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        <title>Reparations-Sabotage durch die Weltwirtschaft</title>
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            <forname>Walter</forname>
            <surname>Mahlberg</surname>
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        Reparations-Sabotage
durch die
Weltwirtschaft

YÜla.

Dr. Walter Mahlberg
ord. Professor der Betriebswirtschaftslekre an deı
Universität Freiburg im Breisgau

Mit 15 Illustrationen

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G.A.GLOEFCKNER. VERLAGSBUCHHANDLUNG IN LEIPZIG
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        Reparations-Sabotage
durch die
Weltwirtschaft

“on

Dr. Walter Mahlberg
ord. Professor der Betriebswirtschaftslehre an der
Universität Freiburg im Breisgau

Mit 15 Illustrationen

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Q 2 8

G. A. GLOECKNER, VERLAGSBUCHHANDLUNG IN LEIPZIG
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        Alle Rechte sind vorbehalten 6
Copyright by G. A. Gloeckner, Verlagsbuchhandlung
in Leipzig

Bd

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*. Buchüdruck von Julius Klinkhardt in Leipzig.
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        Den fräjdade och i sann mening neutrale nationalekonomen
Professor Gustav Cassel, Stockholm,

tillägnar jag denna skrift, med en varm vädjan att träda inom
skrankorna för världshushällningens frihet!
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        Vorwort.
Wenn ich die nachstehende Untersuchung dem Professor Gustav Cassel,
Stockholm — in. schwedischer Sprache in Erinnerung an meine Lehrtätigkeit an der
Handels-Hochschule Göteborg — widme, so zeigt bereits der Wortlaut der Wid-
mung: „Dem weltberühmten und wahrhaft neutralen Nationalökonomen eigne ich
diese Schrift zu mit der warmen Bitte, für die Freiheit der Weltwirtschaft in die
Schranken zu treten‘, daß es sich um mehr als um einen Akt der Höflichkeit gegen-
über dem hervorragenden wirtschaftswissenschaftlichen Forscher handeln soll. Vor
aller Welt möge er vielmehr aufgerufen sein, um Stellung zu der Sabotage zu neh-
men, die der Mechanismus der Weltwirtschaft an dem Reparationsplan ausübt, und
ron da aus sein Wort dafür einzusetzen, daß die Weltzwangs wirtschaft der Repa-
rationen beseitigt wird.

Durch seine Untersuchungen hat sich Professor Cassel, wie kaum ein anderer
um die Erkenntnis der Reparationen verdient gemacht und wesentliche Seiten des
Problems herausgearbeitet, wie seine Veröffentlichungen im Januar-Bericht der
Amsterdam’schen Bank und im März-Bericht der Commerz- und Pri-
vatbank von neuem dargetan haben. Wenn ich in der nachfolgenden Untersuchung
die Erkenntnis vorgetrieben habe, so dürfte das auf zwei Gründen beruhen.

Professor Cassel betrachtet bei allem neutralen Denken die deutsche Repara-
tionsbelastung als eine politische Gegebenheit, auf die er die Universalität seines
ökonomischen Wissens und Erkennens anwendet. Mir, dem Deutschen, dagegen
handelt es sich bei der Schicksalsfrage unseres Volkes keineswegs um eine ge-
gebene Voraussetzung, viel eher liegt meinem Denken nahe, daß -— right or
wrong — Deutschland unter keinen Umständen die ungeheuerlichen Reparations-
lasten zahlen soll. Es ist klar, daß mein parteiischer Blick Schwächen des Repara-
lonsplans schärfer sehen mußte.

Dazu kommt, daß ich mich seit fast zwei Jahrzehnten den Problemen des
internationalen Zahlungsverkehrs als Spezialist hingegeben habe und daß ich als
Betriebswirtschaftler gewohnt und in der Lage bin, mir die Welt und die
Totalität ihrer Wirtschaft in Hauptbüchern, Inventuren und Kalkulationen vorzu-
stellen und dabei — in der Kernfrage des Kapitalbegriffs — zwischen Finanzierung
und Rentabilität zu unterscheiden. Solche Betrachtung erlaubt, schwierige Zu-
sammenhänge exakt zu erfassen und exakt miteinander in Verbindung zu bringen,
sodaß notwendigerweise eine größere Klarheit entsteht, als sie ohne das technische
Rüstzeug der Wirtschaftsrechnungen möglich ist. Das zeigt besonders deutlich
die Illustration 13—15 dieser Abhandlung: Wie der Ingenieur komplizierte tech-
nische Zusammenhänge, z. B. von Werkzeugmaschinen, nur durch die Symbole
und die Sprache seiner Zeichnungen zu beherrschen vermag, so kann z, B. die kom-
plizierte Frage der exotisch hohen Zinsen für Auslandskredite ohne Benutzung der
Exaktheit betriebswissenschaftlicher Symbole kaum noch richtig gedacht werden.
Durch die Anwendung solcher technischer Hilfsmittel zur Erkenntnis wirtschaftlicher
Zusammenhänge kommt die nachstehende Untersuchung zu folgenden Ergebnissen:

1. Die Devisenbarzahlung ist eine Fiktion, und auch die scheinbar effektive
Tributleistung der Sachlieferungen ist volkswirtschaftlich eine Augentäuschung;
        <pb n="11" />
        v3

Vorwort.
gezahlt — wie sich privatwirtschaftliche Vorstellung das Zahlen denkt — wird
nichts; Außenhandel und internationale Finanzierung liegen durch die Eigentüm-
lichkeiten des Kapitalbegriffs auf völlig verschiedenen Ebenen.

2. Die Reparationen bedeuten Weltzwangswirtschaft mit allen störenden Neben-
erscheinungen einer durch Zwang dirigierten Wirtschaft; die schädlichen Folgen
treffen die Entente-Staaten und die Neutralen’ stärker als Deutschland.

3. Die Reparationen sind eine Mystifikation der Bevölkerung der Siegerstaaten;
nicht die breite‘ Masse der französischen, englischen, belgischen usw. Bevölkerung,
die nur die störenden zwangswirtschaftlichen Folgen zu tragen hat, kommt in den
formellen Genuß der deutschen Reparationszahlungen, sondern nur derjenige,
welcher „Kapitalist‘““ ist, kann in den Besitz der dem Ausland in Deutschland er-
wachsenden Kapitalrechte gelangen. Nur die kleine Schar von „Kapitalisten‘‘ ist
Reparationsempfänger, und auch sie wird letzten Endes mystifiziert.

4. Die wirtschaftliche Folge des Dawesplans besteht darin, daß Deutschland
durch die fiktiven „Zahlungen“ und in Wahrheit durch die Zwangssparkasse des
Reparationsagenten mit einem ständig wachsenden, modern eingerichteten Produk-
tionsapparat gegen den Willen des Auslands und, ohne daß das Ausland es ver-
hindern kann, ausgestattet wird; seine Wirtschaftskraft in der Welt wird dadurch
stark zu seinen Gunsten verlagert, und man darf die Formel wagen, daß mit
jedem Tag Fortdauer der Reparations-Zahlungen“ wir es sind, welche den Welt.
krieg noch nachträglich auf wirtschaftlichem Gebiete gewinnen.

5. Wie jener, der.reich werden wollte, seine Seele mit Herzblut dem Teufel
verschreiben mußte, so kostet der für uns arbeitende Spartopf des Reparationsagen-
ten unsere Kultur, denn. erkauft wird unsere steigende Wirtschaftskraft mit einer
fortschreitenden Überfremdung; bei 21/2 Milliarden Mark Jahreszahlung wird täglich
das materielle Eigentumsrecht an 6,8 Millionen Mark deutscher Anlagen und Ein-
richtungen in das Eigentum ausländischer Herren überführt. Die Überfremdung
nutzt weder den fremden. Kapitalisten noch der breiten Masse der ausländischen
Bevölkerung etwas, wohl aber leidet unsere Kultur dabei Schaden.

Hier ist der Punkt, wo zugleich an den Gerechtigkeitssinn von Professor
Cassel appelliert werden darf, dem als Schweden sein Volkstum über alles geht.
Er stelle sich vor, daß sein schönes Schwedenland mit seiner alten Volkskultur
in ungeheuerem Umfang von internationalen Kapitalisten durchsetzt werde, und
[rage sich, ob solche Folge, welche die einzige wirkliche Folge ist, noch irgend-
sine Beziehung zu dem „Gedanken der Wiedergutmachung‘ der durch den Krieg
entstandenen Schäden hat.

Cassel hat in dem Bericht der Amsterdam’schen Bank Sir Josiah Stamp
als einen der Urheber des Dawesplans auf dessen autoritative Interpretation fest-
gelegt, daß der Reparationsagent nach dem Plan nicht berechtigt sei, die Trans-
ferierung auf die Dauer mit Auslandsanleihen durchzuführen; unsere Untersuchung
beweist, daß eine andere „Zahlung“ als die der Überfremdung, also Transferierung
mit Auslandsanleihen überhaupt nicht in Frage kommt; man darf hoffen, daß auch
aus diesem Grunde Cassel seine Stimme für die Befreiung der Welt von dem
ökonomisch verfehlten Zwang erheben wird.

Im übrigen ist der materielle Inhalt der Reparatiomen ein
Zinskampf zwischen uns und der Entente, zu diesem Kampf auf
zurufen ist der unmittelbare Zweck dieser Schrift!
{m Juni 1928.
Der Verfasser.
        <pb n="12" />
        Inhaltsverzeichnis.
Seite
Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden und der
Denkfebler der Ausgleichsnotwendigkeit ...

a, Die innere Unmöglichkeit des Ausgleichs ........

b. Der Ausgleichsmechanismus des Devisenmarkts (internationales Zahlungs-
Clearing)... 44 4% 8 + % + + HEHE RE NE KM EN RN
Das Phänomen der Konsolidierung von Zahlungsbilanzsalden aus privat-
wirtschaftlichem Egoismus, ‚0. 000.000.01. 21
x) Die Rückwirkung von Wechselkursveränderungen . 21
$) Die Anspannung der internationalen Kreditkreierung. ........ 26
y) Die ausgleichende Wirkung der „großen“ Devisenspekulation .... 30
3) Die Wirkung der „kleinen“ Devisenspekulation ,.......... 34

1 Die Besonderheit des durch Tributzahlung entstehenden Saldos unserer
Zahlungsbilanz .....

2. Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der
Weltwirtschaft .......... 16

a. Der Bartransfer eine Fiktion. 46

b. Die Reparationssummen als Kapitalbildung zu Gunsten Deutschlands . 54

ec. Die weltwirtschaftliche Natur der Sachlieferungen ......... 50

4. Das Problem der inneren Aufbringung der Reparationssummen .... 65

8. Die störende Wirkung der Reparationen für die Empfangsländer .... 69

° Weltwirtschaftliche Grundlagen einer deutschen Reparationspolitik .. 88

3. Schlußfolgerungen für die Orranisation des Geld- und Kapitalmarkts 105

ae
        <pb n="13" />
        <pb n="14" />
        i. Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanz-
Salden und der Denkfehler der Ausgleichsnotwendigkeit.
a) Die innere Unmöglichkeit des Ausgleichs.
Um die innere Unmöglichkeit des Ausgleichs von größeren Zahlungsbilahnz-
Salden zu erkennen, betrachten wir zunächst das Wesen der sogenannten Devisen
bzw. Devisenzahlungen. Devisen sind Auslandsguthaben, Forderungsrechte auf das
Ausland in irgendeiner Form und meist auf ausländische Währung lautend. Devisen
im engeren, etwa börsentechnischen Sinne lauten stets auf fremde Währung,
während es für unsere Betrachtung unwesentlich ist, ob Forderungen, über die
Deutschland verfügt, auf Mark oder Pfund, Dollar, Gulden usw. lauten. Die Forde-
rungen an das Ausland können auftreten in der Form von Buchforderungen
irgendwelcher Art und mobilisierten Forderungen in der Form von Schecks, Wech-
seln, ausländischen Münzen („Sorten‘‘), Noten, Zinsscheinen, Obligationen und
Aktien. Den Forderungen an das Ausland stehen Schulden gegenüber, zu deren Aus-
gleichung die vorstehend genannten Buchforderungen, Zahlungsmittel und Kapital-
titres benutzt werden können,

Wohl das wichtigste internationale Ausgleichsmittel ist heute die briefliche
oder telegraphische Auszahlung. Sie besteht darin, daß der inländische Gläubiger
einer ausländischen Buchforderung seine Forderung an einen Käufer im In-
oder Auslande verkauft und dabei den ausländischen Schuldner brieflich oder
telegraphisch anweist, die Schuldsumme an die vom Käufer aufzugebende Adresse
im Auslande zu bezahlen. International gesehen besteht sie also darin, daß im In-
lande die Forderung an das Ausland von einer Hand in die andere gegen Zahlung
von Landesgeld übergeht und daß gleichzeitig im Auslande an die Stelle des bis-
herigen Schuldners durch dessen Zahlung in dem betreffenden ausländischen
Landesgeld eine andere Person tritt, die nunmehr ihrerseits Schuldner ist oder für
irgendwelche Leistungen bzw. Ansprüche auf diese Weise bezahlt wird. Selbst-
redend ist es auch möglich, daß zufällig der Käufer der Auszahlung die gekaufte
Summe bei dem Schuldner des Verkäufers stehen 1äßt, sodaß sie ihm nur zur Ver-
fügung gestellt wird, sei es zur Guthabenbildung oder sei es ZUr Schuldab-
deckung, und mithin eine Zahlung an einen Dritten im Auslande nicht stattfindet.
Denkbar und besonders wichtig ist auch der Fall, daß der Verkäufer einer Aus-
zahlung bisher kein Guthaben im Auslande besitzt, sondern daß er sich von seinem
ausländischen Geschäftsfreund einen Kredit einräumen Jäßt, aufgrund dessen er dann
Auszahlungen verkauft. Zusammengefaßt kann man vielleicht sagen, daß die
Auszahlungen des internationalen Verkehrs die Fortsetzung des inländischen har-
geldlosen Zahlungsverkehrs ins Ausland sind.

Mahlberg, Reparations-Sabotage.
        <pb n="15" />
        Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden.

Gemünztes oder ungemünztes Gold kann zur Schuldausgleichung international
deshalb bequem benutzt werden, weil es fast überall Währungsmetall ist. Seine
hohen Versendungskosten und Zinsverluste während der Transportdauer wiegen
diesen Vorteil meistens auf, Außerdem steht es regelmäßig nicht in genügend
großer Menge zur Verfügung, weil es als Notendeckung im Inlande gebraucht wird,
sodaß trotz Goldwährungen das Gold nicht das „große Geld‘ im internationalen
Verkehr ist. Auch Sorten, Noten, Zinsscheine, Kreditbriefe, der Postanweisungs-,
Postscheck- und Postgiroverkehr mit dem Auslande treten an Bedeutung zurück.
Das „große Geld‘ des internationalen Zahlungsverkehrs sind Schecks, Wechsel
und Auszahlungen auf international bekannte Adressen lautend. Die Wechsel, wie
sie primär aus dem internationalen Warenverkehr entstehen, nehmen vielfach eine
Zwischenstellung ein, indem sie den Banken zur Bildung von Guthaben bei aus-
ländischen Banken dienen, aufgrund deren die vorstehend genannten Zahlungs-
mittel des großen internationalen Verkehrs erstellt werden. In den Inflations-
perioden der einzelnen Länder. und überhaupt in der Kriegs- und Nachkriegszeit
spielte die Goldbarzahlung eine größere Rolle, sodaß bekanntlich riesige Gold-
vorräte in den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika sich anhäuften,

Um das Wesen des internationalen Zahlungsverkehrs zu erkennen, sei von den
Zahlen des deutschen Außenhandels für das Jahr 1913/14 mit Mark 10 Milliarden
Ausfuhr und 12 Milliarden Einfuhr ausgegangen. Dadurch werden der Argumen-
tation normale Wirtschaftsverhältnisse unterlegt, damit nicht der Gedanke ent-
steht, als ob die Ergebnisse unserer Beweisführung auf die besonderen Verhältnisse
der Nachkriegszeit zurückzuführen Wären, Andererseits gewinnt daraus der Leser
die Sicherheit, das Wesen der diesbezüglichen Nachkriegsverhältnissel) zu er-
kennen. In Wirklichkeit kommen die Zahlen der SOgenannten Zahlungsbilanz
in Frage, welche über die Summen des Ayßenhandels hinaus sonstige Schuld-
verhältnisse von Land zu Land mit berücksichtigt. Ständen ihre Zahlen exakt
zur Verfügung, SO könnten in der nachstehenden Darlegung ihre Debet- und
Kreditziffern statt der Summen des Außenhandels eingesetzt werden, ohne daß sich
dadurch die Argumentation im Grundsatz änderte,

Durch die Exporte entstanden in einem Jahr für 10 Milliarden Mark Gut-
haben und durch den Import für 12 Milliarden Mark Schulden im Auslande für
Rechnung Deutschlands. Von dem zu Anfang des Jahres zu Gunsten oder zu
Lasten Deutschlands bestehenden Saldo wird einstweilen im Interesse der Dis-
kussionserleichterung abgesehen; seine Bedeutung ergibt sich durch die Spätere Dar-
legung von selbst. Es wird also angenommen, daß das Jahr ohne Saldo beginnt. Der
Ausgleich der durch den Außenhandel entstehenden Schuldverhältnisse kann rein
theoretisch SO vor sich gehen, daß der Export für 10 Milliarden Mark Tratten auf
seine ausländischen Käufer zieht, diese an die deutschen Importeure verkauft,
Welche damit ihre Lieferanten im Auslande bis auf einen Rest von 2 Milliarden
Mark bezahlen. Diese Lieferanten sind die Exporteure des Auslandes, welche die
Tratten hei den bezogenen ausländischen Importeuren zur Zahlung vorlegen. Die
Wirkung des Zahlungsausgleichs besteht also darin. daß im
Inland der Export beim Import einkassiert
1) Vergleichsweise beläuft sich der deutsche Außenhandel der neueren Zeit auf
Einfuhr Ausfuhr . Schuld per Saldo
1925 12,3 8,8 83,5 Milliarden Mark
1926 9,9 9,8 0.1
        <pb n="16" />
        „Die innere Unmöglichkeit des Ausgleichs. : -
und daß dadurch zugleich im .
Ausland der Export beim Import einkässiert,

sodaß volkswirtschaftlich der Export hüben und drüben vom Import bezahlt wird.
Geld oder sonstige eigentliche Zahlungsmittel gehen dabei nicht über die Grenze. Es
ist streng genommen überhaupt kein Zahlungsvorgang über die Landesgrenze
hinaus, etwa im Sinne der naiven Vorstellung „Geld — Ware — Geld‘, sondern
die durch die Exporte im Auslande distribuierten Leistungen deutscher Betriebe
werden bezahlt aus den Erlösen, welche unsere Importeure aus der Distribution
ausländischer Leistungen in Deutschland erzielen. Genau derselbe Tausch hei-
mischer gegen fremde Leistungen spielt sich im Auslande ab. Die damit verbun-
denen Devisen-Zahlungsvorgänge sind mithin letzten Endes nur Verrechnungs-
vorgänge. Materiell betrachtet wird ein Teil der deutschen Produktion — offenbar
aus der Zweckmäßigkeit internationaler Arbeitsteilung — ersetzt durch aus-
ländische Produkte in ähnlichem Wertbetrag, sodaß der Kreislauf der Inlandswirt-
schaft dadurch keine quantitative Veränderung erfährt.

Die Vorstellung vom Kreislauf der Inlandswirtschaft ist ‚eine national-wirt-
schaftliche und gründet sich im wesentlichen auf Dinge, welche bei wirtsch aft-
licher Betrachtung „Äußerlichkeiten und Zufälligkeiten‘“ sind, wie Grenzpfähle
in den Landesfarben, Zollstatistiken, Sonderbesteuerung ausländischer Leistungen
(sogenannter Zölle), Gewichts- und Feinheitsdifferenzen der Goldmünzen,  Rechts-
unterschiede und ähnliches, Es sind Dinge, die z. T. auch in der „einheit-
lichen Volkswirtschaft‘ Deutschlands noch vorhanden, z, T. erst vor wenig
Jahrzehnten dort verschwunden sind. Die Vorstellung schreibt von der der völlig
unbekannten und unübersehbaren Größe des inländischen Kreislaufs den Export
ab und den Import zu. Im Gegensatz hierzu muß weltwirtschaftliche Vorstellung
im Import und Export lediglich die Anschweißstellen der Länder zu einer
einheitlichen Weltwirtschaft sehen, die soviel oder so wenig einheitlich ist. wie
Ostpreußen und Bayern eine wirtschaftliche Einheit bilden.

Das zeigt sich besonders deutlich, wenn wir nun zu den noch nicht ausge-
glichenen 2 Milliarden Mark zurückkehren.

Die restlichen 2 Milliarden Mark könnten in der Weise bezahlt werden,
daß die ausländischen Lieferanten Tratten über diesen Betrag auf unsere Importeure
ausstellen und die Tratten an Banken des Auslandes als Devisen verkaufen.
Die Auslandsbanken übersenden die Wechsel zur Gutschrift an deutsche Banken,
bei denen sie von den deutschen Importeuren in Landeswährung eingelöst werden.
Auf diese Weise hätten unsere Importeure privatwirtschaftlich und juristisch
ihre Schulden bezahlt. Volkswirtschaftlich besteht das Schuldverhältnis weiter,
nur die Personen haben gewechselt, an die Stelle der Importeure und Exporteure
sind jetzt hüben und drüben Banken getreten, sodaß die deutsche Bankwirtschaft
insgesamt eine Schuld von 2 Milliarden Mark an ausländische Geschäftsfreunde
hat. Nach der Voraussetzung bestand zu Beginn des Jahres kein Saldo, sodaß die
Inlandsbanken nicht irgendwo Devisen kaufen können, um ihre Schuld zu bezahlen.
Höchstens können die Schuldverhältnisse abermals die Personen wechseln, indem
z. B. die inländische Bank A sich im Ausland einen Kredit eröffnen läßt und
Ziehungen auf diesen Kredit an die inländische Bank B verkauft, welche bisher
eine Schuld im Ausland hatte und dieselbe mit dieser Ziehung bezahlt, Die deutsche
Verschuldung von 2 Milliarden Mark wird durch solche Vorgänge, auch wenn sie
tausendmal wiederholt werden, nicht verändert. Dies ist in etwa die heutige Situa-
tion Europas gegenüber den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika.
        <pb n="17" />
        Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden.

‘Um uns Klarheit darüber zu Verschaffen, ob und wie die Restschuld aus-
geglichen werden kann, seien sämtliche Zahlungsverfahren, welche privatwirtschaft-
lich dem Einzelnen zur Verfügung stehen, der Reihe nach durchgesprochen, wobei
wir nicht nur an die obigen 2 Milliarden Mark sondern gleichzeitig ein wenig an
die riesigen Milliardenbeträge denken wollen, welche von uns als sogenannte
Reparationen gezahlt werden sollen.

Der Ausgleich könnte erfolgen, indem wir Gold oder Goldstücke ins Ausland
exportieren; da es seinen Wert in sich trägt, wäre es effektive Zahlung und! Aus-
gleich, aber praktisch hat das Gold nie in solchem Umfange eine Rolle gespielt
— abgesehen von den Kriegsstörungen —, und vollends kommt es für das Ausmaß
der Reparationszahlungen nicht in Frage,

Die als Nächstliegend in Frage kommenden Ausgleichsmittel des Devisen-
Ankaufs, der Auszahlung, des Postscheck- und Überweisungsverkehrs usw. können
nicht benutzt werden, da sie nur Umbuchungen darstellen, aber keinen Ausgleich
herbeiführen, oder nur aufgrund von Guthaben wirksam werden, und solche
Guthaben nach der Voraussetzung nicht zur Verfügung stehen.

Würden die deutschen Banken ihre Auslandsschulden mit Reichsbanknoten
bezahlen, so. wäre zwar privatwirtschaftlich und juristisch Zahlung erfolgt, aber
materiell wäre auch das nur Schuldübergang, indem an Stelle der privaten deut,
schen Banken die Reichsbank als Schuldner treten würde.

Das Verschuldungsverhältnis bleibt auch dann bestehen, wenn zur Zahlung
deutsche Aktien, Obligationen. oder sonstige Wertpapiere exportiert werden; an die
Stelle der Banken als Schuldner treten dann die betreffenden Aktien-Gesellschaften,
Obligationsschuldner usw,

Ein endgültiges Ausgleichsmittel sind dagegen ausländische Wertpapiere,
„Valutapapiere‘“ und deren Zinscoupons; sie bedeuten dasselbe wie aufgrund von
Exporten gezogene Devisen; nach der Voraussetzung und in Ansehung unserer
Reparationsverpflichtungen stehen sie jedoch nicht zur Verfügung.

Endlich könnte man für die 2 Milliarden Mark eine „Valuta-Anleihe‘“ im Aus-
land aufnehmen, was langfristige Konsolidierung der Schuld und jährliches An-
wachsen der Schuldsumme durch die Zinsen bedeutet; die Schuld selbst aber wird
nicht ausgeglichen, sondern besteht weiter.

Auf derselben Linie liegt der Erwerb vom stehenden Eigentum durch Ausländer
in Deutschland, die hypothekarische Beleihung von deutschen Grundstücken, Ge-
bäuden und Schiffen durch Ausländer und der bereits vorhin genannte Export
von deutschen Wertpapieren: die Schuld geht von den Banken auf andere inlän-
dische Schuldner über, und Jährlich sind Zinsen zu zahlen,

Im ganzen zeigt sich also nach unserer Voraussetzung und für die Repara-
tionsverhältnisse die absolute Unmöglichkeit, den Schuldsaldo anders als durch
vermehrten Export von Waren oder Dienstleistungen tatsächlich zum Ausgleich zu
bringen. Die nach unserer Voraussetzung aus Importüberschuß nach Deutschland
gelangten 2 Milliarden, Mark ausländisches Kapital müssen also so lang bei uns
stehen bleiben, als kein effektiver Ausgleich erfolgt. Zusammengefaßt können wir
Tormulieren:

1. privatwirtschaftliche und volkswirtschaftliche Ausgleichung internationaler
Schuldverhältnisse sind zwei verschiedene Dinge; .

2. es ist zu unterscheiden zwischen volkswirtschaftlicher endgültiger Ausglei-
chung von Schuldsalden (Export von Waren, Dienstleistungen, Valutapapieren,
Gold) und volkswirtschaftlicher Konsolidierung zu langfristigen Kontrakten (durch
Emission deutscher Wertpapiere ins Ausland, Teil- oder Totalüberfremdung von
        <pb n="18" />
        Die innere Unmöglichkeit des Ausgleichs.

5
stehendem Eigentum an das Ausland, Export bereits kreierter deutscher Wert-
papiere). Die Konsolidierung ist natürlich relativ, da sowohl die im Inland
wie die im Ausland emittierten Wertpapiere durch privatwirtschaftliche Geschäfte
nach Deutschland zurückströmen, Hypotheken gekündigt, Grundstücke usw. ab-
gestoßen werden können. Es ist

8. nochmals scharf zu betonen, daß alle papierenen Mittel, wie Schecks,
Zahlungsanweisungen, Wechsel, Wertpapiere — abgesehen von Valutapapieren —,
also kurz alles was seinen Wert nicht wie Waren, Dienstleistungen und Gold effektiv
in sich trägt, lediglich äußere Erscheinung der internationalen Verrechnung
und kein wirkliches Ausgleichsmittel sind.
        <pb n="19" />
        b). Der Ausgleichsmechanismus des Devisenmarkts (internationales
Zahlungselearing).

Weitere Klarheit gewinnen wir durch eine Betrachtung des internationalen
Zahlungs-Großverkehrs. Praktisch erfolgt der Ausgleich von Export und Import nicht
so, daß nur für 10 plus 2 Milliarden Mark Ziehungen ausgestellt werden. Es wird
vielmehr beiderseitig „trassiert‘“, d. h. für unsere 10 Milliarden Mark Export ent-
stehen Wechsel und sonstige Zahlungsanweisungen, und ebenso tätigen die aus-
ländischen Exporteure auf uns aufgrund unserer Importe für 12 Milliarden Mark
Ziehungen von Wechseln usw., so daß insgesamt hüben und drüben ein Devisen-
material von 22 Milliarden Mark zunächst entsteht. Das beruht:

1. auf betriebswirtschaftlicher Verkehrsgewohnheit, indem fällige Fakturen-
beträgs durch Ausschreibung von Tratten „entnommen“, trassiert werden. Für
sehr viele, wenn nicht für die meisten Branchen ist es gleichgültig, ob der be-
zogene Schuldner im Inland oder Ausland sitzt, die Bank übernimmt die Wechsel
unterschiedslos, deutsche zum entsprechenden Diskont, ausländische zum ent-
sprechenden „Kurs“, Für den Warenhandel kommt die theoretische Möglich-
keit meist gar nicht in Frage, ausländische Guthaben aus Warenlieferungen durch
„Rimessen‘“ herein zu holen, also den ausländischen Schuldner zu veranlassen,
Wechsel oder Schecks auf Deutschland zu kaufen und als Zahlung zu remittieren.
Genau gleiche Verhältnisse gelten vom Ausland nach hier. Ausnahmen sind natür-
lich gegeben. Im Großverkehr der Welthandelsartikel und im Verkehr unter nicht
genügend übersehbaren Kreditverhältnissen kommt hinzu die Ersetzung der relativ
unbekannten Adressen der Warenkäufer und -verkäufer durch die relativ bekann-
teren Adressen des internationalen Bankverkehrs (das Remboursgeschäft der
Banken).

2. elta ist das Inkasso durch Tratten zwingende Branchen-Usance, so-
daß es dadurch nicht zur Remittierung kommt. ;

3. Der Zug-um-Zug-Charakter des internationalen Warengroßverkehrs bedingt
die sogenannte dokumentierte Tratte —. d. i. die internationale Parallele zur Post-
oder Eisenbahnnachnahme im Inlandsverkehr —, die folglich sowohl von unseren
wie von den ausländischen Exporteuren ausgestellt wird, sodaß im ganzen, wie
schon gesagt, praktisch nicht für 12 sondern für 22 Milliarden Mark Tratten,
Akzepte, Schecks und sonstige Ausschreibungen mindestens entstehen. Dazu kom-
men Zahlungen für Frachten, Zinsen, Gebühren, eingeräumte Kredite, Effekten-
verkäufe usw.

Damit ist jedoch der Umfang des Devisenverkehrs noch nicht umrissen,
das Devisenmaterial erfährt eine abermalige außerordentliche Vergrößerung durch
folgende Verkehrsgewohnheit der Banken, Bei unseren Banken fließen die meisten
der im Inland ausgestellten Devisen zusammen und werden von ihnen an aus-
Jändische befreundete Banken zur Gutschrift remittiert. Verkauft eine inländische
Bank für sie überschüssige Valuta-Beträge im Inland, so gibt sie fast nie oder nur
selten die von ihrer Kundschaft einlaufenden Originale, Wechsel usw., sondern
statt dessen „eigene Ausschreibungen“ (Schecks, Auszahlungen, Tratten) ab, weil
die einlangenden Originale und die von den Käufern verlangten Abschnitte be-
züglich Fälligkeit und Betrag höchstens zufällig zu einander passen, und ferner
die Bank die aus den Originalen sich ergebenden Geschäftsbeziehungen nicht preis-
        <pb n="20" />
        Der Ausgleichsmechanismus des Devisenmarkts (internationales Zahlungs-Clearing) 7
geben will. Anders natürlich bei einlangenden Abschnitten, die bereits für die
Bank neutrale Ausschreibungen sind, die sogenannten börsenfähigen Devisen.
Durch diese Verkehrsgewohnheit entsteht eine weitere Vermehrung des Devisen-
umlaufs, die Höhe des Schuldsaldos unserer Voraussetzung aber wird dadurch weder
kleiner noch größer,

Die Organisation des internationalen Zahlungsverkehrs ist praktisch ein Clea-
ringverkehr der Banken von Land zu Land. Seine unterste Stufe ist die Devisen-
Verrechnung der Großbanken „in sich‘. Die Banken sind die Annahme-
stellen für die Tratten unserer Exporteure, durch Übersendung derselben an aus-
ländische Banken entstehen ihnen Guthaben im Auslande, Gleichzeitig sind
die Banken Inkassobeauftragte des Auslandes; die Tratten der ausländischen Ex-
porteure (d. i. unser Import) gelangen über die ausländischen Banken an unsere
Großbanken zwecks Inkasso, wodurch für letztere Schulden an das Ausland
entstehen. Schulden und Guthaben im Auslande verrechnet jede Bank nach Mög-
lichkeit „in sich“, weil dies in der Regel das wirtschaftlichste Verfahren für sie
darstellt, bei dem sie am besten fährt. Schematisch stellt sich dieser Teil des
internationalen Clearingverkehrs folgendermaßen dart):
Illustration 1
Clearing der internationalen Zahlungen durch Verrechnung der
Banken in sich.

Importeur

Frankreich

Exporteut

!
[

Bank
(

Ausgleich in sich

Zeichenerklärung:

Deutschland
a

Importeur

Exporteur

Bank
&gt;
I
Ausgleich in sich

Weg der Ware .
Weg der Zahlungsanweisung
Weg der Zahlung

1) Siehe hierzu auch die schematische Darstellung der Verrechnung im englisch-indischen
Verkehr zwischen Banken, Exporteuren und Importeuren einerseits und Indian Council in
London und Staatskassen in Indien andererseits bei Mahlberg, Über asiatische Wechsel-
kurse. 2. Aufl. Verlag G. A. Gloeckner, Leipzig. 1920.
        <pb n="21" />
        A

Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden.
Die zweite Stufe der internationalen Verrechnung besteht darin, daß die Ban-
ken als „Ausgleichsstellen in sich“ ihre unausgeglichenen Salden untereinander
zum Ausgleich bringen, Beispielsweise könnte das Hauptbuch der Deutschen Bank
Berlin (incl. aller Filialen) am 23. 2. 28 mittags 12 Uhr folgenden. Stand bezüg-
lich Forderungen und Schulden in französischen Franken, holländischen Gulden,
0.S.A.-Dollars usw. haben1):

Illustration 2
Hauptbuch der Deutschen Bank.
Stand ihres Devisen-Engagements am 16. X. 1927.
il. französische Franken:
Credit Laender- B. auxiliaire
Lyonnais _ bank Paris ..:.Bank |]
TE ITTE m —

Bank

„.., Bank

Bunge &amp; Co.

frs-Wechsel-
Portefeuille
*-

"N

irs-Engagement
am 16. X.

USW.
2. holländische Gulden:
Niederl. R’damer
Bank Bank

A’dam

Bank

hfl-Engagement
am 16. X.

SW.
-Engagement
am 16.X.
3. U.S. A. Dollar:
dito

4, USW.
1) Tatsächlich machen die Banken, um für ihre Devisenoperationen sicheren Boden unter
den Füßen Zu haben, solche Aufstellungen, natürlich in zahlenmäßiger Form, die während
der Börsenzeit durch Zu- und Abschreibungen auf dem Stand der betreffenden Minute
gehalten werden; näheres siehe Eichhorn, Die Devisenabteilung einer belgischen Groß-
bank, Zeitschrift für Handelswissenschaftliche Forschung, Bd. IV, S. 441 u. 457. Verlag
G. A. Gloeckner, Leipzig 1909/10.
        <pb n="22" />
        Der Ausgleichsmechanismus des Devisenmarkts (internationales Zahlungs-Clearing) 9

Man sieht aus obiger Aufstellung, daß es für die Banken das Natürlichste ist,
ihre Soll-Engagements gegen ihre Haben-Engagements aufzurechnen, ihre Schulden
Jurch die hereinkommenden Devisen und Gutschriften zu decken, sodaß z. B. für
den „durchlaufenden Betrag‘, also die Summen, die links und rechts gleich hoch
sind, kein Valutarisiko besteht.

Soweit die Verrechnung in sich nicht zum Ausgleich führt, entstehen der
Bank Salden je für jede Währung; beispielsweise zeigt die obige Aufstellung für

Nlustration 3.
Gesamtes deutsches Devisen-Engagement am 16. X, 1927 mittags 12 Uhr.
(s hfl schw. Kr.

Deutsche
Bank

Disconto-
Gesellschaft

Reichsbank
DDnaaeeeenenemnne

{rs

rs

ip

hfl

schw. Kr.

SE A

schw. Kr. |

ce nu nr

schw. Kr.

5
®
ex

M. M. War-
burg &amp; Co.

18 WW.

|
ner

vn... &gt;

Zeichenerklärung:
Bu &gt; == horizontaler Ausgleich
® — — &gt;= vertikaler #
1:1. 2:2. 3:3 usw. = Möglichkeit diagonalen Ausgleichs.
Franken einen Habenüberschuß zugunsten der französischen Freunde der Bank,
während das Gesamtgulden-Engagement einen Sollsaldo, also einen Überschuß
an Guldenforderungen über die Guldenschulden aufweist. Die Bank kann mit
diesem Guldenüberschuß ihre Frankenschuld bezahlen, wenn es sich nicht gün-
stiger stellt, am Berliner Markt ihre Gulden zu verkaufen und etwa fehlende Franken
zu kaufen, sodaß sie den Ausgleich der verschiedenen Währungssalden nicht mehr
im sich, sondern im Verkehr mit anderen Banken vornimmt. Diesen Ausgleich
der Banken untereinander zeigt die nächste Skizze. Vor jedem Konto dieser Skizze
        <pb n="23" />
        Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden.
ist je eine Reihe von Kontokorrent-Konten, ähnlich der obigen Franken-, Gulden-
usw. Koöntenreihe der Deutschen Bank vorgeschaltet zu denken; buchhaltungs-
technisch ausgedrückt bedeutet dies, daß die nachstehende Skizze die „toten“
Währungskonten der Banken enthält, deren jedes die Zusammenfassung zahlreicher
„iebender‘‘ Währungskonten darstellt. .

Die Skizze will .die Gesamtheit aller am Devisenverkehr Beteiligten dar-
stellen und zeigen, wie der Gesamtausgleich erfolgt. Der Ausgleich kann gewisser
maßen in der horizontalen, vertikalen und diagonalen Richtung erfolgen. Den
horizontalen Ausgleich kann theoretisch, wie wir schon sahen, jede Bank bis auf
den Saldo aller ihrer Salden in sich vornehmen, sofern sie nicht vorzieht, mit ihren
Salden ganz oder zum Teil an den Markt zu gehen. Der vertikale Ausgleich ist am
Markt prinzipiell der wichtigste. Die Banken mit Sollsalden, z. B. in Franken,
stellen ihre Forderungsüberschüsse in der Form von „eigenen Ausschreibungen“
“Schecks, Wechsel, briefliche oder telegraphische‘ Auszahlungen) im freien Ver-
xehr oder an der Börse zum Verkauf, während die Banken mit Habensalden,
z. B. mit Frankenschulden per Saldo, als Käufer auftreten.

Dadurch wird für jede senkrechte Reihe das Gros der Summen links und
rechts kompensiert. Nicht ausgeglichen wird, was als Überschuß der linken über
die rechte oder der rechten über die linke Seite insgesamt sich für jede Konten»
reihe, mithin als Saldo für jede Währung ergibt.

Kompensiert man diese Salden der Salden oder „Salden pro Währung“ in
der wagerechten Erstreckung gegeneinander, was in der Skizze — da Additions-
ergebnis — nicht gezeichnet ist, indem praktisch z. B. die Bank No. 12 für ihre
Frankenschulden von der Bank No. 27 deren Dollarüberschuß kauft — dies ist zu-
gleich diagonaler Ausgleich —, so ergibt sich ein einziger Gesamtsaldo für
alle deutschen Firmen gegenüber allen ausländischen Geschäftsfreunden, Entweder
ist es ein Forderungssaldo an das Ausland insgesamt oder, wie die Dinge heute
liegen, ein Schuldsaldo gegenüber dem Auslande. Dieser Saldo läßt sich
mangels Masse nicht mehr ausgleichen, wie die Skizze mit mathe-
matischer Exaktheit beweist. Es ist dieselbe Ausgleichsunmöglichkeit, die wir
bereits in Anknüpfung an die Zahlen des Außenhandels kennen gelernt haben,
Ergab sich dort die Unmöglichkeit aus der Tatsache, daß nur Leistungen mit Lei-
stungen, Import mit Export getauscht werden können und folglich einseitige Importe
ohne gleichzeitige Exporte als „Kapitaleinfuhr‘“ im „Schuldner“-Land stehen bleiben
müssen, so zeigt obige Skizze die Unmöglichkeit des Ausgleichs von der Kehrseite
des Warenverkehrs, nämlich von der Regulierungsseite der durch Import und Export
entstehenden privatwirtschaftlichen Schuldverhältnisse.

Denken wir uns nunmehr noch alle Schuldverhältnisse hinzu, welche außer-
halb des Außenhandels entstehen, so versinnbildlicht .die obige Skizze sämtliche
Forderungen und Schulden und damit die Zahlungsbilanz Deutschlands. Zwar
sind. nicht sämtliche hunderttausend Konten, die in Wirklichkeit zwischen Deutsch-
land und dem Auslande geführt werden, und auch nicht ihr richtiger Inhalt
in der Skizze wiedergegeben, sondern nur wenige typische Möglichkeiten, aber
das genügt vollständig, da es uns auf den mathematischen Aufbau der hier vor-
liegenden Kompensationsmöglichkeit ankommt. Die Kompensationsmöglichkeit kann
mathematisch nicht anders sein, als sie hier gezeichnet ist, ob der Gesamtsaldo
groß oder klein, Soll- oder Habensaldo ist, für das Jahr 1913 oder 1927, für 10000
oder 200000 Firmen, für private oder für Staatsschulden gilt. Wenn nicht zufällig
die Sollsummen gleich den Habensummen sind — für unsere Zeit.der Reparations-
zahlung ist das natürlich ganz ausgeschlossen —, so ergibt sich aus der Abrech-

LO
        <pb n="24" />
        Der Ausgleichsmechanismus des Devisenmarkts (internationales Zahlungs-Clearing) 11
nung Deutschlands mit dem gesamten Ausland ein Saldo, der in keiner Weise
and mit keinerlei banktechnischen Formen und Umwegen getilgt werden kann,
sondern. als Schuldsaldo bestehen bleiben muß, bis etwa umgekehrte Verhältnisse
eintreten, man kann sogar sagen, „zufällig eintreten“, denn alle Theorien, welche
solche Schuldsalden mit der Gesetzmäßigkeit einer automatisch oder kausal er-
folgenden Tilgung ausstatten, unterstellen, ohne es zu merken, daß privatwirt-
schaftliche, privatjuristische Verschuldung und ein volkswirtschaftlicher Zahlungs-
bilanz-Saldo im Punkte der Rückzahlungspflicht gleich seien, was nicht zutrifft.

Bezüglich der banktechnischen Feinheiten, namentlich der Devisenarbitrage,
muß, da das Bild dadurch nicht verändert wird und eine ausführliche Behandlung
hier zu weit führen würde, im wesentlichen auf die Literatur 1) verwiesen werden,
nur folgende Einzelheiten dürfen hervorgehoben werden.

Statt daß die einzelne Bank beispielsweise ihren Überschuß an Pfunden in
Berlin verkaufl, kann sie dieselben im Arbitrageverkehr auch in Zürich oder New
York oder Wien usw. abgeben und den Erlös an dem betreffenden Platz in dortiger
Auslandswährung oder auch in Berlin in deutscher Währung entgegennehmen.
Für die Gesamtkompensation ergibt sich dadurch, wie nicht näher ausgeführt zu
werden braucht, keine Veränderung.

Zweitens ist die obige Skizze so aufgestellt, als ob bei sämtlichen schwebenden
Schuldverhältnissen die Initiative zur Regulierung der Forderungen und Schulden
in Deutschland liege, also die ausländischen Gläubiger warteten, bis ihre deutschen.
Schuldner einen Ausgleich vornehmen, und die ausländischen Schuldner ebenfalls
Zeit und Art ihrer Zahlung den deutschen Gläubigern überließen. In Wirklichkeit
geht die Initiative teils von inländischen, teils von ausländischen Stellen aus,

Illustration 4.
Deutsch-schweizerisches Verschuldungsverhältnis am 23. IL 28,
Von der Schweiz aus gesehen: Von Berlin aus gesehen: .

Deutschland Schweiz
Debet Credit Debet

Credit

1) Grundlegend Walb, Kaufmännische Betriebswirtschaftslehre, Rothschilds Taschen-
buch für Kaufleute, herausgeg. von Eckert, II. Band, 60. Auflage, G. A. Gloeckner, Leipzig
1927; Swoboda, Die Arbitrage, 16. Aufl, von Max Fürst, Haude &amp; Spener’sche Buch-
handlung, Leipzig 1924; F. Schmidt, Internationaler Zahlungsverkehr und Wechselkurse,
G. A. Gloeckner, Leipzig 1922; Leist, Der Internationale Kredit- und Zahlungsverkehr,
[I. Aufl, ebenda 1921; siehe ferner die Spezialuntersuchungen von Hirsch, Mahlberg,
Schmalenbach, Schmidt, Sommerfeld, Suntych, Walb u. a. in der Zeitschrift
für Handelswissenschaftliche Forschung, Band I—XVI, G. A. Gloeckner, Leipzig.
        <pb n="25" />
        2

Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden.
Illustration 4a
AM
Ds
7

ke
Irs. 123.65

81.16 A

»

123.55

81.08

123.45

Parität

Fre.
f

+
_

Bl.—
80.92 ,

123.35

„ 123.25

80.84

WM

123.15

80.75

je nach den Kontraktbedingungen, die den Schuldverhältnissen zu Grunde liegen.
Die Kompensation wird dadurch nicht verändert, nur können dabei Diskrepanzen
auftreten, welche einen falschen Wechselkurs hüben und drüben entstehen
lassen würden, wenn sie nicht durch die Devisen-Arbitrage künstlich reguliert
würden. Dies zeigt der nachstehende Exkurs. Die Kompensation wird per Saldo
durch solche Transaktionen nicht verändert, sondern im Gegenteil zur Wirksam-
keit gebracht.

Exkurs: Annahme der Wechselkurs Berlin—Zürich stand gestern auf der
Parität und heute komme das nachstehend gezeichnete Verschuldungsverhältnis
an den Devisenmarkt. Die Folge müßte sein, daß der Wechselkurs in Berlin über
die Parität steigt und in Zürich unter pari sinkt, wie es die Zeichnung zeigt, wenn
die Initiative entweder nur von Berlin oder nur von Zürich ausginge (4 und 4a).

Hlustration 5.
Markt-technisches Auftreten
des deutsch-schweizerischen Verschuldungsverhältnisses am 23, Il. 28.
in Zürich: in Berlin:
Deutschland Zürich
Debet

Angebot | Nachfrage
Kurs steigt in
Zürich!

Angebot | Nachfrage
Kurs steigt in
Berlin!
        <pb n="26" />
        Der Ausgleichsmechanismus des Devisenmarkts (internationales Zahlungs-Clearing) 13

Tatsächlich geht die Initiative zur Regulierung der Schuldverhältnisse
teils von Berlin, teils von Zürich aus. Wir wollen annehmen, daß die
wagerecht schraffierte Fläche von der Schweiz, die senkrecht schraffierte
Fläche von Berlin aus an den Devisenmarkt des betreffenden Tages als Angebot
und Nachfrage gelangen, sodaß sich die Markt-Situationen hüben und drüben er-
geben, wie sie die nachstehende Illustration 5 zeigt. Wie man sieht, ist der Spiegel-
bildcharakter verschwunden, beide Marktsituationen liegen einseitig nach der-
selben Richtung. Der Wechselkurs würde also hüben und drüben steigen müssen,
weil auf beiden Märkten die Nachfrage überwiegt, statt daß das Steigen des Franken
in Berlin wegen der deutschen Gesamtverschuldung von einem gleichzeitigen
Fallen der Mark in Zürich begleitet wäre. Kurs und Gegenkurs fielen aus ihrer
Proportion 1), was äußerlich daran zu erkennen ist, daß die Multiplikation der
beiden Kurse nicht mehr annähernd gleich der Zahl 10000 wäre?2).

Hier greift die Arbitrage ein, indem Berliner Banken mit Züricher Geschäfts-
freunden gewissermaßen Wechselreiterei auf gemeinschaftliche Rechnung treiben.
Sie verständigen sich über die im Augenblick vorliegende Kursdiskrepanz telefo-
nisch ®) und verabreden, daß jeder auf den anderen Ziehungen ausstellt, also die
Berliner Banken Schecks, Tratten, Auszahlungen auf ihre Züricher Freunde an
der Berliner Börse und umgekehrt die Züricher Banken in Zürich Schecks, Wechsel
oder Auszahlungen auf Berlin anbieten. Das erfolgt solange, als die Kurse eine
disproportionale Entwicklung aufweisen, bzw. solange dabei Kursdifferenzen zu
verdienen sind. Dadurch entsteht hüben und drüben zusätzliches Angebot von
gleich großem Umfang, eine Veränderung der Zahlungsbilanz erfolgt nicht,
weil sich die „Wechselreiterei‘“ bezüglich der Hauptsummen natürlich gegenseitig

Mlustration 6.
Arbitrage-Ausgleich der markt-technischen Diskrepanz zwischen
Berlin und Zürich am 23. IL 1928,
in Berlin:
Zürich
Debet

in Zürich:
Deutschland

Debet

Credit

Zusätzliches
— &amp; Angebot $&gt;———&gt;
beiderseits von gleicher Größe

Angebot | Nachfrage Angebot | Nachfrage
en re EZ 2 ZA LT
Kurs fällt! Kurs steigt!
1) Mahlberg, Der Kurs des Frankenwechsels, Zeitschrift für Handelswissenschaftliche
Forschung, IIL Band. G. A. Gloeckner, Leipzig 1909.

2) M. 81.—:; frs 100=M. 100: frs 123,45 oder 100 X 100 — 81 X 123,45.

3) Mahlberg, Die Nachrichtengrundlagen des Devisenmarktes. Zeitschrift für Handels-
wissenschaftliche Forschung. Band VII, G. A. Gloeckner, Leipzig 1913.
        <pb n="27" />
        Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden.
kompensiert. Das zusätzliche Angebot konnte beispielsweise so groß ausfallen, wie
in Illustration 6 die punktierten Flächen es darstellen,

Damit ist der Spiegelbildcharakter der beiderseitigen Marktsituationen als
marktwirksames Prinzip wieder hergestellt, sodaß sich die wirkliche Gesamt-
situation Zürich—Berlin nunmehr in einer Verschlechterung der Mark auswirken
kann.

Bei derselben Gesamisituation kann die Diskrepanz auch die umgekehrte
Form aufweisen, sodaß die Arbitrage hüben und drüben als zusätzliche Nachfrage
— natürlich ebenfalls auf Gemeinschaftsrechnung — auftritt.

Soweit der Exkurs.

Die dritte banktechnische Einzelheit betrifft das Verhältnis der Wechselkurse
von 3 Plätzen zueinander, Durch die Geschäfte der internationalen Devisen-Arbi-
trage werden die Wechselkurse zwischen

14

Berlin und London
London und Paris
Paris und Berlin

in einen materiellen Gleichgewichtszustand gebracht. Der Gleichgewichtszustand
besteht darin, daß es für eine Berliner Bank, welche beispielsweise 500000 Fran-
ken in Paris zu zahlen hat, nach den Wechselkursen gerechnet gleich ist, ob sie
lie 500000 Franken auf dem direkten oder dem indirekten Wege bezahlt. Der
direkte Weg bedeutet, daß sie in Berlin Frankenauszahlung auf Paris kauft oder
ihre Pariser Gläubiger in Mark auf sich- entnehmen läßt; der indirekte Weg be-
deutet, daß sie in Berlin eine entsprechende Pfundsumme kauft und sich mit dieser
Pfundsumme in London die 500000 Franken beschafft. Nach den Wechselkursen
gerechnet hat sie in beiden Fällen ungefähr die gleiche Marksumme aufzuwenden,
um ihre Schuld zu bezahlen. Dabei ist es gleichgültig, ob etwa der Kurs in Berlin
auf Paris unter der Parität, also formal sehr niedrig, der Kurs in Berlin auf
London über der Parität, also formal sehr hoch steht; der Kurs in London auf
Paris steht dann so, daß trotzdem der indirekte Weg nicht teurer ist. Dieser
Gleichgewichtszustand ist täglich und mit fast minutiöser Genauigkeit für die
notierten Kurse vorhanden. Die Zahlungsunkosten wie Provision, Courtage, Stempel,
Telegrammkosten usw. sind für den indirekten Weg normaler Weise höher als
für den direkten Weg, es kann aber durch besondere Umstände auch umgekehrt
sein; im übrigen ist die Höhe der Zahlungsunkosten individuelle Anpelegenheit
des einzelnen Bankbetriebes.

Dasseibe Kursdreieck im Gleichgewicht besteht natürlich täglich und mit der-
selben Präzision für Berlin—London—Zürich, Berlin—London— Stockholm, Ber-
lin—London— New York, New York—London—Paris, Paris—Shanghai-—Berlin,
Zürich—Buenos Aires—Christiania usw. usw. Wenn man auf einem Globus
alle in Frage kommenden Devisenplätze mit Linien verbindet, so wird die Ober-
fläche der Kugel in lauter Dreiecke eingeteilt, für welche sämtlich der oben skiz-
zierte innere Kurs-Gleichgewichtszustand besteht und die alle zusammen ein un-
teilbares Ganze, ein einziges bewegliches System bilden. Im Prinzip kann sich
keine Seite irgend eines Dreiecks (kein einzelner Kurs) ändern, ohne daß gleich-
zeitig sämtliche anderen Seiten aller Dreiecke verändert werden. Die internationale
Devisen-Arbitrage sorgt dafür, daß dieses wunderbare System täglich im Lot ge“
halten wird, wie immer auch Forderungen und Schulden der einzelnen Länder
täglich zum Ausgleich auf den Markt kommen mögen, Selbstredend ist die Prä-
        <pb n="28" />
        Der Ausgleichsmechanismus des Devisenmarkts (internationales Zahlungs-Clearing) 15
zision für — devisentechnisch gesprochen — exotische und halbexotische Länder
geringer als für den Zahlungsverkehr Berlin—London—New York—Paris usw.

„Die Nutzanwendung dieser Erscheinung für unsere Frage besteht in folgen-
dem: Denkt man sich Berlin als den Mittelpunkt des Globus, so ergeben die von
Berlin aus nach allen Devisenplätzen gezogenen Linien einen Stern, dessen
einzelne Strahlen je einem Wechselkurs entsprechen; die einzelnen Wechselkurse
stehen verschieden hoch oder tief, auf, unter oder über der Parität, je nach der
Marktlage für die betreffende Devisensorte. In ihrer Gesamtheit spiegelt sich der
Gesamtstand der deutschen Zahlungsbilanz, soweit sie an dem betreffenden Börsen-
tage zur Regulierung an den Markt kommt, und insoweit korrespondiert die Er-
scheinung mit der kontenmäßigen Zusammenstellung der deutschen Zahlungs-
bilanz auf Seite 91),

Eine vierte und besonders wichtige Einzelheit bezieht sich auf den Ver-
lauf der Wechselkurse bei normalen wirtschaftlichen Verhältnissen. Eingehende
Untersuchungen der wichtigen Wechselkurse Berlin—London und Berlin—Paris,
je für vier Jahre, ergaben für die Vorkriegszeit eine starke Abhängigkeit der
Wechselkurse von den internationalen Zinssätzen. War gestern z. B. der Zins
sowohl in Berlin wie in London 4% und steigt heute der Zins in London auf
41/4 0%, während er in Berlin unverändert 4% bleibt oder gar auf 334 % zurückgeht,
so ist Geld in London wertvoller als in Berlin. Infolgedessen neigen deutsche Geld-
geber dazu, ihr Geld in London statt in Berlin anzulegen. Sie kaufen z. B. Aus-
zahlung London und verleihen den auszuzahlenden Betrag in London zu 414%.
Da viele Geldgeber dieses Verfahren wählen, entsteht eine relativ starke Nach-
irage nach Pfunden, der Pfundkurs steigt. Liegen die Geldmarktverhältnisse umge-
kehrt, z. B. Zins in Berlin steigt auf 41/2%o, Zins in London fällt auf 37/4 %, so
erfolgen privatwirtschaftliche „Geldverschiebungen‘“ von London nach Berlin. Lon-
doner Banken treten als Käufer für Markwechsel bzw. Markguthaben auf, die
Mark steigt durch die relativ verstärkte Nachfrage in London und in der Konse-
quenz fällt der Pfundkurs in Berlin. Der Pfundkurs in Berlin fällt auch deshalb,
weil gleichzeitig deutsche Besitzer von Pfundguthaben diese wegen der gefallenen
Verzinsung auf den Berliner Markt werfen, sodaß ein relativ verstärktes Angebot
von Pfunden in Berlin eintritt und deren Kurs drückt. Nach unseren bisherigen Dar-
legungen ist es selbstverständlich, daß der Zahlungsbilanz-Saldo durch solche
„Geldverschiebungen‘“ nicht verändert wird,

‚Das Reagieren der Wechselkurse auf die Zinsdifferenzen ist außerordentlich
präzis. In den oben erwähnten Untersuchungen?) wurden die täglichen Differen-
zen zwischen dem Berliner Privatdiskont und dem Londoner bzw. Pariser Privat-
jiskont als Linien gezeichnet, z. B. London über bzw. unter Berliner
Privatdiskont

am 8. 9. 10. 11. 12. Februar
Zinsdifferenz A 1, A 31 SP — 1, —8/. Prozent,

1) Man kann aber nicht ohne weiteres den Durchschnitt aller deutschen Wechsel-
kurse als maßgeblich für den Stand der deutschen Zahlungsbilanz ansehen, da für jedes
Land ein solcher Stern mit eigener Zahlungsbilanz-Gesetzlichkeit zu denken ist; ınsofern
Mußte der seinerzeit von Schär (Zahlungsbilanz und Diskont, Berlin 1908) unternommene
Versuch, die deutsche Zahlungsbilanz aus den Wechselkursen zu berechnen und für speku-
lative Zwecke zu verwenden, scheitern, zumal über dem Globus.ein weiteres Dreiecksnetz zu
denken ist, das aus den Diskontdifferenzen der Devisenplätze untereinander besteht, Siehe
darüber den nächsten Abschnitt.

?) Schmalenbach, Der Kurs des Pfund-Sterling, Zeitschrift f. Handelswissenschaftl.
Forschung Bd. I, S. 243 ff... Mahlberg, Der Kurs des Frankenwechsels a. a. O0. S. 401 ff.
        <pb n="29" />
        Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden,
und dann ergab sich, daß diese Linie sehr stark parallel mit dem im gleichen
Diagramm gezeichneten Wechselkurs Berlin—London verlief, „Namentlich bei
kleineren Bewegungen zeigt sich erhebliche Abhängigkeit‘ 1), die soweit geht, daß
der Wechselkurs bei Diskontdifferenzen von nur 1/,0% exakt reagiert. Dasselbe
wurde für den Frankenkurs beobachtet, der sich in seinem Verlauf bei kleineren;
Bewegungen ziemlich genau nach der Differenz zwischen Berliner und Pariser
Privat-Diskont richtete. In der Abhängigkeit von Diskontdifferenz und Wechsel-
kurs zeigt sich die sogenannte „Solidarität der Geldmärkte‘‘ ?). Sofern keine an-
deren Gründe vorhanden sind, die den Wechselkurs steigen oder fallen lassen,
ist es gar nicht anders denkbar, als daß die einzelnen Wechselkurse sich mehr
oder weniger genau den zu ihnen gehörigen Geldmarktverhältnissen anpassen %).

Neben diesen kleineren Bewegungen des Wechselkurses, wir wollen sie
„taktische Bewegungen“ nennen, zeigten die erwähnten Diagramme größere
Bewegungen des Wechselkurses, wir wollen sie als „strategische Bewegun-
gen‘ bezeichnen, welche nicht auf Diskontdifferenzen zurückzuführen waren, Diese
strategischen Bewegungen des Wechselkurses bestehen darin, daß innerhalb län-
gerer Monate der Wechselkurs z. B. allgemein fällt, während die Linie der Diskont-
differenzen im ganzen für diesen Zeitraum eine Steigerung zeigt, oder umgekehrt
der Wechselkurs steigt im Laufe mehrerer Monate, während die Linie der Diskont-
differenzen im ganzen fallende Tendenz hat. Die tägliche taktische Bewegung der
beiden Linien bleibt trotzdem im wesentlichen parallel, sodaß der Wechselkurs
auf jede Diskontdifferenz im einzelnen entsprechend reagiert. Die strategische Be-
wegung, welche erst im Laufe von Monaten existent wird, kommt dadurch zustande,
daß dieses tägliche Reagieren auf die Diskontdifferenz nach oben bzw. unten ent-
weder zu stark oder nicht stark genug ist, sodaß sich als Korrelation beider
Linien eine neue Bewegung ergibt*.). Die genannten Wechselkursuntersuchungen
sind auf diese strategischen Bewegungen nicht näher eingegangen, weil sie für
die damalige Zeit für geschäftliche Zwecke belanglos erschienen,

Heute erhält die Erscheinung ein weitaus größeres Gewicht, weil für unsere
Zeit der Reparationszahlungen mit ganz anderen Zahlungsbilanz-Verhältnissen zu
rechnen ist. Die strategische Bewegung des Wechselkurses stellt nämlich nichts
anderes dar als den Einfluß, den der jeweilige Stand der Zahlungsbilanz auf An-
gebot und Nachfrage am Devisenmarkt ausübt, sodaß es zwei Faktoren sind,
welche die Wechselkurse bestimmen, nämlich der Saldo der Zahlungsbilanz und die
internationalen Zinsdifferenzen,

Die Wirkungen dieser beiden Faktoren auf die Wechselkurse können gleich-
gerichtet oder entgegengesetzt, also ganz oder teilweise sich kompensierend sein,
Mithin sind, wenn wir die Gesamtverhältnisse im Durchschnitt betrachten, vier
Marktsituationen möglich:

16

‘) Schmalenbach, a. a. 0. S, 244.

2) Weill, Die Solidarität der Geldmärkte, Frankfurt 1908,

3) Walb, Die Struktur der internationalen Kapitalbeziehungen und ihre Veränderung
seit dem Weltkrieg, Annalen der Betriebswirtschaftslehre, Verlag Weiß Berlin und A. W.
Shaw Company Chikago, 1928, S. 453: „Infolge der besonders sicheren und liquiden Anlage-
formen entscheidet für diese (kurzfristigen) Kapitalwanderungen in stärkerem Maße der reine
Nutzen. Die Folge ist, daß unter Ländern mit gutem Bankwesen der Zins automatisch ‚die
Kapitalien dirigiert, sofern nicht die früher erwähnten Einschränkungen (gemeint ist der
Unterschied zwischen Industrie- und Agrarländern) bestehen.“ Walb belegt seine Thesen
mit zahlreichen Beispielen aus der internationalen Finanzgeschichte.

4) Ein ähnliches Gegeneinander von taktischer und strategischer Bewegung zeigen die
Silberwechselkurse Shanghai-London und Hongkong-London für die Jahre 1907—1910, hier
allerdings aus anderen Gründen; näheres Mahlberg, Über asiatische Wechselkurse a. a. 0.
        <pb n="30" />
        Der Ausgleichsmechanismus des Devisenmarkts (internationales Zahlungs-Clearing) 17
Marktsituation Wirkung
1. hoher Auslandsdiskont bei niedrigem Inlandsdiskont: Wechselkurse steigen]
2. niedriger % » hohem 2 % ” fallen

taktische
Bewegung

3. passiver Saldo der deutschen Zahlungsbilanz!) : Wechselkurse Aaen strategische
4. aktiver “ 2) : » fallen | Bewegung
Stets tritt je eine Diskontsituation mit einer gleichzeitig vorliegenden Zah-
lungsbilanzsituation gekoppelt auf, sodaß sich folgende Koppelungsmöglichkeiten
ergeben:

A,

Situations-
kombination
3

On
7.

1 taktisch steigender Kurs
3 strategisch »
1 taktisch » "
4 strategisch faliender „
2 taktisch » ”
3 strategisch steigender „
2 taktisch fallender
4 strategisch „

\
)
|

steigender Wechselkurs
degressiv®) steigender
bis fallender Wechselkurs
} degressiv®) fallender ,
bis steigender Wechselkurs‘
fallender Wechselkurs

Verlauf der Linien
von Wechselkurs
and DiskontdiHerenz

1 parallel ,
nicht parallel

{ parallel,
Die Situationskombinationen A und D sind in ihrer Wirkung von geradezu
schulmäßiger Einfachheit; interessanter sind die Kombinationen B und C. Die
Kursbewegungen der Kombinationen A und D sind — als absolutes Steigen oder
Fallen — auf das starre System der Wagerechten bezogen zu denken, die Kurs-
bewegungen B und € dagegen sind — als relatives Steigen oder Fallen — auf
das „bewegte System“ der Diskontdifferenzlinie bezogen zu den-
ken und deshalb schwer zu erkennen. Die Kombination C dürfte die Grundsitnation
sein, mit welcher wir im Zeitalter der Reparationszahlungen einstweilen zu rech-
nen haben. Sie besteht, wie gezeigt, darin, daß in Deutschland höhere Zinsen als
im Durchschnitt im Ausland, jedenfalls in dem für uns wichtigsten Ausland be-
zahlt werden, daß aber trotzdem die Wechselkurse in Berlin nicht dauernd die
Tendenz haben, zu fallen, sondern daß umgekehrt wegen unseres stark passiven
Zahlungsbilanzsaldos die Wechselkurse dauernd steigende Tendenz haben. Aus
dieser Situation ergibt sich ein ganzes System von Gewinnmöglichkeiten für den
internationalen Geld- und Kapitalverkehr. Die Ausnutzung der Gewinnmöglichkeiten
durch entsprechende privatwirtschaftliche Geschäfte hat zur Folge, daß dem
passiven Zahlungsbilanzsaldo seine störende Wirkung für die deutsche Volkswirt-
schaft entzogen wird. Es handelt sich also darum, den Zahlungsbilanzsaldo, von
dem wir oben festgestellt haben, daß er auf keine Weise zu tilgen ist und infolge-
dessen ungetilgt als Schuld stehen bleiben muß, durch privatwirtschaftliche Ge-
schäfte zu konsolidieren. Das System dieser Gewinnmöglichkeiten wird im näch-
sten Abschnitt dargestellt.

Die Situationskombination B stellt das Spiegelbild zu C dar und betrachtet
die Verhältnisse Deutschlands vom Ausland aus. Das vorhin genannte System von
Gewinnmöglichkeiten stützt sich auf beide Kombinationen.

A ZN
1 . a. 11

Jana bzw. aktiv im Hinblick auf das an den Markt zum Ausgleich gelangende
?) Zur Linie der Diskontdifferenzen.
Mahlberg, Reparations-Sabotare.
        <pb n="31" />
        Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden.

Sofern für die Zukunft dagegen die Situationskombination A für Deutschland
bzw. D für das Ausland vorliegen sollte, also niedriger Zins in Deutschland ver-
bunden mit steigenden Wechselkursen auf das Ausland, so sind zwei Möglichkeiten
gegeben. Entweder stört uns das Steigen der Wechselkurse nicht oder es stört uns,
wobei als Störung nur daran zu denken ist, daß die obere Goldgrenze der Wechsel-
kurse erreicht wird, damit die Gefahr von Goldentziehung und in der Folge eine
Gefährdung der Währung eintritt. Die erste Möglichkeit können wir in unserer
Untersuchung, da sie die deutschen Interessen nicht stört, im wesentlichen auf
sich beruhen lassen. Steigt dagegen der Wechselkurs störend, so haben wir be-
kanntlich das einfache Mittel, durch Anziehen der amtlichen Diskontschraube
unser Zinsniveau — in diesem Fall — künstlich zu erhöhen bis auf die Höhe der
ausländischen Sätze oder noch darüber. Damit ist dann wieder die obige Situations-
kombination. C gegeben, der infolgedessen unser Hauptinteresse zu gelten hat,

Das nachstehende Diagramm zeigt, wie der Wechselkurs und die Diskont-
differenzen sich zur Zeit gestalten. Das Bild ist grundsätzlich dasselbe, wie es
die Diagramme der früher erwähnten Untersuchungen für 1903—07 zeigen; nur
ist wegen der Lockerung der internationalen Finanzbeziehungen durch den Krieg
der taktische Zusammenhang zur Zeit geringer als früher, setzt sich aber Mitte 1927
stark durch trotz des enormen deutschen Schuldsaldos (Mlustration 7 und 7 a).

Wie ‚sich insgesamt die finanzielle Situation Deutschlands gegenüber der
Weltwirtschaft im Jahr 1927 gestaltet hat, zeigt das Diagramm Nr. 8 (Seite 20) über
die Diskontsätze der meisten. Länder der‘ Welt. Das Diagramm ist der Deutschen
Allgemeinen Zeitung vom 17. Februar 1928 entnommen, die bei 6 % verlaufende
senkrechte Linie wurde von uns hinzugefügt. Das Diagramm zeigt für fast alle
wichtigen Wirtschaftsländer einen niedrigeren Zinsfuß als er in Deutschland wäh-
Illustration 7

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        Der Ausgleichsmechanismus des Devisenmarkts (internationales Zahlungs-Clearing) 19
Illustration 7a

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rend des größten Teiles von 1927 galt. Da im übrigen ein starker passiver Zahlungs-
bilanzsaldo zu unsern Ungunsten unterstellt werden darf, so ergibt sich für Deutsch-
land im Jahr 1927 gegenüber dem größten Teil der Weltwirtschaft die Situations-
Kombination C.

Endlich bleibt als fünfte Einzelheit noch zu erörtern, welche Wirkungen für
den internationalen Zahlungsausgleich entstehen, wenn sich die Wechselkurse
verändern, etwa durch große Devisennachfrage in Berlin entsprechend den soeben
erwähnten Kombinationssifuationen. Hier kommen vier große Wirkungen in Be-
tracht, nämlich

@) die Rückwirkung von Kursänderungen auf Angebot und Nachfrage in

Devisen;

B) die Anspannung der internationalen Kreditkreierung;

Y) die Wirkung der „großen‘ Devisen-Spekulation;

5) die Wirkung der „kleinen‘“ Devisen-Spekulation.

Insgesamt bilden diese vier Wirkungen ein ganzes System, welches die früher
besprochene Unmöglichkeit, den Saldo der deutschen Zahlungsbilanz auszugleichen,
erträglich macht bzw. den Schrecken der Unmöglichkeit umwandelt in eine gern ge-
übte, mit großen Gewinnmöglichkeiten auf. der ganzen Linie ausgestattete Kredit-
vermittlung, Kreditgewährung, Devisen-Spekulation und Kapitalinvestierung. Dieses
System wird nachstehend in einem besonderen Abschnitt c) als das Phänomen der
Konsolidierung des Zahlungsbilanzsaldos dargestellt. Der Leser, der im Augenblick
nicht in der Lage ist, den, umfangreichen und in seiner Ganzheit schwierig ‚zu
übersehenden Komplex dieses geschlossenen bank- und börsentechnischen. Systems
durchzuarbeiten, muß sich mit folgender Zusammenfassung begnügen: durch die
Bewegungen von Wechselkurs und. Zins im Inland und Ausland entstehen eine
Reihe von Konstellationen, die so geartet sind, daß sich das Ausland aus privat-
wirtschaftlichen Motiven danach drängen muß und tatsächlich auch drängt, uns
den Schuldsaldo unserer Zahlungsbilanz zu kreditieren; aus den gleichen Konstel-
        <pb n="33" />
        AU

Die: Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden.

Illustration 8 ; lationen ergeben sich privatwirtschaft-
Diskontsätze 19272) liche Geschäfte des Auslandes, welche
) die Wirkung haben, unsere Währung zu
schützen. Dabei darf unterstrichen
werden, daß hier Kreditgewährung
im abstrakten Sinne gebraucht wird,
teils handelt es sich um wirkliche
Kreditgewährung der juristischen
Form nach, teils um Investierung
von Kapital als Kapitalanlage, An-

kauf von Wertpapieren usw.

Die Zusammenfassung des vor-
liegenden Abschnittes ergibt, daß
alle devisentechnische Verrechnung
und alle banktechnischen Feinheiten
einen einmal bestehenden Zahlungs-
bilanzsaldo in keiner Weise aus der
Welt zu schaffen vermögen, Der
Saldo aller Salden aus sämt-
lichen deutschen Geschäf-
ten mit dem Ausland ein-
schließlich der eigenartigen
bzw. einseitigen Repara-
tionsgeschäfte muß mangels
Masse unausgeglichen ste-
hen bleiben, sei er Verschuldung
oder Forderung an das gesamte Aus-
land. Sahen wir im vorigen Ab-
schnitt, wie der Saldo als abstrakte
Schuld stehen bleiben muß, so er-
kennen wir jetzt, wie er aus einzel-
nen konkreten Schulden, die privat-
wirtschaftlich und privatjuristisch
irgendwie kontrahiert sind, sich zu-
sammensetzt, sodaß, kann der ab-
strakte Saldo nicht getilgt werden,
den Gläubigern der einzelnen kon-
kreten Schulden nichts anderes übrig
bleibt, als auf ihren Forderungs-
rechten entweder sitzen zu bleiben
oder neue Käufer für die Forderungs-
rechte zu finden, welche dann ihrer-
seits darauf sitzen bleiben müssen
usw. Als andere Möglichkeit kommt
nur in Frage, daß die Gläubiger ihre
Forderungen durchstreichen!

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1) Aus „Deutsche Allgemeine Zei-
tung“ vom 17. Febr. 1928.
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        <pb n="34" />
        c) Das Phänomen der Konsolidierung von Zahlungsbilanzsalden.
aus privatwirtschaftlichem Egoismus.

‚Im vorliegenden Abschnitt wird untersucht, welche Wirkungen für den Devisen-
markt dadurch entstehen, daß die Wechselkurse und Zinshöhen sich ändern. Um die
Diskussion zu erleichtern, unterstellen wir den nachstehenden schematischen Kurs-
verlauf für den deutsch-englischen Zahlungsverkehr, wobei dauernd sowohl die
Entwicklung in Berlin wie die umgekehrte Entwicklung in London gleichzeitig
im Auge zu behalten sind.
Illustration 9
Schematischer Wechselkurs-Verlauf in Berlin und London.
A-Kurs in London *)

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® Zur Denkerleichterung als „direkte Notierung“ gezeichnet.
Die Teilstrecken des Kursverlaufs sind mit römischen Ziffern für den £-Kurs
in Berlin bzw. mit arabischen Ziffern für den Mark-Kurs in London bezeichnet.
Unsere Diskussion beginnt bei der Kurssituation I—1I für Berlin bzw. 1—2 für Lon-
don und unterstellt somit starke Devisen-Nachfrage in Berlin bzw. starkes Mark-
angebot in London, also diejenige Situation, welcher unser besonderes Interesse gilt.

«) Die Rückwirkung von Wechselkursveränderungen,

Wenn an einem Börsentage in Berlin große Nachfrage nach Pfunden be-
steht, sodaß der Wechselkurs stark steigt, so ist die erste Folge, daß ‚von allen
Beteiligten alle Pfunde, die nur irgend entbehrt werden können, auf den Markt ge-
bracht werden, um von der Preissteigerung zu profitieren. Ferner tritt, wer noch
        <pb n="35" />
        22 Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden.

mit Kaufen warten kann, als Nachfrage zurück, wenn er der Hoffnung sein darf,
später billiger ankommen zu können. In London äußert sich dieselbe Marktlage
umgekehrt, ‚großes Angebot von Mark läßt den Kurs fallen. Englische Banken,
welche Mark schulden, beeilen sich, die erforderlichen Beträge zu dem gesunkenen
niedrigen Kurse zu erwerben. Wer Markbestände besitzt, sucht darauf sitzen zu
bleiben, d. h. er verkauft nur das allernotwendigste, wenn er der Hoffnung sein. darf,
später die Bestände zu günstigeren Kursen abstoßen zu können; das bedeutet rela-
tive Zurückhaltung des Angebots. Im ganzen werden so hüben und drüben die
Jetzten Reservekräfte mobil gemacht, was bremsend auf die Kursbewegung wirkt.
Statt mit effektiver Nachfrage in Berlin und effektivem Angebot in London zurück-
zuhalten in der Hoffnung auf demnächstige Kursänderung, kann man von der
erhofften Kursänderung durch Blankogeschäfte am Terminmarkt profitieren. Wer
der Meinung ist, verkauft in Berlin Pfunde leer auf Termin oder kauft in London
Mark auf Termin. Solche Geschäfte wirken bremsend auf den Terminpreis für
Devisen. Im ganzen sind es Bremsvorgänge, welche auf allen Märkten und für
alle Artikel bei Preisbewegungen nach oben oder unten auftreten; ihre Wirkung
ist mehr palliativartig bzw. vorübergehend, soweit es sich um die Berücksichtigung
der künftigen Kursentwicklung handelt. Trotzdem ist die Erscheinung hier zu er-
wähnen, erstens der Vollständigkeit des Systems halber und zweitens um zu zeigen,
wie bei bedrohlicher Kursentwicklung auch die geringste Möglichkeit zur Gegen-
wirkung mobil gemacht wird. Natürlich gilt dies nur für normale Verhältnisse
und nicht für katastrophale Entwicklungen, wie sie etwa für eine Inflation anzu-
nehmen sind. Auf die umgekehrte Wirkung, welche eine Änderung auszulösen
vermag, sowie auf die besondere Wirkung der Termingeschäfte ist noch näher ein-
zugehen.

Wichtiger ist eine andere Erscheinung, bei welcher wir den Leser an die
frühere Unterscheidung zwischen taktischer und strategischer Bewegung des Wech-
selkurses erinnern dürfen. Wenn die Mark in London wegen des Passiv-Saldos
der deutschen Zahlungsbilanz, also wegen eines Überflusses englischer oder an-
derer Forderungen an Deutschland sinkt, Kurs-Teilstrecke 1—2 oder 2—83, so halten
die in englischem Besitz befindlichen Markguthaben insofern ihren Wert, als sie
Zins tragen und der Zins in Deutschland nicht wegen des passiven Zahlungsbilanz-
saldos kleiner zu werden braucht, er kann gleich bleiben oder sogar steigen.
Natürlich kann der Zins in Deutschland auch bei dieser Situation fallen; dann
hätten wir parallelen. Verlauf von Wechselkurs- und Diskontdifferenzbewegung, die
früher so genannte taktische und strategische Bewegung des Wechselkurses liefen
in derselben Richtung. Wenn die damit entstehende Verschlechterung der Mark
die deutschen Interessen stört, so schafft das bekannte Mittel der Zinserhöhung
in Deutschland Remedur, d. h. wir kehren damit zu unserer vorstehenden Aus-
gangssituation. zurück, nämlich fallende Mark bzw. großes Angebot von Markgut-
haben in London und gleichzeitig gleichbleibender oder steigender Zins in Berlin.

Ein Käufer solcher Guthaben kauft mithin. für 100 £ Kapitaleinsatz Sowohl bei
Kurspunkt 1 wie 2 wie 3 je dasselbe Quantum Rente in Pfunden gerechnet,
während das Quantum Rente pro 100 £ Einsatz in Mark gerechnet natürlich
immer größer wird, je mehr der Kurs fällt, Englische Kapitalisten, die ihr Geld in
deutscher Anlage unterbringen wollen, können also jederzeit in das Engagement
„einsteigen“, sofern. ihnen der Berliner Zins als solcher genügt. Die Ware „deutsche
Guthaben‘ ist mithin unter diesem Gesichtspunkte gesehen jederzeit in London
verkäuflich, d. h. jederzeit normale Ware.

Je mehr der Kurs fällt, Kurspunkt 2 oder gar 3, umso wertvoller wird die
        <pb n="36" />
        Das Phänomen. der Konsolidierung von Zahlungsbilanzsalden. 23
Ware innerlich wegen der Chance, daß nach Erreichung des Punktes 3 der
Kurs umschlägt und zu steigen beginnt, sodaß beim „Aussteigen“ aus dem Engage-
ment mit einem Extranutzen aus Kursgewinn zu rechnen ist. Daß und warum
es zum Kursumschwung bei Punkt 3 kommt, wird später dargelegt. Dieser zusätz-
liche Wert muß die Nachfrage nach der an sich bereits normalen Ware vergrößern,
was bremsend auf den. Kursfall — und in der Konsequenz bremsend auf die Kurs-
steigerung in Berlin — wirkt. Diese Bremswirkung tritt ein, ohne daß in
Berlin der Zins steigt. Das ist deshalb wichtig, weil damit eine Brems-
wirkung gegeben ist, welche des Anziehens der Diskontschraube in Deutschland
entraten kann. Die Wirkung tritt auch dann ein, wenn sowohl in London wie in
Berlin sich die Zinssätze ermäßigen!

Wie im übrigen steigende Zinsen in Deutschland bei gleichbleibendem oder gar
fallendem Zins in London auf unsere in Frage stehende Wechselkurs-Situation
wirken, stellt sich, wie schon früher angedeutet, so dar. Zu der Eigenschaft der
englischen Guthaben in Deutschland als normale Ware und dem zusätzlichen
inneren Wert wegen Kurschance kommt dann drittens die höhere Verzinsung,
sodaß mit fallendem Markkurs der innere Wert der Markguthaben progressir
wächst. Je stärker der Kurs fällt und gleichzeitig der Zins in Berlin größer wird,
umso größere und sicherere Chancen bieten sich den Käufern. Der Kursfall
resultiert aus einem Mißverhältnis von Angebot und Nachfrage, aus überwiegen-
dem Angebot; je mehr er fällt, umsomehr wird das Mißverhältnis verschwinden,
amsomehr Käufer treten wegen der großen Chance auf, bis endlich mehr Nach-
frage als Angebot vorhanden ist, das umgekehrte Mißverhältnis vorliegt und der
Kurs umschlägt. Je stärker der Kurs fällt, umso stärker wird er gebremst, bis sich
beide Kräfte zunächst die Wage halten und darnach die Bremskraft die stärkere und
damit die treibende wird, d. h. durch überwiegende Nachfrage der Kurs zu steigen
beginnt. Es kommen übrigens noch wesentliche andere Kräfte hinzu, um den
Kurs zu bremsen und zum Umschlagen zu bringen, worüber noch zu sprechen ist.

Auch von Berlin aus gesehen ergibt sich eine Bremswirkung. Wenn deutsche
Kapitalisten ihr Geld in englischer Anlage unterbringen wollen, so ist es für sie an
sich gleich, an welchem Punkte der Kursstrecke 111 oder H—III sie in das
Engagement „einsteigen‘“‘, weil der Zinsgenuß als Prozentsatz gleich bleibt.
Sie kaufen Pfunde behaftet mit x Prozent Zinsgenuß; müssen sie für die Pfunde
einen gestiegenen Preis anlegen, so ist gleichzeitig der Markwert der Zinsen ent-
sprechend größer. Ihre Käufe sind aber von der Verlustchance bedroht, daß der
Kurs demnächst bei Kurspunkt III fallen wird, sodaß sie trotz gleichbleibender
Verzinsung aus diesem Grunde immer mehr als Nachfrage zurücktreten. Umso-
mehr werden sie zurücktreten, falls inzwischen. die Verzinsungsmöglichkeit für ihr
Kapital in Deutschland größer wird. Letzteres veranlaßt darüber hinaus Kapital-
besitzer, die von früher her ihr Geld in englischer Anlage haben, nunmehr aus
dieser heraus und in deutsche Anlage hineinzugehen, also ihren Pfundbesitz auf
den Markt zu werfen. Sie tun das umso lieber, weil ihnen inzwischen. ein sehr
hoher Preis für ihre Pfunde gezahlt wird. Je größer die Zinsdifferenz wird und
je höher der Pfundkurs steigt, umso stärker wirkt der Anreiz, neue Käufe zu
unterlassen und aus alten Engagements „auszusteigen‘“‘, sodaß die damit verbundene
Bremswirkung auf den Kurs zunimmt.

Hier aber liegt der Gegensatz zu der Bremswirkung in England. Das Miß-
verhältnis von Angebot und Nachfrage, also die überwiegende Nachfrage, welches Miß-
verhältnis den Pfundkurs in Berlin steigen ließ, wird durch solche Kaufzurück-
haltung und Enragementsauflösung nicht ins Gegenteil umschlagen können, da wir
        <pb n="37" />
        Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden.

nun einmal einen passiven Zahlungsbilanzsaldo unterstellen müssen, sondern der
Antrieb zum Umschlagen des Wechselkurses bei Punkt IN bzw. 3 kann nur von
England ausgehen, Er besteht darin, daß die auf den Markt drückenden deutschen
Schulden in feste englische Hände einstweilen „oder für dauernd übernommen
werden. Darüber wird noch ausführlich zu sprechen sein. Die obigen Vorgänge in
Berlin haben nur den Sinn, daß alles, was sich an dieser Sanierungsaktion ‚betei-
ligen kann, auch tatsächlich helfend beispringt.

Nunmehr können wir die Erscheinung behandeln, daß jemand aus der in
Frage stehenden Kursbewegung den umgekehrten Schluß zieht und Geschäfte
tätigt, welche die Kursveränderung nicht bremsen sondern im Gegenteil verstärken.
Englische Besitzer von deutschen Guthaben können dieselben bei Kurspunkt 1
oder 2 auf den Markt werfen, um sie bei Kurspunkt 2 oder 8 billiger wieder
zurückzukaufen. Wenn gleichzeitig der Zins in Berlin absolut höher steht als in
London, so ist von dem zu erwartenden Spekulationsgewinn die entgangene Zins-
Bifferenz abzuziehen, da der Erlös in der Zwischenzeit nur in niedriger rentierender
englischer Anlage untergebracht werden kann. Außerdem sind Spesen für Verkauf
und Rückkauf in Ansatz zu bringen, sodaß im ganzen diese Baisse-Spekulationsmög-
lichkeit weniger reizvoll ist, als es zunächst aussieht. Immerhin ist mit
solchen Geschäften in größerem Umfang zu rechnen. Sie verstärken das ohnehin
vorhandene Mißverhältnis zu großen Angebots und lassen den Kurs der Mark weiter
fallen. Da sie aber nach der Voraussetzung nach Eintritt eines genügenden Kurs-
falles wieder zurückgedeckt werden, so üben sie dann eine gleich starke umgc-
kehrte Wirkung auf den Kurs aus: soviel wie sie zuerst den Kurs drücken, um
ebenso viel werden sie im Prinzip bei der Rückdeckung den Kurs wieder steigern,
sodaß sie sich per Saldo gegenseitig paralysieren. Dies umsomehr, als die Ver-
käufe aller in Betracht kommenden Spekulanten zeitlich hintereinander ge-
staffelt sind, infolgedessen auch die Deckungsrückkäufe eine ähnliche Staffe-
lung haben müssen, sodaß sehr bald den spekulativen Verkäufen Deckungsrück-
käufe für frühere Verkäufe gegenüberstehen, wie dies die nachstehende Zeichnung
zeigt. Soweit Verkäufe an Personen erfolgen, welche zurückdecken, sind es für
den Markt durchlaufende Posten, eine Wirkung auf den Kurs erfolgt
nicht, Kraft und Gegenkraft paralysieren sich.

Illustration 10
Staffelung der Mark-Baisse-Spekulation in London!)
-—— —-= Mark-Kurs in London
V= Verkäufe
R = Deckungs-Rückkäufe
= Wirkung auf den
| | Wert der Mark
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Rip.
\ Siehe hierzu auch Mustration 9.
        <pb n="38" />
        Das Phänomen der Konsolidierung von Zahlungsbilanzsalden. 25

Eine Wirkung auf.den Kurs haben nur die überstehenden Enden der vor-
stehenden Buchstabenreihen. Die Wirkung zwischen Kurspunkt 1 und 2 ist stö-
rend für den Wert der Mark, die Wirkung bei Kurspunkt 3, wo den Buchstaben
RR keine VV gegenüberstehen, ist dagegen umgekehrt, Hierin liegt die obige
prinzipielle Paralysierung.

Dazu kommt folgendes, wobei wir diese Spekulationsgeschäfte als „kleine
Spekulation‘, die aus der Hand in den Mund lebt und nur Spekulationen auf kurze
Sicht macht, bezeichnen wollen, denen die „große Spekulation‘, die auf lange Sicht
arbeitet, gegenübersteht1). Die störende Wirkung zwischen Kurspunkt 1 und 2
kann dadurch aufgehoben werden, daß als Käufer „große Spekulanten‘ mit Rück-
deckungskäufen auftreten, welche früher bei Kurspunkt 8, 7 oder 6 Markbestände
verkauft, das Engagement mit „eisernen Nerven‘“ durchgehalten haben und erst
jetzt liquidieren. Sie haben ihr Geld in der Zwischenzeit in England beschäftigt und
werfen es nun wieder nach dem hochverzinsenden Deutschland zurück. Treffen
solche großen Rückdeckungskäufe mit den Verkäufen obiger kleinen Hände zusam-
men, entsteht wiederum für den Markt ein durchlaufender Posten, sodaß die Wir-
kung der spekulativen kleinen Verkäufe auf den Kurs verpufft, ohne Schaden an-
zurichten. Die günstige Wirkung der bei Kurspunkt 3 isoliert stehenden RR für
die Aufwärtsbewegung der Mark kann dagegen katastrophal werden, aber nicht
für den Kurs der Mark, sondern für die kleinen Spekulanten, wie noch zu zeigen
sein wird.

Im übrigen gelten die vorstehenden Ausführungen in ähnlicher Weise für
die „kleine Spekulation‘, welche nicht effektive Guthaben verkauft, son-
dern blanko, ohne Guthaben zu besitzen, Mark auf Termin verkauft. Auch
darauf ist noch zurückzukommen.

Im ganzen ergibt sich mithin für den englischen Markt, daß die für Deutsch-
land: schädliche Baisse-Spekulation in Mark mit einer Reihe von Hindernissen
ausgestattet ist. Wenn. man die volle Bedeutung dieser Hindernisse erkennen
will, muß man sich daran erinnern, daß während der Inflation, als der dauernde
Fortgang der Markentwertung sozusagen für jeden ausländischen Hotelhausknecht
eine notorische Tatsache war und somit die Baisse-Spekulation des Auslandes
gegen die Mark eine bis dahin unbekannte Sicherheit der Chance bot, es trotzdem
nicht dazu kam, daß die Mark täglich unter Null fiel, sondern daß sie sich nach
EaES Kurssprüngen immer wieder erholte und jahrelang nicht „kleinzukriegen‘‘
war ®).

Auch für den Berliner Pfundmarkt liegt eine ähnliche und natürlich umge
kehrte Erscheinung vor. Wer zwischen Kurspunkt I—1II und II—1II in Berlin mit
effektiven Pfunden A la hausse spekuliert, muß bei I oder II Pfunde kaufen und bei
II oder III wieder abgeben. Die Pfunde bringen inzwischen Zins. Ist der deutsche
Zins höher, so sind von der Kursgewinnchance die entgangene Zinsdifferenz
1) Prion, Börsenwesen, Handwörterbuch der Staatswissenschaften. 4. Aufl. Gustav
Fischer — Jena 1924, S. 1043: „Man unterscheidet nach der Kapitalkraft (bekannte oder
vorgetäuschte), nach dem Umfang der Geschäfte, vielfach auch nach der Skrupellosigkeit, mit
der die Geschäfte durchgeführt werden: die große und kleine Berufsspekulation.“ — Wenn
„Skrupellosigkeit“ mit „volkswirischaftlich schädlich“ gleichzusetzen ist, so ist es jedenfalls
in vorliegendem Fall völlig umgekehrt: die kleine Spekulation mit geringerer Skrupellosigkeit,
also die obigen ungedeckten VV zwischen Punkt 1 und 2, die nur den Mut zu kurzfristiger,
totsicherer Hausknecht-Spekulation hat, wirkt u. U. schädlich, während die „große Spekula-
tion‘, wie noch zu zeigen sein wird, wertvolle volkswirtschaftliche Dienste leistet, .

2) Näheres siehe Mahlberg, Goldkreditverkehr und Goldmarkbuchführung, Julius
Springer, Berlin 1923.
        <pb n="39" />
        26 Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden.

und — wie oben — die Spesen abzuziehen. Alles was oben über die Wirkung auf
den Kurs gesagt wurde, gilt hier ebenfalls, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Wenn
man die Situation bildlich sehen will, so muß man die obige Skizze (Illustration 10)
auf dem Kopf stehend mit der Vorderseite gegen das Licht halten. Insgesamt ist
auch hier die Lage so, daß, je höher Kurs und Zinsdifferenz steigen, solche Ger
schäfte immer schwieriger werden; die Geldbeschaffung für die Spekulation wird
im Hinblick auf Zinsdifferenz und Kurschance immer weniger möglich, die Gefahr
eines Kursverlustes statt Kursgewinnes immer größer, je mehr sich der Kurs der
oberen Goldgrenze nähert, sodaß je länger umsomehr solche Geschäfte unmöglich
und die letzten Spekulanten von den Hunden gebissen werden, Vorher ergab
sich im übrigen dieselbe Paralysierung der Wirkungen auf den Kurs, wie sie oben
geschildert wurde.

Das Ergebnis des vorstehenden Abschnittes ist ein dreifaches:

1. wurde gezeigt, wie bei einer für Deutschland ungünstigen Wechselkursent-
wicklung im Inland und Ausland die letzten Reserven aus privatwirtschaftlichem
Interesse herangebracht werden;

2, wurde dargelegt, wie mit schlechter werdendem Wechselkurs und mithin
beim Vorliegen eines passiven Zahlungsbilanz-Saldos Forderungen auf Deutschland,
die Teile dieses Saldos, als Ware für ausländische Hände immer profitabler wer-
den, während sich für deutsche Hände das. Aufkaufen von Devisen zur Kapital-
anlage progressiv immer ungünstiger stellt;

8. wurde behandelt, daß mit fortschreitendem Kursfall der Mark ausländische
Mark-Baisse-Spekulationen entweder sich relativ ungünstig stellen oder in ihrer Wir-
kung paralysiert werden oder gar eine umgekehrte für den Markkurs günstige
Wirkung auslösen; dasselbe ist bei Devisen-Hausse-Spekulation in Berlin der Fall.

Dieses dreifache Ergebnis gilt nicht nur für den Devisenmarkt Berlin
London, sondern in derselben Weise für den Devisenverkehr Berlins mit allen
ausländischen Plätzen und somit für den Gesamtsaldo unserer Zahlungsbilanz.
Aus privatwirtschaftlich egoistischem Interesse wird ein sol-
cher Passiv-Saldo mithin auf der ganzen Linie und von der
ganzen Welt pfleglich behandelt.

ß) Die Anspannung der internationalen Kreditkreierung.

Zu dieser pfleglichen Behandlung des Saldos tritt, entsprechend der wertvollen,
mit Gewinnchancen ausgestatteten Qualität der ihn bildenden Forderungen an
Deutschland, eine Auffang-Organisation, welche im ganzen Ausland und im Inland
sine umfassende Hilfsstellung einnimmt. Aus privatwirtschaftlichem Egoismus
achafft diese Stützungsaktion freiwillige und unfreiwillige Käufer für die wert-
volle Qualität der Forderungen an Deutschland herbei.

Betrachten wir den Vorgang zunächst von Berlin aus, wobei wiederum das
englische Beispiel zu Grunde gelegt und angenommen wird, daß der Pfundkurs steigt
und gleichzeitig der Zins in Berlin höher wird als in London. Wer nun in Deutsch-
land Geld braucht und geeignete Beziehungen in England hat, wird seinen Geld-
bedarf in dem zinsbilligeren England zu decken versuchen. Er läßt sich Kredite
auf Pfundbasis einräumen, verkauft gegen diese Kredite Schecks oder sonstige
Ziehungen auf London und benutzt den Markerlös für seine Zwecke. Je höher der
Kurs steigt — Kurspunkt I—1I oder II—11I der obigen Skizze —, umso größer wird
die Chance, bei Fälligkeit des Kredits mit einer kleineren Marksumme die geliehe-
nen Pfunde bezahlen zu können, weil bei Kurspunkt III mit einem Fallen des
        <pb n="40" />
        Das Phänomen der Konsolidierung von Zahlungsbilanzsalden. 27
Kurses zu rechnen ist, wie noch zu zeigen sein wird, Zum Teil wurden hierfür
Gründe bereits beigebracht, Dasselbe gilt nicht nur gegenüber England sondern
gegenüber allen Ländern,

Wer immer dazu in der Lage ist, wer irgendwo in der Welt eine geeignete
Geschäftsbeziehung hat, wird sich an diesem Geschäft, das Zinsdifferenz-Gewinn
und gute Kurschancen birgt, beteiligen. Beteiligen wird sich auch, wer zwar selbst
kein Geld braucht, aber über entsprechende Beziehungen verfügt; er „nimmt‘“ das in
Deutschland dringend. benötigte Kapital — siehe das Anziehen des Zinses — im
Ausland, z. B. in England, „herein‘ und leiht es in Deutschland aus. Betriebs
kapital ist zu diesem lukrativen Zwischenhandel nicht erforderlich, sondern nur
Kreditehre im Ausland, internationale Delcredere-Fähigkeit, verbunden mit ent-
sprechender Fachkenntnis. Man sieht, wie hier das Ansehen unserer Großbanken
und unserer international bekannten Privatbankiers sich bezahlt macht und wie
„Der deutsche Volkswirt“ einen Artikel „Die Renaissance des Privatban-
kiers‘““ schreiben konnte, in welchem der Privatbankier als Kreditvermittler ge-
priesen wird, weil er freier, beweglicher, auskunftsreicher als die bureaukratisierte
und schematisierte Großbank sei, eine Tugend, die sich namentlich bewähre, seit
die deutsche Wirtschaft in hohem Maße mit ausländischem Kredit finanziert
werden müsse1l). Für die übergroßen Schuldverhältnisse der Jetztzeit und für
die durch den Krieg herbeigeführte Einschränkung der internationalen Bankbezie-
hungen reichen die alten Formen nicht aus, sodaß, wie wir erleben, neue Del-
credere-Gebilde *) ausgesprochen zu dem vorstehend behandelten Zweck entstehen.
Im übrigen ist zu unterstreichen, daß der privatwirtschaftliche Scharfsinn aller
Beteiligten auch die letzte Möglichkeit, die sich hier zu freiwilliger Kreditgewäh-
rung des Auslandes an Deutschland bietet, bestimmt ausnutzen wird.

. Dabei können sich die im Ausland Kredite Aufnehmenden auch auf ungünstigere
Zinsbedingungen — notfalls bis zur Höhe der deutschen Sätze — einlassen. Je
stärker nämlich der Wechselkurs steigt, umso größer wird die zur Zinsdifferenz
hinzutretende Kurschance für die Rückzahlung. Der Scharfsinn und die Anstren-
gungen, ausländische Kreditquellen zu erschließen, nehmen mit steigendem Wechsel-
kurs zu. Für die ausländischen Kreditgeber bedeuten die Geschäfte Kapitalanlage
schlechthin bei feinen Adressen, da nur solche international in Frage kommen
können, und ferner Kapitalanlage bei nach Landesmaßstab auskömmlichen, ev,
sogar relativ hohen Zinsen, während sie ein Kursrisiko nicht zu befürchten haben,
Allerdings haben sie dann auch keine Kursgewinnchance; wie sie sich daran
beteiligen können, wird weiter unten gezeigt.

Die Wirkung dieser Delcredere-Hilfsstellung als Bremse auf die Wechselkurs-
steigerung kann nur unterschätzt werden. Die Besorgnis, das Ausland möchte nicht
genug Geld oder Kapital oder wie man es sonst nennen mag, haben, um Deutsch-
land die nötigen Summen zu kreditieren, ist eitel und privatwirtschaftliche Vor-
stellung eines volkswirtschaftlichen Tatbestandes. Der Zahlungsbilanzsaldo unserer
Voraussetzung ist einmal vorhanden, d. h. er besteht aus Forderungen an deutsche
Schulder, denen in genau der gleichen Höhe Gläubiger im Ausland gegenüber
Stehen, welche das Eigentum an diesen Forderungen besitzen. Herrenlos kann dieses
Eigentum niemals werden, es sei denn, die Eigentümer streichen ihre Forde-
rungen durch! Solange sie das nicht tun, müssen die derzeitigen Besitzer entweder
-_- 1) Stolper, Die Renaissance des Privatbankiers, Der Deutsche Volkswirt, 20. April
2} Z. B. Germanie Trust u. ä.;: näheres hierüber Kapitel 3,
        <pb n="41" />
        Die’ Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden.
das Eigentum selbst in der Hand ‘behalten, oder sie müssen jemand finden, der
die Forderungen übernimmt und an ihrer Stelle pumpt. Etwas anderes gibt es
nicht, sodaß das unserem Schuldsaldo entsprechende Kapital oder Geld bestimmt
im Ausland zur Verfügung steht, ob das Ausland will oder nicht. Wir haben im
übrigen auf diese Frage und auf den Unterschied zwischen Kapital und Geld im
finanztechnischen Sinne noch einmal zurückzukommen.

Die andere Möglichkeit besteht darin, daß, um wieder bei dem deutsch-eng-
lischen Beispiel zu bleiben, englische Firmen und Banken auf Mark-Basis
Geld nach Deutschland legen. Sie kaufen für die ihnen zur Verfügung stehenden.
englischen Gelder in London deutsche Markwechsel oder Auszahlung oder was
sonst es sei, und leihen die damit beschafften Markguthaben in Berlin als Mark-
beträge aus. Dadurch profitieren sie von dem höheren Zins in Deutschland und
haben außerdem eine zusätzliche Kurschance. Nach unserer Voraussetzung werden
solche Geschäfte bei fallendem .Markkurs in London, Kurspunkt 1—2 oder 2—3,
gemacht, sodaß mit größter Sicherheit auf einen gestiegenen Markkurs bei der
Rückrufung der Gelder zu rechnen ist. Auch hier wird aller Scharfsinn und alle
Anstrengungen von allen, die sich irgendwie daran beteiligen können, aufgebracht,
um auch die letzte Möglichkeit zu erschöpfen, wobei neben eigenem Kapital nur
entsprechende Kenntnisse deutscher Verhältnisse erforderlich sind.

Mit der Erschöpfung dieser Möglichkeiten ist im Gegensatz zu der obigen
Kredit-Kreierung von Berlin aus die Hilfsaktion insgesamt .noch keineswegs zu
Ende. An dem Ausleihen englischer bzw. anderer ausländischer Gelder in Deutsch-
land auf Markbasis kann sich nämlich nicht nur derjenige beteiligen, der über
entsprechendes eigenes Kapital verfügt, sondern jeder, der über entsprechende
Kreditehre in England bzw. seinem entsprechenden Heimatlande verfügt. Er nimmt
in England bzw. seinem Heimatland Geld herein und leiht es in Berlin aus, wobei
er an der Zinsdifferenz und an der Kurschance verdient, sodaß er seinen Geld-
anlegern gute Zinsen zahlen kann. Auf der Aktivseite der englischen usw. Bank-
bilanzen häufen sich infolgedessen deutsche Debitoren — auf Markbasis kontra-
hiert — an, denen auf der Passivseite die Geldeinlagen ihrer englischen usw.
Geschäftsfreunde gegenüberstehen. Für die Banken sind es Durchgangsposten der
Kapitalsumme nach, lukrative Gewinnquellen dem Ertrag nach.

iAuch hier kann keine Rede davon sein, daß in England bzw. dem entsprechen-
den Ausland nicht genügend Kapital zur Finanzierung des deutschen Schuldsaldos
vorhanden sei. Der Zahlungssaldo bedeutet das Vorhandensein von ausländischen
Eigentümern von Forderungen an deutsche Schuldner. Solange die Forderungen
nicht durchgestrichen werden, ist das Eigentumsrecht daran vorhanden, in wel-
chen Händen es sich immer befinden möge. Das Eigentumsrecht kann nur die
Hand wechseln, mit oder ohne Kursverlust, aber das ist auch das Einzige, was
möglich ist. Sammeln sich die Eigentumsrechte bei den Großbanken des Aus-
landes, so erscheinen sie dort, wie gesagt, auf der Aktivseite der Bilanzen, und,
gegen diese Aktiva kreieren die Banken Zahlungsmittel, „Giralgeld‘1 Ihre Kunden
verfügen über die durch den Devisenverkauf zu ihren Gunsten entstandenen Gut-
haben, indem sie beispielsweise durch Girozahlungen ihre Lieferantenrechnungen
begleichen. Dadurch stehen jetzt die Forderungen dieser Lieferanten auf der Passiv-
seite der Bankbilanzen, bis diese Lieferanten mit dem ihnen zustehenden „Gelde‘“‘
weiter zahlen und danach wiederum derselbe Vorgang ad infinitum eintritt 1).

1) Siehe zur Technik dieses Vorgangs Hahn, Volkswirtschaftliche Theorie des Bank-
kredits, Verlag Mohr, Tübingen 1920; zu den weitergehenden Schlußfolgerungen Hahns wird
damit nicht Stellung genommen.
        <pb n="42" />
        Das Phänomen der Konsolidierung von Zahlungsbilanzsalden. 29
Oder das Eigentum an den deutschen Forderungen geht als „Devisen auf Deutsch-
land‘ oder als „Golddevisen‘“ an die Notenbank des betr. Auslandes über, welche
sogar Noten gegen die deutschen Forderungen ausgibt, da „Golddevisen‘ allge-
mein als ausreichende Notendeckung gelten ... Auf den guten Willen der Aus-
länder, die Forderungen an uns im Eigentum zu halten, kommt es mithin gar-
nicht an; auch wenn sie nicht wollen, auch wenn sie nicht soviel „erspart“
haben, müssen sie den Saldo halten. Im Übrigen sind sie aber wegen der großen
Gewinnchancen außerdem zum Halten des Saldo gerne bereit.

Nun könnte man einwenden, daß dies alles solange richtig ist, als Deutsch-
lands Goldwährung aufrechterhalten‘ werde, als in Deutschland keine Inflation
eintrete. Auch das ist nicht stichhaltig, denn auch wenn in Deutschland die Währung
zu Bruch ginge, verschwinden damit nicht die Forderungen an Deutschland, auch
dann muß sie jemand im Eigentum halten, wie wir das in der Inflation bei der
todesmutigen Devisenspekulation erlebt haben. Nur wären die Forderungen dann
durch Konkurse und — soweit auf Markbasis kontrahiert — durch Geldwert-
schwund gefährdet. Die überaus wichtige Bestimmung des Dawesplanes,
wonach die Transferierungen die deutsche Währung nicht tangieren dür-
fen, erweist sich mithin in erster Linie als zum Schutze des Aus-
landes und erst in 2. Linie als zum Schutze deutscher Interessen
vorgesehen.

Im ganzen gesehen besteht das Ergebnis des vorliegenden Abschnittes darin,
daß durch Anspannung der internationalen Kreditkreierung der Passivsaldo unserer
Zahlungsbilanz „umgepumpt‘ wird, aus den ersten Händen der ursprünglichen
Forderungsberechtigten, etwa Lieferanten und deren nachgeschalteten Banken,
in 2, und 3. Hände im Inland und Ausland, welche, und darauf allein kommt es
an, von den ausländischen Eigentümern als „treue Hände‘ angesehen werden.
Entweder sind_ sich die ausländischen Eigentümer des deutschen Schuldsaldos
bewußt, daß die treuen Hände ihr Geld in Deutschland unterbringen, oder sie
glauben ihr Geld in englischer usw. Anlage, die in Wirklichkeit lediglich Durch-
zangsbassin für die deutsche Anlage ist, oder sie glauben ihr Kapital konkret in
Banknotenform in der Tasche zu tragen, die in Wirklichkeit nicht einlösbare
Anweisungen auf Forderungen in Deutschland bedeuten. Die Wirkung solcher frei-
willigen und unfreiwilligen Kreditgabe an Deutschland auf den Wechselkurs aber
besteht darin, daß bei fallendem Markkurs — steigendem £-, frs-, $-, hfl- usw. Kurs
— das Überangebot von Mark im Auslande aus dem Markt genommen wird; je
stärker die Mark fällt, umso größer wird der Anreiz, um so mehr Markguthaben
werden aus dem Devisenmarkt herausgenommen, um so stärker wird der Wechsel-
kurs gebremst, und zwar, wie wir sahen. aus privatwirtschaftlichen Motiven der
internationalen Bankwelt.

So liegen die Verhältnisse allgemein für einen Zahlungsbilanz-Saldo größe-
ren Umfanges. Entsteht der Saldo, wie in unserem Falle, durch Tributzahlung,
so ist der für die gegenwärtige Frage bedeutsame Unterschied einzig der, daß die
ersten Hände, welche die Forderungen an Deutschland besitzen, nicht private
Firmen, also englische, französische usw. Exporteure oder deren Incassobanken,
sondern die Staatskassen von England, Frankreich usw. sind. Soweit die Staats-
kassen mit den deutschen Zahlungen ihre heimischen Lieferanten von Dienst-
leistungen und Gütern bezahlen, liegt lediglich eine kleine Verlängerung des Um-
laufsweges vor, denn für die empfangenden Lieferanten gilt ohne Einschränkung
das Obige. Welche volkswirtschaftlichen Folgen solche Verwendungen der deut-
schen Zahlungen für das Ausland hat, wird im nächsten Abschnitt besprochen,
        <pb n="43" />
        30 Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden,
desgl. die Möglichkeit, die deutschen Zahlungen zur Konvertierung der auslän-
dischen Staatsschulden zu verwenden.

y) Die ausgleichende Wirkung der „großen“ Devisenspekulation,

Der Unterschied zwischen großer und. kleiner Devisenspekulation, wie er
hier zu machen ist, wurde bereits dargelegt. Die große Spekulation operiert auf
lange Sicht und stemmt sich infolgedessen einer im Augenblick gegebenen Tendenz
entgegen. Sie verkauft, wenn alle Welt Haussier, also Käufer ist, und kauft, wenn
die Kurse fallen. Sie wirkt infolgedessen stets glättend auf die Kursbewegung, wäh.
rend. die kleine Spekulation im wesentlichen darin besteht, existent gewordene
Bewegungen weiter zu treiben und zu verschärfen.

Benutzen wir wieder das englische Beispiel. ‚Die große englische Spekulation
wird, wenn die Mark zwischen Kurspunkt 1—2 oder 2—3 der obigen Skizze
(Seite 21) fällt, Mark kaufen, weil sie bestimmt‘ auf ein Umbiegen des Kurses bei
Punkt 3 rechnet, sodaß sie bei Kurspunkt 4—5 oder 3—4 die billig gekaufte Ware
teurer verkaufen kann. Daß und warum der Kurs bei Punkt 3 umschlagen wird,
wollen wir einstweilen als gegeben voraussetzen, Diese Hausse-Spekulation kauft,
während alle Welt A la baisse geht, entweder effektive Ware oder Termin-
ware.

_ Soweit sie effektive Ware, also juristisch bestehende Markforderungen auf
Deutschland kauft, muß sie diese Devisen nicht nur bar bezahlen, sondern in
der Zwischenzeit, bis ein ihr genehmer Kursstand erreicht ist, hinlegen. und somit
aus dem englischen Devisenmarkt herausnehmen, sodaß dieses Material nicht mehr
auf den Markt drückt, der Markt insoweit für die Dauer der Spekulation entlastet
ist. Daß nach unserer Voraussetzung regelmäßig für Kurspunkt 2-—3 mit höheren
Zinsen in Deutschland zu rechnen ist, wirkt stimulierend für die Ausbreitung solcher
langsichtigen Spekulationen!

Sahen wir früher, daß für Geschäfte zur Ausnutzung der Zinsdifferenz die even-
tuelle Kurschance als zusätzlicher Antrieb wirkt, so wirkt hier umgekehrt die
Zinsdifferenz erleichternd für die Kursspekulation.

Sobald der Kurs genug gestiegen ist, Kursstrecke 3—4 oder 4—5 oder 5—6,
realisieren die Spekulanten. Sie werfen gewissermaßen das früher gekaufte Material
der inzwischen eingetretenen Kurssteigerung, das ist Markerholung, entgegen und
wirken somit bremsend auf die Steigerung. Hier liegt die Ursache weshalb wir
oben sagten, daß die große Spekulation stets glättend wirke. Ihre Geschäfte wirken
beim Abschluß und bei der Wiederauflösung gegen den allgemeinen Strom. Die
Wirkung ist für Deutschlands Interesse, weil die Spekulation auf dem Markt
Jastendes Material herausnimmt und ihm erst wieder zuführt. wenn er es Ver-
dauen kann. ;

Soweit die große Spekulation nur Termingeschäfte macht, also bei
Kurspunkt 1—2 oder 2—3 auf Termin kauft, setzt sie weder Geld ein noch nimmt
sie Material aus dem Markt. Sie beeinflußt durch ihre Geschäfte. zunächst nur
den Devisen-Terminmarkt, aber der Bremsdruck, welchen sie dort gegen den
Preisfall der Mark ausübt, pflanzt sich, wie hier nicht im einzelnen dargelegt zu
werden braucht, auf den Effektivmarkt fort. Würde nämlich die Druckfortpflanzung
nicht. ausreichend vor sich gehen, so entständen Diskrepanzen zwischen Kassa-
und Terminkurs: in. solchen Diskrepanzen liegen lohnende Gewinnchancen, deren
Ausnutzung durch entsprechende Geschäfte das Auftreten größerer Diskrepanzen
verhindert. Die unmittelbare Bremswirkung auf den Kurs der Mark in: London ist
        <pb n="44" />
        ‚ Das Phänomen der Konsolidierung von Zahlungsbilanzsalden. 31
mithin sowohl beim Eingehen solcher Geschäfte wie bei der Rückdeckung auf
der Kursstrecke 3—4—5-—6 dieselbe wie die Bremswirkung effektiver Käufe. Eine
Entlastung des Marktes von überschüssigem Material und Wiederzuführung bei
stärkerer Nachfrage bringen sie dagegen nicht unmittelbar zustande, sondern nur
soweit solche Leergeschäfte Diskrepanzen erzeugen und diese Diskrepanzen weni-
ger kühne, mit kleineren Gewinnen zufriedene Hände ihrerseits zu effektiven
Käufen anreizen, aufgrund deren sie Terminware abgeben.

Wer effektiv kauft, ist an die monatliche Begrenzung der Spekulation nicht
gebunden; er wartet solange, bis sich seine Hoffnung realisiert. Die: Leergeschäfte
werden dagegen auf Termin, also per Ultimo ev. Medio abgeschlossen, sodaß
sich die Engagementsdauer nach dem außerhalb der Sache liegenden Kalender statt
danach richtet, ob die erhoffte Kurssteigerung inzwischen eingetroffen ist. Um
dieser starren Begrenzung des Engagements auszuweichen, um also nicht an dem
zufälligen Kalendertermin durch vorzeitige Liquidierung der Hausse-Positionen
den Ast selbst abzusägen, auf den man sich gesetzt hat, kommt auch
für die Devisen-Terminspekulation die Prolongation oder Reportierung!) der Ge-
schäfte ähnlich wie auf dem Effektenmarkt in Frage. Ihr Wesen besteht. kurz
gesagt in folgendem:

Ein englischer Spekulant kauft bei Kurspunkt 2 Mark per Ultimo. Am Ultimo
steht der Kurs erst bei Punkt 3. Würde er jetzt realisieren, also zurückverkaufen,
so hätte er nicht nur einen Verlust, sondern er drückte auch den Kurs noch erheb-
lich herunter durch seine Realisierungsverkäufe, Statt dessen nimmt er die ge-
kauften Beträge effektiv ab, was eine Entlastung des Marktes bedeutet, da dieses
Material num nicht mehr im Markt ist. Das zur Abnahme nötige Geld leiht er
sich von einem englischen Geldgeber, der dafür die betr. Markbeträge (d. s. Forde-
rungen auf Deutschland in irgendeiner juristischen bzw. handelsüblichen Form)
als Pfand übernimmt mit der Verpflichtung, die Markbeträge am nächsten Ultimo
dem Spekulanten wieder zu demselben Preise zurückzuliefern unter Berechnung
einer Reportierungsgebühr, Im nächsten Monat, spätestens kurz vor Ultimo verkauft
der Spekulant die ihm vom Geldgeber zurückzuliefernden Devisen effektiv, wobei
wir voraussetzen, daß der Kurs inzwischen endlich gestiegen ist und bezahlt mit
dem Erlös den Geldgeber. Die Bedeutung für den Markt und in unserem Falle für
die Mark besteht also darin, daß das Engagement auch während des ungünstigen
Standes der Mark durchgehalten wird und nicht durch unzeitige Auflösung stört,
und daß durch die Prolongation effektives Material aus dem Markt genommen,
zum Mindesten gebunden wird. Solche Spekulanten sind mithin sehr freundliche
Helfer Deutschlands.

Von Berlin aus werden ebenfalls Geschäfte der großen Spekulation getätigt,
indem bei Kurspunkt I—11—HI Pfunde nicht gekauft, wie das aller auf kurze
Sicht denkenden Welt beliebt, sondern. verkauft werden, auf Termin oder effektiv.
Das für die englischen Geschäfte Gesagte gilt hier spiegelbildartig in der gleichen
Weise. Auch hier wird, wenn am Termin, also Ultimo oder Medio das Spekulations-
ziel noch nicht erreicht ist, prolongiert, um nicht die eigenen Kreise durch Deckungs-
käufe zu stören. Da sie blanko, leer, ohne Pfunde zu besitzen verkauft haben.

1) Über die hier übliche, 'von dem gewöhnlichen Sprachgebrauch abweichende Termino-
logie der Devisenreportierung s. Walb, Rothschilds Taschenbuch für Kaufleute, Abschn.
Devisenleihgeschäft, a. a. O. S. 349; als allgemeine Quelle s. auch Vogel, Das Devisen-
lemingeschäft, Bank- und finanzwirtschaftl. Abhandlungen, 4. Heft, herausgegeben von Prion,
Verlag Julius Springer, Berlin 1924; die Arbeit befaßt sich zur Hauptsache mit den Ver-
hältnissen während der deutschen Inflation.
        <pb n="45" />
        Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden.

müssen sich die Spekulanten die Pfunde außerhalb des Devisenmarktes verschaffen,
und zwar nicht kaufen, sondern leihen mit der Verpflichtung, sie später zum
gleichen Kurs wieder zurückzuliefern unter Berücksichtigung einer Leihgebühr,
Je nach der spekulativen Gesamtsituation des Devisenmarktes kann die Leihgebühr
sehr groß ausfallen und dadurch Pfundbesitzer zum Verleihen heranlocken, welche:
sonst dem Markt fernblieben. Sie trennen sich von ihrem wertvollen Besitze nicht
entgiltig, sondern. behalten ihn, da sie ihn ja zum gleichen Preise zurückgeliefert
bekommen, und genießen in der Zwischenzeit die ihren gewöhnlichen Zins über-
steigende Leihgebühr, sodaß sie temporär das Marktmaterial vergrößern. Hier
liegt das Korrelat für die Entlastung des Londoner Marktes vom effektiven Material]
durch die Prolongation. Die Entlastung in London ist quantitativ viel durchschlagen-
der als die temporäre Materialvermehrung in Berlin, Auf die weiteren. Feinheiten der
Prolongationswirkung auf den Markt und den Zusammenhang mit der Geldmarkt-
lage braucht hier nicht eingegangen zu werden.

‚Wenn die Berliner Kursnotierung bei Punkt V—VI—VII angekommen ist, so
gilt für Berlin das, was oben.für London ausgeführt wurde; wenn und da gleich-
zeitig die Londoner Kursnotierung bei Punkt 5—6—7 ‚angekommen ist, so gilt für
London das, was soeben für Berlin gesagt wurde, bis dann bei Kurspunkt VIII
bzw. 8 wieder unsere Ausgangssituation erreicht wird und das Spiel von neuem
beginnt.

Für den sich immer wiederholenden rhythmischen Verlauf der Wechselkurse
zwischen der oberen und der unteren Goldgrenze erweist sich also die „große‘‘
Spekulation als der starke motorische Antrieb der sich gegen den Druck auf den
Wechselkurs stemmt, sei es daß der Druck vom Saldo der Zahlungsbilanz, sei es
daß er von der Diskontdifferenz ausgeht. Dieser motorische Antrieb zieht seine
Kraft gewissermaßen aus sich selbst, er diskontiert die zukünftige Entwicklung,
nimmt zukünftige Möglichkeiten vorweg, glättet damit die Kursbewegung und trägt
so seinen Teil dazu bei, den Umschwung herbeizuführen. Je mehr der Kurs sich
dem Umschlagspunkt 3 —. in Berlin dem Kurspunkt II — nähert, um so mehr
verlieren die in Frage stehenden Spekulationen ihren Charakter als „große‘‘,
kühne Spekulationen; der Umschwung steht zu deutlich bevor, sodaß alle Welt
jetzt so klug wird, wie es vorher nur Wenige waren. Alle Welt kauft jetzt
Mark effektiv oder auf Termin — in Berlin alle Welt verkauft jetzt Devisen —
sodaß der Umschwung schon auf Grund dieser Geschäfte eintreten muß. Die
„große“ Spekulation wird immer mehr zur „kleinen“, dafür aber umso zahl-
reicher auftretenden Spekulation.

Der geneigte Leser, der wohl schon manchmal in seinem Leben dem Volks-
mund oder der öffentlichen Meinung folgend, der bösen, eigentlich mit 3 Kreuzen
zu versehenden Spekulation die unmöglichsten Dinge zugetraut hat, wird an dieser
Stelle leicht in das umgekehrte Denken verfallen und erklären, daß auch die
Spekulation — hier wortwörtlich zu nehmen — nicht über ihren. eigenen Schatten
springen könne; die Wiederauflösung der Engagements sei der Schatten, und dieser
sei in der Wirkung so stark wie die ursprüngliche Wirkung der Engagements; der
passive Saldo der deutschen Zahlungsbilanz aber werde dadurch überhaupt nicht
vermindert, so daß der motorische Antrieb dieser Spekulation nur ein nutzloses
Auf und Ab der Wechselkurse erzeuge. Dem ist zu entgegnen, daß bereits dieses
Auf und Ab, selbst wenn es nur ein leeres, börsentechnisches Positionsspiel 1)
1) Zum Begrifflichen einer solchen Erscheinung s. Prion, Die Preisbildung an der
Wertpapierbörse, Duncker &amp; Humblot, München 1910; ferner hierzu auch Prion, Das
Deutsche Wechseldiskontgeschäft, Staats- und sozialwissenschaftl. Forschungen, Leipzig 1907.
        <pb n="46" />
        Das Phänomen der Konsolidierung von Zahlungsbilanzsalden. 33
wäre, eine günstige Wirkung ausübte und den Zustand verhinderte, daß die
Jeutschen Wechselkurse dauernd in der oberen. für die Währung gefährlichen Gold-
zone ständen.

Dazu kommt eine wichtige tatsächliche Wirkung auf den Passivsaldo der
Zahlungsbilanz. Zur Erkenntnis wollen wir zunächst normale Verhältnisse, wie
sie etwa vor dem Kriege bestanden, unterstellen. Jedesmal wenn der Wechselkurs
in London — und entsprechend in anderen Ländern — die Phase seines tiefsten
Standes, also Kurspunkt 2—3-—4 durchläuft, so ist für englische, französische usw.
Kapitalisten eine sehr günstige Gelegenheit gegeben, ihr Kapital langfristig in
Deutschland anzulegen. Die Kapitalanlage kann erfolgen, indem sie deutsche Aktien,
Obligationen, Kuxe, Grundstücke, Hypotheken, Betriebsanlagen usw. kaufen, oder
sich an deutschen Emissionen beteiligen, wobei das ausländische Kapital natürlich
die am besten rentierenden Anlagen und darunter wiederum diejenigen aussuchen
wird, die bequem in ausländischer Hand gehalten werden können, Kauft das
Ausland diese lukrativen Beteiligungen oder Investierungen nun im Zeitpunkte des
tiefsten Marktstandes, ca. 5%/g9 ‘unter der Parität, so entsteht dadurch ein Zzu-
sätzlicher Extraprofit. Wer also immer sein Geld in Deutschland für längere Zeit
anlegen will, wird wenn möglich den Zeitpunkt niedriger Markkurse im Auslande —
hoher Devisenkurse in Berlin — wählen, Die Wirkung auf den Markkurs besteht
darin, daß diese Kapitalanleger an ihrem heimischen Markt Mark kaufen und
diese auf dem deutschen Kapitalmarkt unterbringen. Ob sie die Markbestände auf-
kaufen oder ob deren bisherige Besitzer selbst aus ihrer bis dahin kurzfristigen
deutschen Geldanlage in langfristiger Anlage am deutschen Kapital-Markt „umstei-
gen‘, kommt auf dasselbe heraus. Während der Phase des tiefsten Markstandes
besteht dauernd und überall im Ausland diese Tendenz zum „Umsteigen“, sodaß
die ausländischen Devisenmärkte von dem fluktuierenden Markmaterial nicht nur
entlastet, sondern eventuell so stark entblößt werden, daß nunmehr ein umge
kehrtes Mißverhältnis, also überwiegende Nachfrage nach Mark entsteht und der
Markkurs wegen dieses nunmehr aktiven Zahlungsbilanzsaldos umschlagen und
steigen muß.

In dieser Erscheinung liegt die eigentliche Lebenskraft der Goldwährungen,
die von dem Metall im Wesentlichen nur noch den Namen und, um mit Knapp
zu sprechen, den rekurrenten. Anknüpfungspunkt haben,

Hier liegt gleichzeitig die innere Kraft, von der die „große“ Devisenspekulation
lebt. Das Umsteigen aus kurzfristiger in langfristige Anlage ist es, was sie vorweg-
nimmt. Hierin liegt die volkswirtschaftliche Berechtigung dieser Spekulation, beim
Überfluß aufzukaufen, zu speichern, um bei Bedarf abzugeben.

Zwei wichtige Dinge sind dazu zu beachten. Erstens sahen wir früher, daß
ein einmal bestehender Passivsaldo zu ungunsten Deutschlands ungetilgt stehen
bleiben muß, durch keinerlei Manipulationen. eskamotiert werden kann. Um diesen
existenten Saldo handelt es sich; er wird bei dieser Gelegenheit aus kurzfristiger
in langfristige Anlage überführt. Der Saldo ist zweitens englischer, französischer
usw. Kapitalbesitz, der Besitz ist also bereits vorhanden, er braucht nicht erst
gesucht zu werden; auch wer sein. Geld nicht in solcher Anlage haben will, kann
nichts anders tun, als in der Anlage zu bleiben oder einen Käufer zu finden. Je
profitabler die deutsche Anlage ist, um so leichter findet man Käufer. Es wird
also allüberall, international wie in Deutschland solange eine entsprechende Aus-
lese vorgenommen, bis hüben und drüben Kapitalanlage-Gelegenheit in Deutsch-
jand und Kapitalgeber im Auslande zusammenpassen. In der Phase der tiefsten

2
Mahlberg, Reparations-Sabotage
        <pb n="47" />
        Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden.
Markkurse wird dieser Ausleseprozeß durch den günstigen Überführungskurs wesent-
lich erleichtert,

Die Rente der verschiedenen Anlagemöglichkeiten ist verschieden. Obligationen
verzinsen sich anders als Aktien oder großstädtische Zinshäuser; die Auswahl er-
folgt je nach dem Geschmack bzw. der entsprechenden „Geschäftsfähigkeit‘““ der
ausländischen Kapitalisten. Eine besondere Art darf hervorgehoben werden. Sie
besteht darin, daß Engländer, Franzosen usw. bei Kurspunkt 3 ihr Geld aus dem
Devisenmarkt in den Markt deutscher Wertpapiere überführen und bei Kurspunkt 7
wieder nach ihrem Heimatland zurücknehmen. und in ihrem eigenen Markt be-
schäftigen. Für die deutsche Valuta wirkt das günstig, weil Kurspunkt 7 gleich VII
ist, wo der Berliner Devisenmarkt die daraus entstehende verstärkte Nachfrage
vertragen kann. Da dabei nur im Ganzen rund 1% am Wechselkurs — ungefähre
Differenz zwischen Punkt 3 und 7 — zu verdienen ist, so können diese Geschäfte
nicht dazu führen, etwa das Gebäude der deutschen Wertpapierkurse durch über-
großes Angebot zum Zusammenbruch zu bringen.

Lösen wir nunmehr die oben vorgenommene Einschränkung der Betrachtung
auf die Vorkriegsverhältnisse wieder auf und fragen, wie die Erscheinung für die
heutige Zeit des notorischen Passivsaldos der deutschen Zahlungsbilanz sich dar-
stelll, so ist zu antworten, daß sie grundsätzlich nicht anders ist. Der einmal
existent gewordene passive Schuldsaldo Deutschlands hat im Ausland Eigentümer,
denen nichts anderes übrigbleibt, als nach der günstigsten Anlage ihrer Forde-
rungen in Deutschland zu suchen. In der Phase des tiefsten Markstandes werden
sie das am liebsten tun und so die für ein Zurückreagieren, ein Umschlagen des
Kurses bei Kurspunkt 3 erforderliche Entlastung des Devisenmarktes herbei-
führen. Nur eines ergibt sich als Novum. Angesichts der Größe und Eindeutigkeit
des Saldos und angesichts der geistigen Hemmungen muß Deutschland große An-
strengungen machen, um möglichst bequeme und möglichst zahlreiche Anlage-
möglichkeiten dem Auslande zu präsentieren, nicht von Staats wegen, sondern
seitens der deutschen. Einzelwirtschaften. Darauf wird in späteren Abschnitten noch
ausführlicher zurückzukommen sein, desgl. auf das weitere Novum, daß die Frage
der Entlastung des deutschen Devisenmarktes bei Kurspunkt II — London Kurs-

punkt 3 — eine quantitative Veränderung erfahren hat. Vielleicht darf aber bereits
jetzt auf die von Bonnl) glücklich gewählte Formulierung der „Privatisie-
rung der deutschen Reparationsschuld‘“ verwiesen werden, die als
Prazeß z. Zt. zu heobachten und var allen Dingen Anfgahe der Zukunft. sei.

$\ Die Wirkung der „kleinen“ Devisenspekulation.
Das Wesen der „kleinen“ Devisenspekulation besteht darin, daß sie eine vor-
handene Tendenz „ausschlachtet‘‘, dA. h. durch ihre meist nur für kurze Dauer ein-
gegangenen Engagements die im Augenblick vorhandene Tendenz weitertreibt.
Sa wird eie in London bei Kurspunkt 8—1-—2—3 Baisse-Engagements eingehen,
ı) Bonn, Befreiungspolitik oder Beleihungspolitik?, S. Fischer, Berlin 1928, S, 12:
‚Eine Privatisierung der politischen Schulden ist von Anfang an ins Auge gefaßt worden,
ei der deutschen Reparation sowohl als bei der Regelung der interalliierten Schulden an die
Vereinigten Staaten. Diese Umwandlung ist aber nur möglich, wenn die Summen, die Deutsch-
and zahlen muß, nach der Auffassung der internationalen Kapitalmärkte seiner Leistungs-
fähigkeit angepaßt sind und wenn der Zinsfuß, zu dem sie plaziert werden sollen, der
Kreditwürdigkeit Deutschlands und den Zinsverhältnissen am Kapitalmarkt entspricht.“ Bonn
berücksichtigt nicht, daß es auf den Willen der internationalen Kapitalmärkte grundsätzlich
nicht ankommt.
        <pb n="48" />
        Das Phänomen der Konsolidierung von Zahlungsbilanzsalden. 35
‚lso Mark verkaufen und sich bald wieder zurückdecken, wie das bereits mit der
ükizze auf S. 21 gezeigt wurde, Auch die Paralysierung ihrer Wirkung auf die
Devisenkurse wurde bereits behandelt. Wir kommen deshalb noch einmal auf
diese kleine Devisenspekulation zurück, weil ihre markttechnische Situation es ist,
welche bei Kurspunkt 3 die allmählich immer matter gewordene Baisse-Be-
wegung der Mark endlich zum Umschwung in die Hausse bringt.

Je mehr sich der Mark-Kursfall in London dem Kurspunkt 3 nähert, umso
mehr Mitläufer finden die bisherigen „großen“ Spekulanten, welche durch Käufe
von einer künftigen Hausse der Mark profitieren wollen. Kurz vor Punkt 3 sind es
so viel Haussiers geworden, daß der Begriff der großen Spekulation allmählich
entfällt. Das Mitläufertum bedeutet in diesem Falle, daß sich die kleine Spekulation
in 2 Parteien geteilt hat. Die eine Partei fährt mit ihren auf kurze Sicht und auf
Erzielung kleiner Gewinne abgestellten Baisse-Verkäufen von Mark — z. B. in
London — fort, während die andere Hälfte Morgenluft wittert und sich der großen
Haussespekulation anschließt, also nicht wieder von neuem Mark verkauft, son-
dern im Gegenteil nach Glattstellung ihrer alten Baisse-Engagements Mark „zu-
kauft‘, Dadurch entsteht die marktechnische Position, welche in der Skizze auf
3 94 durch die isoliert stehenden Buchstaben RRR angedeutet wurde.

Der Markt ist also geteilt, es hat sich eine gegen die bisherige Tendenz ger
richtete Contremine gebildet, die als solche Freund wie Feind gefährlich werden
kann, je nach der Richtung, in welcher sie explodiert. Käme es nämlich zu einer
weiteren Entwertung der Mark über Kurspunkt 3, also über die Goldgrenze hinaus,
so würde gerade das Mitläufertum der großen Haussespekulation und auch Teile die-
ser letzteren selbst finanziell schwach werden und durch überstürzte Reali-
sationen einen panikartigen Kurseinbruch hervorrufen. Gemildert würde der Kurs-
sinbruch nur dadurch werden, daß kleine Hände beschleunigt ihre unverhofften
„Gewinne sicherstellten‘““. Tritt dagegen der Kursumschwung bei Punkt 3 ein, so
gibt es auf dem ganzen Markt als „Primärgeschäfte‘“ — im Gegensatz zu dem
„Sekundärgeschäften‘“ der Zurückdeckung — nur Käufer, niemand will verkaufen,
sodaß für die noch nicht zurückgedeckten Baisse-Engagements der alten „kleinen“
Spekulation keine Gegenkontrahenten zur Glattstellung zu finden sind. Die über-
mütig werdende Hausse schwänzt die in Notlage befindliche Baisse-Partei auf,
Die Baisse-Partei übersteigert sich immer dringlicher selbst mit ihrer Deckungs-
nachfrage, der Kurs der Mark muß, einmal ins Steigen gekommen, in großen Sprün-
gen nach oben gehen. Auch hier erfolgt Abdrosselung allzugroßer Sprünge da-
durch, daß kleine Hände ihre bis dahin entstandenen. Gewinne „sicherstellen“,

also das A la hausse gekaufte Material nun verkaufen bzw. Verkaufsgegengeschäfte
auf Termin machen. .

Dies beleuchtet die Gefährlichkeit der Contremine, die sich kurz vor Erreichen
von Kurspunkt 3 gebildet hat. Sie entsteht aus kleinen Anfängen, wird immer
größer und lastet dann drohend auf dem Markt. So einfach, wie wir es mit unserer
schematischen Eindeutigkeit darstellen, liegt die Sache beim Geldverdienen in
der Praxis natürlich nicht, denn der Wechselkurs verläuft nicht als glatte Linie,
entsprechend den starken Linien unserer Skizze auf S. 21, sondern in für den je-
weiligen Augenblick unübersehbaren Oszillationen, wie es die Skizze durch die
dünneren zackigen Linien andeutet. Wer sich an der Contremine oder gegen sie
beteiligt, steht keineswegs vor einer so eindeutigen Zukunftsentwicklung der näch-
sten Zeit, wie es nach unseren Darlegungen scheinen könnte. Dazu ist zu berück-
sichtigen, daß wir es begrifflich bei der Goldgrenze nicht mit einem bestimmten
Goldnunkt des Wechselkurses, sondern. mit einer relativ. breiten Zone des Wechsel-
        <pb n="49" />
        Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden,
kursverlaufes zu tun haben, innerhalb derer an den verschiedensten Punkten
Goldtransporte denkbar sind; der Goldpunkt liegt für jede beteiligte Firma ver-
schieden, und selbst für dieselbe Firma an verschiedenen Tagen verschieden‘).
Ein einzelner Kurspunkt, von dem man sagen könnte, daß er generell der Gold
yunkt sei, ist mithin nicht gegeben.

aber trotz all dieser Einschränkungen wird die Baisse-Spekulation gegen
die Mark im Auslande immer gefährlicher, je tiefer der Kurs fällt, und umso be-
Adrohlicher bildet sich eine Kontermine, welche durch das Mittel des Goldtrans-
vorts ihren Willen durchzusetzen und durch dasselbe Mittel ihr Risiko zu begrenzen
vermag. Um mit letzterem zu beginnen, können sich die Haussiers, also die Teil-
nehmer an der Kontermine, die gekaufte Mark liefern und sich für den Gegenwert
30ld aus Deutschland schicken lassen; der Erlös aus dieser Goldsendung macht,
was hier nicht näher behandelt zu werden braucht, soviel aus, wie es im Prinzip
lem Kurspunkt 3 entspricht. Sollte der Kurs also noch tiefer als Punkt 3 fallen,
so decken sich die Haussiers nicht durch Verkäufe zurück, sondern wählen den
vorstehenden Weg. Die Goldsendung bedeutet zugleich Bezahlung deutscher Schul-
Jen durch Gold, sodaß um diese deutschen Schulden, das war bis dahin Devisen-
material in London, der Markt entlastet wird. Die Goldbewegung kann auch als
Differenz-Arbitrage ohne Zusammenhang mit der Kontermine vorgenommen wer-
len, indem Marktteilnehmer die billige Mark bei Kurspunkt 3 oder noch darunter
in London kaufen und sich den Gegenwert in Gold aus Deutschland remittieren
lassen, Die Goldbewegung vermindert also das Markangebot im Auslande, und jede
Mark, die auf diese Weise aus dem Markt genommen wird, verschlechtert die durch
lie Kontermine prekäre Lage der Baissiers. Die Goldbewegung ist gewissermaßen
der letzte Tropfen, der das Faß züm Überlaufen bringt, und, einmal übergelaufen,
so ist kein Halten mehr. Es brauchen mithin keine großen Goldbewegungen zu
sein, die eintreten.

Das Prinzip des letzten Tropfens geht hier sogar noch weiter, indem schon
die bloße Möglichkeit, daß Goldtransporte einzutreten drohen, die immer stärker
isolierte Baisse-Partei zum Lösen ihrer Engagements bringt und damit den Kurs
der Mark, wie gezeigt wurde, nach oben springen läßt. Drohende Goldbewegungen
wirken als Signal für einen Umschwung des Kurses, zu eigentlichen Goldbewe-
zungen braucht es gar nicht zu kommen, wie durch meine Untersuchung über den
Frankenkurs?) für längere Jahre nachgewiesen worden ist. Dies vor allem deshalb,
weil — immer von London aus betrachtet — nunmehr der Diskont in Berlin
von der Reichsbank bestimmt erhöht wird, wenn nicht bereits vorher am freien
Markt die Diskontdifferenz gegenüber dem Auslande immer stärker zum Schutze
der deutschen Währung sich verschoben hatte, also der Privatdiskont in Berlin
höher als in London geworden ist. Dadurch aber wird die mit nunmehr höheren
Zinsen ausgestattete Mark so wertvoll, daß in London genügend Liebhaber dafür
als Käufer auftreten, sodaß sich die Baisse-Engagements nicht mehr halten.
lassen und der Umschwung mit Macht einsetzt.

Die allmählich sich verschärfende Diskontdifferenz oder das ruckartige An-
ziehen der amtlichen Diskontschraube ist also der Funke, welcher die Konter-
mine zur Explosion bringt. Über dieses Mittel verfügen wir auch heute bei den
durch die Reparations-Zahlungen lediglich quantitativ anders gearteten Devisen-
Marktverhältnissen. Sollte vorher nicht genügend Anreiz zur Übernahme deutscher
ij Schmalenbach, Der Kurs des Pfund-Sterling-Wechsels, a. a. 0. 8. 247.
?) Mahlberg, Der Kurs des Frankenwechsels, a. a. 0. S. 400.
        <pb n="50" />
        Das Phänomen der Konsolidierung von Zahlungsbilanzsalden, 37
Schulden in ausländische Hände bestanden haben, so tritt ein solcher Anreiz
mit der Diskonterhöhung bestimmt ein, sodaß die Auslandsmärkte immer stärker
von Material entlastet werden, und sich eine Markkursbesserung auch innerlich
rechtfertigt. Zu beachten ist, daß die ganze Konterminen-Situation bereits inso-
weit schlecht zur — allerdings jeweils unbekannten — Wirklichkeit des Marktes
paßt, als das im vorigen Abschnitt y dargestellte „Umsteigen‘“ bereits vorher und
gleichzeitig zu denken ist, also eine starke Entlastung des Markts von Material tat-
sächlich eingetreten ist und nur von den Mineuren nicht genügend erkannt wurde,
Daß heute nicht mehr der einzelne deutsche Arbitrageur sondern nur noch die
Reichsbank Goldtransporte vornehmen kann, verschlechtert unsere Situation nicht
grundsätzlich,

Dazu kommt die überaus wichtige Bestimmung des Dawes-Planes, daß durch
die Reparations-Zahlungen unsere Währung nicht beeinträchtigt werden darf,
Das ist geradezu ein Freibrief für die Hausse-Spekulanten bei Kurspunkt 2—3 im
ganzen Ausland. Dadurch ist ihr Risiko viel besser, als es bei normalen Wirtschafts-
verhältnissen durch die Möglichkeit von Goldtransporten der Fall ist, nach unten
begrenzt. Sie können letzten Endes in der Nähe von Kurspunkt 3 höchstens die
Spesen ihrer Spekulationsgeschäfte riskieren, während die ihnen gegenüberstehende
Baisse-Partei Kopf und Kragen einsetzen muß.

Und nım muß man sich vor Augen halten, daß es nur darum geht,
den durch die Reparationslast eindeutig nach unten tendierenden Kurs der Mark
in Bewegung zu halten, sodaß er nicht an den Börsen des Auslandes dauernd
in der Zone der unteren Goldpunkte wagerecht, stagnierend daher schleicht, als
dauerndes Schreckgespenst für unsere Währung und als dauernde Nötigung,
unser Zinsniveau dauernd unerhört hoch zu halten, statt daß letz-
teres sich den Wirtschaftsverhältnissen in Deutschland anpaßt. Nur um die Bewe-
gung geht es, nicht darum, etwa auf diese Weise durch Goldtransporte oder ähn-
liche künstliche Mittel die Riesensumme der Reparations-Zahlungen zu tilgen.

Ist einmal der. Umschwung eingetreten, so treibt die nun nicht mehr in zwei
Parteien geteilte Schar der kleinen Spekulanten den Markkurs weiter in die Höhe,
bis von Kurspunkt 5—6 an wieder eine „große‘“ Spekulation, diesmal mit Baisse-
Geschäften, eingreift. Die internationale Kredit-Kreierung hält im übrigen während
der Kursbewegung 3—4—5 an. Zwar wird allmählich der hohe deutsche Zins
zurückgehen, aber dafür entstehen Kursgewinne durch die Mark-Erholung.

Es erübrigt, das markttechnische Positionsspiel der kleinen Spekulanten, wie
es gleichzeitig in Berlin stattfindet, darzustellen, Es ist in jeder Beziehung spiegel-
bildartig derselbe Vorgang, der in für die Betroffenen immer bedrohlicher werden-
den Hausse-Engagements mündet, durch deren Sprengung es schließlich in Ber-
lin — durch die Arbitrage dauernd in präziser Übereinstimmung mit den Devisen-
Märkten des Auslandes -— zum ruckartigen Zurückweichen der Devisenkurse
kommt. Sind die Kurse einmal im Weichen, Kursstrecke II-—IV-—V und geht
gleichzeitig als „taktische Bewegung‘ der Zins in Berlin zurück, so hören trotzdem
die Anstrengungen deutscher Firmen, Geld in dem nun nicht mehr so zinsbilligeren
Ausland aufzunehmen, nicht auf, weil der Devisen-Kursfall später eine Rückzahlung
der Schuld zu niedrigerem Kurse erlauben wird, sodaß die Geldaufnahme im Aus-
land auch weiterhin vorteilhafter bleibt als im Inlande. Natürlich ceteris paribus!
Man darf also vom Ausland aus Geldanlage in Deutschland nicht etwa als exotische
Anlage ansehen, für die eine besondere Risikoprämie zu zahlen ist, Hier zeigt
sich eindeutig, wohin unsere organisatorischen Anstrengungen
        <pb n="51" />
        38 Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden.
zielen müssen und welchen Schaden die z. T. in ungeheuerlichem Ausmaß auf-
tretenden. falschen wirtschaftlichen Theorien über unsere Frage den deutschen
Interessen. zufügen,

*%

Unsere Untersuchung hat in den Abschnitten 0-—d die denkbaren Möglichkeiten
privatwirtschaftlicher Ausnutzung der durch die dauernden Veränderungen von
Wechselkurs und Zins im Inlande und Auslande entstehenden wechselnden Kon:
stellationen zu einem großen und geschlossenen System zusammengestellt. Der
Wirkungsgrad der einzelnen Mechanismen des Systems ist bereits an sich ver-
schieden groß; die Störung und Auflockerung der Beziehungen zwischen den Geld;
bzw. Kapitalmärkten der Welt durch Kriegs- und. Nachkriegszeit hat die Wirksamkeit
ler Mechanismen verschlechtert, sodaß der Verkehr sich nicht überall des ganzen
großen Systems bedienen kann, sondern sich mit einer behelfsmäßigen Verkehrs.
abwicklung mittels der wichtigsten Teile des Systems begnügen muß. Die Uner-
bittlichkeit, Unabdingbarkeit und Eindeutigkeit des volkswirtschaftlichen Tatbestan-
des wird je länger umso mehr das ganze System zur Konsolidierung des Passiv-
Saldos unserer Zahlungsbilanz wieder, soweit nicht schon geschehen, in Dienst
stellen und über ungünstige Mentalitäten und falsche theoretische Auffassungen hin-
wegschreiten. Vorher liegen Reibungsverluste, welche den deutschen Interessen
und damit zugleich der Weltwirtschaft abträglich sind, durch Verbreitung richtigen
weltwirtschaftlichen Denkens aber vermindert werden können. Wie wichtig und
richtig im übrigen das aufgestellte System ist, möge der Fachmann an dem exakten,
durch Tatsachen belegten Ergebnis meiner früheren Untersuchung über das Verhält-
nis von kurzem und langem Wechselkurs!) erkennen, worauf hier nicht näher
eingegangen. werden kann.

1) Mahlberg, Der Preismechanismus der Kurz-Lang-Spannung am Devisenmarkt, Zeit-
schrift für Handelswissenschaftliche Forschung, 13. Jahrgang, G. A. Gloeckner, Leipzig 1919.
        <pb n="52" />
        d) Die Besonderheit des durch Tributzahlung entstehenden Passiv
saldos unserer Zahlungsbilanz®*).

Wenn wir die früher festgestellte Unmöglichkeit des Ausgleichs vom Zahlungs-
bilanzsalden. noch einmal zusammenfassen, so können wir folgendes sagen: Wie
im inländischen Verkehr die Wirtschaftszellen oder -betriebe ihre Leistungen
gegeneinander austauschen, so ist es auch international. Leistungen deutscher
Betriebe werden an das Ausland abgegeben und das Ausland liefert uns Leistungen
seiner Betriebe in Form von Gütern oder Dienstleistungen. Auch internationak
können genau wie im Inland endgültig Leistungen nur mit Leistungen bezahlt
werden. Wenn eine Partei des internationalen Tauschverkehrs, also ein einzelnes
Land, mehr an das Ausland leistet als es empfängt, so ist die Mehrleistang nicht
mehr ausgleichbar, sie muß unausgeglichen als Forderung an die Empfangsländer
einstweilen stehen bleiben, sie wird Kapitalinvestierung des einen Landes im
anderen Lande, ob das Überschußland dies will oder nicht will. Es ist derselbe
Vorgang, wie er im Inland zu beobachten ist: wer den Gegenwert seiner an den
Markt verkauften Leistungen nicht wieder voll in der nächsten Wirtschaftsperiode
für sich als Aufwand einsetzt, wird mit seinem Überschuß, ob er will oder nicht will,
in irgendeinem anderen Betriebe investiert. Sein „erspartes Einkommen“ wird
irgendwo investiertes Kapital. Hier wie im ausländischen Verkehr kann der
einzelne sich wieder aus der Anlage zurückziehen, aber die Gesamtheit aller
kann dies in beiden Fällen nicht.

Die juristische und handelstechnische Form der Kapitalinvestierung im Aus-
land ist doppelter Art. Entweder ist das ins Ausland überführte Kapital lang-
fristig investiert in Beteiligungen, Grundstücksbeleihungen und -erwerbungen, durch
Besitz von Aktienpaketen u, ä. Die Kapitalschuld an die Empfangsländer ist
dann aus dem Geld-, Devisen- und Kapitalmarkt herausgenommen, die Kapital-
investierung im Ausland ist endgültig bzw. auf längere Zeit konsolidiert. Oder
die Investierung des ins Ausland überführten Kapitals ist noch nicht konsolidiert.
Die Ansprüche der Einwohner des Landes, welche das Kapital exportiert haben,
haben noch die Form kurzfristiger Kreditgewährung, sie schwimmen noch als
Wechsel-, Lombard- oder Kontokorrentforderungen. im Markt, sie sind noch flot-
santes Material am engeren Devisen- und Geldmarkt, Aber trotz dieser kurz-
fristigen Form handelt es sich materiell um eine Daueranlage, um
langfristige Investierung, denn einmal gepumpt, bleibt gepumpt, ein Zurückholen der
Kapitalbeträge aus den Schuldner-Ländern ist solange unmöglich, als von dort aus
keine Mehrleistungen erfolgen.

Formal ist es eine ähnliche Situation, als wenn kurzfristige Bank- usw.
Kredite „eingefroren‘“ sind, wie man seit einiger Zeit sagt, oder als wenn man
Fabrikanlagen auf Wechselakzepte baut, die nolens volens immer wieder prolon-
ziert werden müssen, da sich die Fabrikanlage nicht zurückverflüssigen läßt, Aber
materiell liegt hier ein großer Unterschied vor. Das Kriterium für den Begriff des
eingefrorenen Kredits ist im wesentlichen die — temporär oder für immer

1) Als allgemeine Quelle über Einzelheiten der Reparations-Verpflichtungen siehe Ernst
Meier, Handbuch der deutschen Reparationen, Deichertsche Verlagsbuchhandlung, Leipzig
19272.
        <pb n="53" />
        10 Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden,

gegebene — Ladenhütereigenschaft des Objekts der betreffenden Geldanlage;
nicht die Form der Finanzierung, sondern die unzureichende Ren-
tabilität macht die betreffenden Anlagen unschön. Ganz umgekehrt steht es
mit einem Zahlungsbilanz-Saldo, der einstweilen noch der langfristigen Investie-
rungsform entbehri. Nicht die Rentabilität, sondern die Finanzierung,
und zwar genauer die Finanzierungsform ist unschön bzw. störend. Die Kapital-
anlage selbst ist „im Zweifel‘‘ gesund und rentabel, man denke etwa an die
derzeitigen ausländischen Kapitalanlagen in Deutschland. Die Finanzierungsform
dagegen macht Schwierigkeiten, aber wenn man nüchtern hinsieht, so sind es
Schwierigkeiten, um die sich das Gläubigerland und nicht das Schuldnerland
sorgen muß, denn wieder abnehmen kann man dem letzteren die Investierung
nicht. Das Gläubigerland kann lediglich durch fortwährendes Zerren an dieser
Unmöglichkeit die Kreise der an sich rentablen. und daher gesunden Kapital-
anlagen stören, also sich selbst schädigen!

Nunmehr können wir einen wesentlichen Schritt weiter machen, Ob unsere
Verschuldung an das Ausland durch Mehrimporte oder durch Auferlegung von
Kriegsentschädigungen entsteht, verändert das Prinzip nicht. Verpflichtungen aus
Mehrimporten wie Verpflichtungen aus Kriegsentschädigungen sind gleichmäßig
Schulden Deutschlands an das Ausland; für beide Schuldarten gilt gleichmäßig,
daß sie nur durch effektive Leistungen deutscher Betriebe an das Ausland ge-
tilgt werden können. Die Frage, ob wir überhaupt im Inland durch Steuern u. ä.
die als Reparation verlangten Summen aufbringen können, ob etwa nicht die
Reparationszahlungen wegen der inländischen Seite der Aufbringung in sich
zusammenbrechen müssen, steht hier nicht zur Besprechung und wird im übrigen
in einem besondern Abschnitt behandelt. Soweit die Tributbeträge im Inland auf-
gebracht und dem Reparationsagenten überstellt werden, gilt für sie das bisher
ausführlich Dargelegte, es sind Schulden an das Ausland, die nur durch Leistungen
an das Ausland getilgt werden können und die, soweit solche Leistungen nicht
möglich sind, als Kapital des Auslandes im Inland stehen bleiben müssen.

Von den Zinsen, die jährlich für solche in Deutschland stehen bleibenden Beträge
zu zahlen sind, gilt folgendes. Für den Devisenmarkt bzw. für unsere Zahlungen
an das Ausland ist es gleich, ob für Schulden aus Importüberschuß, Kriegsschulden
oder Zinsschulden „Devisen beschafft werden‘, alle drei Schuldarten sind nur
durch Leistungen deutscher Betriebe auszugleichen, Die uns zu solchem Schuld-
ausgleich befähigenden Leistungen sind unsere Exporte und Dienstleistungen für das
Ausland, und wir werden sehen, daß die Größe unserer Exporte u. ä. in gar keinem
kausalen Zusammenhang mit der Größe unserer im jeweiligen Augenblick ge-
gebenen „Verschuldung‘“ an das Ausland steht. Es sind das Dinge zweier völlig
verschiedener Ebenen, unsere Exportkraft auf der einen, unsere internationale
„Verschuldung‘ auf der anderen Seite, Jedermann würde das ohne weiteres er-
kennen, wenn nicht unsere Mentalität hoffnungslos schief wäre durch die familien-
wirtschaftliche Angst vor dem Begriff der Verschuldung. Ich habe an anderer
Stelle1) gezeigt, daß wirtschafts-begrifflich bereits im inländischen Verkehr jeder
Kredit letzten Endes Beteiligung ist, daß nur die verkehrsmäßige Vollkommen-
heit des Kreditrechts uns erlaubt, so zu tun, als ob wir den Beteiligungscharakter
aller Kredite nicht sähen; in noch ganz anderer Weise haben wir es bei „volks-
wirtschaftlicher‘ Verschuldung mit Beteiligung zu tun. Bei dem Gesamtverschul-

1) Mahlberg, Das Auskunftswesen und seine Probleme, Grundriß der Betriebswirt
schaftslehre, Band XI, G. A. Gloeckner, Leipzig 1928.
        <pb n="54" />
        ‚ Die Besonderheit des durch Tributzahlung entstehenden Saldos unserer Zahlungsbilanz. 41

dungs-Verhältnisse von Land zu Land ist es bezüglich der „Schuldrückzahlung‘“
gleich, aus welcher Ursache die Verschuldung bzw... besser Kapitalinvestierung
entsteht.

Die Vorstellung der sich anhäufenden Zinszahlungen verleitet zu dem Ge-
danken, daß wir, gerade weil der jährliche Reparationsbetrag nicht an das Aus-
land tatsächlich überführt wird, sondern stehen bleiben muß, nun auch noch für
die Zinsen jahraus jahrein mit deutscher Hände Arbeit fronen müßten. Der Ge
danke ist, wie man deutlich und ohne jeden Zweifel sehen kann, abwegig: wenn
die nicht durch deutsche Leistungen ins Ausland überführten Beträge bei uns
stehen bleiben müssen, dann werden sie selbstredend irgendwie wirtschaftlich,
d. h. zinstragend angelegt; die betreffenden Anlagen erbringen mithin jahraus jahr-
ein die erforderlichen Zinsen, für das Wirtschaftssubjekt der betreffenden industrie-
ellen oder sonstigen Anlage und seine Hilfspersonen ist es an sich gleich, ob der
Rentenempfänger eine inländische oder eine ausländische Hand ist. Natürlich
wäre es für uns schöner, wenn die Rente empfangenden Hände inländische
wären, aber das ist die Folge der Tributzahlung wegen verlorenen. Krieges; es wäre
ein kindisches Gebaren, wenn wir über die jährliche Zinszahlung an die aus-
ländischen Hände nun wieder von neuem uns beirüben würden, nachdem wir uns
über die Zahlung der Hauptsumme, des Kapitals bereits betrübt haben. Dazu kommt
noch ein weiterer, viel wichtigerer Trost, der einige Zeilen später zu behandeln ist.

Welche Folge entsteht, wenn für ein Land eine starke Importverschuldung
plus Zinsendienst daraus stehen bleibt, wegen der Unmöglichkeit von Mehr-
leistungen ungetilgt stehen bleibt und immer mehr anwächst? Wir sprechen dann
normaler Weise von „Kapital-Einfuhr‘“ auf der einen Seite und „Kapital-Export“
auf der Seite des Gläubigerlandes. Man denke etwa an den europäischen Kapital-
Export nach Argentinien und anderen südamerikanischen Ländern vor dem Kriege.
Er bedeutete Erschließung der Länder, kapitalmäßige Höherentwicklung der be-
treffenden. Volkswirtschaften! Trotzdem die Eigentümer dieser Kapitalien in Europa
saßen, war die Ausstattung von Argentinien und anderer Länder mit vervoll-
kommneter Betriebsapparatur weder für Argentinien noch für Europa unangenehm
oder schädlich, sondern für beide Teile angenehm und rentabel. In Canada wuchs
beispielsweise die Verschuldung an das Ausland bis zum Kriegsbeginn allmählich
auf zirka 15 Milliarden Goldmark an, Canada fühlte sich offenbar sehr wohl in
dieser Rolle als Schuldner eines Zahlungsbilanz-Saldos; durch den Zufall, daß
ihm der Weltkrieg so riesenhafte Leistungen an das Ausland bescherte, hat es in-
zwischen den Saldo getilgt, während es ohne diese Zufälligkeit auch hente noch
sich seiner Verschuldung „erfreuen‘“ würde.

Damit kommen wir auf den oben angedeuteten wichtigen Trost, der bei unsern
Schuldzinszahlungen zu beachten ist. Wenn unsere Reparationszahlungen mangels.
entsprechender deutscher Mehrleistungen an das Ausland als Kapitalschuld in
Deutschland stehen bleiben müssen, dann sind wir bezüglich der dafür zu zahlen-
den Zinsen nicht schlechter gestellt, als es Canada vor dem Kriege war. Wenn
die Canadier ihren europäischen und nordamerikanischen Kapitallieferanten für
die Erschließung Canadas dankbar waren, so haben wir zweifellos keinen Grund,
unsern Reparationsgläubigern für genau denselben Vorgang wegen der Zinsen
böse zu sein — gemeint ist nicht die unberechtigte Tributpflicht,

Auch damit ist der Trost noch nicht erschöpft. Die leider und zum Schaden
unserer Volksharmonie in aller Welt meist nicht beachtete fundamentale Selbst-
rerständlichkeit, daß der Kapitalist sein Kapital nicht „aufessen‘“ kann, weil es
aus Fisen. Betonmauern, Maschinen, Rohstoffen usw. besteht, und daß er des
        <pb n="55" />
        'Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden.

ilerneren auch bezl. der Zinsen in seiner Genußfähigkeit geradezu elementar be-
schränkt ist, läßt es fast gleichgültig erscheinen, an welchem Punkte der Welt
er seinen Wohnsitz hat. Es genügt uns, und wir sind ungemein erfreut, wenn wir
ans an seinem Verzehren der Rente durch Lieferung seiner Konsumartikel beteiligen
dürfen, ob als inländische Lieferung oder als Export ins Ausland, ist wieder-
um völlig gleichgültig. Nur eine Schädigung dessen, was wir Kultur zu nennen
belieben, ist bis zu gewissem Grade mit dem Wohnsitz der Kapitalisten im Aus-
lande statt im Inlande verbunden, worüber noch zu sprechen sein wird.

Wenden wir uns nun der Frage zu, wie es denn überhaupt mit der Willig-
keit des Auslandes steht, deutsche Mehrleistungen als Import bzw. als unsern
Export entgegen zu nehmen. Es ist bekannt und bedarf keiner ausführlichen Dar-
jegung, daß weder die ehemals feindlichen Länder, noch die neutralen vermehrte
deutsche Exporte im Umfang der Reparationen, zu empfangen wünschen. Sie
wünschen sie weder, noch können sie eine derartige Überschwemmung mit deut-
schen Leistungen gebrauchen!), Effektive Zahlung wird also abgelehnt, Die
wirtschaftslogische Situation in dieser Beziehung liegt im ganzen vielmehr so:
das ehemals feindliche und das übrige Ausland importieren von uns nur das,
was seine Kaufleute bzw. deren Kundschaft von uns gebrauchen können. Nur
dies und nicht mehr wird von Deutschland bezogen, und selbst diese Importe
möchte man am liebsten vermeiden, wie das weltwirtschaftlich sinnlose System
von Zollmauern und sonstiger Importverhinderung oder -erschwerung zeigt. Ein
Kausalzusammenhang zwischen diesen von dem internationalen Handel getätigten
privatwirtschaftlichen Geschäften und der am grünen Tisch auferlegten Kriegsschuld
vesteht nicht, auch nicht auf dem Umweg über „Devisenbeschaffung‘, Zins-
niveau, Warenpreishöhe u. a., wie weiter unten zu zeigen ist.

Ähnlich stellt sich die Umkehrung dar, nämlich unser derzeitiger sogenannter
Kapital-Import, die Aufnahme von Anleihen in Amerika, England usw. Auch hier
liegt die umgekehrte Logik vor. Unser derzeitiger Kapital-Import bedeutet, daß sich
amerikanische und andere ausländische Reisende und Agenten die „Schuhsohlen
ablaufen. müssen‘, damit wir ihnen Ware abkaufen, ihre Autos auf Abzahlung
anschaffen, mit ihren Schiffen fahren. Dies ist der eigentliche Kapital-Import, und
wir sahen, daß, einmal importiert, die Summen mangels deutscher Mehrleistungen.
nicht mehr aus Deutschland herauszuholen sind. Daß dann nachträglich deutsche
Oberbürgermeister höchst persönlich zur Unterzeichnung von Anlage-Kontrakten
nach New York fahren müssen, um den bereits angelegten, bereits effektiv ge-
wordenen und untilgbaren Pump langfristig zu paraphieren, kann nur als ein
Ireppenwitz der Weltwirtschaft angesehen werden, dies umsomehr, als durch
die gleichzeitigen deutschen Reparationszahlungen dem Auslande eine solche
Überfülle von ebensowenig tilgbaren Forderungen — das ist ebenfalls in Deutsch-
(and befindliches Kapital — entsteht, daß umgekehrt ein heißer Wettkampf
im Ausland um die am besten verzinslichen Anlagemöglichkeiten in
Deutschland entbrennen müßte.

Warum läßt man nicht die Amerikaner usw. auch in ihrer Eigenschaft als
Gläubiger sich die Schuhsohlen — der Leser verzeihe wegen der Deutlichkeif
die Trivialität des Ausdrucks — ablaufen und sich selbst darum bemühen, Ver-
schreibungen. und entsprechende Fundierungen für ihre Forderungen sich zu be-

1) Da das Ausland unsere Waren nicht will, in welcher Form soll sich dann die durch
Reparationszwang uns auferlegite Mehrarbeit oder beschlagnahmte laufende Arbeit nieder-
schlagen? Es kann dann doch nur Vergrößerung der deutschen Wirtschaftsapparatur aus der
Jeutschen Mehrarbeit entstehen. Gibt es wohl einen simpleren Zusammenhang?
        <pb n="56" />
        Die Besonderheit des durch Tributzahlung entstehenden Saldos unserer Zahlungsbilanz. 43
schaffen, wie es normaler Weise der „glückliche Gläubiger“ einem stark verschal-
deten Debitor gegenüber tun müß? Der Grund liegt in der Diskrepanz zwischen
Jer abstrakten Verschuldung und der abstrakten Unmöglichkeit der Tilgung des
Saldos auf der einen Seite und den konkreten Schuldverhältnissen der einzelnen
Personen und der juristischen Möglichkeit der konkreten Zahlungserzwingung
auf der andern Seite. Denn bei normaler und freier Wirtschaft greift hier ein
automatischer Konsolidationsprozeß ein, den wir im vorigen Abschnitt ausführlich
geschildert haben und der diese Diskrepanz durch privatwirtschaftliche Finanz-
transaktionen und aus Egoismus der handelnden Personen verschwinden bzw.
nicht wirksam werden läßt. Bei normaler und freier Wirtschaft erfolgt
hüben und drüben solange Schuldübergang und Forderungsübergang von Hand zu
Hand, bis sich hüben langfristige Anlagezinszahler und drüben langfristige An-
lagezinsnehmer gefunden haben, welche zueinander passen. Etwas anderes ist
unmöglich, und nur dieses kann geschehen, und es ist so sicher, wie einstweilen
Jie Anziehungskraft der Erde sicher wirkt.

Daß bei dem Wandern der Forderungen von Hand zu Hand im Auslande und
bei dem Wandern der Schulden von Hand zu Hand im Inlande die deutsche Wäh-
rung trotzdem nicht zerstört wird, da ja jeder Handwechsel einen Druck auf den
Markkurs bedeutet, wurde ausführlich dargelegt. Die internationalen Zinsdiffe-
renzen, die zusätzlichen Kursgewinnchancen bei der internationalen Geldleihe, die
„große“ ‘und die „kleine“ internationale Devisenspekulaton, endlich der Anreiz,
gerade bei schlechtem Stande der Mark aus der kurzfristigen. in langfristige Anlage
„umzusteigen‘, sind die Kräfte, welche dem Druck eines Passiv-Saldos auf den
Wert der Mark entgegenwirken an tausenden und abertausenden Stellen der
Weltwirtschaft und damit die konkrete Zahlungserzwingung in die abstrakte „Zah-
(ungsverweigerung‘“ umwandeln, Wir sahen weiter, daß an diesem für die nor-
male Weltwirtschaft geltenden System sich durch den zwangswirtschaftlichen Ein-
griff der Reparationslasten nichts wesentliches geändert hat, sodaß es auch heute
noch funktionieren muß. Wären diese geheimen, wegen ihrer Relativität nicht
jedem Auge sichtbaren Kräfte tatsächlich nicht vorhanden, so hätte seit der Stabi-
lisierung der Mark diese immer von neuem in den Orkus fallen müssen angesichts
unserer großen Importe und der Reparationszahlungen. ....

Nicht die unwichtigste dieser Kräfte ist die Devisenspekulation, die davon
lebt, daß sie auf ein Umschlagen der Wechselkurse nach Erreichung der tiefsten
und höchsten Kurspunkte — in der Zone der Goldexporte und -importe — speku-
liert. Sie hat, wie schon gezeigt, im Zeitalter des Dawes-Planes eine besondere Note,
die in diesem Zusammenhang nochmals unterstrichen werden darf. Die Dawes-
Bestimmung, daß die Transferierung der deutschen Reparationszahlungen die
Markwährung nicht tangieren dürfe, bedeutet einen Freibrief für die Devisen-
Spekulanten der ganzen Welt. Die Transfereinschränkung bedeutet, daß die Spe-
kulanten, wie wir sahen, bei Annäherung an die deutschen oberen Goldpunkte mit
ziemlicher Sicherheit ihre Kursbremsgeschäfte einfädeln können, fast mit voller
Garantie, daß sie höchstens die Spesen ihrer Geschäfte, nicht aber Kopf und
Kragen durch einen Zusammenbruch unserer Währung verlieren können.

Die Garantie, daß die wohltätigen Kursbremsgeschäfte der Devisenspeku-
lation nicht durch Überraschungen seitens des Reparations-Agenten gestört werden
dürfen — das ist ja der materielle Sinn der Bestimmung —, ist fürwahr die
wichtigste Bestimmng des Dawes-Planes, Wäre es nicht so, daß durch einen Zu-
sammenbruch der deutschen Währung die Reparationsgläubiger noch stärker ge-
schädigt würden, so könnte man überspitzt sagen, daß in dieser Bestimmung ZuU-
        <pb n="57" />
        Die Unmöglichkeit des Ausgleichs von Zahlungsbilanzsalden.
gleich die Sabotierung des Dawes-Planes, jedenfalls der ihm zu Grunde liegenden
Absichten enthalten sei.

Da die Bestimmung wegen ihrer ökonomischen Bedeutung wesentlicher Ver-
tragsbestandteil im juristischen Sinne ist, so läge flagrante Vertragsverletzung
vor, wenn der Reparationsagent bei Bedrohung der Goldgrenze der deutschen
Wechselkurse seine Überweisungen nicht sistieren würde. Wir wären dann ver-
Iragsfrei und könnten nicht nur weitere innerdeutsche Zahlungen an ihn ein-
stellen, sondern sofort alle Konten des Agenten in Deutschland sperren lassen,
sodaß sein Druck auf die Wechselkurse mit sofortiger Wirkung aufhören würde.
Vorstehendes wird lediglich als eine juristische Theorie vorgetragen; im Ernst und
nicht nur aus internationaler Höflichkeit wird man. dem Reparationsagenten eine
solche Vertragsverletzung nicht zu unterstellen brauchen. Allein die Existenz dieser
juristischen Möglichkeit und deren sofortige Entlastungswirkung auf den Devisen-
markt bedeuten für die Erwägungen und Handlungen der internationalen Devisen-
spekulation ein Sicherheitsventil von solcher Stärke, wie es die Möglichkeit von
Goldexporten bei normaler Weltwirtschaft nicht darzubieten vermag. Übrigens
steht der Reichsbank auch der Goldexport. noch außerdem als zusätzliches Not-
ventil zur Verfügung.

Im ganzen kann man sagen, daß es eine absolute Unmöglichkeit für unsere
Reparationsgläubiger ist, unsere Währung in die Luft zu sprengen, ganz abge-
sehen davon, daß sie gar kein Interesse daran haben könnten. Es ist eine Un-
möglichkeit in sich, sofern wir und unsere freundlichen Helfer in der
internationalen Spekulation nicht etwa die Nerven verlieren. Ganz ausgeschlossen
ist eine solche Gefahr nicht 1. angesichts der Unkenntnis im Inland und Aus-
land über die Unmöglichkeit an sich bzw. wegen der noch nicht überall zu-
reichenden Kreditierungsmentalität und der Verbreitung unhaltbarer nationalöko-
nomischer Theorien und 2, wegen des folgenden quantitativen Umstandes. Das
Wechselkurs-Bremssystem hat keine qualitative wohl aber eine quantitative Ände-
rung erfahren; statt daß wie gewöhnlich bei normaler Weltwirtschaft der Zahlungs-
bilanz-Saldo sich von seiner konkreten Entstehung her in vielen tausenden
Händen mit verschiedenen, u. U. sich gegenseitig kompensierenden Interessen be-
ändet, befinden sich jetzt Riesensummen in einer Hand, Summen, wie man sie
(rüher für eine einzelne Hand sich nicht denken konnte. Diese Summen werden
jetzt von einem einzigen Gehirn statt von unzähligen dirigiert, und. das ist es,
was der Erscheinung zwangswirtschaftlichen Charakter verleiht. Zwangswirtschaft
ist Einhirnigkeit!

Sie bedeutet hier, daß — gewissermaßen entgegen der sonstigen Bauern-
regel — ein einziger Dirigent über solche Riesensummen leichter störende Fehler
machen kann, als wenn dieselbe Summe von zahllosen Interessenten dirigiert
würde, Es befindet sich gewissermaßen eine ungeheure Spekulationsmacht in
einer einzigen Hand, was einen panischen Schrecken auf eine etwaige Gegen-
partei innerhalb der internationalen Devisenspekulation, die aus zwar sehr vielen,
aber im einzelnen schwachen Händen besteht, auszuüben vermöchte, sodaß sie
vor dem Mammutgegner kampflos kapitulieren könnte. Aber auch dagegen ist ein
Kraut gewachsen. Die Devisenspekulation kann nur zweierlei tun, entweder mit
dem Reparationsagenten bzw. der Wirkung seiner Geschäfte gehen oder gegen ihn
gehen. Mit den Geschäften des Reparationsagenten parallel zu spekulieren, also
als Mitläufer sich an einer aller Welt eindeutigen Situation zu beteiligen, bringt
nicht viel, vielleicht nicht einmal die Spesen ein. Bezahlt wird nur der Mut,
der sich gegen den Strom stellt und trotz der Aufkäufe des Reparationsagenten

i4
        <pb n="58" />
        ‚Die Besonderheit des durch Tributzahlung entstehenden Saldos unserer Zahlungsbilanz. 45
Devisen-Baisse-Engagements in Berlin — Mark-Hausse-Geschäfte im Ausland —
entriert. Man darf bei markttechnischer Betrachtung und unter Berücksichtigung
der aufgeführten Sicherheitsventile ruhig das Vertrauen zur internationalen Börsen-
Groß-Spekulation haben, daß sie es auch gegenüber solcher Mammutpartei, wie
aun schon mehrere Jahre erwiesen, an ausreichendem Mut nicht wird
fehlen lassen und daß sie mit deren per Saldo eindeutiger Ohnmacht und ein-
deutiger Spekulationslage fertig zu werden vermag. Wenn ein Analogieschluß er-
laubt ist, so könnte man sagen, daß auch hier der zwangswirtschaftliche Eingriff
in das Wirtschaftsleben lediglich neue Zwischenhände, hier eine vermehrte Devisen
spekulation in Nahrung setzt. Immerhin wird es gut sein, der internationaler!
Devisenspekulation als unseren einzigen wahrhaft Verbündeten neue Waffen Ba
ihrem gigantischen Kampfe zu liefern durch Ausgestaltung und Erleichterung 8
internationalen Geld- und Kapitalverkehrs, durch Ersinnung neuer Geschäftsformen,
Jurch ungewöhnliches steuerliches Entgegenkommen und durch Erzeugung ent-
sprechender Mentalität. Hieran mitzuarbeiten, ist der Hauptzweck der vorliegen-
len Untersuchung.

Wenn „Der Deutsche Volkswirt!)“ in einer Besprechung der Weber-
schen Schrift (Hat Schacht Recht?) folgendes ausführt: „Weber stellt vollkommen
zutreffend die Funktionen der Auslandskredite dar, weist die unbegründeten Vorur-
teile gegen Kapital- und Gütereinfuhr, wie ‚Versklavung‘ durch das Ausland, absolute
Schädlichkeit der passiven Handelsbilanz usw. zurück, ohne doch die begründeten
zu widerlegen: Die gesteigerte Empfindlichkeit einer von ständiger Kapitalzufuhr
abhängig gewordenen Wirtschaft gegen alle weltwirtschaftlichen und weltpolitischen
Störungen, vor allem aber die reparationspolitischen Argumente,“ so müßte
er daraus die Folgerung ziehen, durch fachwissenschaftliche Erörterungen in
seinen Spalten zu versuchen, geeignete finanztechnische Methoden zu entwickeln,
durch die wir der gesteigerten Empfindlichkeit besser als bisher begegnen können.
Da einstweilen die Reparationsverschuldung zunimmt, dürfen wir die Hände nicht
in den Schoß legen, sondern müssen versuchen, mit dem Übel fertig zu werden.
{insofern richtet sich vorstehender Apell über das Beispiel des Deutschen Volkswirts
hinweg an die ganze Fachpresse.

L) 2, Jahrgang Nr. 30.
        <pb n="59" />
        2. Die Sabotagze der Reparationszahlungen durch den
Mechanismus der Weltwirtschaft,
a) Der Bartransfer eine Fiktion.
Der Sinn der Reparationszahlungen *) ergibt sich, wenn wir dem tatsächlichen
Zahlungsverlauf betrachten und dabei die bisher gewonnenen Erkenntnisse be-
rücksichtigen-

Die Einzelheiten der Aufbringung der Reparationssummen in Deutschland
aus den verschiedenen Quellen dürfen als bekannt vorausgesetzt werden; einen
guten Überblick hierüber vermittelt die für den Schulgebrauch angefertigte farbige
Wandkarte des Diplomhandelslehrers Criee?), die nachstehend verkleinert wieder-
gegeben wird.
Illustration 11
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Wie die Zeichnung zeigt, münden schließlich nach allerlei technischen. Um-
wegen sämtliche deutschen Reparationszahlungen als Einnahmen auf dem Konto des
Agenten für Revarationszahlungen bei der Reichsbank. Sie werden ihm hier zur
1) Allgemeine volkswirtschaftliche Betrachtungen zur Reparationsfrage siehe v. Mühlen-
fels, Transfer, Gustav Fischer, Jena 1926,

2) Crige, Tafel II, Zahlungsverlauf und Kontrolle der Leistungen Deutschlands nach
dem Londoner Abkommen, Verlag Julius Klinkhardt, Leipzig 1927; dazu die kleine Schrift
für die Hand des Lehrers, Criee, Das Londoner Abkommen vom 30. August 1924 und seine
Bedeutung für die deutsche Volkswirtschaft, ebenda 1927.
        <pb n="60" />
        Der Bartransfer eine Fiktion. 47
Verfügung gestellt, und von da aus erfolgen seine Überweisungen an das Ausland
bzw. seine Zahlungen in Deutschland für unsere Sachlieferungen und sonstigen Lei-
stungen.

Wenn der Reparationsagent von seinem Konto bei der Reichsbank seine Zah-
lungen ins Ausland tätigt, so bedeutet das grundsätzlich, daß er bzw. die Reichs-
bank als sein Helfer in den Abrechnungsverkehr des internationalen Devisenmarktes
eintreten, wie er durch die Hlustration 2 und 3 (s. S. 8 und S. 9) dargestellt
wurde. Die dort bereits verzeichnete Reichsbank tritt für ihren „Großkunden“,
den Reparationsagenten, als Nachfrage nach Devisen auf und zahlt dafür die bei
ihr von dem Großkunden aufgespeicherte Reichsmark.

Die Devisenbeschaffung durch die Reichsbank erfolgt auf drei Wegen: 4

1. sie stellt eigene Bestände zur Verfügung, welche sie angesammelt oder all-
mählich aus dem Markt genommen hat;

2. sie kauft im Zeitpunkt fälliger Reparations-Überweisungen ins Ausland
die Bestände dritter inländischer Banken;

3 sie beschafft sich Devisen durch Kreierung von Guthaben im Ausland,
indem sie sich bei ausländischen Banken Trassierungs-Kredite einräumen 1äßt.
Diesen letzteren Weg schlägt nicht nur die Reichsbank ein, sondern alle deutschen
Banken, welche dazu irgendwie in der Lage sind, lassen sich von ihren wuslän«
dischen Geschäftsfreunden solche Kredite einräumen und stellen deren Gehalt
der Reichsbank zur Verfügung. Darüber hinaus beteiligen sich auch ausländische
Banken an diesem Geschäft — nehmen wir als Beispiel holländische Banken —,
welche etwa in ihrem eigenen Land, also z. B. in Holland, der Reichsbank oder
anderen deutschen Banken keine Kredite zur Verfügung stellen können, aber in
England, den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika usw. als kreditwürdig gelten,
sodaß man ihnen dort Trassierungskredite einräumt, deren Gehalt sie dann mit
einem Zwischengewinn bzw. Zinsaufschlag an deutsche Freunde verkaufen. Sie
nehmen also eine Delcredere-Hilfs- oder Zwischenstellung ein, d. h. sie leihen uns
ihr Kreditansehen in andern Ländern, Selbstredend beteiligen sich alle Banken des
In- und Auslandes gern an diesem Geschäft, denn es handelt sich um ganz unge-
wöhnlich große Umsätze und eine sehr bequeme Verdienstmöglichkeit, wie es
wohl am deutlichsten das vorstehend für Holland angenommene Beispiel zeigt,
das mit geringfügiger Korrespondenzarbeit und einigen Kabelspesen große Provisio-
nen und Zwischenzinsen verdienen läßt,

Die auf diese Weise „beschafften Devisen‘ stellt die Reichsbank dem Repa-
rationsagenten zur Verfügung, der das Verfügungsrecht an die Staatskassen der
Reparationsgläubiger weiterleitet und die Reichsbank ans seinem Konto bei ihr
„bar bezahlt‘.

Das Resultat dieser für die Weltwirtschaftsgeschichte ganz ungewöhnlich
großen Finanztransaktionen ist folgendes:

Il. Bei formeller, juristischer, privatwirtschaftlicher Be-
trachtung: die im Augenblick fällig gewesene bzw. zu transferierende Repara-
tionsschuld ist bar ins Ausland überführt worden. Das durch Steuer- usw. Zah-
jungen beim Reparationsagenten angesammelte deutsche Geld ist der deutschen
Wirtschaft als Zahlung für die hergegebenen Devisen zur Verfügung gestellt wor-
den... In deutschen Hauptbüchern sind zahlreiche Passiv- Posten zugun-
sten ausländischer Geschäftsfreunde entstanden, deren Gesamtsumme bis dahin
als Passivposten in deutschen Hauptbüchern zugunsten des Reparationsagenten
standen. In ausländischen Hauptbüchern sind zahlreiche Aktiv-Posten zu-
Jasten deutscher Geschäftsfreunde entstanden; es werden daran Zinsen verdient.
        <pb n="61" />
        18 Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft,
Diese Beträge in den ausländischen Hauptbüchern stellt der Reparationsagent den
Entente-Regierungen zur Verfügung, welche die Beträge in der betreffenden Lan-
ädeswährung abheben und damit ihre Staatskassen füllen, Alles ist geregelt und zu-
irieden.

(I. Bei materieller, volkswirtschaftlicher Betrachtung: Inter-
national gesehen ist nichts geschehen, alles ist noch immer so, wie es vorher war.
Statt daß bisher der Reparationsagent über die bei der Reichsbank angehäuften
Reparationssummen juristisch verfügen konnte, können jetzt die Entente-Staats-
zassen über entsprechende Summen. in ihrer eigenen Währung bei ihren einheimi-
schen Banken verfügen; es sind also die ausländischen Banken, welche den auslän-
lischen Staatskassen die Summen liefern und welche sich dadurch gedeckt fühlen,
daß sie Forderungen in entsprechender Höhe an deutsche Banken haben; durch die
Auszahlung an die Entente-Staatskassen strecken die ausländischen Banken aus-
l‚ändische Gelder für deutsche Rechnung liebenswürdiger Weise vor. Effektive
Leistungen Deutschlands an das Ausland erfolgen auf diese Weise nicht, sondern
aur, wie wir sahen, durch energischen Schuhsohlenverschleiß unserer Reisenden
and Agenten im Ausland, und die Größe dieser Energie steht nicht im Kausalzusam-
menhang mit der phantastischen Finanztransaktion „Bartransfer‘, bei welcher
our Ströme von Tinte, zahllose Briefbogen und viel Hauptbuchseiten verbraucht
wurden, viel telegraphiert, telephoniert und korrespondiert wurde. Sonst aber
st alles beim alten. Der ganze „Bartransfer‘“ besteht nur aus „Zessionen‘ und
„Umbuchungen‘‘, beides in ihrem vollen technischen Sinn zu verstehen.

Auch innerwirtschaftlich ist nichts wesentliches geschehen. Nur ein wenig
andere Kreditbedingungen sind zwischen den zahlreichen, über die ganze Welt
verstreuten Gläubigern und den Schuldnern in Deutschland kontrahiert worden.
Ebenso ist es ein Irrtum, daß der Reparationsagent durch die Barzahlung der
Devisen jetzt der deutschen Wirtschaft Mark zur Verfügung gestellt habe, denn die
Beträge standen, wenn man den ganzen Zusammenhang betrachtet, schon vorher
zur Verfügung. Die Ansammlung von Steuern, Eisenbahnabgaben, Industrie-
belastungssummen usw. bei den deutschen Staatskassen ist nämlich privatwirt-
schaftliche, oder anders ausgedrückt, fiskalische Kapitalansammlung, Kapitalbildung
schlechthin. Es sind Kapitalsummen, die sich unterwegs von dem Steuerzahler
dis zum Konto des Reparationsagenten bei Finanzkassen, bei der Eisenbahn und
zuletzt bei der Reichsbank bilden. Die Beträge sind unterwegs jeweils irgendwo
angelegt, verzinslich oder unverzinslich und die hinter diesen Kapitalrechten stehen-
den Güter sind bereits irgendwo in Benutzung und tragen Frucht.

Nicht etwa werden diese Güter fein säuberlich auf Lager gelegt, bis der
Reparationsagent darüber verfügt, sondern die Gesamtwirtschaft mit ihren Tausenden
von Branchen und ihren Millionen von Einzelzellen läuft ihren gewohnten Gang,
bildet in den einzelnen Zweigen und Zeilen „etatmäßige‘“, „ausgepowerte‘“ oder
überfüllte Läger je nach Marktlage, Die Betriebe oder Zellen dehnen sich aus
oder schränken ihre Unternehmertätigkeit ein je nach den Möglichkeiten, die sie
im Augenblick als rentabel ansehen; sie disponieren über das Sozialprodukt nur
Rücksicht nehmend auf die Rentabilität, ohne Rücksicht dagegen darauf, ob sie auf
Kredit oder aus eigner Kapitalkraft darüber disponieren — einen angemessenen
Zins muß eignes wie fremdes Kapital erbringen, welche Frage zur Rentabilität
gehört. Das Sozialprodukt ist durch unserer Köpfe und Hände Arbeit vorhanden.
Daß das Eigentumsrecht daran um den Betrag von künftig 21 Milliarden Mark
jährlich von den sonst Berechtigten auf den Reparationsagenten und seine Rechts-
nachfolger „umgeschichtet‘‘ wird, macht es nicht kleiner. Das. obige Disponieren
        <pb n="62" />
        Der Bartransfer eine Fiktion. 49
scheitert also keinesfalls „mangels Masse“, Und daß wir finanztechnisch nicht
darauf zu warten brauchen, bis etwa der Reparationsagent oder seine Nachfolger
uns gestatten, die Dispositionen auf dem Kreditwege vorzunehmen, bedarf doch
ernsthaft bei der Vollkommenheit unserer Kreditapparatur keiner Erörterung mehr.
Wer annimmt, daß von hier aus ein. Druck auf die Warenpreise oder ähnliches er-
folge, erkennt nicht den fundamentalen Unterschied zwischen gewöhnlicher Steuer-
zahlung und Reparationssteuerzahlung, auf den wir weiter unten zurückzukommen
haben, —_

Wir haben es mithin mit folgender Kette zu tun. I. In Deutschland werden

Güter produziert und mit Teilen davon bzw. mit deren Gegenwert 1) Reparations-
steuern und Abgaben bezahlt; die beigesteuerten Güter werden irgendwo benutzt;
das ihnen entsprechende Markkapitalrecht wird ausgeliehen; die Schuldner daraus
zahlen Zins, und zwar zunächst an inländische Hände, solange der Reparationsagent
noch nicht darüber verfügt. II Dann wird das Eigentum an den Kapitalsummen und
an den hinter den Summen stehenden Gütern an ausländische Regierungskassen:
übertragen, wobei die internationale Finanzwelt freundlicherweise das Delcredere
übernimmt. III. Die ausländischen Staatskassen leiten diese Eigentumsrechte —
etwa durch Verkäufe oder als Bezahlung ihrer Staatslieferanten und Beamten-
gehälter — in private Hände weiter, die ihrerseits damit in ihrem Heimatland
Güter kaufen, Zinsen herauswirtschaften usw. IV. Die Finanztransaktion des sog.
Bartransfers bedeutet also, daß englische, französische usw. Personen durch die
Bankwirtschaft legitimiert werden, in ihrem eigenen Lande Produkte ihres eigenen
Landes zu kaufen; es ist Kaufkraftschöpfung schlechthin, zu der die
Bankwirtschaft der betreffenden Länder auch ohne die deutschen „Zahlungen“
in genau demselben Umfang und mit genau denselben geringen bankbetrieblichen
Unkosten befähigt ist: einfach durch Schöpfung von einheimischen „Giralgeld“.
Die Kaufkraftschöpfung in den Ententestaaten auf Grund der deutschen Tributzah-
jungen ist volkswirtschaftlich geradezu eine Mystifikation, deren für die Entente-
staaten schädliche Folgen noch zu besprechen sind. V. Die hinter den Eigentums-
rechten stehenden Güter befinden sich auch nach der Finanztransaktion nach
wie vor in Deutschland und tragen. Frucht; ein Teil der Frucht geht als Zinsen über
die deutschen „Delcrederebanken‘“ in das Eigentum der ausländischen Banken
und deren Rechtsnachfolger über.

Für diese später und immer wieder von neuem fälligen Zinsen gilt, wie wir
schon früher darlegten, derselbe Prozeß wie für die Reparationszahlungen selbst.
Auch sie werden Investierung ausländischen Kapitals in Deutsch-
land, auch für sie werden Produkte deutscher Hände in Deutschland „über-
fremdet‘“, d. h. in Deutschland zu Produktionszwecken ausgeliehen, wenn auch
wiederum nicht für Deutsche, sondern für ausländische Kapitalistenrechnung. Von
den Zinsen dieser Zinsen und ebenso von den Zinsen dieser Zinseszinsen gilt wie-
derum dasselbe. Effektiv gezahlt, so wie sich die Väter der deutschen Tributzah-
lung die Sache vorgestellt haben, wird in keiner Weise, denn man darf, um den
Ernet dieser Behauptung zu beleuchten, wiederum nur fragen: Was importiert
das Ausland von uns? Nur, was unsere Geschäftsreisenden und Agenten draußen
in mühevoller Arbeit absetzen. Das hängt in gar keiner Weise mit der Frage zu-
sammen, wo die Eigentümer der international investierten Kapitalien ihren Wohn-
sitz haben, sondern das ist — neben der Frage der international verschiedenen Ar-

1) Der wiederum nichts anderes als eine Anweisung auf Güter anderer oder derselben
Art darstellt,
Mahlberg, Reparations-Sabotage.
        <pb n="63" />
        50 ‚ Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft.
beitsintensität — eine Frage der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung und liegt in
einer ganz anderen Sphäre, Wir müssen auch diesmal den Leser auf eine erst
weiter unten folgende Ausführung vertrösten, um ihn ganz von dieser konsequen-
ten Anschauung bezüglich der Zinszahlung zu überzeugen.

Auch gegenüber den Konsequenzen der unfreiwilligen Investierung des Kapi-
tals selbst durch das Ausland in Deutschland wird mancher Leser noch unbehag-
liche Zweifel haben, weil die vorstehende Tatbestandsdarstellung so stark her-
kömmlicher Anschauung widerspricht. Wir haben auf diese letzten Zweifel in
den beiden nächsten Abschnitten einzugehen und zuvor noch einige Zwischen-
bemerkungen zu machen, deren erste in dem Hinweis besteht, daß über die
Reparationszahlung durch Sachlieferungen im nächsten Kapitel besonders ge-
sprochen wird und daß es sich auch bei den Sachlieferungen um Schein handelt.

Die zweite Zwischenbemerkung bezieht sich auf den Teil des Bartransfers,
der mit „echten Devisen“, die aus wirklichen deutschen Exporten entstanden
sind, getätigt wird. Soweit solche „echten‘“ und „nicht geborgten‘‘ Devisen an
den Reparationsagenten und damit an die Ententestaaten überwiesen werden,
fallen sie natürlich für die Bezahlung unserer Importe fort, sodaß nunmehr aus
diesem Grunde, um in der Sprache der öffentlichen Meinung zu sprechen „unsere
Zahlungsbilanz‘“ sich verschlechtert. Eine kleine Denkumstellung führt dazu, auch
diesen Umstand als unwesentlich anzusehen. Ob nämlich mit solchen „echten‘‘
Devisen wirklich Kriegsschulden oder Importe bezahlt werden, ist aus dem ver-
wirrenden Clearinggetriebe des internationalen Zahlungsverkehrs nicht zu eruieren.
Es ist außerdem gleichgültig, denn. ob Importe oder Kriegsschulden mit den Ex-
portdevisen bezahlt werden, in beiden Fällen ist die Auslandskapitalinvestierung
in Deutschland gleich groß. Auch die Form, in welcher sich die Investierung in
Deutschland als Kapitalanlage niederschlägt, ist in beiden Fällen gleich bzw. wird
in beiden Fällen davon nicht beeinflußt.

Eine dritte Zwischenbemerkung bezieht sich auf Devisenbeschaffung durch
Export deutscher Wertpapiere. Vor, während und nach jedem Abliefe-
rungstermin von Devisen an den Reparationsagenten, verkaufen wir Aktien, Ob-
ligationen, Kuxe an das Ausland, oder das Ausland kauft Wertpapiere bei uns auf.
Der formale Erfolg besteht darin, daß wir auf diese Weise „Devisen beschaffen‘,
während die materielle Bedeutung darin besteht, daß die durch deutsche Importe
und vor allem durch unsere Reparationsschuldpflicht bereits in Deutschland ge-
tätigten Kapitalanlagen des Auslandes hierdurch langfristig konsolidiert und aus

dem Zahlungsverkehr herausgenommen werden. Es ist das die Erscheinung, die
wir im System der Konsolidierung von Zahlungsbilanzsalden bereits kennengelernt
haben; das Abschwimmen von Wertpapier-Titres ins Ausland bei steigenden Devi-
senkursen ist das wichtigste Sicherheitsventil jeder Goldwährung und geradezu
eine Selbstverständlichkeit. Für die Riesensummen, die wir durch die Repara-
tionen jetzt plötzlich und auf einmal an das Ausland bei jedem Zahlungstermin
schuldig werden, reicht die alte Form des Sicherheitsventils nicht mehr ganz
aus: Neben dem Abschwimmen von einzelnen oder Paketen von Wertpapieren im
Wege der internationalen Effektenspekulation, der internationalen Einflußnahme
auf deutsche Unternehmungen u. ä. sehen wir jetzt ganze Emissionen deutscher
Wertpapiere im Ausland gleich in Riesenbeträgen von hunderten Millionen Mark
auf einmal.

Daß wir solche langfristige juristische Formgebung für in Deutschland ge-
wachsenes und dort lange vorher in Betriebseinrichtungen, Anlagen, Lagervorräten,
Berufsausbildungen usw. investiertes Kapital als „Kapitaleinfuhr aus dem Aus-
        <pb n="64" />
        Der Bartransfer eine Fiktion. ; 51
lande“ ansehen, über den Wert oder Unwert solcher ausländischen Kapitaleinfuhr
streiten und Gespenster für unsere Währung für den Rückzahlungstermin vorauszu-
sehen glauben, wird der Leser jetzt nicht mehr ernst nehmen bzw. als Verblen-
dung betrachten. In dieser ergötzlichen Verblendung hat allein Schacht recht,
aber nicht mit dem, was er sagt und logisch entwickelt, sondern. mit dem, was er
instinktiv gewollt hat, als er die wahllose Auflage von kommunalen und ähnlichen
Anleihen im Auslande zu verhindern versuchte. Schacht ähnelt mit diesem
Instinkt der Mentalität des alten, unmodernen Bankiers, der stramm den Daumen
auf den Geldbeutel hält und ihn erst öffnet, wenn er von der Rentabilität der ver-
langten Investierung nach Erschöpfung aller Gegenargumente endlich überzeugt
ist. Schacht spricht von der Finanzierung und meinte mit seinen Zweifeln die
auf einer ganz anderen wirtschaftslogischen Ebene liegende Rentabilität der betr.
Anlage in volkswirtschaftlicher Beziehung. Und darin ist ihm zweifellos beizu-
stimmen. Die ungeheuerlichen Summen, über welche die Wirtschaft der öffentlichen
Hand durch ihr Anwachsen und durch die Ausdehnung ihres Tätigkeitsbereiches
heute mit einem Federstrich verfügt, ohne daß der Verfügende Kopf und Kragen
oder überhaupt eigenes Vermögen oder wenigstens seine Beamtenexistenz dabei
riskiert, wachsen sich zu einer grotesken Desorganisation der Volkswirtschaft
aus, weil hier naturnotwendig „objektiv leichtfertig‘ nur verfahren werden kann1l),
Die zwangswirtschaftliche Einhirnigkeit solcher Disposition über das von der
Volksgemeinschaft nur durch Mehrarbeit zu produzierende Kapital, welche die
technische Zweckmäßigkeit vor der wirtschaftlichen Richtigkeit einer Kapital-
investierung rangieren läßt, muß bei dem jedes Maß überschreitenden Umfang
notwendigerweise zu Störungen der Wirtschaftsharmonie, der Assortierung der
Gewerbszweige zueinander und zu einer Herabminderung der Wirtschaftskraft
führen. Hiergegen hat Schachts Instinkt den Beutel zuhalten wollen, aber man
muß zugeben, daß er ein untaugliches Mittel angewandt hat und insoweit seine
Gegner Recht haben, denn irgendwie müssen Emissionen im Ausland für das
bereits bei uns befindliche Kapital getätigt werden, Gegen die Desorganisation der
Volkswirtschaft durch übergroße, lediglich technisch orientierte Kapitaldisposition
bzw. Kapitalinvestierung seitens der öffentlichen Hand muß mit anderen Mitteln
eingeschritten werden. Wertvolle Anhaltspunkte gibt hierzu die bereits erwähnte
Schrift von Bonn, Befreiungspolitik oder Beleihungspolitik? ?).

Nach einer Mitteilung der Industrie- und Handelszeitung Berlin vom 1. 4. 28
ist die über öffentliche Auslandsanleihen verhängte Sperre aufgehoben worden;
zwar habe der Reichsbankpräsident seine ursprünglichen. Forderungen nach spar-
samsier Verwendung der Gelder bzw. Kontrolle über die kommunale usw. Finanz-
gebahrung sehr weit zurückstellen müssen, aber das erreichte Kompromiß sei ein
nicht zu verachtender Fortschritt, sodaß die Regierung die getroffenen Verein-
barungen offenbar für ausreichend ansehe, um die seinerzeit vom Reparations-
agenten erhobenen Bedenken zu zerstreuen. Nach den Informationen der Industrie-
und Handelszeitung lägen im Augenblick 250 Anträge öffentlicher Korporationen
in Höhe von rund 600 Millionen Reichsmark vor; dazu kämen demnächst noch
100 Millionen Mark Pfandbriefe für den Wohnungsbau. mindestens 100 Millionen Mark

1) Näheres Mahlberg, Der Betriebsbegriff und das System der Betriebswirtschafts-
lehre, Grundriß der Betriebswirtschafislehre, Band II, Verlag G. A. Gloeckner, Leipzig 1927;
ferner Mahlberg, Die Krise in der deutschen Wirtschaft, ihre Ursachen und Behebung,
Magazin des Reichsarbeitgeberverbandes Deutscher Gemeinden und Kommunalverbände,
Berlin 1927,

2} S. namentlich a. a. 0. S. 42 und 85.
        <pb n="65" />
        52 . Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft,
Umschuldungsanleihe, und eine voraussichtliche Schatzwechsel-Emission Preußens
von 50 Millionen Mark. Wenn man sich überlegt, daß die Güter und Dienstleistun«
gen, welche mit dem Erlös dieser Anleihen bezahlt werden sollen, zum größten;
Teil in Deutschland bereits eingekauft worden sind, und es sich nur noch um
deren endgültige Finanzierung handelt, so sind diese Zahlen eine lebendige Illu-
stration zu unseren bisherigen Ausführungen, Es sind Güter und Dienstleistungen,
über deren abstrakten Kapitalwert — passivisch gedacht — dem Reparations-
agenten bzw. den Ententestaaten das Verfügungsrecht aufgrund des Dawesplanes
übertragen worden ist, während diese als Kapitalbesitzer auf die bereits eingetretene
konkrete Verwendung des Kapitals — aktivisch gedacht — keinen Einfluß auszu-
üben vermögen. Daher der Vorstoß des Reparationsagenten Ende 1927, der nach den
Dawes-Vertragsbedingungen juristisch und nach der volkswirtschaftlichen Tatsäch-
lichkeit materiell wirkungslos bleiben mußtel).

Die Frage der Emission deutscher Anlagewerte im Auslande führt zur vierten
Zwischenbemerkung, die sich mit dem Überfluß des Auslandes an For-
derungen auf Deutschland befaßt. Die Tichtigere Formulierung, daß es
sich um einen Überfluß englischen, französischen, amerikanischen Kapitals handelt,
welches in Deutschland investiert ist, führt uns zu folgender grundsätzlicher Er-
kenntnis.
1. Welchen Grund könnte das Ausland haben, seine Markbestände, also seine
großen Kapitalinvestierungen zu entwerten? Der Wert des Kapitals richtet sich nach
der Frucht, nach der Rente, welche daraus erwirtschaftet wird, und es ist nicht an
Entwertung durch Überangebot zu denken, Der riesige Umfang kann also nicht
zur Entwertung führen, im Gegenteil, je größer der Kapitalbesitz eines Staates im
Auslands ist, umso mehr Kriegsschiffe pflegte der Staat bisher zu entsenden, um
eine Bedrohung seiner Investierung durch Flottendemonstrationen abzuwehren,
Daß es sich hier nicht um gewollte, sondern um sehr unfreiwillige Investierung
handelt, daran werden sich die Gläubigerstaaten gewöhnen müssen. es sei denn,
sie verzichten. auf weitere Reparations,,zahlungen‘‘?).

2. An ihr Kapitaleigentum glauben die ausländischen Besitzer erst dann,
wenn sie es privatwirtschaftlich-juristisch in der konkreten Form von Aktien, Ob-
ligationen, Liegenschaften, Hypotheken usw. in der Hand haben. Dann werden sie
bei ihren Staatsregierungen einen Druck ausüben, daß wir als Schuldnerland ge-
hätschelt und gepflegt werden, woraus sich die politische Forderung ergibt,
die Überfremdung zu befördern und nicht zu contrecarrieren,
solange wir Tribute zahlen.

1) Über die Frage der Auslandsanleihen s. folgende Auslassungen: Reichstagsrede des
Finanzministers Köhler vom 29. 3, 27; die „Bochumer Rede“ von Schacht (Kölnische
Zeitung 19. 11. 27); Dalberg, Auslandsanleihen und Reparationen, Schriften der Studien-
gesellschaft f. Finanz- und Währungsreform, G. A. Gloeckner, Leipzig 1928; Eucken, Aus-
landsanleihen (Magazin der Wirtschaft, Januar 1928); Sulzbach, „Produktive Auslands-
verschuldungen‘“ (Der deutsche Volkswirt 1927 Nr. 45); Sulzbach, Wirtschaft und öffent-
liche Ausgaben (ebenda Nr. 8); Stolper, Die falsche Rechnung (ebenda Nr. 3); Die Kon-
junktur- und Strukturpolitik des Reichswirtschaftsministers (Industrie- und Handelszeitung
1928 Nr. 55); Norden, Die Beratungsstellen für Auslandskredite (ebenda 1927 Nr. 242).

?) Adolf Weber, Hat Schacht Recht?, Duncker &amp; Humblot, München 1928, S, 10: Die
Kapitalisten, die ihr Geld im Ausland haben, werden „auch allgemein wirtschaftliche An-
gelegenheiten ihrer Schuldner zu ihren eignen machen, das Interesse der Gläubiger und
Schuldner an der wirtschaftlichen Entwicklung des Schuldnerlandes ist solidarisch, ein
Faktum, das für uns besonders wichtig wird, wenn wir früher oder später zur Revision des
Dawesplans kommen.“
        <pb n="66" />
        53
3. Wenn keine unorganischen Störungen vorliegen, so erfolgt reibungslos und
automatisch die Scheidung des Auslandskapitals in Deutschland in kurzfristige
Anlags — welche trotz dieser Eigenschaft revolvingartige Dauer-
anlage ist — mit relativ niedrigem Zins und in langfristige Investierung mit
höherer Verzinsung. Der automatische Scheidungsprozeß kann im Ausland gestört
werden dadurch, daß das Ausland bzw. seine Personen eine panikartige Abneigung
gegen langfristige Investierung in Deutschland haben; der Prozeß kann ferner ge-
hemmt werden durch falsche inländische Maßnahmen. Hiergegen will unsere Unter-
suchung ankämpfen; im letzten Kapitel wird auf die Frage nochmals zurückgekom-
men werden.

Der Bartransfer eine Fiktion.
        <pb n="67" />
        b) Die Reparationssummen als Kapitalbildung zugunsten Deutschlands.

Wir kommen nunmehr zu der früher besprochenen Klärung des Zweifels,
den mancher Leser noch haben mag und der etwa lauten wird: „Das mag alles rich-
tig sein, aber es muß doch unmöglich sein, so viele Milliarden aufzubringen, so
viele Steuern zu zahlen.“ Unsere Antwort geht zunächst auf die formale Seite der
inneren Aufbringung der Reparation ein. ,

Steuern zahlen hieß früher „zehnten“, den. Zehnten zahlen. Wer hundert
Fahrräder fabriziert, gibt beispielsweise 2 Fahrräder bzw. deren Kaufkraft als
Steuer ab für die Entente. Dem Arbeiter, der 1000: Speichen im Akkord einsetzt,
wird der Lohn für 20 Stück zugunsten. der Entente abgezogen usw. ... Finanz.
technisch gesehen, handelt es sich also um die Bildung von Kapital, das gewisser-
maßen von dem eigenen Fett abgeschwitzt wird, d. h. es handelt sich stets um
einen. Teil der an sich gegebenen Produktion und ist insofern in sich möglich.

Dazu kommt folgende wichtige andere Seite der Erscheinung. Das gewöhnliche
Einheben von Steuerzehnten bedeutet, daß die Kosten, die Verkaufspreise für die
Betriebsleistungen des Staates einkassiert werden. Es handelt sich also um die
Leistungen des Staates, für deren Erlös der Staat nachher Güter und Dienstleistun-
gen einkauft und diese wiederum als Aufwand in den Staatsbetrieben einsetzt.
Aus diesem Aufwand entstehen wieder Leistungen, für deren Erlös, d. i. erneute
Steuerzahlung, wieder Aufwand eingesetzt wird usw. Volkswirtschaftlich und quan-
titativ gesehen, handelt es sich bei der gewöhnlichen Steuereinkassierung, um
genau den gleichen Vorgang, als wenn die Gesamtheit folgender Firmen: L. G. Far-
benindustrie plus Elektrotrust plus Kohlensyndikat plus A.-E.-G. usw. usw. ihre
Fakturenbeträgs bei ihren Käufern einkassiert!). Im Falle der Reparationssteuern
und Abgaben handelt es sich dagegen um eine gänzlich andere Erscheinung! Es
ist keine Steuer gewöhnlicher Art, sondern es handelt sich um eine Zwangsspar-
aktion, um Kapitalbildung schlechthin. Die für Reparationszwecke vom Staat ein-
kassierten Beträge sind nicht wie gewöhnliche Steuern Kostendeckung für vom
Staat erstellte oder noch zu erstellende Leistungen und Staatsdienste; es ist nicht
die Deckung des laufenden Bedarfs, der von da ab wieder zu neuem, bereits
angeordnetem, kapitaldispositiv bereits festliegendem Einsatz
bereit steht, sondern die hinter diesen an den Staat gezehnteten Beträgen zu den-
kenden Güter bedeuten eine Ausweitung des Produktionsapparates über die bisherige
Größe hinaus. Wer immer diese Ausweitung auf seine privatwirtschaftliche oder
fiskalische Rechnung als Unternehmer unternimmt, ist dabei gleichgiltig.?)

Das durch den Zwangssparprozeß der Reparationssteuern und Abgaben sich
bildende Kapital ist Kapital gewöhnlicher Art bis auf den Umstand, daß es später-
hin Ausländer als Eigentümer haben wird?), Es schlägt sich wie gewöhnliches
Kapital nieder in Betonfundamenten, Spinnstühlen. Hochofenanlagen, Ausbildung
1) Mahlberg, Der Betriebsbegriff und das System der Betriebswirtschaftslehre a. a. 0.
Kap. I, 2.

?) H. v. Beckerath, Reparationsagent und deutsche Wirtschaftspolitik, Schroeder-Ver-
lag, Bonn 1928, Seite 43: „Solange uns das Ausland den Transfer borgt, haben die Zahlungen
auf Entschädigungskonto, volkswirtschaftlich gesehen, lediglich die Funktion einer Art Zwangs-
sparkasse.‘ ; nn KO

3) Über die verschiedenen technischen Formen der Kapitalüberfremdung stellt Walb
(a. a. O0. S. 456/57) ein anschauliches System auf.
        <pb n="68" />
        Die Reparationssummen als Kapitalbildung zu Gunsten Deutschlands, 55
von Menschen, Schulgebäuden, Straßenbahnen usw., denn dies ist ja der Sinn
des Kapitals, daß es Produktionsapparat (im weitesten Sinne) ist, bestimmt, von
da ab von sich aus laufend neue Produkte zu erzeugen, Als Produktionsapparat
dient es der Gesamtheit, ist es letzten Endes „unfreiwillig sozialisiertes‘‘ Eigentami
aller, ist es, wenn man so will, Expropriation derjenigen Einkommensteile, die
der Eigentümer nicht mehr verzehren. kann (!)%), oder nicht verzehren will.

Die Konklusion der vorstehenden Ausführungen führt zu folgenden Ergeb-
nissen:
1. Wenn der Kapitalist sein Eigentum nicht mehr verzehren kann, wenn er
es zwangsweise der Volksgesamtheit, hier der deutschen, zur Verfügung stellt, wenn
das Kapital in der deutschen Volkswirtschaft investiert wird, ohne daß und ehe
es der spätere Eigentümer will, dann kann es im Prinzip gleichgiltig sein, wo
der Kapitalist seinen Wohnsitz hat. Miternähren wollen wir ihn schon bzw. seine
Miternährung ist für uns tragbar, denn

2. erzeugt die Investierung des sich im Milliardenausmaß der Reparations-
summen bildenden Kapitals bei uns eine Investierungskonjunktur, die große Um-
sätze und damit Arbeit und Brot für große Teile der Bevölkerung mit sich bringt.
Die Reparationskonjunktur, die wir offenbar ringsum im Lande sehen ?), schafft
immer wieder von neuem die Möglichkeit, formal betrachtet den laufend geforder-
ten Zehnten für Reparationszwecke zu bezahlen, materiell betrachtet, laufend einen
Teil („Zehnten‘*) der Produktion zur Vergrößerung des Wirtschaftsapparates immer
wieder zur Verfügung zu stellen.

Ganz zwanglos ergibt sich jetzt die Erklärung, warum die derzeitige Kon-
junktur für viele Branchen und Betriebe nur eine „Mengen konjunktur‘“ ist, wie
die Erscheinung neuestens genannt wird. In denjenigen Branchen, deren Waren-
preise vom Weltmarkt kontrolliert werden, also unter dem Konkurrenzdruck aus-
ländischer Erzeugnisse stehen, können die Preise nicht beliebig hoch hinaufgesetzt
werden, sodaß sie außer den Selbstkosten 1. alle auf das betr. Produkt entfallenden
Reparationslasten und 2. einen normalen, etwa vorkriegsmäßigen Gewinn decken.
Der zur Deckung des Gewinns dienende Teil des Verkaufspreises muß sich Ein-
schränkungen gefallen lassen zugunsten der Reparationszahlungen; das sonst aus
Gewinn entstehende Neukapital wird jetzt auch gebildet, aber nicht für Rechnung
der Betriebseigentümer, sondern für Rechnung der ausländischen Staatskassen
und deren „Rechtsnachfolger‘“. Dies ist in groben Umrissen die Erscheinung der
Mengenkonjunktur. Vermutlich ist ihr Auftreten in ähnlich starkem Ausmaß zu-
rückzuführen auf die gegenüber früher erheblich vergrößerte soziale Belastung
aller Art, worüber hier nicht zu sprechen ist. Im Übrigen werden die unter direktem
und präzise wirkendem ausländischem Konkurrenzdruck stehenden Branchen ver-
schieden stark getroffen. Soweit die nicht unter ausländischem Druck stehenden
Branchen die auf sie entfallenden Reparationslasten in ihre Preise einkalkulieren
und auf ihre Käufer überwälzen können, vermindern sie die Gewinnchancen
ihrer nachgeschalteten Käuferbranchen abermals und u. U. sehr erheblich, sofern

1) Es ist hier nicht der Ort, diese These, die mir eine Selbstverständlichkeit dünkt,
näher zu behandeln; s. darüber meine Untersuchung über den Betriebsbegriff a, a. O.; für
die Reparationsbeträge trifft das Nichtverzehrenkönnen im vollen Umfange zu, weil hier
außerdem noch die Landesgrenze hinzukommt.

2) Vom „Nilstrom“ des Auslandskapitals spricht Welter, Wachstum, Die
deutsche Wirtschaft im Jahre 1927, Aufsatzreihe der Frankfurter Zeitung, Frankfurter Sozietäts-
druckerei 1928, — Siehe ferner Dalberg, a. a. 0. 'S. 21 „Der deutsche wirtschaftliche
Aufschwung 1927 als Folge der Kapitaleinfuhr‘.
        <pb n="69" />
        56 Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft.
diese ihrerseits unter Konkurrenzdruck stehen, Auch sonstige Störungen der Wirt-
schaftsharmonie sind damit verbunden. In Frage kommen natürlich sämtliche
Arten von Reparationslasten, die sich ja alle irgendwie auf die Produktpreise
niederschlagen 1).

Die vorstehende Argumentation unterstellt für die deutsche Produktion und
Dienstleistungen entweder Weltmarktpreise, sofern es sich um Waren unter aus-
ländischem Konkurrenzdruck handelt, oder innerdeutsche Preise, welche um die
Reparationslasten erhöht zu denken sind, soweit nicht auf Preiserhöhung ver-
zichtet wird, um den Absatz nicht zu gefährden. Nun haben wir bekanntlich eine
Währungstheorie, welche annimmt, daß eine passive Zahlungsbilanz automatisch?)
dahin wirkt, die Preise im Inland unter das Weltmarktniveau herunterzudrücken,
um mit der dadurch entstehenden Exportsteigerung den Passivsaldo zu tilgen.,
Die automatische Wirkung ist so gedacht, daß „zur Bezahlung der Importwaren der
Reichsbank Devisen abverlangt werden, wodurch eine Verringerung der Markzah-
lungsmittel eintritt. Die verringerte Geldmenge zieht eine Senkung der Preise nach
sich, wobei außerdem zu berücksichtigen ist, daß durch die einströmenden Aus-
landswaren. (die den Passivsaldo erzeugen) die Inlandspreise gleichfalls gedrückt
werden‘. Abgesehen von dem schweren Geschütz, das gegen diese währungs-
theoretische Idee angesetzt werden kann — siehe die Geringfügigkeit des Reichs-
bankgeldes gegenüber dem Giralgeld; siehe ferner das konjunkturale Steigen der
Preise im Laufe eines Konjunkturzyklus; u. a. m. —, war sie nicht einmal für
die „fein ausbalanzierten Verhältnisse‘ der Vorkriegszeit als Wirklichkeit denk-
bar, während sie für die Jetztzeit und für die Größe der noch dazu zwangswirtschaft-
lich entstehenden‘ Reparationsverschuldung sicher nicht in Frage kommen kann ®),
Wäre die Theorie tatsächlich wirksam, — natürlich nur denkbar für die Welt-
marktbranchen — dann müßten in diesen Branchen die Reparationszahlungen aus
dem Kapital der Betriebe gedeckt werden, d. h. die Betriebe müßten mit Verlust
arbeiten, denn noch unter Weltmarktpreis liegende Verkaufspreise würden nicht
ausreichen, um 1. die Selbstkosten, 2. deren Reparationskostenbestandteil aus
sämtlichen vorgeschalteten Branchen (I!) und 3. noch die eigenen Reparations-
lasten der betr. Betriebe bzw. Branchen zu decken. Dann hätten wir nicht Mengen-
sondern Verlustkonjunktur, was ein Widerspruch in sich ist, denn dann wäre es
wesentlich einfacher, die Reparationslasten pro Betrieb nicht durch mit Verlust
verbundene Betriebsleistungen, sondern dadurch zu decken, daß ohne Produktion
einfach Teile des Betriebs dem Ausland überfremdet werden. Wir finden die Er-
scheinung der Überfremdung nicht neuen sondern alten Kapitals z. Zt. in der Land-
wirtschaft, aber der Grund ist nicht in einer verringerten Geldmenge in der Volks-
wirtschaft, sondern in den besonderen Produktionsselbstkosten-Verhältnissen der
Landwirtschaft, in der Preisdispersion von Kosten und Ertrag zu suchen.

ı) S. hierzu z. B. die Rede von Generaldirektor Dr. Silverberg-Köln (Deutsche All-
gemeine Zeitung vom 24. 2. 28) und von Reichswirtschaftsminister Dr. Curtius (Kölnische
Zeitung vom 3. 3. 28), die beide unterstreichen, daß der deutsche Preisstand für den Welt-
markt zu hoch sei, und trotzdem gleichzeitig auf die Bildung eigenen Kapitals in Deutschland
Wert legen.

2) Erwähnt z. B. bei Prion, Geldmarktlage und Reichsbankpolitik, Schriften der
Studiengesellschaft für Währungs- und Finanzreform, Berlin, Verlag G. A. Gloeckner, Leipzig
1927, S. 20. — Siehe auch Eucken, Das Übertragungsproblem, Jahrbücher für Nationalöko-
nomie und Statistik, 123. Band, III. Folge 68. Band,

5) Siehe dazu Dalberg, a. a. O0. S. 41. — Siehe ferner Liefmann, in Kastl-Lief.
mann, Das Transferproblem, Wirtschaftspolitische Zeitfragen herausg. von Schultze,
G. A. Gloeckner, Leipzig 1926, S. 51, der ebenfalls bestreitet, daß durch die Reparations-
steuern ein allgemeiner gleichmäßiger Preisdruck in Deutschland entstehen könne.
        <pb n="70" />
        Die Reparationssummen als Kapitalbildung zu Gunsten Deutschlands. 57
Im Ganzen ist von der Reparationskonjunktur dasselbe wie von jeder Konjunk-
tur zu sagen. Die konjunkturale Ausdehnung des Produktionsapparates und der
Produktion muß harmonisch sein, es darf keine einseitige Investierung erfolgen;
das Kräftespiel des Leistungstausches der einzelnen Wirtschaftszellen oder der
einzelnen Branchen untereinander darf nicht einseitig verlagert werden, es dürfen
nicht Branchen übermäßig über den Bedarf hinaus bevorzugt werden. Das ist
eine Gefahr, deren Eintritt oder Nichteintritt in keinem kausalen Zusammenhang
mit der Besonderheit der Reparationskapitalbildung steht. Wenn also diese Ge-
fahr, gegen die man bisher kein ausreichendes Schutzmittel angewandt hatl),
eintritt, so stehen wir nicht schlechter da, als wir stehen würden, wenn die
Kapitalbildung für Rechnung inländischer Hände vor sich gegangen wäre. Viel
gefährlicher ist in diesem Zusammenhang die draufgängerische, im wesentlichen
nur technisch oder wirtschaftsphilologisch orientierte Kapitaldisposition der öffent-
lichen Hand. Höchstens besteht ein Zusammenhang zwischen konjunkturaler Störung
der Wirtschaftsharmonie und der Besonderheit der Reparationskapitalbildung in-
sofern, als die endgiltige Finanzierung durch Auslandsemissionen zu einstweilen
noch sehr hohen Zinsbedingungen erfolgt, und der übermäßige Zinsaufwand von
zinskostenintensiven Branchen ®), z. B. von der Baubranche, nicht getragen werden
kann, sodaß derartige Branchen relativ verkümmern und insoweit das harmonische
Assortiment der Gewerbszweige zueinander gestört wird. Endlich ist darauf hinzu-
weisen, daß wir so stark Teil der Weltwirtschaft und so stark in sie verflochten
sind, daß die harmonische oder nicht harmonische Assortierung unserer
Produktionsausdehnung garnicht mehr unsere Sache allein ist, sondern nur
noch im Zusammenhang mit der ganzen übrigen Weltwirtschaft erfolgt. Nur das,
was rein innerdeutsche Angelegenheit ist, z. B. der größte Teil des Aufwandes der
öffentlichen Hand, kann zu einer spezifisch deutschen Störung der Wirtschafts-
barmonie, also prakfisch zu großer Arbeitslosigkeit führen.
Abgesehen von dieser nicht reparationskausalen Gefahr aber müssen wir eine
außerordentlich starke Belebung der deutschen Volkswirtschaft durch die unge-
heure Zwangssparkasse des Reparationsagenten als eine Tatsache ansehen. Man
kann unmöglich sagen, daß dieser Sinn von unseren Reparationsgläubigern gewollt
war oder irgendwie gewünscht werden könnte. Durch das Versailler Diktat und
den Dawes-Plan zwingen uns die ehemals feindlichen Staaten zu erheblicher Mehr-
arbeit, die sich als Vergrößerung und Verbesserung unseres Produktionsapparates
niederschlägt, sodaß unsere weltwirtschaftliche. Leistungsfähigkeit in riesigem Aus-
maße gesteigert wird. Natürlich sind die so entstehenden Kapitalrechte auslän-
disches Eigentum, aber dieser Umstand wirkt sich nur in der Kapitalverzinsung
aus und nur in der früher gezeigten Weise, während der hinter den Kapitalrechten
stehende Produktionsapparat in Form von Stahlwerken, Textilfabriken, Brauereien,
Kinos, Krankenhäusern, Landstraßenbau usw. sich in Deutschland selbst befindet
und dort Frucht trägt, wobei die Kapitalverzinsung ja nur einen ganz kleinen
Prozentsatz des Umsatzes ausmacht, der je mit diesem Wirtschaftsapparat er-
zielt wird. Anders ausgedrückt heißt das, daß zu diesen Fabriken und Anlagen Men-

1) Wie ich an anderer Stelle, Mahlberg, Konjunkturbeeinflussung durch Kalkula-
tions- und Kreditpolitik, Zeitschr. f, Handelswissenschaftl, Forschung, 1927, Heft 5, Verlag
G. A. Gloeckner, Leipzig, dargelegt habe, glaube ich, daß in der \Differenzierung der Preise
in die von mir so genannten d- und ßB-Preise ein Diagnostizierungsmittel zur Vermeidung, von
Kapitalinvestierung in volkswirtschaftlichen Ladenhütern gegeben ist, .

2) Näheres Mahlberg, Konjunkturbeeinflussung durch Kalkulations- und Kredit-
politik a. a, 0.
        <pb n="71" />
        58 Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft,
schen gehören, Generaldirektoren, Direktoren, technische Leiter, Prokuristen, Inge-
nieure, kaufmännische Angestellte, Werkmeister, Vorarbeiter, Arbeiter und Arbeite-
rinnen, die alle ihr Brot durch das Betreiben dieser „Aausländischen‘ Apparatur
finden. Daß dabei

3. ausländische Personen in die Leitung der Betriebe hineinkommen, den
Aufsichtsrat beherrschen, die Direktionsposten okkupieren, ihre Vetternschaften
hineinsetzen, ist eine sehr peinliche Zugabe 1). Wie man sieht, kommt eine „Per-
sonalüberfremdung“ nur für höhere Stelle in Frage; vom „Prokuristen an ab-
wärts‘, je nach Branche sogar schon vorher, müssen es deutsche Personen sein,
wenn der Betrieb richtig funktionieren soll. Direkt getroffen werden also von der
peinlichen Zugabe die höheren und nicht die mittleren und niederen Schichten der
deutschen Bevölkerung. Natürlich werden letztere indirekt getroffen, denn es ist auch
für sie in vieler Beziehung angenehmer, deutsche Mitbürger statt Ausländer in den
leitenden Stellen der Betriebe zu haben. Offenbar liegt hier, man könnte fast sagen,
der von der Vorsehung gewollte tiefere Sinn der Betriebsräte und der sonstigen,
Einrichtungen des sog. „Arbeitsrechts‘. Ganz deutlich aber tritt hier die politische
Idee zutage, daß nicht der Kapitalbedarf der Industrie und der sonstigen. Privatwirt-
schaft, sondern der Kapitalbedarf der öffentlichen Hand vorzugsweise im Ausland
gedeckt werden sollte, da ein unser kulturelles Leben beeinträchtigendes Eingreifen.
der Kapitalbesitzer in die Betriebsführung und Einrichtungen der öffentlichen Hand
wegen der Souveränität des Staates u. ä. weniger leicht Schaden anrichten kann
bzw. weniger leicht möglich ist.

Eine sehr unangenehme Zugabe kann sich dadurch entwickeln, daß das Aus-
landskapital nicht schlechthin nur einer guten Verzinsung wegen bei uns beschäftigt
wird, sondern daß das Ausland seine großen Beteiligungen an. deutschen Werken usw,
benutzt, um diese so auszugestalten und vorgehen zu lassen, wie es den auslän-
dischen Konkurrenzwerken der deutschen Industrie paßt, Zur Hlustration sei auf
das Beispiel der Velberter Schloßindustrie hingewiesen, von welcher die ame-
rikanische Firma Yale &amp; Towne große Komplexe aufgekauft hat, so daß Yale
&amp; Towne nunmehr 90% der Türschließererzeugung erfassen (Industrie- und Handels-
zeitung 5, 5, 28). Eine solche kapitalistische Einflußnahme ausländischer Kon-
kurrenz in den zahllosen deutschen Branchen ist im vorhinein nicht einheitlich zu
beurteilen, sie kann sehr unangenehm für die Betroffenen werden, aber auch eine
Verbesserung der Wirtschaftlichkeit herbeiführen. Daß hier nicht ab irato Sinnloses
1) Adolf Weber, a. a. O0, S. 9 und 10 weist mit Hugenberg darauf hin, wie wir
bis in die siebziger Jahre jährlich hunderttausende Landsleute in ferne Länder schicken
mußten, bis belgisches, französisches und englisches Kapital unsere Wirtschaft entsprechend
entwickelte, Da nicht Staaten und auch nicht Politiker sondern Privatleute ihr Kapital im
Auslande anlegten (Zusatz des Verfassers: Durch die „Privatisierung“ unserer aus Repara-
tion entstehenden Auslands-, Verschuldung“ sind Webers Worte auch hierauf anzuwenden),
lediglich mit dem Zweck, Profite zu machen, so dürften sie schon in ihrem eignen Interesse
der nationalen Seele ihre Eigenart nicht entziehen, „denn das würde die Leistungsfähigkeit
und Leistungswilligkeit beeinträchtigen, Sie werden im Gegenteil so weit wie möglich auf
die Eigenart, die Empfindungswelt derer, die ihnen helfen sollen zu verdienen, Rücksicht
nehmen, und sie werden sich . ..‘““ Siehe das Zitat auf S. 52, Hier scheinen mir Weber bzw.
Hugenberg zu optimistisch zu sein — sie denken allerdings nur an die derzeitigen Aus-
landsanleihen aus passiver Handelsbilanz —, denn erstens handelt es sich um ganz ungleich
zrößere Beträge — derart groß, daß die Ausländer ganze Städte aufkaufen könnten, — und
zweitens war es in den siebziger Jahren nur Kapital, das eingeführt wurde abgesehen von
ganz wenigen Personen, während jetzt mit der Einfuhr ganzer Scharen von Veiternschaften
zu rechnen sein wird angesichts der viel größeren Kompliziertheit der Wirtschaft und ihrer
Betriebe; damals waren es wenige Leiter von Gaswerken, Glasfabriken und Trambahnen.
        <pb n="72" />
        Die Reparationssummen als Kapitalbildung zu Gunsten Deutschlands. 59
geschieht, verhindert im allgemeinen das privatwirtschaftliche Prinzip, denn die
ausländische Konkurrenz muß erstens die deutschen Betriebe zum vollen Wert
bezahlen, wenn sie sie z, B. stillegen und nur zum Abbruchwert verwerten will,
was nie eine ganz „einfache‘“ Kalkulation ist, und sie muß sich zweitens das er
forderliche Kapital unter Darlegung seiner künftigen Rentabilität verschaffen, was
sie immer, auch ohne Reparationszahlungen gekonnt hätte, sofern eben Rentabilität
nachzuweisen ist, Diese Gefahr ist mithin nicht unbedingt reparationskausal. Im
übrigen. sind die hier denkbaren Verhältnisse so unendlich vielgestaltig und ver-
schieden. — teils günstig, teils ungünstig für uns —, daß die Frage im vorliegenden
Rahmen nicht systematisch erledigt werden kann. Nur auf die Notwendigkeit einer
gründlichen Prüfung der Frage und der Erstellung von gesetzlichen oder anderen
Schutzmaßnahmen, die daraus erforderlich erscheinen könnten, darf hingewiesen
werden 1),
1) Siehe hierzu meine früheren Vorschläge, Mahlberg, Wirtschaftsrelativität, Zeit-
schrift für Handelswissenschaft und Handelspraxis, 1920 Heft 6, 8, 9, Seite 195ff.: „Hier
müßte Volkswirtschaftspolitik größten Stils getrieben werden, zumal der Friedensvertrag Siche-
rungen für die Interessen der Entente errichtet hat, Welche Inlandswerte kommen zuerst an
die Reihe? Wo stört Internationalität des Besitzes am wenigsten, welche Verluste würden
unsere Kultur am meisten schädigen, sollen Betriebe mit personalstarkem oder personal-
schwachem Charakter geschützt werden? Soll städtischer oder ländlicher Grundbesitz ge-
schützt werden, sollen die Ausländer beliebig, ev. ganze zusammenhängende Landstriche auf-
kaufen dürfen, oder sollen schachbrettartig hierfür Grundstücke freigegeben werden?‘
        <pb n="73" />
        6) Die weltwirtschaftliche Natur der Sachlieferungen,
Die Erkenntnis, daß der Bartransfer eine Fiktion ist, hatte ich ‚schon 1924 1)
gewonnen, als ich, in Schweden wohnend, mit dem Fühlen des Auslandsdeutschen
„das große Vaterland‘, wie es die Schweden in einer Mischung von Bewunderung
und Ironie nennen, von außen her beobachtete, Die Sachlieferungen betrachtete
ich damals noch als wirkliche Tributleistungen und sah deshalb von einer Ver-
öffentlichung der Erkenntnis ab, da zu befürchten stand, daß nach Bekanntwerden
und Anerkennung dieser Ergebnisse die ehemals feindlichen Staaten nur noch Sach-
lieferungen verlangen würden, Nachdem mir inzwischen die weitere Erkenntnis —
die nachträglich fast wie das Ei des Kolumbus anmutet — gelungen ist, daß auch
die Sachlieferungen volkswirtschaftlich nur die Fiktion einer Tributzahlung sind,
wurde die Veröffentlichung zur Pflicht.

Um die weltwirtschaftliche Natur der Sachlieferungen zu erkennen, sei
angenommen, daß die gesamte jährliche Reparationsschuld von 21% Milliarden
Mark, also der Betrag, wie er im „Normaljahr‘“ bezahlt werden soll, durch Sachliefe-
rungen abgedeckt werde. Dann fällt der volkswirtschaftliche Zauberspuk des De-
visen-Clearings fort, es erfolgt keine Investierung des durch Zwang gebildeten
Kapitals in Deutschland, sondern wir haben es scheinbar mit einem eindeutigen,
nicht weg zu leugnenden und wegen des Umfanges brutalen Naturaltribut za tun,
wie er uns aus den Kriegen einer grauen Vorzeit bekannt ist. Es wäre dann so, als
ob wir alle in Deutschland den 10. Tag für das Ausland arbeiten müßten.

Auch hier trügt der privatwirtschaftliche Schein über den volkswirtschaftlichen
Inhalt. Tatsächlich hätten wir auch dann und haben wir bereits eine Reparations-
konjunktur größten Umfanges, wir hätten nicht nur unser Brot, sondern ein erheb-
liches Stück Zusatzbrot an der Erzeugung des Zehnten. Zu unserem gewöhnlichen
Wirtschaftsumsatz käme der gesteigerte Absatz ins Ausland aus Sachlieferungen,
Der einzelne Unternehmer, der Sachlieferungen herstellt, etwa Transportanlagen
auf Reparationskonto ins Ausland liefert, muß ja nicht den ausmachenden Faktaren-
beirag der Lieferung als Reparationssteuer zahlen, sondern nur einen Teil davon,
während ihm die Lieferung als solche aus der Reichskasse bezahlt wird und
70on dieser wie die Barzahlungen auf alle Steuerpflichtigen umgelegt wird.

Die Umsatzsteigerung hat zwei Folgen. Einerseits ist es Umsatzsteigerung
schlechthin und damit Geschäftsausdehnung in allen Branchen. Andererseits wird
eine solch große zusätzliche Umsatzsteigerung in ganz großem Umfange, wenn
nicht auf der ganzen Linie aller Branchen, dahinführen;, daß allüberall die Pro-
duktionskapazität bis zur letzten Möglichkeit ausgenützt wird, sodaß das Gros der
Betriebe mit ihrem Beschäftigungsgrad beim sogenannten Selbstkosten-Degressions-
endpunkt liegen würde, Bekanntlich sind die Selbstkosten pro Fabrikations-
einheit — je nach Branche und Betrieb verschieden stark — bei nicht voller Be-
schäftigung höher als bei hundertprozentiger Ausnützung der Betriebsapparatur;
mit zunehmender Beschäftigung fallen die Selbstkosten pro Stück, pro Dutzend,
Tonne usw., um beim Degressionsendpunkt den billigsten Kostenpreis zu erreichen.

Durch die Sachlieferungskonjunktur hätten wir und haben wir bereits nicht nur
größere Umsätze, sondern auch niedrigere Selbstkosten und aus beiden Gründen
1) S. auch meine soeben genannte Arbeit „Wirtschaftsrelativität‘‘ 19201
        <pb n="74" />
        Die weltwirtschaftliche Natur der Sachlieferungen. 61
große Kaufkraft im Lande. Große gegenseitige Kaufkraft der Betriebe und Personen
einer Volkswirtschaft untereinander ist dasselbe wie großer Umsatz. Nicht der ganze
Umsatz, nicht die ganze Kaufkraft geht an die Entente, sondern nur ein Teil, der
weggesteuert wird. Wie groß er ist, werden wir noch sehen. Die große Kaufkraft
bedeutet Bedarf nach vergrößertem Wirtschaftsapparat, nach Kinos, Kaufhäusern,
Autos, Konfektion, Bier, Werkzeugmaschinen und was sonst alles in einer Periode
großer und dauernder Umsätze starke Nachfrage haben mag.

Um weiter zu kommen, machen wir folgende Unterstellung. Wir werden sehen,
daß es durchaus möglich ist, jährlich 21% Milliarden Mark Kapital in Deutschland
zu bilden. Nun stelle man sich vor, daß in Deutschland ein Diktator aufstehe,
der alle Macht an sich reiße und von der deutschen Kapitalbildung jährlich
21/3 Milliarden Mark beschlagnahme. Diese Summe benutzt er, um dafür Waren,
Güter und Dienstleistungen ins Ausland zu exportieren, also dasselbe zu tun, wie
es bei 214 Milliarden Mark Sachlieferungen vor sich gehen würde. Daß seine Ein-
hirnigkeit auf volkswirtschaftlichem Gebiet zu komischen Ergebnissen führen
würde, brauchen wir nicht zu besprechen. Da die Kapitalbeschlagnahme möglich ist,
ist auch eine solche Exportvermehrung möglich, ‚sofern_das. Ausland des Diktators
Ausfuhr die Tore öffnet, und die Folge wäre eine riesige Umsatzsteigerung in
Deutschland selbst mit allen Folgen, Der große Umsatz oder die große Kauf-
kraft aller Personen und Betriebe der Wirtschaft führt, wie wir sahen, zu starkem
Bedarf nach vergrößerter Wirtschaftsapparatur innerhalb Deutschlands selbst. Da
nun unsere eigene Kapitalbildung durch den Diktator ins Ausland exportiert wird,
mithin bei uns fehlt, so würden sich ausländische Unternehmer beeilen, uns
mit Kinos, Kaufhäusern, Autos, Konfektion, Werkzeugmaschinen, Brotfabriken,
Webereien usw., wo immer sie nötig und rentabel wären, zu versorgen, denn wir
wären — und sind es im Falle der Reparationskonjunktur — kaufkräftig. Jeder-
mann im Auslande, der sich irgend an dieser Konjunktur beteiligen könnte, würde
alle Anstrengungen machen, zu dem Geschäft zugelassen zu werden, sei es, daß
er die betr. Güter in natura importiert und einen entsprechenden Betrieb in. Deutsch-
land. persönlich eröffnet, sei es, daß deutsche Unternehmer importieren und aus-
ländische Kapitalisten die Unternehmungen finanzieren,

Der Kreislauf unserer Wirtschaft würde durch den diktatorischen Export
kolossal, aber einseitig ausgeweitet, zur Ergänzung würden wir Güter und Kapital
zur Finanzierung dieser Güter importieren und damit den Kreislauf komplettieren.

Den Diktator können wir nun wieder verschwinden lassen, an seiner Stelle
diktiert uns die Entente genau dasselbe; volkswirtschaftlich, weltwirtschaftlich
ist der Vorgang derselbe. Nicht nur sind wir durch die Reparationskonjunktur
kaufkräftig, sondern zugleich ist das Ausland lieferkräftig durch den von uns
erstellten Beiriebsapparat-Zugang im Auslande. Die ganze Weltwirtschaft, also
wir und die anderen, dehnt sich aus, es entsteht, wenn die 21% Milliarden Mark,
eine Summe sind, die für die Gesamtweltwirtschaft Erhebliches bedeatet, eine
Weltkonjunktur, weil wir zwangsweise, die anderen, die an unserer inlän-
dischen Umsatzsteigerung teilzunehmen sich beeilen, in der Konsequenz freiwillig
mehr arbeiten. Dabei ist ein großer Teil der Mehrproduktion nicht saure,
tributäre „Sklavenarbeit‘, sondern außerordentlich billig vor sich gehende Pro-
duktion ohne Mehraufwand an fixen Kosten, weil in größtem Umfange es zu Voll-
beschäftigung der Betriebe kommen wird. Auch aller Tauschverkehr der Betriebe
untereinander, also die gesamte Verkehrswirtschaft im engeren Sinne, würde
bis zur vollen Leistungsfähigkeit ausgenutzt werden, sodaß das Mehr fast kosten-
los bewältigt würde. Daß es auch hier, wie bei jeder konjunkturalen Wirtschafts-
        <pb n="75" />
        62 * Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft.
ausdehnung zu einseitiger Verlagerung der Harmonie der Branchen zueinander
kommen könnte, also zu Übersetzung einzelner Branchen mit zu vielen Be-
triebsgründungen und damit erhöhten Kosten wegen Leerlaufes auf der einen
Seite und zu Überbeanspruchung anderer Branchen und damit erhöhten Kosten
wegen progressiver Selbstkosten auf der anderen ist wiederum nicht reparations-
kausal und kann nicht gegen unsere Argumentation verwandt werden.

Der Clearing-Spuk der Weltwirtschaft, den wir durch die Ausschaltung des
Bartransfers in der Voraussetzung ebenfalls ausgeschaltet zu haben glaubten, kommt
damit wieder zur Hintertür herein. Nicht mehr als Erscheinung des unübersehbaren
Devisenverkehrs, sondern als Sachlieferungs-Zauberspuk sehen wir hier die Ge-
setze der Weltwirtschaft, die Gesetze des Produktionsverkehrs der Völker unterein-
einander an der Arbeit, um die einhirnige Mißgeburt der sogenannten Reparation
zu sabotieren.

Wenn man die Sachlage unvoreingenommen betrachtet, so muß man fest-
stellen, daß es anders garnicht sein kann. Wenn bei Bartransfer die Reparations-
zahlungen ein Zauberspuk sind, der die Pfeile auf den Schützen zurückfliegen 1äßt,
so kann es nicht anders sein, wenn man den täuschenden Schleier des Geldes
und der Kapitalrechte fortzieht. Der einzige Unterschied zwischen den Sach-
lieferungen und gewöhnlichem Fabrikatexport einer Volkswirtschaft besteht letzten
Endes‘ in der Einhirnigkeit des Wirtschaftsdiktates der Sachlieferungen. Bei
gewöhnlichem Export wie bei den Sachlieferungen stellen die exportierten Güter
einen Kapitalwert dar, für den es in beiden Fällen einen Eigentümer geben muß.
In beiden Fällen werden die Güter irgendwo in der Welt investiert, um dort Früchte
zu tragen. Wenn wir es bei gewöhnlichem Export erreichen können, daß wir eine
sogenannte aktive Handelsbilanz haben, daß wir also Kapitalexport ins Ausland
treiben, so schätzen wir uns nach bisheriger Lehre ‚glücklich, glücklich darüber,
daß wir für das Ausland mit unserer Hände Fleiß arbeiten dürfen, daß wir für
unsere überschüssige Kraft irgendwo ein Betätigungsfeld finden. Der diese Betäti-
gung wagende Unternehmer freut sich dabei auf die Verzinsung, seine Mitarbeiter
sind mit dem Lohn ihrer Arbeit zufrieden. Auch bei Sachlieferungen entsteht dieser
Lohn der Mitarbeiter, sowie Unternehmerlohn und auch einige Zinsfreude, nur
nicht die ganze privatwirtschaftliche Zinsfreude, wie im Falle des gewöhnlichen
Exportes; von dem nicht anfallenden Teil der privatwirtschaftlichen Zinsfreude
aber gilt all das, was wir früher bei der Besprechung des Bartransfers erkannit
haben. Die ganze Zinsfreude können wir leider nicht haben, weil wir den Krieg
verloren haben, aber volkswirtschafilich ist das weniger wichtig.

Materiell betrachtet besteht mithin das Wesen der Sachlieferangen darin,
daß wir durch Mehrarbeit die Wirischaftsapparatur irgendwo im Ausland ausbauen
und daß das Ausland die bei uns notwendige Apparatur erstellt und zu uns ein-
führt. Steckte nicht die Einhirnigkeit des Reparationsplanes dahinter, so könnte
man solche „Arbeitsteilung‘‘, solchen „Sachlieferungsaustausch‘“ nur begrüßen.

Das wirkliche Wesen des Sachlieferungstributs schöpfen wir vollständig aus,

aa) wenn wir die Rollen ein wenig vertauschen und so sagen:

1. Die Sachlieferungen sind zusätzlicher Export, für den man uns freundlicher-
‚weise die Grenzen öffnet; man tut also das Gegenteil von dem, was man sonst
mit großer handelspolitischer Anstrengung zu verhindern trachtet.

2. Diese Exporte wollen wir wie gewöhnliche, für uns erfreuliche Exporte

möglicher Höchstbetrag 21/2 Milliarden Mark — ansehen,

3. Gleichzeitig importieren wir vom Ausland für 21/2 Milliarden Mark Betriebs-
apparatur, welche ohne die Sachlieferungen von uns selbst erstellt worden wäre,
        <pb n="76" />
        Die weltwirtschaftliche Natur der Sachlieferungen, 63
Niemand auf der Welt wird uns als Käufer ablehnen; wir können kaufen, soviel wir
brauchen; selbst wenn die Entente-Staaten die Ausfuhr nach uns verbieten, wird
man sich anstrengen, uns durch Schmuggel zu versorgen.

4. Statt daß die Exporte von der Entente nicht bezahlt werden und wir ferner
die Importe schuldig bleiben müssen, denken. wir uns, daß die Entente unsere Ex-
porte bezahlt, sodaß wir mit diesem Erlös unsere Importe bezahlen können.
Dann hebt sich Import gegen Export auf.

5. Und nun übertragen wir der Entente im Wege der Reparationssteuern und
des Bartransfers das Eigentum an den neu nach Deutschland importierten Gütern
im Werte von 21% Milliarden Mark zum Ausgleich ihrer Reparationsforderungen';
dann ist die Entente und der Import bezahlt und wir haben lediglich dieselbe
Überfremdung, dieselbe „Verschuldung‘“ am das Ausland, wie wir sie ohne Sach-
lieferungen nur im Wege der „Barzahlung“ haben würden, ;

Quod erat demonstrandum!

So wirkungslos wie der Bartransfer sind mithin auch die Sachlieferungen im
Sinne einer Tributzahlung; die Sachlieferungen bedeuten für uns Exporterlaubnis
im die Entente-Staaten über das handelspolitisch und weltwirtschaftlich-arbeits-
teilig gestellte Maß hinaus; die Präsidenten der Reichsverbände der Industrie
in allen Entente-Staaten müßten dauernd, Tag für Tag gegen diese Maßstabsver-
letzung durch das Fehldenken zwangswirtschaftlicher Einhirnigkeit protestieren.

Wenn der Wiederimport der uns durch Sachlieferungen entzogenen Wirt-
schaftskraft den Umfang der Sachlieferungen nicht erreicht, so ist das dieselbe
Situation, als wenn wir bei Barzahlung unsere Exporte über das frühere Maß
hinaus vergrößern. Tributzahlung ist es, wie wir in Abschnitt 2f noch sehen
werden, auch dann nicht.

Vergleicht man beide Zauberspukarten, das Devisen-Clearing und den Sach-
lieferungsaustausch miteinander, dann ist als Erstes festzustellen, daß beide unge-
heure Mängel zeigen, denn beide stören mit rauher, gewissermaßen nicht desinfi-
zierter Hand den Verdauungsprozeß in den weichen Gedärmen der W eltwirt-
schaft, sodaß nicht nur Deutschland, sondern auch alle übrigen Länder gestört
werden, Der Dawes-Plan ist Weltzwangswirtschaft.

Bei beiden Systemen gelangt nur soviel Neukapital in Deutschland selbst zur
Investierung, als der Harmonie oder Assortierung der Branchen zueinander ange-
messen ist, als von der Umsatzsteigerung verdaut werden kann. Jedes Mehr ist
unmöglich bzw. krankhaft. Beim Devisen-Barzahlungssystem muß das Mehr als
vermehrter Export ins Ausland abgedrängt werden — sodaß wir nach wie vor
große handelspolitische Interessen haben —; beim Sachlieferungssystem wird das
Mehr nicht aus dem Ausland nach Deutschland strömen, oder wenn man so will
„zurückströmen‘“. Hierbei kommt es leicht dazu, daß des Auslandes Märkte
durch sinnlose Kapitalinvestierung, Niemand zunutze und allen zum Schaden
gereichend, verstopfl werden. Von hier aus gesehen, hat die deutsche Regierung ein
Recht darauf, daß im Interesse der Weltwirtschaft Sachlieferungen nur zu dem
Zwecke erfolgen, die wirklich produktiv und rentabel sind in einer nicht zu weiten
Zukunft; sinnlose Investierungen muß die Reichsregierung verweigern. Und dabei
müßte sie von der ganzen neutralen Welt unterstützt werden. Maßstab ist die Mög-
lichkeit, ob ein privatwirtschaftlicher Unternehmer, würde ihm das nötige Be-
triebskapital zu normalen Zinsen zur Verfügung gestellt, die betr. Investierung
mit seinem Eigenkapitalanteil riskieren würde; es muß auch hier
die wirtschaftliche Zweckmäßigkeit entscheidend sein und nicht etwa der Ge-
sichtspunkt technischer Schönheit oder technischer Vernunft. Dabei wird, da
        <pb n="77" />
        64 Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft,

es Zwangsinvestierung ist, der sonst wichtige und durchschlagende Maßstab, ob
nämlich der Kapitalmarkt durch Hergabe des Geldes die Unternehmerabsichten des
einzelnen Unternehmers gutheißt, so wie so unter den Tisch fallen.

Nunmehr ergeben sich folgende Nachteile des Sachlieferungssystems.

A. Es erfolgen unnötige Warenbewegungen. Wir produzieren und exportieren
Betriebsapparate für andere Länder. Den Betriebsapparat, den wir selbst brauchen,
produzieren andere und importieren ihn zu uns, Diese Warenbewegung erfolgt nicht
aus Gründen der internationalen Arbeitsteilung, standorts-mäßig bedingt, sondern
weil ein Wiederherstellungsfanatismus die Völker mit Blindheit schlägt und sie
in dem Glauben läßt, als könne man der Welt eine Zwangswirtschaft oktroyieren,
aachdem erst wenige Jahre verflossen sind, seitdem man die Sinnlosigkeit der
inländischen Zwangswirtschaft erkannt hat.

2. Das Sachlieferungssystem ist doppelte Zwangswirtschaft. Da die Sach-
lieferungen natürlich ebenfalls Kapital darstellen, so erfolgt ein Zzwangswirtschaft-
licher Eingriff in die Freiheit der Weltwirtschaft, a) bei der Kapitalbildung durch.
Zwangszahlung an den Reparationsagenten und b) bei der Investierung, indem nicht
das freie Spiel der Kräfte die Güter auswählt, in welchen das Kapital investiert
werden soll, sondern einzelne Personen, bestenfalls ein Gremium, das aber nicht
den eigenen Kopf für die wirtschaftliche Richtigkeit der Auswahl der Sachliefe»
rungen :hinhält.

3. Der Nachteil der Sachlieferungen für uns besteht in der Möglichkeit, daß
wir den Konsum einschränken, daß wir knickerig werden, um auch das nach
obigen Ausführungen vom Ausland einzuführende Neukapital zwecks Wirtschafts-
erweiterung noch aus eigenem Fett abzuschwitzen. Die Konsumeinschränkung
würde sich als eine Kulturstörung erweisen, denn einschränken würde man
nicht den gewöhnlichen Konsum, sondern die Kapitalverwendung für Zwecke,
die bei kurzsichtiger Betrachtung am leichtesten zu entbehren
sind.

Die Erkenntnis der Sinnlosigkeit der Sachlieferungen ist im übrigen auf dem
Marsch; der Egoismus der Empfänger streitet gegen sie.
        <pb n="78" />
        d) Das Problem der inneren Aufbringung der Reparationssummen in
Deutschland.
Zunächst sind drei grundsätzliche Bemerkungen zu machen. Erstens: lautet
die Frage nicht: Können wir in Deutschland 21% Milliarden Mark Steuern für
Reparationszwecke zahlen?, sondern die Frage muß, wie wir gesehen haben,
jauten: Kann sich soviel Kapital jährlich in Deutschland bilden? Wer Eigentümer
dieses Kapitals wird, ist dabei sekundäre Frage.

Zweitens ist zu bemerken, daß selbstredend statt Neukapitalbildung zugunsten
ausländischer Hände auch die Überfremdung privatwirtschaftlichen Altkapitals
in Frage kommen kann, um als Reparationsleistung Deutschlands zu dienen.

Drittens ist die Frage aufzuwerfen, nach meinem, des Autors Recht, die
Möglichkeit der inneren Aufbringung, wie es unten geschieht, zu bejahen und
diese Bejahung zu veröffentlichen. Da unsere Reparations-Vertragsgegner die Mög-
lichkeit der deutschen Zahlungsfähigkeit mit Worten und durch die Tat behaupten,
so verschlägt es nichts, daß in einer deutschen wissenschaftlichen Untersuchung
diese Möglichkeit ebenfalls bejaht wird, selbst dann nicht, wenn sich unsere
Vertragsgegner darauf stützen würden, oder wenn die Zahlungsmöglichkeit in
Wirklichkeit nicht gegeben wäre, und die Untersuchung in diesem Punkte zu einem
falschen Ergebnis käme. Es ist unnötig zu betonen, daß die Zahlen der Unter
suchung in weit besserer Vollständigkeit den Vertragsgegnern bekannt sind,
Hier liegt überhaupt nicht der Grund zur Aufwerfung der vorstehenden Frage.
Der Grund ist vielmehr der, daß eine Bejahung der Zahlungsmöglichkeit sich
in Gegensatz stellt zum größten Teil, wenn nicht zur Gesamtheit der deutschen
öffentlichen Meinung. Die öffentliche Meinung variiert die These von der Unmög-
lichkeit, daß Deutschland die ungeheuren Reparationsbeträge zahlen könne, nach
jeder nur denkbaren Richtung. Sie sucht das Inland und das Ausland über diese
Unmöglichkeit zu belehren. Es müssen wichtige Gründe vorhanden sein, wenn
ein deutscher Autor sich hierzu in Gegensatz stellt 1). Zu meinem Vorgehen glaube
ich aus folgenden Gründen berechtigt und verpflichtet zu sein.

a) Unsere immer wiederholten Beteuerungen, daß die Zahlung der verlangten
Kriegsentschädigungen: uns unmöglich sei, können auf die ehemals feindlichen
1) Siehe hierzu auch Bonn, a. a. 0. S. 38: „Unter diesen Umständen ist es ganz aus-
geschlossen, daß der Dawes-Plan jemals finanztechnisch zusammenbrechen wird; die ver-
pfändeten Steuern werden eingehen, auch wenn die innere Leistungsfähigkeit des Reichs
versagt. Selbst wenn es sich zu einer rückhaltlosen Freihandelspolitik entschlösse und alle
Zölle fallen ließe, wären die Einnahmen aus den Verbrauchsabgaben, ohne Einrechnung von
Finanzzöllen,. immer noch höher als die Forderungen des Generalagenten.“ Bonn kommt
im übrigen in seiner Untersuchung zu der Forderung höchster Sparsamkeit der öffentlichen
Hand, wenn man sich nicht für die notwendige Verhandlung über eine Abänderung der Repa-
rationen selbst die Lage verschlechtern wolle,

Siehe ferner Kastl in Kastl-Liefmann, Das Transferproblem, Wirtschaftspolitische
Zeitfragen, herausg. von Schultze, G. A, Gloeckner, Leipzig 1926, S. 40: „Die richtige
Reparationspolitik besteht heute m. E. darin, nicht immer über die Last als solche zu stöhnen
(denn eine solche Politik erreicht bei der bekannten Mentalität unserer Gläubiger gar nichts),
sondern sie besteht darin, mit zielbewußter Klarheit und Objektivität den Fehlern im System
nachzuspüren, bei denen ‘(vielleicht nach: innerer Überzeugung der Sachverständigen selbst)
die Revision einsetzen muß.“

Mahlberg, Reparations-Sabotage,
        <pb n="79" />
        66‘ Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft,

Staaten keinerlei Eindruck machen, da letztere die selbstverständliche Logik
haben, daß Deutschland die Zahlung versuchen müsse und daß, sollte sich dann
wirkliche Unmöglichkeit herausstellen und Deutschland durch die Reparations-
lasten zusammenbrechen, man dann noch immer kurz vor dem Zusammenbrechen
die Lasten aufheben könne. Auch die meisten Neutralen sind derselben Meinung,
auch auf sie machen unsere Beteuerungen geringen Eindruck, sofern nicht ihre
eigenen egoistischen Interessen mit den unseren parallel laufen. Unsere Propa-
ganda, soweit sie sich auf die Unmöglichkeit der Zahlung eingestellt‘ hat, muß
also wirkungslos verpuffen, ihr Verbrauch an Kosten und vor allen Dingen an
Sympathien ist nicht nützlich, sondern schädlich. Ganz anders ist es mit einer
Propaganda, welche die Reparation als weltwirtschaftlich sinnlos zeigt oder welche
an das Gewissen der Völker appelliert, daß die Auferlegung solch ungeheuerlicher
Illustration 121)
 nofürlicder Größe,

1.010.709 000 sepamım,
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2 500 0006 000

=
PCSenbe
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Mindeft-
Keiltung

Beträge jeder moralischen Berechtigung entbehrt. Wenn auch der Reichsregie
rung durch ihre Unterschrift unter die Verträge die Hände gebunden sind, so müßte
doch jede Zeitung und jeder deutsche Mann täglich einmal aussprechen, daß man
uns bei der Bemessung der Schuldsumme betrogen hat.

b) Eindruck auf unsere Reparations-Vertragsgegner machen nur Erscheinungen,
welche ihren Interessen schädlich oder ums einseitig nützlich sind. Solches
aufzuzeigen, ist der Zweck unserer Veröffentlichung. Die von uns dargelegte
weltwirtschaftliche Sinnlosigkeit der Reparationszahlungen beruht im wesentlichen.
darauf, daß die Reparationszahlungen sich wider den Willen der Empfänger
im eine Kapitalanlage in Deutschland verwandeln. Ist das der Fall, und will
man das beweisen, so ist natürlich die Voraussetzung, daß solche Kapitalbildung
in Deutschland auch tatsächlich Möglich ist. Insoweit bildet das vorliegende
a 1) Aus Cri6e, Das Londoner Abkommen, a. a. O. ; Tafel I: Die finanzielle Belastung
durch das Londoner Abkommen (farbige Wandtafel, Größe 54X 80 cm).
        <pb n="80" />
        Das Problem der inneren Aufbringung der Reparationssummen. 67
Kapitel einen wesentlichen Bestandteil unserer Beweisführung, Die Bejahung der
Aufbringungsmöglichkeit bedeutet nicht die Bejahung der Tributberechtigung.

c) Auch der Ausweg, das vorliegende Kapitel einfach auszulassen und es
den Reparationsgläubigern zu überlassen, über die Möglichkeit oder Unmöglichkeit
nachzudenken, kam nicht in Frage. Wenn unsere Untersuchung wissenschaftlich
beweisen will, daß sich die Vertragsgegner durch die Reparationen ins eigene
Fleisch schneiden und sich selbst mehr schaden als uns, so muß die Beweis
führung ein geschlossenes logisches System darstellen, das nur auf wirtschaft-
licher Logik beruht und keinerlei Zugeständnisse an patriotische Gefühle macht.
Daß patriotisches Fühlen die Logik hat finden lassen, schadet der Wirksamkeit des
Systems beim Vertragsgegner nicht, aber es hieße die Integrität dieses logischen
Systems und damit dessen Wirksamkeit beeinträchtigen, wollten wir die Frage
der inneren Aufbringungsmöglichkeit mit Schweigen übergehen, oder wollten wir
vor dieser Frage den Kopf in den Sand stecken,

Gehen wir nun zu der eigentlichen Frage nach der inneren Aufbringungs-
möglichkeit der Reparationssummen über und beleuchten sie durch das nach-
stehende Diagramm. Das Diagramm benutzt als Maßstab, um die ungeheure Größe
der Reparationslast zu zeigen, die jährliche Kapitalbildung bei den deutschen
Sparkassen in der Vorkriegszeit. Im Jahre 1913 betrug der Zuwachs an Spar-
guthaben bei den deutschen Sparkassen 1 Milliarde Mark. Die Reparationszahlung,
welche vom Normaljahr 1928/29 ab jährlich fällig werden soll, beträgt demgegen-
über 2,5 Milliarden Mark,

Man muß bei diesem Maßstab bedenken, daß es sich um Sparkapital relativ
kleiner Hände handelt; die Kapitalbildung relativ großer Hände ist damit, zum
Teil wenigstens, nicht erfaßt.

Neuere Zahlen 1) ergaben für Ende März 1926 einen Sparkassenbestand von 2,0,
Ende März von 3,7 und Ende 1927 von 4,6 Milliarden Mark2). Seit 1925 hat die
Zunahme des Standes der Sparguthaben im Durchschnitt jährlich 1,5 Milliarden Mark
betragen, trotz der gleichzeitig erfolgten Reparationszahlung. . Selbst 1924 betrug
die Zunahme 535 Millionen Mark.

Die Wertpapier-Emissionen in Deutschland betrugen 1913 2,3, 1926 4,3 Mil-
liarden Mark, In der letzteren Summe steckt bereits ein großer Teil der Repara-
tionskapitalbildung und außerdem laufen die Summen der Sparguthaben bei den
Sparkassen mit den Summen der Wertpapieremissionen durcheinander.

Eine andere Illustration geben die Zahlen der Umsatzsteuer, Sie erfaßte 1924
82 Milliarden Mark Umsatz, von der die damalige Reparationszahlungen von einer
Milliarde 1,2% ausmachte, während die Summe des Normaljahres 3% hier-
von ausmachen würde, wenn nicht die Umsatzsumme inzwischen erheblich ge-
stiegen ist.

Die Vermögenssteuerveranlagung ergab 1924 für das deutsche Reich 109 Mil-
liarden Mark Vermögen, Unterstellt man eine durchschnittliche Verzinsung von
6,88 0%, SO macht die Reparationszahlung 1% aller Kapitalrenten aus; unterstellt
man eine durchschnittliche Verzinsung von 4,59 0% für die deutschen Vermögen,
so wäre die Hälfte der deutschen Renten jährlich an die ehemals feindlichen
Staaten auszuzahlen. Demgegenüber wirken die Zahlen irreführend, welche der
Bericht über das 3. Reparationsjahr?) für die Lasten aus der Industriebelastung
Statistisches Jahrbuch für das Deutsche Reich 1927,
München-Augsburger Abendzeitung vom 11. 4. 28,
Nach Indunstrie- und Handelszeitung 1927. Nr. 297.
        <pb n="81" />
        68 Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft.
gibt und welche auf 4,14 % für das 2, 8,28 0% für das 3. und 9,94 0% für die
folgenden. Jahre von der Rente der betr. Industrien beziffert werden, sodaß hier im
höchsten Falle nur der zehnte Teil weggesteuert würde, während unsere Rechnung
auf 50 % bzw. 331/ 0% kommt.

Natürlich handelt es sich im Vorstehenden nur um Nustrationszahlen bzw.
um ‚eine rohe Rechnung mit dem Versuch, die Frage der Aufbringungsmöglich-
keit zu bejahen. Diese Bejahung erfolgt aber nur in dem Sinne, daß eine Kapi-
talbildung in dem ungeheuerlichen Ausmaß der Reparationsforderungen mög-
lich ist, und nicht in dem Sinne, daß eine Jährlich immer wiederholte Kapital-
beschlagnahmung in Deutschland von den Feinden von gestern im Be-
trage von jährlich 2,5 Milliarden Mark irgendwie. moralisch gerechtfertigt oder
weltwirtschaftlich oder politisch sinnvoll wäre. Eine Kapitalbeschlagnahme im
Ausmaß des 21% fachen der Sparkassen-Kapitalbildung der Vorkriegszeit oder der
halben Rente alles deutschen Vermögens ist ein Monstrum von ökonomischer Kurz-
sichtigkeit, dessen Grundgedanke nur in der überhitzten Atmosphäre einer Friedens-
diktatkommission entstehen konnte.

Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß ein solch monströses politisches
Vorgehen, das niemals als die Tat verantwortlicher, die Zukunft berücksichtigender
Staatsmänner, sondern ewig als die „Politik eines Greises‘, der die Frage „nicht
vom Standpunkt der Menschheit und der- europäischen Kultur ansah‘“, sondern
einseitig von französischen Interessen aus, der „die Uhr zurückstellen und un-
geschehen machen wollte, was der Fortschritt Deutschlands seit 1870 voll-
bracht hattel)‘, betrachtet werden wird, sich! geschichtlich rächen wird. Eine
Möglichkeit geschichtlicher Rache hebt sich bereits jetzt deutlich von der Zakunft
ab. Wenn nicht der Reparationssinnlosigkeit ein Ende gemacht wird, dann werden
aines Tages so große Teile des deutschen Betriebsapparates in ausländischen Händen
sein, daß. hieraus. ein „Wehe den Siegern‘“ entstehen muß.

Das Gefährliche für die Reparationsgläubiger besteht darin, daß Deutschland
in der Zwischenzeit, wie wir dargelegt haben, durchaus den Nutzen der Reparations-
konjunktur genießt, während für die Empfangsländer der Reparationszahlungen
auch inzwischen im wesentlichen nur Störungen ihrer Wirtschaft entstehen,
wie noch zu zeigen sein wird. Dazu kommen die Störungen aus der Reparation
als Weltzwangswirtschaft, von denen wir, die Entente und alle Neutralen mitbe-
iroffen werden. Wie lange noch in aller Welt soll dieser „Krieg mit veränderten
Mitteln‘“ fortgesetzt werden?

Genau wie im‘ Weltkrieg haben wir auch hier den Vorteil der „inneren
Frontlinie‘, denn bei uns soll sich das Kapital bilden.

1) Keynes, Die wirtschaftlichen Folgen. des Friedensvertrags, übersetzt von Bonn
and Brinkmann, Duncker &amp; Humblot, München 1920
        <pb n="82" />
        e, Die Wirkung der Reparationszahlungen auf die Empfangsländer.
x) Die „Verdauung“ der Devisen-„Barzahlung“ in den Empfangsländern
Wir haben es hier mit der Frage zu tun, welche volkwirtschaftlichen Wir-
kungen durch den Bartransfer in den Ententeländern entstehen. Die Beantwor-
tung der Frage ‚ergibt, daß drei Verwendungsarten der deutschen Zahlungen und
Jamit gewissermaßen drei Aggregatzustände in den Empfangsländern möglich sind,

Der erste Aggregatzustand entsteht dann, wenn die Ententeregierangen ihre
„Bareinkünfte‘“ aus Deutschland „konsumieren‘, indem sie sie im laufenden Etat
oder im Extraordinarium als Einnahmen aufführen und als Ausgabe verbrauchen.
Da bis dahin ein volkswirtschaftliches Geschehen nicht hinter dieser „Barzah-
lungen‘ steht, da durch den Transfer lediglich Tinte verströmt und ‚sonstige
Bürounkosten verbraucht wurden, so hat diese Verwendungsart bis zu den Kassen
der ausländischen Regierungen hin keine Folge. Aber von da ab entstehen wichtige
und störende Folgen, denn durch die Verwendung der deutschen Einnahmen
zu Staatskonsumzwecken werden praktisch nicht deutsche, sondern englische,
französische usw. Güter auf die Verbrauchsmühle des. Etats, des Staatsaus-
gabenhaushaltes geleitet, wie man bei ruhiger und unvoreingenommener Betrach-
tung deutlich sehen muß: Die deutschen Zahlungen sind nur eine Fiktion, sie be-
stehen nur aus banktechnischer Büroarbeit. Die englischen, französischen usW.
Regierungen bezahlen mit dieser Fiktion ihre Lieferantenrechnungen, d. h. sie
verbrauchen für Staatszwecke alle möglichen Güter und Dienstleistungen, die
auf der Ausgabenseite des Etats stehen; der Verbrauch ist effektiv und keine
Fiktion, wie der Zauberspuk, mit dem sie glauben, bezahlt worden zu sein und
den sie an Zahlungsstatt weitergeben. Da die verbrauchten Güter and Dienst-
leistungen vorher Eigentum englischer, französischer usw. Personen waren, So
ergibt sich, daß die Regierungen das Eigentum ihrer Landsleute verbrauchen und
mit einer Fiktion bezahlen.

Diese Eigentümer können natürlich mit den an Zahlungs Statt erhaltenen Fik-
tionen das Eigentum anderer Personen kaufen, letztere wieder von anderen Per-
sonen u.s.f., aber dadurch wird der störende Umstand nicht beseitigt, daß am
Anfang der Kette die ersten Eigentümer ihre Güter hergegeben haben gegen For-
derungen auf Deutschland, Forderungen, deren Gegenwert sich in Deutschland
befindet. Wer immer diese Forderungen auf kurze oder lange Zeit in der Hand
hält, finanziert die deutsche Reparationsschuld bzw. die dafür in Deutschland
entstandenen Industrieanlagen usw., ist für diese Zeitspanne Kapitalbesitzer, der
höchst unfreiwillig die Kredite gewährt, die Deutschland so dringend braucht,
um seine Repärationen bezahlen zu können. Das Forderungsrecht lautet auf
Deutschland, die dafür hingegebenen konkreten Güter und Dienstleistungen werden
vom französischen, englischen usw. Staate verbraucht.

Ohne die Zahlungsfiktion würde der französische, englische usw. Staat die
Güter 'und Dienstleistungen auch verbrauchen, nur müßten sie ihm dann durch
Steuerzahlung, im Wege der Einhebung des „Zehnten‘ zur Verfügung gestellt wer-
den. Richtiger ausgedrückt, ihr finanzieller Kapitalgegenwert müßte dem Staat zur
Verfügung gestellt werden, was jetzt nicht geschieht. Somit entstehen oder be-
        <pb n="83" />
        70 Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft,
stehen für ein und dieselben Güter bzw. Dienstleistungen (das, was die Staaten
an Sachwerten verbrauchen) 2 privatwirtschaftliche, juristische Kapitalgegenwerte:
1. Das Kapitalrecht der bisherigen Besitzer an diesen Gütern, 2. das durch die
deutsche „Barzahlung“ geschaffene Kapitalrecht der ausländischen. Regierungen,
welche die Güter kaufen. Es entsteht mithin zusätzliche Kaufkraft. Würden die
Staaten statt dessen regelrechtes Staatspapiergeld plötzlich ausgeben, so läge der
Vorgang um nichts anders und wäre allgemein bekannt, Staatspapiergeld und die
Kapitaltitel, aus denen Deutschland schuldig ist, sind beides aus Papier bestehende
Zahlungsversprechen. oder Zahlungsanweisungen, die sich nur durch die Größe
der Stückelung unterscheiden. Die Staaten zahlen in beiden Fällen nicht mit
echter Kaufkraft ihrer Landeskinder, welche ihnen als „Zehnten‘“ zur Verfügung
gestellt wurde, sondern mit papierenen Fiktionen, hinter welchen keine inlän-
dische Kaufkraft steht. Als Folge des Vorganges müssen alle Preise in Frank-
reich, England usw. steigen, denn es kaufen nicht nur die produzierten Güter
und Dienstleistungen sich gegenseitig, sondern hinzutritt die von der Regierung aus-
geübte zusätzliche Kaufkraft.
Selbstredend braucht daraus nicht gleich eine regelrechte Inflation mit Zer.
störung der englischen, französischen usw. Währung zu entstehen, sondern die
Wirkung ist die eines gewöhnlichen Konjunkturaufstieges, bei welchem steigende
Unternehmungslust in steigendem Umfange und in allen Branchen kauft und die
Bankwirtschaft durch ihr Kreditsystem das Delcredere für die Käufe übernimmt.
Es sind Kriegsentschädigungskonjunkturen in Frankreich, England, den Vereinigten
Staaten von Nordamerika usw., wie wir sie nach 1871°in Deutschland durch die
lranzösischen. Tributzahlungen erlebt haben. Während bei der gewöhnlichen. Kon-
junktur die Unternehmungslust und deren Ausdehnung ihren Antrieb aus dem nied-
rigen Zinsstand und vor allem aus der günstigen Preiskonstellatiomn
der Branchen zueinander, wie sie sich in der Depression herausgebildet
hat, erhält, erhält die Kriegsentschädigungskonjunktur ihren Antrieb aus den
großen Beträgen an privatwirtschaftlichem Kapital, an Kapital im finanztechnischen
Sinne, das plötzlich dem Lande zur Verfügung steht. Da sich der Gütervorrat,
nicht ebenso plötzlich vermehrt, so müssen die Preise steigen. Sie steigen nicht
alle parallel, sondern es entsteht die bekannte Preisdispersion, das, was ich an
anderer Stelle!) die Teilung der Preise in «&amp;- und f-Preise genannt habe, und was
las Wesen des Konjunkturaufstiegs ausmacht. Würden die Franzosen, Englän-
der usw. aufgrund steigender Unternehmungslust, steigenden Mutes und ohne den
Hilfsmotor der deutschen Zahlungsfiktion eine steigende Konjunktur inscenieren,
dann hätte ihre Konjunktur zwar die üblichen Mängel, aber sie wäre in sich
riel stabiler, wirtschaftsorganischer und frei-wirtschaftlich richtiger, als die „Kon-
junktur mit geborgtem Mut“ aufgrund eingebildeter Tributzahlungen, deren
Effektivität lediglich in ihrer zwangswirtschaftlichen Störungswirkung besteht.
Man kann den Vorgang auch noch so sehen: Ähnlich wie echtes Papiergeld, ein-
mal geschaffen, solange als Geld existent bleibt und Funktionen ausübt, als es
nicht wieder eingelöst wird, so sind auch die Forderungsrechte auf Deutschland,
einmal geschaffen, zugleich als privatwirtschaftliche Kapitalrechte (Bilanzpassiv-
seite!) existent. Irgendwer muß sie in der Hand halten, und das kann endgültig nur
Jerjenige, welcher entsprechende Beträge gespart hat, denn die Ententeregierungen
verschenken ja die ihnen überwiesenen. Beträge nicht. Französische usw. Sparer
sind. es also letzten Endes, welche gegen ihre Ersparnisse die Titres in die Hand
‘ Mahlberg, Konjunkturbeeinflussung durch Kalkulations- und Kreditpolitik, a.a. 0.
        <pb n="84" />
        Die störende Wirkung der Reparationen für die Empfangsländer. 71
nehmen. Die ihnen die Ersparnisse aus der Hand nehmen, sind etwa obige
Staatslieferanten, die ihrerseits mit den Titres von der Regierung bezahlt wurden
und die — oder die ihnen nachgeschalteten. Personen oder Betriebe — jetzt Besitzer
der französischen Ersparnisse werden. Es sind somit privatwirtschaftliche, pri-
vatjuristische Kapitalrechte in „doppeltem‘‘ Umfang in den Händen französischer
usw. Personen, während die hinter den Ersparnissen stehenden Güter nur in ein-
fachem Umfange vorhanden sind. Aber nicht nur sind sie nur in einfachem Um-
fange vorhanden, sondern sie sind auch bereits von der Regierung verbraucht, es
ist im volkswirtschaftlichen Kreislauf bereits von der Regierung darüber disponiert
worden, während die neuen Eigentümer der französischen usw. Ersparnisse mit
ihren inländischen, in Frankreich vorgenommenen Investierungsdispositionen noch
einmal darüber verfügen,

Normalerweise pflegt in solchem Falle der Zins zu steigen und als Bremse zu
wirken, Hier aber funktioniert die Zinsbremse gegen die Unternehmerdispositionen,
deren Dispositionen durch die vorhergehenden Regierungsdispositionen die Vvor-
handenen Güter übersteigen, deshalb nicht, weil ja nicht zu wenig, sondern zu
viel privatwirtschaftliches, privatjuristisches Kapital, gewissermaßen. in doppeltem
Umfange, vorhanden ist. Infolgedessen ist auch von dieser Betrachtung aus. als
einzige Bremse die Notwendigkeit gegeben, daß alle Preise in den Ententeländern
steigen.

Bei der ungeheuren Bedeutung, welche diese Frage für eine Aufhebung der
Reparationen durch unsere Feinde von gestern und, was zunächst viel
wichtiger ist, für eine Sanierung unserer unmöglichen und wirt-
schaftlich völlig ungerechtfertigten Zinssituation spielt, darf der
weltwirtschaftliche Zusammenhang nochmals schulmäßig und in extenso dargestellt
werden. Erstens wolle der Leser freundlichst den nachstehenden Illustrationen
Nr. 13 bis 15 (Fortsetzung) einige Minuten der Betrachtung widmen.

Illustration 13 unterstellt, daß Deutschland eine größere Reparationssumme
bezahlt und daß der Reparationsagent die Devisen bereits der englischen Regierungs-
kasse überwiesen hat. Die Devisen hatte — pars pro toto — die Firma M.M. War
burg &amp; Co., Hamburg „beschafft“, indem sie bei ihrer befreundeten Firma Baring
Brothers &amp; Co., London, ein Guthaben „kreierte“ und auf dieses Guthaben hin
Jer Reichsbank Pfund-Auszahlung verkaufte. Die Reichsbank lieferte die Auszahlung
an den Agenten und dessen Markguthaben bei ihr an Warburg &amp; Co., die das Geld
an ihre Kunden ausgeliehen haben. Den Stand in den Hauptbüchern dieser Kunden,
den Firmen Warburg und Baring zeigt die Illustration 13, Die Zahlung des Agenten
an die englische Staatskasse ist in 3 Raten a, b, a;eingeteilt und dementsprechend
das Passivum von Baring Brothers &amp; Co. ebenfalls in drei Teile. Die englische
Staatskasse zahlt mit ihren Guthaben bei Baring ihre Staatslieferanten 1a, 1b und
Le, die nunmehr über die Guthaben bei Baring verfügen, Die Staaislieferanten
zahlen die Guthaben an ihre eignen Lieferanten 2a, 2b und 2c, diese wieder an
ihre Lieferanten 3a, 3b und 3c usw. usw.

{llustration 14 zeigt, wie aus den kurzfristigen Forderungen englischer Ka-
pitalisten an Baring, Baring an Warburg, Warburg an ihre Kunden E. F. und I. K.
langfristige Konsolidierung wird und das „Geld“ im nationalökonomischen Sinne
aus dem englischen Umlauf verschwindet,

Illustration 15 und 15. Fortsetzung zeigt den Ablauf des Zahlungsaktes in
England bis zur Konsolidierung noch einmal, wobei der Leser erkennen muß, wie
alle Empfänger der englischen Regierungszahlungen, also der deutschen „trans-
ferierten“ Gelder vor Empfang der Summen bereits über das entsprechende Kapital
        <pb n="85" />
        2 Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft,
_ Pie babep mern Et
Hlustra-
Verschuldung

deutscher Betriebe an England aus
Reparationszahlung,
Kunden von
M. M. Warburg u. Co.
AB Bankschuld
or 7

ax

+

Hauptbuch der Firma
M. M. Warburg &amp; Co.,
Hamburg
Deutsche
Debitoren

Schuld an
Baring Brothers
‚ &amp; Co., London

C,H.
T——

Die störende Wirkung der Reparationen für die Empfangsländer. TE

tion 13.
Verfügung der englischen Regierung und deren nachgeschalteter
Empfänger über die deutsche Reparationszahlung,
Englische Regierungskasse
Rate a

Einzahlung der Reparationszahlung }
in Form des Guthaben bei Baring '
Zahlung an
Rate bb ‚ Staatsliefe-
rant. 1a, 1b,
Rate © |. 1dusw.

Hauptbuch der Firma
Baring Brothers &amp; Co.,
London

Forderung an
M. M. Warburg
&amp; Co., I

Kreditoren a

Kreditoren b
Kreditoren c
LK.

| Aktiva, z.B. Maschinen,

O X 8 _ ) Gebäude, Waren, Vor-

*.* A -+{  räte, Debitoren, Hypo-
| iheken, Aktien usw.

Bankschuld

Warburg erstellt Devisen auf Grund seines Kredits bei Baring, verkauft sie an die
Reichsbank und leiht den Erlös aus; Reichsbank übergibt die Devisen an Reparat. Agent.

Allustra-
Langfristige
Die Firma E. F, und J. K. emittieren Aktien und bezahlen damit Warburg, der damit
seine Schuld bei Baring z. T. abdeckt.
Bilanz für:
BF.
7
7
"usw.

_ £nglische Regierungskasse zahlt ihre Lieferanten 1a, 1b, ıc, id mit Schecks auf
Baring; 1a, 1b, 1c zahlen mit diesen Schecks ihre Lieferanten 2a, 2b, 2c; diese dito 3a,
U it ad ‚nfinitum bis dieses „Geld“ in Kapitaltitel umgewandelt wird, wie MHustra-
ion zeig

tion 14,
Konsolidierung.

Baring verkauft die erhaltenen Aktien an 5b und 8a, deren Guthaben bei Baring
dadurch verschwinden,
Bilanz für:
3b
Aktien-
besitz

Eigenes Kapital des 5b, das bereits vor der Re-
parationszahlung vorbanden war?).

Aktien-
besitz

— Eigenes Kapital des 8a, das bereits vor der Re-
parationszahlung vorhanden war?).
1) Siehe hierüber die Hustration 15.
        <pb n="86" />
        MNlustration 15.
Ablauf der Zahlungsakte in England,
Wandelbild I: Wandelbild IH: Wandelbild V: Wandelbild VII:

Englische Regierungskasse 1a 1b 10 2a 2b 2e 3a 3b 36
a2 ' Rate 1 | eine Gegen- af« Bl Lel7T |b € e|% aln + eit
S’8 verpflichtung,
SO da „Tribut

Dim
5!

1a 1b 1c 2a 2b 2c
JE AT] °P a än IE
Bilanzen der Regierung und Bilanzen der Firmen 1a, 1b,
hrer Lieferanten 1a, 1b, 1c 1c und 2a, 2b, 2c vor dem
vor dem 1. Umsatzakt. 2. Umsatzakt.

3a 3b 3c 4a 4b 4c

SP A ST °P P of
Bilanzen der Firmen 2a, 2b, Bilanzen der Firmen 3a, 3b,
2c und 3a, 3b, 3c vor dem 3e und 4a, 4b, 4c vor dem

3, Umsatzakt. 4. Umsatzakt.
Wandelbild IV: Wandelbild VI: Wandelbild VII:

1a 1b 1c 2a 2b 2c 3a 3b 30

Ki an wir FE FE =f a FH

Wandelbild Il:
Englische Regierung .
S A
CC

keine Gegen-
verpflichtung,
da „Tribut

ba
ms

©

PP

o
%
{
#

1a 1b 1e_ 2a 2b 20 3a 3b 3 4a 4b 4c
Bilanzen der Regierung und Bilanzen der Firmen la, 1b, Bilanzen der Firmen 2a, 2b, Bilanzen der Firmen 3a, 3b,
ihrer Lieferanten nach dem 1cund 2a, 2b, 2c nach dem 2cund 3a, 3b, 3c nach dem 3cund 4a, 4b, 4c nach dem
1. Umsatzakt- 2. Umsatzakt. 3. Umsatzakt. 4, Umsatzakt.

Erläuterung } 1a, 1b, 1c; 2a, 2b, 2c; 3a, 3b, 3c; usw. = Englische Firmen. — a, b, c == Guthaben bei Baring. — «, 8, y, d, 6, &amp; nA,
der Zeichen J} 4, x, 4, u = Kapital dieser Firmen. — 8 A 0O&gt;[71+*,* KK "4! O = Güter (Maschinen, Geräte, Rohstoffe, Arbeit, Waren).

fr
a
A
PM
        <pb n="87" />
        Die störende Wirkung der Reparationen für die Empfangsländer, 75

[lustration 15. Fortsetzung.

„&gt;
S
1

&gt;

"3

zZ ls

Se— ;
€

D

= |} El

Si ®

S E

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b
B
#
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x

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me
D Al
Ss

&lt;
a
ar
2,2
&gt;
a
+3
HM
3
Ay
z
+

A

35

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Ss

S

ba

38,8 £
ME En
32as 8
SE55 AS
Ko S 5
a

5
Ergebnis aus Illustration 13—15: Man sieht aus den Illustrationen deut-
lich, daß die Reparationen „zusätzliches Geld“ sind, welches — einmal existent
geworden — nicht von selbst wieder, sondern nur dadurch wieder verschwinden
kann, daß man das „Geld“, wie Figur 14 und 15 Fortsetzung zeigen, in Kapital-
anlage im Ausland verwandelt. Dann verschwindet das „Geld“ (im nationalökono-
mischen Sinne) oder, was dasselbe ist, das „flüssige Kapital“ im privatwirtschaftlichen
Sinne) von den ausländischen Geld- und Kapitalmärkten, und sein Konjunkturauftrieb,
„Konjunktur mit geborgtem Mut“, fällt weg. Je länger man mit der „Kapital-
anlage“ im Ausland wartet, um so höher steigen die Preise in den Re-
parations-Empfangsländern!

verfügen mußten, Es sind also weder deutsche Güter, noch deutsches Geld noch
deutsches Kapital, über das die englische Regierung durch ihre Dispositionen ver-
fügt, sondern englische Güter, englisches Geld und Kapital. Der Kreislauf 15 wäre
in derselben Weise möglich, wenn auf der linken Seite der Bilanz von Baring
nicht Forderung an Warburg sondern Akzepte der englischen Regierung oder der
Firmen 1a, 1b, 1c usw. ständen, also kein Zusammenhang mit Deutsch-
land vorhanden wäre.

Zweitens denke man nun folgende ausführliche Kette durch, Die englische
Regierung verschenkt zwar nicht die Forderungen an Deutschland, wohl aber re-
Aduzierl sie ihre Steuereinhebung um den Betrag ihrer Guthaben bei Baring. Der
englische Finanzminister wird durch solche Steuernachlässe ein populärer Mann,
        <pb n="88" />
        6 Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft,
denn den Schaden, den er durch den Steuernachlaß im Porzellanladen des eng-
lischen Wirtschaftskreislaufs anrichtet, erkennt der einfache Mann aus dem Volke
nicht als solchen, sodaß der entstehende Schaden anderen Ministerkollegen an-
gekreidet wird, dem Wirtschafts- oder dem Arbeitsminister usw, Die Steuerredu-
zierung bedeutet, daß die englische Regierung die mit dem Gelde erstellten Dienst-
und Sachleistungen. ihrer Betriebsstellen gratis abgibt, statt daß diese von den
Steuerzahlern bezahlt werden. Wir wollen letztere die „Nichtsteuerzahler‘‘ nennen.
Dann ergibt sich folgendes:

1. Die „Nichtsteuerzahler‘“ stellen nach einiger Zeit fest, a) daß die Renta-
bilität ihrer Betriebe gestiegen, ihr Aufwand in Betrieb und Haushalt gesunken ist,
ihre Gewinne bzw. Überschüsse sich vergrößert haben um den Betrag der nicht ‚ge-
zahlten Steuer, daß sich Kapital insoweit bei ihnen gebildet hat; b) daß sie dadurch
relativ flüssig sind, der einzelne und alle zusammen, weil sie die Summen nicht zu
bezahlen brauchten bzw. was dasselbe ist, weil zu ihren sonstigen flüssigen Mitteln
die „Bankguthaben‘“ bei Baring Brothers &amp; Co. hinzukommen.

2. Daraufhin — und zwar aus beiden Motiven, der größeren Gewinn- oder
Überschußerzielung und der Geldflüssigkeit — treten die „Nichtsteuerzahler‘
unternehmend in den Kreislauf der englischen Wirtschaft ein. Der eine vergrößert
seine Fabrik, der zweite gründet eine neue Spinnerei, der dritte eine ärztliche
Praxis, der vierte kauft sich das lang ersehnte Ruderboot, der fünfte läßt seinen
Sohn studieren usw, Auch die Spartätigkeit wird verstärkt, aber nicht im Umfange
ler ganzen Reparationszahlung bzw. Steuerersparung, denn die vorstehend auf-
geführten „Unternehmer“ (Disponenten über das volkswirtschaftliche Kapital)
„sparen“ nicht, sondern leiten ihre durch Nichtsteuerzahlung ersparte, durch ihrer
Köpfe oder Hände erworbene Kaufkraft an ihre Lieferanten weiter, Der vorstehende
Satz ist im wesentlichen falsch, denn die vermehrte Spartätigkeit bedeutet nur, daß
die ersparte Kaufkraft von den Sparkassen, Banken usw. bzw. von deren Schuldern
kaufend im Markt ausgeübt wird, sodaß auch für diese Beträge irgendwelche .Dinge
„unternommen“ werden; nur wenn die obigen sparenden „Nichtsteuerzahler‘“ oder
ihre Nachmänner für die Ersparnisse deutsche Forderungen, kurz- oder lang-
fristige, ins Eigentum und damit Risiko übernähmen, fiele ihre Kaufkraft weg.

3. Was tun die Lieferanten. der „Nichtsteuerzahler‘‘? Sie leiten die ver-
stärkten Einnahmen weiter an ihre Vorlieferanten, diese an ihre Vorlieferanten
usw. usw. — z. B. Maschinenfabrik an Stahlwerk, dieses am Kohlenzeche,
weiter an Grubenholzlieferant, Forstverwaltung, Löhne für Waldpersonal, von da
an Lieferanten für Kleidung, Wohnung, Nahrung, weiter an deren Lieferanten usw.
eine unendliche Kette, Auf der ganzen Linie entsteht eine Umsatzsteigerung im
Kreislauf der englischen Wirtschaft. Das wiederum führt zu steigenden Gewinnen
und Überschüssen, also zu verstärkter Kapitalbildung, aber — wie jedem Ge-
winn, d, i Kapitalbildung — steht diesen Beträgen bereits irgendwo ein Aktivum
gegenüber, sodaß nicht etwa die so ersparten privatwirtschaftlichen Kapitalien
zeeignet sind, die Guthaben bei Baring Brothers &amp; Co, oder was dasselbe ist, die
deutschen Aktiva der Firmen A, B.; C. D.; E. F.; G. H. ‚usw. der Illustration 13
ins Eigentum, also auf die Aktivseite der entsprechenden Bilanzen zu übernehmen,
Die Geldflüssigkeit hält also trotz großer Umsätze und Kapitalbildung an. — Die Liefe-
ranten der „Nichtsteuerzahler‘“, deren Vorlieferanten, deren Vorvorlieferanten usw.
erkennen den großen Umsatz, der wegen seines Umfangs nicht zu fallenden sondern
zu steigenden Preisen führt, die gute Gewinne ermöglichen; sie sehen den flüssigen
Geldmarkt, reichliches Kapitalangebot "und unternehmen infolgedessen ihrerseits
ebenfalls Neues, Sie fangen an zu bauen, neue Organisationen zu schaffen, ihren
        <pb n="89" />
        Die störende Wirkung der Reparationen für die Empfangsländer, 77
privaten Aufwand zu vergrößern. usw., woraus eine abermalige Umsatzsteigerung
and in der Folge eine regelrechte Konjunktur entsteht.

4. Soweit die ersparten Steuerbeträge in deutscher Anlage investiert werden,
scheiden sie aus dem englischen Kaufkraftkreislauf aus. Entweder werden dafür
deutsche Wertpapiere übernommen oder man begnügt sich mit dem: Halten der
Gelder bei Baring und dem Zins, den dieser für englische Einlage bei ihm zahlt,
wobei unter Baring alle in derselben Lage befindlichen Banken in England zu ver-
stehen sind, — Dabei ist nachdrücklich zu unterstreichen, daß, wie wir früher
sahen, stets und in jeder Minute jemand die Guthaben bei Baring Brothers &amp; Co, —
also deren Schulden — im Eigentum hat, aber immer nur vorübergehend, zwischen
den einzelnen Zahlungsakten. Aber das ist nicht „ruhende Kaufkraft“, aus dem
Verkehr gezogene und in deutsche Anlage konsolidierte Kaufkraft, ebenso wenig wie
Inflationspapiergeld im Tresor während der Nacht ruhende Kaufkraft war, Die aus
dieser bei Baring revolvingartig ruhenden Kaufkraft Berechtigten schöpfen aus ihrem
Depot bei Baring nur den Mut, als Nachfrage auf den Waren- und Arbeitsmärkten
aufzutreten. Mehr ist auch gar nicht möglich, denn diese Guthaben oder „Gelder“
oder „Kapitalien‘““ sind ja nichts weiter als Buchungen, als Papier- und Tinter
verbrauch,

5. Soweit die ersparten Steuerbeträge nicht deutsche Investierung kaufen,
wirken sie also als zusätzliche Kaufkraft: Zu der aus eignen Leistungen ‚(Waren-
oder Dienstleistungsverkäufen) legitimierten Kaufkraft — beziffern wir sie auf
20 Teile — tritt die vom Reparationsagenten. bzw. Baring Brothers legitimierte Kauf-
kraft hinzu — beziffern wir sie auf 2 Teile —; dann versuchen 22 Teile Kauflegiti-
mation 20 Teile erstellte Leistungen zu kaufen. Durch den Wettlauf der Beteiligten
müssen die Preise steigen, die einen mehr, die anderen weniger, insgesamt steigt
der Durchschnitt, der Index der Warenpreise — beziffern wir die Steigerung des
Index zur Vereinfachung der Diskussion auf 10%.1) Daraus ergeben sich die nach-
stehenden Folgen.

a) Die Güter auf den Aktivseiten aller englischen Bilanzen steigen, in Nominal-
Pfunden gerechnet, im Werte, desgleichen die gegenüberstehenden Kapitalrechte;
eine Absorbierung der zusätzlichen. Reparationskaufkraft findet auf diese Weise
nicht statt; in 100%oigen Index-Pfunden gerechnet, ist alles noch wie es
vorher war,

b) Es entstehen Vermögensumschichtungen: alle englischen Kreditoren, Obli-
gationäre, Hypothekenbesitzer verlieren — entsprechend der obigen schematischen
Annahme von 10% Indexsteigerung — 10% ihres Kapitals, die dem Vermögen
ihrer Schuldner zuwachsen; die Kaufkraft der Zinsen und Renten nimmt ab.

c) Es tritt eine Umschichtung der Kaufkraft der Einkommen ein: die Löhne
steigen. nicht proportional zum Index sondern nur degressiv, die festen Gehälter
steigen überhaupt nicht oder nur sehr wenig; in 100 %igen Index-Pfund gerechnet ?)
heißt das, daß die Kaufkraft der Löhne und Gehälter sinkt; ihre Kaufkraft
verminderung wächst denjenigen Personen im englischen Wirtschaftsleben zu,
deren Anteile an der Wirtschaftskraft steigen, also praktisch den Unternehmern
bzw. Kapitalisten. — Zu einer Störung derart groß, daß die vorstehend skizzierte,

1) Siehe hierzu auch Mahlberg, Bilanztechnik und Bewertung bei schwankender Wäh-
rung, III Auflage, G. A. Gloeckner, Leipzig 1923; Mahlberg, Goldkreditverkehr und
Goldmarkbuchführung, a. a. 0.

2) Über die Rechnung in 100% igem Index-Geld siehe Mahlberg, Konjunkturbeein-
Aussung durch Kalkulations- und Kreditpolitik, aa. 0.
        <pb n="90" />
        78 Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft,

mit „geborgtem Mut‘ auf Grund der deutschen „Zahlungen“ inszenierte Konjunktur
durch diese Umschichtungen zusammenbricht, kommt es so schnell nicht; wer den
Konjunkturverlauf weiter verfolgen will, sei auf meine Arbeit über Konjunkturbeein-
Aussung (a. a. O0.) verwiesen. — Für die von der Kaufkraft-Umschichtung ihres
Einkommens Betroffenen handelt es sich nicht nur um eine Störung, sondern um.
einen effektiven Verlust, der ihre Gewinne aus Steuerersparnis mehr als aufwiegt.

d) Wegen der Geldwertaufblähung im Ausmaß der Indexsteigerung entstehen
nominell steigende Gewinne der wirtschaftlichen Betriebe; in 100%digen Index-Pfun-
den gerechnet, sieht das Steigen der Gewinne wesentlich anders aus und ist in
vielen Fällen ein Fallen.

e) Soweit die Forderungen an Deutschland noch nicht langfristig konsolidiert
sind, sondern. noch über Baring laufen, werden sie von späteren Übernehmern ‚sehr
billig erworben; die deutschen Werte sind 100%ig, das Geld, mit dem man sie an
sich bringen kann, ist nach der obigen schematischen Annahme nur noch 900% igen
Gehalts, sodaß hier wie im obigen Falle der Umschichtungen von Vermögen und
Einkommen große Zufallsgewinne ohllne Gegenleistungen der Be-
reicherten gemacht werden.

f) Die Forderungen an Baring Brothers &amp; Co. bestehen nach wie vor weiter,
solange bis die ursprünglich ersparte Kaufkraft, die zur Steuerzahlung nicht be-
nutzt wurde, sich langsam in die deutsche Anlage hineinbegibt. Alle anderen
inzwischen ersparten Beträge stehen für diesen Zweck nicht zur Verfügung, weil
ihnen ja bereits Aktiva gegenüberstehen. Die größere oder geringere Geschwindig-
keit der Umformung oder Konsolidierung der ersparten englischen Steuerbeträge in
deutsche Kapitalanlage ist eine Zinsfrage und eine psychologische Frage, Je höher
der Zins in Deutschland und je niedriger er in England ist, um so schneller werden
englische Hände — es brauchen nicht Besitzer von aus Steuerersparnis stammenden
Kapitalien zu sein, weil in diesem Fall andere ersparte Kapitalien „sich durch-
rechnen‘ — deutsche Anlagewerte übernehmen, um so geringer ist die inflatio-
nistische Störung für England, sodaß es im ureigensten Interesse Eng-
lands und selbstredend aller anderen Entente-Staaten — England.
dient unserer Beweisführung ja nur als Schulbeispiel — liegt, so schnell als
möglich deutsche Anlagewerte zu übernehmen, Dasselbe gilt von
den psychologischen Hemmungen. Je schneller in den ehemals feindlichen Ländern
der Widerwille gegen Kapitalanlage in Deutschland, je schneller chauvinistische
Gefühle gegen Deutschland in den Entente-Ländern verschwinden, um so reibungs-
loser läuft das internationale Finanzgeschäft, um so kleiner ist die inflationistische
Störung der Wirtschaft in England, Frankreich, Belgien usw,

g) Anderseits sind hohe Zinsen unser Schaden, denn hier handelt es sich nicht.
wie sonst bei Zinssteigerung darum, daß der Zins in Deutschland stark steigen.
muß, um fehlgegangene Unternehmerdispositionen bzw. allzu starke Investierungen
zu drosseln; unsere Kapitalanlage kann ganz gesund und durchaus harmonisch
assortiert sein, und dann sollen wir trotsdem hohe Zinsen zahlen, damit man im
England aufhört, aus Unkenntnis der Sachlage eine unechte Konjunktur zu inszenie-
ren. Es handelt sich mithin um einen Wirtschaftskampf zwischen
uns und den Entente-Staaten. Je mehr wir unsere Zinspsychose über-
winden und eiserne Nerven bewahren, um so das englische, amerikanische usw,
Geld. zu niedrigstem Zins zu bekommen, um so länger bleibt man in England usw.
langfristiger deutscher Anlage fern, um so höher steigen im Ausland die Preise, um
so größer wird deren Dispersion und die daraus folgende Verlagerung von Kosten-
        <pb n="91" />
        Die störende Wirkung der Reparationen für die Empfangsländer, 79
preisen und Ertragspreisen 1), bis diese Verlagerung endlich einen derartigen Grad
erreicht, daß es in England usw. zum Zusammenbruch der Konjunktur „mit ge-
borgtem Mut‘ kommt. Und dann, wenn alle Geschäfte schlecht gehen, der Zins und
die Renten in England sinken, sodaß man. sich um gute langfristige Anlage und
um relativ hohe Rente angesichts des Überflusses an schlecht rentierenden und zu-
sammenbrechenden Anlagen in England usw. gradezu „rauft‘“, wird man sich gegen-
seitig unterbieten, sein Geld bei uns investieren zu dürfen; dann werden wir zu
billigsten Sätzen langfristige Kontrakte im Übermaß angeboten erhalten. Hier zeigt
sich, daß wir in diesem Zinskampf die innere Frontlinie haben, Die Frontilinie
muß verteidigt werden von den deutschen Wirtschaftspraktikern und Wirischafts-
theoretikern aller Dienstgrade. Von den Praktikern halten sich diejenigen, welche
für eigne Rechnung und Gefahr wirtschaften, also die Privatwirtschaft, bereits sehr
tapfer, was nicht weiter verwunderlich ist, weil sie mit ihrem eigenen Vermögen
für die Kontrahierung sinnloser Zinsen büßen; die Beanspruchung von Auslands-
kapital für private Betriebe ist — abgesehen von der in diesem Zusammenhang .un-
schädlichen Aktienemission. — zurückgegangen. Um so unbeherrschter gehen die
Praktiker, welche nicht für eigne Rechnung und Gefahr, sondern auf Kosten der
Steuerzahler und dazu meist in Monopolstellung wirtschaften, also die Betriebe der
öffentlichen Hand ins Geschirr; sie leisten dem Feinde in diesem Kampfe gradezu
Vorschub und erlauben ihm, sich zu unberechtigt hohen Zinsen der deuischen
Anlagen zu bemächtigen. Die Unbekümmertheit, mit der die Leiter der öffentlichen
Betriebe unsere Kinder und Kindeskinder mit Zinsen belasten, deren Höhe man in
vergangenen Jahrzehnten als vollendeten Wucher bezeichnet hätte und die
volkswirtschaftlich nicht berechtigt sind, schwächt unsere Kampfkraft ganz un-
geheuerlich, Damit ist zugleich die Aufgabe der Wirtschaftstheoretiker genügend
gekennzeichnet; wenn unser Untersuchungsergebnis nicht auf fundamentalen Irr-
tümern beruht, dann müssen sie geschlossen in die Frontlinie einrücken und jeder
nach seiner Art und in seinem Wirkungskreis den Zinskampf kämpfen, aber nicht
so, daß sie nach Art kleinlicher Literaten sich durch übertriebene oder unnötige
Kritik von Einzelheiten oder terminologischen Divergenzen mit Lorbeer schmücken
und in Wirklichkeit als Defaitisten, auf gut deutsch als Flaumacher wirken,

Zusammengefaßt ist zu sagen, daß es den sogenannten deutschen Barzahlun-
gen für das Empfangsland vollkommen an volkswirtschaftlicher Effektivität ge-
bricht, ihre Wirkung ist nur eine psychologische, indem sie den verantwortlichen
Staatsleitern in Frankreich, England usw. Mut machen zu Umsätzen in ihrer In-
{andswirtschaft, welche sie ohne die Fiktion der Barzahlungen entweder 'unter-
Jassen oder — und hier ist die Achillesferse der Ententepolitiker — auf Steuern
nehmen müßten. Die Folge der psychologischen Mutverstärkung sind steigende
Preise und Aushöhlung der Einkommen einerseits und eine nicht freiwirtschaft-
lich, sondern zwangswirtschaftlich vorgetriebene Konjunktur, Es kann unmöglich
anders sein, denn die sogenannte Barzahlung besteht nur aus kaufmännischen
Buchungen und Korrespondenzaktionen in den Kontoren der internationalen Bank-
welt. Im Ganzen handelt es sich mithin um eine vollendete weltwirtschaftliche
Mystifikation.

Sobald die ehemals ersparten Steuerbeträge sich in deutscher Anlage nieder-
geschlagen haben, ist für die zugrunde liegende Vermögensmasse gewissermaßen

1) Die von mir als «- und P-Sekundäreffekt herausgearbeitete Erscheinung des Kon-
junkturablaufs; siehe Mahlberg, Konjunkturbeeinflussung durch Kalkulations- ünd Kredit-
politik, a. a, 0.
        <pb n="92" />
        30 ©. Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft.

der 2, Aggregatzustand erreicht; aus dem gasförmigen Schleier der zusätz-
lichen Kaufkraft ist, wenn man wegen des bildhaften Ausdrucks so sagen will, der
Hüssige Zustand geworden, daß es zwar für die Gesamtheit und die juristische
Form langfristige Anlage, für den einzelnen Engländer, Franzosen usw. aber kurz-
Iristige Anlage ist, aus der er täglich durch Abstoßen der Wertpapiere wieder heraus-
gehen kann, Wenn man genau zusieht, so bedeutet dieser Zustand, daß es diese
letzten Übernehmer der deutschen Forderungen sind, deren durch entsprechende
Leistungen entstandene Kaufkraft seinerzeit die englische usw. Regierung ver-
oraucht hat, als sie mit den „Devisen‘“ des Reparationsagenten zahlte, statt die von
ihr benötigten Güter durch den Zehnten einzuheben. Alle in der Zwischenzeit
Jurchlaufenen Zwischenglieder waren Reibungsverluste, Man kann den
2, Aggregatzustand viel einfacher haben, wie sich aus folgendem schematischen Bei-
spiel ergibt: Im Ausmaß der deutschen „Zahlungen“ und insoweit solche erfolgen,
gewährt die englische Regierung entsprechende Steuernachlässe mit der
Auflage, daß ‚die verehrlichen englischen Landeskinder verpflichtet sind,
deutsche Kapitaltitel pro rata der ihnen nachgelassenen Steuer von der
Regierung zu kaufen, Dann sieht jedermann klar und deutlich, was es mit
den deutschen Zahlungen auf sich hat. Wer den Betrag seiner nachgelassenen
Steuer für andere Zwecke gebrauchen will, müßte einen Käufer für seinen Anteil
an den deutschen Titres suchen und so des Käufers echte Kaufkraft an sich bringen;
natürlich wären dann deutsche Titres nur mit einem Disagio abzustoßen,

Für Deutschland hätte das Verfahren den ungeheueren Vorteil, daß für jede
Mark Reparationssteuer im gleichen Augenblick — finanztechnisch gesprochen: —
echtes privatwirtschaftliches Kapital zur Verfügung stände, gewissermaßen lange
bevor es in entsprechender langfristiger Güteranlage investiert wäre, Der Kapital-
zins würde dann in Deutschland außerordentlich tief sinken, denn es stände mehr
langfristiges Sparkapital zur Verfügung als Unternehmer für langfristige Objekte
vorhanden wären, Das wäre dann der richtige und gerechte Zustand: denn wenn
ans ein Diktator zwingt, täglich nach seinem Willen 7, 8 Millionen Mark Kapital
zu bilden, so muß daraus ein Kapitalüberfluß und in Gestalt niedriger Zinsen ;eine
Anreizprämie für präsumptive Unternehmer in Deutschland entstehen, während
ebenso zu Recht die englischen Nutznießer nur einen sehr niedrigen Zins erhalten
und uns eigentlich selbst für den niedrigsten Zins noch dankbar sein müßten, weil
sie selbst mit den Beträgen nichts anfangen können,

In diesem Falle ist uns die Kapitalbildung für Rechnung ausländischer Hände
auch deshalb erwünscht, weil wir weniger Zinsen zu zahlen hätten, als wenn die
Kapitalbildung ohne Zwang und für deutsche Hände, also als gewöhnliche Kapital-
pildung, erfolgte, weil die letzteren Hände voraussichtlich nur bei höherem Zins
sparen würden. Daß durch diesen Vorteil die kulturellen Störungen der Reparations-
kapitalbildung aufgewogen würden, soll damit nicht gesagt sein.

Daß zur Zeit und unter der Herrschaft des ersten Aggregatzustandes es genau
umgekehrt ist, also sinnlos hohe Zinsen und angeblicher Kapitalmangel in Deutsch-
land herrschen, ist auf falsche Theorien bzw. falsche theoretische Auffassungen der
Praktiker im Ausland und in Deutschland zurückzuführen, Die herkömmliche Auf-
fjassung der Praxis und zum Teil der Theorie ist gegenüber der Zwangssparerschei-
nung der Reparationen ähnlich falsch wie die Auffassung, welche den Mond sich
als Scheibe oder gar als Sichel vorstellt, weil man seine Kugelgestalt mit dem Auge
nicht erkennen kann. Wer ein wenig anspruchsvoll ist, muß sich sagen, daß aus
ainer Scheibe nicht beliebig eine Sichel und umgekehrt werden kann; der praktische
Bankier müßte sich, wenn er logisch ein wenig anspruchsvoll ist, ebenso sehr .bald
        <pb n="93" />
        Die störende Wirkung der Reparationen für die Empfangsländer, 81
sagen, daß, wenn die deutschen Zwangssparbeträge nicht in Waren nach England
hereingelassen werden, daraus irgendwelche Folgen sowohl für Deutschland - wie
für England entstehen müssen und daß diese Folgen schwerlich darin bestehen
können, daß Deutschland, weil es seine Güter behält, Kapital verliert, arm an
Kapital ist. Hier rächt sich die Irrlehre über das Wesen des Kapitals, die an Kapital-
mangel und -überfluß glaubt und nicht sieht, daß es weder das eine noch das andere
Kapitalvorkommen in dieser absoluten und elementaren Vorstellung gibt, sondern
daß es nur harmonische oder disharmonische Assortierung der Wirtschaftszweige
ınd Einrichtungen zu einander geben kann und daß bei disharmonischer Assortie-
rung die Wiederherstellung der Harmonie entweder dadurch erfolgt, daß die Laden-
hüter der disharmonisch übersetzten Wirtschaftszweige als „altes Eisen ein-
geschmolzen‘ und deren Finanzkapital-Gegenwerte durchgestrichen werden, oder
daß die Harmonie wiederhergestellt wird dadurch, daß in den untersetzten Wirt-
schaftszweigen vermehrte Anlagen erstellt werden, welches Zusatzkapital sich natür-
lich neu bilden muß. Natürlich neigen Bankiers dazu, nur die Kapitalrechte zu
sehen, weshalb sie im Ausland wie im Inland die Zwangssparerscheinung der
Reparationen verkennen, zumal man ihnen nicht zumuten kann, sich gegen hohe
Zinsen zu sträuben, die nach ihrer Auffassung berechtigt sind.

Im übrigen hat der 2, Aggregatzustand für England, Frankreich, Belgien usw.
den Nachteil, daß von den Zinszahlungen dasselbe gilt, wie von der Benutzung der
Barzahlungen im 1, Aggregatzustand. Sie stellen zusätzliche Kaufkraft dar, deren
störende Wirkung progressiv mit dem Anwachsen der deutschen Verschuldung im
Laufe der Jahre anwächst, Jedes Pfund Sterling Zins, das wir zahlen, wirkt so,
als ob die englische Regierung je eine Pfundnote Staatspapiergeld ausgäbe; wie
solches Papiergeld, einmal existent geworden, nicht wieder verschwindet, So ver-
schwindet auch das aus den deutschen Zinsen geschöpfte „Geld‘“ zunächst nicht;
jede neue Reparationszahlung vermehrt seinen Umlauf, und dazu kommt eine aber-
malige Vermehrung durch Zinseszins, weil auch die Zinsen von Deutschland nicht
effektiv gezahlt werden, sondern als Kapital in Deutschland stehen bleiben, Auf
diese Weise entsteht, progressiv wachsend, eine respektable Summe zusätzlicher
Kaufkraft, welche — anders wie die Kaufkraftschöpfung des gewöhnlichen kon-
junkturalen Aufstiegs — die unangenehme Eigenschaft hat, existent zu bleiben und
sogar anzuwachsen, wenn gewöhnliche Kaufkraftschöpfung einschrumpfen und so
sine Bereinigungskrise ermöglichen würde, Dann werden die aus deutschen „Zah-
lungen‘ stammenden Gelder mit Papiergeldcharakter eine katastrophale Wirkung
ausüben, indem die Dispersion der Preise groteske Ausmaße annimmt. Man täusche
sich nicht! Die deutschen „Zahlungen‘“ sind „falsches‘‘ Geld und unechtes Kapital,
sodaß sie in Krisenzeiten, wo es an privatwirtschaftlichem Kapital mangelt, nicht
zu gebrauchen sind; sie sind lediglich Legitimierung von Unternehmungsmut, und
zrade das ist ihr verderblicher Charakter in Krisenzeiten: die konjunkturale Preis-
schere wird durch sie immer weiter geöffnet, immer stärker klaffend, indem sie
diejenigen Betriebe, die eine günstige Kostensituation!) haben und nur durch
stagnierenden. Umsatz gestört werden, legitimieren, auf Lager zu arbeiten, um ihren
Beschäftigungsgrad und damit niedrigste Selbstkosten pro Leistungseinheit aufrecht
zu erhalten. Die Fabrikation von Ladenhütern nimmt dann ungekannten Umfang an.
Und dabei hat auch die Zahlung von Zinsen und Zinseszinsen durch Deutschland
1) Betriebe oder Branchen mit: progressiv steigenden Verkaufspreisen und degressiv
steigenden Selbstkosten, denen Betriebe oder Branchen mit nur degressiv steigenden Verkaufs-
preisen, aber progressiv steigenden Selbstkosten gegenüberstehen; näheres bei Mahlberg,
Konjunkturbeeinflussung usw. a. a. 0.

Mahlberg, Revarations-Sabotage.
        <pb n="94" />
        82 Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft.
nur den materiellen Inhalt, Deutschlands Betriebsapparatur zu vergrößern. So wie
es wirkungslos war, daß die Assignaten durch Frankreichs Grund und Boden „ge-
sichert‘ waren, so ist es wirkungslos, daß die aus deutschen „Zahlungen‘“ stammen-
den englischen. Zahlungsmittel durch deutsche industrielle usw. Anlagen gedeckt
sind, Die zusätzlichen Zahlungsmittel können ihrerseits nur durch Konsolidierung
in langfristige deutsche Kapitalanlage zum Verschwinden gebracht werden, der
einzige Platz, wo sie hingehören. Man denke sich die jährlichen deutschen „Zah-
lungen‘ nicht getrennt in Reparationssummen und Zinsen, sondern als eine einzige
Summe, dann sieht man, daß auch von den Zinsen nichts anderes gelten kann als
von der Hauptsumme.

Die Reparationszahlungen sind für die Entente-Länder ein unverdaulicher
Brocken, Sie bedeuten für die Empfänger lediglich geliehenen Mut zur Ankurbe-
lung einer Konjunktur, die sich nur innerhalb und nur mit den Kräften des
englischen Wirtschaftskreislaufs abspielen kann, die keineswegs dahin führt, daß
Englands Wirtschaftskreislauf über seinen eignen Schatten springen kann, und die
man auch ohne deutsche Zahlungen mit weit größerer Harmonie in Szene setzen
könnte. Gleichzeitig wächst Deutschlands Wirtschaftskraft zwangsweise durch das
Diktat der Sieger,

Was hier von England als Beispiel ausgeführt wurde, gilt in derselben Weise
für alle Entente-Staaten,

Der 3. Aggregatzustand, der als Folge der deutschen Devisenzahlungen ent-
stehen kann, besteht darin, daß die englische, amerikanische usw. Regierung die
deutschen Zahlungen nicht „konsumtiv‘‘, also nicht in der Sphäre von Aufwand
und Ertrag, sondern in der Sphäre der Finanzierung verwendet. Die beiden Sphären
sind wie Feuer und Wasser verschieden, was unsere hauswirtschaftliche Denk-
einstellung, die mit dem Kautschukbegriff „Einkommen‘‘ operiert, nicht immer
erkennt. Die Devisenzahlungen gehören ihrer inneren Natur nach in die
Sphäre der Finanzierung, denn sie sind ja nur „Deldredere-Garamntien‘“
für bereits vorhandene, durch das Friedensdiktat entstandene Schuldverhältnisse.
Die Verwendung müßte so erfolgen, daß die Ententeregierungen ihre eigenen, in
ihrem Inland wie im Ausland befindlichen Kriegsobligationen aufrufen und gegen
deutsche Schuldverschreibungen eintauschen würden. Dadurch ergäbe sich zunächst
keine Veränderung ihrer Volkswirtschaft, und wir hätten anscheinend eine Form der
echten „Wiederherstellung‘““ vor uns, an deren Notwendigkeit nicht nur das Aus-
land, sondern leider auch Teile der deutschen Bevölkerung glauben. Das Problem
der Transferierung der deutschen Wiedergutmachungszahlungen wäre damit auf
die Zinszahlungen beschränkt, für die, wenn auch stark abgeschwächt, all das
gilt, was wir bisher über die Transferierung der Hauptsumme ausgeführt haben.
Die Einwohner der Empfangsländer brauchten dann keine Steuern usw. mehr
zur Zinszahlung auf die alten, nunmehr umgetauschten Staatsschulden zu bezah-
len, sondern die Zinsen würden aus deutschen Devisenüberweisungen gezahlt,
deren Betrag sich wiederum als Kapital in Deutschland bilden würde. Auch für
die dann im Ausland nicht gezahlte Steuer gilt im Prinzip das oben Gesagte,

Der große Vorteil für uns bestände auch dann darin, daß jede Mark Repara-
tionssteuerzahlung sofort die Form langfristigen Kapitals (im finanztechnischen
Sinne) annähme, für jede Mark stände bereits ein „Sparer‘“ im Ausland bereit, der
früher für die englische usw. Regierung gespart hat und jetzt in deutsche Schuld-
titel überführt wird, während die Schulden der englischen usw, Regierung ge-
strichen werden. Sein Recht auf Zinsgenuß besteht weiter, die Kaufkraft daraus
übt er wie bisher in England bzw. in den entsprechenden Ländern aus. Die Personen
        <pb n="95" />
        Die störende Wirkung der Reparationen für die Empfangsländer. 83
und Betriebe, welche durch die Streichung der englischen usw. Schulden wegen
der damit wegfallenden inneren Zinslast geringere Steuern zu zahlen brauchen,
üben dieselbe Kaufkraft der obigen Sparer noch einmal, also zusätzlich aus und
zwar solange bis dafür in Deutschland Kapitalanlagen übernommen werden, Auch
die konjunkturale Störung ist dieselbe. .

Im Übrigen sei zu der Frage der Verdauung der Barzahlungen durch die En-
tentestaaten .noch auf die These von E. Schultzel) verwiesen, Aus der Ge-
schichte der großen internationalen Kapitalinvestierungen der letzten Jahrhunderte
folgert er ein weltwirtschaftliches Gesetz des „Handelsbilanz-Umschwungs“:
1. Stufe: Kapitalexport; 2. Stufe: Umschwung; das Land des früheren Kapital-
imports ist in seiner Produktion so erstarkt, daß es die weltwirtschaftliche Rente
des Kapitalexporteurs und die Schuldamortisation?) mit Ausfuhrüberschüssen be-
zahlt; 3. Stufe: Das ehemals kapitalexportierende Land führt ein. „Midas-Da-
sein“, der nationale Reichtum ist ungeheuer schlecht verteilt, die weniger wohl-
habenden Schichten sind an dem Auslandskapitalbesitz nicht beteiligt (Zusatz des
Verfassers: und leiden unter der geringen Unternehmungslust der Kapitalisten!),
bis schwere Schicksalsschläge eine Besserung erzwingen. Vielleicht berücksichtigt
Schultze nicht genügend die weltwirtschaftlichen Produktions- und Verkehrs-
verlagerungen, welche in der Geschichte zu Katastrophen für „reiche‘“ Länder ge-
führt haben. Im Übrigen ist das Bild von den Ententestaaten in der Midas-Rolle
nicht schlecht, der wichtige Gesichtspunkt dabei ist die Störung im Wirtschafts-
kreislauf der „reichen‘“ Länder; es darf im Abschnitt 2f nochmals darauf zurück-
gekommen werden. Es scheint eine lohnende Arbeit zu sein, zu untersuchen, wie
weit bei den Wirtschaftskatastrophen in „reichen‘“ Ländern früherer Jahrhunderte
der Inflationscharakter der Zinszahlungen aus ausländischer Kapitalanlage zum Zu-
sammenbruch beigetragen hat,

8) Die „Verdauung“ der Sachlieferungen durch die Empfangsländer.
Wir können uns in diesem Abschnitt sehr kurz fassen, weil diese Verdauungs-
beschwerden der Empfangsländer allgemein bekannt sind und der zwangswirtschaft-
liche Störungscharakter nur zu deutlich auf der Hand liegt. Nur 2 Zitate aus dem
Deutschen Volkswirt?) seien wiedergegeben. Der Widerstand der franzö6-
sischen Industrie gegen die Sachlieferungen der deutschen Werke verschärfe sich
in geometrischer Progression mit der arithmetischen Zunahme. Im Normaljahr 1929
werde die französische Reparationsquote mit einer Milliarde Mark mehr ausmachen,
als die heutige gesamte Fabrikateeinfuhr nach Frankreich. Da der Wiederverkauf
der Sachlieferungen in anderen Ländern verboten ist, so trüge bereits jetzt die
Assortierung oder Spezifizierung der verlangten Sachlieferungen einen Verlegen-
heitsstempel.

„Selbst die geplanten öffentlichen Arbeiten, sowohl in Frankreich als auch
in Belgien und in deren Kolonieen, werden sich nach kurzer Zeit als undurchführ-
. 1 ..

S.42 8 De Sohn tz de EA und Daweslast, G. A. Gloeckner, Leipzig 1

Hans Meyer-Festschrift * Kol resetz des Handelsbilanzumschwungs in der Koloni N Ef
2) Die AS schrift, „Ko oniale Studien‘‘, Verlag Dietr. Reimer, Berlin (Sond de En

investierung A Sum aus dem Fehldenken der ne a

könnte. „SC , für die man eventuell in den Schuldturm geworfen. Kapital
3) Der Deut i

1 utsche Volkswirt, herausgegeben von Stolper, Verlag Berlin 1927
        <pb n="96" />
        B4 Die Sabofage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft.
bar erweisen, weil sie zur Ausführung mindestens genau soviel flüssiges franzö-
sisches und belgisches Kapital binden, wie der von deutscher Seite gelieferte
Materialanteil ausmacht. — Die Sachlieferungen machen für die deutsche Arbeit
unbewußt eine riesige Reklame, sie ziehen weitere Bestellungen nach sich, die
nicht über Entschädigungskonto bezahlt werden, und wirken sich aus als ein Teil
der Kraft, die stets das Böse will und doch das Gute schafft 1).“

Die Sachlieferungen stellen eine doppelte Zwangswirtschaft dar, Zunächst wird
das die Sachlieferungen repräsentierende privatwirtschaftliche Kapital durch den
Zwang der Reparationsabgabe in Deutschland gebildet und dann auf dem Wege über
die Verrechnung — Reparationsagent — Ententestaatskassen — an Staatsangehörige
der Empfangsländer übertragen. Daneben läuft der zweite zwangswirtschaftliche
Prozeß dahingehend, daß von irgendwelchen „grünen Tischen“ der Empfangs-
länder die Warenarten und Quantitäten, welche zwangsgeliefert werden sollen, fest-
gestellt werden. Die Sachlieferungen sind Export aus Deutschland, der erfolgt,
nicht weil er privatwirtschaftlicher Initiative entspringt und damit „im Zweifel‘
volkswirtschaftlich rentabel ist, sondern weil der Machtspruch einer Ideologie es
befiehlt und durchsetzt. Immerhin aber bleibt es Export, an dem unsere
deutschen Werke zudem recht gut verdienen, und der von der deutschen
Regierung bezahlt wird. Es leuchtet ein, daß eine doppelte Zwangswirtschaft mit
doppelten Mängeln und Störungen für die weltwirtschaftliche Harmonie verbunden
sein muß. In Abschnitt c) dieses Kapitels haben wir gezeigt, daß auch die Sach-
lieferungen, wenn sie eine strafweise Tributzahlung sein sollen, einen Schlag ins
Wasser bedeuten.

Im Anschluß an den soeben erledigten Abschnitt 2ea ist noch darauf hinzu-
weisen, daß hier die Frage der Kapitaldisposition in Frankreich, England, Bel-
gien usw. ein wenig anders, aber kaum besser liegt. Die französischen Steuerzahler
z. B. brauchen im Betrag der Sachlieferungen aus ihrem Einkommen keinen Teil
zur Deckung des Staatsbedarfs abzugeben. Sie können also über diese Einkommens-
teile nach ihrer Wahl verfügen, d. h. sie disponieren über Teile der französischen
Produktion, so wie sie das für richtig halten. Trotzdem verbraucht natür-
lich die französische Regierung Güter ‚und Dienstleistungen, welche ihr nicht
gezehntet wurden, in ihrem Ausgabeetat, d. h. sie disponiert von sich aus noch
einmal über die obige französische Produktion. Außerdem hat sie, wenn auch
unter „Beratung‘“ durch die betr, Interessentenkreise, welche die Sachlieferungen
empfangen, vom grünen Tisch aus, mehr oder weniger einhirnig die Einfuhr von
Sachlieferungen. disponiert und zahlt mit dem privatwirtschaftlichen Kapitalgegen-
wert derselben ihre Staatslieferanten. Auf dem Wege über die Staatslieferanten
kommen diese Kapitalrechte in die Hand von Sparern, deren Kapital so zwangs-
weise in Anlagen investiert ist, welche durch zwangswirtschaftliche Einhirnigkeit
recht und schlecht entstanden sind und ohne die volkswirtschaftlich ridiculen
Sachlieferungen in dieser Form gewiß nicht entstanden wären.

Zwar kommen jetzt gütermäßig-aktivisch betrachtet auf 2 Teile französisches
Kapital 2 Teile Kapitaltitres, während im Gegensatz hierzu beim Barzahlungs-
system 1 Teil Güter auf 2 Teile Kapitalrechte entfällt, aber die Freude ist durch
die Einhirnigkeit der gütermäßig-aktivischen Assortierung vergällt und außerdem
von kurzer Dauer, wie wir früher gesehen haben. Denn gleichzeitig mit den
Sachlieferungen von Deutschland nach Frankreich, Belgien usw. gehen Exporte
1) Die uneinheitliche Haltung zum Dawesplan, Zuschrift aus „Kreisen der Groß-
wirtschaft‘ an die Kölnische Zeitung vom 13. 9. 27.
        <pb n="97" />
        Die störende Wirkung der Reparationen für die Empfangsländer. 85
aus diesen und anderen Ländern nach Deutschland, strömen Waren nach Deutsch-
Jand „zurück, um die durch Sachlieferungen entstandenen Löcher zu stopfen‘, sodaß
per Saldo dieselbe einseitige und ruckartige Zuführung von Kapitaltitres in die
Entente-Länder, dieselbe Diskrepanz von 1 Teil Güter auf 2 Teile Kapitalrechte
vorliegt wie bei den Barzahlungen, soweit nicht die Wiedereinfuhr nach Deutsch-
land aus neutralen Ländern erfolgt. Zu den Verdauungsbeschwerden aus dieser Dis-
krepanz treten. dann bei Sachlieferungen noch die Beschwerden aus der zwangs-
wirtschaftlichen Assortierung.

Wichtiger für die Welt und vor allem auch für uns ist das soeben, Ostern 1928,
zustande gekommene neue französische Sachleistungsgesetz. Es ist nach
ainem Bericht der Kölnischen Zeitung!) „zunächst nichts andres als eine Beseiti-
gung von bürokratischen und gesetzgeberischen Hemmungen sowie von Zoll-
erschwerungen. bei den Versuchen, die deutschen Sachleistungen für große öffent-
liche Arbeiten nutzbar zu machen, Nach Artikel 1 des Gesetzes wird die Verpflich-
tung einer parlamentarischen Genehmigung für gewisse öffentliche Arbeiten auf-
gehoben. Der Artikel 2 sieht vor, daß die Kolonien, Departements, Gemeinden und
öffentlichen Unternehmungen ermächtigt werden sollen, anstatt der bisher erfor-
derlichen öffentlichen Ausschreibung nunmehr frei aus der Hand die ganz oder
teilweise mit Hilfe von Sachleistungen auszuführenden Arbeiten zu vergeben; eine
Bestimmung, die — wenn man an den Verkauf der Lothringer Hüttenwerke denkt —
unter Umständen auch zu bösen Begünstigungsmißbräuchen führen kann. Der Ar-
tikel 3 ermächtigt die Regierung, auf dem Verordnungsweg teilweise oder ganz
die Zollabgabe für Sachleistungen zugunsten des Staates, der Kolonien, der Depar-
tements, der Gemeinden, der öffentlichen Betriebe und auch der Konzessionäre zu
erlassen, falls diese letztern ihre Einrichtungen und Bauten nach Erlöschen der
Konzessionsfrist ganz oder teilweise der Behörde, die die Konzession vergibt,
weitergeben müssen. Der Artikel 4 soll die Finanzierung dieser Arbeiten dadurch
erleichtern, daß die Auflegung von Anleihen für diesen Zweck durch einfache
Gegenzeichnung des Finanzministers nach Anhörung des beteiligten Ministeriums
auf dem Verordnungsweg genehmigt werden kann, ohne daß dabei zwischen der
Finanzierung für den deutschen Sachleistungs- und den französischen Arbeits- und
Lieferungsanteil unterschieden würde.‘

Nachdem nach derselben Quelle „die Inanspruchnahme der Sachleistungen
durch Warenlieferungen für Private merklich nachgelassen hat, und zwar zum
großen Teil wegen des Unterschieds der französischen und deutschen Inlands-
preise (welche in Deutschland meist 20—30% höher?) sind als in Frankreich)
und da auf der anderen Seite nach der Aufdeckung der Sachlieferungsbetrügereien
der Anreiz für viele Käufer weggefallen ist, so ist die französische Regierung dar-
auf verfallen, mit Gewährung langfristiger Rückzahlungsverpflichtungen zum Zins-
fuß der Bank von Frankreich ein umfassendes Programm für den Ausbau des in-
dustriellen und volkswirtschaftlichen Rüstzeugs in Angriff zu nehmen.‘ Das
heißt mit dürren Worten nichts anderes, als daß durch die Er-
leichterungen dieses Gesetzes Investierungen ermöglicht wer.
den sollen, die privatwirtschaftlich und damit auch zugleich
volkswirtschafflich nicht rentabel sind. Um also die Sachlieferungen
krampfhaft aufrecht zu erhalten, wird Kapital, das die Welt dringend zur Wohlfahrt
der Menschheit braucht, in französischen Anlagezwecken, die sich nicht genügend

X Kölnische Zeitung 1928, Nr. 198 B vom 10, 4. 1928,
2) S. deshalb obige Aufhebung der Submissionspflicht für französische Behörden!
        <pb n="98" />
        86 Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft,
rentieren, verschleudert. Das ist ein Schlag, der nicht so sehr Deutschland
als die ganze Welt trifft, denn die Sachlieferungen entstehen ja nicht aus dem
Nichts, sondern die ganze Weltwirtschaft hilft mit, daß die Rohstoffe und Dienst-
jeistungen, die Ernährung und Kleidung der deutschen Arbeiter, welche dahinter-
stehen, zur Stelle gebracht werden. Wenn solcher Verbrauch der Güter der Welt
nur dazu benutzt wird, damit daraus in Frankreich wirtschaftlich sinnlose oder
wirtschaftlich verfrühte Gebilde entstehen, so ist das Kapitalfehlleitung, mit nackten
Worten Produzierung von Ladenhütern, von Non-valeurs, worunter die
ganze Welt einschließlich der Neutralen zu leiden hat. Da es für uns auch bei der
Erstellung von Non-valeurs Sachlieferungskonjunktur mit all ihren wohltätigen Fol-
gen bleibt, so werden wir kaum mehr geschädigt als die Neutralen!

Da der Dawesplan unter dem Gesichtspunkt der Wiederherstellung aufgestellt
ist, so müßte sich eine Handhabe finden lassen, um solche Sachlieferungen zu
verweigern. Hier liegt zweifellos ein wichtiger Punkt, an dem eine deutsche Repa-
rations„„politik‘“ einzusetzen hätte, worauf auch Eckert!) hinweist, der zeigt
wie als „Aberwitz im Kreislauf der kapitalistischen Wirtschaft“ ein Widerspruch
zwischen dem Willen der Reparationsgläubiger, möglichst große Tribute zu erhal-
ten, und ihrer Abneigung, die hinter den Tributen stehenden Güter auch wirklich
zu empfangen, besteht. „Unsere Politik und Wirtschaft werden aber gut tun, auf
dieses Paradoxon nicht zu sehr zu bauen.“

Mit Rücksicht auf die große Gefahr, daß die deutschen Sachlieferungen von
Frankreich und Belgien mißbraucht werden, um weltwirtschaftliche Nonvaleurs zu
erstellen, darf der inflationistische Charakter, der auch den Sachlieferungen
anhaftet, nochmals unterstrichen werden, wobei sich zeigt, daß, je größer
hier die Unwirtschaftlichkeit der Kapitaldisposition ist, sie
sich um so stärker an den schlecht beratenen Disponenten rächt:
Da die französische Regierung — für die belgische usw, gilt dasselbe — ihren Etat-
bedarf sich nicht durch den Zehnten aus dem französischen Wirtschaftskreislauf
zur Verfügung stellen 1äßt, sondern die in Frage kommenden Güter und Dienst-
leistungen verbraucht und dann aus dem Erlös der Sachlieferungen bezahlt, so
läuft die nicht gezehntete Kaufkraft der französischen Untertanen leer und gehf
nochmals, also zusätzlich kaufend zu Markt. Die präsumptiven Sachlieferungs-
ampfänger verfügen vor der Transaktion über entsprechende französische Güter,
antweder direkt durch Ansammlung eigener Mittel oder indirekt durch Bank-
zredite; die Regierung verfügt über die von Deutschland hereinkommenden Güter
aus Sachlieferungen; nunmehr tauschen gewissermaßen beide Parteien ihre Güter
gegeneinander aus, Da damit die Transaktion noch nicht erledigt ist, so sieht man
jetzt deutlich, daß für die seitens der Untertanen nicht gezahlten Steuern nichts
zu kaufen übrig bleibt, weil die Regierung ihre mit den Sachlieferungen erstellten
Dienstleistungen gratis an die Untertanen abgibt. Der Leerlauf der Kaufkraft ent-
steht praktisch-finanztechnisch z, B. auf folgende Weise. Die Sachlieferungs-
smpfänger emittieren im Betrage der Sachlieferungen Aktien oder, wie oben seitens
der Regierung schon vorgesehen, Obligationen, welche die französischen Banken
auf die Aktivseite ihrer Bilanzen nehmen und deren Gegenwert sie den Sach-
lieferungsempfängern. auf der Passivseite ihrer Bilanzen gutschreiben; dann wird
die Regierung bezahlt, und nun verfügt diese darüber, während sie gleichzeitig
ihren Untertanen durch Steuernachlaß gestattet, ebenfalls über denselben Betrag
zu verfügen, Würden diese Untertanen nun sofort von den französischen Banken
1) Eckert, Die Neuformung Europas, G. A. Gloeckner, Leipzig 1928, S, 23.
        <pb n="99" />
        Die störende Wirkung der Reparationen für die Empfangsländer, 87
Jie neuen Aktien übernehmen, so verschwände die zusätzliche Kaufkraft und
aktive Anlage wäre mit passivem Kapitalrecht gekoppelt. Wie früher ausführlich
dargelegt, haben die Nicht-Steuerzahler zunächst andere Kaufwünsche für ihre
durch Nicht-Steuerzahlung vergrößerten Wirtschaftsüberschüsse bzw, flüssigen
Mittel, sie versuchen also das, was die Regierung bereits gekauft hat, nochmals
zu kaufen. Es ist ein klassisches Beispiel für die bekannte Erscheinung der Hoch-
konjunktur, daß privatwirtschaftlich echte Kapitalien -— hier die emittierten Aktien
oder die Überschüsse der Nichtsteuerzahler — volkswirtschaftlich unecht sind und
als zusätzliche Kaufkraft wirken.

Worauf es uns nun hier besonders ankommt, ist der Umstand, daß der Weg
von den ersparten Steuerbeträgen zu den damit zu koppelnden, bereits in Frankreich
befindlichen Sachwerten. räumlich kürzer ist, weil beide Teile der Koppelung sich
bereits in Frankreich befinden, als im Falle der Reparations bar zahlung, in welchem
z.B. englische Steuerersparnisse mit deutschen. industriellen Anlagen gekoppelt
werden müssen, damit die zusätzliche Kaufkraft verschwindet. Zwar ist der Weg
bei den Sachlieferungen räumlich kürzer, aber tatsächlich und wirtschaftlich
länger, denn der wichtige Antrieb, um in dem englischen Beispiel die Kaufkraft in
Kapitalanlage umzuwandeln, nämlich der höhere Zins in Deutschland, der höher ist
als englische inländische Anlage und das Geld von dort abzieht und nach
Deutschland zwingt, dieses Mittel fällt in dem französischen Falle der Sach-
lieferungen weg, weil hier französische Anlage in Frage kommt: Erst wenn die
neuen Anlagen aus Sachlieferungen sich besser rentieren als alles, was die Kauf-
kraftinhaber sonst mit ihrem Gelde versuchen könnten, erst dann werden die
Güter aus den Sachlieferungen und die Kapitalrechte zusammenkommen, vorher
ist das Wasser zu tief. Und an diesem Punkte zeigt sich die Rache für welt-
wirtschaftliche Fehldisposition von Sachlieferungen, für Kreie-
rung von privatwirtschaftlich nicht rentablen, überflüssigen oder verfrühten An-
lagen mittels Sachlieferungen und für den Chauvinismus des neuen französischen
Sachlieferungsgesetzes: Je sinnloser die Sachlieferungen wirtschaftlich sind, um
so schlechter rentieren sie, um so länger zögern französische Kapitalisten mit der
Übernahme der aus Sachlieferungen entstandenen Anlageobjekte in ihr Risiko,
Um so länger wirken die Beträge der Sachlieferungen als zusätzliche Kaufkraft, um
30 mehr steigen die Preise, erfolgen Expropriationen aus Vermögen und Lohnkauf-
kraft durch Umschichtung, um so größer sind die Störungen aus der Dispersion
der Preise,

Hat früher die Zeit für die Alliierten gearbeitet, so wirkt sie jetzt gegen sie
und rächt die Störung, welche Wohlfahrt und Wirtschaft der Welt durch das Diktat
von Versailles erleidet!
        <pb n="100" />
        f) Weltwirtschaftliche Grundlagen einer deutschen Reparationspolitik.

Wenn man die Überschriften der bisherigen Abschnitte des vorliegenden
Kapitels noch einmal überliest, so hat man eigentlich schon die Zusammenfassung
der weltwirtschaftlichen Grundlagen, auf welche eine deutsche Reparationspolitik
gestellt werden. müßte.

Die grundlegende Erkenntnis, von der aus sicher eine Wandlung in der Repa-
rationsfrage angestoßen werden kann, besteht darin, daß die Reparationen zugun-
sten Deutschlands bzw. seines Wirtschaftsapparates ausschlagen und über diesen
deutschen Vorteil hinaus im Wesentlichen die Interessen der Reparationsgläubiger
zw schädigen geeignet. sind. Die Aufbringung der Reparationssummen stellt
sich als Kapitalbildung zugunsten Deutschlands heraus, der Bartransfer ist eine
volkswirtschaftliche Fiktion, die außerdem zu größeren finanzpolitischen und kon-
junkturalen Störungen in den Empfangsländern führt. Auch im Falle der Sach-
lieferungen, die anscheinend ganz unzweidentig Tributleistungen sind, schnellt
der Pfeil auf den Schützen zurück: Die Sachlieferungen sind ein ins Riesige ge-
steigerter Export Deutschlands, der den Empfängern Verdauungsbeschwerden ver-
ursacht, während der damit für uns verbundene konjunkturale Aufschwung aus-
ländischen Kapitalimport nach Deutschland erzeugt und so das durch die Sach-
lieferungen entzogene Kapital uns wieder zur Verfügung stellt. Auch die Sachliefe-
rungen sind eine wirtschaftliche Fiktion.

Wenn man unvoreingenommen die Totalität der Weltwirtschaft auf der einen
Seite und den Reparationsapparat auf der anderen Seite betrachtet, so erscheinen
die vorstehenden paradoxen Leitsätze als Selbstverständlichkeiten. Die Welt geht
seit der Unterzeichnung des Dawesabkommens mit ihren Millionen von wirtschaft-
lichen Betrieben ihren alten Gang wie vorher. Aus privatwirtschaftlichem Egoismus
importiert und exportiert man, werden Kredite aufgenommen, Kapitalien investiert,
ohne daß ein direkter kausaler Zusammenhang mit dem Reparationsapparat hbe-
stände. Die Welt läuft privatwirtschaftlich ihr altes Geleise. Die Reparations-
zahlungen in jeder Form ändern an diesem privatwirtschaftlichen Ablauf nichts,
sie vermögen lediglich und als einzige reale Tatsächlichkeit eine Umschichtung des
juristischen Eigentumsrechts an irgendwelchen Gütern aus deutscher Hand in
ausländische Hand herbeizuführen. Privatwirtschaftlicher Ablauf der Welt aber
heißt, daß an Millionen Stellen Aufwand eingesetzt wird, damit eine größere Lei-
stung daraus entstehe, heißt „Produktivität!“ und hat nichts damit zu tun, ob der
Eigentümer des Produktionsapparates einen deutschen oder einen ausländischen
Familiennamen trägt 1),

Produktivität und Eigentumsrechte an dem Produktionsapparat liegen auf völlig
verschiedenen Ebenen, wie sich z. B. in dem frech-philologischen Wirtschafts.
experiment Rußlands zeigt: Die russische Bevölkerung leidet primär nicht des-
1) Adolf Weber, Hat Schacht recht?, a, a, O0. S. 21: „Die Frage, die jetzt so sehr im
Vordergrunde des Interesses steht: Wie machen wir unsere Handelsbilanz aktiv, ist durch-
aus nebensächlich gegenüber der anderen, entscheidenden Frage: Was können wir tun, um
die Produktivität unserer Arbeit möglichst zu steigern? Gelingt es uns, diese Frage richtig
zu beantworten und danach zu handeln, dann wird unsere Handelsbilanz ganz von selbst so
‚günstig‘, wie nur möglich sein, einerlei, ob sie nun aktiv oder passiv ist.“ — Siehe ferner
Gestrich, Der Passivitätskomplex, Industrie- und Handelszeitung vom 31. 3. 1928.
        <pb n="101" />
        Weltwirtschaftliche Grundlagen einer deutschen Reparationspolitik. 89
halb Not, ist nicht deshalb unproduktiv, weil der Produktionsapparat juristisch
im Eigentum des Staates, statt in privater Hand steht, sondern weil die Lebendig-
keit des wirtschaftlichen Prinzips durch bürokratische Rezepte abgetötet
wird. Nur sekundär wirkt hier die Nichtzulässigkeit von privaten Eigentumsrechten
auf die Produktivität, indem die Möglichkeit, für seine Kinder sparen zu können, die
den größten Anreiz zur Steigerung der Produktivität bildet, hier wegfällt; für
unsere Frage spielt diese sekundäre Wirkung keine Rolle, weil wir, wenn auch
unter größten Schwierigkeiten und kulturellen Störungen, auch neben den Repa-
rationszahlungen noch sparen können. Möchte doch eine Vorsehung der Erkenntnis
weit die Türen öffnen, daß das Wesen des Kapitals in seiner Unverzehrbarkeit,
in seiner Eigenschaft als heimlich „sozialisiertes‘‘ Eigentum besteht, daß es un-
verzehrbare Produktionsmittel darstellt, sodaß jede Vermehrung, wo immer und
für wessen Rechnung sie stattfindet, eine Verbesserung der Lebensbedingungen für
die ganze Welt bedeutet. Nicht nur für die Lösung der Reparationsfrage wäre das
bedeutsam ...

Bei normaler freier Weltwirtschaft erscheint es uns gleichgiltig, ob der Kapi-
talist sein Kapital — das er 1. nicht verzehren kann oder will, und das ihm 2, aus
dem volkswirtschaftlichen Umsatz zugewachsen ist — im Ausland oder im In-
land anlegt; nur verlangt man, daß es dort, wo Bedarf besteht, wo es rentabel ist,
angelegt wird. Man begrüßt sogar Anlagen im Ausland als besonders wertvoll,
allerdings unter der Selbsttäuschung, daß man sich einen national-wirtschaftlichen
Nutzen aus den Zinsen der Auslandsanlage verspricht, während unsere Import-
interessen. in keinem Zusammenhang mit dem Zinsaufkommen stehen: Man im-
portiert nicht Waren, weil Zinsen im Auslande anwachsen, sondern weil die
internationale Arbeitsteilung uns die Importwaren billiger liefert. Wäre unsere
Meinung, daß es auf Produktivität und nicht auf die Nationalität der Eigentums-
rechte ankommt, falsch, so hätte man niemals Kapital exportieren dürfen, denn die
Zinsen von Auslandsanlagen sind nationalwirtschaftlich eher schädlich als nütz-
lich, wie an der „Midas-These‘“ von Schultze dargetan wurde. Der angebliche
Begriff des Kapitalexportes ist eine mittelalterliche Vokabel: Man denke sich die
Grenzpfähle fort, dann steht die einheitliche Weltwirtschaft vor uns. KEinheit-
liche Weltwirtschaft!) bedeutet:

i. Kapitalbildung irgendwo, von irgendwem, der von seinen im Markt er-
zielten Leistungen bzw. den daraus resultierenden Kaufrechten Teile ersparte, so-
daß daraus in irgendeinem Lande ein Zugang an Wirtschaftsapparatur entsteht,
un

2. arbeitsteiliger Leistungstausch nicht der Länder untereinander, sondern der
Wirtschaftszellen untereinander ohne Rücksicht auf die Landesgrenzen, höchstens
Rücksicht nehmend auf Transportkilometer, regionale Geschmackseigenarten u. ä,
Über der Staatsumgrenzung steht wirtschaftlich die zwischenstaatliche Umgrenzung
der Branchen! Daß der Staat seiner Grenze in Einzelfällen zum Vorrang verhilt,

1) Zum Begriff der Weltwirtschaft s. die umfassende Arbeit von Sartorius v. Wal.
tershausen, Die Weltwirtschaft und die staatlich geordneten Verkehrswirtschaften,
G. A. Gloeckner, Leipzig 1926, welche die Weltwirtschaft in ihrer konkreten Gegenständlich-
keit zu erfassen sucht und bezüglich der weltwirtschaftlichen Zusammenhänge zu {iolgendem
Ergebnis (S, 333) kommt: „Geht in einem Teil einer geschlossenen Einheit eine erhebliche
Veränderung, aus welchem Grunde immer, vor sich, so bleibt diese Veränderung nicht für
sich abgeschlossen bestehen, sondern greift alsbald auf andere Teile über, und schließlich
muß sie auch im Ganzen sichtbar werden.‘ — Ferner Levy, Die Grundlagen der Weltwirt-
schaft, B. G. Teubner, Leizpig 1924. — Hantos, Die Weltwirtschaftskonferenz, G. A. Gloeck-
ner, Leipzig 1928,
        <pb n="102" />
        90 Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft,
hat zwar logische fiskalische, wirtschaftspolitische, verteidigungspolitische [Er-
nährungsautarkie im Kriegsfalle] usw. Gründe, aber deren Logik saugt ihre beste
Kraft aus der Naivität unseres unbewußten Denkens, welches von dem Zustand
ausgeht, als noch Hoheitsgebiet und Wirtschaftsgebiet eine Einheit bildeten.‘

Es ist durchaus berechtigt, sich die Welt so vorzustellen, also die Landes-
grenzen und das, was damit zusammenhängt, zu vernachlässigen, denn wirtschaft-
lich ist die Welt seit langem eine Einheit, wirtschaftlich ist die Bedeutung der
nationalen Unterscheidungen ungeheuer zusammengeschrumpft, wirtschaftlich ist
die Welt bereits ein echter „Völkerbund‘“, nur muß man versuchen, sich das
heitere weltwirtschaftliche Bild der Vorkriegszeit deutlich genug vorzustellen, man
muß sich den nationalistischen Überschwang der Jetztzeit in allen Ländern mit
seiner wirtschaftlichen Sinnlosigkeit als nicht von Dauer seiend wegdenken.

Sieht man die Welt so an, dann erkennt man die Ohnmacht der Reparationen
in ihrer vollen Größe. Dann sind sie nichts anderes, als der ohnmächtige Versuch,
durch einhirniges Diktat, durch untauglichen Zwang die Weltwirtschaft zu be-
einflussen. Die Reparationen sind Weltzwangswirtschaft und nichts mehr. Die
Zwangswirtschaft zwingt in Deutschland zu starker Kapitalbildung, wie ein kapi-
talistischer Titane es nicht besser könnte, erzwingt in den Empfangsländern durch
die Fiktion der Barzahlung die Ankurbelung einer Konjunktur, stört durch die Sach-
lieferungen den arbeitsteiligen Güteraustausch der Weltwirtschaft, 1äßt also „Ware
spazieren. fahren‘, wie das in der deutschen Kriegszwangswirtschaft geschah, und
beschert Deutschland, ganz gewiß gegen den Willen der Gläubiger, einen großen
konjunkturalen Aufschwung, Der „Titane‘ verschenkt den Gegenwert des durch
seinen Zwang in Deutschland gebildeten Kapitals durch Nicht-Einhebung von Steuern,
sodaß das Eigentumsrecht an dem deutschen Kapital von den Franzosen usw.
noch einmal privatwirtschaftlich erspart werden muß — erspart werden kann, weil
ja Steuern gespart werden, aber nur unter starken Reibungsverlusten —, sodaß
sich die Schenkung insoweit wieder aufhebt,

Vielleicht darf hier noch nachträglich hinzugefügt werden, daß dieser
deutsche Aufschwung nicht — wie es in Frankreich, England usw. geschieht —
durch das Existentwerden von Kamitaltitres in „doppeltem‘“ Umfang bzw. durch
zusätzliche Kaufkraft entsteht, sondern daß eher das Umgekehrte der Fall ist: Man
hat Angst vor der angeblichen Kapitalnot und ist infolgedessen außerordentlich vor-
sichtig mit neuen Unternehmungen; leider ist das „Unternehmertum der öffentlichen
Hand“ umso draufgängerischer, sodaß. auch wir unsere Rute haben, Immerhin
liegt hier ein erheblicher Unterschied gegenüber den Empfangsländern,

Und nun sehe man, daß es sich wirklich um vollendete Zwangswirtschaft
handelt: Verstärkte Kapitalbildung, Konjunkturaufschwung in Deutschland und im
Ausland, Vergrößerung des internationalen Handels usw., würden auch ohne den
Reparationszwang als Reaktion auf die Verschwendungsepoche der Kriegszeit ein-
treten, nur würden sie anders sein, harmonischer sich gestalten, fruchtbarer aus-
fallen, als es durch den zwangswirtschaftlichen Eingriff der Reparationen der
Fall ist. Wirtschaft ist es auch jetzt, sie ist nur schlechter als notwendig!

Nicht Wirtschaft ist es nur in den ganz unerträglichen Fällen, wo Deutschland
zu Sachlieferungen für unrentable, verfrühte und phantastische Anlagen in Frank-
reich, Belgien und deren Kolonien gezwungen wird, gegen die sich das Gewissen der
ganzen Welt auflehnen muß,

In unserer Ideenkette fehlt noch ein‘ letztes Schlußglied. Ehe darauf
eingegangen werden kann, muß ich mich ausdrücklich gegen den denkbaren Vor-
wurf wenden, ich gäbe mit dem weltwirtschaftlichen Ideengebäude alle nationalen
        <pb n="103" />
        Weltwirtschaftliche Grundlagen einer deutschen Reparationspolitik. 91
Werte preis und redete einem öden Internationalismus das Wort. An sich genügt
vorstehende ausdrückliche Verwahrung. Ihr sei noch hinzugefügt .1. der Hinweis,
daß es keinen Zweck haben kann, vor.der vollendeten weltwirtschaftlichen Ver-
flechtung unserer Nation den Kopf in den Sand zu stecken, und 2. der Hinweis, daß
die Welt zwar zum größten Teil aus Wirtschaft besteht, daß aber darüber hinaus
Raum genug für vaterländisches und heimatliches Fühlen und Handeln gegeben ist.

Damit darf ich noch einmal auf die Frage der Personen kommen, welche die
Eigentümer des durch Zwangsdiktat von Deutschland erzeugten Kapitals werden.
Die denkbaren und bereits vorhandenen Sicherungen gegen ein störendes Auftreten
von Ausländern als „Herren im Hause“ wurden bereits erwähnt. Vielleicht muß
man noch neue schaffen. An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, daß sich in der
Folge der Reparationszahlungen zahlreiche Ausländer mitten unter uns, neben
ihren Kapitalanlagen ansiedeln werden, so wie etwa „Berlin-W‘“ bereits stark inter-
nationalisiert sein soll, oder wie die Einsiedelung von Negern in Frankreich
bereits große Fortschritte angeblich gemacht hat. Solche Anreicherung Deutschlands
mit ausländischen Personen ist Folge des Zwangseingriffes, Folge der Tribut-
zahlungen. Der Leser mag sich selbst alle guten und schlechten Möglichkeiten
vorstellen, die daraus folgen können, es ist nicht meine Aufgabe darauf einzugehen,
aber es ist in jedes Deutschen Hand gegeben, durch Wahrung nationaler Würde
solche Einwanderung zu einem höheren Wert zu assimilieren, solange sie nicht
durch Aufhebung des Reparationsplans zu verhindern. ist.

Und nun das Schlußglied der Ideenkette. Man könnte scheinbar unsere Be-
weisführung als Taschenspielerei verdächtigen, indem man sagte, daß in den
vorstehenden Zeilen die Landesgrenzen weggezaubert und die einheitliche Welt-
wirtschaft als Beweismittel benutzt werden, während in früheren Abschnitten der
Bartransfer gerade mit dem Hinweis auf die Landesgrenzen und die Nicht-Trans-
ferierbarkeit als eine Illusion hingestellt worden sei. Hier liegen tatsächlich die
letzten Schlußfolgerungen, und zwar liegen sie in einer nochmaligen Unter-
streichung der Unverzehrbarkeit des Kapitals.

Die Unverzehrbarkeit des Kapitals ist doppelter Art. 1. Die Reparationsabgaben
schlagen sich, wie gezeigt wurde, in Deutschland in irgendwelchen gütermäßigen
Anlagen, also in Fundamenten, Gebäuden, Maschinen usw., nieder. Ist das einmal
geschehen, so sind sie nicht mehr verzehrbar, denn Stein und Eisen kann man
nicht essen. Zwar kann der einzelne Eigentümer seine Objekte verkaufen und den
Erlös „verzehren“, statt seinen Verzehr durch weitere Arbeit für die Gesamtheit
jeweils selbst zu erstellen, aber sein Käufer gibt an seiner Stelle das Kapital —
privatwirtschaftlich betrachtet — her, er hält jetzt die auch weiterhin unverzehr-
baren Objekte aufgrund eines seinerseits nicht getätigten Verzehrs in der Hand
und stellt sie der Gesamtheit zur Nutzung bereit. Einmal erstellt, sind und bleiben.
die Anlagen aus Reparationskapital vorhanden zum Nutzen aller, die wirtschaftlich
damit im Zusammenhang stehen. 2. Liegt auch auf der Empfangsseite Unverzehr-
barkeit insofern vor, als die Ententestaaten die deutschen Zahlungen nicht in zahl-
lose kleine Hände „verschenken“, damit diese daraus gewissermaßen „doppelte
Portionen“ von Essen, Trinken, Kleidung, Vergnügen usw. verbrauchen und dadurch
drüben bei den Franzosen usw. ein Importbedarf entsteht, den wir mit unserer
Hände Arbeit decken müßten, sondern das Eigentumsrecht an den deutschen Kapital-
beträgen wird von den ausländischen Staatskassen nur an Solche Hände weiter-
gegeben, die dafür eine Warenlieferung oder Dienstleistung vollbracht haben oder
noch vollbringen. Sie oder ihre Nachempfänger können die erhaltenen Forderungs-
rechte nicht allmählich verzehren, weil sie in solchem Falle immer einen anderen
        <pb n="104" />
        92 Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft.
„Kapitalisten‘ finden müssen, der an ihrer Stelle die Forderungsrechte auf Deutsch-
land übernimmt,

Und hier ist endlich der Schlußpunkt, an dem die einheitliche Weltwirtschaft,
die keine Landesgrenzen kennt, mit der Gesamtheit der nationalen Volkswirtschaften
mit Landesgrenzen und vor allem mit eignem Preisniveau in eins zusammen-
schmelzen. Es ist das Preisniveau der durch die Landeswährung
umgrenzten Volkswirtschaften, welches die letzte Rache an der
Weltzwangswirtschaft der Reparationen nimmt.

Damit ist der Grundirrtum, auf dem der Reparationsplan aufgebaut ist, klar-
gelegt: Wenn weder die aktiven Güter, die in Deutschland dem Reparations-
agenten gezehntet werden, aber in Deutschland verbleiben, noch die nach
England, Frankreich usw. transferierten passivischen Kapitalrechte daran geeignet
3ind, verzehrt werden zu können, noch geeignet sind, nach dem beliebigen Willen der
Entente-Staatsleiter benutzt werden zu können, wie etwa bei uns beschlagnahmtes
und in Frankreich in Dienst gestelltes Heeresgut, so ist es eine falsche Vorstellung,
wenn die Entente glaubt, auf diese Weise eine „Reparation‘‘, eine Wiederherstellung
von Kriegsschäden erlangen zu können, Die Entente-Politiker sind das Opfer eines
nationalökonomischen Irrtums geworden, indem die Väter des Dawes-Plans die
privatwirtschaftliche Form mit dem volkswirtschaftlichen Inhalt verwechselt haben.

Wie wir sahen, besteht das einzige, was möglich ist, darin, in Deutschland
Kapitalrechte indirekt oder direkt zu beschlagnahmen. und an Untertanen der
Entente-Staaten zu übertragen, entweder pro rata ihres „Altbesitzes‘‘ an eignen
Entente-Kriegsanleihen oder pro rata ihrer Steuerzahlungen, Der englische, fran-
zösische usw, Wirtschaftskreislauf aber wird durch beides nicht angereichert; was
man. in ihm verbrauchen will, sei es für Wiederherstellung zerstörter Gebiete u. 8.
sei es — gegen den Sinn der Friedensgrundlage verstoßend — für andere Zwecke,
kann im wesentlichen nur aus diesem Kreislauf selbst genommen werden !), Fein
säuberlich bleiben die Kapitalurkunden in England, Frankreich usw. und die ihnen
entsprechende aktive Güterapparatur in Deutschland von einander getrennt: Eng-
lands Wirtschaftskreislauf und also seine Wirtschaftsmacht ist nicht reicher, nicht
größer, nicht fruchtbarer geworden dadurch, daß es zahlreiche Schriftstücke besitzt,
auf denen ihm das Kapitaleigentum an deutschen Betriebsanlagen verbrieft ist,
Es kann sie nicht im Sinne einer Wiederherstellung verbrauchen; es ist ähnlich,
als wenn ein machtlüsterner Staat sich das Eigentum an der „hohen See“ im
völkerrechtlichen Sinne sich vom Völkerbund zusprechen ließe, Die deutschen, aus
Reparationen entstandenen Betriebs- usw. Anlagen sind, an der laienhaften Vor-
stellung des Eigentums, das man beliebig transferieren kann, gemessen, gradezu
„herrenloses Gut‘“ in dieser internationalen Beziehung, Selbst die Zins-

ausbeute ist kein transferierbares Eigentum des Auslandes; die Zinsen bereichern
den englischen usw. Kreislauf nicht, sondern machen ihn im Gegenteil unfrucht-
barer, als er ohne die Zinsen sein würde,

Treiben die Entente-Staaten ihren Irrtum über die Weltwirtschaft gar soweit,
wie sie es bisher taten, daß sie die deutschen „Zahlungen“ in ihrem Etat „konsum-
iv‘ verbrauchen, so genießen sie keine Wiederherstellung, keine
Entschädigungen, sondern erleiden Schädigungen, auch dann, wenn
sie den scheinbar sicheren Ausweg der Sachlieferungen wählen.

Im wesentlichen argumentierte unsere bisherige Darlegung unter dem Gesichts-

1) Auch eine etwaige Ausdehnung des englischen, französischen usw. Imports ist, wie
noch zu zeigen sein wird, keine reparationskausale Angelegenheit.
        <pb n="105" />
        Weltwirtschaftliche Grundlagen einer deutschen Reparationspolitik, 93
punkt, daß nennenswerte Importüberschüsse, durch welche die Entente Reparations-
abgaben erhalten könne, nicht zu erwarten sind, und also der status quo der
Arbeitsteilung unter den Völkern der Weltwirtschaft nicht
wesentlich sich verändern werde, auch nicht durch die Reparationen,

Eine Schlußbetrachtung muß der Möglichkeit gelten, daß es zu starken Export-
überschüssen Deutschlands kommt. Es muß nicht dahin kommen, denn es ist
durchaus möglich, daß sich die großen Kapitalinvestierungen der nächsten Ver-
gangenheit und Zukunft so in den Kreislauf der deutschen Wirtschaft einpassen, daß
letzterer so viel oder so wenig Autarkie ist, wie es Deutschland bis jetzt war.
Kommt es aber zu stärkerer Ausfuhr, so bedeutet das Ausdehnung unseres Geschäfts-
radius, Steigerung unseres volkswirtschaftlichen Umsatzes; unser Geschäft wird
arfreulicherweise größer. War vorher der Zustand starker Überiremdung deutscher
Wirtschaftsteile für uns micht drückend, wie wir gezeigt haben, so kann er dadurch,
laß sich unser Geschäft hebt, erst recht nicht drückend werden. War vorher der
Zustand starker Überfremdung nicht drückend, so kann er uns auch dann nicht
drücken, wenn nunmehr die uns durch den Exportüberschuß entstehenden Kapital-
rechte im Ausland gegen die Kapitalrechte des Auslandes im Inlande kompensiert
werden,

Mit dieser Beweisführung haben wir nicht etwa die Volte geschlagen, sondern
hier zeigt sich das innerste Wesen des Kapitals.

Wir sind. im wesentlichen nur an dem Rundlaufen der durch die Reparations-
investierung entstehenden wirtschaftlichen Betriebsapparatur in Deutschland inter-
essiert, daran daß es rentable Anlagen sind. Daß die Eigentümer Ausländer sind,
stört uns nur kulturell, wirtschaftlich dagegen, wie wir ausführlich gezeigt haben,
nicht. Es sind relativ wenige Personen, die auf Grund der Rente mit ernährt werden
müssen — die meisten „verdienen‘‘ ja außerdem ihre Ernährung durch weitere Mit-
arbeit —, und dieses „Minus‘ wird mehr als wettgemacht dadurch, daß ihr Kapital
den unverzehrbaren, Ifruchttragenden Betriebsapparat erstellt hat. Tritt nun eine
an sich erfreuliche Umsatzsteigerung durch Exportvermehrung auf, so entstehen neue
Kapitalien, die aktiv im Ausland angelegt sind. Deren Eigentümer, über deren „Mit-
ernährung‘ wieder das Vorstehende gilt, sitzen in Deutschland, Durch Kompensation
von deren Eigentumsrechten mit den aus Reparationszahlungen entstandenen ergibt
sich kein Nachteil für Deutschland, denn dann brauchte man ja die Kompensation
nicht vorzunehmen und nur den status quo ante aufrecht zu erhalten. Es entsteht
im Gegenteil ein Vorteil, weil im Ausmaß der Exportüberschüsse die oben erwähnten
kulturellen Störungen fortfallen, ohne daß dadurch die Rentabilität unseres Wirt-
schaftskreislaufes verschlechtert würde, im Gegenteil, sie dürfte verbessert werden.
Das ist in der Tat eine Schlußfolgerung, die allen herkömmlichen Auffassungen
widerspricht und sich darauf gründet, daß die Personen, welche das große Kapital
besitzen, bzw. ihr Konsum für den wirtschaftlichen Kreislauf im
wesentlichen eine quantitee negligeable sind im Gegensatz zum kleinen
Kapital von Handwerkern, Bauern, mittleren Betrieben.

Und noch etwas darf als Schlußfolgerung aus dem Wesen des Kapitals hinzu-
gefügt werden über die Sinnlosigkeit der Reparationen für die Entente. Das Kapital
ist unverzehrbar. Wer deutsche Forderungsrechte aus der Reparationszahlung er-
werben will, muß immer schon vorher das nötige Kapital besitzen. Die besitzlosen
Klassen in den Entente-Staaten, denen. man goldne Zeiten durch die Tributzahlungen
versprochen hat, werden nicht in den Besitz oder Genuß der deutschen Titel ge-
jangen. Immer nur sind es „Kapitalisten“, die das Eigentum an den deutschen Lei-
stungen erwerben können. Die besitzlosen Klassen werden mit dem Steuererlaß
        <pb n="106" />
        34 1 Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft,
betrogen, denn aus der Geldentwertung entstehen Störungen in der Wirtschaft der
Entente-Länder, welche die arbeitende Bevölkerung als Arbeitslosigkeit, Senkung des
Reallohns usw. auszubaden hat, während die Welt in ihrem instinktiven Drang nach
Reparierung der Kriegsmißwirtschaft ohne Tribute viel blühender in den zehn Jahren
seit Kriegsschluß emporgewachsen wäre. Hier ist die Stelle, wo noch einmal an
die von Schultzel) hervorgehobene Folge zu großen ausländischen Kapital-
besitzes für das Rentnerland erinnert. werden. darf. Wie König Midas im Golde er-
stickte, so werden die französischen, englischen usw. Arbeiterscharen, die es nicht
zu Kapitalbesitz und damit einem Anteil an den deutschen Tributzahlungen bringen,
dadurch ungeheuer geschädigt, daß die führenden wirtschaftlichen Schichten ihres
Landes „ihrer ausländischen Rente leben‘“ und nicht ihre Fähigkeiten und Kapi-
talien im Inland einsetzen, um als Unternehmer den Lebensspielraum der nicht-
führenden Schichten zu vergrößern.

Daran schließt sich eine andere Folge der Reparationen für die nicht-besitzen-
den Schichten in England, Frankreich, Belgien usw, Das ist die Erscheinung, daß
lie Einwohner dieser Länder nach dem Verteilungsschlüssel ihrer sonst not-
wendigen Steuerzahlung an dem formellen Genuß der deutschen Tribute teilnehmen,
Der Verteilungsschlüssel ist so eingerichtet, daß schwache Schultern wenig, starke
lagegen mehr Steuern zu zahlen hätten, wenn nicht die Deutschen einen großen Teil
der Staatsbedürfnisse dieser Länder zwangsweise decken müßten. Der Vertei-
lungsschlüssel wirkt nunmehr umgekehrt: schwache Schultern brauchen
nur kleine Steuerbeträge nicht zu bezahlen, sparen also nur kleine Summen, die
ihnen außerdem durch inflationsartige Preiserhöhungen ohne weiteres wieder aus
der Hand genommen werden, während starke Schultern große Beträge an Steuern
nicht zu bezahlen brauchen und mithin große Summen wirklich ersparen. Die Re-
parationen wirken mithin auchunter diesem Gesichtspunkt völlig
unsozial in den Empfangsländern,

Bevor wir die Grundlinien einer weltwirtschaftlich fundierten Reparations-
politik zu skizzieren versuchen, darf darauf hingewiesen werden, daß wir mit unserer
vom Herkömmlichen abweichenden Meinung nicht völlig isoliert dastehen. An-
klänge an unsere Meinung, zum Teil ähnliche Formulierungen finden sich bei
Susat?) und bei Sulzbach®?). Was ihnen zur vollen Erfassung des Tatbestandes
fehlt, ist vor allem die Erkenntnis, daß Kapital „sozialisiertes und unverzehrbares
Eigentum‘ ist. Hätten sie diese Tatsache und deren ungeheure Konsequenzen mit
berücksichtigt, so würden sie vermutlich zu ähnlichen Ergebnissen gekommen sein,
wie sie hier dargestellt wurden. Eine Auseinandersetzung mit ihnen im Einzelnen
erübrigt daher, Ebenso ist der nationalökonomische Kollege Röpke-Jena%) zu
nennen, der unter vielem anderen Erfreulichen folgendes ausführt: „Um die
Ketzerei auf die Spitze zu treiben, fügen wir hinzu, daß auch der reguläre Fall
ler Kapitalbildung innerhalb einer Volkswirtschaft — ohne Rücksicht auf eine
geographische Trennung von Kapitalgebern und Kapitalnehmern — sich nicht im
Geringsten von dem Fall der Auslandskredite unterscheidet.‘ Er sieht im übrigen

1) a. a. 0. S. 45; s. unsere Ausführung auf S. 83,

2) Susat, Zahlungsbilanz, Handelsbilanz und Auslandskredit, Kölnische Zeitung v, 30.
8. 25, ferner Susat, Über die Beziehung zwischen Außenhandel und Volkswohlstand, Vorträge
des weltwirtschaftlichen Instituts Kiel, Gustav Fischer, Jena 1927.

%) Dr. Walter Sulzbach, Frankfurt-Main, Zum Transferproblem: Die Bedeutung der
Währungsverbände und Zollverbände, Der Deutsche Volkswirt 1927 Nr. 38 S. 1193,

*) Röpke, Investitionskonjunktur und Konsumkonjunktur, Industrie- und Handelszeitung
vr. 9. 3. 28: ferner erschienen in Heft 6 der Zeitschrift Maschinenbau.
        <pb n="107" />
        Weltwirtschaftliche Grundlagen einer deutschen Reparationspolitik, 95
nicht den Unterschied zwischen privatwirtschaftlichen Schulden und volkswirt-
schaftlicher Kapital-„Einlage‘‘ und denkt an Rückzahlung und Rückzahlungsmög-
lichkeit, Solches Denken, das Röpke wohl mit der ganzen Literatur und der
öffentlichen Meinung gemeinsam hat, ist letzten Endes juristiscahes und
nicht wirtschaftliches Denken und geht etwa von der Schädlichkeit von
Schulden aus, in die ein Beamter oder sonst jemand mit relativ kleinem und vor
allem im voraus bereits total disponiertem Einkommen gerät. Bei der Aktien-
gesellschaft hat sich die öffentliche Meinung bereits stärker daran gewöhnt, Obli-
gationen, Hypotheken oder sonstige „Schulden‘“ als Betriebsmittel anzusehen,
welche sich — abgesehen von dem extremen Fall des Konkurses — nur nach der ju-
ristischen Form und nach der Teilnahme am Ertrag der Unternehmung von dem
Aktienkapital als Betriebsmittel unterscheiden, Es wird nichts anderes übrig bleiben,
als daß sich öffentliche Meinung und Literatur dazu aufschwingen, bei der Betrach-
tung der internationalen „Verschuldung‘‘ der Länder untereinander noch einen
Schritt weiter zu gehen und diese Schulden ohne jede Rücksicht auf ihre juristische
Kontraktform wie das nicht mit Rückzahlungsverpflichtung belastete Kapital von
Aktiengesellschaften anzusehen, also den Gedanken der Rückzahlung
überbaupt nicht mehr zu denken‘?). Ferner finden sich auch bei den schon
früher zitierten Autoren vereinzelte Anklänge an unsere Ideen, so namentlich bei
Weber und v. Beckerath.

Besonders zu gedenken ist dann des unentwegten Kämpen Alfred Lans-
burgh, der in seiner Zeitschrift „Die Bank“, Monatshefte für Finanz- und
Bankwesen, seit je der Wissenschaft und Praxis hervorragende Dienste leistet,
Im Dezember-Heft‘ 1927?) bringt er einen Artikel „Transfer“ (Das Problem der
Kapitaleinfuhr und -ausfuhr), in dem er zu ähnlichen Ergebnissen gelangt, wie
wir sie namentlich in dem Kapitel über die Konsolidierung von Zahlungsbilanz-
salden. aufgestellt haben, nur daß er annimmt, durch den „Kapitalsammlungsakt“
der Reparationssteuern entstehe ein Preisdruck auf die Warenpreise, wodurch ein
Notventil gegen die Überschreitung der oberen Goldgrenze geöffnet werde. „Die wirt-
schaftlichen Transferstörungen bleiben weithin hinter dem gefürchteten Ausmaß
zurück, weil das Ausland dem transferierenden Lande freiwillig beim Transfer
hilft.“ — „In der Zukunft eine gesteigerte Leistungsfähigkeit, herbeiführt durch...
und endlich durch den Zufluß kompensierenden Auslandskapitals, das dem Lande
die produktionstechnische Ausnutzung der besonders gearteten ‚Transfer-Export-
konjunktur‘ gestattet. Also im ganzen genommen eine Erziehung zu gesteigerter
Leistungsfähigkeit, deren Spitze sich mit der Zeit immer bedrohlicher gegen die
derzeitigen Nutznießer des Transfer richtet.“

Wie weit Cassel in seiner Erkenntnis gekommen ist, zeigt folgender Satz
seiner Ausführungen im Januarbericht der Amsterdam’schen Bank®). „Solange die
Güter, über welche der Reparationsagent verfügt, in Deutschland bleiben, bilden
sie einen Teil des der deutschen Wirtschaft dienenden Realkapitals. Trotzdem sie
einem Fremden gehören, spielen sie also für die deutsche Produktion eine wich-
tige Rolle.‘ Wenn Cassel dann fortfährt: „Die Transferierung beraubt Deutsch-
land eines Kapitals und bewirkt also eine Verknappung der ‚inneren deutschen Ka-
pitalversorgung,‘ so zeigt sich damit der entscheidende Punkt, an dem die Er-

2 S. auch die früheren Ausführungen in Abschnitt 2f und den dort zitierten Artikel von
Gestrich.

2) Bank-Verlag, Berlin W, Manteinstr, 9,

3) Industrie- und Handelszeitung, 26.. Januar 28.
        <pb n="108" />
        96 Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft.
kenntnis weiter zu fördern war. Wenn im Inlandsverkehr jemand — nennen wir
ihn Fabrikant A — in seinem Betrieb neue Fundamente auf Kredit gebaut hat, so
jäßt sich das darin investierte Kapital nicht mehr zurückverflüssigen, selbst wenn
es bisher von keinem Menschen privatwirtschaftlich erspart worden wäre, selbst
wenn weder der Fabrikant A das nötige Kapital besäße, noch sein Lieferant, noch
dessen Vorlieferanten, noch! deren Vordermänner usw, auf den betreffenden Geld-
betrag verzichten könnten, sondern die Forderung an den A wie ein glühendes Eisen,
in rasendem Lauf Güter kaufend, von Hand zu Hand wandern ließen. In jedem
Augenblick hat irgendwer die Forderung auf den A oder die daraus entstandenen
Schuldtitel zwischengeschalteter Delkredere-Zwischenstellen im Risiko, sei es auch
nur für Minuten; immer muß es einen freiwilligen oder oft unfreiwilligen „letzten
Eigentümer‘ des betreffenden Fundaments geben. Im Fieberzustand der Hoch-
konjunktur kommt es auf diese Weise dazu, daß industrielle Anlagen errichtet
werden, ohne daß entsprechende privatwirtschaftliche Ersparnisse vorher gemacht
worden. wären. Zum Teil werden auf solche Weise Anlagen erstellt, die sich später
als volkswirtschaftliche Ladenhüter entpuppen. — Die Anlage der Reparations-
summen als Realkapital in Deutschland hat einen ähnlichen Zwangscharakter:
Wenn die hinter den Reparationssummen stehenden Güter einmal für irgendeinen
wirtschaftlichen Zweck angesetzt sind, kann sie kein Mensch dort wieder weg-
nehmen und zurückverwandeln; der wichtige Untersschied aber besteht hier darin,
daß 1. die Gefahr der Entstehung von Ladenhütern nicht kausal gegeben ist, und daß
2, die zur Finanzierung nötigen privatwirtschaftlichen Sparbeträge nicht erst
hinterher und weil den „Darauf-sitzen-gebliebenen‘“, wollend oder nicht wollend,
nichts anderes übrig bleibt — wie im Falle der Konjunktur —, Sondern vorher und
laufend durch das Zwangsdiktat des Dawesplans sich bilden, bei uns durch Repara-
tionssteuerzahlung, bei der Entente durch das Ersparen von sonst zu zahlenden
Steuern der Landeseinwohner,

Zuletzt sei auf eine Rede eingegangen, welche Auld?), der frühere Leiter des
Verrechnungswesens des Wiederherstellungsausschusses am 25. April 1928 in
Housten. (Texas) über die Entschädigungsfragen und das Problem der interalliierten
Schulden gehalten hat und aus der folgende Stellen (nach der I. u. H. Z.) wieder-
gegeben seien:

„Die Last ist Deutschland auferlegt worden, indem man von dem Gedanken
ausging, daß die Kriegsverluste unter den Völkern Europas in fairer
Weise verteilt werden müßten und daß kein Volk eine unverhältnismäßige Last
auf sich nehmen konnte, ohne die Gesamtheit der Völker der Gefahr des Zusam-
menbruchs auszusetzen.“

„Der Dawes-Plan hat eine haltbare moralische Grundlage, Er bot allen Be-
teiligten eine vorteilhafte Regelung, Er ist deswegen als gesund und wirksam an-
zusprechen, Eine Richtung englischer Wirtschaftspolitiker sagt uns indessen, daß
der Plan umdurchführbar sei. Der Plan funktioniert, aber Keynes und seine An-
hänger sagen uns, daß er nicht mehr funktionieren wird, wenn die Periode der
Höchstzahlungen in diesem Herbst erreicht wird, Der Plan ist ein billiges und vor-
teilhaftes Abkommen, das von vernünftigen und intelligenten Männern aufgesetzt
war, von ihnen akzeptiert wurde und hochgehalten wird. Aber die Wirtschaftler

1) Kölnische Zeitung 25. 4. 28 und Industrie- und Handelszeitung 27. 4. 28. — Aus-
führlicher in Auld, The Dawes-plan and the New Economics, mit einem Vorwort von Rufus
C. Dawes, Doubleday, Page &amp; Co. New York 1927.
        <pb n="109" />
        Weltwirtschaftliche Grundlagen einer deutschen Reparationspolitik, 97
erklären uns, es gäbe ein Wirtschaftsgesetz, das mit einer Regelung dieser Art im
Widerspruch stehe, und das den Plan zwingen würde, seinen Geist aufzugeben. Sie
sagen, es gäbe ein neues wirtschaftliches „Etwas‘, das erst neuerdings in die Ge-
setze der internationalen Wechselbeziehungen gelangt sei, und das man als das
Transfer-Problem bezeichnet, das einen zahlungswilligen und zahlungsfähigen
Schuldner daran verhindere, zu zahlen, und gleichfalls einem bedürftigen Gläu-
biger unmöglich mache, Zahlungen von der Größe der internationalen Schulden-
raten entgegen zu nehmen, ohne daß er selbst Schaden dadurch erlitte.“

„Welcher neue Faktor ist seitdem hervorgetreten, der all das geändert hat?
Was hat das internationale Wirtschaftssystem der Vergangenheit plötzlich ver-
hängnisvoll und undurchführbar gemacht? Die Antwort lautet natürlich: garnichts!
Das einzige, was sich ereignet hat, daß das Land A, das früher ein Gläubigerland
war, jetzt ein Schuldner ist, und daß das Land Y aus einem Schuldner zu einem
Gläubiger geworden ist. Das Transfer-Problem ist nichts anderes als
eine Gemütsverfassung, Als die interalliierten Schulden plötzlich unter dra-
matischen Umständen in Höhe von zehn Milliarden Dollar geschaffen wurden,
rissen zwei- bis dreihundert Millionen Menschen in starrem Staunen die Mäuler auf,
Nicht die Hälfte von einem Prozent dieser Leute hatten je von den fünfzig Milliarden
Auslandsverpflichtungen (33 Milliarden nach der Vorkriegsrechnung) gehört, deren
Gläubiger Europa im Jahre 1913 war, Die Legende, die von Gefahr und Unmöglich-
keit sprach, entstand damals, sie wuchs, breitete sich aus und fand bei Leuten
weithin Glauben, die sich niemals kritisch auf Grund von Erfahrung oder durch ein-
fache Anwendung des gesunden Menschenverstandes mit der Frage befaßt haben.

Tatsache ist, daß internationale Schulden unter normalen Verhältnissen nie
durch Exportüberschüsse gezahlt worden sind. Internationale Schulden entstehen
lediglick daraus, daß die Schuldnerländer keine Exportüberschüsse haben. Nach
Verlauf von vielen Jahren werden sie hei Fälligkeit durch die
Schaffung einer frischen Schuld bezahlt, Nichts ist natürlicher, ge-
sünder und vorteilhafter für alle Beteiligten als dieser Zyklus von Kapitalverteilung
über die Welt. Und nichts ist von der genannten Schule britischer Wirtschaftler in
dunkleres Schweigen gehüllt worden, die auf die interalliierten Schulden blicken
und sie feierlich für unbezahlbar erklären.

Die Welt zerfällt zujeder Zeit innatürliche Schuldnerstaaten
und natürliche Gläubigerstaaten, Ein natürliches Schuldnerland ist ein
Staat, dessen heimisches Kapitalbedürfnis größer ist, als die jährlichen Ersparnisse.
Das galt für die Vereinigten Staaten vor dem Kriege und gilt heute für Europa. Ein
natürliches Gläubigerland ist ein Staat, in dem das heimische Kapitalbedürfnis, wie
in Europa vor dem Kriege und heute in Amerika, hinter den jährlichen Erspar-
nissen zurückbleibt. Den Index für diese Bedürfnisse bildet der Zinssatz. Das Kapital
folgt den Zinssätzen wie die Gezeiten dem Monde. Es gehorcht den Gesetzen von
Angebot und Nachfrage und so fließt heute unser überschüssiges Kapital, das Pro-
dukt unserer Industrien, in ununterbrochenem Strome über den Ozean.

Diese Kapitalbewegung von einem Gläubigerstaat aus, diese Art der Ausfuhr
seines Produktionsüberschusses stellt den einzig wirklichen Exportüberschuß dar,
den das internationale Wirtschaftssystem kennt, den Exportüberschuß, den ein
natürliches Gläubigerland stets hat und der einem natürlichen Schuldnerland stets
abgeht. Dieser authentische Exportüberschuß fließt nicht von einem Schuldnerland
aus, sondern er fließt zu ihm hin. Gleich nach dem primären Güteraustausch, der
bis zur vollen Ausnutzung der Exportfähigkeit eines Schuldnerstaates geht, tritt

Mahlberrzy, Reparations-Sabotare. T
        <pb n="110" />
        38 ‚ Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der. Weltwirtschaft,
diese an zweiter Stelle stehende Handelsbewegung ein, der bedeutungsvolle Abfluß
jes . Exportüberschusses des natürlichen Gläubigerstaates, der dafür Schuldver-
schreibungen. des natürlichen Schuldnerlandes erhält, Dieses nutzt den Produktions-
überschuß des Gläubigers dadurch mit Vorteil aus, indem es die mangelhafte eigene
Produktionsmaschinerie verbessert. Auf solche Art, und .nur auf solche Art werden
internationale Schulden geschaffen, und nur solange der Schuldner ein natürlicher
Schuldner bleibt, werden. die Zinsen und Amortisationsgefälle gezahlt.“

Die Rede ist in der deutschen Presse scharf kritisiert worden, Hervorgehoben
zu werden verdient der Hinweis der Kölnischen Zeitung (a. a. O.): „Die Beilissen-
heit, mit der amerikanische Telegraphenagenturen die Rede des Herrn Auld
in Europa verbreiten, deutet bereits darauf hin, daß hier eine Einflußnahme
auf die europäische öffentliche Meinung im Sinne der amerikanischen
Auffassung zur Entschädigungs- und internationalen: Schuldenfrage versucht wird.‘

Zu den Ausführungen von Auld ist dreierlei zu sagen. Erstens besteht ein
üungeheuerer Unterschied, worauf die deutsche Presse bereits hingewiesen hat, zwi-
schen gewöhnlichem Kapitalexport ins Ausland und der Reparationskapitalbildung
zu Gunsten des Auslandes. Bei gewöhnlichem Kapitalexport wird das importierende
Land mit den Leistungen des Exportlandes ausgestattet, sodaß zu Recht eine Über-
iremdung des Eigentums und der oberen Funktionärstellen der mit dem Kapital
geschaffenen industriellen und Verkehrsanlagen stattfindet. In unserem Falle da-
gegen erfolgt die Überfremdung auf der moralisch unhaltbaren Grundlage des Ver-
sailler Diktats. Alle Beteuerungen des ehemaligen Rechnungsdirektors des Wieder-
herstellungsausschusses vermögen nicht, Unmoral in Moral zu verwandeln!). Dies
um so weniger, als die einzige Effektivität der Reparationszahlungen, — und den
fiktiven Charakter zeigt ja grade Auld selbst auf —, wie wir gesehen haben, eine
Störung unseres kulturellen Lebens ist und solche Störung deutscher Kultur doch
keine Wiederherstellung von Schäden in den Entente-Ländern darstellt! ©

Zweitens muß man Auld, dem genauen Kenner des Dawesplans, mit Bonn?)
entgegen halten, daß „geborgte Leistungsfähigkeit keine Leistungsfähigkeit in den
Augen des Dawesplans ist, abgesehen. von den ausdrücklich vorgesehenen Bestim-
mungen über die Kreditaufnahme‘“ — „Wenn es keine Übertragungsschwierigkeiternt
gibt, so ist damit noch nicht gesagt, daß es keine Aufbringungsschwierigkeiten gibt.“
— „Wenn ein Land den Steuerdruck deswegen erträgt, weil seinen Steuerzahlern
die Kapitalien, die sie an den Fiskus abliefern, gegen 7%) von ausländischem Ka-
pitalisten wieder vorgeschossen werden, so ist die Leistungsfähigkeit für Steuer-
zwecke nicht erwiesen.“ — „Zur Nachprüfung der Überlastung Deutschlands muß
dann der Steuerdruck mit dem Druck in den alliierten Ländern verglichen wer-

1) Siehe hierzu die Bemerkung der Kölnischen Zeitung (a. a. O.): „Woher will Herr Auld
wissen, daß die Deutschland auferlegte Last nach der Meinung der internationalen Öffent-
lichkeit den Grundsätzen der Billigkeit entspricht? Nehmen wir einmal die Auldsche Formel
an, daß die Kriegsverluste unter den Völkern Europas in fairer Weise verteilt werden müssen.
Weiß Herr Auld etwa nicht, daß dem Schuldposten der Alliierten gegenüber. dem amerika-
nischen Gläubiger eine durchaus gleichwertige Zerstörung deutschen Inlandvermögens
gegenübersteht? Gewiß haben Frankreich und Belgien ihre zerstörten Gebiete. Was berech-
tigt dann aber das territorial vom Kriege gänzlich verschont gebliebene England zu Geldan-
sprüchen an Deutschland? : Von den Vorleistungen Deutschlands durch Auslieferung seiner
Handelsflotte, Abgabe allen unmittelbaren Kriegsgeräts, Verlust des gesamten Auslandsver-
mögens usw. weiß der Amerikaner nichts.“ . ; . . ;

%) Bonn, Befreiungs- oder Beleihungspolitik, a, a, 0. Seite 136f£. .

5) Es kommen Zinsen bis über 10% in Frage; siehe unter Kapitel 3,
        <pb n="111" />
        Weltwirtschaftliche Grundlagen einer deutschen Reparationspolitik. 99
den !).“ Wie schon früher erwähnt hat auch Cassel (a. a. O.) nachdrücklich die
Transferierung mit geborgten Mitteln als gegen den Vertrag verstoßend
bezeichnet: „Wann soll also der Reparationsagent mit diesem prinzipiell unberech-
tigten Verfahren aufhören? Dies ist keine ferne Zukunfisfrage, sondern in der Tat
eine sehr aktuelle Frage, die immer ‚dringender eine klare Antwort fordert, Die
Alliierten haben kein Recht, weiter darauf‘ zu rechnen.“ Warum übersieht Herr
George P. Auld diesen ihm zweifellos bekannten rechtlichen Zusammenhang?

Drittens muß man sagen, daß Auld vor lauter Bäumen den Wald nicht zu
sehen vorgibt! Er will einerseits mit den Vätern des Plans Wiederherstellungen: von
Deutschland haben und erkennt anderseits genau, daß die Reparationszahlungen
keine wirklichen Zahlungen sind, sondern eine Ausdehnung des deutschen Kapital-
parks; der deutschen Betriebsapparatur bedeuten, was er durch Beispiele der Vor-
kriegs-Kapitalwanderungen illustriert, Er müßte also erkennen, daß das Gegenteil]
von dem eintritt, was er ursprünglich will, und daß wie er selbst sagt, auch die
Zinsen nur mit neuen Schulden bezahlt werden, Warum zieht er aus seinen Erkennt-
nissen nicht die logisch einzig mögliche Schlußfolgerung, daß der Dawesplan, so
sehr er und die „vernünftigen und intelligenten Männer‘ den Plan für moralisch
halten mögen, yolkswirtschaftlich nicht haltbar ist, einen Schlag ins Wasser, eine
moralisch unhaltbare zwangswirtschaftliche Störung der Welt;
wirtschaft — also eine Störung der Entente und der Neutralen —
bedeutet und deshalb sobald wie möglich verschwinden muß? Wenn. kein anderer
Mensch auf der ganzen Welt diese logische Konsequenz ziehen will, Auld muß sie
angesichts seiner Erkenntnisse ziehen, wenn. er sich nicht moralischen Vorwürfen
aussetzen will. So schreibt ihm die Kölnische Zeitung,(@, a. O0.) bereits jetzt ins
Stammbuch: „Man gewinnt bei der Lektüre des Auld’schen Vortrags den Eindruck,
daß Auld sich für das neue amerikanische Regime als Nachfolger Parker Gil-
berts empfiehlt.‘

Die schon früher erwähnte erkenntnisstarke und bemerkenswerte Zuschrift „aus
Kreisen der Großwirtschaft‘“ an die: Kölnische Zeitung (13. 9. 27) mit der Über-
schrift „Die uneinheitliche Haltung zum Dawesplan‘* veranlaßt uns, hier Vorschläge
für eine Reparationspolitik zusammenzufassen, statt eine. solche Zusammenfassung
dem Leser, soweit er Politiker ist, selbst zu überlassen. Die Zuschrift klagt darüber,
daß nirgendwo ein klarer Wille oder ein Plan zu erkennen sei, wie wir aus dem
Reparationsproblem herauskommen sollen. Höchstens könne man die. offenbar noch
nicht abgeschlossene Geschäftigkeit der Parteien, in der Zwischenzeit ein Gebäude
von sozialen Lasten. aufzubauen, das in Verbindung mit Lohnerhöhung und Arbeits-
zeitverkürzung die Überschüsse der Wirtschaft ganz zu verschlingen drohe, als eine
mehr oder weniger bewußte Politik ansehen. Diese Taktik soll nach dieser. Zuschrift
dahin gehen, einen von der Entente etwa; gewünschten Abbau der sozialen Lasten
als einen. nach dem Dawesplan unzulässigen Versuch erscheinen zu lassen, unsere
Lebenshaltung unter die unserer europäischen Nachbarn herunter zu drücken. Diese
Taktik müsse erfolglos sein, da man Deutschland an dem Beispiel ‚seiner Nachbarn
die Übersetztheit seiner sozialen Lasten klar beweisen könne; der letzte Bericht von
Parker Gilbert sei hierzu der Anfang, die nächsten. Berichte dürften deutlicher
1) In dieser Meinung Bonn’s liegt kein Gegensatz zu unserer Auffassung von der
Möglichkeit der inneren Aufbringung; die innere Aufbringung erfolgt letzten Endes durch Be-
schlagnahme von Altkapital und Gewinnen (das: ist Neukapital), beides im privatwirtschaftlichen
Sinne; sowohl diese Beschlagnahme wie der Steuerdruck als solcher läßt — ‚als den Ort des
zeringsten Widerstandes — ın erster Linie berechtigte kulturelle Bedürfnisse nicht befriedigt.
werden.
        <pb n="112" />
        100 * Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft.

klingen (der nächste Bericht war das aufsehenerregende Memorandum des General-
agenten vom 20. 10. 27). In eine Debatte über diesen Komplex der deutschen Wirt-
schaftspolitik. einzutreten, ist nicht unsere Aufgabe, die Ausführungen mußten nur
der Vollständigkeit halber wiedergegeben werden, Die Zuschrift fährt dann fort:
„Zum Schluß fasse ich meine Gedanken‘ dahin zusammen: würde die Regierung
erklären, eine Verkürzung der Arbeitszeit, Einführung weiterer sozialer Wohltaten,
Erhöhung der Löhne und Gehälter sind zunächst nicht möglich, weil sie die Ent-
schädigungsfähigkeit beschränken, so würde die Gefahr einer starken Erweiterung
des deutschen Erzeugungsapparats die Gegenseite bestimmen müssen, eine Änderung
des Dawesschen Plans anzustreben. Die Anregung einer Änderung darf
nicht von deutscher Seite erfolgen, da sonst von vornherein eine un-
mögliche, aussichtslose ‚Position für Deutschland für die Verhandlungen ge-
schaffen. wird.

Ich schätze die jetzige Lage ähnlich ein wie im Kriege, wo die Regierung von
Anfang an. nicht die Stärke hatte, die tatsächliche Lage offenzulegen. Nur eine
klare, einfache, ehrliche Politik kann das Volk einigen und die Kräfte zusammen-
lassen, um ein günstiges Ende zu erreichen.“

Wie wir gesehen haben, bewirkt bereits die Zwangssparkasse des Reparationse
agenten eine starke Erweiterung des deutschen Erzeugungsapparates. Die Aus-
weitung würde. selbstredend — darin muß man dem Verfasser zustimmen — Noch
größer sein, wenn sich unsere Sozialpolitik nicht so weit vorwagte, worüber hier
nicht zu debattieren ist.

Hier soll lediglich, aber stark: betont, der — sagen wir — händlerisch-takti-
schen Einstellung widersprochen werden, daß eine Anregung nicht von deutscher
Seite erfolgen. dürfe. Das ist an sich ein gesunder Grundsatz, aber hier ist ‚er nicht
am Platze. Die relativen Zusammenhänge des Weltproblems der Reparation sind
so schwierig und so unbekannt bzw. falsch bekannt, daß es einer ungeheuer nach-
haltigen,. immer wiederholten Belehrung des In- und Auslandes bedarf, damit es
zu einer Aufhebung der Reparation. von diesen Gesichtspunkten aus kommen kann,
Geschieht das nicht, sondern verfolgt man die Taktik, zu warten, bis starke Wir-
kungen entstehen, so wird man nichts anderes erleben, als wir es in der Zwangs-
wirtschaft und Inflationspolitik seit 1914 kennen gelernt haben: es wird, wie man
zwar sehr unschön, aber drastisch zu sagen pflegt, „fortgewurstelt‘“, Die auf-
iretenden. Wirkungen sieht man mit privatwirtschaftlichen Augen an, stellt da-
durch eine‘ falsche Diagnose und korrigiert mit untauglichen Mitteln1!), welche
wieder Wirkungen entstehen lassen usf. Der Reinigungsprozeß wird dadurch so un-
geheuerlich verlängert, daß der Vorteil aus dem Prinzip der taktischen Zurückhaltung
nichts dagegen wiegt. ;

Dazu kommt, daß es einer solchen taktisch-unterhändlerischen Zurückhaltung
gar nicht bedarf, denn die Tatsächlichkeiten der weltwirtschaftlichen Sinnwidrig-
keit der Reparationen sind so stark, so eindeutig zu ungunsten unserer Gegenpartei,
daß sie für sich selbst sprechen. Wir brauchen gewissermaßen nur, wie jener Feld-
herr Brennus ?} sein Schwert auf die Goldwage warf. nicht unsere, sondern die welt-

1) Hierher kann man z, B. die Prüfungsstelle für Auslandsanleihen rechnen; siehe hierzu
anseren Vorschlag weiter unten über die Zinshöhe.

2) Heerführer der senonischen Gallier, welcher 890 v. Chr. Rom nach Ermordung der sich
preisgebenden Senatoren verbrannte, das Kapitol aber vergeblich belagerte und nur gegen
einen Preis an so viel Gold, als sein Schwert wiege, abziehen wollte. Wie man sieht, hat sich
lie Vorstellung über die Größe von Tributen gewandelt, nicht aber die primitive Vorstellung
jes Wegschleppens von Werten.
        <pb n="113" />
        Weltwirtschaftliche Grundlagen einer deutschen Reparationspolitik, ©‘ 101
wirtschaftlichen und wissenschaftlich-objektiven Argumente gegen den Irrwahn der
Reparationen laut und deutlich auf den Verhandlungstisch zu legen und können
dann in Ruhe das weitere abwarten. Denn wir könnten, sofern die wissenschaft-
liche Argumentation zutrifft, die aufreizende Präambel hinzufügen: „Jeder Tag Ver-
zögerung läßt uns noch nachträglich den Krieg wirtschaftlich gewinnen!“

Es bedarf nach unserer Auffassung zur Niederschlagung des Reparationsplans
mithin einer immer erneuten internationalen Debatte. Daß der Gedanke der Strei-
chung bereits gedacht wurde, ist bekannt, wie beispielsweise folgende Ausführung
des bekannten Nationalökonomen Irving Fisher von der Yale-Universität in den
Vereinigten Staaten zeigt1): „Das große Problem der Gegenwart ist Friede, Laßt
uns Frieden haben. Wenn eine vollkommene Streichung der Kriegsschulden zum
Frieden führt, so laßt uns die Kriegsschulden streichen. Wenn Senator Borahs Vor-
schlag, für die Kriegsschulden die deutschen Reparationszahlungen zu streichen, in
entsprechender Form von den Alliierten angenommen würde, so laßt uns diese
Gelegenheit ergreifen, um dieses Problem endlich seiner endgültigen Erledigung zu-
zuführen, denn die Zeit ist gekommen, um die Welt von diesem Albdruck zu be-
freien, welcher, wenn er bestehen bleibt, leicht die Ursache größerer internationaler
Verwicklungen werden könnte als jene, welche den Weltkrieg heraufbeschworen
haben.“

Neben obigem Hauptgrundsatz einer deutschen Reparationspolitik, darauf zu
adrängen, die für uns, die Entente und die Neutralen schädliche Zwangswirtschaft
durch Streichung der Reparationen aufzuheben, sind weitere politische Gesichts-
punkte zu beachten, welche Teilfragen betreffen.

1. Die Stimmen im Inland, welche aus Furcht — man könnte fast sagen aus
„Platzfurcht“ — vor der Devisenaufbringung die Sachlieferungsform propagieren,
müssen verstummen, Sachlieferungen. sind abzulehnen wegen ihrer doppelten welt-
wirtschaftlichen Gefährlichkeit, die wiederum für die übrige Welt schädlicher ist als
für uns.

2, Die deutsche Regierung ist zu schärfstem Widerstand gegen Sachlieferungs-
anforderungen für privatwirtschaftlich unrentable Anlagen in Frankreich, Belgien und
deren Kolonien nicht nur berechtigt, sondern weltwirtschaftlich verpflichtet. Sie
müßte dagegen geradezu vor dem Forum des Völkerbundes „Anzeige erstatten‘,

8. Im kulturellen Interesse Deutschlands ist vorzuziehen, daß das Eigentum und
die Betriebe der öffentlichen Hand „überfremdet‘‘ werden und die privaten Unter-
nehmungen von „Fremdherrschaft‘“ möglichst freibleiben. Dieses Interesse deckt sich
mit den Bedürfnissen des Weltverkehrs nach Übersehbarkeit der Qualität
des Schuldners. Während selbst relativ kleine Kommunen geeignet sind, als
international übersehbare Schuldneradresse aufzutreten, sofern die in Frage kom-
menden Summen nicht zu klein sind, sind vielfach private Unternehmungen wegen
ihres relativ kleinen Kapitalbedarfs kein. geeignetes Objekt internationaler Finanzie-
rung, selbst wenn sie in ihrem deutschen Umkreis und innerhalb. ihrer Branche als
mittlere bis große Firmen gelten. Für sie kommt Finanzierung durch eine inter-
nationale Trust-Company in Betracht, sodaß sich für sie das Auslandskapital etwas
teuerer stellt als für Kommunen, welche als direkte „Aufgabe‘‘ auftreten können.

4. Eine Aufhebung des Währungsschutzes bei der Transferierung ist unmöglich,
weil der internationalen Devisenspekulation zugunsten der deutschen Währung da-
durch der sichere Boden unter den Füßen weggezogen werden würde, .

5. Man mache es dem Vertragsgegner bequem und rentabel, sein Geld, das bei
1) Irving Fisher, Kriegsschuldenstreichung ? Industrie- und Handelszeitung v. 13. 3. 28.
        <pb n="114" />
        102 Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft.
uns entstanden ist, nun auch bei uns stehen zu lassen. .In jeder Weise und überall,
wo der Staat hierzu die Möglichkeit hat, sorge er für Erleichterung der Kapital-
investierung in Deutschland. Siehe hierzu die Einzelvorschläge des nächsten
Kanitels.
6. Die nächste politische Forderung geht dahin, daß der Staat sich Vorzugsweise
mit der Förderung langfristiger Kredit- oder Beteiligungsinvestierung befassen
möge, was im nächsten Kapitel noch ausführlich zu besprechen ist. ;

7. Wir müssen uns eine zähe Dickfelligkeit gegen die hohen Zinswünsche des
Auslandes angewöhnen, denn im Punkte der derzeitig volkswirtschaftlich berechtigten
Zinshöhe zeigt sich eine groteske Folge des zwangswirtschaftlichen Eingriffs in die
Wirtschaft, wie hierunter näher dargelegt wird.

Es ist durch die Zwangssparkasse des Reparationsagenten in großem Umfange
Kapital in Deutschland gebildet worden: aktiv betrachtet, die dahinter stehenden
Güter und Dienstleistungen sind in irgendwelchen Unternehmungen investiert; passiv
betrachtet, das Eigentumsrecht daran ist zwangsweise erspart worden. Von Mangel
kann also keine Rede sein, die Güter und die Unternehmer sind vorhanden, man
braucht nur seitens der Rechtsnachfolger des Reparationsagenten zu gestatten, daß
deren indirektes Eigentumsrecht von den genannten Unternehmern in irgendeiner
juristischen Form direkt wahrgenommen wird, daß also die bestehenden kurzfristigen
Schuldverhältnisse langfristig konsolidiert werden. Es besteht, so gesehen, eine voll-
kommene Kongruenz zwischen den auf den Aktivseiten irgendwelcher Bilanzen
stehenden Gütern und den auf den Passivseiten stehenden, auf Deutschland lau-
tenden Kapitalrechten, sodaß es weder ein Zuviel noch ein Zuwenig gibt: Soviel
Mark in Gütern investiert sind, genau soviel' Mark Sparkapital zu Gunsten aus-
ländischer Hände ist vorhanden, Von hier aus besteht keine Veranlassung, daß
ler Zins für Investierung in deutscher Anlage steigt.

Ebenso wenig besteht, wie wir früher sahen, in den Empfangsländern des Bar-
iransfers Veranlassung, daß der Zins steigt. In England, Frankreich, Belgien usw.
stoßen zu den dort ersparten Kapitalien, die gegen Zins ausgeliehen werden, die
Kapitaldispositionsrechte, welche durch den Transferprozeß der englischen, fran-
zösischen usw. Regierung eingeräumt werden: Dieses Dispositionsrecht ist in den
Händen der Regierungen oder ihrer Rechtsnachfolger privatwirtschaftliches Kapital,
das gegen Zins ausgeliehen werden kann, von Hand zu Hand wandert und dauernd
als Kapitalrecht existent ist. Es sind mithim dort zuviel Kapitalrechte im Sinne
von .privatwirtschaftlichen Ersparnissen vorhanden, sodaß dort der Zins nicht
steigen kann, sondern — genau wie bei ‚uns in der Inflation, als auch „zuviel
Kapital“ durch die existent gewordenen Geldzeichen. vorhanden war — sich die
Diskrepanz durch ein Steigen der Warenpreise Luft machen muß. Der Zins in den
Empfangsländern kann nicht nur niedrig sein, sondern sogar sinken, denn „Geld‘
zibt es im Überfluß bei ihnen, wie die früheren Illustrationen
Nr. 18, 14, 15 und 15. (Fortsetzung) mit einer durch nichts zu
arschütternden Exaktheit beweisen,

Wenn wir in Deutschland also nur ein klein wenig mehr über den ausländischen
Zins hinaus. als Verzinsung anbieten, so muß das genügen, um die ausländischen.
Hände zur Übernahme deutscher langfristiger Kapitaltitel zu veranlassen — kurz-
!ristig haben sie ja deren Beträge bereits, wollend oder nicht wollend, in der Hand.
Hier zeigt sich, daß wir in diesem gigantischen Reparationsstreit den Vorteil der
„inneren Frontlinie‘“ haben: In England, Frankreich, U. S. A. usw. muß gegen ihre
aigenen. Interessen .und ‚unter gleichzeitiger Kapitalentwertung ein wirtschaftlich
        <pb n="115" />
        Weltwirtschaftliche Grundlagen einer deutschen Reparationspolitik. 103
völlig sinnwidriger, niedriger „Zinsstand herrschen und uns Deutschen kommt je
länger um so mehr der niedrige Zins ‚zugute.

Daß man einstweilen trotz Überflusses privatwirtschaftlichen Kapitals in den
Ententestaaten, welcher Überfluß sich auf jede um !/g% höhere Zinsgelegenheit
„mit Begeisterung stürzen. müßte‘, und trotz der Kongruenz von Aktiv- und Passiv-
kapital in Deutschland unerhörte Zinsen für unsere Auslandsanleihen verlangt und
bisher durchsetzen konnte, ist auf einen Rattenkönig irriger Vorstellungen zurück-
zuführen.

Man stützt die hohen ——. angesichts der volkswirtschaftlichen Gegeben-
heit geradezu wucherischen — Zinsforderungen. durch. Konservierung unfreundlicher
Gefühle gegen Deutschland; die psychologische Einstellung ist gewissermaßen So,
als ob es eine besondere Gnade wäre, daß man den ehemaligen „Hunnen‘“ überhaupt
Geld pumpt.

Man stellt sich Deutschland, das an das Ausland „verschuldet‘“ ist
und „weitere Schulden machen muß‘, das eine „ungeheuere passive Zahlungs-
bilanz‘“ hat, als eine Art „dubiosen. Debitor‘‘ vor; man profitiert also von falschen
5konomischen. Vorstellungen. In Wirklichkeit sind wir eine solch „feine Kredit-
adresse‘, daß man anständigerweise den Risikoprämien-Bestandteil des Zinses,
welchen man exotischen. Ländern gegenüber glaubt anlegen zu müssen, uns nicht in
Rechnung stellen darf. Vielleicht hat auch hier wiederum Schacht recht, dessen
Geschäftsinstinkt sich gegen die „Finanzierungskunst‘“ der Kommunen usw. wandte,
als sie in ungeordnetem Haufen „drängelnd‘““ das Geschäft verdarben, statt König
Midas „auf sich zukommen zu lassen“. Die Bewerbung um Auslandskredite, mög-
lichst mit einer persönlichen „Fahrt über den großen Teich“. ist heute ein wenig
Modesache. ;

Es fehlt dem Ausland noch an der nötigen Erkenntnis, daß, wenn man
zwangsweise das. Besitzrecht an deutschen Betriebsanlagen und sonstigen Gütern
beschlagnahmt, einem nichts anderes übrigbleibt, als nun auch privatkapitalmäßig
das beschlagnahmte Besitzrecht in der Hand zu halten.

Da es sich in allen drei Fällen nur um fehlerhaftes Denken oder Erkennen des
Auslandes und unserer eigenen Geldnachfrage handelt, so ist, wie schon gesagt,
höchste Dickfelligkeit gegenüber exotischen. Zinswünschen des Auslandes am Platze,
denn das ungeheuer wuchtige Schwergewicht der volkswirtschaftlichen Tatsächlich-
keit ist zu unseren Gunsten vorhanden und.drängt solches Fehldenken je länger um
so mehr zurück, Zum Schutz unserer Währung bedarf es nicht eines
absolut hohen Zinssatzes, sondern wir brauchen, wie in dem
Kapitel über das Konsolidierungs-Phänomen gezeigt wurde, nur
ein wenig und immer wieder nur vorübergehend unseren Zins
über den ausländischen zuseizen.:, . . ;

Wie wäre es in diesem Punkte übrigens mit einem Apell an das Monopol der
deutschen Bankwirtschaft 1) ?

Übrigens könnte man durchaus erwägen, ob nicht an dieser Stelle die zwangs-
wirtschaftliche Störung der Weltwirtschaft mit einem zwangswirtschaftlichen Staats-
akt zu paralysieren wäre, etwa indem durch Reichsgesetz den Kommunen usw. im
öffentlichen. Interesse verboten. würde, mehr als einen Nettozins von 5% seitens.der
öffentlichen Hand zu kontrahieren. Ein solches Gesetz, nach dem sich natürlich
auch der Staat selbst richten müßte, würde bei der fast hysterischen Denkeinstellung
über unsere Kapitalarmut und den Kapitalreichtum des Auslandes zwar ein großes
ty Siehe hierzu Mahlberg, Zum Neubau des Kredits, G. A. Gloeckner, Leipzig 1925.
        <pb n="116" />
        104° Die Sabotage der Reparationszahlung durch den Mechanismus der Weltwirtschaft.
Zetergeschrei auslösen, aber man würde sich sehr bald beruhigen und dann „auf
uns zukommen müssen‘, denn das Ausland ist mit den einmal existent gewordenen
Forderungsrechten beglückt, es kann sie gar nicht abstoßen; selbst wenn nur 1%
bezahlt würde, müßte es in. seinem Besitz bleiben, und die deutsche Währung kann
es nicht zerstören.

Zugleich müßte man sich in Deutschland die fast krankhafte, aus dem Fehl-
denken der Inflationszeit stammende Angst vor Valuta-Verschuldung, also der Kredit-
tontrahierung in fremden Geldeinheiten abgewöhnen. In der Inflation bedeutete die
Kreditkontrahierung in Mark, daß man seine Gläubiger später im wesentlichen nicht
zu bezahlen brauchte, die Kontrahierung in Valuta dagegen, daß man bezahlen
mußte, selbst wenn. die eigenen Debitoren, weil auf Mark-Basis gestellt, nicht zahlten,
deren Eingänge also nicht zur Verfügung standen, um daraus die Kreditoren zu
lecken. Die Markkredite paßten mithin zur Umwelt, gewissermaßen zu dem, was
„verkehrsüblich‘“ war, während Kredite auf Devisenbasis sich, an dem Verkehrs-
üblichen gemessen, sehr unangenehm auswirken konnten. Dieses war der Tat-
bestand. Da es jetzt wieder verkehrsüblich geworden ist, seine Schulden zu bezah-
len, man also. von seinen Debitoren den vollen Geldwert zurückerhält, besteht keine
Gefahr mehr, wenn man nun auch seinen Gläubigern Valutakontrahierung und
damit nach deren Meinung unter allen Umständen volle Rückzahlung zusichert. Daß
volkswirtschaftlich, also für alle zusammen, genügend „Devisen“ zur Verfügung
stehen werden, um auf der Rechtsbasis „Valuta-Kontrahierung‘““ Schulden zurück-
zuzahlen, darum braucht sich der einzelne, wie wir in Kapitel 1 gesehen haben,
wahrlich nicht zu sorgen. 1).

1) S. hierzu auch Alfred Lansburgh im Oktober-Heft 1927 seiner Zeitschrift „Die
Bank“. Nachdem er ausgeführt hat, daß die Reichsbank gewissermaßen in unnatürlicher
Weise auf den Notendeckungsfonds zur Bezahlung des Passivsaldos der Handelsbilanz habe
zurückgreifen müssen, fährt er fort: „Solchen Rückgriff hat man in frühern Perioden analoger
Gestaltung der Handelsbilanz nicht gekannt. In den Hochkonjunktur-Phasen der letzten drei
Jahrzehnte vor dem Krieg sind die Mittel zur Bezahlung der Mehreinfuhr allerdings auch nicht
ohne weiteres vorhanden gewesen; es ist vielmehr regelmäßig zu einer gewissen Klemme mij
steigenden Wechselkursen und noch weit stärker steigenden Zinssätzen gekommen. Aber
liese Klemme hat jedesmal die Wirkung gehabt, daß das fehlende Geld, angezogen durch .die
Doppelprämie des hohen Zinses und des günstigen Wechselkurses, kurzfristig vom Ausland
hereingeströmt ist — meist in der Form der sogenannten Pensionsnahme deutscher Wechsel —,
sodaß der deutsche Importhandel schließlich immer die Devisen vorfand, die er zur Ab-
deckung des Mehrimports brauchte. Auch diesmal würde sich die deutsche Wirtschaft die
erforderlichen Mittel auf die entsprechende Weise haben beschaffen können. Ja, die Be-
schaffung würde ihr diesmal sogar noch erheblich leichter gefallen ‚sein als in den frühern
Parallelfällen, denn noch niemals ist das Auslandkapital bereit gewesen, sich Deutschland und
andern vertrauenswürdigen Ländern in solchem Umfang zur Verfügung zu stellen wie während
des ersten Halbjahrs 1927, Aber die deutsche Wirtschaft ist systematisch daran gehindert
worden, sich diese Leihbereitschaft des Auslands zu nutze zu machen, zuerst durch künst-
liches Herunterdrücken des Zinsfußes unter den Stand, der einen Anreiz auf das Aus-
jandgeld hätte ausüben können, dann durch die Verhängung eines „Embargo‘“ auf
jas langfristige Auslandkapital (durch grundsätzliche Verweigerung des Nach-
lasses der Kapitalrentensteuer), endlich durch Brandmarkung der kurzfristigen Auslandkredite
als einer Gefahr für die Liquidität der Wirtschaft und die Stabilität der Währung. Die selbst-
verständliche Folge war, daß derjenige Teil der deutschen Mehreinfuhr, der sich nicht mit den
allen diesen Erschwernissen zum Trotz einfließenden Auslandkrediten kompensierte, dem
Ausland bezahlt werden mußte.‘ *
        <pb n="117" />
        3. Schlußfolgerungen für die Organisation des Geld- und
Kapitalmarkts.
Es handelt sich in diesem Kapitel um die rein betriebswirtschaftliche Frage-
stellung, welche Folgen entstehen aus den Reparationen für die Organisation des
Geld- und Kapitalmarkts1) bzw. welche organisatorischen Maßnahmen kommen in
Frage, um diesen Folgen zu begegnen?

Zu dieser Frage wird man als Wirtschaftswissenschaftler gedrängt durch die
täglichen Notizen und Meldungen der Tagespresse über unseren Gegenstand. So
bringt z. B. die Frankfurter Zeitung?) in ihrem Bankbilanzbericht die
Schlagzeile „35 0 Auslandsverbindlichkeiten‘“. Die Gesamtkreditoren der sieben
Berliner Großbanken hätten sich von 6528 auf 8128 Millionen Reichsmark per
L. Januar 1928 vermehrt, und von diesem Kreditorenzuwachs entfielen nicht weniger
als 11/4 Milliarden Mark auf die Steigerung der Auslandsanlagen, welche für
lie sieben Banken per Ende 1927 auf mindestens 23/, Milliarden Mark, über-
wiegend in Valuta, zum Teil in Mark laufend, also auf 35 % der vorstehenden
8,1 Milliarden Gesamtkreditoren zu schätzen seien, Das ist allerdings eine unge-
heuere Veränderung gegenüber früheren Wirtschaftsverhältnissen und der sichtbare
Ausdruck für die in den vorangegangenen Kapiteln von uns dargelegte Situation auf
dem Geld- und Kapitalmarkt. Oder man erinnere sich an den neuen Typ von
Kapitaltiteln, die kommunalen „Schatzanweisungen“, oder daran, daß Anfang
Mai d. J. Schuldverschreibungen der Stadt Köln, die sie gegen eim bei einem Ber-
liner Bankhaus aufgenommenes Darlehn ausgestellt hatte, in Form von Zertifikaten
ohne Wissen der Stadtverwaltung in Amsterdam und Rotterdam aufgelegt worden
sind und daß auf diese Weise die Zustimmung der Beratungsstelle für Auslands-
anleihen umgangen worden ist.

Die Frage nach den Folgen für den Geld- und Kapitalmarkt gründet sich
auf die Notwendigkeit, daß das dem Ausland in Deutschland
im Wege der Reparationszahlungen zuwachsende Kapital in kurzfristige
und langfristige Anlageform geschieden werden muß. Wie wir
sahen, befindet sich das durch die Zwangssparkasse des Reparationsagenten ge-
bildete Kapital in der konkreten Gestalt von Kisten, Fässern, Ballen, Maschinen,
Fundamenten usw. in Deutschland. Von dem Wert dieser Güter bzw. dem Wert
der dahinter stehenden ausländischen Kapitalrechte müßten, sagen wir einmal,

17/,p die juristische Form langfristiger Kapitalanlage, also die Form von Aktien,
Obligationen, Hypotheken usw., und 3/,p die juristische Form kurzfristiger An-
lage, z. B. in Form von Wechselakzepten, Bankkrediten usw. haben, damit Form
und Inhalt, damit die juristische Kontraktform und. die aktivische Verwendungsform
des investierten Geldes in einer verkehrsüblichen Harmonie zueinander ständen,
Statt dessen ist es umgekehrt, etwa so, daß — schematisch ausgedrückt — 17/,0
der in Deutschland beschäftigten Auslandskapitalien kurzfristig kontrahiert sind
und nur 3/9 eine langfristige Konsolidierung bis jetzt erfahren haben, Selbst-
redend ist das eine ungeheuerliche Verkehrsstörung, die, wie wir gesehen haben,
im wesentlichen auf falschen ökonomischen Vorstellungen und psychologischen

1) Die Arbeit ist letztlich aus einem Vortrag hervorgegangen, den ich unter dieser Über-
schrift im Oktober 1927 in Karlsruhe gehalten habe,

2) Frankfurter Zeitung vom 14. März 1928.
        <pb n="118" />
        106 Schlußfolgerungen für die, Organisation des Geld- und Kapitalmarkts.
Hemmungen bei den ausländischen Kreditgebern beruht. Sie beruht keineswegs
darauf, daß etwa im Ausland nicht genug Kapital „erspart“ worden sei, um deutsche
langfristige Kapitaltitel in die Hand nehmen zu können, denn im Ausmaß der deut-
schen Reparationszahlungen. „sparen‘‘ die englischen, französischen usw. Personen
Steuerbeiräge, welche sie sonst hätten zahlen müssen, Es ist ferner, wie gezeigt
wurde, so, daß 1. je länger die ausländischen Hände zögern, ihre deutschen For-
derungen langfristig zu konsolidieren, um so mehr. Störungen für ihr Preisniveau
eintreten, und daß 2, „kein anderer Weg nach Küßnacht führt“ als der über
eine Konsolidierung zur Beseitigung der Störungen. Im übrigen muß auf die früher
behandelten Gesichtspunkte verwiesen werden,

In Deutschland kommt es leicht dazu, daß diese Verkehrsstörung eine Ver-
größerung des Notenumlaufs und damit eine Bankdiskonterhöhung herbeiführt.
Man stellt sich das am besten an der Illustration. 13 vor, indem man annimmt, daß
die dort als schematisches Beispiel benutzte Bank M. M. Warburg &amp; Co ihre
Forderungen auf ihre Kunden A, B; C. D; E. F usw. durch Wechsel entnimmt
und diese Wechsel bei der. Reichsbank in Noten umwandelt. Führen solche Ge-
schäfte zur Erhöhung des Reichsbanksatzes, so ist letzteres ein völlig untaugliches
Abhilfsmittel. Es bewirkt das Gegenteil, denn die Lust deutscher Betriebe, etwa‘ zur
Aufnahme von Hypotheken, geht mit der Diskonterhöhung: erst recht zurück; wer
will sich zu solchen Sätzen langfristig binden? Das kann allenfalls die Öffent-
liche Hand, bei welcher der Aufwand nicht an der Höhe der Leistung geprüft wird,
und welche dazu regelmäßig als Monopolbetrieb in der Lage ist, die mechanische
Addition ihrer Selbstkosten als „gerechten“, marktangemessenen Verkaufspreis ihrer
Betriebsleistungen zu diktieren1), Privatbetriebe und erst ‚recht die unter Welt-
marktkonkurrenz stehenden Betriebe können sich solchen Zinsluxus für lange
Kontrakte nicht erlauben. Statt sich langfristig an unmögliche Zinslasten zu binden,
probiert man lieber, weiter kurzfristig, wenn. auch relativ teuer, durchzuhalten.
Man ist also hüben und drüben, hier und im Ausland zu langfristiger Kontrahierung
unlustig, trotzdem man auf Gedeih und Verderb unlösbar bereits miteinander
verbunden ist. ;

Natürlich tritt gleichzeitig mit der — aus diesem inländischen Motiv eventuell
erfolgenden — Diskonterhöhung der gewöhnliche Erfolg ein, daß das Ausland etwas
weniger „an der Devisendecke zerrt‘, in geringerem Umfange: Geld kündigt und
„zurückruft‘“, weil nunmehr der Zins wieder wesentlich höher wird als im Aus-
land, Und gerade dieser Umstand beleuchtet den. circulus vitiosus, den die Zwangs-
wirtschaft des Dawes-Plans auf dem Geld- und Kapitalmarkt entstehen läßt: Damit
der Zins deutsche Betriebe zu langfristiger Anlage anreize, müßte der Diskont
und damit der Kapitalzins heruntergehen. Der Zins für deutsche Obligationen, Hypo-
iheken usw. könnte dann trotzdem um eine kleine Anreizspanne höher sein als
entsprechende ausländische Anlagen. Geht der deutsche Diskont. aber herunter,
dann ist er nicht mehr so viel höher wie der ausländische Zins für kurzfristige
Anlage, sodaß ein stärkeres „Zurückrufen‘ der Gelder in das Land der Eigentümer,
also ein verstärktes „Zerren an der Devisendecke‘ erfolgt, sodaß der Wert der
Mark sinkt und der Bankdiskont wieder heraufgesetzt werden muß, um die deutsche
Währung nicht zu gefährden. — Der Urgrund ist hier das Übermaß, der unge-
heuerliche, nicht wirtschaftsorganische Überfluß an kurzfristigen. Auslandsgeldern,
; Damit haben‘ wir die Kernfrage des ganzen Problems berührt. Es handelt sich
darum, neuartige Finanzierungs- und Geldmarktinstrumente zu schaffen, um den

?) Siehe hierzu Mahlberg, Der Betriebsbegriff und das System der Betriebswirtschafts-
lehre. a. a. 0.
        <pb n="119" />
        _Schlußfolgerungen für die Organisation des Geld- und Kapitalmarkts, 107
— Kate nn HE
Überfluß kurzfristiger Auslandgelder dauernd und zwingend zum “Kapitalmarkt,
wo sie hingehören, also in langfristige Anlage zu überführen. Das ist, wie gesagt,
die Kernfrage: Die ausländischen Gelder müssen „mangels Masse‘. hier bleiben,
ihr Transfer ist, volkswirtschaftlich gesehen, unmöglich; ihre Besitzer versuchen,
dauernd, sie „zurückzuziehen“, d, h., privatwirtschaftlich gesprochen, sie kündigen
die.Gelder, wodurch die Forderungsbeträge von neuen. Händen übernommen. werden.
müssen; die neuen Hände sind immer ‚wieder kurzfristig, lassen sich aus Miß-
verständnis auf langfristige Anlage nicht ein, sodaß ein Überangebot von flüssigem
Geld entsteht. — Das gewöhnliche Mittel, solchem Überangebot zu begegnen, be-
steht in der Zinsdifferenzierung, indem für kurze Gelder ein relativ niedrigerer Satz
als für langfristige Kapitalhergabe gilt. Dann scheidet sich automatisch die Kon-
trabierung der Eigentumsrechte an von Dritten benutzten Gütern in langfristige
und kurzfristige Form, indem der Zinsgenuß aus kurzfristiger Anlage unter den-
jenigen aus langfristiger, etwa Hypothekenanlage sinkt. Warum kommt es jetzt
nicht dazu, warum haben wir Diskonterhöhung, wo doch Kapitalüberfluß herrscht 1)?
Hier zeigt sich die aus der Zwangswirtschaft geborene Diskrepanz zwischen. Form
und Inhalt, die Verkehrsstörung, welche trotzdem mit aller Störung nichts an der
Unmöglichkeit ändert. Es treffen hier 3 Störungsursachen zusammen.

ij. Störungsursache: Die psychologischen Hemmungen der aus-
Jändischen Kapitaleigentümer gegenüber bewußter oder gegenüber langfristiger
Anlage in Deutschland,

2, Störungsursache: Der Unterschied der Währung und der
sich daraus ergebende Zusammenhang zwischen Wechselkurs und Inlandsdiskont;
der Zusammenhang ist in unserem Falle im Prinzip rein formaler Art, denn von hier
aus kann es zu Diskonterhöhungen kommen, nicht weil — was sonst die Ursache
zu sein pflegt — der Kreislauf der Wirtschaft „heißgelaufen‘ ist, sondern weil die
Eigentümer wirtschaftlich total gesunder Betriebe zufällig Ausländer sind.

3. Störungsursache: Die derzeitige Unvollkommenheit der Zins-
kontrahierung, welche nicht nur im vorliegenden Falle, sondern auch bei
anderen Gelegenheiten, namentlich bei dem gewöhnlichen Konjunkturaufschwung,
stört. Die Unvollkommenheit besteht darin, daß für langfristige Anlagen, das
heißt für deren privatwirtschaftliche Kapitalform, nicht ein variabler, sondern
ein fester Zinssatz für lange Jahre im voraus kontrahiert wird. Es werden dadurch
bei niedrigem Zinsstand für lange Jahre, auch für diejenigen hoher Zinssätze, nied-
rige Zinskosten für die Geld aufnehmenden Betriebe und umgekehrt bei hohem
Zinsstand für sämtliche Kontraktjahre anormal hohe Zinskosten kontrahiert, welche
nur in der Zeit der Kontraktschließung wirtschaftlich berechtigt waren. Mit ande-

1) Selbstredend bezieht sich diese Fragestellung auf die Situation, wie sie sich aus dem
Reparationsproblem ergibt, also unter der Voraussetzung, daß nicht andere Momente größeren
Gewichts, etwa hier für die Frage des Kapitalmangels, gegeben sind. Würde man z. B. als
weitere Voraussetzung unterstellen müssen, daß die öffentliche Hand in größerem Umfange
Fehldisposition über das Sozialprodukt vorgenommen hätte, dann könnte von da aus der Zins
in Deutschland steigen müssen, was aber mit dem Reparationsproblem nicht zusammenhinge
und folglich von uns nicht zu berücksichtigen ist. Tatsächlich braucht man wohl die vor-
stehende Voraussetzung nicht oder wenigstens noch nicht als gefährlich störend zu unter-
stellen: vermutlich wird es so sein, daß, wie oben gezeigt, die private Hand sich bei ihrer
Dispositon über das Sozialprodukt wegen der unmöglichen Zinsen sehr stark zurückhält, wäh-
rend die öffentliche Hand — man sollte eigentlich sagen „die nicht verantwortliche
Hand‘ — wie ein junges Füllen auf der Wiese des Sozialprodukts weidet, welch beide Kin-
flüsse sich vielleicht aufheben; nur würde, wenn die beiden Parteien sich umgekehrt ver-
hielten, "die Produktivität der Verwendung des Sozialprodukts voraussichtlich größer sein.
        <pb n="120" />
        108 Schlußfolgerungen für die ‚Organisation des Geld- und Kapitalmarkts,

ren Worten, durch diese juristische und privatwirtschaftliche Übung kommt für die
wichtige Selbstkostenposition „Zinskosten‘“ das Prinzip des Tagespreises grund-
sätzlich nicht zum Zuge, was selbstredend große volkswirtschaftliche Störungen
verursachen muß, Das einfache Abhilfsmittel dagegen ist die Vereinbarung schwan-
kenden Zinses, z. B. 1% % unter Reichsbankdiskont für Obligationen.

Die 3 Störungsursachen weisen den Weg, um Abhilfmittel zu finden. Viel-
leicht sind gerade die anormalen Verhältnisse der derzeitigen Kapitalmarktlage ge-
eignet, um, so unwahrscheinlich es zunächst klingt, einer Beseitigung der 3, Stö-
rungsursache zugleich für die Zukunft gewöhnlicher Wirtschaft die Wege zu ebnen
und die volkswirtschaftlich sinnvolle Form des variablen Zinses für lange Kon-
‘rakte einzuführen. Zum Teil ist man schon auf dem Wege, denn im Inlands-
verkehr wird bereits, wo es sich um materiell langfristige Anlage, aber in kurz-
fristiger Form kontrahiert, handelt, dieser Form entsprechend variabler Zins verein-
bart. Das Beispiel zeigt zugleich den Weg, wie der Unvollkommenheit der Zins-
kontrahierung derzeit auch im Auslandsverkehr gesteuert werden kann: Man nimmt
zusländisches Geld kurzfristig herein und bringt dann den Mut auf, es materiell
langfristig, aber formell kurzfristig weiter zu leihen, wodurch der Schuldner für
später auf niedrigere Zinsen rechnen darf; es bedarf dann kaum weiteren Mutes,
um dem Schuldner gegenüber auch formell langfristig bei variablem Zins Verträge
zu schließen. Solcher Mut wird bekanntlich in unserer privatwirtschaftlichen Welt
gut bezahlt; bringen ihn nicht deutsche Banken auf, so werden auf die Länge der
Zeit Ausländer sich den Mut bezahlen lassen, Es wird sich weiterhin als Grund-
satz darum handeln, langfristige Kapitalanlage in Deutschland mit indirekten Vor-
teilen auszustatten, so daß sich um deren Wert die Geldgeber zu Zinsermäßigungen
herbeilassen können, Die Gegenmittel gegen die 2. Störungsursache, die Zufällig-
keit des internationalen Wohnsitzes der Kapitaleigentümer und der daraus ent-
stehende Zusammenhang zwischen Wechselkurs und Diskont wurden im System
in Kapitel 1c, a—, gezeigt; nachstehend wird es unsere Aufgabe sein, auf die
Möglichkeit verbesserter Geschäftsformen hinzuweisen, durch welche der Druck
der kurzfristigen Kredite auf den Wechselkurs gemildert wird. Die Störungsursache 1
wird durch Behebung von 2 und 3 bereits günstig beeinflußt, im übrigen gilt hier-
über folgendes:

Zu Störungsursache 1. Psychologische Hemmungen bestehen auch auf
Seiten der deutschen Kreditnehmer insofern, als zu ihren normaler-
weise berechtigten Bedenken gegen Finanzierung von Anlagen (im bilanztechnischen
Sinne, also Maschinen, Gebäude, Apparate usw.) durch kurzfristige Kredite die
abergläubische Furcht vor Kreditkontrahierung auf Valutabasis, sei es in Deutsch-
land, sei es im Ausland, hinzutritt. Da zur Zeit Milliardenbeträge in Anlagen (im
bilanztechnischen Sinne) angelegt, aber seitens der letzten Eigentümer nur kurz-
fristig hergegeben werden, so ist der sonst anormale Zustand zur Zeit die Norm;
lie deutschen Schuldner und die zwischen ihnen und den wirklichen Eigentümern
stehenden Delkredere-Zwischenhände werden angesichts der komplexhaften Tat-
sächlichkeit sich an den anormalen. Zustand gewöhnen müssen. Der Zustand ist in
keiner Weise so gefährlich wie der ähnliche Zustand in der Inlandswirtschaft, ‚von
dem man die Bedenken in Parallele ableitet und der darin besteht, daß vor dem
Zusammenbruch der gewöhnlichen Konjunktur große Beträge in Maschinen, Fun-
damenten, Gebäuden und sonstigen Anlagen, z. B. unter Benutzung von Bank-
akzeptkredit, angelegt sind, während die letzten Eigentümer dieser Beträge mit
der ihnen daraus zustehenden Kaufkraft nicht die Produkte aus diesen Anlagen,
sondern andere Dinge kaufen wollen, Hier handelt es sich also um die Erstellung
        <pb n="121" />
        Schlußfolgerungen für die Organisation des Geld- und Kapitalmarkts. 109
L. von volkswirtschaftlichen Ladenhütern 2. auf kurzer Kreditbasis, was selbstver-
ständlich nicht nur unschön, sondern. für den einzelnen gefährlich ist, während in
unserem Falle der Auslandsfinanzierung eine Kausalität zwischen Ladenhütergefahr
und Kurzfristigkeit bzw. Nationalität des Geldgebers selbstredend nicht besteht. Da
man im praktischen Einzelfall niemals sicher sagen kann, ob etwas Ladenhüter werden
wird, so dämpft diese Ungewißheit allzu großen Optimismus bezüglich Festlegung
auf kurzfristiger Basis; Optimismus aber muß, wie vorstehend gezeigt, unter
den gegenwärtigen Verhältnissen als Prinzip. von den Kreditnehmern und ihren
vorgeschalteten Treuhändern verlangt werden,

Der hier notwendige Kreditoptimismus kann verstärkt und der gegen ihn
wirkende Devisen-Aberglaube, die Angst vor Valuta-Rückzahlung !): kann bekämpft
werden durch Verbreitung des wirklichen Kredittatbestandes zwischen Deutschland
und den Entente-Staaten bzw. dem Ausland überhaupt, wie er z. B. in Illustration
13—15 gezeigt wird. Im übrigen ist, trotzdem beiden Partnern der internationalen
Kredit-Gemeinschaft nichts anderes übrig bleibt, als. sich in Unabänderliches zu
schicken, der deutsche Partner eher bereit, seine psychologischen Hemmungen Zu
überwinden, weil er eher und praktisch einsieht, daß ihm eben kein anderer Aus-
weg übrig bleibt. Die Verbreitung der Wahrheit über die Kreditlage hat daher für
ihn den Sinn, zähe Dickfelligkeit gegen „schamlos‘“ hohe Zinsforderungen — wie
der Börsenausdruck lauten würde — zu erzeugen, wer immer sie stellen, mag!

Die psychologischen Hemmungen der ausländischen Kapi-
taleigentümer gegen bewußte oder gegen langfristige Anlage in Deutschland
sind auf zwei Wegen zu beheben. Der erste Weg ist der „Kampf um den deute
schen Kredit“, wie ihn Gestrich?) genannt hat und der im Rahmen
der öffentlichen Meinung des In- und Auslandes ausgefochten werden muß, Gest-
rich vertritt hierbei den Gedanken, daß die Publizistik bei Erörterungen über
jen deutschen Kredit eine nationale Haltung einnehmen müsse, daß man beispiels-
weise aus dem Memorandum der Reichsregierung gegen Parker Gilbert das
Gute und Brauchbare in den Vordergrund zu stellen und nach Möglichkeit zu er-
gänzen habe, statt unnötige Kritik an Einzelheiten und an Unstimmigkeiten zu
üben, die auf Ressortschwierigkeiten u. ä. zurückzuführen sind. Nicht in diesem
Sinne hat zweifellos die Debatte zwischen Schacht und den Kommunen ge-
wirkt, in der ein deutscher Oberbürgermeister beispielsweise folgende Feststellung
glaubte machen zu müssen: „Der Auslandsanleihe-Markt ist für die deutschen
1) Siehe hierzu als eins von vielen das folgende Beispiel, das deutlich illustriert,
wie es sich trotz Valuta-Kontrahierung um gewöhnlichen Kredit handelt. Die Industrie- und
Handelszeitung, 18. 4. 28, berichtet:

„Das amerikanische Bankhaus Harris, Forbes &amp; Co. verhandelt, wie aus New York
gekabelt wird, mit dem Freistaate Bayern über eine neue dreijährige Schatz,
anweisungsanleihe, die zur Ablösung der am 1. Juli 1928 zur Rückzahlung fälligen
20. Mill. Dollar einjährigen bayerischen Schatzwechsel dienen soll. Diese Schatzwechsel sind
bekanntlich im Juni vorigen Jahres nach U, S, A, begeben und dort als Unterlagen zur Emission
von 5proz. Zertifikaten benutzt worden. Schon damals diente die Hälfte des Anleihebetrages
zur Einlösung noch früher begebener Schatzwechsel.““ —

Wie der Aberglaube stört, zeigt das Beispiel der Anfang Juli 1927 vom Reichsrat geneh-
migten. Emission von 100 Mill. Mark Wohnungsbaupfandbriefen, von denen — nach der Ind.
u. Handelsz, — bis zum 18. Sept. 1927 trotz dringendem Geldbedarf nur die Hälfte im Aus-
land untergebracht werden konnte, weil der englische Markt sich ablehnend verhielt und
Amerika nicht herangezogen werden durfte, da die Satzung der Pfandbriefinstitute Dollar-
Kontrahierung verbietet, Feingoldhyoptheken auf Londoner Goldpreis basiert zuläßt.... Höher
hinauf läßt sich kein Mißverständnis treiben.

2) Gestrich. Kritik der Kritik, Industrie- und Handelszeitung, 19. 11. 27. ;
        <pb n="122" />
        110 ” Schlußfolgerungen für die Organisation des Geld- und. Kapitalmarkts, 1
Städte nach dieser Rede von Schacht so gut wie zerschlagen.“ :Hier mußte
sich die falsche Front rächen, die Schlacht, wie früher gezeigt, im Kampf gegen:
den Aufwand. der. öffentlichen Hand eingenommen hat: Nicht; daß es Auslands-
kredite sind, und nicht, daß die Städte ihren Finanzbedarf zunächst kurzfristig,
im Inland decken und dann bei: der. langfristigen. Konsolidierung: nichts mehr,
daran zu ändern ist, ist der Kernpunkt, sondern daß sie eine solch draufgängerische
Unternehmertätigkeit im volkswirtschaftlichen Sinne ausüben und uns damit even-.
tuell innerwirtschaftlich festfahren, Schacht als Reichsbankleiter mußte
natürlich in erster Linie den Devisenzusammenhang sehen.

Als Beispiel, wie von ausländischer Seite gegen psychologische Hemmungen
der Kreditgeber angekämpft wird, sei auf den glänzenden, wenn auch inter
essierten. Bericht über Deutschlands Aufschwung, den der Vorsitzende A, R, Waag
des British &amp; German Trust seiner Generalversammlung - erstattet hat!),
und vor:allem auf die neutralen und..objektiven Ausführungen verwiesen, welche
Cassel in dem frühergenannten Bericht der Amsterdamschen Bank über
die deutschen Fortschritte in Produktionsfähigkeit und. Wohlstand im Hinblick auf:
unsere Kreditwürdigkeit gemacht hat und die ausdrücklich dazu auffordern, „ab-
solutes‘ Vertrauen zu den deutschen Auslandsanleihen aufrecht. zu‘ erhalten. Auch
sollte jedes Streben nach einer obrigkeitlichen. Kontrolle neuer deutscher Auslands:
anleihen aufgegeben werden, Strenge Prüfung durch die Beteiligten ‚selbst, sollte
genügen, Die Freiheit des internationalen Kapitalmarkts ist von zu großer Bedeu-
tung für das Gedeihen der Weltwirtschaft, um ohne dringende Notwendigkeit
irgendwie beschränkt werden zu dürfen,‘

Wichtig sind auch. Schritte wie die des Vorsitzenden des Berliner Börsenvor-
standes, Bankier Richard Pohl, der im April 1928 dem Präsidenten der New
Yorker ‚Fondsbörse einen Besuch abstattete, um Richtlinien für die Einführung
deutscher Aktien an diesem Markt festzulegen, ;

Der. zweite Weg zur Beseitigung psychologischer Hemmungen bei den auslän-
Jlischen Kapitaleigentümern besteht darin, neue Formen der Kreditgewährung bzw,
Kapitalbeteiligung von Land zu Land zu ersinnen und alte Formen auszugestalten,
am es dem Ausländer bequem, risiko-mindernd und möglichst rentabel zu machen,
sein ‚Geld in Deutschland anzulegen. Da dadurch der Druck auf den Kurs der
Mark vermindert ‚wird, so kommen wir mit dieser Erörterung zugleich

zu Störungsursache 2; Bei der Aufstellung neuer Kreditformen. ist
zunächst an den kurzfristigen Kredit zu denken. Als Beispiel dafür, worauf es
ankommt, sei das Wesen des sogenannten Wechselpensionsgeschäfts?)
dargestellt, Das Geschäft besteht darin, daß deutsche Banken für im Ausland aufge-
aommene, größere kurzfristige Kredite deutsche Inlandswechsel, die einzeln auf
relativ kleine Summen lauten, paketweise der ausländischen Bank als Sicherheits-
pfand „in Pension‘ geben. Es handelt sich dabei um zwar gute und notenbank-
fähige Wechsel, die aber wegen der relativen Unbekanntheit ihrer ‚Unterschriften,
im Ausland und ihres relativ kleinen. Betrags nicht geeignet sind, im Ausland als
Wechsel auf Deutschland, also dort als Devisen und mit dem Zweck der
Geldanlage umzulaufen, Die deutschen Banken, welche die Wechsel von ihrer
Kundschaft hereinnehmen, können sie also nicht regelrecht im Ausland „rediskon-
1) Kölnische Zeitung 17. 3. 28. . Ve

2) Näheres hierüber siehe die ausgezeichnete Untersuchung von Suntych, Die Tech-
nk des Wechselpensionsgeschäfts, Zeitschrift für ‚handelswissenschaftliche Forschung Band VI;
Jie Arbeit enthält ausführliche praktische Beispiele und eine besonders eingehende Unter-
suchung der juristischen Grundlagen und. Möglichkeiten des Wechselpensionsgeschäfts,
        <pb n="123" />
        Schlußfolgerungen für die Organisation des Geld- und Kapitalmarkts. 111
tjeren‘, wie das mit großen, auf bekannte Adressen lautenden Abschnitten, z. B.
regionalen Privatdiskonten, geschieht, um sich ihrerseits Geld zu beschaffen ?).
Aus diesem Dilemma hilft. die Form des Pensionsgeschäfts, Die deutschen. Banken
nehmen im Ausland ein. gewöhnliches Dariehn auf, aber zu ähnlich günstigen Bedin-
gungen, wie sie sie bei der Hergabe von feinsten deutschen Diskonten — das sind
für das Ausland feinste Devisen auf Deutschland — genießen würden; als Ersatz
für die feinsten Diskonten lombardieren sie ein Paket feiner deutscher Inlands-
wechsel, je mit Blanko-Indossament versehen; bei Rückzahlung des Darlehns wird
das lombardierte Paket zurückgegeben, oder das Darlehn wird verlängert und die
einzelnen Wechsel jeweils kurz vor Fälligkeit durch andere ähnliche und ähnlich
große ersetzt. Dadurch ‚entsteht für den Geldgeber eine „gebündelte Sicher-
heit“, weil er in dem an sich bereits kaum denkbaren Falle einer Zahlungsunfähig-
keit der betreffenden deutschen Bank sich durch Weiterbegebung der ihm lombar-
Jierten Wechsel, die ja nicht auf die betreffende Bank sondern auf irgendwelche
deutsche Firmen lauten, bezahlt machen kann; für diesen Notfall reicht die Bonität
der Wechsel vollkommen aus, nur für den gewöhnlichen Umlauf im Ausland
sind sie wegen der mit ihnen verbundenen zu hohen Spesen nicht geeignet.
Auf die hier möglichen zahlreichen Formen juristischer und handelstechnischer
Art braucht nicht eingegangen zu werden °), denn für uns kommt es im Augen-
blick nur auf das Prinzip an. Das Prinzip besteht darin, daß mittels des Wechsel-
pensionsgeschäfts die deutschen Banken ihren Wechselbestand nicht nur bei der
Reichsbank, sondern rundherum im ganzen Ausland und außerdem zu ganz
wesentlich günstigeren Sätzen als bei der Beichsbank verwerten können, wobei
es sich. regelmäßig um „größte“ Summen handelt. Deutsche Firmen kaufen in
Deutschland die dem Reparationsagenten. gezehnteten Güter, also Waren und
Dienstleistungen, zu gewerblichen Zwecken; ihre Lieferanten ziehen Wechsel auf
sie und diskontieren dieselben bei unseren Banken, welche sich im Wege des
Pensionsgeschäfts, durch Lombardierung dieser Wechsel im Ausland das nötige
Betriebskapital zur Diskontierung solcher Wechsel beschaffen, Den ausländischen
Geldgebern ist inzwischen über den Reparationsagenten durch die deutschen
Reparationszahlungen das Eigentumsrecht an diesen Gütern überstellt worden,
das ihnen nunmehr durch die Lombardierung der Wechselpakete gewissermaßen
verbrieft wird. Das Wechselpensionsgeschäft bedeutet materiell eine Auslöschung
der Staatsgrenzen; es müßte erfunden. werden, wenn es noch nicht bestände, so
gut paßt es zu unserer „schwebenden‘““ Auslandsverschuldung, zumal die Pensionen
immer wieder revolvingartig prolongiert werden können, ob bei dem ursprüng-
lichen Geldgeber oder bei einem anderen, ist unerheblich. Vor dem Kriege hatten
die deutschen Banken riesige Pensionen im Ausland, namentlich auch in Frank-
reich. Entweder werden die Pensionen auf Mark-Basis oder in der Valuta des
Geldgebers abgeschlossen. Die Schwankungen des Wechselkurses stören nicht,
weil die deutschen kreditnehmenden Banken Jahre lang mit demselben großen
Betrag, z. B. 600 000 schweizer Franken in der Schweiz — beim selben. Kreditor
ist nicht nötig — in der Schuld bleiben können, nur jeweils je nach Schwankung des
Frankenkurses ein größeres oder ein kleineres Paket deutscher Markwechsel, das
sie aber im Prinzip in natura, also ollne Kursverlust zurückerhalten, lombardieren
müssen und im übrigen in der Lage sind,. aus diesem Franken-Engagement zu
demselben Kurs wieder auszusteigen, zu dem sie eingestiegen waren,
1) Als Illustration dieses Verkehrs siehe die Kurskarten bei Mahlberg, Die Nachrich-
tengrundlagen des Devisenmarkts, a. a, 0.
2) Näheres siehe bei Suntych. a. a, 0.
        <pb n="124" />
        112 Schlußfolgerungen für die Organisation des Geld- und Kapitalmarkts,

Das ist das Prinzip, das einer Reihe von Abwandlungen fähig ist. Zur Zeit
werden in größtem Umfange deutsche Inlandswechsel in New York in gewöhnlicher
Weise, also als ob es sich um reinen Inlandsverkehr handele, rediskontiert, was
bezüglich der Geldbeschaffung auf denselben Effekt wie das Pensionsgeschäft her-
auskommt. Da man aber dabei das Prinzip der „gebündelten Sicherheit“ nicht
anwendet, so wird diese Geldbeschaffung wesentlich teuerer sein als die im Wege
der Pensionierung derselben Wechsel, Hier wäre also der Hebel anzusetzen, Für
die nicht gebündelte Form wird sprechen, daß — als Folge unserer starken kurz-
fristigen Verschuldung — relativ mehr „große“ Wechselabschnitte zur Verfügung
stehen und daß, wenigstens für New York, die Reisedauer den Umtausch von
Wechselpaketen stört, Schweizer Banken nehmen deutsche Wechsel zur Rediskon-
tierung herein und geben sie bei Fälligkeit an die Reichsbankstelle Lörrach an der
deutschen Grenze, wo sie Girokonto unterhalten. Den Markerlös auf Girokonto
verwenden sie dann immer wieder von neuem zur Hereinnahme deutscher Wechsel,
wodurch sie von Kursschwankungen frei sind, da sie dauernd dasselbe Quantum
Geld in Deutschland haben und nur bei endgültiger Auflösung dieses Arbeitsfeldes
auf einen entsprechenden Kurs Rücksicht nehmen müssen oder — keine Rücksicht
nehmend — eine etwaige Kurseinbuße, die außerdem nur minimal sein kann,
auf den Verdienst der ganzen Jahre sich verteilt denken.

Das Wechselpensionsgeschäft ist die internationale Parallele zu dem inländi-
schen Vorgang des Bankkredits etwa an Fabrikanten, die als Sicherheit ihre Kun-
lenwechsel einreichen, Der einzige Unterschied besteht, da die Kursschwankungen
praktisch zu eliminieren sind, nur darin, daß die weitere Manipulation der Wechsel,
die über die Kreditgewährung hinausgeht, also das Inkasso, nicht wie im imlän-
lischen Verkehr als weiteres lukratives Geschäft von der kreditgebenden. Bank
gleich mitbesorgt wird, sondern als Teilfunktion bei der deutschen Bank ver-
bleibt, welche materiell nur Kreditagent ist. Damit präsentiert sich das Wechsel-
pensionsgeschäft, wenn. wir nun einmal durch die Reparationszahlungen der ganzen
Welt als Bankier bedürfen, als die der finanziellen Situation angemessene Form
des Bankkredits der deutschen Wirtschaft im Ausland. Wohl gemerkt bedeutet dieses
Geschäft eine Zwischenhand mehr zwischen dem Geld suchenden Fabrikanten und
der per Saldo finanzierenden Auslandsbänk, Daß letztere wie jede Bank auch nur
Kreditweiterleitung betreibt, kann hier außer Betracht bleiben. Zwangswirtschaft
erzeugt, wie uns die Kriegs- und Inflationszeit gelehrt hat, verteuernde Zwischen-
hände. Es ist klar, daß die Zwischenbhände auf die Dauer nur erträglich sind,
wenn sie zu allerniedrigsten Kosten ihren Zwischendienst leisten, Wenn vor dem
Kriege die Banken ihre Kundenwechsel nicht untereinander rediskontierten, so
unterließen sie dies nicht nur mit Rücksicht auf ihr Prestige, sondern mindestens
ebenso stark aus dem Grunde, weil ihnen. dann kein Zwischengewinn mehr mög-
lich war. Anders die Form der Wechselpension, welche Geld annähernd zum Privat-
satz hereinschaffte. Zweifellos wird man auf diese billigste Zwischenband-Möglich-
keit wieder zurückgreifen müssen, trotzdem die deutsche Bankwirtschaft durch
ihre Monopolstellung die „Addition ihrer Selbstkosten‘“ plus nach ihrer Meinung
notwendiger Zwischenmarge als „Marktpreis‘“ diktieren könnte, denn sonst werden
ihnen die Banken der umliegenden Länder große und grade die besten Teile des
Wechselgeschäfts wegnehmen, sei es, daß sie Grenzpositionen wie die Schweizer

Banken bei der Reichsbank in Lörrach, sei es, daß sie Filialen überall in Deutsch-
land errichten, Die ausländischen Banken können mindestens um den Zwischen-
Iohn unserer Institute billiger sein, sie sind in der Devisenbeschaffung und im
Auslandsinkasso leistungsfähig und vor allem in der Lage, Neu-Emissionen ihrer
        <pb n="125" />
        Schlußfolgerungen für die Organisation des Geld- und Kapitalmarkts. 113
Kundschaft billigstens durchzuführen, Solche „Überfremdung‘“ könnte leicht das
Konditionenkartell unserer Bankwirtschaft in die Luft sprengen. Das Dawes-Normal-
jahr ist auf dem Marsche, ohne daß die Welt eingestürzt wäre, die Lebensdauer
des Devisenaberglaubens und der Angst vor Valuta-Krediten und vor der deutschen
Kapitalarmut zählt nur noch nach Monaten, und dann wird es mit der Maschini-
sierung der Bankbetriebe allein nicht mehr getan sein.

Vom Ausland aus gesehen bedeuten die deutschen Wechselpensionsgeschäfte
eine Erleichterung der bankmäßigen Kreditgewährung, eine Ausdehnung des Wir-
kungsradius für ausländisches kurzfristiges Geld nach Deutschland hinein ohne
die Notwendigkeit eigner Filialen oder ähnlicher Einrichtungen der ausländischen
Geldgeber und damit eine Erleichterung für den Kurs der Mark, Wir haben die
Geschäftsart so ausführlich behandelt, weil sie zeigt, wohin der Weg bezüglich
der kurzfristigen Gelder zu gehen hat und wie etwaige neue Methoden im Grunde
beschaffen sein müßten.

Da sich die kurzfristige Verschuldung der deutschen Wirtschaft in Zeiten
angespannten Geldstandes besonders störend bemerkbar macht, so kann man auch
die planmäßige Konzentration von Ultimogeld bei der Seehandlung zu den Er-
{eichterungsmaßnahmen rechnen. Sie versucht seit Mitte 1927 durch planmäßige
Ansammlung freier Geldmittel, die Stöße, welche der Geldmarkt durch die Ultimo-
Beanspruchung regelmäßig erleidet, abzudämpfen, indem sie für tägliches Geld
das über das Monatsende hinaus bis zum dritten Tag des nächsten Monats bei der
Bank bleibt, einen erhöhten Satz vergütet, wobei für eine automatische Anwendung
des Vorzugssatzes als Mindestsumme M. 300000 Einlage in Frage kommt.

Eine ganz andere Sparte der ausländischen Kreditierungsmöglichkeiten zeigen
folgende Überschriften von Zeitungsartikeln (aus der Industrie und Handelszeitung):
Deutschland und die Germanic Trust Co.; City-Betrachtungen zum Kapitel „Ex-
portbank‘; Die ausländischen Kreditquellen der mittleren Industrie (Versuch durch
„Sammelanleihe‘“ diesen Kreisen Auslandsgeld zuzuführen); Zum Abschluß des
Britisch &amp; German Trust; Amerika-Kapital für die mittlere Industrie; usw.

[n ein anderes Kapitel gehört die Gründung der Kreditanstalt für Industrie
% Verkehrsmittel A. G., Dresden, mit dem Zweck der Finanzierung von in-
dustriellen Maschinen- und sonstigen Anlagen. Hierher rechnet das deutsch-eng-
lische Finanzierungsabkommen zum Import englischer Textilmaschinen auf Ab-
zahlung. Statt des Eigentumsvorbehalts des Abzahlungsgeschäfts ist „das Prin-
zip des Realkredits im engeren Sinne ausgedehnt worden von dem Grundbesitz
auf die Mobilien!), indem eine Kreditsicherungs-A.-G, als Treuhänder zwischen
Geldgeber und Geldnehmer tritt und die Verwendung der kreditierten Mittel fach-
gemäß überwacht. .

Das Problem für den ausländischen Kreditgeber besteht zum Teil darin, daß
er einen geringeren Überblick über die Verhältnisse des Schuldners hat, als nor
malerweise der inländische, an Ort und Stelle sitzende Bankier. Das führt ange-
sichts der Riesensummen ausländischer Kredite, mit denen wir in der näheren
Doku zu arbeiten haben, zur Ausgestaltung von 4 Hilfsgewerben der Wirtschaft.

s wird
a) das Revisions- und Treuhandwesen stärkere Bedeutung erlangen,
um bei Gewährung größerer Kredite dem Geldgeber ein zuverlässiges Bild des
Schuldners zu verschaffen. Für die. Berufsverbände der Treuhand- und Revisions-
1) Hans Heymann, Langfristige Kredite, Kreditsicherung und Kreditversicherung,
Sonderdruck aus dem Berliner Tageblatt Nr. 248/1925,
Mahlberg, Reparations-Sabotage,
        <pb n="126" />
        114 Schlußfolgerungen für die Organisation des Geld- und Kapitalmarkts.
betriebe folgt daraus die Aufgabe, durch strengste Mitglieder-Ballotage ihr An-
sehen international so zu stabilisieren, wie ihre Berufsgenossen in den angel-
sächsischen Ländern gestellt sindl), wenn sie nicht unerwünschte Einwande-
rung erleben wollen, Geeignete Kräfte für das Gewerbe liefern heute die Han-
jelshochschulen und zum Teil die Universitäten in ausreichender Zahl,

b) Ganz ähnliches gilt von dem deutschen Kredit-Auskunftswesen,
für das wichtige Reformen durch sinngemäße Adaptierung amerikanischer Vor-
bilder auf die zum Teil anders liegenden deutschen Verhältnisse möglich sind,
wie ich soeben an anderer Stelle gezeigt habe?). Auch hier ist wahrscheinlich
Gefahr im Verzuge, denn die ausländischen Kreditgeber mit dem großen Geldbeutel
bringen sehr leicht mit ihren eignen Treuhandbüros auch eine eigne Auskunfts-
organisation nach amerikanischer Art mit ins Land.

c) Eine weitere Erleichterung des Kreditverkehrs würde eine Ausdehnung der
Kreditversicherung in breitem Umfange auf den ganzen deutschen Waren-
umsatz herbeiführen. Hier ist zweifellos — auch ganz abgesehen von der Repara,-
tionsfrage — noch viel Arbeit zu leisten, aber nur im Zusammenhang mit einem
Ausbau des Auskunftswesens 3).

d) Endlich ist‘ auf das Problem der Sachlebens- oder Werker-
haltungsversicherung hinzuweisen, um das sich Hans Heymann“) lite-
rarische und praktische Verdienste erworben hat. Statt daß der Unternehmer auf
seine Anlagen Abschreibungen macht, zahlt er an die Sachlebensversicherungs-
gesellschaft entsprechende Prämien, welche dafür die Kosten von Reparaturen,
von unvorhergesehenem Zubruchgehen und der Erneuerung der Anlage deckt. Da
sich bekanntlich Anlageobjekte laufend durch die Abschreibungen in flüssige
Form umwandeln und damit dem Zugriff der Kreditgeber, welche gegen diese
Objekte — eventl. sogar unter Eigentumsvorbehalt — Kredit gewährt haben, ent-
zogen werden, so liegt hier ein wichtiges Betätigungsfeld der Sachlebensversiche-
rung dann vor, wenn der Kreditgeber Ausländer ist, der so durch Versicherung
sich schützen kann,

Mit den vorstehenden Erörterungen sind wir in das Gebiet der Förderung
langfristiger Auslandskreditierung gelangt. Wenn wir uns nunmehr den bereits
eingetretenen und darüber hinaus denkbaren Reformen auf dem Kapital-
markt zuwenden, so kommen wir dadurch zugleich

zu Störungsursache 3: deren eigentlichen Kernpunkt wir oben von der
Seite der inländischen Kreditnehmer aus ansahen und der darin besteht, daß diese
zu dem derzeitigen hohen Zins sich nicht auf lange Jahre binden können. Dazu
kommt, von der Seite der ausländischen Kreditgeber gesehen, daß man im Aus-
land noch nicht genügend Vertrauen in die deutschen Verhältnisse hat oder nicht
:) Sillen, Internationaler Überblick über das Treuhand- und Revisionswesen, Girund-
iß der Betriebswirtschaftslehre, Bd. II Treuhand- und Revisionswesen, G. A, Gloeckner,
Leipzig 1927, Seite 5: „Es ist keine Übertreibung, wenn man behauptet, daß heutzutage
‚Chartered Accountant‘ der in der ganzen Welt am meisten angesehene "Titel von Treo-
händern und Bücherrevisoren ist,‘ .

2) Mahlberg, Das Auskunftswesen und seine Probleme, Grundriß der Betriebswirt-
schaftslehre, Band XIII Nachrichtendienst, Schriftverkehr und Reklame, G. A. Gloeckner,
Leipzig 1928, ,

3) Siehe hierzu meine Vorschläge, Mahlberg, Das Auskunftswesen und seine
Probleme, a. a, 0. .

4) Heymann, Die Erneuerung des industriellen Anlagekapitals auf dem Wege der
Abschreibungen und der Werkerhaltungsversicherung, Zeitschr. f. die gesamte Versiche-
rungswissenschaft, Band XXVII, Heft 3; — Heymann, Ehrenberger, Blau, Sach-
lebensversicherung, Assekuranzjahrbuch Wien 1926,
        <pb n="127" />
        Schlußfolgerungen für die Organisation des Geld- und Kapitalmarkts. 115
zu haben vorgibt, um sich langfristig in deutscher Anlage zu engagieren, es sei
denn — und hier zeigt sich diese Vertrauensfrage als eine relative Angelegem-
äeit —, daß exotische Zinsen gezahlt und dazu noch ungewöhnliche Sicherheiten
gegeben werden. Man muß deshalb versuchen, 1. die Kreditgeber anzulocken und
2. die Kredite zu verbilligen. Was nachstehend an bereits vorgenommenen Ver-
suchen aufzuzählen ist, wirkt in den meisten Fällen nach beiden Richtungen, weil
Zinshöhe und Kreditsicherheit in Relation stehen. Im übrigen ist es Zweck unserer
Ausführungen, zu systematischen Versuchen anzuregen, neue Methoden zu er-
denken,

Ehe wir die bisherigen Neuerscheinungen behandeln, darf auf zwei Einzel.
heiten vorweg eingegangen werden, Erstens sei auf die Zusammenstellung des
Schriftleiters der „Wirtschaftsberichte der Auskunftei Schimmelpfeng‘“ über
die bisherigen deutschen Auslandsanleihen!) hingewiesen, deren Inhalt den un-
geheueren Umfang der bereits eingetretenen weltkapitalistischen Verflechtung oder
Verschuldung Deutschlands zeigt und im übrigen eine außerordentlich interessante
und reichhaltige, für den praktischen Gebrauch mit allen nötigen Angaben ausge-
stattete Emissionsgeschichte darstellt. — Zweitens sei — wie mir scheint, an
dieser Stelle passend — auf die Bemerkung von Bonn®) eingegangen, daß für
unsere kapitalistische Verflechtung ins Ausland die Auslandsemission von Aktien
wünschenswerter sei als diejenige von Obligationen, weil Dividenden nur bezahlt
zu werden brauchten, soweit ein Gewinn erzielt wurde, während Obligationszinsen
„in Ländern, in denen man nicht der Auffassung huldigt, Obligationäre seien Kapi-
talisten minderen Rechts, eine sehr viel festere Belastung darstellen‘, Seine Aus-
führungen sind getragen von der volkswirtschaftlichen Sorge um Fehlverwendung
der Auslandskapitalien. Mir scheint seine Auffassung zweifelhaft, denn sie geht
von der Ausnahme statt von der Norm aus; die Norm für die Aktie ergibt sich
aus dem Durchschnitt. Auf den Durchschnitt der Jahre gerechnet wird stets als
Norm für jedes Jahr eine Dividende gezahlt, sodaß sich fette mit mageren Jahren
abwechseln, und außerdem ist diese Durchschnittsdividende höher als der nor-
male Obligationszins, Das wird natürlich Bonn selbst wissen, ihm ist es mehr
um die mit der Frage zusammenhängende Überfremdungsgefahr zu tun: Unter-
nehmungen mit größerem Kapital in Obligations-, also in „Schuld‘“-Form könn-
ten bei nicht verdienten Schuldzinsen wegen rückständiger Zinsschuld leicht in
Konkurs geraten, und bei der dann notwendig werdenden Reorganisation durch
die ausländischen Gläubiger käme es wahrscheinlich dazu, daß die einheimischen
Aktionäre ihr Geld verlieren und die Reorganisatoren sich Sicherheiten und Ein-
fluß verschaffen, „Die Überfremdungsgefahr, die man verhindern wollte, wird
dadurch geradezu heraufbeschworen,‘“ Auch das scheint mir zweifelhaft und
nicht völlig kausal. Bei einer angemessenen Mischung von Aktienkapital und Ob-
ligationen bei der Finanzierung der Unternehmungen können in schlechten Jah-
ren Unterbilanzen wegen der Zinszahlungen oder richtiger in Höhe der Zinszah-
lungen eintreten, so stark bzw. so lange Zeit, daß das eigne Kapital ganz oder
zum Teil davon aufgezehrt wird, Die obigen „Reorganisatoren‘“ würden dann
selbstredend zu Recht ihr Eigentum durch geeignete Maßnahmen zu retten suchen,
Aber die causa dieser Folge ist doch nicht die juristische Form der Rentengenuß-
Kontrahierung für die Geldgeber, sondern schlechte Gesundheit des betreffenden
Betriebs, Wenn die Gesundheit gerade nur so schlecht ist, daß während längerer
Jahre zwar alle anderen Betriebskosten gedeckt werden und nur die Zinsen nicht
a 1) Pfitzner, Deutschlands Auslandsanleihen, Carl Heymann, Berlin, 1928.
?) Bonn, Beleihungs- oder Befreiungspolitik? a, a. O0. Seite 63.
        <pb n="128" />
        116 Schlußfolgerungen für die Organisation des Geld- und Kapitalmarkts.
herausspringen, so ist das ein Zufall. Wegen dieser Zufallsmöglichkeit, die dann
Überfremdung im Gefolge haben kann, die Aktienform zu wählen, welche von
vornherein Überfremdung bedeutet, erscheint nicht richtig, zumal außerdem Re-
organisation auch durch inländische Kapitalhilfe denkbar ist,

Das Anlocken ausländischer Geldgeber besteht darin, ihnen ihre
unbewußte oder bewußte Scheu vor deutscher Anlage zu nehmen, sei es Scheu
bei den Kapitalvermittlern, also den ausländischen Banken, sei es bei den hinter
diesen stehenden amerikanischen, englischen, französischen, belgischen usw. Groß:
oder Mittelkapitalisten. Zweifellos dient das Vorhandensein der Reichsberatungs:
stelle für Auslandskredite der Beseitigung solcher Scheu nicht; wären russische
Zwangswirtschaftsstellen die Geldgeber, so möchte die behördliche Manipulierung
der deutschen Kapitalnachfrage vielleicht anlockend wirken, während für ameri-
kanische oder andere Geldgeber die Beratungsstelle und etwa daraus folgende
Schwierigkeiten einen wenig angenehmen Beigeschmack haben. Zeitungsberichte,
wie der folgende, dürften das genügend dartun: „Wenngleich es nicht zuzutreffen
scheint, daß es sich hier um eine mit Mitschuld der Stadt betriebene Camouflage
einer Auslands- als Inlandsanleihe handelt, wie sie im Fall der Städte... und ..,
voriges Jahr vorgenommen wurde.‘“ Für jemand, der sein sauer verdientes Geld
möglichst sicher anlegen will, sind das schreckhafte Worte und Folgen eines
ihn an sich bereits beunruhigenden Systems, Siehe auch den Vorgang, daß eine
kölnische Inlandsleihe über Nacht in Holland auftaucht. Anderseits ist nicht
zu leugnen, daß die Geschäftsfähigkeit von Kommunen, Kommunal- und Spar-
kassenverbänden und auch der kleineren Länder, selbst unter Heranziehung von
irgendwelchen Inlandsbanken, vielfach nicht ausreichen wird, um als gleich-
wertige Verhandlungspartner den smarten Gegenkontrahenten des internationalen
Finanzgeschäfts gegenüber zu treten. Vor dem Kriege verfügte nur ein kleiner,
spezialistischer Kreis von Banken und nicht einmal alle großen Inlandsbanken
über diese Geschäftsfähigkeit und vor allem über die dazu erforderlichen Bezie-
hungen, die durch den Krieg nicht vermehrt sondern vermindert wurden; was den
Kommunen und ihren lokalen bankfachlichen Helfern an Beziehungen und Finger-
spitzengefühl fehlt, kann nicht durch eine zwangswirtschaftliche Zentralstelle,
die doch. immer auf das Muster einer kriegswirtschaftlichen „Reichsfettstelle‘‘
hinauslaufen wird, ersetzt werden. Wenn die Reichsberatungsstelle die
Aufgabe hätte, nur Anleihen zu genehmigen, welche nicht
höher als 5% Nettozins hätten oder welche mit variablem Zins,
proportional zum Reichsbankdiskont, also für den Augenblick
mit sehr hohem Nettozins ausgestattet wären, so könnte man
sich mit ihr befreunden, Im Augenblick (Mai 1928) werden in der Schweiz
Bundesbahn-Obligationen von 1918/19 von 51% auf 41/„% bei einer Kursbasis von
991 0% herunterkonvertiert. Zur selben Zeit. verbreitet das .Wolffbüro die
Genehmigung der Beratungsstelle für die Aufnahme des ersten Teilbetrags der
Auslandsanleihe des deutschen Sparkassen- und Giroverbandes von 17,5 Millionen
Dollar = 73,5 Millionen Mark, Der Verband habe die Anleihe mit den in Berlin
anwesenden (!) Vertretern des Bankhauses Harris &amp; Forbes &amp; Co. abgeschlossen,
sie werde bereits 5 Tage später in New York zur Zeichnung aufgelegt. Bedin-
gungen: 8% Nominal-Zins, Tilgung als Annuität mit 2,96% Ausgangsquote bis
1947, Kündigungsmöglichkeit des Schuldners nach 5 Jahren, Rückzahlung zu Pari,
Emissionskurs 91,5%, also Nettozinslast bei 5jähriger Dauer 9,7% oder fast
10%! Welchen Sinn hat eine Beratungsstelle, wenn sie solche ungeheuerlichen
Bedingungen zuläßt?
        <pb n="129" />
        Schlußfolgerungen für die Organisation des Geld- und Kapitalmarkts, 117
Wirkungsvoller als die Tätigkeit der Beratungsstelle dürften Propaganda-
Mitteilungen von. neutraler oder interessierter Seite nach Art der folgenden sein:
„New York, 10. Dez. (United Preß.) Über die Auswirkungen der Entschädigungs-
zahlungen auf deutsche Anleihen und die deutsche Währung hat heute die An-
waltsfirma Hornblove Miller u. Garrison von Neuyork und Paris auf Ersuchen
ihrer Kunden ein Rechtsgutachten herausgegeben, in dem es heißt:

Der ganze Dawessche Plan ist in bezug der Eintreibung von Entschädigungen
und deren Transfer so aufgebaut, daß er eine Gefährdung der Festigkeit der Wäh-
rung verhindert, Er schafft in keiner Weise ein Hindernis und legt keine Be-
schränkung auf das Anschaffen von Auslandsanleihen oder Handelskrediten der
öffentlichen oder privaten Unternehmungen in Deutschland auf. Der Plan ist
keine Beschränkung oder Kontrolle der Anschaffung von ausländischer Währung,
welche von irgendeinem öffentlichen oder privaten Unternehmen benötigt wird,
Er erkennt an, daß es wünschenswert und sogar notwendig sei, für Deutschland
und seine Industrie ausländische Kredite zu beschaffen, Und erkennt auch an, daß
der Transfer von Entschädigungszahlungen so im Rahmen andrer laufender Wäh-
rungsverpflichtungen behandelt werden muß, daß die Festigkeit der Währung nicht
gestört wird 1).“

Um die „scheuen‘ Kreditgeber anzulocken, kann man ihnen Kreditformen
offerieren, an die sie gewöhnt sind, Hierüber gehören die für uns neuen Abarten
von Obligationen %, nämlich die Wandelanleihe (convertible bonds) und die
Optionsanleihe (Anleihe mit Bezugsrecht — detachable bonds), deren etwas irratio-
naler Charakter zwar unserem Bedarf an Logik in der Effektenbewertung nicht
völlig entspricht, die aber drüben beliebt werden ®). Dann läßt sich die „Scheu“
überwinden, indem die Geldgeber ihr Geld nicht unmittelbar den Schuldnern,
sondern ihnen bekannten Zwischenhänden anvertrauen, Hierher gehören offenbar
Erscheinungen wie die German &amp; British Trust Co, und auf unserer eignen
Seite die neue Kreditform, welche die Deutsche Bank mit der Aufnahme des
bekannten 25 Mill. Dollar-Darlehns gewählt hat und auf die wir unter dem Gesichts:
punkt der Kreditverbilligung nochmals zurückkommen. Auch der neue Typ der
kommunalen „Schatzanweisungen‘“ ist geeignet, „Anlagescheu‘“ zu überwinden,
da die — bisher nur von den Staaten benutzten — Schatzanweisungen dem Kredit:
geber formell als die weniger bedenkliche Form kurzfristigen Kredits erscheinen,
während es materiell langfristige Anlage ist. Die Kölnische Zeitung berichtete
anter dem 5. Mai, daß der Reiz des Neuen dieser Anweisungen bereits etwas ver-
blaßt und der Typ an sich nicht besonders erfreulich sei, „da er leicht ein falsches
Bild von den am Markt geltenden Bedingungen erwecken und Auslandsanleihe
effektiv verteuern‘““ könne, Näheres führt die Zeitung nicht aus, Die Schatzanwei-
sungen wurden bisher mit hohem Rückzahlungsagio ausgestattet, z. B. Emissions-
kurs 94,5%, Rückzahlung nach 3—5 Jahren mit 108 oder 110%. Um diesen hohen
Agio-Gewinn kann der Nominalzins niedriger sein, was äußerlich gut aussieht und
mit dem neckischen Sondervorteil der Kapitalsteuerfreiheit des Agiogewinns bisher
verbunden erschien; „an zuständiger Stelle denkt man an eine genaue Prüfung der
Frage, ob die Kapitalsteuerfreiheit des Agiogewinns tatsächlich mit den bestehenden
Gesetzesbestimmungen im Einklang steht.‘
1) Kölnische Zeitung, 12. 12. 27,

?) Näheres bei Prion, Finanzierungsfiragen der Gegenwart, Verbandstagsvorträge des
Verbandes deutscher Bücherrevisoren, Heft 18, G. A. Gloeckner, Leipzig 1927.

8) Über ausländische Finanzierungsmethoden siehe Kalveram, Finanzierung durch
Effekten in Nordamerika und England, Zeitschrift f. Betriebswirtschaft, Spaeth &amp; Linde,
Berlin, 1. Jahrg. Heft 5, 2. Jahrg. Heft 3 und 6.
        <pb n="130" />
        118 Schlußfolgerungen für die Organisation des Geld- und Kapitalmarkts. ;

Man sieht, solche Mentalität ist der Heranlockung ausländischer Kreditgeber,
die ihr „sauer verdientes Geld‘ bei uns riskieren sollen, kaum förderlich, während
nach allem bisher Dargelegten kaum noch ausgesprochen zu werden braucht,
daß es nationale Pflicht des Reichsfinanzministers sein muß, durch Steuerbefrei-
ungen jeder Art und wo irgend möglich ist, ausländische Kapitalinvestierung bei
uns zu fördern, 1. weil der Anreiz der „Steuerersparnis“ psychologisch über deren
eigentlichen Wert hinaus als Anlockmittel wirkt1), und weil 2, und vor allem um
den Betrag von Steuerersparnissen der Zins für ausländische Geldgeber verbilligt
werden kann; ist das aber der Fall, dann kann unser ganzes inländisches Zins-
niveau sich um diese Spanne senken! Die Bedeutung solcher Maßnahme kann nur
unterschätzt werden. Die „entgangenen Steuereinnahmen‘“ sind eine „produktive
Ausgabe erster Ordnung‘, welche hundertfältige Frucht zu tragen geeignet er-
scheint. Ein gesenktes Zinsniveau bedeutet starke Belebung der Wirtschaft, zu-
nächst der zinskostenintensiven Branchen, die zur Zeit wegen zu hoher
Zinslast brach liegen müssen; die entgangene Steuereinnahme würde dann aus
anderen Quellen vielfältig fließen. Hier liegt fürwahr eine Aufgabe, des Schweißes
der Edlen im Finanzministerium und vor allem in den Parteien wert!

Damit stehen wir zugleich in der Besprechung der Mittel, um das ausläm-
dische Kapital zu verbilligen. Das wichtigste Mittel ist, wie sich aus
vorstehendem ergibt, Begünstigung ausländischen Kapitals in steuerlicher Hinsicht,
indem bei nachweislich ausländischer Herkunft des Geldes Steuern und Stempel-
kosten nachzulassen wären, welcher Art sie immer sein mögen und ohne Rück-
sicht darauf, ob es Emissionen im Ausland, direkte Kapitaleinlagen des Auslandes
im Inland oder Wertpapierkäufe für ausländische Rechnung in Deutschland sind.
Wie es damit zur Zeit steht, zeigen die Worte von Lansburgh?) von der Ver-
hängung eines „Embargo“ auf langfristiges Auslandskapital
durch grundsätzliche Verweigerung des Nachlasses der Kapitalrentensteuer oder
die Ausführungen von Walb?3): „Auch das Geldnehmerland kann sich gegen den
Zustrom wehren, In Deutschland hat man die Kapitalertragssteuer geradezu als
Kapitalschutzzoll bezeichnet,‘

Über technische Einzelheiten der Durchführung und der Erstreckung von
Steuerbefreiungen braucht hier nicht gesprochen zu werden, Wo ein Wille ist,
da ist ein Weg zur Aufhebung des schildbürgerlichen Schutzzolls auf den wich-
ligsten Bedarfsartikel des Wirtschafts- und Staatslebens, Vielleicht muß auf das
alte Affidavit-Verfahren *) zurückgegriffen werden. Allzu große Ängstlichkeit ist

') „Zu den Erfolgen der deutschen Emissionen in Holland, in 1928 über 40 Mill.
Gulden, hat zweifellos der Umstand beigetragen, daß die Anleihen steuerfrei waren; für den
holländischen Kapitalisten ist eine z. B. 7,2% steuerfreie Anleihe etwas anderes als eine
80% mit 10%9/, Kapitalertragssteuer.‘““ Der Deutsche Volkswirt, 9. 3. 28.

2) Lansburgh, Die Notenbanken und die Wirtschaft, a. a. O. Seite 600; Embargo
bedeutet wörtlich „Beschlag auf Schiffe und Ladung bei Kriegsausbruch legen‘ und wird
hier von Lansburgh ganz sinnrichtig angewandt, denn das Auslandskapital bildet sich
in Deutschland durch die Repartationszahlungen, und es wird durch die Steuer auf einen
Teil Beschlag gelegt; die selbstverständliche Abwälzung der Steuer auf die
deutschen Kapitalnutznießer bewirkt leider eine die ganze Wirt-
schaft störende Erhöhung des Zinsniveaus, so daß wir uns volkswirtschaft-
lich ins eigne Fleisch schneiden und — was sozialpolitisch ja wohl kaum gewollt war —
auch die inländischen Kapitalbesitzer, gedeckt durch die überragende Markt-
oder Stoßkraft der ausländischen Geldgeber, die Steuer abwälzen, also praktisch
nicht besteuert werden.

3) Walb, Die Struktur der internationalen Kapitalbeziehungen und ihre Veränderungen
seit dem Weltkriege, a. a. O. Seite 450, ;

4) Näheres „Steuerbefreiung der Auslandsemissionen ?“ Industrie- u. Handelszeitung 5. 2. 28
        <pb n="131" />
        Schlußfolgerungen für die Organisation des Geld- und Kapitalmarkts, 119
nicht am Platze, denn es handelt sich um eine Wirtschaftsmaßnahme der „Kriegs-
fortsetzung mit anderen Mitteln‘; man war bisher bei mehr konkreten Verbilli-
gungsaktionen doch auch nicht gerade ängstlich. Bei letzteren handelt es sich,
volkswirtschaftlich gesprochen, darum, daß der Konsument wegen direkter oder indi-
rekter Zuschüsse aus öffentlichen Mitteln die vollen Selbstkosten irgendwelchen
Konsums nicht aus eigner Kaufkraft herzugeben braucht, sodaß die Lieferbranchen
dieses Konsums künstlich gestärkt werden und ein Zwangseingriff in die Wirtschaft
und ihre Assortierung vorliegt; in unserem Steuerbefreiungsfalle dagegen wird nicht
eine einzelne sondern alle Branchen durch das billigere Kapital begünstigt; das
nachgelassene. Steuersoll wird — ohne Störung der Wirtschaft — wettgemacht
Jurch automatisches stärkeres Fließen anderer Quellen,

Der tragende Grundsatz der Steuer- und Stempelkostenbefreiung für auslän-
disches Kapital muß sein, daß sämtliches in Deutschland investiertes Auslands-
kapital generell in den Genuß der Befreiung kommt und damit relativ billiger
als deutsches Kapital ist und außerdem absolut um diese Kostenspanne verbilligt
wird. Eine spezielle, nur partielle Steuerbefreiung, etwa Kapitalertragssteuer-Be-
freiung der Pfandbriefe für den Wohnungsbau, worüber innerhalb der Zentrums-
partei Erwägungen angestellt worden sein sollen (siehe den soeben genannten
Artikel der Industrie- und Handelszeitung) erreichen das Ziel einer allgemeinen
Beeinflussung des Kapitalmarktes nicht. Ein zweiter Grundsatz einer solchen
„Staatskosten-Befreiungsaktion‘“ für das ausländische Kapital bestände darin, den
Nachlaß nur zu gewähren, wenn als Netto-Zins höchstens, sagen wir, 5% verein-
bart sind oder wenn variabler Zins, der im Augenblick und vorübergehend höher
sein könnte, stipuliert ist oder wenn Investierung in Aktienform mit gewöhnlicher
Dividende und ohne störende Vorrechte der ausländischen Hand gewählt wurde
usw. Hier liegt mithin zugleich ein weiteres Mittel, um die Zinspreisbildung zu beein-
Aussen. Eine Marktbeeinflussung durch bewußte Politik ist hier grundsätzlich
lenkbar, weil ja zur Zeit Reibungsverluste und preistreibende Momente bestehen,
welche sich wirtschaftlich nicht rechtfertigen; es soll also nicht ein gewöhnlicher
zwangswirtschaftlicher Eingriff versucht werden.

Das wichtige Kapitel über die Beförderung der Kapitalbildung für inländische
Rechnung durch Beseitigung der zahllosen sichtbaren und unsichtbaren eisernen
Reifen, die man kreuz und quer und stark angespannt um den: Leib der Milch geben-
den deutschen Wirtschafts-Kuh gelegt hat, steht hier nicht zur Debatte.

Viel gewonnen im Sinne einer späteren und baldmöglichst eintretenden Zins-
verbilligung wird schon dadurch, daß in größter Anzahl Geschäfte mit variablem
Zins gemacht werden, denn zinskostenintensive Branchen, z. B. die Baubranche,
vermögen dann mit einer wesentlich niedrigen Durchschnittsbelastung zu kalku-
lieren und so Pläne auf lange Sicht trotz derzeit ungünstigen Zinsstandes bei
ansonsten günstiger Marktlage ihrer Branche in Angriff zu nehmen, Dabei steht
zu hoffen, daß wir zwar nur Schritt für Schritt, aber sicher das Zinsniveau von
der Höhe einer exotischen Nation wieder auf dasjenige eines zentral-europäischern
Großstaates zurückdrängen werden, denn zum Schutz der Währung ist nur
vorübergehend und nur geringe zwischenstaatliche Diskontdifferenz zu unseren
Lasten erforderlich, sobald einmal die Kapitalbildungsmaschinerie des Reparations-
agenten von aller Welt erkannt und das Märchen von dem Kapitalimport nach
Deutschland zu Ende ist. — Des Drucks, den der Staat oder das Reich rein als
Aufsichtsinstanz hier auszuüben vermag, haben wir bereits gedacht, ebenso vor-
stehend des wichtigen Instruments der Steuerbefreiung. Günstig in dieser Richtung
        <pb n="132" />
        120 Schlußfolgerungen für die Organisation des Geld- und Kapitalmarkts, ;
wirkt die stärkere Benutzung der Schatzanweisungsform, nur ist es nicht sinnvoll,
daß z.B. bei dem „Experiment“ der Stadt Frankfurt, langfristigen Kapitalbedarf durch
dreijährige Zwischenanleihen zu decken, nun die Schatzanweisungen mit einer
Option für die Geldgeber zu versehen, wonach diese später Umwandlung in eine
7% ige gewöhnliche Anleihe und noch eine Umtauschprämie dazu verlangen
können, Ebenso kann das Einschieben von Zwischenhänden günstig wirken, man
denke etwa an die 25 Mill. Dollar-Anleihe der Deutschen Bank, wenn die Zwischen-
band das Geld kurzfristig und zu variablem Zins hereinnimmt und langfristig
und ebenfalls mit variablem Zins weiterleitet. Natürlich — es bedarf eines solchen
Einwandes gar nicht — riskiert man seine Haut dabei, und natürlich ist das ein
an sich simpler Gedanke, aber er entspricht der gegenwärtigen Lage; man bedarf
auch dieses Zwischendienstes, und erst durch die Risiko-Übernahme verdienen die
Zwischenhände, einen „Verdienst‘“ zu erzielen.

Im übrigen setzt hier die Aufgabe der Presse ein. An ihr ist es,
die allgemeine Zinspsychose zu bekämpfen, sich dagegen zu wenden, daß man
die nur auf Fehlorganisation beruhende Zinskalamität als eine Fügung der Vor-
sehung tatenlos hinnimmt; an ihr ist es, für variable Zinskontrahierung einzu-
treten, die Kapitalnachfrage immer von. neuem zu Dickfelligkeit, zum „Käufer-
streik‘“ aufzureizen, die Zwischenhände „gelenkig“ zu machen, Denn neben der
kulturellen Störung steht als nicht fiktive Folge sondern als effektive Wirkung
der Reparationszahlungen die Störung des Kreislaufs unserer Wirtschaft durch die
Zins-Desorganisation. derart, daß 1. der Kreislauf der Wirtschaft und seine Teile
wegen der verschiedenen Stärke der Zinskostenintensität der einzelnen Branchen
nicht harmonisch assortiert werden und damit nicht genügend fruchtbar sind, und
daß 2, die „freie Bahn dem Tüchtigen‘, der bei normalem Zins als fruchtbarer
Unternehmer wirken könnte, durch das Drahtverhau exotischer Zinsen zu unserer
aller Schaden versperrt ist, Fürwahr, eine Aufgabe des Schweißes der Edlen von
der Feder wert!

Und nun das letzte Mittel, das ich einstweilen vorzuschlagen vermag, die
Verbesserung und Erleichterung des börsenmäßigen Effekten-
handels zwischen uns und der Welt. Erstens kommt in Frage, daß
ansere Wertpapiere in allerweitestem Umfange, wie es ganz selbstverständlich dem
Wesen der Sachlage deutscher Weltverschuldung entspricht, Eingang und
gleichberechtigte Behandlung auf den Börsen der Welt finden.
Der internationale Effekten-Arbitragehandel in deutschen Werten wird und muß sich
zu ungeahnter Größe entwickeln, was bedeutet, daß an Stelle von stationären
Zwischenhänden und Einrichtungen (z. B. ausländische Bankfilialen, Trust-Co. u. ä.)
mit relativ großen, auf die Geldnehmer abzuwälzenden. Bereitschaftskosten das
„fliegende Geschwader‘“ der Arbitrageure tritt, die ihre Kosten aus Umsatz und
Kursdifferenzen decken und als Leistung nicht nur die internationale Kursausglei-
chung, das Vermeiden unnötiger Kurssprünge, produzieren, sondern ohne Zusatz-
kosten ähnlich wie stationäre Einrichtungen wirken. Noch manche Reise von
Vorstandsmitgliedern der Berliner und anderer Börsen ins Ausland wird dazu zweck-
dienlich sein. Um welche Dinge es sich dabei im einzelnen handelt, illustrieren
die nachstehenden „17 Punkte“, welche die New York Stock-Exchange „für den
glatten Zu- und Abfluß amerikanischen Kapitals in das Auslandsgeschäft und aus
demselben heraus bei gleichzeitigem größtmöglichen Schutz für das Anlage-
publikum“‘‘ geschaffen hatl):

ty Kölnische Zeitung, 24. 10. 27.
        <pb n="133" />
        Schlußfolgerungen für die Organisation des Geld- und Kapitalmarkts. 121

„1. Zur Zulassung müssen ausländische Aktien in Form von Zertifikaten gebraucht
werden, die von einem anerkannten amerikanischen Institut oder von der amerikanischen
Niederlassung eines anerkannten ausländischen Instituts gegen Hinterlegung der
Driginalaktien bei einem Auslandkorrespondenten emittiert werden.

2. Der Zulassungsantrag muß von der Gesellschaft unterschrieben und von
Emissionsbankiers, die der Zulassungsstelle genehm (satisfactory) sind, gegengezeichnet oder
er muß im Interesse solcher Emissionsbankiers gestellt und von ihnen unterschrieben werden.

3. Die Emissionsbedingungen für die Zertifikate müssen so gefaßt sein, daß
im Ausland hinterlegte Aktien auf Kabelnachricht über die Einziehung entsprechender Zerti-
Äikate freigegeben werden, und daß weitere Zertifikate in Neuyörk ausgegeben werden
können auf Kabelnachricht der ausländischen Depotstelle von der Hinterlegung weiterer
Aktien. Die Zulassungsstelle kann Einschränkungen dieser Tauschmöglichkeit für angemessene
Zeit genehmigen,

4. Bis auf weiteres sollen die Zertifikate auf Namen lauten. Die genaue Form
soll zur Zeit des Zulassungsantrags betrachtet werden. Bis auf weiteres sind obligatorische
Regeln dafür nicht aufgestellt. Natürlich müssen die Zertifikate mit den Bestimmungen des
Neuyorker Börsengesetzes übereinstimmen und ferner dürfen keine ausländischen Öriginal-
stücke hinterlegt sein, gegen die Anfechtungen („oppositions‘‘) schweben. Es muß auch die
Veröffentlichung eines Auszugs (summary) aus den Jahresberichten der Gesellschaft für die
amerikanischen Zertifikatinhaber in englischer Sprache vorgesehen sein.

5. Der Zulassungsantrag soll bezeichnen, an welchen Börsen das Papier schon
gehandelt wird und ob im Termin- oder Kassahandel.

6. Der Antrag muß eindeutig feststellen, daß keine staatlichen Verbote bestehen gegen
die Zahlung von Zinsen oder Dividenden an amerikanische Besitzer, oder gegen die
DA von Verkaufserlösen an amerikanische Besitzer, die im Ursprungsland ver-
kaufen,

7. Bei der Entscheidung zieht die Zulassungsstelle alle Tatsachen in Berücksichtigung,
die die Marktfähigkeit betreffen, besonders die Gesamtzahl der ausgegebenen Aktien,
die zunächst für den amerikanischen Markt bestimmte Zahl und die Möglichkeit
‚facility), im Ursprungsland und international Geschäft zu machen. Der Antrag soll alle
zur Beurteilung dieser Fragen notwendigen Angaben enthalten.

8. Auslandsaktien sollen erst zugelassen werden, wenn die Gesellschaft oder ihre
Rechtsvorgängerin mindestens zwei Jahre im Betrieb sind. Der Zulassungs-
antrag soll mindestens zwei Jahresbilanzen und Erfolgsrechnungen für mindestens
zwei volle Jahre enthalten.

9. Aktien kleiner Gesellschaften sollen nicht zugelassen werden. Bei der
Beurteilung der Größe sollen Nominalkapital. Börsenwert und Ertrag gegeneinander abge-
wogen werden,

10. Nicht zugelassen werden Aktien einer ausländischen Gesellschaft, die mit irgend-
welchen Verpflichtungen im Rückstand ist, abgesehen von Rückständen, die
durch Geldentwertung ohne Verschulden der Gesellschaft eingetreten sind. Eine entsprechende
Feststellung soll im Zulassungsantrag erscheinen.

11. Bis auf weiteres wird die Zulassungsstelle nicht genehmigen die Zulassung von
Werten, deren Nominalbetrag in einer. nicht auf Gold aufgebauten Währung
ausgedrückt ist oder deren Ertrag in einer solchen Währung zahlbar ist.

12, Der Zulassungsantrag soll ausdrücklich feststellen, daß Vorsorge getroffen ist für
eine dauernde Zahlstelle (maintenance of a Fiscal Agent) in Neuyork City, bei der
alle Dividenden auf amerikanische Zertifikate nach dem jeweiligen Devisenkurs zahlbar sind.
Die Dividenden sollen prompt überwiesen und den‘ Zertifikatinhabern im Scheck aus-
bezahlt werden ohne Abzug, außer angemessener Provision und tatsächlich notwendigen
Auslagen. Auf Wunsch kann das Emissionshaus für die amerikanischen Zertifikate zugleich
Zahlstelle sein, Die Zahlstelle oder das Emissionshaus müssen sich verpflichten, den ein-
getragenen Zertifikatinhabern an ihre letzte bekannte Adresse alle Mitteilungen zu senden.
Jie ihr Interesse als Inhaber der betreffenden Aktien berühren.

13. Der Zulassungsantrag soll- genau alle Steuern feststellen, die nach dem be-
stehenden Recht direkt oder indirekt von den Inhabern amerikanischer Zertifikate zu tragen
sind.

14. Der im Antrag erscheinende Status muß der Zulassungsstelle genügen und soweit
als möglich über die Geschäfte der ausländischen Gesellschaft soviel Aufschlnß geben wie
das bei Anträgen amerikanischer Gesellschaften üblich ist.
        <pb n="134" />
        122 Schlußfolgerungen für die Organisation des Geld- und Kapitalmarkts, ;

15. Der Zulassungsantrag soll eine Übersicht über alle wesentlichen Rechtsgrund-
lagen enthalten, unter denen die zuzulassenden Werte emittiert sind, und soll begleitet
sein von einer englischen Übersetzung der für die Zulassung im Heimatland notwendiger
Unterlagen. ;

16. Von der Art, wie der Erlös einer Emission verwendet wird, wird die Zulassungs-
fähigkeit abhängen.

17. Der Zulassungsantrag soll eine genaue Zusammenstellung enthalten über alle
Spesen, welche außer den bei inländischen Werten üblichen den Besitzern oder Händlern
in der betreffenden Aktie erwachsen und an wen diese Spesen zahlbar sind.

Zusatz der Köln. Zeitung: Um dem erhofften Andrang fremder Werte gerecht werden zu
können, hat die Neuyorker Börse vor allem die Bondleute, also die Obligationenhändler, aus
dem Hauptbörsengebäude in das benachbarte Gebäude der Postal Telegraph-Gesellschaft ver-
wiesen; auch werden Versuche mit verbesserten Anschlagsäulen gemacht, und außerdem
arwägt man den Einbau eines zweiten Tickers, da das jetzige System bei starkem Geschäfts-
zange ohnehin schon oft um 15 und 30 Minuten nachhinkt. weil es den Andrang einfach
nicht bewältigen kann.“

Es muß sich zweitens darum handeln, die Berliner Börse zur Welt-
börse zu entwickeln, Da die Börse und ihre Personen ja nicht die Besitzer der im
Lande umlaufenden Wertpapiere sondern nur das Verteilungsinstrument, nur die
Manipulanten des Umschlags zwischen Kapitalgeber- und Kapitalnehmerpublikum
sind, welche die börsen-technisch-formellen und die wirtschaftlich-materiellen Kennt-
nisse: für diesen Umschlagsprozeß beherrschen — und ihn übrigens mit kleinem
Kapital als Propre-Handel betreiben —, so ist es ganz selbstverständlich, daß man
des deutschen Börsenhandels nicht entraten kann, Er sitzt im Lande und
kann die wirtschaftlich materiellen Unterlagen der überfremdeten Wertpapiere,
deren Preisschwankungsschicksal mit demjenigen der nicht überfremdeten, inner-
deutschen Werte eng verflochten ist, besser übersehen als Ausländer; durch
das Zurückströmen nach Deutschland und das Wiederabströmen ins Ausland,
womit als Dauerprozeß zu rechnen ist, finden auch in überfremdeten Werten
laufend große Umsätze in Deutschland statt. Bei der ins Riesige gesteigerten
Finanzierung Deutschlands durch internationale Hände muß die Berliner Börse einen
angeheueren Aufschwung nehmen, sofern man nicht solche für uns außerordentlich
arwünschte Entwicklung durch gewaltsame Eingriffe hemmt. Und noch über das
„Nicht-hemmen“ hinaus wird es sich darum handeln müssen, durch allgemeine
Steuerbefreiung, Gebührenherabsetzung, Aufhebung störender gesetzlicher Bestim-
mungen (des prostitutiven Differenzeinwands z, B.), finanziellen und sonstigen
Ausbau, gesetzliches Verbot der Veranstaltung „schwarzer Freitage‘“, durch die Ge-
währung von Privilegien usw. usw. die Entwicklung zur Weltbörse zu erleichtern.
Nicht nur wird durch Geschäftsausdehnung der Berliner Börse flüssiges Auslands-
kapital revolvingartig langfristig gebunden, nicht nur ist es Auslandskapital, das
dann die Umsätze und Spekulationen finanziert, sondern vor allem wird dadurch
die Finanzierung Deutschlands durch ausländische Kapitalbesitzer erleichtert und,
worauf es uns hauptsächlich ankommen muß, verbilligt. Zur internationalen
Finanzierung unserer Wirtschaft gehört eine starke Börse mit Weltgeltung, wenn
wir nicht eine „abhängige Provinzbörse der Weltwirtschaft‘ sein und wenn Wir
uns nicht aus der Bewertung der Kapitaltitel unserer Wirtschaft selbst ausschalten
wollen, Auch die größte spießbürgerliche Ängstlichkeit vor allem, was Börse heißt,
könnte das nicht verantworten angesichts der uns sonst drohenden Schädigung der
Belange unserer Kinder und unserer Kultur!
        <pb n="135" />
        Dr. WALTER MAHLBERG
a. Professor der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Freiburg 1.Br.
Der Tageswert in der Bilanz
VL. 84 Seiten. Geheftet M. 4.20
„Es würde zu weit führen, den Inhalt der ausgezeichneten Arbeit eingehender zu
behandeln: man muß sie lesen!“ Mitteldeutsche Wirtschaftszeitung
Zum Neubau des Kredits
8 Seiten. Geheftet M. 2.40
„Jeden Kaufmann kann die eingehende Beschäftigung mit dieser anregenden Schrift
nicht warm genug empfohlen werden.“ Börsenblatt £, d. deutschen Buchhandel
Bilanztechnik und Bewertung bei
schwankender Währung(Goldmarkbilanz)
z., vermehrte und verbesserte Auflage. X, 246 Seiten, Geheftet M. 5.—
„Das einzige umfassende Werk, das sämtliche Fragen der Goldmarkbuchführung, Gold-
markbilanz und -Kalkulation erschöpfend behandelt ‘* Industrie- und Handelszeitung
Die Notwendigkeit
der Goldmarkverrechnung im Verkehr
IV, z9 Seiten. (jeheftet M. 1.50
„Das Büchlein offenbart in 10 Zeilen mehr wirtschaftliches Denkvermögen als manches
liekbändigye Werk. deshalb sei es hier ausdrücklich empfohlen.“ Neue Leipziger Zeitung
Die Grundlagen der Telegraphen- Codes
TV. 68 Seiten. Geheftet M. z.—
„. .. eine äußerst wohlgelungene und vollendete Abhandlung. Sowohl dem Fach-
nann wie dem Studierenden dürfte das Büchlein ein treuer Begleiter durch die
Wirrmis der Cadistik sein * Handel und Industrie
Über asiatische Wechselkurse
z. Auflage. IX, 1%8 Seiten mit 28 Diagrammen. Gebunden M. 10.—
„Das Buch kann als die erste, zuverlässige und genaue Darstellung der asiatischen
Wechselkurse angesehen werden und ist für jeden unentbehrlich, der mit dem
Silbermarkt oder mit asiatischen Wechselkursen etwas zu tun hat.“

Dar Rateaher auf dem Kapitalmarkt
Zweck der Buchhaltung
Kommentar zu: Schmalenbach, Materialiensammlung für das Buchhaltungslesen
28 Seiten. Geheftet M. —.60
„Die Anleitung ist zu einem vollständigen Lehrgang der kaufmännischen Buchhaltung
geworden und zeichnet sich durch knappe. aber übersichtliche und klare Darstellung
aus *‘ Der Betrieb
G.A.GLOECKNER. VERLAGSBUCHHANDLUNG IN LEIPZIG
        <pb n="136" />
        Grundriß der Betriebswirtschaftslehre
herausgegeben von Prof. Dr. Mahlberg, Prof. Dr. Schmalenbach, Prof. Dr.
Schmidt, Prof, Dr. Walb,

Es sind bisher erschienen:

Band 2
(Sammelband) ;
VIH, 460 Seiten. Geheftet M. 21.—, Leinenband M, 24,—
„ + Der Reiz des Buches besteht in der Vielfältigkeit und Gründlichkeit der behandelten
Fragen, die systematisch und äußerst klar aufgezeichnet werden, unter Berücksichtigung
les jüngsten Standes der wissenschaftlichen Forschung und Praxis, Für den Theore-
tiker und Praktiker bietet der Band Belehrung und Anregung, nicht zuletzt aber ist
er ein Nachschlagewerk für viele Fragen,“ Neue Badische Landes-Zeitung
„Einführungsband für den seiner ganzen Aulage nach einen Überblick über das ge-
samte Fachgebiet vermittelnden „Grundriß der Betriebswirtschaftslehre‘“, von dem
man hoffen darf, daß er sich mit seinen weiteren Bänden zum Standardwerk dieses
Wissensgebietes entwickelt.“ Zeitschrift für Betriebswirtschaft
Band ı10
Revisions- und Treuhandwesen
(Sammelband)
VIII, 381 Seiten. Geheftet M. 18.—, Leinenband M. 20.—

„- + Der Hauptwert des Buches liegt darin, daß nicht einer, sondern eine Reihe von
Praktikern aus ihrem Erleben heraus feingeschliffene Einzelheiten ihres Berufes und
ihrer Berufskunst darstellen. Der Band kann ohne Einschränkung als das Handbuch
des Revisions- und Treuhandwesens bezeichnet werden, . .“ Creditreform
„. + Alles in allem kann der Band als das umfassendste und instruktivste Handbuch
jes Revisionswesens bezeichnet werden, das bald nicht nur für den Revisionspraktiker,
sondern auch für den leitenden Buchhalter größerer Betriebe unentbehrlich sein wird.“

Volkswirtschaftliche Blätter
Band ı3
° ® ®
Nachrichtendienst, Schriftverkehr
und Reklame
(Sammelband)
VII, 544 Seiten. Geheftet M. 25.—, in Ganzleinen M. 28.—

Dieser Band faßt zum ersten Male die wichtigsten Themen, die Gegenstand der betriebs-
wirtschaftlichen Lehre vom Nachrichtenverkehr sind, zu einer einheitlichen umfassenden
Gesamtdarstellung zusammen.

Die erste Themengruppe (a-f) behandelt die eigentlichen Nachrichten (Korrespondenz,
Auskunfts- und Adressenwesen, Handelspresse) für einzelne oder viele Empfänger und
lie Mittel zur Verbreitung der Nachrichten (Post, Telegraphie, Telephon, Cable-Codes).
Auch die Vertragstechnik wurde einer eingehenden Darstellung unterzogen. Die zweite
Themengruppe (g-m) gibt einen systematischen Überblick über die gesamten Werbe-
mittel, behandelt die psychologischen und organisatorischen Grundlagen der Reklame, er-
gänzt durch eine Untersuchung über die Psychologie der amerikanischen Anzeige. Die dritte
Themengruppe n-o) umfaßt den Schiffs-, Wetter- und öffentlichen Nachrichtendienst.
G._A.GLOFCKNER. VERLAGSBUCHHANDLUNG IN LEIPZIG
        <pb n="137" />
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5-1

Schlußfolgerungen für die Organisation des Geld- und Kapitalmarkts. 113
‚ndschaft billigstens durchzuführen, Solche „Überfremdung‘“ könnte leicht das
nditionenkartell unserer Bankwirtschaft in die Luft sprengen. Das Dawes-Normal-
ır ist auf dem Marsche, ohne daß die Welt eingestürzt wäre, die Lebensdauer
s Devisenaberglaubens und der Angst vor Valuta-Krediten und vor der deutschen
pitalarmut zählt nur noch nach Monaten, und dann wird es mit der Maschini-

‚rung der Bankbetriebe allein nicht mehr getan sein.

» Vom Ausland aus gesehen bedeuten die deutschen Wechselpensionsgeschäfte

"ne Erleichterung der bankmäßigen Kreditgewährung, eine Ausdehnung des Wir-
ingsradius für ausländisches kurzfristiges Geld nach Deutschland hinein ohne
2 Notwendigkeit eigner Filialen oder ähnlicher Einrichtungen der ausländischem
»ldgeber und damit eine Erleichterung für den Kurs der Mark. Wir haben die
;schäftsart so ausführlich behandelt, weil sie zeigt, wohin der Weg bezüglich
t kurzfristigen Gelder zu gehen hat und wie etwaige neue Methoden: im Grunde
schaffen sein müßten.

Da sich die kurzfristige Verschuldung der deutschen Wirtschaft in Zeiten
ıgespannten Geldstandes besonders störend bemerkbar macht, so kann man auch
e planmäßige Konzentration von Ultimogeld bei der Seehandlung zu den Er-
ichterungsmaßnahmen rechnen, Sie versucht seit Mitte 1927 durch planmäßige
nsammlung freier Geldmittel, die Stöße, welche der Geldmarkt durch die Ultimo-
ganspruchung regelmäßig erleidet, abzudämpfen, indem sie für tägliches Geld
ıs über das Monatsende hinaus bis zum dritten Tag des nächsten Monats bei der
ank bleibt, einen erhöhten Satz vergütet, wobei für eine automatische Anwendung
» Vorzugssatzes als Mindestsumme M. 300000 Einlage in Frage kommt.

Eine ganz andere Sparte der ausländischen Kreditierungsmöglichkeiten zeigen
gende Überschriften von Zeitungsartikeln (aus der Industrie und Handelszeitung):
sutschland und die Germanic Trust Co.; City-Betrachtungen zum Kapitel „Ex-
ortbank‘; Die ausländischen Kreditquellen der mittleren Industrie (Versuch durch
Sammelanleihe‘“ diesen Kreisen Auslandsgeld zuzuführen); Zum Abschluß des
zitish &amp; German Trust; Amerika-Kapital für die mittlere Industrie; usw.

In ein anderes Kapitel gehört die Gründung der Kreditanstalt für Industrie

Verkehrsmittel A. G., Dresden, mit dem Zweck der Finanzierung von in-
ustriellen Maschinen- und sonstigen Anlagen. Hierher rechnet das deutsch-eng-
sche Finanzierungsabkommen zum Import englischer Textilmaschinen auf Ab-

"ahlung, Statt des Eigentumsvorbehalts des Abzahlungsgeschäfts ist „das Prin-
ip des Realkredits im engeren Sinne ausgedehnt worden von dem Grundbesitz
af die Mobilien!), indem eine Kreditsicherungs-A.-G. als Treuhänder zwischen
eldgeber und Geldnehmer tritt und die Verwendung der kreditierten Mittel fach-
mäß überwacht.

‚Das Problem für den ausländischen Kreditgeber besteht zum Teil darin, daß
r einen geringeren Überblick über die Verhältnisse des Schuldners hat, als nor-
‚alerweise der inländische, an. Ort und Stelle sitzende Bankier. Das führt ange-
ichts der Riesensummen ausländischer Kredite, mit denen wir in der näheren
ükunft zu arbeiten hahen, zur Ausgestaltung von 4 Hilfsgewerben der Wirtschaft.
Ss wird

a) das Revisions- und Treuhandwesen stärkere Bedeutung erlangen,
m bei Gewährung größerer Kredite dem Geldgeber ein zuverlässiges Bild des
‚chuldners zu verschaffen Für die Berufsverbände der Treuhand- und Revisions-

€

;

1) Hans Heymann Langfristige Kredite, Kreditsicherung und‘. Kreditversicherung,
anderdruck aus dem Berliner Tageblatt Nr. 248/1925.
Mahlberg, Reparations-Sahbotare.
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