Die Anerkennung einer nach Stand und Besitz ge— stuften Rangordnung durch die führende Kaste setzte sich im ganzen Volk in Form des Standesmenschen— tums fort. Die Bewertung des Menschen im Leben des Volkes vollzog sich nicht nach seinem Wert, sondern nur nach seinem Stande. Bis in die Reihen des werktätigen Volkes trat der innere Wert des Volks- genossen vor der rein äußerlichen Rangeingliederung zurück. Der Deutsche dieser Zeit fragte nicht: „Was gilt der andere“, sondern er fragte: „Was ist der andere“. Wenn er weniger war, so behandelte er ihn herablassend. Wenn er mehr war, so behandelte er ihn mit byzantinischer Höflichkeit. Diese undeutsche, unvölkische und gleiß— nerische Heuchelei zerstörte nicht nur das ehrliche Vertrauen der Volksgenossen zueinander, sie zerstörte selbst die Grundlage des Ehr— begriffes. Heuchelei trat an Stelle ehrbaren Menschentums. In der eitlen Behauptung des eigenen Platzes in dieser Rangordnung wuchs die „Disharmonie der Stände“. Das freie Mannessstum wurde vor die Wahl gestellt, sich entweder unterwürfig zu fügen oder sich gegen diese Ordnung offen aufzulehnen. Je mehr der deutsche Mensch durch die Berührung mit anderen Völkern erkannte, daß dieses Standesmenschentum mit seinem Dünkel und seiner Hoffart eine Eigenart der deutschen Verhältnisse darstellte, um so mehr verlor er den Glauben an sein eigenes Volkstum. Es entstand die Empfindung: In Deutschland lebt die Unfreiheit; in der Welt lebt die Freiheit. Der Kampf gegen die alte Volksoroͤnung Das Bekenntnis zum Standesmenschentum machte das gesamte Bürgertum unfähig, gegen die Herrschaft der Kaste zu kämpfen. Es wurde auch unfähig zur Neubegründung eines wahren Staatsbürger— tums. Halt und Kraft gingen ihm verloren. Willenlos und doch voll Unzufriedenheit ließ es sich treiben. Der Wille zur Neuordnung, der Wille zum wahren Staatsbürgertum lebte um so stärker im vierten Stande, in der Arbeiterschaft. Während das Bürgertum immer mehr zerrissen wurde, bekannte sich die Arbeiterschaft immer mehr zum 32