78 Dritter Teil. Die Sexualverbrechen der Süditaliener entspringen ganz ande- ren Wurzeln als die der übrigen Bewohner Hesperiens19?, Die Unterschiede in der Bewertung der durch einen öffentlich ge- raubten Kuß verursachten Schädigung sind zwischen Nord- und Süditalien so groß, daß, falls die Rechtsprechung nach folk- loristischen Gesichtspunkten verfahren würde, dieses Vergehen in Kalabrien mindestens mit zwei Jahren, in Turin oder Bo- logna dagegen nur mit ein paar Monaten Gefängnis bestraft werden müßte 102a, Die irreführende Eigenschaft der Moralstatistik läßt sich noch an den Beständen der Statistik Siziliens selbst erhärten. Kriminalstatistisch scheinen im Westen Siziliens die Sittlich- keitsverbrechen weniger zahlreich zu sein als im Osten der Insel; dagegen kommen dort mehr Verbrechen gegen Leib und Leben vor. Somit könnte man annehmen, daß, allerdings im Gegensatz zur allgemeinen Moral, wie sie in den Ziffern der Körperverbrechen zum Ausdruck kommt, die Sexualmoral im Westen höher stehe als im Osten. Dazu ist indes zu bemerken. Norditalien auf 10,92 pro 100000 Einwohner, Mittelitalien „ 15,92 ‚, Süditalien „ 35,68 ,, » Sizilien „ 43,71 z Sardinien „28,99 beliefen, unnötig aufgeregt. (Al£redo Niceforo, Italiani del Nord ed Italiani del Sud, Torino 1901, Bocca, P- 314.) Über die Inkommensurabilität der sozialen Faktoren in der von der gleichen statistischen Zentrale behandelten Moralstatistik des norditalienischen und des süditalienischen Milieus wird ohnehin lebhaft Klage geführt. (Vgl. Gaetano Baglio, Sicilia, Piemonte € Lombardia nella Statistica Giudiziaria Penale, Napoli 1910, Pierro, p. 55£. sowie Alfredo Niceforo., La misura della vita, Torino 1919, Bocca, p. 158/159.) 12 Vgl. auch Pasquale Rossi, Il delitto „barbaro“ nell' Italia meri- lionale, in Antonio Renda, La Questione Meridionale, 1. c., p. 224/25. 102a Manci, 1. ©, P- 157. — Auch in Deutschland bestehen ethnische und religiöse Verschiedenheiten in der Auffassung von der sittlichen An- stößigkeit. (Vgl. Albert Moll, Polizei und Sitte. Berlin 1917. Gersbach. p. 53.)