu werden — mit England. Wir verweisen zunächst auf
die an anderen Orten erwähnten Bestrebungen des Industriellen
        <pb n="181" />
        172
Sir A. Mond, eine: paritätische Organisation für die Erhaltung des
sozialen Friedens zu Schaffen, die auch als ein wertvolles Instrument
gemeinsamer Rationalisierungsarbeit gedacht ist. Diese gesunde
wirtschaftliche Mentalität findet sich nun auch auf der anderen
Seite (vgl. Frankfurter Zeitung vom 11. Oktober 1927). Mac Donald
sprach einmal von den »Sandbänken«, auf die der Sozialismus des
Kontinents geraten sei. Und der Vorsitzende des Jahreskongresses
der Labour Party (Blackpool, Oktober 1927), N. Roberts, sagte:
&gt;»Wir sind nicht für Zerstörung, sondern für eine weitumrissene
konservative Politik, deren Ziel ist: den Lebensstandard und die
Macht der Masse zu heben; der Kongreß erklärte, daß er zwar
von der Bedeutung der Nationalisierung des Bergbaues überzeugt
sei, beschloß aber im Hinblick auf die Not der Industrie eine sofort
“ealisierbare Politik: Aufhebung des Achtstundenstages, Regelung des
Arbeitsangebotes, Fusion von Zechen (also: Konzentration), Verkaufs-
agenturen (also Rationalisierung des Vertriebes), Zulassung von
Gemeinden zum Kohlenhandel. Nur die Unabhängige Arbeitspartei
geht weiter und verlangt unter anderem staatliche Röhstoffversorgung
‘man erinnere sich aber an die Fallazität der Kriegswirtschaft!), Ver-
nögensabgabe, Mindestlöhne u. ä. Aber immer klingt der Ton
durch, %in rationeller Denkweise die augenblicklichen Übel zu be-
zxämpfen und zu diesem Zwecke auch. Mittel der Rationalisierung
anzuwenden. 1
Wenden wir uns nach Deutschland. Äußerungen von Unter-
nehmerseiten wurden an anderen Orten (bei der Kapitalsbeteiligung
u. €.) zitiert. Hier zwei Gewerkschaftsstimmen. Der deutsche
Gewerkschaftsbund gab (vgl. Züricher Zeitung vom 25. Mai 1926)
eine Äußerung über die Fortschritte der amerikanischen Wirtschaft
ab: »Während in Deutschland die Jugend unterrichtet wird, wann
ınd wo vor Tausenden von Jahren die Griechen die Perser
yeschlagen haben, lernt.der Amerikaner, wie ein Haus gebaut wird,
zääne Maschine oder ein Automobil geschaffen und bedient wird«
also ein Plaidoyer für Erziehung zur Wirtschaftskenntnis und zur
Kenntnis der Technik). Und ferner: »Während der deutsche Arbeiter
ınlustig an seinem Posten steht, hilft der Amerikaner dem Fabrikanten,
' Auch der Kongreß der Trade Unions in Edinburgb, 1927, trat sehr deutlich
ür eine constructive economic policy ein, desgleichen für den Grundsatz der co-ope-
‘ation, welchen besonders Mac Donald empfahl. (Vgl. die Zeitschrift Co-partnership,
Dezember 1927.)
        <pb n="182" />
        173

Apparate ausbauen und sorgt für rationelle Arbeitsweise.«
‚Trotz des schnellen Tempos ist der amerikanische Arbeiter viel
vergnügter als der deutsche.« Jeder verläßt sich auf seine wirt-
schaftlichen Leistungen, statt die Kräfte in politischen Kämpfen
um Staatshilfe und Schulgesetze zu vergeuden; das führe zu
hoher Blüte.

Die freien Gewerkschaften Deutschlands befaßten sich im
Februar 1926 eingehend mit der. Rationalisierung und gelangten
zu folgenden Beschlüssen: Die Rationalisierung soll unter Mitwirkung
der Arbeitnehmer, etwa auch der Betriebsräte (s. oben) durch-
yeführt werden; jeder Rückschritt in der Sozialpolitik ist dabei zu
vermeiden, denn höhere Löhne und der Achtstundentag sind der
kräftigste Antrieb zur Rationalisierung, Lohnerhöhungen zwingen
ırrationell arbeitende Betriebe, zugunsten der Zusammenfassung- der
Produktionskräfte auszuscheiden; die Fortschritte in Normung und
Typisierung werden nicht vom guten Willen des Käufers, sondern
von der guten Qualität und dem niedrigen Preise bestimmt. Fast
durchwegs Anschauungen, gegen die kaum etwas Sachliches ein-
zuwenden ist.

Auf der Weltwirtschaftskonferenz (Genf, Mai 1927) sprach sich
aäin russischer Vertreter entschieden gegen die Rationalisierung aus,
weil sie — »ausschließlich auf Kosten der Arbeiter durchgeführt
wird« (Frankfurter Zeitung vom 24. Juni 1926). Aber in der russischen
»Staatsindustrie« wird sehr fleißig rationalisiert; im übrigen ist kaum
je eine SO haltlose, unwahre Behauptung geäußert worden wie die
des russischen Vertreters.

{n Österreich sind die Meinungen noch nicht völlig geklärt.
Während z. B. auf dem Metallarbeitertag (Oktober 1927) von
mehreren Rednern Klage über »Entseelung der Arbeit«, über zu
schnelles Tempo der Arbeit an den automatisierten Maschinen, über
zu große Anstrengung. der Arbeiter durch die Fließarbeit, z.B. bei
der. Glühlampenerzeugung, geführt wurde, fanden sich doch auch
Redner, die die Rationalisierung als etwas Unvermeidliches bezeich-
neten und, wie z. B. Dr. Palla,! Präsident Hueber u. a., ein genaues
(achliches Studium dieser Fragen und eine gemeinsame Beratung
derselben mit den Industriellen empfahlen. Von einer Seite wurde
1 Das von der Wiener Arbeiterkammer 1927 herausgegebene Buch über Rationali-
sierung beweist das ernste und sachliche Interesse, das auch diese Kreise für das
neue Problem bekunden.
        <pb n="183" />
        174

wieder behauptet, die Rationalisierung sei nur ein Vorwand für Lohn-
druck und Arbeiterabbau: Sie haben in allen(?) Ländern die Arbeits-
losigkeit emporgeschnellt (aus Amerika und selbst aus Deutschland
liegen gegenteilige Statistiken vor). Immerhin wurde auch von diesen
ablehnenden Referenten anerkannt, daß die Rationalisierung, die in-
folge der Inflation eingerissene »Lässigkeit« im Betriebe zu bekämpfen
und die notwendigen technischen Fortschritte rascher nachzuholen
bestimmt sei, Doch verfiel man dann wieder in den extrem ab-
weisenden Ton: durch die rationelle Betriebsorganisation werde dem
Arbeiter sein letztes an Arbeitskraft herausgepreßt, der Arbeiter werde
an die Kette gelegt u. a. (Man ersehe die arge Übertreibung dieser
Reden aus den Berichten, die oben über deutsche Arbeiter bei
Ford mitgeteilt wurden!) Doch lenkte man wieder ein; starre Ab-
jehnung, ähnlich wie seinerzeit die Maschinenstürmerei, wäre das
Unrichtigste; richtiger sei es, aus der größeren Ergiebigkeit der
Rationalisierung für die Unternehmer auch Verbesserungen für die
Arbeiter, ihrer Lebenshaltung, höheren Arbeiterschutz, bessere Betriebs-
hygiene, mehr Erholungspausen u. a. herauszuholen; es gelte, die
Lehren der Arbeitswissenschaft anzuwenden: Einverstanden!

Was übrigens jenen Vorwurf betrifft, die Rationalisierung sei nur
ain Vorwand für Lohndruck, so scheint hier, vielleicht unbeabsichtigt,
eine Verwechslung von Stücklohn und Tagesverdienst (Wochen-
lohn) vorzuliegen:! infolge der Rationalisierung kann jener sehr wohl
niedriger ausfallen, ohne daß deshalb auch dieser niedriger werden
müßte, ja er kann sehr leicht größer als früher werden. Und es ist
ebenso unrichtig, wenn behauptet wurde, in Deutschland gehe der
Lebenshaltungsindex (Reallohn) beständig herab, in gleicher Weise
wie der Lohnanteil an den Produktionskosten sinke — was steige,
sei nur die Profitrate; Rationalisierung und Konzentration seien nur
danach angetan, die Gegensätze zwischen Arbeit und Kapital zu
verstärken, zu schweren Konflikten zu führen, zumal die Unternehmer
die Arbeiter in die alte Rechtlosigkeit zurückstoßen wollen usw. (Ab-
geordneter Domes). Wir bedauern aufrichtig, daß diese Aussprüche
gefallen sind — nicht etwa deshalb, weil sie mit den tatsächlichen
Verhältnissen auf dem Gebiete der Rationalisierung in Widerspruch
i Selbst ein so sehr links stehendes Blatt wie der »Morgen« sprach davon,
daß höhere Löhne, also mehr innere Kaufkraft, notwendig sei, die aber nicht durch
Streiks und Lohnbewegungen, sondern durch Rationalisierung und technische Ver-
vollkommnung der Betriebe erreicht werden müsse.
        <pb n="184" />
        175

stehen (man vergleiche die früheren Abschnitte über »soziale Rationali-
sierung«), sondern hauptsächlich deshalb, weil aus ihnen eine mehr
politisch als gewerkschaftlich indizierte Anschauungsweise hervor-
geht, welche den für Österreich so dringend notwendigen Fortschritt
der Rationalisierung arg zu verzögern droht. Es ist aber doch zu
hoffen, daß jene maßvollen und geläuterten Anschauungen, wie sie
z. B. vom Abgeordneten Hueber (s. oben) kundgetan wurden, die
Oberhand gewinnen, daß es zu gemeinsamen Aussprachen beider
Gruppen kommen wird, um das für die Betriebe und für die Arbeiter
in gleicher Weise Nützliche herauszufinden und anzuwenden. Für
eine solche realpolitische Behandlung der Rationalisierungsfragen
traten schon Abgeordneter Streeruwitz (im Budgetausschusse am
10. November 1927), Bundeskanzler Dr. Seipel (9. November 1927)
und Abgeordneter Dr. Renner (9. November 1927) ein. Vielleicht
raffen sich unerschrockene, die Wahrheit liebende Männer in allen
Lagern auf, um, unabhängig von parteimäßiger Bindung, paritätische
Aussprachen über Rationalisierung und Arbeiterfrage herbeizuführen —
sie wären des Beifalles des überwiegenden Teiles der Bevölkerung
sicher, wahre patres patriae!

15. Öffentliche Rationalisierung.
(Rationalisierung der öffentlichen Verwaltung und des Parla-
mentarismus.)

Infandum renovare dolorem —: unermeßlichen Schmerz erneuern
heißt es, wenn man von der Rationalisierung der öffentlichen Ver-
waltung zu sprechen anhebt. Man verfällt dabei leicht in die Rolle
des Predigers in der Wüste, denn hier handelt es sich um im Inner-
sten irrationelle Materien der Reform, um Tatbestände, in denen
das irrationelle Wesen der Menschen sich gründlich auslebt,
Gefühle, Leidenschaften, Nepotismus, krankhaften Ehrgeiz, aber
auch engstirnigen Unverstand, vermutliche Weltanschauungen, und
es ist schwer, ungemein schwer, an rationelle Verbesserungen der
mannigfachen Übelstände in der Öffentlichen Verwaltung zu
schreiten. Es ist Sisyphusarbeit. Aber sie muß unternommen
werden, wenn man ‚anders Erfolge der privatwirtschaftlichen
Rationalisierung ernsthaft anstrebt, sie ist — um mit Karl Menger
zu sprechen — das komplementäre Gut der privaten Rationalisierung.
Denn was nützt diese und wer wird sich für sie noch einsetzen,
        <pb n="185" />
        ‘76

wenn die ohnehin bescheidenen Erfolge rationelleren Wirtschaftens
von dem Moloch Staat weggeschnappt und in unwirtschaftlicher
eigener Gebarung . wieder leichter Hand vergeudet werden? Dann
wäre es wahrlich besser, jeder wirtschaftete so wie bisher, schlecht
und recht, im Endeffekte bliebe seine Lage ja doch die gleiche.
Freilich, wer auf dem erhabenen Standpunkte der Kirchenväter.
ist, daß Kirche und Staat »societates perfectae« seien, oder wer,
wie z. B. Prof. O. Spann, den Staat als »Ganzheit« weit vor
allen einzelnen rangieren läßt, der wird sich gar nicht erst mit
rationeller Reform der Öffentlichen Verwaltung und des Staats-
betriebes, des Parlamentarismus abmühen — es ist ja ohnehin
alles am besten eingerichtet! Daß die Wirtschaft unter den tatsäch-
lichen Mißständen arg leidet, kann man, auch wenn man noch so
rosig färbende Brillen aufsetzt, nicht leugnen und wird am Ende
doch gezwungen sein, sein Gewissen als Abgeordneter oder Mann
der Regierung zu erforschen, ob man nicht Schuld trage an
diesem oder jenem Übel und ob man nicht als Volksbeauftragter
die heilige Pflicht habe, positiven Reformen zuzustimmen und für
ihre Durchführung tätig zu sein.

Wir schreiten daher nicht ohne jede Hoffnung an die Bespre-
chung jener Maßregeln, die in Österreich und anderswo vorge-
schlagen wurden, um auch den Staatsbetrieb in das Fahrwasser der
xationalisierung zu lenken.

Bei allen diesen Betrachtungen ist davon auszugehen, daß Staat
und Volk im Grund dasselbe sind, daß Staatswirtschaft und
Volkswirtschaft sich gegenseitig bedingen, im Guten wie im
Schlechten, daß daher keine gute Staatswirtschaft ohne gute Volks-
wirtschaft und umgekehrt denkbar ist.

In der Staatswirtschaft sind folgende Hauptthemen zu erörtern:
die ‘Verfassung, die allgemeine Verwaltung, die Finanzverwaltung
ınd- die parlamentarischen: Vertretungskörper.

Im Hinblick auf die Verfassung ist es von selbst einleuchtend,
jaß eine möglichst zentrale, einheitliche Verfassung weit ratio-
neller wirkt als irgend eine Form des »Bundesstaates«. (Eine andere
Verfassungsfrage, die nach der Staatsform, spielt unseres Erachtens
heutzutage eine geringe praktische Rolle; weit wichtiger ist, wie
wir sehen werden, die tatsächliche Gebarung in der Staatsver-
waltung.) In Deutschland sind seit einiger Zeit ernste Bestrebungen
im Zuge, die Verfassung im Sinne einer. Annäherung an den Ein-
        <pb n="186" />
        177

heitsstaat zu revidieren, weil man das äÄußerst Irrationelle der
Bundesstaaterei gründlich erkannt hat. Am 16. Jänner 1928 trat eine
Konferenz der Ländervertreter zusammen, um dieses Problem zu
behandeln; Mitte Jänner 1928 bildete sich ein Verein von 200 Per-
sonen aus allen Berufen und Parteien, um für den Gedanken der
Reform im Sinne des Einheitsstaates zu wirken. In der Schweiz, wo
der Kantönligeist herrscht, gibt es ebenfalls eine Bewegung zur größeren
Vereinheitlichung der föderativen Verfassung, die auch dort eine
sehr irrationelle, teure und komplizierte Verwaltung zur Folge hatte.
In Österreich, dem Staate des »Länderismus«, ist von ähnlichen
Reformbestrebungen noch wenig zu bemerken, obwohl auch hier
die Verfassung eine irrationell teure Legislative und Exekutive be-
wirkte, ja man hat höchst irrationellerweise ein Land sogar in zwei
Länder (Wien und Niederösterreich) zerrissen.

Die föderative Verfassung kompliziert, verteuert und verlangsamt
den Gang der staatlichen Verwaltung; wogegen sich immer
mehr Stimmen erheben. Reichsminister Dr. Stresemann: sprach
Dresden, 31. Oktober 1927) davon, daß Deutschland »das Durch-
einander und Nebeneinander der Behörden« nicht ertragen könne;
der schroffe Gegensatz zwischen der Rationalisierung der Wirt-
schaft und dem Zustande der Verwaltung beweise, daß die ein-
geleitete Reform der Verwaltung gerechtfertigt ist. Es wurde nämlich
von der Regierung eine Fachkommission eingesetzt, um den Leer-
lauf zu beseitigen, der jetzt deshalb besteht, weil Reich, Länder
und Gemeinden oft dieselben Materien bearbeiten; das »Doppel-
geleise« in der Verwaltung muß, auch in Österreich, beseitigt werden.
Die Tendenz zum möglichst einheitlich verwalteten Staat wird
noch durch die große Finanznot verstärkt; auf dem deutschen
Städtetage in Magdeburg (September 1927) sagte denn auch der
Reichsfinanzminister selbst, daß »die unerträgliche Buntscheckigkeit«
der Steuergesetzgebung abgebaut werden müsse; es gehe nicht an,
über Sparsamkeit und Vereinfachung immer nur zu reden, jedem
Versuche zur Tat aber entgegenzutreten; insbesondere tue eine
sparsame Personalpolitik not. Auch die wirtschaftlichen Kreise
Deutschlands befassen sich jetzt unausgesetzt mit der Rationali-
sierung auch der Verwaltung. So verlangte der Verein deutscher
Maschinbauanstalten (Versammlung am 17. April 1927) »die Ra-
‘jonalisierung des Staates«, »rationelle Steuerpolitik« und »rationelle
Verwaltungsreform«; der übertriebene Partikularismus wirke lähmend
Kobatsch, Wirtschaftlichkeitsliehre.
        <pb n="187" />
        1756
und störend auf die Wirtschaft; die Stämme seien nur kulturell zu
berücksichtigen. Der »Verein zur Wahrung der wirtschaftlichen Inter-
essen in Rheinland-Westfalen« forderte (Versammlung im August 1926)
»die Einschränkung des ungeheuer großen Öffentlichen Aufwandes
seitens der Regierungen und der parlamentarischen Körperschaften «;
ferner eine Reform der Arbeit- und Materialbeschaffung der Reichs-
und Landesregierungen. Im Juli 1927 beschlossen die Spitzenver-
bände von Industrie, Landwirtschaft, Handel und Handwerk, das
Gebiet der Verwaltungsvereinfachung zu bearbeiten; die für das
Volk unerträglichen Lasten müssen durch entsprechende Reform
singeschränkt werden. Die staatlichen Aufgaben seien abzubauen,
die Zuständigkeit soll zwischen Reich, Ländern und Gemeinden
klar abgegrenzt werden; .man brauche eine Verwaltungs-, Finanz-
und Verfassungsreform; »die öffentlichen Körper müssen Sich der
größten Sparsamkeit befleißigen« sagte ein hoher Beamter selbst,
der Oberbürgermeister von Königsberg. — Auch die Politiker gehen
daran, sich mit dieser Kardinalfrage der Verwaltung näher zu befassen.
Wir erwähnen z. B. Freiherrn von Kardorff, der am 11. August
1927 in einer Rede sagte: »Der Leerlauf der Reichs- und Staats-
verfassungen muß aufhören; es herrscht da ein Neben-, Durch- und
Gegeneinander; der Behördenapparat, der aus der alten Zeit
stammt, ist zu vereinfachen; die Industrie ist auf dem Wege der
Gesundung dank einer energischen Rationalisierung — nur eine
gleiche Rationalisierung des gesamten deutschen Behördenapparates
kann uns eine schnell und billig arbeitende innere Verwaltung
zeben.« Auch der deutsche Transferagent Gilbert (nach dem Dawes-
Plan) machte in seinem vielbeachteten Berichte vom August 1927
auf die obscurity, auf die Unübersichtlichkeit der deutschen Finanz-
politik aufmerksam, auf den Wirrwarr in der deutschen SteuergesetZ-
gebung und in den Beziehungen zwischen Reich, Ländern und Ge-
meinden. Senatspräsident Dr. Strutz äußerte sich (im Hansabund,
September 1927) über die Notwendigkeit der vereinfachten Ver-
waltung, die trotz der parlamentarischen und staats(länder)politischen
Hindernisse durchgeführt werden müsse; viele Gemeinden geben
zu viel aus, wogegen ein Sicherheitsventil zu Schaffen sei; man
brauche eine reichsrechtlich festgelegte Relation zwischen Real- und
Einkommensteuer und Körperschaftssteuerzuschlägen sowie das
Genehmigungsrecht für Steueranspannungen über eine bestimmte
Grenze hinaus.
        <pb n="188" />
        179
In Österreich sind bisher nur wenige Fachleute auf den Plan
getreten, um eine Vereinheitlichung und Vereinfachung der inneren
Verwaltung innerhalb des Bundes zu verlangen, obwohl es auch in
Österreich so manches &gt;Durch-, Neben- und Gegeneinander« gibt,
obwohl der Bund allein 43 Prozent seiner Einnahmen (für 1928:
L600 Millionen Schilling) auf Personalkosten verwenden muß, wozu
ıoch die korrespondierenden Ausgaben der Länder und Gemeinden
kommen. In Österreich ist aber wenigstens, was das staatliche
Verwaltungsverfahren betrifft, seit 1927 ein gutes neues Gesetz
in Kraft, das eine wesentliche Vereinfachung und Beschleunigung
des Verfahrens (gekürzter Instanzenzug, einheitliche, kurze F risten,
Mündlichkeit des Verfahrens u. a. m.) bringen soll; vgl. darüber den
Vortrag des Ministerialrates Dr. Mannlicher (eines der Väter der
Reform) im Wiener Amerikaausschusse am 17. Jänner 1928. Bei
der Rationalisierung der öffentlichen Verwaltung in Österreich kommen
sine Reihe von wichtigen Einzelfragen in Betracht, über welche
Dr. Mannlicher auch in der Schriftenreihe des Diwig (Deutsches
Institut für wirtschaftliche Arbeit in der öffentlichen Verwaltung),
2. Band, 1927, berichtete. Diese Fragen (die wir unserseits ergänzt
haben) sind: nicht zuviel, aber auch nicht zu wenig exekutive Ämter
untere Instanzen); Modernisierung der Arbeitsbehelfe; übersichtliche
Ausgabe aller geltenden Gesetze und sonstigen Vorschriften
in Österreich für 1930 zur Ausgabe geplant), aber auch ein gemein-
verständlicher, klarer Text der Vorschriften, gegebenenfalls mit
Hilfe eines fachlichen Redaktionsausschusses zu erzielen; Rationali-
sierung aller Dienstzweige hinsichtlich der Arbeitsmethoden (Konzept,
Kanzlei, Zustellung, Schalterdienst u. a. m.); Eignungsprüfung
der Dienstesanwärter für die einzelnen Dienstesarten, z. B. sollen
keine nervösen Personen für den Parteienverkehr bestimmt werden;
Reform des Approbations- und des Einsichtsaktenverkehres,
mehr Selbstverantwortlichkeit des einzelnen Referenten; Einführung
des Systems der »suggestions« (siehe oben) mit Prämien, damit
verbunden bessere Bezahlung der Beamten und Erweckung größerer
Arbeitsfreude, hiebei Mitwirkung der Beamtenvertretungen; Erlassung
des längst verheißenen Gesetzes über Syndikatshaftung Öffent-
licher Beamter, ähnlich wie dies schon für die richterlichen Beamten
gilt. In Österreich wurde auch eine verbesserte Kanzleiordnung,
unter Mitwirkung der Angestellten, verfaßt und ab 1. Jänner 1924
zur Anwendung gebracht. Ebenso ist das Normpapierformat in
        <pb n="189" />
        180
Einführung (allerdings noch nicht bei den Wiener städtischen Unter-
aehmungen). Zu empfehlen wäre z. B. auch die Anbringung von
Orientierungstafeln in allen Amtsgebäuden u.ä,

Bei der Rationalisierung einer öffentlichen Verwaltung handelt
es sich allerdings nicht bloß um die Verbesserung des Verfahrens,
sondern auch um die- rationelle Änderung der Mentalität der
Beamten: es darf keinen Bureaukratismus, keinen Formalismus
geben, sondern es muß auch in diesen Angestellten jener Service-
%edanke herrschend werden, der die amerikanischen Angestellten
auszeichnet (siehe oben) und den Handelsangestellten so sehr
empfohlen wird. Es genügt zur rationellen Ersparung auch nicht,
Beamte abzubauen, sondern es sind überflüssige Ämter oder Amts-
stellen und Referate zu beseitigen, denn bleiben diese bestehen, so
werden für sie hinterher eben vertragsmäßige Beamte aufgenommen.
Die Agenden und Akten müssen weniger zahlreich werden, der
Amtsgang verkürzt, die mehrfachen Revisions- und Zur-Einsicht-
Instanzen (oft nur leerer Durchlauf!) energisch gestrichen werden.
Die Dienstzeit, die pünktlich einzuhalten ist, muß auch mit Arbeit
verbracht werden; zwar sind viele unterinstanzliche Ämter, die eben
an termingemäße Erledigung gebunden Sind, oft stark mit Arbeit
überhäuft, dafür zeigt sich in manch anderen höheren Ämtern
geringere Arbeitsintensität, obwohl ich viele Referenten in den
Zentralstellen als überaus eifrige, sehr stark beschäftigte Arbeiter
kenne. Die Arbeiten sollten auch nach dem Grundsatz der Fließ-
arbeit (Progreßsystem, siehe oben) aneinandergereiht sein, was viele
Zeitvergeudung unmöglich machen würde. Die Automatik in der
Sehaltsvorrückung (»Ochsentour«) kann nicht rationell genannt
werden; das Leistungsprinzip und Leistungsprämien sind rationeller.
In den öffentlichen Dienst sollten ferner nur die Besten der Besten
sintreten; eine strenge und sachliche psychotechnische Auslese
‘te not. Die öffentlichen Beamten dürfen sich auch nicht als etwas

‚Höheres« vorkommen als das übrige Staatsvolk, und sich nicht
kastenmäßig abschließen.

{m inneren Amtsbetriebe und im Parteienverkehre gelte der Grund-
satz der co-operation, des service! DerUmstand, daß gerade befähigte
Beamte es oft schwer haben, vorwärts zu kommen (suggestions
siehe oben] sind ja selten oder nicht gerne gesehen), drängt sie
vorzeitig in die Privatpraxis, während viel Mittelmaß zurückbleibt.
Ein Fachmann empfiehlt daher, ein Mindestmaß an offenen Stellen
        <pb n="190" />
        181

der höheren Dienstklasse (Verwaltungsgruppe) für den rascheren
Aufstieg besonders geeigneter Beamter oder auch für den Eintritt
‘üchtiger Outsider offen zu lassen.

Zur Reform der Finanzverwaltung ist grundsätzlich zu be-
merken, daß vor allem mit jener Auffassung gebrochen werden muß,
die in den Lehrbüchern der Finanzwissenschaft immer wieder —
offenbar aus der guten alten Zeit der »Kameralistik«, der absoluten
Landeshoheit und Hegel-Ad. Müllerschen Staatsomnipotenz : stam-
mend — vorgetragen wird: daß nämlich im Gegensatz zur privaten
Wirtschaft in der Staatswirtschaft die Einnahmen sich nach den
Ausgaben richten müssen. Dieser Grundsatz, der allerdings die
Finanzpolitik sehr erleichtert, verstößt unbedingt gegen die Ratio-
nalisierung. Staat und Gemeinden schöpfen alle ihre Einnahmen
aus den privaten Wirtschaften, die bei allen erdenklichen Anlässen —
direkt oder indirekt — irgend eine Abgabe zu leisten haben oder
Staats-, bzw. Gemeindeanleihen zeichnen. Die öffentlichen Gemein-
wesen sind nichts anderes als Treuhänder in der Verwaltung der
ihnen anvertrauten privaten Gelder, die dem einzelnen Wirtschafter oft
recht empfindlich abgehen; die Gemeinwesen haben daher eine
doppelte Pflicht, diese fremden Gelder so rationell als möglich zu
verwenden, eben zu dem Zwecke, um die privaten Wirtschaften ja
nicht über Gebühr zu entbluten. Wir können übrigens einen Kron-
zeugen für diese Auffassung anführen: es ist der frühere deutsche
Reichsfinanzminister Dr. Reinhold, welcher in einer Rede (Sep-
‚ember 1927) klipp und klar sagte: »Die staatlichen Ausgaben haben
sich nach den Einnahmen zu richten und nicht umgekehrt; die
Steuerträger müssen nach ihrer Leistungsfähigkeit behandelt werden,
nicht danach, was Staat oder Gemeinden gerne einnehmen möchten
nach der Forderung gewisser Machtgruppen.« Wählerpolitik, Sub-
ventionspolitik — das ist die große Gefahr für jede gesunde Finanz-
politik. Dem kontinentalen Budgetrecht wäre zu empfehlen, eine
alte Bestimmung des englischen Budgetrechtes anzunehmen; dort
darf das Parlament keine Ausgabe höher beschließen, als sie von
der Regierung angesetzt war. Ähnliche Maßregeln wurden im
französischen Parlament, November 1927, vorgeschlagen, ebenso
von den Spitzenverbänden der .deutschen Großwirtschaft (vgl,
‚N. Züricher Ztg.«. v. 29. Dezember 1927).

Es gibt ein oft strittiges finanzpolitisches Dilemma: Soll man be
zrößeren Einnahmen (gegenüber . dem. Finanzgesetze) größere
        <pb n="191" />
        892

Reserven in den Staats- oder Gemeindekassen ansammeln (für un-
vorhergesehene Ausgaben) oder zu Steuerermäßigungen schreiten?
Letztere Maßregel ist rationeller, weil die Ausschüttung der Reserven
erst viel später den Einzelwirtschaften — wenn überhaupt — zu-
gute kommt, während Steuerermäßigungen sofort ihre erleichternde
Wirkung auf die Wirtschaft äußern; die nicht mehr zu zahlenden
Steuerquoten verbleiben der Wirtschaft zur produktiven Verwendung,
jene Reserven liegen oft längere Zeit unbenützt (falls sie nicht bank-
mäßig begeben werden) in den Kassen; und werden sie begeben, so
kommen sie‘ meist nur bestimmten, kleineren Kreisen der Wirtschaft
zu oder sie gelangen gar in die Hände von Spekulanten, während
armäßigte Steuern eine viel allgemeinere und gesündere Wirkung
haben. Sind zu hohe Abgaben aus der Wirtschaft genommen, so
kommen hinterher gegebene Subventionen, Investitionskredite oder
Arbeitsaufträge oft zu spät.

Zur rationellen Finanzpolitik gehört auch eine wirkliche
Prüfung der Gebarung jedes abgelaufenen Rechnungsjahres durch
das Parlament, wozu dieses aber leider nur selten die Zeit .findet;
wozu dann die mühsame Arbeit des Rechnungshofes? Ebenso muß
aine wirksame Kontrolle der Gebarung der unterstaatlichen Ver-
bände (Länder, Gemeinden) verlangt werden, denen in Österreich
etwa ein Viertel der staatlichen Abgaben überwiesen wird; die
zontrollose Gebarung ist eine große Verleitung zu irrationeller Wirt-
schaft in den Ausgaben.

Die Steuerverwaltung kann in mehrfacher Hinsicht rationalisiert
werden. Manche Reformen dieser Art sind in den letzten Jahren in
Österreich durchgeführt worden oder bereits in ernster Erwägung, wie
z.B.gemäß einem Beschlusse des niederösterreichischen Hauptverbandes
der Gewerbe vom September 1927 die Abfindung der Erwerb- und
Einkommensteuer für kleine Betriebe ohne Fassion, ähnlich der Waren-
umsatzsteuer; das ist eine wesentliche Ersparung an Zeit und Arbeit für
Ämter und Parteien; ferner Richtlinien (Normen) für die Veranlagung
einzelner Industrie- und Gewerbezweige, z. B. generelle Prozente für die
Abschreibungen von Gebäuden, Maschinen und Lager. Auch in Deutsch-
land strebt man eine Rationalisierung des Steuerverfahrens an; die
Zersplitterung der Steuerverwaltung Soll beseitigt werden; soweit
Reichs- und Landessteuern auf gleicher Grundlage aufgebaut sind,
sollen sie durch eine einzige Behörde veranlagt werden (Steuer-
vereinfachungsgesetzentwurf, eingebracht am 26. September 1927).
        <pb n="192" />
        183

Kritik ist auch an der Subventionspolitik der öffentlichen
Körperschaften zu üben. Man sollte nicht aufrechten, steuerzahlenden
Unternehmungen Abgaben entnehmen, um damit schlecht arbeitende
oder faule Konkurrenten zu unterstützen (Dr. Reinhold, a. a. O.).
Dies ist deshalb irrationell, weil schlecht geleitete Betriebe wahr-
scheinlich auch mit Hilfe der künstlichen Stütze nicht empor-
kommen werden, denn wirkliche, dauerhafte Besserung ist immer
nur von innen heraus, aus eigener Kraft, eben durch energische
Rationalisierung, zu erzielen. Gutgeführte Betriebe werden durch
zu hohe Abgaben geschädigt und in ihrer Rationalisierung gehemmt;
die volkswirtschaftlich so wichtige Preissenkung bleibt aus.

Ein Mangel an rationeller Finanzpolitik ist es ferner, wenn der
Staat Monat für Monat seine Beiträge zur Arbeitslosenversicherung
in Österreich sind es für 1928 22 Millionen Schilling) zahlt, statt
diese Mittel der produktiven Arbeitslosenfürsorge zuzuwenden;
selbst wenn er diesen Zwecken (Straßenreform, Zuschuß zur
Elektrifizierung der Bahnen [siehe oben] u. a.) doppelt so viel zu-
führt, wird er doch keinen Abgang zu befürchten haben, weil
destehende Unternehmungen steuerkräftiger werden, neue Betriebe
entstehen und weil mehr Leute beschäftigt sind und daher Abgaben
verschiedener Art in höheren Beträgen eingehen.

So wichtig die in erster Linie zu nennende unmittelbare
Rationalisierung der öffentlichen Verwaltung und der Finanzwirt-
schaft des Staates ist, so hat er in seiner Ausgabenpolitik doch
auch Pflichten zu beachten, die das sozialhygienische und
kulturelle Gebiet betreffen, um die wertvollsten Güter eines
Volkes — Gesundheit, Wohlfahrt, Bildung — nicht verkümmern zu
lassen. Sonst wird auch die Grundlage einer gedeihenden Volks-
und Staatswirtschaft gefährdet, also irrationell vorgegangen. Ein
Staat kann nie genug Mittel für vorbeugende und heilende soziale
Hygiene (Kinder- und Jugendfürsorge, Krankenpflege Bekämpfung der
Volkskrankheiten und Seuchen, Wohnungspflege u. a. m.) bereitstellen.
In Zusammenarbeit mit den Instituten der sozialen Versicherung ist
hier vom Staate noch vieles nachzuholen. Der Erfolg ist ein großer:
es werden mehr gesunde Menschen geboren, sie bleiben länger am
Leben und erwerbsfähig, also auch Steuerträger, ersetzen also dem
Staate wahrscheinlich mehr, als sie ihm gekostet haben.

Ähnlich verhält es sich mit den Ausgaben für Unterricht
Bildung und Forschung. Der österreichische Finanzgesetzentwurf
        <pb n="193" />
        184

für 1928 ‚widmet allen kulturellen Zwecken knapp 4 Prozent der
präliminierten .Einnahmen, der eigentlichen Forschung gar nur
L. Prozent. In anderen Staaten sind diese Ausgaben weit größer.
Zwar kommen noch die Ausgaben der Bundesländer und Gemeinden
dazu. (für Volks- und Hauptschulen, . für Fach- und Mittelschulen),
aber Forschung und Wissenschaft sind im wesentlichen auf den
Staat angewiesen. Es fehlt in Österreich sogar an einer modernen
allumfassenden Statistik. Man verlasse sich nicht allzusehr. auf
»soziale Stiftungen«, d.h. auf Spenden von privater Seite, auf die
»Freunde« dieser oder jener Forschungsstätte, einer Hoch- oder
Fachschule. Wohl lehren noch immer erste Kräfte an den öster-
reichischen Hochschulen, aber es fehlen in Wien .so manche neu-
zeitliche Forschungsinstitute und so manche angesehene Gelehrte
zonnten nicht für Österreich gewonnen werden, andere zogen ins
Ausland, wo ihnen alle materiellen und geistigen Mittel der Forschung
in reichem Maße zur Verfügung gestellt wurden. Mehr Bildung,
mehr führende Persönlichkeiten der Wissenschaft sind auch ge-
signete Mittel besseren Wirtschaftens, günstigerer außenwirtschaft-
licher Entwicklung. Professor Oppenheimer sprach einmal von den
Naturwissenschaften als einer Kapitalsanlage (d. h. des Staates und
der Volkswirtschaft), die reiche Zinsen trägt, weil mit ihrer. Hilfe
Elementarereignisse bekämpft, Menschen, Tiere und Pflanzen gesünder
und mehr immun gegen Erkrankung gemacht werden können.
Von besonderer Natur sind die vom Staate oder einer Gemeinde be-
triebenen wirtschaftlichen Unternehmungen. Es ist immer strittig
zewesen, ob Öffentliche Betriebe an sich rationell seien und ob sie
überhaupt rationell geführt werden können. Jedenfalls wirken Bureau-
kratismus, Fiskalismus und (politischer) Nepotismus auf diese Betriebe
&gt;ft stark ein und stellen ihre Rationalität sehr in Frage. In den
Österreichischen Bundesbahnen haben wir ferner ein Beispiel kennen-
zelernt, welches uns lehrt, daß auch solche Zwitterdinge (gemischt-
öffentliche .Betriebe u. ä.) nicht immer ein rationelles Gebilde dar-
stellen, ebensowenig wie die meisten »gemeinwirtschaftlichen« Unter-
ı1ehmungen (Sozialisierung). Der Hauptgrund .der Irrationalität . liegt
wohl darin, daß derartige unklare, mehreren ‚divergenten — darunter
oft auch politischen — Zwecken gleichzeitig dienende Konstruktionen
aus öffentlichen Beamten, die sie leiten sollen, in der Regel schlechte
Geschäftsleute machen, wogegen Geschäftsleute, die man dazu heran-
zieht, .kaum gute Beamte werden. Als. ein Beispiel seien die öffent-
        <pb n="194" />
        1853

lichen Forste besprochen. In Österreich wird für 1928 ein Holz-
aufschlag von 900.000 Festmetern vorgesehen, wozu nicht weniger
als 4654 Angestellte und Arbeiter (außerdem 3262 quieszierte
Personen) benötigt werden; 1926 war der Abgang 1:9 Millionen
Schilling (und 05 Millionen Schilling Investitutionen); 1928
kommen auf einen Beschäftigten 4654 Schilling Einnahmen, aber
4662 Schilling Ausgaben, die Beschäftigten machen sich also
nicht. »bezahlt«. Energische Rationalisierung der Verwaltung
und des Betriebes (Mechanisierung des Transportes, Motorsägen,
Abstoßung der Servitutslasten) sind notwendig und nun doch in
Aussicht genommen. Der deutsche Forstverein (Tagung 1927 in
Frankfurt) fordert ebenfalls mehr technische Hilfsmittel, überhaupt
Rationalisierung der staatlichen Forstverwaltung, ferner Ausbau der
Fachschulen, des Versuchswesens, der Forststatistik u. a. m.

Auch die öffentlichen Verwaltungskörper der Gesundheits-
pflege und der sozialen Versicherung sind in mehrfacher
Hinsicht einer durchgreifenden Rationalisierung bedürftig. Im
deutschen Normenausschusse berichtete Professor Hoffmann
‘November 1927) z. B. über die Normung der Krankenpflege; es
handelte sich vor allem um die Schaffung von Zweckverbänden
für die einheitliche Verwaltung der Krankenhäuser, wie er etwa im
»Reichsverband der gemeinnützigen Kranken- und Pflegeanstalten«
(mit einer halben Million Betten) besteht; gemeinsamer Einkauf der
Materialien; Normung der Betten, Wäsche und anderer Einrichtungs-
gegenstände und Korrespondenzdienst (um den Belag auszugleichen)
sind die Hauptvorteile dieser Rationalisierung.

Auch die Verwaltung der Institute der sozialen Versiche-
rung ist in mehrfacher Hinsicht zu rationalisieren. Es gibt zu viele
und zu vielerlei Institute dieser Art mit oft kleiner Klientel, so daß
die Betriebskosten irrationell hoch sind. Die Hauptinteressenten
— Angestellte und Arbeiter, d. h. die Versicherten — sollten einen
unabhängigen Untersuchungsausschuß zur Rationalisierung
»ihrer« Institute (mit dem Ziele: möglichst geringe Beiträge und
möglichst hohe Leistungen!) bilden. Dazu kommen oft komplizierte
Wahlen der Leitungen, mehrfaches Ineinandergreifen, Sich»über-
decken« der einzelnen Versicherungszweige;, irrationelle innere Ver-
waltung, Zersplitterung der Kosten und Arbeit. Die Österreichische
Pensionsanstalt für Angestellte hatte 1924 bei 2:08 Millionen Schilling
Auszahlungen Verwaltungskosten von 0:4 Millionen Schilling, d. s.
        <pb n="195" />
        ES

20 Prozent der Einnahmen (2:45 Millionen Schilling); für 1927 ist
dieser Prozentsatz 12 Prozent der Leistungen. Die niederösterreichische
Arbeiter-Unfallversicherungsanstalt hatte 1924 12:4 Millionen Schilling
Beiträge, 4 Millionen Schilling Leistungen und 1:67 Millionen
Schilling Verwaltungskosten (d. s. 40 Prozent der Leistungen), d. h.
100 Schilling Rente kosteten 40 Schilling Verwaltung oder ein Drittel
der Einnahmen. Gewiß soll die Alters- und Invalidenversicherung
nNöglichst bald in Kraft gesetzt werden, aber man prüfe zuvor, ob
ihre Verwaltung rationell sein wird und wie sie sich rationell in
den Rahmen der sozialen Versicherung einfügen läßt. Daß die
Unfallversicherungsanstalten noch viel zu wenig für Unfallver-
hütung leisten, wurde schon a. a. O. besprochen. Wir unserseits
sympathisieren mit dem rationellen System der englischen Oldage
pension: jeder Engländer (jeden Berufes) erhält in einem be-
stimmten Alter, wenn sein Einkommen nicht einen bestimmten
Mindestbetrag erreicht, einen Zuschuß vom Staate durch das Post-
amt ausbezahlt; die erforderlichen Beträge werden jährlich ins
Budget eingestellt — es gibt also keine besondere Verwaltung und
keinerlei Reserven sind notwendig. Nimmt man für Österreich, wo
300.000 Leute im 65. Lebensjahre gezählt wurden, die Hälfte davon
als ” versorgungsberechtigt an und sieht man als Monatsrente
100 Schilling vor, so müßte der Staat etwa 20 Millionen Schilling,
den übrigen Betrag die Länder und Gemeinden aufbringen, deren
Armenlast dann wesentlich verringert würde; man könnte auch an
ainen mäßigen Zuschlag zur Einkommensteuer denken.

Für die »öffentliche Rationalisierung« kommt — last, but not
least — auch die Beseitigung jener Mängel und Verlustquellen
‘wastes) in Betracht, die sich aus dem parlamentarischen Regime,
namentlich für das Gedeihen der Wirtschaft, ergeben. Freilich: ein
Hauptfehler, die Möglichkeit von Mißbräuchen, die man technisch
»Panama«! zu nennen pflegt, wird wohl kaum je völlig aus-
ı Die Gefahr der »Korruption« in Parlament und Verwaltung ist in der Tat
eine große, der Kampf dagegen so alt wie der Bestand geordneter Staaten; wir
finden ihn schon im alten Juda, in Rom und Hellas der klassischen Zeit; ideale
&gt;Reinheitsfreunde« wurden aber nicht selten verfolgt, ja getötet, zum mindestens
kaltgestellt oder als Aufwiegler proskribiert. Und so manche Oppositionspartei, die
scharf gegen Mißbräuche von Mitgliedern der Majorität zu Felde zog, erlag dem
Zauber der Korruption, als sie selbst zur süßen Macht gelangt war. »Über das
Niederträchtige dich nicht beklage, denn es ist das Mächtige, was man dir auch
sage« (Goethe).
        <pb n="196" />
        187

geschaltet werden können, da er nun einmal mit den Fehlern der
menschlichen Natur zusammenhängt. Aber eine Reihe von rationellen
Verbesserungen sind gleichwohl durchführbar und notwendig.

Eine dieser Reformen ist die Verringerung der Kosten dieses
Betriebes, d. h. der Zahl der Abgeordneten und Regierungsmänner
namentlich in Ländern mit bundesstaatlicher Verfassung (s. oben).
In Deutschland gibt es insgesamt 2500 Abgeordnete (in Reich und
Ländern) und 60 Regierungsmänner; in Österreich etwa 770 Ab-
zeordnete und 40 Regierungsmänner; Frankreich dagegen zählt nur
15 Minister und 600 Deputierte und Senatoren; England 16 Minister
und 950 Mitglieder beider Häuser. Von den 770 Volksbeauftragten
in Österreich könnte ohne weiteres die Hälfte abgebaut werden. Nun
sagt man, die Kosten der Parlamente (und Regierungen) seien im Ver-
hältnisse zu den Gesamtausgaben ja nicht große; aber dazu kommen
vielfach verschleierte Kosten, namentlich in den Ländern (Wohnung,
Licht, Beheizung, Nebengebühren, Kraftwagen u. a.). Durch die Verein-
lachung derverfassungsmäßigen Einrichtungen und der Verwaltung (ein-
schließlich der autonomen Verwaltung) könnten leicht jene Millionen er-
spart werden, die für produktive und wichtigere Zwecke So oft fehlen.

Gegen die oft beklagte Vernachlässigung wirtschaftlicher
Fragen durch die Parlamente, gegen die Vorherrschaft der
Politik vor der Wirtschaft sind verschiedene Abwehrmittel vorge-
schlagen worden. Falsch, also irrationell wäre es, hier mit irgend
einer neuen, einer »wirtschaftlichen« Partei oder einem eigenem
»Wirtschaftsparlament« vorgehen zu wollen; das wäre unpolitische
Politik oder die Quadratur des Zirkels. Wohl aber hat sich in
Frankreich, insbesondere aber in Deutschland eine Einrichtung
bewährt, die »Wirtschaftsrat« heißt. Er umfaßt Vertreter aller
wichtigeren Berufe (gewählt von den Spitzenverbänden) in nicht zu
großer Zahl, darunter Unternehmer und Arbeitnehmer paritätisch.
Alle wirtschaftlich (sozial, finanziell) wichtigen Gesetzentwürfe sind
ihm vor ihrer Einbringung im Reichstage vorzulegen, er kann aber
auch selbst solche Gesetze beantragen und darf seine Beschlüsse
im Reichstage vertreten. Industrielle und Gewerkschaftler bestätigen,
daß der Wirtschaftsrat sehr günstig gewirkt habe, sehr viel zur
Milderung der Gegensätze beitragen, weil in ihm nicht mit
Schlagworten, sondern sachlich, nicht mit Fäusten, Schimpf-
worten, Verdächtigungen, Tintenfässern, Pultdeckeln u. dgl., sondern
mit Argumenten debattiert werden muß. Diese Einrichtung ist
        <pb n="197" />
        188

auch deshalb zu empfehlen, weil sie vorläufig keinen zu starken
Eingriff in. die Gerechtsame des politischen. Parlamentes bedeutet,
daher leicht zu verwirklichen ist, auch leichter als ein anderes
Projekt: die Umwandlung der »Ersten Kammer« (des deutschen
Reichsrates oder des österreichischen Bundesrates) in ein »Wirt-
schaftsparlament«; eine mit Abstimmungs- und Gesetzgebungsrecht
(wenn auch nur indirekter Art) ausgestattete Körperschaft wird stets
politisch indiziert sein und der. Wirtschaft nicht jene positiven
Dienste leisten können wie jener sachliche und unpolitische Wirt-
schaftsrat. Auch eine »berufsständische« Durchorganisierung der
Wirtschaft und dementsprechend auch des Parlamentes, wie sie
manchen nationalen Kreisen, in Erinnerung an ältere Zeiten unserer
Geschichte, vorschwebt, kann nicht befürwortet werden, da sie mehr
weniger: zwangsweise geschehen: müßte und schon rein technisch
(Vielzahl: sehr verschiedenartiger Berufe u.a.) nicht durchführbar
wäre; auch könnte eine befriedigende Abgrenzung der Mandatszahlen
und des Einflusses der einzelnen Berufe kaum gefunden werden. Für
den bloßen Wirtschaftsrat dagegen bestehen gerade in Österreich die
naturgegebenen Wahlkörper: die Kammern für alle wichtigeren Berufe,
daneben die freien Spitzenorganisationen; in der Aufteilung derMandate
braucht man nicht gar zu ängstlich zu sein, die Hauptsache ist, die
tüchtigsten Vertreter jedes Faches in den wirtschaftlichen Aeropag zu
entsenden. Dem Wirtschaftsrate könnten auch die bestehenden Fach-
beiräte (z. B. Zollbeirat) und die noch zu schaffenden Beiräte (Ver-
kehrsbeirat, Beirat für Wirtschaftlichkeit u. a.). angegliedert werden.

Es. ist erfreulich, daß der Gedanke des Wirtschaftsrates in
Österreich immer mehr Anhänger gewinnt; dem Parlamente liegt
ein darauf bezüglicher Antrag des Abgeordneten Clessin vor und
kürzlich vertrat diese Reform Abgeordneter Birbaumer im nieder-.
österreichischen Landtag. Sache der wirtschaftlichen Kreise, d. h.
ihrer Führer, wenn sie sich ihrer Pflicht bewußt sind, ist es, darauf
zu sehen, daß die Reform baldigst verwirklicht werde. Damit wäre
sin ‚gut Stück Rationalisierungsarbeit geleistet.

16. Internationale Rationalisierung.

(Privater und staatlicher Konventionalismus.)
Noch schwerer als im Bereiche einer einzelnen Volkswirtschaft
die Öffentliche Rationalisierung ist .die Rationalisierung auf inter-
        <pb n="198" />
        189

nationalem Gebiete durchzuführen, weil hier jene irrationalen Wider-
stände, die wir schon bei der Rationalisierung der öffentlichen Ver-
waltung kennenlernten, sich in potenzierter Kraft geltend machen,
indem zu all den politischen und anderen Hemmungen noch die
starke nationale, eigen wirtschaftliche Note kommt, ferner die oft krasse
Unkenntnis und mindere Schätzung anderer Völker in Verbindung
mit der Überschätzung des eigenen Volkes und der eigenen Wirt-
schaft. Fremder — Ausländer sind Worte, die auch heutzutage noch
den Unterton der differenziellen Bewertung erklingen lassen. Und
so muß sich die Rationalisierung, je weiter ihr Aktionsradius wird,
mit immer bescheideneren Hoffnungen begnügen. Man darf aber
deshalb nicht auf Rationalisierung auch der internationalen Bezie-
hungen verzichten, denn zum Erfolge der Rationalisierung im
engeren Bereiche der inländischen Produktion und ihres Verkehres
yehört auch die ständige Bessergestaltung des zwischenstaatlichen
Verkehres:
In der Entwicklungsgeschichte der Weltwirtschaft zeigt
sich nun deutlich eine Polarität (ähnlich wie in jeder nationalen
Wirtschaft), nämlich neben dem Gegensatze der Interessen auch
ä@ine Gemeinschaft derselben, ferner ein Wechsel in dem Grade
jer Wirkung des einen oder des andern Prinzipes. Dabei kann
immerhin, genügend lange Zeiträume in Betracht gezogen, eine
zunehmende Bedeutung der gemeinsamen (übereinstimmenden)
Interessen und ein allmähliches Zurückdrängen des Interessengegen-
satzes festgestellt werden, was aber Rückfälle in den Zustand
aufs äußerste zugespitzter Gegensätze durchaus nicht ausschließt
/wie es etwa der Weltkrieg 1914/18 und die nachfolgenden Jahre
waren), aus denen die Menschheit aber wieder den Weg zur Ver-
ständigung, zu befriedigender Regelung des zwischenstaatlichen
Verkehres sucht und, wenn auch langsam, zu finden im Begriffe
ist. Also auch hier der Wechsel von Konjunktur und Depression,
auch hier Krisen, die zu vermeiden wohl noch viel schwieriger ist
als innerhalb der nationalen Wirtschaften, deren möglichste Ab-
kürzung und Abschwächung aber ein Hauptgebot der internationalen
Rationalisierung ist.

Seit dem Kriegsende bemühen sich in der Tat einsichtsvolle
Männer aller Länder eifrig und mit steigendem Erfolge, die zer-
rissenen Fäden wieder zu knüpfen, wieder zu erträglichen Zu-
ständen im internationalen Verkehre zu gelangen.
        <pb n="199" />
        ‚U

Die zwischenstaatlichen Beziehungen in wirtschaftlicher Hin-
sicht allein zu rationalisieren (d. h. im wesentlichen langfristige,
klare und erträgliche Verträge abschließen: Konventionalismus)
gelingt deshalb so schwer, weil die internationale Wirtschaft viel-
fach mit politischen Ideen und Aspirationen verbunden ist, mit
nationalpolitischem Ehrgeiz, mit machtpolitischem Ausdehnungsdrang
u. s.f.; wie im Innern sind noch mehr nach außen Politik und
Wirtschaft gegenseitig bedingt und bedingend. Menschen-, Waren-
und Kapitalsüberschüsse eines Landes rufen Expansion nach
außen hervor, verschärfen den Kampf um die Märkte und um die
irgendwie als Rohstoff-, Kolonisations-, Flotten- oder Absatzbasis
wertvollen Gebiete. Expansionspolitik, Imperialismus ist also nicht
5loßer Ausfluß kapitalistischer Interessen, sondern auch getragen
von bevölkerungs-, industrie- und exportpolitischen Ideen. Ob die
sogenannten Rüstungsindustrien (Schiffswerften, Luftzeug-
fabriken, Munitionswerkstätten u. a.) indirekten Einfluß auf die inter-
nationale Politik nahmen und noch nehmen, indem sie die starken
Triebe zur wirklichen Verständigung der Völker »umbiegen«, ab-
lenken, wird oft behauptet, ist aber schwer zu beweisen. Ob ferner
die Leiter der größten Finanzinstitute und mit ihnen die Leiter
der größten Industriekonzerne in der Welt eine so entscheidende
Rolle in der internationalen Politik spielen, wie oft in radikalen
Tageszeitungen und parlamentarischen Debatten vorgeworfen wird,
ist ebenfalls nicht leicht zu erweisen oder zu widerlegen; auf die
Gewährung oder Verweigerung staatlicher Kredite zu annehm-
vdaren Bedingungen allein kommt es schließlich heute in der
Politik nicht an, auch nicht auf die Kurse der Staatstitres. Denn
anderseits haben die internationalen Organisationen der Arbeiter-
schaft— obwohlsie in zwei oder drei verschiedenen Lagern stehen —
und ihre politischen Stützpunkte in jedem einzelnen. Lande immer-
hin schon weiteren Einblick in die internationale Politik als früher
und sind auch imstande, deren Gang mitzubestimmen (obwohl es
übertrieben klingt, daß erst mit dem vollen Sieg des Sozialismus
wirklicher Friede auf Erden einkehren werde). Zur Besserung der
internationalen Beziehungen (politischer Art) tragen schließlich auch
die Frauenvereinigungen sowie die zahlreichen, allzu zahlreichen
Organisationen bei, die hauptsächlich das kulturelle Leben der
Völker (Kunst, Wissenschaft, Unterricht, Literatur, Theater u. a.) im
versöhnlichen Sinne beeinflussen wollen. Daß die Kirchen gleich-
        <pb n="200" />
        191

falls eine völkervereinigende Politik treiben, ist bekannt — ihre
gemeinschaftliche Arbeit, wie sie Z. B. 1926 in Stockholm,
1927 in Lausanne beschlossen wurde, würde ihre Wirkung auf die
Geister noch bedeutend steigern.

Den versöhnlichen Tendenzen stehen nun in fast jedem Lande
stark national oder nationalwirtschaftlich (autark) gerichtete
Kreise gegenüber, welche jede Äußerung oder Handlung, die in
der Richtung der internationalen Versöhnung liegt, als Volksverrat,
als eine vom Erbfeinde erkaufte Intrige brandmarken. Diese Auf-
fassung hat nun insofern recht, als die politischen Lose derzeit in
der Tat ziemlich ungleich verteilt sind, als z. B. Italien (sacro
2goismo) seine territorialen Ansprüche womöglich nach der Land-
karte des römischen Weltreiches bemessen will, während umgekehrt
den Deutschen, die nur kraft des Selbstbestimmungsrechtes jedes
Volkes die Vereinigung aller geschlossen deutschen Siedlungs-
gebiete verlangen, schon deshalb Imperialismus, Pangermanismus
vorgeworfen wird. ...

Wir hielten es für geboten, der Besprechung der Rationalisierung
der internationalen oder Weltwirtschaft diese wenigen international-
politischen Bemerkungen vorauszuschicken, um deutlich zu machen,
wie vielseitig verankert die weltwirtschaftlichen Probleme sind,
und wie schwer es fallen muß, sie halbwegs rationell zu lösen.

Wenden wir uns nun diesen Problemen selbst zu, So finden
wir ihrer hauptsächlich drei Gruppen, deren Behandlung verschieden,
mit verschiedenen Mitteln und auch mit verschiedenem Erfolge,
stattzufinden hat: 1. die sozusagen unpolitische, rein sachliche
Gruppe weltwirtschaftlicher Verkehrsakte; 2. die internationalen
Abmachungen privater Interessenten (Industrielle, Landwirte, Kauf-
leute u. a.) und 3. die internationalen staatlichen Akte und Ver-
träge wirtschaftspolitischen (hauptsächlich bevölkerungs-,
handels- und finanzpolitischen) Inhaltes. Es ist auf den ersten
Blick zu sehen, daß diese Dreiteilung nicht scharf durchzuführen
ist, denn jede Gruppe spielt in die anderen zwei hinein, beeinflußt
— fördert oder hindert — deren raschere Regelung. Die Inter-
dependenz, die Komplementarität herrscht eben auch in der Welt-
wirtschaft und hier vielleicht noch viel rücksichtsloser als in den
Nationalwirtschaften. Immerhin hebt sich doch ein verschiedenes
Tempo der internationalen Regelung ab, je nachdem wir die eine
oder die andere Gruppe behandeln.
        <pb n="201" />
        192

Da ist zunächt die erste, die unpolitische Gruppe. Hier finden
wir die ältesten, besten, nach dem Kriege fast automatisch wieder
in Kraft gesetzten Regelungen, wie z.B. die Meterkonvention, den
Weltpostvertrag (mit seinen Dependenzen), die Konventionen über
den Schutz gewerblichen und geistigen Eigentums, die internatio-
nalen Abmachungen über den Eisenbahnverkehr, das internationale
Übereinkommen über das Verkehrsrecht, neuere Luftverkehrsakte
u. v. a. Dazu kommen jetzt internationale Organisationen für
verschiedene Zweige der Rationalisierung (Normung, Psychotechnik
u. a.). Vom Rationalisierungsstandpunkte wäre mehr Einheitlich-
keit in diesen Konventionen zu wünschen (in bezug auf Termine,
Bureauarbeit u. a.).

Die zweite Gruppe, man könnte sie internationalen, privaten
Konventionalismus nennen, umfaßt hauptsächlich Abmachungen
der Industriellen, Kaufleute, Bankfirmen, Schiffahrtsgesellschaften
mehrerer Länder zum Zwecke, die gegenseitigen geschäftlichen
Beziehungen irgendwie zu regeln, z.B. eine mörderische Kon-
kurrenz auszuschalten (man denke: z, B. an das gegenseitige Unter-
bieten der Frachtrate in der Seeschiffahrt) oder nationale Produk-
tionsquoten (Kontingente) zu vereinbaren oder die Absatzgebiete
planmäßig zu verteilen. Man nennt solche Verträge in der Presse
häufig internationale Kartelle oder Welttruste, ohne zu prüfen,
ob tatsächlich Kartelle oder Truste vorliegen oder nicht. Sie sind
nicht leicht zustande zu bringen, werden im eigenen Lande arg
angefeindet, anderseits aber oft in sehr begeisterten Tönen als
wertvollste Schrittmacher der industriellen Rationalisierung, ja förm-
licher Zollunionen gepriesen. Ein älteres Beispiel dieser Art ist das
internationale Glühlampenabkommen (schon aus der Zeit
vor dem Kriege), das zweifellos zur Rationalisierung (Normung,
s. oben) wesentlich beitrug und auch preispolitisch günstig für die
Abnehmer wirkte. Aus: der letzten Zeit sind am bekanntesten
geworden: der deutsch-französisch-belgische Eisen(und Stahl)-
pakt (1926), dem sich auch die Nachfolgestaaten anschlossen; das
deutsch-französische Kaliabkommen; das deutsch-englisch-fran-
zösische Abkommen im Bereiche der Farben- und Schwerchemi-
kalien (1927); eine Linoleumvereinbarung, die fast alle euro-
päischen Produktionsgebiete umfaßt (1927), u. a. m.

Hier interessiert vor allem die Frage, wie diese internationalen
Abkommen wirtschaftspolitisch, insbesondere vom Standpunkte der
        <pb n="202" />
        193

Rationalisierung, beurteilt werden. Hervorragende Volkswirte vieler
Länder haben sich in den letzten Jahren mit dieser Frage beschäftigt
und sind, mit wenigen Ausnahmen, zu der Erkenntnis gelangt, daß
lie internationalen Konzentrationen als wertvolle Maßregeln der
Rationalisierung der Produktion und des Absatzes gelten können,
ja darüber hinaus auch zur Rationalisierung der Weltwirtschaft
‘’Bankpräsident Dr. Sieghart, »Neue Freie Presse« vom 27. März 1927,
Staatssekretär Hantos, »Neues Wiener Journal« vom 2.Oktober 1927),
zur Überwindung des Zollwahnsinnes (Generaldirektor der A. E.G.
Dr. Deutsch, »Neue Freie Presse«, vom 13.März 1927) dienen oder gar
als Wegbereiter der europäischen Zollunion anzusehen sind
(Professor Zado w, Weltwirtschaftszeitung vom 153.Jänner 1927). Auch
ein Führer der französischen Industrie, Ch. Duchemin, ist wieder-
holt als eifriger Verteidiger der internationalen Konventionen und
Kombinationen aufgetreten. Auf einem weniger wirtschaftspolitisch
relevanten Gebiete, auf dem der technischen Rationalisierung,
bestehen eine Reihe internationaler Verbände und gibt es schon
zahlreiche internationale Konferenzen und Beschlüsse (vgl. das
öben im Anschlusse an einen Vortrag des Ingenieur Bretschneider
esagte).

{n handelspolitischer Hinsicht ist wohl daran zu erinnern, daß
sehr maßgebende Vertreter der österreichischen Wirtschaft, wie
zuletzt Abgeordneter Streeruwitz (»Sparwirtschaft«, Jänner 1928),
auf dem Standpunkte sind, daß ein durchgreifender Erfolg der
Rationalisierung in Österreich erst durch den wirtschaftlichen (und
zollpolitischen) Anschluß an das deutsche Wirtschaftsgebiet zu
erzielen sein werde. Gewiß können eine Reihe von Rationalisierungs-
maßregeln auch in einem selbständigen Österreich durchgeführt
werden und sind es auch; aber die großen Erfolge der Konzen-
tration, der sozialen Bessergestaltung des Arbeitsverhältnisses sind,
50 meinen viele Fachleute, erst bei dem wirtschaftlichen Anschlusse
zu gewärtigen.

Wenn wir vorerst von diesen und anderen weitreichenden
”änen absehen, so bleiben genug unmittelbar praktische Fragen,
die vor allem im Zusammenhange mit dem Probleme der inter-
nationalen Kartelle aufzuwerfen sind. Internationale Konven-
jonen von solcher Tragweite, wie es der Eisenpakt ist, müssen
vor allem das ernste Interesse der Käufer der kartellierten Waren
arwecken: und so hören wir (&gt;»&gt;Neues Wiener Tagblatt« vom 17. No-

Kobatsch, Wirtschaftlichkeitslehre.
        <pb n="203" />
        194

vember 1926), daß dieser Pakt die verarbeitenden Industrien
(Waggon- und Lokomotivbau, Maschinenindustrie) zur Konzentration
und innerhalb derselben zur Rationalisierung (Spezialisierung u. a.)
zezwungen hat, wie denn Dr. Deutsch auch die Rationalisierung
der Fertigwarenindustrien verlangt (a. a. O.); ebenso konzentrierte
sich auf der anderen Seite die Metallindustrie (Kupfer, Messing,
Aluminium). Auch die Abschwächung der Konjunktur (1927) in
Amerika und der von dort zu erwartende stärkere Druck auf die
suropäischen Märkte (dumping) beschleunigte hier die Konzentration
zwecks Rationalisierung. Als ein beachtenswertes Beispiel dafür,
wie durch die internationalen Kartelle auch der Außenhandel
rationalisiert werden kann, sei angeführt, daß der Ausfuhrüberschuß,
den die tschechoslowakische Eisenindustrie im Verkehre mit Deutsch-
‚and hatte, mit der ungefähr ebenso großen Ausfuhr Deutschlands
in die Gebiete der früheren österreichisch-ungarischen Monarchie
kompensiert wurde, was eine bedeutende Frachtersparnis brächte
(&gt;Prager Presse« vom 25. Dezember 1926). Dr. S. Strakosch lenkt
/»Neue Freie Presse« vom 2. Oktober 1927) die Aufmerksamkeit auf
die soziale Rolle der internationalen industriellen Zusammen-
schlüsse, die nicht bloß die Rohstoffbeschaffung und die Produktion
verbilligen, Typen und Normen ermöglichen, sondern auch im
Interesse der Arbeiterschaft liegen, weil der erhöhte Absatz die
Erhöhung der Löhne erleichtert, ähnlich wie in den Vereinigten
Staaten von Amerika; außerdem verweist er darauf, daß diese
Kartelle auch die internationale Rechtsvereinheitlichung und die
Rechtshilfeverträge bedingen und beschleunigen werden. Auch
Dr. Deutsch (a. a. O0.) kommt auf die soziale Seite des Problems
zu sprechen und bemerkt gegenüber der unbestreitbaren Tatsache,
daß die im Gefolge der internationalen Zusammenschlüsse ein-
tretende Rationalisierung Arbeiter frei setzt, daß dies nur von
kurzer Dauer sei, weil billiger und daher mehr verkauft, also bald
wieder mehr produziert werde. Dr. Deutsch verficht übrigens die
These, daß bloße kartellähnliche Gebilde oder Interessengemein-
schaften nicht genügen, sondern Fusionen notwendig seien, die
aine Direktion, ein Interesse enthalten; nur dann könne es auch
zur Verbilligung der Ware kommen.

Die weitere Öffentlichkeit wurde auf die internationalen Zu-
sammenschlüsse besonders aufmerksam, als 1927 die. Genfer Welt-
wirtschaftskonferenz vorbereitet wurde und stattfand. Der
        <pb n="204" />
        195

Initiator derselben, der Franzose Loucheur, ist auch ein Haupt-
vertreter der internationalen Zusammenschlüsse und damit der
Rationalisierung des internationalen Verkehrs. Wie er statt für eine
Zollunion für staatliche Wirtschaftsverträge (s. unten) eintritt,
so auch für nationale und internationale Konzentration zum Zwecke
der Rationalisierung (»Neue Freie Presse« vom 28. August 1927). Die
Organisation der deutschen Industrie! müßte von ganz Europa
nachgeahmt werden, insbesondere die horizontale Organisation der
Industrien, indem die Weltproduktion jeder Industrie von einer
Zentralkommission, mit dem Sitze in Genf, geregelt und von dieser
für eine Stabilisierung der Preise gesorgt würde; die Kontrolle
dieser Welttrusts würde der Völkerbund übernehmen, der hiebei
auch die Interessen der Abnehmer und Arbeiter zu wahren hätte.

Möge diese gigantische Entwicklung auch noch lange auf sich
warten lassen, so zeigt sich hier immerhin einer der möglichen
\Vege, zu einer wirklichen Rationalisierung der Weltwirtschaft zu
gelangen, ein Weg, den zu beschreiten die Genfer Konferenz
selbst allerdings nur sehr indirekt empfahl, da dort auch Anwälte
des wirtschaftlichen Liberalismus und des Individualismus starken
Einfluß hatten. Dies zeigte sich z. B. schon in den vorbereitenden
Referaten, die immerhin auch die Bedenken gegen eine welt-
wirtschaftliche Durchorganisierung zur Geltung brachten. So sagte
Professor Graßmann (Schweiz), daß die internationale Kartellie-
rung einzelner Wirtschaftszzweige unter gewissen Voraus-
setzungen die beste Form wirtschaftlicher Verständigung von Volk
zu Volk sei, auch geringeren Hindernissen begegne als Zollunionen.
Professor Wiedenfeld (Deutschland) bemerkte folgendes: Die
Hindernisse der Gruppenbildung innerhalb eines Staates seien bei
nternationalen Organisationen noch größer wegen der tiefen Unter-
schiede der wirtschaftlichen Struktur der Länder; die bei nationalen
Kombinationen so wertvolle Arbeitsteilung sei in der internationalen
Sphäre nur in beschränktem Maße durchführbar; internationale
Truste neigten dazu, in fremden Ländern Parallelindustrien zu
antwickeln, und nähmen den Muttergesellschaften mehr Arbeit weg,
als sie ihnen geben; lediglich indirekt könne die Produktionstechnik
durch internationale Zusammenschlüsse verbessert werden. Auch
% Loucheur zitiert hier die Fusion der chemischen Werke zum Zwecke der
Rationalisierung: jedes Werk erzeugt besondere Produkte; vor der Fusion war die
Zahl der Artikel 13.000, jetzt ist sie 2400: die Arhbeitsersnarnis heträgt 12 Prozent,
        <pb n="205" />
        196

der englische Referent, Professor Mac Gregor, gelangte nur zu
bedingt zustimmenden Thesen. Länder, welche monopolsähnliche
Organisationen verbieten, wie z. B. die Vereinigten Staaten von
Amerika, könnten internationalen Kombinationen nicht beitreten;
der Beitritt von Ländern, wo die rechtliche Grundlage der Kartelle
Ansicher ist, sei schwierig; wohl aber könne ein freihändlerisches
Land (oder ein Land mit niedrigen Zöllen) in die monopolsähnliche
Organisation einer wichtigen Industrie willigen, da für eine maß-
volle Preispolitik die regulierende Wirkung der Einfuhr gegeben
sei. Die Konferenz selbst faßte einen ziemlich vorsichtig konzi-
sierten Beschluß, der die Bedeutung der internationalen Zusammen-
schlüsse für die Rationalisierung im einzelnen Lande und im inter-
aationalen Verkehre zwar zugab, aber auch von der Notwendigkeit
ainer wirksamen internationalen Kartellkontrolle sprach.! Es hat
sich somit die Hoffnung mancher Wirtschaftspolitiker, daß inter-
nationale Kartelle gleichsam als Ersatz von Handelsverträgen dienen
könnten, nicht erfüllt.

Günstiger fielen jene Beschlüsse der Konferenz aus, welche sich
auf den — hier sogenannten — staatlichen Konventionalismus
bezogen, d. h. den Staaten empfahlen, in einer Reihe von Fällen
mehrstaatliche und langfristige Verträge (zum Teil nach dem Vor-
schlage des österreichischen Komitees der Internationalen Handels-
kammer, Referent Minister a. D. Richard Riedl) abzuschließen, in
anderen Fragen Handelsverträge, wie sie vor dem Kriege üblich
waren. zu vereinbaren.?

1 Bezüglich der Rationalisierung wird zwar empfohlen, sie mit allen
Mitteln zu fördern, jedoch auch Maßregeln zu ergreifen, um dadurch etwa bedrohte
interessen der Arbeiterschaft (Erschwerung der Arbeit, Arbeitslosigkeit in der ersten
Zeit) zu schützen; die Rationalisierung soll sich im übrigen sowohl auf die Industrie
als auch auf die Landwirtschaft, den Handel und das Finanzwesen und neben
den Großbetrieben auch auf die mittleren und kleinen Betriebe erstrecken; die
Arbeiter sollen durch eine Verbesserung der Löhne an der Erhöhung der Produktion
ainen gerechten Anteil erhalten.

? Ohne zum Hauptproblem — »Schutzzoll« oder »Freihandel«, welche zwei
Devisen von so manchen Fanatikern gleichbedeutend mit »Krieg« oder »Frieden«
zehalten werden — ausdrücklich Stellung zu nehmen und chne sich auf so weit-
veichende Pläne wie »Europäische Zollunion«, »Donaukonföderation« u, a. einzu-
lassen, hat die Konferenz den Staaten doch empfohlen, sich für den allmählichen
Abbau hoher Zölle zu interessieren, die den Handel hemmen, ferner lang-
°ristige Handelsverträge mit uneingeschränkter Meistbegünstigung abzu-
schließen. keinerlei Kampfzölle oder bloße Negoziationszölle einzuheben.
        <pb n="206" />
        197

Diese Beschlüsse fanden eine wertvolle Unterstützung auf der
Stockholmer Konferenz, welche wenige Monate nach der Genfer
Konferenz von den Landeskomitees der Internationalen Handels-
kammer veranstaltet wurde. Bezüglich der internationalen Kartelle
nahm die Handeskammerkonferenz eine entschiedenere Stellung ein,
indem sie sich ja unmittelbar an ihre Mandanten, an die einzelnen
Unternehmer, wenden konnte, während die Weltwirtschaftskonferenz
mehr an die Länder appellieren und ihnen Entschließungen empfehlen
mußte. In der Frage der Staatsverträge hatte die Genfer Konferenz
hauptsächlich zwei Systeme mehrstaatlicher Verträge empfohlen:
eines zugunsten der völkerrechtlichen Kodifizierung des sogenannten
‚Fremdenrechtes« (Einreise, Aufenthalt, Niederlassung, wirtschaft-
liche Tätigkeit, juristische Stellung und Besteuerung der Ausländer,
ausländische Aktien- und Versicherungsgesellschaften) im Sinne
grundsätzlicher Gleichstellung mit den Inländern, der Beseitigung
des Visumzwanges u. ä.; das zweite System bezieht sich auf die
Beseitigung aller Ein- und Ausfuhrverbote. Beide Vertragssysteme
fanden die nachdrückliche Unterstützung der Stockholmer Konferenz
und im November 1927 wurde auf der (staatlichen) Genfer Handels-
konferenz eine Konvention beschlossen, welche zwar den Grundsatz
der Freiheit von Ein- und Ausfuhrverboten proklamiert, davon aber
sine stattliche Reihe von Ausnahmen besonderen Charakters für
einzelne Staaten und allgemeinen Charakters für alle Staaten,
wie solche Ausnahmen auch vor dem Kriege in Handelsverträgen
vorkamen. Es ist ein bescheidener, aber doch ein Fortschritt
der Rationalisierung des internationalen Verkehres, dem hoffentlich
dann doch bald andere folgen werden. In Ansehung des »Frem-
denrechtes« ist noch kein offizieller Konventionsentwurf ver-
einbart, ja es scheint, daß selbst auf einem so bescheidenen Teil-
gebiete, wie es der Visumzwang ist, die volle Freiheit der Vor-
kriegszeit noch lange auf sich warten lassen dürfte (offenbar wegen
der großen Arbeitslosigkeit in so manchem Staate).

Andere Fragen, die längst einer rationellen Erledigung bedurft
hätten, sind die Auswüchse, welche der handelspolitische Ge-
rauch der Eisenbahntarife (Ausfuhrförderung, Hemmung der
Einfuhr und fremder lästiger Durchfuhr) und der sogenannte
Administrativprotektionismus (Hemmung unerwünschter Ein-
fuhren durch Maßregeln der Steuer- und anderer Verwaltungs-
behörden) gezeitigt haben, in welcher Hinsicht eine Denkschrift des
        <pb n="207" />
        198
Deutschen Außenhandelsverbandes (vom November 1927) krasse
Fälle berichtet. Eine schon vor Jahren vereinbarte Aktion zugunsten
der Vereinheitlichung der Zollvorschriften und des Zollver-
fahrens ist ebenfalls noch nicht zu greifbaren Ergebnissen gelangt,
nur die Beschlüsse des Völkerbundkomitees zur Vereinheitlichung
der Zollnomenklatur (einheitliches Zolltarifschema) vom Oktober,
bzw. November 1927 sind rühmend zu erwähnen. Dagegen fehlen
noch alle entscheidenden Arbeiten zu einer ähnlichen »Normung«
der Güterklassifikation der Bahnen und Schiffahrtsunternehmungen,
obwohl die Vorarbeiten schon 1924 (in München) einsetzten (vgl.
‚Reichspost« vom 7. Oktober 1927). Der erwähnten Stockholmer
Handelskammerkonferenz wurde von Kommerzialrat O. Berl, Wien,
ein internationaler Frachtbrief vorgelegt, der 28 verschiedene Auf-
stempelungen trug und dadurch unleserlich und unbrauchbar
gemacht worden war.

Daß in Hinsicht auf das internationale Recht ebenfalls noch
viele Reformen notwendig sind, ist allgemein bekannt; noch immer
fehlt — trotz wiederholter fachlicher Beratungen — das Welt-
wechselrecht und das Weltscheckrecht; die Verträge über
Rechtshilfe und Rechtsvollstreckung sind erst in geringer Zahl
abgeschlossen, weshalb es ein rationeller Fortschritt genannt werden
kann, daß wenigstens private (kommerzielle) internationale
Schiedsgerichte in größerer Zahl vereinbart und begründet wurden,

Was die Rationalisierung selbst betrifft, hat der tschecho-
slowakische Vertreter in Stockholm, Minister Hodac, mit Recht
verlangt, daß die Länder ihre Erfahrungen auf diesem Gebiete
ständig austauschen sollten; zu wünschen wäre auch, gerade vom
Rationalisierungsstandpunkte, daß eine einheitliche internationale
Zentrale der nationalen Spitzenverbände für Rationalisierung ge-
schaffen werde, während es jetzt deren zwei oder drei gibt. —

Im internationalen Verkehr persönlicher und kommerzieller Art gibt
es, wie aus dem Dargestellten hervorgeht, leider noch sehr viele »Ver-
\ustquellen« (wastes), noch viele Anlässe, aus denen unproduktive
Arbeit, überflüssiger Zeit- und Geldaufwand netwendig ist, welche
[rrationalität möglichst bald und radikal abzubauen, eine Haupt-
aufgabe aller nationalen Rationalisierungstellen sein Sollte. Dabei
brauchen sie sich noch lange nicht mit den weiter reichenden
ajgentlich handelspolitischen Problemen (schrittweiser Abbau der
Zölle, Zollunionen mit mehr oder weniger Staaten u. ä.) zu befassen.
        <pb n="208" />
        199

Zum Schlusse einige Worte über den Stand der internationalen
Finanz- und Kreditpolitik. Hier liegen wohl noch schwierigere
Probleme vor als im Bereiche der Handelspolitik, was aber nicht
hindert, auszusprechen, daß auch die weltwirtschaftlichen Geld- und
Kreditfragen in mehrfacher Hinsicht irrationell behandelt werden.
Die weitaus wichtigsten dieser Fragen sind bekanntlich die Repa-
rationsschuld Deutschlands und die Abstattung der interalliierten
Schulden, in der Hauptsache an England, vor allem an die
Vereinigten Staaten. Mit diesen gewaltigen internationalen Zahlungs-
akten hängt der Stand der Zahlungsbilanzen der beteiligten
Länder und zum guten Teile auch ihrer Handelsbilanzen zu-
sammen. Man wird auf die Dauer dem Gebote der rationellen, d. h.
möglichst einfachen, klaren und billigen Regelung dieser Schuld-
beziehungen nicht aus dem Wege gehen können, man wird endlich
loch zu einer ziffermäßigen und erträglichen Festsetzung der ge-
samten deutschen Reparationsschuld und zu einem vernunftgemäßen
Clearing dieser Schuld mit der interalliierten Schuld gelangen
müssen; sonst ist keine rationelle, gesunde Handelspolitik der
deteiligten Staaten möglich. Dazu sollte eine internationale Ab-
nachung der führenden Notenbanken treten, die schon wiederholt
angeregt und besprochen, aber bisher — sehr zum Schaden der
reellen Teilnehmer am internationalen Zahlungsveıkehr — noch
nicht verwirklicht wurde; unlautere Machenschaften verschiedener
Art hintanzuhalten, Erleichterungen der legitimen internationalen
Geldbewegungen zu schaffen sind wichtige Ziele einer rationellen
internationalen Bankpolitik. Daß daneben internationale Abmachungen
zroßer privater Bankinstitute, wie sie z. B. Mitte Oktober 1926
dehandelt wurden, insbesondere für eine bessere Ordnung inter-
nationaler Finanzierungen (Kredite an Unternehmungen in einem
[fremden Lande) von großem Werte sein können, bedarf keines
Beweises. Doch sind die Fragen der internationalen Finanzpolitik
schon viel zu sehr mit solchen der »hohen Politik« verknüpft, als
daß man hier rasch und leicht durchzuführende Reformen erwarten
könnte. Dafür ist es, wenigstens in weit bescheidenerem Rahmen,
sehr möglich, z. B. die Verbreitung des internationalen Scheck-
verkehres anzustreben und zu erreichen, ebenso viele andere
Arbeiten, die gleichfalls nicht in die Politik hineinspielen; alle diese
Bemühungen um die Verbesserung des internationalen Verkehres
ergeben dann doch zusammengenommen einen bedeutenden Fort-
        <pb n="209" />
        200
schritt im Geiste der Rationalisierung, der immer weitere Kreise
ziehen wird, vom Außenverkehr nach innen reformatorisch wirkend,
abenso wie rationelle Fortschritte im Innern auch stets irgendwie
nach außen wirken. So wird eine Atmosphäre des internationalen
Wirtschaftsfriedens geschaffen und die Domäne des jetzt noch
latent herrschenden Wirtschaftskrieges ständig eingeengt und
abgegraben. —
17. Vorschläge.

Um aber dieses Buch mit einem praktischen Vorschlage zu
beenden, sollte in Österreich folgende Organisation geschaffen
werden: Ein Forschungs- und Propagandainstitut für Wirt-
schaftlichkeitslehre, dem als ständige Mitarbeiter anzugehören
hätten: ein Volkswirt, ein Sozialpolitiker, je ein Bau-, Maschinen-
und Elektrotechniker, ein Kaufmann, ein Psychologe und ein Physiologe
(Arzt); diese Fachleute wären von den zuständigen Hochschulen
"Fakultäten, Abteilungen) zu nennen. Diesem Arbeitsausschusse
sollte ein kleiner Beirat zur Seite stehen, der die Hauptzweige
der wirtschaftlichen Berufe, und zwar je zur Hälfte Arbeitgeber und
Arbeitnehmer, zu umfassen hätte und von den zuständigen Haupt-
körperschaften zu bestellen wäre. Eine solche Zusammensetzung
sollte auch das geplante »Kuratorium für Wirtschaftlichkeit« erhalten.

Wir sind somit »im engen Bretterhaus« eines Buches »den
zanzen Kreis der Schöpfung« (rationeller Maßregeln in der
menschlichen Wirtschaft) ausgeschritten; wir sind dabei, getreu dem
Gebote des Theaterdirektors in Goethes »Faust«, vom Himmel (der
höchstpersönlichen Rationalisierung) durch die Welt (der Rationali-
sierung in Produktion, Handel und Verkehr) zur Hölle (der poli-
tisch indizierten Öffentlichen und internationalen Rationalisierung)
yewandelt. Wir haben überall des noch zu Tuenden ein reichlich
Maß gefunden, aber nirgends Unmögliches verlangt. Um wieder mit
Goethe zu sprechen, gilt .auch im Wirtschaftlichen als »der Weis-
heit letzter Schluß«: stetes Streben nach Besserung, stete emsige
eigene Tätigkeit; denn

‚Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
der täglich sie erobern muß. «
(Faust II.)
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committees, ebenso eine Gesellschaft für co-operation (Kyocho-Kai;
vgl. die englische Zeitschrift Co-partnership, Dezember 1927).1

In Amerika betätigen sich die works councils, joint committees
u. a. mit außerordentlichem Erfolge für Arbeiter und Betrieb, sind
wertvolle Organe der praktischen Kleinarbeit im Sinne der Ratio-
nalisierung. So wurden dort z. B. in der Bekleidungsindustrie,
gemeinsam mit der Gewerkschaft, standards ausgearbeitet, wodurch
die Kosten sich um 15 bis 20 Prozent verringerten und — die Löhne
entsprechend erhöht werden konnten; in der Holzverarbeitung
brachte die (ebenso cooperativ ausgearbeitete) standardization eine
noch größere Erhöhung der Löhne und eine noch bedeutendere
Verminderung der Kosten (bis zu 25 und 30 Prozent). Ähnliche
Erfolge der co-operation verzeichnen die Papierindustrie, die Kon-
struktionswerkstätten(vgl.Näheres im früher zitierten »Hoove Bericht «).*

Von geradezu mustergültiger und beispielgebender Klarheit und
tiefer Wirkung auf die Öffentlichkeit war aber die Konferenz, welche
Trade unions von Philadelphia, einer der ältesten und größten
[ndustriestädte der Vereinigten Staaten, über die Beseitigung der
Verlustquellen in der Industrie (April 1927) veranstalteten und
an welcher auch zahlreiche Unternehmervertreter sowie Zivil-
ingenieure teilnahmen. Das ist wahrhaft soziale Rationalisierung, im
besten, eigentlichen Sinne des Wortes. Aus dem ungemein inter-
essanten Protokolle der Konferenz können hier nur einige wenige,
besonders markante Stellen wiedergegeben werden. Der Präsident
der American Federation of Labor, William Green, sagte die lapidare
Wahrheit: »Ersparnisse in der Produktion gehen alle an, die am
Betriebe teilnehmen und aus einer Zunahme der Spanne zwischen
Kosten und Verkaufspreisen Nutzen ziehen.« Die Initiative zur Ratio-
nalisierung soll von der Leitung ausgehen, die Gewerkschaften
müssen an ihrer Durchführung mitwirken und können durch prak-
tische co-operation und good will den Unternehmungen unschätzbare
Dienste leisten.

1 Das wirtschaftspolitische Programm, das die liberale Partei Englands am
3. Februar 1928 veröffentlichte, enthält u. a. den Vorschlag, die Work councils
Betriebsräte) für alle Unternehmungen, die mehr als 50 Leute beschäftigen, obli-
zatorisch einzuführen.

&gt; Ein wertvolles Mittel, die Betriebsangehörigen zur Mitarbeit an Fragen des
Betriebes zu gewinnen, sind auch die »Werkzeitungen«, welche jetzt in Deutsch-
and und Österreich (z. B. in der Alpinen Montan A. G.) Verbreitung finden.

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