104 Gründen — in seiner Zinstheorie nicht verwendet, wenn er schreibt: „Die Idee einer Unterschätzung der Zukunftsgüter ist nichts Neues und genügt jedenfalls nicht als Grundlage für eine wirkliche Zinstheorie. Eine solche muß wissen, in welchem Umfang und von welcher Stärke die Unterschätzung im wirklichen Leben vorkommt, in welchem Umfange also ein Zins als Entgelt für das „Warten“ gezahlt werden muß‘“1), Wie man aber zugleich aus diesen Äußerungen erkennt, argumentiert hier Cassel weder gegen die Tatsachen, auf die der erste und zweite Grund aufbauen, noch gegen ihre Verwendung bei der Zinserklärung, sondern nur gegen die Art und Weise, wie sie seitens Böhm-Bawerks zur Ableitung der Zinserscheinung benutzt werden. Seine Einwände sind gegen die Agiotheorie gerichtet, da er glaubt, durch Ausschaltung einer bewußten Werttheorie und mit Hilfe der Abstinenztheorie, indem er das Angebot an Kapitaldisposition als eine Funktion des Preises des Wartens studiert, weiterzukommen. Cassel befindet sich hier im Unrecht. ‚Wie wir später sehen werden, ist die Abstinenz- theorie eine durch eine weitere Annahme — nämlich durch die Annahme, daß infolge der Unterschätzung zukünftiger Güter der Verzicht auf gegenwärtige Güter für den Kapitalisten ein Opfer involviert — umgemodelte Agiotheorie. Ob diese Annahme allerdings mit der Agiotheorie in Einklang zu bringen ist, das ist eine andere Frage, die uns weiter hinten beschäftigen wird. Wenn Cassel daher die Abhängigkeit des Kapitalangebots vom Zins untersucht, so heißt es weiter nichts, als daß er die verschiedenen. Grade der Unterschätzung zukünftiger Güter auf ihre Ursachen hin studiert. Das tut er denn auch, nur daß er dabei auf die werttheoretische Einkleidung seiner Gedanken- gänge verzichtet: „Das Verhältnis zwischen Bedarf und Deckungsmitteln stellt sich eben für den einzelnen sehr ver- schieden in verschiedenen Perioden seines Lebens. Diese Un- gleichmäßigkeit der Versorgung läßt sich aber durch eine ge- ejgenete Zusammenstellung von Sparen und Überkonsumtion überwinden. Welche von diesen Tätigkeiten zeitlich vorauSs- gehen soll, muß von den Umständen bestimmt werden‘‘?), 1) Cassel, Theorie, S. 172, vgl. auch S. 176 und Cassel, Grundgedanken, 5, 42. 2) Cassel, Theorie, S. 213.