74 Dritter Teil, eine Minderung des Schamgefühls mit der Zunahme der Menschlichkeit Hand in Hand gehen. Auch das Vorkommen von eigentlichen Sexualdelikten steht mit der Kulturentwicklung eines Volkes in Verbindung. Das Vorhandensein entsprechender hoher Ziffern in einem Lande kann auf wilde, rohe, gewaltsame Sitten schließen lassen. Dieser Schluß wird häufig ein richtiger sein. Häufiger aber noch wird ar sich als ein voreiliger Fehlschluß herausstellen. Zwei Bei- spiele sollen dies erhärten. Für einige Distrikte Siziliens und Sardiniens, in denen die Zahl der Sexualdelikte eine beträcht- liche ist, konnte festgestellt werden, daß sich ihre Bevölkerung durch strengste Ehezucht und fernerhin durch das Fehlen jeg- licher Prostitution auszeichnet. Sexualdelikte werden unter Umständen also gerade in sexualsittlich sehr hochstehenden Gegenden begangen. Ohne Übertreibung könnte sogar der Satz aufgestellt werden, bei Annahme gleich großer Bruchteile sittlich Verwilderter in jedem Lande sei die höhere Zahl er- mittelter Sexualdelikte das Symptom einer im übrigen hohen Geschlechtskultur. Denn es kann angenommen werden, daß die betreffenden meist ehelosen Delinquenten beim Vorhanden- sein von Dirnen oder bei laxer Handhabung der Ehepflicht seitens vergnüglicher Ehefrauen Gelegenheiten genug gefunden haben würden, ihre Geschlechtslust zu befriedigen, ohne mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt zu geraten. Selbst ein Dettingen kann nicht umhin, die sein moralstatistisches Lehr- zebäude freilich nicht stützende These niederzuschreiben, daß „die Städte, in welchen der geschlechtlichen Extravaganz be- quemere Gelegenheiten sich zu betätigen geboten wird, trotz ihrer oder gerade wegen ihrer größeren Korruption viel seltener Notzuchtverbrechen aufweisen‘ 93, Noch weniger einwandfrei ist die ersterwähnte Interpretation hoher Ziffern von mit ehelichen Geschlechtsbeziehungen zu- SS 9% Oettingen, S. 504.