70 Dritter Teil. logisch gezwungen, die künstliche Abtreibung der Frucht un- ehelicher Liebesleute mit Freuden als „Fortschritt“ zu be- grüßen. Die Ausbreitung solcher Kunstgriffe, die allerorts vom Gesetz mit schweren Strafen belegt werden, führt gewiß eben- falls zum Resultat einer Verminderung der unehelichen Ge- burten. Insofern kann die Verminderung der Ziffer der unehe- lichen Geburten sogar Indizium unzweifelhaft feststehender Zunahme der „Unmoral‘ in einem Volke sein. Dementsprechend könnte dann also unter gewissen Umständen die Vermehrung der unehelichen Geburten als ein Anzeichen höherer „Moral“ betrachtet werden. Die Wissenschaft muß mithin jedes Inbe- ziehungsetzen von bei einem Volke vorhandener unehelicher Natalität mit der Sexualmoral und jedes Abschätzen des Grades dieser an der Höhe jener als. eine Mystifikation zurückweisen, die geeignet ist, die an sich schon nicht leichte Untersuchung vom Wesen des Fortschrittes durch unbefugte Seitensprünge zu stören. Schon Mittermaier hat 1844 aus der Tatsache der geringen Unehelichkeitsziffern in italienischen Landen zum Unterschied von den hohen Ziffern in Deutsch-Österreich®? sowie der zu- nehmenden Zahl der ausgesetzten Kinder in Italien mit Nach- druck darauf hingewiesen, daß es sich bei keiner der drei in Frage kommenden statistischen Daten um ihre ausschließlich moralische Deutung handeln könne. Er führt als Ursache der geringen Unehelichkeit in Italien an: erstens die frühe Ver- heiratung der ohnehin frühreifen Mädchen; zweitens das Vorhandensein reichlicher Dotationsinstitute (Mitgiftinstitute) ; drittens den Einfluß der Geistlichkeit, die, wenn sie durch die Beichte von Schwängerung erfahren, bei ihren schuldigen Beichtkindern auf schnelle Heirat dringe. Vor allem aber, viertens, Sitte und Erziehung, die strenge Aufsicht, welche Eltern über ihre jungen Töchter halten, und die keine Gelegen- 87 Vgl. S. 95 unseres Buches.