72 Dritter Teil. jährige, sondern als für ihr Tun und Lassen verantwortliche, vollmenschliche Persönlichkeit betrachtet wird, ist die Anzahl unehelicher Geburten in der Regel höher, wenn schon, wie wir bereits an anderen Stellen dieser Arbeit gesehen haben, Gewöhnung und allmähliche Selbstdisziplin hiergegen als Gegentendenzen aufkommen können®%. Der Kontakt mit dem Leben muß bei der Beschaffenheit unserer Physis der Sexual- moral gefährlich werden. Das einzig wirksame Mittel, das Vor- kommen unehelicher Natalität zu verhindern, ist immer noch das Gefängnis oder das Gynäzeum. Es kann deshalb ohne große Übertreibung die Behauptung aufgestellt werden, daß die Sexualmoral, soweit sie an der Höhe der Zahl der unehelichen Geburten gemessen wird, oft im umgekehrten Verhältnis zu dem Grad des in den einzelnen Ländern herrschenden Gefühles für persönliche Würde steht. Da die Freiheit, welche die Frau genießt, indes fast stets der natürliche Ausfluß der Achtung und des Vertrauens ist, die man ihr entgegenbringt und die ihrer völligen Menschwerdung erst die Wege ebnet, so kann man sagen, daß Kultur und ein gewisser Grad von sexueller Ungebundenheit hier zusammenfallen?. Natürlich immer nur unter der Voraussetzung, daß sich auch in der Freiheit die E10 a 0 nes Bacher 90 Dieses klar erkannt und mit treffsicheren Worten ausgesprochen zu haben, ist das große Verdienst Moli&res, der einer seiner weiblichen Fi- guren die Worte in den Mund legt: „En effet, tous ces soins sont des choses infimes. Sommes-nous chez les Tures, pour renfermer les femmes? Car on dit qu’'on les tient esclaves en ces lieux. Et que c’est pour cela qu’ils sont maudits de Dieu, Notre honneur est, monsieur, bien sujet ä faiblesse, S’il faut qu'il ait besoin qu'on le garde sans cesse; Pensez-vous, Apres tout, que ces precautions Servent de quelque obstacle & nos inten- ons? Et, quand nous nous mettons quelque chose ä& la tete que l’homme le plus fin ne soit pas une bete? Toutes ces gardes-lä sont visions de fous; Le plus sür est, ma foi, de se fier en nous.“ (Moliegre, L’Ecole des Maris. (Euvres Complöetes, Nouv. Kd., Paris, Garnier, vol. I, P- 276.) Daß Moliere schon 166r eine derartige Auffassung vom Menschentum der Frau kampflos aussprechen konnte, zeugt zugleich von der Tatsache, daß zu seiner Zeit die französische Frau schon höher entwickelt war als etwa ihre