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        <title>Sittlichkeit in Ziffern?</title>
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            <forname>Robert</forname>
            <surname>Michels</surname>
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        „Ä-
44034

pp 53°
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        Sittlichkeit in Ziffern?

Kritik der Moralstatistik

Va:

Robert Michels

MÜNCHEN UND LEIPZIG / 1928
VERLAG YON DUNCKER &amp; HUMBLOT

Yakkar33EEHLBIJPQERNERarL
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        Robert Michels
Sittlichkeit in Ziffern?
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        Sittlichkeit in Ziffern?

Kritik der Moralstatistik

Von
Robert:Michels
Professor an den Universitäten Basel und Turin,
korresp. Mitglied der Accademia Reale in Neapel

em
1

MÜNCHEN UND LEIPZIG / 41928
VERLAG VON DUNCKER &amp; HUMBLOT
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        5A

Pierersche Hofbuchdruckerei Stephan Geibel &amp; Co., Altenburg (Thür.)
        <pb n="10" />
        V 0) R W OO R T

Schon seit geraumer Zeit mit dem Studium der Grenzgebiete
zwischen den konkreten, in Zahlen faßbaren Verhältnissen und
den hinter ihnen liegenden Kausalitäten und deren Analyse
beschäftigt, schien es mir der Mühe wert zu sein, die auf dem
Gebiete der Wissenschaft und des angewandten Lebens in den
Ländern meiner akademischen Lehrtätigkeit gemachten wissen-
schaftlichen Untersuchungen und menschlichen Erfahrungen
einmal auf einem Spezialgebiete zu sammeln und zu sichten.
Das ist hier für Begriff und Wesen der Moralstatistik, insoweit
diese sich auf das Geschlechtsleben bezieht, geschehen. Nach
einer vorläufigen, teilweisen Veröffentlichung der Ergebnisse
dieser Studien in den altgewohnten Seiten des Archivs für
Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, dem ich in einem Viertel-
jahrhundert langer Arbeit verbunden bin, hat mich ein in-
tensiver Aufenthalt in den Vereinigten Staaten von Nordamerika
und eine große Anzahl neuer Materialien, zusammen mit den
von vornherein unveröffentlicht gebliebenen zu einer ihrem
Wesen nach neuen Arbeit geführt, deren Ergebnis in dem Be-
weis der glatten Ungeeignetheit der Statistik zur Erfassung sitt-
licher und triebhafter Werte und Unwerte bestehen dürfte.

Basel-Chicago-Turin, 1927.
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        INHALTSVERZEICHNIS

Seite
VY
Vorwort .
Einleitung .
TEIL I:
Theoretische Vorfragen
TEIL HI:
Statistische Vorfragen

TEIL III:
Kriterien zur Erfassung moralstatistischer Daten .
1. Uneheliche Kinder
a) Grenztypen . .
1, Brautkinder, . .
x) in der Ehe geborene. . ... +0 40440 4
8) von Bräuten außer (vor) der Ehe gezeugte und ge-
borene Kinder ...-
2, Im Ehebruch erzeugte Kinder .
%) Uneheliche Kinder im engeren Sinne
Schema. ......«.«
Uneheliche Kinder aus:
1. rein kirchlichen Ehen
2, Konkubinaten. ... +.
x) aus ökonomischen Zwangslagen. . ....
#) aus rechtlichen oder beruflichen Zwangslagen -
y) aus Gründen der Weltanschauung: Sozialismus .
d) aus bäuerlichen Sitten... .. «++ &gt; *
£) aus persönlichen Gründen . + 2. + +7
3. Flüchtigen Geschlechtsverbindungen -
c) Kritik der Unehelichkeitsstatistik .. . + + + * " “
l. Prinzipielle Kritik und Fehlerquellen beim Vergleichen
der Unehelichkeitsziffern . . + . + * *
2, Einiges über den „Wert“ der Unehelichen
3. Nationale Unterschiede. . .. 00.000005 0004 44
4. Zur Soziologie von Geschlechtsmoral und Ehe...
d) Übergang von der Unehelichkeit zur Ehelichkeit. Gesetz-
liche Anerkennung unehelicher Kinder . , ; w@
2. Neomalthusianismus -

30
30
30
30
30

38
41
&gt;
43

5

3
a7
33
53
PA
66

66
83
90
102

108
111
        <pb n="13" />
        IN

Inhaltsverzeichnis
3. Ehescheidung . .

4, Sexualkriminalistik .

5. Prostitution... -

3. Geschlechtskrankheiten

7. Mischehen. . .. +.

8. Das „retrospektive“ Symptom (Erkennbarkeit der Sexual-
moral an ihren Folgen) . ”

Seite
117
125
135
153
156
163

TEIL IV:
Akzessorische Fragen der moralstatistischen Kausali-
täten..... 169
1. Religion. . 169
2, Psychische Isolierung . 171
3. Krieg und Nachkriegszeit 186
217
290

Schlußbemerkung
Namenverzeichnis
        <pb n="14" />
        Einleitung.
Die Moralistik ist derjenige Teil der Statistik, welcher die
Jurch die Moral gegebenen oder von ihr bewirkten, faßbaren
Geschehnisse des menschlichen Lebens summiert und in Ziffern
zum Ausdruck bringt.

Schon die ersten Vorläufer der modernen Moralstatistik
haben von der Ausdrucksfähigkeit derselben eine sehr hohe
Meinung gehabt. So außer Süßmilch und neben dem mehr be-
schreibenden Fregier1 zumal auch Bernoulli? und Guerry®,
welch letzterer bekanntlich gemeinhin als der zeitlich erste
Begründer dieses Zweiges der Statistik betrachtet zu werden
pflegt. Ein anderer Vorläufer der Moralstatistik, P. A. Dufau,
meinte 1840, die Statistik habe den Zweck, Fragen zu lösen,

1 Als eines der wichtigsten, die Entstehung der Moralstatistik vorbereiten-
jen Werke wäre das von H. A. Freögier (seines Zeichens Chef de Bureau
ı la‘ Pröfecture de la Seine) 1838 veröffentlichte und vom Institut de
France (cade&amp;mie des Sciences Morales et Politiques) preisgekrönte Buch
„Des Classes Dangereuses de la Population des grandes Villes‘“ zu nennen,
in welchem außer den eigentlichen Verbrechern auch die Dirnen und les por-
tions vicieuses de la classe ouvriere erfaßt werden. Der Begriff der Classes
dangereuses (die gefährlichen Klassen) enthält natürlich ein moralisches
Werturteil.

? Christoph Bernoulli, Handbuch der Ponulationistik, Ulm 1841.
Stettin, S. 122.

3 „Considerant les idees, les sentiments, les facult6s d’esprit, non dans
leur manifestation ext6rieure, et en tant qu'ils tombent sous V’obseryvation
directe, cette science, ou plutöt cette methode d’exposition, s’applique &amp;
wous les faits de l’ordre moral et intellectuel, sans en excepler meme ceux
qui se rapportent ä l’expression de la pensee“ (A. M. Guerry, Statistique
Morale de l’Angleterre comparee avec la Statistique Morale de la France,
Paris 1864, Bailliere, p. XLVII). Eine Statistik, welche Gedanken aus-
zudrücken fähig ist, sie aber nicht in ihren ewig ungreifbaren Prinzipien
arfassen kann, begreife und erfasse wer will!

Michels, Sittlichkeit in Ziffern.
        <pb n="15" />
        Einleitung.
nicht ein Land zu beschreiben, und verstieg sich sogar zu
der Behauptung, die Wissenschaft habe in der Statistik den
moralistischen Verhältnissen (L’Etat moral) der Bevölkerung
bessere Forschungsarbeit gewidmet als den physischen*, Auch
die Kritik an der Moralstatistik machte sich schon frühzeitig
geltend; Reybaud bemerkte, die scheinbar erwiesene englische
Elendstatistik halte ebensowenig einer ernsten Nachprüfung
stand als die zwar von Polizeiorganen besorgte, aber auf un-
sicheren Schätzungen aufgebaute Pariser Moralstatistik. Die
Statistique sociale sehe ihre Aufgabe darin, eine Science d’etalage
zu sein: on dirait qu'elle veut emprunter quelque chose ä la
tactique de ces mendiants qui empirent ]l’ötat de leurs plaies
pour mieux exciter la piti6 de la foule. Die Sozialstatistiker
seien. „statistische Romantiker‘, Dramatiker, Ankläger im
statistischen GewandeS, Später wurde der Begriff der Moral-
statistik in Deutschland unter anderem von Oettingen sowie
von Georg von Mayr weiter ausgebildet, welcher in seinem
Lebenswerk (Statistik und Gesellschaftslehre) der Moral-
statistik den ersten Teil der „Sozialstatistik‘“ (die den dritten
Band des Werkes darstellt) gewidmet hat®. Georg von Mayr
definiert die Moralstatistik als „die Statistik der Zustände und
4 P. A. Dufau, Trait6 de Statistique ou Th6orie de 1’Etude des Lois
d’aprös lesquelles se developpent les Faits sociaux. Paris 1840, Delloye.
p- 109.

5 Louis Reybaud, Etudes sur les R6formateurs ou socialistes modernes.
7° 6d. Paris 1864, Guillaumin, vol. II, p. 44£$.

6 Tübingen 1909, Mohr; vgl. ferner Georg von Mayr, Begriff und
Gliederung der Staatswissenschaften, 3. Aufl., Tübingen 1910, Laupp;
Ders,, Die Berechtigung der „Moralstatistik“, im Allgemeinen : Statisti-
schen‘ Archiv, vol. 4, 1. Halbband, Tübingen 1907, Laupp. — Die gleiche
Richtung war vor allen Dingen in den achtziger Jahren in Deutschland sehr
verbreitet. — Positiv (wenn auch sehr wenig eingehend) zur Moralstatistik
stehen auch G. F. Knapp (Die neueren Ansichten über Moralstatistik,
in den Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik, Jena 1871, Mauke,
vol. XIII, p. 248) und Franz Zizek (Grundriß der Statistik, 2. Aufl.
München 1923, Humblot, S. 289}.
        <pb n="16" />
        Einleitung.
Erscheinungen des Sittenlebens‘“, d. h. „der Handlungen, der
Ereignisse und der Folgewirkung von Handlungen und Ereig-
nissen, welche Rückschlüsse auf die Gestaltung des Sitten-
lebens der Menschen gestatten und der Massenbeobachtung in
Zahl und Maß zugänglich sind‘?. Masaryk betrachtet ganz be-
sonders die unehelichen Geburten als „Maßstab der Sittlich-
keit, das Wort im rechten Sinn verstanden‘ 8.

? Mayr, Begriff und Gliederung, 5. 139.
8 Thomas Garrigue Masaryk, Der Selbstmord als‘ soziale Massen-
erscheinung der modernen Zivilisation, Wien 188%, Konegen, 5. 36.
        <pb n="17" />
        Erster Teil.
Theoretische Vorfragen.

Die Moralstatistik vermöchte aus verschiedenen. Ursachen das
interesse des Staates am Vorhandensein einer geschlechts-
sittlichen Moral vorauszusetzen. Diese Position ist, wenigstens
soweit die Geschlechtsmoral in Frage kommt, von verschieden-
sten wissenschaftlichen und politischen Richtungen aus in
Zweifel gezogen worden!. Wir werden auf diese bedeutsame
Vorfrage an dieser Stelle nicht eingehen können.

Außerdem möge noch zweier Theorien kurz Erwähnung
zetan werden, welche, falls ihr Zurechtbestehen nachgewiesen
werden könnte, die Moralstatistik über ihre Funktion als einer
Feststellung von Tatsachenreihen hinaus von vornherein jeder
moral-kausalen Ausdrucksfähigkeit berauben würden. Das sind
die Lombrosianische Lehre vom geborenen Verbrecher sowie
der moralstatistische Determinismus des Queteletschen Homme
Moyen.

ad. ı. Die Lombrosianische Lehre von der physiologischen
Vorbestimmung bestimmter biologisch und genealogisch nach-
weisbarer Kategorien abstrahiert a priori von jeder Möglich-
keit moralischer Phänomenologie. Bei ihren Prämissen er-
scheint der Verbrechertypus oder der Prostituiertentypus, m
1 Pareto bestreitet überhaupt das Bestehen eines Einflusses der Sexual-
sittlichkeit auf das Staatsleben. Er stellt unverblumt die Frage auf, ob es
atwa für Frankreich besser gewesen wäre, wenn der sittlich alles andere
als ein Tugendbold gewesene Marschall Moritz von Sachsen, anstatt in
der Schlacht von Fontenoy die Franzosen vor der feindlichen Invasion
gerettet zu haben, ein außerordentlich sittenstrenger Herr gewesen wäre,
sich dafür aber vom Feinde habe schlagen lassen (Vilfredo Pareto,
Le Mythe vertuiste et la litt&amp;rature immorale, Paris 1911, Rivitre, p. 176).
Der Zusammenhang zwischen Sittenreinheit und Kunst hat in der Ge-
schichte ebenfalls nicht nachgewiesen werden können.
        <pb n="18" />
        Theoretische Vorfragen.
der absoluten amoralischen Bedingiheit gegebener naturwissen-
schaftlicher Gesetze, als „ewiger Ratschluß‘“ der Physis. Da-
gegen wäre einschränkend zweierlei zu bemerken. Einmal
würde die kriminalanthropologische Erklärung der Lombroso-
schule der moralstatistischen Betrachtungsweise zwar die
eigentliche Kriminalstatistik und die Prostituiertenstatistik ent-
winden, nicht aber die der unehelichen Natalität, von welcher,
soweit wir sehen können, auch von keinem Lombrosianischen
Epigonen je behauptet worden ist, daß sie in den Kreis der Ge-
burtsvorbedingtheit einbezogen werden müsse. Zweitens hat die
Lombrososchule eine schon durch den Mund ihres Meisters
selbst angezeigte und später in weitem Umfange durch seine
wichtigsten Anhänger, wie Enrico Ferri, Eugenio Florian, Raf-
faele Garofalo und andere, inzwischen ausgefüllte Lücke auf-
gewiesen, nämlich die ökonomisch-soziale. So daß die Synthese
der gereinigten Lehre etwa auf folgende Formel gebracht
werden konnte: Die Wirksamkeit der biologischen Prädispo-
sitionen zur Begehung von Verbrechen tritt nur in Kraft, imn-
soweit ihr durch günstige ökonomische und soziale Milieu-
erscheinungen nicht entgegengewirkt wird; d. h. das Ver-
brechen entsteht durch Verbrechergehirn und Elend. Das Vor-
handensein des ersteren allein ist nicht mehr ‚zwangsläufig‘
entscheidend?.
ad 2. Die von A. M. Guerry3 (seit 1833) entworfene ‚und
von Quetelet* (seit 1835) in Brüssel mit großem Gedanken-
reichtum weiterentwickelte Theorie des Durchschnittsmenschen

? Siehe mein Kapitel: Cesare Lombroso, in: Bedeutende Männer. Cha-
rakterologische Studien, Leipzig 1927, Quelle &amp; Meyer, p. 71£f.

3 A. M. Guerry, Essai sur la Statistique morale de la France, Paris
1833; Ders., Statistique morale de l’Angleterre comparöe avec la Statis-
que morale de 1a France, 1. c.

* Adolphe Quetelet, Sur l’Homme et le Developpement de ses fa-
cultes, ou Essai de Physique sociale, Paris 1835; Ders., Du Systenfe
social et des Lois qui le regissent, Bruxelles 1848.
        <pb n="19" />
        Erster Teil.
versucht die Existenz von durch die Statistik feststellbaren
Regelmäßigkeiten und Konstanzen, welche den nur scheinbar
willkürlichen menschlichen Handlungen ihren Stempel auf-
drücken, nachzuweisen. Der freie Wille spiele nur die Rolle einer
zufälligen Ursache (une cause accidentelle) 5, deren Wirkungen
ang begrenzt und, insoweit Massenerscheinungen in Frage
stehen, überhaupt nicht vorhanden seien®. Auch diese Theorie
macht ihrem Wesen nach, d. h. in ihrem mit festen Beständen
rechnenden Fatalismus, die Moralstatistik zumal in ihrer dyna-
mischen, d. h. sozialpolitischen Orientierung hinfällig.
Deutsche Jünger Quetelets, wie Adolph Wagner, haben die

5 Quetelet, Systeme social, p. 69.

6 Dieses Problem hat bekanntlich eine außerordentlich große Literatur
hervorgerufen, Wir nennen nur die bedeutendsten Veröffentlichungen: Alex-
ander von Oettingen, Die Moralstatistik. Induktiver Nachweis der Gesetz-
mäßigkeit sittlicher Lebensbewegung im Organismus der Menschheit, Er-
langen 1868, Deichert; G. F. Knapp, Die neueren Ansichten über Moral-
statistik (1. c.), S. 249; Hermann Siebeck, Das Verhältnis des Einzel-
willens zur Gesamtheit im Lichte der Moralstatistik, in den Jahrbüchern
für Nationalökonomie und Statistik, Jena 1879, Fischer, vol. XXXII,
p- 350; Wilhelm Lexis, Artikel Moralstatistik, im Handwörterbuch der
Staatswissenschaften, Jena 1910, Fischer, vol. VI; Adolf Wagner, Die
Gesetzmäßigkeit in den scheinbar willkürlichen menschlichen Handlungen
vom Standpunkt der Statistik, Hamburg 1864, Teil I und II, insbesondere
Teil I; Ferdinand Tönnies, Die Gesetzmäßigkeit in der Bewegung der
Bevölkerung, im Archiv £f. Sozialw. u. Sozialpol., Bd. 39, Heft ı (Juli
1914), S. 150—173, und Heft 3 (Juli 1915), S. 767—79%4; Napoleone
Colajanni, I determinismo e I critici di Quötelet, in La Sociologia Crimi-
nale, Catania x889, Tropea, vol. 2, p. 3off.; Maurice Halbwachs,
La th6orie de I’Homme Moyen. Essai sur Quetelet et Ja Statistique morale,
Paris 1913, Alcan, p. 104. Unter den Italienern hat sich vor allen Dingen
Angelo Messedaglia in seiner 1873 in Padua gehaltenen Vorlesung
Sulla Seienza dell’ Et Moderna und andern Schriften um die Weiter-
antwicklung der angeregten Frage verdient gemacht (8. Achille Loria,
Angelo Messedaglia, in Verso la Giustizia Sociale, Milano 1904, Soc. Ed.
Libr., vol. I, p. 66; Filippo Virgilii, La Statistica della Odierna Evo-
juzione Sociale, Palermo 1903, Sandron, p- 99—106). — Historisch wichlig
ist auch Luigi Luzzatti, Saggio sulle dottrine dei precursori religiosi e
flosofi dell’ odierno fatalismo statistico, Perugia 1895, Boncompagni.
        <pb n="20" />
        Theoretische Vorfragen.
Gesetzmäßigkeit der scheinbar willkürlichen Handlungen so ge-
schildert, als wenn in unseren Staaten, wie es früher zur Leistung
von. Kriegsdiensten der Fall war, jährlich eine gegebene Anzahl
von Leuten ausgelost würde, um Ehen zu schließen oder Ver-
brechen zu begehen. Mit solcher Regelmäßigkeit und „folglich“
so unabhängig vom Willen vollziehe sich alles. Die Beobach-
tungen Quetelets waren freilich ganz frappierend. Um so mehr,
als sie selbst die Regelmäßigkeiten ganz absonderlicher Serien
nachwiesen. Zumal die sekundäre Wahrscheinlichkeitsrechnung
erwies sich als konstant. So schwankt das Verhältnis der Zahl
der Heiraten zwischen Junggesellen und Jungfrauen zu dem
der Gesamtzahl der Heiraten weniger als die allgemeine jähr-
liche Heiratsziffer; das Verhältnis der Beteiligung der Frauen
am Selbstmord ändert sich weniger als die relative Häufigkeit
des Selbstmordes überhaupt, und dasselbe gilt auch hinsichtlich
der Wahrscheinlichkeit der Auswahl einer bestimmten Art des
Selbstmordes?. Und auf noch ein eigenartiges Beispiel Quetelets
möge verwiesen werden: die in der Statistik über Zeitläufte hin-
weg erscheinenden annähernd gleichen Zahlen von Ehen junger
Leute von 30 Jahren mit Frauen über 60. Dabei hätten doch
gerade solche Fälle den Beweis für die Existenz eines freien
Willens erbringen müssen. Le jeune homme 6tait mieux qu’aucun
autre en position de raisonner, et d’exercer son libre arbitre dans
toute sa plenitude. Und dennoch: il est venu payer son tribul
a cet autre budget avec plus de regularit&amp; que celui qu'on paie
au trösor de l’Etat®. Ähnliches 1äßt sich auch bezüglich der uns
hier besonders interessierenden Frage der unehelichen Ge-
burten wiederholen. Man hat die unehelichen Kinder les
anfants du hasard (Kinder des Zufalls) nennen wollen, ein

T Lexis, 1. c., S. 789.

5 Qu6telet, De linfluence du libre arbitre de l’homme sur les faits
;oclaux, et particulierement sur le nombre des mariages, im ‚Bulletin de la
Commission centrale de statistique, vol. III, 1847, p. 443.
        <pb n="21" />
        Erster Teil.
Ausdruck, gegen welchen sich sehr viele Einwendungen
machen ließen. So ist z. B. in der Schweiz im ersten Jahr-
zehnt unseres Jahrhunderts diese Zahl ziemlich konstant. Statt
zu variieren und den Launen des Zufalls zu folgen, gibt es
also einen scheinbar durch irgendein geheimes Gesetz „organi-
sierten Zufall“ ?®. Daß bei Annahme der Richtigkeit eines solchen
die hinter der Moralstatistik stehende Phänomenologie diese
erstere ihres moralisch - unmoralischen Unterscheidungsver-
mögens völlig entkleidet und auf die reine Ananke gestellt wird,
ist klar. \

Anhänger der materialistischen Geschichtsauffassung wären
versucht, die Konstanz des Zufalls einseitig durch ‚die Kon-
stanz der Wirtschaftsordnung zu erklären. Solange die gleichen
(ökonomischen) Ursachen vorhanden seien, müßten sich daraus
auch die gleichen (statistischen) Wirkungen ergeben. Die Kon-
stanz der statistischen Daten wäre somit nichts anderes als
eine Konstanz der bürgerlichen Ordnung und müßte mit dieser
selbst schwinden. Aus unserer Arbeit dürfte indessen die innere
Unmöglichkeit einer rein ökonomistischen Erklärung der
Erotik hervorgehen.

Wohl spiegeln sich wirtschaftliche, soziale und gesetzgebe-
rische Änderungen im Bevölkerungsbestande in der Moral-
statistik wider. Doch erscheinen die Schwankungen immerhin
nicht groß genug, um die Queteletsche Anschauung von der
immanenten statistischen Gesetzmäßigkeit, wenn diese freilich
auch nicht eine naturwissenschaftliche genannt werden darf,
Lügen zu strafen. Denn der mannigfache, individuellen und
gesellschaftlichen Einflüssen offene und aus deren Wirkungen
zusammengesetzte Ursachenkomplex, welcher zu den beobachte-
ten Einzelerscheinungen geführt hat, verharrt immerhin zeit-
9 Liefman Hersch, Hasard et rögularite constante dans les Ph&amp;nomöenes
Sociaux. Les Sciences Economiques et Sociales &amp; ]’Universit&amp; de Genöve.
Geneve 1916, Georg, p. 1164£.
        <pb n="22" />
        Theoretische Vorfragen.
lich in einem solchen Approximativzustande, daß der Gedanke
einer Gesetzmäßigkeit nicht völlig abgewiesen werden kann.

Von allen Spezies des Fortschritts ist der Fortschritt auf
dem Gebiete der Moral am wenigsten faßbar!®. Den Grad an
Moral, den ein Volk besitzt, festzustellen, fehlt uns jedes Mittel.
Die Sittlichkeit läßt sich schwerlich mit Zahlen belegen. Das
wird am deutlichsten bei Untersuchung der Geschlechtsmoral.
Wie ist in der Tat der Fortschritt oder Rückschritt eines Volkes
bezüglich der Geschlechtsmoral festzustellen? Es hält schwer,
für das, was wir als geschlechtliche Sittlichkeit bezeichnen,
einen untrüglichen, wissenschaftlich brauchbaren Maßstab zu
finden. Besondere ökonomische Formen und Einrichtungen er-
geben notwendigerweise besondere Formen der Vergehen und
Verbrechen. Selbst der Begriff der Strafbarkeit einer be-
stimmten Handlung und ihre juristische Normierung unter-
liegen bis zu einem gewissen Grade den jedesmaligen unab-
wendbaren Notwendigkeiten eines gegebenen Komplexes so-
zialer und ökonomischer Konstitutionen und Institutionen.

Besonders vielfach hat man in der Abnahme oder Zunahme
der sich in einem Volke vorfindenden Ziffernhöhe der unehe-
lichen Geburten ein Anzeichen für das Wachstum oder die Ab-
nahme der in diesem Volke vorhandenen geschlechtlichen
Moralbegriffe erblicken wollen. Um die Richtigkeit dieser Auf-
fassung zu prüfen, müssen wir uns zunächst die Frage ätio-

10 Loria erklärt jede Beschäftigung mit dem Problem des ethischen
Fortschritts für unnütze Zeitvergeudung. Fortschritt sei nur bei Dingen (Ob-
jekten) und nicht in den Menschen (Subjekten) feststellbar, und selbst die
Vervollkommnung jener habe nicht die Fähigkeit, die Glücksmöglichkeiten
dieser zu steigern (Achille Loria, „Siamo noi migliori dei nostri Ante-
nati?“ in Loria: „Verso la Giustizia Sociale“, 2. Aufl., Mailand 1908, Soc.
Ed. Libr., p. 611).
        <pb n="23" />
        {0

Erster Teil.
jogisch stellen. Etwa folgendermaßen: Welches sind die Ko-
effizienten, als deren Resultante die uneheliche Geburtenziffer
zu betrachten ist?

Zunächst eine Vorbemerkung: Die Unehelichkeit kann bisher
jediglich bei der Geburt ermittelt werden. In der Volkszählung
besteht keine entsprechende Rubrik; die Zahl der in einem Volke
vorhandenen Unehelichen bleibt uns verborgen: il serait des-
obligeant de la poser aux millions de personnes auxquelles on
demande de remplir une fiche de recensement, et on s’exposerait
sur ce point &amp; trop de reponses inexactes 11, Bei der allgemeinen
Einstellung der Bevölkerung zu dieser Frage wird man sich
heute kaum zu einer Benutzung der Volkszählungen zwecks
Gliederung der Bevölkerung in Eheliche und Uneheliche ent-
schließen 12. Die Statistik hat ihre Grenzen, die auf dem Gebiete
Jer Diskretion hinsichtlich des Privatlebens liegen?®.

Die technische Feststellung der Unehelichkeitsgeburtenziffern
dagegen bietet der modernen Statistik keine erheblichen Schwie-
rigkeiten mehr. Sie förderte gerade in den ersten Dezennien
ihrer leidlich einwandfreien Methodik schier unglaubliche Re-
sultate zutage. In Wien waren 1861 noch 51% der Geburten
anehelich. In Mecklenburg-Schwerin gab es in den sechziger
Jahren des vergangenen Jahrhunderts Oettingen zufolge gegen
dreihundert Ortschaften, in denen beinahe die Hälfte aller Ge-
borenen, und ferner gegen achtzig, in welchen sogar überhaupt
alle Kinder unehelich waren, ein Ergebnis, das von Oettingen

u Ren6 Worms, La Sexualit&amp; dans les naissances francaises, Paris
(qg12, Giard, S. 64. KV a

is A, Kasten, Ein Beitrag zur Legitimationsstatistik, im „Archiv für
Sozialhygiene und Demographie“, Bd. II, Heft 2 1926.

1 Hans Guradze, Notwendigkeit der gesetzlichen Regelung für sta-
tistische Erhebungen, im „Deutschen Statistischen Zentralblatt ‚ 8. Jahrg
Heft 8/9; Guradze, Zwischen Statistik und Soziologie, in demselben
10. Jahrg., Heft ı.
        <pb n="24" />
        Theoretische Vorfragen,

al

als „ein in der Tat haarsträubendes Zeugnis sozialsittlicher Zer-
rüttung‘“ gewertet wurde*1*,

Es ist somit wirklich blasse Theorie, wenn Montesquieu in
seinem großen Werk den unehelichen Geburten wegen ihrer
angeblichen quantitativen Belanglosigkeit kaum einen Platz
anweist (les conjonctions illicites contribuent peu ä la
propagation de Vespece15); die Ursachen, die er für diese
Fiktion anführt, das Nichtaufkommen der unehelichen Väter
für ihre uneheliche Nachkommenschaft und die wirtschaftlich
ungenügende Lage der meisten unehelichen Mütter, sind futil
genug.

Bevor wir indes daran gehen, der oben gestellten Frage nach
dem Koeffizienten des Zustandekommens der unehelichen Ge-
burtenziffer näherzutreten, dürfte grundsätzlich zu bemerken
sein, daß der moralische Faktor in der Statistik überhaupt nur
auf dem Wege über die Symptomatologie zu erlangen ist.
Symptome sind indes nicht Thesen, sondern lediglich Hypo-
thesen. Somit läuft die symptomatologische Methode darauf
hinaus, zwischen bestimmten Tatsachenreihen der Bevöl-
kerungsstatistik, der Wirtschaftsstatistik usw. auf dem Wege
der Vermutung kausale Zusammenhänge mit bestimmten sitt-
lichen Vorstellungen zu konstruieren 16.

Die Ursachenstatistik, d. h. die statistische Gliederung zahlen-
mäßig faßbarer Tatsachenbestände nach den sie verursachenden
Motiven, steht aber überhaupt sozusagen auf schwachen Beinen,
Einmal wegen der bekannten Komplexität der Ursachen an
14 Oettingen, Moralstatistik, S. 563; über die ungebundene Sexual-
moral im damaligen Mecklenburg vgl. auch Karl Rodbertus-Jagetzow,
Neue Briefe über Grundrente, Rentenprinzip und soziale Frage an Schu-
macher, Karlsruhe 1926, Braun, S. 141 und 189.

15 Montesquieu, De l’esprit des Loix. Oeuvres, Nouv. Ed. Amsterdam
ı761, Grasset, vol. HI, S. 3.

16 J. Th. v. Inama-Sternegg, Neue Probleme der modernen Kultur,
Leipzig 1908, Duncker, S. 301.
        <pb n="25" />
        A del

Erster Teil.
sich. Menschliches Handeln entwickelt sich auch im Einzelfall
aus mehr als bloß einer Ursache heraus, und die Analyse dieser
Ursachenreihen, die ja beim Historiker und Monographen
Gegenstand wissenschaftlichen Forschens sein müssen, ergibt,
daß die zu einer Handlung führenden Motivreihen häufig nicht
nur ihrerseits auf das äußerste differenziert sind, sondern auch
Gutes und Schlechtes als Beweggründe in ein und demselben
Rutenbündel zusammenfassen. So stößt die Ursachenstatistik
aus wesentlichen Gründen auf ein schier unüberwindliches non
possumus: die Unmöglichkeit einwandfreier Eruierung. Über
den Ursachen der Selbstmorde, der Brände, der Konkurse liegt
zumeist undurchdringliches oder doch selbst im besten Falle
nur mit größter Mühewaltung und fachwissenschaftlicher, z. B.
untersuchungsrichterlicher Kompetenz, und auch dann bloß nur
mit mehr oder weniger Sicherheit zu durchdringendes Geheim-
nis. Den Ergebnissen der entsprechenden Statistiken müßte in-
folgedessen eine Art Etikette, wie sie bei gewissen Medizin-
flaschen angebracht wird, beigefügt werden: Nicht schütteln
und nur mit Vorsicht zu gebrauchen! Denn darüber kann kein
Zweifel obwalten, die Mehrzahl der Antworten auf die Frage
nach den Ursachen der angegebenen Erscheinungen dürfte auf
die Kategorien Unbekannt und Unbestimmt entfallen.

Über diesen Sachverhalt sind sich selbst die Juristen klar.
Schon Inama-Sternegg hat hervorgehoben, daß z. B. die
Kriminalstatistik fast nie bis zu einer statistischen Behandlung
der Motive hat vordringen können, obwohl gerade hier bei den
einzelnen prozessualen Verhandlungen bis zu einem gewissen
Grade eine Ermittlung stattfindet. Wir erfahren dann etwa, daß
Armut. das Hauptmotiv bei Diebstahl, Gewinnsucht bei Betrug
und Fälschung, Zorn bei Körperverletzungen usw. bilden, d. h.
„wir gelangen zu ganz selbstverständlichen, banalen Resultaten,
wozu doch gar keine Statistik nötig wäre‘ 17. Noch schlimmer

17 Inama-Sternegg, Neue Probleme, Ss. 308.
        <pb n="26" />
        Theoretische Vorfragen.

12

steht es um die Erkundungsmöglichkeiten des Selbstmordes.

„In der Tat stellen sich schon der genauen Ermittlung der Zahl

der Selbstmorde große, vorerst wohl unüberwindliche Schwie-

rigkeiten in den Weg, die sich aus der Scheu der Angehörigen

vor unbefangener Angabe einer unter Umständen mit kirch-

lichen und gesellschaftlichen Nachteilen verknüpften, zum min-
desien aber lästige Neugier hervorrufenden Tatsache leicht
genug erklären. Noch weit schwieriger ist aber die zahlen-
mäßige Erfassung der doch in erster Linie bedeutsamen Beweg-

gründe des Selbstmordes, die oft genug im Dunkeln bleiben,
zumeist aber auch einen Komplex darstellen, dem mit den rohen
Mitteln statistischer Darstellungsweise nicht beizukommen
ist“ 18. Was man darüber kennt, sind wirklich les causes les
plus ordinaires. So werden in der französischen Ursachen-
statistik der Selbstmorde die häuslichen Zwiste und unglück-
liche Liebe als primäre, Lebensüberdruß als sekundäre Motive
genannt1%, Es ist richtig, aber genügt auch nicht, wenn Messe-
daglia die Grundursache des Übels in der Verfeinerung der
modernen Kultur erblickt2°%. Heute beginnt man endlich, die Ur-
sachenforschung der Selbstmorde grundsätzlich als ein nicht
nur moralstatistisch unmögliches Verfangen anzusehen ?!, Eben-
sowenig wird angenommen werden können, daß es einer Moral-
statistik als Geschlechtssittlichkeitsstatistik gegeben sein könnte,
die angedeuteten Schwierigkeiten zu beheben.
18 Sigmund Schott, Statistik, 3. Aufl., Leipzig 1920, Teubner, S. 115.
116.

19 Alfred de Foville, La France &amp;conomique. Statistique raisonn6e
et comparative, Paris 1887, Colin, p. 38.

20 Enciclopedia Giuridica Italiana. Milano. Soc. Ed. Libr., vol. XV,
Parte 3, p. 686.

2 Ferdinand Tönnies, Artikel Moralstatistik, im Handwörterbuch der
Staatswissenschaften. 4A. Aufl., Jena 1925, Fischer, Bd. VI, S. 644.
        <pb n="27" />
        Zweiter Teil.
Statistische Vorfragen.
Die Zahl der gebärfähigen Frauen in einem Volke wird zu-
nächst von klimatischen und rassenmäßigen Voraussetzungen
abhängen, d. h. sie wird differenziert werden müssen. Das
Kriterium besteht dabei natürlich in dem Eintritt der ersten
Menstruation. Auf diesen entscheidenden Punkt hat bereits
Melchiorre Gioia aufmerksam gemacht, der übrigens den
rassenmäßigen Ursachen vor den klimatischen den Vorzug gab.
Nach Gioia tritt die erste Menstruation bei den Mädchen in
Frankreich erst zwischen 13 und ı4 Jahren, bei denen in
Italien zwischen 12 und 13, bei den Araberinnen mit ır, bei
den Senegälnegerinnen zwischen 9 und 10 und bei den Indie-
rinnen auf Malabar zwischen 8 und 9 Jahren auf, Indessen
ist die vor uns liegende Frage nicht nur rassenmäßig, sondern
auch klassenmäßig differenziert. Italienischen Untersuchungen
zufolge erlebt die Mehrzahl der jungen Proletarierinnen in
Turin die erste Menstruation erst mit 15 Jahren, während bei
der Mehrzahl der jungen Mädchen aus den besitzenden Klassen
derselben Stadt das erste Anzeichen der Geschlechtsreife schon
mit 13 Jahren fällig ist?, was wesentlich durch die verschie-
denen Grade der Ernährung und Lebensführung hervorgerufen
sein dürfte. Doch scheint es für die Perioden der eintretenden
Geschlechtsreife innerhalb der Mädchenschaften eines Volkes
oder. einer Stadt noch eine weitere Gliederung zu geben. Nach
Lombroso und seinen Mitarbeitern menstruileren die Diebinnen
FL SE
1 Melchiorre Gioia, Filosoßa della Statistica (1. Aufl. 1828; 2. Aufl.
Torino 1852, Tip. Econ., vol. I, p- 275/6.)
2 Alfredo Niceforo, Anthropologie der nichtbesitzenden Klassen,
Amsterdam 1910, Maas en van Suchtelen, S. 126.
        <pb n="28" />
        Statistische Vorfragen.

früher als die Normalmädchen und die Prostituierten früher
als die DiebinnenS.

Bei der Frage der Geschlechtsreife muß hinsichtlich der
Verwendbarkeit ihrer Daten für die Moralstatistik noch zweier-
lei bemerkt werden: Für die Feststellung der ‚Zahl der gebär-
fähigen Frauen in der Ehe ist natürlich das gesetzlich fest-
gesetzte Mindestalter maßgebend. Dies ist aber in den einzelnen
Ehegesetzgebungen den approximativen Durchschnittssätzen der
entsprechenden Pubertätsjahre nach verschieden, woraus für
jede vergleichende zwischenstaatliche Betrachtung der Resul-
tate ein Fehleransatz entsteht. Zweitens ist, soweit die unehe-
lichen Geburtenzahlen in Frage kommen, der Umfang der Ge-
bärfähigkeit ob der erwähnten Schwankungen im Eintritt der
Menstruation nicht absolut sicher erfaßbar, jedenfalls aber, da
das gesetzlich fixierte Mindestalter für die Ehe aus naheliegen-
den Schonungsgründen, wenigstens unter physiologischen Ge-
sichtspunkten, eher zu hoch als zu niedrig gefaßt ist* und also
eine gewisse Zahl gebärfähiger Mädchen ausschließt, größer,
als es der Umfang der ehelichen Gebärfähigkeit ist. Allerdings
gebärt — als Gegengewicht — die aus dem Geschlechtsverkehr
ein Gewerbe machende weibliche Bevölkerungsschicht nur sehr
spärlich 5. Es dürfte wenig bekannt sein, daß sozialistische An-
hänger des Prinzips der freien Liebe sich gerade auf. diese Tat-
3 Cesare Lombroso e S. Ottolenghi,. La donna delinquente e la
prostituta, im Giornale della Regia Accademia di Medicina (Torino), 189,
No. g—10 (Abdruck S. 23).

t So bemerkt schon Genovesi sehr verständig unter Zugrundelegung eines
psychologischen Reifebegriffs: „La pubertä delle donne non pud essere prima
de’ 17, n&amp; quella de’ maschi prima de’ 20; perchö &amp; da darsi tempo alle
sviluppo del corpo e dell’ anima.“ (Antonio Genovesi: Lezioni di Com-
mercio, vol. I, p. 112 [ed. Milano 1820].)

5 Spann fand unter den Frankfurter Prostituierten. nur sieben Mütter
auf tausend (Othmar Spann, Die Lage und das Schicksal der unehelichen
Kinder, Vorträge der Gehe-Stiftung zu Dresden, vol. I, 1909, Dresden,
Teubner, S. 33). Das ist nicht viel. Außerdem wäre noch die Frage zu
        <pb n="29" />
        Ku)

Zweiter Teil.
sache stützen zu können vermeinen. So glaubt z. B. Fourier in
seinem System auch ein Präventivmittel gegen die Übervölke-
rungsgefahr gefunden zu haben. Und zwar durch zwei Um-
stände: durch die gute Ernährung, welche Unfruchtbarkeit be-
günstigte, und dadurch, daß die Frau mit mehr als einem Mann
Geschlechtsverkehr ausüben dürfte, ein Umstand, der in der
gleichen Richtung wirksam werden müßte ®. Wegen der geringen
Gebärfähigkeit der polygamen Frauen aber in der Statistik die
in einem Volke vorhandenen Prostituierten aus der Zahl der
gebärfähigen Frauen ohne weiteres ganz auszuschließen, wie das
ebenfalls gefordert wird?, hieße vielleicht doch Richtiges etwas
gar zu sehr auf die Spitze treiben ®. Daß dagegen aus der Zahl
der Zeugungsfähigen die Strafgefangenen beider Geschlechter
auszuscheiden haben, ist klar.

Ein weiterer Abzug von der Zahl der Gebärfähigen wäre von-
nöten. Die sterilen Frauen und die Sterilisierten, Letztere
wiederum zerfielen in zwei Kategorien: die kinderunlustigen
und die kranken. Es handelt sich also zunächst um die
Prävention durch die antikonzeptionellen Mittel, wie sie sich
immer weiter von Frankreich und England aus in der Welt aus-
gebreitet haben. Sodann kommt in Betracht die künstliche
Sterilisierung der Frauen durch Apparate oder durch operative
Eingriffe?®,
stellen, wie viele von diesen nicht bereits vor dem Übergang zum eigent-
lichen Gewerbe, d. h. aus monogamischen oder doch nur oligogamischen
Verhältnissen heraus, zu Müttern geworden sind.

&amp; E, Silberling, Dictionnaire de Sociologie Phalansterienne. Guide des
Oeuvres complötes de Charles Fourier. Paris 1911, Riviere, p. 344.

7 Friedrich Lindner, Die unehelichen Geburten als Sozialphänomen.
Ein Beitrag zur Statistik der Bevölkerungsbewegung im Königreiche Bayern,
Leipzig 1900, Deichert, S. 88.

3 Vgl. auch A, G. B. Parent-Duchatelet, De la Prostitution dans
‚4 Ville de Paris, 3 Ed., Paris 1857, Baillöre, vol. I, p. 217—230.

9 Reinhold Seeberg, Der Geburtenrückgang in Deutschland. Eine
zozialethische Studie, Leipzig 1913, Deichert, p. 40.
        <pb n="30" />
        Statistische Vorfragen.

17

Wichtig ist das ziffernmäßige Verhältnis zwischen der ge-
schlechtsreifen und zeugungsfähigen männlichen Bevölkerung
in einem Lande und der entsprechenden. unverheirateten (sowie
geschiedenen und verwitweten) weiblichen Bevölkerung (denn
die verheirateten Frauen eines Landes können bekanntlich zwar
unehelich zeugen, aber nicht unehelich gebären !® und scheiden
deshalb aus dieser Untersuchung aus). Insbesondere würde es
sich natürlich auch beim männlichen Teil um die Gesamtzahl
der zeugungsfähigen Ledigen handeln. Zwar dürfen auch die
Ehemänner für die außereheliche Zeugung nicht ausgeschlossen
werden. Sie sind umgekehrt zweifellos in ihr als Koeffizient
reichlich enthalten. Im ganzen soll sogar der polygame Char
rakter des Mannes beim Ehemann nicht weniger stark hervor-
treten als beim Junggesellen. Ehrenfels meint, ein sittliches Ge-
bot, etwa dahingehend, mit einem Weib im Leben nie mehr als
einen Koitus auszuüben, würde einer von Kultur, Erziehung,
moralischer Suggestion unbeeinflußten gesunden Natur des
Mannes besser entsprechen und zu seiner Aufrechterhaltung
vom Manne weniger Selbstüberwindung verlangen als das Ge-
bot, den Koitus im Leben nur mit einem Weibe auszuführen,
Diese Auffassung ist wohl etwas zugespitzt. Sie ergibt sich aus
der Annahme von der Unbeständigkeit des menschlichen Wil-
lens, wie sie ın den Worten Diderots ihren klassischen Ausdruck
gefunden haben dürfte: „Ne vois-tu pas qu'on a confondu la
chose qui n’a ni sensibilite, ni pensee, ni desir, ni volonte, qu'on
quitte, qu’on prend, qu'on garde, qu’on change sans quelle
souffre et sans qu'elle se plaigne, avec la chose qui ne s’echange
point, ne s’acquiert point, qui a liberte, volonte, desir, qui peut
se donner ou se refuser pour un moment, se donner OU se: ve-
fuser pour toujours, qui se plaint et qui souffre, et qui ne
10 Vgl. p. 41 unseres Buches,

U Christian von Ehrenfels, Sexuales Ober- und Unterbewußtsein,
in der Politisch-Anthropologischen Revue, ı. Jahrg. (1902), S. 463.
Michels, Sittlichkeit in Ziffern.
        <pb n="31" />
        Zweiter Teil.
saurait devenir un effet de commerce, sans qu'on oublie son
caractere, et qu'on fasse violence ä la nature. Ces preceptes
singuliers sont contraires ä la loi gönerale des &amp;tres. Rien, en
affet, te parait-il plus insens6 qu'un pröcepte qui proscrit le
changement qui est en nous, qui commande une constance qui
n’y peut ötre, et qui viole la libert&amp; du mäle et de la femelle en
les enchainant pour jamais l’un ä V’autre; qu'une fidelite qui
borne la plus capricieuse des jouissances ä un möme individu;
qu'un serment d’immutabilite de deux &amp;tres de chair, ä la face
d’un ciel qui n’est pas un instant le meme, sous des antres qui
menacent ruine; au bas d’une roche qui tombe en poudre; au
pied d’un arbre qui se gerce; sur ‚une pierre qui 8’6branle?
Crois-moi, vous avez rendu la condition de l’homme pire que
celle de l’animal?!?.“

Die einer solchen Auffassung zugrunde liegende Beobachtung
wird durch die Erfahrungen auf dem Gebiete der Kriegssexuali-
tät, nach welchen der auffallend hohe Prozentsatz der Ver-
heirateten unter den Geschlechtskranken daher rühren dürfte,
daß „diesen an Geschlechtsverkehr gewöhnten, nun durch den
Krieg ihrem Familienleben entrissenen Männern so lange Ent-
haltsamkeit besonders schwer fällt“, weiter bestätigt!.

Indes, wenn wir auch von dem von den Ehemännern ge-
lieferten Koeffizienten bei den Erscheinungen des außerehe-
lichen Liebeslebens nicht absehen dürfen, so ist es doch sicher,
daß bei einer zahlenmäßig gleich großen Schar Unverheirateter
die Wahrscheinlichkeit der Koeffizienz dieser letzteren zur
Zeugung unehelicher Kinder größer ist als bei jenen, Über-
schuß an männlicher Bevölkerung wird ceteris paribus die Un-
ehelichkeit verringern. weiblicher Überschuß sie vermehren.

1% Diderot, Supplement au voyage de Bougainville, in den Oeuvres
Completes, Paris 1875, Garnier, vol. II, p. 224.

13 Albert Neisser, Der Krieg und die Geschlechtskrankheiten, Stutt-
gart 1915, Deutsche Verlagsanstalt, S. 13.
        <pb n="32" />
        Statistische Vorfiragen.

19

Ersteres mag z. B. die geringe Geburtenunehelichkeit in Italien
miterklären, wo bekanntlich der Überschuß an männlicher Be-
völkerung erst um 1901 (und wohl zumal wegen des Ein-
setzens der Massenauswanderung) dem umgekehrten, die euro-
päische Demographie heute (außer in einigen Balkanländern)
beherrschenden Verhältnis gewichen ist!4. Daß die demo-
graphisch-physiologischen Zusammenhänge nicht allein zur
Bildung der betreffenden. Tatsachenreihen führen, dürfte das
Beispiel Englands beweisen, wo der ungeheure Frauenüber-
schuß von 1200000 heiratsfähigen Mädchen ?!5 keineswegs
zu einer diesem entsprechenden Unehelichkeitsziffer geführt
hat, weil die demographisch-physiologische Voraussetzung
durch andere Faktoren, wie Erziehung, moral restraint, Reli-
gion, vielfach auch geringe Reize (Unweiblichkeit) und geringe
Reizbarkeit (Frigidität beider Geschlechter), durchkreuzt wird,
Aber zu denken gibt der Überschuß an Frauen in England den-
noch. In einer im Februar 1919 in London stattgehabten Ver-
sammlung des Instituts für öffentliche Gesundheit teilte
Dr. Saleeby mit, daß gegenwärtig in Großbritannien 3 Mil-
lionen mehr Frauen als Männer vorhanden seien. Dieser Über-
schuß, der in der Weltgeschichte einzig dastehe, sei ungesund
und eine Gefahr für die Monogamie. Die Nation vermindere
sich dadurch quantitativ und qualitativ. Man rede von ver-
mehrter Produktion, die notwendig sei, um die Verheerungen
des Krieges wieder gutzumachen; aber man produziere nicht
die Produzenten16.

Auch geringe Trauungsfrequenzen vermögen sich wohl mit
geringer Unehelichkeit der Geburten zu paaren,. wie solches hei

4 G. Pinardi ed A. Schiayvi, L’Italia Economica, Annuario. Anno IL
1908, Milano 1908, Soc. Ed. di Annuari, p. 23.

15 A, Andr6ades, La Population Anglaise avant, pendant et aprös la
grande Guerre, Ferrara 1922, Taddei, p. 87.

16 Times vom 3. Februar 1919.
        <pb n="33" />
        20

Zweiter Teil.
den Juden hat festgestellt werden können, bei denen Festigkeit
des Familienzusammenhaltes und Härte in der Behandlung ge-
fallener Mädchen zu dem gleichen Ergebnis führen. Daher
dann auch die weitere Erfahrung, daß die Dirnen im Judentum
vollständig zu Parias herabsinken, jeden Zusammenhang mit
ler Familie, den ihre christlichen Kolleginnen häufig in dieser
der jener Form behalten, verlieren und {folglich unrettbar
gänzlich der Prostitution verfallen!?, welche sich ja, wie be-
merkt, eben nicht durch Fruchtbarkeit auszeichnet.

Nicht vernachlässigt werden dürfen das Heiratsalter sowie
die Altersgliederung der unverheirateten und zeugungsfähigen
Bevölkerung der beiden Geschlechter. Es erhellt, daß von der
Höhe des durchschnittlichen Heiratsalters die Zahl der ledigen
jungen Personen abhängt. Je höher jene, desto höher auch
diese. Eine Tardinuptialität (Spätheiratsziffer) würde mithin die
Wahrscheinlichkeit hoher Unehelichkeitsziffern ergeben. Frei-
lich nur bei einer Isolierung dieses Koeffizienten, was bei der
komplexen Erscheinungswelt des sozialen Lebens kaum statt-
haft ist.

Die Unstatthaftigkeit dieser Isolierung geht z. B. schon daraus
hervor, daß aus sattsam bekannten Gründen das Verehe-
lichungsalter im Durchschnitt in den oberen Klassen ein viel
höheres ist als in den unteren Klassen18. Bereits Simonde

2 Eugen von Bergmann, Zur Geschichte der Entwicklung deutscher,
polnischer und jüdischer Bevölkerung in der Provinz Posen seit 1824,
Tübingen 1883, Laupp, S. 126.

18 Niceforo, S. 238f£f.; — Bei Clara E. Collet (Educated Working
Women, London 1902, King, p. 43) befindet sich eine Klassifizierung der
Londoner Stadtviertel nach dem durchschnittlichen Heiratsalter, die der
Wohlhabenheit derselben im wesentlichen entspricht. — Über die psycho-
logische Kausalität. der‘ Tardinuptialität beim wohlhabenden jungen Mann,
aber auch beim wohlhabenden jungen Mädchen vgl. Gottlieb Schnapper-
Arndt, Sozialstatistik. Vorlesungen über Bevölkerungslehre, Wirtschafts-
and Moralstatistik, Leipzig 1912, Klinkhardt, p. 196—197. — Über die
soziale Unerfreulichkeit der Tardinuptialität vgl. meine Grenzen der Ge-
        <pb n="34" />
        Statistische Vorfragen.

F
al

de Sismondi hat mit aller Deutlichkeit den Satz ausgesprochen:
„plus le pauvre est denue de tout, plus il est dispose a fonder
une famille‘. Das sind eben die proletaires 19, Weshalb der
Fabrikarbeiter eine höhere und frühere Nuptialität aufweist
als die Angehörigen anderer Klassen, hat Roscher selbst ge-
bührend hervorgehoben, wenn er ausführt, daß die Über-
führung der gewerblichen Arbeit von der Heimarbeitsstätte in
den Fabriksaal das Mobiliar des Arbeiters und ebenso das Haus-
wesen vereinfacht habe: „Der hat weiter gar nichts in die Pro-
duktion einzuschießen, als nur seine persönliche Kraft; und
zwar, je vollkommener die Maschine, je ausgebildeter die Ar-
beitsteilung ist, um so leichter und früher gewinnt diese Kraft
die erforderliche Qualifikation. Die meisten Arbeiter sind wirk-
lich im zwanzigsten Jahre so weit, daß sie wenig Hoffnung
haben, jemals viel weiter zu kommen. Warum und bis zu wel-
chem Termin sollten sie den Genuß der ehelichen Freuden
aufschieben? Sind die Bräute gleichfalls in einer Fabrik an-
gestellt, was eben durch das Maschinenwesen immer gewöhn-
licher wird, so erwächst dem jungen Paare durch ihre Ver-
heiratung zunächst auch nicht die mindeste Vermehrung der
Unterhaltskosten‘‘ 29. Trotzdem sind die unehelichen Geburten
schlechtsmoral. Prolegomena. Gedanken und Untersuchungen, 2. Aufl,
München 1911, Frauenverl., S. ı72ff.; Sigmund von Kapff, Die Früh-
»he, ihre Voraussetzungen und Folgen. Stuttgart 1919, Kohlhammer.

19 Simonde de Sismondi, Nouveaux Principes d’Economie Politique
ou de la Richesse dans ses Rapports avec la Population, 2. 6d., Paris 1829,
Delaunay, vol. II, p. 263, 489.

% Wilhelm Roscher, Ansichten der Volkswirtschaft aus dem geschicht-
lichen Standpunkte, Leipzig 1861, Winter, S. 211.

Trotzdem bleibt bestehen, daß unter ökonomischen Gesichtspunkten
gerade die Arbeiterklasse sich in den Geburten Beschränkung auferlegen
sollte. Was, soviel wir sehen können, mit klaren Worten zuerst der junge
Necker in seiner von der französischen Akademie im Jahre 1773 preis-
gekrönten Erstlingsarbeit über den großen Colbert ausgesprochen hat. Denn
nur die Rarefizierung der Arbeitskraft hätte eine Iohnsteigende Tendenz. Les
hommes salaries sont les seuls qui ont int6rät ä ce qu'il y ait moins de monde
        <pb n="35" />
        22

Zweiter Teil.
bei den Mädchen aus den höheren Klassen eben wegen des
Hinzutretens perturbatorischer Faktoren längst nicht so hoch
dans une Soci6t&amp;, car tout ce qu'ils ont, c’est de la force; tout ce qu'il
peuvent vendre, c’est du travail. Ainsi, plus leur nombre seroit petit, plus
les proprietaires seroient oblig6s de les mönager, Mais ces mömes salarıes
desirent d’avoir des enfans et de les nourrir; ainsi, en m&amp;me temps que la
population nuit Aa leur aisance, chacun d’eux met son plus grand bonheur
A concourir &amp; cette m&amp;me population. ([Jacques Necker] Eloge de Jean-
Baptiste Colbert, Paris 1773, Brunet, p. 79.) In einer solchen Auffassung
liegt implicite ein berechtigter Zweifel an dem Zurechtbestehen der Fiktion
des Homo Oeconomicus. Den anzuzweifeln auch ein moderner führender
Statistiker wie Corrado Gini sich mit dem Hinweis darauf verpflichtet ge-
fühlt hat, daß die Bevölkerungsvermehrung, rein ökonomisch betrachtet,
irrationell sei und ihre Existenz folglich die Auflösung des Gesetzes zu-
gunsten des Instinktes voraussetze. (Corrado Gini, Problemi di Economia
politica visti da uno statistico. Annali di Economia, Milano, Universitä
Bocconi, vol. I, x924—1925, p. 259.) Pareto hält die Tatsache, daß
die unteren Bevölkerungsklassen eine sehr hohe Geburtenziffer aufweisen,
die oberen hingegen durch das Streben nach Intakthaltung der Ver-
mögen zu neomalthusianistischen Methoden greifen und dank dieser eine
äußerst geringe Geburtenzahl erzielen, für durchaus im sozialen Interesse
liegend. Denn nur. dadurch werde es ermöglicht, jeweils die herrschende
Klasse außerstand zu setzen, sich für die obliegenden Funktionen im
Staatsleben kräftig und zahlreich genug zu erhalten, und sie infolgedessen
dazu zu zwingen, unter Verzicht auf die alleinige Übernahme der politi-
schen Erbschaft stets neuen Zuzug aus den unteren Klassen in sich auf-
zunehmen. Die notwendige und gesunde circulation des 6lites habe
mithin ihre natürliche Basis in der Knappheit der bürgerlichen Geburten.
Die Ethiker, welche den oberen Klassen die sittliche Pflicht beibringen
möchten, möglichst viele Kinder zu erzeugen, arbeiteten deshalb nur auf das
falsche Ziel der Dekadenz hin; denn, wenn die Natalität in der Bour-
geoisie einen hohen Stand erreichen würde, so würde damit nur eine große
Zahl durch den Reichtum künstlich am Leben zu Erhaltender geschaffen
und auf diese Weise der Aufstieg der Elite aus den unteren Klassen er-
schwert. Da, auf der anderen Seite, in diesem Falle die ärmeren Klassen
nicht mehr durch Aufwand von Kraft und Energie in die oberen hinein-
gelangen könnten, so müßten sie verkümmern. Somit würde sich das
Durchschnittsmaß der Menschheit im Falle der Erreichung des Ideals der
Antineomalthusianer zweifellos verschlechtern. (Vilfredo Pareto, I si-
stemi socialisti, Milano, Istituto Editoriale Scientifico, vol. I, p. 32.)
Die Eugenetiker dagegen halten den Neomalthusianern vor, daß ihre
Propaganda in 35 Jahren zwar die oberen Klassen immer noch mehr zur
        <pb n="36" />
        Statistische Vorfragen.

23

wie bei den Mädchen der Unbemittelten %, Die Gerichtspraxis
hat verneint, sagt ein juristischer Sachverständiger, daß der

Geburteneinschränkung veranlaßt habe, daß dafür aber die unteren Klassen
;hr Geschäft der Kindererzeugung weiter fortgesetzt hätten und somit die
Gefahr der Degeneration des Menschengeschlechtes eher noch gewachsen sei.
Die Neomalthusianer ihrerseits geben die Geburtendifferenz zwischen den
beiden Klassen zwar zu, meinen aber, daß die höhere Natalität der unteren
Klassen durch die hohe Mortalität in den ersten Lebensjahren außer-
ordentlich reduziert würde. So zum Beispiel war in den Jahren 1905 bis
1909 in London die durchschnittliche Geburtenziffer der reichsten Distrikte
21,4, der ärmeren Distrikte 33,2 %/g9. Die Sterbeziffer war 12,4% 99 in den
reichen, 17,400 in den armen Distrikten, so daß die Bevölkerungs-
vermehrung zwar wohl in den armen Distrikten (15,8% ,0) stärker war als
in den reichen (9,4999), aber weitaus nicht der Geburtendifferenz entsprach.
(C. V. Drysdale, Neo-Malthusianism and eugenics, London 1912, Bell,
p. 16.)

21 Über die unehelichen Kinder adliger Frauen vgl. die „Neue Genera-
tion“ (Helene Stöcker), VI (1910), P- 517. Ein Erlaß des Ministers
des Innern von Dallwitz vom Jahre ı9gx1 beschäftigte sich mit den un-
ehelichen Kindern adliger Mütter. P. M. bemerkt dazu in einem Artikel:
Dallwitz reformator („Berliner Tageblatt“, 40. Jahrg., Nr 436, 28. August
1g1x): „Ist die Regelung dieser Frage wirklich so wichtig? Geschieht
es in Preußen so häufig, daß unverheiratete adlige Damen uneheliche
Kinder in die Welt setzen? So fragt man sich nicht nur respektvoll im
Inlande, sondern weniger respektvoll auch im Auslande, Siehe da, spottet
man, natürlich jenseits der schwarz-weißen Grenzpfähle, diese adligen Jung-
frauen! Man hätte es ihnen gar nicht zugetraut, daß sie ausgerechnet in
Preußen, diesem Lande der frommen Sitte, sich in stärkerem Maße an
der wachsenden Bevölkerungsziffer beteiligen. Und doch muß es der Fall
sein, da es in dem Erlaß des Herrn v. Dallwitz heißt, daß diese außer-
ahelich geborenen Kinder in Unkenntnis der Rechtspflege oft ein Adels-
zeichen der Mutter unbeanstandet fortführen. Also dergleichen kommt oft
vor; dann kommt es doch wohl noch öfter vor, daß adlige Mütter un-
eheliche Kinder der Welt schenken, die gar nicht erst auf die Führung
des Adelszeichens Anspruch erheben. Ei, ei! Aber gerade wenn dergleichen
betrübsame Erscheinungen nicht selten sind, muß man die Tatkraft des
preußischen Ministers des Innern bewundern, wenn er die unehelichen
Kinder adliger Mütter in die ihnen gebührenden Schranken zurückweist.
Unehelich und unehrlich, diese beiden Worte haben eine fatale Ähnlich-
keit. Zwar wird nach bürgerlichem Recht zwischen ehelichen und unehe-
lichen Kindern nur in ganz bestimmten Fällen unterschieden, aber daß
        <pb n="37" />
        24

Zweiter Teil.
Begriff der Unbescholtenheit für niedere Stände laxer oder ein-
geschränkter als für höhere verstanden werden dürfte (RGE.

es auch heute noch ein uneheliches Kind vielfach schwerer im Leben hat,
als ein eheliches, das ist leider nicht wohl zu bestreiten. Von aufgeklärten
Zeitgenossen wird diese Unterscheidung zwischen ehelichen und. unehelichen
Kindern als eine bedauerliche Rückständigkeit angesehen; man befindet sich
in sehr guter Gesellschaft, man kann sich sogar auf den größten Deut-
schen, Goethe, berufen, wenn man für die volle soziale und bürgerliche
Gleichberechtigung der unehelichen Kinder eintritt. Aber man versteht es
nur zu gut, daß diese aufgeklärten Gedanken in preußischen Köpfen viel-
fach noch keinen Eingang gefunden haben, Um so betrübsamer ist es
freilich, daß in einem Lande wie Preußen sich die unehelichen Geburten
noch nicht haben ausschalten lassen, und daß selbst adlige Damen daran
beteiligt sind. Die Frage, ob heute im Deutschen Reich und in Preußen
der Adel überhaupt noch eine Existenzberechtigung habe, ist müßig. Tat-
sächlich sitzt er noch heute auf seinen Privilegien, trotz aller Verfassungs-
bestimmungen. Man braucht sich nur einmal die Zusammensetzung des
preußischen Herrenhauses anzusehen, um sich darüber klar zu werden,
daß der Adel noch immer auf die Gesetzgebung einen sehr maßgebenden.
Einfluß ausübt. Man braucht weiter nur die Armeerangliste nachzuprüfen,
um zu wissen, daß auch im Offizierkorps der Adel eine Vorrangstellung
ainnimmt, und daß es ganze Regimenter gibt, in denen fast ausschließlich
adlige Offiziere, höchstens durch einen „Konzessionsschulzen“ modernisiert,
zu finden sind; und man macht die sehr auffällige Beobachtung, daß die
Zahl der adligen Offiziere nach obenhin im Verhältnis zu den bürger-
lichen Offizieren immer größer wird. Auch in der Diplomatie und in der
Verwaltung wird man den Adel in einer Zahl ‚antreffen, die sich wenig-
stens statistisch gewiß nicht rechtfertigen ließe. Der Adel dominiert in
Preußen, das ist die Wirklichkeit, die durch papierne Bestimmungen nicht
aus der Welt geschafft wird. Ja, Herr v. Dallwitz kann sich darauf be-
rufen, daß auch heute noch bürgerliche Personen, die sich durch irgend-
welche Leistungen als würdig erwiesen haben, nicht etwa mit dem Adels-
titel ausgezeichnet, sondern „in den Adelsstand erhoben“ werden, Wer aber
„erhoben“ wird, der kann auch ausgestoßen werden. Und wenn es auch
bei erwachsenen Personen, selbst soweit sie sich höchst unadlig benommen.
haben, einige Schwierigkeiten bietet, sie wieder in den Bürgerstand zurück-
zuversetzen, so blieb doch wenigstens bei den unehelichen Kindern adliger
Mütter eine Handhabe übrig, den Adel von unbequemen Elementen frei-
zuhalten. Daß Herr v. Dallwitz darauf hält, von dieser Möglichkeit einen
ausgiebigen Gebrauch zu machen, das läßt auf den Eifer schließen, mit
dem er sich um die Aufrechterhaltung der staatlichen Ordnung bemüht.
        <pb n="38" />
        Statistische Vorfragen.

25

in Strafs. Bd. 37, S. 95). Die Anerkennung des idealistischen
Standpunktes dieser Gleichsetzung kann aber nicht darüber
hinwegtäuschen, daß die Reinheit der Geschlechtsehre in den
verschiedenen Volksklassen je nach ihrer regionalen, sozialen
oder berufsständischen Schichtung sehr verschieden ver-
standen und bewertet wird ®,

Die Tardinuptialität führt also statistisch bei den bürger-
lichen Kreisen nicht zu hohen Ziffern Unehelicher, während
umgekehrt die durchschnittlich frühere Heirat der unteren
Klassen die Entstehung hoher Unehelichkeitsziffern bei ihnen
unter Umständen nicht verhindert. Denn Unehelichkeit ist wirk-

Er hat sich die Mahnung des Fürsten Bülow zunutze gemacht und erklärt
mit Entschiedenheit: Preußen auf dem Gebiet der Adelsrechte voran! Oder
sollte man Herrn v. Dallwitz unrecht tun? Sollte er selbst allmählich ein-
gesehen haben, daß sich die Adelsprivilegien gerade in Preußen nicht
mehr halten lassen? Er hätte ein volles Recht zu dieser Auffassung, da
der preußische Adel sich leider sehr häufig als eine Last und ein Hemm-
schuh der preußischen Entwicklung erwiesen hat. Die preußische Geschichte
des vorigen Jahrhunderts ist voll von den unverständigen Widerständen,
die der preußische Adel der Stein-Hardenbergschen Reformgesetzgebung
entgegenstellte; man weiß auch, wie das Junkerparlament im Sturmjahre
1848 für neue Adelsprivilegien zu wirken suchte. Gewiß, es gibt auch
sehr tüchtige Männer adligen Geschlechts, die sich um das öffentliche Wohl
verdient gemacht haben, wie man sich überhaupt hüten muß, den einzelnen
Adligen für die Sünden seines ganzen Standes verantwortlich zu machen.
Aber als Institution hat sich der Adel im allgemeinen und der preußische
Adel im besonderen überlebt. Vielleicht wollte Herr v. Dallwitz durch seinen
Reformerlaß nur eine allmähliche Einschränkung des Adels einleiten. In
diesem Falle müßte er freilich noch einen kleinen Schritt weiter gehen
und den radikaleren Vorschlag in wohlwollende Erwägung ziehen: „Der
Adel wird abgeschafft, nicht bloß für die unehelichen, sondern auch für die
ehelichen Kinder adliger Personen. Sie führen künftig den Familiennamen,
aber ohne Adelszeichen.“ Diese Korrektur hätte wenigstens den Vorzug der
Konsequenz, die man an dem Erlasse des Herrn v. Dallwitz leider ver-
missen muß.“

22 F, E. Traumann, Geschlechtsehre, im Handwörterbuch der Sexual-
wissenschaft, herausg. von Max Marcuse, 2. Aufl,, Bonn 1926, Marcus
u, Weber, 5. 2233.
        <pb n="39" />
        26

Zweiter Teil,
lich nicht, wie ein wohlwollender französischer Nationalökonom
meinte, lediglich auf Tardinuptialität an sich zurückzuführen 23,
sondern z. B. auch auf die Einwirkung besonderer, diese erst
erklärender Sitten (z. B. auf das voreheliche Zusammenleben
bei den Bauern, auf das noch des öfteren zurückzukommen
sein wird). Eine Wirkung der Tardinuptialität auf die Illegitimi-
tät der Geburten ist mithin nur da wahrzunehmen, wo bei
gleicher Gestaltung der Sitten und gleicher Alters- und Klassen-
struktur zwei sonst gleich große Volksgemeinschaften sich
durch einen verschieden hohen Durchschnitt des Heiratsalters
unterscheiden. Innerhalb jedes Volkes werfen die grundlegen-
den. Verschiedenheiten in der Lebensführung der Gesellschafts-
klassen die angedeuteten logischen Kausalen vollends über den
Haufen.

Zur Erfassung des tatsächlichen Standes der Geschlechts-
moral innerhalb eines Volkes wird vielfach die Methode der Er-
mittlung der sogenannten unehelichen Fruchtbarkeitsziffer, d.h.
die Berechnung der Zahl der unehelichen Geburten pro Kopf der
gebärfähigen Ledigen, als besonders vollkommen empfohlen.
Da diese Methode die verheirateten Gebärfähigen natürlich nicht
berücksichtigt, kann sie in Ländern, in denen die Heiratsziffer
eine große ist und jung geheiratet wird, im Extremen genommen
zu folgender, von Schnapper-Arndt köstlich geschilderten Hypo-
these führen: „Es herrschen in einem Lande ideale Zustände,
Die Jünglinge absolvieren rasch hintereinander ihre Lehrzeiten
bzw. Examina, Militärzeit und was sonst noch dazu gehört, und
heiraten dann sofort junge Mädchen von achtzehn Jahren. Es
gibt aber einige Tunichtgute unter den Männern, und einige
unter den Mädchen, die nicht heiraten, sind leichtsinnig und ge-
bären relativ sehr viele Kinder: dann fällt die uneheliche Frucht-

23 A, Legoyt, Article Population dans le Dictionnaire de l’£conomie
Politique, de Charles Coquelin et Guillaumin, 4. 6d., Paris 1873, vol. II,
p. 412.
        <pb n="40" />
        Statistische Vorfragen.

37

barkeitsquote sehr hoch aus und wird gar nicht gemindert
durch die Solidität der anderen. Denken Sie sich alles ver-
heiratet bis auf ein Paar in wilder Ehe, so könnte das Land
bloß durch die Fruchtbarkeit dieser Ungetrauten in ein
schlechtes Licht kommen“‘24,

Bei vorhandenem Frauenüberschuß entsteht mit der Frauen-
emanzipation und ihrer wirtschaftlichen und rechtlichen
Besserstellung der Frau für diese die Pflicht und die Fähigkeit
für ihre unehelichen Kinder selbst aufzukommen?®, Dann ver-
mag auch bei den überzähligen Frauen das auch in der legalen
Ehe immer stärker hervortretende?®, bei ihnen nur auf unehe-
licher Basis realisierbare weibliche Recht auf das Kind, die be-
wußt erstrebte, gewollte Mutterschaft aufzutreten 2, Hier be-

M Schnapper-Arndt, 1. c., S. 505/6.

25 „Es ist bezeichnend, daß in fast allen zur oberstrichterlichen Ent-
scheidung gekommenen neuzeitlichen Streitfällen auf dem Gebiete der
Rechtssuche es die Frau ist, die um ihr Recht auf Geschlechtsleben und
das damit untrennbare Recht auf Mutterschaft kämpft. Der Mann erscheint
hier als der grundlos Weigernde, nicht etwa als der fordernde Teil. So hat
das Reichsgericht die auf rücksichtsloser Eigensucht beruhende Beischlafs-
verweigerung des Mannes auch dann als Pflichtverletzung gekennzeichnet,
wenn der Mann in der Lage war, auf seine höheren geistigen Interessen
sich zu berufen, ohne daß es zu einem äußeren Zerwürfnis der Ehe ge-
kommen wäre, Es hat ferner die Einlassung des beklagten Mannes, der seit
der Eheschließung zehn Wochen mit der Ehefrau das Bett geteilt hat, seine
Ehefrau ‚erst näher kennenlernen zu wollen‘, zurückgewiesen (RGE. in
JW. 1908, S. 683, Nr. 15, und 1910, S. 1005, Nr. 18, auch im Recht
1907, S. 311, Nr. 604). (F. E. Traumann, Eheliche Pflicht, im Hand-
wörterbuch der Sexualwissenschaft, p. 119.)

26 Vgl. die Enquete über die Frau von Guglielmo Gambarotta, In-
chiesta sulla donna, Torino 1900, Bocca, p. 106.

27 Die entsprechende Literatur ist eine außerordentlich große, Wir er-
wähnen nur Ruth Br6, Das Recht auf die Mutterschaft, Leipzig 1903, Verl.
der Frauenrundschau, S. 81. — Die hier ausgesprochenen Gedanken sind
übrigens zum Teil in dem Roman von Ernst von Wolzogen, Das dritte
Geschlecht (in der Gestalt der Frau von Robiececk), literarisch verwertet
worden (Berlin, Eckstein). Ferner die großen Romane von Hedwig Dohm,
Sybilla Dalmar; Gabriele Reuter, Aus guter Familie, und Helene
        <pb n="41" />
        2

Zweiter Teil.
rühren wir bereits das Problem der freien Liebe. Die Problem-
lösung des Rechts auf die freie Mutterschaft ist aber dabei theo-
retisch von dem anderen Problem des Komplexes, dem der freien
Liebe als Selbstzweck oder auch ‚als geadelte Geschlechtsliebe
zum Mann, völlig zu trennen. Denn im Recht auf die freie
Mutterschaft ist dem Manne nur die niedere Funktion des, even-
tuell sofort wieder eliminierbaren, Begatters zugedacht, ist er
nur Mittel zum Zweck. Die extremste Richtung der Mutter-
schaftsrechtlerinnen müht sich sogar ernstlich mit dem Ge-

Böhlau, Recht der Mutter. In Schweden fand die genannte Richtung in
Ellen Key eine begabte Vorkämpferin (Essays, fünfte deutsche Aufl., Berlin
(905, Fischer, S. 87—127). In der Frauenrechtsliteratur begegnen wir
ainer guten Darstellung bei Anna Bernau, Hunger und Liebe in der
Frauenfrage, Münster i. W. 1901, Brunn; sowie bei Helene Stöcker,
Die Liebe und die Frauen, Minden i. W. 1905, Brunn, S. 82, und: Die
Liebe der Zukunft, Leipzig 1922, Klinkhardt, S. 17. — Die heutige
bürgerliche Frauenbewegung weist die Lösung der Sexualfrage durch die
freie Mutter bekanntlich ab (Marie Bernays, Die. deutsche Frauen-
bewegung, Leipzig 1900, Teubner, S. 63). — Das Recht auf Mutter-
schaft ist natürlich grundsätzlich zu trennen von der ungewollten Gelegen-
heits- oder Verlegenheitsmutterschaft, die bisweilen a posteriori ja auch
zu Gefühlen des Mutterglückes führen kann. Es mag freilich auch gerade
bei vereinsamten Mädchen vorkommen, daß sie, nach Überwindung des
ersten Schmerzes, ihr uneheliches Kind als einen Trost im Elend und endlich
gefundenen Weggenossen durchs Leben empfinden (Andre Vernieres,
Camille Frison. Ouvri&amp;re de couture, Paris 1908, Plon, p- 181; J. H.
Rosny, La Brute, Paris, Librairie Mondiale, p. 62). Außereheliche
Geschlechtsliebe zum Manne aus Willen zum Kinde auch bei Victor
Margueritte, La Gargonne, Paris, Charpentier, p. 161. — Aus dem von
dem amerikanischen Experimentalpsychologen Lindsey (in Ben B. Lindsey
and Wainwright Evans, Revolt of modern youth [New York 1925,
Boni and Liveright], deutsche Übersetzung: Die Revolution der modernen
Jugend, Stuttgart 19277, Deutsche Verlagsanstalt, p- 67—770) mitgeteilten
Beispiel der Frances ergibt sich eine der bisherigen allgemeinen An-
schauung durchaus widersprechende Tatsache, die Bernard Shaw in „Mensch
and Übermensch“ vertritt. Shaw sagt nämlich, daß das Weib sich den
Mann gefügig macht, damit er ihm das Verlangen nach Mutterschaft stillt.
(Bernard Shaw, Man and Superman. A Comedy and a Philosophy.
London 1911, Constable, p. ırı.)
        <pb n="42" />
        Statistische Vorfragen,

29

danken ab, den Mann selbst ganz aus der Zeugung des Kindes
auszuschalten, d. h. die Mutterschaft ohne ein auch nur par-
enthetisches physisches Hinzutreten des Mannes herzustellen 28,
28 „Die physiologischen Funktionen, die der Mann ausübt, werden mit
der Zeit allem Anschein nach entbehrlich. Die Existenz des männlichen
Geschlechtes ist nur vorübergehend notwendig, solange das weibliche Ge-
schlecht die Fähigkeit zur selbständigen Fortpflanzung noch nicht erworben
hat. Der Mann wird untergehen, und die Frau wird sich zur Synthese beider
Geschlechter, zum Übermenschen entwickeln. Der Mann ist vergänglich; aber
die Menschheit stirbt mit ihm nicht aus. Die Frau ist ewig.“ (L. Kotschet-
kowa, Der Untergang des männlichen Geschlechtes in Pflanzen-, Tier-
und Menschenwelt, in der Zeitschrift „Polis“, 1908 (Sep.-Abdr. S. 16).
        <pb n="43" />
        Dritter Teil.
Kriterien.
1. Uneheliche Kinder.
a) Grenztypen.
4. Brautkinder.
x) In der Ehe Geborene.

Die unehelichen Kinder werden von der Statistik gar nicht
restlos erfaßt. Da die Statistik nicht die Erzeugten, sondern
erst die Geborenen in Betracht zieht, erhellt daraus, daß sie die
innerhalb der Ehe Geborenen, aber von den gleichen Eltern
außerhalb ihrer, d. h. vor dem Eintritt in sie gezeugten Kinder
nicht als Uneheliche ermittelt und, wie wir angesichts der
celativen Leichtigkeit ihrer Ermittelung hinzufügen, auch
nicht ermitteln will. Dabei ist zu bemerken, daß die Ehe-
lichung der Schwangeren durch den Schwängerer in gewissem
Sinne eine antizipierte Legitimation (nämlich des Kindes im
Mutterleibe) darstellt. Denn während die Legitimation das vor-
ehelich erzeugte Kind nach der Geburt in den ehelichen Zu-
stand überführt, so fällt bei ihrer Ehelichung dieselbe Funk-
tion gegenüber dem schon erzeugten, aber noch ungeborenen
Kinde bereits der Schwangeren zul. So entstehen dann die soge-
nannten „Brautkinder‘“ (das Wort hier im Sinne der von Bräuten
konzipierten, aber nach Abschluß des Ehebundes geborenen
Kinder gefaßt). Da schätzungsweise diese Kategorie aller-
mindestens 40% der ehelichen Kinder überhaupt enthalten
1 Georg von Mayr, Statistik und Gesellschaftslehre, Tübingen 1909;
Mohr, Bd. IL, S. 1497.
        <pb n="44" />
        Brautkinder.

31

soll2, so ist die Verzichtleistung der Statistik auf ihre Erhebung
geeignet, einen sehr wichtigen Tatbestand zu verschleiern und
die Unehelichkeitsstatistik a priori um ein sehr erhebliches
Moment zu schmälern.

Nach einer interessanten evangelischen Enquete in Deutsch-
land 1895—1896 über den hier untersuchten Gegenstand ist
die Quote der unehelichen Erstgeburten eine sehr beträchtliche.
Aus dem Regierungsbezirk Königsberg heißt es, daß selbst die
beiden am günstigsten stehenden Gemeinden unter den Bräuten
16% entjungferte aufwiesen, die drei am schlechtesten stehen-
den 60, 66, 75%. Aus Westpreußen heißt es von 439%; aus
Köslin in Pommern 39%; aus Stettin 44,5%; aus Stralsund
56,5%; aus Nordthüringen 50% (Südthüringen erheblich
höher): aus Mittelfranken 480%: Unterfranken 17%; Rhein-

2? Nach Schneider (Über voreheliche Schwängerung, in [Conrads] Jahr-
büchern für Nationalökonomie und Statistik, III. Folge, X. Band [1895],
S. 555), auf Grund der Berechnung der Empfängnisperiode in den ehe-
lichen Erstgeburten in Dresden 1890—18g4. Schneider bemerkt: „Im
ganzen waren von den 10 414 (in den Jahren 1890—1894 in Dresden
registrierten) Geburten 4048 einer vorehelichen und 6366 einer ehelichen
Schwängerung zuzuschreiben, so daß der ersteren Klasse 39 % angehörten.
Übereinstimmend mit unserer Ziffer ist die von Rubin und Westergaard
(Statistik der Ehen, Jena 1890, S. 38), welche bei Annahme einer sieben-
monatigen Graviditätsperiode unter 999 Geburten 389g der in Rede stehen-
den Art, also 39%, und nach Hinzufügung derjenigen Frauen, welche
kinderlos blieben (in Summa 1181), 330% erhielten. Demgegenüber hat
Geißler (Über die Vorteile der Berechnung nach ‚perzentilen Graden‘,
in Mayrs ‚Allgemeines statistisches Archiv‘, 2. Jahrg., S. 460) auf Grund
von 1982 Mehrlingsgeburten für die Jahre 1880—71890 in Sachsen, unter
Annahme einer Schwangerschaftsdauer von 7—8 Monaten 45% für Ge-
burten vorehelicher Schwängerung gefunden. Berechnen wir dieselbe Größe
an den in unseren Tabellen enthaltenen 246 Mehrlingsgeburten, von denen
96 der fraglichen Kategorie angehören, so erhalten wir auch hier nur 39 %;
doch kann die geringe Zahl dieser Geburten nicht maßgebend sein.“ —
Mischler gibt 1898 40—50% der Ersigeburten als vorehelich erzeugt an
(E. Mischler, Artikel „Uneheliche Geburten“, im Wörterbuch der Volks-
wirtschaft [Elster], Jena 1898, Fischer, S. 716).
        <pb n="45" />
        Hr
Id

Dritter Teil.
pfalz 40%; Oberpfalz 45%®. Neuere Untersuchungen, wie die
von Lommatzsch4 kommen ziemlich übereinstimmend sogar
zu dem Ergebnis, daß, wenn man auch nur die ersten sieben
Monate nach der Eheschließung in Betracht zieht, mehr als
nur die Hälfte der Kinder des ersten Ehejahres wohl vorehe-
licher Zeugung entstammen. Kasten hat mit Hilfe der säch-
sischen Statistik in ‚sehr sorgsamer Methodik den Prozentsatz
Jer Geburten, die schon in den ersten sechs Monaten der jungen
Chen stattfinden, auf 50% berechnet. Auch in England soll die
Niederkünfte der erstgebärenden Mütter während des
ersten Ehejahres in Sachsen von 1917—19214*,
Ehemonat )
der Niederkunft

Berichtsjahre
1917 1918 * 1319 1920 * 1921

i. Monat
1

215 269 448
394 423 831
481 597 1276
508 760 1688
682 764 1959
RÄd 5A 417QRQ

1091 999
1940 1882
2917 2549
3746 3246
4286 3314
3767 2763

— u. Monat.

3024 | 3567 | 7990 |.1747 14758
9/0 55.16 | 9/0 54,52 | 9/o 59,53 | 90 55,96 ı 90 56,79

7. Monat .

So

9.

7.—9. Monat. .....

1825

1313

1810_
1375 | 1578 | 3100 | 6870 ı 4948
0 25,08 | 9/0 24,12 %0 23,10 %o 21,66 | % 19,05

161 | 592 | 1266
376 | 367 | 854
538 | 679 ! 980

LO. Monat. . 467 | 622 | 1024
ie 312 404 725
2 304 ı 371 588
i0.—12. Monat ..... 1082 1897 1) 65"
9019,76 | 90 21?
Hesamtenumo der Erstgeburten . . . | 5482 | 654%

2390
2059
1825
6274
m 27. 2x1 924,16
31715 | 25975
3 Bei Sc} . t, Sozialstatistik, 1. c., S. 521.

4 N Kom S her Die Techn unehelicher Kinder in den Jahren
1906—1910, in der Zeitschrift des K. Sächsischen Statistischen Landesamtes,
59. Jahrg. (1913), p. 168.

4a Angaben, errechnet nach den statistischen Jahrbüchern Sachsens,
(A. Kasten, 1. e., S. 45.)
        <pb n="46" />
        Brautkinder.

30

größere Anzahl der Fabrikmädchen erst dann zur Heirat
schreiten, wenn sie bereits schwanger ist5.

Interessant und für unsere Zwecke nicht wertlos sind auch
die seltsamen Unterschiede zwischen dem Wesen und Alter der
außerehelich erstgebärenden und der nach vorehelicher
Schwängerung ehelich gebärenden Mütter, über welche Schnei-
der berichtet: „Während sich die unehelich erstgebärenden
Mütter in sehr hohem Maße im Alter bis zum 20. Jahre be-
finden, zeigt sich bei den infolge vorehelicher Schwängerung
erstgebärenden ehelichen Müttern die entgegenlaufende Ten-
denz, welche zum Teil wohl mit jener Erscheinung organisch
zusammenhängt, da viele Ehen solcher Art mit unehelich ge-
zeugten Kindern beginnen. Man meint, für das verhältnismäßig
zahlreiche Vorkommen derartiger Fälle ist gewiß ein Haupt-
grund der Umstand, daß die Männer sehr jung sich verehe-
lichen und bei der Wahl ihrer Frauen darauf zu sehen pflegen,
daß dieselben kräftig, gesetzt und einigermaßen zuverlässig
sind; solche Personen finden sich aber eher unter den älteren
als unter den jüngeren Mädchen... Die Frauen sind nicht
nur verhältnismäßig, sondern auch absolut sehr häufig älter
als ihre Männer. Rubin und Westergaard bestätigen das. Es
tritt in ihrer Arbeit in allen sozialen Gruppen ein gleichmäßiges
Durchschnittsalter (von 27—28 Jahren) der Frauen auf, wäh-
rend das Alter der Männer bedeutsam schwankt, vom niedrig-
sten in der Arbeiterklasse bis zum höchsten in der besitzenden ® “

3) Von Bräuten außer (vor) der Ehe gezeugte und geborene Kinder,

Neben der Kategorie der vor der Ehe erzeugten, aber in der
Ehe geborenen Brautkinder haben wir eine zweite Kategorie
von außerhalb der Ehe gezeugten und geborenen, aber im
Rahmen des Verlöbnisses entstandenen Brautkindern.
5 Collet, 1. c., S. 44.
$ Schneider, Über voreheliche Schwängerung, 1. c., S. 556—557.
Michels. Sittlichkeit in Ziffern.
        <pb n="47" />
        3u

Dritter Teil.

Bei den Brautkindern muß man außerdem noch unter-
scheiden zwischen den nach vorhergehendem, formellem Ehe-
versprechen mit Ringaustausch und den ohne dasselbe erzeugten
Kindern?. In manchen deutschen Gegenden wären der ersteren

7 Zum Problem des „Sitzenlassens‘‘ mögen folgende Ausführungen Platz
finden: „Wenn ein Mädchen einem jungen Manne einen Korb gibt, so mag
das für ihn eine bedauerliche Angelegenheit sein, aber die Allgemeinheit
findet nicht viel Schlimmes dabei, Läßt dagegen ein Mann seine Braut
sitzen, so wird ihm dies als schweres Verbrechen angerechnet, und die Ver-
wandtschaft der jungen Dame sieht darin einen Vertrauens- und Treu-
bruch. Gegen diese verschiedenartige Bewertung zweier gleicher Hand-
lungen wendet sich ein ‚modernes Mädchen‘ .in einer Zuschrift an ein
Londoner Blatt. ‚Trotz allem Gerede über die Gleichheit der Geschlechter
und die Emanzipation der Frauen‘, schreibt es, ‚wird der Mann, der ein
Mädchen sitzen läßt, noch immer von der allgemeinen Meinung verurteilt.
Das erscheint mir unfair, Man behauptet, daß kein Mann einem
Mädchen einen Antrag machen dürfte, wenn er nicht seiner Gefühle ganz
sicher ist, und daß dieser Entschluß zur Heirat unumstößlich sein soll.
Aber mit dieser Forderung, die unlogisch ist, bestraft man gerade den auf-
richtigen Liebhaber am meisten. Ich erinnere mich an einen Fall, wo ein
sehr ernsthafter junger Mann sechs Wochen vor der Hochzeit entdeckte, daß
er seine Braut nicht länger lieben könne, daß er mit ihr nicht glücklich
werden und sie nicht glücklich machen werde, Da er keinen anderen Aus-
weg wußte, ließ er sie sitzen und bereitete damit der Braut nicht nur
Kummer, sondern erregte auch die allgemeine Entrüstung der kleinen Stadt,
in der er und das Mädchen lebten. Er mußte den Ort verlassen und hitt
jahrelang unter dem ‚Unrecht‘, das man ihm allgemein vorhielt. Aber
es gibt ein Männerrecht aufs Sitzenlassen, das die Allgemeinheit anerkennen,
sollte. Wenn ein Mann findet, daß er sich in seiner Wahl geirrt hat, dann
ist es nur anständig und richtig gehandelt, wenn er die Verlobung auflöst,
bevor es zu spät ist. Eine Verlobung ist doch nichts anderes als eine Ver-
suchszeit für beide Beteiligten, sich unterdessen näher kennenzulernen
und zu ergründen, ob sie zueinander passen, Bei einem Versuch muß man
das Recht haben, die Lehre daraus zu ziehen. Anträge werden meistens
in Augenblicken der Erregung und unter romantischen Umständen gemacht.
Wenn der Bräutigam später findet, daß das Mädchen seinem Ideal nicht
antspricht, so ist es viel besser, wenn er sich die Freiheit und ihr die
Möglichkeit verschafft, einen anderen Mann zu finden, zu dem sie besser
paßt. Es ist mindestens ebenso tragisch für ein Mädchen, von einem Manne
gezwungenermaßen geheiratet zu werden, als für einen Mann, sich zur Ehe
zu zwingen. In beiden Fällen wird die Ehe unglücklich werden,‘ (Basler
        <pb n="48" />
        Brautkinder.

35

Kategorie ganz besonders auch die nach dem sogenannten Hand-
schlag erzeugten Kinder einzureihen, d. h. Kinder, die nach vor-
hergegangenem, aber germanischer Auffassung, derzufolge der
Eheschluß nicht eine staatliche, sondern höchstens eine kirch-
liche, aber zunächst nur eine Familienangelegenheit sei, ent-
sprechendem, feierlich abgelegtem Gelübde erzeugt worden
sind®. Die unter moralischen Gesichtspunkten eigenartige Stel-
lung der Brautkinder wird zumal vom englischen Gesetz an-
erkannt. Die Einrichtung des breach of promise bietet der
unehelichen Mutter sowohl in pekuniärer Hinsicht als auch
vor der öffentlichen Meinung einigermaßen Schutz. Der Bräu-
tigam gilt nur in zwei Fällen als seiner Verpflichtungen ent-
hoben: Erstens, wenn seine Braut vor der Verlobung bereits
mit anderen unehelichen Geschlechtsverkehr gepflogen und
ihm diese wichtige Tatsache verschwiegen hat. Zweitens, wenn
Braut und Bräutigam bei der Verlobung ausdrücklich überein-
gekommen sind, bereits im Brautstande als Mann und Frau
zu leben, ohne daß der Bräutigam sein Eheversprechen später
wiederholt hätte?, Freilich haben englische Schriftsteller häufig
darüber Klage geführt, daß mit dem breach of promise seitens
männersüchtiger oder gar gewinnsüchtiger Frauen böser Miß-
brauch getrieben werde, so daß auf diese Weise sogar auf
Eisenbahnen und anderswo für alleinstehende Männer ein Ele-

Nachrichten, Korr, vom 30. März 1926, 2. Beilage.) Vorstehende Be-
merkungen haben indes ıhre Berechtigung nur, insofern es sich im Braut-
stand nicht um ein wie immer geartetes sexuelles Zusammenleben handelt,
Denn dieses (und schon der leise Verdacht desselben) disqualifiziert die
Braut weit mehr als den Bräutigam. Das liegt einmal in der Sitte, dann
aber auch in der bekannten physiologischen Konstitution von Mann und
Weib sowie endlich in der den meisten Männern eigenen Neigung zur weib-
lichen Jungfräulichkeit begründet.

8 Schnapper-Arndt, Sozialstatistik, 1. c., S. 523.

9 Paul Descamps, La Formation sociale de l’Anglais moderne, Paris
1914, Colin, p. 53.
        <pb n="49" />
        30

Dritter Teil.

ment öffentlicher Unsicherheit entstanden sei!%. In Frankreich,
wo dergleichen kodifizierte Bestimmungen nicht bestehen,
haben freigesinnte Richter versucht, auf Grund des schwam-
migen $ 1382 des Code Civil (Tout homme qui cause par sa
faute ä autrui un prejudice en doit la reparation dans la mesure
de ses torts) Remedur eintreten und den schuldigen Bräu-
tigam zur Verantwortung ziehen zu lassen!!,

Die Erzeugung von Brautkindern vermag aber auch eine
gewollte, bewußte, methodische zu sein. Auch braucht das
bäuerliche voreheliche Zusammenleben häufig nach der Geburt
des Kindes nicht einen ehelichen Abschluß zu finden, da das
Zeugungsgeschäft ohnedies seinen Fortgang nehmen kann1!2,
Dann kommt es zur Entstehung unehelicher Brautkinder-
reihen. Über den Umfang dieser Sitte in Deutschland klärt
ein von den protestantischen Sittlichkeitsvereinen auf An-
vegung des Pastors C. Wagner in Pritzerbe (Mark Branden-
burg) herausgegebenes (von uns bereits erwähntes) Enqueten-
werk über „Die geschlechtlich-sittlichen Verhältnisse der evan-
gelischen Landbewohner im Deutschen Reiche“ (2 Bände, 1895
bis 1896) auf!3, Schon früher wußte man längst, daß in Bayern
und Österreich der Geschlechtsverkehr unter Liebesleuten in
bäuerischen Kreisen gang und gäbe war. In Frankreich ist
das bäuerliche Brautkindersyvstem ebenfalls nicht völlig un-

0 Ernest Belfort Bax, Essays in Socialism New and Old, London
1906, Grant, p. 266, 270, 278; Max O’rell. John Bull and his Island.
London, Leadenhall, p. 117.

“ Henry Leyret, Les jugements du president Magnaud, r&amp;unis et
comment6s, Paris 1900, Stock, p. 111.

1? Siehe 8. 168 unseres Buches.

13 Vgl. ferner C. Wagner, Die Sittlichkeit auf dem Lande, Berlin
1895. Von unzähligen Schriftstellern wiederholt und ausgebeutet. Erheblich
Neues für Deutschland noch bei Wilhelm Schallmeyer, Vererbung und
Auslese im Lebenslauf der Völker, Eine staatswissenschaftliche Studie auf
Grund der neueren Biologie, Jena 1903, Fischer, S. 361.
        <pb n="50" />
        Brautkinder.

3°

bekannt!4, Auch die Sprößlinge aus außerbäuerlichen Ver-
lobungen, bei denen Schwangerschaft eintritt, gehören natür-
lich in dieses Kapitel, falls die Schwangerschaft nicht inner-
halb der gesetzten Zeit in die Hochzeit einmündet, oder der
Vater vor derselben mit Tod abgeht. In diesem letzten Falle
können jedoch selbst hinsichtlich des Erbrechts die Kinder
partikularrechtlich und bisweilen selbst in der gemeinrecht-
lichen Praxis mancher Staaten als Eheliche gelten.

In manchen Berner Gegenden besteht der sogenannte Kilt-
gang, worunter die Gepflogenheit erotischen Verkehrs des
Liebespaares, freilich nicht eigentliches Recht auf Geschlechts-
verkehr, sondern „gegenseitiges Berühren, Betasten, Vorweisen
der Leiblichkeit‘“ (also etwa Demiviergismus) verstanden
wird15.
In den höheren Klassen hat das Zusammenleben der Braut-
leute in seinen erotischen oder erotisierenden Formen zu einer
Art von eudämonistischer Philosophie geführt. Als Basis gilt
folgender Gedanke: Zur Vermeidung unglücklicher Ehen
und ihrer Folgen gehört Kenntnis des physischen Menschen.
Bereits Thomas Morus hatte in seiner Utopia den Vorschlag
gemacht, daß sich die Verlobten im Beisein je einer ehremn-
werten älteren Person der beiden Geschlechter vor der Ehe
14 So berichtet (während z. B. noch Honor6 de Balzac [Physiologie du
Mariage, Nouv. Ed., Paris 1876, M. Lö6vy, p. 72] behaupten konnte, der-
gleichen sei in seinem Vaterlande undenkbar) Hippolyte Taine aus
Douai: „Presque aucun d’eux ne se marie, sans avoir connu sa femme,
Is trouvent ennuyeux d’&amp;pouser une femme qu'ils n’ont pas 6prouv6e,
Mais d’ordinaire, au premier enfant ils 6pousent; manquer au mariage serait
mal vue,‘“ (H. Taine, Carnets de voyage, Notes sur Ia province. 1863—1865,
Paris 1897, Hachette, p- 10.)

% Heinrich Driesmans, Eugenik. Wege zur Wiedergeburt und Neu-
zeugung ungebrochener Rassenkraft im deutschen Volke, Leipzig 1912,
Dietrich, S. 26. — Für Island liegt noch eine interessante Quelle für das
ein Jahr dauernde, freilich im Aussterben begriffene hand-fasting vor (vgl.
Prof. Mavor, Iceland. Some Sociological and other Notes, in den Pro-
ceedings of the Philosophical Society, Glasgow 1890/91).
        <pb n="51" />
        38

Dritter Teil.
nackt sehen, d. h. besichtigen sollten1®. Nicht so weit gingen

die späteren sozialistischen Utopisten, wie z. B. Cabet, der für

sein Icarien nur einen sechsmonatlichen häufigen persönlichen
Verkehr zwischen den Brautleuten, aber in schön angekleidetem

Zustande, auf Promenaden und in Salons und unter Sorg-

zamster Überwachung älterer Personen, vorsieht!” Moderne

anglische Soziologen haben dagegen eine apprenticeship for
marriage gefordert, „which would be a noviciate for father-
hood and motherhood, as well as a training in household work
and management‘, Das sicherste Prophylaktikum gegen Ehe-
bruch und Prostitution bestehe in einem vorehelichen Training,
das an Stelle des orthodox experiment which begins after legal
marriage zu treten habe1®. Ein derartiges Training solle indes
aicht notwendigerweise geschlechtliches Zusammenleben im-
plizieren; keinesfalls aber dürfe man es zur Entstehung eines
Kindes kommen lassen, da man ja von jedem einzelnen Noviziat
nicht wissen könne, ob es wirklich zur Ehe führen werde oder
nicht1%. In manchen Ländern, wie Frankreich und Nord-
amerika, wo bisher gerade die jungen Mädchen aus dem
Bürgertum sich aus verschiedenen Ursachen und unter ver-
schiedenen Begleitumständen vor der Ehe der Erhaltung abso-
luter Unbeflecktheit befleißigten, flossen (und fließen) heiße
Wellen vorehelicher Intimität2®. Die Notwendigkeit, die Ehe

16 Thoemae Mori Utopia. Amsterodami 1631, Lanssonius, p- 195.

(7 Etienne Cabet, Voyage et Aventures de Lord William Carisdall
an Icarie, Paris 1840, Souverain, vol. I, p. 229.

8 Edith Ellis (Mrs. Havelock Ellis), A Noviciate for Marriage,
London 189xr, by the Author, p. 4, 5, 7; ähnlich auch Ernst Gystrow
(Willy Hellpach), Liebe und Liebesleben im 190. Jahrhundert, Berlin
(go2, Verl. Aufklärung, S. 24.

19 Ellis, S. 16; etwas strenger gefaßt in der späteren Ausgabe Edith
Ellis (Mrs. Havelock Ellis), The New Horizon in Love and Life, London
tg21, Black, p. 20/21.

20 In Frankreich hat L 6o0n Blum in seinem Buche „Du Mariage‘“ (Paris,
A. Michel, 1920, ı. Aufl. Paris 1007, Ollendorff} eine ganze Reihe von
        <pb n="52" />
        Brautkinder.

39

besser zu fundieren und somit Grundlagen zu schaffen, welche
den unglücklichen Ehen und den die Kirche mit Sorge er-
füllenden Problemen der Ehescheidung vorzubeugen imstande
wären, haben selbst katholische Schriftsteller der Gegenwart
dazu veranlaßt, ihr Augenmerk auf diesen Punkt zu lenken.
So hat Hermann Muckermann ein sehr weitläufiges Kapitel
über das „Gebot der Auslese“ mit weit vorausschauenden
Lanzen für den Gedanken gebrochen, daß das Mädchen in seinem Ge-
schlechtsleben eine Sturm- und Drangzeit durchmachen müsse, bevor es zu
zlücklicher, ruhiger Ehe überzugehen vermöge, Er tritt deshalb für die Spät-
ahe (S. 270) sowie für gleiches Recht auf Geschlechtsgenuß für Mann und
Frau vor der Ehe ein. Der Literarhistoriker Charles-Brun bemerkt: „Leon
Blum vient de nous apprendre que le meilleur moyen de fonder des m6nages
heureux, c’est d’accorder &amp; la jeune fille ces mömes licences que la morale
mondaine accorde au jeune homme, de lui laisser accomplir sa ‚periode poly-
gamique‘ (Abel Hermant V'en raille agröablement dans Trains de Luxe), et
de Iui faire faire sous l’ceil attendri de sa mö@re, ses 6coles sentimentales. ‚Il
ıpparait comme n&amp;cessaire que 1a femme, elle aussi, ait men&amp; sa vie de garcon,
sa vie de passion et d’aventure ... Il est constant que les femmes libres,
aprös dix. ou quinze ans de passions vari6es, 6prouvent un imperieux besoin
de se fixer, et ces mariages serajent les meilleurs en th6orie...‘ Et les
anfants? Les enfants, on n’en a pas.“ (Charles-Brun, Le Roman Social
an France au XIXe Siöcle, Paris 1910, Giard, p- 172.) Der Grundgedanke,
den Victor Margueritte seinem sozialen Roman „La Gargonne“ gegeben
hat, hat damit viele Berührungspunkte (1. c., S. 58). — „Man betrachte unter
diesem Gesichtspunkt der Fortpflanzung auch die deutsche Literatur. Man
wird dann darauf aufmerksam werden, wie auch dort der außereheliche Ge-
schlechtsverkehr in den Romanen immer häufiger ‚ohne Folgen‘ abläuft. Das
anispricht eben der Wirklichkeit.“ (Seeberg, 1. c., S. 40). In Amerika hat
sich sogar der richterliche Beamte Lindsey nach ernster Untersuchung der
Lage aus der silttlichen Zerrüttung der amerikanischen Jugend keinen anderen
Ausweg gewußt, als einer sexuelle Beziehungen nicht unter allen Umständen
zusschließenden Versuchsehe als dem geringeren Übel das Wort zu reden.
Er meinte: „Probe-Heiraten und Liebe ohne gesetzliche Ehe wachsen be-
ständig um uns herum, Sie haben bis jetzt den großen Nachteil, daß keine
Kinder erwünscht sind, weil sie dann doch in der gesetzlichen Ehe aufgehen
müßten. Sobald wirklich ein Kind kommt, wird auch allermeistens ge-
heiratet.“ (Lindsey, 1. c., p- 129). — Vgl. auch die warme Verteidigung
lieser Versuchsehen in dem franko-amerikanischen Roman von Lucie
Saint-Elme., A läge mouille.... Paris 1925, Les Gemeaux, p. maff.
        <pb n="53" />
        Dritter Teil.
Postulaten für das Eingehen des Verlöbnisses, Kriterien zu
ainer guten Wahl und sogar einer Erziehung zur Wahlbereit-
schaft ausgearbeitet?l. In der ähnlichen Richtung liegen die
Forderungen nach durch ein Staatsgesetz stipulierten, amtlichen
ärztlichen Gesundheitszeugnissen sowohl als die Hoffnung auf
sine Erhebung derselben zu einer allgemeinen Familiensitte.
Derartige Forderungen erschallen heute aus allen Lagern. In
Deutschland hat für die Katholiken wiederum vor allen Dingen
Muckermann deren formuliert??, Unter eugenetisch-nationalen
Gesichtspunkten plädierte der Oberregierungsrat Dr, Hesse für
sin gesetzliches Eheverbot in bestimmten Fällen; er erklärte:
„Den Luxus, eine minderwertige Nachkommenschaft groß zu
ziehen, müssen wir uns heute unter allen Umständen versagen,
während andererseits ein gesunder und kräftiger Nachwuchs uns
die Arbeitskraft gewährleistet, die wir zum Wiederaufbau
unserer zerrütteten Wirtschaft benötigen?!‘ In Italien hat eine
aus Ärzten bestehende Untergruppe der faszistischen Partei-
fraktion im Parlament schon kurz nach dem Siege des Faszis-
mus ein entsprechendes Ansinnen an die nationale Gesetzgebung
zestellt?4, In Amerika hat die Synode der Geistlichkeit 1913
in Pittsburg sich in dem gleichen Sinne ausgesprochen 5.
21 Hermann Muckermann, Vererbung und Auslese, 15. Aufl., Frei-
surg 1. Br. 1924, Herder, S. 162—207.

2 Muckermann, S. 167.

%3 „Die Woche“, Jahrg. 1924, Nr. 44, zitiert bei A. Dührssen, Die
Reform des $ 218 (unter Berücksichtigung der Strafgesetzentwürfe von 1919
ınd 1925), in: Zur Reform des Sexualrechts, IV. Band von: Sexus, Mono-
zraphien aus dem Institut für Sexualwissenschaft in Berlin (Hirschfeld).
1926, p. 52.

* Siehe meinen Sozialismus und Faszismus in Italien, München 1925,
Meyer &amp; Jessen, S. 3:8.

® Arthur W. Calhoun, A Social History of the American Family from
Colonial Times to the Present, Cleveland 1917, Clark, vol. III, p. 29z.
        <pb n="54" />
        (m Ehebruch erzeugte Kinder.
2. Im Ehebruch erzeugte Kinder.

Wenn die Unehelichkeitsstatistik auf der einen Seite, teils
aus berechtigter Humanität, teils aus Ehrfurcht vor dem Buch-
staben des Gesetzes, von ihrem wissenschaftlichen Recht, die
Brautkinderziffern der Rubrik der Unehelichen zuzuzählen, ab-
sieht, so erfaßt sie auf der anderen Seite, und zwar diesmal
aus äußerer und innerer Unmöglichkeit, auch nicht die durch
Ehebruch erzeugten und folglich in der, aber nicht aus der Ehe
(in die sie nicht hineingehören) geborenen Kinder. Mit anderen
Worten, die Unehelichkeitsstatistik kümmert sich auch nicht
um die sogenannten Adulterini, welche die Frau Elster dem
angetrauten Gemahl ins Nest legt, ohne daß dieser etwas davon
zu merken braucht. Auch auf diese Kategorie profund unehe-
licher Kinder leistet also die Unehelichkeitsstatistik, dieses
Lieblingskind, oder, wie sie genannt wird, sedes primaria der
Moralstatistik, Verzicht.

Die Statistik verfährt wie das Gesetz26, Das wird aus der
statistischen Behandlung der Geburten deutlich ersichtlich.
Nach dem Gesetz gilt jedes in gültiger Ehe erzeugte Kind als
ein eheliches. Auch wenn der Erzeuger dieses Kindes ein un-
gültiger, ein außerehelicher Mann ist. Selbst wenn dieser Tat-
bestand von allen beteiligten Seiten — Ehefrau, Ehemann,
Ehebrecher — zugegeben wird. Ein derartiges Eingeständnis
ändert juristisch nichts an der Ehelichkeit der Geburt?%*, Die
2% Über die grundsätzliche Ehelichkeit der im Ehebruch erzeugten Kinder
vgl. auch P. L. Lacretelle (ain6), Le Fils naturel. Roman Theätral, Paris
(824, Bossange, p. 39. Dagegen ist bekanntlich juridisch der uneheliche
Vater mit seinem Kinde „nicht verwandt“, Dieses Thema wird auch von
Victor Margueritte in „Le Talion“ behandelt.

%2 Es sei denn, daß — nach deutschem Recht — der legitime Mann sobald
er von der Geburt des Kindes erfährt — und zwar ist die Klage gegen das
Kind, nicht gegen die Mutter zu richten — Anfechtungsklage erhebt (B.G.B.
5 1591—1600). Nach italienischem Recht kann der legitime Gatte überhaupt
nur dann die Anerkennung des Kindes ablehnen, wenn er nachweislich in
ler Empfäneniszeit vom 180. bis zum 300. Tage vor der Geburt des Kindes
        <pb n="55" />
        12

Dritter Teil.
Statistik kennt lediglich „eheliche Geburten‘ und „uneheliche
Geburten“ und registriert sie. Die weitere große Rubrik: „un-
eheliche Geburten in der Ehe“ kennt und registriert sie nicht.

Es mag ohne weiteres zugegeben werden, daß dies weder
ihres Amtes sein kann, noch daß es sichere technische Mittel
und Werkzeuge, genügende Kriterien gibt, auf Grund deren
diese dritte Rubrik Existenzberechtigung erhalten könnte. Die
Vaterschaft ist ein Mysterium und entzieht sich wissenschaft-
licher Feststellung. Aber deshalb bleibt die statistische Ein-
teilung der Geburten in eheliche und uneheliche nicht weniger
irreleitend. Es ist auch aus diesem Grunde schon immer eine
mißliche Sache, die moralische Superiorität eines Landes über
ein anderes27 an der Hand einer in dem ersteren von beiden
statistisch festgestellten geringeren Zahl illegitimer Geburten
konstruieren zu wollen?7a, Kann doch die große Unbekannte der
unehelichen Geburten in der Ehe, die von der Statistik den
ehelichen Geburten zugezählt wird, sogar dergestalt sein, daß
das tatsächliche Verhältnis zwischen den ehelichen und den
unehelichen Geburten das in der Statistik gefundene Verhält-
nis wieder umkehrt?8, Das ceteris paribus statistisch weniger
uneheliche Geburten aufweisende Land kann durch eine ent-
sprechend höhere Zahl seiner Adulterini de facto die höhere
reale Geburtenunehelichkeit aufweisen. Einzelnen, völlig un-
beweisbaren Schätzungen zufolge soll die Zahl der durch Ehe-

aus ärztlichen oder anderen offensichtlichen Gründen (es genügt nicht ein-
mal die Angabe von Impotenz) seiner Frau nicht hat beiwohnen können.
(C.C. 5 159—165.)

27 Vgl. das Kapitel „Nationale Unterschiede“.

27a Vgl. p. 30 unseres Buches.

28 „Noch weniger hat der Statistiker zu untersuchen, ob der Ehemann
der wirkliche Vater des Kindes sei. Daraus folgt jedoch allerdings, daß
man ehelich geborene nicht ohne Unterschied ehelich gezeugte nennen darf,
und daß in der Regel die Zahl der unehelich gezeugten die der unehelich
geborenen beträchtlich übersteigt.“ (Bernoulli, 1. c., S. 123.)
        <pb n="56" />
        Uneheliche Kinder im engeren Sinne. 43
bruch geborenen Kinder ohnehin überall die Zahl der außer-
ehelichen unehelichen Kinder übersteigen. In den glücklichen
Zeiten des Findelhaussystems war in der Zahl der Findlinge
auch ein Bruchteil solcher Adulterini enthalten, das heißt von
Ehefrauen durch Ehebruch heimlich gezeugter Kinder, die
aus bestimmten Gründen (Abwesenheit des Mannes in der
Zeugungszeit, bei Strohwitwen der Matrosen usw.) dem Ehe-
mann nicht gut als seine eigenen Erzeugnisse präsentiert
werden konnten??. Da war es. also sogar doch möglich, einige
Adulterini aus der Statistik der ehelichen Kinder zu entfernen
und in die Kategorie unterzubringen, in welche sie ihrer Her-
kunft nach gehörten,

b) Uneheliche Kinder im engeren Sınne.
Schema.

Es ist also ohnehin eine sehr reduzierte und für die ihr
gesetzten Zwecke wenig beweiskräftige Masse gebuchter Einzel-
fälle von Erscheinungen, welche sich der Moralstatistik in der
Rubrik der unehelichen Geburten darbietet, oder vielmehr,
welche der Moralstatistiker uns darbietet. Wir wissen nun be-
reits, daß die Zahl der unehelichen Geburten, wie sie aus den
Statistiken hervorgeht, nach natürlichem, d. h. nicht nach nur
29 Vgl. die Bemerkung bei Lamartine, Discours sur les enfants trouvös
prononce le 30 avriıl 1838. Oeuvres Complötes, Vol. IV, p. 296.

30 Die komplexe Ursachenforschung des Adulteriums kann hier nicht
unsere Aufgabe sein. Nur darauf möge noch nebenbei an dieser Stelle auf-
merksam gemacht werden, daß auch strenge Sitten zum ehelichen Treu-
bruch zu führen vermögen. Beim Familienleben des Hüttenmannes und
seiner Frau, die — aus der Entfernung — in musterhafter Ehe leben,
kommt es vor, daß, wenn die Frau in einem Anflug von ehelicher Senti-
mentalität „der gebildeten Stände‘ ihren Mann einmal auf der Hütte be-
suchen will, sie von ihm sofort wieder heimgeschickt wird, weil ihm ein
solcher Besuch weder mit seiner Stellung als Hüttenarbeiter noch mit der
seiner Frau als Bewirtschafterin des kleinen heimatlichen Gütchens ver-
einbar scheint. (W. H. Richl, Die bürgerliche Gesellschaft, 2. Aufl., Stutt-
gart 186x, Cotta, S. 445.)
        <pb n="57" />
        Dritter Teil.
juristischem Maße gemessen, keineswegs mit der Zahl der un-
ehelichen Geburten zusammenfällt, sondern nur einen Teil dieser
umfaßt. Wäre dieser Restbestand wenigstens homogen! Statt
dessen. besteht aber der Ursachenkomplex der Unehelichkeits-
statistik aus den denkbar heterogensten, gerade unter mora-
lischen Gesichtspunkten grundverschiedensten Elementen. Die
Gruppe „uneheliche Mütter‘“ setzt sich nämlich aus folgenden
Elementen zusammen:

1. aus Ehefrauen.
Aus in religiösen, aber staatlich nicht anerkannten Ehen
Lebenden: auch aus in jüdischen Ritualehen Lebenden.

2. aus außerehelich lebenden Frauen.
A. Häufig langandauernde Geschlechtsverbindungen (in
beiderlei Sinne) außerehelicher Observanz, mit mehr oder
weniger monogamischen Inhalt, Konkubinate, wilde Ehen.
Diese vermögen ihre Existenz etwa aus folgenden Motiven her-
zuleiten:
£{. Aus ökonomischen Zwangslagen; ländliche Dienstboten,
vielfach auch Fabrikbevölkerung.

2. Aus beruflichen Zwangslagen. Fehlen von Heirats-
konsens: wegen Armut; oder auch, bei Beamten, Offizieren
usw. wegen sozialer Nicht-Ebenbürtigkeit der Frau oder auch
finanzieller Unmöglichkeit des Aufbringens der entsprechenden
Mitgift (Nichtvorhandensein einer „Kaution‘); oder wegen
zrundsätzlicher beruflicher Heiratsverbote; z. B. bei Lehre-
rinnen, Soldaten während der Dienstzeit usw.
3. Aus psychologischen Zwangslagen. Bestehen einer Ehe
des Geliebten mit einer ungeliebten Frau, die aus pekuniären,
konventionellen oder sentimentalen (Kinder!) Ursachen nicht
getrennt werden kann oder soll. In Ländern, in denen es keinen
        <pb n="58" />
        Uneheliche Kinder aus rein kirchlichen Ehen. 45
Ehescheidungsparagraphen gibt (Italien), kann das Motiv auch
in Rechtshinderung bestehen.

4. Aus Gründen der Weltanschauung (Sozialismus).

5. Aus bäurischen Sitten (vgl. S. 36ff. unseres Buches).

6. Aus besonderen privaten Gründen,

Die Basis all dieser genannten Gruppen vermag sowohl affek-
tive als pekuniäre Elemente und deren Nuancierungen zu ent-
halten.
B. Flüchtige Geschlechtsverbindungen.

ı. Aus kurzem, leichtfertigem, auch polygamischem Verkehr
(conceptio plurium), mit oder ohne geldmäßigen Charakter;
letzterer steht dem Dirnentum nahe.

2. Aus Prostitution.

Unter ethischen Gesichtspunkten sind die Gruppen A ı, 2,
5, 6 noch durch eine horizontale Scheidungslinie streng nach
dem Kriterium in zwei Teile zu teilen, ob seitens des Mannes ein
Eheversprechen vorlag oder nicht, sowie ob dieses Versprechen
an bestimmte Voraussetzungen, wie Eintreten der ersten
Schwangerschaft, aber auch den Hinwegfall bestehender recht-
licher oder sonstiger Ehehindernisse gebunden war; endlich, ob
und bis zu welchem Grade andere Ursachen zur „Verführung“
im Spiel gewesen waren.

41. Uneheliche Kinder aus rein kirchlichen Ehen.

Es ist unleugbar, daß die Zunahme der unehelichen Geburten
unter Umständen auf eine Zersetzung der sittlichen Begriffe in
einem Volke schließen läßt. Es ist aber klar, daß diese Um-
stände in den seltensten Fällen eintreten.

In Italien hat ein Teil der von der Statistik als unchelich
registrierten Geburten bis kurz vor dem Kriege davon herge-
rührt, daß die Eltern sich nicht staatlich, sondern bloß kirchlich
        <pb n="59" />
        A
+U

Dritter Teil.
trauen ließen. Und dies geschah oft nur, weil die Eheleute es sich
gar nicht in den Sinn kommen ließen, daß die kirchliche Ehe
allein nicht genügen könne, oder auch weil sie aus Mißachtung
gegen das italienische Königreich oder aus Anhänglichkeit an
den ehemaligen Kirchenstaat ausdrücklich die Zivilehe ab-
lehnten. Andere wiederum begnügten sich mit der kirchlichen
Ehe, die vom Staate zwar geduldet, aber nicht von ihm geschützt
wurde, aus weniger lauteren Motiven, um nämlich freier zu sein,
d. h. gegebenenfalls die Frau verlassen bzw. dem Unterhalt der
Kinder sich entziehen zu können, ohne vom Staate daran ge-
hindert und zur Erfüllung der Pflichten angehalten zu werden.
Der Abgeordnete Prof. Angelo Celli.richtete z. B. 1909 an die
Tribuna ein Schreiben, in welchem er u. a. feststellte, daß in
einem ihm wohlbekannten Waisenhaus mit Findelheim von den
501 dort untergebrachten Kindern 307, d. h. 6x %, von Eltern
abstammten, die nur kirchlich getraut waren. Wollte der Mann
sich seiner Sprößlinge entledigen, so brauchte er sie nur nicht
anzuerkennen. Der Staat mußte sie dann als unehelich be-
trachten und dementsprechend für ihre Erziehung sorgen.
Namentlich diese ökonomische Seite der Frage diente neben der
moralischen vielfach dazu, die Forderung aufzustellen, es müsse
staatlicherseits gesetzlich bestimmt werden, daß die Zivilehe stets
der kirchlichen Trauung vorauszugehen habe3l

Deshalb wurde in der Folge (1912) durch ein Staatsgesetz
den Priestern verboten, das Sakrament der Ehe dem Ehepaar
zu erteilen. falls es nicht vorher amtlich getraut ist.
9. Uneheliche Kinder aus Konkubinaten.
x) Aus ökonomischen Zwangslagen.

Soweit sie sich mit der sexuellen Grundfrage beschäftigt
haben, haben die nationalökonomischen Klassiker mit der allei-
nigen Ausnahme von Malthus die Absolutheit der Befriedigung

31 Tribuna vom 20, Juni y00: .
        <pb n="60" />
        Uneheliche Kinder aus Konkubinaten. 47
des Geschlechtsbedürfnisses als Ausgangspunkt allen und jeden
Bevölkerungswesens betrachtet®1a, Filangieri, der ein hervor-
ragender Bürger, Vater und Ehemann war®%2, hat die Sätze
ausgesprochen: la natura vuol essere soddisfatta: pochi sono
coloro che sanno vincerla. Bisogna dunque ricorrere o ad una
moglie, o ad una prostituta®%. Diese Auffassung entsprach
völlig der scholastischen Theorie, wie sie z. B. von dem mit
Recht von Roscher und anderen Dogmenhistorikern der Na-
tionalökonomie so hochgestellten Nicolas Oresme (Oresmius,
1325—1382) vertreten wurde, der hohe kirchliche Ämter be-
kleidete. In seinen Untersuchungen über Münzverschlechterung
unterscheidet Oresmius zwei sittlich und staatspolitisch ver-
schieden zu wertende unehrenhafte und böse Kategorien von
Dingen. Die erstere Kategorie habe indes Existenzberechtigung
zur Verhinderung eines noch schlimmeren Übels: Daran fehle
es num der letzteren. Zur ersten Kategorie gehören neben dem
Geschäft des Geldwechselns auch die Einrichtung öffentlicher
Häuser, dazu da, damit kein öffentliches Ärgernis entstehe; zur
letzteren gehöre die Münzverschlechterung 32, Die Dirne und
der Bankier befinden sich also Oresmius zufolge auf der gleichen
81a „Würde man es erreichen, den Männern wegen ihres geschlecht-
lichen Umganges denselben Makel anzuheften, wie dies den Mädchen gegen-
über geschieht, so müßte die Folge einer solchen Ehrloserklärung not-
wendig die sein, daß kein Mädchen mehr einen Mann heiraten dürfte,
der wegen eines natürlichen Geschlechtsverkehrs seine Ehre verloren hat.
Dann aber würde wohl der Fall eintreten, daß die unverheirateten Frauen,
zu deren Schutz und Gunsten dieser Paragraph in den gesellschaftlichen
Ehrenkodex aufgenommen worden ist, dessen schleunige Abschaffung he-
antragen würden.“ (Kapff, S. 62.)

38 Donato Tommasi, Elogio Storico del Cavaliere Gaetano Filangieri,
in Gaetano Filangieri, La Secienza della Legislazione, Livorno 1826,
Masi. I, p. LVXI£.

38 Filangieri, vol. I, p. 253.

33a Nicolas Oresme, Traictie de la premiere invention des monnoies,
textes francais et latin d’apres les manuscrits de la Bibliotheque imperiale,
Ausg, Louis Wolowski, Paris 1864, Kap. 18.
        <pb n="61" />
        fs

Dritter Teil.
Stufe der Wertskala. Noch derber ist die Wirkung des Ge-
schlechtstriebes bei Mandeville dargestellt worden, welcher die
Dirne als Schützerin der legitimen Ehe und der Ehre der an-
ständigen Frauen darstellt®% und die Bordelle als das geringere
Übel preist, da ohne sie die Zuchtlosigkeit völlig überhand
aehmen würde%4, Selbst der treffliche Forscher des Prostitu-
tionswesens, Parent-Duchatelet, betrachtet die Prostitution unter
lem doppelten Zwecke einer ressource contre la faim und einer
ressource contre le deshonneur?5. Solche Auffassungen haben
im heutigen Amerika ihre Bestätigung gefunden; so konnte der
amerikanische Jugendrichter Lindsey während seiner Amtszeit
in Denver (Colorado) feststellen, daß die dort vorgenommene
Abschaffung der Bordelle zu einer Vermehrung der sitilichen
Gefahren für die anständigen Mädchen geführt hatte%a.
Spuren der Zwanghaftigkeit des männlichen Geschlechts-
triebes finden wir auch ’in den Zusammenhängen zwischen
Ehe, Konkubinat und Konjunktur. Zumeist kann die Zunahme
der unehelichen Geburtenziffer das unmittelbare Ergebnis
ner statigehabten Verschlechterung der Lebensbedingungen
der ärmeren Bevölkerungsklassen sein. Verschlechterungen
solcher Art pflegen das mittlere Heiratsalter der diesen
Klassen angehörigen Männer und Frauen hinaufzusetzen: die
Unsicherheit der wirtschaftlichen Existenz hat zur Folge,
33b „Wenn es eine Gesellschaft gäbe, die beiden Geschlechtern dieselben
Rechte und Freiheiten der sexuellen Betätigung zubillige, d. h. diejenigen
Mädchen, welche sich wie die Männer sexuell beliebig ausleben wollen,
ılcht mehr als „gefallene‘“ Mädchen ausstoße und ächte, würden die Männer
;elbstverständlich dennoch solche Mädchen nicht heiraten, sondern sie ledig-
lich als Mätressen oder Dirnen benutzen, die Eheschließungen und Geburten
würden abnehmen, die unehelichen Kinder zunehmen und mit alledem die
Fundamente des Staates untergraben werden.“ (Kapff, S. 6r und 62.)

5 Bernard de Mandeville, La Fable des Abeilles. Traduit de Vanglais
sur la 6Geme Ed., Londres 1740, vol. I, p. 91—99-

% Parent-Duchatelet, ]. c., vol. II, p. 340.

35a Lindsey, 1. c., p. 56.
        <pb n="62" />
        Uneheliche Kinder aus Konkubinaten,

49

daß die Heiraten aufgeschoben, vielfach selbst aufgehoben
werden. An die Stelle der unmöglich gewordenen ehelichen
Geschlechtsverbindungen tritt aber, und muß in Anbetracht
der Heftigkeit, mit welcher der Geschlechtstrieb sich in
jungen Jahren geltend macht, das „Verhältnis“ und, infolge-
dessen, eine Zunahme in der Produktion der unehelichen
Kinder treten. Die Geburtenstatistik zeigt uns in der Tat, daß
bei langwährenden Geschäftsstockungen und Wirtschaftskrisen
mit der Arbeitslosigkeit die Rate der ehelichen Geburten (sehr
zum Unterschied von deren Verhalten bei den Epidemien?6) eine
Tendenz zum Sinken, die Rate der unehelichen Geburten eine
Tendenz zur (relativen oder absoluten) Steigerung aufweist?”
Woraus zu ersehen ist, daß der öMonomische Faktor in diesen
Zusammenhängen ein gewaltiges Wort mitspricht.

Durch Kombination der wachsenden Zahl der Findelkinder
(enfants trouves) von 1784—1831ı und der Verteilung der
Kindesmorde auf die französischen Departements, aus der sich
ergab, daß der Höchststand dieser Verbrechen auf die industrie-
reichsten fiel, mit den Frauenlöhnen hielt Louis Blanc den Be-
weis für die Ungenügendheit derselben als erbracht: toujours
les plus grands maux 1A, oü lindustrie a choisi son theitre38,

36 Selbst Epidemien wirken auf die Höhe der Geburtenziffern weniger
ungünstig als schlechte Geschäftsjahre. (Vgl. z. B. für die Bevölkerungs-
bewegung ın Basel Albrecht Burckhardt, Demographie und Epidemio-
logie der Stadt Basel während der letzten Jahrhunderte 1601—1900, Leipzig
1908, Beck, S. 970.)

37 Vgl. z. B. Lindner, 1. c., S, 52.

88 Louis Blanc, L’Organisation du Travail, 4. Ed., Paris 1845, Cau-
ville, p. A3f, — Auch der Entwurf des französischen Findelhausgesetzes
1849 erkannte die Zusammenhänge mit den zu geringen Löhnen, indem in
Ihm die Ansicht ausgesprochen wurde, die unehelichen Mütter, die ihre Kinder
bei sich behielten, würden für dieses anständige Benehmen durch die ihnen
daraus erwachsende unerträgliche Belastung ja sozusagen geradezu bestraft.
(Vgl. L. Lamothe, Des Projets de loi sur les enfants trouv6s, im Journal
des Kconomistes, vol. 27 [1850], p. 230.)

Michels, Sittlichkeit in Ziffern.
        <pb n="63" />
        50

Dritter Teil.
Später bezeugte ein englischer Fabrikbesitzer vor dem Parla-
mentskomitee, daß sich nach Einführung der Nachtarbeit die
Zahl der unehelichen Geburten in seiner Fabrik verdoppelt
habe?9,
Das waren die Zeiten, in welchen die Diskussion über den
Nutzen der Findelhäuser entbrannte. Diese Häuser besorgten die
Unterbringung der Kinder. Es kann nicht in Zweifel gezogen
werden, daß die Findelhäuser als Anstalten ein Präventivmittel
zur Verhinderung des Kindesmordes und der Aussetzung waren,
und daß ihre Gründung beim Nichtvorhandensein des Alimen-
tations-Klagerechtes durch Humanitätsrücksichten geboten er-
schien%%. Auf der andern Seite führte, die Einrichtung der Findel-
häuser zur Vermehrung der gunehelichen Geburten. Wurden sie
doch von manchen sogar spöttisch als Prämie dafür bezeich-
net41, Und sogar auch als Prämie für eheliche Geburten. Denn
die Leichtigkeit und Kostenlosigkeit der Unterbringung veran-
laßten nun auch manche regelrecht getrauten armen Eltern ihre
Neugeborenen diesen Häusern anzuvertrauen. Hiedurch wurde
auf der einen Seite das Gefühl für Verantwortung und Kindes-
liebe aus dem Herzen einer gewissen Zahl rechtmäßiger Ehe-
leute gerissen. Ferner wuchs aber auch die Zahl der unehelichen
Kinder offiziell um die Zahl der von ihnen statistisch meist
nicht trennbaren ehelichen Findelkinder42, Eine Erwägung, die
in Frankreich bekanntlich zur radikalen Änderung des Systems

39 Roscher, Ansichten der Volkswirtschaft, 1. c., S. 238.

40 Alban de Villeneuve-Bargemont, Economie Politique Chretienne,
ou Recherches sur la Nature et les Causes du Pauperisme en France et en
Europe, Bruxelles x8347, Meline, p. 389; Julius Frühauf, Artikel „Ehe“
in H. Rentzsch, Handwörterbuch der Volkswirtschaftslehre, Leipzig 1866,
Meyer, S. 236.

4 Lamartine, 1. c., S, 320.

% In Frankreich, zumal aber auch in einigen italienischen Staaten, Vgl.
C. J. A, Mittermaier, Italienische Zustände, Heidelberg 1844, Mohr,
S. 175£.; Oettingen, 1. c., S. 5897.
        <pb n="64" />
        Uneheliche Kinder aus Konkubinaten.

54

geführt hat, wenngleich sich aus von Lamartine angestellten
Untersuchungen ergab, daß der Prozentsatz der aus regel-
rechten Ehen geborenen Findlinge sieben nicht übertraf4, Die
Gegner des Findelhaussystems, wie Robert Mohl, gingen in
dessen Verurteilung so weit zu behaupten, selbst die Verhinde-
rung des Kindesmordes sei, wegen der verhältnismäßigen Sel-
tenheit dieses Verbrechens, kein hinreichender Grund für die
Beibehaltung der Findelhäuser. Auch ganz abgesehen davon,
daß von den wenigen geretteten Findlingen ohnehin wiederum
nur wenige sich und der bürgerlichen Gesellschaft zur Ehre
und zum Vorteil gereichten*4t. Das Findelhaussystem hat heut-
zutage auch in Deutschland wieder neue Befürworter er-
halten45. In einigen Staaten Nordamerikas ist es als Resultat
der überhand nehmenden Ehescheidungen zu ähnlichen Ein-
richtungen speziell für eheliche Kinder gekommen, oder sind
doch, wie das Children Bureau des Labor Department fest-
stellt, an die 67% der Insassen von Waisenhäusern aus zer-
rütteten Ehen stammende Verlassene46,

Dem ganzen, unter moralistischen Gesichtspunkten geführten
Kampf um die Interpretation vom Nutzen der Findelhäuser und
dem Abwägen desselben gegen ihren Schaden wird durch eine
weitere Auffassung überhaupt der Faden abgeschnitten, nämlich
durch die Erklärung der Kinderaussetzung aus rein ökonomi-

43 Siehe die für unsere Zwecke sehr wertvolle Rede Lamartines:
Contre-Enquete sur les enfants trouv6es (1839). (Euvres Complötes, vol. IV,
p. Zar.

44 Robert von Mohl, Die Polizei-Wissenschaft nach den Grundsätzer
des Rechtsstaates, 2. Aufl., Tübingen 1844, Laupp, vol. I, S. 4032.

45 Für das neue Deutschland ist die alte Frage wieder lebendig ge-
worden; vgl. Max Nassauer, Der moderne Kindermord und seine Be-
kämpfung durch Findelhäuser, Leipzig 1919, Kabitzsch. Über die mo-
derne deutsche Findelhausbewegung vgl. auch Adolf Weber, Caritäts-
politik (Fürsorge und Wohlfahrtspflege), im Grundriß d. Sozialökonomik,
Abt. IX, Teil II, Tübingen 1927, Mohr, S. 490.

‘ Arnaldo Cipolla in der „Stampa“, 3. Sept. 1929.
        <pb n="65" />
        32

Dritter Teil.
schen Ursachen. Melchiorre Gioia versuchte schon 1826 durch
einen Vergleich zwischen der Zahl der in den Jahren 1815—71817
in den mailändischen Findelhäusern abgelieferten trovatelli mit
der entsprechenden Tabelle der Erhöhung der Getreidepreise
in den gleichen Jahren den Beweis dafür anzutreten, daß die
Zahl der Findelkinder nichts. als eine entsprechende Folge-
erscheinung der Brotpreise sei*?. Ähnlich hat man ja auch
die Häufung der Selbstmorde mit der Steigerung der Getreide-
preise in Verbindung bringen wollen. Da die Brotpreissteige-
rung indessen, zumal wenn zugleich mit ihr oder doch in
kurzen Intervallen eine Steigerung anderer Preise sowie der
Löhne auftritt, zu. einer Intensivierung des gesamten Wirt-
schaftslebens führen oder doch in sie als Teilerscheinung ein-
gegliedert werden kann, so muß freilich dieses Erklärungs-
moment für gewisse Krankheitserscheinungen am sozialen
Körper als unsicher erachtet werden.

Die Nebeneinanderstellung zweier statistischer Ergebnis-
reihen zu Zwecken der Ursachenforschung ist ohnehin häufig
nicht ausreichend und verleitet infolgedessen zu falschen
Schlüssen. Wenn man z. B. aus dem in Frankreich und ander-
wärts festgestellten zahlenmäßigen Parallelismus zwischen den
Ehescheidungen und den Selbstmorden auf ein zwischen ihnen
bestehendes Verhältnis von Wirkung und Ursache hat schließen
wollen (Bertillon), so ist hiemit in Wirklichkeit noch längst kein
direkter und ausschließlicher kausaler Zusammenhang zwischen
den beiden Erscheinungen festgestellt, da sie sehr wohl einander
47 Gioia, vol. III, S. 514. — Der Einfluß der Kornpreise auf die
Trauungen und die Geburten kam vor allem in den sechziger Jahren des
vergangenen Jahrhunderts in Deutschland wieder auf die Tagesordnung
wissenschaftlicher Behandlung. So z. B. bei Scheel. (H. v. Scheel,
Untersuchungen über den Einfluß der Fruchtpreise auf die Bevölkerungs-
bewegung, in Hildebrands Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik,
Jena 1866, Mauke, vol. VI, S. 163. — Vgl. auch Friedrich Albert
Lange, Die Arbeiterfrage, 3. Aufl., Winterthur 1875, Bleuler, S. 203/04.)
        <pb n="66" />
        Uneheliche Kinder aus Konkubinaten.

53

kcordiniert, dagegen beide einer dritten Erscheinung, wie z. B.
dem Zunehmen des Alkoholismus, subordiniert sein können468,
Oder die Mehrung der Selbstmordsziffern und der Eheschei-
dungen vermag auch einer weiteren, dritten Quelle zu entstam-
men, z. B. der Minderung der Religiosität. Tarde bemerkt:
J’ajoute que ce point de vue est assez consolant; de me&amp;me que
la progression des suicides n’autorise peut-etre pas &amp; affirmer
le progres du desespoir, celle des separations et des divorces
pourrait bien ne pas suffire ä prouver qu’on est devenu moins
heureux en menage4%, Es frägt sich nur, ob der Verlust des
Glaubens an Gott für den Durchschnitt der Menschen wirklich
„trostreicher‘‘ ist als der Verlust des Glaubens an die Liebe.

Auf der gleichen Stufe steht die schon von Galiani mit Spott
überschüttete Frage, ob nicht aus dem Gang der Pfandhäuser
Anhaltepunkte für die Unsittlichkeit (libertinage) einer Be-
völkerung gewonnen werden könnten. Ein solcher Versuch be-
deute nur eine erneute Anwendung des wissenschaftlich un-
sinnigen Satzes post hoc, ergo propter hoc. Wobei Galiani die
weitere treffende Bemerkung macht, die Quantitäten Gut und
Schlecht ließen sich überhaupt nicht berechnen. „Le calculer en
general est une entreprise au-dessus des forces de l’entende-
ment humain, et il n’y aurait qu’un &amp;conomiste ä tete echauffee,
qui s’aviserait de trancher une decision sur cela 59.“

3) Aus rechtlichen oder beruflichen Zwangslagen.
Das gleiche wie das über die Folgen schlechter wirtschaft-
licher Konjunkturlage Gesagte läßt sich, wenn auch in stark
vermindertem Maße, von der Gesetzgebung wiederholen.
48 Wilhelm Lexis, Moralstatistik, S. 708.

49 Gabriel Tarde, Criminalite Comparee, 5. Ed., Paris 1914, Alcan,
PD. 372.

50 Ferdinando Galiani, Lettre ä4 M. de Sartine, de Naples, le 27
avrıl 1770, im IV. Bande der Werke Galianis in der Sammlung der
Scrittori Italiani di Economia Politica, Milano 1803, Destefanis, p. 225.
        <pb n="67" />
        54

Dritter Teil.

Denn eine weitere Ursache der Unehelichkeit besteht im Vor-
handensein juristischer Zwangslagen, d. h. in der Erschwerung
regulärer Verehelichung durch die Beibehaltung oder Wieder-
einführung bestimmter obrigkeitlicher Heiratskonsense oder,
weniger euphemistisch ausgedrückt, obrigkeitlicher Heirats-
verbote5l. Vom Mittelalter bis in die neueste Zeit war die Ehe-
schließung kein unantastbares, individuelles Recht, sondern
dem Einspruch von Staat, Stadt oder Grundherrn streng unter-
worfen. In Bayern diesseits des Rheins durfie bis 1868 die
Verehelichung eines Mannes nur unter bestimmten Voraus-
setzungen vor sich gehen, unter denen sich die Bedingung,
daß er mindestens in den letzten drei Jahren keine öffentliche
Armenunterstützung mehr bezogen hatte, befand 52, Diese und
dergleichen Ehehindernisse, welche die Ärmsten der Armen
treffen, wirken natürlich in der Richtung auf eine Vermehrung
außerehelicher Geschlechtsbefriedigung und ihrer Folgen, ver-
hindern also die Entstehung ehelicher Geburten zugunsten un-
ehelicher5®, Welche Wirkungen später die Erleichterung der
Eheschließungen in Bayern durch die Gesetzgebung von 1868
auf die Gestaltung der unehelichen Geburtenziffer gehabt hat,
geht aus folgender Statistik — aus der freilich gleichzeitig
51 Über Ehehindernisse rechtlicher Art vgl. Gioia, vol. I, p- 319;
Spann, p. 6. Bekanntlich hat Sismondi erst in einer späteren Auflage
seiner Nouveaux Principes d’Economie Politique davon Abstand genommen,
für Schaffung von rechtlichen Ehehindernissen aux mariages de mendiants,
qui content faire de leurs enfants un outil de mendicit6 weiterhin einzu-
treten (vol. II, p. 308).

52 Über diesen Punkt vgl. Johannes Conrad, Grundriß zum Stu-
dium der politischen Ökonomie, Teil II, Jena 1898, Fischer, S. 101.
„5 Diese logischen Zusammenhänge wollte die ältere Staatsrechtsschule
häufig nicht einsehen. Selbst der sonst so einsichtige Robert von Moh]
fordert Eheverbote, fügt dem aber immerhin bei: „Je strenger das Gebot,
unvorsichtige Ehen zu hintertreiben, gehandhabt wird, desto notwendiger ist
freilich auch das Zwangsmittel der möglichsten Verhinderung unehelicher
Geburten“ (Mohl, S. 122). Er glaubt also doch an die Koinzidenz der
beiden Wirkungsmöglichkeiten.
        <pb n="68" />
        Uneheliche Kinder aus Konkubinaten. 55
resultiert, daß die Minderung der unehelichen Geburten schon
vorher eingesetzt hat, d. h. also auch noch andere Ursachen
gehabt haben muß — hervor: die Prozentzahlen der unehe-
lichen Geburten beliefen sich 1865 auf 22,5, 1866 auf 21,8,
1867 auf 20,0, 1868 auf 20,0, 1869 auf 17,9, 1870 auf
16,4, 1871 auf 15,1, 1872 auf 14,3, 1875 auf 12,65.

Noch zweier weiterer Heiratsverbote wäre Erwähnung zu
tun: Der staatlichen, zum Schutze der Rasse (der weißen Rasse
gegen die Schwarzen) existierenden. Aus diesem Verbote der
Rassenschande ist die Rassenschande der Millionen unehelicher
Mulatten entstanden, welche heute Nordamerika bevölkern.
Mit dem Gedanken des zweiten Eheverbotes tragen sich, wie
bereits erwähnt, moderne Ärzte und Juristen. Bei ihnen sind
eugenetische Gründe maßgebend. Es ist sehr zweifelhaft, ob,
wenn dieses Verbot in Kraft treten würde, die Unterdrückung
ehelicher Geburten nicht vielfach zu einer Vermehrung der ent-
sprechenden unehelichen führen würde.

Wenn die Gesetzgebung auf der einen Seite durch Härte und
Erschwerung der regelrechten Ehe uneheliche Geburtenziffern
züchten kann, so kann sie das gleiche Resultat auch auf um-
gekehrtem -Wege erzielen. Die hohen Ziffern unehelicher
Kinder, an sich zweifellos von Übel, sind nämlich verschieden
zu beurteilen, je nachdem in den einzelnen Ländern die Er-
forschung der Vaterschaft gesetzlich verboten oder gesetzlich
gestattet ist. Im letzteren Falle versteht es sich von selbst: das
Mädchen, das weiß, daß ihm im Bedarfsfalle der Staat für sich
und sein Kind genügend Schutz gewährt, um nicht im Elend
umzukommen, indem er ihm dafür einsteht, daß sein Partner
zu den durch die gemeinsame Schuld entstehenden Kosten mit
herangezogen wird. wird leichter, weil ruhigeren Herzens,
54 Lexis, S. 787. — Über den Einfluß der Ehegesetzgebung auf die
Häufigkeit der unehelichen Geburten im Bayern des 19. Jahrhunderts vgl.
fernerhin Friedrich Lindner, 1. c., S. 30.
        <pb n="69" />
        56

Dritter Teil.
Liebeshändel eingehen als das Mädchen, das sich genau dessen
bewußt sein muß, daß es die Folgen seines Falles ganz allein
zu tragen hat. Insofern läßt, wie wir das an den Zahlen
der unehelichen Kinder in Österreich seit den seligen Zeiten.
Maria Theresiens zur Genüge sehen können, die Fürsorge für
die uneheliche Mutter und die gesetzliche Regelung der Alimen-
tation der Bastarde die uneheliche Natalität heraufschnellen®,
Durch die Gesetzgebung Maria Theresias wurden die Mädchen
vor den Folgen ihrer Fehler leidlich sichergestellt. Ihre Ge-
schlechtslust erfuhr infolgedessen weniger Hemmungen als es
beim Nichtbestehen der Verordnungen der Fall gewesen wäre.
Auf diese Weise haftete, überdies in ideeller Konkurrenz mit
den ohnehin obwaltenden bäuerischen Brautstandssitten der Erb-
lande, wie zumal in Kärnten, in den österreichischen Landen an
der unehelichen Geburt keinerlei gesellschaftlicher Makel. Und
das ist dort bis auf den heutigen Tag nicht wesentlich anders
geworden. .

Noch einiger anderer Ehehindernisse haben wir zu gedenken,
welche freilich für die Entstehung unehelicher Kinder nur vor-
übergehend in Betracht kommen, teils, weil sie immer nur
relativ und periodisch wirken, teils, weil Pflichtgefühl und
Standesbewußtsein es nur sporadisch zu schlimmen Folgen
kommen lassen.

55 In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts (1841) verhielt sich
in den Ländern der österreichischen Monarchie die Zahl der unehelichen
zur Zahl der ehelichen Geburten im italienischen Venetien wie ı zu 39,
in Österreich nieder der Enns (deutsch) wie ı zu 2 (C. J. A. Mitter-
maier, 1. &amp;., S. 161—169). — Näheres vgl. p. 95f. unseres Buches.
Diese Zahlen sind freilich nicht allein dem Einfluß der Theresianischen
Gesetzgebung zuzuschreiben, sondern hängen jedenfalls, wie ich das an
anderer Stelle ausgeführt habe (Robert Michels, Demographisch-
statistische Studien zur Entwicklungsgeschichte Italiens, in Schmollers Jahr-
buch für Gesetzgebung, XXXII, 2, S. 105ff.), auch mit Verschiedenheiten
sozialer und ethnischer Natur zusammen.
        <pb n="70" />
        Uneheliche Kinder aus Konkubinaten. 57
Zu solchen Ehehindernissen gehört das Ehehindernis der
Wartezeit. Das römische Recht belegte „propter turbationem san-
guinis‘“ die Witwe, die früher als 10 Monate nach dem Tode
ihres Mannes eine neue Ehe einging, mit der Strafe der In-
famie (L ır 8 ı Dig. 3, 2). Nur das katholische Kirchenrecht
hat dieses Ehehindernis nicht rezipiert%.

Die professionellen Hindernisse ihrerseits sind nicht physiolo-
gisch gebunden, sondern sozial orientiert, Sie sollen den Men-
schen inniger an den Beruf fesseln, gehen also von dem Gesichts-
punkt aus, daß die Ehe den Menschen in seinem Beruf stört, ihn
von der Erfüllung höherer Pflichten abzuhalten vermag. Daher
das Zölibat der katholischen Geistlichkeit und Orden. Hierher
gehört auch das Eheverbot, das in manchen Staaten die Lehrerin
traf, und dessen ungünstige Wirkungen offenbar sind 57

v) Aus Gründen der Weltanschauung (Sozialismus).

Es wäre eine interessante Aufgabe, das Verhältnis von Ge-
schlechtsmoral und Sozialismus bzw. moderner Arbeiter-
bewegung einmal einer eingehenden Prüfung zu unterziehen.
Dabei ergeben sich folgende Gliederungen, wie ich sie in

56 Vgl. F. E. Traumann, Ehehindernisse, im Handwörterbuch der
Sexualwissenschaft, p. 112.

57 „Vor mir steht ein junges Weib, eine Lehrerin im Alter von 25
Jahren. Vor ı4 Tagen habe ich sie zum dritten Male wegen einer Fehl-
geburt operiert. Es ist ein Weib, welches Kraft in ihren Formen, Stärke
und Geist und ein warmes Herz im Busen trägt. Das unsinnige Gesetz
verbietet ihr, will sie nicht ihren ihr lieb gewordenen Beruf und ihre Exi-
stenz opfern, den Mann, dem ihre Liebe gehört, zu heiraten. Aber auf
Liebesgenuß kann und will sie nicht verzichten. Im Präventivverkehr un-
erfahren, bleibt ihr nichts übrig, als die Frucht ihrer Liebe zu beseitigen.
‚.. Und warum? Für beide Fälle trägt der Staat durch das Gebot des
Zölibats der Lehrerin die Verantwortung. Er beraubt nicht nur das Indivi-
duum des Lebensglückes, sondern zerstört auch dadurch, daß er gerade
die tüchtigsten Elemente vom Geschäft der Fortpflanzung ausschließt, große
wirtschaftliche Werte.“ (Max Hirsch, Das geschlechtliche Elend der Frau,
in „Sexual-Probleme“, Januar 1908, 4. Jahrg., S. 20/21.)
        <pb n="71" />
        3

Dritter Teil.
einer im Grundriß der Sozialökonomik erschienenen Abhand-
lung 58 vorgenommen habe:

Der Idealismus im Sozialismus schuf bei manchen Theore-
tikern eine Auffassung höherer, d. h. freierer Liebe jenseits der
Fesseln des Rechtes und nur auf sprühende Sinnenliebe und
freiwillige Verantwortlichkeit gestellt. Solchen Anschauungen
huldigten in ihren Schriften Männer von sehr verschieden-
artiger Charakter- und Geistesanlage, von Owen und Saint-
Simon bis zu Bebel und Jacques Mesnil®®, Im Privatleben blieb
4ie Ehe der Mehrzahl dieser Männer meist bürgerlich-treu und
uananfechtbar®. Bei anderen werden die Auffassungen über das
Sexualverhältnis zwischen Mann und Weib durch die Anschau-
ung bestimmt, daß die wilde Ehe eine Parteipflicht darstelle.
In manchen sozialistischen Kreisen, z. B. bei einem Teil der
Pariser oder Lyoner Arbeiter, gilt die offizielle Ungesetzlichkeit

58 Michels, Psychologie der antikapilalistischen Massenbewegungen, im
Grundriß der Sozialökonomik IX, ı, Tübingen 1926, Mohr, S. 310.

59 Helene Simon, Robert Owen, Sein Leben und seine Bedeutung für
die Gegenwart, Jena 1905, Fischer, S. 190, 272; August Bebel, Die
Frau und der Sozialismus, 27. Aufl., Stuttgart 1896, Dietz. Das ausführ-
liche Bebelsche Werk wurde in der bürgerlichen Presse aufs äußerste be-
fehdet und entging selbst dem Vorwurf der Unmoral nicht. Karl Olden-
berg war der erste, der wenigstens in den ihm nahe stehenden evangeli-
schen Kreisen diese falsche Auffassung richtiggestellt hat, indem er darauf
hinwies, daß die Bebelsche Lösung der Frauenfrage nicht „unsittlich“,
sondern „radikal“ sei. (Karl Olde nberg, Die Ziele der deutschen Sozial-
demokratie, Leipzig 1891, Grunow, S. 67.) — Wir nennen noch einige
wenige andere wichtige Schriften aus sozialistischen Federn gegen die Ehe:
Edward and Eleanor Marx-Aveling, The Woman Question, London
1887, Swan Sonnenschein; Lily Braun-Gizycki, Frauenfrage und Sozial-
demokratie, Berlin 1896, Vorwärts; Charles Albert, L’Amour libre,
Paris 1899; Ladislaus Gumplowicz, Ehe und freie Liebe, 4. Aufl,,
Berlin 1902, Sozialistische Monatshefte; Ren6 Chaughi, Immoralite du
Mariage, Nouv. Bd., Paris 1904, Les Temps Nouveaux; Jacques Mesnil.
Le Mariage Libre, Bruxelles, Les Temps Nouveaux.

60 Siehe meine Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demo-
kratie, 2. Aufl., Leipzig 1925, Afred Kröner, S. 378.
        <pb n="72" />
        Uneheliche Kinder aus Konkubinaten. 59
(Unehelichkeit) des Paares und der aus der Paarung entstehen-
den Kinder (solange diese nicht doch aus äußeren Gründen auf
die Dauer Jlegalisiert werden) als eine Art von „Ausweis für
die Reinheit der theoretischen Überzeugung“. Im übrigen be-
steht sozialistischerseits der Ehe als Gesamterscheinung gegen-
über das Axiom, daß in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung
ungeregelte Geschlechtsliebe, in- und außerhalb der Ehe, auch
wo sie nicht gewollt und prinzipiell, überhaupt Sittenkorrelat
sei, gegen das sich aufzulehnen mithin „unwissenschaftlich“
sei$1. Manches böse Wort aus sozialistischem Munde gegen die
Ehe erklärt sich auch aus Haß und Verachtung gegen bürger-
liches Philistertum und bürgerliche Scheinheiligkeit und führte
zumal bei sozialistelnden Intellektuellen zu einem behaglichen
Bohämetum. Zur tatsächlichen Gestaltung des sozialistischen
Liebeslebens ist zu bemerken, daß es eigentlich nur in soziali-
stischen Literatenkreisen, und auch da nur außerordentlich spo-
radisch, zu schnellem Frauenwechsel gekommen ist. Außer-
dem gab es in einigen kommunistischen Kolonien in Amerika
wohl hauptsächlich unter dem Drucke des Frauenmangels vor-
übergehend so etwas wie eine Pflicht der sozialistischen Ge-
nossin zur Willfährigkeit den Mitgliedern der eigenen Kolonie
gegenüber ®, Im übrigen zeichnete sich die freie Liebe, wo sie
in der. sozialistisch empfindenden Massen Wurzel gefaßt hatte,
dadurch aus, daß sie sich vielfach in den besten Formen der
Treue und Innigkeit abspielte und sich von der regelrechten
Ehe eigentlich gerade durch diese unterschied. Darüber besitzen
wir in Frankreich bereits längst vor der Februarrevolution un-

$1 Vgl. die reichlichen Nachweise dieser Auffassung bei Charles And-
ler, Introduction historique et commentaire au Manifeste communiste, Paris
1901, Soc. Nouy. de Libr. et d’Ed., p. 150,

6 Giovanni Rossi (Cardias), Utopie und Experiment. Studien und
Berichte, Zürich 1897, A. Sanftleben, S. 218, 221; Dario Guzzinl,
La Colonia Cecilia, im „Avantil“ vom ızı. Mai 1912.
        <pb n="73" />
        60

Dritter Teil.
beanstandbare Zeugnisse®, Diesen Richtungen stellt sich seit
Proudhon in Frankreich eine sehr wesensverschiedene gegen-
über. So geht der Syndikalismus mit von einer Notwendigkeit
der Versittlichung des Proletariates aus. Diese Versittlichung
sieht Sorel nicht nur in der Schöpfung eines kräftigen Klassen-
jdealismus, der sich seiner historisch-sozialen Antagonismen be-
wußt ist, und dem daraus entspringenden stets kampf- und
opferbereiten Geist, sondern er erwartet sie auch durch eine
Umwertung aller familienmäßigen und geschlechtsmoralischen
Phänomene im Proletariat. Sorel hat sogar ein besonderes, von
ihm psychoerotisch genanntes, Gesetz aufgestellt, demzufolge
die Erkenntnis des moralischen Charakters eines Menschen aus
der Beobachtung seines Sexuallebens gewonnen werden kann. Er
erklärt sich darin mit Proudhon einig, daß die Zunahme der
Keuschheit zu einer Zunahme des Gerechtigkeitsgefühls in der
Welt führen werdet, Die Keuschheit beider Geschlechter ist
für Sorel sozialistisches Postulat, ja sozialistisches Prämiß,
sintemalen nur ein körperlich gesundes und sittlich starkes,
geschlechtlich nicht korrumpiertes, auf normalem Eheleben
basierendes Proletariat zum Siege werde gelangen können ®,
Diese Theorie steht in natürlichem Gegensatz zum Marxis-

63 ‚Les deux amans se jurent une fidelite mutuelle, et appartiennent de
ce moment l’un a V’autre. De telles unions se terminent &amp; la longue par le
mariage; mais elles ont leur principe dans des circonstances fortuites qui
cröent quelquefois des engagements plus solides et plus respect6&amp;s que ceux
qui sont contract&amp;s sous l’empire de la loi. Ces conjonetions sont illögitimes,
sans doute; cependant, malgre6 qu’on en ait, elles inspirent de l’indulgence
et une sorte d’inter6t, parce qu'elles ont &amp;t6 döterminees par des sentiments
purs et honnetes,“ (H. A. Fregier, Des classes dangereuses de la population
dans les grandes villes et des moyens de les rendre meilleures, Paris 1840.
Baillere, p- 56.)

6% Agostino Lanzillo, Giorgio Sorel, Roma 1910, Libr. Ed. Rom.
p- 89. .

65 Sorel in der Florentiner „Voce“, III, 9 (10 febbraio 1910). Dagegen
Giuseppe Prezzolini, La Teoria Sindacalista, Napoli 1902, Perrella
p. 262.
        <pb n="74" />
        Uneheliche Kinder aus Konkubinaten.

61

mus, ‚der eben die sittliche Verwilderung des Proletariats als
logische Folgeerscheinung der kapitalistischen Gesellschafts-
ordnung hinzunehmen geneigt ist%,

Wenn es wahr ist, daß der Kampf zwischen zwei Welt-
anschauungen, wie der zwischen dem Katholizismus. und dem
Protestantismus im 16. und der zwischen Demokratie und
Aristokratie im 18. Jahrhundert, bei der Bevölkerung Un-
sicherheit in der Beobachtung der gegebenen Satzungen hervor-
ruft (Gabriel Tarde hat das so ausgedrückt: le trouble profond
apporte ä l’ancienne foi etablie, y a mis deux morales en conflit,
au detriment passager de la moralite)%®7, so ist das nur so zu
verstehen, daß der Streit zweier Ideale zumeist zwei Sitten-
formen schafft, von denen, unter den Gesichtspunkten der Kodi-
fikation gesehen, die eine rechtens, die andere unrechtens ist, die
aber beide Ausdruck kollektiven Rechtsempfindens sind.

Auch für die neuere Zeit fehlt es zumal für das erste Jahr-
zehnt des zwanzigsten Jahrhunderts, wenigstens insoweit ein-
zelne Distrikte des agrarischen Italien, wo die Landarbeiter-
schaft nicht nur, wo sie im Besitze des Wahlrechts war, sozia-
listisch wählte, sondern wirklich auch, psychologisch gesprochen,
sozialistisch fühlte, in Betracht kommen, nicht an Material. Für
einige ganz besonders stark sozialistische Gegenden des Manto-
vano liegen uns Statistiken der Staatsanwaltschaft aus dem Jahre
1896 vor, die zahlenmäßig auf ein ganz ungeheures Anwachsen
der unehelichen Geburten — mancherorts sogar bis zu gleicher
Höhe mit den ehelichen — hinweisen. Sozialistischerseits wird
dieses Faktum bereitwilligst anerkannt und in der gemein-
samen Schrift eines der hervorragendsten Praktiker und eines
der hervorragendsten Theoretiker der sozialistischen Bewegung
(revisionistischer Richtung) in Italien für das Merkmal eines
„Kulturfortschritts‘“ erklärt, nämlich als Anzeichen von dem

6 Vgl. Michels, Massenbewegungen, 5. 301.

57 Tarde, Criminalite, p. 192.
        <pb n="75" />
        52

Dritter Teil
endlichen Durchbruch eines unabhängigeren Geistes, insbeson-
dere einer weitherzigeren Auffassung des Geschlechtslebens
durch die Abwendung von dem Aberglauben an die sittliche Not-
wendigkeit der offiziellen Ehe®. Immer unter der Voraussetzung
der freien Liebe unter freier Selbstverantwortung, d. h. der
Monogamie und Pflicht zu gemeinsamer Kindererziehung ®,
Dementsprechend haben dieselben Sozialisten den‘ ungezügelten
Geschlechtsverkehr stets auf das eifrigste bekämpft und in man-
chen ehemals von Prostitution, Fruchtabtreibung und Kindes-
mord außergewöhnlich heimgesuchten Gegenden, wie im Bolo-
gnese, nach. dem Zeugnis von Ärzten diese Verbrechen mittelst
unermüdlicher Propaganda so gut wie völlig getilgt7% Dabei
wurde auch der äußeren Form des Eheschlusses gedacht; es
entstand das Fest der sozialistischen Hochzeit und der Taufe,
ohne Priesterweihe, aber nicht ohne Anreden und Schmausen?!,

Faßbarer als die Zusammenhänge zwischen Sozialismus und
Geschichte der Sittlichkeit an sich sind diejenigen zwischen
Sozialismus und Neomalthusianismus. Der Geburtenrückgang
ist häufig in den Gegenden am stärksten, wo die Sozialdemo-
kratie die Massen beherrscht. Ein deutscher protestantischer Be-
urteiler bemerkt dazu etwas voreilig: „Der Sinn dieser Tatsache
68 Iyanoe Bonomi e Carlo Vezzani, Il Movimento Proletario nel}
Mantovano, Milano 1901, Ed. Critica Sociale, p. 19.

89 Gualtiero Sarfatti, I sentimenti Famigliari nel Popolo Italiano.
Rassegna Nazionale, April 1910, p. 17.

70 Nach dem Ms. des Referats von Argentina Altobelli Bonetti,
der bekannten Organisatorin der Reisarbeiterinnen, auf dem Internationalen
Frauenkongreß, Berlin, Juni 1904.

71 Auch in Amerika haben, in begeisterten sozialistischen Kreisen, der-
artige Hochzeiten stattgefunden, vor einer breiten fellowship und sogar
unter Anrufung Gottes für das Postulat eines new life of socialism when
the love that made this union holy shall be the only basis of marriage,
and when this love, streiching out, shall embrace the common life of
the world. (A Socialist Wedding, being the Account of the Marriage of
George D. Herron and Carrie Rand, New York 1902, Privatdruck;
vgl. S. ı, 10, 39.)
        <pb n="76" />
        Uneheliche Kinder aus Konkubinaten. 6?
ist uns jetzt verständlich. Die Sozialdemokratie ist es, die die
Arbeiterkreise mit diesem Geist des egoistischen‘ Naturalismus
durchdringt??.‘“ Daß die Motivanalyse zu differenzierteren Be-
ständen, als hier angenommen wird, führt, dürfte aus unseren
Erwägungen mit genügender Klarheit hervorgehen.
8) Aus bäuerlichen Sitten.

Diese Rubrik gehört zum Teil in den Paragraphen Braut-
kinder 73,

Das bäurische uneheliche Zusammenleben und die ent-
sprechende Erzeugung von Brautkindern haben zu ihren haupt-
sächlichsten Ursachen erstens die Gewißheit, die der Bauern-
bursche haben will, daß seine künftige Ehefrau nicht steril
ist, sowie ferner ökonomische Gründe, die vor allen Dingen
von Friedrich Lindner auf das eingehendste und vorsichtigste
analysiert worden sind. Es handelt sich hier um den Einfluß
der Berufs-, Besitz- und Erwerbsverhältnisse der Bevölkerung
auf die Häufigkeit der unehelichen Geburten, wobei die agrari-
schen Zustände und die Übertragungsformen landwirtschaft-
licher Güter besonders zu berücksichtigen sind 74.

£g) Aus persönlichen Gründen.
Es erscheint dem mit soziologischem Denken nicht Ver-
trauten bisweilen schier unglaublich, bis in welche seltsamen
Quisquilien sich die Ursachenreihen der Unehelichkeit der Ge-
burten manchmal verlaufen. Ist es doch möglich, daß der den
Ursachen der Häufigkeit der außerehelichen Geburten an einem
Orte auf den Grund gehende Statistiker zur Erkenntnis kommen
muß, daß „die Bewohner gegen einen mißliebigen Pfarrer be-
wußte Opposition treiben‘“?5, Mit anderen Worten, hier entsteht
72 Seeberg, p. 39.
7% Siehe Teil III, Kap. 1a.
% „indner, S. 129.
75 [indner. S. 14.
        <pb n="77" />
        64

Dritter Teil.
Unehelichkeit zum Schur. Die Bauern lassen sich nicht trauen,
um den geistlichen Herrn zu ärgern, ihm ein Schnippchen zu
schlagen oder um ihn um eine Einnahmequelle zu bringen.
3. Flüchtige Geschlechtsverbindungen.

Die niedrigste Stufe fruchtbaren außerehelichen Geschlechts-
verkehrs nehmen flüchtige Geschlechtsverbindungen ein. Ein-
maliges Sichvergessen, „Rausch“, aber auch konstitutioneller
Leichtsinn und Liederlichkeit, Trunksucht (bei welcher freilich
zu bemerken ist, daß Alkohol die Doppelfolgeerscheinung der
Triebsteigerung und der Geschlechtskraftminderung aufweist),
Laster, die bis zur Unfähigkeit, den Begatter anzugeben (Ver-
gessenheit oder Pluralität der Begatter) gehen können. Auch
das Eingeschüchtertsein sozial tieferstehender Mädchen sozial
höherstehenden Männern gegenüber muß Erwähnung finden.
Exemplifizierung.

Schreiber dieses ist ein Fall in München bekannt geworden,
in welchem ein sonst unbescholtenes Mädchen aus dem Volke
sich nach einem Maskenball hatte schwängern lassen, aber auf
Befragen nach dem Namen des Vaters ihres Kindes ganz be-
fremdet in die Worte ausgebrochen war: „Ich hörte, wie man
ihn mit Baron anredete. Aber ich selbst konnte ihn doch nicht
fragen. So ein feiner Herr!“ — Aber auch idiotische Wider-
standsschwäche ohne soziales Minderwertigkeitsgefühl kommt
vor. Von einem Schweizer Mädchen, das freilich später, aus
offenbarer Verlegenheit, einem Irrenhaus überliefert wurde,
erhielt man als Grund dafür, daß es sich von seinem Schwager
hatte notzüchtigen lassen, die Antwort: „Schlagen konnte ich
nicht; man kann einem doch nicht so grob kommen!“ Das
zweitemal passierte ihr dasselbe seitens eines Handwerkers, in
dessen Laden sie eintrat. Auch hier wehrte sie sich nicht und
sagte später: „Ich konnte doch nicht das Brot und den Korb,
den ich bei mir trug, auf den Boden werfen. Und schreien tat
        <pb n="78" />
        Uneheliche Kinder aus Konkubinaten.

65

ich nicht, weil doch nur kleine Kinder in der Nähe waren 76.“
— Aus dem Nachkriegs-Tirol werden Fälle angeführt, wo Mäd-
chen mit dem Vater ihres unehelichen Kindes vier bis sechs
Monate lang ein ständiges Verhältnis unterhalten haben und
von dem Kindesvater doch nichts anderes wissen, als daß er
Sepp heißt, und vieles ähnliche mehr. In dem Bericht des
Tiroler Charitasdirektors Eisenegger wird ein Sittenbild auf-
gerollt, wie es wohl auch die kühnste Phantasie nicht leicht
erfinden könnte??

Aber auch die Unlust des gefallenen Mädchens, den Vater
seines Kindes anzugeben, führt bisweilen dazu, es zu der Aus-
sage zu bewegen, daß es ihn gar nicht kenne. Ein solcher Sach-
verhalt darf natürlich nicht auf tiefsten sittlichen Verfall des
Mädchens zurückgeführt werden, sondern ist umgekehrt eine
Frucht vornehmer Charaktereigenschaften. Wie allgemein ein
solches Benehmen werden kann, beweist uns das Verhalten des
Großteiles der jungen unehelichen Mütter in Neapel. Von ihnen
heißt es von kompetenter Seite: „Le nostre hanno un amante,
cui si danno per provare l’ardente € veramente femminea
voluttä di perdere il coraggio, il volere, la personag, dinnanzi
a lu e solo per Iui, di lasciarsi possedere come una Cosa,
assaporando tutta la profonda amarezza tormentatrice del sacrı-
fizio di s@ nell’ amore; e€ vivono un rapido ed intenso poema
di passione, tanto fortemente, che se un bel giorno I’ amante
con la gelosia brutale ed omicida, inspiratagli piü dal possesso
che dall’ affetto, le sveglia sfregiandole, si destano all’ ospedale
febbricitanti e pil che mai malate d’amore; e quando la
Giustizia, investigando, esige da esse il nome del feritore,
rispondono: &amp; stato uno sconosciuto! Ed all’ estremo sacrifizio

7% A. J. Storfer, Kastration und Sterilisation von kriminellen Geistes-
kranken in der Schweiz, in „Die Neue Generation“, 8, Jahrg., Heft ı2
(Dezember 1972), S. 661.

77 Neues Wiener Journal vom 3. April 1927.

Michels, Sittlichkeit in Ziffern.
        <pb n="79" />
        56

Dritter Teil.
di questa sublime menzogna, si decidono con naturalezza, senza
lotta interna, appigliandosi a questo come al solo partito con-
sentito dal dovere: vero &amp; che alcune tacciono il nome del reo,
non per amore ma per furore, riserbandosi il diritto di punirlo
a tempo ed a luogo?8,“

c) Kritik der Unehelichkeitsstatistik.
1. Prinzipielle Kritik und Fehlerquellen beim Vergleichen
der Unehelichkeitsziffern.
Tout est mu sur la terre,
hormis ]’hypocrisie.
Alfred de Musset.

Auch bei Annahme, daß die außereheliche Geschlechtlichkeit
als untrügliches Zeichen minderwertiger Sittlichkeit gelten
dürfe, ist die Zahl der unehelichen Geburten als Resultat reinen
Zufalls ohne jede Beweiskraft. Denn unter der Voraussetzung,
daß der außereheliche Geschlechtsverkehr an sich einen Wert-
messer der Unsittlichkeit abgeben könne, wäre nicht die einzelne
uneheliche Geburt, sondern (auch von den sexuellen Raffine-
ments ganz zu schweigen) nur ein Zurückgehen auf die pri-
mären Erscheinungen, d. h. auf die Wievieligkeit der Ausübung
des außerehelichen Geschlechtsaktes gültige, beweiskräftige Be-
rechnungsbasis. Aber die Zahl der unehelichen Koiten ist
ebenso unendlich als, man könnte fast sagen glücklicherweise,
unberechenbar.

Indessen wird die oben erwähnte Annahme in einer über-
großen Zahl von Fällen gar nicht zutreffen.

In der Tat repräsentieren die unehelichen Geburten ‘nicht
den tausendsten Teil der faktischen Unzucht, sondern nur die
dabei statigehabte größere Unvorsichtigkeit und Leidenschaft-
lichkeit und — größere Unschuld, wäre man fast versucht hin-
7% G. Ciraolo Hamnett, Delitti femminili a Napoli. Studio di socio-
logia criminale, Milano 1896, Kantorowicz, p. 4ho/hr.
        <pb n="80" />
        Prinzipielle Kritik der Unehelichkeitsstatistik. 67
zuzufügen‘“?9, Das geht schon aus dem Umstand hervor, daß
das Durchschnittsalter der unehelich Erstgebärenden jünger ist
als das der ehelich Gebärenden 8%, Darin liegt von vornherein
für die unehelichen Mütter ein starkes Schuldminderungs-
element, denn sie werden dadurch als die Unerfahrenen, bis-
weilen sogar als die Idealkräftigeren gekennzeichnet. Sie haben
vielfach ohne Gegenrechnung ihr Bestes preisgegeben, in Jugend-
lichem Enthusiasmus und Idealismus. Sozialpsychologen haben
beim Vergleich zwischen jungen unverheirateten und älteren
verheirateten Arbeiterinnen ohnehin das Vorhandensein größerer
seelischer und intellektueller Unterschiede zugunsten ersterer
festgestellt 8.

Daß Schlüsse aus der „Moralstatistik‘“ nicht ohne weiteres
zulässig sind, ergibt ferner „schon der einfache Vorhalt, daß
gerade die unmoralischsten Arten der Unzucht am wenigsten
die Gefahr in sich tragen, zu einer Zeugung respektive Kon-
zeption und Geburt zu führen‘, „Ein entwickeltes Prostitutions-
wesen ist in der Lage, den außerehelichen Geschlechtsverkehr
in gewisser Weise zu konzentrieren, während sonst derselbe
vielfach Ursache unehelicher Geburten sein würde®?.““

Es ist wohl anzunehmen, daß auch eine große Zahl von
Urningen wahrscheinlich nur eine sehr verringerte Zahl unehe-
licher Geburten ergibt, ohne daß sie einen Beweis hoher Ge-
schlechtssittlichkeit für das Volk, in dem sie sich vorfindet, dar-
stellen dürfte.

Zur Feststellung der Zahl der Urninge hat Hirschfeld zwei
Methoden angewandt: erstens die der Stichproben und zweitens
die der ausgesandten Fragebogen. Bei der ersteren hat er sich
?9 Ernst Engel, Das Königreich Sachsen, 1853, S. 76.

80 Vgl. p. 33 unseres Buches.

81 Clementina Black, Sweated Industry and the Minimum Waage,
London 1907, Duckworth, p. 137; ganz ähnlich auch Collet, Educated
Working Women, p. 46.

82 Friedrich Lindner, 1. e., S. 13.
        <pb n="81" />
        a
2

Dritter Teil,
bei absolut zuverlässigen Homosexuellen nach ihren Erfah-
rungen im Kreise ihrer Bekannten erkundigt. Natürlich gibt
das nur ein einseitiges, beschränktes Bild. Deshalb machte er
Enqueten, indem er sich erstens an 3000 Studenten der Char-
lottenburger technischen Hochschule und zweitens an 5721 Ar-
beiter der Metallbranche, die voraussichtlich, da es sich um aus-
geprägt männliche Arbeit handelt, die wenigsten Invertierten
aufweisen würde, wandte. Beide Wege führten zu ähnlichen
Resultaten, wie auch eine vor zwei Jahren durch von Römer bei
fast 600 Amsterdamer Studenten vorgenommene Enquete, was
alles sehr für die Richtigkeit der Schlüsse spricht. So kommt
denn der Verfasser zum Schlusse, daß sich in Deutschland wenig-
stens 1200000 Personen befinden, die rein oder überwiegend
homosexuell veranlagt sind, davon allein 56000 in Berlin8

In der Anwendung von Gummiartikeln und anderen zeugungs-
verhindernden Mitteln in der sogenannten freien Liebe vermögen
wir an sich keine unmoralischen, sondern höchstens unästhe-
tische Handlungen, die bisweilen, und bei außerehelichen Liebes-
verhältnissen sogar meistens, zur Notwendigkeit eines sitt-
lichen Gebotes, nämlich des Verantwortlichkeitsgefühles der
Gesellschaft gegenüber werden können, zu erblicken vermögen.
Wohl aber müssen wir vielmehr noch von der Ausbreitung der
Praktiken sprechen, die dazu dienen, eine bereits stattgefundene
Befruchtung wieder aus der Welt zu schaffen. In einem Vergleich
zwischen dem Dirnenwesen in der Stadt und dem auf dem
Lande heißt es: „Nur sind diese Prostituierten des Dorfes nicht
so raffiniert wie ihre Schwestern in der Stadt. Der Irrigator ist
bei ihnen nicht der regelmäßige Schmuck ihrer einfachen
Wohnungen, und die Abtreibungskünste der Großstadt sind

83 Rezension von P. Näcke, über Julius Hirschfeld, Das Ergeb-
nis der statistischen Untersuchungen über den Prozentsatz der Homo-
sexuellen, Leipzig 1904, Spohr, in der Politisch-Anthropologischen Revue,
Juni 1904, IM. Jahrg., Nr. 3, S. 214/215.
        <pb n="82" />
        Prinzipielle Kritik der Unehelichkeitsstatistik. 69
Ihnen noch verhältnismäßig fremd. Infolgedessen ereignet es
sich bei ihnen viel öfter, daß sie uneheliche Kinder zur Welt
bringen. Da die Engelmacherinnen auf dem Lande noch nicht
so regelmäßig ihr schändliches Gewerbe ausüben, so wachsen
die Kinder mutig und frisch heran%,“ Stimmen wie diese sind
in der sozialwissenschaftlichen Literatur häufig genug. Wir
möchten nur zwei unter ihnen noch anführen. So leitete Bulwer
in England die Tatsache, daß die uneheliche Geburtenziffer in
den Fabrikstädten weniger hoch sei als auf dem flachen Lande,
nicht nur von der geringeren Tragfähigkeit und der schlech-
teren Gesundheit der Fabrikarbeiterinnen ab, sondern machte
auch die in diesen Kreisen üblichen künstlichen Aborte nach
ungewollter Empfängnis mit dafür verantwortlich.und meinte,
daß es folglich ein Trugschluß sei, etwa zu glauben, daß die
Sexualmoral in den Fabrikstädten höher stehe als auf dem
Lande 8. In einem französischen Bericht über den Unterschied
des Verhaltens zwischen den vom Lande stammenden Dienst-
mädchen und den aus der Stadt gebürtigen Arbeiterinnen heißt
es: „La domestique, qui est une paysanne d’hier, encore mal
degrossie et d’une intelligence trös möediocre, n’est pas au
courant des pratiques abortives, ou bien elle n’ose pas y re-
courir. L’ouvri&amp;re, au contraire, plus maligne et plus os6e,
comme elle tient a garder sa fine taille, s’en va trouver une
faiseuse d’anges dont une de ses camarades d’atelier lui a
communique l’adresse8.“

Wer demnach die Verminderung der unehelichen Natalität
als einen Ausfluß vermehrter Sittlichkeit im Volke ansieht, wäre
8 Otto Mönkemöller, Korrektionsanstalt und Landarmenhaus, Leipzig
908, J. A. Barth, 5. 261£f£.

85 Edward Lytton Bulwer, England and the English, Paris 1836,
Baudry, p. 83/84. — Für Jtalien ist das gleiche Phänomen von Paolo
Locatelli (Miseria e Beneficenza, Milano. 1878, Dumolard, p. 204) be-
irachtet worden.

8 Vernicres, p. 173.
        <pb n="83" />
        70

Dritter Teil.
logisch gezwungen, die künstliche Abtreibung der Frucht un-
ehelicher Liebesleute mit Freuden als „Fortschritt“ zu be-
grüßen. Die Ausbreitung solcher Kunstgriffe, die allerorts vom
Gesetz mit schweren Strafen belegt werden, führt gewiß eben-
falls zum Resultat einer Verminderung der unehelichen Ge-
burten. Insofern kann die Verminderung der Ziffer der unehe-
lichen Geburten sogar Indizium unzweifelhaft feststehender
Zunahme der „Unmoral‘ in einem Volke sein. Dementsprechend
könnte dann also unter gewissen Umständen die Vermehrung
der unehelichen Geburten als ein Anzeichen höherer „Moral“
betrachtet werden. Die Wissenschaft muß mithin jedes Inbe-
ziehungsetzen von bei einem Volke vorhandener unehelicher
Natalität mit der Sexualmoral und jedes Abschätzen des Grades
dieser an der Höhe jener als. eine Mystifikation zurückweisen,
die geeignet ist, die an sich schon nicht leichte Untersuchung
vom Wesen des Fortschrittes durch unbefugte Seitensprünge
zu stören.
Schon Mittermaier hat 1844 aus der Tatsache der geringen
Unehelichkeitsziffern in italienischen Landen zum Unterschied
von den hohen Ziffern in Deutsch-Österreich®? sowie der zu-
nehmenden Zahl der ausgesetzten Kinder in Italien mit Nach-
druck darauf hingewiesen, daß es sich bei keiner der drei in
Frage kommenden statistischen Daten um ihre ausschließlich
moralische Deutung handeln könne. Er führt als Ursache der
geringen Unehelichkeit in Italien an: erstens die frühe Ver-
heiratung der ohnehin frühreifen Mädchen; zweitens das
Vorhandensein reichlicher Dotationsinstitute (Mitgiftinstitute) ;
drittens den Einfluß der Geistlichkeit, die, wenn sie durch die
Beichte von Schwängerung erfahren, bei ihren schuldigen
Beichtkindern auf schnelle Heirat dringe. Vor allem aber,
viertens, Sitte und Erziehung, die strenge Aufsicht, welche
Eltern über ihre jungen Töchter halten, und die keine Gelegen-
87 Vgl. S. 95 unseres Buches.
        <pb n="84" />
        Fehlerquellen der Unehelichkeitsstatistik. 74
heiten zu Ausschweifungen bietet. Von Einfluß ist dabei ferner
noch der in den italienischen Mädchen lebendige Wunsch, sich
zu verheiraten und „die Besorgnis, durch Erstattung von Gunst-
bezeugungen der höchsten Art den guten Ruf und dadurch
die Gelegenheit zur Versorgung zu verlieren, oder da, wo der
Ehemann entdeckt, daß seine Gattin vor der Ehe nicht rein
ihre weibliche Ehre bewahrte, den häuslichen Frieden un-
wiederbringlich zu zerstören‘ 88.
Die Höhe der Ziffer an unehelichen Geburten, die ein Land
aufweist, hängt folglich mindestens ebenso als vom Stärke-
grad der „Moralität‘“ auch von der Stellung ab, welche die
Frau im gesellschaftlichen Leben jenes Landes einnimmt, was
seinerseits wieder eng mit den Methoden zusammenhängt,
denen die Erziehung der weiblichen Jugend unterworfen ist.
Wo das junge Mädchen unausgesetzier Kontrolle unterliegt,
zu Hause wie außer dem Hause stets unter dem wachsamen
Auge der Mutter oder sonstiger weiblicher Verwandten steht,
kurz, wo sie keine Bewegungsfreiheit genießt, wird die
illegitime Natalität sich nicht über eine sehr niedrige Ziffer
erheben können. Desgleichen dort, wo jeder sexuelle Fehltritt
das Leben des Mädchens der Rachsucht jedweden um die
Familienehre besorgten und ob des unmoralischen Verhaltens
erzürnten Bruders oder gar Vetters aussetzt. So ist es erklär-
lich, daß in den Ländern des südlichen Europa die Tugend des
jungen Mädchens in allen Volksklassen eine absolute ist, die
unehelichen Geburten auf ein Minimum reduziert sind und, wo
sie dennoch vorkommen, wesentlich von ganz anderen Gründen,
die mit der Geschlechtsmoral nicht das geringste zu tun haben,
abhängig sind. In einer größere Unabhängigkeit gewährenden
und erweiterten Tätigkeitssphäre, wie sie gerade als ein Kenn-
zeichen der technisch und intellektuell fortgeschrittenen Länder
anzusehen ist, in denen das Weib nicht mehr als ewig Minder-
        <pb n="85" />
        72

Dritter Teil.
jährige, sondern als für ihr Tun und Lassen verantwortliche,
vollmenschliche Persönlichkeit betrachtet wird, ist die Anzahl
unehelicher Geburten in der Regel höher, wenn schon, wie
wir bereits an anderen Stellen dieser Arbeit gesehen haben,
Gewöhnung und allmähliche Selbstdisziplin hiergegen als
Gegentendenzen aufkommen können®%. Der Kontakt mit dem
Leben muß bei der Beschaffenheit unserer Physis der Sexual-
moral gefährlich werden. Das einzig wirksame Mittel, das Vor-
kommen unehelicher Natalität zu verhindern, ist immer noch
das Gefängnis oder das Gynäzeum. Es kann deshalb ohne große
Übertreibung die Behauptung aufgestellt werden, daß die
Sexualmoral, soweit sie an der Höhe der Zahl der unehelichen
Geburten gemessen wird, oft im umgekehrten Verhältnis zu
dem Grad des in den einzelnen Ländern herrschenden Gefühles
für persönliche Würde steht. Da die Freiheit, welche die Frau
genießt, indes fast stets der natürliche Ausfluß der Achtung
und des Vertrauens ist, die man ihr entgegenbringt und die
ihrer völligen Menschwerdung erst die Wege ebnet, so kann
man sagen, daß Kultur und ein gewisser Grad von sexueller
Ungebundenheit hier zusammenfallen?. Natürlich immer nur
unter der Voraussetzung, daß sich auch in der Freiheit die

E10 a 0 nes Bacher

90 Dieses klar erkannt und mit treffsicheren Worten ausgesprochen zu
haben, ist das große Verdienst Moli&amp;res, der einer seiner weiblichen Fi-
guren die Worte in den Mund legt: „En effet, tous ces soins sont des
choses infimes. Sommes-nous chez les Tures, pour renfermer les femmes?
Car on dit qu’'on les tient esclaves en ces lieux. Et que c’est pour cela
qu’ils sont maudits de Dieu, Notre honneur est, monsieur, bien sujet ä
faiblesse, S’il faut qu'il ait besoin qu'on le garde sans cesse; Pensez-vous,
Apres tout, que ces precautions Servent de quelque obstacle &amp; nos inten-
ons? Et, quand nous nous mettons quelque chose ä&amp; la tete que l’homme
le plus fin ne soit pas une bete? Toutes ces gardes-lä sont visions de fous;
Le plus sür est, ma foi, de se fier en nous.“ (Moliegre, L’Ecole des Maris.
(Euvres Complöetes, Nouv. Kd., Paris, Garnier, vol. I, P- 276.) Daß
Moliere schon 166r eine derartige Auffassung vom Menschentum der Frau
kampflos aussprechen konnte, zeugt zugleich von der Tatsache, daß zu
seiner Zeit die französische Frau schon höher entwickelt war als etwa ihre
        <pb n="86" />
        Fehlerquellen der Unehelichkeitsstatistik. 73
Überzeugung Bahn bricht, daß aus Gründen menschlicher Un-
vollkommenheit die Ehe der geschlechtlich Liebenden auch im
Einzelfalle stets als die letzte und höchste Form des Zusammen-
lebens betrachtet werden muß.

Im Anschluß an diese Ausführungen wird noch ein kurzer
Hinweis auf die sogenannte Kulturthese unvermeidlich sein.
Es ist in der Tat die Erkenntnis nicht von der Hand zu weisen,
daß die Errichtung gewisser Freiheiten für einige der
schlimmsten Probleme der Geschlechtsmoral den Weg zur
Lösung angezeigt hat. Das erkannt zu haben, gehört bereits
zu den Leistungen des großen Cesare Beccaria. Das Mädchen,
das nur die Wahl zwischen ewiger Schande und der Tötung
eines noch keine Schmerzen empfindenden unbewußten kleinen
Wesens, mit dem es Elend und Hunger zu teilen haben würde,
übrig hat, kann für ihr Tun nicht im Zweifel sein. Das gilt für
die Kindsmörderin®l. Die Sittengeschichte der französischen
Revolution hat bewiesen, daß der Kindesmord in einem Volke
im selben Maße abnimmt, in welchem die Sittenstrenge
schwindet. La rövolution, en relächant les principes de la l6gis-
lation et de la morale, a rendu les rapports entre les differentes
classes plus directs, les relations plus nombreuses, : et les
mariages plus faciles. Les filles-möres ont gagn6e en humanite
ce quelles ont perdu en pudeur?2, Hier würde also ebenfalls
Geschlechtsgenossin in Deutschland oder Italien. — Heute pflegt die Ameri-
kanerin ihre unweit größere Bewegungsfreiheit im Vergleich z. B. mit der
Engländerin mit den gleichen Argumenten zu verteidigen (Harry Quilter,
Is Marriage a Failure? London 1888, Swan Sonnenschein, p. 100£.). —
Übrigens ist in analoger Weise zu unseren obigen Ausführungen auch die
Massenerscheinung des Selbstmordes methodisch als Attribut der Ent-
wicklung des modernen Kulturlebens dargestellt worden (Masaryk, S. 36).

91 Cesare Beccaria, Dei Delitti e delle Pene, 7 Ed,, Venezia 1781,
Benvenuti, vol, I, p. 121.

% V, Joseph Etienne de Jouy, Guillaume le Franc-Parleur ou Ob-
servations sur les Meurs et les Usages Francais au commencement du XIXe
Sisele. 5. Fd.. Paris-Bruxelles 1818, Wahlen, p. 89.
        <pb n="87" />
        74

Dritter Teil,
eine Minderung des Schamgefühls mit der Zunahme der
Menschlichkeit Hand in Hand gehen.

Auch das Vorkommen von eigentlichen Sexualdelikten steht
mit der Kulturentwicklung eines Volkes in Verbindung. Das
Vorhandensein entsprechender hoher Ziffern in einem Lande
kann auf wilde, rohe, gewaltsame Sitten schließen lassen. Dieser
Schluß wird häufig ein richtiger sein. Häufiger aber noch wird
ar sich als ein voreiliger Fehlschluß herausstellen. Zwei Bei-
spiele sollen dies erhärten. Für einige Distrikte Siziliens und
Sardiniens, in denen die Zahl der Sexualdelikte eine beträcht-
liche ist, konnte festgestellt werden, daß sich ihre Bevölkerung
durch strengste Ehezucht und fernerhin durch das Fehlen jeg-
licher Prostitution auszeichnet. Sexualdelikte werden unter
Umständen also gerade in sexualsittlich sehr hochstehenden
Gegenden begangen. Ohne Übertreibung könnte sogar der
Satz aufgestellt werden, bei Annahme gleich großer Bruchteile
sittlich Verwilderter in jedem Lande sei die höhere Zahl er-
mittelter Sexualdelikte das Symptom einer im übrigen hohen
Geschlechtskultur. Denn es kann angenommen werden, daß
die betreffenden meist ehelosen Delinquenten beim Vorhanden-
sein von Dirnen oder bei laxer Handhabung der Ehepflicht
seitens vergnüglicher Ehefrauen Gelegenheiten genug gefunden
haben würden, ihre Geschlechtslust zu befriedigen, ohne mit
dem Strafgesetzbuch in Konflikt zu geraten. Selbst ein
Dettingen kann nicht umhin, die sein moralstatistisches Lehr-
zebäude freilich nicht stützende These niederzuschreiben, daß
„die Städte, in welchen der geschlechtlichen Extravaganz be-
quemere Gelegenheiten sich zu betätigen geboten wird, trotz
ihrer oder gerade wegen ihrer größeren Korruption viel seltener
Notzuchtverbrechen aufweisen‘ 93,

Noch weniger einwandfrei ist die ersterwähnte Interpretation
hoher Ziffern von mit ehelichen Geschlechtsbeziehungen zu-
SS
9% Oettingen, S. 504.
        <pb n="88" />
        Fehlerquellen der Unehelichkeitsstatistik,

75

sammenhängenden Verbrechen, falls das reizbare Volks-
empfinden eines Landesteils bestimmte Handlungen, die anders-
wo zu keiner Empörung und keinen gesetzlichen oder doch zu
keinen gewichtigen Bestrafungen führen würden, als un-
moralisch ansieht und zur Sühne bringt. Die Häufigkeit des
Gattenmordes könnte z. B. in diesem Falle für das Land, in
welchem sie konstatiert wird, sehr günstig gedeutet werden 94,
Ebenso die Häufigkeit der Denunziationen wegen Ehebruch %®5
oder die für sehr solide Familiengefühle zeugender Schwager-
morde aus Rache für die verletzte Ehre der Schwester®6.
Auch der größere Leidenschaftlichkeitsgrad der verschiedenen
Bevölkerungen - vermag Zu sexualkriminalistischen Unter-
schieden zu führen, die nichts mit moralischen Werten zu
9 Federico Garlanda, La Terza Italia. Lettere di un Yankee, 3. Ed,,
Roma 1905, Soc. Ed. Laziale, p. 312. — Diese These darf natürlich
nicht auf die Spitze getrieben werden. Die Zunahme von Verbrechern ein-
deutig als eine unzertrennliche Begleiterscheinung der fortschreitenden
Zivilisation zu erklären, wie es der bedeutende Rechtsphilosoph Gian
Domenico Romagnosi in einem kritischen Bericht über die französische
Kriminalstatistik 1827 getan hat, ist natürlich nicht angängig. Vgl. die treff-
liche Widerlegung von Baron Raffaele Garofalo, Criminology, Boston
z974, Little, p. 167ff. Dieselben Einwürfe wären auch gegen Masaryks
entsprechende Kulturthese (Masaryk, Il. c., p. 3) anzuwenden,

% Filippo Virgilii, La Criminalita italiana secondo le ultime stati-
stiche penali e carcerarie, in der Scuola Positiva, XXI. Jahrg.. Nr. 9, Sep-
jember 1911 (Separatabdruck S. 28).

9 „In Rom gab es ein furchtbares Messerduell zwischen Schwägern.
Zwei Bauern waren die Helden des Dramas. Einer konnte sich noch ins
Spital schleppen, den andern fand man in der Nähe von San Lorenzo. Beide
waren grauenhaft zugerichtet, aber keiner verriet den andern vor der
Polizei. Die Ursache war die, daß der eine der beiden, dessen Frau krank
im Spital liegt, eine neue Liebschaft angeknüpft und sich das Mädchen
ins Haus genommen hatte. Deshalb die Herausforderung des Schwagers,
des Bruders der verlassenen Kranken. Zwischen Schwägern sind in Italien
Bluttaten sehr häufig. Meistens handelt es sich, wie im obigen Fall, um
die Ehre der Schwester des einen, die mit dem andern verheiratet ist.“
(Wladimir von Hartlieb, Italien. Alte und neue Werte, Ein Reise-
tagebuch. München 1927, Georg Müller, S. 222.)
        <pb n="89" />
        76

Dritter Teil.
tun haben, da die kalte Berechnung und schnöder Egoismus
der Kriminalität auszuweichen verstehen, ohne deshalb den
Anspruch auf moralische Überlegenheit erheben zu können ?7,
Es ist überhaupt ein berechtigtes Verfahren, darauf hinzu-
weisen, daß im Verbrechen des Südländers der Vorbedacht
weniger Raum einnimmt als in dem des Nordländers®. Wo
zwei durch verschiedene Sexualauffassungen getrennte Völker
zusammenkommen, wie, um nur ein Beispiel zu nennen, Fran-
zosen und Italiener nach der französischen Revolution, entsteht
scmit die Grundlage zu schweren Mißverständnissen?9, Schrift-

97 Napoleone Colajanni, Settentrionali e Meridionali, Milano 1898,
Sandron, p. 26; Gaetano Mosca, Colajanni e La Sociologia Criminale,
in der Zeitschrift Il Circolo Giuridico, vol. XXI, Separat-Abdruck, S. 22. —
Vgl. auch S. 117 unseres Buches. .

9% Nach internationalen Berechnungen vom Jahre 1900 belief sich die
Jährliche Quote der auf die einzelnen Länder entfallenden Morde pro Mil-
lion Einwohner in Italien auf 80, in Spanien auf 60, in Österreich auf 20,
in Frankreich auf 14, in Deutschland auf 9, in England auf 5. Womit
also die italienische Verbrecherstatistik sich als fast anderthalbmal so groß
als die spanische, viermal so groß als die österreichische, sechsmal so groß
als die französische, neunmal so groß als die deutsche und fünfzehnmal
so groß als die englische stellen würde. (A. Bosco, L6gislation et Statisti-
que comparee de quelques Infractions A la Loi penale, im Bulletin de
l’Institut International de Statistique, XI, 2, Roma 1900.) Demgegenüber
hat Gioyanni Bodio schon früher darauf aufmerksam gemacht, daß in
der Diebstahlsstatistik Italien mit 70 pro 100000 Einwohner weit hinter
Deutschland mit 200, England mit 130 und Frankreich mit 110 zu stehen
kommt. (Bodio, Di alcuni indiei misuratori del movimento economico in
Italia, 2 Ed., Roma 1891, Accademia dei Lincei, p- 37.)

9 „Etwa ıl4 Tage vor unserer Ankunft hatte sich zu Brescia ein solcher
Fall ereignet. Ein eifersüchtiger Ehemann hatte einen französischen Offi-
zier in den Armen seines Weibes erstochen; der arme Teufel war als ein
Mörder verdammt und nach wenigen Tagen erschossen, Das letzte ist nach
französischer Sitte gerecht, nach italienischer eine himmelschreiende Un-
gerechtigkeit; wie soll da die Ausgleichung kommen? Solche Vorfälle und
gerade solche setzen eine unaustilgbare Erbitterung“. (E. M. Arndt, Bruch-
stücke aus einer Reise durch einen Teil Italiens im Herbst und Winter 1798
und 1799, Teil I, Leipzig 1801, Gräff, S. 352.)
        <pb n="90" />
        Fehlerquellen der Unehelichkeitsstatistik.

77

steller und Reisende aus Süditalien, wo alle Formen des Liebes-
lebens sich konzentrisch im Alkoven abspielen, entrüsten sich
über das ihnen schamlos erscheinende offene Liebesleben der
Norditaliener, welche ihrerseits wieder das offene Küssen und
„Knutschen“ der Liebesleute in Deutschland und Frankreich
als empörende Schamlosigkeit und sittliche Verwilderung emp-
finden 10%. Auch Überempfindlichkeiten verwirren das moral-
statistische Bild, zumal sie zu strafrechtlichen Handlungen
führen können. In Süditalien ist der im Beisein Dritter ge-
gebene Kuß ein Akt von größter lebensbestimmender Bedeutung.
Wenn es einem von dem Mädchen oder von der Familie ab-
gewiesenen Freier gelingt, das Mädchen, auch das wider-
strebende, öffentlich zu küssen, so kann er so gut wie sicher
sein, daß es sein Leben ehelos beschließen wird, da es niemand
wagen wird, die öffentlich Geküßte zu heiraten10% a, Frauen in
Gesellschaft mit entblößten Schultern und Armen werden von
Mädchen aus dem Volke immer noch als Dirnen beargwöhnt.
Genaueste Kenner der entsprechenden Verhältnisse glauben ver-
sichern zu dürfen, daß es nur diese Hypersensibilität in Sexuali-
bus ist, welche es erklärlich erscheinen läßt, warum die reatı
contro il buon costume in der italienischen Kriminalstatistik in
Kalabrien über doppelt so hoch sind als in Norditalien101

100 Giovanni Ferrara, Le grandi capitali: Monaco, in der Kunst-
zeitschrift Emporium, vol. XI, Nr. 6x (Bergamo, gennaio 1900). Ähnliche
Betrachtungen bei F. Fontana, In Tedescheria, quadri di un viaggio in
Germania, Milano 1883, Galli, n. 155; Dario Papa, Viaggi, Lecco 1893,
Rota, p. 249.

100a Filippo Manci, Reati sessuali, Torino 1927, Bocca, p. 156.

10. Annunziato Criserä, La Vita sociale in Calabria. Criminalit,
in der Rivista Popolare, IX. Jahrg., Nr. 15, 15. August 1903, p. 412. —
B. Alimena, in Antonio Renda, La questione meridionale, inchiesta.
Milano-Palermo 1900, Sandron, p. 72. — Demnach hätte sich z. B. Alfredo
Niceforo bei der Feststellung, daß (1895—1897) die delitti contro il buon
costume sich ın
        <pb n="91" />
        78

Dritter Teil.
Die Sexualverbrechen der Süditaliener entspringen ganz ande-
ren Wurzeln als die der übrigen Bewohner Hesperiens19?, Die
Unterschiede in der Bewertung der durch einen öffentlich ge-
raubten Kuß verursachten Schädigung sind zwischen Nord- und
Süditalien so groß, daß, falls die Rechtsprechung nach folk-
loristischen Gesichtspunkten verfahren würde, dieses Vergehen
in Kalabrien mindestens mit zwei Jahren, in Turin oder Bo-
logna dagegen nur mit ein paar Monaten Gefängnis bestraft
werden müßte 102a,

Die irreführende Eigenschaft der Moralstatistik läßt sich
noch an den Beständen der Statistik Siziliens selbst erhärten.
Kriminalstatistisch scheinen im Westen Siziliens die Sittlich-
keitsverbrechen weniger zahlreich zu sein als im Osten der
Insel; dagegen kommen dort mehr Verbrechen gegen Leib und
Leben vor. Somit könnte man annehmen, daß, allerdings im
Gegensatz zur allgemeinen Moral, wie sie in den Ziffern der
Körperverbrechen zum Ausdruck kommt, die Sexualmoral im
Westen höher stehe als im Osten. Dazu ist indes zu bemerken.
Norditalien auf 10,92 pro 100000 Einwohner,
Mittelitalien „ 15,92 ‚,
Süditalien „ 35,68 ,, »
Sizilien „ 43,71 z
Sardinien „28,99
beliefen, unnötig aufgeregt. (Al£redo Niceforo, Italiani del Nord ed Italiani
del Sud, Torino 1901, Bocca, P- 314.) Über die Inkommensurabilität der
sozialen Faktoren in der von der gleichen statistischen Zentrale behandelten
Moralstatistik des norditalienischen und des süditalienischen Milieus wird
ohnehin lebhaft Klage geführt. (Vgl. Gaetano Baglio, Sicilia, Piemonte €
Lombardia nella Statistica Giudiziaria Penale, Napoli 1910, Pierro, p. 55£.
sowie Alfredo Niceforo., La misura della vita, Torino 1919, Bocca,
p. 158/159.)
12 Vgl. auch Pasquale Rossi, Il delitto „barbaro“ nell' Italia meri-
lionale, in Antonio Renda, La Questione Meridionale, 1. c., p. 224/25.
102a Manci, 1. ©, P- 157. — Auch in Deutschland bestehen ethnische
und religiöse Verschiedenheiten in der Auffassung von der sittlichen An-
stößigkeit. (Vgl. Albert Moll, Polizei und Sitte. Berlin 1917. Gersbach.
p. 53.)
        <pb n="92" />
        Fehlerquellen der Unehelichkeitsstatistik,

79
daß Totschlag und Körperverletzung im Westen in Wahrheit
zum Teil darauf zurückzuführen ist, daß die Westsizilianer es
vorziehen, Sittlichkeitsverbrechen, anstatt sie gleich den gräko-
sikulischen Ostsizilianern dem Richter zu denunzieren, auf
eigene Faust durch Blutrache (Vendetta) zu sühnen10%.

Wie gefährlich übereilte Schlußfolgerungen aus moralstati-
stischen Beständen schon in ihrer örtlichen Umgrenzung selbst
sind, weiß jeder gewissenhafte Beobachter. Die Tatsache der
hohen Unehelichkeitsziffern in einigen Kulturstädten war schon
in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts bekannt. Wäh-
rend ganz Frankreich zwischen 1840 und 184g durchschnitt-
lich 769 uneheliche Geburten (auf 10000) aufwies, betrug
die entsprechende Ziffer in den Hauptstädten der Arrondisse-
ments 2210. In Paris umfaßte die Zahl der unehelichen Ge-
burten ein Drittel der Gesamtheit des Landes; in Brüssel etwas
mehr als ein Drittel; in Wien fast die Hälfte; in Stockholm
etwas weniger als die Hälfte; in Berlin mehr als ein Fünftel;
in Florenz und Kopenhagen mehr als ein Viertel. Dennoch
stand die Diagnose dieser Fälle damals schon fest: die starke
Zuwanderung ortsfremder Schwangerer, l’immigration con-
siderable des filles-meres, qui viennent cacher leur iriste
situation dans les grandes villes, et y accoucher, soit chez
elles, soit dans les höpitaux speciaux 10%, Demungeachtet tauch-
ten z. B. vor einigen zwanzig Jahren in der sozialdemokrati-
schen Presse Deutschlands Angriffe gegen die Marburger Stu-
dentenschaft auf, weil die Statistik dafür Zeugnis ablegte, daß
gerade in dieser ehrsamen Hessenstadt die Zahl der unehelichen
Geburten eine ausnehmend hohe sei. Diese Kritik wurde von
anderen weiter ausgedehnt und auf die deutschen Universitäts-
städte überhaupt bezogen, von denen vor allem die kleineren
den Beweis dafür lieferten, wes Geistes Kinder die Studenten
— 16 Napoleone Colajanni Ci sono due Sicilie?, in der „Rivista Popo-
lare'‘, Anno XX (19:4), N. 9, p- 236. 104 Legoyt, p. A132.
        <pb n="93" />
        3

Dritter Teil.
seien. In Württemberg z. B. komme es in Tübingen mit 32,2 %
zu fast dreimal so viel unehelichen Geburten, als in der weit
größeren studentenlosen Hauptstadt Stuttgart1%, Ähnliche An-
griffe erfolgten aus ähnlichen Gründen auch in der französi-
schen Provinzpresse gegen Paris. Zur richtigen Wertung der
deutschen sowohl als der Pariser Ziffern — 191223,7% —
muß indes auf etwelche Umstände hingewiesen werden, die ihnen
einiges von dem Schrecken ihrer Höhe nehmen. Der wichtigste
dieser Umstände besteht in der schon erwähnten Tatsache, daß
in den Gebärhäusern zumal die ehelos schwangeren Mädchen
vom Lande aus weitem Umkreise zusammenzulaufen pflegen,
teils weil sie hier vor übler Nachrede und dem Bekanntwerden
des Falles mehr geschützt sind als beim Verbleiben auf dem
Heimatsdorf, teils auch, weil sie von den modernen medizinal-
hygienischen Einrichtungen der großen Spitäler angelockt
werden 106, welch letzteres natürlich ebenso für Paris, wie für

1065 Max Marcuse, Das Liebesleben des deutschen Studenten, in Sexual-
probleme, IV. Jahrg., 1908, S. 687.

1066 Vgl. Michels, Zur Soziologie von Paris, in der Zeitschrift für Völker-
psychologie und Soziologie, Bd. I, Heft 3/4, Sept. 1925, S. 358. — „Für
das Allgemeine kann man sagen, daß in Städten, wo große Gebäranstalter
sind, viele und namentlich Uneheliche geboren werden, die ihrer Bevölkerung‘
fremd sind, was bei der Beurteilung des Ergebnisses Berücksichtigung ver-
lient‘“, wie das schon Bernoulli S. 123 gesagt hat. — Ähnlichen Kritiken,
wie denen bezüglich ihrer vermeintlichen größeren Unmoral wurden die
Städte auch wegen des vermeintlichen größeren physischen Elends ihrer
Bevölkerung ausgesetzt. Levasseur wandte sich mit vieler Schärfe gegen Buret,
der die Größe des städtisch-industriellen Elends im Vergleich mit den relativ
vesseren Verhältnissen auf dem Lande mit den hohen F requenzziffern der
städtischen Krankenhäuser zu belegen versucht hatte (Eugene Buret, De
la misere des classes laborieuses en Angleterre et en France, a Ed., in den
„Cours d’Economie politique‘“, Bruxelles 1843, Wahlen, p. 503) und machte
Jlarauf aufmerksam, daß diese keinen Beweis für die Verschlechterung der
städtischen Gesundheit, sondern vielmehr nur einen Beweis für die Ver-
besserung der Krankenpflege und der, natürlich wesentlich städtischen, In-
stitution der Krankenhäuser lieferten (Emile Levasseur, Histoire des
Classes ouvrieres depuis 1789, Paris 1867, vol. IT, p. 189).
        <pb n="94" />
        Fehlerquellen der Unehelichkeitsstatistik.

81

die Universitätskliniken Marburg, Tübingen usw., in denen die
Mädchen vom Lande ihrer Entbindung entgegensehen, gilt197,
Für das Zusammenlaufen der ihre Niederkunft erwartenden
Unehelichen in den großen Städten spricht auch ein Indizium,
nämlich die geringfügige uneheliche Geburtenziffer in der länd-
lichen Umgebung der großen Städte im Verhältnis nicht nur
zur Stadt, sondern auch zum übrigen flachen Lande, eine Er-
scheinung, die z. B. für Italien1% festgestellt wurde und die
keine andere Erklärung zuläßt als die oben angeführte.

Eine andere, nicht weniger gefährliche Fehlerquelle der
vergleichenden Moralstatistik durch ungenügende Berück-
sichtigung ihrer kausalen Faktoren entsteht dann, wenn die
hohen unehelichen Geburtenziffern von ortsfremden oder gar
nicht einmal der gleichen Nationalität angehörenden Schwän-
gerern hervorgerufen sind. Das mag bisweilen in Kriegs-
zeiten der Fall sein. Wenn die Angaben über aus Notzüch-
tigungen oder Verhältnissen deutscher Krieger stammende
uneheliche Kinder französischer und belgischer Frauen durch
nationalen Fanatismus auch übertrieben sein mögen, als Phäno-
107 Vgl. den eingesandten Brief des Studenten Martin Lezius im Sprech-
saal der „Sexualprobleme, Zeitschrift für Sexualwissenschaft und Sexual-
politik“, 5. Jahrg., Januar x909, S. 80, welcher den Beweis dafür, daß
Jas Vorhandensein der Universitätskliniken, nicht aber die sexuellen Aus-
schweifungen der Studentenschaft die hohe Zahl der unehelichen Geburten
in den kleinen Universitätsstädten Deutschlands verursacht, dadurch als er-
bracht erachtet, daß z. B. Städte, wo nur Polytechniken bestehen, wie Darm-
stadt oder Stuttgart, nur 8,5 resp. 10% unehelicher Geburten aufwiesen,
„Sollen etwa die Polytechniker dieser beiden Städte soviel geschlechtlich
abstinenter leben als die Juristen, Mediziner, Theologen usw. in Marburg,
Gießen, Tübingen, Jena us£.?"*

1068 Giorgio Mortara, Le Popolazioni delle grandi Citta Italiane. Torino
1908, Sten, p. 121. — Die unehelichen Mütter in Frankfurt stammen
„zu über 4/; von auswärts, und von diesen auswärtigen Müttern wieder über
%/. aus kleinen (großenteils sogar ganz kleinen) Ortschaften‘. (Spanm,
Lage und Schicksal, S. 10.)

Michels, Sittlichkeit in Ziffern.
        <pb n="95" />
        82

Dritter Teil.
men haben sie natürlich ihre Richtigkeit1°®%, Wenn man den
entsprechenden Quellen Glauben schenken darf, so wäre auch
die auffallend hohe Zahl unehelicher Geburten im Rom der
fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts auf ähnliche Invasionen
zurückzuführen; sie wären nämlich den Scharen „der Rom-
veisenden zuzuschreiben. Denn se gli uni sono pü pellegrini,
o sapienti riflessivi, o curiosi antiquari, gli altri sono spen-
sierati, buontemponi, che arrivano a Roma piene le mani di
denaro, e il cuore di lussuria. Als Beweis für diese Tatsache
galten zwei Feststellungen, die Höhe des Fremdenverkehrs in
den Monaten Oktober bis Dezember und die Höhe der Einliefe-
rung von Findelkindern in den Monaten Juni bis August; zwei
Zeitpunkte, zwischen denen neun Monate lagen!10, In Zürich
glaubte man als Ergebnis einer Ausscheidung der unehelichen
Väter nach Heimat und Beruf nach dem Statistischen Jahr-
buch 1909 folgendes feststellen zu können: Der große Teil der
Väter außerehelicher Kinder stammt aus dem Ausland, vor
allem aus dem Deutschen Reich. Es sind dies besonders in der
Industrie beschäftigte Arbeiter11l, Indes konnte man gleich-
zeitig feststellen, daß in sämtlichen Jahren 1904 bis 1910
der größere Teil der unehelichen Mütter ebenfalls aus dem
Ausland stammte, nämlich durchschnittlich zu 54 0%. Die
Schweiz wies nur 460% auf; ihr Anteil schien in den letzten
Jahren sogar noch etwas im Zurückgehen begriffen zu sein, so
daß demgemäß der Anteil der Ausländerinnen weiter gestiegen
sein müßte112, Die große Zahl der ausländischen Schwängerer,
gegen die man sich mit Recht wehrte, um die erwähnte
109 Max Marcuse, Das Kriegskinderproblem und die Frage nach der
Straflosigkeit der Abtreibung von durch Notzucht empfangenen Früchten,
im Archiv für Kriminologie, Bd. 68, S. 155.

40 Giacomo Margotti, Roma e Londra, Torino 1858, Fory, p. 425.

14 Th, Rud. Speich, Die unehelichen Geburten in der Stadt Zürich,
(Diss, Zürich 1914.) Glarus 1914, Buchdr. Glarner Nachrichten, p. 128.

232 Speich, S. 47.
        <pb n="96" />
        Über den „Wert‘* der Unehelichen. 83
optische Täuschung einer lokalen hohen Unehelichkeit nicht
aufkommen zu lassen, beweist jedoch nicht etwa, daß die
Schweizer in geschlechtlichen Dingen moralischer seien als die
betreffenden anderen Nationen als solche, sondern sie erhärtet
lediglich die Tatsache, daß die an sich ärmere, unsolidere und
verlassenere Gruppe der Ausländer ein größeres Kontingent un-
ehelicher Geburten liefert als die meist unter behaglicheren Be-
dingungen lebenden Eingeborenen 113,

Nach alledem müssen wir Inama-Sternegg beipflichten, wenn
er dafürhält, daß die Fällung eines abschließenden, auf statisti-
schen Grundlagen beruhenden moralischen Urteils über die
Massentatsachen der unehelichen Progenitur grundsätzlich ein
Ding der Unmöglichkeit seill4, Von dem von Tönnies aus-
gesprochenen Satz, daß die Moralstatistik mehr Fragen offen
lasse, als sie beantworte, ist mindestens das „offen lassen“ zu-
treffend 115.

2. Einiges über den »Wert« der Unehelichen.

Vielleicht dürfte hier zunächst die Bemerkung am Platze sein,
daß die Unehelichkeit keineswegs nur, wie es aus hinzutretenden
ökonomischen Gründen allerdings meistens zutreffen wird,
schwächlichere, sozial weniger brauchbare und in hohem Um-
fang übel prädestinierte Kinder zur Welt bringt. In der Ge-
schichte kann beobachtet werden, daß die unehelichen Kinder,
die sogenannten Bastarde, sehr oft Menschen großen Wertes
waren und physisch wie psychisch weit über ihre ehelichen
Halbbrüder hervorragten 11%. Dafür fehlt es nicht an historischen
Beispielen: Dunois, der Connetable de Bourbon, Don Juan de

28 Vgl. hierzu unser Kapitel Psychische Isolierung

114 Inama-Sternegg, Neue Probleme, S. 3ır.

15 Tönnies, Moralstatistik, 5. 644.

16 Th6odore Ribot, L’Her6dit6 psychologique, 7. Aufl., Paris 1902,
Alcan, p. 195.
        <pb n="97" />
        84

Dritter Teil.

Austria, Gaston d’Orleöans, der Marschall Moritz von Sachsen,
Vendöme, waren entweder Kinder, oder doch Enkelkinder der
freien Liebe, und so ebenfalls die Pompadour und die Zarin
Anna von Rußland. Die Klugheit, die die Bastarde aus-
zeichnet, wird (und vielleicht nicht ganz mit Unrecht) gewissen
Elementen der Überlegenheit unehelicher über eheliche Zeu-
gung zugeschrieben. Die natürlichen Kinder, oder wie sie der
Volksmund nennt, die Kinder der Liebe, sind Geschöpfe einer
natürlichen Wahlverwandtschaft der Eltern und entstehen sehr
oft in sexueller Wohllust zweier junger Körper. Dagegen
werden die legitimen Kinder der in der Kirche gesegneten und
zivilamtlich registrierten Ehen, bei deren Zustandekommen
die Liebe, wenn sie nicht überhaupt gar fehlte, so doch
wenigstens sehr oft nur die letzte Stelle einnahm, häufig von
einem alternden Manne und einer grießgrämigen und indo-
lenten Frau zwischen Langeweile und Gähnen gezeugt. So ist es
denn nicht verwunderlich, daß die Frucht der ersteren Liebes-
art die der zweiten an Schönheit und Entwicklungsfähigkeit
übertrifft11?7, Auch ein Teil der legitimierten Kinder dürfte
ohne Zweifel zu den wertvollsten Kulturträgern eines Volkes
gehören. „Ist es doch gerade sehr oft die starke geniale Persön-
lichkeit, die sich durch die Institution der Ehe in ihrer Ent-
wicklung gehemmt und zur Heuchelei verurteilt sieht und sich
deshalb erst spät zu einer Legalisierung der Ehe entschließt.
Wir wissen heute noch wenig von den unehelich gezeugten
Nachkommen dieser Menschen; denn auch innerhalb der Fami-
lien- und Stammbaumforschung ist die Gliederung der Nach-

17 „Gewiß gibt es unter den Unehelichen physisch und psychisch Ent-
artete, aber nicht mehr als unter den Ehelichen. Dagegen ist die Lebens-
kraft bei den Unehelichen, da sie meist aus innigem Liebesverkehr hervor-
gehen und ihre Eltern in der Blüte der Jahre stehen, durchweg robuster
als bei den Ehelichen.“ (Otto Rühle, Das proletarische Kind, München
1911, Langen, S. 68.)
        <pb n="98" />
        Über den „Wert‘“ der Unehelichen.

x
Mn

kommen und Vorfahren in Eheliche und Uneheliche arg ver-
nachlässigt‘ 118.

Selbstverständlich dürfen indes die körperlichen und geistigen
Vorzüge der unehelichen Kinder vor den ehelichen, auch unter
Außerachtlassung ethischer Gesichtspunkte, nicht zu einer Be-
vorzugung der unehelichen Natalität führen. Vor allem muß
man es sich klarmachen, daß die unehelichen Kinder wohl
manchmal große Männer werden können, jedoch dies fast nur
dann geschieht, wenn sie vom Vater (oder doch der Mutter) her
eine vortreffliche Erziehung erhalten. Mithin setzt ihre eventuelle
Überlegenheit nicht nur einen gewissen Wohlstandsgrad des un-
ehelichen Vaters (oder der Mutter), sondern auch dessen (oder
deren) guten Willen voraus. Demgegenüber ist es allgemein be-
kannt, daß ein großer Prozentsatz der unehelichen Kinder in
Armut und Verbrechen untergeht!1% Abhängige Lebensstellung
der Mutter, Gram derselben über das Verlassensein, mangelhafte
Erziehung und Überwachung oder Liederlichkeit und schlechter
Lebenswandel der Eltern selbst geben gerade diesen Kindern
physiologisch und psychologisch häufig schlechte Vorbedin-
gungen mit auf den Lebensweg120, Die These, daß die Quote
der unehelichen Kinder ein sehr starkes Kontingent zum Ver-
brechertum stelle, ist alt und vielfach statistisch zu belegen ver-
118 Kasten, 5. 40.

u9 Vgl. z. B. H. Neumann, Die unehelichen Kinder in Berlin, Jena
1900, Fischer.

120 Zu den vielen bereits bekannten Beweisen für den Zusammenhang
zwischen unehelichem Geschlechtsverkehr und sozialem Parasitismus liefert
die von Mönkemöller gemachte Feststellung einen neuen Beitrag, daß von
1920 Korrigendinnen, die von 1878 bis z908 die Hannoversche Provinzial-
korrektionsanstalt von Himmelstür passiert hatten, 273 unehelich geboren
waren, und daß nachweisbar 289 Korrigendinnen selbst lebende uneheliche
Kinder hatten; und zwar hatten 164 Korrigendinnen je ı Kind, 88 je 2 un-
eheliche Kinder, 26 hatten je 3, 7 je 4; fünf Korrigendinnen verfügten über
einen „illegitimen‘““ Kinderschatz von je 5 Stück, von diesen hatte eine ihr
fünftes uneheliches Kind bereits mit 25 Jahren geboren! (Mönkemöller,
l. 6.)
        <pb n="99" />
        rs

Dritter Teil.
sucht worden121, Wir werden auf dieses Problem nicht ein-
gehen. Nur auf einen Punkt muß auch hier wieder verwiesen
werden, der dem angegebenen Verhältnis als Kausale dient. Das
uneheliche Kind war bis in die neueste Zeit hinein der Prototyp
des verlassenen Menschen. Seine Existenz als uneheliches Kind
besagt bereits, daß der Vater (und dessen Familie) nicht zu
ihm stehen. Die Mutter hat es früher häufig zu den Findel-
kindern gesteckt12?, Wenn sie auch das später nicht mehr tat,
hat sie es häufig zu Verwandten gegeben und sich seiner ge-
schämt. Wenn sie dann gar einen fremden Mann heiratete,
wurde die Vereinsamung des unehelichen Kindes noch schlim-
mer, Intensiver noch lastete die Verfemung, welcher es seitens
der öffentlichen Meinung ausgesetzt war. So war es bereits
im italienischen Quattrocento Ansicht der Rechtsgelehrten, daß
der unehelich Geborene von vornherein für die Gesellschaft
verloren sei und auch bei sittlich guter Veranlagung schlecht
werde, weil er sich aus Scham über seine uneheliche Ge-
burt dauernd niederdrücken lasse, d. h. sich als unfähig zu
sozialem: Aufschwung erweise1?®, In Deutschland blieben die
Unehelichen vom Eintritt in die Zünfte und anderen Korpo-
rationen ausgeschlossen und vermochten höchstens durch die
sogenannte legitimatio minus plaena, oder ad honores, auf
Antrag von Fall zu Fall von der Obrigkeit zugelassen zu
werden 1?4. Noch im Deutschland des x8. Jahrhunderts wurde
121 Daß sich dagegen kein Parallelismus zwischen den unehelichen Ge-
burtenziffern und den Daten der Kriminalstatistik aufstellen läßt, behauptet
Napoleone Colajanni, La Sociologia criminale, Catania 1889, Tropea,
vol. II, p. 109.

18 Vgl. S. 50 unseres Buches.

123 Vittorio Lugli, I Trattatisti della Famiglia nel Quattrocento,
Modena 1909, Formiggini, p. 73.

12 Felix Dahn, Deutsches Rechtsbuch, Nördlingen 18797, Beck, S. 90.
— Erwähnenswert ist auch der gruppenmäßige Widerstand gegen die Ver-
ehelichung mit einer unehelichen Mutter. Dieser ging z. B. im Mittelalter
von vielen Zünften aus und war darauf berechnet, die Geltung des Hand-
        <pb n="100" />
        Über den „Wert“ der Unehelichen. 87
zwar die These der Schuldlosigkeit der Unehelichen an ihrer
eigenen Herkunft zwecks Aufstellung des Prinzips der Rechts-
gleichheit mit den ehelich Geborenen für naturgesetzlich
zutreffend anerkannt, diese Rechtsgleichheit aber. doch poli-
tisch als gefährlich erklärt!25, In der gleichen Richtung wirkt
auch die Tatsache, daß selbst in den Ländern, in denen
die Nachforschung nach der Vaterschaft und die Heranziehung
der ermittelten Männer zu den Unterhaltskosten des Kindes
gesetzlich gestattet ist, wie in Deutschland, die regelmäßige
Leistung der Alimentation nur in etwa 20% der Fälle er-
folgt 126,

Die Sterblichkeit der unehelichen Kinder ist bekanntermaßen
von jeher eine außerordentlich große gewesen. In den Jahren
1773 bis 17797 hat das Hospiz von Paris 31951 Findelkinder
aufgenommen. Von diesen sind 21985 in ihrem ersten Lebens-
monat, 3401 im ersten Lebensjahre gestorben. Nach Verlauf
von 5 Jahren war nur noch ungefähr ein Siebentel der Kinder
am Leben. Von 1789 bis 1813, d. h. im Verlauf von 25 Jahren,
ist die Zahl der ausgesetzten Kinder in Paris auf 109650 ge-
stiegen, und von dieser Zahl sind 39330 noch im Hospiz, also
in den ersten Lebenswochen, gestorben; die Mehrzahl der übrigen
starb vor dem Ende des ersten Lebensjahres, noch bei der
Amme. Die Zahl der ausgesetzten Kinder stand dabei .in Paris
im Verhältnis zu den Geburten wie eins zu drei!?7,
werks in der öffentlichen Meinung hochzuhalten. (Johann Peter Süßmilch,
Die göttliche Ordnung in den Veränderungen des menschlichen Geschlechtes,
aus der Geburt, dem Tode und der Fortpflanzung derselben. 2. Aufl., Berlin
185x, Bd. 1, S. 463.)

125 Justus Möser, Patriotische: Phantasien, 5. Aufl., Berlin 1820,
Nicolai, Bd. 2, S. 162.

126 Hugo Schröder, Das Problem der Unehelichen, Leipzig 1924,
Kabitzsch, S. 4r.

127 Nach dem „Rapport fait au conseil gön6ral des Hospices, par un de
ses membres, sur l’6tat des höpitaux, des‘ hospices et des secours 4 domicile
A Paris, depuis le zer janvier 1804 jusqu'au rer janvier 1814“, p. 125£f,,
        <pb n="101" />
        4

Dritter Teil.
Die höhere Sterblichkeit der unehelichen Kinder ist heute
noch ein Faktum. Modernere Untersuchungen über die Morta-
lität der Unehelichen ergaben auch in Deutschland ungünstige
Resultate1%_ Die Sterblichkeit scheint übrigens im wesentlichen
die Säuglinge und die Kinder bis zum fünften Lebensjahre zu
betreffen. Zur Besserung der Lage der unehelichen Kinder sind
deshalb in letzter Zeit in der norwegischen Gesetzgebung Maß-
nahmen zugunsten einer natürlichen Säuglingsernährung vor-
gesehen worden, da die Statistik die hohen Todesziffern der Un-
ehelichen aus der Tatsache der häufigen Trennung der Kinder
von ihrer Mutter und ihrem vorzeitigen Übergang zu künst-
licher Ernährung erweise!®, In manchen industriellen Groß-
betrieben, wie in der Schokoladefabrik Tobler in Bern,
wird aus dem Gesichtspunkt heraus, daß es höchste Unter-
nehmerpflicht sei, eine wohlverstandene Menschenökonomie
zu treiben, den niederkommenden Arbeiterinnen ohne Rück-
sicht auf die eheliche oder uneheliche Geburt des Kindes
Krankengeld für acht Wochen sowie die Kosten für die
Hebamme bezahlt, wenn ein Arzt nicht, oder doch nur auf
Veranlassung der Hebamme zugezogen wird, und schließlich
hat die Wöchnerin noch Anspruch auf ein Stillgeld von 40 Fr.,
wenn sie ihr Kind wenigstens 10 Wochen nach der Geburt
stillt12%a, Ähnliches wird auch aus der französischen Industrie
gemeldet. Die bekannte Firma Michelin in Clermont-Ferrand
gewährt Müutterschaftsprämien zur Bekämpfung der Ab-

zitiert bei Charles Comte, Trait&amp; de legislation ou exposition des lois
genGrales, suivant lesquelles les peuples prosperent, deperissent, ou restent
stationnaires, 3e &amp;d., Bruxelles 1837, Hauman, Cattoir et co., p. 354.

285 Lindner, S. 186f.

129 Keller und Klumker, Säuglingsfürsorge und Kinderschutz in den
europäischen Staaten, Berlin 1912, Springer, S. 1045.

1308 Theodor Tobler, Die Entwicklung der Tobler-Unternehmung und
ihrer Arbeiter-Fürsorge und -Wohlfahrtseinrichtungen. 3. Aufl., Launen bei
Bern 1924, Polygr. Gesellsch., S. 62.
        <pb n="102" />
        Über den „Wert“ der Unehelichen.

RO

treibung. Ils font cela, non seulement pour des raisons d’ordre
moral, mais dans leur interet de grands industriels. HI leur faut
des races de mineurs, il leur faut des races d’ouvriers metallur-
gistes129b_ In solchen Fällen vermögen also nicht nurschlechte,
scndern auch erfreuliche Arbeitsverhältnisse eventuell zur Ent-
stehung unehelicher Geburten beizutragen.

Zur Beurteilung der höheren Sterblichkeit der Unehelichen
ist es freilich tunlich, sich die Tatsache vor Augen zu halten,
daß wir es im Durchschnitt bei ihnen mit einem im Vergleich
zu dem der ehelichen Eltern niedrigeren Alter der Mutter
sowie des Vaters, folglich mit einer größeren Häufigkeit von
Erstgeburten und auch deshalb schon von vornherein mit
zarteren Kindern zu tun haben1%, Trotz allem soll nach den
ärztlichen Aufzeichnungen bei der früheren militärischen
Musterung in Deutschland zwischen Unehelichen und Ehe-
lichen an militärischer Brauchbarkeit keinerlei Unterschied ge-
funden worden sein131

120b Maria V6rone in der Diskussion des Vortrags von Berth6lemy
L’Avortement, facteur de depopulation de la France. (Comit&amp; National
d’Etudes, Paris 1926, fasc. 300, 306, p- 25.)

130 Von den Londoner Fabrikmädchen sollen schon mit 21 Jahren wenig-
stens ein Viertel Kinder haben (Collet, p. 43). Über das ungeregelte Leben
derselben Schicht in Berlin wird Ähnliches berichtet. (Otto von Leixner,
Soziale Briefe aus Berlin 1888—18gı1, Berlin 189x, Pfeilstücker, S. 123.)

13ı Hugo Meisner, Rekrutierungsstatistik, im Archiv für Rassen- und
Gesellschaftsbiologie, 6. Jahrg., 190g, S. 64. „Für die Zeit der Erwerbs-
tätigkeit spielen körperliche Konstitution und Berufswahl eine wichtige Rolle,
Für die männlichen Unehelichen ist aus den Aufzeichnungen der früheren
militärischen Musterung kein Unterschied gegenüber den Ehelichen zu er-
kennen. Zurückstellungen fanden häufiger aus sozialen Gründen statt.“
(C. Keller, Besprechung über Hugo Schröder, Das Problem der Un-
ehelichen (2. c.), im Archiv für Soziale Hygiene und Demographie, Bd. I,
Heft 3 (1926), S. 219.) Auch Spann erkennt an, daß nach seinen Be-
obachtungen „bei den Unehelichen die Rasse in körperlicher Hinsicht eine
bessere sei‘ und nur soziale Ursachen die hohe Sterblichkeit der Un-
zhelichen bedingen.
        <pb n="103" />
        IQ

Dritter Teil,
3. Nationale Unterschiede.

Der Begriff der geschlechtlichen Sittlichkeit ist weder hori-
zontal noch vertikal, weder über Zeiten, noch durch Völker
und Klassen hindurch ein gleicher132, Bekanntlich hat man
bei indischen Bevölkerungen an Festen, Bettagen, aber auch bei
Besuchen von Gästen, Frauen, auch Ehefrauen, öffentlich oder
privatim und ad hominem als Gastgeschenke preisgegeben; und
zwar entweder ohne Recht auf Abweisung seitens des Be-
schenkten oder doch so, daß dieser die ihm zugedachte Gabe
nur durch die Leistung eines Gegengeschenkes ablehnen
konnte133,

Die christliche Religion und die allgemeine Gesittung haben
allerdings die Tendenz, die Unterschiede unter den zivilisierten
Völkern auf ein Minimum ‚zu reduzieren oder vielmehr, sie
subtiler zu gestalten. Immerhin gibt es doch so etwas, was wir
als „vergleichende Liebeswissenschaft‘“ ansprechen können.
Und zwar ist diese Disziplin bereits hohen Alters. Wir erinnern
nur an das berühmte Gedicht, in welchem Walther von der
Vogelweide schwört, „daz hie diu wip besser sint, danne ander
frouwen‘ 134, Wir brauchen ferner nur auf die komparative
Behandlung der Erotik gegen Ende des 16. Jahrhunderts hin-
zuweisen, die Michel de Montaigne zum Verfasser hat (Gegen-
überstellung der groben, sogleich aufs Ganze gehenden impetuo-

182 Hierüber grundlegend Eduard Westermarck, Ursprung und Ent-
wicklung der Moralbegriffe, Leipzig 1909, Klinkhardt, Bd. 2, Kap. 30—33.

188 Marco Polo, I Viaggi in Asia, in Africa, nel mare dell’ Indie de-
scritti nel Secolo XIII, Venezia 1829, Alvisopoli, vol. I, p. 180, 265. Auch
Wilhelm Roscher (Die Grundlagen der Nationalökonomie, Stuttgart 1854,
Cotta, S. 454) tut derlei Sitten Erwähnung. Die Verschiedenartigkeit des
Begriffs der Geschlechtssittlichkeit dieser Art ist von Hermann Suder-
mann in seinem Drama „Die Ehre“ (19. Aufl., Stuttgart 1898, Cotta)
verwendet worden.

144 Walther v. d. Vogelweide: Deutschlands Ehre (s. z. B. in
Heinrich Kurz: Geschichte der deutschen Literatur, Bd. I, Leipzig 1864,
Teubner, S. 60}.
        <pb n="104" />
        Nationale Unterschiede.

91

site der Liebe bei den Franzosen mit der raffinierteren, weil
kulturell höher stehenden Differenziertheit und dem abgestuften
Sinn für erotische Vorfreuden bei den Italienern})135,
In der Dichtkunst der französischen Renaissance baute das
französische Nationalbewußtsein den Frauen des eigenen
Landes Altäre. So singt Francois Villon in seiner Ballade. des
femmes de Paris136-

Quoy qu'’on tient belles langagieres,
Florentines, Veniciennes,

Assez pour &amp;tre messaigi@res

Et mesmement les anciennes;

Mais, soit Lombardes, Rommaines,
Genevoises, &amp; mes perilz,
Piemontaises, Savoysiennes,

N n’est bon bes que de Paris.

Prince, aux dames parisiennes
De beau parler donne Je prix;
Quoy qu’'on die d’Italiennes,

HU n’est bon bec que de Paris.

Jean Marot schilt die Italienerin als unnatürlich und geld-
gierig und preist dafür die Französin ob ihrer echten Liebe
und Hingabe137:
Italiennes
Patriciennes

Sont et seront;
Mais courtisennes
Parisiennes
Plaisir feront.

1855 Montaigne, Essais, Livre HL, chap. 5 (6d. Paris, Lefevre, 1818,
vol. V, p. 128£.). , .

186 Francois Villon, in „(Euvres completes‘‘, publikes par Auguste
Longnon, Paris 1892, Lemerre, p- 85.

157 Jean Marot, Epitre, cit6e par E. J. B. Rathery, Influence de
l’Italie sur les Lettres francaises depuis le XIIIe siöcle jusqu'’au Rögne de
Louis XIV, Paris 833, Didot, p. 85.
        <pb n="105" />
        2

Dritter Teil.

‚.. Nature lombarde

Ne se retarde au plaisir satisfaire,

Ains pour tirer argent se paint et farde.

Mais cueur francois de son amy prend garde
Et le regarde en son piteux affaire;

Lors faict pitie ce qu'argent ne peut faire.
In einem anderen erotischen satyrischen Gedichte finden wir
folgende Gegenüberstellung der Liebeswerte von Französinnen
and Italienerinnen137a;
Pour le deduict d’amoureuse pasture,

A quelqu’un fiz l’autre jour ouverture:
Qui valloit mieulx, 1a Francgoise ou Lombarde?
Il me respond: „La Lombarde est braguarde,
Mais froide et molle et sourde soubz monture
Beau parler ont, et sobre nourriture:

Mais le surplus n’est que toute paincture,
Vous le voyez; car chascune se farde
Pour le deduiet.
La Francoise est entiöre et sans rompture,
Doulce au monter, mais fiere ä la poincture
Plaisir la mayne; au profit ne regarde.
Conclusion: qui qu’'en parle ou brocarde,
Francoises sont chefz d’w@uvre de nature
Pour le deduict.
Auch die moderne französische Literatur ist an erotischen
Vergleichen zwischen den Französinnen und den Auslände-
rinnen, vor allen Dingen den Italienerinnen, reich138, Allgemein
187a Vgl. auch weitere Beispiele in Pierre Dufour, Histoire de la
Prostitution chez tous les Peuples du Monde, depuis l’Antiquit&amp; la plus
recul6e jusqu'a nos Jours, Paris 1853, Ser6, vol. V, p. 277/278.

88 So z. B. Diderot, Les Bijoux indiscrets, Paris 1797, s. 1. vol. II,
p- 100ff.; Honore de Balzac, Memoires de deux jeunes mari6es, Nouv.
Ed., Paris 1887, Calmann L6vy, p. 159; Balzac, Le Bal de Sceaux (in
der Sammlung: Scenes de la vie priv6e, La Maison du Chat-qui-pelote,
6d. Paris 1889, Calmann L6vy, p. 136, 139); Th6ophile Gautier, Les
Jeunes-France, Romans goguenards, Paris 1878, Charpentier, p. XVI, 98,
109, 114, 270, 12779, z82ff., 195, 197; Jules Michelet, La Femme. Paris
1860, Hachette, p. 268.
        <pb n="106" />
        Nationale Unterschiede,

9

gehaltene Lobsprüche, wie der als national angesprochene,
Luther zugeschriebene Satz vom wein-, weib- und gesang-
liebenden Nichtnarren, entpuppen sich dem Folklore-Kenner
gar leicht als internationalen Ursprungs1%.

Bei aller gebotenen Vorsicht scheint doch ein verschiedenes
Verhalten der Rassen oder doch Völker auch aus den moral-
statistischen Ziffern herauszuspringen. Wie Spann an der nach
Volksstänmen geordneten österreichischen Statistik, sich also
des gleichen juristischen und statistisch-technischen Messungs-
apparates bedienend, festgestellt hat, haben die Bajuvaren
139 „Man schreibt bekanntlich Luther den Spruch zu: ‚Wer nicht liebt
Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang,‘ aber es
fragt sich, mit welchem Recht, und die Antwort lautet, Luther ist nicht
sein Urheber. Es ist jedoch sehr interessant zu verfolgen, wie sich die
falsche Meinung einbürgern konnte, Die Verse finden sich zuerst 1775 in
dem von Heinrich Voß herausgegebenen „Wandsbecker Boten“ mit der
Angabe von Luthers Verfasserschaft und gingen zwei Jahre später in den
Voßschen Musenalmanach über. Als der Theologe Herrenschmidt Voß Vor-
würfe macht, daß er zu Unrecht Luther als Autor genannt habe, konnte
dieser seine Angabe nicht begründen und verteidigen, und man meint, daß
er einfach ein italienisches Sprichwort: ‚Chi non ama vino, donna e canto,
o &amp; un matto o &amp; un santo‘, ‚Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, ist
entweder ein Narr oder ein Heiliger‘ frei übersetzt habe. Ein Anklang
an den Spruch findet sich allerdings bei Luther, nämlich in der als Serotina
bezeichneten handschriftlichen Sammlung von Tischreden. Theodor Lauten-
bach und Wolter haben da aus dem Jahre 1536 folgendes scherzhaftes
Gespräch verzeichnet: ‚Morgen muß ich über die Trunkenheit des Noah
lesen, also werde ich heute abend tüchtig trinken, damit ich aus Erfah-
rung über das böse Ding reden kann.‘ ‚Keineswegs‘, sagte Doktor Cordatus,
‚sondern das Gegenteil muß geschehen.‘ Da sprach Luther: ‚Man muß
ja einem jeden Lande sein Gebrechen zugute halten. Die Böhmen fressen,
die Wenden stehlen, die Deutschen saufen getrost, Denn, lieber Cordate,
wie wollt Ihr jetzt anders einen Deutschen vortun denn ebrietate, praeser-
lim talem, qui non diligit musicam et mulieres? (als durch Trunkenheit,
zumal einen solchen, der Musik und Frauen nicht gern hat).‘ Das würde
allerdings heißen, daß nach Luthers Ansicht die Deutschen jene Dreiheit
lieben, diejenigen aber, die von Gesang und Weib nichts wissen wollen;
wenigstens den Wein,“ (C. K. in den „Basler Nachrichten“. 1. Beil. zu
Nr. 558, 7. Nov. 1919.)
        <pb n="107" />
        94

Dritter Teil.

weitaus die höchsten Ziffern der unehelichen Geburten 'aufzu-
weisen: „Im. Durchschnitt der Jahre zwischen 1897 bis 1905
23,7%; danach kommen die fränkisch-sächsischen Stämme
mit durchschnittlich 16,5%; worauf die Ruthenen (12,0),
Rumänen (10,7), Tschechoslowaken (xzo,o), Polen (9,9),
Slowenen (8,3), Italiener (6,0), Schwaben (5,8) und Kroaten
(3,9) folgen. Die immensen Unterschiede, die ım Laufe der
Jahre konstant bleiben, zeigen deutlich, wie sehr die sozialen
und populationistischen Bedingungen der Unehelichkeit vor den
im Volkscharakter und den Volkssitten gelegenen Bedingungen
zurücktreten müssen. Denn die Wohngebiete der einzelnen
Stämme zeigen je für sich die mannigfaltigsten wirtschaft-
lichen .und sozialen Verhältnisse. So umfaßt der bajuvarische
Sprachstamm das Hochgebirge und das Tiefland mit‘ ver-
schiedenen agrarischen Verhältnissen, sowie industrielle und
großstädtische Gebiete; ähnlich wohnen die Schwaben, Franken
(usw.), Tschechoslawen und Italiener in Gebieten mit ver-
schiedener sozialer Struktur; die Italiener, welche in Südtirol
und im Küstenland unter verschiedenen Bedingungen leben,
zeigen ungefähr dieselbe Ziffer, welche das Königreich Italien
aufweist! (Die niedrige Ziffer der Kroaten ist zum Teil durch
Männerüberschuß bedingt)‘ 140,
Die innere Wesensverwandtschaft zwischen Bayern und Öster-
reichern spiegelt sich, auch im Vergleich mit den Sachsen, in
dem verschiedenen Verhalten bei den Legitimationen der Nach-
kriegszeit wieder141
Auf weiteren Wegen hat Schreiber dieses die Zusammen-
hänge charakteristischen nationalen Geschlechtslebens darzu-
stellen unternommen. An der Hand der von Mittermaier mit-
geteilten statistischen Angaben über die unehelichen Geburten-

140 Spann; S. 11/18.
141 Kasten, p. 43.
        <pb n="108" />
        Nationale Unterschiede.

35

ziffern in Italien von 1834 hat er nachgewiesen, daß die natio-
nale Gemeinsamkeit das geschlechtliche Verhalten mehr be-
stimmte als wirtschaftliche Affinität oder staatliche Einheit.
Zu einer Zeit, in welcher Mailand und Venedig Teile des öster-
reichischen Kaiserstaates bildeten, während Piemont mit dem
Herzogtum Savoyen im Königreich Sardinien vereint war,
wiesen die italienischen Städte homogenere Zahlen auf als die
hier französischen und dort deutschen Gebiete, mit denen sie
staatlich unter annähernd den gleichen Gesetzen zusammen-
lebten; und zwar blieb dieses gleiche Verhalten auch da er-
kennbar, wo die wirtschaftliche und soziale Struktur der ein-
zelnen italienischen Städte untereinander weniger Ähnlichkeit
aufwies als mit anderen Fremdstädten des gleichen Staats-
gebietes.
Folgende Tabellen dürften dies veranschaulichen. Es ent-
BRelen in:
1830—1837
Unterösterreich (deutsch) auf 100000 Geburten 773 unehel. Geburten
Oberösterreich % 519
Steiermark » „ 688
Lombardei (ital) 1588
Venetien . 115.
1841 kamen in der Lombardei 104661 eheliche und 4026
uneheliche, im Venetianischen 85728 eheliche und 1132 un-
eheliche Geburten, in Österreich nieder der Enns 41462 ehe-
liche und 12794 uneheliche Kinder vor. Danach verhielt sich
die Zahl der unehelichen zur Zahl der ehelichen Geburten:

in der Lombardei (ital.) ‚ wie 1 zu 24,
in Venetien (ital). . ..Ä... wie l1 zu 39.
in Österreich nieder der Enns (deutsch). . . wie 1 zu 92.

Auf die Hauptstädte des österreichischen Kaiserstaates be-
rechnet, ergeben sich die gleichen Resultate.
        <pb n="109" />
        Dritter Teil.

184.1 kamen
in Mailand
in Venedig
in Wien .
in Prag. ..
in Graz .... +...
Kinder zur Welt.

In den Provinzen des zweirassigen Königreichs Sardinien be-
trugen die Gesamtzahlen der ehelichen und die der unehelichen
Kinder in den Jahren von 1828—1 832 in den einzelnen Pro-
vinzen:

eheliche uneheliche
Geburten Geburten

10402

832910

25515

47 624

15.136

30 459

36 808

34 349

60 240

f Bobbio (italienisch
” Chiavari
Susa
Lomellino
Tortona
Ailessandria
; Asti
Casale
Genua » 2
a (Hafen- und Fremdenstadt!)
ia ( Voghera (italienisch). . .... .
Turin (darin die größte Stadt, Haupt- und Resi-
denzstadt sowie das französisch sprechende
Aostan0). .
Faussigny (Savoie) französisch .

34. 232

[00

76 289 250
29 039 1109
Soziologisch-typologisch steht der Erforschung der natio-
nalen Unterschiede in Eroticis ein weites Feld zur Ver-
fügung!#2, Vielfach sind die statistisch feststellbaren nationalen
Unterschiede freilich weder einseitig noch eindeutig. Wenn
z. B. im ehemaligen Regierungsbezirk Posen die Deutschen eine
größere Anzahl unehelicher Geburten hervorbrachten als die
Polen, so konnte das, nach Bergmann, einerseits als damit zu-
sammenhängend erklärt werden, daß bei ersteren die Heirats-
frequenz eine geringere und das Heiratsalter im allgemeinen ein

a. dr
142? Michels, Grenzen der Geschlechtsmoral (zumal II, x, S. 33—55).
        <pb n="110" />
        Nationale Unterschiede.

97

erheblich höheres war als bei den vielfach mit noch weniger.
Vorbedacht zur Ehe schreitenden Polen, andererseits aber,
immer nach Bergmann, auch damit, daß die Deutschen mehr
als die Polen der städtischen Bevölkerung angehörten, inner-
halb derer eine größere Zahl unehelicher Geburten zu kon-
statieren sei14%, In Bromberg hingegen wiesen die Deutschen
eine geringere Zahl der ehelichen Geburten auf als die Polen,
da die Deutschen auf dem Lande mehr die Klasse der Klein-
besitzer, die Polen mehr die- der unselbständigen Arbeiter ab-
gaben. Was der allgemein feststellbaren höheren Unehelichkeit
der Deutschen keinen Abbruch tut. Auch die überwiegend
slawische Bevölkerung des Vorkriegsrußland hatte geringe
Ziffern an unehelichen Geburten. So waren in Rußland in den
Jahren 1868 bis 1870 nach den hierüber vorliegenden Nach-
richten von der Gesamtzahl aller entsprechenden Geburten nur
2,7% außerehelich 144

Die Wertung der Geschlechtsmoral selbst ist nicht nur von
Nation zu Nation, sondern auch nach Stadt und Land unter-
schieden 145, Für Frankreich stellt D’Avenel den Satz auf, daß
auf dem Lande der Fall des jungen Mädchens weniger streng,
der Fall der jungen Frau hingegen strenger genommen, werde,
während in der Stadt die Wertung der beiden Fälle umgekehrt
sei146, Das ist vielfach zutreffend, obgleich die gleiche Staffe-
lung der Werte, die hier als die ländliche dargestellt wird, sich
auch in den unteren Bevölkerungsklassen der Stadt vorfindet
und mithin wohl mehr sozialen Charakters sein dürfte. Die
verschiedenartigen Anschauungen hinsichtlich des Rang-

1M35 Bergmann, S. 122,

14 Bergmann, 5. 125.

145 Vgl. S. 69 unserer Abhandlung.

146 Vicomte Georges d’Avenel, Les Francais de mon temps, Paris,
Nelson, p. 208.
Michels, Sittlichkeit in Ziffern,
        <pb n="111" />
        38

Dritter Teil.
verhältnisses der Geschlechtsreinheit des Mädchens und der Treue
der verheirateten Frau tragen aber auch einen rassenmäßigen
Zug. Der Kenner der nationalen Literatur und der Reiseberichte
stößt bei deutschen Autoren außerordentlich häufig auf mit
Geringachtung untermischtes Staunen über die konstatierte
oder vermeintlich konstatierte moralische Minderwertigkeit der
romanischen Frau als Gattin, bei romanischen Autoren ebenso
häufig auf die gleiche mit Entrüstung untermischte Verwun-
derung über das unmoralische oder als solches betrachtete
Verhalten der deutschen jungen Mädchen147, Ähnliche Ein-
drücke beherrschen auch die Franzosen hinsichtlich der eng-
lischen Mädchen und die Engländer hinsichtlich der französi-
schen Frauen148, Der jeweiligen Auffassung entspricht die
Stellung des weiblichen Geschlechts im Roman, in welchem
längste Zeit in Frankreich die Ehefrau, in Deutschland und
(wenn auch weniger) in England das junge Mädchen im Mittel-
punkt gestanden hat. Das Eindringen moderner Erziehungs-
grundsätze und der Sportliebe, sowie das größere Überhand-
nehmen der weiblichen Bevölkerungszahl über die männliche
haben in den letzten 15 Jahren freilich auch im französischen
Roman dem Beruf, gesellschaftliche Stellung und Liebes-
befriedigung suchenden jungen Mädchen einen ansehnlichen

147 F, Fontana, p. 138, ı41; Dario Papa, p. 248; G. A. Borgese,
La Nuova Germania, Torino 1909, Bocca, p. 76ff. — In mancher Hin-
sicht weisen der Norden und der äußerste Süden Europas gerade auf dem
Gebiete der Sexualmoral Berührungspunkte auf, Wenn Guglielmo Fer-
rero in seinem Werke Europa Giovane (1897) das Wartenkönnen der Braut-
leute im nördlichen Europa als ein Zeichen der höherstehenden Sittlichkeit
bezeichnete, so konnte Gaetano Mosca ihm erwidern, daß diese Charakteristik
nirgends mehr als in Sizilien zuträfe, dove frequentissimi si trovano ji lunghi
fidanzamenti preceduti da anni di passeggiate sotto le finestre della fanciulla
amata e di furtivi e cästigati colloqui. (Gaetano Mosca, Il Fenomeno
Ferrero, in der Riforma Sociale, IV, 12, 1898, Sep.-Abdr., p. 16.)

148 Frances Trollope, Paris and the Parisians in 1835, Paris 1836.
Baudry, p. 89ff.,
        <pb n="112" />
        Nationale Unterschiede.

39
Platz angewiesen149. Die Sexualauffassung des jungen Ameri-
kaners nimmt wieder einen Raum für sich ein150. Auch

149 „L’ancien type de la jeune fille tend A disparaitre. Nos meilleurs
comans d’analyse (la remarque est de M. H. Bordeaux) avaient pour profa-
gonistes des femmes marieges: Mme de Renal, Mmet de Mortsauf, Mme
Bovary, Mme de Burnes, Mme Moraine. La jeune fille classique, dans notre
litt&amp;rature, €tait ou l’ing&amp;nue, VAgn&amp;s, ou la deniaisge et ‚souvent Ja
devergondee (Claudine, Minne [Willy et Colette Willy], Les Demi-
Vierges [Prevost]). Notre roman est en train de creer une jeune fille
intermediaire, un peu döveloutee, assez savoureuse, la Francoise de M.
Marcel Prevost, 1’Helene Dugast des Femmes nouvelles, Femmes nouvelles,
de MM. P. et V. Margueritte, Les Vierges fortes de M. Marcel Preövost, sont
des ceuvres nettement feministes, ou la fable, du reste attachante, n’est
guere qu'un procede d’exposition. Les deux romans de MM, Margueritte
et Prevost möeriteraient mieux qu’'une simple mention: ils sont capitaux
dans Yhistoire de notre f&amp;minisme, Cfr. encore E. Estauni6, La Vie
secrete. — Sur le feminisme francais en general, voir Turgeon, Le F6mi-
nisme francais.‘ (Charles-Brun, p. 173.) „De nos jours ce sont les
jeunes filles, au theätre, qui font les d6clarations (V. notamment L’amour
veille par De Flers et Caillavet). Dans le roman, A. Daudet a com-
mence, ou &amp; peu pres: ‚elle le seduit, dit Brunetiere en parlant de Mme
Risler, car, chez M. Alphonse Daudet, ce sont les femmes qui sont hommes
en ce point‘. (Brunetiere, Le Roman naturaliste, P- 10, sur Fromont
jeune et Risler ain6.) On concoit qu'un certain nombre de femmes, si
V’amour est pour elle ce tyran aveugle, 6prouvent la ‚peur de l’amour‘ qui
sert de titre au dernier roman de M. H. de Rö6gnier, ou que l’h6roine de
M. Jules Bois, par crainte de devenir une ‚servante‘, une ‚chose‘, ne veuille
pas 6tre &amp;pous6e, justement parce que celui qui l’aime Iui plait et n’est
pas un sot (Jules Bois, Celle qui ne veut pas &amp;tre 6pous6e).‘“ (Charles-
Brun, p. 184.) — Über moderne französische Mädchenerziehung s. auch
Marcel Prevost, Lettres ä Francoise maman. Paris 1912, Fayard,
p. 348/349.

150 Die Eigenart der Sittenerfassung der Amerikaner wird z, B. aus
folgendem Vorkommnis klar: In einer Fraternity (Studentenverbindung) an
der Universität Chicago von etwa ı5 jungen Leuten sind die meisten ohne
Geschlechtsverkehr (aus Angst, aus Konvention, aus Bedürfnislosigkeit). Zwei
von ihnen indes sind bekannt dafür, daß sie von Zeit zu Zeit in der Stadt
„Fleischtag‘“ haben, ein dritter hat ein „Verhältnis“, Offiziell wird darüber
geschwiegen. Eines Tages wird ein weiteres Mitglied dabei ertappt, wie es im
Fraternity-Haus masturbiert; darüber zur Rede gestellt und mit dem Aus-
;chluß bedroht, wird es vor die Generalversammlung gestellt und aus-
        <pb n="113" />
        100

Dritter Teil.
nationale Verschiedenheit des Don-Juan-Typus hat man kon-
struieren wollen 151,

Eine Minderwertigkeit und auch größere Flatterhaftigkeit
und geringere Liebesdauer der deutschen Verhältnisse im Ver-
gleich mit den französischen Grisetten hat Hellpach auf die
verschiedenen Wohnsitten und Wohnpolizeiverordnungen zu-
rückführen wollen. Der Berliner Wohnungsmieter z. B. pflegt
das Zusammenwohnen ehelich nicht getrauter Liebesleute nicht
zu gestatten. Der Pariser hingegen ja. Oder doch wenigstens
bis zu einem gewissen Grade. Zu den Begriffen: in den besseren
Studentenhotels des Pariser Quartier Latin gilt auch heute noch
als hötel sörieux (ernstes Hotel) dasjenige Hotel, das seinen
Mietern nur einmal wöchentlich erlaubt, die Liebste nachts mit
auf das Zimmer zu nehmen. Pas serieux hingegen sind die
Hotels, welche Gelegenheitspärchen Aufnahme gestatten sowie
diejenigen, welche ihren Klienten erlauben, dauernd unstatt-
hafte Beziehungen in ihren Wänden zu unterhalten. — Kurz-
um, aus der Artverschiedenheit des deutschen und des fran-
zösischen Liebeslebens erhelle, daß das deutsche „Verhältnis“

geschlossen, was nach amerikanischen Sitten sein Fortkommen ernstlich in
Frage stellt, Die drei geschlechtlich Lebenden stimmen gegen ihn, nicht etwa,
weil sie ihre Form der Liebe für die anständigere hielten, sondern weil sie,
von deren eigenem Luderleben offiziell nichts gewußt wird, dem Ertappten
nicht zur Seite stehen wollen. Während der Examenszeit ist es in einigen
Fraternities Sitte, daß die ihnen angehörigen Studenten ihren Bart wachsen
lassen: die kausale Auslegung dieser Maßregel ist nicht einheitlich. Die einen
sagen, daß das Nicht-zum-Rasiermesser-Greifen ein Symbol für die Aus-
schließlichkeit der geistigen Konzentration auf die Arbeit ist, die für welt-
liche Dinge keinen Spielraum mehr läßt. Eine zweite Auslegung besagt,
daß, da das amerikanische Girl jedem nicht glattrasierten Mann glatt aus
dem Wege geht, das Nichtrasieren den jungen Mann zwingt, auf den Flirt
solange zu verzichten, bis er sein Examen absolviert hat. (Vgl. im übrigen
S. 197. unseres Buches,)

1 Eugen Dühren (I. Bloch), Das Geschlechtsleben in England,
1901; Iwan Bloch, Das Sexualleben unserer Zeit (z. Aufl.), Berlin 190%
Marcus, S. 320.
        <pb n="114" />
        Nationale Unterschiede.

101

sich von der französischen Grisette dadurch unterscheide, daß,
während letztere mit ihrem Geliebten den Alltag teile, ersteres
sich mit ihm fast nur zur Begehung des Geschlechtsaktes
vereine und folglich in ihm leichter Überdruß erwecke152, Daß
die convivenza, das Zusammenleben, die moralischere, weil be-
ziehungsreichere Form darstellt, ist zweifellos. Aber diese
‘heute übrigens auch in Paris schnell erlöschende oder doch,
wie wir sahen, verkürzte und verengte) menschlich höher
stehende Form ist doch wieder nur unter Voraussetzung einer
laxeren Moralauffassung der Polizeiorgane und des Zimmer-
vermietertums möglich.

Daß bei aus der Moralstatistik herausgearbeiteten inter-
nationalen Vergleichen besondere Vorsicht am Platze ist, erhellt
also von selbst. Die internationale Vergleichung statislischer
Daten hat wirklich nur den Wert „vorläufiger Orientierung
über die relative Bedeutung und das Gewicht, welches ein-
zelnen gesellschaftlichen Erscheinungen des systematisch be-
obachteten Volksiebens zukommt‘“153, Somit ist es völlig
unwissenschaftlich und national befangen, wenn —-— um
Beispiele zu zitieren — Schmoller die für eine bestimmte
Periode festgestellte Tatsache, daß der Höhepunkt der Ver-
brechen in Deutschland auf ein späteres Lebensjahr als in
Frankreich fällt, auf die angeblichen Umstände zurückführt,
daß die ganze körperliche Entwicklung der Romanen eine
[rühreifere sei, dagegen aber die Nachwirkung von Haus und
Familie, von besserer Schule und tieferem religiösen Unterricht
lie deutsche Jugend etwas länger vor Verbrechen be-

152 Willy Hellpach, Unser Genußleben und die Geschlechtskrankheiten.
Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechts-
krankheiten, , 1905, Bd. IHM, S. 21; über die geistigen und ästhetischen
Interessen eines Teiles des französischen Dirnentums vgl. auch Michels.
Geschlechtsmoral, S. 50ff., und Parent-Duchatelet, vol. I, p. 151.

15 Inama-Sternegg, Zur Kritik, S. 524.
        <pb n="115" />
        {02

Dritter Teil.
wahreli4, Daß auch der junge Jacob Burckhardt der Ober-
flächlichkeit von Reiseeindrücken und aus diesen gezogenen
lächerlichen Schlußfolgerungen nicht entgeht, beweist ein
Brief von ihm aus Paris über den „Männerfang der französi-
schen Frauen‘“ gegenüber der „Begeisterung einflößenden“ Hal-
tung der deutschen Frauen, wobei dieser Vergleich nur den
Besuch eines nach Angabe Burckhardts selbst „ziemlich zwei-
deutigen Balles in den Champs Elys6es‘“ zur Grundlage hat155,
Derartige Aussprüche bezeugen nur, daß die entsprechenden
Schriftsteller von der Häuslichkeit und Familientreue sowie
der Geschäftstüchtigkeit, welche den Durchschnitt der fran-
zösischen Frauen in so hohem Grade auszeichnet!58, keine
Ahnung hatten,

4. Zur Soziologie von Geschlechtsmoral und Ehe,
L’Etat, c'est le grand voyeur.
Ce malotru se croit tout permis.
(Chaughi, p. 297.)
Die Monogamie ist vor allen Dingen aus patriotischen
Gründen häufig in Gefahr gewesen. Auf dem fränkischen
Kreistag zu Nürnberg 1650 wurde den Untertanen mit Rück-
sicht auf die starken Bevölkerungsverluste des Dreißigjährigen
Krieges die Doppelehe obrigkeitlich gestattet und empfohlen 157.
154 Gustav Schmoller, Zur Literaturgeschichte der Staats- und So-
zialwissenschaften, Leipzig 1888, Duncker, S. 192.

155 Werner von der Schulenburg, Der junge Jacob Burckhardt.
Stuttgart-Zürich 1926, Montana-Verl., S. 155.

156 Michels, Zur Soziologie von Paris, Zeitschrift für Völkerpsychologie
und Soziologie, Bd. I, Heft 3/4, Sept./Dez. 1925, S. 360, 363; Michels,
Francia Contemporanea, Milano 1927, Corbaccio, p. 240ff. Über die Er-
scheinungsformen der Liebe in Frankreich hat Otto Grautoff in seinem
Werke „Das gegenwärtige Frankreich‘ sehr viele interessanten Dinge gesagt
(Halberstadt 1925, Meyer, S. 27—43); Oscar A. H. Schmitz (Das Land
der Wirklichkeit, 4. Aufl., München 19714, Müller, S. 231) ist weit banaler.

157 Hanns Dorn, Strafrecht und Sittlichkeit. Zur Reform des deut-
schen Reichsstrafgesetzbuches, München 19097, Reinhardt, S. 5.
        <pb n="116" />
        Geschlechtsmoral und Ehe.

103

Noch in unserm Jahrhundert haben die christlichen Neger der
Republik Haiti es für eine vaterländische Pflicht erklärt, eine
möglichst hohe Anzahl unehelicher Kinder zu erzeugen. Der
Neger Dr. Janvier rechtfertigt diesen Standpunkt folgender-
maßen: Dans un pays qui a besoin d’&amp;tre peuple, si un homme
ayant plusieurs femmes peut tre le pere de cinquante enfants,
il est absurde de lui imposer une seule femme qui ne lui en
donnerait pas du tout. S’il se marie et reste sterile, ne commet-il
pas un crime de löse-patrie158? Wie groß die Versuchung zur
Nachahmung auch in den von Krieg und Grippe bedrängten
und dezimierten europäischen Ländern noch kürzlich gewesen
ist, weiß jeder, der den Weltkrieg miterlebt hat.

Der der Moralstatistik letztendlich zugrunde liegende Ge-
danke, daß die Erzeugung eines Kindes außerhalb der Ehe
unsittlich, diejenige eines Kindes in der Ehe indes sittlich sei,
ist schon deshalb nicht aufrechtzuerhalten, weil erstens die
Ehe an sich nicht auf sittlicher Grundlage zu ruhen braucht,
sondern oft auch eine „reine Geldehe‘“ sein ;kann. Die Zu-
sammensetzung der Begriffe Geld und Ehe drücken eine „alte
Wahrheit‘ aus, die nicht wenig dazu beigetragen hat, die Ehe
gerade in idealistischen Kreisen zu diskreditieren1%%, Ohne so
weit gehen zu wollen, läßt es sich doch nicht verkennen, daß
die Verbreitung gewisser Formen der Ehe, wie die Kaufehe
158 Les dö&amp;tracteurs de la Race Noire et de la Röpublique d’Haiti, r6-
ponses &amp; M. Leo Quesnel par Jules Auguste, Clöment Denis, Arthur Bowler,
Justin Devost et Louis-Joseph Janvier, Paris 1882, Marpin, p. 68.

ı59 Der ersten sozialistischen Frauenbewegung in Frankreich vor der
achtundvierziger Zeit galt die finanzielle Abhängigkeit der Frau vom Manne
als einziges Kriterium des Begriffes Prostitution, Daher die Verurteilung
der Ehe beispielsweise bei Flora Tristan: die Frau heiratet um Geld oder
um Liebe; im ersten Fall ist sie gerichtet, sie ist Ehedirne; wenn sie sich
im zweiten Fall irrt und der Mann sie betrügt, kann sie, falls ihr zum
Leben kein Beruf zur Verfügung steht, sich von ihrem Irrtum nur durch
eine zweite, diesmal definitive, Prostitution befreien. (Jules-L. Puech.
La Vie et l’'(Fuvre de Flora Tristan, Paris 1925, Rivi&amp;re, p: 344ff.)
        <pb n="117" />
        104

Dritter Teil.
und die Ehe auf der Basis der Duldung gegenseitiger Sexual-

freiheit, mindestens ebenso bedauerliche Indizien moralischer

Dekadenz in einem Volke sind als die Ausbreitung der Bordelle

oder des Straßendirnentums. Nach dem Weltkrieg hat die

Kaufehe, durch die pekuniäre Notlage vieler junger Männer

begünstigt, an manchen Orten ganz phantastische Formen

angenommen. Freilich haben in der modernen Ehepolitik auch
noch andere utilitaristische Elemente mitgewirkt. Englische

Statistiken erweisen, daß in diesem Lande des Riesenüber-
schusses an jungen unverheirateten Mädchen trotzdem die
Kriegerwitwen, wohl im wesentlichen wegen ihrer hausfrau-
lichen Schulung, eine besondere Anziehungskraft besitzen, so
daß die Männer sich geradezu um sie reißen. Nach den Ver-
öffentlichungen des Pensions-Ministeriums, das die Krieger-
witwenunterstützung bei Wiederverheiratung aufhebt, waren es
nach dem Kriege im ganzen 10300 Witwen von Offizieren,
denen Pensionen gezahlt wurden. Diese Zahl hatte sich 1922
auf 9700 verringert. Viel begehrter noch waren die Witwen
der Mannschaften. Pensionen wurden an 224 700 Soldaten-
frauen gezahlt. Diese Zahl war 1922 aber bereits auf 140000
zusammengeschmolzen; es heirateten 1922 durchschnittlich
2000 Kriegerwitwen im Monat160, Wenn das Heiraten in dem-
selben Maßstabe weitergegangen ist, so würden sämtliche eng-
lischen Kriegerwitwen heute wieder verheiratet sein.

Sogar in das Gebiet der freien Liebe vermag die geld-
mäßig bedingte Eheschließung einzudringen. Auch hierfür
möge die Anführung eines historischen Beispiels genügen.
Während der Pariser Belagerung 1870/71 hatte die Zahl der
wilden Ehen sehr abgenommen. Der Grund dafür bestand
darin, daß man in den städtischen Ämtern ‚den Frauen der
auf den Festungswerken kämpfenden Nationalgardisten die
Unterstützungsgelder erst nach genommener Einsicht in die
Be N a _
160 Manchester Guardian vom 22. August 19223.
        <pb n="118" />
        Geschlechtsmoral und Ehe.

105
Heiratsurkunde bewilligte. Um nun dieses 1,50 Franken pro
Tag betragende Geld zu erhalten, beeilten sich viele in’ freier
geschlechtlicher Gemeinschaft lebende Männer, ihr Verhältnis
zu einem gesetzlichen umzugestalten. Der Pariser Witz konnte
sich eine so schöne Gelegenheit zum Spott nicht einmal in
diesen schwersten Tagen der Gefahr entgehen lassen; so be-
zeichnete das Volk diese in rechtmäßige verwandelten wilden
Ehen scherzweise als ‚„mariages ä trente sous‘“161,

Nach einer Schätzung sollen überhaupt mindestens 750% der
modernen Ehen konventionelle, d. h. keine eigentlichen Liebes-
heiraten sein162, Für die Schätzung fehlt natürlich jeder Maß-
stab, sie entspricht nur empirischer Anschauung, kann aber,
wenn von objektiver Seite aus gesehen, immerhin wertvoll sein.
Einen Anhaltspunkt zur Beantwortung dieser Frage gewinnen
wir durch das Überhandnehmen der Methoden der beruflichen
Heiratsvermittlung und Heiratsanzeigen in der Zeitung. Diese
lassen sich sehr wohl sozial-ethisch dadurch gleichsam ent-
schuldigen, daß man sie aus den Bedingungen der Engigkeit
und geringen Geselligkeit, welche einen Teil des bedrückten
Mittel- und Beamtenstandes charakterisieren, heraus erklärt 163,
oder auch ökonomisch rechtfertigen, etwa als „Hilfe‘“ zur Be-
freiung vom Angewiesensein auf die Zufälligkeit des unmittel-
baren Auffindens des „‚Benötigten‘ 164 Auch die Eheberatungs-
161 Eugene Tallon, Vie morale et intellectuelle des ouvriers, Paris 1877
Plon, p. 334/335. .

162 Iwan Bloch, Das Sexualleben unserer Zeit, 2. Aufl., Berlin 1909,
S. 226. . |

163 Viktor Mataja, Heiratsvermittelung und Heiratsanzeige, München
1920, Duncker &amp; Humblot, S. 61f. — „Die Ehebewerber setzen sich haupt-
sächlich aus Angehörigen des geistigen Mittelstandes, namentlich Beamten
und Kaufleuten, zusammen. Unter den Frauen sind hauptsächlich berufs-
lätige zu finden, aber keine Akademikerin,“ (Philalethes Kuhn, Ehe-
vermittlung, im Handwörterbuch d. Sexualwiss., S. 146.)

164 Georg Simmel, Philosophie des Geldes, Leipzig ı9r0, Duncker
&amp; Humblot, S. 398.
        <pb n="119" />
        106

Dritter Teil.
stellen kämen als Heiratsvermittler in Betracht. Wenn ihr Zweck
auch in der Hervorbringung eines gesunden Nachwuchses, in
der Verhütung der Geburt erblich schwer belasteter sowie solcher
Kinder, die zwar gesund geboren werden könnten, indes infolge
großer Geschwisterzahl bei elenden wirtschaftlichen Verhält-
nissen mit größter Wahrscheinlichkeit verkümmern würden, be-
steht, d. h. nicht nur die Verhältnisse in der Ehe, sondern auch
deren etwaige Ergebnisse in den Bereich ihrer Sorgen ziehen
will, so ist diese Eheberatung doch trotz ihrer vorzüglichen
leitenden Gesichtspunkte ob des notwendigerweise in ihr stecken-
den Einschlags ökonomischer Orientierung nicht ganz von Be-
denken freizusprechen165, Als Kuriosum möge hier noch be-
merkt werden, daß selbst durch den Besuch der Pariser Maisons
d’llusion, Häuser, in denen geldbedürftige Mädchen aus den
mittleren und oberen Schichten unter dem Vorwande des after-
noon teas und gesellschaftlicher Veranstaltungen sich gegen
Geld prostituieren, nicht selten Ehen vermittelt werden1%6, Es
führen wirklich viele Wege nach Rom!

A
I

Ferner können aber, auch wenn die Voraussetzungen der
Ehe an sich sittlich unanfechtbar sind, Laster und schlechte
Gewohnheiten gerade auch der ehelichen Kindererzeugung den
Stempel der Unsittlichkeit aufdrücken. Es genügt, an die

165 Die Abwegigkeit der bloßen Eheberatungsstelle hat die
Berliner Zeitung (vom 9. Juni 1926) durch eine sehr witzige Kari-
katur mit Text angedeutet. Eine Frau mit einem elenden Säugling im
Kinderwagen und ein oder zwei nebenhertrippelnden rachitischen Geschöpf-
chen wird auf der Straße von einem Bekannten angesprochen: „Wo jehn
Se ’n hin mit Ihre Kinderchens?“ „Bei de Eheberatungsstelle, Frau Krüger,
fragen, ob wa unsen Pappa soll’n heiraten.“ (Hilde Grünbaum-
Sachs, Das Sexualproblem der Bevölkerungspolitik, in der Zeitschrift für
Sexualwissenschaft, XIII. Jahrg. (1926), 7. Heft, S. 230.)

166 Maurice Talmeyr, La Fin d’une Soci6te, Paris 1906, Juven,
D. 201.
        <pb n="120" />
        Geschlechtsmoral und Ehe.

107
Zeugung im Rausch an sich und an ihre Folgen zu erinnern 167,
Aus der Analyse der Motivreihen der ehelichen Fruchtbarkeit
resultieren häufig recht niedrige Triebe. Diese können zg. B.
durch den Fortpflanzungswillen schärfende Mutterschafts-
prämien erweckt werden, welche bevölkerungspolitisch günstig
zu wirken vermögen, aber doch den Eltern leicht den Gedanken
eingeben, mit der Erzeugung des Kindes ein Geschäft zu
machen 16. In England suchten zu Beginn des ı9. Jahr-
hunderts Distriktsarme die Wohltaten der Poor Laws dadurch
bis zur höchstmöglichen Grenze auszunutzen, daß sie eine mög-
lichst große Kinderzahl in die Welt setzten, da diese ihnen
erhöhte Armenunterstützung verschaffte169. Sie heirateten des-
halb auch mit Vorliebe uneheliche Mütter, die ihnen bereits
ein Kind, gleichsam als Heiratsgut, in die Ehe mitbrachten 17°
und ihnen gleichzeitig den Beweis fernerer Zeugungsfähig-
keit lieferten. Ein noch ausgesprochenerer Geschäftsgedanke
in der Kindererzeugung der Eheleute leitet auch den Ammen-
beruf verheirateter Frauen. In der Zeit der Findelhäuser war
es in Frankreich und Italien nicht selten, daß Eheleute ihre
Kinder aussetzten, nur in der Absicht, daß sich die Mutter als
Amme melde, um in solcher Eigenschaft dann ihr Kind aus der
Anstalt zur Verpflegung zu erhalten und damit einen Gewinn-
lohn zu verdienen !?1

Das Ammenwesen kommt noch in zweierlei Hinsichten für
uns in Betracht, die sittlich gleich verwerflich sind, aber sich
W671 Ike Spier, Zeugung im ARausche, in Die Neue Generation,
10. Jahrg., 4. Heft (1916), S. 199.

168 Daher haben sich die Erauenrechtlerinnen selbst während des Welt-
krieges gegen die Anwendung dieses Mittels gewehrt. (Gertrud Bäumer,
Weit hinter den Schützengräben, Jena 1916, Diederichs, S. 190.)

169 Deshalb empfahl eben Malthus eine auf das Notwendigste beschränkte
Armenunterstützung.

170 Bulwer, S. 156.

in CC, J. A. Mittermaier, S. 171; vgl. auch die Bestreitung solcher
Angaben bei Lamartine, S. 331.
        <pb n="121" />
        08

Dritter Teil.
statistisch ebenfalls nicht fassen lassen. Die eine ist, daß der
eheliche Beischlaf nur deshalb vollzogen wird, damit die Frau
sich als Amme vermieten kann. Unter Umständen auch unter
Gewaltanwendung seitens des Mannes (eheliche Ammen-
notzucht). Die zweite Erscheinung, auf die noch hinzuweisen
wäre, ist die ebenfalls durch die hohe Verdienstaussicht er-
folgte Ertötung der weiblichen Scham, welche Bauernmädchen
ohne jede Rücksicht auf Ehe oder nicht, ja unter Umständen
sogar unter ausdrücklicher Verzichtleistung auf dieselbe ver-
anlaßt, sich schwängern zu lassen!’2?, In beiden Fällen sind,
falls die Amme sich auswärts verdingt, die aus solchen Ehen
oder Verhältnissen entstehenden Kinder (Ammenkinder) der
Vernachlässigung und hoher Sterblichkeit ausgesetzt173, Über-
dies wirkt gleichzeitig der hohe Ammenlohn auf die übrigen
Hausbediensteten aufreizend und zu Nachahmung und schlech-
tem Lebenswandel verleitend174.

d) Übergang vonder Unehelichkeit zur Ehe-
lichkeit. Gesetzliche Anerkennung unehelicher
Kinder.

Die Ziffern der unchelichen Geburten sind aber moral-
statistisch noch auf ein weiteres Element hin zu untersuchen,
ein Element, das zu einer weiteren Reduktion ihrer Bestände
führen muß. Es muß bemerkt werden, daß die Ziffern der un-
ehelichen Kinder nicht nur durch die Geburten und Todes-
frequenzen in stetem Flusse bleiben, sondern daß ihnen auch

172 Süßmilch, Göttliche Ordnung I, S. 516.

173 Darüber entstand schon frühzeitig eine ganze Literatur, z. B. Jo-
hann Georg Jördensen {Pfarrer zu Gailsdorff im Voigtlande), Die sünd-
liche Ammen-Miethe, dadurch denen leiblichen Kindern, die ihnen von
Gott und der Natur weißlich bereitete Nahrung entzogen, und dahero das
ihnen offt angeborne gute Temperament verderbet, Leipzig 170g, Gleditsch.

174 E, Hirschberg, Die soziale Lage der arbeitenden Klassen in Berlin,
Berlin 1897, Liebmann, S. 284.
        <pb n="122" />
        Übergang von Unehelichkeit zu Ehelichkeit. 109
noch deshalb jede Stabilität fehlt, weil ein Teil der Unehelichen
im Laufe der Zeit in die Rubrik der Ehelichen überführt wird.
Wir sprechen hier von der gesetzlichen Anerkennung unehe-
licher Kinder durch den Vater, eine Handlungsweise, die durch
Motive wie Wiedergutmachung geschehenen Unrechtes, all-
mählich eingetretene Liebe zum Kinde, gutes Verhalten der
Mutter in den Zeiten nach der Geburt, hervorgerufen werden
kann, aber auch von vornherein in der Absicht des im Augen-
blick der Geburt des Kindes am Eingehen der Ehe mit der
Mutter aus besonderen Gründen verhinderten Vaters gelegen
haben kann. Einzelne Gesetzgebungen, wie die italienische und
französische, unterstützen übrigens die nachträglichen An-
erkennungen unehelicher Kinder noch besonders. Zumal ist
in der Pariser Arbeiterbevölkerung die Zahl der Geschlechts-
verbindungen groß, bei denen erfahrungsgemäß die Geburt
des Kindes der gesetzlichen Anerkennung desselben voranzu-
gehen pflegt. In der Tat weist z. B. die Statistik des Jahres
1912 neben 1526 bei der Geburt des Kindes vorgenommenen
Legitimationen (Anerkennung seitens des Vaters), 957 vom
Vater allein und 1116 von beiden Eltern zusammen vor-
genommene spätere Legitimationsakte auf. Wodurch die an-
gegebene Zahl der unehelichen Kinder naturgemäß eine ent-
sprechende nachträgliche Verminderung erfährt!75, Ähnliches
wird auch aus Italien176 und aus manchen, besonders agrari-
schen. Teilen Deutschlands berichtet177. In den industriellen

175 Annuaire Statistique de la ville de Paris. Annee 1912, Paris 1915,
„ 126.
’ 176 In Turin betrug in den Jahren zwischen 1804-—180%7 der Prozent-
satz der später als legitim anerkannten unehelichen Geburten 3,2 %. In
den Jahren 1900—1904 war er auf 6,9%, 1905 auf 7,1 % gestiegen.
([F. Abba], Progressi igienici sanitari e demografici della citta di Torino,
Torino 1906, Vassallo, p- 99.)

177 In Oldenburg sollen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts 48 %
der unehelichen Kinder, in der Pfalz 29,7 %, im übrigen Bayern 15 %
        <pb n="123" />
        140

Dritter Teil.
Teilen Deutschlands lassen es die Arbeiter meistens ‚gar nicht
so weit kommen; sie heiraten die Mutter schon, sobald das
Kind unterwegs ist178, Im ganzen ist in Deutschland der Be-
standteil der Unehelichen, der durch die Legitimation der
weiteren Beobachtung und Verfolgung entzogen wird, an-
nähernd so groß wie die Restgruppe der Unehelichen179.
Übrigens: von den ganz großen Städten abgesehen, ‚werden in
den agrarischen Distrikten mehr uneheliche Kinder geboren
als in den industriereichen. So weisen in Deutschland das
Rheinland und Westfalen relativ wenig uneheliche Geburten
auf. Spann hat in seiner gründlichen Untersuchung für Frank-
furt am Main nachgewiesen, daß die Vaterschaftsanerken-
nungen am relativ häufigsten bei den Kindern der Arbeiterinnen,
Haushälterinnen und Berufslosen sind. Spann weist dabei.nach,
daß der Prozentsatz der Vaterschaftsanerkennungen um so ge-
ringer ist, je höher die soziale Schicht der Mutter rangiert.
Die Gefahr einer Degeneration infolge seelischer Leiden der
Mutter in der Schwangerschaft wird somit für .die Früchte
des illegitimen Geschlechtsverkehrs in letzterem Falle ent-
schieden größer sein, während die eigentlichen proletarischen
Sprößlinge unter den Unehelichen häufig eine urwüchsige

per subsequens matrimonium legitimiert worden sein. (Roscher, Grund-
lagen der Nationalökonomie, S. 468.) — In Arnoldshain im Taunus sind
z. B. von den 145 von 1818 bis Oktober 1874 unehelich Geborenen 52,
also gut der dritte Teil, durch nachfolgende Ehe legitimiert worden. (Gott-
lieb Schnapper-Arndt, Fünf Dorfgemeinden auf dem Hohen Taunus.
Eine sozijalstatistische Untersuchung über Kleinbauerntum, Hausindustrie und
Volksleben, Leipzig 1883, Duncker, S. 159.)

8 Vgl. S, 30 unserer Abhandlung. — Vielfache Beobachtungen be-
stätigen, daß sich die Fabrikarbeiter relativ selten der Pflicht der Ver-
heiratung mit der schwangeren Geliebten entziehen, (Lily Braun, Die
Frauenfrage, ihre geschichtliche Entwicklung und wirtschaftliche Seite,
Leipzig 1901, Hirzel, S, 308.)

179 Kasten, S. 40.
        <pb n="124" />
        Neomalthusianismus.

111

Lebenskraft mitbringen 180, Es mag ferner erwähnt werden, daß
in jenen Gebieten, in denen die Unehelichkeitsziffern sehr hoch
sind, die Legitimationen selten sind 181,

Es erhellt und muß zugegeben werden, daß die Zahlen der
Legitimationsakte, die aus einem wachgehaltenen oder neu-
erweckten Vatergefühl entstehen und ein oft Mut erforderndes
Bekenntnis zum Kind bedeuten, mehr wie alle übrigen Er-
scheinungen der sogenannten Moralstatistik tatsächliche mora-
Jische Deutung zulassen. So daß aus einer Vermehrung der-
selben außer auf einen stattgehabten Wirtschaftsfortschritt
auch auf eine Schärfung des Gewissens geschlossen werden
darf.
In Italien kam lange Zeit auch die zivile Anerkennung zivil-
rechtlich vorehelicher Kinder aus kirchlichen Ehen, deren Kom-
ponenten sich auf die Dauer der Notwendigkeit einer Nach-
holung staatlicher Pflichten nicht zu verschließen vermochten,
in Frage182.
9. Neomalthusianismus.
Neben die Entstehung der unehelichen Geburten haben
manche Moralstatistiker die Nichtentstehung ehelicher Geburten
setzen wollen 183%, Der Neomalthusianismus in der Ehe wäre mit-
hin eine unmoralische Erscheinung an sich. Es liegt uns fern,
an dieser Stelle die damit gegebene Position anzugreifen oder
zu verteidigen. Bekanntlich haben die Neomalthusianer selbst
ihre Theorie absolut eudämonologisch gedeutet184,
10 Othmar Spann, Untersuchungen über die uneheliche Bevölkerung
in Frankfurt a. M., Dresden 1905; siehe auch Kommentar dazu von Max
Marcuse, Uneheliche Mütter, Berlin (1906), Seemann, S. 23. (Vgl. auch
S. 83ff. unserer Abhandlung.)

181 Spann, Lage und Schicksal der unehelichen Kinder, S. 22.

182 Napoleone Colajanni, Manuale di Demografia, vol. IL, Napoli
1904, Pierro, p. 229. (Ygl. S. 45£. unserer Abhandlung.)

183 Inama-Sternegg, Neue Probleme, S. 3083.

184 In der von Max Marcuse, Der eheliche Präventivverkehr, seine
Verbreitung, Verursachung und Methodik, dargestellt und beleuchtet an 300
        <pb n="125" />
        112

Dritter Teil.
Freunde einer neomalthusianischen Behandlung der Be-
völkerungsfrage halten übrigens dafür, daß ihre Methode zwar
die Zahl der Kinder beschränken, die der Ehen aber vermehren
werde, da im Falle der Anerkennung des Neomalthusianismus
die Ängstlichen oder ökonomisch Schwachen, aber Verant-
worlungsreichen, nicht mehr unter dem Drucke des Zeugungs-
zwanges oder der Bezeugungen der Mißbilligung seitens der
öffentlichen Meinung stehen und folglich sich leichter zur Ehe
entschließen würden185, Was heute bei überhandnehmender
Billigung der Präventivmaßregeln in manchen Staaten. tatsäch-
lich der Fall ist. Denn man darf wohl sagen, daß im Verlaufe
unter neomalthusianischen Voraussetzungen geschlossener Ehen
manche Liebe zum Kinde erwacht und in ihnen überdies
manche ungewollte Überraschung eintritt. So daß, so paradox
es klingen mag, bis zu einem gewissen Grade die These auf-
gestellt werden darf, daß der Neomalthusianismus als Stifter
sonst nicht zustande kommender Ehen endlich indirekt sogar
zu einer Erhöhung der ehelichen Geburtenzahlen führt oder
doch führen kann. Im übrigen haben die Neomalthusianer
häufig das eheliche und uneheliche Geburtenproblem unter
annähernd gleichen Gesichtspunkten behandelt 186.

Eine Frage erscheint uns aber auch bei diesem Problem der

Ehen (Stuttgart 1917, Enke) angestellten Enquete gelangt der Verfasser
zu dem Resultat, daß der Präventivverkehr ein allerelementarstes mensch-
liches Recht sei,

165 G. Roberto Fantini, Considerazioni intorno al problema sessuale,
Modena 1911, Formiggini, p. 19; Norman Haire, Hymen or the future
of marriage, London 1927, Kegan Paul, Trench, Trubner and Co., p- 86.

186 In dem ersten wissenschaftlichen Werk des Neomalthusianismus, dem
Buche von Joseph Garnier (Professor an der Ecole des Ponts et
Chausstes in Paris), „Du Principe de Population“ (Paris 1857, Garnier,
350 Seiten) ist seltsamerweise von einer Scheidung zwischen ehelichen und
unehelichen Geburten überhaupt nicht die Rede.
        <pb n="126" />
        Neomalthusianismus.

113

Moralstatistik von Wichtigkeit: die nach seiner statistischen
Meisterung.

Die Häufigkeit der Abtreibungen ist einer exakten statisti-
schen Erfassung nicht zugänglich. Manche Ärzte veran-
schlagen, daß in Deutschland jährlich 600— 700000 künst-
liche Aborte vorgenommen werden. Davon wird ein Teil von
Ärzten selbst vorgenommen, während bei Erschwerung der ent-
sprechenden Rechte der Ärzte alles gänzlich den Kurpfuschern,
den Engelmachern, den Schäfern, den weisen Frauen zufallen
würde187, Die Schätzungen, die in den Kliniken gemacht
werden, und die durch private Ermittelungen gewonnenen und
gesammelten Erfahrungen bieten aber keinen ausreichenden
Ersatz für das Fehlen einer exakten Zählung. Daß
die Abtreibungen einen großen Anteil am Rückgang der Ge-
burten haben, ist offenbar und wird medizinischerseits all-
gemein zugegeben18, Roesle glaubt, nach einem Analogie-
schluß auf Grund einer Abortusstatistik in Leningrad ‚auf die
betreffenden Verhältnisse in Deutschland, annehmen zu dürfen,
daß bei Austragung der abortierten Früchte die Geburtenziffer
sich um ein Fünftel höher stellen würde18% ‚Dieser Bruchteil
scheint uns etwas zu niedrig gegriffen zu ‚sein. Nach Doleris
und Boissard hätte sich vor dem Kriege die Zahl der Ab-
treibungen in der Zeitspanne von sieben Jahren in einzelnen
Orten Frankreichs verdreifacht. Budin schätzt die Zahl der
jährlichen ungesetzlichen Aborte in Frankreich auf 185000190,

187 Dührssen, S. 69/70.

188 A, Grotjahn, Die Zunahme der Fruchtabtreibungen vom Stand-
punkte der Volksgesundheit und Eugenik, im Archiv für soziale Hygiene
und Demographie, I. Band. Heft 3 (1926). S. 175. (Vgl. S. 6a ff. unserer
Abhandlung.)

189 E. Roesle, Die Statistik des legalisierten Abortus, in der Zeitschrift
für Schulgesundheitspflege und soziale Hygiene, 38, Jahrg., Nr. 10 (1925).

190 Charles Briand. Le depeuplement de la France, Paris 1919,
Bossard, p. 43.

Michels. Sittlichkeit in Ziffern.
        <pb n="127" />
        114

Dritter Teil,
Trotzdem soll‘ aber Sachkennern‘ zufolge angenommen werden
dürfen, daß auch bei einem etwaigen Verschwinden der Ab-
treibung der Geburienrückgäng‘ denselben Umfang behalten
könnte, da es gegenwärtig ungefährlichere und einfachere ge-
burtenverhindernde Mittel gebe als die Abtreibung 1%,

Savorgnan in Rom hat den Versuch unternommen, die Be:
tätigung allgemeiner neomalthusianischer Praktiken zur Be-
schränkung "der Kindererzeugung statistisch zu erfassen. Er
bediente sich zu diesem Zwecke der Tatsache, daß, wenn in
der Regel in neomalthusianistisch orientierten Ehen das Zwei-
kindersystem herrsche, doch infolge der Unvollkommenheit der
bisher bekannten Präventivmittel häufig gegen den Willen der
Ehegatten noch ein drittes Kind geboren werde. Da durch die
Anwendung von Schutzmaßregeln immerhin aber eine gewisse
Erschwerung und Verzögerung der Zeugung erreicht werde, so
liege die Annahme nahe, daß bei denjenigen Ehen, in welchen
neomalthusianistische Grundsätze herrschen, die Pause zwi-
schen der Geburt des zweiten und der des dritten Kindes eine
längere sei als bei solchen Ehen, in welchen dem Spiel der
Natur freie Hand gelassen werde. Einen interessanten. statisti-
schen: Beweis für die Zutreffendheit seiner Folgerungen konnte
Savorgnan durch einen Vergleich der durchschnittlichen
Zwischenpausen zwischen der zweiten und der dritten ‚Geburt.
in den Ehen mit drei und mehr ‚Kindern in. den alten souveränen
Fürstenhäusern sowie in denen der mediatisierten Fürsten-
häuser Deutschlands erbringen. Seine statistischen Resultate
stellten sich. nämlich folgendermaßen dar192:

1 Grotjahn, S. 195. |

192 Franco ‘Savorgna n,‘ Das Aussterben der adligen Geschlechter.
Statistisch-soziologischer Beitrag über die Fruchtbarkeit der souveränen und
mediatisierten Häuser, im Jahrbuch für Soziologie, Bd. ı, Karlsruhe 1925,
Braun, S. 332.
        <pb n="128" />
        Neomalthusianismus

115
Durchschnittliche Zwischenpause in Monaten:

zwischen der II. und der III. Geburt
Ehen
mit Kindern

Souveräne | Mediatisierte | Differenz
(a) (bi {a—b)

35,5
25.1

42,7
29,7

+24

—7,1
5 und mehr
Differenz | 10,5

20.0 | —95

Es ergab sich also erstens, daß in den souveränen Ehen, in
welchen der Präventivverkehr, im Hinblick auf die Notwendig-
keit der Fortpflanzung des Herrscherhauses, nur selten. vor-
kommt, die durchschnittliche Zwischenpause zwischen der
zweiten und der dritten Geburt bei Vorhandensein von. nur drei
Kindern um 7 Monate kürzer ist, als in den mediatisierten
Ehen. Zweitens stellte es sich heraus, daß in den Dreikinderehen
der mediatisierten Familien die Zwischenpause zwischen der
zweiten. und der dritten Geburt durchschnittlich um 20 Monate
länger gewesen war, als bei den mediatisierten Ehen mit fünf
Kindern und mehr. Die Annahme, daß die auffallenden Diffe-
renzen in der zeitlichen Aufeinanderfolge der Geburten auf
eine ziemlich häufige Anwendung von Präventivmaßnahmen
seitens mediatisierten Familien angehörender Ehepaare zurück-
zuführen seien, kann eventuell zutreffen. Allerdings muß in
Betracht gezogen werden, daß in Ehen, wo die Fruchtbarkeit
besonders groß ist, naturgemäß auch kürzere Pausen zwischen
den einzelnen Geburten eintreten. werden, als in weniger frucht-
baren Ehen, auch wenn in diesen keine neomalthusianistischen
Verhütungsmittel angewandt werden. Darauf weist — mehr
wohl als auf den von Savorgnan angedeuteten „Verdacht“, daß
auch den Souveränen unter den Ehegatten „die willensmäßige
        <pb n="129" />
        116

Dritter Teil,
Beschränkung der Kinderzahl nicht ganz fremd sei‘“193 —
die auch in den souveränen Ehen sich bemerkbar machende
Differenz von 10% Monaten in der Zwischenpause zwischen der
zweiten und dritten Geburt in. den Ehen mit fünf und mehr
Kindern im Vergleich mit den Dreikinderehen.hin. Die Tat-
sache aber, daß diese gleiche Differenz in den mediatisierten
Ehen fast doppelt so groß ist, läßt sich unzweifelhaft im
Savorgnanschen Sinne auslegen. Der Versuch einer neomalthu-
sianistischen Statistik ist also immerhin so weit als gelungen
zu betrachten, als die von Savorgnan benutzten Handhaben sie
gestatten. Daß sie sich lediglich auf solche neomalthusianisti-
schen Ehen erstrecken kann, in denen ein ungewollter Mangel
des Verhütungssystems ein drittes Kind entstehen ließ, beein-
trächtigt indes natürlich den praktischen Wert einer solchen
Erhebung.

Ein anderer Anhaltspunkt für die statistische Ermittlung der
Ausbreitung neomalthusianistischer Ehepraktiken ergibt sich
aus den von Bachi angestellten Vergleichen zwischen dem Aus-
maß der Abnahme der Geburtenziffern und dem der Abnahme
der Eheschließungen. So konnte Bachi z. B. für Turin fest-
stellen, daß in dem Halbjahrhundert von 1862 bis 1912 die
Indexziffer der Eheschließungen — 1862 = 100 gesetzt — auf
72,66, diejenige der Geburten aber auf 44,99 zurückgegangen
war. In einem 30—40 km von der Großstadt entfernten Um-
kreis dagegen war der Unterschied in der Abnahme der Ge-
burten und der der Eheschließungen ein weit geringerer: der
Index, der ersteren war nur auf 70,38, der der letzteren auf
86,35 zurückgegangen. Bachi schließt daraus, daß der Neo-
malthusianismus in der Großstadt bereits viel fester Fuß gefaßt
habe, als auf dem Lande, daß er aber immerhin :auch dort
bereits im Vordringen begriffen sei. Die von ihm ermittelten

193 Saite 333.
        <pb n="130" />
        Ehescheidung.

117

Zahlen schienen Bachi den Beweis dafür zu liefern, daß ‘der
„Neomalthusianismus weit schneller um sich greife als der
Malthusianismus‘“ 194.

3. Ehescheidung.
Ein weiteres moralstatistisches Kriterium wird in der Zahl
der Ehescheidungen erblickt.

Die Zahl der Ehescheidungen sagt aber über die Zahl der Ehe-
brüche nichts Entscheidendes aus, Weder führt ‚jeder Ehebruch
zur Ehescheidung — zur Ehescheidung dürfte sogar nur ein
verschwindender Bruchteil der Ehebrüche führen — noch liegt
der ausgesprochenen Ehescheidung bekanntlich notwendiger-
weise Ehebruch zugrunde. Noch irrtümlicher wäre es, die Höhe
der in einer Bevölkerung vorkommenden Ehebrüche aus der
Zahl der dort vor sich gehenden Eifersuchtsdramen, Gatten-
morde oder Anzeigen des Mannes betreffs Ehebruchs der Frau
entnehmen zu wollen. Hier würde, wie Colajanni sehr mit
Recht bemerkt1%, wollte man schon Schlüsse ziehen, immer
noch eher der umgekehrte Schluß gezogen werden müssen,
nämlich der, daß je mehr Ehebruchsdramen irgendwo ent-
stehen, desto mehr angenommen werden dürfe, daß die Ehe im
Volke als feste und heilige Institution gewertet werde. Denn die
Jaxe Eheauffassung, wie sie einen beträchtlichen Teil der nörd-
lichen Länder im Gegensatz zu den südlichen kennzeichnet und
zum Teil auch Norditalien von Süditalien 'scheidet (der Ehe
wohnt in Palermo eine ganz andere Festigkeit inne als etwa in
Turin), würde es zu Ehedramen gar nicht kommen lassen. Hier
ist je nach der Berechtigungs- und Zweckmäßigkeitsfrage des
Einzelfalls zu unterscheiden. Als statistisch festgestellte Massen-

14 Riccardo Bachi, Saggio su alcune influenze demografiche della
grande cittä sul territorio circostante, Roma, Officina Poligrafica Italiana.
p- 16£.

1955 Napoleone Colajanni, Latini e Anglo-Sassoni. Razze inferiori
£ razze superiori. 2 Ed., Roma 1906, Rivista Popolare, p. 87.
        <pb n="131" />
        118

Dritter Teil.
Erscheinung jedoch darf die Ehescheidung getrost als ein so-
ziales Übel, hervorgerufen durch die besonderen Charakteri-
stiken jedes massenpsychologischen Verhaltens, wie psychische
Ansteckung sowie Minderung des Verantwortlichkeitsgefühles,
angesprochen werden. Einige Worte über die Ehescheidung als
Gruppenerscheinung. Hier wäre zumal auf einige Kreise der
Politiker und der Literaten, zumal in Deutschland und in Frank-
reich, zu verweisen, denen man mit der Behauptung kaum Un-
cecht tut, ihnen sei die allfällige Ehescheidung fast zur Kon-
vention geworden, In diesen Kreisen wird es der auswärtige
Freund bei seinem Besuch kaum mehr wagen, sich nach dem
Befinden der Gattin zu erkundigen, weil er sich stets die peinliche
Antwort wird vergegenwärtigen müssen, es sei nicht mehr die-
selbe.
Ernster noch ist die Situation, wenn die Ehescheidung
nicht nur als Gruppenerscheinung, sondern sozusagen gleich
einer von der Gesetzgebung selbst ausgehenden Krankheit,
welche mehr oder weniger gleichmäßig den ganzen Volkskörper
umfaßt, auftritt. Nach den Angaben des statistischen Bureaus
der Vereinigten Staaten wurden im Jahre 1923 in Amerika
165000 Ehen geschieden; das bedeutet eine Ehescheidung auf
je 7,5 Eheschlüsse. Im Jahre 1905 waren nur 68000 Schei-
dungen ausgesprochen worden, so daß im Laufe von achtzehn
Jahren die Zahl der Scheidungen um mehr als 140 0%, gestiegen
ist, während die Bevölkerung in der angegebenen Zeit nur um
rund 30 % zugenommen hat. Die Zahl der Scheidungen wächst
zur Zeit vier- oder fünfmal so rasch wie die Bevölkerungs-
ziffer, und das Ende ist noch nicht abzusehen. Im Jahre 1922
traf im Staate Oregon auf je 2,5 Ehen eine Scheidung, in
Wyoming eine Scheidung auf 3,9 Ehen; in Montana war das
Verhältnis ı zu 4,3, in Missouri ı zu 4,7, in Oklahoma ı zu 4,8.
in Texas 1, zu 4,9, in Kalifornien ı zu 5,1, in Ohio ı zu 5.2.
        <pb n="132" />
        Ehescheidung,

„19
in Indiana ı zu 5,4, in Kolorado ı zu:5,5, in Kansas ı zu 5,7
und in Maine ı zu 5,8. ;

Bei einem Vergleich dieser Ehescheidungsziffern mit denen
anderer Länder führt Charles A. Ellwood, Professor der Sozio-
logie an der Universität von Missouri, das folgende aus1%9a;

„In der Schweiz, wo eine Ehescheidung ebenso leicht zu er-
reichen ist wie in den Vereinigten Staaten19%, fällt erst auf
jeden sechzehnten Eheschluß eine Scheidung. In andern Län-
dern ist die Verhältniszahl noch geringer: in Frankreich eine
Scheidung auf 21 Ehen, in Dänemark ı.zu 22, in Deutsch-
land x zu 241%, in Norwegen ı zu 30, in Schweden ı zu 33, in
Großbritannien ı zu 96, in Kanada sogar ı zu 161. Selbst das
heidnische Japan hatte im Jahre 1919 weniger Scheidungen
als die Vereinigten Staaten, nämlich eine Scheidung auf acht
hen.“
Diese Zahlen, heißt es weiter, werden nur angeführt „als
Symptome für den heutigen Zustand unseres amerikanischen
Familienlebens; sie zeigen, daß in ihm etwas ‘von Grund auf
verkehrt sein muß. Kann man heute noch von dem Ideal des
christlichen Heims in der amerikanischen Gesellschaft spre-
chen, nachdem Amerika in einem einzigen Jahr mehr Ehe-
scheidungen ‘ aufzuweisen hat als die übrigen christlichen
Kulturvölker zusammen? Und doch ist die Scheidung vielleicht
noch nicht einmal das schlimmste Übel in unserem Familien-
19%a Charles A. Ellwood, Sociology and modern social problems, 2 ed.
New. York 1924, American Book Company, Kapitel VIII. — Vgl. auch
Ernest R. Mowrer, Family Disorganization. An introduction to sociological
analysis, Chicago 1927, The University of Chicago Press, p. 33£.

196 Was in dieser Allgemeinheit ausgesprochen freilich nicht zutrifft.

19a In Berlin zum Beispiel. haben die Ehescheidungen in erschreckender
Weise zugenommen. Während in den sechziger Jahren des vergangenen
Jahrhunderts eine Scheidung auf je 23 Ehen entfiel, wurde in den letzten
Jahren vor dem Kriege eine Scheidung auf je 10, und im Jahre 1924 sogar
auf je 6 Ehen ausgesprochen. Mit diesen Daten hatte Berlin amerikanische
Verhältnisse erreicht.
        <pb n="133" />
        120

Dritter Teil,
leben. Aber jedenfalls zeigt sie die dringende Notwendigkeit,
unsere heidnischen Anschauungen, unseren Individualismus in
bezug auf die Familie durch einen sozialeren, christlicheren
Standpunkt zu ersetzen. Wir müssen das Kind zum Mittelpunkt
der Familie machen und mit allen Mitteln das Kind und das
Familienleben gegen heidnische und materialistische Anschau-
ungen schützen‘ 197,

Ein besonders gefährliches Element besteht in der in Amerika
häufig angewandten Eheversicherung gegen Scheidung, Die Ehe-
versicherung hat für die Frau zweifellos den großen Vorzug, sie
ökonomisch zu stützen, d. h. sie eine unlieb gewordene Ehe ohne
die Befürchtung eines mit der Auflösung der Ehe eventuell
verbundenen finanziellen Ruins lösen lassen zu können. Die Ver-
ringerung dieser Gefahr durch die Eheversicherung würde die

197 Die immer mehr überhand nehmende Mode reicher Amerikaner, ihre

Ehen in Paris scheiden zu lassen, hat dem Pariser Rechtsanwalt und Ehe-
scheidungsspezialisten Adrien de Pachmann, Sohn des berühmten Pianisten
und Stiefsochn des Dreyfus-Verteidigers Labori, eine reiche Praxis ein-
gelragen; er, der es wissen muß, hat sich kürzlich einem Vertreter der „New
York Evening Post‘ gegenüber recht abfällig über seine Klienten aus-
gesprochen: „Unglaublich ist die Leichtigkeit, mit der die Amerikaner eine
Ehe schließen und wieder aufgeben. Sie heiraten ohne Vorbedacht, und sie
lassen sich ohne Nachdenken scheiden. Unter Leichtigkeit verstehe ich den
offensichtlichen Mangel an Bedauern. Ich habe niemals einen amerikanischen
Klienten, Mann oder Frau, zusammenbrechen sehen; selten daß einer einmal
ein wenig traurig aussieht. Sie kommen hieher mit hoffnungsvollen Blicken,
so wie man wegen eines Leidens zum Arzt geht; aber sie sind, das können
Sie mir glauben, vergnügter als kranke Leute! Und nachdem sie fröhlich
die erforderlichen Schriftstücke unterzeichnet haben, eilen sie davon — ver-
mutlich zum Schneider, zur Putzmacherin, zu den Kabaretts von Mont-
martre, zu den tausend Zerstreuungen, die Paris einem gebrochenen Herzen
bietet. Aber ich erinnere mich nicht an ein gebrochenes amerikanisches
Herz, Lustig ist dabei die echt amerikanische Vorstellung, daß eine ständige
Prozession von Scheidungslustigen aus Amerika nach Paris zieht. In Wirk-
lichkeit werden durchschnittlich im Jahr nur etwa hundert amerikanische
Ehen in Paris geschieden. Man hört nur deswegen so viel von ihnen, weil
die Betreffenden gewöhnlich bekannte Angehörige der amerikanischen Ge-
sellschaft sind.‘
        <pb n="134" />
        Ehescheidung.

121

bestehende Ehe insofern stärken, als das innere Band und die
idealen Kräfte das Übergewicht in ihr erhalten würden. Vom
weiblichen Standpunkt aus gesehen, könnte die dank der Ver-
sicherung erreichte größere Zuversicht und Bewegungsfreiheit
der Frau den Mann in Schach halten und das Niveau der ganzen
Ehe steigern. Dagegen steht aber das prinzipielle Bedenken, daß
die Eheversicherung das Grundprinzip des Versicherungswesens,
das in der Schwerkraft des Zufalls gegeben ist, durchbricht.
Denn bei der Eheversicherung, die auf freien Willen gestellt
ist, kann von einem Eintreten von Ereignissen, die der Will-
kür entrückt sind, keine Rede sein. Man kann umgekehrt sehr
wohl die Eheversicherung als Anreiz zur Herbeiführung abzu-
wendender Ereignisse bezeichnen. Die Scheidungsversicherung
vermag folglich nur in ihrer Kombination mit einer Eheprämie
etwa in Form einer Versicherung, welche für den Fall der Schei-
dung eine Summe zusichert, die sich mit der Zahl der Ehejahre
steigert und nach einem längeren, etwa zwanzigjährigen Ehe-
bestand ein Anrecht auf die Eheprämie gibt, der verwerflichen
Tendenz zu entgehen, dem Leichtsinn der Eheschließung und
Ehetrennung noch weiteren Vorschub zu Jeisten1%, In Amerika
wirkt der merkwürdige, die Frauen dem Manne gegenüber stets
bevcrzugende Geisteszustand der Richter, der die Ansetzung der
bei Scheidungen fälligen, vom Manne der Frau zu zahlenden Ali-
mente und Monatsgehalte über Gebühr erhöht und durch die
Veröffentlichung der Richtersprüche mit der Photographie der
Begnadeten in der Tagespresse noch die Prämie des Lobes und
dar Berühmtheit verbindet!9?, noch als ein weiteres Stimulans
198 Robert Scheu, Die Eheversicherung, in „Die Frauen-Zeit“, Beilage
der Zeit (Wien), 14. Oktober 1902.

199 So bringt die illustrierte Seite der Chicago Daily Tribune (The
World’s Greatest Newspaper) vom 23. Juli 1927 die Photographie einer
sehr koketten jungen Dame (von der Pacific and Atlantic Photo) mit folgen-
der Unterschrift in großen Lettern: Wins Separation, und darunter Mrs,
Bud Fisher, wife of cartoonist, to get $ 400 a week (Story on page 2).
        <pb n="135" />
        122

Dritter Teil.
zu ehelicher Unbeständigkeit oder doch sittlich unstatthafter
Ausnützung fremder Verschuldung, d. h. in beiden Fällen zu
einer Zerrüttung der Ehe.

Die Gesamtzahl der geschiedenen Frauen in Amerika wird
auf 250000 angegeben?00, Demgegenüber will es seltsam an-
muten, daß die Einwanderungsgesetze der Union die geschiede-
nen Ausländerinnen als undesirables Element betrachten, und
daß sich in ihrer Einwanderungsgesetzgebung eine Bestimmung
über die Nichtzulassung einwandernder Geschiedener befindet,
oder wenigstens doch ein solcher Passus, aus welchem eine der-
artige Bestimmung herausgelesen werden kann. Bekanntlich hat
die amtliche Verweigerung der Zulassung im Falle der eng-
lischen Gräfin Casthcart im Februar 1926 in der amerikani-
schen Presse zu lebhaften Debatten geführt. Dabei war das
Hauptargument der Abgewiesenen, nämlich die Aufstellung der
Frage, was die Hereinlassung der Einen der Moral eines Landes,
welches über eine Viertelmillion geschiedener Bürgerinnen ver-
füge, für ein Unheil hätte zufügen können, nicht ohne Würze.

Eine Zunahme der Ehescheidungen ist auch in Europa fest-
zustellen. In der dänischen Hauptstadt hat die Zahl der Ehe-
scheidungen beinahe die Höhe der amerikanischen erreicht. Sie
belief sich in Kopenhagen nach der Statistik von 1923 auf
nicht weniger als 1150, d. h. auf 14% der im gleichen Jahre
stattgefundenen Eheschließungen. Für ganz Dänemark ist die
Zahl. der Ehescheidungen, die 1921 noch 1390 ausmachte,
1923 schon auf 1872 gestiegen, was 7% der Eheschließungen
bedeutet. In Norwegen liegen die Verhältnisse wesentlich gün-
stiger; nur in der Hauptstadt Oslo (Christiania) scheint die
Entwicklung einen ähnlichen Verlauf zu nehmen wie in Däne-
mark. In Oslo betrug‘ die Zahl der Ehescheidungen von 1901
200 67,5 0% der Scheidungen wurden 1906 von der weiblichen Ehehälfte
verlangt. (Fritz Voechting, Über den amerikanischen Frauenkult, Jena
t913, Diederichs, S. 497.)
        <pb n="136" />
        Ehescheidung.

123
bis 1904 etwa 60 im Jahre; 191 x bis. 1915 dagegen schon 200
und in den letzten Jahren etwa 250 jährlich. Der Prozentsatz
der Scheidungen von den Eheschließungen betrug in Oslo vor
20 Jahren 7%, vor 10 Jahren 2% %o und jetzt 9 % 2%, Selbst
in der ruhigen und abseits gelegenen Schweiz wuchs die Zahl
der Scheidungen in den Jahren von 1886 bis 1890 und 1916
bis x920 von 4410 auf 91019, d. h. weit über‘ die ent-
sprechende Zunahme der Bevölkerung hinaus. Wobei es wohl
als wichtig, nicht aber als entscheidend betrachtet werden kann,
daß sich, wenn auch nur auf Grund einer ungenügenden Motiv-
statistik und auch das erst von 1891 bis 1900 an, ‘gleichzeitig
die Zahl der wegen Ehebruchs, Nachstellung, entehrenden
Strafen und böswilliger Verlassung geschiedener Ehen um
einiges vermindert haben soll (immer unter der Annahme, daß
die Scheidungspraxis in der ganzen Zeit unverändert geblieben
sei). Die Isolierung der Rubrik Ehebruch ergibt jedoch in der
gleichen Periode wiederum eine leichte Vermehrung 202.

Daß sich auch dieEhescheidungsstatistik zu Vergleichen moral-
statistischer Natur unter den einzelnen Nationen nicht eignet,
geht vollends aus der Tatsache hervor, daß z. B. in England
die niedrigen Ehescheidungsziffern wohl wesentlich als Folge-
erscheinung der beispiellos kostspieligen Prozeßverhältnisse zu
betrachten sind2%. Auch der gänzliche Ausfall gesetzlicher
Ehescheidungen darf natürlich beileibe nicht als sicheres
Symptom hochstehender Sittlichkeit betrachtet werden. Schon
deshalb nicht, weil die Rechtszustände eines Landes, sei €s aus
Gründen eines politischen Überwiegens katholischer Parteien,
sei es aus Rücksicht auf die Schaffung oder Erhaltung eines
20 KA. Wieth-Knudsen, Frauenfrage und Feminismus, Vom Alter-
tum bis zur Gegenwart, Stuttgart 1926, Franck, S. 66—679.

208 Fritz Mangold, Der moralische Stand der schweizerischen Be-
völkerung, in der Zeitschrift für schweizerische Statistik und Volkswirt-
schaft, 61. Jahrg., Heft 4, 1925, S. 411.

203 Voechting, S. 46.
        <pb n="137" />
        124

Dritter Teil.
möglichst großen Bestandes zahlreicher und vielköpfiger Fami-
lien, wie es z. B. in Italien der Fall ist, wo 1926 eine stati-
stische Aufnahme das Vorhandensein von über 20000 Familien
mit über zehn Kindern festgestellt hat?%, die Entstehung von
Ehescheidungsparagraphen gar nicht zuzulassen brauchen. Das
Nichtvorhandensein einer Lösung besagt mithin natürlich
nichts über die Eventualfolgen bei Voraussetzung des Vor-
handenseins und. läßt die von der Moralstatistik gestellte Frage
offen 205, Immerhin wäre zu betonen, daß die Nichtexistenz eines
Ehescheidungsparagraphen das außereheliche Geschlechtsleben
der Verehelichten gewiß nicht zu verhindern vermag. Noch ver-
sperri sie der Bildung von Konkubinaten den Weg. Im italieni-
schen Auswanderungswesen z. B. bemerkt man eine Kategorie
von Auswanderern, aus Eheleuten bestehend, die nur deshalb
über den Ozean fahren, um sich über dem Meere eine neue,
iNlegitime Familie zu gründen 206,
204 Mitteilung des Ufficio Stampa der Zentralregierung vom 10. August
1926. Nach der vom Staate zusammengesetzten Statistik entfallen diese
20000 Familien mit über zehn Kindern auf folgende Provinzen: Treviso
1032, Milano 865, Padova 788, Udine 785, Bari 781, Napoli 677, Venezia
668, Firenze 602, Lecce 600, Trento 60oo, Siracusa 599, Bergamo 570,
Roma 517, Vicenza 438, Modena 360, Caserta 347, Avellino 320, Brescia
3ar, Salerno 300, Potenza 298, Cuneo 283, Reggio Calabria 262,
Ancona 260, Torino 257, Reggio Emilia 249, Bologna 228, Genova
225, Como 221, Verona 220, Lucca 208, Belluno 202, Potenza
200, Parma 104, Forli 180, Catanzaro 178, Catania ı72, Palermo
172, Ferrara 167, Pola 159, Piacenza ı81, Rovigo 143, Pesaro ı42,
Alessandria 133, Messina 132, Taranto 130, Chieti 130, Mantova 122, Aquila
117, Novara 116, Girgenti ır4, Cagliari z08, Perugia 101, Teramo 100,
Sassari 100, Massa 96, Foggia 85, Cremona 8o, Campobasso 73, Trapani
79 Benevento 70, Ascoli 65, Sondrio 63, Macerata 55, Caltanissetta 50,
Ravenna 49, Pavia 44, Arezzo 36, Spezia 32, Trieste 30, Pisa 29, Livorno
20, Fiume 16, Siena 14, Grosseto 12, Imperia 4, Zara 1.

205 Vgl. die trefflichen Ausführungen von Franz ZiZek, Fünf Haupt-
probleme der statistischen Methodenlehre, München 1922. Duncker &amp; Hum-
blot, S. 32.

208 Siehe mein Buch „Sozialismus und Faszismus in Italien‘, S. 89.
        <pb n="138" />
        Sexualkriminalistik .

OR

Noch einige Bemerkungen, um die Komplexität auch dieses
moralstatistischen Problems anzuzeigen. Bei Voraussetzung
rechtlich oder wirtschaftlich erschwerter Ehescheidung haben
die leichtfertig und unbedachtsam geschlossenen, also sittlich
auf nicht großer Höhe stehenden Eheschließungen „wenig-
stens die günstige Seite‘, daß sie die unehelichen Geburten-
ziffern relativ klein erhalten?07. Endlich wäre, wenn Wahrung
des intimen Wesens der Ehe und Sorgfalt für die Kinder als
der eigentliche Kern der legalen Monogamie (im Englischen:
institution for the etablishment and protection of homes)
betrachtet werden sollen, so daß ihre Verletzung die Eheschei-
dung rechtfertigte, sicherlich nicht nur der Ehebruch allein
Rechtsgrund dazu, sondern ebenso alle anderen Arten von Zer-
streuungen, einerlei ob gesellschaftlicher oder sportlicher
Observanz, welche die Eltern dem häuslichen Leben ent-
fremden, und vielleicht sogar noch mehr entfremden als der
Fhebruch selbst 208.
4. Sexualkriminalistik.

Die Moralstatistik bedient sich auch der Rückschlußziehung
aus der Zahl der Sexualverbrechen 2082, Soweit diese geschlechts-
unreife Kinder zum Gegenstand haben, ist Rückschlüssen eine
gewisse Berechtigung nicht abzusprechen, Doch sind die hier
zur Verfügung stehenden Ziffern zu minim. Physisch und mora-
tisch ist natürlich zwischen geschlechtsreifen „Kindern“ und
noch völlig unausgebildeten Kindern zu scheiden. Mit Recht
weisen Kenner der Sexualfrage darauf hin, daß jedes Mädchen
drei Alter habe: eines dem Lebensalter nach, ein anderes seiner
Intelligenz nach und ein drittes seiner körperlichen Entwick-
lung nach 208, Dennoch ist die Heraufsetzung des Schutzalters
207 Bergmann, S. 124.

208 H. G. Wells, An Englishman looks on the World, London 1914,
Cassell, p. 216.

2082 Vgl. S. 74 unseres Buches.

208b Lindsey. 1. c., p. 63.
        <pb n="139" />
        KA
LA&amp;l

Dritter Teil.
zu billigen. Der amtliche Entwurf des Allgemeinen Deutschen
Strafgesetzbuches schützt absolut die Kinder nur bis zu
14‘ Jahren, die Schweizer Gesetzgebung bis zum 16., die däni-
sche bis zum 15. Jahre?

Noch ungünstiger wie bei der statistischen Erhebung von
Sexualverbrechen an Minderjährigen verhält es sich unter moral-
statistischen Gesichtspunkten mit der Statistik der an Erwachse-
nen begangenen Notzuchtdelikte,

Der Ermittelung der Notzucht bietet sich ein Hindernis in der
Schwierigkeit ı. ihrer Begriffsdefinition, 2. in ihren psycho-
logischen Voraussetzungen und 3. ihrer juristischen Feststell-
barkeit.

Über die Begriffsdefinition der Notzucht herrscht größte Un-
einigkeit. Deutsche Juristen aus dem siebzehnten Jahrhundert,
wie Carpzovius, wollten das Vorhandensein der Notzucht nur
im dreifachen Verneinungsfalle anerkennen, nämlich falls das
Mädchen (oder die F rau) weder vor, noch während, noch selbst
nach der Begehung des Geschlechtsaktes ihre Freude ausge-
drückt oder Zustimmung gegeben habe210, Dem Gedanken liegt
dis Erscheinung zugrunde, daß das Libidoelement sich im Ver-

laufe. der Handlung auch dann einzustellen vermag, wenn ıhr
Beginn koerzitiven Charakter trug2!1, Notzucht würde sich dem-
zufolge nur dann einstellen, wenn der Charakter seelischen
209 G. W, Mittermaier, Strafrechtsreform auf dem Gebiete. der Sexual-
delikte in: „Zur Reform des Sexualrechtes‘‘, Bd, IV von „Sexus‘, Mono-
graphien aus dem Institut für Sexualwissenschaft in Berlin (Hirschfeld),
1926, S. 9.

210 „Nec ex sola minitiatione praesenti judicandum nisi constituit con-
stäntem ‚et perpetuam fuisse: puellae reluctationem,“ Deshalb stellte er den
Satz .auf, daß es sich um eigentliche und strafbare Notzucht nur in dem
Falle handeln könne, in welchem sich die Haltung des Mädchens als „displi-
centia ante coitum, in eodem et post eundem testata‘“ ergebe. (Benedicti
Carpzovii Praticae Novae Imperialis Sassoniae Rerum Criminalium,
Francofurte ad Moenum MCXXLVIII, Pars I, p. 218.)

211 Siehe die berüchtigte Stelle bei Choderlos de Laclos, Les Liai-
sons Dangereuses, Nouv, Ed., Paris 1907, Bauche, p. 144.
        <pb n="140" />
        Sexualkriminalistik.

127

Schmerzes und physischer Abwehr des Mädchens während der
Insgesamtheit der geschlechtlichen Handlung in allen ihren
Phasen persistierte. Bisweilen wurde in Rechtssätzen noch
weitergegangen. Von der Auffassung ausgehend, daß über-
haupt nur unbescholtene Mädchen weibliche Ehre besäßen,
während Bescholtene auf diese definitiv Verzicht geleistet
hätten, gestattete z. B. der Artikel 321 des Schwabenspiegels
dem Manne den fahrenden Weibern gegenüber auch gewalt-
same Umarmungen. In der Aufklärungszeit des 18. Jahrhun-
derts bestritt Voltaire die Möglichkeit einer Notzucht bei jedem
ernstlichen Widerstreben des Mädchens. Nach $&amp; 130 des öster-
reichischen ‚Gesetzes wurde die Tat nur dann straffällig, wenn
sie unter. Vorzeigung‘ mörderischer Waffen, oder mit vorher
stattgehabter Fesselung oder von Mehreren gemeinschaftlich
begangen wurde. Erst das Preußische Allgemeine Landrecht
von 1794 glaubte bei der Feststellung des in Frage ‚stehenden
Deliktes auf diese Beschränkung verzichten zu müssen?1?, Als
Überbleibsel der obigen Auffassung enthält in Deutschland noch
das geltende Recht die Bestimmung, daß „diejenigen Mäd-
chen, denen die Unbescholtenheit in geschlechtlicher Hinsicht
abgeht..., für seines Schutzes nicht mehr bedürftig . oder
würdig... seine Hilfe angedeihen lassen kann der Staat nur
denjenigen Mädchen, bei denen selbst der Wille vorhanden oder
vorauszusetzen ist, ihre geschlechtliche Reinheit zu wahren“
(RGE. in Strafs. 37, S. 95/96) #5. ;

Dementsprechend ist auch eine Ausnahmebehandlung des
Fötus der Genotzüchtigten berechtigt. In Deutschland sind Slım-
men laut geworden, die über die Vorschläge des Strafgesetz-
entwurfs von 1919 noch hinausgehen. Es soll Straffreiheit
der Abtreibung schlechthin zugebilligt; werden, wenn die

212 Dorn, S. 21. .
213 F, E. Traumann, Geschlechtsehre , im Handwörterbuch der Sexual-
wissenschaften, S, 223,
        <pb n="141" />
        128

Dritter Teil.
Schwangere die Frucht infolge von Notzucht empfangen hat,
wenn eine kranke oder sieche Nachkommenschaft zu erwarten
steht, oder wenn die wirtschaftliche Aufziehung des Kindes
der Mutter, den Eltern oder den sonst zum Unterhalt gesetzlich
Verpflichteten unmöglich ist. Zweifellos sind diese Vorschläge
aus sittlichen und sozialen Gründen erwägungswert?i4, In
Frankreich und Belgien wurde das Recht auf künstliche Ent-
ledigung der Leibesfrucht für die vom Feinde Kriegs-
geschwängerten gesetzlich festgelegt?14a, Juristische Schulen be-
trachten auch die Entführung als eine Art Notzucht oder doch
als eine zu dieser verleitenden, und auch bei formaler Willigkeit
des Mädchens doch dessen klares Bewußtsein ausschließende
Handlung. Daher die Sonderstellung der Söduction selbst im
Code Napoleon. Dieser war bekanntlich der Nachforschung
nach der Vaterschaft gegnerisch gesinnt, weil er die Vaterschaft
mehr „moralisch‘“ als physisch fassen wollte. Es war völlig im
Geiste dieses Code gesprochen, wenn Emile de Girardin die
recherche de la paternite mit folgenden negativen Argumenten
zu charakterisieren versuchte: „Le droit de recherche de la
paternite, qu'il soit exerc6 par la möre exclusivement ou ‚par
la möre et les enfants inclusivement, est un droit dont l’exercice
n’aboutit et ne saurait aboutir jamais qu'au scandale et qu'au
doute. Il est aussi destructeur du prestige de l’autorit&amp; pater-
nelle qu'incompatible avec la r6alit6 de la piete filiale. La pater-
nite qui est imposee n’est plus la paternite, et le fils qui s’adresse
aux tribunaux pour reclamer d’eux un pere vise sa fortune
et non sa tendresse?15,‘““ Und doch gestattete der in sexuellen
Fragen so skeptische Code Napol6on von seinem Verbot der
Nechforschung nach der Vaterschaft eine Ausnahme, nämlich

214 Staatsanwalt W ulffen, Das Weib als Sexualverbrecherin, _ zitiert
bei Dührssen, S, 89.

214a Vgl, p. 81 unseres Buches.

215 Emile de Girardin, La libert6 dans le mariage par l’6galite des
enfants devant la möre, Paris 1854, Librairie Nouvelle, p. 61.
        <pb n="142" />
        Sexualkriminalistik.

A129

eben den Fall der Entführung, falls diese die Geburt eines
Kindes zur Folge hatte und der Zusammenhang dieser beiden
Tatbestände nachgewiesen werden konnte?16,

In der juristischen Praxis stößt indes die Feststellbarkeit der
Notzucht auch in der Gegenwart auf unerhörte Schwierigkeiten.
Kinderaussagen, Aussagen von Mädchen in der Pubertätszeit,
Aussagen von Frauen und Mädchen während der Menstruations-
perioden veranlassen den Juristen heute zu immer zunehmen-
der Vorsicht in der Wertung der Zeugenaussagen 217,

Endlich ist fernerhin nicht zu leugnen, daß dem in Frage
stehenden Problem auch das Wesen des an sich draufgängeri-
schen männlichen Geschlechtstriebs inhärente Schwierigkeiten
bereitet 218, Und auch ein Element des weiblichen Geschlechts-
charakters bildet seiner Natur nach ein Attenuans, wenigstens
für die von Leidenschaften diktierten, nicht unmittelbar explo-
siven, wohl aber sich evolutiv bis zur Explosion entwickelnden
männlichen Triebe, nämlich eine gewisse Form der Koket-
terie 219: das sich zugleich Gewähren und Versagen**®,

216 J, M. M. Franchi, Cours d’enseignement. sur le Code Napol6on,
Turin 1813, Bianco, vol. II, p. 106.

217 Hans Groß, Kriminalpsychologie, 2, Aufl., Leipzig 1905, Vogel,
S. 403ff., 623, sowie derselbe, Handbuch für Untersuchungsrichter als
System der Kriminalistik, 4. Aufl,, München 1904, Schweitzer, Bd. I.
S. 100; über Simulierung vgl. S. 25,

218 „Und doch sind diese Handlungen (Notzucht), so ungeheuerlich sie
manchmal anmuten, zunächst noch nichts anderes als eine einfache Über-
steigerung geschlechtlicher Ausdruckstendenzen.“ (A. Kronfeld, Artikel
Sadismus, im Handwörterbuch der Sexualwissenschaft, 1. c., S. 674.)

219 Henry Fink, Romantic Love and personal Beauty (vgl. Kapitel:
Flirtation and Coquetry), London 1887, Macmillan; Georg Simmel, Die
Koketterie, in Philosophische Kultur. Gesammelte Essais, Leipzig 1911,
Klinkhardt, S. ı01ff.; Robert Michels, Zum Problem der Koketterie,
in: Probleme der Sozialphilosophie, Leipzig 1914, Teubner, S, 94£f.; Leo-
pold von Wiese, Artikel Koketterie, im Handwörterbuch der Sexual-
wissenschaft, S. 380/381.

%20 Diese weibliche Eigenschaft hat alten erfahrenen Juristen schon vor
200 Jahren größte Bedenken eingeflößt. „Non nunquam enim grata est,
Michels, Sittlichkeit in Ziffern, $
        <pb n="143" />
        130

Dritter Teil.
Selbst das Nichtvorhandensein der geschlechtlichen Zeu-
gungsfähigkeit schützt übrigens keineswegs vor Begehung un-
moralischer Handlungen, wie man das an Greisen beobachten
kann. Bei jüngeren Männern hat man feststellen wollen, daß
funktionelle Störungen des männlichen. Geschlechtes (unge-
nügende Erektion und Ejakulation sowie Impotenz) häufig zu
hypochondrischen Zuständen führen, die sich dann. in krimi-
nellen Akzessen wie Notzuchtsversuchen entladen können. Ferner
sollen andererseits methodische Enthaltsamkeit und neomalthu-
sianische Praktiken ebenfalls die Kriminalitätschance zu erhöhen
imstande sein 221.
Nicht zum unehelichen Geschlechtsverkehr im engeren Sinne
and noch weniger zur Notzucht ist der noch in manchen. bäue-
rischen Gegenden Süditaliens übliche Mädchenraub, ratto
(raptus), (in Apulien auch scesa genannt), zu rechnen, ein alter
Brauch, bei welchem die Flucht stets im gegenseitigen Einver-
ständnis der Liebesleute und in der überwiegenden Mehrzahl
den Fälle auch dem der Eltern erfolgt, und welchem die offi-
zielle Trauung, unter Umständen auch ohne erfolgte Deflora-
tion des Mädchens, auf dem Fuße zu folgen pflegt 222

Bestimmten Weltanschauungsarten und modernen Straf-
rechtsschulen, welche im Liebesakt unter allen Umständen gegen-
seitigen Willen und Hingabe verlangen, gilt die Notzucht als
vel ex post facto sit ista vis puellis, saepe reluctantes in terram conjectae
ac denudatae, tandem inter Juctandum risu, gestibus, verbisque In amplexum
ruunt, quo easu tantum abest ut de vi conqueri quoeant, ut potlius stüpri
voluntari reae sint.“ (Carpzovii Praticae Novae, Pars I, p- 218.)

221 Amilcare Taralli, Impotenza e nevrastenia nei loro rapporti con
la criminalitä, im Bericht über den VII. Internat. Kongreß f. Kriminal-
anthropologie, Köln a. Rh., 9.—13. Oktober 1911, S. 395/96.

222 Dig Viazzi, N Ratto, Commento alle disposizioni del Codice Pe-
nale HHaliano, in der Enciclopedia Giuridica Italiana, vol. XIV, Parte 1
(Milano 1897), p. 10.
        <pb n="144" />
        Sexualkriminalistik.

131
keineswegs ausschließlich außereheliche Erscheinung. Für
sozialistische Schulen, wie die von Owen, besteht die sittliche
Berechtigung zum Koitus überhaupt nur im Falle der abso-
luten Gegenseitigkeit des Verlangens 22,

Aus ähnlichen Momenten heraus ist auch von ärztlicher und
von ethischer Seite der erzwungene oder doch brüske Vollzug
des Beischlafs an der jungen Frau unter den Begriff der Not-
zucht gestellt worden. Das gilt vor allem für das Verhalten des
Bräutigams in der Brautnacht ??*, Hier ist Balzac mit seinem
Axiom im Recht: le sort d’un menage depend de la premiere
nuit2%, Es gilt aber auch für das übrige Eheleben. Im
sozialistisch beeinflußten Dänemark soll sogar ein Eherechts-
gesetzentwurf in Vorbereitung sein, welcher den seine Frau zum
Geschlechtsgenuß nötigenden Ehemann unter Strafe stellt.
Manche Ethiker gehen mit solchen Voraussetzungen einig 226,

228 Helene Simon, Robert Owen. Sein Leben und seine Bedeutung für
die Gegenwart, Jena 1905, Fischer, S. 192£.

224 Ehrenfels, S. 465; Amalie Skram, Verraten, München 1899,
Langen, S. ı4ff.; Grete Meisel-Heß, Fanny Roth, eine Jung-Frauen-
Geschichte, Berlin, Seemann, S. 56; Lily Braun, Memoiren einer So-
zialıstin, München 1909, Langen, S. 13; Ella Grün, Ehen werden im
Himmel geschlossen, in der „Zukunft“, Jahrg. XIX, Nr. 10. — Dazu kommt
noch ganz allgemein, wie sich Fourier schon 1808 ausdrückte, la publicit6
scandaleuse qu’on apporte parmi nous aux c6&amp;remonies du mariage, o&amp; Von
avertit une ville entiere que, tel jour, un libertin, un roue, va deflorer une
jeune innocente. (Charles Fourier, Theorie des quatre mouvements et
des destinees generales, 2° ed, Oeuvres completes, tome I, Paris 1841, aux
bureaux de la Phalange, p. 259g.)

225 Balzac, Physiologie du mariage, p. 58.

226 Besonders genau ausgearbeitet ist dieses Recht, zusammen mit dem
Recht der Frau auf das eigene Bett und die eigene Wohnung, in einer in
der Revue de morale sociale in Paris erschienenen Artikelserie von Lucien
Le Foyer, Esquisse d’un Code nouveau du mariage (3&amp;me Annte 1901,
n. 10—12, vgl. z. B. p. 269ff.). — Über die juristische Seite der pri-
vaten Vereinbarungen zwischen Ehegatten im geltenden Eherecht vgl.
Martha Bänninger, Verträge zwischen Ehegatten über die personen-
rechtlichen Wirkungen der Ehe. Diss. Zürich, Innsbruck 192%, Wagner,

nn
        <pb n="145" />
        [32

Dritter Teil.
wenn die Besonneneren auch aus Rücksicht auf die Intimität
der Ehe und aus dem Grundsatz, nur in dringenden Fällen zu
Strafandrohungen zu schreiten, von der Verfolgung abraten227

Derartige mit mehr oder weniger Reserven ausgesprochene
Postulate der Strafbarkeit bestimmter Geschlechtsbeziehungen
in der Ehe werden außer aus psychologischen Voraussetzungen
‘Recht der Frau auf ihren Körper, welches eine Verweigerung
desselben auch dem Ehemann gegenüber einschließt), auch aus
physiologischen Prämissen abgeleitet. Das gilt zumal für die
Periode der eingetretenen Schwangerschaft, welche manchen
Ärzten und manchen Frauen zufolge ein Aufhören des eroti-
schen Triebes bedeutet: „Die Frau hat von dem Augenblick ihrer
Empfängnis an das Gefühl des Gesättigtseins. Was das Weib
verlangte, die Mutterschaft, hat es erreicht, und nun hat ihre
Natur nur noch das Verlangen nach Ruhe. Ganz unbedingte
Schonung aber erheischt die Natur in den sechs bis acht letzten
Wochen vor der Niederkunft. Was hier an Weib und Kind ver-
brochen wird, ist furchtbar und schmachvoll. Was müssen
beide in solchen Augenblicken rohester Vergewaltigung
leiden !‘“228, Auch Hegar meint; daß es ein Unrecht sei, der Frau
eheliche Pflichten aufzuerlegen, während es umgekehrt des
Mannes Pflicht sei, ihr nichts zuzumuten, was ihr schlecht
bekäme. Ansonsten man ruhig von Geschlechtssklaverei reden
dürfte 29, Dieser Forderung der Ärzte und Feministen entspricht
das tatsächliche Verhalten mancher wilder Välkerschaften. bei

S. 79. — Viele moderne feministische Schriftsteller tendieren zu Frei-
1eit in der Ehe auf rechtlicher Basis. (Ellen Key. S. 22. 23.)

27 Dorn, S. 23.

28 Landmann, Beiträge zur Kenntnis des geschlechtlichen Emp-
indens des’ schwangeren und stillenden Weibes. Oranienburg (Mark) 1917,
Eden, S. 17.

“9 Alfred Hegar, Die Untauglichkeit zum Geschlechtsverkehr und
zur Fortpflanzung, in der Politisch-Anthropologischen Revue. Jahrg. I
(1902), S. 99.
        <pb n="146" />
        Sexualkriminalistik.

133

denen den Männern während der Schwangerschaft wie bei den
sehr langen Perioden der Stillung ihrer Weiber jeder Umgang
mit ihnen verboten ist.

Das sehr ernste Problem des weiblichen Geschlechtsreservates
hat freilich auch noch einige andere Seiten. Eine derselben
liegt in der bei den einen durch ihre Physis bedingten, bei den
anderen in der durch falsche Traditionen und mangelhaftes
Bekenntnis zur Schönheit des Sinnenlebens und des mensch-
lichen Körpers hervorgerufenen geschlechtlichen Frigidität des
(ehelichen) Weibes, welcher von vielen Ärzten die Hauptschuld
am außerehelichen Liebesleben des Mannes gegeben wird 2,
Im einzelnen berichtet darüber in richtiger Grundstimmung
ein zielbewußter Antifeminist: „Ziemlich bekannt ist die Tat-
sache, daß scheinbar geringfügige Störungen, Angstzustände
oder das Gefühl der Unsicherheit genügen, um selbst bei sonst
nervenstarken, gesunden und warmen Frauen die volle erotische
Entladung zu verzögern oder gar zu verhindern. Man kann
daher verstehen, daß die heutige feministische Richtung an
sich schon geeignet ist, die bereits vorhandene große Zahl
weißer Frauen, die aus anderen, mehr physischen Ursachen
erotisch impotent sind, noch weiter zu erhöhen. Lehnt doch
der Feminismus die psychische Unterwerfung, Hingabe und
Selbstauslöschung der Frau im Willen des Mannes ab, obwohl
dies gerade eine der wichtigsien Bedingungen für die Er-
reichung höchsten Glückempfindens ist %1 "
230 Vgl. spezifisch hinsichtlich der deutschen Frauen Robert Hessen,
Die Prostitution in Deutschland, München 1910, Langen, S. 48f£.; Robert
Michels, Grenzen der Geschlechtsmoral, S. 155; Oskar Pfister, Die
Liebe vor der Ehe und ihre Fehlentwicklungen. Tiefenpsychologische Unter-
suchungen im Reiche des Eros, Bern u. Leipzig 1925, Bircher, S. 197. — Für
die gleiche Erscheinung bei den amerikanischen Frauen vgl. Lucie Saint-
Elme, A läge mouille, 1. 6, p. 738. — Als Gefahr ist die weibliche Ge-
schlechtsanästhesie schon angegeben bei Diderot, Sur les Femmes, in
Oeurvres, }. c., p. 252.

231 Wieth-Knudsen, S. 92.
        <pb n="147" />
        134

Dritter Teil.
„Bei den Wilden ist Sinnlichkeit ebensowenig Sünde wie
Hunger und Durst.“ „Eros bedeutet ursprünglich ja Appetit,
wie schon die Helden Homers häufig die Kraft und Aufrichtig-
keit ihrer Liebe dadurch beteuern, daß sie diese mit dem
Hunger nach einer Hekatombe Ochsen vergleichen...‘ ‚Das
Naturweib kulminiert fast immer ebenso schnell und leicht
wie der Mann, ja die Auslösung aller Wirkungen vollzieht sich
bei dem Weib geradezu automatisch 22.“

Insgesamt etwa 40% aller modernen weißen Frauen sind
dagegen als erotisch impotent zu bezeichnen; davon sind 20%
unheilbar. Dieser Prozentsatz „kann von keinem Mann und
durch keine ärztliche Behandlung aus seiner erotischen Lethar-
gie aufgerüttelt werden ...‘“, „während ein Teil der nächsten
25% heilbar ist, selbst wenn die Hemmungen so groß sind,

daß in Wirklichkeit nur eine geringe Anzahl von Männern sie
zu überwinden vermag.‘ Die meisten Männer aber haben
„etwas Besseres zu tun‘, „als viele Jahre ihres Lebens zu
opfern, um erotisch anästhetische Frauen in die intimsten
Mysterien der Liebe einzuweihen, die ihnen sonst unbekannt
und verschlossen bleiben‘“28, Das Maximum weiblicher Gleich-
gültigkeit aber wird von einem protestantischen Züricher
Pfarrer berichtet, Es besteht in dem Ausspruch einer in außer-
ordentlich glücklicher Ehe lebenden Frau: „Das Geschlecht-
liche wäre mir ganz gleichgültig; nur ärgert es mich, daß man
nicht gleichzeitig dabei Strümpfe stricken kann 24.“

„Wer weiß, wie peinlich und entwürdigend es für höher-
stehende männliche Naturen ist, auf den Verkehr mit den
vielen sexuell anästhetischen Frauen angewiesen zu sein, wird
verstehen, daß aus den Tropen heimkehrende Europäer die
Malaiin, Polynesierin oder Japanerin, die vor Freude laut auf-
232 Wieth-Knudsen, S. 88,
283 S, 86.
4 Pfister, S. 120.
        <pb n="148" />
        Prostitution.

135

schreien, wenn er sie nur mit der Hand berührte, ‚als Geliebte
entschieden der eiskalten weißen Frau vorzieht, die sein erotisches
Entzücken nur mit Verachtung betrachtet... Und dieses Unrecht
begeht die Frau am Manne, wenn sie sich einbildet, daß sie
geräde aus diesem Grunde ein ‚höheres‘ Wesen sei als der
Mann, während sie doch in Wirklichkeit ein defektes Indivi-
duum, eine bedauernswerte Invalidin ist, der alten Wahrheit
gemäß, wonach keine Anmaßung sich mit dem Dünkel der
Unwissenheit messen kann235 .‘

5. Prostitution.

Schon in seinen im Jahre 1755 an der Universität Neapel
begonnenen Vorträgen hat Antonio Genovesi auf die Not-
wendigkeit eines internationalen Vorgehens in der Bekämpfung
des Bordellwesens und der Lustseuchen aufmerksam ge-
macht236.
Unter die Gradmesser der Sittlichkeit in einem Volke hat
man auch die Zahl der in ihm lebenden Prostitmierten rechnen

235 Wieth-Knudsen, S. 88/89. — Eine englische Frauenärztin, Mrs,
Stope, rät dem Mann, gewissermaßen mit dem Kalender in der Hand, die
erotischen Perioden der Frau herauszufinden. „Jedes diesbezügliche Zeichen
soll er genau beachten und danach ihr Wohlwollen sorgfältig vorbereiten und
anregen, ehe er zur Tat schreitet. Um den Blödsinn der Stopeschen Idee zu
vervollständigen, fehlt nur noch der Vorschlag, daß der Mann, um nicht
ungelegen zu kommen, jedesmal vorher einen besonderen Antrag auf einem
vom „Verein der Ehefrauen“ genehmigten Formular einreichen muß. Dabei
gehört Mrs. Stope aber noch lange nicht zu den rabiatesten Feministen!“
(Wieth-Knudsen, S. 89.) Hier irrt der Antifeminist. Das Herausfinden
der erotischen Perioden des Weibes, wenn nötig an der Hand des Kalenders,
mag dem an Perioden nicht gebundenen, ewig „bereiten“ Mann psychisch
nicht liegen und ihn abstoßen, ist aber dennoch als Ausdruck der physio-
psychologischen Geschlechtspolarität von Mann und Weib eine praktisch be-
achtenswerte Erleichterung des Sichverstehens und folglich ein gutes erotisch-
sudämonologisches Rezept.

286 Antonio Genovesi, Lezioni di Commercio o sia di Economia civile,
Aufl. Milano 1820, Silvestri, p. 84.
        <pb n="149" />
        136

Dritter Teil.
wollen. Gegen ein solches Vorhaben spricht in erster Linie
schon die Untauglichkeit der Mittel: erstens die Ungenauigkeit
der offiziellen (administrativen) Unzuchtsstatistiken; zweitens
die Unmöglichkeit eines statistisch verwendbaren Kriteriums
der Prostitution.

Anbei einige willkürlich herausgegriffene Zahlen, wie sie
uns die Spezialisten übermitteln:

In Breslau entfielen in den Jahren ı1866—1882 auf je
tausend Einwohner etwa fünf polizeilich eingetragene Dirnen
(1866: 4,34; 1882: 5,42)27, In Paris wurden deren 1812:
2,1, 1835: 4,3, 1880: 1,6 festgestellt238,

Für Berlin wurde nicht allzulang vor dem Weltkrieg die
Gesamtzahl der gewerbsmäßigen Prostituierten auf 20000 ge-
schätzt, so daß „jede fünfundzwanzigste reife Berlinerin (ein-
schließlich der Vororte) für eine Vielheit von Männern käuf-
lich wäre‘ 239,

Solche Ziffern sagen natürlich sehr wenig oder gar nichts
aus. Wenn auch das Ideal der Polizei darin besteht, alle Dirnen
zu registrieren, so wird dieses Ideal doch niemals erreicht.
Die Zahl der filles insoumises (geheime Prostitution) dürfte
(in Paris) stets um das Zehn- bis Zwanzigfache größer als
die der filles soumises sein, von der sogenannten Gelegenheits-
prostitution ganz zu schweigen 240. In den drei Städten Stuttgart,
237 Kuno Frankenstein, Die Lage der Arbeiterinnen in den deut-
schen Großstädten, in Schmollers Jahrbüchern XII (1888), S. 185.

28 Yyes-Guyot, La Prostitution. Paris 1882, Charpentier, p. 324.

130 Hessen, S. 27/28.

240 In Paris wurde die Zahl der femmes en carte im Jahre 1888 auf
30000 berechnet; nicht weniger als 17000 Prostituierte wurden im gleichen
Jahre in das Frauengefängnis von Saint-Lazare eingeliefert (wobei freilich
voraussichtlich wiederholte Arretierungen der gleichen Person mitgezählt
waren). Die Gelegenheitsprostitution wurde auf das Vierfache, d. h. auf
120 000 geschätzt. (M. d’A., Cinquante annees de visites &amp; Saint-Lazare,
Paris 1889, Fischbacher, P- 297.) — An ähnlichen Schwierigkeiten sind
seit jeher alle Versuche einwandfreier zahlenmäßiger Feststellung der Pro-
        <pb n="150" />
        Prostitution.

137

München und Karlsruhe schwankte, Neher zufolge, 1912 die
Zahl der geheimen Prostituierten zwischen 112 und 120 auf
100000 Einwohner 2% Auf keinem Gebiete der Statistik dürfte
aber die Methode der Schätzung „bodenloser‘““ sein als auf dem
der Prostitution.

Nebenbei bemerkt: Wenn die weiblichen Zahlen schon
schwankend sind, so fehlt für die männlichen Benutzer der
Prostitution jeder statistische Anhaltepunkt sowie, mehr noch,
jeglicher Wille zur Statistik. „Toute une population masculine
est solidaire, bien entendu, des vices de ces legions de prosti-
tuges. A-t-on tente d’en operer le recensement? Ce ne serait
que justice242!‘ Für diesen an sich begreiflichen Gram der
Feministen gibt es hingegen keine statistische Remedur. Für
den Großteil der romanischen, slawischen und skandinavischen
jungen Männer gilt das gleiche, was Willy Hellpach für
Deutschland aussagte: „Der überwältigenden Mehrzahl unserer
Junggesellen ist das sexuelle Vergnügen eine Selbstverständ-
lichkeit, wie ihr Skat, ihre Vereinsabende, ihr Glas Bier; und
von den wenigen, die anders leben, entfällt ein Teil in das
Register der Schüchternheit oder der Armut (sie möchten
stituierten gescheitert. Zur Zeit des 1394 in Frankfurt a. M. abgehaltenen
Reichstages wurden dort 800 Dirnen gezählt; zu den Konzilien von Basel
und Konstanz sollen 1500 fahrende Frauen herbeigereist sein. Der in seiner
Eigenschaft als Reichsmarschall die Aufsicht über die Prostituierten füh-
rende Herzog von Sachsen suchte in Basel eine Zählung der während des
Konzils dort anwesenden Dirnen zu veranstalten, konnte aber sein Vorhaben
nicht zu Ende führen, da der mit der Zählung Beauftragte die Folgen
seiner Arbeit fürchtete (Karl Bücher, Die Frauenfrage im Mittelalter,
2. Aufl, Tübingen 1910, Laupp, S. 49) oder, wie andere vermeinen,
deshalb in der Mitte seiner Aufgabe stecken blieb, weil es bei dem Mangel
jeglicher polizeilicher Meldevorschriften und dem Versagen des Über-
wachungsdienstes unmöglich war, die Schlupfwinkel und Quartiere der zu-
gezogenen fahrenden Weiber zu ermitteln.

241 A, Neher: Die geheime und öffentliche Prostitution in Stuttgart,
München und Karlsruhe, Paderborn 1912, Schöningh,

242 M. d’A. Cinquante annees de visites a Saint-Lazare, p. 297.
        <pb n="151" />
        138

Dritter Teil,
schon, aber sie kommen nicht dazu), ein anderer Teil ist ehelich
enthaltsam, wagt aber von dieser Grundsatzfestigkeit kein
Aufhebens zu machen, ja, man tut wohl selber so, als unter-
scheide man sich in nichts von der Majorität. Und die paar
jungen Männer, die sich bewußt der Sitte entgegenstemmen,
sind an den Fingern zu zählen. Es ist aber klar” daß damit
der außereheliche Geschlechtsakt den Nimbus des Ungewöhn-
lichen verliert‘“24%, Vielleicht muß dem noch eine weitere Aus-
nahme und Motivierung hinzugefügt werden: das christliche
Moment; aber freilich, allzu große Hoffnungen sind auch darauf
nicht zu setzen: die Zahl der christlichen Jünglinge beider Kon-
Fessionen, die sich nur aus religiöser Zucht des Geschlechts-
verkehrs enthalten, dürfte denkbar gering sein. Was unsere
Zwecke anbelangt, so wissen wir also über die Prozentsätze der
Männer, welche ihren Geschlechtstrieb bei Prostituierten oder
bei Frei-Liebenden befriedigen, nichts, oder doch wenigstens
nichts, was sich statistisch in Ziffern bringen ließe; von Selbst-
liebo und Homosexualität ganz abgesehen.

Der Begriff der Prostitution deckt die ethisch, zumal aber
ästhetisch und sozial verschiedenartigsten Erscheinungen. „Die
heterogensten Bilder führt sie uns vor Augen: leuchtende,
glühende Sonne, Gesänge, Tänze, Umzüge, geistvolle und ge-
lehrte Gespräche, Perikles und Aspasia, und dann: in dunklen
Gassen mit sich und der Welt zerfallene Geschöpfe, heimlich
gesucht und offen verleugnet, den Schutzmann auf der Ferse
und Schutz suchend bei dem Strolch, der sie mißhandelt und
ausplündert, krank und Krankheit verbreitend, auf die An-
&lt;lagebank gezerrt, wo sie Meineide schwört, bald im Hospital
ınd bald im Gefängnis243.‘“ Hiermit sind die beiden Pole inner-
halb der extralegalen Erscheinungswelten der gewerblichen
Geschlechtsliebe treffend gegeben. Aber eben nur die beiden

sata Willy Hellpach, Unser Genußleben, 1. c., S. 104.
248 Schnapper-Arndt, Sozialstatistik, S. 525.
        <pb n="152" />
        Prostitution.

430

Pole. Denn die wesentliche Phänomenologie bewegt sich zwi-
schen beiden 244,

*44 Einem ausgezeichneten Artikel in der Frankfurter Zeitung (Die Sitten-
polizei, in der Frankf, Zig. vom 27. Okt, 1912, 57. Jahrg., Nr. 298) ent-
nehmen wir: „Prinzipiell ist die gewerbsmäßige Unzucht nach dem gel-
tenden Recht (mit gutem Grunde) nicht strafbar. Die Dirne darf ihrem
Gewerbe nachgehen; sie muß sich aber der sittenpolizeilichen Aufsicht
unterstellen lassen und die „zur Sicherung der Gesundheit, der öffent-
lichen Ordnung und des öffentlichen Anstands“ erlassenen Polizeivorschriften
beachten. Nur wenn sie sich der Sittenkontrolle entzieht oder die polizei-
lichen Vorschriften übertritt, macht sie sich nach dem $ 36x, Nr. 6 des
Strafgesetzbuchs strafbar. Wie tritt nun diese Kontrolle in die Erscheinung
und welches sind ihre Wirkungen? Sie wird Tatsache in einer Welt, in
der alles fließt. Nichts scheint ja klarer und fester umrissen zu sein
als der Begriff der gewerbsmäßigen Unzucht (der Hingabe des Körpers
gegen Entgelt an beliebige Personen), aber was in der Idee ganz eindeutig
dasteht, kann deshalb in der Wirklichkeit doch schwanken. Tatsächlich gibt
es denn auch selbst bei diesem Begriff zahlreiche Übergänge und Grenz-
fälle. Von der absoluten Ehrbarkeit bis hin zum ausgesprochenen „Laster“
führt da eine ununterhrochene Reihe von Stufen. „Du fängst mit einem
heimlich an, bald kommen ihrer mehre dran, und wenn dich erst ein
Dutzend hat, so hat dich auch die ganze Stadt.“ Und wie es mit der
Zahl der Liebhaber geht, so auch mit der Art der Beziehungen zu ihnen.
Der äußere Tatbestand läßt hier durchaus nicht immer einen sicheren
Schluß zu. Wenn zwei junge Leute ein „Verhältnis“ eingehen und der
Mann den Unterhalt seiner Geliebten bestreitet, so kann diese Beziehung
moralisch durchaus hochwertig sein, sie kann aber auch rein geschäfts-
mäßig und auf der Seite der Frau Dirnentum sein, — in diesem Fall auf
gleicher Höhe etwa mit einer Ehe stehend, in der sich die Frau an einen
reichen Mann (oder der Mann an eine reiche Frau) verkauft hat. Es
können sich auch beide Voraussetzungen, Sympathie und Berechnung, mi-
schen, und tatsächlich mischen sie sich, in der Ehe wie im freien Ver-
hältnis, in der mannigfaltigsten Weise. Der Senatspräsident Schmölder
führt in seiner beachtenswerten Schrift über die Prostitution und das Straf-
recht folgende Fälle an: „Eine Frau hat ein festes Verhältnis. Sie wechselt

es, verkehrt dann schon gleichzeitig mit zwei, drei Männern, so daß der
Tatbestand der gewerbsmäßigen Unzucht gegeben ist. Dann aber entflammt
wieder die Liebe zu einem Mann; sie bleibt ihm auch für das Leben treu.
Eine Saisonarbeiterin wird durch die arbeitslose Zeit auf die Straße ge-
worfen. Sie empfindet aber Ekel und kehrt bald zu irgendeiner ehrlichen
Arbeit zurück, Eine andere Arbeiterin kommt durch das Verlangen nach
        <pb n="153" />
        140

Dritter Teil.
Das Gesetz kennt nur starre Normen und schließt vor allen
Zwischenstufen die Augen. Das Gesetz weist in sexueller Hin-
sicht nur zwei Gruppen auf: Kontrollmädchen, d. h. Mädchen,
deren Unsittlichkeit kontrolliert und abgestempelt worden ist,
und anständige Frauen. Was der ersten Kategorie nicht an-
gehört, fällt ohne weiteres in die zweite. Beide sind wie durch
einen Abgrund voneinander getrennt, über den der eifrige
Mann des Gesetzes allerdings von Zeit zu Zeit einen Steg findet,
indem er einzelne Individuen aus der zweiten in die erste Kate-
gorie überführt, nicht aber ohne dabei häufig traurigen Miß-
verständnissen oder merkwürdigen Beegriffsverwirrungen an-
heimzufallen 245,

Der vollzogene Übergang zur Klasse der Prostituierten
schafft. indes auch noch keine Einheitsklasse, weder öko-
nomisch, noch kulturell, noch sozial, noch letztendlich ethisch.
Auch .auf den niedersten Stufen des Dirnentums selbst
gibt es noch Klassenunterschiede. Die feineren. besser ge-
einem neuen Hut oder durch Verführung auf den entehrenden Pfad. Sie
nimmt jetzt eine leichtere, dafür schlechter bezahlte Stelle an, macht auch
schon Feierschichten, wird dann aber wieder gehoben, sei es durch die
Zuneigung eines Mannes, sei es durch eine Erkrankung oder die Finwir-
kung einer anderen Umgebung.“

45 Über die ganz generell schlechte Handhabung der Bestimmungen
zur Regelung der Prostitution durch die Gesetzeshüter siehe z. B. Yyes-
Guyot, p. 54, 154, 392; E. Shandha, La Prostitution et la Police, in
La Revue Blanche, Ann6e XIII, N. 222 (Paris 1902), und: Tagebuch einer
Verlorenen, herausgegeben von Marg. Böhme, Berlin 1906, S. 215ff.;
Katharina Scheven, Was versteht man unter „Reglementierung der
Prostitution? “, in Der Abolitionist, vom ı. Januar 1902. Vgl. auch mein
Werk, Die Grenzen der Geschlechtsmoral, S. 56. — Es muß jedoch zu-
gegeben werden, daß die Stellung der Sittenpolizei eine sehr schwierige ist.
Vielleicht hat Moll recht, wenn er sagt, daß die Aufgabe der Polizei darin
zu bestehen habe, den jeweils den sittlichen Empfindungen der breiten Masse
entsprechenden Begriff der Sittsamkeit vor Ärgernis erregenden Über-
tretungen zu schützen, einen Begriff, der ständig wechsele und für den eine
gute Polizei ein gewisses Fingerspitzengefühl besitzen müsse. (Albert Moll.
Polizei und Sitte, Berlin 19197, Gersbach. S. 53 u. 129.)
        <pb n="154" />
        Prostitution.

141

kleideten, teureren nennen in Frankreich ihre ärmeren und
schlechter gekleideten Kolleginnen verachtungsvoll pierreuses
und werden von jenen mit dem Schimpfwort panaches zurück-
gezahlt. Außerdem gibt es reine Wertbestimmungen, wie
„femme d’un franc“, „femme de cinq francs“, „Tu es femme
d’un franc!“ gilt als blutige Beleidigung ?46. In weiterer Hin-
sicht sind auch starke nationale Milieuunterschiede zu be-
merken. Schon der englische Botschaftsrat am Hofe Ludwig-
Philipps, Lord Henry Lytton Bulwer, der Bruder des Roman-
schriftstellers, stellt in seinen komparativen Studien über das
französische und das englische Gesellschaftsleben fest, daß das
Herabsinken der englischen und das der französischen Mäd-
chen in die Niederungen des vielgeschlechtlichen Lebens nicht
zu den gleichen Folgen führe. Die englische Dirne wird gott-
und weltverlassen, sie verdummt und vertiert?47; die franzö-
sische hingegen bewahrt‘ sich einen beträchtlichen Rest von Hu-
manität und verliert selten das Streben nach sozialem Aufstieg,
nach Kapillarität?48, Schreiber dieses ist um ein Dreiviertel-
jahrhundert später bei Vergleichen zwischen der französischen
Prostitution einerseits und der deutschen und italienischen
andererseits zu ähnlichen Resultaten gelangt?49.

Das wesentliche sozialethische Kriterium, das bei den minder-
bemittelten Schichten der in Frage kommenden Mädchen in
den meisten europäischen Ländern auch zum Kriterium der
verwaltungstechnischen und polizeilichen Handhabung des
Problems geworden ist, ist der Begriff der Käuflichkeit?50,
7 6 Cesare Lombroso et Guglielmo Ferrero, La Femme crimi-
nelle et la Prostituse, Paris 1896, Alcan, p. 566. — Für Deutschland vgl.
Margarete Böhme, Tagebuch einer Verlorenen, 1. c., S. 148.

247 Henry Lytton Bulwer, France social. litterary. political. Paris
834, Baudry, p- 226.

248 Bulwer, p. 226; Parent-Duchatelet, vol, I, p. 151.

249 Robert Michels, Geschlechtsmoral, S. 33.

250 Die Konvention der Untersagung jedes außerehelichen Beischlafs des
„anständigen“ jungen Mädchens durch die Sitte liegt ohnehin durchaus
        <pb n="155" />
        142

Dritter Teil,
Jedoch ist auch diese Begriffsdefinition längst als ungenügend
erkannt worden. Einmal, weil es, wie bemerkt, auch eine käuf-
liche‘ Liebe in legaler Form gibt: Kaufehen. Dann auch, weil
die außerehelich käufliche Liebe dem Grade ihrer Dauer und
der Zahl ihrer Käufer entsprechend die denkbar größte
Differenziation zuläßt und vom schnellen fünf-— oder zehn-
minutigen Wechsel aufeinanderfolgender Geschlechtsakte etwa
im Bordell bis‘ zur monogamischen Form des Dauerverhältnisses
reicht. Die femme entretenue lebt sicher von bezahlter Liebe,
kann aber dabei prinzipiell streng monogamisch leben.

Man müßte dem Begriff der Prostitution deshalb außer dem
Charakter der Käuflichkeit noch den der theoretischen oder
doch prinzipiellen Uneingeschränktheit und tatsächlichen Viel-
heit der. Benützung verleihen. Wobei wiederum neue Fragen
und Hindernisse entstehen. Denn, erstens liegt in der Regel
auch bei den meisten Dirnen keine absolute Unmöglichkeit oder
Unfähigkeit. des Sich-Versagens ihnen aus irgendwelchem.
Grunde unsympathischen Männern gegenüber vor. Und
zweitens klafft zwischen dem Begriff der Einheit und der Viel-
heit wieder eine Lücke. Sind, in weiterer Zeitspanne gemessen,
im Lebensinteresse der Frauenwelt. Denn das Sittenverbot erklärt sich sehr
wohl mit Schopenhauer aus einer Pression, welche die Keuschheit auf den
Mann ausübt, die Versorgung der Frau durch die Ehe-Kapitulation‘ vor-
zunehmen. Die weibliche Unzucht vor der Ehe wird mithin zur Durch-
brechung der Solidarität, zur „Schande“, die mit geschlechtlichem Boykott
beantwortet werden muß, (Artur Schopenhauer, Aphorismen zur Lebens-
weisheit, Leipzig, Bibl. Institut, S. 76/77.) Bemerkenswert ist, daß die
Kritiker der Ehe als eines überwiegend finanziellen Unternehmens die Pro-
stitnierten als unlautere Konkurrenten und blacklegs (Streikbrecherinnen)
betrachten, weil sie die laufenden Marktpreise unterböten. (Ernest Bel-
fort Bax, Outspoken Essays on Social Subjects, London 1897, p. 6.)
Darauf ist freilich zu erwidern, daß der den Prostituierten gezahlte Preis
anbetrachts der sehr geringen Mühewaltung doch ein recht hoher ist, so
daß von einem Unterbieten der Ehepreise nur unter bestimmten Vor-
aussetzungen die Rede sein kann. (Vgl. Havelock Ellis, Studies in the
Psychology of Sex, Philadelphia 19713, Davis, vol. VI, p. 363.)
        <pb n="156" />
        Prostitution.

1453
zwei, drei, fünf viel? Dazu kommt noch ein drittes zu unter-
suchendes Merkmal. Bloch hat die Prostitution definiert als
einen Akt, bei welchem eine Frau jedem Manne ohne Unter-
schied sich überläßt und für eine zu leistende Zahlung den
Gebrauch ihres Körpers gestattet, der Definition aber wohl-
weislich hinzugefügt, daß damit die völlige Gleichgültigkeit
gegen die Person des die Hingabe begehrenden Mannes ver-
bunden sein müsse. Die Prostitution würde also demnach
neben dem akzentuierten Hervortreten des merkantilen Charak-
ters und dem häufigen Personenwechsel auch den gänzlichen
Mangel an sittlichen und individuellen Beziehungen bei der ge-
schlechtlichen Verbindung in sich schließen?251, Jedoch jst
auch an dieser in ihren Fundamenten richtigen Auffassung
noch eine Korrektur anzubringen. Einigen Schulen zufolge
stellt die Prostitution sogar eine latente Form des Ver-
brechens dar. Lombroso hat seine These, daß die Frauen eine
ebenso große Tendenz zum Verbrechen besitzen wie die Männer,
dadurch zu beweisen versucht, daß er den Satz aufstellte, daß,
wenn die Kriminalstatistik eine weit höhere Anzahl Männer
als Frauen ergebe, das nur davon herrühre, daß. in ihren
Ziffern die Prostitution nicht enthalten sei; denn wenn die
Prostitutionsstatistik mitberücksichtigt werden würde, so
würde sich ohne weiteres ein Ausgleich zwischen männlicher
und weiblicher Kriminalität ergeben 252, Indes auch zugegeben,
daß die fast unterschiedslose Vollziehung des Beischlafes mit
einer großen Reihe von Männern hintereinander zur Paraly-
sierung und Verkümmerung einiger der zentralen Gemüts-
regungen führen muß — wobei freilich zu berücksichtigen

A
251 Iwan Bloch, Das Sexualleben unserer Zeit, 1. Aufl., S, 358.

252 Cesare Lombroso et Guglielmo Ferrero, La femme crimi-
nelle et la Prostituge, p. 520 ss. Immerhin gibt Lombroso zu, daß die
Prostituierte vor der geborenen Verbrecherin einige moralische Vorzüge
aufweise, wie vor allem die Fähigkeit zu hingebender Liebe {p. 561).
        <pb n="157" />
        144

Dritter Teil.
ist, daß die seelische Gleichgültigkeit der Dirne bei Begehung
des Geschlechtsaktes eben Ausdruck der Vielheit desselben,
d. h. Präventivum gegen zu schnelle Abnutzung der Emotivität
ist und folglich als beruflich gebunden erscheint —, so darf
bei den berufsmäßigen Prostituierten dennoch nicht von einer
gänzlichen Zerstörung des Gefühlslebens gesprechen werden.
Unter den Kindesmörderinnen und Abortierenden bilden z. B. in
Neapel253 die jüngsten und unerfahrensten, die naivsten und
in gewissem Sinne die Besten, die Schande am schwersten er-
tragenden, am meisten leidenden die Mehrzahl. Ernste Männer
haben die Behauptung verfochten, daß es erfahrungsgemäß
gerade die allerbesten, warmblütigsten, hingebendsten, gläu-
bigsten Elemente gewisser Frauenschichten seien, welche, wie
der unehelichen Schwängerung ?53a, so auch der Prostitution am
teichtesten anheimfallen?54, Auch darf von einer Vernichtung
der Persönlichkeitswerte solange nicht gesprochen werden, als
nicht bewiesen werden kann, daß in den Dirnen andere, ebenso
zentrale Gemütserregungen, wie die Liebe und Hingabe zur Aszen-
denz (Eltern) und zur Deszendenz (Kindern), ebenfalls er-
(öschen. Diese Beweise liegen aber nicht vor%5, Die Beziehungen
zur Familie werden vielfach aufrechterhalten?552, Auf die Er-
scheinung, daß ein immerhin nicht unbeträchtlicher Bestandteil
der Dirnen nur aus Familiengefühl, d. h. zur Unterstützung der
alten und kranken Mutter oder des eigenen Kindes zum Gewerbe
der Unzucht gegriffen hat, ist häufig hingewiesen worden 256.
253 Hamnett, p. 89.

3a Vgl. S. 65 unseres Buches.

%54 Vgl. z. B. Hessen, S, 48, 57, 123. — Moll, 1. ©, pr 66. .

%5 In Sizilien weigern sich auch die allerniedrigsten Dirnen, an ihren
Kunden die Fellatio oris vorzunehmen, weil sie sich sonst nicht mehr ge-
‚rauen könnten, ihre Kinder oder ihre Mütter auf den Mund zu küssen.

%55a Charles-Louis Philippe, Bubu de Montparnasse, Paris 1927,
Bibl. Charpentier, P- 149.

256 Zum Beispiel von Parent-Duchatelet, vol, I, p. 144; Miche-
let, p. 412. — Mit Vorliebe werden sittlich hochstehende Motive der
        <pb n="158" />
        Prostitution.

145
Auch ist das Prostitutionsgewerbe nicht erblich. Das menschliche
Parasitentum vermag sich nicht in gleicher Weise biologisch
fortzupflanzen wie das tierische. Zunächst ist die Nachkommen-
schaft der Prostituierten zahlenmäßig geringfügig; die Mehr-
zahl der Professionellen scheint steril zu sein?56a; außerdem er-
weisen die Nachforschungen nach dem Beruf der Mütter, daß
das Rekrutierungsgebiet der Dirnen nicht zentral in der alten
Dirnenwelt liegt. Die Dirnen selbst pflegen überdies häufig alles
zu tun, um ihre Kinder auf andere, höhere Berufe hin erziehen
zu lassen?257, Denn das Gesetz der sozialen Kapillarität bewirkt
bei vielen Dirnen, ebenso wie bei Verbrechern usw., sogar etwas
wie eine Art von Metabiose. Aus Ekel über die Unmoral ihrer
Lebensbedingungen setzen viele von ihnen alles daran, ihren,
Kindern eine Erziehung zuteil werden zu lassen, die sie daran
hindern soll, die Wege der Eltern zu wandeln?58, Im ganzen
läßt sich sagen, daß die Sukzession des sozialen Parasitentums,
auch wenn eine solche leiblich vorhanden, ihrem Wesen nach
nicht zwangsläufig zu sein braucht? Von den Prostituierten
selbst geht ein Teil bekanntlich im Laufe der Zeit wieder zu
neuen, bürgerlichen Berufen über260, Bisweilen scheint die
Prostitution auch geradezu die Funktion eines Durchgangs-
punktes zur Ausübung eines anständigen Gewerbes gespielt zu
haben. Aus der Tätigkeit der Londoner Heilsarmee wissen wir
von Fällen, in denen arme, alleinstehende Mädchen im Rescue

Prostituierten in Romanen dargestellt. So Honor6 de Balzac, Un m6nage
de garcon. (Ed. Paris, Michel Levy, p. 57.)

2662 Vgl. S. 16 unseres Buches,

257 Jean Massart et Emile Vandervelde, Parasitisme organique et
parasitisme social, Paris 1898, Schleicher, p. 125££f.

258 Parent-Duchatelet, vol. I, p. 146, 454; Massart et Vander-
velde, p. ı25ss. — Umberto Notari, Quelle signore. Scene di una
grande citta moderna. Nuova Ed., Milano 1907, Soc, Ed., p. 156.

259 Massart et Vandervelde, p. 125ss.

260 Schnapper-Arndt, S. 550.

Michels, Sittlichkeit in Ziffern.
        <pb n="159" />
        146

Dritter Teil.
House um Aufnahme baten, die ihnen ‚statutengemäß nicht
geboten werden konnte, weil sie nicht gefallen waren. Der
Berichterstatter berichtet weiter: The poor girl left the door
reluctantly but returned in a very short time, and said, „I am
fallen now, will you take me in2%1?“ Nun erst konnte die
Unglückliche betreut werden, Nach den Statuten der 1497
gestifteten Maison. des Filles Penitentes in Paris wurden
nur solche Mädchen aufgenommen, die unter dreißig Jahren
alt waren und nachweisen konnten, eine bestimmte Zeitlang
den Dirnenberuf ausgeübt zu haben, und zwar waren diese
Bestimmungen getroffen, um zu verhüten, daß junge Personen
nur deshalb liederlich würden, damit sie dadurch bald zu einer
Stelle kämen 262.
Zur Charakteristik von Prostitution und sonstigem unehe-
lichen Geschlechtsverkehr ist noch hinzuzufügen, daß sie sich
nicht nur in ihren Wirkungen, in bezug auf den Grad der
Fruchtbarkeit bzw. Sterilität, wie angezeigt, außerordentlich
voneinander unterscheiden, sondern daß sie sich auch in ihren
Ursachen zwar berühren und teilweise decken, es aber ein
schwerer Irrtum wäre, diesem gemeinsamen Kreisabschnitt eine
größere Bedeutung zuzulegen, als ihm objektiv zukäme263.
261 General William Booth, In Darkest England and the Way Out.
London, 1890, Salvation Army, p. 192.

262 Bücher, S. 65,

%63 Selbst ein offenbar so guter Kopf wie Schneider kommt zu dem
seltsamen Schlusse: es sei klar, daß im allgemeinen „die Ursachen der
vorehelichen Schwängerung dieselben sind wie diejenigen, die zur Prosti-
tution führen“ (S. 561). Zugegeben, daß auch das Geschlechtsleben einer
großen Anzahl von Prostituierten mit der unehelichen Mutterschaft und
einem „Brautstand“ mit Eheversprechen beginnt, so muß doch auf der
andern Seite bemerkt werden, daß die Schwängerung der Braut mit nach-
folgender Ehelichung seitens des Schwängerers eben durch ihre sozialen,
ökonomischen und gemütsmäßigen Ursachen, die in der Prostitution (mit
ihren rein physischen Ursachen) fehlen, sich von letzterer sehr wesentlich
anterscheidet.
        <pb n="160" />
        Protistution.

147
Ebensowenig als die Prostitution kann die Zunahme bzw.
Abnahme der kecken und obszönen erotischen Kunst und
Literatur, als Reklamemittel264 und als Selbstzweck, als Krite-
rium der Entsittlichung oder Versittlichung eines Volkes dienen.
Fuchs bemerkt mit Recht, daß die erotische Karikatur ebenso
Dokument des Niederganges als Dokument des gärenden Kraft-
überschusses einer Gesellschaft sein kann265, Vielleicht kann
sie auch Dokument des Nichtvorhandenseins der Unsittlichkeit
sein 266.

Einige wenige Worte über das häufig behandelte Thems
Wirtschaftslohn und Prostitution.
264 „In einer Beilage zu den Verhandlungen des Ärztetages 1908 er-
stattet Dr. Reißig, Hamburg, einen Bericht über Geheimmittel- und Kur-
pfuscher-Anzeigen für das erste Vierteljahr 1908. Bezeichnend ist nun
seine nachstehende Feststellung: ‚Das Ergebnis, das die Durchsicht der
Jugend-Inserate lieferte, ist überraschend. Unter 277 Annoncen jeder Größe
finden sich allein 122, die sich mit dem Geschlechtsleben beschäftigen...
Wollte ein boshafter Kritiker die Abonnenten nach den Geheim- und Re-
klameanzeigen kennzeichnen, so würde er sagen: Ein Abonnement auf die
Jugend ist hauptsächlich geschlechtsnervenkranken Männern zu empfehlen.
Als Partnerinnen eignen sich allzu korpulente oder allzu magere, schlecht-
oder übermäßig behaarte Personen weiblichen Geschlechts mit mangelhaft
entwickelter Büste, Sommersprossen und Hautunreinigkeiten, denen für
eventuelle Fälle ein Buch über den Jenkbaren Storch und über schmerzlose
Entbindung den gewünschten Aufschluß gibt... Jugend und Simplizissimus
haben fast 50000 Mark im Jahre Einnahme für Geheimmittel- und Kur-
p£fuscherei-Inserate ... Wir haben also die betrübende Tatsache, daß zwei
der bekanntesten Blätter, die allwöchentlich gegen Verdummung und kapita-
listische Ausbeutung zu Feld ziehen und dem Dunkel das strahlende Licht
entgegenstellen, im Inseratenteil dem Heilmittel-Aberglauben des finsteren
Mittelalters huldigen.“* („Volksstimme“, Frankfurt. ı. Beilage zu Nr. 190,
15. August 1908.)

25 Eduard Fuchs, Geschichte der erotischen Kunst. Berlin 1908,
Hofmann, S. 284.

266 „M. Paul Adam voit une preuve de notre moralit&amp; dans notre goüt
exclusiıf, manifeste au th64tre et dans le roman, pour les amours adulteres.
Le XVHIe siecle libertin eut la litt&amp;rature des bergeries, de la sensibilit&amp;
et de la vertu.‘‘ (Charles-Brun, p. 20.)
        <pb n="161" />
        148

Dritter Teil.
Auf :die durch die Entwicklung .des. Maschinenwesens in
der jungen Arbeiterschaft eintretende ‘schwere sittliche Ver-
jotterung: haben. alle Frühsozialisten, und unter ihnen kein ge-
ringerer als Karl Marx, mit: auf Beweismaterial gegründeter
Energie hingewiesen ?%7.. In vielen. Einzeluntersuchungen poli-
tisch neutraler Bearbeiter des Fabrikproblems” wurden diese
Wahrnehmungen bestätigt und neu erhellt. Am Rhein er-
zeugte die junge Industrie einen bösen geschlechtlichen
Schlendrian?68, Auch in Böhmen ?%9 und in Italien 27° wurden
die Klagen über den sittenverderbenden und familienzersetzen-
den Einfluß der Frauenarbeit in der Industrie laut. Dabei war
es nicht nur immer der schlechte Lohn an sich, sondern mehr
die .mit der neuen Arbeitsart zusammenhängende gesamte Ver-
änderung der Umgebung, welche die Sittlichkeitsbegriffe
schwächte. In Rouen waren geraume Zeit gerade die best-
bezahlten Arbeiter die unsittlichsten ?71.

Die hohe uneheliche Geburtenziffer sowie das Herabfallen
in die eigentliche Prostitution charakterisiert, wenigstens als
Massenerscheinung, das weibliche Proletariat jedoch nur in der
Kindheitsperiode des Industriesystems. In späteren Perioden
nehmen beide Tendenzen sichtbar ab. Die Ursachen für die Ab-
nahme liegen allerdings sehr komplex. Optimisten sprechen von
einer, mit langer Gewöhnung eintretenden, größeren sexuellen
267 Karl Marx, Das Kapital, Kritik der politischen Ökonomie. I, 2. Aufl.,
Hamburg 1878, Meißner, S, 486/97. .

; 268 Alphons Thun, Die Industrie am Niederrhein und ihre Arbeiter,
Leipzig 1879, Duncker. Bd. ı: Die linksrheinische Tex#ndustrie. S. 108,
ı5a,

29 Wenzel Holek, Lebensgang eines deutsch-tschechischen Hand-
arbeiters, Jena 1909, Diederichs, S. 44.

270 Alessandro Garelli, I salari e la classe operaia in Italia, Torino
1874, Penato, p. 110 88. ;

271 So, auf Zeugnisse von Villerm6 und anderen gestützt, Joseph
de Görando, Des Progrös de l'Industrie consid6res dans leurs rapports
avec la moralit6 de la classe ouvriöre, Paris 1841, Renouard, p. 19, 39.
        <pb n="162" />
        Prostitution.

149

Widerstandsfähigkeit und einem zunehmenden Selbstverant+
wortlichkeitsgefühl der Arbeiterinnen??? Andere vermeinen,
die gleiche Wirkung beim Übergang der Fabrikbevölkerung
von der Fluktuation zur Stabilität zu erblicken??%, Noch andere
endlich wollen nicht an die Möglichkeit einer höheren Moral,
sondern nur an eine höhere Geschicklichkeit oder Bedenken-
losigkeit in der Umgehung der Folgen der Immoral glauben.
Ein sehr beträchtlicher Teil des männlichen Industrieprole-
tariats hält die freie Liebe für sein gutes Recht. Auch im Be-
wußtsein weiter Arbeiterinnenschichten herrscht dieses Krite-
rium durchaus vor und teilt sich sogar den gelehrten Bearbeite-
rinnen der Arbeiterinnenverhältnisse selbst mit. So heißt es
z. B. in einem ausführlichen Bericht über die Ladenmädchen in
München bezüglich deren sittlichen Verhaltens, die meisten der+
selben zögen es zwar vor, sich ihre Lebenslage durch den nahen
Verkehr mit einem Freunde angenehmer und behaglicher zu
gestalten, sie seien aber nicht auf schlechten Wegen?’4, Was
nach Maßgabe der Sachlage nichts anderes heißen kann als den
Anspruch auf Liebesgenuß, insofern dieser nur keinen käuf-
lichen Charakter annimmt.

Der Zusammenhang zwischen Fabrikarbeitslohn und Prosti-
tution als Lohnzusatz blieb indes nicht auf die Anfänge der
"212 Eduard Bernstein, Die Arbeiterbewegung, Frankfurt a. M., 1910,
Rütten, S. 181. — Am niedrigsten ist die Zahl der Illegitimen im Rheinland
und Westfalen, am höchsten zwischen der Elbe und Oder, so daß nicht die
Industriebevölkerung, sondern die ’agrarische mehr beteiligt ist. C. Keller,
Besprechung über Hugo Schröder, 1. c., S. 2718,

273 Paul Leroy-Beaulieu, Le travail des femmes au XIXe siecle.
Paris 1888, Charpentier, p. 243 ss.

214 Käthe Mende, Münchener jugendliche Ladnerinnen zu Hause und
im Berufe, auf Grund einer Erhebung geschildert. (Diss, München.) Stutt-
gart 1912, Deutsche Verlagsanstalt, S. 215. — Über die Sittlichkeit der
Münchener Mädchen bemerkte freilich schon Börne: „Die Liederlichkeit ist
hier (in München) so feste Regel, daß sie ohne Leidenschaft ist und gelassen
bleibt.“ (Ludwig Börnes nachgelassene Schriften, herausgegeben aus
seinem literarischen Nachlasse, Mannheim 1844, Bassermann, Bd. 1, S. 283.)
        <pb n="163" />
        150

Dritter Teil.
Industriewirtschaft beschränkt?275, Selbst die deutsche Bundes-
regierung bemerkt 1887 über die Lohnverhältnisse der Arbeite-
rinnen: „Soweit die Näherinnen einen unsittlichen Lebens-
wandel führen, dürften sie hierzu durch ihren geringen Ver-
dienst veranlaßt werden. Anderweitige Umstände, welche dazu
führen könnten, sind im allgemeinen nicht bekannt‘“276, In
Schmollers Jahrbüchern erschien 1888 ein Aufsatz von Kuno
Frankenstein, welcher folgendermaßen schloß: „Eine sehr
große Zahl der Arbeiterinnen unserer Großstädte erhält Löhne,
welche nicht hinreichen, die notwendigsten Bedürfnisse des
Lebens zu befriedigen, und befindet sich aus diesem Grunde in
der Zwangslage, entweder einen ergänzenden Erwerbszweig in
der Prostitution zu suchen oder unabwendbaren Folgen körper-
licher und geistiger Zerrüttung zu verfallen‘“277, Der realistische

275 Über Ungenügendheit der Frauenlöhne vgl. zumal für Deutschland
die Schriften des Vereins für Sozialpolitik; für Frankreich hat 1907 das
Office du Travail eine Enquöte über die Heimarbeit in der Industrie, ein-
schließlich Wäscheindustrie herausgegeben (768 S.); überdies s. für Frank-
reich auch die Artikel von dem Grafen de Mun im Figaro vom 16. und
21. Februar 1909 und vom 6. März des gleichen Jahres im Echo de Paris.
Die Juni-Nummer 1909 der Verhandlungen der Sitzungen und Arbeiten der
Acad6mie des Sciences morales et politiques weist Referate von d’Hausson-
ville, Paul Leroy-Beaulieu, FredericPassy, Levasseur, Cheys-
son und d’Eichthal auf. Vgl. ferner noch die Enquete der Ligue sociale
d’Acheteurs, (Ludovic de Contenson, Les Syndicats professionnels
föminins, Paris 1910, Bloud, p. 35[36]; Maxime du Camp, Paris, ses
Organes, ses Fonctions et sa Vie dans la seconde Moitie du XIX siecle,
2. 6d., Paris 1873, Hachette, vol. III.)

276 Stenographische Berichte über die Verhandlungen des Reichstages,
7. Legislaturperiode, I, Session 1887.

377 Frankenstein, S, 173, 183, 188; Adelheid Popp, Die Arbeiterin
im Kampf ums Dasein. Wien 1895, Brand, S. 9; für die Wiener Theater-
choristinnen vgl. auch den Bericht der Kommission der Arbeiterinnen-
anqueie (Wien 1896), erstattet von Therese Schlesinger-Eckstein
als Delegierte des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins auf dem Inter-
nationalen Kongreß für Frauenwerke in Berlin, Sept. 1896, Berlin 1897,
Walther, S. 194; außerdem Lily Braun, Frauenfrage, S. 308; Michelet,
        <pb n="164" />
        Prostitution.

151

Pariser Roman nahm sich dieses Tatbestandes mit feinem, litera-
rischem Verständnis und zumeist ohne Übertreibung der Pro-
portionen an28, Vielleicht spielen hier freilich noch andere
Motive mit. Aus Frankreich wird z. B. berichtet, daß die
Hungerlöhne der Näherinnen zum Teil in der schlechten be-
ruflichen Vorbildung und der folglich nur mäßigen Produk-
tivität ihren Grund haben 29, In Deutschland werden die nied-
rigen Löhne in der Hausindustrie aus der Inferjorität dieser
Produktionsform anderen, modernen gegenüber erklärt?80,
Aus England heißt es, daß das „Verhältnis‘“ als Zusatz zum
Lohn sich mehr bei den Schneiderinnen und Ladnerinnen
nachweisen lasse, wo es aus schlechter Organisation, leicht-
fertiger Annahme zu geringer Löhne und Freude am Luxus
herrühre%1

S. a2ff.; Karl Jentsch, Sexualethik, Sexualjustiz, Sexualpolizei. Wien
1900, „Die Zeit‘, S. 68£.

*78 „Le pauvre, l’humble, quand il est coupable, l’'est toujours &amp; un
moindre degre, que le riche, puisqu'il trouve des excuses dans le milieu
oü il s’est developpe... La prostituge est excusable: Eugene Sue note les
causes de sa chute: l’ignorance, la mansarde glac6, le salaire insuffisant..,
Il 6crit: „Le civilis6 desherit&amp; des dons de Dieu a droit de demander, en
retour de son travail qui enrichit la soci6t&amp;, un salaire qui Iui permette de
vivrre sainement.‘“ Il est all6 plus loin; il a pos6 en principe le droit au
travail. Se rappeler les ateliers nationaux de 1848. On avait pos6 les causes
de la chute des prostituges dejä avant Eugene Sue. Voir, entre autres,
Beaumarchais, Le mariage de Figaro (scene supprimee par l’auteur):
„Marceline. — J’6tais n6e pour &amp;tre sage... Mais dans l’age des illusions,
de Vinexperience et des besoins, ou les s6ducteurs nous assiegent, pendant
que la misere nous poignarde, que peut opposer une enfant &amp; tant d’ennemis
rassembles?‘“ (Charles-Brun, p. 100.)

279 Caroline de Barrau, Le salaire du travail feminin &amp; Paris, in:
Actes du Congrös de Geneve de la Föd6ration Britannique Continentale
et Generale, 17.—23. September 1877, Neuchätel 1878, Bureaux du Bulletin
Cont., vol. I, p. 4697.

230 Oda Olberg, Das Elend in der Hausindustrie der Konfektion, Leipzig
1896, Grunow, 5. 53.

281 Collet, S. 51.
        <pb n="165" />
        „32

Dritter Teil.

Auf die Wohnungsverhältnisse, den engen Arbeitsraum und
das Schlafgängerwesen sei nur vorübergehend als geschlechts-
moralisch verderblich verwiesen %1*

Die Herkunft der Prostitution als eines ganz wesentlich öko-
nomischen Problems (Prostitution als geschlechtliches Re-
sultat des Elends) ist, nicht ohne zu starke Verallgemeinerung,
von einer Reihe von hervorragenden Gelehrten, zumal unter
den französischen Sexualforschern, wie Parent-Duchatelet,
Fiaux, Augagneur u. a. ins richtige Licht gestellt worden. Auch
bei den meisten Vertretern der internationalen modernen Straf-
rechtsschule hat diese Auffassung Wurzel gefaßt282,

Die einwandfreie Feststellung der Zahl der sich aus un-
genügender Lohnhöhe Prostituierenden entzieht sich wiederum
der Statistik, einmal, weil sich der Tatbestand an sich schon
schwer feststellen läßt. Ferner, weil eben überhaupt nur die
unter polizeilicher Kontrolle stehenden Mädchen statistisch er-
faßbar sind, die Zahl derer, die sich nur gelegentlich aus
2812 Hierüber verweisen wir u. a. auf: Etienne Cabet, Almanach Icarien
pour 1844, Paris 1844, Prevot, p. 128 ss.; Bürgermeister Lange, Die
Wohnungsnot der ärmeren Volksklassen in Bochum, im XXXI, Bande der
Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Leipzig 1886, Duncker, S. 92/93;
Frankenstein, S. 191; Otto von Leixner, 1888-—1891, Soziale Briefe
aus Berlin. Mit besonderer Berücksichtigung der sozialdemokratischen
Strömungen, Berlin 1891, Pfeilstücker, S. 124; F. Wörishoffer, Die so-
ziale Lage der Fabrikarbeiter in Mannheim und dessen nächster Umgebung.
Karlsruhe 1891, Thiergarten, S. 208ff.; Lily Braun, Frauenfrage, S. 308;
J, Altenrath, Das Schlafgängerwesen und seine Reform, Berlin 1919,
Heymann, S. 3; Victor Noack, Kulturschande. Die Wohnungsnot als
Sexualproblem, Berlin 1925, „Der Syndikalist“, S. ı9. — „Nach einer
Aufstellung hatten 1920 — also zu einer Zeit, da die Wohnungsnot noch
nicht so hochgetrieben war wie heute — 150000 Berliner Familien nur
je ein Zimmer, Nicht einmal, nein, öfter hausten ı4 Familienmitglieder
— außer den Eltern zwölf Kinder — in einer Stube und Küche, Kinder
haben selten ein eigenes Bett. Häufig schlafen vier Personen auf einem
Lager,“ (Dührssen, S, 54.)

282 W, A. Bonger, Criminalite et Conditions 6conomiques, Amsterdam
1905, Tierie.
        <pb n="166" />
        Geschlechtskrankheiten.

153

Hunger gegen Geld hingeben, aber die größere ist282%a,
Auch bei ersteren ist es bei der starken Fluktuation dieser
Klasse selten. daß der augenblickliche Wohnort mit dem Ort
der letzten Erwerbstätigkeit zusammenfällt, so daß der Fest-
stellung der Ursachen zur Prostituierung auch technische Hin-
dernisse erwachsen 283,

6. Geschlechtskrankheiten.

Zunächst, grundsätzlich: Es ist klar, daß die Zahl der vene-
rischen Krankheitsfälle nicht ein Merkzeichen der in einem
Volke vorhandenen Sittlichkeit zu sein vermag. Sie vermöchte
das (immer im angegebenen Sinne) nur unter der doppelten
Voraussetzung, daß jeder außereheliche Geschlechtsakt mit der
Ansteckung durch eine venerische Krankheit sozusagen bestraft
würde, andererseits letztere im ehelichen Leben aber nicht vor-
käme, was bekanntlich leider unrichtig ist. Geschlechtskrank-
heiten sind höchstens durch mangelnde Hygiene verschuldet, in
übrigen aber einfach Unglücksfälle, unglückliche Zufälle.
Geschlechtskranke Soldaten als „Schweine“ zu behandeln, wie
das in manchen Militärlazaretten geschieht, oder gar im Kriege
als Pflichtvergessene und schlechte Patrioten zu bestrafen, wie
das in manchen Heeren im Weltkriege, wie bei den Engländern,
Sitte war 2%, ist einfach eine Unlogik. Es ist unsinnig zu sagen:
Du darfst dich nicht venerisch anstecken! Das wäre Erhebung
des Zufalls zur Strafwürdigkeit 285
2822 Vgl. S. 136 unseres Buches.

288 Marie Baum, Drei Klassen von Lohnarbeiterinnen in Industrie und
Handel der Stadt Karlsruhe. Karlsruhe 1906, Braun, S. 209.

284 E. T. Burke, Veneral Diseases in War, in Quarterly Review, Nr. 463,
New York 1920, S. 311.

%85 In der seriösen, von William J.. Robinson herausgegebenen Zeit-
schrift The Medical Critic and Guide (New York 1921, vol. XXIV, Nr. 4,
p- 122) finden wir eine vom New York Medical Journal vom 8. x. 1921
übernommene Stelle: „During the latter part of the war veneral disease
had to be classißed as a self inflicted wound. Diseased women were known
        <pb n="167" />
        154

Dritter Teil.
Von der Prostitution ist der Schritt zu den Geschlechtskrank-
heiten nicht weit28%, Deren Vorhandensein ist auch in Ehen in
weitem Umfange feststellbar. Dennoch dürfte die Genesis der
ehelichen Geschlechtskrankheiten doch im unehelichen Ge-
schlechtsverkehr liegen. Auf der anderen Seite ist nicht zu ver-
kennen, daß von der weiten Ausdehnung der Prostitution noch

to charge more for sexual relationship than clean women. Such was the
state of mental distraction into which some men were driven by the ordeal
of battle that they actually paid diseased comrades to infect them for
the purpose of securing a temporary release from the firing line.‘ Ent-
spricht dieser Bericht der Wahrheit, wäre freilich die im Text aufgestellte
Behauptung nicht vollinhaltlich aufrecht zu erhalten. Aber es ist doch un-
wahrscheinlich, daß solche Anomalien, wie die höhere Bezahlung der in-
fizierten Prostituierten zum Zwecke einer vom zu Infizierenden gewünschten
Infektion einen größeren Umfang angenommen hätten.

286 „Man hat daher die Geschlechtskrankheiten durch eine gesundheit-
liche Überwachung, die sogenannte Reglementierung oder Kontrolle der
Prostitution zu bekämpfen gesucht. Das gelingt aber nur in sehr geringem
Maße, weil’

1. die gesundheitliche Überwachung nur ein Anhängsel der sogenannten
sittenpolizeilichen Überwachung ist, welche durch ihre Strenge die Ver-
breitung der geheimen, nicht überwachten Prostitution erst recht begünstigt.

2. Weil die Überwachung nur einen Teil der Prostituierten trifft, die in
gesundheitlicher Beziehung besonders gefährlichen Anfängerinnen der Pro-
stitution und die gelegentlichen Prostituierten aber nicht treffen kann.

3. Weil die Kontrolle auch bei den Überwachten nur einen Teil der Er-
krankungen aufdeckt. (Und dabei ist die Zahl der nachweisbaren Fälle
schon außerordentlich groß: An Syphilis findet man jährlich 30, an Tripper
bis zu z00 % der Prostituierten erkrankt. In Wirklichkeit ist der Prozent-
satz der Erkrankungen noch größer; viele Prostituierte erkranken jährlich
mehrfach an Tripper oder sind beständig tripperkrank!)

4. Weil die Kontrolle von den Behandelten nur einen Teil zur Genesung
bringt, die meisten ungeheilt oder doch mit der Neigung zu häufigen Rück-
Fällen entlassen muß.

Es. besteht daher bei allen Prostituierten, bei den offiziellen trotz der Kon-
trolle ebenso wie bei den geheimen, aber auch bei allen den Mädchen, welche
mit mehreren Männern verkehren, stets eine außerordentlich hohe Ar-
steckungsgefahr.‘“ (A, Blaschko, Die Geschlechtskrankheiten, ihre Ge*
fahren, Verhütung und Bekämpfung, Berlin 1900, Verl. der Zentral-Kom-
mission der Krankenkassen, S. 10/11.)
        <pb n="168" />
        Geschlechtskrankheiten.

155
längst nicht auf eine entsprechende Ausdehnung der Ge-
schlechtskrankheiten geschlossen werden darf. Aus Haiti be-
richtet ein französischer Arzt, daß dort die Prostitution riesen-
groß, die venerischen Krankheiten dagegen weniger zahlreich
seien als in Europa. Die Ursache für diese Erscheinung er-
blickt er in dem entwickelten Reinlichkeitssinn der Negerinnen:
„Elles aiment les bains jusqu’a en abuser partout oü coule le
plus mince filet d’eau, et cela attönue le defaut de surveil-
lance‘“287, Eine derartige Auffassung würde jenen deutschen
Ärzten rechtgeben, welche die These verfechten, daß Reinlich-
keit, unter allgemeinen Gesichtspunkten der Volkswohlfahrt ge-
sehen, mehr gelte als Sittlichkeit 28.

Über die Gültigkeit und den Vergleichswert der Hospital-
statistiken muß das Urteil skeptisch sein. Erstens ist das Mate-
rial einer Poliklinik natürlicherweise immer nur ein Ausschnitt
aus dem Kreis der Geschlechtskrankheiten eines Bezirkes, wel-
cher z. B. von der wechselnden Zahl der in der Berichtszeit
praktizierenden Spezialärzte sowie daneben sogar von den
Lebensmöglichkeiten und der Schärfe des Konkurrenzkampfes
innerhalb des ärztlichen Berufs überhaupt abhängig ist. Sicher
gibt sich heute der praktische Arzt viel mehr als vor dem Kriege
mit der Behandlung von Geschlechtskrankheiten ab, weil er
unter wirtschaftlich schweren Existenzbedingungen ‘das Be-
streben hat, alle Krankheiten nach Möglichkeit selbst zu be-
handeln. Zweitens kann natürlich auch die Persönlichkeit der
die Poliklinik leitenden Ärzte von großem Einfluß sein. Über-
dies kann kaum bestritten werden, daß Zeiten wirtschaftlicher
Not oder augenblicklichen Arbeitsmangels imstande sind, auch
die Frequenz der Kliniken und Polikliniken zu vermehren. Ganz
besonders kompliziert aber wird die Vergleichsmöglichkeit
287 Dr. A. Corre, Nos Crö6oles, Paris 1890, Savine, p. 191.
288 Robert Hessen, Glück in der Liebe, München ı911, Langen,
S. 117. — Derselbe, Prostitution in Deutschland, S, 33.
        <pb n="169" />
        156

Dritter Teil.
heute, wo vielerorts durch Krieg und Revolution ein gänzlich
verändertes Bild der Bevölkerungs- und Berufsverhältnisse ge-
geben ist28®, Auf diese Weise sind dann die entsprechenden
Ziffern zu werten, wie z. B. die über die Verminderung der
venerischen Krankheiten in Turin (1914: 4689; 1917: 7330;
924: 2004 Behandelte) 290,

7. Mischehen.

Auch die Gradstärke des Vorhandenseins von Mischehen ist
von besonders verstiegenen Moralstatistikern als Anzeichen einer
Verfehlerbevölkerung betrachtet worden. Dabei vermag der Be-
griff der Mischehe sehr verschiedenartig gefaßt zu werden.

Unter konfessionellen Gesichtspunkten liegt Mischehe vor,
wenn die beiden Eheleute verschiedenen Konfessionen ange-
hören. In Ehen zwischen Katholiken und Protestanten betrug
in Preußen 1911 bis 1913 die durchschnittliche Kinderzahl
2,08, während rein evangelische Ehen 3,02, und rein katho-
lische Ehen 4,79 Kinder durchschnittlich aufwiesen. In Bayern
entfielen auf jede Mischehe 2,30 Kinder, auf jede rein prote-
stantische Ehe 3,19 und auf jede rein katholische Ehe 4,19 2%.
Dies eigentümliche Faktum zeigt, daß kirchliche Gesichtspunkte
allerdings für die Kinderzahl in Betracht kommen. Dazu
schreibt ein protestantischer Theologe erklärend: „Es wird näm-
lich die geringere Zahl sich aus den Schwierigkeiten wegen der
Konfession der Kinder in den Mischehen begreifen. Der starke
Niedergang, dem diese Zahl unterliegt. wird sich daraus er-

29 Edmund Hofmann und L. Schreiber, Zur Frage der Geschlechts-
krankenbewegung, im Archiv für Soziale Hygiene und Demographie. Bd, ı,
Heft 3, Februar 1916, S. 186.

20 Girolamo Piccardi, Quanti sono gli ammalati venerei in Italia?
in L’Igiene e la Vita, IX, Nr. 9, p. 336. (Torino 1926.)

221 H. A. Krose, Die Konfession in der Statistik der Bevölkerungs-
bewegung in Deutschland, im Allgemeinen Statistischen Archiv, 16. Bd.,
Jena 1927, S. 59,
        <pb n="170" />
        Mischehen.

L57

klären, ‚daß die Mischehen wohl vorwiegend unter Personen
stattfinden, die bei dem Mangel an religiösem Sinn der modernen
neumalthusianischen Propaganda leichter zugänglich sind als
der Durchschnitt der Eheschließenden 292,“

Das katholische Dogma erkennt immerhin die Mischehe
an unter der Voraussetzung des seitens des nichtkatholischen
Teiles zu gebenden Versprechens, die aus der Ehe ent-
stammenden Kinder katholisch taufen und erziehen zu lassen.
Geschieht das nicht und läßt sich der katholische Teil der
Mischehe nur zivil oder protestantisch trauen, oder erfolgt
zwar die katholische Trauung auf Grund der ihr inhärenten
Verpflichtung, wird diese aber nicht eingehalten und werden
die Kinder mithin protestantisch oder freidenkerisch erzogen,
so wird (im ersten Falle) die Ehe nicht anerkannt, oder verliert
{im zweiten Falle) ihre Heiligung. Auf diese Weise wird die
Ehe für die katholische Kirche im ersten Fall streng genommen
zum Konkubinat, aus welchem zwangsläufig nur uneheliche
Nachkommenschaft hervorgehen kann. Im zweiten Falle sind
die Kinder zwar ehelich, werden aber von der Kirche doch als
verloren betrachtet. Die protestantische Kirche verhält sich den
hier in Betracht kommenden Fragen gegenüber nicht so ein-
heitlich und dogmatisch gebunden, ist aber ihrer Natur nach
den Mischehen, insoweit sie nicht zu evangelischen Konse-
quenzen führen, ebenfalls abgeneigt, und nähert sich in ihrem
orthodoxen Flügel überdies noch der strengen Auffassung
katholischer Observanz. So bemerkte Oettingen, wo die katho-
lische Intoleranz herrsche, gehöre das Eingehen einer Misch-
ehe mit bindenden Verpflichtungen bezüglich der Nachkom-
menschaft fast unter die Kategorie „der kriminalstatistischen

292 Segeberg, S. 62/63. — Die Tatsache, daß die Mischehen weniger
kinderreich sind, dürfte in Anbetracht dessen, daß dieselben auf die ver-
schiedensten Gesellschaftsklassen entfallen, nicht mit wirtschaftlichen Er-
scheinungen in Verbindung gebracht werden,
        <pb n="171" />
        158

Dritter Teil.
Untersuchungen‘. Allein auch abgesehen davon, dürfe das
Schließen einer Mischehe als ein Zeugnis dafür angesehen
werden, daß man die kirchliche Zugehörigkeit beim häuslich-
ehelichen Gemeinschaftsleben für indifferent ansehe?%, Es
erhellt, daß (diese Basis einmal zugegeben) die statistisch
feststellbare Masse der Mischehen, oder wenigstens doch die
Summe des der betreffenden Kirche durch diese entzogenen
Nachwuchses sehr wohl als Kriterium moralstatistischer Be-
trachtung zu erscheinen vermag.

Ähnlich verhält es sich, wenn die Mischehe in der Mischung
mit einer (oder einem) Volksfremden entsteht. Dem erregten
nationalistischen Empfinden ist der Eingang einer solchen Ehe
ein Verrat am eigenen Volkstum. So entstehen auch hier „„Ver-
fehler‘“massen, die sich statistisch fassen lassen. Die italienische
Weltkriegsliteratur ist voll von Empörung gegen die mogli
tedesche und mehr noch gegen die mariti di mogli tedesche. In
Deutschland hat, vom Kampfe Bismarcks und seiner Anhänger
gegen die als Engländerin verschrieene Kaiserin Friedrich bis
zu den wahnwitzigen Thesen des berühmten „Haß‘romans von
Arther Landsberger 2 der Fremdenhaß und das Kaiserfieber
in erhitzten Köpfen ebenfalls Angst vor den später etwa abzu-
schließenden Mischehen wachgerufen und zur Verfemung der
bereits abgeschlossenen Mischehen geführt. In der französi-
schen Geschichte leben die Königinnen aus dem Hause Medici
als die Pest und Verderben bringenden Gestalten, die sich auf
dem hellen Hintergrunde der reinen französischen Tugend dia-
bolisch abheben, weiter. Die Bartholomäusnacht in Paris hat
bei vielen. Historikern die Lesart eines crime italien erhalten.
Auch vom rassenmäßigen Gesichtspunkt der Antisemiten be-
steht der wahre Fluch der arischen Menschen in der Heirat mit

28 OQettingen, 8. 393.
296 Arthur Landsberger, Haß. Ein Roman eines Deutsch-Engländers
aus dem Jahre 1950, München 1015. Müller.
        <pb n="172" />
        Mischehen.

159

der Jüdin. Selbst Sombart hält dafür, daß Blutmischungen wie
die zwischen Germanen und Semiten „scheinbar von Natur dis-
äquilibrierte Menschen‘ erzeugen ®.

Indes der Gipfel der durch die Mischehe entstehenden Ver-
fehlung wird in der Anschauungswelt des Angelsachsen und
zumal des Nordamerikaners, welchem die strengste Aufrecht-
erhaltung der colour line als Norm dient, durch die Verbindung
von Weißen und Schwarzen erreicht. Für den Amerikaner ist
die eheliche Blutmischung mit einer Negerin, selbst mit der
Zwölftels-Nachkommin eines Negers, ein unaussprechliches
Verbrechen an der Rasse. Zur Entschuldigung desselben gilt
weder Liebe noch Ehrbewußtsein.

Das bürgerliche Gesetzbuch in Virginia bezeichnete die Ehe
eines Weißen mit einer Schwarzen vor dem amerikanischen Se-
zessionskrieg, als „an abuse for the dishonour of God and a
shame of Christians‘ und belegte sie mit der Todesstrafe 2%,
Noch heute stößt eine Verehelichung mit einer Negerin oder
einem Neger in den meisten Staaten der Union auf unüber-
brückbare Schwierigkeiten. Wo es dazu kommt, handelt es sich
stets um die niedrigste Klasse der Weißen (die sogen. poor
whites) 297,
In der Zeit der Sklavenwirtschaft wurde freilich von den
englischen Kolonisten das Konkubinat mit einer Negerin anders
gewertet. Die Negerinnen waren den weißen Herren schutzlos
preisgegeben. Da sie keinen Gerichtsstand und keinen Zivilstand
206 Vgl. seine Exemplifizierung in: Werner Sombart, Der Proletarische
Sozialismus, Jena 1924, Fischer, Bd. ı, S. 76.

296 John Russell, The Free Negro in Virginia (1619—1865). Baltimore
1913, Hopkins Un. Preß, p. 123.

297 In Philadelphia gab es 1890 etwa 40000 Neger. Im Seventh Ward
der Stadt befanden sich 8861 Neger. Von diesen hatten 4 Frauen und
29 Männer Weiße geheiratet. Von den 29 weißen Frauen der Neger waren
1r Amerikanerinnen und ı5 Ausländerinnen; 7 waren Prostituierte. (W. S.
Burghardt Du Bois, The Philadelphia Negro. Publication of the Uni-
versity of Pennsvlvania, Philadelphia 1899, Ginn, 358—365.)
        <pb n="173" />
        160

Dritter Teil.
hatten, konnten Negermänner die weißen Liebhaber ihrer
Frauen nicht wegen Eheschändung anklagen, noch Negerväter
ihre Töchter schützen. Noch am Anfang des neunzehnten Jahr-
hunderts faßte der Oberste Gerichtshof des Staates Nord-Caro-
lina den Beschluß, daß a white man would not be convicted of
fornification or adultery with a slave woman; because she had
no standing in Court?28, Von der Negersklaverei in Amerika
konnte der unparteiische Historiker ruhig den Satz aus-
sprechen, sie habe die Frauen und Mädchen almost universally
debauched 2? In manchen Staaten gebe es nicht ein einziges
hübsches Negermädchen, das nicht die Buhlin eines weißen
Mannes sei 300,

In der Zeit der Sklavenherrschaft in Nordamerika galt
selbst der Geschlechtsverkehr weißer Mädchen mit Negern
unter gewissen Voraussetzungen für statthaft und zweckmäßig.
Im Staate Maryland, wo ein Gesetz bestand, das bei Geschlechts-
verkehr von weißen Frauen mit schwarzen Männern erstere für
die Zeit der Lebensdauer des Schwarzen zwangsdienstpflichtig
machte und demzufolge die aus dem Liebesverhältnis stammen-
den Kinder als Sklaven geboren wurden, überlieferten weiße
Herren zwecks Erhaltung besser qualifizierter Mulattensklaven
gerne ihre weißen Dienstmägde ihren schwarzen Sklaven3%,
Aus solchen Zuständen entstand dann die heutige Neger-
bevölkerung der Vereinigten Staaten in ihrer bunten Mischung;
als Denkmal angelsächsischer und christlicher Sittlichkeit
sicherlich kein Ruhmeszeichen, um so weniger, als die öffent-
liche Meinung der Söhne und Enkel der Schwängerer der
Negermädchen nicht den katholischen Bahnen der lateinischen
28 Calhoun II, 291.

2 1, 290.

300 11, 296.

301 Ernst von Halle, Baumwollproduktion und Pflanzungswirtschaft in
den nordamerikanischen Südstaaten, Leipzig 1897, Duncker &amp; Humblot,
I, S. 36, II (1906), S. 340.
        <pb n="174" />
        Mischehen.

161

Südamerikaner folgt, welche, Menschliches menschlich be-
handelnd, die buntgemischten Nachkommen mehr oder weniger
als Ihresgleichen betrachten, sondern sie in den tiefen Abgrund
moralischer und gesellschaftlicher Ächtung hinunterstößt 302,

Jedwede Art dauernder Liebesverhältnisse von Weißen mit
Farbigen charakterisiert sich dem modernen Amerikaner aus
fast allen Gesellschaftskreisen als verwerfliches Zeichen sitt-
licher Schwäche und Haltlosigkeit, als Mangel an moral
restraint, als schwerster, nicht wieder gutzumachender Er-
ziehungsfehler. Geht dabei die Zuneigung von einem schwarzen
Mädchen aus, so riskiert die Ärmste, die zwar wohl von dem
Weißen heimlich empfangen wird, daß es dann in der weißen
Presse von ihr heißt, die Negermädchen seien immer noch von
ihren animalischen Instinkten besessen (was dann gegen die
faktische Emanzipation der Neger ausgenutzt wird)%°®, Ent-
zündet sich aber die Liebe eines Schwarzen zu einem weißen
Mädchen, so riskiert der Unglückselige ohne weiteres, auch wenn
302 Vgl. auch meine Wirtschaft und Rasse, im Grundriß der Sozial-
ökonomik, Bd. IT, ı, 2. Aufl. Tübingen 1922, Laupp, S. 163, 183.

8038 Daß die Geschlechtsmoralität der Negerinnen zunimmt, wird von den
modernen amerikanischen Gesellschaftskritikern unumwunden zugegeben.
(Vgl. Calhoun, vol. III, p. 39, 291; Jerome Dowd: The Negro in
American Life. New York 1926. Century Co., p. or.) Freilich ist die
Quote der Unehelichkeit bei den Negermädchen heute noch etwa ı0- bis
ı5mal größer als bei den weißen Amerikanerinnen. Die Negerinnen sind
aber wohl etwa achtmal ärmer. (Vgl. genauere Ziffern bei Frederick
William Roman, La place de la sociologie dans l’6ducation aux Etats-Unis,
Paris 1923, Giard, p- 124.)

Wie eingewurzelt das Vorurteil gegenüber der unsittlichen Lebensführung
der Neger bei den weißen Amerikanern selbst im Mittelwest (Chicago) ist,
dafür zeugt eine Antwort auf die Enquete: The Negro of Chicago. A
study of race relations at a race riot, report by the Chicago Commission
on Race Relation, Chicago 1922. University of Chicago Press (p. 457): „I
observe hostile attitude (toward the negroes), but (have) no contacts.
(Speaking of his negro neighbours:) I guess, they are pretty wild, but
I have never seen them. It’s just what people tell me. I never had any
dealing with them“.

Michels, Sittlichkeit in Ziffern.
        <pb n="175" />
        162

Dritter Teil.
er. von den honettesten Absichten geleitet wird, von der Masse
gelyncht zu werden. Wie das selbst mit den schwarzen Ärzten
geschieht, wenn. sie sich in besonderen Fällen dazu verleiten
lassen, weiße Patientinnen zu behandeln 3%, Denn in den Süd-
staaten kann sich die weiße Masse einfach nicht vorstellen, daß
sich ein Neger weißen Frauen, zu welchem Zweck immer, nähern
dürfe. &gt;
Trotzdem scheint es, daß zwischen den beiden Rassen aller-
hand mysteriöse sexuelle Anziehungskräfte obwalten. Die
Südstaatler warfen den Nordstaaten vor, den Krieg nicht aus
Befreiersehnsucht, sondern aus geschlechtlicher Gier nach den
Negermädchen zu führen: that lust for. the African women was
a far more prevalent motive than their pretended humanity
for their hKberating zeal. Die Berechtigung zu diesem Vorwurf
soll in-den Liebesbriefen gelegen haben, die bei den gefallenen
Nordsoldaten aufgefunden worden waren 3%, Der angeblichen,
zur Lynchjustiz führenden Gier des Negers nach der weißen
Frau hat nach psychoanalytischen Methoden der bekannte
Psychologe Frazier eine geheime Sucht der weißen Frau nach
dem Neger zur Seite gesetzt: seine Thesen gehen darauf hinaus,
„that the alleged reasons for violence are simply defence
mechanisms for unacceptable wishes is shown by a case in
which a juror was lynched for voting to exonerate a Negro
accused of a crime! The energetic measures which Southerners
use to prevent legal unions of white with colored people look
suspiciously like compensatory reactions for their own fru-
strated desires for such unions%%, ‚.,It is not unlikely that
imaginary attacks by Negroes (on white women) are often

4 Edward Franklin Frazier, The Pathology of Race Prejudice.
Forum, June 1927, p. 860; vgl. auch den Roman des Negerdichters Walter
F. White, With Fire and Flint.

305 Defence of Virginia, in Calhoun, II, p. 363.

308 Frazier, S. 859.
        <pb n="176" />
        Mischehen.

163
projected wishes %07, Demzufolge wäre also die Lynchtaktik
wesentlich aus unberechtigten Anklagen sich aus der geheimen
Lust zu falschen Anschuldigungen flüchtender oder doch sich
selbst aus libidinösen Zuständen heraus Verfolgtsein sugge-
rierender weißer Frauen entstanden: ein Gesichtspunkt, der in
seiner Einseitigkeit den Vorgängen des Negerlynchens gewiß
nicht gerecht wird, aber als Komponente desselben immerhin
ernstlich in Betracht gezogen zu werden verdient.

Übrigens haben die seit der Eroberung der Inseln 1897 auf
den Philippinen stehenden amerikanischen (weißen) Garni-
sonen dort eine zahlreiche neue Bastardbevölkerung erstehen
lassen, die ebenfalls den handgreiflichsten Beweis dafür er-
bringen dürfte, daß die angeblich größere Sittenstrenge der
Angelsachsen im Vergleich mit den Romanen, den Holländern
und den Deutschen ebensosehr Märchen ist wie die angeblich
natürliche Scheidung zwischen den Rassen, auf welche manche
amerikanischen Gelehrten, in Widerspruch mit der Faktenwelt,
so großen Wert legen.

Somit glauben wir erwiesen zu haben, daß weder die Beobach-
lung von dem Vorhandensein einer größeren oder geringeren
unehelichen Prolifizität, noch die über die Herrschaftsphäre des
Neomalthusianismus, noch die Statistiken der Ehescheidungen,
der Sexualverbrechen, der Prostitution, der venerischen Er-
krankungen oder der Mischehen auf die Frage nach der ge-
schlechtlichen Sittlichkeit einer bestimmten Bevölkerungsgruppe
ausreichende Antwort zu geben vermögen.

6. Das „retrospektive“ Symptom. (Erkennbarkeit der
Sexualmoral an ihren Folgen).
Manche Statistiker glauben, das Kriterium einer Moral-
statistik, der es gegeben sei, zahlenmäßige Auskunft über die
Größe der in einem Volke vorhandenen Unmoral zu erteilen,
—n07 Seite 861.
        <pb n="177" />
        164

Dritter Teil,

von der statistischen Erfassung eines unmoralischen oder als
solchen betrachteten Faktums auf die aus diesem zu erwarten-
den Folgen abwälzen zu dürfen. So hat z. B. Fritz Mangold
in einem Vortrag im Oktober 1925 auf der in Zug abgehaltenen
Jahresversammlung der Schweizerischen Statistischen Gesell-
schaft erklärt, auch er möchte nicht das alles zahlenmäßig
als Maßstab anwenden, was in der Regel als moralisch anfecht-
bar oder verwerflich bezeichnet werde. Wohl sei aber der un-
eheliche Geschlechtsverkehr dann als sozial verderblich zu be-
zeichnen, wenn er „als Ausfluß von Laster, Gewissenlosigkeit
und Unbekümmertheit um die Geschicke anderer anzusprechen
sei und die Folgeerscheinungen des Verkehres geeignet seien,
Mitmenschen unglücklich zu machen“. Die Moralstatistik ver-
möge überhaupt nur Folgeerscheinungen zu erfassen. Als
solche aber registriere sie uneheliche Geburten, Ehescheidungen
infolge Ehebruchs, Prostitution und venerische Krankheiten 308

Der Versuch, die statistisch faßbare Unmoralität an ihren
Folgen erkennen zu wollen, muß als irreführend bezeichnet
werden. Die Folgen interessieren uns sozial als Übelstände,
nicht aber als konkret gewordene Missetaten 3%, Ganz ab-
gesehen davon, daß z. B. die Folgen einer Ehescheidung in-
folge Ehebruchs recht erfreulich sein können, indem sie, falls
keine Nachkommenschaft vorhanden, das Übel beheben, sind
Gewissenlosigkeit und Unbekümmertheit um die Geschicke
anderer keineswegs die notwendigen Akzessorien einer angeb-
lich statistisch faßbaren, weil angeblich aus ihnen erkenn-
baren Immoralität. Das bewußte Weitergeben venerischer
Krankheiten z. B. ist gewiß verwerflich. Daher ist in ärzt-

%05 Mangold, 5, 408, 409, 413, 412.

509 Sehr treffend bemerkt Legoyt (1. c. S. 473): „La question de mora-
lit&amp; 6cart6e, nous ne saurions möconnaitre que le fait d’un grand nombre
et surtout d’un nombre croissant d’enfants naturels a les CONSEqUENCBS
sociales et 6conomiques les plus regrettables.‘“ Aber eben nicht mehr als das.
        <pb n="178" />
        Das „retrospektive‘‘ Symptom.

165

lichen Kreisen die Forderung entstanden, Jeder, der eine
Geschlechtskrankheit gehabt habe, müsse so viel Gewissen
und Selbstverantwortlichkeit besitzen, um den Geschlechts-
verkehr nicht eher aufzunehmen, als dieser ihm von seinem
Arzte ausdrücklich wieder gestattet werde 319, Andere Biologen
gehen sogar noch weiter und fordern, alle Menschen zu
untersuchen und die dabei als krank Gefundenen ausnahms-
los so lange zu isolieren, bis jede Ansteckungsgefahr vor-
über sei311; sie halten dafür, daß sich auf diese Weise die Zahl
der Geschlechtskranken innerhalb drei Jahren bis auf einen
kleinen Rest reduzieren lasse %2, Von einigen Medizinern sind
auch die juridischen Konsequenzen dieser Vorschläge gezogen
worden. Es sind Versuche im Gange, die Fälle von Ansteckung
durch Geschlechtskrankheiten rechtlich strafbar zu machen. So
ist das Postulat laut geworden, geschlechtskranke, weiter ge-
schlechtlichen Umgang pflegende Männer sogar zu den Ver-
brechern zu rechnen. Der Verbrecher gehöre dem Richter, und
Verbrecher seien die, welche leichtsinnig, einerlei ob fahr-
lässig oder vorsätzlich, ihre Seuchen übertragen, oder auch ohne
zu infizieren, doch andere der Infektionsgefahr aussetzen 3193,
Führende Juristen der modernen Strafrechtsschule gehen nicht
310 Blaschko, S. 14. — Die Bekämpfung der Heirat Geschlechtskranker
wird durch die Schweigepflicht der Ärzte sehr erschwert. Wenn amerika-
nische Ärzte demgegenüber den Kranken gedroht haben, sie würden ihrer
Pflicht zwar genügen, die Ehe aber dadurch zu vereiteln suchen, daß sie den
Bräutigam ohne Grundangabe vor der Kirche öffentlich ohrfeigten (Dr. Rupp:
Letters of a Physicjan to his Daughters, New York 1909, bei Josephyne
Conger-Kaneko: The Traffic in Girl Slaves, in The Progressive Woman,
vol. IV, Nr. 40, Sept. 1910, p. 4), so ist das nicht nur ein sehr un-
gewöhnliches und nur individuell mögliches Vorgehen, sondern auch im
Widerspruch mit einer nicht nur ad literam verstandenen ärztlichen Schweige-
pflicht stehend.

311 Gustav von Bunge, Die Ausrottung der Geschlechtskrankheiten,
Leipzig 1911, Vogel, S. 9.

312 Bunge, S. 15,

313 W, Saalfeld, in der Deutschen Medizinischen Presse; 1902, Nr. 22,
        <pb n="179" />
        166

Dritter Teil.
weniger weit. Selbst Liszt fordert, von der erfolgten Infizierung
abzusehen und den geschlechtlichen Verkehr einer infizierten
Person als solchen unter Strafe zu stellen 314, Bei keinem Ge-
schlechtsleben, weder im ehelichen noch auch im außerehe-
lichen, dürfen wir Geschlechtskrankheiten verbreiten. Davon
sprach der amtliche Entwurf eines Allgemeinen Deutschen
Strafgesetzbuches 1925 freilich nicht. Dagegen gibt es einen
besonderen Entwurf zur Verhütung der geschlechtlichen An-
steckung, der 1921 eingebracht, 1922 aufgenommen wurde,
dem dann der Reichsrat widersprochen hat, der aber dem
Reichstag am 6. Juni 1925 wieder zugegangen ist 315, [In der
deutschen Rechtsprechung sind bisher schon in einigen Fällen.
freilich nur in solchen geschehener Infektion, die eine juristische
Handhabe bietenden Strafbestimmungen über Körperverletzung
zur Anwendung gekommen, allerdings, den Schwierigkeiten der
Feststellung der Kausalzusammenhänge (Inkubationszeit, Mög-
lichkeit einer Ansteckungsgefahr ohne geschlechtlichen Verkehr,
Syphilis insontium 316) entsprechend, nur äußerst selten. Er-
wähnt möge noch werden, daß in Kriegszeiten, ganz im Liszt-
schen Sinne, daß der Strafbarkeit der Geschlechtskranken selbst
dann das Wort geredet worden ist, wenn ihr Geschlechts-
verkehr nicht weiter ansteckend wirkt, d. h. ohne F. olgen ver-
läuft 317, Das schwedische und das tschechoslowakische Straf-
recht verfahren bereits in diesem Sinne; sie bestrafen den sich
seiner Krankheit bewußten. aber weiter sexuelle Beziehungen

514 Franz von Liszt, Der strafrechtliche Schutz gegen Gesundheits-
gefährdung durch Geschlechtskrankheit. Ein Gutachten, in der Zeitschrift
zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, 1903, S. 45.

%15 GG, W. Mittermaier, S. 8. .

318 ‚Ab und zu, nicht häufig, scheint die Ansteckung durch bloßes Zu-
sammenschlafen mit einem erkrankten Familienmitglied erworben zu sein.
In den meisten Fällen erfolgte die Übertragung durch Geschlechtsverkehr.
durch Schändung,“ (Dührssen, S. 54.)

317 Vo}. 7. B. Neisser, S. 20.
        <pb n="180" />
        Das „retrospektive‘“ Symptom.

167

pflegenden Geschlechtskranken mit hohen Geldbußen und, falls
er Ansteckung verschuldet, mit Gefängnis? Bemerkenswert
ist ferner, daß in Italien der neue Entwurf der faszistischen
Regierung zu einer Revision des Strafgesetzbuches für die durch
Geschlechtsverkehr innerhalb und außerhalb der Ehe erfolgte,
zur Anzeige gebrachte Ansteckung eine Gefängnisstrafe bis zu
zwei Jahren vorsieht 319, Zu einer wirklich wirksamen Be-
kämpfung der Geschlechtskrankheiten würde aber wohl auch
eine Bestrafung der geschlechtskranken Ammen sowie der
Eltern eines syphilitischen Kindes, die diesem eine gesunde
Amme verschaffen, gehören%2, Indes wird es sich im ganzen
bei der bewußten oder selbst der fahrlässigen Übertragung
der Geschlechtskrankheiten nur um eine kleine, statistisch
sehr schwer faßbare Zahl von Fällen handeln. Bei der Mehr-
zahl der Fälle werden derartige Krankheiten zweifellos un-
bewußt, indem sich der Kranke nicht krank weiß oder sich
nicht mehr krank wähnt, weitergegeben, ein medizinisches
Preblem, da die Schwierigkeit der Diagnose bekanntlich auch
einen großen Bruchteil der ärztlichen Voruntersuchungen in
Heiratsfällen (Heiratsattest), die sonst durchaus rechtens ge-
fordert werden, zum Scheitern bringen muß.

Für das Gebiet der Unehelichkeit darf zu diesem Kapitel
noch bemerkt werden, daß, insofern die Unbekümmertheit um
die Folgen als kriterienbildendes Element der Unmoräl auf-
gefaßt werden sollte, anbetrachts der inbrünstigen und zu allen
Opfern bereiten Liebe, mit der gerade die unehelichen Mütter
(und wie wir sahen, sogar einige Prostituierte) so häufig ihre
sıs V, Terradez, El delito de contagio venereo, Boletin del Colegio
de Abogatos, Madrid. Nov./Dez. 1926, p. 241—246.

819 Progetto preliminare di um Nuovo Codice Penale. Roma, ottobre 1927,
Anno V, p. 227.

320 Louis Fiaux, L’int&amp;grit&amp; intersexuelle des peuples et les Gou-
vernements, Paris 1910, Alcan, p. 669g. — V. Manzini, Trattato di diritto
penale. 24 ed.. Torino 1922, VI, 5297, VII, z34, 135. Nr. x.

At ri
        <pb n="181" />
        168

Dritter Teil. Kriterien.
Kinder hegen und pflegen#%, gerade die uneheliche Natalität
gar zur Wertung eines Symptoms hoher Moral gelangen müßte.
Noch ein weiteres: In manchen deutschen Gegenden, wie in
Südbayern, wo die Sitte fordert, daß die Bauernpaare bereits
vor der Ehe miteinander geschlechtlich verkehren, müssen die
Mädchen oft fürchten, daß ihr Schatz sie nicht heiratet, wenn
sie ihm ihre Liebe nicht durch Preisgabe beweisen ®22, Hier wird
also das uneheliche Kind zum Treupfand und zur Hoffnung
auf die monogamische Ehe. Wie berichtet wird, hat sich die
Sitte vorehelichen Zusammenlebens vielfach so sehr einge-
bürgert, daß, falls der Bräutigam mit seiner Braut nicht
bereits vor der Heirat den Geschlechtsakt vollzieht, diese
sich zurückgesetzt fühlt32®, Oder daß, wie es ebenfalls häufig
vorkommt, die Mutter nicht nach dem ersten, sondern nach
dem zweiten oder dritten Kind geheiratet wird. Denn das
Kriterium besteht darin, daß überhaupt geheiratet wird.

Selbst die Fruchtabtreibung vermag, in Einzelfällen, durch
schte Liebe der Geschwängerten zum Manne sowie Hoffnung
auf Ehe und Kinder veranlaßt zu werden 324.

321 Vgl. dazu auch Lamartine, S. 308.

322 Schallmeyer, S. 361.

328 Hellpach, S. 38.

4 Was von Juristen als Beispiel für die Härte des $ 218: „Eine
Schwangere, welche ihre. Frucht vorsätzlich abtreibt oder im Mutterleibe
tötet, wird mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren bestraft, Sind mildernde
Umstände vorhanden, so tritt Gefängnisstrafe nicht unter sechs Monate
ein,“ verwandt worden ist. (Dührssen, S. 77.)
        <pb n="182" />
        Teil IV.
Akzessorische Fragen der moralstatistischen
Kausalitäten.
£. Religion.

Von vielen, und zwar nicht nur von ausgesprochen anti-
klerikalen Nationalökonomen des 18. Jahrhunderts wurde
die Überzahl der Mönchsklöster nicht nur für eine Ur-
sache der Entvölkerung, sondern auch eine solche blühender
Erotik gehalten!. Aus ähnlichen Gründen sollen vom Papste
auch die im 18. Jahrhundert üblichen nächtlichen Kirchen-
feste in Portugal, wo sie besonders häufig waren, abgeschafft
worden sein, weil nach dem entsprechenden Zwischenraum
eine entsprechende Zahl unehelicher Kinder habe nachgewiesen
werden können?, Das sind indes heute im ganzen, in Anbetracht
der größeren Zucht und der geringeren Zahl der Mönche, nur
noch historische Erinnerungen.

Hart umstritten ist der Einfluß der Religion auf die unehe-
liche Natalität. In Preußen überwogen (1886) die protestan-
tischen unehelichen Mütter die katholischen um ein Beträcht-
liches. (Uneheliche Geburten bei den Katholiken 6,5%, bei den
Protestanten 10,3%.) Im Rheinland ist freilich auch bei den
Protestanten der betreffende Prozentsatz sehr niedrig 3, was aller-
1 Cesare Beccaria, Elementi di Economia Pubblica. (7 ed., Torino
1852, Bibl. dei Comuni, p. 38.)

®? Gioia, vol. I, p. 295.

* Einer Berechnung von Rost nach ist in Preußen in dem Zeitraum
von 1875—1909g auch die durchschnittliche Zahl der Kinder in den katho-
lischen Ehen so gut wie gar nicht zurückgegangen (5,3 resp. 5,2), während
in den protestantischen Ehen die Zahl in dem gleichen Zeitraum von 4,5
auf 3,4 gefallen ist. (H. Rost, Geburtenrückgang und Konfession, S. 39,
"zitiert ‚hei Seehberg, S. 62].)
        <pb n="183" />
        170

Vierter Teil,
dings nicht zu verwundern ist, weil gerade dort die protestan-
tische Bevölkerung sozial und ökonomisch hoch steht*, Aus
demselben Grunde sind ebenfalls die niedrigen unehelichen Ge-
burten bei den Juden zu erklären®., Im katholischen Irland ver-
hielt sich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts das Verhältnis
der unehelichen zu den ehelichen Geburten wie ı zu 16,47; im
protestantischen Ulster dagegen nur wie ı zu 7,26% Wie auch
noch die Ziffern des ländlichen Bayern zeigen, gibt mithin die
Katholizität allein keine Gewähr für die Geringfügigkeit der
unehelichen Geburtenziffern. Die Moralstatistik rührt also nicht
an das metaphysische Rätsel der menschlichen Freiheit und löst
es folglich als außerhalb ihres Bereiches liegend auch nicht.
Sie dient, wie es Knapp so schön gesagt hat, der Philosophie
trotzdem, aber nur insofern, als sie „das Interesse an den
Fragen, die den Menschen nicht verlassen, wie sehr er sich auch
von ihnen abwenden mag, in die Kreise der verzweifelten Rea-
listen‘ hineinträgt?.

Beiläufig möchten wir noch des religiösen Zwistes Er-
wähnung tun. Denn es konnte angesichts der Erbitterung der
religiösen Kämpfe natürlich nicht ausbleiben, daß Protestanten
und Katholiken, Freie und Fromme sich die Existenz des
geschlechtlichen Elends gegenseitig vorwarfen. Der katholische
Vorwurf bestand vor allen Dingen darin, daß die Protestanten,
wie das englische Beispiel zeige, nicht imstande seien, durch
entsprechende Wohlfahrtseinrichtungen dem Elend und der

4 Mathieu Schwann, Geschichte der Kölner Handelskammer, Köln
1906, Neubner, S. 26ff., 37ff., 41—49, 354—359; vgl. auch Jules
Huret, Rhin et Westphalie, Paris 190%, Charpentier, p. 149.

5 Lexis, S. 786.

6 Nach John Forbes, Memorandum made in Ireland in 1852, zitiert
bei Prosper Baron de Haulleville, L’Avenir des Peuples Catholiques,
Turin 1877, Romano, p. 233.

7 Knapp, S. 249.
        <pb n="184" />
        Psychische Isolierung.

171
Prostitution vorzubeugen oder wenigstens das entstandene z. B.
durch großartige Findelhäuser zu mildern®. Während die Pro-
testanten umgekehrt sich mit dem durch Fleiß und gutes Be-
tragen erworbenen Reichtum ihrer Glaubensgenossen brüsteten
und z. B. auf den stark irisch-katholischen Einschlag der
Londoner Armenbevölkerung hinwiesen. Misere stehe allen
Lastern nahe*. Somit schreibt jede Religion sich die innere
Kraft zu, das Moralproblem einer natürlichen Lösung zuführen
zu können; denn für die Protestanten brauchten die elenden
Katholiken nur brave und fleißige Protestanten, und für die
Katholiken brauchten die elenden Protestanten nur brave und
sittliche Katholiken zu werden, um sich dem Elend und mit
ihm dem Laster zu entziehen. Denn Elend und Laster würden
dann bloß noch konfessionelle Akzidentien sein.

2. Psychische Isolierung.

Der Umfang sozialer Isolierung ist häufig Kriterium des
Umfangs sittlicher Gefahren. Daher die Gefährdung des allein-
stehenden jungen Mädchens.

Unter diesem Gesichtspunkt wird für die Frage der Ent-
stehungschancen hoher Unehelichkeitsziffern sowie der Prosti-
tution zunächst die Verwaisung eine große Rolle spielen. Auf
diesen Umstand wurde hinsichtlich der unehelichen Mütter be-
reits im Kommissionsbericht über einen Gesetzentwurf zur
Organisation der Findelhäuser in Frankreich 1849 aufmerksam
gemacht!®. In seinen Untersuchungen über die Frankfurter
Verhältnisse hat Spann (1909) festgestellt, daß über drei Viertel
der unehelichen Mütter vaterlos waren oder von ihrer Familie

3 Margotti, S. 5154f.

3 „A Londres ce sont les Irlandais catholiques qui sont dans la misöre
et le vice.“ (Napoleon Roussel, Les Nations catholiques et les Nations
protestantes, Paris 1854, Meyrueis, vol. II, p. 433.)

10 Lamothe, S. 1230.
        <pb n="185" />
        172

Vierter Teil,
getrennt lebten. Mit Recht ist auch er deshalb zu der These
gekommen, daß in der Verwaisung junger Mädchen und in der
Entfernung und Entfremdung derselben von der Familie eine
sehr bedeutsame Ursache der Unehelichkeit erblickt werden
muß1!, In der Zentrale der Konfektion in Italien, Turin, hat
eine 1911 angestellte Enquete ergeben, daß im Gegensatz zu
den Fabrikationsarbeiterinnen gerade die Schneiderinnen und
Näherinnen zu einem erheblichen Teil lediglich auf ihren
eigenen Verdienst angewiesen sind und vom Elternhause nichts
zu erwarten haben; ein Viertel von ihnen sind Waisen1?, Und
zerade die Schneiderinnen und Nähmädchen in Turin stehen
bekanntlich wenigstens den feineren Formen der Prostitution
sehr nahe.

Eine andere, nicht minder wichtige Ursache für die Ver-
liederlichung beim jungen Mädchen liegt oft darin, daß es selbst
schon uneheliches Kind ist. Vielleicht nicht einmal so sehr
wegen seiner Eigenschaft als Uneheliche, als wegen der hier-
durch ebenfalls für das Mädchen eintretenden größeren Isolie-
rung 1%, Das Problem der Vereinsamung der unehelichen Kinder
wird auch durch die spätere Verehelichung der Mutter häufig
gar nicht oder doch nur vorübergehend gehoben. Nur dem mit
den Tatsachenreihen des sozialen Lebens Unbekannten dürfte es
verblüffend erscheinen, daß sich die übergroße Mehrzahl der un-
ehelichen Mütter bei ihrer Verheiratung nicht den Vater ihres
natürlichen Kindes, sondern einen anderen zum Ehemann nimmt
oder wenigstens als solchen erhält1®% Für seine Untersuchungs-

12 Spann, Lage und Schicksal, S. 8/9; Schröder,S. 35.

12 Effren Magrini e Giovanni-Battista Allaria, L’Industria
della Sartoria per Signora e le Condizioni Sanitarie delle Operaie in Torino,
Roma 1gır, Boll. dell’ Ispettorato del Lavoro, p. 171.

12a Vgl. S, 86 unseres Buches.

18 Die Ursachen hiefür liegen zumal in dem bei der unehelichen Geburt
seitens des Mädchens und dessen Verwandten meistens ausgeübten Drucke
auf den Schwängerer, sich zur Vaterschaft zu bekennen und zu heiraten,
        <pb n="186" />
        Psychische Isolierung.

173

periode in Frankfurt hat Spann die Zahl dieser unehelichen
Mütter auf zwei Drittel berechnen können14, Bei solchen Ehen
kommen dann, wie z. B. die Erfahrungen in Paris lehren, die
unehelichen Kinder, und zumal die Mädchen, sehr schlecht
weg. Entweder wünscht der Ehemann die vorehelichen Fremd-
kinder seiner Frau nicht im Hause zu haben, oder aber er behält
sie zwar im Hause, wird ihnen aber in den Jahren der Ge-
schlechtsreife so gefährlich, daß die Frauen ihre Töchter aus
Eifersucht selbst aus dem Hause zu entfernen pflegen. In
beiden Fällen geraten die unehelichen Kinder der verheirateten
Mutter zu frühzeitig in das Erwerbsleben oder enden auf
der Straße 15,

Auch bei den ehelichen Kindern kommt in hohem Grade die
schlechte Behandlung im Hause, Trunksucht des Vaters, Streit-
sucht der Mutter oder der Stiefmutter oder des Stiefvaters, oder
gar der Konkubine des Vaters, aber auch Unverträglichkeit des
Mädchens selber als Ursache für leichtes Fallen, die Ergreifung
von die Sittlichkeit gefährdenden Berufsarten und gar der er-
werbsmäßigen Prostitution in Frage16.
sowie durch die aus der Weigerung des Mannes entstehende Entzweiung mit
ihrem Gefolge von Ernüchterung und Erbitterung seitens der Mutter, die
auch den Äußerungen einer späteren eventuellen Reue des Verführers bis-
weilen zu widerstehen vermag. Vgl. auch die Konstellation in der prächtigen
Novelle von Guy de Maupassant, Le Pöre (in der Sammlung: Made-
moiselle Fifi, Paris 1907, Ollendorff).

144 Spann, S. 31£.

15 Du Camp, vol. II, p. 435.

16 „Belle-mere ou concubine, s’est 1a une des causes les plus £fröquentes
de la prostitution des jeunes filles du peuple. Toujours marätre, la belle-
mere! Et la concubine, donc! La jeune fille les göne: elles la poussent dans
la rue. — ‚Mon pöre 6tait avec une femme‘ röpondent souvent, pour leur
excuse, les malheureuses qui viennent se faire inscrire a la Prefecture de
Police.“ (Alfred Delvau, La Prostitution a Paris, im Paris Guide, Paris
1867, Lacroix, vol. II: La Vie, p- 1880/1881; so auch Oettingen, S. 472;
Schnapper-Arndt, Sozialstatistik, S. 541; Karl Oldenberg, Arbeiter-
schutz in Gast- und Schankwirtschaften, Jena 1902, Fischer, S. 52—54;
William Booth, S. 532.)
        <pb n="187" />
        17

Vierter Teil.
Das ‚Alleinstehen betrifft auch die Ortsfremde. Aus der
Schweiz z.B. heißt es mit Recht: „Als Grundsatz kann man
vorausschicken, daß die am Ort verbürgerten Frauen verhält-
nismäßig ‚einen ganz kleinen. Teil der umehelichen Mütter
stellen, und daß ebenso die am Ort aufgewachsenen Frauens-
personen, gleichviel welcher Heimat, eine kleinere uneheliche
Fruchtbarkeit haben. als die Zugewanderten. Es ist dies leicht
zu begreifen, denn. mit der Loslösung vom heimatlichen Boden,
von Eltern und Verwandten, ist das junge Mädchen besonderen
sıttlichen Gefahren in der Großstadt ausgesetzt‘“17,

AM
Nicht ohne Bedeutung ist fernerhin der Beruf. Denn dieser
kann durch Isolierung, oder wenigstens doch durch berufs-
mäßig notwendige Trennung junger aufsichtsloser Mädchen
vom elterlichen Hause einen hohen Grad von Gefährdung der-
selben aufweisen. Daß dieses, wenn schon in weniger großem
Umfange auch dort zutrifft, wo die trennende Arbeit nur perio-
disch, z. B. in Gestalt von Saisonarbeit auftritt, wird unter
anderem an dem Beispiel der italienischen Reisarbeiterinnen,
der risaiole, klar, über die eine reiche und interessante Literatur
vorliegt18, '

Die Gliederung der unehelichen Mütter nach Berufen ergibt
an vielen ‚Orten ein außerordentlich starkes Überwiegen der
Dienstmädchen und häuslich Dienenden aller Arten (also neben-

17 Speich, S. 46. .

18° Luigi Fornaciari, Memoriale sul Lavoro nelle risaie, presentato
alle LL. EE. ‘Hl Ministro dell’Interno e il Ministro di Agricoltura, Industria
E Cömmercio: dalle Associazioni Agrarie di Novara e Vercelli. Novara 1903,
Gaddi; ‘Giovanni Lorenzoni, I Lavoratori delle Risaie. Inchiesta. Pub-
blicazione dell” Uffieio del Lavoro della Soc. Umanitaria. Milano 1904,
pP- 132; Giulio Casalini, La Legge sul Lavoro Risicolo, Milano 1904,
Critica Sociale, p. 15; siehe auch den auf authentisches Material ge-
stützten, in jeder Hinsicht bemerkenswerten Roman der Marchesa Co-
lombi, In Risaia. 4 Ed., Milano 1902, Baldini.
        <pb n="188" />
        Psychische Isolierung.

175
bei bemerkt, der Angehörigen eines Standes, dem im all-
gemeinen mehr Gesundheit und Frische zu eigen ist als
physische Schwäche und Entartung). Empirisch standen diese
Zusammenhänge längst fest. Das kam z. B. in der preußischen
Gesindeordnung für die Hauptstadt Berlin vom Jahre 1746
insofern drastisch zum Ausdruck, daß in ihr durch einen be-
sonderen Paragraphen die Herrschaft zur Anzeige verpflichtet
wurde, wenn sie „vermerket, daß sich ein in ihren Diensten
stehendes Gesinde schwanger befindet‘, und zwar wurde die
Anzeigepflicht dabei dadurch begründet, daß es gelte, Kinder-
mord zu verhindern!®. In Preußen kamen z. B. 188g von
90413 unehelichen Geburten allein 49364 auf Mütter aus
dieser Klasse (mit Einschluß des ländlichen Gesindes). „Da
die Gesamtzahl der weiblichen Dienstboten nach der Berufs-
zählung von 1882 in Preußen 855425 betrug, so stellte sich
für diese die Wahrscheinlichkeit einer unehelichen Niederkunft
innerhalb eines Jahres auf mindestens 0,05 und jedes dienende
Mädchen bleibt dieser Gefahr durchschnittlich mehrere, viel-
leicht 10 Jahre ausgesetzt.“ Wenn man überdies „jene Wahr-
scheinlichkeit speziell für die Altersklasse von 20-—25 Jahren
berechnete, so würde sie sich noch bedeutend höher stellen‘ 20,
Die ledigen Mütter in Frankfurt a. M. sind zu 43,6 %, in Berlin
zu 36,6 0%, in Dresden zu 38,5%, in Wien zu 30,5 0% Dienst-
mädchen.

19 Johann Heinrich Gottlob von Justi, Die Grundfeste zu der
Macht und Glückseligkeit der Staaten, oder ausführliche Darstellung der
gesamten Policey-Wissenschaft, Königsberg 1761, Woltersdorf, Bd, II,
S. 168. — In Reuß ältere Linie zwang noch in der Vorkriegszeit ein be-
irächtlich altes Gesetz von 1854 die unehelich Geschwängerte bei Ver-
meidung empfindlicher Strafen spätestens im vierten Monate ihren Zu-
stand persönlich bei der hohen Obrigkeit, d.h. einem höhnisch oder lüstern
blinzelnden Schreiber oder Kanzlisten, unter Angabe intimer Details anzu-
zeigen. (Rühle, S. 64.)

20 Lexis, S. 786.
        <pb n="189" />
        176

Vierter Teil,

Als einer der wesentlichsten Gründe, aus denen die Dienen-
den liederlich werden, wurde angeführt, daß sie „wandernde
Mietlinge‘“ und dadurch proletarisch geworden seien?l, Hirsch-
berg bemerkt, daß die Dienstmädchen gerade deshalb leichter
fallen, weil sie, wenn sie in die Stadt in Dienst gehen, hier einer
völligen Vereinsamung anheimfallen??, Ferner müssen einmal
der enge, aber äußerlich bleibende Kontakt mit der Dienstherr-
schaft, die Fremdheit und Lieblosigkeit derselben ?3, dann auch
das ansteckende und zur Nachahmung anreizende Wohlleben,
sowie die in den Häusern selbst oft herrschenden schlechten
Sitten herangezogen werden?*, Doch muß man sich sehr davor
hüten, die Verführer der Dienstmädchen etwa vornehmlich in
den Reihen der Dienstherrschaft (der Ehemänner oder der Haus-
söhne) zu suchen ?5. Vielmehr liegen diese ganz anderswo, näm-
21 W. H. Riehl, Die bürgerliche Gesellschaft, 1. c., S. 447.

2 Hirschberg, S. 284.

2% Fanny Lewald, Osterbriefe für Frauen, Berlin 1863, Janke,
5. 38ff£f., 45£f.; Clara Viebig, Das tägliche Brot, 3, Aufl., Berlin 1901,
Fontane, Bd. ı, 5. 69, 79ff.; diese Zusammenhänge muß selbst ein 30 ein-
seitiger und anekdotenhaft oberflächlicher Kritiker der Dienstbotenpsyche
wie de Rycköre zugeben. (Vgl. Raymond de Rycköre, La criminalit6
des servantes, im Bericht über den VII. Internationalen Kongreß für Kri-
minalanthropologie, Köln a. Rhein, g.—13. Oktober ıg91x, Heidelberg
1912, Winter, S. 93, 10x.) Der gleiche Autor hat den gleichen Stoff
auch in Buchform behandelt. Vgl. vor allen Dingen das Kapitel X: La
Prostitution, in: La Servante oriminelle. Etude de Criminologie professio-
nelle, Paris 1908, Maloine, p. 277ss.

% Man lese z. B. die ein gutes Stück objektiver Wahrheit enthaltenden
romanhaften Darstellungen des Dienstbotenwesens bei Alphonse Daudet,
Le Nabab. (Nouv. Ed., Paris 1892, Charpentier, p. 189££.); Octave Mir-
beau, Le Journal d’une Femme de Chambre. (Paris 1900, Fasquelle,
pP: 211, 248, 362); und bei Vincent Brion, Chez les autres. (Paris 1924,
Flammarion). — Vgl. auch Hirschberg, S. 284; Robert und Lisbeth
Wilbrandt, Die deutsche Frau im Beruf, Berlin 1902, Moeser, S. 136.

2 Wie die Verführer der armen Mädchen überhaupt dem Stande des
Mädchens selber angehören. Vgl. Frögier, S. 65; Du Camp, vol. HEIL
p. 436; Verniäres (dieser bemerkt z. B. von den Nähmädchen auf S. 65:
„Des filles, qui sortent de l’atelier, avec des cheveux mal peign6s et une
        <pb n="190" />
        Psychische Isolierung.

177
lich in der Richtung auf die örtliche Herkunft der Mehrzahl
des weiblichen Dienstpersonals 26, Dieser Sachverhalt ergibt sich,
wenn wir uns z. B. vergegenwärtigen, daß unter den Frank-
furter unehelich gebärenden Dienstmädchen nur 11,2% in der
Stadt, dagegen 52,9 % auf dem Lande geboren sind?7. Dement-
sprechend sind auch die Verführer in ihrer Mehrzahl unter den
in der Stadt lebenden Elementen ländlicher Herkunft, wie Sol-
daten, Mitbediensteten usw. zu finden. Das Gesagte gilt nicht
nur für die Väter der unehelichen Kinder der Dienstmädchen,
sondern die der übrigen weiblichen Bediensteten überhaupt. Man
hegte früher die Ansicht, daß die Väter der Unehelichen haupt-
sächlich den höheren gesellschaftlichen Schichten entstammten.
Noch Neumann war dieser Meinung, wenn er Menger 2 bei-
pauvre jupe couverte de bouts de fil blanc, ne sont pas du goüt des fils
de bourgeois‘). „In öffentlichen Versammlungen hört man gar oft, wie
die ‚Besitzenden‘ als Moloch hingestellt werden, dem die ‚Unschuld der
Mädchen des Proletariats‘ geopfert wird. Das ist eine rednerische Wen-
dung, der in der Wirklichkeit nur seltene Fälle entsprechen. Die ersten
Verführer der Mädchen dieser Kreise sind in der erdrückenden Mehrzahl
Angehörige des eigenen Standes.“ (Otto von Leixner, 1888—18gı, So-
ziale Briefe aus Berlin, 1. c., S. 123.) Man hat in Frauenkreisen sogar
auf den z. B. in Norwegen gemachten Versuch, den unehelichen Kindern,
deren Väter gerichtlich festgestellt sind, das gleiche Erbrecht wie den
ehelichen Kindern zu erwirken, Verzicht leisten zu können gemeint, da,
wenigstens in Deutschland, „die Männer unseres Industriestaates, die hier
der großen Masse nach in Betracht kommen, keine nennenswerten
Kapitalien zu hinterlassen pflegen.“ (Camilla Jellinek: Das unehe-
liche Kind und seine Mutter in der modernen europäischen Gesetzgebung.
S. Selbstanzeige in „Die Neue Generation“, 9. Jahrg., Heft 10 (Oktober
1913), S. 549.) — Dagegen wird auf der andern Seite wohl zumal aus
Textilfabriken und vom Geschäftspersonal großer Warenhäuser Glaub-
haftes von Verführung der Arbeiterinnen und Verkäuferinnen seitens Werk-
führern und Chefs der Etablissements selbst berichtet. (Lily Braun, Die
Frauenfrage, S. 308.)

2% Hirschberg, S. 284.

27 Spann, S. 33.

28 Anton Menger, Das bürgerliche Recht und die besitzlosen Klassen,
Tübingen 1890, S. 61—62.
Michels, Sittlichkeit in Ziffern.
        <pb n="191" />
        178

Vierter Teil.
pflichtete: „Den Namen und Stand des außerehelichen Vaters
nennt uns in Berlin keine amtliche oder private Mitteilung. Aber
es schallt uns in vielstimmigem Chor entgegen: Die Wohlhaben-
den sind es, welche auf Kosten der Reinheit und Unantastbarkeit
des Familienlebens der Armen ihre Geschlechtsgenüsse über
die durch Rechtsordnung gesteckten Schranken zu erweitern
suchen 2,“ Der Vorwurf Neumanns hat sich jedoch, wie Speich
sehr richtig bemerkt, als nicht gerechtfertigt erwiesen. Unter-
suchungen für Leipzig und Frankfurt a. M. und auch unsere
Ergebnisse zeigen das Gegenteil. Auch die Ergebnisse Neumanns
selbst stehen im Widerspruch zu seiner Anschuldigung, da auch
er fand, daß der größere Teil der Väter den unteren Klassen an-
gehörte. Er führte dies aber auf den Umstand zurück, daß es
sich bei seinen Untersuchungen, die er auf die Register der
Amtsvormundschaften stützte, gerade um Kinder aus den ärm-
lichsten Verhältnissen handelte. Es muß allerdings zugegeben
werden, daß es bessergestellten Vätern eher gelingen wird, die
Differenzen auf gütlichem Wege zu regeln und somit die In-
anspruchnahme der Vormundschaft wegfallen kann, so daß
dann auch keine Details über solche Väter in amtliche Akten
gelangen können 30.

Auch der Prostitution bedient sich, wo diese billig, keines-
wegs ausschließlich der Reiche oder Angehörige der Mittel-
stände, sondern ebenfalls der Proletarier. Das lehrt jede
Einsicht in die in Frage stehenden Verhältnisse schon auf den
ersten Blick, Zwar hat festgestellt werden können, daß die
eigentlichen Zentren der Prostitution nicht in ausgesprochenen
Fabrikstädten, sondern in Groß- und Mittelstädten mit starker
sozialer Klassenmischung liegen. Die Nachfrage nach den Pro-
stituierten wird durch Männer aus denjenigen Bevölkerungs-
29 Neumann, Die unehelichen Kinder in Berlin und ihr Schutz, 62. Bd.
des Jahrbuchs für Nationalökonomie und Statistik, Jena 1894, S. 517.
30 Speich, S. 119.
        <pb n="192" />
        Psychische Isolierung.

179

gruppen, „die nach ihren Klassenanschauungen nicht mit den
eigenen Klassengenossinnen außerehelichen Geschlechtsverkehr
pflegen dürfen‘‘, gesteigert2%, Aber wo der Proletarier aus seinem
weiblichen Milieu herausgerissen ist, verhält er sich genau so
wie die übrige Männerwelt, Das erhellt schon aus den Vorgängen
im Soldatenleben. Ähnlich ist es, wo das Proletariat starker
Fluktuation seiner männlichen Bestände ausgesetzt ist. Bei den
Neubauten von Eisenbahnstrecken und Tunnels in Nordamerika
ist häufig beobachtet worden (so in Tacoma Wash., 1910), daß
bisweilen sogar von Stadtverwaltungen für die plötzlich herein-
strömenden Arbeitermassen Bordelle mit (ausländischen) Dirnen
haben eingerichtet werden müssen?0b, In italienischen General-
streiks sind die Arbeiter freilich bisweilen vor die Bordelle ge-
zogen und haben diese geschlossen. Wie die Industrieproletarier
die Arme kreuzten, so verlangten sie von den Proletarierinnen
der Liebe, daß sie ihre Beine kreuzen sollten. Sie bezweckten
damit, die Bourgeoisie auszuhungern, ökonomisch und erotisch.
Es war klar, daß sie diesem Zwecke nur durch Schließung
der vornehmeren und kostspieligeren Freudenhäuser näher kom-
men konnten.
Daß ferner von den Dienstboten ein breiter Strom zur ge-
werbsmäßigen Unzucht weitergeht, ist für Kompetente eben-
falls längst eine geläufige Tatsache%*1. Wie unter den unehe-
lichen Müttern, so nahmen die Dienstboten häufig auch in der

80a Paul Kampffmeyer, Über Prostitution und Volkserziehung, So-
zialistische Monatshefte, September 1006, X. (XII.) Jahrgang, Nr. 9,
8. 972/773.

30b Nähere Angaben in The Progressive Woman, vol. IV, Nr. 4r, Okt.
1910, p. 4, Girard, Kansas,

31 Vgl. z. B. Pare nt-Duchatelet, vol. I, S, 83; Du Camp, vol. III,
S. 429; Havelock Ellis, Studies in the Psychology of Sex, vol. VI,
p- 265, 290ss.; Schnapper-Arndt, Sozialstatistik, S. 537ff. (besonders
ausgiebig); Edmond de Goncourt, La Fille Elisa, 6d, Paris, Calmann-
Lövy, p. 23; Notari, 5. 156.
        <pb n="193" />
        180

Vierter Teil.
Professionalanalyse der der Prostitution vorangegangenen
Zeitperiode die erste Stelle ein. In den Jahren 1855, 18973,
1898 ist in Berlin die Zahl der zuvor in der Industrie be-
schäftigten Prostituierten von 71% über 64% auf 43%
herabgesunken, während die Klasse der Dienstmädchen von
7,x% über 35,7% auf 51,3% anstieg®?, Blaschko und
Schnapper-Arndt haben aus dieser Tatsache sogar einen Beweis
für die Irrigkeit der Lombrosianischen Theorien ableiten
wollen, denn es sei in der Tat nicht einzusehen, weshalb in aller
Welt die Zahl der „von Natur“ fehlerhaft veranlagten Indivi-
duen gerade unter den weiblichen Dienstboten eine so beträcht-
liche Höhe erreichen solle3, Bezeichnenderweise hat man in
der Zeit des sich ausdehnenden Eisenbahnnetzes gehofft, diesen
Zuzug von Mädchen vom Lande der Prostitution dadurch zu
entziehen, daß man sie in den Bureaus der Verwaltungen als
buralistes unterzubringen versuchte.

In Süddeutschland sind es, trotz der allgemeinen Ehrbarkeit,
die dort in diesem Berufe herrscht, vor allem die Kellnerinnen,
die den größten Prozentsatz unter den Prostituierten stellen.
Von 200 Karlsruher Kontrollmädchen waren in den Jahren
1905 bis 1909: 85 früher Kellnerinnen, 19 Dienstmädchen,
12 Fabrikarbeiterinnen und 12 Verkäuferinnen gewesen. Unter
175 Münchener polizeilich eingetragenen Dirnen waren ur-
sprünglich 50 Kellnerinnen, 32 Fabrikarbeiterinnen. 30 Dienst-
mädchen, 16 Näherinnen 34a,

Innerhalb der Prostitution selbst nimmt die Verliederlichung
mit dem Grade des Losgelöstseins aus festen Verhältnissen zu.
Auf der untersten Stufe steht die umherziehende Dirne, wie

32 Blaschko, S. 23,

3 Schnapper-Arndt, Sozialstatistik, S. 546.
3 Du Camp, vol. III, p. 432.

34a Neher, lL. ce.
        <pb n="194" />
        Psychische Isolierung.

+
a}

das aus den ihr beigelegten Gattungsnamen hervorgeht, die,
im Gegensatz zu denen der Bordelldirnen, denen gegenüber die
ihnen zugelegien Sobriquets oft ein gewisses Wohlwollen zum
Ausdruck bringen, in der Mehrzahl Schimpfworte sind35, Auf
diesen Tatbestand weisen auch schon die „fahrenden Frauen“
des Mittelalters hin. Die niedergelassenen Freudenmädchen
ihrerseits spielten bekanntlich in dem mittelalterlichen Leben
eine sehr große Rolle, genossen ein gewisses Ansehen und hatten
zumeist zünftlerische Privilegien inne%, trotzdem die über-
wiegende Mehrzahl von ihnen Fremde waren37. Da, wo sich
heute in eine einheimische Prostituiertenklasse ausländische
Elemente der gleichen Gattung mischen, scheinen letztere auf
niederer Stufe zu stehen, wenn freilich auch zu bedenken ist,
daß die entsprechenden Aussagen oft durch nationalistische
Mentalität getrübt sind. So heißt es von den ausländischen
Dirnen in England: half the social evil problem would be solved
if we had, as we ought to have, the power to send back to their
own countries both the foreign men and women, whose only
means of living could be shown to be either „walking the
streets‘ or blackmailing 3%... There are almost as many German
and French girls in Regent Street as there are English, they
are very hardened and much more inclined to be abusive than
English girls. Foreign girls are more excitable than ours, drink
harder, dress more extravagantlv and descend.to still greater
depths of degradation. Some are used as decoys to get hold of
35 Max Bauer, Liebesleben in deutscher Vergangenheit (Sammlung
kulturgeschichtlicher Werke), bei Hanna Meuter, Die Heimlosigkeit und
ihre Einwirkung auf Verhalten und Gruppenhildung der Menschen, Jena
1925, Fischer, S. 244f£.

% Bücher, S. 54; Johannes Scherr, Deutsche Kultur- und Sitten-
geschichte, 7. Aufl., Leipzig 1870, Wigand, S. 222.

37 Bücher, S. 55.

38 Miss Hogg, Foreign Girls in London, in den Verhandlungen des
Internationalen Kongresses für Frauenwerke und Frauenbestrebungen in
Berlin, 19.—26. September 1896, Berlin 1897, Walther, S. 369g.
        <pb n="195" />
        182

Vierter Teil.
girls here and send them out to bad houses abroad3®. Gegen
die Ausländerinnen unter den Prostituierten und die ausländi-
schen Kunden der Prostitution sind auch in Paris Stimmen laut
geworden 40, In den französischen Kolonien ist das Vorkommen
weißer Dirnen außerordentlich selten. Schon der Rassenstolz
verhindert, selbst bei den Elendesten unter den Französinnen,
die Prostituierung. Wenn sie indes zu Fall kommen, scheinen
sie mehr bergab zu gleiten als die Negerdirnen 41,

Die Ursache für die der fremden Dirne gegenüber der ein-
heimischen zugeschriebene größere und raffiniertere Unzucht
liegt wohl zum Teil im Mädchenhandel. In Amerika z. B. ist
die ausländische „weiße Sklavin‘, meist Französin oder Ost-
Jüdin, häufig Deutsche und Belgierin, bisweilen Italienerin,
völlig in der Hand ihres Managers, dem sie als der Landessitten
und Landessprache Unkundige völlig ausgeliefert ist. Um ihr
Sklaventum zu vollenden, entzieht ihr der Manager häufig selbst
die Straßenkleider. Sie kann nicht ausgehen1?f. Was Wunder,
daß sie tiefer sinkt als die Einheimische, die sich verteidigen
kann.
Auf der anderen Seite ist nicht zu verkennen, daß die fremde
Prostitution der einheimischen desselben Landes gegenüber
häufig umgekehrt auf der höheren Stufe steht. Parent-Ducha-
telet macht darauf aufmerksam, daß während die niederen
Schichten der Prostitution in Brüssel sich ausschließlich aus
Belgierinnen rekrutieren, die oberen aus Ausländerinnen, zumal
französischen und deutschen Mädchen bestehen43. So war z. B.

39 Mrs. Ruspini, Foreign Girls in London, in den Verhandlungen
des Internationalen Kongresses für Frauenwerke usw.. 1. c., S. 370.

% Talmeyr, S. 231.

*1 Corre, Nos Cröoles, p. 192.

*% Henry Pratt Fairchild, Immigration. A World Movement and its
American Significance, New York 1913, Macmillan, p. 335.

45 Parent-Duchatelet, vol. II, pP: 795. — Über die nationale Ana-
'vse der Prostitution in Algier s. Parent-Duchatelet, vol. II, p. 5464.
        <pb n="196" />
        Psychische Isolierung.

183

auch im Rußland der Vorkriegszeit die haute volee der Prostitu-
tution, d. h. das feinere Dirnentum französisch, polnisch,
deutsch, während die niedere Prostitution aus Russinnen be-
stand. In Sizilien ist heute noch die bessere weibliche Lebewelt
norditalienischen Bezugs; nur die niedere Bordelldirne ist
sizilianische oder kalabresische Eingeborene.

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AM

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Indes gibt es auch eine andere Form des Losgelöstseins vom
Familienbande, nämlich das gewollte Alleinstehen, als eine
bewußte Emanzipationserscheinung der Jugend. Das Ideal
der Renaissancefamilie bestand in der auf engstem Raume
vereinten patriarchalischen Großfamilie, die um einen Herd-
stein versammelt ihr tägliches Leben verbringt. Wie das Leon
Battista Alberti nach der Mitte des 15. Jahrhunderts in fol-
gende Wunschformel gebracht hat: „Vorrei che tutti i miei
albergassero sotto uno medesimo tetto, e a uno medesimo fuoco
si scaldassero, e a una medesima mensa si sedessero; egli &amp;
maggiore masserizia starsı insieme chiusi da un solo uscio‘ 44,
Heute ist die Sehnsucht nach dem „Auseinanderleben‘‘ überall
spürbar: Die junge Arbeiterin zieht aus dem Elternhause, macht
sich unabhängig, wandert ab, um einesteils der Aufsicht zu ent-
gehen, anderenteils dem Überfließen ihres Lohnes in das breite
Bett des Familienbudgets auszuweichen, kurz, sich durch ihre
örtliche Trennung automatisch das Selbstbestimmungsrecht zu
sichern45. Das gilt zum Teil auch für Deutschland 4%, Bei den
4 Leon Battista Alberti, Trattato del Governo della Famiglia d’Ag-
nolo Pandolfini. Neue Auflage. Milano 18032, Classici Italiani, p. 100-

4 Marie Baum, S. 61, 64, 118, 206, 208 u. 219.

46 Marie Bernays, Auslese und Anpassung der Arbeiterschaft der ge-
schlossenen Großindustrie. Dargestellt an den Verhältnissen der „Gladbacher
Spinnerei und Weberei“ A.-G. zu München-Gladbach im Rheinland, Leipzig
1910, Duncker &amp; Humblot, S. 207. — Ludwig Quessel, Zur Psychologie
des modernen Proletariats, in den Sozialistischen Monatsheften, 2. Bd. des
z3. (175.) Jahrg., Heft 13, 1909, S. 8Sız£.
        <pb n="197" />
        184

Vierter Teil.
München-Gladbacher Arbeiterfamilien hat festgestellt werden
können, daß während von den Jungens nur 8 0% nicht bei ihren
Eltern lebten, das gleiche bei den weiblichen Arbeitern des-
selben Alters zu 9,3 0% der Fall war. Dieser hohe Prozentsatz
junger Mädchen lebt völlig ungebunden und auch in sexueller
Beziehung fast so frei wie der junge Mann“7. So daß der Ein-
gang der Ehe später für sie nichts anderes mehr ist, als der Ein-
tritt in eine Wirtschaftsgemeinschaft48, Im höchsten Grade trifft
die Beobachtung über das Unabhängigkeitsgefühl der jungen
einheimischen Arbeiterin in Nordamerika zu. Hier beansprucht
sie allgemein das Recht, ihren Lohn für sich selbst zu be-
halten und über dessen Verausgabung selbst zu entscheiden.
Auch schon 1ı4jährige Kinder ziehen es aus diesem Grunde
vor, in Lodginghouses zu wohnen, um die freie Verfügung über
ihren Lohn zu erhalten*%. Dagegen überantworten die Neuein-
gewanderten in Amerika (Slawinnen, Italienerinnen) ihren
Lohn noch beständig und bedingungslos dem häuslichen Ge-
samtbudget5% In der Tat ist die Familieneinheit moralisch wie
ökonomisch in Italien am kräftigsten51, wenn sich auch heute
selbst in diesem patriarchalischen Lande Anfangsspuren der
entgegengesetzten Entwicklung verfolgen lassen.

Der Unterschied im Verhalten zu den Eltern in den ver-
schiedenen Ländern ist wohl kaum allein auf Traditionen zu-
rückzuführen. Auch sind die Variationen innerhalb des

47 Bernays, S, 226.

48 Ebenda, S. 229.

49 Alfr. Kolb, Als Arbeiter in Amerika, Berlin 1905, Sigismund, S, 125,

5 Annie Marion MacLean, Wage-Earning Women (in America),
New York 1910, Macmillan, p. 178; Andre Siegfried, Die ‚ethnische
Krise der Vereinigten Staaten, im Jahrbuch für Soziologie. Bd. IIT, Karls-
ruhe 1927, Braun, S, 2974.

51 Robert Michels, Über einige Grundzüge des modernen Italiens,
im „Weltwirtschaftlichen Archiv“, vol. VI, Juli 1915, Heft ı; Gualtiero
Sarfatti, I Sentimenti familiari nel Popolo italiano, in der Rassegna Na-
zionale (Firenze), vom ı. April 1910, p. 8ss.; Garlanda, p. 310.
        <pb n="198" />
        Psychische Isolierung.

185
gleichen Landes gerade auf diesem Gebiet außerordentlich
groß. Es handelt sich hier um eine Frage des Gemütslebens,
das allerdings durch den utilitaristischen Beweggrund der
billigeren Lebensführung innerhalb der Familie unterstützt
werden kann. Wie in Süddeutschland angestellte Unter-
suchungen ergeben haben, machen dort die Konfektionsarbeite-
rinnen, die allerdings ob des intermittierenden Charakters ihrer
Arbeit (Saisonarbeit) in höherem Maße auf die Anlehnung an
das Elternhaus angewiesen sind, als verdienende Haustöchter
nicht auf das freie Verfügungsrecht über ihren Erwerb An-
spruch, ja, es geht ihnen zumeist selbst das Empfinden dafür
ab, daß ihr Verdienst ihr persönliches Eigentum sei, weil sie
sich eben als Glied der Familie und somit als Teil eines ge-
meinsam erwerbenden und gemeinsam konsumierenden Ganzen
betrachten 52, Das verhält sich bei den Fabrikarbeiterinnen im
großen und ganzen ebenso 53, In München leben die Fabrik-
arbeiterinnen, trotzdem sie vielfach nicht dem Verdienst, den
sie nach Hause bringen, entsprechend behandelt werden, bei
den Ihrigen, und scheiden nur dann aus der Familie aus, wenn
mißliche Verhältnisse sie dazu zwingen54, Tendenzen und
Gegentendenzen sind also nicht zum Stillstand gekommen.
Immerhin überwiegt, wenn auch von Perioden der Wohnungs-
not unterbrochen, die Neigung zur Dislozierung der Jugend-
lichen mit ihren inhärenten Gefahren®,
52 Marie Baum, 5. 116.

58 S, 66.

54 Rosa Kempf, Das Leben der jungen Fabrikmädchen in München,
Leipzig 191%, Duncker &amp; Humblot, S. 162f£.

55 Damit ist natürlich nur das seelische Alleinsein als Gefahr angezeigt.
Das Gegenteil des körperlichen Alleinseins, der ständige körperliche Ver-
kehr mit den anderen Geschlechtsangehörigen (gemeinsame Arbeit in den
Fabriken) ist natürlich für die Sitten auch keineswegs gefahrlos. In diesem
Sinn konnten gute Sozialforscher sogar einzelne Kapitel ihrer Werke mit
den Worten Avantages du Travail isol6 betiteln. (Jules Simon, L’Ouv-
riere,. 3. Ausg., Paris 186r, Hachette, p. 60—98.)
        <pb n="199" />
        186

Vierter Teil.
Während indes die Tendenz des Sichauseinanderlebens
häufig mit der Tendenz des geschlechtlichen Sichauslebens zu-
sammenhängt, vermag allerdings die frühzeitige Sprengung der
Familienbande zumal bei den großen Kolonialvölkern zu neuen
Eigenschaften der Selbständigkeit, der Energie und des Wage-
mutes zu führen,

3. Krieg und Nachkriegszeit.

In den Kriegen, und zumal in deren ersten Perioden, findet
gewohnheitsmäßig ein Liebesparoxysmus statt, dessen Ursachen
etwa folgende sein dürften:

A. Zuerst und zunächst die erhöhte Lebensempfindung an
sich, der allgemeine turgor vitalis, der sich natürlich sowohl
auf psychischem als auch auf physischem Gebiete äußert 57,
Diese Erscheinung tritt mithin ebenso im Familienleben wie im
außerehelichen Geschlechtsleben aller Schattierungen, bis her-
unter zur vulgärsten Prostitution auf. Scharen von Dirnen be-
gleiten den Aufmarsch der Heere und nisten sich später in den
Etappenstationen fest, zur Befriedigung des männlichen Sexual-

56 I figliuoli all’ ammogliarsi fanno casa da 8, &amp; giammai le genera-
zioni, che da natura hanno tendenze meglio opposte che diverse, non convi-
vono, Da tal costume derivano assai beni. Tanti sacrifici, che gl’individui
di una famiglia si fanno reciprocamente e neppur bastano a rimovere le
discordie, divengono inutili e le discordie impossibili. La indipendenza,
seconda anima dell’ Inglese, n’8 piu intera, e la ricchezza e forza nazionale,
non paralizzate da’ padri di casa, se ne aumentano a mille doppi con van-
laggio privato e pubblico, e l’ozio 3 fatto impossibile.“ (Camillo Ugoni,
Vita e Scritti di Giuseppe Pecchio, Parigi 1836, Baudry, p. 128; ähnlich
auch in neuerer Zeit Garlanda, S. 309.)

7 „It is a fact that the accompaniment of any communal excitement
or emotionalism lowers the threshold of sexual morality. The national ’ex-
citement of the commencement of a great war and during its course has
the indoubted effect of relaxing the moral standards which have been
erected.‘“ (E. T. Burke, Veneral Diseases in War, 1. c., P- 309g.) Für den
Geschlechtsverkehr in der deutschen Kriegsführung siehe auch Richard
Dehmel, Zwischen Volk und Menschheit, Berlin 1919, Fischer, S. 222.
        <pb n="200" />
        Krieg und Nachkriegszeit.

187
lebens. Seit jeher hat Mars die Venus geliebt, und ist ihr auf
Schritt und Tritt gefolgt. Von den Landsknechtshorden Carls V.
und seiner Zeitgenossen und den Söldnerscharen des Dreißig-
Jährigen Krieges bis in die modernsten Zeiten haben sich ganze
Trainkolonnen von Freudenmädchen an die Fersen der kämp-
fenden Regimenter geheftet. Aus dem ersten Balkankrieg (1912)
berichtet ein dänischer Journalist nicht ohne Humor: „Als ich
auf dem abgelegenen Kriegsschauplatz in Montenegro weilte,
war ich nicht wenig erstaunt, daß Pariser Halbweltdamen die
Hotels bevölkerten, die der Masseneinquartierung von Offizieren
und Mannschaften kaum gewachsen waren. Als ich meinem Reise-
gefährten, dem 1913 in Rom verstorbenen finnisch-russischen
Oberst Biaudet meine Verwunderung darüber aussprach, meinte
er: ‚Lieber Doktor, Sie sind mit Ihren 33 Jahren wirklich noch
recht naiv. Ich habe elf Feldzüge mitgemacht: in der Mand-
schurei und in Korea, in Turkestan und Sibirien, in China und
im Kaukasus. Ich habe Hunger und Durst, Hitze und Kälte ge-
litten, oft fehlte es uns empfindlich an Kleidung und Schuhen,
Waffen, Munition und anderen Ausrüstungsstücken, aber ich
kenne keinen Krieg, wo wir an Weibern Mangel litten‘ 58 «
Wenn im ganzen in neuerer Zeit dieses Unwesen, weniger
aus moralischen als aus militär-administrativen und militär-
technischen Gründen, wenn auch nicht völlig beseitigt, so
doch stark eingedämmt worden ist, so ist an seine Seite eine
andere, noch verächtlichere Gepflogenheit getreten: Im Feindes-
land schont die rohe Geschlechtlichkeit des Mannes nicht einmal
die Feindin. Die Mitglieder der Armee in Feindesland ver-
gnügen sich mit den Frauen, die sich dazu bereit finden lassen
oder bereit finden müssen. Die Männer werden als Feinde er-
schlagen, die Frauen werden zum Beischlaf begehrt, während
zu Hause die Ehefrauen in Todesängsten der Heimkehr der

58 Wieth-Knudsen, S. ı69.
        <pb n="201" />
        188

Vierter Teil,
Helden harren und ihnen inzwischen Siegeskränze winden.
Im amerikanischen Sezessionskrieg befahl der nordamerika-
nische General Butler in New Orleans, daß, falls Frauen
und. Mädchen für seine Soldaten Verachtung an den Tag
legen oder gar sie beschimpfen sollten, sie als Prostituierte zu
behandeln seien. Die Soldaten waren anständiger als ihr Vor-
gesetzter und befolgten, wie berichtet wird, den Rat nicht.
Im deutsch-französischen Krieg 1870/71 haben die deutschen
Vaterlandsretter mit französischen Kokotten phallische Feste
gefeiert®%. Gleichzeitig rauften sich die französischen Soldaten
mit den ihnen aus Italien zu Hilfe geeilten Garibaldianern in
den Bordellen von Dijon und rächten die italienischen Offiziere
durch zahlreiche Verführung französischer Bürgerfrauen die
italienischen Ehemänner, deren Frauen nach Magenta und Sol-
ferino 1859 den französischen Alliierten um den Hals gefallen
waren ®1, Gegen diese Übelstände gibt es außer dem modernen
nationalen Etappenbordellsystem oder doch Etappenhurenwesen
nur den nie völlig durchgeführten und heute unmöglichen Ver-
such, den Napoleon anstellte, als er den Frauen und Bräuten
seiner Krieger die Bildung einer Art von Troß gestattete®?.
Im Weltkriege konnte wahrgenommen werden, wie die alten
Gebräuche einer reglementierten Unzucht wieder aufgenommen
59 Calhoun, vol. II, p. 3972.

50 Das geht aus den Tagebüchern deutscher Offiziere im Feldzug 1870
zur Genüge hervor (z. B. von Hans von Kretschmann, Kriegsbriefe
aus den Jahren 1870/71, ı2. Aufl., Berlin 1911, Meyer &amp; Jessen,
S, 332, 335 usw.) und wird auch von französischer Seite, für welche
dieses Phänomen sicherlich nicht ehrenvoller ist, zugegeben (siehe z. B. die
Szene in Mille Fifi von Guy de Maupassant [Neudruck Paris 1907],
Ollendorff),

51 Siehe die Memoiren von Ettore Socci, Da Firenze a Digione, Im-
pressioni di un Reduce Garibaldino, Firenze 1897, Paggi, p. 76ff., 257.

62 „Beaucoup de femmes d’officiers suivent l’Arm&amp;e, dont la modeste
fortune (des officiers) ne permet pas d’entretenir deux menages.“ (Elz6ar
Blaze, La vie militaire sous VEmpire, ou Meurs de la garnison, du bi-
vouac et de la caserne, Paris 1837, vol. I, p. 116.)
        <pb n="202" />
        Krieg und Nachkriegszeit.

189

wurden, und zwar, soweit wir sehen können, ziemlich unter-
schiedslos in allen Heeren%3. Berüchtigt waren die Genter
Liebestempel der deutschen Etappe, „vor deren niedrigen Türen
sich die liebesdürstigen Feldgrauen in langen Polonaisen war-
tend aufstellten, wie ihre Mütter, Schwestern, Bräute und Frauen
zu Hause vor den Lebensmittelläden‘“ 64.

Als Folgeerscheinung des wüsten Geschlechtslebens der
Truppen im Kriege erklärt sich das lawinenartige Auftreten
und Sich-Verbreiten ‘der Geschlechtskrankheiten in diesen
Perioden zur Genüge. Im Krieg 1870/71 gab es im deutschen
Heere nicht weniger als 33583, das heißt nicht weniger als
ein ganzes Armeekorps, venerisch Kranke allein unter den in
den Lazaretten Behandelten 5, Die Engländer zählten im Welt-
krieg 1917 in ihren in Frankreich kämpfenden Heeren

71 000 Fälle von Gonorrhöe,
21000 „ =» Syphilis,
6000 „ „ weichem Schanker,
38 000 Fälle ®6.
Die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten während der
Feldzüge des Weltkrieges wurde auf folgende vier Weisen zu
erreichen versucht:
ı. Bestrafung im Falle der Verheimlichung.
2. Teilweiser Verpflegungszwang auf Selbstkosten im Falle
der nötig werdenden Einbringung ins Krankenhaus.
63 Achille Loria, Aspetti sociali ed economici della guerra mondiale,
Milano 1921, Vallardi, p. 429; Roberto Michels, Cenni sulle Migrazioni
e sul Movimento di Popolazione durante la Guerra europea, in der Riforma
Sociale, Gennaio-Febbraio 1917, p. 50; Michels, Psicologia sessuale, di
guerra, in der Rassegna di Studi Sessuali, Roma, Anno II, Settembre-
Öttobre 1922, p- 265.

6 Heinrich Wandt, Etappe Gent, 2. Aufl., Berlin-Wien 1926, Apis,
S. 142; Über belgische Edelfrauen, S. 151 ff.

65 Neisser, S. ı2ff.

66€ Burke, S. 305.
        <pb n="203" />
        u

Vierter Teil.
3. Urlaubsbeschränkung und Verlust des Rechts auf Be-
förderung für Geschlechtskranke.

4. Errichtung von unter militärischer Kontrolle und ärzt-
licher Untersuchungspflicht stehenden Bordellen für
Offiziere und Mannschaften ®?, -

B. Ferner treten im Kriege stets starke, sich affektiv äußernde,
ideale Potenzen auf. Zumal rührt sich die nationale Solidarität.
Es kommt zu einem „Kollektivschlagen vieler Herzen“, zu
einem alles bindenden und verbindenden Patriotismus, der vor-
übergehend selbst die ökonomischen, die sozialen und die
Parteiunterschiede zum Schweigen bringt („Es gibt keine Par-
teien mehr“, „L’Union Sacree‘“88), Außerdem, wenn der
Kriegsausbruch und die darauf folgende Zeit auf der einen
Seite die erotische Angriffslust des Mannes (Zusammenhänge
zwischen Krieg und Sexualität®?) mehrt, so vermindert er
dafür auf der anderen Seite die Widerstandskraft des Weibes.
Einmal aus den bisher angezeigten Ursachen heraus, dann aber
auch aus dem Mitleid des Weibes mit dem den Gefahren ent-
gegengehenden Mann und aus weiblicher Dankbarkeit gegenüber
der männlichen Opferwilligkeit (Gefühlen, die der erotisch er-

57 Burke, S. 310. — Dr. Burke selbst schlägt zwei Lösungen vor:
Alle Frauen und Mädchen in weitem Umkreise aus der Kriegszone aus-
zuweisen (S. 312); alle Männer, die unehelichen Verkehr gepflogen, bei
Androhung schwerer Strafen zu zwingen, sich innerhalb ı2 Stunden (nach
dem Beischlaf) zu prophylaktischer Behandlung zu melden (S. 315).

% Die sich auch bis ins häusliche Leben erstreckt und die selbst die
Distanzen zwischen Herrschaft und Dienstbotenschaft mindert. „Im Krieg
ist das. Dienstmädchen etwas gestiegen. Wenn es einen Bruder oder Schatz
hat, der sich im Feld auszeichnet, fällt etwas vom Glanz seiner Taten auf
die Herrschaft, die sich mehr als sonst mit dem Dienstmädchen unterhält
und von ihm die Briefe aus dem Feld geben läßt zum Weiterzeigen, Sogar
wenn Besuch da ist, wird es ins Gespräch gezogen ‚Gell Kathi, Ihr Bruder
steht bei Arras?‘ und auch der Schatz wird gesellschaftsfähig, ja sogar‘
das Kind,“ (In den Süddeutschen Monatsheften vom April 1916, S. 151.)

59 Vgl. Michels, Geschlechtsmoral, S. 15.
        <pb n="204" />
        Krieg und Nachkriegszeit.

191

regte Mann sehr wohl spürt und die er sich für seine Liebes-
taktik zu Nutze macht). Wie der englische Gewährsmann sagt:
„The worship of the warrior, the hero, by the female is not
confined to anyone species. The desire of the soldier to shine
in the eyes of the opposite sex is by no means uncommon 7%,“

C. Unter den psychologischen Elementen dieser Situation
möge auch die Nirvanastimmung erwähnt werden, die, als
aus der Unsicherheit des Lebens geboren, zum hLebens-
genuß drängt oder doch zu ihm einlädt. So heißt es vom
Liebesleben in der großen französischen Revolution: „Le sang
vers tous les jours, Vincertitude de vivre un lendemain,
fouettent dans les veines les fievres lubriques, l’impatience des
voluptes 71,“ Dagegen vermochte selbst der Purismus der Jako-
biner nicht aufzukommen ; trotz aller von ihnen anempfohlenen
Sittenstrenge, den Haussuchungen, dem Schließen der Bor-
delle, dem auf die Dirnen ausgeübten Zwang, sich einen
bürgerlichen Beruf zu wählen, kommen sie zu dem un-
erwarteten, traurigen Ergebnis: Il faut des filles!?? Indes
äußerte sich die Erhöhung des turgor vitalis im Liebesleben
der französischen Revolution auch auf gesetzlichem Wege;
gerade in den Jahren der größten politischen Leidenschaft
(an I bis an III) steigen die Heirats- und die (ehelichen) Ge-
burtenziffern ganz außerordentlich; die Todesziffern allerdings
desgleichen ?$,

Jedes brüske Heraustreten aus der gewohnten Ereigniswelt
intensifiziert den Geschlechtstrieb und leitet ihn auf abschüssige
Bahnen. Die Wirkung der mißglückten russischen Revo-
tion von 1905 und der auf sie folgenden Reaktion auf das
70 Burke, S. 308.

71 Edmond et Jules de Goncourt, Histoire de la Societ6 Fran-
;aise pendant la Revolution, Paris 1889, Quantin, p. 182.

2 Goncourt, S. 1932.

23 Jacques Bertillon, La Population de Paris, in La Societ6 de
Statistique de Paris: Notes sur Paris, Nancy 1909, Berger Levrault, p. 23.
        <pb n="205" />
        192

Vierter Teil.
Verhältnis der beiden Geschlechter der russischen Intelligentia
bestand in einer sehr weitgehenden Verbreitung ausschweifen-
den Lebenswandels 74. Die aus den verschütteten Häusern der
von der schweren Erdbebenkatastrophe 1908 heimgesuchten
Stadt Messina geretteten Mädchen und Frauen wußten ihrer
Freude über die wunderbare Errettung nicht anders Ausdruck
zu verschaffen, als sich über die Leichen der Verwandten und
den ökonomischen Ruin hinweg in spontaner sexueller Phrenesie
dem ersten besten hinzugeben’, Im Weltkrieg war die erotische
Stimmung der Soldaten der neuen Umgebung adäquat. The
change of scene, in a foreign country, the hard work, the
discomfort, the danger, all conspire, to’no small measure, to
direct the souls of the soldiers to „having a good time‘‘?6,

D. In Kriegszeiten kann auch der Staat, der vor der illegalen
Liebe mit Rücksicht auf die unter allen Umständen erwünschte
Volksvermehrung die Augen schließt, als Ratschläger in Be-
tracht kommen. Die Verminderung des kräftigen Mannesalters
durch den Krieg, der weibliche Überschuß im fortpflanzungs-
fähigen Alter, die Abnahme des Willens zum Kinde unter An-
wendung von Präventivmitteln und Schwangerschaftsunter-
brechung haben eine Verminderung der ehelichen Mütter, die
hohe Sterblichkeit im Säuglings- und Kleinkindesalter außer-
dem eine solche der ehelichen Nachkommenschaft zur Folge.
Neben ethischen Gründen spricht mithin auch das Staatsinteresse
für gleiche Beachtung und Fürsorge der Unehelichen und Ehe-
lichen. So entstand im Weltkrieg, zumal in Deutschland, die

74 Vgl. zumal den bekannten Roman ‚Ssanin‘ von M. Arzibaschew.
Vgl. auch Roman Streltzow, Die Krise der russischen Intelligenz, in
den „Sozialistischen Monatsheften“, 1909, Heft 2, S. 105f£f£.

75 Vgl. Cesare Lombroso e Paola Lombroso-Carrara, La Psico-
logia dei Terremotati, im „Archivio di Psichiatria“, vol. XXX, pP- 122,
und die Berichte der Turiner „Stampa“ über die Erdbebenkatastrophe von
Messina.

76 Burke, S. 309.
        <pb n="206" />
        Krieg und Nachkrieg.

193
Duldung des unehelichen Kindes’? , die Subsidiengewährung
an die uneheliche Mutter und die weite Spannung des
Brautkind-Begriffes durch den Staat selbst und: durch die
Gesellschaft, von welch letzterer das Kind außerdem .als
„Kriegerkind‘“ überdies noch mit patriotischem Nimbus um-
geben wurde’8, Die Statistiken des Jahres 1914 geben den
Einfluß, den die Einberufung der Wehrpflichtigen auf die
Legitimierung unehelicher Kinder in Deutschland gehabt hat,
sehr deutlich zu erkennen??
In Frankreich hatte sich schon vor dem Kriege, wohl zumal
unter dem Eindruck der geringen Geburtenziffern, die Behand-
lung der unehelichen Mütter und deren Kinder durch den
Staat sehr gebessert. Während ein parlamentarisches Comit6
de Reforme du Mariage der Regierung den Vorschlag
unterbreitete, die freie Liebe (Union libre) öffentlich an-
zuerkennen und zu registrieren und bei Bruch derselben die
Anklage auf Entschädigung anzuerkennen, griff bei den Con-
seils. de Revision des Militärdienstes die Gewohnheit um sich,
die mit einer Compagne zusammenlebenden Einberufenen, im
Falle der faux menage Kinder auswies, die gleiche Entschädigung
zuzugestehen, welche das Recht den als soutiens de famille an-

77 Vgl. die diesbezüglichen Vorschläge zwecks Bekämpfung des Ge-
burtenrückgangs während des Weltkriegs, z. B. bei Ludwig Radloff,
Der Weltkrieg und das Geburtenproblem, in den Sozialistischen Monats-
heften vom 8. Juli 1915, S. 652.

78 Nach einer Verfügung vom ı. März ı917 wurde Kriegswochenhilfe
auch den unehelichen Kindern der Kapitulanten, d. h. aktiven Unteroffi-
ziere, Feldwebel und Sergeanten gewährt. Die betreffende Bundesrats-
verordnung lautete: „Die Kriegswochenhilfe ist auch für das uneheliche
Kind eines Kapitulanten zu gewähren, wenn seine Verpflichtung zur Ge-
währung des Unterhalts an das Kind festgestellt und die Mutter minder-
bemittelt ist.“ (Siehe die Dokumente des Fortschrittes, 10, Jahrg., April
1917, S. 88.)

79 Kasten, S. 43.

Michels. Sittlichkeit in Ziffern.
        <pb n="207" />
        194

Vierter Teil,

erkannten Familienvätern zuspricht 80%. Auf dem Montmartre in
Paris, an den Abhängen des Berges, auf dem die Kirche des
Sacre Ceeur prangt, wurde eine mit dem Bildnis eines Mäd-
chens geschmückte Säule errichtet, an welcher eine Öffnung
angebracht war, in welche der Spaziergänger den filles meres
seinen Obolus spendete. Dieses Denkmal weitherziger Gesinnung
wurde zwar zu Beginn des Weltkrieges von Nationalisten
nächtens als Denkmal unsittlicher, sozialistischer Denkungs-
weise zerstört. Die Zerstörung des Symbols änderte aber nichts
an der ganz allgemein kinderfreundlichen Haltung des franzö-
sischen Kriegsstaates.

Bemerkenswert ist noch die Unzucht vieler Kriegerfrauen,
deren Mann im Felde stand, und die nunmehr, „an den Ge-
schlechtsverkehr gewöhnt‘ oder durch schlechten Erwerb und
ökonomische Notlage leichter geneigt waren, der Verführung der
riesigen Männeransammlungen zu unterliegen®l. In England
wurde bemerkt, daß die syphilitischen Ansteckungen der Sol-
daten im Felde nicht alle von Prostituierten herrührten. son-
dern zum Teil aus dem Urlaub von ihren eigenen Ehefrauen
übertragen worden waren #la, In Deutschland stellte J.C. Brunner
die Tatsache der Beteiligung von Kriegerfrauen an der ge-
meinen Ausübung gewerbsmäßiger Unzucht für die sämtlichen
von ihm angeführten Stichprobe-Orte (Bremen, Halle a. d. 5.,
Augsburg, München, Stuttgart) fest®2. Die Zahl der bereits
erwähnten ehelichen Kinder unehelicher Herkunft8? wird mit-
80 Charles-Brun, S. 168.

81 Neisser, S. 18. — Über die sexuelle Kriegspsychose der deulschen
Frauen während des Weltkrieges vgl. die wirkungsvollen Schilderungen in
dem Roman von Clara Viebig, Töchter der Hekuba, Berlin’ 1917,
Fleischel &amp; Co., 347 8.

8la Burke, S. 311.

3 Julius C. Brunner, in der Illustrierten Sittengeschichte, Krieg und
Geschlechtsleben (Frankfurt 1922, Delius), zitiert bei Alfons Schoene,
Krieg und Sexualität, Berlin 1925, Der Syndikalist, S. 11.

83 Vgl. S. 41.
        <pb n="208" />
        Krieg und Nachkrieg.

195

hin durch den Krieg zweifellos erhöht. Die späteren Ehe-
scheidungen, die aus solchen. Anlässen herrühren, kommen
natürlich zahlenmäßig nicht dagegen auf.
nA Sl

Die Analyse der Einwirkung des Friedensschlusses nach
Kriegsperioden auf die geschlechtlichen Sitten wäre ein Gegen-
stand hohen wissenschaftlichen Interesses. Hier können wir nur
sagen, daß sie sich erfahrungsgemäß sehr verschiedenartig
gestaltete. Nach Ablauf der napoleonischen Feldzüge setzte in
Frankreich eine Periode sexueller Entspannung ein. Oder, wie
sich ein Bourgeois de Paris ausdrückte: La chance quotidienne
d’&amp;tre emport6 par un boulet de canon ne pouvait plus servir
d’excuse ä une vie dereglee, a tous les delices de la debauche8%,
Daher war z. B. die auf die napoleonischen Kriege folgenüe
Epoche in Frankreich durch eine starke Tendenz zu ge-
schlechtlicher Reserve und Keuschheit gekennzeichnet. Der
amerikanische Schriftsteller Washington Irving berichtet
1825 aus Paris: It is only old Frenchmen, now-a-days, that
are gay and trivial; the young are very serious personages®,
Das gleiche vermag freilich von der Nachzeit des Weltkrieges
nicht gesagt zu werden. Hier wurden, zumal in den Zentral-
mächten, die angeführten Tendenzen zur Besinnung durch
Gegentendenzen über den Haufen geworfen. Die Nachkriegs-
zeit nach 1918 hieß für Deutschland Revolution, während die
Nachkriegszeit nach 1815 für Frankreich Restauration ge-
heißen hatte. Eine in den Sitten nicht genügend vorbereitete
Revolution ist aber zügelloser Erotik ebenso günstig, wie ein
Zurückgreifen auf alte Traditionen, insbesondere wenn es ohne
blutige Auseinandersetzung im Volkskörper selbst erfolgt, un-

9% L. V6ron, Mömoires d’un Bourgeois de Paris, Paris 1853, Gonet,
vol. I, p. 226.

85 Washington Irving, Sketches in Paris in 1825, in Chronicles of
Welfert's Roost and other Papers, Leipzig 1855, Tauchnitz, p. 216.
7) 4-
        <pb n="209" />
        196

Vierter Teil,
günstig ist. Diese Stimmung wird in folgenden Worten sehr
gut wiedergegeben: „Sie sind alle (Urlauber, Studenten, junge
Frauen, Mädchen) willens, während des Krieges sich völlig ein-
zusetzen, zu ertragen und zu darben; zugleich aber fließt in
ihnen eine Unterströmung, die eine naturgemäße Reaktion auf
die notwendige gegenwärtige Hingabe. an die Sache bildet: ein
starker Lebenshunger, ein höchst persönlich gerichteter Frei-
heitswille und ein Drang nach künftiger Selbständigkeit. Sie
lernen jetzt verstehen, was jeder Augenblick, den man wach
erlebt, wert ist; wie man die Zeit abwechselnd zum Schaffen
und Genießen ausnützen muß. Immer wieder hört man von
ihnen: ‚Ich werde, wenn der Friede da ist, viel nachholen
müssen‘ 85a ‘* ;
Unter den hauptsächlichsten Faktoren der unehelichen Ge-
burten der letzten Nachkriegszeit waren ferner außerdem in
den meisten Staaten zu verzeichnen: Stellenlosigkeit, Woh-
nungslosigkeit, Verlust der Pensionen (z. B. bei den Waisen
von Staatsbeamten), Verlust der Witwenrenten (z. B. bei
Offizierswitwen) im Falle der Verehelichung bzw. Wieder-
verheiratung. Daher ergab sich häufig lieber die Verzicht-
leistung auf die Ehe auch bei gleichzeitigem Zusammenhausen.
Immerhin wurden auch hier die ehezerrüttenden Kräfte durch
ehestärkende Kräfte bis zu einem gewissen Grade kompen-
siert, Die Nachkriegsjahre bringen in Deutschland auch ein
weiteres Ansteigen der Legitimationen unehelicher Kinder,
zumal 1920 und 1921, bei der allmählichen Besserung der
wirtschaftlichen Verhältnisse. Auch im Altersausbau der Legiti-
mierten machen sich erfreuliche Veränderungen bemerkbar.
In der Nachkriegszeit steigt der Prozentsatz der legitimierten
Säuglinge von 30—40% auf 50%, ja 1921 auf über 600%
der Gesamtheit der Legitimierten 8°,
85a Leopold von Wiese, „Maski“. Berlin 1919, Flugschriften d. Berl.
Tagebl. V, S. 25. 85b Kasten, S. 43.
        <pb n="210" />
        Krieg und Nachkrieg.

197

In: Amerika ist der Loslösungsprozeß der Kinder vom Eltern-
hause ‚außerordentlich weit fortgeschritten. Die ‘Amerikaner
klagen selbst darüber, daß sie nicht: viel Familiengefühl be-
säßen. „Vieles von unserem allgemeinen Mangel an Stabilität,
die Hälfte unserer Verbrechen und die gesamte Schwäche des
Familienlebens entspringt daraus, daß. die Familie nicht ge-
pflegt wird. Kinder gibt es nicht, nur das Individuum als In-
dividuum. Der Mann, die Frau, jeder für sich, nicht als Zu-
sammengehörige85c,‘ Die Eltern seien vielfach unfähig, die ge-
schlechtlichen Bedürfnisse der heranwachsenden Kinder zu ver-
stehen. Daraus ‚entstehe dann das Mißtrauen, die Geringschät-
zung, die große Empfindlichkeit, der heftige Eigenwille in der
Haltung der heutigen Jugend gegenüber älteren Leuten, beson-
ders denen, die sie zu beherrschen und zu leiten haben: den
Eltern und Lehrern 8°, Das. ist die Revolt of Youth, die Re-
volte der heutigen amerikanischen Jugend. In bürgerlichen
Kreisen ist das junge Mädchen fast unumschränkte Herrin
ihrer Zeit, ihrer Zeitverwertung, ihres Umganges. Sie geht aus,
ohne die Eltern zu fragen, häufig ohne es ihnen anzuzeigen.
Tänze und Automobilfahrten allein mit jungen Männern sind
ganz an der Tagesordnung. Zugrunde liegt das Hochgefühl
der Rechte der Persönlichkeit. Als Schreiber dieses jüngst ın
Massachusetis weilte, machte ein Fall viel von sich reden: ein
junges Mädchen pflegte nächtlichen Automobilverkehr mit
einem jungen Manne, der von der Familie nicht gern gesehen
wurde. Als Vorhaltungen seitens der Eltern bei dem jungen
Ding auf unfruchtbaren Boden fielen, entschlossen sich die
Eltern, die ungehorsame Tochter nachts einzuschließen. Diese
stieg indes aus dem Fenster und in das nahestehende Auto-
mobil des Liebhabers. Das Eigentümliche der Angelegenheit
85€ Langdon Mitchell, Understanding America, New York 1927,
Doran &amp; Co. p. 115.
85d Lindsey, 1. c., S. 30.
        <pb n="211" />
        108

Vierter Teil,

war die Stellungnahme der öffentlichen Meinung gegenüber
dem Vorfall: sie war einheitlich gegen die Eltern, als der Ver-
letzung der Rechte der freien Individualität schuldig, ge-
richtet 86.

Das amerikanische Mädchen ist an sich zumeist schön,
kräftig, elegant und liebenswert. Es ist schon längst vor dem
Eintreten der Geschlechtsreife eine junge Dame von sicherem
Wesen und Auftreten®?, Das Hauswesen, mit dem sich mehr
als dringend notwendig zu beschäftigen als eines freien Men-
schen unwürdig galt, trat früh aus dem Gesichtskreis der Heran-
wachsenden zurück 8, Dagegen gab die Sitte des landesüblichen
Verzichtes auf die Mitgift dem Mädchen ein an sich beneidens-
wertes Recht auf Vertrauen in die Reinheit der Gefühle des
Mannes und das Bewußtsein, nur aus Liebe geheiratet zu
werden 8, was in Zusammenhang mit dem Bedürfnis nach
8 Zum Wesen und Werden der Familie in Amerika besitzen wir sehr
wertvolle Schriften. In erster Linie seien genannt: Arthur W. Calhoun,
A. Social History of the American Family from Colonial Times to the
Present. Cleveland 1917, Clark. 3 vols. Mit trefflichen Dokumenten über
die Zersetzungstendenzen durch die Sklavenwirtschaft und Blutmischung;
ferner William Fielding Ogburn, American Marriage. New York
ı927, Holt; Harry H. Moore, The Youth and the Nation. With an Intro-
duction by Samuel McCune Lindsay, New York 1917, Macmillan. Zur Zer-
rüttung der amerikanischen Familie durch Krieg, Alkohol und Auto-
mobil vgl. fernerhin auch Ernest R., Mowrer, Family Disorganization.
Chicago 1927, Univ. of Chicago Press; Ben Lindsey and W. Evans,
Revolt o£ Modern Youth. New York 1925, Boni and Liveright.

87 „An American girl is never embarrassed. A child of ten years, — and
[ would hardly except a single class of the inhabitants — receives you with
a frankness and a good breeding which is astonishing, and I can assure you
not unpleasing. So perfectly self possessed are they, that blushing is
decidedly of less frequent occurrance here than with you in Germany.“
(Francis Lieber, The Stranger in America, London 1835, Bentley, vol. II,
p- 121.)

88 Ferdinand Kürnberger, Der Amerikamüde, Kulturbild (1855),
2. Aufl., Leipzig, Reclam, S. 39—45.

89 In Amerika war und ist die Geldheirat weiblich: die jungen Mädchen
suchen sich den reichen Mann. Das liegt einmal eben daran, daß, von den
        <pb n="212" />
        Krieg und Nachkrieg.

199
der Ehe das freie Benehmen der amerikanischen Mädchen auf
eine breite soziologische Basis stellte®, Diese Grundzüge der
Soziologie der amerikanischen Girls sind keineswegs erst Re-
sultate modernen Frauenrechtlertums oder gar der industriellen
Typisierung und Standardisierung, sondern schon vollauf aus-
gereift und nachweisbar um die erste Hälfte des vorigen Jahr-
hunderts 90a,

In Amerika herrscht das Prinzip der Koedukation beider
Geschlechter in den Schulen. Im großen und ganzen funktio-
niert dieses Prinzip, soweit ich durch persönlichen Augen-
schein wahrnehmen konnte, gut. Es herrscht vielfach zwi-
schen den jungen Leuten ein kameradschaftlicher Ton, den
man in seiner freien, selbstverständlichen und dabei herz-

höchsten Spitzen der Plutokratie abgesehen, die Mädchen keine Mitgift er-
halten, sowie daran, daß sie von ihren Ehemännern sonst so wenig haben, daß
ihnen Geld besonders wichtig erscheint: American young ladies see so little of
ihkeir husbands that the amount of money they can secure from their mates is
the prime concern (Calhoun, vol. II, p. 215.). Die Amerikaner halten
die Feldarbeit der europäischen Frau (von der Bergwerksarbeit ganz zu
schweigen) für eine Erniedrigung der Frau und ein Zeichen der Minder-
wertigkeit der europäischen Kultur, (R. Gonnard, La Femme dans ]'indu-
strie, Paris 1906, Colin, p. 58; Voechting, p. 27.) In der Kultur-
geschichtsschreibung Amerikas heißt es beiläufig von deutschen oder fran-
zösischen Farmern ausdrücklich, daß ihre Frauen bäuerliche Arbeiten ver-
richteten, (Lieber, 1. c., II, p. 100; Calhoun, vol. I, p. 28r, 283.) In der
amerikanischen Abneigung gegen die Frauenarbeit auf dem Felde steckt neben.
plutokratischen, technologischen und hierarchischen Elementen (Negerarbeit)
doch auch ein eugenetisch richtiger Kern, Italienische Volkswirte haben das
lange Überwiegen des männlichen über das weibliche Element in der italie-
nischen Bevölkerung als ein Produkt der zu großen Arbeitslast in der Land-
wirtschaft, welcher die italienische Frau ausgesetzt ist, darzustellen versucht.
Die körperliche Anstrengung der Frau, die in keinem Lande der Welt so
gewaltig sei als in Italien, lasse sie vor der Zeit dem Tode anheimfallen.
(Giulio Salvatore Del Vecchio, La Famiglia rispetto alla Societä civile
ed al Problema sociale, Torino 1887, Bocca, p. 39.)

% Edouard Laboulaye: Paris en Amörique (par le docteur Rene
Lefebyre, Paris 1863, Charpentier [21. Ed., 1868, p. 27f., 356]).

902 Lieber, ll. c.
        <pb n="213" />
        200

Vierter Teil.
lichen und auch von Eifersucht freien Art in Mittel-, Süd- und
Westeuropa (Skandinavien und Rußland kenne ich nicht) ver-
gebens suchen würde, "Aber die überreservierte, von Schein-
heiligkeit nicht absolut fremde Art, mit der in den angel-
sächsischen Ländern erotische Dinge behandelt werden, und
eine Reihe öffentlicher Skandale haben dennoch gerade bei dem
mutigen Teile der öffentlichen Meinung in Amerika Zweifel an
der Berechtigung der Koedukation aufkommen lassen. Einen
Stein des Anstoßes bildet die Rolle des Automobils in der amer1-
kanischen Gesellschaft. Die Häufigkeit der Automobile in
Amerika — 23000000 im ganzen, was in einigen Staaten den
vierten bis fünften Teil der Bevölkerung als im Besitz eigener
Wagen erscheinen läßt — wirkt mit der Enge und Übersicht-
lichkeit der Wohnungen, der strengen Überwachung der
Hotels (wenigstens in vielen Staaten) und der Nichtexistenz
von Cafes und Restaurants im Sinne des europäischen Kon-
tinents dahin zusammen, daß heute das Automobil zum wesent-
lichen Stelldichein der Geschlechter geworden ist. In ver-
borgenen Winkeln der städtischen Parks und in den Waldungen
der mittelbaren und unmittelbaren Umgebung sieht man Hun-
derte von Automobilen mit verhangenen Vorhängen und ge-
löschten Lichtern, um die sich niemand kümmert. Auch auf
öffentlichen und geschlossenen Bällen pflegen sich die Pärchen,
je nachdem auf ein Viertelstündchen oder ein paar Stunden, per
Automobil zu entfernen®®, Es ist nicht nötig, anzunehmen, daß
jedes. dieser Pärchen unerlaubten Liebesfreuden nachgeht;

90b Die erotische Rolle des Automobils in Amerika und der sog. „petting
parties“ wird jeder aufmerksame Beobachter des amerikanischen Lebens mit
Leichtigkeit wahrnehmen können. In der amerikanischen Literatur selbst
finden sich häufig Spuren derselben, z. B. bei Lindsey (p- 87 passim);
übrigens gilt das Gleiche, wenn auch in weit geringerem Umfang, auch für
Europa (z. B. Frankreich: Pierre Coutras: La Maitresse d’Acier. Roman
d’une auto de course, Motto: „De l’amour, de la volupte, De la vitesse, du
sang. Paris 1927. Pro Arte, Ed.).
        <pb n="214" />
        Krieg und Nachkrieg.

201

Sport, Lust am Mysterium oder mehr oder weniger un-
schuldiger Flirt mögen oft die nächtlichen Fahrten allein aus-
reichend erklären. Aber da die Nachtautomobile auch dem ver-
botenen Alkoholgenuß dienen und die amerikanische Jugend
trotz der genossenen Koedukation keineswegs: den allgemeinen
physio-psychischen Gesetzen entgeht, so darf dem Pessimismus
in der Beurteilung dieser Sitten immerhin Spielraum gewährt
werden. Kennern zufolge führt die Sitte allerdings nicht häufig
zum Geschlechtsakt und noch seltener zu unehelicher Mutter-
schaft, sondern nur zu weitgehendem Demiviergismus; aber
moralisch steht letzterer ja nicht höher als jene ®,

Nach Aussagen von Schülern höherer amerikanischer Lehr-
anstalten selbst ergehen mehr als go% aller Mädchen und
Jungen, die Gesellschaften, Tänze und Autofahrten mitmachen,
sich in Küssen und Sichabdrücken. „Dies bedeutet nicht, daß
jedes Mädchen sich von jedem Jungen abknutschen läßt. Aber

% Für den Ernst der sexuellen Krise in Amerika sind auch Art und An-
lage der modernen Enqueten symptomatisch. So finden wir in einer Enquete
über Family disorganization die Frage: „What intimacies were allowed
before the engagement? After the engagement, but before marriage? What
was the reaction of each?“ (Ernest R. Mowrer, Family Disorganization,
l. c., p. 299.) — Über eine andere, weniger intime Fragen berührende
Enquete berichtet Graham:

„On my way into Cleveland I read in the Pittsburg Post the following
statistics of life at Princetown College of the students at the College:

184 men smoke.

76 began after entering College, but 5r students have stopped smoking

since entering College,

gı students wear glasses, and 57 began to wear them since entering
15 students chew tobacco.

19 students consider dancing‘ immoral,

16 students consider card-playing immoral.
206 students correspond with a total of 579 girls.
203 students claim to have kissed girls in their time.

24 students have proposed and been rejected".
(Stephen Graham, With poor immigrants to America, London 1914,
Macmillan, p. 217.)
        <pb n="215" />
        202

Vierter Teil.
jedes findet immer einen, mit dem es sich so weit einläßt. Das
heißt, daß es Kraftüberschuß, überschäumender Lebensmut ist,
was diese Jungen Menschen in Konflikte, in Not bringt, und
daß es sich einzig darum handelt, diese mächtigen Energien
weiser zu lenken. Die übrigbleibenden 10% sind junges Volk,
das nicht körperliche oder seelische Energie genug hat, um
seine natürlichen Triebe zum Ausdruck zu bringen?2.‘““ Indes,
„wenigstens 500% der jungen Leute, die mit Abdrücken und
Küssen anfangen, bleiben nicht dabei stehen, sondern gehen
weiter und geben sich anderen sexuellen Freiheiten hin, die
sogar nach den von ihnen selbst angenommenen sittlichen
Forderungen empörend und unanständig sind ®,‘“ Weiter:
„150% von diesen enden dann damit, daß sie überhaupt keine
Grenzen mehr kennen.“ Von 495 Mädchen, die sich zugegebe-
nermaßen mit jungen Leuten abgegeben hatten, wurden freilich
nur 25, d. h. 5%, schwanger. Die Schwangeren standen übrigens
durchweg im Alter von 14 bis 18 Jahren ®, ;

Eine erstklassige Studienanstalt (Philipps Academy) in Denver
mußte wegen der Ausschweifungen, die dabei vorkamen, das
Tanzen in der Schule verbieten. Dieses Vorkommnis beschäf-
tigte die Öffentlichkeit stark, Der Direktor der Akademie selbst,
E. Stearns, berichtete in einem Artikel an die Zeitung „Boston
Globe‘, daß unter anderen Maßnahmen, die er hatte ergreifen
müssen, auch die Einsetzung eines Ausschusses aus der Lehrer-
und Studentenschaft gewesen sei, und zwar mit den Pflichten:
z. Als Polizei zu dienen und Paare, die undezent tanzten,
anzuhalten, eventuell hinauszuweisen ;
zu verhüten, daß Mädchen zweifelhaften Charakters zu-
gelassen würden:

PD

%® Lindsey, 1. c., p. 48/49
% 5, 52.
9 Lindsey, p. 54.
        <pb n="216" />
        Krieg und Nachkrieg.

203

3. das Trinken zu verhüten bei den jungen Leuten beiderlei
Geschlechts, im Tanzsaal und anderswo;

4. Angetrunkene nicht zuzulassen oder hinauszuweisen;

5. den Ankleideraum der Mädchen zu überwachen, um un-
gehörige Kleidung zu verhüten, ebenso Trinken und un-
anständige Reden;

6. darauf zu halten, daß Mädchen, die zum Besuch dieser
Knabenschule kämen, von Anstandsdamen begleitet
würden, und daß während des Tanzes keine Autofahrten
von den jungen Leuten unternommen würden;

7. dafür zu sorgen, daß keine Autos in der Nähe des Tanz-
saals hielten;

8, andere Versammlungen und Zusammenkünfte draußen
zu verhüten, die sich der Kontrolle des eigentlichen
Tanzes entzögen;

9. darauf zu achten, daß die Mädchen nach dem Tanz
sofort ihre Zimmer aufsuchten ®.
Der freien Erziehung der Mädchen, der Collegeerziehung der
übermäßig sportbeflissenen, an Lektüre, psychologische Beob-
achtung und Durchdringung des Lebens nicht gewöhnten und
daneben zu frühzeitig und exklusiv dem Gelderwerb dienenden
jungen Männer bringt in idealer Konkurrenz mit der er-
wähnten Lebendigkeit und Impulsivität des girl in den vitalen
Fragen ein Übergewicht des Weibchens hervor. Der junge
Amerikaner ist in Liebesdingen zumeist täppisch, langsam,
passiv. Manchmal bricht der zurückgehaltene Instinkt plötzlich
brutal bei ihm durch und macht ihn zum sogenannten „hotter“;
auf feinere Naturen unter den Frauen, zumal denen auslän-
discher Herkunft, wirkt dieser Typ abstoßend. Oder aber, be-
sonders wenn der junge Mann eine bessere Collegeerziehung
genossen, unterliegt er der ersten Liebe, die über ihn herein-
95 Lindsey, 1. c., p. 45—46.
        <pb n="217" />
        204

Vierter Teil.
bricht? :Er läßt sich überrumpeln und verführen??, zumal
er sich gar nicht einmal vorzustellen vermag, daß eine Liebe
anderswohin führen kann als direkt oder indirekt ins Ehebett,
dann vielleicht auch weil ihm sein Bewußtsein oder doch sein
Unterbewußtsein sagt, daß es, wenn auch meistens sehr teuer,
zo doch am Ende nicht schwer sein würde, einen etwaigen Fehl-
griff durch. die Ehescheidung wieder gutzumachen. ;

Vor allem kommen nun auch jene seltsamen Schönheits-
wettbewerbe und -ausstellungen auf, an denen Mädchen, die
vielfach den mittleren Schichten des Volkes — darunter viele
Schülerinnen der oberen Schulen (high-school-girls und college
girls) — angehören, in äußerst undichten Badekostümen teil-
nehmen, und. deren Photographien und Beschreibungen das
Publikum: und die Presse in Atem halten. Da jede Stadt und
jeder Staat seine preisgekrönte Schönheit haben muß, der man
überdies noch den Namen des Staates zur Ehrung anheftet
/Miß Minois, Miß: California, Miß Ohio usw.) und man diese
Elite-Misses wiederum zu einem ausgesiebten Zentral-Schön-
heitskongreß behufs Auswahl der Miß America vereinigt, so
ist bei der sportliebenden und «sensationslüsternen amerikani-
schen Öffentlichkeit der Spaß gar groß. Dieser Sitte liegt aber
eine ökonomische Basis zugrunde, welche die trotz allen Ab-
leugnens klare erotische Note, an derem Vorhandensein auch
die Tatsache, daß manche dieser Schönen auf ihren Touren
die Mutter mitbringt und manche sogar eigens einen Privatgeist-
lichen engagiert, nicht viel ändert, vielleicht an Schwerkraft
noch überwiegt: "denn die Schönheitsprämie wirkt mit der

% La jeune fille y parait comme un &amp;tre charmant et fort, d’une
franchise: et d’un naturel qui trahissent, au plein sens du mot, la sante:;
Ni la femme, ni la jeune fille, n’ont la crainte de l’homme . . . Ona enseigne
zu jeune homme le respect des jeunes filles. Il se marie trös töt, enlev6 par
un attrait subit.“ (Lucien Romier, Vues sur les Etats Unis. Revue des
Deux Mondes, Sept. 1927, p. 338.)

®7 Vgl. Lindsey, l. e,, p. 7z.
        <pb n="218" />
        Krieg und Nachkrieg.

205
Hilfe der regsamen Reklame als Eingangszeugnis.zur äußerst
beliebten und. rentabeln Karriere der Movie-Stars (Kinodiven),
welche zugleich Ansehen, Reichtum, Eleganz sowie Auswahl an
Geliebten und Ehegatten verspricht und somit den Himmel
aller Hoffnungen eröffnet®, Das fast nackte oder raffiniert
verhüllte Zurschaustellen der amerikanischen Girls in Schön-
heitsausstellungen und Wettbewerben erregt in Europa eitel
Staunen.

Die Grundbasen der amerikanischen Ehe sind mithin nicht
sehr fest. An anderer Stelle unseres Buches ist der Beweis für
diese These bereits an Hand der amerikanischen Ehescheidungs-
statistiken erbracht?82. Neben der erschreckenden Tatsache, daß
das Band der Ehe mit größter Leichtigkeit zerschnitten wird,
sehen wir eine mit ihr verwandte, aber nicht notwendigerweise
zu ihr überleitende und daher besonders gefährliche und als

% ‚Was das Mädchen zur Schönheitskonkurrenz treibt, ist erstens seine
Eitelkeit, zweitens das erwachende Bewußtsein, daß seine sexuelle Sehnsucht
keine ‚Schande‘, sondern berechtigt ist, und drittens sein starker amerikani-
scher materieller Sinn. Auch Amerika ist längst kein Frauen-Paradies mehr.
Auch die Amerikanerin kann nicht mehr mit Gewißheit auf die Ehe rechnen,
:ie muß darauf vorbereitet sein, sich selbst zu erhalten. Hinterm Ladentisch
und an der Schreibmaschine kann man nicht annähernd so viel Geld ver-
dienen wie durch Schönheit und Liebe.“ (Gustaf Kauder, Die Gold-
gräberinnen. Zur Naturgeschichte des Girls, im Uhu, II, 9 [1926], S. 62.)
„Der Puritanismus läßt noch immer nur die Ehe als die einzige Normal-
beziehung der Geschlechter gelten. Er will es nicht sehen und nicht wahr
haben, daß. die eheliche Monotonie, die Phantasie und Ästhetik mordet
und deshalb zu Zeugungsunlust, zu Dekadenz führen muß, der Hauptgrund
der heutigen sexuellen Weltkrise ist. Er bleibt prüde und heuchlerisch: er
verurteilt ‚Verhältnisse‘, aber er erleichtert Ehe und Scheidung so, daß man
drüben die meisten ‚Verhältnisse‘ in Form kurzfristiger Ehen eingeht, (Eine
Unzahl amerikanischer Knaben und Mädchen sind zwischen 20 und 25 schon
drei- und viermal verheiratet und geschieden.) Trotzdem spürt er natürlich,
daß die einzige Revolution, die jetzt drüben wütet, die geschlechtliche ist,
aus deren Boden ja diese ganze Girlmode hervorgeschossen ist. Doch dies
darf nicht wahr sein, und deshalb lügt er die ganze Bewegung in eine rein
rassenzüchterische um.“ (Kauder, S. 62.)

982 Vgl. S. 118. unseres Buches.
        <pb n="219" />
        206

Vierter Teil.
weiteres Krebsübel zu buchende Erscheinung: das häufige Ver-
lassen eines der beiden Eheteile von Haus und Hof, das, was
die Amerikaner als Desertion bezeichnen. „Desertion is the
poor man’s divorce‘“, d. h. sie erklärt sich häufig aus der
Scheu der ärmeren Volksklassen, das zwar nicht in allen Staaten
umständliche, aber doch überall kostenreiche Verfahren der
Ehescheidung einzuleiten. Die Desertion führt also zur unge-
setzlichen Auflösung des Hausstandes und von da ab natürlich
häufig zum Eingehen illegitimer Geschlechtsverhältnisse ®.
Die Jugendfrische und angeborene Heiterkeit, das Spielerische
in Charakter und Erziehung, der starke individualistische Ober-
ton, die häufige, aus der Mädchenzeit gewohnheitsmäßig in die
Ehe übernommene Abwesenheit von häuslicher und beruflicher
Arbeit im Leben der Frau, die in Amerika wahrnehmbar sind,
mögen mit als Ursache der Unzufriedenheit in der Ehe gelten.
Sachkenner wie Mowrer, der der Zerrüttung der amerikanischen
Ehe ein wichtiges Buch gewidmet hat, klagen die amerikanische
Frau an, einen romantischen Liebesbegriff zu hegen, der der
männlichen Arbeit und Überarbeit nicht gerecht wird, nach
stetem Kajoliertwerden tendiert und somit gar leicht zu Ent-
täuschung und Eheunglück führt10%. Diese Enttäuschung ver-
mag bei der geistigen Öde und Hast des amerikanischen Fa-
milienlebens ohnehin nicht zur Ruhe zu kommen, und die junge
Frau wird folglich auf die Suche nach äußeren Werten ge-
drängt1%, wozu sie ihr so tief eingewurzelter bürgerlicher Sinn
9 Mowrer, 1. c., p. 89. — Über die entsprechenden Statistiken und deren
Kritik ders., S. 92.

00 Mowrer, p. X, 147, 197-

401 Manchen amerikanischen Beobachtern zufolge fehlt es im amerika-
nischen Eheleben an der Basis des Glücks. „The life is divested of all the
nobler pleasures; empty of intellectual interest; devoid of social diversion;
artless, heartless, furtive, narrow, bleak, mournful, mean, and inhuman,
{mpossible to speak or read of it jocosely. Jest and irony die in their
preconception.‘“ (Langdon Mitchell, Understanding America. 1. ©..
p. 105.)
        <pb n="220" />
        Krieg und Nachkrieg.

207

nach Luxus und Vergeudung, dessen sich auch die Besten
unter ihnen nicht entschlagen können, die Wege weist102, Die:
den oberen und mittleren Vermögens- und Einkommensklassen
angehörigen Frauen und Mädchen bilden jenen besonderen
Typus heraus, der als leisure class wife Gegenstand einer ge-
dankenreichen amerikanischen Schule geworden ist103,

Amerika steht schon seit über etwa 16 Jahren in noch weit.
höherem Grade als Europa inmitten einer sexuellen Krise. Die
Amerikaner selbst bezeichnen sie spöttisch als ıhren „sex
o’clock‘“ 1%, Diese Krise hat dazu geführt, daß als ihr literarı-
scher Niederschlag eine neue Richtung im Gesellschaftsroman
entstanden ist10%, Diese, zumeist von Neoamerikanern nicht
angelsächsischer, sondern jüdischer, deutscher, italienischer
usw. Herkunft geführt, erkennt die alten englischen Tradi-
tionen und Ideale nicht mehr an, sondern bejaht das Ge-
schlechtsleben und die geschlechtliche Freiheit, die wenigstens.
theoretisch der Anglo-Amerikanismus nie aufgehört hatte zu
negieren 10% a,

Gegen beides, Sittenkritik und Sittenverwilderung, die sie aus
autochthonem Fremdenhaß in einseitiger Weise ausländischen
Einflüssen zuschreiben, reagieren die agrarisch gebliebenen:
Gegenden Nordamerikas mit den Methoden des Ku-Klux-Klan.

102 Upton Sinclair, Love’s Pilgrimage, New York, London 19171, Kenner-
iey, p- 538£.
103 Theodore Veblen, Theory of the Leisure Class. 2. Aufl,, New York
1927, Vanguard Press, p. 358ff. .
104 Näheres bei: Sex o’clock in America, in Current Opinion, New York,
august 1913, p- 113.
1065 Regis Michaud, Le roman amöericain d’aujourd’hui. Paris 1927,
Boivin.
105a Die Revolte gegen den Puritanismus auf dem Gebiete der Liebe ist
in Amerika eingeleitet worden von dem kräftigen und interessanten Roman
von Upton Sinclair, Love’s Pilgrimage. New York und London 1917,
Kennerley. Unter den neueren Romanen ist diese Tendenz vor allen Dingen
Jurch Sherwood Anderson (Many Marriages) vertreten worden,
        <pb n="221" />
        208

Vierter Teil.
Sie halten die Sittenstrenge für einen unentbehrlichen Bestand-
teil des alten amerikanischen Geistes, den gegen Katholizismus,
Judentum, Neger, deutsches, französisches, slawisches usw.
Wesen aufrecht zu erhalten oberstes Sittengesetz der Vater-
landsliebe sei. So bedienen sie sich zur Erreichung dieses Zweckes
sehr drastischer Mittel. Vermummte Gestalten entführen mit
List und Gewalt den Ehebrecher oder die Ehebrecherin (zumal
wenn sie den bekämpften Gruppen angehören) in den Wald,
ziehen sie nackt aus, bestreichen ihre Körper mit Teer und heften
ihnen Hühnerfedern an, um sie dann in diesem Zustande laufen
zu lassen, nicht ohne das ausdrückliche Verbot, je wieder in den
Heimatsort zurückzukehren. Wenn das nicht den Teufel mit
Beelzebub austreiben und den Rechtsstaat durch blöde Willkür
ersetzen heißt, haben die Worte ihre Bedeutung verloren.

Im ganzen darf man sagen, daß die Nachkriegszeit eine
Welle freierer Auffassung in Ehe- und Liebesfragen mit sich
brachte. Die schon längst unterhöhlte und praktisch fast all-
gemein zum toten Buchstaben gewordene strafrechtliche Ver-
folgungsmöglichkeit des Ehebruchs (Ehebruchsparagraphen)
wurde von neuem heftigster Kritik ausgesetzt1%, In Rußland

1066 „Der Ehebruch ist auch strafbar, Das ist altes Recht. Und zwar wird
seit langem fast durchweg der Mann ebenso beurteilt wie die Frau, während
die romanischen Länder auch hier noch an seiner Bevorzugung festhalten
und ihn nur strafen, wenn er eine Konkubine in der ehelichen Wohnung
oder auch offenkundig anderswo gehalten hat. Frankreich 339 (Arch. f.
Kriminalanthr., S. 62, 235), Belgien (und Luxemburg) 389, Italien 354,
Spanien 452, die Schweizer Kantone Freiburg, Tessin. Vielfach wurde und
es wird in diesen Ländern der Mann viel geringer bestraft als die Frau.
Ebenso ist der dritte Mitschuldige, unter Umständen er allein strafbar, aber
auch er mehrfach geringer, da er ja nicht zur Treuhaltung verpflichtet
ist, — umgekehrt der dritte Mann auch wieder schwerer. Die Strafe,
früher für die Frau Todesstrafe, ist heute meist eine geringe Freiheits-
strafe, aber nach dem neuesten deutschen Entwurf 1919 gegenüber den
sechs Monaten Höchstmaß des geltenden Rechts auf ein Jahr Gefängnis
erhöht. Vielfach muß heute vorher die Ehe geschieden sein, und zwar
meist eben wegen des zu strafenden Ehebruchs. So in Deutschland, dem
Schweizer Entwurf, Holland, Norwegen, Finnland, Ungarn (in Schweden
        <pb n="222" />
        Krieg und Nachkrieg.

209

unternahm es die Sowjetregierung, der Geschlechtsliebe bei
gleichzeitiger Staatsfürsorge für die Nachkommenschaft die
Antrag oder Scheidung).“ (Max Marcuse, Ehebruch, im „Handwörter-
buch der Sexualwissenschaft‘, S, 105/106.)

„In einem Tatbestand ist der Amtliche Entwurf eines Allgemeinen
Deutschen Strafgesetzbuchs 1925 fehlgegangen, das ist der des Ehebruchs,
$ 280. Nicht als ob wir ihn beschönigen oder begünstigen wollten und sollten,
aber zu glauben, daß man den Ehebruch durch die Strafe bekämpft, das
ist eine Torheit und Heuchelei. Was nützt denn hier eine Strafdrohung!
Wir erfahren doch, daß wenige hundert Fälle im Jahre bestraft werden in
Deutschland und wissen, Hunderttausende, ja Millionen von Ehebrüchen
werden im Jahr begangen, ohne daß man sich darum kümmert. Wer
sind die, die bestraft werden? Meistens Leute, die schon wegen anderer
Delikte vorbestraft sind. Auf diesem Gebiet kann die Strafdrohung nichts
ausrichten, und es wäre daher töricht, sie beizubehalten. Für mich ist diese
Frage erledigt, ich kämpfe nicht mehr darum, ich überlasse das den Poli-
tikern. Ich mache aber darauf aufmerksam, daß in Dänemark im Entwurf
seit 1917 der Ehebruch aus den Tatbeständen gestrichen worden ist, und
zwar sind besonders die Frauen dafür eingetreten. Bei uns sollte man auch,
wie das 1922 durch Minister Radbruch geschehen ist, offen den Tatsachen
Rechnung tragen, und diesen Tatbestand, der nichts anderes zur Folge hat
als das Rachegefühl des verletzten Ehegatten zu stärken, beseitigen.“
(G. W. Mittermaier, S. 7.) „Der Konkubinat ist zweifellos, wenn man ihn
als Tatbestand faßt, ein Verstoß gegen die Sittlichkeit, aber er wird von den
Landesgesetzen nicht als solcher erfaßt, sondern er wird erfaßt als eine
Störung der öffentlichen Ordnung von der Polizei und als solche bestraft,
Nach dem Kriege haben einige Länder sich davon frei gemacht, und in
anderen Ländern ist die Praxis auch freier, aber grundsätzlich besteht die
Bestimmung: der Konkubinat ist strafbar. Das ist dem Einfluß der Kirche
zu verdanken. Wenn wir das außereheliche Geschlechtsieben in gesunde
Formen bringen wollen, so muß man zugeben, daß der Konkubinat die
gesündeste Form ist. Ihn zu bestrafen ist Heuchelei:“ (G. W. Mittermaier,
S. 8.) „L’article 337 du Code penal est tellement'odieux qu'il est rare que
les juges osent V’appliquer, Ceci est un exemple, entre äutre, de la vanit#
des reformes. Il importe peu que les pires injustices soient inscrites dans le
Code, si le public y refuse son adhesion. Les magistrats se garderont bien
de -braver V’opinion en face, D’autre part, les röformes les “plus humaines
seront lettre morte, si le public n’y tient la main. Ce‘ n’est‘ pas dans‘16s
votes d’une assembl6e que les lois trouvent leur appui ou leur 6tcueil;‘ mais
dans le cerveau de la foule. C'est lui qu'il faut reformer.“ (Rene Chaughf;
d’Immoralit&amp; du Mariage, Nouv. Ed. Paris 1904, „Les Temps Nouveaux“,
p- 17.)

Michels, Sittlichkeit in Ziffern.
        <pb n="223" />
        210

Vierter Teil,
denkbar größte, mit dem Staatsinteresse einigermaßen verein-
bare Elastizität zu belassen 107,

Eine den russischen Wegen entgegengesetzte Richtung schlägt
der italienische Strafgesetz-Revisionsentwurf ein, laut welchem
1207 In Rußland sind die Ehe wie die Ehescheidung aufs äußerste erleichtert
worden. Immerhin nicht in dem Maße, als es die antibolschewistische Presse
erscheinen lassen möchte, zumal die Absichten der Regierung nicht un-
widersprochen bleiben. Bei Beratung des Entwurfs eines neuen Ehegesetzes
1925, das von Krylenko und Brandenburgski dem Ausführenden Ausschuß
der Sowjetunion vorgelegt wurde, kam es unter den Kommunisten zu scharfen
Auseinandersetzungen über dieses Thema, die dazu führten, daß zum ersten-
mal seit Bestehen der Sowjetregierung ein von oben eingereichter Gesetzes-
vorschlag abgelehnt wurde, Die Freiheit des Geschlechtsverkehrs sollte nach
dem Entwurf noch bis zu einem Grade erweitert werden, daß jeder Unter-
schied zwischen zufälligem Zusammenwohnen und Ehe in Wegfall gekommen
wäre, Die staatliche Notiznahme durch Registrierung sollte nur noch auf
besonderen Wunsch der Betreffenden (fakultativ) geschehen. ‚Es sollte der
neue Begriff der ‚faktischen Ehe‘ eingeführt werden, die als ganz form-
loser Geschlechtsverkehr verläuft. Die Verantwortlichkeit für den Nach-
wuchs und die Bindung der Ehegatten untereinander sollte in jedem Falle
gleich sein. Denn auch zur ‚Scheidung‘ dieser ‚faktischen Ehen‘ bedarf
es künftig überhaupt keiner Formalität mehr, und selbst die registrierten
Ehen, die bisher nur mit Einverständnis beider Gatten oder bei. Schuld des
einen getrennt wurden, bedürfen zu ihrer Lösung nur noch der Erklärung
Jes einen Teils zum Register, ;

Hiergegen wendeten sich gewichtige Stimmen aus der Versammlung, u. a.
Krassikoff, der das System eine. ‚offen erklärte, schrankenlose Vielmännerei
und Vielweiberei‘ nannte, Es wurde auch hingewiesen auf den ungenügenden
Schutz des Nachwuchses, da heute schon Fälle vorkämen, in welchen manche
Männer in solchen flüchtigen ‚Reihenehen‘ bis zu 20 Frauen gehabt hätten,
and von fast jeder eines oder mehrere Kinder. Wo bleibe da noch die ‚Ver-
sorgungspflicht durch den Vater? Leitender Gesichtspunkt der russischen
Gesetzgebung sei doch die Rücksichtnahme auf die künftige Generation.
Bei der bisher gehandhabten Scheidung wird im wesentlichen nur der
Unterhalt der Kinder gerichtlich geregelt. Da’ das außereheliche Kind
genau denselben Schutz genießt, wie das eheliche, wobei genügt, daß die
Frauensperson irgendeinen Mann als Vater ihres Kindes. bezeichnet, mit
dem sie Umgang hatte, so ist in dieser Beziehung Ehe, Konkubinat und
zufälliger Geschlechtsyverkehr gleichgestellt. Dabei steht der betreffenden Frau
Jaut Gesetz das Recht zu, unter den Männern, die in Frage kommen können,
einen zu wählen oder auch mehrere zum Unterhalt heranzuziehen.
        <pb n="224" />
        Krieg und Nachkrieg.

2114

die Strafe für (eingeklagten). Ehebruch seitens ‚der Frau und
für notorisches Konkubinat. seitens. des- Mannes, die bisher auf
3—30- Monate Haft festgesetzt  war,. auf Gefängnis bis . zu
3 Jahren erhöht werden soll1%, .

Das. Verhalten der. einzelnen Völker ist im übrigen gerade
in. ehbepolitischer Hinsicht ‚außerordentlich verschieden. Wir
möchten das am. Verhalten ‘der ‘jungen deutschen ‚und der
jungen italienischen Kriegsteilnehmer im Weltkrieg kurz er-
härten. In Deutschland, erachteten ‚es die Einberufenen, ‚aller+
dings vom geburtenlüsternen Staat dazu angeregt und. vielfach
angehalten, bei Kriegsausbruch für ihre Pflicht, die vorher ein+
gegangenen Liebesverpflichtungen zu legitimieren: der Geliebte
heiratete überall sein „‚Verhältnis‘‘, der Bräutigam seine Braut,
der Anbeter seine Angebetete. Es kam zur Einrichtung der
Kriegsehe. In Italien‘ hingegen herrschte unter ‚den zu. den
Fahnen berufenenen honorigen Jünglingen der umgekehrte
Gesichtspunkt vor: es galt als egoistisch und unstatthaft, bei
der für den Krieger bevorstehenden Lebensgefahr noch kurz
vor Toresschluß das Leben eines Mädchens sozusagen gesetzlich
abzustempeln und ihm so im ‚Todesfall des jungen Ehemanns
als Deflorierte oder gar als. junge Mutter den Eingang ‚einer
neuen. Ehe mit einem anderen Manne zu erschweren. Das ‚Frei=
lassen oder doch Freihalten: des Mädchens bis nach Kriegs-
ende wurde als Ehrenpflicht angesehen. Die gleichen :sittlichen
Mächte bewogen also zwei verschiedenen Nationen angehörige
gleiche Kategorien Männer unter den gleichen äußeren Ver-
hältnissen zu diametral verschiedenem Verhalten, © .: u

Der große Mädchenüberächuß: der. Nachkriegszeit hat z.B.
in der Provence, aber auch in: einigen Gegenden Italiens, . den

1608 Herabsetzung der Strafe tritt nur dann ein, wenn das. Verbrechen
yeitens eines in Jegaler Trennung lebenden oder von dem anderen. Teile bös-
willig verlassenen Ehegatten: begangen worden ist, (Progetto..preliminare di
un nuovo Codice Penale, 1. c., p. 217.)
        <pb n="225" />
        212

Vierter Teil.
ohnehin vorhandenen Widerstand der Bevölkerung gegen das
Eingehen der Ehen junger Männer mit Witwen noch weiter ver-
stärkt: kommt es dennoch zu solchen Hochzeiten, so versammeln
sich die Burschen nachts vor dem Hause der Eheleute zu einer
stundenlang dauernden gräßlichen Katzenmusik, welche das
junge Paar möglichst ärgern und am Vollzug des. Beischlafes
hindern soll. Doch ist auch diese Tendenz national bedingt. Wie
wir bereits berichteten, ist das Verhalten der jungen Engländer
den Kriegerwitwen gegenüber ein völlig anderes1®, Und auch
das der Deutschen, die ebenfalls die Kriegerwitwen nicht sitzen
lassen. Zumal zur Zeit der Wohnungsnot waren sie, als die
glücklichen Inhaberinnen eingerichteter Wohnungen, vielfach
umworben. Die Wiederverheiratung Verwitweter und Geschie-
dener hat nach dem Kriege in Deutschland so stark zugenom-
men, daß infolgedessen im Vergleich mit der Vorkriegszeit eine
Erhöhung des durchschnittlichen Heiratsalters stattfand 119,
In Deutschland hat der Demobilmachungsausschuß im Inter-
esse der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit der aus dem Felde
heimkommenden Männer sowie der arbeitslosen ledigen Mäd-
chen verlangt, daß zunächst die verheirateten Frauen in weitem
Umfange zu entlassen, jedenfalls aber keine neuen einzustellen
seien. Er war dabei von der Erwägung ausgegangen, daß Ehe-
männer Verdienst, Ehefrauen aber einen Ernährer haben
müssen. In vielen Fabrikbetrieben wurde es daraufhin Brauch,
daß verheiratete Frauen nur dann beibehalten wurden, wenn
der Mann nur unter halber Schicht beschäftigt war, und daß
nach Besserung des Verdienstes des Mannes die verheiratete Frau,
von der die Betriebe inzwischen fortlaufend Belege über die Ein-
nahmen der Familie forderten, einer ledigen Konkurrentin

10 Vgl. S. 104. ; . |

10 Friedrich, Zahn, Die deutsche Familie und der Wiederaufbau
unseres Volkes, Allgemeines Statistisches Archiv, Bd. ı6, Heft ı (1926),
SQ 6
        <pb n="226" />
        Krieg und Nachkrieg.

213

Platz machen mußte. Diese Bestimmung und die sich daraus
ergebenden Folgen äußerten sich auch geschlechtsmoralisch
im Sinne häufigen Verzichtes auf legale ‘Eheverbindung.
Kleinere Betriebe, welche die Verfügungen des Ausschusses
nicht immer mit großer Strenge durchführten, gestatteten
zwar häufig ihren angestellten Mädchen zu ehelichen, ohne ihre
Stellung zu verlieren. Die Verhältnisse in den großen Betrieben
aber ließen solche Sonderabmachungen nicht zu und haben in-
folgedessen, wie berichtet wird, vielfach dazu geführt, daß weib-
liche Angestellte ihre Verehelichung verheimlichten. Nur auf
diese Weise ist es mancher gelungen, länger als ein Jahr in ihrer
Stellung zu bleiben. Anderseits haben unter dem Zwang der Be-
stimmungen manche Paare, wenn der Verdienst des Mannes nicht
ausreichte, sich zu freier Vereinigung zusammengeschlossen,
der sie dann .die gesetzliche Form gaben, wenn die wirtschaft-
liche Lage des Mannes sich gebessert hatte und auf die Mitarbeit
der Frau verzichtet werden konnte!1,

Dennoch . haben die Unehelichkeitsziffern auch nach dem
Kriege vielerorts sehr beträchtlich abgenommen. Nicht überall,
wie das Beispiel Tirols darstellt. Auf dem Parteitag der christ-
lichsozialen Tiroler Volkspartei, der am 3ı. März 1927 in
Innsbruck abgehalten wurde, hat der Nationalratskandidat
Dr. Schuschnigg eine Reihe bemerkenswerter. Feststellungen
über die Sittlichkeitsverhältnisse bei der Tiroler Landbevölke-
rung der Öffentlichkeit mitgeteilt, die auch außerhalb des
Landes Tirol einiges Aufsehen erregten, zumal in letzter Zeit
auch aus den anderen österreichischen ‚Alpenländern ähnlich
lautende Berichte einlangten. In Tirol zählt män derzeit nach
den Ausführungen Dr. Schuschniggs mehr als zwölftausend
uneheliche Kinder im Alter bis. zu vierzehn Jahren. Da Tirol
nach dem Ergebnis der letzten Volkszählung insgesamt rund

u E, S.: Verheiratete Frauen in Amt und Beruf. Die neue Generation,
z8. Jahrg., Heft 3 (März/April 1922), S. 115.
        <pb n="227" />
        214

.‘ Vierter Teil: :
49000 Kinder. unter vierzehn ‘Jahren aufzuweisen hat, so ist
demnach gegenwärtig jedes vierte Tiroler Kind unehelich,: wo-
bei in einzelnen. Bezirken —: bei den angeführten Zahlen han-
deit es sich ja‘ nur um Durchschnittsziffern —.der Prozentsatz
der .unehelichen Geburten noch viel höher ist1!%, Vergleicht. man
hierzu die statistischen Aufzeichnungen über die ehelichen und
unehelichen Geburten aus dem alten Österreich, so findet man,
daß: beispielsweise im Jahre 1900 Tirol unter den damaligen
österreichischen‘ Kronländern fast den kleinsten Prozentsatz von
unchelichen Kindern aufwies. Um die Jahrhundertwende waren
in Tirol bloß etwa über 7% aller Geburten unehelich, im abge-
laufenen ersten Viertel des 26. Jahrhunderts.haben sich daher
die. unehelichen Geburten. daselbst mehr als verdreifacht.
Bemerkenswerterweise steht der Zunahme der unehelichen Ge-
burten in den österreichischen Alpenländern. eine : starke Ver-
ringerung in Wien und im übrigen Österreich gegenüber. Wien
hatte in den letzten Jahren nicht ganz 20% unehelicher Ge-
burten; wenn in Tirol heute jede vierte Geburt eine uneheliche
ist, so’ ist in Wien gegenwärtig erst etwa jede sechste unehelich.
Auch für ganz Deutsch-Österreich läßt sich im Vergleich mit
der Vorkriegszeit eine starke Veränderung in der Verteilung der
Geborenen nach. der Legitimität feststellen: Im Jahre 1919
waren noch fast drei Zehntel aller Geborenen unehelich; schon
während des Krieges zeigt sich eine Abnahme; seit dem Jahre
191g stellen die unehelich Geborenen nur noch weniger als ein
Fünftel, ja zumeist weniger als ein Sechstel zur Gesamtzahl der
Geborenen!!3, Die Ursachen dieser Erscheinung sind keineswegs
„moral“ statistisch. zu erfassen, denn: sie beruhen zweifellos
ganz überwiegend auf juristischen und soziologischen Tat-

42. Neues. Wiener Journal vom 3. April 1929.. .

"3 Walter Schiff, Die natürliche Bewegung der Bevölkerung der
Bundeshauptstadt Wien in‘ den. Jahren 1909-1925. (Statistische Mit-
teilungen der Stadt Wien, 1026, 4; Sonderheft, S. ı4.)
        <pb n="228" />
        Krieg und Nachkrieg.

215
sachen. Diese ersteren. bestehen in dem Überhandnehmen des
vermehrten‘ Präventivverkehrs der unehelichen Liebespaare. Die
Moralstatistik, die ihre Erkenntnisse auf die rein äußerlichen
Verminderungen. der unehelichen Geburten abstellen wollte,
wäre also wieder einmal auf dem Holzwege. Die zweite Gruppe
von. Ursachen erklärt sich aus.dem Hinwegfall einer Reihe von
früheren Ehehindernissen, wie des obligatorischen Militär-
dienstes, des Lehrerinnenzölibates sowie anderer der Eheschei-
dung im Wege stehender Barrieren: Seit dem Jahre 1919 „be-
ginnt die Verwaltungspraxis vom Ehehindernis des bestehenden
Eliebandes zu dispensieren; während früher zahlreiche Kinder
nur deshalb als unehelich zur Welt gekommen waren,. weil
die Eltern einander nicht heiraten konnten, ist. jetzt dieser
Grund für die unehelichen Geburten im weiten Umfange weg-
gefallen‘ 114,

Überdies gab es in der unmittelbarsten Nachkriegszeit noch
eine dritte Ursache. für die Verminderung der unehelichen Ge-
burten. Da im ganzen mehr unverheiratete als verheiratete Män-
ner ins Feld gerückt waren, so hat der Verarbeiter der Wiener
Statistik vielleicht recht, wenn er arguiert, daß verhältnismäßig
mehr uneheliche als eheliche Zeugungsakte unterblieben sind.
_ Die, starken. Verluste an ledigen Männern im heiratsfähigen
Alter, welche durch den Weltkrieg verursacht worden sind, ver-
anlaßten viele Nationalökonomen, wie z. B. Mombert, im Jahre
z919 zu der Prophezeihung, „daß für eine ganze Reihe von
Jahren ‚hinaus, solange bis durch eine ganz neue Generation im
heiratsfähigen Alter voller Ersatz geschaffen ist, die Heirats-
häufigkeit bei uns eine weit geringere sein wird als in früheren
Zeiten. Unter allen Frauen im fruchtbaren Alter wird ein weit
geringerer Teil zur: Ehe gelangen, wenn nicht ein Ausgleich
durch Veränderungen im Heiratsalter in der Weise eintritt, daß
ältere Frauen mit jüngeren Männern eine Ehe eingehen, oder
114 Ebenda.
        <pb n="229" />
        216

Vierter Teil.
daß wenigstens Ehen im gleichen Alter geschlossen werden. Auf
lange Jahre hinaus wird also ein geringerer Teil der Bevölke-
rung als sonst verheiratet sein und unter allen bestehenden
Ehen werden weniger jüngere Ehen als vor dem Kriege vor-
handen sein‘“115, Soweit die bisher vorliegenden Statistiken
Deutsch-Österreichs118$ und Wiens!!? eine Nachprüfung dieser
Voraussagungen zulassen, ist ihre Bestätigung bisher nicht ein-
getroffen. Im Vergleich mit dem Jahre 1913 haben die Ehe-
schließungen pro 1000 Einwohner (7,05) in den der heutigen
Republik Österreich zugehörigen Landstrichen nach Kriegsende
keine Verminderung, sondern im Gegenteil eine erhebliche
Steigerung erfahren, die im Jahre 1920 mit 13,41% ihren
Höhepunkt erreichten, dann allerdings ständig wieder zurück-
singen (1921: 12,57%, 1923: 11,42%), im Jahre 1923 aber
mit 8,65% immer noch über dem Satz von vor zehn Jahren
standen, In der Stadt Wien im besonderen ergeben sich, die
Zahl der Trauungen des Jahres 1909 = 100 gesetzt, für die
erste Nachkriegszeit Indexzahlen zwischen 137 (19719) und
63 (1920), die dann ebenfalls langsam fallen (1921: 153;
1922: 139; 1923: 103), aber erst in den Jahren 1924 (98)
und 1925 (g1ı) etwas unter den Stand von 1909 herabsinken.
Für Österreich wäre hierdurch also der Beweis erbracht, daß,
wenigstens für die ersten fünf Nachkriegsjahre, das gesteigerte
männliche Heiratsbedürfnis den zahlenmäßigen Ausfall an
ledigen Männern nicht nur kompensiert, sondern sogar über-
Aügelt hat. Inwiefern etwaige Verschiebungen im Heiratsalter
stattgefunden haben, ist leider aus den erwähnten Statistiken
nicht zu ersehen. Für England wissen wir, daß nach dem Kriege

145 Paul Mombert, Die Gefahr einer Übervölkerung für Deutschland,
Tübingen 1919, Siebeck, S. 10.

16 Bundesamt für Statistik, Statistisches Jahrbuch für die Republik Öster-
eich, VI. Jahrg., Wien 1925, S. 24.

27 Schiff, S. 5.
        <pb n="230" />
        Schlußbemerkung.

217
das durchschnittliche Ehealter zurückgegangen ist. Dasselbe war
aus den von uns angegebenen Gründen!!® auch in Deutschland
der Fall, während sich dort jedoch gleichzeitig das durchschnitt-
liche Heiratsalter der jüngeren Altersgruppen der Männer ver-
Jüngte. In Deutschland folgte, wie in Österreich, auf das Kriegs-
ende eine Periode mit großen Heirats- und Geburtsziffern; dann
trat ein Rückschlag ein, der, ebenfalls wie in Österreich, die
Heiratsziffern jedoch nicht so sehr unter die Verhältnisse der
Vorkriegszeit herabsenkte, daß tatsächlich von einer „weit ge-
ringeren‘“ Heiratshäufigkeit gesprochen werden könnte. Auf
1000 Einwohner kamen nämlich 1908/13: 7,8, dagegen 1924
pur 7,1 Heiraten 129,
Schlußbemerkung.
Zum Schluß: Wie unschätzbar bei vorsichtiger und sach-
gemäßer Handhabung die Verdienste der Statistik auf vielen
Gebieten zweifellos sind, auf dem Gebiete der Sexualstatistik
stehen wir vor der Tatsache, daß die unendliche Hauptmasse
der Erscheinungen sich dem groben Instrument der Statistik
völlig entzieht. In das Allerheiligste des menschlichen Seelen-
jebens, das Allerintimste des menschlichen Trieblebens einzu-
dringen, ist und bleibt ihr versagt. Somit ist es auch unrichtig,
daß die Moralstatistik, wie .‚manche vermeinen!%, zwar keine

118 Vgl. S. 212 unseres Buches,

u9 Friedrich Zahn, I c., p. 5.

120 4A, Wirminghaus, Moralstatistik, im Wörterbuch der Volkswirt-
schaft (Elster), Jena 1898, Fischer, Bd. 2, S. 268, Noch unzweideutiger
ist das kürzlich von A. Kasten ausgedrückt worden: „Nicht um eine
moralstatistische, sondern um eine organische Erfassung der Ehelichkeit bzw,
Unehelichkeit kann es sich in der Zukunft handeln, Hier liegt noch ein
weites, wenig bepflügtes Forschungsgebiet.“ .,. „Es sind bevölkerungspoli-
tisch, soziologisch interessante Einblicke, die uns die uneheliche Geburten-
ziffer, die uneheliche Fruchtbarkeitsziffer und die Unehelichkeitsquote geben
können, keine moralstatistischen.“ (Kasten, S. 39.)
        <pb n="231" />
        218

Schlußbemerkung:;
Statistik. der Moralität; aber. doch ‚immerhin. eine Statistik .der
Immoralität bedeute.‘ Denn .die Statistik gibt.nur die in Zahlen
ausgedrückte nackte Tatsache; ohne: quantitative Vollkommen-
heit (Vollzähligkeit), aber. auch ohne die qualitativen Elemente
der Urteilsbildung moralischer Observanz,. die.‚erst in der Er-
forschung der: Äquivalenzen und Latenzen liegen!?, Wie das
schon die Smithianische Schule einwandfrei auszusprechen ge*
wagt hat; ist die Statistik ihrem. Wesen nach deskriptiv,. tat
sachenberichtend. So hat Jean Baptiste Say gesagt: „La statr-
ztique ne nous fait. connaitre;que les faits arrives, c’est une
science descriptive. C’est une description tres detaillee; elle peut
plaire ä la curiosite, mais elle ne la satisfait pas utilement quand
elle n’indique pas l’origine et les cons6quences des faits qu'elle
vonsigne, et lorsqu'elle'en montre Vorigine et les cons&amp;quences,
alle devient de. l’&amp;conomie politique!®.‘““ Nur, daß wir heute
nicht mehr annehmen dürfen, daß die Statistik zur National-
ökonomie werden könne, und überdies einen Teil der Leistungen,
welche die Ursachenforschungen benötigen, von anderen Unter-
suchungsmethoden erwarten.

Mehr als der Statistik werden sich die Forschungen auf dem
Gebiete der .Sexualwissenschaften .der typologischen Einzel-
beobachtung und deren theoretischer Bearbeitung zu bedienen
haben, Für die Statistik selbst aber erwächst aus dieser Erkennt-
nis die Pflicht engster und ehrlichster Berücksichtigung der Re-
sultate der Gesellschaftswissenschaften, Sie muß, wie Tönnies
wiederum mit Recht bemerkt, „wie jede induktive Forschung,
jedes Mittel anwenden, das ihrem Erkenntniszwecke zu dienen
verspricht, wenn auch die statistische Methode, wo sie anwend-
bar ist, die größten logischen Vorzüge hat‘12. Auf dem. Gebiete
11 A, Corre, Crime et Suicide, p. 272, en
‘2 J, B. Say, Trait6 d’Economie Politique ou simple exposition de la
maniere ‚dont se forment, se distribuent et se consomment les richesses,
Paris 1803; Crapelet, vol. I, p. 9, 128, IV, p. 236£., 249 und anderwärts.
23 Tönnies, Moralstatistik, S. 645.
        <pb n="232" />
        Schlußbemerkung.

219
der Sittenanalyse freilich wird die Statistik (Moralstatistik),
zum mindesten insoweit es sich um die Erforschung des
Sexuallebens handelt, sich mit dem bescheideneren und mehr
peripherischen Aufgabenkreis, wie es sich einer Hilfswissen-
schaft geziemt, bescheiden müssen.‘

Im Geschlechtsleben ist die aus Liebe eingegangene Frühehe
und deren Reinerhaltung ein über alle Zeitläufte erhabenes ge-
sellschaftliches Ideal. Aber die Messung der Abweichungen von
diesem Ideal ist ethisch schwer; statistisch. ist sie unmöglich.
        <pb n="233" />
        NAMENSVERZEICHNIS
(Die Zahlen bedeuten die Seiten)

Abba 109.

Adam 147.

Albert 58.

Alberti 183.
Alessandria 96, 124.
Algier 182.

Alimena 977.

Allaria 172.

Altenrath 152,
Amsterdam 68.
Ancona ı24.
Anderson 207.

Andler 59.

Andreadös 19.
Angelsachsen 159, 160.
Anna von Rußland 84.
Aosta 96.

Aquila 124.
Arabien, Araber ı4.
Arezzo 124.

Arndt 76.
Arnoldshain 110.
Arras 190.

Ascoli ı24.

Asti 96.

Augagneur 152.

Auguste 103.

Avellino 124.

Avene) 97.

Bachi 116, 119.

Baglio 78.

Balkan 19, 187.
Balzac 37, 92, 131, 145.
Bänninger 131.
Bari 124.
Barraunu 15r.

Barthelemy 89.

Basel 139.

Bauer (Max) 181.

Baum 153, 183, 185.

Bäumer 107.

Bax 36, 142.

Bayern 36, 54, 94, 109, 110, 156.
168, 170.

Beaumarchais 151.

Bebel 58.

Beccaria 73, 169.

Belgien 81, 128, 182, 208.

Belluno 124.

Benevento ı24.

Bergamo ı24.

Bergmann 20, 96, 97, 125.

Berlin 68, 79, 89, 100, 106, 119,
136, 152, 175, 180.

Bern 37, 88.

Bernau 28.

Bernays 28, 183, 184.

Bernoulli x, 42. So.

Bernstein 149.

Bertillon 52, ı9g1.

Bismarck 158,

Black 67.

Blanc 49.

Blaschko 154, 165, 180.

Blaze 188.

Bloch (Eugen Dühren) 100, 105,
143.

Blum 38.

Bobbio 96.

Bodio 76.

Böhlau 28.

Bois q9.
        <pb n="234" />
        Namensverzeichnis.

39214

Boissard 113.

Bologna, Bolognese 62, 78, ız2h.

Bonger 152.

Bonomi 62.

Booth 146, 173

Bordeaux 99.

Borgese 98.

Börne 149.

Bosco 76.

Bourbon (Connetable) 83.

Bowler 103.

Brandenburg 36.

Brandenburgski 210.

Braun-Gizycki 58, 110, 131, 150,
152, 179.

Bre 27.

Brescia 76, 124.

Breslau 136.

Briand 113.

Brion 176.

Bromberg 97.

Brunetiere 99.

Brunner 194.

Brüssel 5, 79, 182.

Bücher 137, 146, 181.

Budin 113.

Bulwer (Edward Lytton) 68, 6g,
107.

Bulwer (Henry Lytton) ı41.

Bunge 165.

Burckhardt (Albrecht) 49.

Burckhardt (Jacob) x02.

Buret 80.

Burghardt Du Bois 159.

Burke 153, 186, 1ı89—192.

Butler 188.

Cabet 38, 152.

Cagliari 124.

Caillavet 99-

Calhoun 40, 160—162, 188, 198,

Carpzovius 126, 130.

Casale 96.

Casalini 174.

Caserta 124.

Casthcart 122,

Catania 124.

Catanzaro 124.

Celli 46.

Charles-Brun 39, 99, 147, 15x.

Charlottenburg 68.

Chaughi 58, 102, 209.

Cheysson 150.

Chiavari 96.

Chicago 99, 161

Chieti 124.

China 187.

Choderlos de Laclos 126.

Cipolla 5x.

Clermont-Ferrand 88,

Colajanni 6, 76, 79, 86, ıtz, 117.

Colbert 21.

Collet 20, 33, 67, 89, 151.

Colombi 174.

Colorado 48.

Como ı24.

Comte (Charles) 88.

Conger-Kaneko 165.

Conrad 54.

Contenson 150.

Cordatus 93.

Corre 155, 182.

Coutras 200.

Cremona 124.

Criserä 77.

Cuneo 124.

Dahn 86.

Dallwitz 23—25.

Dänemark, Dänen 119, 122, 126,
187, 209.

Darmstadt 81.

Daudet 99, 176.

Dehmel 186,

Delvan z53,

199.
Caltanissetta 124.
Campobasso ınl.
        <pb n="235" />
        222

Namensverzeichnis.
Del Vecchio 199. ;

Denis (Clöment) 103.

Denver 48, 202.

Descamps 35.

Deutschland, Deutsche 2, 6, 24
25, 3ı, 34, 36, 41, 5x, 52, 62,
68, 73, 76, 77, 79, 81, 86—88
93, 97, 98, 100—102, 109, 110,
173, ıı4, 118, 119, 126, 129,
i37, 150, 151, 158, 163, 166
168, 177, 180—183, 185, 188,
189, 192-—196, 199, 208, 209,
21%, 212, 217. ;

Devost 103,

Diderot 17, 18, 92, 133.

Dijon 188.

Dohm 27. ‘ ;

Doleris 113.

Dorn 102, 127, 133.

Douai 37.

Dowd 16x.

Dresden 3r, 175.

Dreyfus 120.

Driesmans 37.

Drysdale 23,

Du Camp 150, 1973, 176, 180.

Dufau ı, 2.

Dufour 92.

Dührßen 40, 113, 128, 152, 166
168,

Dunois 83.

Ehrenfels 17, 131.

Eichthal 150.

Eisenegger 65.

Elbe 149.

Ellis 38, ıh42, 179.

Ellwood 119,

Engel.67. x BO

England, Engländer 16, 19, 35,
38, 68, 73, 76, 98, 104, 107,
5190, 322, 123, .125,. 135, ı4r,
151, 153, 158, 170,181, .186,
189, 191, 19%, ara, 216, 2797.

Estaum6 99.
Europa, Europäer: 19, 71, 98,
103, a2, 184, 155, 200, 12097.
Evans 28, 198.
Fairchild 182.
Fantini 112.
Faussigny 96.
Ferrara 124.
Ferrara (Giovanni) 77.
Ferrero (G.) 98, 1r41, 143.
Ferri (Enrico) 5,
Fiaux 152, 169.
Filangieri 47.
Fink 129.
Finnland 187, 208,
Fiume ı24.
Flers 99.
Florenz, Florentiner 79, 91, 124.
Florian 5.
Foggia 124.
Fontana 77, 98.
Fontenoy 4.
Forbes 170.
Forli 124.
Fornaciari 174.
Fourier 16, 131.
Foville 13.
Franchi 129.
Franken 31ı, 94, 103.
Frankenstein 136, ı50, 152.
Frankfurt/Main 81, 110, 139,
171, 173, 175, 177, 1978.
Frankreich, Franzosen 4, 13,
ı4, 16, 21, 36, 38, 49-—52, 59,
60, 69, 72, 73, 75—77, 79—81,
88, 9ı, 92, 97—103, 107, 113,
118, 119, 128, x41, 150—1523.
155, 158, 171, x81—183, 188,
189, 191, 193—195, 199, 200,
208, 211. „3
Frazier 163.
Fregier 1, 60, 178.
Friedrich (Kaiserin) 158,
        <pb n="236" />
        Namensverzeichnis;

223

Frühauf 50,

Fuchs (Eduard) 147.
Galiam 53.

Gambarotta 27.

Garelli 148.

Garibaldi, Garibaldianer 188.
Garlanda 75, 184, 186.
Garnier 113...
Garofalo 5, 75.

Gautier 92.

Geißler 31.

Genovesi 15, 135.
Gent 189.

Genua, Genueser gı, 96, 124.
Gerando 148,
Germanen 159. ;
Gießen 81.

Gini 22.

Gioia 14, 52, 54, 169.
Girardin 128.
Girgenti. 124.
Goncourt (Edmond) 179, 191.
Gonnard 199.

Graham 201.

Grautoff 102.

Graz 96.

Grosseto ı24.

Groß 129...
Grotjahn 113, 114.
Grün 1331.
Grünbaum-Sachs 106.
Guerry 2, 5.
Gumplowicz (L.) 58.
Guradze 10.

Guzzini 59.

Haire 112.

Haiti 103.

Halbwachs 6.

Halle 160.

Hamburg ı47-
Hamnett 66, 144.
Hannover 85.
Hardenberg 25.

Hartlieb 75.

Haulleville 170.

Haussonville 150.

Hegar 132.

Hellpach (Ernst Gystrow) 38, 100,
101, 137, 138, 168..

Hermant 39.

Herrenschmidt 93.

Herron 62. ;

Hersch (L.) 8.

Hesse 40.

Hessen 133, 136, 144, 155.

Himmelstür 85. .

Hirsch 57.

Hirschberg 108, 176, 177.

Hirschfeld 67, 68.

Hofmann 156.

Hogg 181.

Holek 148.

Holland, Holländer 163, 208.

Homer 134.

Huret 170.

Imperia 124.

Inama-Sternegg
111.

Indiana 119.

Indien ı4.

Island 37.

[talien, Italiener 6, ı4, 19, 40.
45, 46, 50, 56, 6z, 69, 70, 73,
75—78, 8x, 86, 9ı—95,. 1097,
109, 11T, 117, 124, 130, 148;
158, 167, 172, 1274, 179, 182,
184, 188, 199, 208, 210, 211.

Janvier 103.

Japan, Japaner 134.

Jelinek 177.

Jena 81.

Jentsch 15r.

Jördensen: 108.

Jouy 73.

Juan de Austria 84. b

Juden 20, 44, 159, 170, 182, 208.
        <pb n="237" />
        224

Namensrverzeichnis.
Justi 175.

Kalabrien 77, 78, 183.
Kalifornien 11:8.
Kampffmeyer 179.
Kanada 119.

Kansas 119.

Kapff 21, 47, 48.
Karlsruhe 139, 180,
Kasten 10, 32, 85, g4, 110, 196

217.

Kauder 205,

Kaukasus 187.

Keller 89, 149.

Kempf 185,

Key 28.

Knapp 2, 6, 170,

Kolb 184.

Kolorado 119.
Königsberg 31.
Konstanz 137.
Kopenhagen 79, 122.
Korea 187.

Köslin 3x.

Kotschetkowa 29.
Krassikoff 210.
Kreischmann 188,
Kroaten 94.

Kronfeld 129.

Krylenko 210.

Kuhn 105,

Kürnberger 198.

Kurz go,
Labori 120.

Laboulaye 199.

Lacretelle 41.
Lamartine 43, 50, 51, 107, 168.
Lamothe. 49, 171.
Landmann (F.) 13a. ;
Landsberger 158.
Lange (Bürgermeister) 152,
Lange (F. A.) 52.
Lange (B.) 152.
Lanzillo 66.

Lautenbach 93,
Lecce ıa4.
Le Foyer 131.
Legoyt 26, 79, 164.
Leipzig 178.
Leixner 89, 152, 179.
Lenängrad 113.
Leroy-Beaulieu 149, 150.
Levasseur 80, 150.
Lewald 176.
Lexis 6, 7, 53, 55, 170, 175.
Leyret 36.
Lezius 81.
Lieber 198, 199.
Lindner 16, 49, 55, 63, 67.
Lindsey 28, 39, 48, 125, 197, 198.
200, 2023—304.
Liszt 166.
Livorno a4.
Locatelli 69.
Lombardei, Lombarden 9x, 92.
95.
Lombroso (Cesare) 4, 5, 14, 15, 141
143, 180, 192.
Lombroso-Carrara (Paola) 192.
Lomellino 96.
Lommatzsch 32.
London 19, 20, 23, 89, 145, 171
Lorenzoni 174.
Loria 6, 9, 189.
Lucca ıa24.
Ludwig Philipp von Frankreich 141.
Lugli 86,
Luther 93.
Luxemburg 208.
Luzzatti 6.
Lyon 58.
Macerata ı24.
Mac Lean 184.
Magenta 188.
Magrini 172.
Mailand 52, 95, 96, 124.
Maine 119.
        <pb n="238" />
        a8.

32,

17

71.

Namensverzeichnis.

2925

Malabar 14.

Malaien 134.

Malthus, Malthusianer, Neomalthu-
sianer 22, 25, 46, 62, 107, 111
bis 117.

Manci 77, 78.

Mandeville 48.

Mandschurei 187

Mangold 123, 164.

Mantua 124.

Manzini 16%.

Marburg 79, 8ı.

Marcuse 25, 80, 82, 111, 209.

Margotti 82, 171.

Margueritte (Paul) 99.

Margueritte (Victor) 28, 39, 41, 99,

Maria Theresia von Österreich 56.

Marot (Jean) 91.

Marx (Karl) 148.

Marx-Aveling (Edward and Eleanor)
58,

Maryland 160.

Masaryk 3, 73, 75.

Massa 124.

Massachusetts 197.

Massart’ 145. -

Mataja 105.

Maupassant 173, 188.

Mavor 37.

Mayr 23, 30.

Mecklenburg-Schwerin 10, Il.

Meisel-Heß 131.

Meisner 839g.

Mende 149.

Menger 177-

Mesnil 58.

Messedaglia 6, 13.

Messina 124, 192.

Meuter 181.

Michaud 207.

Michelet (J.) 92, 144, 150.

Michelin 88.

Michels 20, 40, 56, 58, 61, 80, 96.

Michels. Sittlichkeit in Ziffern,

101, 102, 124, 129, 733, 140,
147, 16x; 18%; 189, 290.

Mirbeau 176. ; ;

Mischler 31. .

Missouri 118,.110: 1. HH

Mitchell 197, 206.

Mittermaier (C. J. A.) :50, 56..

Mittermaier (G. W.) 126, :66,. 209.

Modena ı24.

Mohl 51, 54.

Moliere 72.

Moll 78, 140, 144.

Mombert 215, 216.

Mönkemöller .6g, ‚85.

Montaigne g0, 91.

Montana 118,

Montenegro 187.

Montesquieu 11.

Moore 198.

Moritz von Sachsen 4, 84.

Mortara 81.

Morus 37, 38.

Mosca 76, 98.

Möser 87. .

Mowrer 119, 198, 201, 206.

Muckermann 39, 40.

Mulatten 55, 160.

Mun 150. .

München 64, 137, 149, 180, 185,

München-Gladbach 184.

Musset 66.

Näcke 68. .

Napoleon I. von. Frankreich .128,
188, 195.

Neapel 65, ı24, 135, 144.

Necker 231, 22, 103. u

Neger 55, 155, 159—163, : 182,

. 208.

Neher 437, 180,

Neisser: 18, 166, 189.

Neumann 85, 177, 178.

New Orleans 188.

Niceforo 14, 30, 77, 78.
        <pb n="239" />
        226
Noack 152.

Nordamerika, Nordamerikaner
38—40, 48, 5x, 55, 59, 62, 73,
99, 100, 118-—122, 133, ı5g bis
163, 179, 182, 184, 186, 188,
195, 197—208.

Nord-Carolina ı60.

Norwegen 88, 119, 122, 177, 208.

Notari 145, 179.

Noyvara 124.

Nürnberg 102.

Oberpfalz 32.

Oder 149.

Dettingen 2, 10, 11, 50, 74, 1597,
158, 193.

Ogburn 198.

Ohio 118,

Oklahoma 118.

Olberg 15x.

Oldenberg 58, 173.

Oldenburg 109.

Oregon 118.

Orreil 36,

Oresmius 47.

Orleans (Gaston) 84.

Oslo ı22, 123,

Österreich 36, 56, 70, 76, 94, 95,
12%, 2314, 216, 219.

Ottolenghi 15.

Owen 58.

Pachmann 120.

Padua 6, 124.

Palermo 117, ı24.

Papa 77, 98.

Parent-Duchatelet 16, 48, 101, 141,
144, 145, x52, 179, 182.

Pareto A, 22.

Paris, Pariser a, 58, 79; 80, 87,
91, 100—102, 104—106,. 109
120, 136, ı46, 151, 158, 1973,
182, 187, 194, 195.

Parma ı26.

Passy ı50:

Namensverzeichnis,
Pavia 124.
Perugia 124.
Pesaro ı24.
Pfalz 32, 109.
Pfister 133, x34.
Philadelphia 159,
Philippe ı44. «
Philippinen 163.
Piacenza ıal.
Piccardi 156.
Piemont, Piemontesen gı, g5.
Pinardi 19.
Pisa ı24.
Pittsburg 40.
Pola 124.
Polen 94, 96, 97, 183.
Polo go.
Polynesien 134.
Pommern 31.
Pompadour 84.
Popp x50.
Portugal 169.
Posen 96.
Potenza 124.
Prag 96.
Preußen 23—25, 127, 156, 169,
175.
Prevost 99.
Prezzolini 60.
Pritzerbe 36.
Proudhon 60.
Provence 211.
Puech 103.
Quesnel 103.
Quessel 183.
Quetelet 4—8,
Quiülter 73,
Radbruch 209.
Radloff 193.
Rand 62,
Rathery gr.
Ravenna ıa88.
Reggio Calabria ı24.
        <pb n="240" />
        Namensverzeichnis.

2927

Reggio Emilia 124.

Rögnier 99.

Reißig 147.

Renda 77, 78.

Rentzsch 50.

Reuß ältere Linie 1775.

Reuter (Gabriele) 27.

Reybaud 2.

Rhein, Rheinland 54, 110, 148.
149, 169, 170.

Ribot 83.

Riehl 43, 176.

Robinson 153.

Rodbertus 11.

Roesle 113.

Rom, Römer 57, 75, 82, 91, 116.
124, 187.

Romagnosi 75.

Roman 161.

Romanen 163.

Römer 68.

Romier 2068.

Roscher a1, 47, 50, go, 110.

Rosny 28.

Rossi (Cardias) 5g.

Rossi (Pasquale) 78.

Rost 169.

Rouen 148.

Roussel 171.

Rovigo ı24.

Rubin 31, 33,

Rühle 84, 175.

Rumänien 94.

Rupp 165.

Ruspini 182.

Russell 159.

Rußland 97, 183, 187, 192, 200,
209, 210.

Ruthenen 94.

Rycköre 176.

Saalfeld 165.

Sachsen 31, 332, 94.

Sachsen (Herzog von) 137.

Saint-Elme 39, 133.

Saint-Simon 58.

Saleeby 19.

Salerno ı24.

Sardinien 74, 77, 95, 96.

Sarfattı 62, 182.

Sassarı 124.

Savorgnan 114—116.

Savoyen, Savoyarden 9ı, 95, 96.

Say 218.

Schallmeyer 36, 108.

Scheel 52.

Scheu 121.

Scheven 140.

Schiavi 19.

Schiff 214, 216.

Schlesinger-Eckstein 150.

Schmitz (Oscar) 102.

Schmölder 139g.

Schmoller 101, 102.

Schnapper-Arndt 20, 26, 27, 52, 35,
110, 138, 145, 179; 180

Schneider 31, 33, 146.

Schoene 194.

Schopenhauer 142.

Schott 13.

Schreiber 156.

Schröder 87, 89.

Schulenburg 102.

Schuschnigg 213.

Schwaben g4.

Schweden 28, .119, 166, 208.

Schweiz, Schweizer 8, 110, 123,
126, 164, 174, 208.

Seeberg 16, 39, 63, 157, 169.

Senegalneger 1b.

Shandha 140.

Shaw 28.

Sibirien 187.

Siebeck 6.

Siegfried 184.

Siena 124.

Siüberling 16.
        <pb n="241" />
        298

Namensverzeichnis.
Simmel 105, 129.
Simon (Helene) 58, ı3r. ;
Simon (Jules) 185,
Sinclair 207.
Sismondi 21, 54.
Sizilien 74, 78, 979, 14h, 183.
Skandinavien 200.
Skram 131.
Slawen 184, 208.
Slowenen 9%.
Smith 278.
Socci 188,
Solferino 188.
Sombart 159.
Sondrio 124.
Sorel 60,
Spanien, Spanier 76, 208.
Spann 15, 54, 81, 89, 93, 94, 965,
[I0, III, 171—1973, 1979.
Speich 83, 1974, 1978.
Spezia ıa4.
Spier 1097.
Stearns. 202.
Steiermark 95.
Stein 25.
Stettin 3r.
Stöcker 23, 28,
Stockholm 49.
Stope 135.
Storfer 65,
Stralsund 3r.
Streltzow 192.
Stuttgart 80, 81,136.
Südamerikaner ı6r.
Sudermann go.
Sue 151.
Susa 96.
Süßmilch x, 87, 108.
Syrakus 124. .
Tacoma Wash, 179.
Taine 397,
Tallon 105,
Talmeyr 106, 1832.

Tarallı 130.
Taranto ı24.
Tarde 53, 61.
Taunus 110.
Teramo 124.
Terradez 167.
Tessin 208.
Texas 118, ©
Thun 148.
Thüringen 31
Tirol 65, 94, 213, 214.
Tobler 88. ;
Tommasi 49.
Tönnies 6, 13, 83, 218.
Tortona 96.
Trapani 124.
Traumann 25, 27, 57, 129.
Treviso 124.
Trient 124.
Triest 124.
Tristan (Flora) 103.
Trollope 98,
U’schechoslowakei, Tschecho-
slowaken (Böhmen) 93, 94,
148, 166. ; ;
Tübingen 8o, 81.
Turgeon 99.
Turin ı4, 78, 96, x09, 116, 117,
124, 156, 192,
Turkestan 1897.
Udine 124.
Ugoni 186.
Ulster 170.
Ungarn 208.
Vandervelde 145.
Veblen 2097.
Vendöme 84.
Venedig, Venetianer,
56, 91, 95, 96, 124.
Vernieres 28, 69, 176.
Vöron 195.
Verona ın24.
Yörone 809.
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        Vezzani 62.

Viazzı 130.

Vicenza 124.

Viebig 176.
Villeneuve-Bargemont 50.
Villerme 148.

Villon gı.

Virgilii 6, 975.

Virginia 159.
Voechting 122, 123, 199.
Voghera 96.
Voigtland 108,

Voß (Heinrich) 93.
Walther v. d. Vogelweide go.
Wandt 189.

Wagner (Adolph) 6.
Wagner (C.) 36.
Weber (Adolf) 51.
Wells 125.

Wenden 93.
Westergaard 31, 33.
Westermarck go.

Namensverzeichnis,

229

Westfalen 110, 149.
Westpreußen 31.

White 162.

Wien 10, 79, 96, 175, 214—216,
Wiese 129, 196,
Wieth-Knudsen 123, 133—135, 189.
Wilbrandt 176.

Willy (Willy et Colette) 99.
Wirminghaus 217.

Wolter 93.

Wolzogen 27.

Wörishoffer 152,

Norms 10.

Nulffen 128.
Württemberg. So.
Wyoming 118.

Yves-Guyot 136, 140.

Zahn 212, 217.

Zara 124.

Zizek 2, 124.

Zug 164.

Zürich 82, 134.
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Krieg und Nachkrieg.

209

ıternahm es die Sowjetregierung, der Geschlechtsliebe bei
eichzeitiger Staatsfürsorge für die Nachkommenschaft die
ıtrag oder Scheidung).“ (Max Marcuse, Ehebruch, im „Handwörter-
ch der Sexualwissenschaft‘“, S. 105/106.)
„In einem Tatbestand ist der Amtliche Entwurf eines Allgemeinen
yutschen Strafgesetzbuchs 1925 fehlgegangen, das ist der des Ehebruchs,
280. Nicht als ob wir ihn beschönigen oder begünstigen wollten und sollten,
er zu glauben, daß man den Ehebruch durch die Strafe bekämpft, das
eine Torheit und Heuchelei. Was nützt denn hier eine Strafdrohung!
ir erfahren doch, daß wenige hundert Fälle im Jahre bestraft werden in
zyutschland und wissen, Hunderttausende, ja Millionen von Ehebrüchen
ırden im Jahr begangel, ohne daß man sich darum kümmert. Wer
ıl die, die bestraft werden? ‘Meistens Leute, die schon wegen anderer
:likte vorbestraft sind. Auf diesem Gebiet kann die Strafdrohung nichts
arichten, und es wäre daher töricht, sie beizubehalten. Für mich ist diese
‘age erledigt, ich kämpfe nicht mehr darum, ich überlasse das den Poli-
ern. Ich mache aber darauf aufmerksam, daß in Dänemark im Entwurf
.£ 1917 der Ehebruch aus den Tatbeständen gestrichen worden ist, und
ar sind besonders die Frauen dafür eingetreten. Bei uns sollte man auch,
e das 1922 durch Minister Radbruch geschehen ist, offen den Tatsachen
;chnung tragen, und diesen Tatbestand, der nichts anderes zur Folge hat
das Rachegefühl des verletzten Ehegatten zu stärken, beseitigen.‘
. W. Mittermaier, S. 7.) „Der Konkubinat ist zweifellos, wenn man ihn
Tatbestand faßt, ein Verstoß gegen die Sittlichkeit, aber er wird von den
ındesgesetzen nicht als solcher erfaßt, sondern er wird erfaßt als eine
5rung der öffentlichen Ordnung von der Polizei und als solche bestraft,
ıch dem Kriege haben einige Länder sich davon frei gemacht, und in
deren Ländern ist die Praxis auch freier, aber grundsätzlich besteht die
stimmung: der Konkubinat ist strafbar. Das ist dem Einfluß der Kirche
verdanken. Wenn wir das außereheliche Geschlechtsleben in gesunde
»rmen bringen wollen, so muß man zugeben, daß der Konkuübinat die
ündeste Form ist. Ihn zu bestrafen ist Heuchelei:“ (G. W. Mittermaier,
8.) „L’article 337 du Code penal est tellement' odieux qu'il est rare que
y juges osent l’appliquer. Ceci est un exemple, entre äutre, de la vanit#
ss r6formes. Il importe peu que les pires injustices soient inscrites dans le
ode, si le public y refuse son adh6sion, Les magistrats se garderont bien
» braver Vl'opinion en face. D’autre part, les röformes les’ plus humaines
xont lettre morte, si le public n’y tient la main. Ce’ m’est pas dans les
;tes d’une assemblöe que les lois trouvent leur appui ou leur 6cueil;’ mais
ıns le cerveau de la foule, C'est Iui qu'il faut reformer.“ (Rene Chaughi,
Immoralit&amp; du Mariage. Nouv. Ed. Paris 1904, „Les Temps Nouveaux“,
19.)
ichels. Sittlichkeit in Ziffern.

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