Brautkinder. 39 besser zu fundieren und somit Grundlagen zu schaffen, welche den unglücklichen Ehen und den die Kirche mit Sorge er- füllenden Problemen der Ehescheidung vorzubeugen imstande wären, haben selbst katholische Schriftsteller der Gegenwart dazu veranlaßt, ihr Augenmerk auf diesen Punkt zu lenken. So hat Hermann Muckermann ein sehr weitläufiges Kapitel über das „Gebot der Auslese“ mit weit vorausschauenden Lanzen für den Gedanken gebrochen, daß das Mädchen in seinem Ge- schlechtsleben eine Sturm- und Drangzeit durchmachen müsse, bevor es zu zlücklicher, ruhiger Ehe überzugehen vermöge, Er tritt deshalb für die Spät- ahe (S. 270) sowie für gleiches Recht auf Geschlechtsgenuß für Mann und Frau vor der Ehe ein. Der Literarhistoriker Charles-Brun bemerkt: „Leon Blum vient de nous apprendre que le meilleur moyen de fonder des m6nages heureux, c’est d’accorder & la jeune fille ces mömes licences que la morale mondaine accorde au jeune homme, de lui laisser accomplir sa ‚periode poly- gamique‘ (Abel Hermant V'en raille agröablement dans Trains de Luxe), et de Iui faire faire sous l’ceil attendri de sa mö@re, ses 6coles sentimentales. ‚Il ıpparait comme n&cessaire que 1a femme, elle aussi, ait men& sa vie de garcon, sa vie de passion et d’aventure ... Il est constant que les femmes libres, aprös dix. ou quinze ans de passions vari6es, 6prouvent un imperieux besoin de se fixer, et ces mariages serajent les meilleurs en th6orie...‘ Et les anfants? Les enfants, on n’en a pas.“ (Charles-Brun, Le Roman Social an France au XIXe Siöcle, Paris 1910, Giard, p- 172.) Der Grundgedanke, den Victor Margueritte seinem sozialen Roman „La Gargonne“ gegeben hat, hat damit viele Berührungspunkte (1. c., S. 58). — „Man betrachte unter diesem Gesichtspunkt der Fortpflanzung auch die deutsche Literatur. Man wird dann darauf aufmerksam werden, wie auch dort der außereheliche Ge- schlechtsverkehr in den Romanen immer häufiger ‚ohne Folgen‘ abläuft. Das anispricht eben der Wirklichkeit.“ (Seeberg, 1. c., S. 40). In Amerika hat sich sogar der richterliche Beamte Lindsey nach ernster Untersuchung der Lage aus der silttlichen Zerrüttung der amerikanischen Jugend keinen anderen Ausweg gewußt, als einer sexuelle Beziehungen nicht unter allen Umständen zusschließenden Versuchsehe als dem geringeren Übel das Wort zu reden. Er meinte: „Probe-Heiraten und Liebe ohne gesetzliche Ehe wachsen be- ständig um uns herum, Sie haben bis jetzt den großen Nachteil, daß keine Kinder erwünscht sind, weil sie dann doch in der gesetzlichen Ehe aufgehen müßten. Sobald wirklich ein Kind kommt, wird auch allermeistens ge- heiratet.“ (Lindsey, 1. c., p- 129). — Vgl. auch die warme Verteidigung lieser Versuchsehen in dem franko-amerikanischen Roman von Lucie Saint-Elme., A läge mouille.... Paris 1925, Les Gemeaux, p. maff.