176 Vierter Teil, Als einer der wesentlichsten Gründe, aus denen die Dienen- den liederlich werden, wurde angeführt, daß sie „wandernde Mietlinge‘“ und dadurch proletarisch geworden seien?l, Hirsch- berg bemerkt, daß die Dienstmädchen gerade deshalb leichter fallen, weil sie, wenn sie in die Stadt in Dienst gehen, hier einer völligen Vereinsamung anheimfallen??, Ferner müssen einmal der enge, aber äußerlich bleibende Kontakt mit der Dienstherr- schaft, die Fremdheit und Lieblosigkeit derselben ?3, dann auch das ansteckende und zur Nachahmung anreizende Wohlleben, sowie die in den Häusern selbst oft herrschenden schlechten Sitten herangezogen werden?*, Doch muß man sich sehr davor hüten, die Verführer der Dienstmädchen etwa vornehmlich in den Reihen der Dienstherrschaft (der Ehemänner oder der Haus- söhne) zu suchen ?5. Vielmehr liegen diese ganz anderswo, näm- 21 W. H. Riehl, Die bürgerliche Gesellschaft, 1. c., S. 447. 2 Hirschberg, S. 284. 2% Fanny Lewald, Osterbriefe für Frauen, Berlin 1863, Janke, 5. 38ff£f., 45£f.; Clara Viebig, Das tägliche Brot, 3, Aufl., Berlin 1901, Fontane, Bd. ı, 5. 69, 79ff.; diese Zusammenhänge muß selbst ein 30 ein- seitiger und anekdotenhaft oberflächlicher Kritiker der Dienstbotenpsyche wie de Rycköre zugeben. (Vgl. Raymond de Rycköre, La criminalit6 des servantes, im Bericht über den VII. Internationalen Kongreß für Kri- minalanthropologie, Köln a. Rhein, g.—13. Oktober ıg91x, Heidelberg 1912, Winter, S. 93, 10x.) Der gleiche Autor hat den gleichen Stoff auch in Buchform behandelt. Vgl. vor allen Dingen das Kapitel X: La Prostitution, in: La Servante oriminelle. Etude de Criminologie professio- nelle, Paris 1908, Maloine, p. 277ss. % Man lese z. B. die ein gutes Stück objektiver Wahrheit enthaltenden romanhaften Darstellungen des Dienstbotenwesens bei Alphonse Daudet, Le Nabab. (Nouv. Ed., Paris 1892, Charpentier, p. 189££.); Octave Mir- beau, Le Journal d’une Femme de Chambre. (Paris 1900, Fasquelle, pP: 211, 248, 362); und bei Vincent Brion, Chez les autres. (Paris 1924, Flammarion). — Vgl. auch Hirschberg, S. 284; Robert und Lisbeth Wilbrandt, Die deutsche Frau im Beruf, Berlin 1902, Moeser, S. 136. 2 Wie die Verführer der armen Mädchen überhaupt dem Stande des Mädchens selber angehören. Vgl. Frögier, S. 65; Du Camp, vol. HEIL p. 436; Verniäres (dieser bemerkt z. B. von den Nähmädchen auf S. 65: „Des filles, qui sortent de l’atelier, avec des cheveux mal peign6s et une